Zweites Buch. Der Occultismus der Meder und Perser.
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Zweites Buch. Der Occultismus der Meder und Perser.
Erste Abteilung. Der medische Magismus.
Medien war bis zur Einwanderung der eigentlichen iranischen Meder im Besitz eines Volkes turanischer Rasse, welches mit den Akkadern eine große Ähnlichkeit hatte und das protomedische genannt wird. Die iranische Einwanderung geschah nach Lenormant und Maury im achten Jahrhundert vor Christus; jedoch bildeten auch nach der völligen Besitznahme Mediens die Iraner immer noch den kleineren, wenn auch herrschenden Teil der Bevölkerung. Zur Zeit der Achämeniden sprach das Volk noch die protomedische Sprache, welche auch die amtliche Sprache der Perserkönige wurde. Das turanische Medien aber bewahrte nicht nur seine eigene Sprache, sondern auch seinen eigenen religiösen Charakter, welchem es erst nach langem mit wechselndem Glück geführten Kampf gegen die Religion Zoroasters entsagte. Die den Protomedern eigenen religiösen Vorstellungen fanden endlich sogar bei den iranischen Eroberern Eingang und erzeugten durch ihre Vermischung mit der Religion derselben das System des Magismus, so genannt nach dem Stamme der Magier, welche das ausschließliche Privilegium besaßen, daselbst das Priesteramt auszuüben.[74]
Der Name Magismus wurde sehr lange Zeit der Religion des Zoroaster beigelegt, was jedoch auf einer von den griechischen Schriftstellern begangenen Verwechslung beruht, die namentlich Herodot verschuldet hat, welcher wohl Medien, aber nicht das eigentliche Persien bereiste. Ja diese Annahme ist nach den neuesten Forschungen sogar ein entschiedener Irrtum, da beide Religionssysteme, der Magismus und der Zoroastrismus einander entgegengesetzt sind.
Darius, Sohn des Hystaspes, welcher wohl genauer als Herodot unterrichtet war, berichtet ausdrücklich in seinen Regierungsannalen auf dem Felsen von Behistan, daß die Magier, welche mit Gaumata, dem falschen Smerdis, eine Zeit lang Herren des Reichs waren, den Versuch machten, die iranische Religion durch die ihrige zu verdrängen, und daß Darius ihre „gottlosen Altäre“ stürzte.
Es heißt in der genannten Inschrift[75]:
„Als Kambyses in Aegypten war, verfiel das Volk in Gottlosigkeit, und Wahnglauben wurde im Lande mächtig, in Persien, Medien und andern Provinzen. Die Königswürde, welche unserm Geschlecht entrissen war, habe ich wiedererlangt; ich habe sie von Neuem wiederhergestellt. Die Tempel, welche der Magier Gaumata zerstört hatte, habe ich wieder erbaut; ich habe die Familien, welchen sie vom Magier Gaumata entrissen worden, die heiligen Gesänge und rituellen Gebräuche wiedererstattet; ich habe den Staat auf seinen alten Grundlagen wiederhergestellt und Persien, Medien sowie die übrigen Provinzen wieder an mich gebracht.“
In der zu Naksch-i-Rustam befindlichen Grabschrift des Darius heißt es ferner: „Als Ahuramazdâ dieses Land dem Aberglauben preisgegeben sah, vertraute er es mir an.“ Das im Text für Aberglauben gebrauchte Wort ist yâtum, „Religion der Yâtus“, wie die Feinde des Zoroaster im Zendavesta genannt werden. Danach und nach der im nächsten Kapitel zu gebenden Lebensbeschreibung des Zoroaster erscheint das Blutbad, welches die Perser bald nach der Ermordung des falschen Smerdis anrichteten, und die sonst unerklärliche Einsetzung der „Feier des Magiermords“, welche man lange Zeit hindurch am Jahrestag desselben beging, begreiflich. Die Magier werden überhaupt in keiner alten entschieden zoroastrischen Urkunde persischen oder baktrischen Ursprungs als Diener der Religion erwähnt. Jedoch trat die Zersetzung und Entstellung der ursprünglichen und nationalen iranischen Lehre des reinen Mazdeismus der Ghâtâs und der ersten Fargards der Vendidad-Sâde bei den Medern schon frühzeitig durch ihre Berührung mit turanischen Elementen ein, bevor sie das ganze Medien genannte Land erobert hatten.
Indessen charakterisieren Herodot und die andern alten Schriftsteller den eigentlichen Geist des ursprünglichen Mazdeismus sehr richtig, indem sie die Perser als ein Volk hinstellen, welches Götzendienst und fremde Religionen verabscheute und deshalb auf seinen Kriegszügen den Kultus anderer Völker zu zerstören suchte, Tempel verbrannte, die Götterbilder vernichtete, wertvolle gottesdienstliche Geräte als Beute mitschleppte, die Priester beschimpfte und tötete, die Feier religiöser Feste verhinderte, heilige Tiere tötete und sogar die Gräber entweihte. – Kambyses in Aegypten ist das Prototyp des persischen Fanatismus.
Wenn aber Herodot auf die positive Seite des Mazdeismus einzugehen versucht, so sehen wir mit Erstaunen, daß er nicht einmal den Namen des Ahuramazdâ kennt. Er spricht von einem Kultus der Sonne, des Mondes, des Feuers, der Erde, des Wassers und der Winde, also von einer Religion, welche mit dem Geiste des Zendavesta nicht das Mindeste gemein hat und weit mehr der der Veden oder gar der alten akkadischen Zauberbücher gleicht. Hiermit stimmt überein, daß Herodot ausdrücklich die Magier, die Vertreter der alten protomedischen Religion als die Priester dieses Kultus nennt.[76]
Der Gestirndienst war im medischen Magismus sehr ausgebildet, obschon er in den Zendschriften nur wenig und zwar in neueren unter fremden Einflüssen stehenden Teilen hervortritt. Gegen das Ende der persischen Herrschaft jedoch hatte er – wie auch in den am spätesten Zendbüchern – große Bedeutung gewonnen.
Daß dieser von den Magiern herrührende Kultus bei den Medern eine Hauptrolle spielte, bezeugt übrigens auch Herodot in seiner Schilderung der sieben Mauern Ekbatanas, welche mit den Farben der sieben Planeten bemalt waren. Wir begegnen dieser Sitte noch zu Gazaka, dem „zweiten Ekbatana, der Stadt mit den sieben Ringmauern“ und zur Zeit der Sassaniden an dem Palaste Bahram-Gurs. Dieser Brauch entstammt direkt chaldäo-babylonischer Anschauung, denn der siebenstöckige Thurm zu Borsippa wurde nach seiner Wiederherstellung durch Nabukudurussur ebenfalls mit den sieben Planetenfarben bemalt, und das Gleiche war bei dem Zipurrat, dem heiligen Turm des Palastes zu Khorsabad der Fall.
Der babylonische Gestirn- und Planetendienst gelangte gleich dem Anatkultus vermutlich durch die Assyrier zu den medischen Turanern und zwar während deren langer Berührung mit der Kultur der Euphratländer; dann ging er auf die Magier über, welche ihn hinwiederum auf die Perser und andern iranischen Völker übertrugen.
Erwähnt sei, daß die Lehre von Zrvâna-akarana, „der unbegrenzten Zeit“, der gemeinsamen Quelle des Ahuramazdâ und Angrômainyus, eine von der Sekte der Zervanier herrührende Entstellung der ursprünglichen mazdeischen Lehre ist. Eudemius, der Lieblingsschüler des Aristoteles, welcher diese Person wie das aus ihr entspringende dualistische Paar sehr eingehend behandelt, bezeichnet sie ebenfalls als eine Schöpfung der Magier.[77] Auch ist es von Interesse, hier eine Angabe des Berosus zu erwähnen, wonach derselbe Name Zrvâna auch der mythischen Personifikation der alten turanischen Rasse, welche in der chaldäisch-babylonischen Legende vom Ursprung der Rassen in Armenien auftritt, beigelegt wurde. In den Bruchstücken der akkadischen Zaubertexte begegnet man aber ebenfalls Anschauungen, welche denen der Auffassung der Zrvâna-akarana entsprechen. In derselben emanieren aus Mul-ge sowohl gehässige Götter wie Namtar, als gnädige, die Dämonen bekämpfende Götter, wie z. B. Nin-dara; auch aus Ana entspringen sowohl Dämonen, als auch der Feuergott, welcher den Charakter eines Deus averruncus, eines die Dämonen vertreibenden Gottes trägt. Betrachten wir die Trias: das Urwesen Ana und den dem düstern Mul-ge entgegengesetzten holden Ea, die drei Götter, welche die Akkader über die drei Weltzonen setzten, so werden wir bei Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ, und Angrômainyus nur unwesentliche Modifikationen finden.
Aus dem medischen Magismus ist indessen noch mehr hervorzuheben als das gemeinschaftliche Urprinzip, aus welchem Ahuramazdâ und Angrômainyus hervorgingen. Während nämlich im echten Mazdeismus der Perser Ahuramazdâ allein verehrt und Angrômainyus mit Verwünschungen überschüttet wurde, wurden im Magismus das gute wie das böse Prinzip in gleicher Weise verehrt. Plutarch erzählt[78], daß die Magier dem Angrômainyus (Ἄιδης, Ἀρειμάνως) Opfer darbrachten, und beschreibt die drei üblichen Gebräuche, welche hauptsächlich in der Darbringung des Sumpfgrases (ὄμωμι) bestanden, das mit dem Blute eines Menschen benetzt und an einem finstern Ort aufbewahrt wurde. Herodot[79] läßt Amnestris, die Gemahlin des Xerxes, welche dem Einfluß der Magier gänzlich ergeben war, „dem Gotte der Finsterniß und der untern Regionen“ sieben Kinder opfern; auch berichtet er von einem ähnlichen Opfer, welches die Perser auf ihrem Zug nach Griechenland beim Übergang über den Strymon zu Ehren desselben Gottes verrichtet haben sollten. Der Brauch der Menschenopfer ist aber ebenso wie die Anbetung des Angrômainyus den Grundprinzipien des Zoroastrismus durchaus zuwider, auch wiederholt er sich sonst in der Geschichte der Perser nicht, weshalb er wohl als ein Rückfall in den Magismus zu betrachten ist.
Der medische Magismus steht insofern auf einer tieferen Stufe wie die akkadische Magie, als in ihm das böse wie das gute Prinzip gleichmäßig verehrt wurden. Aber, wie es scheint, rührt dies daher, daß die Meder einen ihrer Hauptgötter vor der iranischen Einwanderung und Eroberung in Schlangengestalt verehrten, ein Brauch, welcher sich mehrfach bei den turanischen Völkern findet. So war bei den Akkadern die Schlange eine Erscheinungsform des Ea und ein häufig gebrauchtes religiöses Symbol. So legt z. B. ein akkadischer Zauberhymnus einem Gott – vielleicht Ea – folgende Worte in den Mund:
„Wie die gewaltige siebenköpfige Schlange ihre Köpfe heftig schüttelt, so schwinge ich die siebenköpfige Waffe. Wie die Schlange, die die Wogen des Meeres peitscht, ihren Feind von vorn angreift, So führe auch ich die Verheererin in tobendem Schlachtgetümmel, die Beherrscherin von Himmel und Erde, die siebenköpfige Waffe.“
Bei der Vermischung der protomedischen Religion mit den iranischen Überlieferungen mußte sich der alte Schlangengott mit dem iranischen bösen Prinzip zu einem Wesen verschmelzen, um so mehr, als in der iranischen Überlieferung Angrômainyus Schlangengestalt angenommen hatte, um in den Himmel Ahuramazdâs zu gelangen. Da nun die turanischen Ureinwohner Mediens wohl sicher größere Neigung ihren alten Schlangengott als den iranischen Ahuramazdâ zu verehren besaßen, mußte der Kultus des Angrômainyus so recht zu der mit magischen Gebräuchen verbundenen Volksreligion werden, und hier haben wir auch die Wurzel aller späteren Schlangen- und Teufelskulte zu suchen, deren ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen war. – Direkte Nachkommen der alten Angrômainyusverehrer sind die noch heute im nördlichen Mesopotamien lebenden Yezidis oder Teufelsanbeter, deren Religion noch ganz die alte dualistische ist, die aber nur das böse Prinzip verehren, weil das gute keine Anbetung verlange.
Hervorgehoben muß noch werden, daß seit Artaxerxes Memnon der persische Mithra eben dieselbe Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und der Menschheit ausübt wie der akkadische Silik-mulu-khi. So wird auch Mithra „der Freund“ genannt, was als iranische Übersetzung des akkadischen Beinamens des Silik-mulu-khi, „der den Menschen Gutes zuwendet“, gelten kann. Jedenfalls hat Mithra im Magismus die Stellung irgend eines vermittelnden, dem akkadischen Silik-mulu-khi entsprechenden Gottes in der protomedischen Religion mit Ähnliches bedeutendem Namen innegehabt.
Was nun den eigentlichen Ritus der Magier anlangt, so sind nach Ansicht aller mazdeischen Schriften die Beschwörungs- und Zaubergebräuche des medischen Magismus nur ein Werk und eine Erfindung der Yâtus, der Feinde des Zoroaster, weshalb dieselben ausdrücklich untersagt und mit strengen Strafen belegt werden.
Die Weissagung übten die Magier, wie schon oben gesagt, hauptsächlich durch das Loswerfen mit Tamariskenstäben aus. Das in späterer Zeit das Hauptabzeichen der Diener des mazdeischen Kultus bildende Bareçma ist nichts als ein Bündel solcher Wahrsagestäbe, deren Anwendung in Persien unter dem Einfluß der Magierkaste Eingang gefunden hatte.
Die Magier gaben ferner vor, daß sie durch bestimmte Worte und Handlungen himmlisches Feuer auf ihre Altäre herabziehen könnten, und legten sich überhaupt nach Herodot[80] und Diogenes Laërtius[81] alle möglichen übersinnlichen Kräfte bei. Das Herabziehen des Blitzes, welches wir auch bei den Etruskern und Römern antreffen, könnte vielleicht auf primitiven elektrischen Kenntnissen beruhen, welche bei der Ausübung der Fulguration erworben worden waren.
Endlich verbreitete sich zur Zeit der Perserkriege in Griechenland ein Buch, welches von einem Magier Osthanes verfaßt worden war und nach Plinius[82] „den Griechen einen wahren Heißhunger nach Magie beibrachte“, die von jetzt ab an die Stelle der alten rohen Goëtie trat. So viel von dem Buche bekannt ist, lehrte es allerlei Zauber- und Wahrsagekünste sowie die Beschwörung der Toten und Dämonen.[83]
Zweite Abteilung. Der Zoroastrismus.
Erstes Kapitel. Das Leben Zoroasters.[84]
Der große parsische Gesetzgeber heißt in der Zendsprache Zarethoschtro, im Pehlvi Zerathescht oder Zertoscht, und endlich im Parsi Zerduscht. Die Griechen machten aus diesen Namen Zeroasters, Zabratos, Zaratas, Zarasdes und endlich den gebräuchlichsten Namen Zoroaster. Die Bedeutung desselben ist „Goldstern“ oder „Sohn des Stern“, ähnlich wie Bar Cochba oder Nazaratos.
Nach den Zendschriften lebte Zoroaster im 6ten Jahrhundert v. Chr. und wurde zu Urmi in Aderbedschan als Sohn des Poraschasp und der Dogdo geboren.
„Dies begab sich – heißt es im Zerduscht-nameh – am Ende eines Zeitpunkts, wo Angrômainyus Macht hatte. Bosheit war gewaltig auf Erden, die Völker ohne Richter, und Angrômainyus war ihr Herrscher und Plager. Da zeigte Gott das Antlitz seiner Liebe, ließ aus Feriduns Wurzel einen Baum hervorgehen[85], Zoroaster, den Propheten der mußte die Gefangenen erlösen.“
„Dogdo, Zoroasters Mutter, hatte im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft einen Traum voll Furcht und Schauder. Eine schwarze Wolke war vor ihrem Auge, die wie ein Adlerflügel das Licht bedeckte und schreckliches Dunkel erzeugte. Löwen und Tiger und Wölfe und Rhinocerosse mit Schlangen regneten aus dieser Wolke in Dogdos Haus. Das gewaltigste und grausamste dieser Ungeheuer stürzte sich auf sie, wüthete und brüllte, riß ihr den Leib auf und zog Zoroaster hervor, packte ihn zwischen die Klauen und wollte ihn umbringen. Alle Menschen erhoben ein furchtbares Geschrei, und Dogdo rief mit Zittern und Zagen: Wer will mich erretten von dem Ungeheuer, das mich erdrückt? – Sei guten Muths, sprach Zoroaster, die Ungeheuer werden nichts ausrichten, denn der Herr wacht zu meinem Schutz; lerne ihn nur kennen, Mutter! Ich, der Einzige, will die Menge der Ungeheuer bezwingen!“
„Diese Worte waren Trost für Dogdos Herz. Und am Orte der Bestien erhob sich ein hoher Berg; Sonnenglanz zerstäubte die Nachtwolke, Südwind blies, und die Ungeheuer zerstiebten wie Blätter.“
„Am hohen Tage zeigte sich ein Jüngling, schön wie der Glanz des vollen Mondes, leuchtend wie Djemschid, mit einem Lichthorn[86] in der einen Hand riß er die Wurzel der Dews aus, die andere hielt ein Buch. Er schwang sein Buch nach den Bestien, da schwanden sie aus Dogdos Haus, als wären sie zu nichts geworden. Nur die drei mächtigsten: Löwe, Wolf und Tiger blieben. Es schlug sie aber der Jüngling mit dem Lichthorn, daß sie vergingen. Da schloß er Zoroaster wieder in seiner Mutter Leib, blies sie an, und sie ward schwanger. Ohne Furcht! sprach er zu Dogdo, der König des Himmels schützt das Kind; die Welt ist voll seiner Erwartung; er ist der Prophet Gottes an sein Volk. Sein Gesetz wird der Erde Freude bringen. Durch ihn soll Löwe und Lamm zusammen trinken. Fürchte diese Bestien nicht! Wessen Helfer Gott ist, wie sollte er die ganze Welt fürchten?“
„Der Jüngling verschwand und Dogdo erwachte. Dies war gegen Mitternacht. Die zagende Dogdo suchte einen ehrwürdigen Greis auf, der erfahren war in der Traumdeutung und Kenntniß der Welt wie des Laufes der Gestirne. Sie erzählte ihr Gesicht, um das Unglück zu erfahren, welches sie befürchten müsse. Mein Leben lang, sprach der Alte, habe ich dergleichen nicht gehört. Bringe mir den Planetenstand bei deiner Geburt und komme in vier Tagen wieder.“
„Die drei Nächte, welche kamen, waren schlaflos für Dogdo. Als der vierte Tag anbrach, sah sie den Traumdeuter wieder, und Freudenlicht glänzte aus seinen Augen. Sein Astrolabium war zur Sonne gerichtet; er betrachtete nochmals, was sich begeben sollte, nahm darauf eine Tafel und schrieb darauf bei einer Stunde lang, indem er die Sterne beobachtete, und sprach dann zur Mutter Zoroasters: Ich sehe, was noch kein Menschenkind gesehen hat. Du bist schwanger fünf Monate und dreiundzwanzig Tage, und wenn deine Zeit gekommen ist, sollst du einen Sohn gebären[87], den man nennen wird „gebenedeieter Zoroaster“. Er soll ein Gesetz verkündigen, das der Erde Freude bringen wird. Die Verehrer des unreinen Gesetzes werden seine Widersacher sein und gegen ihn streiten. Du wirst davon leiden, wie du gelitten hast von jenen Bestien, endlich aber siegen. Der lichtglänzende Jüngling, der dir im Gesicht erschienen, ist aus dem sechsten Himmel; das Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild der Größe Gottes, der Zoroasters Beistand sein wird zur Vertreibung des Bösen. Das Buch in seiner andern Hand ist ein Siegel seiner Weissagung[88], vor welchem die Dews fliehen. Die drei Bestien, welche bleiben, sind drei gewaltige Feinde, die aber nichts gegen ihn auszurichten vermögen. Um diese Zeit wird ein König sein, der das vortreffliche Gesetz einführen wird. Welcher Mensch Zoroasters Worten glaubt, dem wird Gott das Paradies schenken; die Seele seiner Feinde wird zum Duzakh[89] müssen.“
„Woher, sprach Dogdo, weißt du meine fünfmonatliche Schwangerschaft? Wisse, war seine Antwort, daß ich Wahrheit sage: Die Berechnungen meiner Kunst beruhen in der Kenntniß des Himmels. So schreiben die alten Bücher.“
„Dogdo, deren Herz vor Freude trunken war wie von Wein, hüpfte wie die Wolken, segnete den Traumdeuter, kehrte heim und sagte Alles, was sie begeben hatte, Poroschasp, ihrem Manne.“
„Am Ausgang der neun Monate gebar sie einen Sohn. Kaum geboren, lächelte der Knabe, worüber sich alle Welt verwunderte und große Dinge weissagte.“
„Unter den Frauen in Dogdos Gemach waren Magierinnen, welche dieses Wunder, das sie im Leben noch nicht gesehen hatten[90], stumm machte. Das Gerücht des Wunders erscholl allenthalben und machte den großen Haufen der Magier bekümmert. Sie besorgten daraus Böses für sich und wollten Zoroaster umbringen. Dies entdeckte Ahuramazdâ Zoroaster[91] mit den Worten: Im Anfang verschworen sich die Dews wider den großen Zoroaster und trachteten ihm nach dem Leben. Aber Zoroaster soll reine Freude haben und die Dews überwinden.“
„Von Norden aus kommt Angrômainyus[92], aus allen Gegenden und Orten kommt der todschwangere Fürst der Dews; er läuft ruhelos, dieser todschwangere Angrômainyus, dieser Eingeber des argen Gesetzes. Dieser Darudj[93] durchstreicht die Länder und verheert sie, o reiner Zoroaster! Überall dringt er hin; er, der Dew, der Vater alles Bösen, der Verheerer, Plager und Lehrer des bösen Gesetzes.“
„Darauf offenbarte Ahuramazdâ dem Zoroaster, was beim Anfang der Welt zwischen ihm und Angrômainyus vorgefallen; wie der Arge im Anblick des künftigen Untergangs seines Reiches durch Zoroaster Alles, die Kräfte seiner Engel, gegen ihn aufgebracht von der Stunde seiner Geburt an.“
„Er mit seinem langen Arm und ausgedehnten Körper, heiliger Zoroaster, durchstreifte die weite Erde, ohne nach Ahuramazdâ dem Großen, dem gerechten Richter der Welt, zu fragen; er durchlief sie lang und breit, und da er wie über eine weitgehende Brücke war, drang er in die feste Stadt des Poroschasp. Doch war Zoroaster weit stärker als Angrômainyus, der Vater des bösen Gesetzes.“
„Damals lebte in dieser Gegend Fürst Duranserun, Haupt der Magier und Erster der Schüler des bösen Gesetzes.[94] Er wußte, daß Zoroaster, sobald er aufstünde, durch sein reines Gesetz alle Magie töten würde. Kaum wurde ihm des Kindes Geburt verkündigt[95], als er auf den Thron sprang wie ein Stier, zu Pferde stieg und sich mit Eifer in das Haus des Poroschasp begab. Er fand Zoroaster an der Mutter Brust, seine Wangen waren wie des Frühlings Blüte, und Größe Gottes ging von ihm aus. Belehrt von dem, was sich begeben hatte bei seiner Geburt, machte Duranserun der Zorn blaß, und er befahl seinen Leuten, daß sie das Kind greifen und mit dem Säbel zerhauen sollten. Aber der Vater der Seelen ließ seine Hand verdorren auf dem Fleck. Im Feuerzorn verließ er Zoroasters Wiege, und die Magier, wie Schlangen gekrümmt, machten sich von dannen.“
„Einige Zeit darauf nahmen sie Zoroaster und trugen ihn in die Wüste. Daselbst bauten sie einen Holzstoß von Pech und andern Feuermaterien, entzündeten ihn und warfen Zoroaster darauf und gingen mit Freude und Jauchzen, Duranserun anzusagen, was sie gemacht hätten. Dogdo hörte dies und lief wie außer sich zur Wüste, fand aber Zoroaster sanft und ruhig schlafen. Feuer war ihm süßes Wasser. Sein Antlitz glänzte wie Zohore[96] und Moschteri.[97] Sie nahm ihr Kind, gab ihm hundert Küsse und trug es heim.“
„Augenblicklich verbreiteten sich diese Wunder. Feuer hatte nicht Macht gehabt über Zoroaster, das wußte Jedermann. Darauf trugen ihn die Magier auf Befehl ihres Obersten in einen Hohlweg, den Ochsen begingen; die sollten ihn zertreten und zerreißen. Aber der größte und stärkste der Heerde ging auf Zoroaster zu wie eine zärtliche Mutter, umfaßte ihn und schlug mit dem Horn alle Stiere, die auf ihn zu wollten, und wie sie alle vorbei waren, ging der Ochse seinen Weg und ließ das Kind. Dies ward wieder ruchbar. Als Dogdo hörte, wohin man ihr Kind getragen, holte sie es heim und behielt alle diese Dinge Tag und Nacht in ihr ihrem Herzen.“
„Ein gewisser Zauberer Turberatorsch, berühmt durch seine Zauberkünste, sah seine Gesellen ganz muthlos und sprach: Wozu das Klagen? Ich weiß, wir können nichts gegen Zoroaster. Gott schützt ihn. Bahman[98] wird ihn zum Throne Ahuramazdâs bringen; der wird ihm alle Geheimnisse aufschließen und ihn zum Propheten der ganzen Welt machen. Er wird ihr ein Gesetz geben, und ein gerechter König wird alle Magier verderben. Poroschasp hörte den Magier vom Schicksal seines Sohnes reden und fragte: Was denkst du von seinem Lachen bei der Geburt? Turberatorsch sprach: Dein Herz freue sich: So lange die Welt steht, hat sie dergleichen nicht gesehen. Das Kind wird ein Wunder der Heiligkeit werden und den Völkern den Weg zur Reinigkeit zeigen und nach dem Wort des reinen und siegreichen Gottes Zendavesta auf die Erde bringen. Der König Gustasp[99] wird sein Gesetz annehmen. – Das waren Worte der Freude für Zoroasters Vater.“
„Poroschasps Nachbar, alt in Weisheit und Heiligkeit, kam als der Hahn krähte, und bat Poroschasp, ihm Zoroaster anzuvertrauen. Er wolle seiner pflegen und für ihn sorgen als für die zarteste und schönste Blume. Poroschasp willigte darein, und Zoroaster blieb bei dem alten Weisen, geschützt durch die Glorie Ahuramazdâs, ohne den Feuerwind des Angrômainyus und der Magier zu empfinden.“
„Nach diesem kamen Turberatorsch und Duranserun zu Poroschasp, um durch ihre Bezauberungen seinen Knaben tödlich zu erschrecken. Sie trieben Kunst auf Kunst, erregten Schrecken auf Schrecken, daß alles Volk zitterte. Zoroaster, dessen ganzes Thun und Lassen in Gott war, blieb allein beherzt, ohne einen Fuß zu bewegen. Gott ließ ihn alle Zaubereien überwinden und erfüllte die Magier mit Verzweiflung, daß sie von dannen wichen.“
„Zoroaster wurde krank, und seine Freunde sehr betrübt. Turberatorsch, der Zauberer Oberster, bereitete einen Arzneitrank aus reinen und unreinen Pflanzen aller Art. Nimm diesen Trank, sprach er zu Zoroaster, wenn du genesen willst! Zoroaster, der gleich wußte, daß dies Zauberarznei wäre, die allem Volke Ahuramazdâs verboten ist, nahm sie aus der Hand des Argen und goß sie auf die Erde mit den Worten: Kothseele, ich bedarf deines Mittels nicht; verübe alle deine Magie gegen mich: komme zu mir im falschen Kleide, meine Seele kennet dich doch. Der Allerhöchste läßt mich sehen, wie du bist; er, welcher der Seele Leben giebt und nimmt.“
„Magier deckten damals das Erdreich, und die meisten Erdenkinder vergaßen des Weltenschöpfers und fragten blos die Dews.[100] Poroschasp, der Diener Ahuramazdâs ließ sich vom Strom mit fort reißen und vereinigte in sich Anbetung Ahuramazdâs und Ehrfurcht vor den Dewspriestern. Eines Tages versammelte er bei sich eine Schaar kundiger Magier, unter ihnen Turberatorsch und Duranserun, und gab ihnen ein Mahl. Als sie gegessen und getrunken hatten, sprach er zu Turberatorsch: O, du, der du alle Tiefen der Magie weißt, gieb mir ein geheimes Mittel, das heute Freude in meiner Seele erzeugt.“
„Zoroaster hörte seines Vaters Begehr und sagte: Sprich nicht, Vater, solche leere Worte; du brauchst nicht solche Mittel. Geht dein Fuß nicht reinen Weg, so mußt du einst zur Hölle. Folge dem, was Gott dir zeigt, der alle Dinge gemacht hat. Du trauest falsch den Zauberkünsten und vergissest das Werk des Gottes aller Welt. Ihr Ende wird sein Abgrund und Verderben, ihrer Thaten Frucht.“
„Turberatorsch antwortete: Warum kannst du nicht schweigen, kleiner Schwätzer? Du und dein Vater, was seid ihr vor mir? Du willst mit Gewalt mein Geheimniß aufdecken? Kein Mensch hat noch also von mir geredet. Warte! Ich will dich überall beschimpfen, deine Werke verrufen; nie soll dein Herz sich freuen!“
„Heillose Kothseele, sprach Zoroaster, alle deine Lügen werden nichts vermögen. Was ich sage ist wahr. Dieser Arm soll dich zerstäuben! Durch Hülfe des großen Gottes der Allmacht will ich all dein Beginnen zu nichts machen, dich an Leib und Seele plagen! Diese Worte erfüllten die Zauberer mit Schauder, und Turberatorsch – man sollte gedacht haben, seine Seele wäre außer dem Leibe – wich von dannen und wurde heftig krank.“
„So erreichte Zoroaster sein fünfzehntes Jahr.[101] Er war Tag und Nacht im Gebet, sein Haupt zur Erde gebeugt, und hatte Leiden an Seele und Leib.“
„Den Bedrängten spendete er Trost und Hülfe im Geheimen. Konnte Jemand nicht in seinem Vorhaben fort, so brachte er es in Ordnung, kleidete die Armen und gab Almosen, wo es nöthig war. All sein Gold und Silber gab er dahin, und sein Name war groß bei Jung und Alt.“
„Ein Jüngling wie Zoroaster, dessen Herz nicht durch irdische Güter umfaßt, noch durch die Vergnügungen seines Alters erwärmt wurde, fand keine Lust am Umgang der der Magie ergebenen Bewohner von Urmi. Er fand seine Freude und Trost in der Weisheit bis zum fünfundzwanzigsten Jahr. Er hörte die Weisen aus Chaldäa, und die hohen Gedanken, welche er aus ihren Schriften schöpfte, waren der Keim für alle die Wahrheiten, durch welche er später Persien erleuchtete.“
„Im dreißigsten Jahr trieb ihn sein Herz nach Iran.[102] – Er kam daselbst an am letzten Tag des Jahres. Man feierte daselbst just Farvardians, d. h. das Fest der Seelen des Gesetzes[103], und die Fürsten des Reiches waren beisammen. Zoroaster wollte auch dahin, aber die Nacht überkam ihn auf dem Wege. Er legte sich hier schlafen und sah im Traum ein Heer Schlangen von Mitternacht ausziehen, welche den ganzen Weg bedeckten und keinen Ausgang ließen. Wie Zoroaster sie eine Weile anschaute, sah er ein anderes Heer von Mittag kommen. Beide stießen wüthend auf einander; dieses aber überwand.“
„Dieser Traum deutete auf die Magier und Dews, welche wie brüllende Löwen gegen Zoroaster kriegen würden, wenn er, in den Geheimnissen Gottes unterrichtet, der Welt sein Gesetz bekannt gemacht hätte; daß aber Mediomah[104] an dieses Gesetz glauben, dem neuen Gesandten Gottes beistehen, und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben würden.“
„Sobald Zoroaster der geheime Sinn seines Traumes aufgegangen war, ging er zu dem Ort des Festes und überließ sein Herz der Freude. Dann besuchte er in der Mitte des Monats Ardibehescht[105] ein großes Meer und sah sich in der Mitte eines paradiesähnlichen Landes. Bei Sonnenaufgang des Tages Dapmeher[106] dachte Zoroaster hin und her über die Widersprüche, die er nun bald würde leiden müssen, und verließ Iran mit nassen Augen. Nachdem er über den Araxes war, kam er nach wenigen Tagen an das Ufer des Meeres Daeti.[107] Er stieg in das Wasser ohne Furcht; anfangs ging es ihm bis an die Schenkel, darauf bis an die Kniee, den Leib und den Hals.“
„Diese vier Wasserhöhen deuteten auf das Wachsen seines herrlichen Gesetzes[108] zu vier verschiedenen Zeiten: unter Zoroaster, unter den Propheten Oschederbami und Oschedermah in den letzten Tagen und unter dem Sosiosch, der bei der Auferstehung die ganze Welt reinigen und zum Paradies machen wird.[109] Zoroaster wusch sich Haupt und Leib im Daeti und dankte Ahuramazdâ, wie er hindurch war. Er zog sich hierauf in die Gebirge zurück, um den Allerhöchsten zu befragen, und in allergrößter Ruhe bei sich zu betrachten, was er seinem Vaterland verkünden wolle.“
„Hier erschien ihm nun Bahman im Lichtglanz wie die Sonne. Seine Hände waren in einen Schleier gehüllt, und er sprach zu Zoroaster: Wer bist du, und was suchst du? – Ich suche, was Ahuramazdâ gefällt, dem Schöpfer beider Welten, weiß aber nicht, was er von mir will. Du, der du rein bist, zeige mir den Weg des Gesetzes. – Bahman hatte Wohlgefallen an diesen Worten und sprach: Mache dich auf, um vor Gott zu erscheinen; da sollst du Antwort hören auf dein Begehr. Zoroaster machte sich auf und folgte Bahman, der zu ihm sprach: Schließe deine Augen und gehe frisch. – Es war, als ob ein Adler ihn aufnähme und vor Gott brächte. – Zoroaster that seine Augen auf und sah des Himmels Glanz, Heerscharen der Engel kamen auf ihn zu; jeder fragte ihn um etwas und zeigte es mit dem Finger. Vor dem Throne Gottes betete er erst an und fragte dann um dies und das, wie Djemschid einst that.“
„Zoroaster sprach zum Allerhöchsten: Wer ist der beste deiner Diener in der Welt? – Gott, der immer gewesen ist und immer sein wird, antwortete: Der ist's, der reines Herzens ist; wohlthätig gegen den Gerechten und gegen alle Menschen; der seine Augen vom Reichthum wendet; der von Herzen Gutes thut allem Geschöpf in der Welt, dem Feuer, Wasser und Thiergeschöpfen: der soll ewig sein in Fried und Freuden. Ich hasse den, sprach Ahuramazdâ, der den Guten betrübt, der meine Diener bekümmert und außer meinen Geboten wandelt, der – sage es allem Volk – muß ewig in der Hölle sein.“
Hierauf fragte Zoroaster Ahuramazdâ über die Amschaspands[110], die ihm lieb sind, über den unreinen Angrômainyus, der nur Arges denkt, über Gute und Böse und über den Ausgang derer, die den Dews anhängen.
Ahuramazdâ sprach: „Ich bin es, der lehrt, was gut ist[111]; Angrômainyus ist der Vater des Bösen; mein Wille ist nicht der Menschen Plage. Wisse: Böses kommt nur von Angrômainyus, alles böse Thun und alles böse Denken. Die Strafe der Sünde ist in der Hölle. Die Thoren lügen, wenn sie sagen, ich thäte Böses.“
Alsdann bat Zoroaster Angrômainyus um Unsterblichkeit, damit er in allen Zeiten die Menschen im Glauben und der Befolgung des Gesetzes stärken könne. Ahuramazdâ sprach[112]: „Befreie ich dich vom Tode, so wird auch der Körper des Dew Turberatorsch davon befreit sein, und es würde alsdann keine Auferstehung geben. Du würdest alsdann den Tod von mir suchen.“ Ahuramazdâ gab ihm eine Speise, ähnlich dem Honig. Zoroaster aß und sah im Traum die Herzen und Gedanken der Menschen aufgedeckt. Ahuramazdâ ließ ihn alle Begebenheiten vom Ersten der Menschen bis zur Auferstehung sehen und was im letzten Weltjahrtausend geschehen würde. Beim Anblick der Plagen und Übelthaten, welche die Welt verwüsten würden, wünschte er sich nicht mehr Todlosigkeit.[113]
Ahuramazdâ lehrte ihn noch den Umlauf des Himmels[114], die guten und bösen Einflüsse der Gestirne, die Tiefen der Naturgeheimnisse, die Hoheit der Amschaspands und die Freuden der himmlischen Wesen. Zoroaster sah auch die Gestalt des Angrômainyus in der Hölle und erlöste aus diesem Reich der Finsternis einen Menschen, der Gutes und Böses gethan hatte.[115]
Als Angrômainyus ihn erblickte, schrie er mit großer Stimme: „Verlasse das reine Gesetz; wirf es wie Staub hinweg; du sollst doch in der Welt haben, was dein Herz begehrt.[116] Kümmere dich nicht um deinen Ausgang, oder bekämpfe wenigstens mein Volk nicht, o reiner Zoroaster, Sohn des Poroschasp, der du geboren bist von der, die dich getragen.“ Zoroaster sprach: „Falscher Ruhm und Glanz ist dir und allen deinen Nachfolgern in der Hölle. Mit Gottes Barmherzigkeit will ich dein Werk in Schimpf und Schande bringen!“
Zoroaster – voll göttlicher Majestät – sah nun einen Feuerberg; er mußte hinein und ging schadlos hindurch. Es wurden geschmolzene Metalle über ihn ausgegossen, und er verlor kein Haar. Darauf öffnete man ihm auf Befehl Ahuramazdâs den Leib und nahm Alles heraus. Wen Gott schützt, dem ist Feuer in der Hand wie Wachs, und wenn er auch durch Feuer oder Wasser muß, so fürchtet er doch nichts.[117]
Ahuramazdâ sprach: „Sage nun allem Volk, was du gesehen hast, du, sein Hirte! Wer nun Angrômainyus unreinen Weg wandelt, aus dessen Leib sollen Blutflüsse fließen, und er soll den Feuerflammen übergeben werden, wie dir gezeigt ist. Vom Fluß des geschmolzenen Metalls siehe diese Deutung: Ein Menschengeschlecht wird das Gesetz verlassen und Angrômainyus anhängen; aber die Mobeds werden sich rüsten wider die Dews zu streiten. Zweifelsucht wird über die Menschen Gewalt üben, aber dieser Feuerstrom soll sie aufzehren. Aderbad Mahrespand[118] wird erscheinen und die Menschen lehren Alles, was sie wissen müssen. Geschmolzene Metalle werden über ihn gegossen werden, ihm aber nicht schaden. Dieses Wunder wird alle Zweifel wie Staub verschwinden machen und den rechten Weg zeigen.“[119]
Darauf befragte Zoroaster Ahuramazdâ, der alle Geheimnisse weiß, um die Pflichten seiner Diener – Desturs und wachsamen Mobeds – um die Art zu beten und sein Gesicht zu kehren. Der Allernährer jedes Tags und Allgenugsame sprach: „Sage den Menschen, daß mein Licht verborgen ist unter allem, was glänzt.[120] Richte dein Antlitz gegen das Licht und thue meine Gebote, so wird Angrômainyus fliehen; in der Welt geht nichts über das Licht.“
Dann lehrte Ahuramazdâ Zoroaster den Zendavesta und sprach: „Lies ihn vor dem König Gustasp, damit er ihn in seinen Schutz nehme; zeige ihm, wer ich bin, damit er Mitleiden und Güte beweise; lehre ihn Alles und unterrichte auch die Mobeds an meiner Statt, daß sie den Weg Angrômainyus meiden.“ Über diese Gebote freute sich Zoroaster und dankte Ahuramazdâ.
Nun kamen die Amschaspands zu Zoroaster, um ihre Aufträge auszurichten. Bahman, der die Tiere schützt[121], sprach: „Ich überlasse dir die Thiere und Herden; laß die Mobeds dafür sorgen. Kein junges und nützliches Thier müsse getödtet werden; das sage Alt und Jung: ich habe sie von Ahuramazdâ empfangen und darf sie keinem Bösen anvertrauen.“
Der glänzende Ardibehescht[122] sprach: „Sage in meinem Namen Gustasp, Diener des reinen Gottes, ich habe dir alle Feuer empfohlen. Laß Desturs, Mobeds und Herbeds[123] dafür sorgen, daß sie nicht getilgt werden, weder durch Wasser, noch Koth, daß jede Stadt ein Atesch-gah[124] habe und diesem Element zum Lobe die vorgeschriebenen Feste feiere, denn der Glanz des Feuers kommt vom Glanze Gottes. Was ist Schöneres in der Welt? Er will nur Holz und Gerüche; Jung und Alt bringt ihm die, und er wird die Gebete erhören. Ich überlasse es dir, wie es mir von Ahuramazdâ überlassen ist. Wer mein Wort nicht hört, der geht zur Hölle.“
Shariver[125] befahl, die Waffen – Säbel, Lanze &c. – nicht verrosten zu lassen.
Espendarmad[126]: die Menschen sollten nach dem Willen dessen, der alles segnet, die Erde vor Blut bewahren, vor Unreinigkeiten und Todten; alles Unreine und Todte an besondere Orte schaffen, die Erde fleißig bauen usw.
Chordad[127] empfahl ihm alles Wasser unter und über der Erde, in Quellen, Flüssen, Brunnen usw. Wasser giebt allem Lebendigen Stärke, macht grün usw.; deshalb darf man nichts Unreines und Todtes hineinwerfen.
Amerdad[128] sprach von Früchten und Bäumen und befahl sie nicht muthwillig zu beschädigen.
Noch wurde Zoroaster befohlen: „Laß die Desturs in alle Welt gehen und die Menschen zum Glauben an Ahuramazdâs Gesetz bekehren.[129] In jedem Ort bestelle einen zum Lehrer des Gesetzes und der Gerechtigkeit, der den Zendavesta liest und zu Gott, dem Schöpfer der Welt, betet. Alle Menschen sollen sich nach der Seite des Rechts wenden, mit dem Kosti[130] umgürtet sein, dem Kennzeichen der Schüler des heiligen Gesetzes, und rein erhalten die vier Elemente des Menschenkörpers, Luft, Wasser, Feuer, Erde; dann wird alles blühen und den Segen des Allerhöchsten genießen.“
Dies waren die Lehren, welche Ahuramazdâ und die Amschaspands ihrem Diener Zoroaster erteilten.
Da nun Zoroaster außerdem noch auf den Bergen Offenbarungen von Ahuramazdâ erhielt, so heiligte er in den Gebirgen Persiens dem Mithra[131] eine Höhle. Diese Höhle sollte ein Bild der Weltschöpfung durch Mithra sein, und die Dinge, welche in ihr in abgemessenen Entfernungen von einander lagen, sollten die Harmonie des Weltalls darstellen, die Bewegung der Planeten und Fixsterne und den Aufenthalt der Seelen auf denselben.
Nach Origenes[132] hatten die Perser in den später allenthalben entstandenen Mithrasgrotten eine symbolische Leiter von acht Sprossen. Die erste aus Blei bestehende Sprosse stellte den Saturn, die zweite aus Zinn bestehende den Jupiter, die dritte aus Eisen bestehende den Mars, die vierte aus Kupfer bestehende die Venus, die fünfte aus gemischtem Metall bestehende den Mercur, die sechste, silberne, den Mond, die siebente, goldene, die Sonne und die achte den Fixsternhimmel dar.
Auch im neueren Parsismus nimmt man sieben den Planeten entsprechende Himmel mit verschiedenen Graden der Seligkeit an. Über sie alle geht Gorotman, die Wohnung Ahuramazdâs und der himmlischen Geister. Gorotman ist die achte Stufe der Leiter des Origenes.
Nachdem Zoroaster die Offenbarungen Ahuramazdâs und der Amschaspands erhalten hatte, kehrte er in die Welt zurück. Die Dews und Magier versuchten ihn zu bekriegen, konnten aber nichts ausrichten. Der oberste Magier sprach: „Sprich du immerhin Avesta, du sollst gegen uns doch nichts können.“ Da ward Zoroaster zornig und sprach Avesta in Zend[133], da flohen alle Dews und verbargen sich in den Abgründen der Erde. Die Magier erfüllte Schrecken und Verzweiflung; ein Teil derselben starb, der andere bat um Gnade.
Nunmehr nahte sich Zoroaster auf der Straße von Balkh dem Palaste des Gustasp.[134] An einem Glückstag kam er in die Stadt und ruhete ein wenig; dann betete er zu Gott und ging zum König. Da er nicht vor sein Angesicht kommen sollte, spaltete er das Dach des Hauses darin der König Hof hielt.
Die Hofleute flohen, und nur Gustaspes blieb allein ohne Schrecken. Die Hofleute aber bestanden aus den Großen Irans und den berühmtesten Weisen. Der nähere und entferntere Zutritt zu seiner Person war die Belohnung ihrer größeren oder geringeren Verdienste.
Zoroaster trat vor den glänzenden Gustaspes und segnete ihn. Getroffen durch Zoroasters Worte der Weisheit, fragte der König seine Weisen, wer er wäre. Zoroaster setzte sich und redete unerhörte Dinge und beantwortete die Fragen, daß alle staunten.
Darauf breiteten die Weisen ein Decke auf den Fußboden und setzten sich um Zoroaster.[135] Jeder fragte ihn besonders, so viel er konnte, um die alten Wissenschaften und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht. Gustaspes fragte auch nach der Weisheit der Alten und vernahm mit der Freude des Herzens seine Antwort und schenkte ihm darauf eine herrliche Wohnung neben sich. Die Weisen sannen die ganze Nacht auf Fragen, womit sie Zoroaster beschämen wollten; er aber betete die ganze Nacht und dankte Gott für den Sieg über sie.
Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim König ein. Sie redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer überlegen. „Was will daraus werden?“ sagten sie.
Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfältig. Gustaspes erwies ihm Ehre über Ehre, und Zoroaster mußte ihm seinen Stand, Namen, Familie und Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazdâ war Versammlung aller Großen, Heerführer und Weisen. Des Königs Diener aber entbrannten vor Zorn und sprachen: „Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir wollen zusammenhalten und alle seine Reden unnütz machen!“
Aber Zoroaster machte, daß am Tage Ahuramazdâ[136] wie an den vorigen Tagen alle Großen und Weisen verstummen mußten, und er wurde groß vor Gustaspes und sprach: „Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat und dich schützt und deinen Körper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn regierst du und hast Gewalt über seine Knechte.“ Zoroaster stellte Gustaspes Avesta vor und sprach: „Gott hat mich den Völkern gesandt, daß sie sein Wort in Zend, Ahuramazdâs Willen, annehmen. Thust du Gottes Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hörst du aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen, und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen Ahuramazdâs und thue nicht mehr den Willen der Dews.“[138] – Gustaspes sprach: „Was thust du zum Beweis deiner göttlichen Sendung für Zeichen, daß ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schütze?“
„Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird große Wunder thun. Gott hat mir gesagt: Wenn dein König Zeichen fordert, so sprich: Lies nur Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst, ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne Lauf und den Weg des Guten.“ – „So lies denn Zendavesta“, sprach Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stück, und der König fand nicht Geschmack, denn die Größe von Avesta ging über seinen Verstand. Er war wie ein Kind, das nicht köstliche Steine schützt; wie ein Unwissender, der nicht kennt den Wert der Wissenschaft.
Der König sprach zu Zoroaster: „Ich billige deine guten Wünsche für mich; aber wir müssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir meine Zweifel darlegen. Um nicht Lüge zu glauben, will ich Zendavesta lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen.“ Zoroaster freute sich über den König und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle Zeichen zu thun, die der König verlangte.
Die Weisen des Königs gestanden, daß Zoroasters Lehre rein sei; daß man aber, um sich von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen, ein außerordentliches Zeichen von ihm verlangen müsse. „Welches denn?“ fragte der König. Die Weisen antworteten: „Wir wollen ihn stark binden, mit Kräutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz über ihn ausgießen.“ Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta vor sie und sprach: „O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt!“ Man goß geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht. Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in wenig Tagen zu einem großen Baum erwuchs[140] usw.
Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklärte ihm den ganzen Zendavesta. Des Königs Diener wurden eifersüchtig und sannen auf Mittel ihn zu stürzen. Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlüssel zu Zoroasters Gemach im Palast des Königs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw. zusammen, alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das Kopfkissen. Darauf gingen sie zum König und sprachen: „Zoroaster ist ein großer Betrüger; die ganze Nacht zaubert er und erfüllt dein Reich mit Gräueln.[141] Du bist unser König, und wir sagen nichts, als was wir wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht!“ Gustaspes dachte dem nach und wollte doch wissen, ob es wahr wäre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld freute, öffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Nägel, Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie verfluchten Zoroaster. „Du Unreiner!“ sprachen sie. „Ist das nicht Rüstzeug der Zauberer?“ Zoroaster berief sich auf den Thürhüter, welcher sagte, kein fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Füße und ließ ihn in Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er könne die Welt umkehren. – Täglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld. Der König hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Plötzlich hatten sich diesem die Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wußte Hülfe. Der König aß und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster hörte es endlich und sprach: „Lasse mich der König aus dem Kerker, so soll sein Pferd gesund sein.“
Es geschah. Als Zoroaster vor den König kam, sprach dieser: „Von dem, was du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du ein wahrer Prophet.“ Zoroaster sprach: „Zuerst mußt du glauben[143], daß ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin einen Charakter ausdrückt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so soll dein Wunsch geschehen.“ Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder.
Vor dem Heraustreten des zweiten Beines mußte der Held Espendiar versprechen, daß er Zoroaster und sein Gesetz schützen wolle. Vor dem Heraustreten des dritten ließ sich Zoroaster in das Innerste des Palastes führen und verkündete dem ganzen königlichen Hause den Zendavesta. Endlich mußte der Thürhüter die Betrüger unter den Dienern des Königs entdecken, die ihn in Ungnade gebracht hatten. Der König bedrohte ihn mit dem Leben, die Wahrheit zu sagen. Er fiel auf sein Angesicht und bat um Gnade. „Die Weisen haben mich bedroht, sprach er, und wie sollte ich denen widerstehen, die mein Herr und König ehrt?“ – Die vier vornehmsten der Weisen wurden gespießt. Zuletzt sprach Zoroaster: „Gottes Macht ist so groß, daß er thut, was er will, ohne daß man fragen darf, wie und warum?“ Von nun an fragte der König Zoroaster um Alles, was er vornehmen wollte. Einst sprach er: „Mein Herz verlangt vier Dinge, die eben so groß und wunderbar sind als Gottes Gesetz: Zu wissen, was für ein Ort mir in in der andern Welt bestimmt ist; daß ich mich vor keinem meiner Feinde fürchte; daß ich sehe, alles Gute und Böse, was in der Welt sich begeben wird, und daß meine Seele im Körper bleibe bis zur Auferstehung.“[145]
„Ich will zwar, sprach Zoroaster, um diese vier Dinge von Gott bitten; du mußt dich aber an einem begnügen und den drei Vornehmsten deines Hofes die andern überlassen; denn Gott schenkt sie alle nicht einem Menschen allein, damit er nicht sagen könne: ich bin allmächtig.“ Da verlangte Gustaspes seinen Ort in der andern Welt zu wissen.
Am Morgen des andern Tags kam Zoroaster vor den König, der auf einem goldenen Thron saß. Er hatte den König kaum gesegnet, so standen vier edle Krieger im reichsten Waffenschmuck und hoch wie Berge vor der Thüre. Sie hießen Bahman, Ardibehescht, Chordad und Adergoschasp.[146] Sie sprachen: „Gott hat uns zu dir gesandt, König der Länder, um dir zu sagen, daß, wenn du Zoroasters Worten glaubst, du vor der Hölle bewahrt bleiben sollst, denn ich, sagt Ahuramazdâ, habe ihn gesandt.“
Der König war eine Zeit lang sprach- und sinnlos. Als er wieder bei Sinnen war, sprach er: „Ich, der Geringste unter den Dienern Ahuramazdâs, bin zu allem bereit, was ihr mir gesagt habt.“ Der König sprach zu Zoroaster: „Ich übergebe mich dir mit Leib und Seele, wie mir Ahuramazdâ befohlen hat.“ Zoroaster antwortete: „Sei getrost und guten Muths; du sollst sehen, was du verlangt hast!“ Er verrichtete darauf das Darunopfer mit Wein, Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. Nachdem er diese Dinge und las Zendavesta und trank von dem Wein und gab den Becher dem König, der auch trinken mußte und wie berauscht einschlief. Im Schlafe, der drei Tage dauerte, erhob sich seine Seele zum Throne Gottes und sah seinen Kerdar[147] in Reinheit glänzend, seinen Platz, der für ihn und die Heiligen im Himmel bereitet war.
Dem zweiten Sohn des Gustaspes, Paschutan, gab Zoroaster die Milch zu trinken. Er wurde dadurch unsterblich. Djamaspes, der Diener des Gustaspes, bekam die Gerüche und damit alle Weisheit und die Erkenntnis alles Geschehenden bis an die Auferstehung. Espendiar endlich genoß einige Granatkerne, und sein Körper wurde fest wie ein Fels, aller Verwundung unfähig; daher nannte man ihn „Kupferleib“ (Ruintan).
Als der König nach drei Tagen erwachte, sprach er: „O Gott der beiden Welten, dein Reich wird währen von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Er berief hierauf Zoroaster zu sich und sagte Alles, was er gesehen hatte, und befahl auch allen seinen Unterthanen, dem Gesetz zu gehorchen.
Nun verlangte der König, daß Zoroaster von einem erhabenen Sitz den Zendavesta vorlesen sollte, damit ihm alle Zweifel benommen würden und er das Gesetz vollkommen verstehen lerne. Zoroaster that dies mit Herzensfreude und begann mit dem Gebet an Gott. Durch das Lesen erzitterten alle Dews und flohen in die Abgründe. Darauf ließ Zoroaster die reinen Mobeds und Herbeds zu sich kommen und redete mit ihnen in Gegenwart des Königs der Könige von den verschiedenen Arten des Feuers, zeigte ihnen den Dienst derselben &c. Er ließ auch ein gewölbtes Gemach bauen, darunter das Bild eines halben Mondes setzen, und in dieses Gemach einen mit Gold und Silber bekleideten Thron; es wurde auch allenthalben bedeckt, damit kein Unreiner es sehen könne. In diesen Atesch-gah wurde das heilige Feuer[148] gebracht, und Zoroaster befahl, daß an jedem Ort ein ähnlicher Atesch-gah erbaut werden solle. Da war das Herz der Diener Ahuramazdâs in Freude und das der Anbeter der Dews[149] in Traurigkeit.
Vor dem Atesch-gah gab Zoroaster dem Gustaspes noch folgende Ermahnungen: Den Anfang machte eine Lobpreisung Gottes, der alle Welt geschaffen hat, und die Bösen am Ende, wie er sie aus dem Nichts genommen, wieder ins Nichts zurückbringen wird; er, der den Himmel gemacht und den Sternen Glanz gegeben, dessen Reich ohne Ende dauert, der ein König alles Lichtes und aller Herrlichkeit ist.
Darauf erklärte Zoroaster dem König das Gesetz nach den Zendbüchern und sprach also: „Betest du Gott an in der Wahrheit, so wirst du zum Himmel gehen. Angrômainyus ist Ahuramazdâs Feind; er wendet das Herz der Menschen unaufhörlich vom Gesetz der Gerechtigkeit und sucht sie nach sich in die Hölle zu ziehen, um seine natürliche Wuth zu stillen, denn der Menschen Unglück ist der Hölle Freude. Am Ende werden die Sünder von den Dews verspottet, welche sagen: Warum hast du den Weg der Gerechtigkeit verlassen und bist den Weg der Finsterniß gewandelt?“
Zoroaster fuhr fort: „Gott, der herzliches Mitleiden mit seinen Dienern hat, hat mich mit dem Gesetz zu ihnen gesandt, damit sie den Weg des Bösen verlassen. Wer sein Herz vom Übel wendet, der wird ewige Freude haben. Möchte doch der Ungerechte seine Ungerechtigkeiten verwünschen und Andere mit sich auf den Weg der Wahrheit führen.“
„Der Gott der Welt hat mich zu dir gesandt, o reiner und gerechter König, und gesagt: Verkündige meinen Dienern, daß sie nicht von meinen Geboten weichen; lehre die Völker der Erde den Weg des verwünschten Angrômainyus zu hassen und meinen Weg der Gerechtigkeit zu wandeln; dann werden sie in den Himmel gelangen. Wer ihn verläßt, der muß mit Angrômainyus in der Hölle sein.“
„Siehe, noch folgenden Unterricht hat mir Ahuramazdâ gegeben.“
„Die Welt ist wie nichts in den Augen dessen, der sie gemacht hat. Auch die längste Geschlechtsreihe muß ihr Ende haben.“
„Du siehst diese runden Gewölbe – er zeigte nach dem Himmel und dem Atesch-gah[150] –; hier wird einst der König mit seinem Unterthan, der Herr mit dem Knecht vereinigt sein.“
„Lehre nie, was du nicht von mir gehört hast, und am Ende will ich mich deiner erbarmen; denn ich finde nicht Wohlgefallen an deiner Sünde; ich will dein Böses und deine Strafen mindern.“
„Bei deinen Handlungen werden die Früchte sein, je nachdem du gepflanzt hast. Wer in der Welt Reinigkeit säet, dem wird sie im Himmel zu Theil. Gott spricht ein Wort, dazu und davon kommt nichts: Wer Sünde thut, wird in der Hölle Schande tragen.“
„Siehe, was Ahuramazdâ über die verständigen Mobeds sagt: Das Wasser der Größe[151] ist Ebenmaaß, das weder zu viel noch zu wenig hat. Wenn diese Wahrheit schon gesagt ist, bin ich ein Lügner; wenn aber noch kein Mund etwas Ähnliches hervorgebracht hat, so muß man meine Worte nicht mit einem bösen Herzen betrachten. Der Mensch soll vielmehr wissen, daß dies Worte des reinen Gottes sind und nicht der unreinen Dews. Denn die Dews würden nicht so reden und Gott lobpreisen.“
„Von allen, die als Propheten in die Welt gekommen sind und den Völkern Gesetze gegeben haben, hat noch keiner gezeigt, was auf Erden ist oder geschehen wird. Nur Zoroaster, der Reine, hat nach Zendavesta verkündigt, was sein wird; Gutes und Böses, das nach der Weltschöpfung bis zur Auferstehung verborgen geblieben sein würde, hat er aufgedeckt. Er hat uns die Dews kennen lehren, Gerechtigkeit und gute und böse Thaten.“
„Noch kein Prophet hat mit reinem, geraden, menschlichen und fehlerlosen Herzen gebetet als Zoroaster, der Meister des reinen Gesetzes, der Lobpreiser und Vertraute Ahuramazdâs.“
„Ahuramazdâ sagt zum Menschen des Gesetzes: wer Gutes thut, wird guten Lohn empfangen, nachdem sein Gutes ist.“
„Ahuramazdâ verkündet dies den Völkern der Welt: Die Seelen aller Menschen müssen einige Zeit in der Hölle dauern, nachdem ihr Böses ist, groß oder klein.“
„Noch zuletzt sagt Ahuramazdâ: Wer nicht dein Schüler ist, über den frage nicht, wie es mit ihm werden wird; Strafe erwartet ihn am Ende seiner Tage.“ –
Der Eifer des Gustaspes war die feste Stütze Zoroasters. Es wurden Atesch-gahs errichtet, und zwar zuerst dem Feuer Farpa[152], das Djemschid heilig ist, auf dem Berge Charesom, neben Kasbin im Vardjemguerd; ferner dem Feuer Goschasp[153], dem Kekhosro auf dem Berge Asnevand in Aderbedjan einen Atesch-gah gebaut hatte; und dem Feuer Burzin-meher und Behram[154], das aus verschiedenen Feuern bestand. Allenthalben wurden nun auch Gesellschaften von Mobeds und Desturs gegründet.
Zu Kaschmer[155] in Khorasan war ein sehr berühmter Atesch-gah. Neben dem Tempelthor pflanzte Zoroaster eine Cypresse, in deren Rinde er die Annahme des Gesetzes durch Gustaspes schnitt. Wie nun nach einigen Jahren diese Cypresse groß und stark genug geworden war, so baute man darüber einen Palast, der in der Höhe und ins Gevierte vierzig Ellen hielt. Er schloß zwei Säle ein, deren Decke mit Gold, deren Fußboden aber mit Silber überzogen war; die Mauern waren mit köstlichen Steinen ausgeschmückt. Daselbst hing man die Bildnisse Djemschids und Feriduns auf. Hierher zog Gustaspes, als seine Stunde gekommen war, daß seine Seele sich in den Himmel erheben wollte. Vor seinem Ende ließ dieser Fürst den Satrapen aller Provinzen bekannt machen, daß sie zu Fuße nach dieser Cypresse wallen, an Zoroasters Gesetz glauben und allem Götzendienst von Turan und Tschin absagen sollten. Diesem Gesetz kam man teils mit Lust, teils aus Furcht nach.
Zoroasters Name drang bis Indien. Der Brahmine Tschengregatscha, der die Weisen der Welt gebildet hatte, und dessen Bücher in Iran sehr berühmt waren, hörte von einem ihm unbekannten Propheten, der den König von Iran und seine Diener und alle seine Länder bekehrt habe. Er schrieb daher mit dem Eifer eines Mannes, der sich für die Stütze der Wahrheit hält, an Gustaspes.
Sein Brief begann mit dem Namen Gottes, des Allbeherrschers, der den kreisenden Himmel zu seinen Füßen hat und Leib und Seele des Menschen geschaffen. Hierauf erhob er den König mit einer Lobpreisung und bezeugte, daß er von einer neuen Religionsform gehört habe, die ihn tief schmerze und ruhelos lasse. Er sagte: „Ein Betrüger, ein Heuchler, hat Iran verführt. Dergleichen hat sich weder unter Feridun, noch unter Kobad, noch unter Djemschid, noch unter Kaus begeben. Die Einwohner Irans haben sich einem jungen Mann[156] ergeben und seine Lügen gläubig angenommen. Was mich am meisten wundert, ist Djamaspes, der Diener des Königs Lohraspes. Er hat mehrere Jahre hindurch meine Lehren gehört; ich habe ihm nichts von meiner Weisheit verhalten. Er, der Andere hätte vor Gefahr schützen sollen, ist selbst in die Schlingen gefallen. Ich weiß nicht, welches Netz ihm gestellt ist, daß seine Kraft ihn verlassen hat, und er mit Schande verstummt ist.“
Hierauf gab Tschengregatscha Gustaspes den Rat, sich ja nicht durch dieses Betrügers Zaubereien, noch durch seine gleißenden Worte fangen zu lassen. „Ich selbst will mich aufmachen, sprach der Brahmine, ihn seiner Lügen überführen und auf Alles antworten, was er vorbringen wird. Du, o großer König, mußt ihn so lange bewahren, bis ich komme, und wenn ich alsdann werde die Schande dieses Schurken aufgedeckt haben, so werde ich dich um seine Bestrafung bitten, damit kein Ähnlicher in Zukunft das Herz habe, die Völker durch falsche Gesetze und Neuerungen in der Religion irre zu führen.“
Als dieser Brief Tschengregatschas anlangte, befand sich Djamaspes bei Gustaspes. Die Schreiber mußten ihn lesen, und der König sprach zu seinem Diener: „Kein Andrer als du bist im Stande, die Sache einzusehen. Prüfe sie und antworte Tschengregatscha, wie du es für passend erachtest.“ „Ich bin unbeweglich im himmlischen Gesetz“, sprach Djamaspes, „ich glaube an Gottes Wort. Kein Mensch kann aus sich selbst wissen, was Zoroaster weiß, noch thun, was er thut. Gott muß sein Lehrer sein. Doch glaube ich auch, o großer König, daß kein Mensch auf der Welt so weise sei wie Tschengregatscha. Ich habe seine Bücher gelesen, Iran verlassen und ihn in Hindostan aufgesucht; er hat meine Seele in allen Wissenschaften ausgebildet. Ich halte es also für das Beste, daß man ihn mit Güte bitte, nach Iran zu kommen, damit er selbst das Gesetz des Himmels annehme; dadurch werden, wenn die Welt es hört, alle Zweifel gegen Zoroasters Gesetz völlig vernichtet werden.“
Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: „Wir haben deinen Brief gelesen. Was du von Zoroaster gehört hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir sagen dir hiermit, daß wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten gesehen. Wir haben seine Worte gehört, seine Bücher gelesen, und kein Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Länder berufen, und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen müssen. Die Großen Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen: Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes muß sie ihm sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst über die Tiefe seiner Weisheit staunen. Dem denke fleißig nach. Gott leite dich!“
Tschengregatscha wurde mit Freude erfüllt, als er dieses las. Er las noch eine Menge Bücher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln, und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schärfsten, tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, daß sie sich wie Löwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. „Fürchtet euch aber nur nicht“, sprach er zugleich; „ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht, muß nach Hindostan, und über Tschengregatscha ist kein Menschenkind weise.“ – Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: „Ich bin bereit, mit meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner Unterthanen vom Irrthum zu erlösen.“ Es wurden nun alle Anstalten der Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten Tag nach seiner Ankunft in der Königstadt vor den Thron des Gustaspes, segnete ihn und sprach: „Es sei mir erlaubt, o König, mit dir zu reden!“ Gustaspes antwortete: „Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche die Zweifel auflösen müssen.“ Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt für Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglänzendes Antlitz die Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach: „Gerechter König! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, daß ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn er sie lösen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein Gesetz annehme; zweitens aber, daß du ihn zur Stunde strafest, wenn meine Fragen ungelöst bleiben.“ Gustaspes sprach, daß er nach der bloßen That richten werde und sich durch keine Vorliebe für irgend eine Partei binden lassen wolle.
Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: „Zum Besten meines Gesetzes will ich vor dem Ersten der Völker ein Neues thun, was den Augen als Wunder erscheinen muß. Völker haben mich schon gehört; neige auch du dein Ohr gegen einen der göttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefällt es dir, so laß ihn einen deiner Schüler vorlesen.“ Die Weisen hörten nun mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die Lösung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen hatte.
Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung versunken aus: „Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus Avesta gehört. Welche Wissenschaft hat dies errathen können? Auf wie Vieles habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel Mühe gemacht haben, und von denen ich glaubte, daß sie in zweihundert Jahren nicht aufgelöst werden könnten! Keinem Menschen habe ich sie eröffnet, o König des Ruhms! Ich erkenne das Übermenschliche, das Werk Gottes!“
Tschengregatscha bezeugte hierauf, daß er an Avesta glauben und Zeit seines Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung Ahuramazdâs, Reinheit des Leibes und der Seele und verhieß ihm einen Platz im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen, welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und entzündete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der Weisen und Häupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an Zoroasters Avesta.
Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um den Chaldäern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er die von ihm so gerühmten „reinen Seelen“[158] in den Provinzen Serman, Saenan und Dahu besucht hatte.
Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem König von Turan mißfällig, und selbst verschiedene vom König von Iran abhängige Fürsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Fürsten von Sistan, Vater und Sohn. Darum glänzen ihre Namen auch nicht in den Zendbüchern, obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin verewigt sind.
Nicht so mild wie gegen diese Fürsten, an denen er sich nur durch Stillschweigen rächte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes, König von Turan.
Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der mächtigsten Fürsten Asiens. Er hatte vom Könige Irans einen jährlichen Tribut erzwungen und besaß auch im westlichen Iran am kaspischen Meer Ländereien; auch haßte er Zoroaster persönlich. Darum auch sagte derselbe[159]: „Sei mir gnädig, o Quell Arduisur, daß Zerir verderbe den, der große Schätze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews, meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat.“
Zoroaster fürchtete, daß Ardjaspes seine Religion vernichten würde, und trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf ihn wohl bewußt. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den König von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen unerlaubt; es sei unverantwortlich, daß Gustaspes, als rechtgläubiger Fürst, dem König von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der Unterthänigkeit zahle. „Wirst du ihn angreifen“, sprach Zoroaster zu Gustaspes, „so ist Gott gewiß dein Schutz.“
Der König war froh, sagte Ardjaspes den Gehorsam auf und verlangte von ihm, er solle Zoroasters Gesetz annehmen und ihm einen Teil seiner Länder nordwestlich von Balkh abtreten; wo nicht, so werde er ihn zu Staub machen.
Beim Anblick des diese Botschaft enthaltenden Briefes entbrannte Ardjaspes vor Zorn und schrieb an Gustaspes, daß er sich mit seinem ganzen Hofe von einem alten Betrüger habe verführen lassen. Er rate ihm die Religion der Väter wieder anzunehmen, die Lehren und Grundsätze der Magier, welche einen König, welchem Gott die Krone aufgesetzt habe, zu verwerfen. Wo nicht, so werde er ihn bekriegen und sein Reich zerrütten und verheeren. „Die Herrlichkeit Gottes will es, daß ich dich angreife!“ sprach Ardjaspes.
Gustaspes zeigte den Brief dieses Fürsten Zoroaster und seinen Dienern und allen Großen des Hofes. Djamaspes wollte mit großer Klugheit darauf antworten; aber Zoroaster sprach: „Was Klugheit? Ziehe gegen ihn zu Feld!“
Nach diesem Ausspruch wurde die Antwort abgefaßt und beide Könige stellten große Heere gegeneinander auf. Der Krieg war sehr blutig, und ein Teil der Familie des Gustaspes – sein Bruder Zerir und mehrere seiner Kinder – fielen. Aber Espendiar entschied endlich den Sieg für Gustaspes. Der König von Turan mußte sein Land abtreten, und Gustaspes bezeugte Zoroaster seine Dankbarkeit.
Der weitere Verlauf der Kriege hängt nicht direkt mit dem Leben des Religionsstifters zusammen.
Nach den Ravaets[160] starb Zoroaster im 77. Jahre seines Alters.
Kleuker setzt Zoroasters Geburt in das Jahr 589 v. Chr. Im dreißigsten Jahr durchzog er Iran, lebte dann zehn – nach anderer Angabe zwanzig – Jahre in der Wüste und nährte sich nur von Käse. Zehn Jahre that er Wunder. Im 65. Jahre gab Zoroaster philosophischen Unterricht zu Babylon und kehrte nach drei Jahren zur Gründung des Cypressendienstes zurück. Nach acht Jahren riet er Gustaspes zum Krieg gegen Turan und starb als Greis von 77 Jahren.
Dritte Abteilung. Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des Zoroastrismus.
Erstes Kapitel. Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.
Der Geist des ausgebildeten Zoroastrismus setzt vor den Anfang „der Welt und der Wesen Zrvâna-akarana“[161], die „unbegrenzte Zeit“, die anbeginnlose Ewigkeit. Sie ist der unergründliche Urgrund, in dem heilige Dunkelheit, Ewigkeit im Leben in unschaubarer Nacht, in Unergründlichkeit der Länge und Weite, Höhe und Tiefe ist. In ihr ist aber nicht leere Öde, sondern aller Wesensstufen Urgrund, der allerhöchste Gott. Der Ewige ist Schöpfer des Urlichts, Urwassers und Urfeuers, und der Same dessen, was beim Beginn der Wesen Licht, Wasser und Feuer wurde lag von Ewigkeit her in der grenzenlosen Zeit verborgen. Der Ewige ist seinem Wesen nach Wort, das vor allen Wesen, sichtbaren und unsichtbaren, da war, und wodurch alles, was Wesen hat, geboren ist.
Aus dem göttlichen und ewigen Samen zeugte der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazdâ und Angrômainyus, die zweiten Wesen nach sich, lebendig, wirkend, schaffend, die Wurzeln aller Geschöpfe.
Ahuramazdâ, aus dem ewigen Samen des Unendlichen erzeugt, der Erstgeborene aller Wesen, das Glanzbild und Gefäß der Unendlichkeiten des Unergründlichen aus ewigem Licht geboren und fort und fort an sich ziehend, wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, von Anbeginn. Durch und durch gut, rein und alles Guten Quell und Wurzel, hat der Himmlische der Himmlischen fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen; denn er ist der Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist ohne Anfang in Weite, Höhe und Tiefe, und seine Macht, sein Wille, unbegrenzt heilig bis auf die Wurzel seines Wesens. Der Erste und Erhabenste im Wissen und Verstehen, im Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er die höchste Weisheit selbst und – schlaflos bei Tag und Nacht – der höchste Weltenrichter, König aller Wesen in reinster Gerechtigkeit, Güte, Licht und Glanz. Sein Körper, d. h. seine Hülle, die ihn umschließende Sphäre ist das reinste Licht.
Ahuramazdâ hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch sein allschaffendes Wort; den Himmel und was darin ist: Licht, Feuer, Wasser, Sterne und Sonne. Er liebt in sich sein Volk die durch ihn gewordenen Menschen. Er ist als König gut und weise, lebendig über Alles; er stärkt, nährt und erhält alle Wesen, giebt ihnen das geistige Lebensfeuer, wodurch sie dauern und leben. Er giebt dem Menschen, der ihn bittet, Lichtsamen zur Reinigkeit des Gedankens, des Herzens, Geistes und Willens. Gnade und Liebe ist seine Lust; er ermüdet nie, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der ganzen Natur wohlzuthun. Er bestreitet durch seine und seiner Diener Kraft alles Böse Tag und Nacht bis zum endlichen Triumph des Guten über das Böse.
Angrômainyus, vom Ewigen nach Ahuramazdâ geschaffen, war anfangs gut und kannte das Gute; aber er wurde aus Neid gegen Ahuramazdâ Dew, arg, Quell, Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen und Bösen. Sein Licht verwandelte sich in Finsternis; im Lichtreich der Schöpfung entstand ein Schatten. Die Zerrüttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen, sondern aus ihm und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die Finsternis geboren, der Same alles Bösen, Argen und Todes. Als er Dew wurde, stürzte er aus der Höhe und wurde vom Abgrund der Finsternis verschlungen, bis auf die Wurzel seines Wesens böse. Ahuramazdâ ist seinem Wesen nach Licht und wohnt im Lichtreich höher denn die Himmel; Angrômainyus ist seinem Wesen nach Finsternis, d. h. Laster, Zerrüttung und Argheit selbst, und die Sphäre seiner Wohnung, alles, was ihn einhüllt, ist Finsternis der Finsternisse. In Duzakhs Tiefen ist sein Thron, und soweit die Finsternis reicht, ist er König und grausamer Gewalthaber. Seine Kenntnis ist groß, aber durch die Finsternis beschränkt; seine Macht, als die des Zweiten nach Ahuramazdâ, ist ausgedehnt, reicht aber nicht an Ahuramazdâs Erhabenheit und Glanz.
Seiner Neigungen Wurzel ist die ewige Grundfeindschaft alles Guten, das durch Ahuramazdâs Herrlichkeit erzeugt wird. Er, die als ein mächtig wirkendes Wesen symbolisierte Finsternis ist in einem ständigen Kampfe gegen das Licht begriffen, soweit ihm dieser zugelassen ist. Durch ihn wird alles Böse. Wie nichts Reines, Gutes und Seliges in der Welt sein kann, ohne aus Ahuramazdâs Lichtquell zu fließen, so steigt der Grund alles Bösen von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten endigt sich in beständigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines Reichs. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere und Menschen durch Krankheiten, Seuchen, Plagen, und besonders streut er den Samen zu unreinen Gedanken und schwarzen Begierden in der Menschen Herz, wodurch sein und der Dews Reich beständig an Umfang und innerer Macht zunimmt. Er durchstreift die Welt, um überall Irrtum, Tod und Laster auszustreuen, denn damit ist er stets schwanger, und er ist der Einzige, welcher unter den Izeds im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen findet mit großer Kraft und Heldeneifer für des Guten Vermehrung in Ahuramazdâs Lichtwelt, dem ist er todfeind. Der bloße Gedanke oder Anblick desselben macht ihn blaßgelb, er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts, denn der Streiter für das Gute gehört zu dem geliebten Volk Ahuramazdâs und hat den Schutz aller Izeds des Lichtes für sich.
Das Bild seines Wesens ist die Schlange oder der Drache. Der Ewige hat ihn zur Dauer aller Ewigkeiten geschaffen; er soll aber nicht immer der Grundfeind des Lichtes, der Bestreiter des Guten und König der Finsternis bleiben, sondern nach der Auferstehung der Toten wird er von Ahuramazdâ mit Ohnmacht geschlagen und sein Reich bis auf die Tiefen seiner Grundfesten zertrümmert werden. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen Metallströmen, wodurch er Sinn und Willen ändert; er wird heilig, himmlisch, und begründet in seiner Welt Ahuramazdâs Gesetz und Wort, wodurch alle Wesen geworden sind. Er wird auf ewig Freund Ahuramazdâs, und beide singen Zrvâna-akarana Izeschné, d. h. Ruhm- und Lobgesänge.
Aus der unbegrenzten Ewigkeit wurde der Anfang, die Zeit. Wie der Ewige Ahuramazdâ und Angrômainyus geboren, faßte er den Ratschluß einer Zeitdauer von zwölf Jahrtausenden, worin alles, was der Ewige in Gedanken hatte in aufeinanderfolgenden Reihen erscheinen und vollendet werden sollte. Dies geschah noch vor der Schöpfung der Wesen auf höheren oder niederen Stufen. Noch hatte der Unbegrenzte kein Volk außer Ahuramazdâ und Angrômainyus. Dieser „die begrenzte Zeit“ genannte Cyclus ist für die Herrschaft von Ahuramazdâ und Angrômainyus bestimmt; sie als die Erstgeborenen aus der Unendlichkeit des Ewigen sollen die ersten Regenten und Machthaber bis nach Ablauf dieses Zeitraumes sein. Diese zwölf Jahrtausende teilte der Unendliche nach wechselnden Perioden unter diese beiden Könige aus. Das erste Vierteil wurde Ahuramazdâ, dem Erstgeborenen der Wesen, zu Teil. Ahuramazdâ in Licht und Herrlichkeit fing an zu schaffen und zu wirken nach der Art und Natur seines Wesens. Angrômainyus sah Ahuramazdâs Glorie und Herrlichkeit, wurde neidisch, schwur ihm ewige Feindschaft und begann den Krieg gegen Ahuramazdâ. Nun begann der Kampf zwischen Licht und Finsternis. Ahuramazdâ entbot ihm zwar Freundschaft, wenn er Mitschöpfer der reinen, guten Welt sein wolle, aber Angrômainyus verhärtete sich aus Stolz, Neid und Haß und wurde der Grundärgste. Nun zerfiel alles in zwei Königreiche, Welten und Gewalten. Das Licht ward Ahuramazdâs Eigentum, die Finsternis das des Angrômainyus. Angrômainyus stürzte aus der Höhe unendlich tief in den Abgrund, blieb aber König des Abgrundes, und wenn die Zeit seiner Herrschaft kommt, ist er der grausamste Gewalthaber, der ärgste Tyrann. In der Zeit seiner Herrschaft wirkt er mit äußerstem Streben, Unruhe und Anspannung aller seiner Kräfte, denn er weiß sein Ende. In dieser Zeit des Angrômainyus hat oft das Böse die Oberhand, und die Finsternis verdunkelt das Licht. So steigt und fällt bis zum Schluß der begrenzten Zeit die Übermacht oder Schwäche des Guten und Bösen. Ahuramazdâ und Angrômainyus befinden sich in stetem Kampf gegeneinander, und das Ende ist der Sieg des Guten, der Triumph Ahuramazdâs.
Am Anfang schuf Ahuramazdâ zur Bekämpfung des Angrômainyus die Feruer aller Wesen. Er dachte als Schöpfer auf Wesen aller Art, die rein, gut, stark und edel wären, und jeder dieser Gedanken war ein Feruer, der Geist des künftigen Wesens, das künftig ein Teil von Ahuramazdâs Welt sein sollte, ganz Licht und Geist, im Wesen Geist und im Leben Geist, durch den bloßen Schöpfergedanken geboren; denn Ahuramazdâ dachte im Wort, und jeder Gedanke im allschaffenden Wort ist Geist, der das Geschöpf belebt, zu dem er gedacht ist.
Die aus Ahuramazdâs allschaffendem Geist hervorgegangenen zahllosen Arten, Gestalten und Stufen der Feruer aller reinen Wesen sind unsterblich, denn ihr Same war vom ewigen Geist und unzerstörbaren Licht. Sie sind ganz Leben, denn der sie gebar, schuf sie durch ihre schaffende Feuer- und Lichtkraft stets wirkend und belebend. Durch sie lebt Alles in der Natur, Stern und Mensch, Tier und Baum; Alles erhält durch sie Bewegung und Segen. Sie sind des Himmels Schutz und Wache gegen Angrômainyus; der Seele Schutz, denn sie sind erhaltend, reinigend bei der Auferstehung von allem Bösen; sie bekämpfen die Schlangen, Dews, die Bösen und erlösen die Gerechten. Mit der Schnelligkeit eines Vogels fahren sie gen Himmel und bringen die Gebote vor Ahuramazdâ. In der Welt sind sie an die Körper gebunden.
Die Zahl und Stufen der Feruer sind unendlich wie die der Wesen, weil die unbegrenzte Ewigkeit sich denkt im allmächtigen Wort, und dieser Abdruck des unergründlichen Wesens ist Ahuramazdâs Feruer. Des Gesetzes Feruer ist des Gesetzes Geist und Lebenskraft, das Lebendige und Belebende im Wort, das Wort, wie Gott es denkt. Der Feruer Zoroasters ist köstlich in den Augen Ahuramazdâs, denn er hat das Gesetz in Gang gebracht und des Weltenherrschers Glanz und Herrlichkeit an das Licht gebracht.
Nach diesen reinen ersten Schöpfungsbildern sind alle himmlischen und irdischen Wesen in endlosen Reihenfolgen geworden. In ihnen steht die Welt Ahuramazdâs, und gegen sie kämpft Angrômainyus mit seinen argen Geistern.
An diese zoroastrischen Sätze knüpft Kleuker eine längere Anmerkung, die insofern Interesse besitzt, als in einem Teil derselben Kleuker den Gedanken du Prels anticipiert, der Genius des Sokrates sei dessen transcendentales Subjekt oder Feruer.
Die betreffende Stelle lautet:
„Zend-Avestas Feruers sind ein feiner Gedanke. Sie sind der Übergang von dem, was wir Substanz nennen, zum bloßen Schöpfergedanken der Substanz. Weil aber der Wesenschöpfer nach dem Geist Zendavestas, keinen einzigen Gedanken leer – als einer bloßen Möglichkeit denkt, so dachte er lauter Feruers. Feruers sind die ersten, reinsten Abdrücke aller künftigen Wesen und Geschöpfe; das, was in allen Wesen abgezogenster Geist, reinster Funke, himmlischer, göttlicher Natur ist. Sie werden immer von den Seelen unterschieden; sie sind höher und eher als dieselben; sie haben zwar schon den Grund in sich, warum sie künftig mit solchen und nicht andern Geschöpfen vereinigt werden sollen, aber noch nicht die Gestalt eines besonderen Geschöpfes; sie sind Platos Ideen. Wie Ormuzds Gedanke Zoroasters Feruer schuf, so war er von allen Feruers höherer Geister, wie von allen Feruers aller Menschen unterschieden; er war aber noch nicht Zoroaster, sondern enthielt nur das ganze Bild, doch aber in wahrer, lebendiger Existenz, was Zoroaster künftig werden sollte. Sobald Ormuzd sie dachte, lebten sie, und können Jahrtausende leben und wirken, ehe sie mit den Geschöpfen vereinigt werden, dieselben zu beleben. Daher kommts, daß die alten Philosophen, die aus dem Quell der Weisheit des Orients getrunken, den Geist lange vorher leben und freiwirken lassen, ehe er mit dem Körper verbunden wird, daß sie ihn göttlichen Geschlechts und Natur nennen, sagen, im Tode geh' er wieder hin, woher er gekommen sei. Nach Zoroaster sind die Feruers die reinsten Ausflüsse von Ormuzds Schöpfergeist, derselben Natur, wahres Licht, wahres, lebendiges Wort: darauf wird auch ihre Unsterblichkeit und ewige Fortdauer gegründet: denn kein Funke göttlichen Geistes kann sterben, er ist seiner Natur nach Leben und belebende Kraft. Zunächst wird Feruer von verständigen und lebenden Geschöpfen gebraucht, die gewesen sind, oder sind, oder noch geboren werden sollen, (denn auch diese sind schon vorhanden,) wie wir nur von Himmelswesen und Menschen Geist eigentlich zu gebrauchen pflegen; aber es giebt auch Feruers (Geist) in Thieren, Bäumen, Blumen, Sternen. – Kurz, wo Leben, Regsamkeit, Bewegung, Wachsthum ist, da lehren die Parsen innere Kraft, Feuer, Lichtsamen, und das bestimmt eben die Natur der Feruers. Sind sie mit Wesen verbunden, so werden sie oft für das Wesen oder Geschöpf selbst gesagt, weil sie das Reinste und letzter Mittelpunkt jeden Geschöpfes sind. Sie sind der Seele Schutz. Daher muß der Parse für seinen Feruer besonders beten, daß Ormuzd ihn bewahren wolle; denn ohne ihn wird Seel' und Leib unrein, irre geleitet. Siehe da Sokrates Schutzgeist!“[162] – –
Die von Ahuramazdâ geschaffene Welt ist unendlich groß, lebend und wirkend in Wesen und Geschöpfen von zahllosen Arten und Stufen; sie teilt sich in eine himmlische und irdische, in eine geistige und materielle Welt ein.
Den höchsten Rang in der geistigen Welt nehmen die sieben Amschaspands ein. Ihr König und Schöpfer ist Ahuramazdâ, der Urquell alles Lebens. Sie sind die sieben ersten Geister Gottes, Könige, ganz Leben, heilig, rein und groß; der Menschen Muster. Sie gehen an keinen unreinen Ort. Ein jeder hat einen Tag, dem er vorsteht, an dem er Segen und Wohlthaten spendet. Ihre Namen sind heilig.
Der zweite Amschaspand ist Bahman, der König der Welt, des Lichtes und Himmels. Die übrigen Amschaspands ruhen unter seinem Schutz. Er sieht durch Ahuramazdâs Lichtverstand, giebt Weisheit, Friede und Reinigkeit des Herzens; er nimmt die Seelen der Gerechten in Gorotman auf und segnet ihre Ankunft im Sitz der Seligkeit. Er ist fort und fort in Lichtglanz und Glorie.
Der dritte Amschaspand ist der lichtglänzende Ardibehescht. Er giebt Feuer und Gesundheit.
Der vierte Amschaspand ist Schahriver. Er ist der Vorsteher der Metalle, der Vater des Mitleids und der Pfleger der Hungrigen.
Der fünfte Amschaspand ist Sapandomad, Ahuramazdâs Tochter, der weibliche Ized der Erde; die heiligste und reinste der ersten reinen Wesen; weise, freigebig und demütig wie Demut verleihend; er hat reine, wohlthätige Augen und befruchtet die Erde. Von ihr sind das erste Menschenpaar, Meschia und Meschiane, gebildet.
Der sechste Amschaspand ist der von Ahuramazdâ den Menschen zum Heil geschaffene Chordad, der König der Jahre, Monate, Tage und Zeiten. Den Reinen giebt er reines Wasser und süße Speise. Sein Tag ist heilig und der erste des Jahres.
Der siebente Amschaspand ist Amerdad, der Schutzgeist der Bäume und des Getreides, der Befruchter der Herden, welcher Früchte aller Art in Fülle spendet.
Die zweite Klasse der guten Geister sind die Izeds. Ahuramazdâ hat sie geschaffen zum Segen der Welt, zu Richtern und Schutzaugen des reinen Volks. Der Mensch muß ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und Tage sind unter die Amschaspands und Izeds verteilt, und selbst die fünf Abschnitte des Tages und die fünf Schalttage werden als unter besondere Ized stehend gedacht. Jeder höhere Geist hat niedriger stehende zu Begleitern; so ist Ahuramazdâ von den Amschaspands, und diese sind von den Izeds begleitet.
Folgendes ist die Stufenleiter der Izeds nach den Zendbüchern:
1. Mithra (auch Meher), der Höchste und Glanzreichste aller Izeds, wird mit der Sonne angerufen, ohne die Sonne selbst zu sein. Er glänzt wie der Mond, ist hocherhaben wie Taschter[163], hebt seine Hände auf zu Ahuramazdâ, dem König der Welt. Er ist mit tausend Ohren und Augen der Schutzwächter und Segner aller Menschen und Geschöpfe, und spricht die Wahrheit in den Versammlungen der Izeds. Er segnet Iran mit Friede und Glück, giebt der Erde Licht und Sonne und vertreibt die Druschts.[164]
2. Korschid (die Sonne) ist groß, unsterblich, Ahuramazdâs Auge. Er hat vier Pferde und vollendet seinen Lauf in 365 Tagen wie ein Held.
3. Aban, Ized des Wassers.
4. Ader, Ized des Feuers; er giebt Glanz, und sein Name bezeichnet alle göttlichen Feuererscheinungen, welche sich den Menschen gezeigt haben.
5. Anahid (Venus), die Bewahrerin des Samens Zoroasters.
6. Amiran, das von Gott geschaffene Urlicht; der Urheber des Lichtes des menschlichen Leibes.
7. Ard, giebt Weisheit, Größe, Edelmuth, Glanz, Güter; er wird mit dem weiblichen Ized Aesching oder Aschehing identificirt, welcher Gesundheit, tägliche Nahrung und Freuden spendet.
8. Arduisur, ein weiblicher Ized, kommt den Toten zu Hilfe, hat einen jungfräulichen Leib, heißt die Tochter Ahuramazdâs und ist das von Ahuramazdâs Thron ausfließende Wasser; von Arduisur kommen alle Wasser unter dem Himmel.
9. Aschtad ist der Ized des Überflusses, Oschens Mitgehülfe. Sein Sitz ist der Berg des Lebens. Von da wacht er über die Erde und hilft das Tagewerk der Menschen vollbringen.
10. Asman, der Himmel, schützt wider den Duzakh.
11. Barzo ist der Schutzgeist von Bordj, woher die Wasser ausströmen. Taschters Gehilfe bei der Austeilung des Wassers auf der Erde.
12. Behram, der lebendigste aller Izeds, besitzt einen himmlischen Körper, dessen Glanz von Ahuramazdâ kommt. Derselbe hat ihn auch zum König der Wesen gesetzt, welche er alle wie Feuer durchdringt. Er erscheint im Winde und unter allerlei Tiergestalten.
13. Dahman ist der Segen der Geschöpfe und des gerechten Menschen, dessen Seele er von Seroschs Händen nimmt und in den Himmel trägt.
14. Din, Ized des Gesetzes, giebt Wissenschaft.
15. Farvardin, der Herr des ersten Monats des Jahres und des neunzehnten Tags eines jeden Monats, giebt Kraft und Licht.
16. Gosch, giebt alle Güter, Unsterblichkeit, Reinigkeit; er vermehrt die Wesen, die Kinder des Verdienstes, welche für das Gesetz mit Eifer brennen; er verleiht die Freundschaft der Gerechten, vertreibt die Dews und hilft die Dewsanbeter besiegen.
17. Goschorun ist der Ized der Herden und die Seele der Tiere; er seufzt und klagt vor Ahuramazdâ und bittet um Erlösung vom Dew Eschem.
18. Mah (der Mond) ist ein weiblicher Ized und schützt den Keim des Stiers; er geht von Albordj aus, giebt Wärme, Geist und Frieden. Bei seiner Fülle beginnt alles zu grünen und zu wachsen; er ist wohlthätig und giebt allen Herden Samen.
19. Mansrespand, der Ized als göttliches Wort, ist der Schutzwächter des Himmels. Sein Glanz ist rein, und was er sehen läßt, ist gut.
20. Neriosengh, der Ized des Feuers zu königlichem Mut und des Friedens, schützt den Gerechten nach Gottes Willen; er schützt zwei Teile zu Kaiomorts Samen, zum männlichen Gliede und zur Seele.
21. Parvand ist ein weiblicher Ized.
22. Rameschne-kharan ist der Ized des Glücks, der reine dauernde Freuden giebt.
23. Raschne-rast, der Ized der Wahrheit und Redlichkeit, ist herrlich und weise, sieht scharf und weit und schützt die Erde. Zehntausende himmlischer Geister begleiten ihn; er hat tausend Kräfte und zehntausend Augen.
24. Serosch ist der Ahuramazdâ der Erde, weil er ihr König ist. Er ist auf dem Gipfel der Welt über alles erhaben, lebendig und der wirksamste aller Izeds, der gehorsamste und am meisten thätige. Er ist der Menschen Schutz, und durch seinen Dienst haben sie das Gesetz.
25. Taschter. Sein Auge ist Gerechtigkeit und Güte. Er ist der Ized des Regens und erscheint unter mancherlei Gestalten, als Jüngling, als mutiges Pferd usw.; er belebt die ganze Natur durch fruchtbare Gewässer und Regen.
26. Vad, der Ized des Windes, giebt Kraft und Mut.
27. Venant, Ized des Rigel[165], schützt im Mittage und giebt Kraft und Gesundheit.
28. Zemiad giebt ewigen Thron, thut alles Gute, wenn sie gepflegt wird, und ist ein weiblicher Ized.[166]
So viel über die himmlische Welt.
Die sichtbare Welt, Himmel und Erde, schuf Ahuramazdâ in sechs Reihenfolgen, und die Amschaspands waren dabei thätig.
Zuerst schuf Ahuramazdâ das Licht zwischen Himmel und Erde, die Fixsterne und Planeten.
Alsdann schuf er das Wasser, welches die ganze Erde bedeckte, in die Tiefen der Erde stieg und durch den himmlischen Wind, der es durchdrang wie der Geist den Leib, in die Höhen getrieben wurde, damit sich Wolken bildeten. Darauf schloß Ahuramazdâ dieses Wasser ein und gab ihm die Erde zur Grenze.
Hierauf ward die Erde, bei deren Schöpfung – wie auch bei der des Wassers – Angrômainyus mit thätig war, denn diese Elemente besitzen einen Teil Finsternis, und alle Finsternis kommt von Angrômainyus. Albordj[167] wurde zuerst geboren, darauf die übrigen Gebirge. Albordj ist der Erde Kern, Wurzel, Herz und Nabel.
Ferner wurden die Bäume aller Art geschaffen. Im Anfang ließ Ahuramazdâ einen Baum erstehen, aber der war dürr. Aber der Amschaspand Amerdad, welchem Ahuramazdâ die Bäume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baumes, als Taschter über die ganze Erde Regen ausgoß, in Taschters Wasser. Darauf wuchsen Bäume aus der Erde wie Haare auf des Menschen Haupt.
Zum Fünften wurden die Tiere geschaffen. Zuerst wurde der Stier gebildet. Dieser starb, und aus seinem Schweif gingen fünfzig Heilpflanzen hervor, die sich auf Erden mehrten. Die Izeds brachten den Samen dieses Stieres in den Mondhimmel, durch dessen Licht er gereinigt wurde, so daß Ahuramazdâ einen neuen, schönen Körper daraus bildete, den er belebte. Hieraus wurde ein neues Paar erzeugt, welches Vater und Mutter aller Tiergeschlechter wurde, die auf Erden sind, der Vögel in den Wolken und der Fische im Wasser.
Am Ende wurde der Mensch geschaffen, dessen Keim ebenfalls dem Urstier, dem Vorbild aller lebenden und sich bewegenden Geschöpfe entstammt. Der Urvater der Menschheit war Kaiomorts.[168] Er war lichtglänzend mit zum Himmel schauenden Augen, rein durch seinen Feruer und lebte noch dreißig Jahre nach dem Tode des Urstiers. Als er starb, weissagte er den künftigen Triumph des Menschengeschlechts über Angrômainyus. Bei seinem Tod ließ er seinen Samen zurück, den die Sonne reinigen, und von welchen Neriosengh zwei Teile und Sapandomad den dritten aufbewahren mußte. Aus diesem Samen erwuchs der Baum Reivas aus der Erde, welcher ein Zwitter[169] war, anzusehen, wie zwei, die aufs Innigste vereinigt sind. Ahuramazdâ bildete diesen Baum zum Doppelmenschen um, worauf er anstatt Früchte zehn Menschenpaare trug. Das erste Paar war Meschia und Meschiane, die Stammeltern des Menschengeschlechts. Sie waren anfangs rein und unschuldig, und der Himmel sollte ihnen werden, wenn sie rein wären in Gedanken, rein und demütig im Herzen, rein in ihren Thaten. Anfangs waren sie das und erkannten Ahuramazdâ als den einzigen Schöpfer aller Dinge und beteten auch keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, da Angrômainyus Gewalt hatte, Böses unter das Gute zu mischen, und so wurde zuerst das Weib Meschiane und darauf Meschia von Angrômainyus, der sich der Gedanken und Begierden ihres Herzens bemächtigt hatte, verführt, und beide wurden Darvands (Sünder). Jedoch vermehrte sich ihr Geschlecht durch immer neue Zeugungen.
Als Ahuramazdâ seine Schöpfung vollendet hatte, feierte er ihr zu Ehren die himmlischen Gahanbars.[170]
Von der Lichtwelt Ahuramazdâs wenden wir uns zur finstern Welt des Angrômainyus.
Angrômainyus, der grundarge Feind Ahuramazdâs und alles Guten, gedachte, sobald er nur könne, eine Reihe von Wesen zu schaffen, die ihm ähnlich sind, Feinde Ahuramazdâs und aller reinen und guten Geschöpfe wie er, und die wie Angrômainyus aus dem innern Quell der Bosheit und Feindschaft an Zerrüttung der Welt Ahuramazdâs arbeiten. Wie auf Erden Tier gegen Tier ist, so ist im Reiche der unsichtbaren Wesen Geist gegen Geist. Die ersten sieben Dews sind das im Reiche der Finsternis, was die Amschaspands im Reiche des Lichts sind. Jeder hat seinen besondern Namen und einen besondern Widersacher unter den Amschaspands, mit dem er zunächst zu kämpfen hat. Die sieben Erzdews[171] sind an die sieben Planeten gekettet. Sie kommen von Norden, sind männlichen und weiblichen Geschlechts, und alle Übel kommen von ihnen. Jeder ist eine besondere Quelle eines besonderen Übels; andere Dews wiederum sind deren Gehilfen, gerade so wie die Amschaspands ihre Gehilfen (Hamkars) an den Izeds, und diese wieder an den geringeren Izeds besitzen. Sie erscheinen unter allerlei Gestalten auf der Erde, als Schlange, Mensch, Wolf, Fliege &c.
Am Ende der Welt und Zeit sollen alle Dews bis auf Angrômainyus ausgerottet werden.
Ihre Zahl ist – wie die der guten Geister – über zehntausendmal zehntausend.
Folgende sind die wichtigsten:
1. Akuman, welcher unter allen Dews zuerst von Angrômainyus geschaffen wurde. Er ist der Widersacher Bahmans, in seinen Gedanken ganz Gift und der häßlichste der Dews. Er plagt vorzüglich die gut und edel lebenden Menschen.
2. Aresch, der Dew des Neids.
3. Aschmogh, raubt alles Gute von der Erde und bringt dafür alles Böse. Das Wort der Wahrheit ist ihm wegen seiner außerordentlichen Grundbosheit unerträglich. Er heißt auch die zweifüßige Schlange.
4. Astuiad, der Dew des Todes, raubt den Toten die Seele.
5. Boete besitzt und lähmt die Gelenke des menschlichen Leibes.
6. Derevesch ist der Dew der Armut.
7. Djadu ist der Dew der Magie.
Dies sind die sieben Erzdews. Weiter folgen:
8. Dje, Dew der Unreinigkeit.
9. Eghetesch, Dew der Zerrüttung des Herzens.
10. Eschem, Dew des Neides, Goschoruns Widersacher.
11. Epeosche, erscheint in Gestalt eines Pferdes.
12. Kesosch, giebt Zwerggestalt.
13. Khevezo ist der Besitzer der Toten.
14. Khiveh ist der Feind des Feuers und Wassers.
15. Xonde ist der Dew der Trunkenheit.
16. Nesosch besitzt ein ganzes Heer von Dews, die nach Norden schwärmen.
17. Pretesch ist der Dew aller Falschheit und Lästerung.
18. Sor ist Seroschs Widersacher.
19. Vaziresch besitzt die Toten.
20. Vato ist der Dew der Ungewitter.
21. Verin ist der Dew der Regengüsse.
22. Zaretsch ist der Allverderber.
Dies sind die wichtigsten Dews. Fast jedes Laster, jede böse Neigung, jede Plage und Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthäter unter den Amschaspands und Izeds hat mit vielen und namentlich mit dem ihm entgegengesetzten Erzdew zu kämpfen.
Die neun Häupter der Druschts sind:
1. Angrômainyus, der Widersacher Ahuramazdâs.
2. Akuman, der Widersacher Bahmans.
3. Ander, der Nebenbuhler Ardibeheschts.
4. Savel, der Nebenbuhler Schahrivers.
5. Tarmad, der Gegner Sapandomads, der Druscht des Stolzes.
6. Tarik, der Gegner Chordads.
7. Zaretsch, der Gegner Amerdads.
8. Eschem, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthätigkeit, Gegner des Serosch, Dämon der Grausamkeit, welcher Ahuramazdâs Volk mit ganz besonderem Grimm bekämpft.
9. Aschmogh, raubt alle Güter, schwächt und kränkt die Menschen und verursacht alle Übel der Erde. Er weiß, daß Avesta das wahre Gesetz Ahuramazdâs ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit dasselbe auszuüben.
In dem beständigen Kampf der guten und bösen Geister, Menschen und Kräfte, liegt nun die Mischung des Guten und Bösen, wie sie in der Welt in Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von Ahuramazdâ und führt wieder zu ihm zurück. Die Thätigkeit eines jeden Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die „unbegrenzte Zeit[172]“. – Ebenso verhält es sich mit dem Bösen. „Die Welt der Übel“ ist unter gute und böse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt. Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und Angrômainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der Anhänger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazdâs, welcher nicht sündigen kann, ohne alle guten Izeds zu betrüben, die Kräfte des Guten in der Welt Ahuramazdâs zu schwächen, und keine Todsünde begehen, ohne selbst ein Darvand, ein Glied der Welt des Angrômainyus zu werden.
Der Tod ist durch Angrômainyus durch die Sünde des ersten Menschenpaares in die Welt gebracht worden. Er erlöst den Anhänger Zoroasters von seinem Streit gegen Angrômainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und rüstig durch Tilgung des Bösen gegen Angrômainyus und die Dews kämpfte, so hat er vom Tod nichts zu fürchten. Er geht über die Brücke Tschinvad zur Ruhe und Seligkeit ein.
Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner Seele bemächtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die große Brücke Tschinvad, welche die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier untersuchen Ahuramazdâ und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen ihn, wenn sich Gutes und Böses annähernd die Wage halten, zu einem Mittelaufenthalt bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder weniger selig oder von Unseligkeit und Angst erfüllt ist.[173] – Spricht Ahuramazdâ Lob und Preis über des Menschen Leben, so wird er von den heiligen Izeds über die Brücke in das Land der Freuden geführt, wo er einer fröhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht über die Brücke und muß in den Duzakh, den seine Thaten verdienen.
Zuletzt erfolgt die Auferstehung der Toten. Gute und Böse sollen auferstehen, und Erde und Flüsse sollen die Gebeine der Menschen wiedergeben. Ahuramazdâ will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern überziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Böse zu Bösen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der „anbeginnlosen Zeit“ festgestellten Ratschluß Versuche, den Sündern die Thore Gorotmans aufzuschließen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh geläutert und gedemütigt worden sind, so müssen sie durch Feuerströme geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann genießen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des Angrômainyus ist zertrümmert und das des Ahuramazdâ Alles in Allem geworden. Das Gesetz Ahuramazdâs herrscht allein im Weltall und ist das alleinige Element, in dem die Geschöpfe aller Stufen und Arten leben und weben. Ahuramazdâ, im Gefolge die Amschaspands, und Angrômainyus, von den vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvâna-akarana die Opfer ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit.
Zweites Kapitel. Der zoroastrische Kultus.
Die Anbetung Ahuramazdâs, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tödlicher Haß gegen Angrômainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des Avestabekenners.
Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie sind die causa movens des Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhänger Zoroasters muß alles Gute, die sichtbare und unsichtbare Lichtschöpfung Ahuramazdâs lieben, das Reich des Angrômainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und moralisches Übel zu bekämpfen ist.
Ahuramazdâ ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religiöses System ein Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazdâs, wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenuß und Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts.
Die Erkenntnis Ahuramazdâs ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazdâ würde alles Nacht sein, tot und öde, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Güte zu wachsen.
Ahuramazdâ muß erkannt werden als Gott und Schöpfer aller guten Wesen. Er ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Güte und Urwort. Aus ihm strömt Licht, Leben, Geist, Kraft, Güte und Wahrheit über das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er muß erkannt werden als der allein alles Belebende, der alles zu Licht und Leben macht und Güte und Seligkeit zu erkennen und genießen giebt.
Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschöpfe Ahuramazdâs hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazdâs, durch seine belebende Geisteskraft. Selbst Bahman, der höchste Amschaspand und seinem Wesen nach Ahuramazdâ am nächsten stehend, bekennt in seinen Lobgesängen, daß er seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von Ahuramazdâ habe.
So muß Ahuramazdâ erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen, die ihn erkennen können.
Die Verehrung Ahuramazdâs muß aber zur That, zu lebendigen Handlungen werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterlaß leuchtet, wärmt, belebt und wirksam ist, muß die ganze Empfindung durchdrungen haben und thätig sein. Obgleich Zoroaster in der heiligen Höhle seinen Geist nach orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so gebietet er doch unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abtötung des Leibes, um durch Versenkung in die Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit und reger Dienst des Göttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einfluß auf die Völker der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gänzlich zuwider ist.
Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazdâs mit allen in ihr lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist gut. Zoroaster faßt alles, was im einzelnen Wahrheit, Güte, Liebe, Leben, Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum schreibt er auch allen Wesen einen Glanz, einen Lichtschein zu, dem Baume wie dem edlen Menschen, dem nützlichen Tier wie dem Amschaspand. In allen Wesen und Geschöpfen Ahuramazdâs ist Licht, und der Glanz eines Geschöpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Maßgabe der Beschaffenheit dieser Funken ist der Grad des Glanzes größer oder geringer. In Ahuramazdâ vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der höchste und vollkommenste. Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazdâ in seiner Schöpfung zu verherrlichen, so muß der Parse alles vom Schöpfer des Lichts kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefällig zu machen suchen. Vor allen Dingen aber muß er Ahuramazdâ in Gedanken, Worten und Thaten anbeten. Kein Wesen darf er gleich Ahuramazdâ verehren außer Zrvâna-akarana, die zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.
Nach dem Schöpfer alles Guten muß aber sein Geschöpf, die Welt, wie sie von den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Würde und Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt enthält, soweit sie gut ist, lauter Söhne Ahuramazdâs, von Ahuramazdâ geliebte Geschöpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, über die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die ersten Abdrücke Ahuramazdâs, die Nächsten seines Glanzes und die Ersten an seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden die besonderen Eigenschaften eines jeden gerühmt, und sie werden um Schutz, Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazdâ die verschiedenen Teile der Schöpfung anvertraut hat.
Hieraus, wie aus den übrigen Anrufungen der Geschöpfe ergiebt sich, worin deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, daß ein jedes Geschöpf für das erkannt wird, was es ist, daß dies in der Form eines Gebetes bekannt wird, und daß man von jedem Geschöpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazdâ anbefohlen ist.