Fünftes Buch. Der Occultismus der Hebräer. (continued 3)
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Es will uns scheinen, als ob die kabbalistische Dämonologie nichts anderes sei als eine von den verschiedenen Graden des Lebens und der Intelligenz in der äußern Natur abgeleitete Personifikation. Der Glaube an Dämonen und Engel hatte sich seit altersgrauer Zeit als eine dem ernsten Dogma von der göttlichen Einheit entgegengesetzte lächerliche Mythologie im menschlichen Glauben festgewurzelt. Warum also hätten sich die Kabbalisten ihrer nicht bedienen sollen, um ihre Ideen über die Beziehungen der Gottheit zur Welt zu verschleiern, da sie sich der Schöpfungslehre bedienten, um gerade das Gegenteil auszudrücken, und der Schrifttexte, um sich von der Autorität der Schrift und Religion zu befreien? Wir haben zu Gunsten dieser Lehre keinen einzigen einwandfreien Text gefunden, aber hier mögen wenigstens einige Wahrscheinlichkeitsgründe folgen:
Erstens ist in drei Fragmenten des Sohar, in den beiden Idra und im Buche des Geheimnisses in verschiedenster Weise sehr viel von der himmlischen und höllischen Hierarchie die Rede, was augenscheinlich eine Erinnerung an die babylonische Gefangenschaft ist. Weiterhin wird in andern Teilen des Sohar von unter dem Menschen stehenden Engeln gesprochen, welche als von einem blinden Impuls angetriebene Kräfte betrachtet werden. Hier eine solche Stelle:
„Gott belebte einen jeden Theil des Firmaments mit einem besondern Geist. Also wurden die himmlischen Heerschaaren gebildet, und sie standen vor ihm. Dies ist mit den Worten ausgedrückt: Mit dem Hauche seines Mundes schuf er die himmlischen Heerschaaren. Die heiligen Engel, welche die Boten des Herrn sind, steigen nur auf einem Weg herab, aber in den Seelen der Gerechten giebt es zwei Wege, welche sich zu einem verbinden. Deshalb steigen die Seelen der Gerechten höher, denn ihr Rang ist ein höherer.“[468]
Die Talmudisten selbst, obgleich sie sich an den Buchstaben halten, bekennen sich zu dem gleichen Grundsatz:
„Die Gerechten stehen höher als die Engel.“[469]
Wir begreifen das, was man mit diesen Geistern, welche die Himmelskörper und Elemente beseelen, sagen will, besser, wenn wir auf ihre Namen und die ihnen zugeschriebenen Verrichtungen Obacht geben.
Vor allen Dingen muß man die rein poetischen Personifikationen, über deren Natur kein Zweifel obwalten kann, ausscheiden. Dies sind jene Engel, deren Namen einer moralischen Eigenschaft oder einer metaphysischen Abstraktion entnommen sind, wie z. B. das gute und böse Verlangen, welche man unsern Augen als reale Personen darstellen will, der Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael) und der berühmte Raziel, welcher mit eifersüchtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht.[470]
Etwas anderes ist der von allen Kabbalisten anerkannte Grundsatz, nach welchem das allgemeine System der Wesen, welche die himmlische Hierarchie bilden, in der dritten Welt, welche „die Welt der Gestaltung“ (Olam Jezirah) genannt wird, beginnt, und die die Fixsterne und Planeten umfaßt. Wie wir schon gesagt haben, ist der Herr dieser unsichtbaren Welt der Engel Metatron, welcher unter dem Throne Gottes steht, und durch den dieser „die Welt der Schöpfung“ oder der reinen Geister (Olam Briah) schuf. Seine Aufgabe ist es, die Einheit, Harmonie und Bewegung zu erhalten. Er ist eine jener blinden unendlichen Kräfte, durch welche man Gott unter dem Namen „Natur“ ersetzen wollte. Unter seinem Befehl stehen Myriaden von Geistern, welche man – zweifelsohne zu Ehren der Sephiroth – in zehn Kategorien geteilt hat. Diese untergeordneten Engel befinden sich in den verschiedenen Teilen der Natur, in jeder Sphäre und in jedem Element, während ihr Herr im Universum thront.
Also beherrscht der eine die Bewegungen der Erde, der andere die des Mondes, und das gleiche findet statt bezüglich der anderen Himmelskörper.[471] Der Engel des Feuers heißt Nuriel, der des Lichts Uriel; ein dritter steht den Jahreszeiten vor, ein vierter der Vegetation. Endlich werden alle Erzeugnisse, alle Kräfte und alle Erscheinungen der Natur auf dieselbe Weise repräsentiert.
Die Absicht dieser Allegorien wird vollkommen klar, wenn es sich um die bösen Geister handelt. Wir haben schon die Aufmerksamkeit auf den Namen gelenkt, welchen man im allgemeinen den Mächten dieser Ordnung beilegt. Die Dämonen sind für die Kabbalisten die gröbsten, unvollkommensten Formen, die Hüllen der Existenz, nämlich alles das, welches die Abwesenheit des Lebens, der Intelligenz und der Ordnung darstellt. Also bilden diese Engel wie die zehn Sephiroth, zehn Grade, in denen die Finsternis und die Unreinheit sich mehr und mehr verdichtet wie in den höllischen Kreisen Dantes.[472]
Der erste oder vielmehr die beiden ersten sind nichts anderes, als der Zustand, in welchem uns die Genesis die Erde vor dem Werk der sieben Tage zeigt, nämlich die Abwesenheit jeder sichtbaren Form und aller Organisation. Der dritte ist der Aufenthaltsort der Finsternis, der nämlichen Finsternis, welche im Anfang den Abgrund bedeckte. Alsdann folgt das, was man die sieben Tabernakel oder die eigentliche Hölle nennt, welche unsern Augen eine systematische Reihenfolge aller Unordnungen der moralischen Welt und der daraus folgenden Leiden darbietet. Dort sehen wir jede Leidenschaft des menschlichen Herzens, jedes Laster und jede Schwäche, in einem Dämon personifiziert, zu einem Henker werden, welcher in die Welt entsendet wird. Hier ist die Wollust, die Verführung, der Zorn, die grobe Unreinheit, der Dämon der stummen Gräuel, der Totschlag, der Neid, der Götzendienst und der Stolz. Die sieben höllischen Tabernakel werden bis in das Unendliche geteilt[473]; für jede Art der Verkehrtheit giebt es ein besonderes Reich, und man sieht also den Abgrund sich stufenweise in seiner ganzen Tiefe und Unendlichkeit aufthun. Der Beherrscher dieser finstern Welt, welchen die Bibel Satan nennt, trägt in der Kabbala den Namen Samael, das heißt der Engel des Giftes und des Todes, und der Sohar sagt bestimmt, daß der Engel des Todes, die schlechte Begierde, Satan und die Schlange, welche unsere Mutter Eva verführte, ein und dasselbe sind.[474]
Man giebt auch Satan eine Gattin, welche die Personifikation des Lasters und der Sinnlichkeit ist, denn sie wird in der Kabbala die große Hure oder die Meisterin der Ausschweifungen genannt.[475] In der Regel wird sie durch das einfache Symbol der Schlange dargestellt.
Wenn man diese Theorie der Dämonen und der Engel auf die einfachste und allgemeinste Form zurückführen will, so wird man sehen, daß die Kabbalisten in jedem Naturerzeugnis und infolgedessen in der gesamten Natur zwei sehr verschiedene Elemente anerkennen: Ein innerliches, unverderbliches, welches sich ausschließlich der Intelligenz enthüllt, nämlich der Geist, das Leben oder die Form; das andere ist rein äußerlich und materiell, und dessen Symbol der Verfall, die Verfluchung und der Tod.
Man kann diese ganze Theorie mit den Worten Spinozas ausdrücken: Omnia, quamvis diversis gradibus, animata tamen sunt.[476]
Auf diese Weise wird die Dämonologie der Kabbalisten eine notwendige Ergänzung ihrer Metaphysik und erklärt uns vollkommen die Namen, mit welchen man die beiden unteren Welten bezeichnet.
Achtes Kapitel. Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.
Durch den erhabenen Rang, welchen die Kabbalisten dem Menschen einräumen, empfehlen sie sich nicht nur unserem Interesse, sondern das Studium ihres Systems gewinnt auch eine hohe Wichtigkeit sowohl für die Geschichte der Philosophie als für die der Religion. „Du bist vom Staub und wirst zu Staub werden“, sagt die Genesis, und auf diese Worte des Fluches folgt kein Versprechen einer bessern Zukunft, keine Erwähnung der Seele, welche zu Gott emporsteigt, wenn der Körper zu Erde geworden ist. Nach dem Autor des Pentateuch hat das Urbild der israelitischen Weisheit, der Prediger Salomonis, der Nachwelt folgende fremdartige Parallele hinterlassen:
„Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch; und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh; denn es ist alles eitel.“[477]
Der Talmud drückt sich manchmal in poetischen Äußerungen über die Belohnungen aus, welche die Gerechten erwarten. Er stellt dieselben dar, sitzend im himmlischen Eden, das Haupt mit Licht umflossen und sich der göttlichen Herrlichkeit freuend. Aber die menschliche Natur sucht er mehr zu erniedrigen als zu adeln.[478]
„Woher kommst du? Von einem Tropfen faulenden Stoffes. Wohin gehst du? In die Mitte des Staubes, der Verderbnis und der Würmer. Und vor wem wirst du dich eines Tages rechtfertigen und Rechenschaft geben von deinen Handlungen? Vor demjenigen, welcher herrscht über die Könige der Könige, vor dem Heiligen, gelobt sei er.“[479]
Dieses sind die Worte, welche man in einer Sammlung von Sentenzen liest, welche einem der ältesten und geachtetsten Häupter der talmudistischen Schule zugeschrieben wird. Der Sohar belehrt uns in einer ganz andern Sprache über unsern Ursprung, unsere zukünftige Bestimmung und unsere Beziehungen zum göttlichen Wesen. Er sagt:
„Der Mensch ist die Zusammenfassung und der erhabenste Ausdruck der Schöpfung; deshalb wurde er am sechsten Tag geschaffen. Sobald der Mensch erschien, war alles vollendet, sowohl die obere als die untere Welt, denn alles ist im Menschen zusammengefaßt, er vereinigt in sich alle Formen.“[480]
Aber es ist nicht allein das Bild der Welt, der Universalität der Wesen, die man unter dem absoluten Sein versteht, er ist auch das Bildnis Gottes, betrachtet in der Gesamtheit seiner unendlichen Attribute. Er ist die göttliche Anwesenheit auf der Erde, der himmlische Adam, welcher, von der tiefsten und ersten Dunkelheit ausgehend, den irdischen Adam geschaffen hat.[481]
Es möge hier in erster Linie folgen, in welcherlei Hinsicht der Sohar den Menschen die kleine Welt nennt:
„Glaube nicht, daß der Mensch allein Fleisch, Haut, Knochen und Adern sei. Im Gegentheil: Das, was wirklich den Menschen ausmacht, ist seine Seele, und die Dinge, von denen wir sprachen, die Haut, das Fleisch, die Knochen, die Adern, sind für uns nur ein Kleid, ein Schleier, aber sie sind nicht der Mensch. Wenn der Mensch stirbt, legt er alle Schleier ab, welche ihn bedecken. Jedoch sind diese verschiedenen Theile unseres Körpers übereinstimmend mit den Geheimnissen der höchsten Weisheit. Die Haut entspricht dem Firmament, welches sich allenthalben ausdehnt und alle Dinge wie ein Kleid bedeckt. Das Fleisch entspricht der üblen Seite des Universum, die wir weiter oben das rein äußerliche und sinnliche Element genannt haben. Die Knochen und Adern bilden den himmlischen Wagen, die innerlichen Kräfte, die Diener Gottes. Alles dies ist jedoch nur ein Kleid. Denn im Innern ist das Geheimniß des himmlischen Menschen verborgen. Also steigt der irdische Mensch, der himmlische und innere Adam, sowohl hinauf als herab. Es hat dies denselben Sinn, als wie gesagt ist, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Aber selbst am Firmament, welches das Weltall einschließt, sehen wir verschiedene durch die Sterne und Planeten gebildete Figuren, welche uns verborgene Dinge und tiefe Geheimnisse ankündigen. Ebenso finden wir auf der Haut, welche unsern Körper umgiebt, Formen und Züge, welche als die Planeten und Sterne unseres Körpers zu betrachten sind. Alle diese Formen haben einen verborgenen Sinn und sind ein Gegenstand der Aufmerksamkeit für die Weisen, welche im Gesicht des Menschen lesen können.“[482]
Allein durch die Gewalt seiner äußern Gestalt, durch den Reflex der Intelligenz und der über seine Züge ausgegossenen Größe macht der Mensch die wildesten Tiere erzittern.[483] Der Engel, welchen Gott Daniel zur Verteidigung gegen die Wut der Löwen sandte, ist nach dem Sohar nichts anderes, als das Gesicht des Propheten, oder die Herrschaft, welche ein reiner Mensch ausübt. Aber er fügt hinzu, daß dieser Vorzug sogleich verschwindet, sobald sich der Mensch durch die Sünde und das Vergessen seiner Pflichten herabsetzt.[484] Wir wollen nicht länger bei diesem Punkt verweilen, weil derselbe, wie wir schon bemerkt haben, durchaus unter die Theorie von der Natur gehört.
An sich selbst betrachtet, das heißt, unter dem Gesichtspunkt der Seele und verglichen mit Gott, bevor derselbe in der Welt sichtbar wurde, ruft uns das menschliche Wesen durch seine Einheit, seine substantielle und seine dreifache Natur vollkommen die höchste Trinität ins Gedächtnis zurück. Er ist aus folgenden Elementen zusammengesetzt:
1. Aus dem Geist, נשמה, welcher den erhabensten Grad seiner Existenz repräsentiert; 2., aus der Seele, רוח, welche das Behältnis des Guten und Bösen, des guten und schlechten Verlangens, mit einem Wort: der moralischen Eigenschaften ist; 3., aus einem gröberen Geist, נפש, welcher in unmittelbarer Verbindung mit dem Körper steht und direkt das verursacht, was der Text „die untern Bewegungen“, d. h. die Handlungen und Instinkte des tierischen Lebens verursacht.
Um zu begreifen, wie sich diese drei Prinzipien oder vielmehr diese drei Grade der menschlichen Existenz, ungeachtet des sie trennenden Abstandes, sich zu einem einzigen Wesen verbinden, wird hier der Vergleich wiederholt, dessen sich schon das Buch der Schöpfung hinsichtlich der göttlichen Attribute bedient. An einer Unzahl von Stellen wird von diesen drei Seelen gesprochen; aber ihrer Klarheit wegen bringen wir nur die folgenden zur Wiedergabe:
„In den drei Dingen, dem Geist, der Seele und dem sinnlichen Leben finden wir ein getreues Bild von dem, was von oben herabsteigt; denn alle drei bilden nur ein einziges Wesen, in welchem alles zu einer Einheit verbunden ist. Das sinnliche Leben besitzt an sich selbst kein Licht und ist deshalb mit dem Körper eng verbunden, welchem es die Freuden und die Nahrung, deren er bedarf, beschafft. Man kann es mit den Worten des Weisen erklären: ‚Es bereitet seinem Haus die Nahrung und weist den Knechten ihr Tagewerk an.‘ Das Haus ist der zu ernährende Körper, und die Knechte sind die Glieder, welche ihm gehorchen. Über das sinnliche Leben erhebt sich die Seele, welche es unterjocht, ihm Gesetze auflegt und erleuchtet, soviel es die Natur bedarf. Das animalische Prinzip steht also unter der Herrschaft der Seele. Über die Seele endlich erhebt sich der Geist, welcher alles beherrscht und auf sie ein Licht des Lebens wirft. Die Seele wird durch dieses Licht erleuchtet, und alles hängt vollkommen vom Geist ab. Nach dem Tod hat sie keine Ruhe; die Thore des Eden werden nicht eher geöffnet, als bis der Geist zu seiner Quelle, dem Ältesten der Alten, zurückgekehrt ist, um von ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit erfüllt zu werden, denn alles kehrt zu seiner Quelle zurück.“[485]
Jede dieser drei Seelen hat, wie leicht einzusehen, ihren Ursprung in einem verschiedenen Grad der göttlichen Wesenheit. Die höchste Weisheit, welche auch das himmlische Eden genannt wird, ist der alleinige Ursprung des Geistes. Die Seele kommt nach den Auslegern des Sohar von dem Attribut, welches in sich die Gerechtigkeit und Gnade vereinigt, nämlich von der Schönheit. Das animalische Prinzip endlich, welches sich nie über diese Welt erhebt, hat keine andere Basis als die Attribute der Stärke, welche im Reich zusammengefaßt sind.
Außer diesen drei Elementen kennt der Sohar noch ein anderes von ganz außerordentlicher Natur, auf dessen alten Ursprung wir im weiteren Verlauf zurückkommen werden. Es ist die äußere Form des Menschen, aufgefaßt als eine vom Körper getrennte Existenz, mit einem Wort: die Idee des Körpers mit den persönlichen Zügen, welche uns von den andern unterscheiden. Diese Idee steigt vom Himmel herab und wird sichtbar im Augenblick der Empfängnis.
„In dem Augenblick der irdischen Vereinigung sendet der Heilige, dessen Name gelobt sei, vom Himmel herab eine Form von der Ähnlichkeit des Menschen, welche den Abdruck des göttlichen Siegels trägt. Diese Form hilft bei dem Act, von welchem wir sprechen, und wenn das Auge sehen könnte, was dabei vorgeht, so würde man über seinem Haupt ein dem menschlichen Gesicht vollkommen ähnliches Bild erblicken, welches das Modell ist, nach welchem wir geschaffen sind. Wenn es von dem Herrn nicht herabgesandt wird und nicht über unser Haupt schwebt, so findet keine Zeugung statt, denn es steht geschrieben: ‚Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.‘ Dieses Bild empfing uns bei unserer Ankunft auf der Welt, es entwickelt sich, wenn wir wachsen, und verläßt mit uns die Erde. Sein Ursprung ist im Himmel. Im Augenblick, wo die Seelen ihren himmlischen Aufenthaltsort verlassen, erscheint jede Seele vor dem höchsten König, bekleidet mit einer erhabenen Form, in welche die Züge eingegraben sind, welche sie hier unten tragen soll. Das Bild, von dem wir reden, besteht in dieser erhabenen Form, es kommt als drittes hinter der Seele, es geht uns auf der Erde voraus und erwartet unsere Ankunft seit dem Augenblick der Empfängniß; es ist beständig gegenwärtig bei dem Akt der ehelichen Vereinigung.“[486]
Bei den neueren Kabbalisten wird dieses Bild das individuelle Prinzip genannt.
Endlich haben einige unter dem Namen Lebensgeist in die kabbalistische Psychologie ein fünftes Prinzip eingeführt, welches seinen Sitz im Herzen hat, und das der Kombination und Organisation der materiellen Elemente vorsteht und sich gänzlich vom Prinzip des tierischen Lebens, vom sinnlichen Leben unterscheidet, wie bei Aristoteles und den scholastischen Philosophen die negative Seele sich von der sensitiven unterscheidet. Diese Meinung gründet sich auf eine allegorische Stelle des Sohar, wo gesagt wird, daß jede Nacht während unseres Schlafs unsere Seele zum Himmel hinaufsteigt, um Rechenschaft von ihrem Tagewerk abzulegen, und daß in diesem Augenblick der Körper nur von einem im Herzen wohnenden Lebenshauch beseelt wird.[487]
Aber diese beiden letzteren Elemente zählen nichts in unserer geistigen Existenz, welche völlig in der innigen Verbindung des Geistes mit der Seele aufgeht. Was nun die augenblickliche Verbindung dieser beiden oberen Prinzipien mit dem sinnlichen anlangt, wodurch dieselben an die Erde gekettet werden, so wird sie nur als ein Übel angesehen.
Man will dieselbe nicht nach dem Beispiel des Origenes und der Gnostiker für einen Fall oder ein Exil gelten lassen, wohl aber für ein Erziehungsmittel und eine heilsame Probe. In den Augen der Kabbalisten ist es eine Notwendigkeit für die Seele, eine mit ihrer endlichen Natur zusammenhängende Notwendigkeit, eine Rolle im Universum zu spielen, das Schauspiel der Schöpfung zu betrachten, und das Bewußtsein ihrer selbst und ihres Ursprungs zu erhalten, und zurückzukehren ohne sich vollkommen mit der unerschöpflichen Quelle des Lichtes und Lebens zu vermischen, welche man den göttlichen Gedanken nennt. Im andern Fall würde der Geist nicht hernieder steigen können, ohne gleichzeitig die beiden unteren Prinzipien, ja sogar die noch niedriger stehende Materie zu erheben. Wenn das menschliche Leben vollendet ist, ist es gewissermaßen eine Art Versöhnung zwischen den beiden äußersten Grenzen der Existenz, in ihrer Gesamtheit betrachtet, zwischen dem Idealen und Realen, zwischen der Form und dem Stoff, oder wie das Original sagt, zwischen dem König und der Königin. Es mögen hier diese beiden zwar in poetischer Form, aber unverkennbar geschilderten Konsequenzen folgen:
„Die Seelen der Gerechten sind über alle Mächte und Diener des Himmels erhöht. Und wenn du fragst, warum sie von einer so erhabenen Stelle auf die Welt herabsteigen und sich von ihrem Ursprung entfernen, so antworte ich darauf: Es ist das Beispiel eines Königs, welchem ein Sohn geboren wird, welchen er auf das Land schickt, damit er dort ernährt und erzogen werde, bis daß er groß geworden und vorbereitet ist zu den im Palast seines Vaters herrschenden Gebräuchen. Wenn man nun dem König meldet, daß die Erziehung seines Sohnes vollendet sei, was wird er wohl in seiner Liebe zu ihm thun? Er läßt, um seine Rückkehr zu feiern, die Königin, seine Mutter, holen, er führt ihn in seinen Palast und freut sich mit ihm den ganzen Tag. Der Heilige, gelobt sei sein Name, hat auch einen Sohn von der Königin; dieser Sohn ist die obere und heilige Seele. Er schickt sie auf das Land, das heißt in diese Welt, um hier groß und eingeführt zu werden in die Gebräuche, welche man im Palast des Königs befolgt. Wenn es nun zur Kenntniß des Königs kommt, daß sein Sohn erwachsen und die Zeit gekommen ist, ihn bei sich einzuführen, was wird er dann in seiner Liebe zu ihm thun? Er läßt ihm zu Ehren die Königin holen und den Sohn in seinen Palast eintreten. So verläßt die Seele die Erde nicht, bevor nicht die Königin sich mit ihr verbunden hat, um sie in den Palast des Königs einzuführen, wo sie ewig wohnen wird. Und doch haben die Landbewohner die Gewohnheit zu weinen, wenn der Sohn des Königs sich von ihnen trennt. Wenn aber ein hellsehender Mann zugegen wäre, so würde er zu ihnen sagen: Warum weint ihr? Ist es nicht der Sohn des Königs? Ist es nicht recht, daß er euch verläßt, um im Palast seines Vaters zu wohnen? Deshalb richtete Moses, welcher die Wahrheit wußte und sah, daß die Landbewohner, das heißt die Menschen zu klagen pflegen, an sie folgende Worte: Ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes: Ihr sollt euch nicht Maale stechen, noch kahl scheeren über den Augen über einem Todten.[488] – Wenn alle Gerechte diese Dinge wüßten, so würden sie mit Freuden den Tag erwarten, an dem sie diese Welt verlassen müssen. Und ist es nicht der Gipfel des Ruhmes, wenn die Königin, die Schechinah oder die göttliche Gegenwart, in ihre Mitte herabsteigt, damit sie in den Palast des Königs aufgenommen werden und seine Wonnen schmecken von Ewigkeit zu Ewigkeit.“[489]
Wir finden hier noch in den Beziehungen, welche zwischen Gott, der Natur und der menschlichen Seele bestehen, die nämliche Form der Trinität, welcher wir so oft begegnet sind, und der die Kabbalisten eine viel größere logische Wichtigkeit beilegen, als man nach dem exklusiven Kreis der religiösen Ideen noch erwarten sollte.
Aber nicht allein unter diesem Gesichtspunkt ist die menschliche Natur das Bild Gottes; sie schließt auch auf allen Stufen ihrer Existenz die beiden Prinzipien in sich ein, welche mit Hilfe eines Mittelgliedes aus ihrer Verbindung hervorgeht, wodurch die Trinität, welche das Resultat oder der vollkommenste Ausdruck ist, erzeugt wird. Der himmlische Adam ist das Resultat eines männlichen und weiblichen Prinzips. Dies mußte sein, damit daraus der irdische Mensch entstehen konnte, und diese Unterscheidung findet sowohl hinsichtlich des Körpers, als auch der Seele, in ihrer höchsten Reinheit betrachtet, statt. Der Sohar sagt:
„Jede Form, in welcher man nicht ein männliches und ein weibliches Prinzip findet, ist keine obere und vollkommene Form. Der Heilige, gelobt sei er, schlägt seine Wohnung nur an einem Ort auf, wo diese beiden Prinzipien vollkommen vereinigt sind. Nur von hier und durch diese Vereinigung strömt der Segen herab, wie wir aus folgenden Worten ersehen: Er segnete sie und nannte ihren Namen Adam an dem Tag, an welchem er sie schuf, denn selbst der gegebene Name Mensch kann nur einem Mann und einer Frau werden, welche zu einem einzigen Wesen vereinigt sind.“[490]
Die Seele war ursprünglich so eng mit der höchsten Intelligenz verbunden, daß beide Hälften des menschlichen Wesens, in welchem alle Elemente unserer geistigen Natur zusammengefaßt sind, sich unter einander vereinigt befanden, bevor sie auf diese Welt kamen, wohin sie gesandt wurden, um sich selbst zu erkennen und sich von neuem im Schoße der Gottheit zu vereinigen. Dieser Gedanke ist nirgends so rein ausgedrückt als in folgendem Fragment:
„Vor ihrer Herabkunft auf die Erde ist jede Seele und jeder Geist aus einem Mann und einer Frau zusammengesetzt, welche zu einem einzigen Wesen vereinigt sind. Indem sie zur Erde herabsteigen, trennen sich beide Hälften und beseelen verschiedene Körper. Wenn aber die Zeit der Ehe gekommen ist, vereinigt der Heilige, gelobt sei er, welcher alle Seelen und alle Geister kennt, sie wie zuvor, und alsdann bilden sie wie vorher einen einzigen Körper und eine einzige Seele. Aber das sie verbindende Band entspricht den Werken des Menschen und den Wegen, welche er wandelte. Wenn der Mensch rein war und fromm handelte, so wird er sich einer Vereinigung erfreuen, welche vollkommen jener gleicht, die seiner Geburt vorausging.“[491]
Der Autor scheint hier von den Androgynen Platos zu sprechen, deren Name in der alten Tradition der Hebräer bekannt genug ist. Aber wie kommt dieser Punkt der griechischen Philosophie in die Kabbala? Man wird uns die Bemerkung gestatten, daß diese Frage hier präokkupiert erscheint, daß aber der Grundsatz, nach welchem sie gelöst wird, nicht unwürdig eines so großen metaphysischen Systems erscheint: Denn, wenn Mann und Frau ihrer geistigen Natur nach und hinsichtlich der absoluten moralischen Gesetze gleiche Wesen sind, so sind sie hinsichtlich der natürlichen Richtung ihrer Fähigkeiten vollkommen ähnlich, und wir haben allen Grund, mit dem Sohar zu sagen, daß die Trennung der Geschlechter nicht weniger für die Seelen als für die Körper Geltung besitzt.
Der Glaube, welchen wir jetzt klarlegen, ist unzertrennlich von dem Dogma der Präexistenz und bereits mit der Ideenlehre verbunden, indem er genau mit ihr die Existenz und den Gedanken verbindet. Auch ist dieses Dogma mit völliger Klarheit in dem Prinzip klargelegt, worin es seinen Ursprung hat. Wir brauchen nur unsere bescheidene Rolle des Übersetzers beizubehalten:
„In der Zeit, in welcher der Heilige, gelobt sei er, das Universum schaffen wollte, war dasselbe bereits in seinen Gedanken gegenwärtig. Er schuf deshalb die Seelen, welche in der Folge den Menschen gehören sollten. Sie standen alle vor ihm vollkommen in der Form, welche sie nachher in den menschlichen Körpern annehmen sollten. Der Ewige betrachtete eine nach der andern und sah mehrere, welche ihre Wege auf der Welt verderben würden. Wenn ihre Zeit gekommen ist, wird jede dieser Seelen vor den Ewigen gerufen, welcher zu ihnen sagt: Gehe auf den oder jenen Theil der Erde und belebe diesen oder jenen Körper. Die Seele antwortet ihm: O Herr des Weltalls, ich bin glücklich auf der Welt, in welcher ich bin, und ich wünsche sie nicht um eine andere zu verlassen, wo ich jeder Beschmutzung ausgesetzt bin. Alsdann wird der Heilige, gelobt sei er, antworten: Am Tag, an welchem du geschaffen wurdest, hattest du keine andere Bestimmung, als auf die Welt zu gehen, wohin ich dich sandte. Die Seele schlug mit Schmerzen den Weg zur Erde ein und stieg in die Mitte von uns herab.“[492]
Dieselbe Idee finden wir einfacher ausgedrückt in folgender Stelle:
„Insofern vor der Schöpfung alle Dinge im göttlichen Gedanken gegenwärtig waren in den ihnen eigenthümlichen Formen, existirten alle menschlichen Seelen, bevor sie auf diese Welt herabstiegen, in Gott und dem Himmel in der Form, welche sie hier unten beibehielten; und alle, welche zur Erde herabstiegen, wußten dies, bevor sie hier ankamen.“[493]
Man wird leicht mit uns einsehen, daß ein Prinzip von solcher Wichtigkeit nicht irgend welchen Offenbarungen entstammt, um seinen Platz in der Gesamtheit des Systems einzunehmen, im Gegenteil wird es auf eine viel kategorischere Weise gebildet sein müssen.
Wir müssen uns jedoch hüten, die Lehre von der Präexistenz mit derjenigen der moralischen Prädestination zu verwechseln. Mit dieser wird die menschliche Freiheit vollkommen unmöglich; mit jener ist sie nur ein Geheimnis, wozu der heidnische Dualismus und das biblische Dogma von der Schöpfung ebensowenig geeignet sind, den Schleier zu lüften, als der Glaube an die absolute Einheit. Dieses Mysterium wird förmlich im Sohar anerkannt:
„Simon ben Jochai sagte zu seinen Schülern: Wenn der Herr, gelobt sei er, in uns nicht das gute und böse Verlangen gelegt hätte, welches uns die heilige Schrift unter dem Bilde des Lichtes und der Finsterniß darstellt, so würde für den Menschen weder Verdienst noch Schuld existiren. Aber warum ist diesem also? fragten seine Schüler. Wäre es nicht besser, wenn für ihn weder Lohn noch Strafe existirten, damit der Mensch nicht sündigen und Böses thun könnte? Nein, entgegnete der Meister, es ist gerecht, daß der Mensch so geschaffen wurde, wie er ist, denn alles, was der Heilige geschaffen hat, gelobt sei er, war nothwendig. Wegen des Menschen wurde das Gesetz der Schöpfung geschaffen. Dieses Gesetz ist ein Kleid der Gottheit. Ohne den Menschen und ohne dieses Gesetz würde die göttliche Gegenwart gewesen sein wie ein Armer, der seine Blöße nicht bedecken kann.“[494]
Mit andern Worten ist die moralische Natur des Menschen die Idee des Guten und Bösen, welche man ohne den Begriff der Freiheit nicht erfassen kann, eine derjenigen Formen, unter welchen wir uns das absolute Wesen vorzustellen gezwungen sind. Wir haben schon oben gesehen, daß Gott die Seelen, welche ihn eines Tages verlassen, schon vor ihrer Ankunft auf der Welt erkennt. Aber der Begriff der Freiheit ist nicht von dieser Meinung abhängig; im Gegenteil, sie existiert schon zu dieser Zeit, und hier möge folgen, wie die freien Geister noch die Ketten der Materie mißbrauchen:
„Alle diejenigen, welche auf der Welt Böses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom Heiligen, dessen Name gelobt sei, zu entfernen; sie haben sich in den Abgrund gestürzt und sind vor der ihnen bestimmten Zeit zur Erde herabgestiegen. So waren diese Seelen vor ihrer Ankunft unter uns beschaffen.“[495]
Dies ist hinlänglich, um den Begriff der Freiheit mit der Bestimmung der Seele zu verbinden und dem Menschen die Möglichkeit der Verbesserung seiner Fehler zu lassen, ohne ihn für immer aus dem Schoße der Gottheit zu verbannen. Deshalb haben die Kabbalisten das pythagoräische Dogma der Metempsychose angenommen, jedoch dasselbe veredelt. Die Seelen müssen, wie alle Sonderexistenzen dieser Welt, zur absoluten Substanz zurückkehren, von welcher sie ausgegangen sind. Darum müssen aber alle Fähigkeiten der Vervollkommnungen, deren unzerstörbarer Keim in ihnen liegt, entwickelt werden; sie müssen durch eine Menge von Proben das Bewußtsein ihrer selbst und ihres Ursprungs gewinnen. Wenn sie diese Bedingungen nicht in einem früheren Leben erfüllt haben, so beginnen sie ein neues und nach diesem ein drittes mit immer neuen Proben, denn alles kommt schließlich darauf an, daß die Seelen immer neue Tugenden erwerben, welche ihnen früher gefehlt traben. Dieses Exil hört auf, wenn wir wollen; nichts aber hindert uns, daß es ewig dauere. Der Text sagt:
„Alle Seelen sind der Probe der Seelenwanderung (Gilgul) unterworfen, und die Menschen wissen nicht, was sie sind in Bezug auf die Wege, welche der Allerhöchste mit ihnen einschlägt. Sie wissen nicht, daß sie für alle Zeiten gerichtet sind, bevor sie auf diese Welt herabkommen und wenn sie dieselbe verlassen. Sie wissen nicht, wieviel Transformationen und geheimnisvolle Proben sie durchmachen müssen, wieviel Seelen und Geister auf diese Welt herabkommen, welche niemals in den Palast des himmlischen Königs zurückkehren; wieviel sie endlich solche Verwandlungen bis zum Stein, welchen man mit der Schleuder wirft, durchmachen müssen. Die Zeit ist endlich gekommen, daß diese Geheimnisse enthüllt würden.“[496]
Auf diese Worte, welche so vollständig mit der Metaphysik des Sohar im Einklang stehen, folgen Details, in denen sich die höchste poetische Imagination kundgiebt, welche vielleicht das Genie Dantes in seinem unsterblichen Werk gesammelt hätte, die aber keinerlei Interesse für die Geschichte der Philosophie besitzen und nichts dem hier kennen zu lernenden System hinzufügen. Wir bemerken hier nur, daß die Seelenwanderung, wenn wir dem heiligen Hieronymus Glauben schenken dürfen, unter den ersten Christen lange Zeit als eine esoterische und traditionelle Lehre im Umlauf war, welche nur einer kleinen Anzahl Auserlesener anvertraut wurde: „abscondite quasi in foveis viperarum versari, et quasi haereditario malo serpere in paucis.“ Origenes betrachtet die Seelenwanderung als das einzige Mittel zur Erklärung gewisser biblischer Erzählungen, wie zum Beispiel des Kampfes von Jakob und Esau vor ihrer Geburt, von der Auswahl des Jeremias, als er sich noch im Mutterschoß befand, und einer Menge anderer Erzählungen, welche den Himmel der Ungerechtigkeit anklagen würden, wenn sie nicht durch gute oder böse Handlungen in einem früheren Leben gerechtfertigt würden. Um nun schließlich keinerlei Zweifel über den Ursprung dieses Glaubens aufkommen zu lassen, trägt der Priester von Alexandria Sorge zu sagen, daß es sich hier nicht um die Metempsychose Platos, sondern um eine davon ganz verschiedene und weit erhabenere Theorie handelt.
Weiterhin glauben die neueren Kabbalisten, daß die göttliche Gnade uns in der eigentlichen Metempsychose ein Mittel zur Wiedererlangung des Himmels darbietet. Sie geben an, daß, wenn zwei Seelen die Kraft fehlt, – jede für sich die Vorschriften des Gesetzes zu erfüllen, Gott sie beide in einem einzigen Körper und zu einem Leben verbindet, damit eine die andere ergänze, wie der Blinde den Lahmen. Manchmal hat eine dieser beiden Seelen die Ergänzung einer Tugend nötig, welche in der andern besser und stärker entwickelt ist. Diese wird alsdann gewissermaßen die Mutter der ersteren; sie trägt dieselbe alsdann in ihrem Schoß und ernährt sie wie die Mutter ihr Kind. Dies ist der kabbalistische Sinn der Worte „Trächtigkeit“ oder „Schwangerschaft“, mit welchen diese merkwürdige Verbindung bezeichnet wird, deren philosophischer Sinn sehr schwer zu begreifen ist. Aber lassen wir hier diese Träumereien oder unwichtigen Allegorien und halten wir uns weiter an den Text des Sohar.
Wir wissen bereits, daß die Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit stets das Ende und die Belohnung aller Proben ist, von denen wir sprachen.[497] Jedoch haben die Autoren des Sohar dabei nicht Halt machen wollen: diese Verbindung, aus welcher für den Schöpfer sowohl als für das Geschöpf unaussprechliche Freuden hervorgehen, schien ihnen eine natürliche Thatsache, deren Prinzip in der Natur des Geistes selbst begründet ist; mit einem Wort, sie wollten es durch ein psychologisches System erklären, welches man ohne Ausnahme in allen dem Mysticismus entsprungenen Theorien wiederfindet. Nachdem der Sohar von der menschlichen Natur die blinde Kraft getrennt hat, welche dem tierischen Leben vorsteht, das nie die Erde verläßt und infolgedessen keine Rolle in der Bestimmung der Seele spielt, unterscheidet der Sohar noch zwei Arten des Empfindens und Erkennens. Die beiden ersten sind die Furcht und die Liebe: das direkte und reflektierte Licht, oder das innere und äußere Gesicht; dieses sind die Ausdrücke, welche gewöhnlich zur Bezeichnung der beiden letzteren angewendet werden. Der Text sagt:
„Das innere Gesicht empfängt sein Licht von der höchsten Flamme, welche in Ewigkeit leuchtet, und deren Geheimniß nie entschleiert werden wird, es ist innerlich, weil es von einer verborgenen Quelle stammt; es ist auch erhaben, weil es von oben kommt. Das äußere Gesicht ist nur ein Reflex dieses Lichtes, welches direkt von oben emanirt.“[498]
Als Gott zu Moses sagte, daß er ihn nie von Angesicht, sondern nur von hinten sehen werde, spielt er auf diese beiden Weisen des Erkennens an, welche außerdem noch durch den Baum des Lebens dargestellt werden, welcher die Erkenntnis des Guten und Bösen giebt. Es ist mit einem Wort das, was wir heute die Intuition und die Reflexion nennen. Die Liebe und die Furcht, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, werden in einer sehr bemerkenswerten Weise in folgendem Satz definiert:
„Durch die Furcht wird der Mensch zur Liebe geführt. Ohne Zweifel ist der Mensch, welcher Gott aus Liebe gehorcht, auf der erhabensten Stufe angekommen, und ihm gebührt schon in Folge seiner Heiligkeit das zukünftige Leben; aber man darf nicht glauben, daß Gott aus Furcht dienen, Gott nicht dienen sei. Es ist im Gegentheil eine sehr wichtige Ehrerbietung gegen Gott, daß die Furcht vor Gott zwischen diesem und einer weniger fortgeschrittenen Seele ein gewisses Band herstellt. Es giebt nur eine über die Furcht erhabene Stufe, nämlich die Liebe. In der Liebe ist das Geheimniß der Einheit verborgen. Sie ist es, welche die Einen zu den obern Stufen hinauf und die Andern zu den untern hinabzieht. Sie ist es, welche alles Seiende auf die höchste Stufe erhebt, wo Alles nothwendiger Weise vereinigt werden muß. Dies ist der geheimnisvolle Sinn der Worte: Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott.“[499]
Wir begreifen auf der Stelle, wenn wir einmal auf diesem höchsten Grad der Vollkommenheit angelangt sind, daß der Geist weder Reflexion noch Furcht mehr kennt, daß vielmehr seine in die Intuition und Liebe eingeschlossene glückliche Existenz ihren individuellen Charakter verloren hat; ohne Interesse, ohne Handlung, ohne Rückkehr zu sich selbst kann sie sich nicht mehr von der göttlichen Wesenheit trennen. Hier möge folgen, wie sie sich zunächst unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz darstellt:
„Kommet und sehet: wenn die Seelen an den Ort gekommen sind, welche man den Schatz des Lebens nennt, so erfreuen sie sich jenes glänzenden Lichtes, dessen Herd im höchsten Himmel ist: und so groß ist der von ihm ausgehende Glanz, daß ihn die Seelen nicht würden ertragen können, wenn sie nicht mit einer Lichthülle bekleidet wären. Dank dieser Hülle können sie Angesichts dieses blendenden Herdes bestehen, welcher den Aufenthaltsort des Lebens verklärt. Moses selbst konnte sich ihm nur nähern, um ihn zu betrachten, nachdem er seine irdische Hülle abgelegt hatte.“[500]
Wenn wir nun wissen wollen, wie sich Gott aus Liebe mit der Seele vereinigt, so müssen wir die Worte jenes Greises hören, welchen der Sohar nächst Simon ben Jochai die größte Rolle spielen läßt:
„In einem der geheimsten und erhabensten Orte des Himmels steht ein Palast, welchen man den Palast der Liebe nennt. Von ihm gehen die tiefsten Geheimnisse aus; in ihm sind alle vom himmlischen König geliebten Seelen versammelt; in ihm wohnt der himmlische König, der Heilige, gelobt sei er, mit den heiligen Seelen und vereinigt sich mit ihnen durch Küsse der Liebe.“[501]
Kraft dieser Idee wird der Tod des Gerechten ein Kuß Gottes genannt. Der Text sagt ausdrücklich:
„Dieser Kuß ist die Vereinigung der Seele mit der Substanz, woraus sie entsprungen ist.“[502]
Das gleiche Prinzip macht uns begreiflich, warum die Interpreten des Mysticismus den zärtlichen, aber oft sehr profanen Ausdrücken des Hohenliedes eine so große Verehrung entgegen bringen.
„Mein Geliebter gehört mir, und ich gehöre meinem Geliebten“, sagte Simon ben Jochai vor seinem Tod, und es verdient als wichtig bemerkt zu werden, daß dieser Ausdruck auch die Abhandlung Gersons über die mystische Theologie schließt. Ungeachtet der Überraschung, welche der eben genannte berühmte Name und der große Name Fenelons in Verbindung mit dem Sohar hervorrufen könnte, würden wir keine Mühe haben, darzulegen, daß in den „Betrachtungen über die mystische Theologie“ und in der „Auseinandersetzung der Grundsätze der Heiligen“ es unmöglich ist, etwas anderes zu finden, als diese Theorie der Liebe und Betrachtung, deren Grundzüge wir darlegten. Ihre letzte Konsequenz hat endlich niemand mit solchem Freimut dargestellt wie die Kabbalisten. Unter den verschiedenen Stufen der Existenz, welche man auch die sieben Tabernakel nennt, giebt es eine, welche der Heiligste der Heiligen genannt wird, auf welcher alle Seelen sich mit der höchsten Seele vereinigen und einander ergänzen. Hier kehrt alles zur Einheit und Vollkommenheit zurück; alles verbindet sich zu einem einzigen Gedanken, welcher sich über das Weltall ausdehnt und dasselbe völlig erfüllt. Aber der Grund dieses Gedankens, das Licht, welches sich verbirgt, und das nie verlöscht oder erkannt werden kann, wird nur sichtbar durch den von ihm ausgehenden Gedanken. In diesem Zustand endlich kann die Kreatur nicht mehr vom Schöpfer unterschieden werden; derselbe Gedanke erleuchtet sie, derselbe Wille beseelt sie; die Seele sowohl sich selbst als Gott befehlend und dem Weltall, und was sie befiehlt führt Gott aus.[503]
Es bleibt uns noch zum Beschluß dieser Untersuchung übrig, mit wenig Worten die Meinung der Kabbalisten über ein traditionelles Dogma kennen zu lernen, welches in ihrem System zwar eine sehr untergeordnete Rolle spielt, das aber für die Religionsgeschichte von der höchsten Wichtigkeit ist. Der Sohar erwähnt öfter den Abfall und den Fluch, welchen der Ungehorsam unserer ersten Eltern in die menschliche Natur brachte. Er lehrt uns, daß Adam, indem er der Schlange nachgab, in Wirklichkeit den Tod auf sich, seine Nachkommenschaft und die ganze Natur herab beschwor. Vor seinem Fall war er von größerer Schönheit und Stärke als die Engel. Wenn er einen Körper hatte, so war er nicht von gemeinem Stoff wie der unsere, er hatte keine Bedürfnisse und sinnliche Wünsche. Er wurde durch die höchste Weisheit verklärt, durch diejenige der Boten Gottes von der höchsten Ordnung, welche ihn später aus dem Paradies vertreiben mußten. Man kann jedoch nicht sagen, daß dieses Dogma das nämliche sei, wie das vom Sündenfall. In Wirklichkeit handelt es sich hier, wenn man nur die Nachkommenschaft Adams im Auge hat, weder um ein Verbrechen noch um eine menschliche Tugend, wohl aber um ein erbliches Übel, um eine schreckliche Strafe, welche sich sowohl über die Zukunft als über die Gegenwart erstreckt. Der Text sagt:
„Der reine Mensch ist an sich selbst ein wahres Opfer, welches zur Heilung dienen kann; deshalb werden auch die Gerechten die Reinigungsopfer des Weltalls genannt.“[504]
Die Kabbalisten gehen sogar so weit, den Todesengel als den größten Wohlthäter des Weltalls hinzustellen; denn, sagen sie, er beschützt uns gegen das gegebene Gesetz, er ist die Ursache, daß die Gerechten die erhabenen Schätze erben, welche ihnen für das zukünftige Leben vorbehalten sind.[505] Schließlich ist dieser alte, in der Genesis so positiv ausgedrückte Glaube an den Sündenfall des Menschen in der Kabbala mit großer Geschicklichkeit als eine natürliche Thatsache, als eine Schöpfung der menschlichen Seele dargestellt, welche folgendermaßen erklärt wird:
„Bevor Adam gesündigt hatte, wußte er noch nicht, daß die Weisheit des Lichtes von oben kommt; er war noch nicht vom Baum des Lebens getrennt. Aber als er dem Verlangen nachgab, die unteren Dinge kennen zu lernen und in ihre Mitte herabzusteigen, alsdann wurde er verführt, er erkannte das Böse und vergaß das Gute; er trennte sich vom Baume des Lebens. Bevor er dieses gethan hatte, hörte er eine Stimme von oben; er besaß noch die höhere Weisheit und bewahrte noch ihre lichtartige Natur. Aber nach seinem Fall hörte er die Stimme nicht mehr.“[506]
Wie könnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten, wenn man uns lehrt, daß Adam und Eva, bevor sie durch die Einflüsterungen der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedürfnissen des Körpers befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Körper besaßen; daß sie also sozusagen der Erde gar nicht angehörten? Sie waren beide reine Intelligenzen, glückliche Geister, wie diejenigen, welche den Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und wenn der heilige Geschichtsschreiber erzählt, daß ihm der Herr ein Kleid von Fellen anzog, so will dies sagen, daß die Erlaubnis diese Welt zu bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der Wunsch, das Gute und Böse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Körper und Sinne. Hier möge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt wird:
„Als Adam, unser erster Vater, den Garten von Eden bewohnte, war er wie im Himmel mit einer Hülle aus dem oberen Licht bekleidet. Als er aus dem Garten von Eden verjagt und gezwungen wurde, sich den Nothwendigkeiten der Welt zu unterwerfen, was geschah dann mit ihm? Gott, sagt uns die Schrift, machte für Adam und seine Frau Kleider von Fellen, denn vorher hatten sie Kleider von Licht, welches in Eden strahlt. Die guten Handlungen, welche der Mensch auf Erden vollbringt, lassen auf ihn einen Theil dieses obern Lichtes herabsteigen, welches im Himmel erglänzt. Es ist dasjenige, welches ihm als Kleid dient, wenn er diese Welt verlassen und vor dem Heiligen, dessen Name gelobt sei, erscheinen muß. Dank diesem Kleid kann er die Wonnen der Auserlesenen schmecken und sich von Angesicht zu Angesicht im Spiegel des Lichtes betrachten. Also besitzt die Seele, bevor sie die Vollkommenheit in allen Dingen erlangt, ein verschiedenes Kleid für jede der beiden Welten, welche sie bewohnen muß, eines für die irdische und das andere für die obere Welt.“
Andererseits wissen wir schon, daß der Tod, welcher nichts anderes ist als die Sünde selbst, nicht ein allgemeiner Fluch, sondern nur ein allgemeines Übel ist. Er existiert nicht für den Gerechten, welcher sich mit Gott durch einen Kuß der Liebe verbindet, sondern er trifft nur den Bösen, welcher in dieser Welt alle seine Hoffnungen zurückläßt. Das Dogma vom Sündenfall wird auch von den neueren Kabbalisten, namentlich von Isaak Loriah angenommen, welcher glaubt, daß alle Seelen mit Adam geschaffen wurden und zuerst nur eine und dieselbe Seele bildeten, sämtlich gleich strafbar für den ersten Akt des Ungehorsams sind. Aber in derselben Zeit, worin er sie uns so erniedrigt seit dem Beginn der Schöpfung darstellt, spricht er ihnen die Fähigkeit zu, sich wieder durch sich selbst zu erheben, indem sie alle Gebote Gottes ausführen kann. Über die Verpflichtung, sich diesem niedern Zustand zu entreißen und, so viel in ihrer Macht steht, die Gebote Gottes auszuführen, schreibt das Gesetz vor: „Glaubt und vermehrt euch.“ Hieraus rührt auch die Notwendigkeit her der Metempsychose, denn ein einziges Leben reicht nicht hin, um das Werk der Rehabilitation zu vollbringen. Immer ist, wenn auch stets unter einer andern Form, die Veredelung unserer irdischen Existenz und Heiligung unseres Lebens das einzige Mittel zur Vervollkommnung, wozu sie das Bedürfnis und den Keim in sich trägt.
Es liegt nicht in unserem Plan, ein Urteil über das große, jetzt von uns dargestellte System auszusprechen; denn wir könnten dies nicht thun, ohne daß wir eine profane Hand an die erhabensten Lehren der Philosophie und religiösen Dogmen legen müßten, deren Geheimnis mit Recht hochgeachtet ist. Wir sind hier nur zu der bescheidenen Rolle eines Auslegers bestimmt; aber wir haben wenigstens die Überzeugung, daß, ungeachtet der zahllosen Widerwärtigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, ungeachtet der kindischen Träumereien, welche jeden Augenblick den erhabensten Ideengang unterbrechen, die geschichtliche Wahrheit sich nicht über uns zu beklagen haben wird.
Wenn wir jetzt auf die einfachste Weise den durchmessenen Raum übersehen wollen, so finden wir, daß sich vom Standpunkt des Sepher Jezirah und des Sohar aus, die Kabbala aus folgenden Elementen zusammensetzt:
1. Indem sie alle Erzählungen und Worte der Schrift als Symbole auffaßt, will sie den Menschen Vertrauen zu sich selbst einflößen; sie setzt die Vernunft an die Stelle der Autorität und läßt die Philosophie in unserer eigenen Brust unter der Obhut der Religion geboren werden.
2. An die Stelle des Glaubens an einen von der Natur unterschiedenen Schöpfer, welcher ungeachtet seiner Allmacht eine Ewigkeit in Unthätigkeit verharren mußte, setzte sie den Gedanken einer universellen, durchaus unendlichen, stets aktiven, immer denkenden Substanz, welche die immanente Ursache des Weltalls ist, die jedoch durch das Weltall nicht ausgefüllt wird, und für welche endlich Schaffen nichts anderes ist, als Denken, Sein und sich selbst Enthüllen.
3. An die Stelle einer rein materiellen, von Gott verschiedenen Welt, welche aus dem Nichts hervorging und bestimmt ist, dahin zurückzukehren, erkennt sie zahllose Formen an, unter denen sich die göttliche Substanz nach den unveränderlichen Gesetzen des Denkens enthüllt und offenbart. Alle existierten ursprünglich in der höchsten Intelligenz vereinigt, bevor sie sich in einer sinnlichen Form realisierten; hierher stammen die beiden Welten, die intelligible oder obere und die untere oder materielle.
4. Der Mensch besitzt von allen Formen die erhabenste und vollkommenste, unter welcher es allein erlaubt ist, Gott darzustellen. Der Mensch dient als Band und Verbindung zwischen Gott und der Natur. Beide reflektieren ihn in seiner doppelten Natur. Also ist alles Begränzte anfänglich in der absoluten Substanz vereinigt, mit welcher es sich dereinst aufs neue verbinden muß, damit sie für die noch möglichen Entwickelungen vorbereitet sei. Aber man muß die absolute und universelle Form des Menschen von der der einzelnen Menschen unterscheiden, welche nur eine schwache Wiedergabe der ersteren ist. Die erstere, gewöhnlich der himmlische Mensch genannt, ist durchaus untrennbar von der göttlichen Natur und deren erste Offenbarung.
Anhang. Blüten vom Baume der Kabbala.[507]
In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fähigkeit zu wirken auf den Grundstoff (Huli) der Welt, daß sie eine Form (Zurach) vernichten und eine andere hervorbringen kann. Schon durch die Einbildungskraft (Machschaba) vermag der Mensch andern Dingen zu schaden, ja selbst Menschen umzubringen.
Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth, Fol. 46.
Die Lehrer sagen: Wenn einer plötzlich erschrickt, wiewohl er nichts siehet, so sieht doch sein Massel (Genius, transscendentales Subjekt) etwas. Denn ein plötzlich den Menschen überfallender Schrecken ohne bestimmte Ursache giebt einen Beweis, daß wiewohl das Körperliche nichts sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist, welches den Menschen bewegt, etwas siehet. Oft ahnet das Herz die Todesfälle und bösen Nachrichten, die es in der Zukunft treffen, und das Herz trauert ohne bestimmte Gründe, denn die N'schama sieht das, was künftig über den Leib kommt und trauert darüber.
Nischmath Chajim, Fol. 101.
Wenn sich die Heiligen und Wunderthäter in die Einsamkeit begeben und sich mit höheren Geheimnissen beschäftigen, so bilden sie zuerst in der Kraft ihres geistigen Bildungs- und Vorstellungsvermögens die heiligen Namen so, als wenn diese Dinge vor ihnen eingegraben wären, und diese furchtbaren Dinge sind in ihrem Herzen eingegraben. Wenn sie dann verbinden ihr Nephesch mit dem oberen Nephesch, so werden diese Dinge vermehrt, quellen auf und offenbaren sich aus sich selbst, weil hier jeder Gedanke aufhört. Wer daher seine Machschaba (Imagination) an einen bösen Gedanken hängt, sündigt mehr als durch die That.
Mairecheth Aeloluth, Fol. 41, 63.
Die That ist im Nephesch, das Wort im Ruach, das Denken in der N'schama. Da jedoch in jeden derselben alle drei enthalten sind, so findet sich auch das Denken im Nephesch, usw.
Kisri Melech, Fol. 53.
Es ist eine Eigenthümlichkeit in der Kraft des Nephesch und seinem Wesen, zu wirken in den Grundstoff der Welt, und Formen zu zerstören und andere hervorzubringen. Es geht die Wirkung von manchem Nephesch in ein anderes Wesen über, so daß der Ruach schon durch seine Imagination Schaden hervorbringen, ja sogar einen Menschen durch die Machschaba töten kann, und um so mehr noch, wenn er zu den Bösaugigten (mal' occhio) gehört. Denn die Kräfte des Menschen sind verschieden, Böses und Gutes hervorzubringen. Sowie die Kraft der Frommen und Wunderthäter groß ist, um Gutes zu thun den Guten, so ist auch durch die andere Seite den bösen sündigen Menschen Gewalt gegeben, jeden, dem sie wollen, Böses zuzufügen durch die Machschaba, durch Wort und That mittelst der Versenkung ihrer inneren und äußeren Sinne.
Een Jacob, Fol. 46.
Auch im Mineralreich, der Erde und den Steinen ist notwendig Leben und Geistiges, und ein Gestirn und Wächter über ihm oben. Denn wenn es nicht so wäre, könnte die Erde nicht Kräuter, Früchte und Samen hervorbringen, in denen Leben ist. Das Leben des Pflanzenreichs ist über dem Leben des Mineralreichs, denn es wächst und wird groß wie der Mensch, und das in ihm wohnende Leben verursacht das Wachsen. Die Thiere stehen noch höher, insofern sich in ihnen das Nephesch deutlich zeigt und schon Ruach genannt wird, wie es heißt: Der Ruach der Thiere geht zur Erde. Das Leben des vernünftigen Menschen aber steht höher als alle.
Etz Hachajim, Fol. 192.
Das allgemeine Buch, in welches alle Handlungen des Menschen auf der Stelle eingeschrieben werden, ist der saphirartige, umkreisende Äther. In ihn graben sich alle einzelne Bewegungen des Menschen ein, sowohl die Blicke des Auges, als auch die Öffnung des Mundes zum Guten wie zum Bösen; selbst die inneren Gedanken des Herzens, die Freude, Traurigkeit u. s. w. bringen im äußern Angesicht nothwendigerweise etwas hervor und wirken auf den Äther ein.
Esarah Maimeroth, Fol. 49.