Zweites Buch. Der Occultismus der Meder und Perser. (continued 2)
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Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder bösen Eigenschaften der Dinge in guten oder bösen geistigen Wesen und glaubt z. B. seine Dankbarkeit für die wohlthätigen Eigenschaften des Wassers nicht besser beweisen zu können, als wenn er dieselben in einem an den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen Ahuramazdâ ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthätige Wirkungen erbittet.
Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre Eigenschaften wie Funktionen und – wenn es Himmelskörper sind – auf die Zeit ihrer Erscheinung. So wird z. B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der Mond aber bei Tag und bei Nacht.
Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfüllt, wird als sichtbares Bild Ahuramazdâs angerufen, als König des Himmels, der ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.
Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet geht dahin, daß Ahuramazdâ seinen Glanz erhöhen wolle wie der Sonne Glanz, und das Abendgebet, daß der Beter durch Ahuramazdâs und aller Izeds Schutz seinen Lebenslauf vollenden möge wie der himmlische Glanzkönig, um in Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft über die ganze Natur ausgießt, als Urheber des Friedens, als mächtiger Streiter wider alle Dews des Streites, des Krieges und der Zerrüttung. Endlich richtet der Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll. Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazdâ gepriesen, und der Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.
Endlich wird alles von Ahuramazdâ kommende gepriesen: Feuer, Wasser und Bäume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt.
Nach der Anbetung Ahuramazdâs und der Hochschätzung aller wohlthätigen und reinen Geschöpfe befiehlt der Zendavesta die Ausübung des Guten in Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im ganzen Verhalten des äußern und innern Menschen wie Licht sein und wirken. Dies ist der beste Beweis für die zu Ahuramazdâ getragene Liebe. Er soll wirken wie das Licht, d. h. wie Ahuramazdâ, die Amschaspands, die Izeds, wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazdâ sich gefällt, weil sie ihm ähnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Güte ein Mensch in seinem Wesen ausdrückt, um so näher sind ihm die himmlischen Geister, um so mehr können sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem Geist muß man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds alles mit Wohlthätigkeit segnen, so muß der Mensch die Natur zu veredeln und überall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer, bepflanzt die Wüste mit Bäumen, tränkt die Erde und besäet sie zur Freude der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt für die Nahrung und Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein wohlthätiges Licht erleuchte, daß das Wüste fruchtbar werde, das Schwache stark und das Tote lebendig.
Der zweite Teil des Ahuramazdâdienstes besteht im Streit gegen Angrômainyus und seine Anhänger, im Haß gegen alles Böse und der Unterdrückung des physischen und moralischen Übels. Jeder Parse muß Angrômainyus, den Thronfürsten der Finsternis, Vater alles Bösen, durch Gedanken, Wort und That, so sehr verwünschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer Angrômainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen Absichten fördert, ihre Einflüsse erleichtert und vermehrt, der ist verwünscht an Leib, Seele und Vermögen; Flüche ruhen auf ihm zu Tausenden. Zum Streit gegen Angrômainyus gehört besonders noch, daß der Anhänger Zoroasters bekenne, von Angrômainyus und den Dews komme alles Böse her.
Zu den Anhängern des Angrômainyus gehören besonders die Zauberer, welche Zoroaster als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachtet. Um so höher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr verwünscht Zoroaster ihr Thun. Sie hören und Gemeinschaft mit ihnen haben, ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude Ahuramazdâs und aller Izeds und Segen für alle Menschen und Geschöpfe.
Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, und bei jedem amschaspandähnlichem Thun möchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmächtig werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele – wie z. B. die Zoroasters – macht sie mutlos und blaßgelb. Thaten des Lichts, reine, edle Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstören. Was die Dews verheeren, muß der Anhänger Zoroasters blühend machen. Die Dews lehren den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen muß das Wort des Lebens überall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazdâs nichts als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrômainyus und sein Reich ganz That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhänger sich einfinden sollten.
Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schöpfung Ahuramazdâs, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des Lebens, sowie Zerstörung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit.
Der Anhänger Zoroasters ist nicht der Ansicht, daß er für sich und Ahuramazdâ für Alle sorgen müsse, sondern betrachtet sich als ein Glied der lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Körper in Gesundheit und Stärke blüht. Er wacht über die Mitanbeter Ahuramazdâs mit der gleichen Sorgfalt wie über sich selbst, denn je mehr durch ihn die ganze Schöpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glücklicher ist sein Zustand. So thun Ahuramazdâ wie die Izeds, und der Parse muß ihr Thun nachahmen. Ahuramazdâ, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei seiner Schöpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, daß dieselbe Licht und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit gelange, deren es fähig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren gehe, daß alles in Ahuramazdâ, dem Schöpfer und Urquell alles Lichts und aller Güte, zuletzt zusammenfließe.
Das Licht muß immer im Kampf sein mit der Finsterniß, und Ahuramazdâ mit dem zahllosen Heer seiner Kräfte ist ohne Unterlaß geschäftig, die Mächte, Wirkungen und Geschöpfe von Angrômainyus täglich zu schwächen, sein Volk zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem Übel, wo eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das tägliche Geschäft Ahuramazdâs, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch seine Kräfte in seiner Sphäre thun, was Ahuramazdâ im ganzen All seines Reiches für alle Geschöpfe und durch die ganze Fülle seiner Licht- und Lebenskräfte vollendet.
Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz eines Lebens in der ganzen Schöpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche Zoroaster dem Schöpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der Allbelebung, der Allschöpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schöpfung dringt, der in allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fühlen, thun und wachsen läßt wie der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazdâ für das All der Schöpfung ist, das soll jeder Ahuramazdâverehrer in seinem Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den großen Zweck Ahuramazdâs im Auge haben muß, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben, Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit.
Die ganze Schöpfung ist ein Wesen, worin alles in Harmonie verbunden ist von Glied zu Glied, von Ursache zu Ursache, von Wirkung zu Wirkung. Besonders werden alle Izeds, die Feruers des Lichts und alle Seelen reiner Menschen als eine lebendige Gemeinde, als das Volk Ahuramazdâs vorgestellt, worin derselbe König und Haupt ist und in allen und durch alle wirkt. Kein Geschöpf kann im Licht der Wahrheit leben und wahre Seligkeit genießen, wenn es nicht ein Teil dieser Gemeinde der Lebendigen ist. In der lebendigen Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat ein jedes Glied einen Teil der Kräfte des Alls. Diese Kräfte sind Kräfte des Lebens und kommen von Ahuramazdâ; sie müssen gebraucht werden, wozu sie dienen, zur Zerstörung des Bösen und Schaffung des Guten. Der Anhänger Zoroasters muß fortwährend Licht schaffen, sonst weicht Ahuramazdâ von ihm und er selbst hört auf ein Lebendiger zu sein. Jedes Glied der lebendigen Gemeinde hat eine von Ahuramazdâ ihm angewiesene Wirkungssphäre, welche er durch sein Licht beleuchten und den Samen seiner guten Thaten befruchten und beleben muß, sonst wird sie öde Wüste, Sphäre der Finsternis und des Todes. Der Wirkungskreis eines jeden Wesens in Ahuramazdâs Lichtwelt liegt in der Sphäre, worin er lebt. So wirkt Bahman nicht in der Sapandomads, die Sonne nicht in der des Mondes, und der Priester nicht in der Sphäre des gemeinen Parsen. Wenn ein jeder Wirkende in der Kette lebendiger Ursachen sich und was um ihn ist belebt, so ziehen alle übrigen Glieder aus seiner Fülle Lebenssaft an sich und teilen ihn wieder mit; er macht vielen ihr Wirken leicht und sie wieder ihm. Deshalb muß jeder Parse für Alle beten; der Priester muß durch die Fülle seiner guten Handlungen und durch die Erfüllung aller Pflichten Ahuramazdâ und Zoroaster nachahmen und so ein Beispiel für das Volk und zum Segen für alle Stände werden. Vom Ackerbautreibenden wird beständige Sorge für seine Ländereien und Herden begehrt, damit er ein Quell des Überflußes für Viele werde.
So wie im himmlischen Reich Ahuramazdâs jeder Ized seine Verrichtungen mit Freude und Leichtigkeit thun kann, weil sie sie alle freudig thun, so soll nach dem Zendavesta ein jedes Glied eines jeden Standes im sichtbaren Reich Ahuramazdâs auf Erden die Pflichten seiner Sphäre ganz und mit Reinigkeit, Lust und Leben thun, damit alle sie thun können, und diese Gemeinde der Ahuramazdâverehrer auf Erden ein Abbild sei der lebendigen Gemeinde des Himmels, und sie immer höher gehoben und weiter gefördert werde, bis sie im großen All des Lichtreiches von Ahuramazdâ aufgeht.
Ein jedes Glied der Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat den Zweck, vollkommen zu werden; aber wie die Vollkommenheit des Auges nicht die Vollkommenheit des Ohrs ist oder der Hand oder des Fußes, so hat auch in der lebendigen Gemeinde jeder Obere wie jeder Untergeordnete eines jeden Standes eine besondere Bestimmung, und im besten Erreichen seiner Bestimmung besteht seine Vollkommenheit, darin beruht sein Glanz, seine Güte, sein Leben und sein Licht. Und obgleich der Glanz des Kriegers nicht wie der Glanz des Priesters, noch der Glanz des Unterthanen wie der Glanz des Königs, so hat doch ein jeder seine Vollkommenheit, und darin beruht sein Ruhm und Glanz. Wenn alle sind, was sie sein sollen, so fließt daraus die Verherrlichung Ahuramazdâs wie die Lichtwerdung der ganzen guten Welt. Alsdann freut sich die ganze Gemeinde im Lebensgenuß, ein jedes Glied im Leben aller genießt und giebt zu genießen, jedes für alle und alle für jedes.
Es soll also jeder Anhänger Zoroasters als Glied der lebendigen Gemeinde die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben sowohl für sich in dieser Welt dadurch, daß er sich von allem Bösen des Leibes und der Seele reinigt, Angrômainyus und seine Diener im ganzen Reich der Finsternis bestreitet, Licht wird und Licht schafft; und in der künftigen Welt, daß er als treuer Diener Ahuramazdâs ewiges Leben genieße, ewig Ahuramazdâ gefalle, und im Licht lebe und webe. Er soll aber auch die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben für Andere, daß er die ganze Schöpfung verehre, in ihr Ahuramazdâ überall finde und mit sich die Geschöpfe verschiedener Art veredle, die Geister nach ihrer Hoheit, nach ihrem verschiedenen Glanz, nach ihrer mannigfaltigen Wohlthätigkeit rühme und hoch erhebe und in ihnen lebendige Muster seines ganzen Verhaltens erkenne. Die Menschen verehre und veredle er dadurch, daß er für ihr Heil in diesem und jenem Leben sorge, für sie bete und über sie wache, damit sie ihre Pflichten thun. Er nähre die Tiere, ziehe sie auf und sorge, daß alle guten Geschöpfe auf Erden sich vermehren und die Elemente rein erhalten bleiben, damit von Tag zu Tag alles in Licht und Reinheit, Lebensgenuß, Güte, Freude wachse, und er mit allem, was ihn umgiebt, von Tag zu Tag edler werde und von Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, von der Materie zum Geist sich entwickle und alles mit sich emporhebe in die Nähe Ahuramazdâs, damit alles eins werde und eine Seligkeit des Lebens genieße.
Zur Erreichung dieses Zwecks schrieb Zoroaster einen Kultus vor, dessen genaue und sorgfältige Ausübung das Mittel dazu ist.
Zoroasters Gesetz ist der Körper des Urworts[175], das vor allen Wesen war, und ist als fortwährend schaffende göttliche Geistessprache im Zendavesta wahrhaftig aufbehalten. Das Wort war das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. Es ist eins mit der Lebenskraft und dem göttlichen Wesen, insofern es ganz Licht, Geist und Kraft des Lebens ist und alles belebt, sobald Ahuramazdâ haucht. Insofern Gottes Natur ganz Leben und Lebenskraft ist und weder von Anfang noch von Ende weiß, heißt Gott das Urwort, und insofern Gottes Geist dieses Wort spricht und durch dieses Sprechen außer sich andern Wesen außer sich Sein, Leben und Wirksamkeit, d. h. Licht mitteilt, heißt dieses Sprechen Gottes auch Wort, Wort der Belebung, lebendige Geistessprache Gottes. Die Sprache Gottes ist blos geistig, ein unsichtbarer Zug der göttlichen Willenskraft, der aus dem Mittelpunkt der Gottheit in die Izeds übergeht und zugleich die Kraft zu beleben und zu schaffen mit sich führt. Diese Sprache verstehen die Izeds vollkommen, denn sie ist die unmittelbare Anschauung der Dinge, das Gefühl des Willens, wie es in Gott war und das aus Gott in sie überging, was keine Menschenzunge aussprechen kann. Die Izeds und Feruers selbst reden unter sich diese Sprache innerer Empfindung und Anschauung, die Menschen aber sprechen mit dem von der Zunge gefaßten Wort miteinander, darum wissen sie auch nicht, wie Gott spricht, und was die Sprache und das Wort Gottes ist. Dieses Wort heißt auch das erste Gesetz, die höchste Weisheit, Ahuramazdâs ursprünglichstes Element, das mit dem Urlicht so zu sagen eins ist, der Ausfluß und die Seele Ahuramazdâs, denn es enthält gewissermaßen die wahren Elemente Gottes; es ist das ewige „Ich bin“, vor dem Beginn aller Dinge vorhanden, ewig die Vollkommenheit selbst, Licht, schrecklich, lebendig und schnell. Ahuramazdâ sprach es, und alle Wesen wurden. Er spricht es von Augenblick zu Augenblick, und dadurch kommt aller Überfluß, alles Gute, aller Samen des Lichts in die Welt; alle Dinge in der Welt sind nur ausgesprochene Worte Ahuramazdâs. Wie Ahuramazdâ das Wort der unbegrenzten Ewigkeit ist, so ist die ganze Welt sein Wort, und alles, was die Izeds wirken, ist ihr Wort.
Dieses Wort wurde unter der Hülle des Gesetzes den Menschen offenbart, oder – besser gesagt: der Schöpfer aller Dinge wollte den Menschen Erkenntnis und Licht der Natur der ewigen und in jedem Augenblick neu schaffenden Gottheit geben und redete deshalb zu den Menschen in menschlicher Sprache, die sie verstehen konnten, und so wurde das Gesetz, das im Zendavesta, das himmlische, göttliche Gesetz genannt wird, das Gesetz des Lichts, der Wahrheit und des Lebens.
Die Gottheit hat sich schon vor Zoroaster offenbart und offenbart sich nach ihm, aber Zoroaster ist ihr vornehmster Prophet.
Der Hauptinhalt des ganzen Gesetzes besteht in den Worten: Du mußt Ahuramazdâ, den König der ganzen Welt, erkennen in Reinheit, seine Schöpfung hochschätzen, Zoroaster für den wahren Propheten Gottes halten und das Reich des Angrômainyus zerstören. Die Menschen sollen Gutes thun wie der erste der Amschaspands, weise sein in ihrem Verstand, wahrhaftig in der Rede, groß, edel und verstandvoll in ihrem Thun und Lassen.
Die einzelnen Vorschriften des Gesetzes bezwecken Ahuramazdâs Reich im einzelnen und im ganzen zu verschönern, Licht, Leben, Wahrheit und Seligkeit überall auszubreiten, und sind entweder moralisch oder gottesdienstlich oder politisch-religiös.
Die moralischen Vorschriften beziehen sich auf die Seele, ihre inneren und äußeren Wirkungen. Hier ist das Hauptgebot die größte Reinheit des inneren und äußeren Lebens, Reinheit des Gedankens, Reinheit des Worts und der That. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innern der That.
Die Reinheit des Gedankens, aus welcher Reinheit der Rede und der That entspringt, ist die Richtschnur, nach welcher die Handlungen bemessen und beurteilt werden müssen. Die Reinheit des Gedankens verdammt alle bösen Begierden, welche aus den Keimen Duzakhs entspringen. Jede unreine Lust hat ihren eigenen Dew, wie jede Vollkommenheit und Tugend ihren besonderen Ized. Jeder unreine Gedanke betrübt die Izeds und hindert sie dieser Seele zu dienen, er schwächt das Licht und Leben der Seele und macht, daß die Dews sich freuen und mehr Gewalt bekommen.
Die Reinheit des Worts besteht in der Güte und Wahrheit der Rede, in der Harmonie zwischen Gedanken und Wort, Zunge und Herz. In der Bezeichnung Reinheit der Rede wird im Zendavesta alles zusammengefaßt, was in der Reinheit des Gedankens liegt, nur daß die Rede unsern Nebenmenschen versinnlicht, was im Herzen Edles, Wahres und Gutes verborgen liegt. Bekannt ist, daß die alten Schriftsteller nicht genug die Wahrheitsliebe der Perser zu rühmen wissen, und nach Herodot bedeutete die Lüge bei den Persern bürgerlichen Tod, und die Jugend wurde von früh an an die strengste Wahrheitsliebe gewöhnt. Im Zendavesta heißt es sehr oft: „Sei wahrhaftig in deinen Worten!“ und von allen Persern wird Reinheit, Edelmut, Hoheit im Denken und Wahrhaftigkeit im Reden vorzüglich verlangt. Ahuramazdâ, dessen Wort lautere Wahrheit ist, wird beständig als Muster aller Muster gepriesen, und Mithra ist der spezielle Ized der Wahrheit in der lebendigen Gemeinde; er ist der Schutzengel der Wahrheit, der Einigkeit und des Friedens. Die Lüge gilt im Zendavesta als das Häßlichste, wodurch der Mensch zum Dew wird; Angrômainyus ist der Erzlügner und Vater aller Lügen.
Die Reinheit der That oder Gerechtigkeit ist der Tugendgeist und die Lichtabsicht der Handlungen. Wie alles zwischen Ahuramazdâs und Angrômainyus Reich, zwischen Licht und Finsternis, Reinheit und Unreinheit geteilt ist, so auch die Thaten. Die Handlungen haben Licht und Glanz, wenn der Geist des Gesetzes in ihnen lebt, wenn der sie erzeugende Trieb auf Ahuramazdâ und die Verherrlichung seiner Schöpfung durch Vermehrung des Guten gerichtet ist. Alles dagegen, was nicht hierauf abzielt, ist das Werk der Finsternis, ein Werk von Angrômainyus. Im Zendavesta wird die Reinheit der Handlungen nicht durch viele subtile Regeln bestimmt, sondern der Unterricht ist, weil die Vorschriften für Menschen aller Stände bestimmt sind, so beschaffen, daß alle bei der Befolgung des Gesetzes wissen können, wie sie aus reinen Trieben zu handeln imstande sind. „Verehre Ahuramazdâ und sein glänzendes Volk, das er im Anfang geschaffen hat, – heißt es im Zendavesta, – wähle ihr Beispiel dir zum Muster und thue den Willen Ahuramazdâs so, wie die Izeds im Himmel ihn thun, so handelst du rein.“ – Wenn die Anhänger Zoroasters beten, so müssen sie vorher in demütiger Reue ihre Sünden bekennen, wodurch das Herz erleichtert und zum Gebet gereinigt wird. Beim Spenden der Almosen, das den Parsen oft und dringend geboten wird, müssen sie beständig an Ahuramazdâ und die Izeds gedenken und betrachten, wie wohlthätig dieselben sind. Mit größter Bereitwilligkeit des Herzens soll ein Parse dem andern wohlthun, der Reiche den Armen speisen, weil auch dieser ein Verehrer Ahuramazdâs ist, weil alle im Gorotman eins zu werden hoffen, und weil Ahuramazdâ und die Amschaspands sich vorzüglich der Notleidenden annehmen. – Der König soll hauptsächlich dahin streben, daß sein Thun und Lassen rein sei, wozu gehört, daß er seinem Volk sei, was Ahuramazdâ der ganzen Welt ist, Ernährer und Vater der Armen und Betrübten, der Schützer und Helfer der Gerechten, daß er ihnen viel Freude mache und mit seiner ganzen Gewalt das Böse unterdrücke, daß er seine Macht und Würde allein als Ahuramazdâs Geschenk trage und sie nur zum Wohlthun benutze. Weiterhin wird allen Ständen die Nachahmung Ahuramazdâs und seiner Izeds anbefohlen, und jeder Stand hat einen besondern Ized, den er vorzugsweise nachahmen soll, und wenn er dies befolgt, so trägt sein Thun zur Verherrlichung und Lichtwerdung der Schöpfung Ahuramazdâs bei, was der Zweck der Lebensthätigkeit eines jeden Geschöpfs sein soll. Jede darauf hinzielende That ist rein, und je reicher jemand an reinen Thaten ist, desto ähnlicher ist er Ahuramazdâ und seinen Lichtgeschöpfen.
Diese Reinigkeit des Herzens und der That ist das Endziel aller Parsen, und wer sie besitzt, der soll Tag und Nacht dahin wirken, daß ihr Samen sich vermehre. Ist erst jemand durch die Reinheit des Gedankens, des Worts und der That so weit gereinigt, daß er nichts als Gutes thut und – als Mensch auf Erden betrachtet – ganz Licht ist und immer mit ganzem Herzen Ahuramazdâ anbeten kann, dessen Gewalt ist so groß, daß alle Darvands, Druschts und Dews vor ihm fliehen müssen, daß er sie durch seinen Willen, sein Gebet und das Licht seiner Thaten vollständig ohnmächtig macht. Jedoch soll niemand glauben, daß er ohne die Kraft und den Beistand Ahuramazdâs, der Izeds und namentlich Mithras sich in der Reinheit der Seele erhalten könne.
Vorzugsweise soll der Parse die Sprache und die Kraft zu wirken heilig halten, denn beide sind Ahuramazdâs Geschenke und die Mittel, wodurch der Mensch Größe, Edelmut und Thatkraft im Dienste Ahuramazdâs beweisen und vermehren kann.
Zur Erhaltung der Reinheit der Seele dient in erster Linie der Gebrauch des Gesetzes. Das Lesen des Zendavesta ist eine der notwendigsten Pflichten, und ein dem Urwort gebrachtes Opfer ist eine tägliche Nahrung der Seele, ohne welche ihr Licht zu Finsternis wird. Nur durch dieses Opfer erhält sich der Anhänger Zoroasters im Besitz des lebendigen Worts.
Außer dem Lesen des Gesetzes ist das Gebet die heiligste Pflicht der Ahuramazdâverehrer und unumgänglich notwendig, weil dieselben mit den täglichen Anläufen Angrômainyus und seiner Diener sowie mit den Lockungen zum Bösen kämpfen müssen, welche nicht anders als durch das Gebet zu überwinden sind. Das Gebet verleiht neue Kraft und neuen Eifer zum Streit gegen das Böse und zum Streben nach dem Guten. Es erweckt den hohen Gedanken, daß jeder Anhänger Zoroasters für Ahuramazdâ kämpfe, täglich in der Seele von neuem und erhebt das Herz zum Himmel. Ohne das Gebet können die Geister in ihrer Sphäre das nicht wirken, wozu sie geschaffen sind und wovon die Diener Ahuramazdâs alles Gute erhoffen müssen.
Die Beschaffenheit des Gebets ist im Zendavesta vorgeschrieben. Zuerst legt der Parse ein aufrichtiges Gebet seiner Sünden ab, deren Entstehungsarten aufgezählt werden. Alsdann beklagt er seine und aller Menschen Sünden und rühmt die grenzenlose Barmherzigkeit und Gnade Gottes, von welcher er Vergebung erhofft. Hierauf beteuert er seine Liebe zu Ahuramazdâ und seinen Haß gegen das Reich des Angrômainyus, seine Treue gegen das Gesetz und die Notwendigkeit guter Thaten. Nach diesem Sündenbekenntnis und Gelübde folgen Lobpreisungen Ahuramazdâs, der Amschaspands, Izeds und aller reinen Menschen von Kaiomorts an bis zur Auferstehung sowie aller Söhne Gottes, d. h. aller Geschöpfe, in denen Leben und Spuren von Ahuramazdâs Geist zu finden sind.
Die Parsen beten nicht nur für sich, sondern für alle reinen Menschen, welche den Schöpfer der Natur erkennen und verehren auf allen Teilen der Erde. Besonders ist der Priester verbunden, für sich und alle zu beten: für den König, den Ahuramazdâ über sein Volk gesetzt hat und so herab bis auf alle Menschen, die noch bis an das Ende der Welt in Ahuramazdâs Reich leben werden; er betet ferner für die Seelen und Feruer, gleichviel ob dieselben auf Erden bereits verkörpert waren oder nicht. Damit das Gebet eine größere innere Energie habe, vereinigt es der Priester mit dem Gebet aller reinen Menschen auf der ganzen Erde, die gelebt haben, leben und bis zur Auferstehung leben werden.
Ein Ahuramazdâdiener betet für Alle, und Alle für Einen. Der Priester bekennt, daß er Teil nehme an den guten Werken aller von Ahuramazdâ geliebten Seelen, wie sie umgekehrt alle an den Früchten seiner eigenen guten Thaten teilnehmen.
Ebenso atmen alle religiösen Ceremonien und liturgischen Formen den Geist der Gemeinsamkeit.
Unter den eigentlichen gottesdienstlichen Gebräuchen und Riten ist in erster Linie der Feuerdienst zu nennen. Die Parsen glauben nämlich an ein Urfeuer und ein materielles Feuer, welches letztere ein Bild vom Ersteren ist. Jenes ist von Ewigkeit, und dieses ist aus jenem entstanden. Das Urfeuer ist das Band der Vereinigung und den in Zrvâna-akarana verschlungenen Wesen; es ist der Samen, aus welchem Ahuramazdâ alle Wesen erzeugt hat und was Ahuramazdâ durch sein Feuer erzeugt ist sein Sohn. Deshalb heißen die Amschaspands, Izeds, Feruer, Sterne, Menschen, Tiere und Pflanzen, alle Söhne Gottes, weil alle diese Wesen etwas vom Samen der Allschöpfung und Allbelebung in sich tragen und dadurch sind, was sie sind. Das Urfeuer hat sich von Anfang an unter verschiedenen Gestalten hier auf Erden zu erkennen gegeben, teils in sichtbaren Feuererscheinungen, teils in unsichtbaren Wirkungen seiner Kraft in den Geschöpfen. Alle großen Thaten, alle Heldenthaten, alle Weisheit und alle Weissagung werden der Kraft des Urfeuers zugeschrieben. Je reiner und stärker das Feuer ist, durch welches die Menschen belebt werden, desto reiner, stärker und geistiger sind ihre Wirkungen.
Das Urfeuer war von Ewigkeit in der unendlichen Gottheit und gab allen Geschöpfen ihr Wesen, und das durch jenes entstandene und in alle Wesen übergegangene Feuer, welches nun in Millionen und aber Millionen von Geschöpfen unter den verschiedensten Äußerungen und Wirkungsarten das einzige allschaffende, allwirkende und allbelebende Prinzip ist, das Mittel, durch welches Ahuramazdâ die ganze Schöpfung in Leben und Bewegung erhält. Das Feuer ist also der Ausfluß des Geistes und der Kraft Gottes, das reinste Symbol der unaufhörlich schaffenden, allwirkenden und allbelebenden Gottheit.
Zum Ruhm dieser Kraft Gottes stiftete Zoroaster den Feuerdienst, und weil das göttliche Urfeuer unsichtbar ist, so befahl er, heilige Feuerherde, Tempel zur Feuerverehrung (Dad-gah) zu errichten. Ihr Zweck war, die Gottheit unter dem Symbol des Feuers zu verehren. Das Bild des Feuers mußte also mit aller ihm zu Grund liegenden Kraft und Hoheit der Idee den Seelen der Anhänger Zoroasters tief eingeprägt werden. Deshalb sagt Strabo[176]: „Zu welcher Gottheit die Perser auch beten mögen, sie rufen vor allen Dingen zuerst das Feuer an.“
Trotzdem verehren die Parsen das Feuer nicht als Gottheit selbst, sondern beten in ihm nur die Eigenschaften des Schöpfers an, Ahuramazdâs belebende und erzeugende Kraft. Die dem Feuer gebrachten Opfer dienen zur Unterhaltung desselben, und die an das Feuer gerichteten Gebete sind Lob- und Dankgebete für die genannten Äußerungen Ahuramazdâs. Auch die Elemente, Izeds, Sterne usw. wurden nicht als eigentliche Gottheiten verehrt, sondern als wohlthätige Kräfte, als belebte Wesen, durch welche Ahuramazdâ die Welt regiert. Wenn die griechischen Schriftsteller derartigen von den Persern verehrten Wesen Namen wie Zeus, Hestia usw. beilegen, so beweist dies nur, daß es ihnen unmöglich ist, aus dem Bannkreis ihrer Mythologie herauszukommen.
Außer dem Feuerdienst hatten die Perser noch andere rituelle Gebräuche, von denen in erster Linie die Opfergeschenke zu nennen sind. Dieselben bestanden in Miezd, Hom und Perahom genannten Kleidern für die Priester, deren Darbringung durch Gebete an Ahuramazdâ und die Izeds und das Lesen der heiligen Bücher begleitet wurde.
Einen äußerst wichtigen Teil der parsistischen Ceremonien machen die Reinigungen aus. Die Reinheit des Leibes ist das Bild der Reinheit des Herzens und dieses ist Alles in Allem. Das Herz kann aber nicht rein sein ohne Reinheit des Körpers, weshalb diese die größte Sorgfalt und Wachsamkeit erfordert. Den unreinen Körper besitzen eine Menge Dews, aber vor dem reinen müssen sie weichen. Die Menschen werden von Natur unrein geboren, denn sie stammen alle von Kaiomorts, welcher durch Angrômainyus verunreinigt ist.[177]
Aus dem Glauben an die Unreinheit des Körpers sind verschiedene rituelle Gebräuche entstanden. So das Gebot, beim Gebet und Essen den untern Teil des Angesichts mit dem Penom[178] verhüllt zu halten, weil der Speichel irgend etwas verunreinigen könne. Daher rührt auch das Gebot, nichts vom oder aus dem Körper Kommendes in das Wasser oder Feuer zu werfen; auch dürfen die Parsen beim Beten, Essen und Verrichten der Notdurft nur eine Zeichensprache reden, weil sich sonst Dews in den Körper einschleichen können, wenn sich das Gemüt nicht in gehöriger Sammlung, Stille und Wachsamkeit befindet. – Ähnliche Anschauungen gingen bekanntlich in den Talmud über.
Die Unreinheit des inneren Körpers kann nicht ganz aufgehoben werden, weshalb der Parse wenigstens für die Reinhaltung des äußeren sorgen und durch beständige Aufmerksamkeit auf alles, was verunreinigen kann, verhüten muß, daß die Unreinheit des Innern wachse. Dabei muß sein Blick sowohl auf die Außenwelt als auf sich selbst gerichtet sein, weil dies die beiden Wege sind, auf welchen sich Verunreinigungen einschleichen können. Auf die Außenwelt, damit er keinem unreinen Menschen oder Tier nahe, und daß er nichts Totes berühre, ohne die vorgeschriebenen Bräuche beobachtet zu haben. Auf sich selbst insofern, als er in allen Fällen, in welchen Dews ihn verunreinigen können, besonders wachsam auf sich ist und sich nicht durch sinnliche Gegenstände zerstreuen läßt. Ist der Mensch, was nicht zu vermeiden, verunreinigt worden, so muß er sich durch das Wasser reinigen.
Das Wasser wird im Zendavesta eben so hoch gepriesen als das Feuer. Es gehört mit zum Ursamen aller Dinge, und das reinste Himmelswasser fließt vor dem Throne Ahuramazdâs, es belebt die Natur, reinigt die Körper der Natur, giebt ihnen Nahrungssaft, Samen, Gehirn, Verstand, Mark und Kraft, Milch und Fruchtbarkeit zur Zeugung, es erneuert die Wesen und giebt Überfluß aller Art. Ahuramazdâ hat das Wasser dem Menschen zum Schutz gegen die Dews und ihre Erzeugnisse gegeben; es hat einen heiligen Ized und muß des Morgens beim Krähen der Hähne angerufen werden. Das Wasser ist – wie Feuer und Licht – Symbol alles Guten und unterstützt das Feuer in seinen Wirkungen. So wie das Feuer alle Geschöpfe durchdringt und in allen Geschöpfen Wirkungen des Lebens äußert, so auch das Wasser, welches den Lebenssaft aller Menschen, Tiere und Pflanzen enthält.
Die Parsen haben zwei heilige Wässer, Zur und Hom. Das Wasser Zur wird zu Mitternacht unter mancherlei Ceremonien und Gebeten aus gemeinem Wasser bereitet, während Hom, das Wasser des Lebens und der Unsterblichkeit, aus dem Saft des Hombaumes bereitet wird.
Die Fälle, in welchen der Parse der Wasserreinigung bedarf, sind: nach Verrichtung der Notdurft, bei Frauen nach der Menstruation, das Kind nach der Geburt, überhaupt nach jeder Verunreinigung usw. usw. Ist der Parse verhindert, sich zu reinigen, so ersetzen Reue und Gebet die Reinigung.
Auch die gesetzlichen Strafen gelten als Reinigungsmittel, und die reinigende Kraft der Todesstrafe ist so groß, daß die Sünde dadurch getilgt und der Sünder in Gorotman aufgenommen wird.
Das Fasten hält Zoroaster weder für nötig, noch für verdienstlich, noch überhaupt für erlaubt. Er befiehlt Mäßigkeit, aber der Parse soll seinen Leib pflegen, damit er Ahuramazdâ zu Ehren wirken und gegen die Dews kämpfen könne, und damit der Hunger seinen Geist nicht von der Aufmerksamkeit auf das Gesetz abziehe. Die religiösen Feste der Parsen beziehen sich auf die Schöpfung und das Naturleben überhaupt. So die sechs je fünftägigen Gahanbars auf die sechs Perioden der Schöpfung, das allerheiligste No-ruz (Neujahr) als Frühlingsfest auf die Vollendung der Schöpfung, auf den Triumph Kaiomorts über den Dew Eschem, auf die Schaffung des ersten Menschenpaares und die Neubelebung der Natur an diesem Tag. Dem No-ruz ist die Mithrafeier Mehrdjan als Herbstfest entgegengesetzt.
Drittes Kapitel. Auszug aus dem Bun-Dehesch[179], der parsistischen Kosmogonie.
Im Urbeginn wurde Ahuramazdâ und Angrômainyus das Wesen mitgeteilt. Darauf nahm die Welt ihren Anfang und was sie sein wird bis ans Ende, bis zur Wiederherstellung aller Dinge.[180] Ahuramazdâ lebt erhaben über alles mit höchster Weisheit und Heiligkeit im Lichtkreise der Welt. Dieser Lichtthron[181] Ahuramazdâs wird „das erste Licht“ genannt und ist als alles übertreffende Weisheit und Reinheit Ahuramazdâs Gesetz.
Ahuramazdâ und Angrômainyus sind im Laufe ihrer Existenz allein „das Volk der unbegrenzten Zeit“. Der wahre Schöpfer ist die Zeit, welche keine Schranken kennt, nichts über sich und keine Wurzel hat, die ewig gewesen ist und ewig sein wird. Deshalb spricht der Verständige nicht: Woher ist die Zeit gekommen? In der Größe, worin die Zeit war, war nichts Geschaffenes, das sie Schöpfer nennen konnte, denn es war noch nichts geschaffen. Darauf ward Feuer und Wasser, und aus ihrer Vereinigung Ahuramazdâ. Die Zeit war der Schöpfer und führte die Herrschaft über alle Geschöpfe. Ahuramazdâ war in der Zeit und wird sein in Ewigkeit.
Angrômainyus wohnt mit seinem Gesetz in der ersten Finsternis und war allein ihre Mitte. Die beiden Urprinzipien, in Unendlichkeit des Guten und Bösen verschlungen und ohne Grenzen der Fortdauer, wurden sichtbar durch Vermischung. Ihre Wohnungen, des großen Ahuramazdâ erstes Lichtreich und Angrômainyus Urfinsternis, waren ebenfalls ohne Grenzen. Sie lebten einsam in der Mitte dieser Abgründe, und einer näherte sich dem andern. Ein jedes dieser Wesen war durch seine Hülle begrenzt. – Angrômainyus weiß alles, wie Ahuramazdâ, und beide haben alles, was ist, geschaffen. Ahuramazdâ ist ohne Grenzen, denn er durchschaut die Schranken der Macht beider in Unendlichkeit verschlungenen Wesen. Angrômainyus ist Sklave und König.
Ahuramazdâs Volk wird bis zur Auferstehung der Toten endlos dauern, ewig wie der Lauf der Wesen.
Die Genossen des Angrômainyus werden, wenn dereinst die Toten neu belebt sind, schwinden. Er selbst wird ohne Ende sein.
Ahuramazdâ kannte durch seine ihm von der unbegrenzten Zeit gegebene allumfassende Wissenschaft das listige Unterfangen der argen Wünsche des Angrômainyus, wie er bis an das Ende der Dinge seine Werke mit den Werken des guten Wesens vermischen dürfe, und wie seine Macht sich endigen werde.
Darauf sprach Ahuramazdâ: Ich muß durch meine Macht das Volk des Himmels schaffen. Da schuf er in dreitausend Jahren den Himmel und sein Volk. Und Angrômainyus, fort und fort auf Böses sinnend zum Widerstand des Guten, war unbekümmert um das, was vorging. Angrômainyus wußte nicht, was Ahuramazdâ wußte.
Endlich erhob sich der Grundarge und näherte sich dem Licht. Wie er nun Ahuramazdâs Licht erblickte, wollte er, dem nie Gutes in den Sinn kommt, der nichts denkt, als wie er als Druscht alles schlagen und zerstören mag, er wollte das Licht verschlingen. Aber durch dessen Schönheit, Glanz, Erhabenheit geblendet, stürzte er von selbst in seine vorige dicke Finsternis zurück und zeugte ein großes Heer von Dews und Druschts zur Plage der Welt.
Ahuramazdâ, der alles weiß, erhob sich, sah Angrômainyus Volk, sein gräßlich-schreckliches Volk; sein Hauch war Fäulnis, Bosheit und der Schöpfung unwert. Angrômainyus erblickte das Volk Ahuramazdâs, das Volk in Scharen, das Volk in Herrlichkeit, über welches der in Ewigkeit verschlungene den Schöpfungsrat fassen mußte, das der Schöpfung wert war und welches Ahuramazdâ für würdig erklärt hatte.
Ahuramazdâ indessen, welcher wußte, daß zuletzt Angrômainyus Werk doch ein Ende nehmen müsse, bot ihm Friede und sprach: O Angrômainyus, hilf der Welt, die ich geschaffen habe, ehre sie, und deine Schöpfung soll unsterblich sein, nicht altern, sich nicht zerrütten und nie Mangel haben.
Angrômainyus, der Lügenvater, schuf Akuman, den ersten der Dews und Widersacher Bahmans.
Der Himmel war die erste Schöpfung Ahuramazdâs in der reinen Welt; ihm ward Bahman vorgesetzt. Er sah, daß seine Schöpfungen bis zur Auferstehung dauern würden, und ließ Ardibehescht, Schahriver, Sapandomad, Chordad und Amerdad der Folge nach werden. In der dunkeln Welt schuf Angrômainyus Akuman, Ander, Savel, Nakaed, Tarik und Zaretsch.
Nach dem Himmel schuf Ahuramazdâ das Wasser, die Erde, die Pflanzen, die Tiere und die Menschen.
Ahuramazdâ ließ Licht werden zwischen Himmel und Erde, Fixsterne und Planeten, Sonne und Mond, wie gesagt ist: Er schuf anfangs den Himmel. Die Fixsterne der Sichtbarkeit ordneten sich in zwölf Gestirne wie in eben so viel Stammmütter. Ihre Namen sind: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Ähre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schöpfeimer und Fische. Diese Konstellationen sind seit ihrem Ursprung in achtundzwanzig Kordehs[182] männlichen Geschlechts eingeteilt, welche heißen: Pesch, Parviz, Peruesch, Pehe, Aveser, Beschen, Rekhad, Tarehe, Avre, Nehn, Meian, Avdem, Maschahe, Sapner oder Sapur, Hohro, Srob, Nor, Guel, Grefsche, Vareand, Gao, Goi, Moro, Bonde, Kehtser, Veht, Meian, Keht.
Alle diese Gestirne wurden anfangs geschaffen, um in der Welt immerfort Stand zu halten, damit, wenn der Feind sich darstellt, wenn Peetiaré[183] selbst zu schaden trachtet, durch ihren Beistand die Geschöpfe von den Übelthätern gerettet werden.
Dieser Sterne sind sechstausend und vierhundert und zwanzigtausend zum Dienst des großen Gestirns geschaffen worden. Noch hat Ahuramazdâ an den vier Enden des Himmels vier Wachen aufgestellt, welche auf die Fixsterne achten müssen. Ein jeder steht da als Wächter seines Kreises und seiner Himmelsgegend durch seine Kraft und Macht, er, der Schöpfer der Sternenheere, wie gesagt ist: Taschter schützt den Osten, Satevis den Westen, Venand den Mittag und Haftorang den Norden.
Meschgah ist ein großer Stern in der Mitte des Himmels, und wenn der Feind mit seinem Heer herannaht, so deckt derselbe – auch Rapitan genannt – den Mittag. Um den Gah Rapitans[184] lobsingt Ahuramazdâ mit den Amschaspands himmlische Izeschné.[185] Izeschné giebt jedem Kraft, Peetiaré zu schlagen. Notwendig ist dieser Dienst.
Zu gleicher Zeit führte die allwissende und vortrefflichste Weisheit den Menschen Feruer zu und sprach: Welcher Gewinn für euch, Körper in der Welt zu beleben! Seid daher im Kampfe gegen die Druschts und macht die Druschts schwinden! Am Ende sollt ihr in den ersten Zustand zurückkehren. Seligkeit soll euch werden, Unsterblichkeit ohne Veraltung, ohne Übel. Meine Fittige sollen euch gegen den Feind decken! – Darauf kam des Menschen Feruer, durch des Allwissenden Geist gegen die Druschts des Angrômainyus geschützt, in die Welt und ward sichtbar. Am Ende der Zeit wird er, vom Feinde Peetiaré errettet, des ersten Glücks genießen, wenn die Toten neu leben, durch alle Ewigkeiten der Wesendauer.
Angrômainyus, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm sahen den Menschen und stürzten vor seiner Macht zu Boden. Eine Zeitlänge von drei Jahrtausenden mußte Angrômainyus angekettet liegen, und wie er so gebunden lag, sprach jeder der Dews zu ihm: Auf und mit mir! Ich will diesen Ahuramazdâ und die Amschaspands in dieser Welt bestürmen und zusammentreiben! – Der Arge überlegte zweimal und war sehr unzufrieden, denn Furcht vor dem reinen Menschen hielt Angrômainyus zurück. Am Schluß der dreitausend Jahre kam der Darvand Djé zu ihm und sprach: O Angrômainyus, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt, Ahuramazdâ und die Amschaspands bekriegen und sie ängstigen! – Der Übelthäter überzählte zweimal seine Dews, aber mit Verdruß. – Angrômainyus wollte sich gern von seinem Kummer beim Anblick des reinen Menschen losmachen, aber der Darvand Djé sprach: Auf, mit mir zum Krieg! Welche Plagen will ich über die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgießen! Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, so sollen sie, so wahr ich bin, nicht leben! Zerstören will ich ihr Licht, durchdringen das Wasser, die Bäume, das Feuer Ahuramazdâs, ja alle Geschöpfe Ahuramazdâs.
Der nichts als Böses thut übersah nochmals seine Heere, und siehe, wie außer sich vor Freude, sprang er aus dem Kleinmut, welcher bis jetzt gefangen hielt, und küßte Djés Haupt. Djé ist der Schöpfer der Unreinigkeit, die man der Weiber Zeit nennt. Angrômainyus sprach zu Djé: Was du nur immer wünschen kannst, nimm von mir! Djés Bitte war: Mit Menschengestalt wollte ich bekleidet sein, gieb sie mir! – Angrômainyus bildete eines fünfzehnjährigen Jünglings schönen Leib und zeigte ihn Djé, und Djé, unsauber in Gedanken, trug ihn davon.
Nach diesem stellte sich Angrômainyus in Begleitung aller Dews vors Licht und sah den Himmel, und die nur Zerrüttung sinnenden Dews gedachten, wie sie ihn stürzten. Angrômainyus allein drang in den Himmel. In Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf die Erde.
Am Tage Ahuramazdâ des Monats Farvardin[186] lief er von Süden aus und sah den Himmel, aber Schauder und Schreck durchfuhr ihn, wie das Schaf vor dem Wolf. Er zog in die Wolken, sah unter sich die Erde und drang durch die gemachte Öffnung in die Mitte der Erde. Darauf durchfuhr er die Bäume, den Stier, Kaiomorts[187] und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er alles Geschaffene. Gegen Süden, in Mittag verheerte er die Erde durchaus, und Alles überzog Schwärze wie Nacht. Danach schickte er fressende Kahrfesters auf die Erde, welche Gift haben, wie Schlangen, Skorpione, Kröten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel, und nichts konnte den Kahrfesters widerstehen. Glutheißes Wasser regnete auf die Bäume und machte sie im Augenblick verdorren. Der grausam plagende Verin und Boschasp[188] mußten sich auf den Stier und Kaiomorts stürzen, um sie an der Brust zu fassen.
Vor des Stiers Erscheinung schuf Ahuramazdâ Binak, das Wasser der Gesundheit. Wer daraus an der Quelle trank, mußte ihre ganze Heilkraft spüren.
Der, dessen ganzer Wille Böses war, schlug durch sein Gift den Stier, daß er krank darnieder sank und seufzend starb.
Im Sterben sprach er noch: Siehe, was geschehen muß für die Tiere, die noch werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bösen zu schützen!
Ehe Kaiomorts ward, schuf Ahuramazdâ das Wasser Chei[189] und brachte es zu ihm. Mit großem Ruhm spricht das Gesetz von dem Wasser Chei, welches Kaiomorts Lichtglanz und Jugend verlieh.
Kaiomorts sah die Welt in Finsternis wie die Nacht, und wie die durch Kahrfesters verbrannte Erde kaum noch bestand. Am Himmel liefen Sonne und Mond in ihren Bahnen, und die Dews von Mazenderan kämpften gegen die Fixsterne. Denn Angrômainyus hatte außer dem, was er gegen Kaiomorts Böses im Sinne hatte, einen Plan, welcher war der ganzen Welt Zerstörung. Astruiad[190] mußte mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts besitzen; aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie nichts an seinem Körper, denn es heißt: Zur Zeit der Ankunft Angrômainyus Peetiarés war Kaiomorts schon im Leben; schon dreißig Jahre war er König. Nach der Ankunft Peetiarés lebte er noch dreißig Jahre. Kaiomorts sprach zu ihm: Du bist wie ein Feind gekommen; aber alle Menschen meines Samens werden thun, was rein ist, verdienstvolle Werke und dich zu Boden stürzen!
Nach diesem drang Angrômainyus ins Feuer und ließ schwarzen Rauchdampf daraus aufsteigen. Geschützt durch ein Heer von Dews mischte er sich unter die Planeten und versuchte sich mit dem Sternenhimmel zu messen und drang durch die Fixsterne und an allen Orten hervor. Durch neunzig Tage und neunzig Nächte standen des Himmels Izeds im Kampfe mit Angrômainyus und den Dews aller Welt. Die Dews stürzten entkräftet in den Abgrund, und der Himmel half den Izeds, daß Angrômainyus sich nicht mehr an sie wagen durfte. Aus des Abgrunds Mitte stieg Angrômainyus auf die Erde, durchbrach sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie; Alles in der Welt kehrte er um. Als Feind des Guten mischte er sich in Alles, zeigte sich in Allem und suchte Böses zu schaffen oben und unten.
Es steht ferner geschrieben, daß im Augenblick, da der noch einzig geschaffene Urstier starb, Kaiomorts aus seiner rechten Schulter hervorging. Nach seinem Tode kam aus seiner linken Schulter Goschorun als Seele des einzig geschaffenen Stiers. Goschorun, also geboren, verweilte bei dem Leichnam des Stiers und erhob ein lautes Geschrei wie tausend Menschen. Er trat vor Ahuramazdâ mit diesen Worten: Wen hast du zum König der Erde gesetzt? Angrômainyus geht darauf aus, in Eile die Erde zu zertrümmern, die Bäume zu schädigen und sie durch feuriges Wasser zu verbrennen. Ist es dieser Mensch, von dem du gesagt hast, ich will ihn schaffen, daß er lerne sich vor dem Argen zu schützen? Ahuramazdâ antwortete: Krank ist der Stier geworden durch Angrômainyus Krankheit; aber dieser Mensch ist für eine Erde und Zeit aufgehoben, wo Angrômainyus nicht wird Gewalt üben können.
Goschorun ging und zog durch die Sphären der Sterne und den Himmel der Sonne wie des Mondes. Nun zeigte ihm Ahuramazdâ Zoroasters Feruer und sprach: Ihn will ich der Welt schenken, und er soll sie lehren, wie man sich vor dem Bösen rein bewahre. Goschorun wurde freudig, zollte dem Verlangen Ahuramazdâs Beifall und sprach: Ich werde für der Welt Geschöpfe sorgen. – –
Über die Welt sind sieben Fixsterne als Wächter bestellt:
1.Taschter,von dem PlanetenTir (Jupiter)begleitet.
2.Haftorang,"Beram (Mars)"
3.Venant,"Anhuma (Merkur)"
4.Satevis,"Anahid (Venus)"
5.Mesch,"Revans (Saturn)"
6. Gurzscher und 7. Dodjdom Muschever mit ihren Schweifen (Kometen), stehen unter der Wache der Sonne und des Mondes.
Albordj ging hervor. Dieser Berg umkreist die Welt und steht in der Mitte der Erde.
Wie das Wasser, so geht auch die Sonne im Kreislauf, schwebend in der Mitte der Welt, beginnend bei Albordj, beim Zeichen Varé.[191]
Hundert und achtzig Tage läuft die Sonne östlich und eben so viel westlich.[192] Tag für Tag besucht sie Albordj mit ihrem Licht. Das macht einen Tag.
Fixsterne wie Planeten, sichtbar in ihrem Lauf, durchschwärmen alle Tage drei Keschwars und einen halben[193], wie deine Augen sehen können.
Jedes Jahr hat zweimal Gleichheit der Tage und Nächte. Am ersten Kordeh zur Frühlingszeit beginnt die erste Gleichheit zwischen Dunkel und Licht. Längster Tag ist am ersten Kordeh des Krebses, die zweite Gleichheit des Tages und Dunkels am Kordeh der Wage, wo Anfang des Herbstes ist, und am Kordeh des Steinbocks ist die längste Dauer der Nacht. Hier beginnt der Winter, und wenn Varé wieder sichtbar wird, so ist neue Gleichheit zwischen Licht und Dunkel, so daß die Sonne von Beginn ihres Laufs bis zur Rückkehr 360 Tage braucht. Dazu kommen die fünf Tage der Gahs.[194] Wer in ihnen die vorgeschriebenen Gebete vollendet, der soll die Geheimnisse der Dews wissen und wird dieselben binden können.
Angrômainyus lief hinaus in die Welt, und beim Anblick der Schönheit, Reinheit und Stärke der Izeds ergriff er von neuem die Flucht. Der Himmel stellte sich wie ein Streiter im Harnisch vor Angrômainyus zum Kampf. Ahuramazdâ half aus dem festen Himmel, seinem Wohnsitz, dem Himmel, der umläuft. Die Feruer der Krieger und Reinen, mit Lanzen und Keulen in der Hand, rüsteten sich zur Unterstützung des Himmels, der sich umdreht, und halfen ihm mit der That. Angrômainyus ward zur neuen Flucht gezwungen, indem er sah, daß seine Dews flohen und er selbst seine Kraft verlieren werde, weil der endliche Sieg Ahuramazdâ aufbehalten ist, von der Auferstehung der Toten an durch die ewige Dauer der Wesen hindurch.
Ahuramazdâ und Angrômainyus wirkten beide bei der Schöpfung des Wassers. Als nämlich der Stern Taschter im Krebs war, floß Wasser im Kordeh Avré.[195] Am Tage, da der Feind im Wassergebiet seinen Lauf hatte, kehrte Taschter in seiner Bahn zurück[196] und schien im Kordeh Avré westwärts, denn jeder Monat hat sein besonderes Zeichen. Der Tirmonat ist der vierte des Jahres. Der Krebs ist das vierte Zeichen vom Lamm an. Wie Taschter dieses Zeichen berührt hatte, ließ er Regen kommen, der allen Dingen Wachstum giebt, und daraus zog er mit der Kraft des Windes Wasser in die Wolken. Taschter fand Schutz an Bahman und dem Ized Hom[197], den der gesegnete Ized Barso[198] begleitete, und reine Seelen wachten mit Sorge über Taschter. Dreißig Tage und dreißig Nächte lang glänzte sein Licht hoch[199], und unter jedem Körper gab er zehn Tage Regen, wie es von den Fixsternen heißt: jeder dieser Sterne hat drei Körper.
Jeder Wassertropfen war wie eine Schale, und die Erde war in der Höhe eines Menschen mit Wasser bedeckt. Alle Kharfesters auf Erden starben durch diesen Regen[200]; er durchdrang alle Öffnungen. In der Folge teilte sich ein Wind vom Himmel dem Wasser mit und trug es in den Wolken mit sich fort und gab ihm die Erde zum Pfand. So ward Zaré Ferakh kand[201] gebildet.
Die toten Kharfesters blieben auf Erden zurück und teilten derselben Gift und Fäulnis mit. Um die Erde von der großen Menge Kröten zu reinigen, kam Taschter in Gestalt eines weißen Pferdes mit langem Schwanz in den Zaré herab, und der Dew Apevesch[202] in der Hülle eines schwarzen Pferdes mit starkem Schwanz zog ihm entgegen in den Streit. Taschter wurde geschwächt und überwunden und mußte ein Stück zurückfliehen, bat aber Ahuramazdâ um den Sieg, der ihm Übermacht schenkte, denn es heißt: Alsobald bekam Taschter von Ahuramazdâ zehn junge Pferde, eben so viel Kameele und Stiere, zehn Berge und zehn Flüsse. Der Dew Apevesch wurde schwach und floh als Überwundener ein Stück zurück. Tschem[203] soll keine Stütze gewesen sein wie Tir[204] die Taschters. Darauf wirkte Hom in der Höhe mit großer Macht, daß das Wasser über die Erde schwemmte.
Jetzt ist Frage über das Wasser, das Taschter aus dem Zaré nahm. Er ließ es in wunderbarer Menge regnen, und es fielen Tropfen in der Größe eines Rinder- und Menschenkopfs, größere und kleinere. Unter Taschters Regen versuchte der Dew Apevesch in Roßgestalt Böses zu thun. Taschter schleuderte aber den Blitz (das Vadjeschtefeuer) auf ihn und Aspotschereh[205] erhob ein fürchterliches Gebrüll.
Wie beide so wirkten, regnete es zehn Tage und Nächte und die Flüsse wurden. Die Erde behielt Kröten in Menge und Gift der Kharfesters, die sich in alles Wasser mischten und es salzig machten. Denn alle Kharfesterkeime, die der Erde blieben, verursachten giftige Fäulnis. Darauf stürmte ein heftiger Wind drei Tage lang allerseits Wasser über die Erde; daraus sammelten sich drei große Zarés und dreiundzwanzig kleine. Zwei Zaréquellen, Tetscheschtvar und Sumbar, fingen an zu springen, welches zwei große Quellen sind, die sich bei dem Quell der Zarés einigen.
Von der Nordseite aus flossen zwei Wasser, eines ost- und das andere westwärts, Arg und Veh, wie es heißt: Ahuramazdâ ließ nach seiner höchsten Liebe gegen die Menschen von seinem Thron aus zwei Wasser fließen, die ihren Kreislauf über die Oberfläche der Erde nehmen und zuletzt im Zaré Ferakh kand in eins zusammenfließen. Diese zwei Wasser fließen aus Quellen, woraus Gott achtzehn andere ausgehen läßt, und daraus kommt alles übrige Gewässer, das er zuletzt wieder in den Arg und Veh zurückfließen läßt, er der da ist der Weltenschöpfer.
Während sich Angrômainyus in das Innere der Erde zurückzog, ward den Bergen ihre Kraft anerschaffen, die Erde gleichsam zu entwickeln. Im Anfang entstand Albordj, darauf die übrigen Berge der Erde. Wie sich Albordj nach allen Seiten weit ausgedehnt hatte, gelangten alle andern Berge auch zur Vervielfältigung, da sie aus der Wurzel von Albordj entsprossen waren. Sie stiegen tief aus der Erde in die Höhe empor, wie ein Baum, dessen Wurzel bald hoch, bald in die Tiefe wächst. So kam es, daß alle Berge aller Wurzel Sprossen waren, sich durch den ganzen Erdkörper ausbreiteten und seit der Wesenschöpfung gesehen worden sind.
Das Erdwasser quillt in den Bergen, wo die Ader verborgen liegt. Aller Berge Wurzel ist in Höhen und Tiefen gepflanzt; man sieht ihre Ausbreitung durch die Erde, den Verschlingungen der Baumwurzeln in der Erde gleich, und wie alle Adern des menschlichen Körpers in einen Stamm zusammenlaufen und dem ganzen Körper Kraft und Stärke geben.
Außer dem Albordj wuchsen innerhalb hundertundsechzig Jahren aus und über der Erde alle Berge mit allem ihrem Überfluß und ihrer Fruchtbarkeit.
Ahuramazdâ und Angrômainyus waren beide Schöpfer des Baumes. Anfangs war derselbe dürr, aber der Amschaspand Amerdad, dem der Baum zugehört, setzte ihn, als er noch klein war, in das Wasser Taschters, als Taschter durch einen allgemeinen Regen Wasser über die ganze Erde führte. Der Baum wuchs wie Haar des Menschenhauptes, und aus einem Baum sproßten zehntausend fruchtbare Baumarten zur Heilung der Zehntausenden von Krankheiten, welche Angrômainyus in der Welt geschaffen hat. Diese zehntausend Gattungen von Bäumen gaben wieder die Keime zu einhundertundzwanzigtausend Arten von Gewächsen, welche sich – aus einem Keim entspringend – fruchtbar vermehrten.
Ahuramazdâ legte den Keim aller Pflanzen in den Zaré Ferakh kand, worin dieser Keim wuchs, der alle Pflanzenarten mit ihren Vervielfältigungen in sich schloß. Neben diesen Urkeim aller Pflanzen setzte Ahuramazdâ den Baum Gogard, welcher alle verjüngende und reichmachende Kraft in sich schloß.[206]
Ahuramazdâ und Angrômainyus sind der Schöpfer des Urstiers. Als derselbe tot war, gingen aus seinem Schweif fünfundfünfzig Arten Getreidepflanzen und zwölf Arten gesundmachender Bäume hervor, die sich auf Erden vervielfältigten. Den Samen des Lichts und der Stärke des Stiers übergaben die Izeds dem Mondhimmel, wo er durch das Mondlicht geläutert wurde. Ahuramazdâ bildete daraus einen wohlgebauten Körper, belebte ihn, und daraus wurden zwei andere Stiere, männlichen und weiblichen Geschlechts. Aus diesen entwickelten sich wieder 282 Tierarten auf Erden, die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser.
Während des dreißigtägigen Regens, welchen Taschter über die Erde ausgoß, teilte sich dieselbe in sieben Teile, deren mittelster, um welchen sich die sechs anderen gruppieren, Khunnerets (Iran) ist. In Khunnerets hat Ahuramazdâ alles gelegt, was im höchsten Grad rein ist, und seit Anbeginn schon sucht Angrômainyus diesen Erdteil zu schädigen, weil er sah, daß Khunnerets das Vaterland des Keans (reinen, weisen Menschen) sein, und das reine Gesetz in Keans gegeben werden würde, von wo aus es erst die andern Teile der Erde erhalten, und daß der Sosiosch in Khunnerets geboren werden würde, der bestimmt ist, Angrômainyus ohnmächtig zu machen und die Auferstehung der Toten sowie die Wiederherstellung der Leiber zu bewirken.[207] – –
Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heißt: Aus dem Marke kamen Schöpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen. Aus den Hörnern des Stiers wuchsen die Früchte, aus seiner Nase die Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert wird, welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208], welches gegen Fäulnis und Hauptkrankheiten dient.
Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere männlichen und weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazdâ von jedem Tierpaare eines auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei Farsangs mit mit ihren Jungen anfüllten.[209] Diese Tiere blieben tausend Tage und tausend Nächte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nährten sich von den Bäumen.
Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazdâ Soweje[210], dessen Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zähmt. Drittens schuf Ahuramazdâ die Wassertiere.
Diese Tiere teilte Ahuramazdâ in fünf Gattungen: in solche mit gespaltenem Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit fünf Klauen, in Vögel und Fische. – Im Bun-Dehesch werden die Säugetiere in 282, die Vögel und Fische in je zehn Arten geteilt.
Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazdâ zur Wache über die Menschen und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzählige Menge hat entstehen lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thätigkeit und Größe.
Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bösen Geister geschaffen und richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt er die Furcht.
Ahuramazdâ sagt: Ich habe den Vogel Varescha in großer Anzahl wider das Böse in der Welt geschaffen und besonders wider den, der – durch das Gesetz erleuchtet – häufig die Werke Angrômainyus thut. Ich habe ihn geschaffen, damit die Wünsche des Menschen Darvand nicht erfüllet werden. Du wirst dich nicht sättigen können, wenn du den Wasservogel schlägst. Ohne den Vogel Varescha würde Angrômainyus Darvand alle Arten von Übeln über die Körper verhängen; die Welt würde nicht bestehen können.[211]
Der Hund Sura vervielfältigt alle Tierarten, und Angrômainyus zerrüttet eines wie das andere, daß zuletzt nur eines übrig bleibt.
Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fünfzehn Jahre mit fünfzehn Sprößlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Körper, da einer dem andern die Hand ans Ohr hält und beide – so miteinander vereinigt – gleichsam ein Leib sind.[212] – Sie waren so genau miteinander verbunden, daß man weder männliches noch weibliches voneinander unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazdâ das männliche Glied zuerst erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazdâ sagt davon, daß er zuerst die Hand und darauf den Körper gemacht und dann jenes Glied dem Körper angefügt habe; daß er dem Körper seine eigentümliche Wirkungskraft anerschaffen, um sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Körper erschaffen worden. Wie Körper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazdâ seine Stelle, und die Seele nahm ihre Wohnung im Körper.
Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Früchte.
Ahuramazdâ redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut, Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der Reinheit in Reden, der Reinheit in Thun und Lassen, und daß er keine Dews anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glücke des Weibes und das Weib zum Glücke des Mannes leben. So waren auch im Anfang ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten Gemeinschaft zusammen.
Anfangs sprachen sie: Ahuramazdâ ist es, von dem Wasser und Erde, Bäume und Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine Frucht hat. Darauf bemächtigte sich Angrômainyus ihrer Gedanken, verdarb ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bäume und Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es Angrômainyus, sie gleich anfangs zu betrügen durch Irrtümer in der Lehre von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lüge Darvands, und ihre Seelen müssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh verharren.
Meschia und Meschiane kleideten sich dreißig Tage lang schwarz; danach gingen sie auf die Jagd und fanden eine weiße Ziege, aus deren Zitzen sie die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein Übel für ihren Körper, denn dadurch sündigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.
Angrômainyus, dessen Rede ganz Lüge ist, zeigte sich – durch jenen Betrug noch beherzter – ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Früchte, die sie aßen. Dadurch verloren sie die hundert Glückseligkeiten, die sie bisher genossen hatten, bis auf eine. Nach dreißig Tagen und dreißig Nächten kam ein fetter weißer Schöps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen, dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an den Baum und machten durch ihr Blasen, daß es in einer Flamme ausschlug. Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den Schöps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die sie nicht aßen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen.
Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre Speise, danach jagten sie fleißig und machten sich Kleider von den Fellen des Rotwilds.
Es steht auch geschrieben, daß Meschia und Meschiane eine Öffnung in die Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten, nachdem sie es mit Steinen geschärft hatten. Diese legten sie einem Baum an die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu danken. Dadurch bekamen die Dews große Gewalt über sie. Einer wurde der Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Haß gegen den andern, einer lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschädigte ihn und erlitt ein Gleiches. Endlich schrie der Fürst der Dews aus seiner finstern Wohnung gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch von seiner Kuh und goß sie nordwärts aus. Dadurch bekamen die Dews größere Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fünfzig Jahren dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fünfzig Jahre bekam Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu Meschiane: Ich möchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine große Schlange, sie fährt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung, indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fünfzig Jahren hätte ich das thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knäblein und ein Mägdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazdâ diese Lieblinge ab und sorgte für ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde. Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen männlichen und weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brüder und Schwestern. Jedes Paar zeugte Kinder bis zum fünfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten, Frevak und Frevakein.
Von diesen wurden fünfzehn Paare Kinder geboren, von denen ein jedes die Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Völker der Erde zurückgehen. – Dabei sei nebenbei bemerkt, daß im Bun-Dehesch monströse Menschen – ähnlich wie bei Berosus – angeführt werden, so Menschen mit einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopf usw.
Von der Zeugung sagt das Gesetz, daß eine Frau, nachdem sie vom Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nächten nach ihrer Empfängnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes kräftiger, so wird ein Knabe geboren, ist es der weibliche Same, ein Mädchen. Hat der Same von Mann und Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach. Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber der weibliche Samen zuerst, so ist es bloßes Blut, und sie hat Ungemach davon.
Der Samen des Weibes ist blutähnlich und kommt aus der Seite als eine weißlich-rot-gelbe Flüssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes quillt aus dem Haupt und Marke, ist flüssig, weiß, stark und in Menge ausschießend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er wirksam; der männliche bedeckt ihn und erfüllt die Mutter; aller nachmalige geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom männlichen Keime.
Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Väter und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bäume und Mond sind weiblich ohne alle Verwandlung. Alles übrige ist männlich und weiblich.
Das Gesetz spricht von fünf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in Ahuramazdâ und den Königen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von Oruazescht in den Tieren und Gewächsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedürfnissen des Menschen dient und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer.
Nachdem der Menschenkörper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt, begleitet sie ihn unablässig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub, und die Seele kehrt in den Himmel zurück.
Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dämonen schützen, eine Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus den diesbezüglichen Anführungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser Anschauung verloren gegangen war:
Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er unterstützt den Hund, wie im Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschöpfen vereinigen der Hahn und der Hund ihre Kräfte. – Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der Hahn gegen Druscht streiten, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh peinigt. Daher heißt es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten überwunden; seine Stimme zerstört das Böse. Der Hund verlangt vom Menschen nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die Ahuramazdâ schenkt. Nichts Schädliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm – auch unbewußt – etwas Faules giebt, der muß von den Desturs, welche die fünf nötigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nährt man ihn aber mit dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden.
In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger Schimmel eine bedeutende Rolle, während im Bun-Dehesch von einem ähnlichen dreibeinigen weißen Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte Reminiscenzen arischer Völker ob, deren Sinn verloren gegangen ist.
Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen gegrabene; das fünfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der Schweiß; das siebente das Rückenmark; das achte der Urin; das neunte der Speichel; das zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der menschliche und tierische Lebenssaft; das zwölfte der von unten aufsteigende Baumsaft, von welchem es heißt: Der Saft in den Bäumen gleicht Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt. Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen.
Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berührt oder wenn ein aus dem Wasser gezogener Leichnam oder ein Stück davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Fluß tränkt die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in diesen Fällen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch dafür gesorgt, denn Ahuramazdâ spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser Zur. Wen ihr damit begießt, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem Wasser heißt es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und dann kehrt es zurück, um den Bäumen Glanz zu geben.
Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine längere naturgeschichtlich-mystische Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, daß die Affen als eine Art Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit einem Dew. Bekanntlich hält noch Luther in seinen Tischreden die Affen für Teufel.
Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch anführen.
Es heißt, daß im Jahr, durch der Monate Lauf Wärme und Kälte und Kälte und Wärme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad machen Frühling; Tir, Amerdad, Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fünf kleine Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen ist. In drei Monaten durchläuft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder sichtbar und kehrt wieder zurück.
Alle Zeit vollendet sich in zwölf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, daß das Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, daß damals das Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Kornähre. Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes.
Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrômainyus lief aus in die Welt.
Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch würde die Gegenwart unter dem Zeichen des Steinbocks stehen.
Ich will bemerken, daß die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte.
Noch sei erwähnt, daß auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es heißt:
„Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bäume weder Dornen noch Rinde. Seit Angrômainyus Peetiaré, der sich in alles, was ist, mischte, tragen sie Stachel und Rinde. Am stärksten wirkte seine Macht auf die Gewächse, denn ihre Schädlichkeit übertrifft alles andere Übel; ihr Giftsaft tötet durch seinen Genuß Menschen und Tiere.“
Von den Druschts heißt es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht ist Angrômainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mächtigste dieses argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Kräfte werden Eschem gegeben zur Zerrüttung der lebendigen Geschöpfe. Durch seine siebenfachen Kräfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kämpfte gegen ihn, Medokht kam dahin, und Areschk ward darüber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschöpfe zerrüttete und in großer Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von Ahuramazdâ geschützte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschöpfe des Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrückt, wie es heißt: Eschem Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frißt in der Welt und der Toten Seelen mit Furcht quält, ihnen Schrecken einflößt und vor dem Höllenthor sich aufhält. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die Schulter schlägt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen möge.
Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet das Gesetz, daß so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von bloßem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrüchte, genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder dahin gebracht sind, daß sie von nichts als Wasser leben.
Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschné[217] vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen. Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrüchte und Milch wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genießen, sondern blos von Gewächsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben.
Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster fragte Ahuramazdâ und sprach: Der Wind führt den Staub der Körper fort, Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazdâ antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im Raum des Äthers hält; der macht, daß er – hier zeigte er auf das Antlitz des Himmels – in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war, ausstrahlen muß. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand, die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten läßt. Ich bin der Schöpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bäumen Adern des Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den Bäumen und allen Geschöpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen besonders giebt Haut, Nägel, Blut, Fuß, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser in den Tiefen schafft und in den Höhen, damit die Welt getränkt werde durch Flüsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein Arm ihn niederdrücken. Ich bin Schöpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen Leichnam beleben können. Sicher und gewiß sollen deine Augen einst durch die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen. Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklärte Erde Gebeine und Wasser, Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der Dinge.
Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane nach ihm; nach diesen wird das übrige Menschengeschlecht Leben bekommen. Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein; alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu werden wie beim Anbeginn der Schöpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der übrigen Menschenmenge. Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen aller Welt mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser Versammlung wird jeder sein Gutes und Böses, das er gethan hat, sehen. In dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weißes Tier unter den schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und darum bin ich unter diesen Seligen!
Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem in den Abgrund gestürzt werden. Drei Tage und drei Nächte hindurch müssen Leib und Seele büßen, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist, wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken.
Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken. Unbefleckte werden weinen über die Darvands, und die Darvands über sich selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand. Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen Ähnliche werden die Strafe der Sünde Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Läuterung von drei Tagen und drei Nächten nicht entrinnen.
Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fünfzig männlichen und fünfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen.
Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde stürzen wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und Zagen vor dem Wolf niederfällt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze große und kleine Berge mit Metallen zerfließen. Das geschmolzene Erz bildet einen großen Strom, und alles, was Mensch heißt, muß hindurch zur Reinigung. Der Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchfluß. Die Darvands müssen auch hindurch, sie fühlen sich dazu gezwungen, und so muß die ganze Welt den geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glücklich werde, Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem Andern werden Gutes thun.
Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster, über die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach, werden? Ahuramazdâ sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk vereinigen und werden Ahuramazdâ und den Amschaspands mit lebendigem Eifer ein großes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schöpfungen Ahuramazdâs vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen.
Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weißen Hom. Sosiosch wird allen Menschen von diesen Säften zu trinken geben, und sie werden groß und unvergeßlich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, groß und klein, werden davon trinken und neu leben.
Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazdâ von einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind. Der Reinen Wohnung wird der glänzende Gorotman sein, Ahuramazdâ selbst wird ihre Körper zu sich in Gorotmans Höhen ziehen, und sie werden alle Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln.
Dann werden Ahuramazdâ und Angrômainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad, Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschné anstimmen.
Alsdann wird Druscht Angrômainyus bleiben und in Ahuramazdâs Welt zurückkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den Evanguin[222] in der Hand führen. Alsdann wird Angrômainyus, des Argen, Macht, die nichts als Böses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur Brücke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis stürzen. Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelöst und geläutert werden. Der unterirdische Angrômainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen.
Viertes Kapitel. Die Orakel Zoroasters.
Wie bereits gesagt, galt – wenn auch durchaus irrtümlicher Weise – im ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und größte Adept der Magie. Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten Oracula magica Zoroastris, im höchsten Ansehen.
Läßt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen, obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch überfirnißt erscheinen. Uralt sind sie gewiß; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von Alexandria in seinen „Stromata“ sagt: „Pythagoras machte zuerst auf den berühmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften die Anhänger des Prodicus zu besitzen vorgaben“, so haben wir in dem den „magischen Orakeln Zoroasters“ zu Grund liegenden Original vielleicht eine solche Geheimschrift zu sehen, welche – von den alten Pythagoräern wollen wir ganz absehen – zweifelsohne den Neupythagoräern, Neuplatonikern und Gnostikern bekannt war. Dafür spricht außer dem sachlichen Inhalt auch der Umstand, daß sie von dem gelehrten Byzantiner Michael Psellos († 1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele neuplatonische Schriften dem Untergang entriß und mit Commentaren versah. Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten „Symbolen des Pythagoras“ sehr ähnlich.
Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute unter diesem Namen vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die vierte anscheinend gnostisches Gepräge.
Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Paläologos und berühmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452 gestorbene Georgios Gemistios Plethon, der dritte, aber der hier beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in diesem unbekannten Kommentator einen gewissen Johannes Opsopoeus, welcher diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon unter dem Titel herausgab: Oracula magica Zoroastris cum scholiis unter Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh. Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8°. Beigebunden sind noch die sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate, sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des Astrampsychus.
Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus Platos „Alcibiades“, aus Plutarchs „Isis und Osiris“, „Über den Verfall der Orakel“, aus Plinius „Naturgeschichte“, aus Suidas Ammianus Marcellinus, Clemens von Alexandria und Eusebius über die Person &c. Zoroasters voraus, welche wir hier übergehen können. Darauf läßt er die erste Fassung der „Orakel“ mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erläuterung der chaldäischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur herausheben will, daß Psellos sagt:
„Die Chaldäer nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei ätherische und drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist.“
Weiterhin sagt Psellos noch, daß nach chaldäischer Lehre die Seelen sich nach dem Tode nach Maßgabe ihres Läuterungsbedürfnisses zerstreuten und sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das Übrige dieses Abschnittes über die chaldäischen Lehren enthält nichts als bekannte exoterische Äußerlichkeiten. Den Schluß des Buches von Opsopoeus bilden die zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem Kommentar des selben. – Am meisten gleichen sich die erste Fassung der Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab.
Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der Kommentare.
Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet:
„Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib dienen müsse. Trachte dahin, daß du sie an den Ort zurückbringst, von dem sie ausgegangen ist.“
Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des Plethon:
„Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebräuche wirst du sie zu ihrer früheren Würde wieder aufrichten.“
Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, daß nach Annahme der Magier die Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem Körper analog dem Verhältnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn dereinst wieder behufs ihrer Rückkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie aber thatsächlich in den Himmel zurückkehre, komme auf ihr Verhalten während des irdischen Lebens an, ob sie sich nämlich mehr den Prinzipien des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe &c. „Darauf deutet nun ermahnend der Spruch hin, daß wir über den reinen Spruch der Seele nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel genommen hat, so wird sie ihn auch zurückfinden.“ – Bestimmter spricht sich Plethon aus:
„Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, daß die Seele wegen früherer Verschuldung mit dem Körper sich verbinde, sich aber derselben in dieser Verbindung nicht mehr entsinnen könne. Nur wenn die Seele während ihres irdischen Aufenthaltes einen tugendhaften Wandel geführt habe, stehe ihr die Rückkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natürlich und begreiflich, daß der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein undurchdringliches Dunkel sein muß. Der Zug der Seele führt sie dahin, wo ihr die während der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, daß wir über den Ursprung der Seele und über unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch Gebet und gottgefällige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken trachten.“
Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten „theurgischen Hülfen“ zu verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie überhaupt nach den Mystikern aller Zeiten in der Zurückgezogenheit von der Welt und Stille, in der Enthaltsamkeit von überflüssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen Getränken und physischer Liebe, in der Zurücksetzung weltlicher Geschäfte, Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen sagt Proklos[224]:
„Die Vollbringung geheimer, über alle Vernunft gehender, den Göttern wohlgefälliger Handlungen und die Kraft der von den Göttern allein erkannten unaussprechlichen Symbolen gewährt nur die theurgische Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen sie nicht durch die Thätigkeit der Vernunft in uns hervor. Die göttlichen Charaktere oder Symbole (συμβολα oder συνϑηματα) bringen vielmehr, ohne daß wir denken, die theurgische Vereinigung (ϑεουγικην ἑνωσις, bei Porphyrius συνουσια) hervor, also daß die verborgene Kraft der Götter, worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthümlichen Bilder erkennt.“[225]
Der zweite sich dem Sinn nach völlig an den ersten anschließende Aphorismus lautet in der ersten Fassung:
„Wende dich nicht rückwärts! Das Verderben ist auf der Erde, und sieben Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal unterwerfen.“
Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon:
„Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal verfällst.“
Der anonyme Kommentator versteht unter dem „Verderben“ das Laster, die sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen Leib, die sinnliche Natur, unter „Feuer“ das Göttliche im Menschen. Die sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach der alten Weltanschauung von den Planeten abhängigen Kardinalfehler, die Todsünden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft über das Fatum oder die vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten zu bemächtigen droht, den kräftigsten Widerstand entgegensetzt.
Plethon versteht unter dem „Abgrund“ die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: „Lebe so, daß du vor der Wiederverkörperung behütet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter der Herrschaft der Nothwendigkeit.“
Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon übereinstimmend:
„Dein Gefäß werden die Thiere der Erde bewohnen“ und beide Kommentatoren verstehen einstimmig unter dem „Gefäß der Seele“ den Leib, und unter seinen Bewohnern die Würmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter „Gefäß“ das Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den Bewohnern des Gefäßes die sich eines jeden Menschen, der seine Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemächtigenden Dämonen nach dem Grundsatz, daß Gleiches von Gleichem angezogen wird.
Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung:
„Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung giebt allen Dingen ihr bestimmtes Maaß, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen.“
Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29):
„Erweitere nicht dein Schicksal.“
Der anonyme Kommentator erklärt diesen Aphorismus allgemein moralisierend und sagt, daß diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und wähnen, daß sie selber ihr Schicksal machen und die Beschlüsse der Gottheit verbessern könnten. Psellos und Plethon fassen das Schicksal (εἱμαρμενη, fatum, des Grundtextes) im landläufigen Sinn auf und sagen, es sei thöricht, durch Wünsche und Gebete die unabwendbaren Beschlüsse der Gottheit abändern zu wollen.
Die zweite Hälfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der Reihenfolge Plethons den fünften und lautet hier:
„Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus.“
Der Kommentar dazu sagt:
„Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse geschehen nach naturgemäßem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis zum Zeitpunkt der Schöpfung zurück; alle Begebenheiten greifen harmonisch in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also Unvollkommenheit?“
Dieser wie der fünfte Aphorismus der ersten oder der sechste der Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fünften (sechsten) Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, daß die auf uns gekommenen Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind. Derselbe lautet in der ersten Fassung:
„Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens;“
bei Plethon:
„Er kann nicht auf deine Wünsche achten, so lange die Binde der Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedächtniß einprägt.“
Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung ähnlich im Kommentar gesagt, denn daselbst heißt es:
„Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie die Binde der Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermögen, in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es kann dieses Vermögen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleißigt und gewisse magische Sprüche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt öffnen.“
Plethon kommentiert:
„Die Vergessenheit der früheren Zustände (Incarnationen) ist eine Folge der Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflösung des letzteren wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres früheren Seins wieder bewußt wird, daß ihr Schicksal auf der Erde nur die notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabänderlich war.[226] Die freigewordene Seele ist alsdann wieder gottähnlich und allwissend; das ist das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedächtniß auffrischt.“
Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der Reihenfolge nach:
1. „Eile, daß du zum Urlicht zurückkehrst, zum Glanze deines himmlischen Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist.“
2. „Das Göttliche erfülle deine Seele! Den Blick zum Himmel stets gewendet!“[227]
3. „Eile zum Licht des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.“
Der Anonymus und Plethon deuten diesen Spruch übereinstimmend dahin, daß die Gottheit das höchste Licht, und in diese Lichtheimat zurückzukehren das einzige Verlangen der Seele sein müsse. Psellos dagegen sagt etwas abweichend:
„Die Seele entwickelt drei Kräfte: Verstand, Gedächtniß und Urtheilskraft; diese drei Potenzen vereinige, um über das Wesen der Gottheit nachzudenken und sich mit dieser zu vereinigen.“
Bis hierher haben wir in der Aufeinanderfolge der Aphorismen einen gewissen Zusammenhang beobachten können. Jetzt aber folgt ein dem Sinn nach gar nicht verwandter Spruch, was auf einen verloren gegangenen Teil des den drei Bearbeitungen zu Grunde liegenden Originals deutet. Dieser in der ersten Fassung als siebenter folgende Aphorismus ist bei Psellos der achtundzwanzigste und bei Plethon der achte. Sein Wortlaut ist der Reihenfolge nach:
1. „Jene beweint die Erde sammt ihren Kindern.“
2. „Die Erde klagt fortwährend über sie und ihre Kinder.“
3. „Sie beweint die Erde und mit ihnen zugleich ihre Kinder.“
Plethon kommentiert diesen Spruch folgendermaßen:
„Diejenigen, welche dieser Mahnung nicht folgen, werden von der Erde beklagt. Unter der Erde ist aber hier die irdische Natur verstanden, welche eine Folge der Unvollkommenheit ist, denn das irdische Leben ist eine Strafe. Darum beweint die Erde auch die Kinder der Unvollkommenheit, denn die Eltern pflanzen ihre sündhaften Begierden auf die Kinder fort; die Tugendhaften befleißigen sich eines keuschen Wandels.“
Während also Plethon obigen Spruch mit Bezugnahme auf die Reincarnations- und Vererbungstheorie deutet, so kommentieren ihn der Anonymus und Psellos nur in Hinsicht auf die Wiederverkörperung. Ich kann ihre Aussprüche hier übergehen.
Der nächste Aphorismus, ebenfalls ohne Zusammenhang mit den übrigen, findet sich nur in der ersten Fassung und lautet:
„Die Ausklopfer der Seele, welche ihr aufzuathmen möglich machen, sind auflösender Art.“
Der Kommentar sagt:
„Unter den ‚Ausklopfern der Seele‘, welche hier unter dem Bilde eines Kleides eingeführt sind, werden die Vernunftgründe verstanden, welche, wenn sie Eingang in die Seele finden, den Staub der Leidenschaften und alle bösen Neigungen aus ihr heraustreiben. Ihre auflösende Art besteht darin, daß sie von den Schlacken reinigen, welche die Seele von ihrer Hülle, der unreinen Materie, an sich zieht.“
Ich bemerke hierzu, daß auch die Kabbala das Bild von den „Ausklopfern der Seele“ kennt, welche der Seele im Moment des Todes den letzten schweren „Grabschlag“ (Chibbut Hakkeber) erteilen. Da die Kabbala zum großen Teil im Zoroastrismus wurzelt, so ist diese Stelle ein Beweis für das hohe Alter unserer Aphorismen.
Der neunte auch zusammenhanglose Aphorismus, bei Psellos der zwölfte und bei Plethon ebenfalls der neunte lautet:
1. „Auf der linken Seite ist der Sitz der tugendhaften Begierden.“
2. „Der Tugend Quell ist auf der linken Seite der Hekate. Jungfräulichkeit bewahre.“
3. „Auf der linken Seite ist der Tugend Quell, bewahre die Jungfräulichkeit.“
Alle drei Kommentatoren betrachten diesen Spruch als Keuschheitsgebot und sagen, daß die linke Seite als Sitz der Tugend betrachtet werde, weil auf ihr das Herz liege; die rechte Seite sei wegen Anwesenheit der Leber der Sitz der Begierden.
Der zehnte Aphorismus der ersten Fassung findet sich in allen drei Bearbeitungen, er ist bei Psellos der fünfzehnte und bei Plethon ebenfalls der zehnte und hat der Reihe nach folgenden Wortlaut:
1. „Die Seele strebe danach, sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Hat sie sich dadurch von den Einflüssen der Materie frei gemacht, so wird sie von Gott durchdrungen sein.“
2. „Die Seele trachte gottberauscht zu sein, Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.“
3. „Die Seele des Menschen strebe, das Göttliche in sich zu behalten.“
Der erste Kommentar sagt sehr dürftig, die Seele könne des Göttlichen nicht voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelüste abgelegt zu haben.
Psellos bemerkt:
„Die Seele heilige sich zu einem Gefäße, in welchem die Gottheit ihre Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen muß.“
Plethon endlich sagt:
„Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auch nicht, daß ihr der schmutzige Leib zur Hülle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die himmlischen Güter und göttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen sie der Vater so reichlich bedachte.“
Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach:
1. „Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich und die Herrin des Lebens.“
2. „Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und Herrin des Lebens.“
3. „Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich . . . .“
Die drei Kommentatoren sagen:
1. „Das Irdische ist das Vergängliche, das Geistige das Unvergängliche. Nur des letzteren können wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die Herrin des Lebens, d. h. des ewigen Lebens.“
2. „Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergänglich, weil sie nicht aus auflösbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der Finsterniß an, weil sie keinen Körper hat; sie ist also eitel Licht.“
3. „Unter dem Feuer sind die geistigen Fähigkeiten verstanden, mit welchen die Seele des Menschen begabt ist.“
Bei Plethon folgt nun als zwölfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt:
„Suche das Paradies!“
Plethon sagt kommentierend nur, daß unter Paradies der lichtumflossene Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen äußert sich folgendermaßen:
„Die Chaldäer verstehen unter Paradies den Chorus von sämmtlichen Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen umgeben.[228] Dem Unwürdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet man alle Tugenden, welche den Menschen gottähnlich machen.“
Der zwölfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut:
1. „Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab.“
2. „Beflecke nicht den Geist und ziehe Sein Lichtgewand nicht in die Tiefe.“
3. „Verunreinige nicht den Geist.“
Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:
„Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229] bewohnt noch einige Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt, während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes. Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger Zoroasters lehren.“
Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. – Plethon äußert sich folgendermaßen:
„Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag. Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.“
Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern fehlende Spruch:
„Vernachlässige aber auch nicht den Leib.“
mit dem kurzen Kommentar:
„D. h. man schwäche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben früher zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.“
In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender, bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon aber fehlender Aphorismus:
„Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.“