Achtes Buch. Der Occultismus der Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker. (continued 2)
Reading edition
„Nach dem Mahle begehen sie die heilige Nachfeier und zwar auf folgende Weise: Alle erheben sich gleichzeitig und bilden mitten im Saale zwei Chöre, deren einer aus Männern, der andere aus Frauen besteht. Zu Führern und Vorsängern werden für beide die Tüchtigsten und Melodienreichsten gewählt. Sofort stimmen sie Hymnen an in allen Versmaßen und Weisen, bald zusammensingend, bald im Wechselgesang sich ablösend. Nachdem jeder der beiden Chöre für sich zur Genüge gesungen hat, so mischen sich Männer und Weiber, wie bei den bacchischen Festen, trunken von göttlicher Liebe, durcheinander und werden aus zweien ein Chor, ebenso wie dies einst am roten Meere geschah wegen des dort geschehenen Wunders. Damals nämlich vereinigten sich die israelitischen Männer und Frauen zu einem Chorus, Danklieder auf Gott den Erretter singend, wobei Moses die Männer und die Prophetin Mirjam die Frauen anführte. Diesen alten Chorus haben die Therapeuten zum Vorbild genommen bei dieser Feier, in deren Wechselgesängen die tiefen Töne der Männer mit den hohen weiblichen Stimmen zur schönen Harmonie verschmelzen. Schön sind die Gedanken, schön sind die Ausdrücke, ehrwürdig die Teilnehmenden. Denn das gemeinschaftliche Ziel der Worte, der Gedanken und der Sänger ist Frömmigkeit. So bringen sie die ganze Nacht hin in heiliger Trunkenheit, auf welche keine Beschwerde des Leibes noch Schlafsucht folgt; sondern lebhafter als sie waren, da sie die heilige Feier begannen, wenden sie sich morgens mit dem Gesicht und dem ganzen Körper gen Aufgang, und sobald die Sonne emporsteigt, heben sie die Hände gen Himmel empor und flehen um hellen Schein der inneren Sinne, um Wahrheit und Schärfe des geistigen Auges. Nach diesem Gebet zieht sich jeder in seine stille Zelle zurück, um sich wiederum mit der gewohnten Philosophie zu beschäftigen.“
Das ist, was Philo über die Lebensweise der Therapeuten mitteilt. Über ihre Dogmen erfahren wir sehr wenig. Gott ist ihnen das Urlicht; Ebenbild desselben und intelligibler, die menschlichen Seelen erleuchtender Abglanz ist die Sophia oder der Logos, dessen sichtbares Abbild wiederum die Sonne ist.[736] Wie Gott Licht ist, so ist die Materie der Quell aller Finsternis und alles Bösen. Die Seelen sind präexistierend und kehren nach dem Tode in ihre himmlische Heimat zurück. Die höchste Tugend ist ἐγκράτεια, die Entfernung vom Fleische. Deshalb enthalten sich die Therapeuten so sehr als möglich der Speisen und genießen nur die einfachsten. Fleisch verabscheuen sie und nur Pflanzenkost ist ihnen erlaubt; darum fliehen sie auch die Ehe und alle Lust. Neben der Enthaltsamkeit preisen sie die göttliche Liebe. Das Ersehnte ist die wahre „innere Erkenntnis Gottes und des Himmels“.[737]
Wie offen am Tage liegt, huldigen die Therapeuten den gleichen Grundsätzen wie Philo, nur daß sie dieselben auch bis zu ihren äußersten Konsequenzen praktisch durchführen, ähnlich wie die mit ihnen eng verwandten oder identischen Essäer in Palästina.
Die Essäer entäußern sich des persönlichen Eigentums wie die Therapeuten und leben in Gütergemeinschaft.[738] Josephus äußert sich darüber u. a.[739]:
„Sie haben sich nicht nur in einer Stadt gesammelt, sondern in jeder Stadt wohnen viele. Den Ordensmitgliedern, die von auswärts kommen, steht das Haus eines jeden Mitgliedes offen, und er kann darin schalten wie in seinem Eigentum; sie gehen deshalb bei solchen Ordensgenossen, die sie nie sahen, so ein, als wären es ihre nächsten Verwandten. Darum nahmen auch die Essäer keine Bedürfnisse irgend welcher Art mit sich, sondern tragen nur Waffen wegen der Räuber. Außerdem ist in jeder Stadt vom Orden ein Verwalter ausdrücklich wegen der Fremden angestellt, welcher ihnen Kleider und Lebensbedürfnisse reicht.“
Die Essäer enthielten sich der Ehe, ebenso wie die Therapeuten und duldeten wie diese keine Sklaven.[740] – Beide Genossenschaften haben eine Rangordnung ihrer Mitglieder nach der Zeit ihres Eintritts in die Gesellschaft und machen einen Unterschied zwischen Novizen und älteren Mitgliedern. Josephus unterscheidet vier Stufen oder Grade![741] Ὁ ζηλῶν, der Neuling, der sich zur Aufnahme meldet und zwei Jahre lang ohne Verbindung mit den Ordensmitgliedern leben muß; ὁ προσιὼν, der Novize, der noch zwei Jahre lang Prüfungen bestehen muß; endlich ὁ συμβιωτὴς, welcher an den heiligen Mahlen Anteil nimmt. Dieser Grad zerfiel nach Josephus in zwei nicht namhaft gemachte Unterabteilungen.
Beide Sekten stehen mit strengen Regeln unter Vorgesetzten, die bei Josephus[742] ἐπιμεληταὶ und bei Philo – wie schon gesagt – ἐφημερευταὶ heißen. Beide Sekten tragen dieselbe Kleidung; beide beten zu gleicher Zeit und auf dieselbe Weise, nämlich bei Sonnenaufgang mit gegen die Sonne gewandtem Gesichte. Beide feiern geheimnisvolle heilige Mahle; Josephus beschreibt die Essäer folgendermaßen[743]:
„Wenn sie von ihren Geschäften zurückkommen, waschen sie den Leib sorgfältig ab; erst nach diesen Weihungen betreten sie den Speisesaal; von welchem alle Nichtessäer sorgfältig ausgeschlossen sind. Denn rein müssen sie sein, ehe sie in dieses Heiligtum eingehen dürfen. Vor dem Mahle spricht der Priester ein Gebet; vorher darf Niemand eine Speise berühren. Dasselbe geschieht auch nachher; denn am Anfang und am Ende verehren sie Gott als Geber der Speisen. Nach dem Mahle ziehen sie die Kleider, die sie während desselben als heilige Gewänder getragen haben, wieder aus. Ebenso halten sie es mit dem Abendessen. Kein Geräusch noch Lärm herrscht bei diesen Mahlen, ein jeglicher tritt dem Andern das Wort ab, sodaß niemals zwei zu gleicher Zeit reden; darum erscheint den Außenstehenden das im Saale herrschende Schweigen als ein schauerliches Geheimnis.“
Daß die Mahle der Essäer im höchsten Ansehen standen, beweist folgende Stelle Philos[744]:
„Die blutigsten Tyrannen Judäas, welche ihre Unterthanen mit unsäglicher Grausamkeit wie wilde Tiere zerfleischten, konnten den Essäern nichts anhaben. Sie mußten ihre Mahle und ihre über alles Lob erhabene Gemeinschaft ehren.“
Die auffallende Gleichheit der Gebräuche beider Sekten beweist ihre innige Verwandtschaft, die sich auch in ihren Dogmen nachweisen läßt: Sie verehren beide Gott als das höchste Licht und nehmen ein Mittelwesen, den Logos, bei den Essäern Memra di Jaweh an.[745]
Die Essäer halten wie die Therapeuten den Leib für die größte Unreinigkeit und nehmen eine Präexistenz der Seelen an. In diesem Sinne heißt es bei Josephus[746]:
„Der Glaube steht bei ihnen fest, daß die Leiber vergänglich seien, die Seelen dagegen ewig und unsterblich fortdauern. Dieselben steigen nämlich, von einem natürlichen Reize herniedergezogen, aus dem reinsten Äther herab und werden in die Leiber wie in ein Gefängnis eingeschlossen. Sie (die Essäer) lehren, daß die Seelen, wenn sie aus den Leibesbanden erlöst sind, voll Wonne in die Höhe empor schweben gleich Gefangenen, die aus langer Knechtschaft erlöst werden. Dabei denken sie sich das Schicksal der hinübergegangenen Seelen als verschieden: den Guten weisen sie ihren Aufenthalt an einem Ort an, der nicht durch Regen, Kälte oder Hitze belästigt wird und fortwährend von einem vom Meer her säuselnden Zephyr Kühlung empfängt; den Bösen dagegen eine finstere unfreundliche Behausung unter der Erde, wo sie unablässige Strafe erdulden.“
(Diese Vorstellung involviert die Annahme eines Astralleibes, weil sonst die Seele keine Ortsempfindung haben könnte.)
Es bleibt noch übrig, die Identität der Moral bei den Therapeuten und Essäern nachzuweisen. Philo sagt über erstere[747]:
„Richtschnur bei allem, was sie lehren und ausüben, sind ihnen folgende drei Dinge: Liebe zu Gott, zur Tugend und zu den Menschen. Beweis für die Liebe zu Gott ist die makellose Heiligkeit ihres ganzen Lebens, ihre Scheu vor Eiden und der Lüge, sowie die Überzeugung, daß Gott nur Urheber des Guten und nicht des Bösen sei. Ihre Liebe zur Tugend bekunden sie durch Gleichgiltigkeit gegen Gewinn, Ruhm, Vergnügen, durch Mäßigkeit und Ausdauer, außerdem noch durch Genügsamkeit, Bedürfnislosigkeit, Demut, Biedersinn und Geradheit. Ihre Liebe zu den Nebenmenschen beweisen sie durch Wohlwollen, durch Anspruchslosigkeit und endlich durch ihre Gütergemeinschaft.“
Ähnlich sagt Josephus von den Essäern[748]:
„Sie dürfen nichts ohne die Einwilligung ihres Vorstehers thun. Nur zwei Dinge sind ihrem eigenen Gutdünken überlassen, nämlich Unterstützung des Nächsten und Erbarmen. Den Gutgesinnten beizuspringen, wenn sie in Not sind und den Hungerigen Brot zu reichen, steht Jedem frei. Dagegen dürfen sie ihren Verwandten nichts geben ohne Erlaubnis ihres Vorgesetzten. Sie sind gerechte Verwalter des Hasses; sie bezähmen den Jähzorn, üben Glauben und sind Diener des Friedens. Ihr gegebenes Wort halten sie gewissenhaft. Auch sie feiern die Liebe über Alles; sie ist der wahre Quell des gottgefälligen Handelns. Das Ziel ihres Strebens aber ist die Heiligkeit, zu welcher sie durch Entfernung vom Fleische, durch Herrschaft der Vernunft und echten Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit gelangen.“[749]
Aber selbst bis auf den Namen erstreckt sich die Übereinstimmung beider Genossenschaften, denn das Wort ἐσσαῖος stammt von dem syrochaldäischen Verbum אסא heilen, verpflegen, ab und ist also nichts als die wörtliche Übersetzung von ϑεραπευτὴς.
Ohne die innigste Verwandtschaft, ja ohne gleichen Ursprung wäre die nachgewiesene Übereinstimmung zwischen Therapeuten und Essäern nicht möglich, wie schon Philo sich äußerte[750], indem er beide Orden als Zweige eines Stammes erklärt, nur mit dem Unterschiede, daß die einen mehr Theoretiker und die andern mehr Praktiker seien.
Zweite Abteilung. Die Neupythagoräer.
Apollonius von Tyana.
Im ersten Jahrhundert vor Christus suchte die Philosophensekte der Neupythagoräer die Lehren des Pythagoras zu erneuern, wobei sie jedoch sich vielfach an Plato, Aristoteles und die Stoiker anlehnten und andererseits bei den orientalischen Religionssystemen Anleihen machten. Diese eklektischen Lehren suchten sie alsdann auf Pythagoras zurückzuführen, wodurch die Nachrichten über die eigentliche Philosophie des großen Weisen vielfach entstellt wurden. Diese Bestrebungen brachten eine reichhaltige, jedoch meist nur fragmentarisch erhaltene Litteratur hervor, als deren erster Vertreter der römische Prätor zu Alexandria Publius Nigidius Figulus († 45 v. Chr.) gilt.
Der wichtigste Neupythagoräer ist Apollonius von Tyana, mit welchem wir uns jetzt eingehend zu beschäftigen haben.
Wenn überhaupt bei einer historischen Persönlichkeit, so hat bei Apollonius von Tyana das allbekannte Schillersche Wort seine Berechtigung:
„Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“
Was hat man nicht alles aus der uns überlieferten Biographie dieses neupythagoräischen Philosophen machen wollen! Die eine Partei sagt: das Buch ist ein Märchenbuch, und meint, Apollonius habe gar nicht existiert; die andere Partei ist hingegen der Ansicht, daß Apollonius wohl existiert habe, daß aber der geringe geschichtliche Kern seiner Biographie zu einem historischen Roman ausgesponnen worden sei. Wieder andere meinen, die Persönlichkeit des Apollonius sei von Philostratus nur benutzt worden, um dem Christenheiland einen Heidenheiland feindlich gegenüber zu stellen, während ihn eine letzte Partei im Geiste des Synkretismus als eine freundliche Parallele Christi betrachtet.
In diesem Parallelismus liegt die Ursache, weshalb die Gestalt des Tyanäers bis auf die Neuzeit nicht in der rechten Beleuchtung stand. Allerdings ist zwischen beiden Persönlichkeiten, Jesus von Nazareth und Apollonius von Tyana, auf dem Gebiet des Übersinnlichen eine Ähnlichkeit vorhanden, die mithin jedoch nicht in der Sphäre des Religiös-Dogmatischen, sondern in der des Anthropologisch-Magischen wurzelt. Bei beiden Personen kamen zahlreiche „Wunder“ vor, zu deren richtiger Auffassung und Erklärung auf lange Zeit der Schlüssel fehlte; man sah ihre übersinnlichen Fähigkeiten nicht als etwas Menschliches, durch geeignetes Leben und geistige Übung Erworbenes an, sondern betrachtete dieselben nur vom Standpunkte der göttlichen Sendung eines jeden von ihnen. Die Anhänger beider suchten durch diese Erscheinungen ihren göttlichen Ursprung darzuthun; keine Partei zweifelte an den von ihrem Gegner vorgebrachten Berichten, sondern suchte sich dieselben von ihrem dogmatischen Standpunkte aus zurecht zu legen.
So stellt schon der unter Diokletian lebende Statthalter von Bithynien Hierokles in seinem „Wort der Wahrheitsliebe“[751] Apollonius und Christus einander gegenüber, weist dazu ferner auf den Prokonnesier Aristeas und Pythagoras hin und sagt: „Wir halten einen solchen Wunderthäter nicht für einen Gott, sondern für einen von den Göttern geliebten Menschen.“
Gegen diese Auffassung argumentierte Eusebius von Cäsarea, der die erste Kirchengeschichte – nach Hases Worten – „im Gefühl des großen Umschwungs seines Zeitalters mit allen Vorurteilen, aber auch mit allen Hilfsmitteln desselben verfaßte“, in der unten genannten Schrift von seinem Standpunkt aus in derselben Weise wie Hierokles. Er setzt die Thatsächlichkeit der Apollonischen Wunder voraus, welcher er jedoch, weil die heidnischen Götter zu bösen Dämonen geworden waren, als durch Zauber bewirkt ansieht, und sagt: „Ich war bisher der Meinung, daß der Tyanäer ein in menschlichen Dingen weiser Mann war, und halte diesen Ausspruch auch jetzt noch gern fest; ich lasse es gern geschehen, wenn man ihn jedem Philosophen zur Seite stellt, wofern man nur mit allen mythisch lautenden Erzählungen fern bleibt. Wenn aber ein Damis aus Assyrien oder ein Philostratus oder irgend ein Geschichtsschreiber oder Logograph es sich herausnimmt, diese Grenzen zu überschreiten und eine Ansicht aufzustellen, welche über das Gebiet der Philosophie weit hinausgeht, indem er zwar den Worten nach den Vorwurf der Magie abwehrt, der Sache selbst nach aber dem Manne noch mehr zur Last legt, als mit Worten und die pythagoräische Lebensweise als Maske über ihn wirft, so kommt dann kein Philosoph zum Vorschein, wohl aber ein mit der Löwenhaut verhüllter Esel, und man sieht nichts anderes, als einen Zauberer anstatt eines Philosophen.“
Und so blieb es. Seit der „Galiläer gesiegt hatte“, galt der Tyanäer als Zauberer, bis die Aufklärungsperiode ihn so gut wie Jesus von Nazareth zum Betrüger zu stempeln versuchte und schließlich sogar die geschichtliche Existenz beider bezweifelte.
Doch auch heidnische Philosophen huldigten dem Glauben an die Zauberei des Apollonius, wie Möragenes, welcher eine (verloren gegangene) Biographie des Tyanäers schrieb, in der er nach Origenes[752] sagte, daß selbst einige nicht unbedeutende Philosophen derselben zum Opfer gefallen wären. Dieser Ansicht stellt Philostratus seine Biographie des Apollonius entgegen, worin er diesen als einen Weisen schildert, welcher seine außerordentliche magische Kraft nur einer ihn auf eine höhere, übermenschliche Stufe erhebenden Philosophie zu verdanken hat.
Die Zweifel an der Existenz des Apollonius sind seit Neander und Baur geschwunden, die Auffassung seiner Persönlichkeit und Lehre aber ist bei Philosophen und Theologen noch heute so unklar wie vor siebzehnhundert Jahren, wofür wir den Grund in den von Philostratus geschilderten übersinnlichen Erscheinungen zu suchen haben, welche die Orthodoxie als teuflisch ansieht, während die neuere Wissenschaft gar nichts mit derselben anzufangen weiß und deshalb an dem Tyanäer mit einem abwehrenden Seitenblick vorübergeht.
Nur ein Schriftsteller hat einen richtigen Fingerzeig gegeben, nämlich Eduard Baltzer[753], welcher sagt: „Eine Gruppe nur vermisse ich noch unter allen denen, die in der Apolloniusfrage Stellung genommen haben: das sind die jüngsten Kinder unserer Zeit, – die Spiritisten. Gerade ihnen aber kann ich einen großen Genuß und Triumph versprechen. Ist doch Apollonius – wer hätte es gedacht, – ein entschiedener Spiritist, – ja, können sie doch hier die Entdeckung machen, daß ihr Spiritismus nichts anderes ist, als die alte Magie in allerneuester Auflage.“
Abgesehen von der Schlußbemerkung hat Baltzer in gewissem Sinne Recht: die bei Apollonius zu Tage tretenden übersinnlichen Erscheinungen sind von ähnlicher Natur wie die modernen auch; ob sie aber alle spiritistische oder selbst mediumistische genannt werden dürfen, ist eine andere Frage. Bevor wir jedoch auf diese und eine Besprechung der Phänomene überhaupt eingehen, müssen wir noch einige Worte über Philostratus selbst und die Entstehung seines Buches sagen.
Kaiser Septimius Severus (193–211) war ein eifriger Liebhaber der Magie und Mantik, ein erfahrener Augur und Traumdeuter und endlich ein tiefgelehrter Astrolog. Er hatte als Statthalter des lionesischen Galliens seine erste Gemahlin verloren und ging bei der Wahl seiner zweiten von dem astrologischen Grundsatz aus, daß deren Nativität eine glückliche und mit der seinigen harmonierende sein müsse. Als er nun erfuhr, daß ein junges Mädchen zu Emesa in Syrien eine derartige Nativität, welche ihr außerdem noch den Thron verheiße, besitze, warb er um deren Hand und erhielt sie. Dieses Mädchen, Julia Domna, vereinigte in der That alle von den Sternen verheißenen Güter in ihrer Person. Sie erfreute sich selbst im vorgerückten Alter noch großer körperlicher Schönheit und verknüpfte mit scharfem Verstand und festem Charakter lebhaften Wissensdrang und hinreißende Liebenswürdigkeit. Julia Domna interessierte sich als Beschützerin der Wissenschaften besonders für Kunst und Philosophie und war die Freundin eines jeden auftauchenden Genius.
Julia Domna umgab sich mit einer aus Philosophen, Gelehrten und Künstlern aller Art bestehenden Tafelrunde, zu welcher auch der neupythagoräische, in Athen gebildete Philosoph Philostratus von Lemnos gehörte. Philostratus war einer der vielgelesensten Schriftsteller, was durch seinen klassischen Styl und Geist, seine Belesenheit und Vielseitigkeit, sowie endlich durch sein Bestreben, altrömische Sitte und Charaktertüchtigkeit wieder herzustellen, gerechtfertigt wird. Dieser Philosoph erhielt von der Kaiserin den Auftrag, das Leben des Apollonius zu beschreiben, und benutzte bei seiner Arbeit die Memoiren eines Schülers des Apollonius mit Namen Damis. Über dessen Persönlichkeit wie über die ihm vorliegende Apollonische Litteratur sagt Philostratus selbst[754]: „In der alten Stadt Ninive lebte einst ein Mann von ziemlicher Weisheit mit Namen Damis. Er war ein Schüler des Apollonius, beschrieb dessen Reisen, an denen er, wie er selbst versichert, teilgenommen, und verzeichnet dessen Reden, Ansichten und Weissagungen. Ein Verwandter dieses Damis brachte die Memoiren, welche bis dahin ganz unbekannt geblieben waren, zur Kenntnis der Kaiserin Julia. Diese Fürstin, zu deren Umgebung ich gehörte, denn sie liebte und pflegte litterarische Unterhaltungen sehr, befahl mir, diese Denkschriften umzuarbeiten und zum Vortrag zu bringen, denn der Ninivit sprach wohl sachlich, aber sein Stil war schlecht. Dazu kam noch eine Schrift des Maximus von Aegä, welche alles umfaßt, was des Apollonius Aufenthalt in Aegä betrifft; auch giebt es noch ein Testament des Apollonius, aus welchem zu ersehen ist, daß die Philosophie sein Abgott war. Dagegen darf man dem Möragenes nicht folgen, der zwar auch vier Bücher über Apollonius schrieb, aber mit großer Unkunde. Somit habe ich gesagt, wie ich den zerstreuten Stoff zusammengefügt und um seine Einordnung bemüht war. Möge diese Schrift nun dem Manne, dem sie gilt, zur Ehre gereichen, den wißbegierigen Lesern aber zur Förderung: wenigstens sollen sie lernen können, wovon sie noch nie gehört.“ Mit diesen Worten ist die Tendenz der Schrift des Philostratus bezeichnet. Was aber seine Glaubwürdigkeit anlangt, so sind auch hier natürlich die Meinungen sehr geteilt. Das rein Geschichtliche betreffend, sind die Zweifel fast allseitig gehoben, und Baur hat einige vorhandene Anachronismen befriedigend erklärt. Ja dieser berühmte Theologe nimmt sogar für den Kern des Werkes, die philostratischen Berichte über Indien, die volle Glaubwürdigkeit in Anspruch und sagt[755]:
„Wenn uns aber auch die Betrachtung des philostratischen Werkes an und für sich über die Beantwortung der Frage in Zweifel lassen mag, wie weit wir in demjenigen, was Philostratus über Indien meldet, entweder nur romanhafte Dichtung oder historische Wahrheit voraus zu setzen haben, so muß uns doch, wie es scheint, unsere jetzige Kunde Indiens eine ziemlich sichere Antwort auf diese Frage geben. Die Übereinstimmung des Werkes mit dem anders woher Beurkundeten kann als die beste Widerlegung des Vorwurfs angesehen werden, welchen selbst noch einer der neuesten Schriftsteller über Indien (Bohlen: das alte Indien) wiederholt, Philostratus habe alles, was er in seinem Leben des Apollonius über Indien vorbringt, aus ähnlichen Romanen kompiliert, nach Art der Schriften ausgeschmückt und mit Angereimtheiten erstickt.“
Im ähnlichen Sinne äußert sich Baltzer im Nachwort seines Werkes[756] folgendermaßen: „Ein Mann wie Philostratus, der an den Musenhof einer edlen Kaiserin berufen wird, der letztere als besonderer Vertrauter auf ihren Reisen begleitet, der als ein vortrefflicher Schriftsteller und gelehrter Kenner seiner Zeit damals wie heute anerkannt ist und der den Auftrag von seiner hohen Herrin erhält, über den Apollonius eine kritische Denkschrift zu verfassen – von einem solchen Mann muß man annehmen, daß er in seinem Werke, ‚Apollonius von Tyana‘, das uns in unbestrittener Echtheit vorliegt, so viel an ihm war, die Wahrheit in geeigneter Form hat sagen wollen. Demgemäß verfährt er. Er legt seine Absicht und Plan vor; er nennt und kritisiert seine Quellen; er überarbeitet das reichlich vorliegende Material; er komponiert und redigiert seinem Auftrag gemäß; er ist mit Liebe und Fleiß bei der Sache; unterscheidet seine Absicht von der überlieferten; er läßt seine Quellen in verbessertem Style reden und kritisiert Dunkles mit hellem Blick, natürlich im Geiste seiner Zeit, dessen Kind auch er ist, wie wir Kinder des Geistes unserer Zeit sind.“
Philostratus vollendete seine Biographie etwa um das Jahr 217.
Wir wenden uns nun, dem Gange der Lebensgeschichte unseres Helden folgend, zur Besprechung der sehr lehrreichen übersinnlichen Erscheinungen, um dieselben unter die Thatsachen der magischen Thätigkeit des Menschengeistes einzureichen.
Geboren wurde Apollonius als der Sohn eines gleichnamigen Vaters aus alter und reicher Familie um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. zu Tyana, einer durch die Intelligenz und den Wohlstand ihrer Bürger hervorragenden Stadt Kappadoziens, und seine Geburt umgaukeln Wundermären, wie diejenige Gautama Buddhas und Jesu Christi: Als seine Mutter mit ihm schwanger ging, erschien ihr der ägyptische Gott Proteus, den auch Homer besingt. Sie aber frug ihn ohne Furcht, was sie gebären würde. Er sprach: „Mich.“ Sie frug: „Wer bist du denn?“ Und er sagte: „Proteus, der ägyptische Gott.“[757] – Wir haben in dieser Erzählung eine Parallele zur Verkündigung Mariä, und eben deshalb wurde dieselbe als eine plumpe Nachahmung angesehen, was sie indessen nicht zu sein braucht. In jener religiös erregten Zeit des ersten Jahrhunderts konnten sehrwohl beide schon durch ihren Zustand besonders zu Visionen geneigten Mütter Jesu Christi und des Apollonius starke Vorahnungen von der künftigen Bedeutung ihrer Kinder haben, welche sich ihnen in geschaute Bilder umsetzten. Jeder religiöse Seher aber erhält naturgemäß seine Offenbarung von daher, woher sie nach seinem Glauben kommen muß. Der fernstehende Teil des gespaltenen Ichs tritt dem Visionär als redende Persönlichkeit gegenüber und so empfängt die Israelitin Maria die Botschaft des persisch-jüdischen Gabriel, die kappadozische Mutter des Apollonius die des ägyptisch-griechischen Proteus. Ebenso erhalten die romanischen Spiritisten ihre Offenbarungen von „Geistern“, welche kardekistische Reincarnationstheorie predigen, wie Proteus die altklassische lehrt.
Der hochbegabte Knabe wurde mit 14 Jahren von seinem Vater nach Tarsus zu dem Rhetor Euthydemus gebracht, mit welchem er nach dem durch seinen Aeskulaptempel berühmten Aegä verzog, um sich dort mit mehr Muße der Philosophie widmen zu können, als dies in dem lebenslustigen bewegten Tarsus möglich war. Hier hörte er die Vorträge des epikuräischen Philosophen Euxenus über die Lehren des Pythagoras, welche ihn dermaßen begeisterten, daß er wie Pythagoras zu leben beschloß. „Er verschmähte alle tierischen Nahrungsmittel als unrein und geisttötend und genoß nur Vegetabilien, die er für rein hielt, weil sie die Erde unmittelbar hervorbringt. Den Wein erklärte er zwar für ein reines Getränk, da es von so edlem Gewächse stamme, aber er sei der menschlichen Geistesklarheit feind, da er den Aether der Seele trübe. Nächst dieser Fürsorge für Körperreinheit ging er mit nackten Füßen und trug, da er tierische Kleidungsstücke verwarf, nur linnenes Gewand und lebte im Tempel. Die Diener des Tempels aber bewunderten ihn, und als Aeskulap einst zum Priester sagte, er freue sich, daß Apollonius Zeuge seiner Heilungen sei, da ging diese Kunde aus, und die Cilicier und andere Umwohner kamen nach Aegä.“[758]
Apollonius huldigte also einer streng vegetarischen Lebensweise und wurde in die Mysterien des Aeskulapdienstes eingeweiht, bei welchen, wie bei allen Mysterien, die schauenden und heilenden Fähigkeiten des Menschen gepflegt wurden. Auch einige hierauf bezügliche Fälle erzählt Philostratus: Ein wassersüchtiger Schlemmer erhielt nach langem vergeblichen Harren im Aeskulaptempel das Traumorakel: „Wenn du mit Apollonius sprechen wolltest, so würde dir wohler werden“, und wurde von diesem geheilt, indem er an ein streng vegetarisches Leben gewöhnt wurde. – Einen einäugigen cilicischen Ehebrecher wies Apollonius von der Schwelle des Tempels zurück, wo derselbe die Wiedererlangung seiner Sehkraft erhoffte: In der Nacht hatte der Priester einen Traum, worin Aeskulap die Aussage des Apollonius bestätigte und hinzufügte, daß die Gattin dem ertappten Sünder mit einer Spange ein Auge ausgeschlagen habe. – Diese Erzählung findet Parallelen in dem Durchschauen anderer von seiten neuerer Seher, wie Zschokke, Duncan, Campbell u. a. m. Als eine weitere Probe des Fernsehens berichtet Philostratus[759], daß Apollonius den Statthalter von Cilicien, einem der in Griechenland so zahlreichen widernatürlichen Wüstlinge, seine nahe Hinrichtung weissagte, welche auch nach drei Tagen erfolgte, weil sich derselbe mit dem König Archelaus von Kappadozien in eine Verschwörung gegen die Römer eingelassen hatte.
Nach dieser Zeit widmete sich Apollonius fünf Jahre lang dem „pythagoräischen Stillschweigen“ und gestand von dieser Zeit, daß sie der mühevollste Teil seines Lebens gewesen sei; denn er hätte viel zu sagen gehabt und habe nicht gesprochen, auch viel hören müssen, was ihn hätte in Zorn setzen mögen, und er habe es überhört; oft gereizt die Leute zu geißeln, habe er zu sich selbst gesagt: Dulde nur, Herz und Zunge! und habe die verletzendsten Reden unwiderlegt gelassen. Gleichzeitig entsagte er aller Liebe und dem Geschlechtsgenuß.[760] Durch diese asketische Lebensweise gelangte er zu solchem Ansehen, daß er selbst in dem leichtlebigen Cilicien und Pamphilien Aufstände durch sein persönliches Auftreten schlichtete.
Nach der Beendigung seiner Schweigezeit ging Apollonius nach Antiochien und nahm seinen Aufenthalt im Tempel des daphnischen Apollo, wo er „bei Sonnenaufgang für sich allein war, und was er da that, erfuhr nur, wer ein vierjähriges Schweigen vollendet hatte“. Dabei suchte er auf das Volk veredelnd einzuwirken, aber nicht in der zudringlich überredenden Weise des Sokrates, sondern „wie ein Gesetzgeber, welcher das, was seine Überzeugung ist, für die Menge zum Gesetz erhebt“. Danach ging er mit sich selbst zu Rate wegen einer größeren Reise und sein Sinn stand nach den Brahmanen Indiens; doch auch die Magier Babylons zu besuchen, galt ihm für einen Gewinn. Er teilte seinen Plan seinen sieben Jüngern mit, zu denen er, als sie ihn von der Reise abhalten wollten, sagte: „Zu Beratern habe ich mir die Götter erkoren. Euch wollte ich nur prüfen, ob ihr zu dem, was ich vorhabe, auch Mut besäßet. Da ihr den nun nicht habt, so lebt wohl! Bleibt aber dem Studium ergeben! Ich muß hingehen, wohin mich die Weisheit und mein Genius ziehen!“[761]
Apollonius verließ Antiochien und begab sich mit zwei Sklaven, Schreibern seines Vaters, auf den Weg nach Babylon. In Ninive schloß sich ihm Damis an, welcher sagte: „Laß mich, Apollonius, mit dir ziehen. Folge du deinem Gotte, ich folge dir!“ und sich ihm wegen seiner Sprachkenntnisse als nützlicher Reisegefährte empfahl. Apollonius entgegnete: „Ich, Freund, verstehe diese Sprachen alle, ohne sie erlernt zu haben.“ Als der Ninivit darüber erstaunte, fügte er hinzu: „Wundere dich nicht, daß ich die Sprachen der Menschen kenne, ich verstehe ja auch all ihr Schweigen.“ Er wollte damit seine Fähigkeit des Gedankenlesens kennzeichnen. Über seine Reise führte Apollonius ein „Brosamen“ (ἐκφατνισματὰ) genanntes Tagebuch[762], welches leider verloren gegangen ist.
Als Apollonius in der Nähe Babylons in die kissische Gegend kam, offenbarte sich ihm die Gottheit in einem Traum, dessen Auslegung ein interessantes Beispiel griechischer Traumsymbolik ist: „Vom Meere ausgeworfene Fische schnellten auf dem Lande umher, ließen ein menschliches Jammern hören und wehklagten, daß sie aus ihrer Wohnung gegangen. Einen Delphin aber, der nach dem Ufer schwamm, flehten sie an, dies Elend von ihnen abzuwenden, und weinten dabei wie Menschen, die in der Fremde sind. Nicht im geringsten betroffen über diesen Traum, überlegte er doch bei sich, was das sei. Um aber Damis zu erschrecken, dessen Ängstlichkeit er kannte, erzählte er ihm den Traum, indem er sich stellte, wie wenn er selbst von dem zu erwartenden Unglück erschrocken sei. Damis schrie auf, als ob er schon alles vor Augen habe, und riet dem Apollonius, nicht weiter zu gehen, daß wir, sagte er, nicht etwa auch wie die Fische aus unserm Elemente herausgeraten, umkommen und in der Fremde jammern, in der Not einen König oder sonstigen Machthaber anflehen müssen, und dieser uns mißachtet, wie der Delphin die Fische. Apollonius aber lachte und sprach: Du bist noch kein Philosoph, wenn du dergleichen fürchtest. Ich will dir sagen, was der Traum bedeutet: Eretrier aus Euböa sind es, die dies kissische Land hier bewohnen, vor 500 Jahren von Darius aus Euböa hinweggeführt. Diese sollen bei ihrer Wegführung, wie der Traum anzeigt, das Schicksal der Fische gehabt haben, indem sie förmlich umgarnt und alle eingefangen wurden. Es scheint also, die Götter befehlen mir, zu ihnen zu gehen und mich ihrer anzunehmen; vielleicht auch sind es die Seelen der Hellenen, die dieses Los hier traf, welche mich zum Frommen des Landes herbei rufen.“[763]
Infolge seines Traumes begab sich Apollonius nach Kissia, wo er den Gottesdienst verbesserte und viel zur Erleichterung des Loses der griechischen Kolonisten beitrug.
Endlich gelangte er nach Babylon und trat mit den Magiern in Verbindung, von denen er sagt, daß sie – jedoch nicht alle – Weise seien; er verkehrte mit ihnen insgeheim in den Mittags- und Mitternachtsstunden. Vom König Bardanes, der seine Ankunft im Traum vorausgesehen hatte, wurde Apollonius sehr gut aufgenommen und sagte demselben kraft seiner Sehergabe ein Verbrechen voraus, bei welchem einer seiner Eunuchen am nächsten Tage werde in flagranti ergriffen werden. Der Erfolg bestätigte diese Wahrsagung. Auf die Frage nach seiner Lehre entgegnete Apollonius dem Könige: „Meine Weisheit ist die des Pythagoras, des Mannes von Samos, der mich so die Götter ehren, sie, die sichtbaren und unsichtbaren, verstehen, mit ihnen reden und mich in diese Pflanzenstoffe zu kleiden lehrte. Denn dies Gewand ist nicht vom Schaf geschoren, sondern rein vom Reinen wuchs dieses Linnen, ein Geschenk des Wassers und der Erde. Dazu auch trage ich dieses lange Haar nach des Pythagoras Art; und der tierischen Speise mich zu enthalten, lehrt mich seine Weisheit. Trinkgenoß und Gesellschafter bei Spiel und Festgelage werde ich weder Dir noch irgend jemand sein. Dunkle und schwere Lebensrätsel aber kann ich lösen, denn ich weiß nicht nur, was zu thun ist, sondern ich sehe es auch voraus.“[764]
Von Bardanes mit Kameelen und Reisevorräten ausgerüstet, machte sich Apollonius auf den Weg nach Indien.
Nachdem Apollonius den Küenlün überschritten, stieg er in das Flußbett des Indus zurück und gelangte mit seinen Begleitern nach Taxila, wo er von dem durch die Brahmanen gebildeten philosophischen König Phraotes II. auf das beste aufgenommen wurde. Mit diesem hielt unser Philosoph während seines vom Gesetz gestatteten dreitägigen Aufenthaltes in Taxila lange philosophische Gespräche, die sich im wesentlichen um die Vorzüge der „naturgemäßen Lebensweise“ drehten. Von Interesse für uns ist nur die Äußerung des Apollonius über die Enthaltsamkeit vom Wein, welche das Wahrträumen der Seele begünstigen solle. Apollonius sagt: „Aber auch die Prophetien der Träume, die in der menschlichen Natur das Göttlichste zu sein scheinen, durchschaut die Seele leichter, die nicht vom Wein umnebelt ist und sie rein und in klarer Betrachtung aufnimmt. Die Erklärer solcher Traumgesichte, von den Dichtern Traumdeuter genannt, legen daher kein Traumbild aus, ohne vorher zu fragen, um welche Stunde man es gehabt. War's in der Frühe, im Morgenschlummer, so deuten sie es, weil dann die Seele ganz frei vom Geiste des Weins, gesunde Träume schaut; war's aber im ersten Schlafe oder um Mitternacht, wo die Seele noch vom Wein schwer und dunkel ist, so lehnen sie das Deuten ab und thun wohl daran.“ Von Phraotes mit Lebensmitteln, frischen Kameelen und einem Empfehlungsschreiben an den Obersten der Brahminen und Lehrer des Phraotes, Jarchas, versehen, machte sich Apollonius mit seinen Begleitern auf, um diese priesterlichen Gelehrten auf „dem Berge der Weisen“ jenseits des Hyphasis aufzusuchen.
Der Berg der Weisen wird als mit Wolken umgeben und so hoch wie die Akropolis geschildert; von den Brahmanen sagt Apollonius[765]: „Die indischen Brahmanen sah ich, wie sie auf Erden wohnen und doch nicht auf Erden, in der Festung und doch ohne Befestigung, ohne Eigentum und doch alles besitzend.“ Damis dagegen erzählt von ihnen, daß sie auf einem Lager auserlesener Pflanzen auf der Erde schliefen, um den Kopf eine weiße Binde und auf dem Leibe ein der Exomis der Cyniker ähnliches Gewand von weißer Baumwolle trügen, das Haar lang wachsen ließen und Ringe und Stäbe als Abzeichen führten; auch habe er, Damis, sie öfter zwei Ellen hoch in der Luft wandeln sehen. – Dieses Schweben erinnert an das bekannte sich in die Luft erheben der Fakire, sowie an die Levitation bei Hexen und Medien und bedarf keiner weiteren Erörterung. Ring und Stab ist schon im Gesetz des Manu das Abzeichen der Brahmanen. Dieselben waren eifrige Vegetarier, gestatteten aber ihren Besuchern, wenn dieselben es wünschten, den Fleisch- und Weingenuß.
Als Apollonius zu den Brahmanen kam, wurde er von dem auf ehernem Throne sitzenden Jarchas, welcher den Brief des Königs forderte, griechisch angeredet. „Als Apollonius über sein Vorauswissen erstaunte, sagte jener, es fehle in dem Brief ein Buchstabe, ein Delta, das der Briefschreiber ausgelassen habe; und es fand sich, daß dem so war.“[766]
Als weiteres Beispiel seiner Sehergabe soll dann Jarchas dem Apollonius seine Abstammung väterlicher- und mütterlicherseits, ferner wie er Damis gefunden, und alles was sie unterwegs gethan und erfahren, in richtigem Zusammenhang dargestellt haben, als ob er dabei gewesen wäre. Als aber Apollonius nun erstaunt frug, woher er das alles wisse, entgegnete jener: „Auch du kommst mit solchem Wissen, aber keinem vollkommenen.“ – „Und wirst du mich dieses vollkommene Wissen lehren?“ – „Gern und neidlos“, erwiderte Jarchas, „denn dies ist weiser als Wissenswertes zu verbergen oder darüber zu täuschen. Übrigens bist du Apollonius, von Mnemosyne gesegnet, der Göttin, die wir unter allem am meisten lieben.“ Als später die Brahmanen zum Opfer gingen, badeten, salbten und bekränzten sie sich und zogen begeistert zum Heiligtum, wo sie sich – Jarchas an der Spitze – in Chorordnung aufstellten und mit ihren Stäben auf den Boden stießen, welcher „wie eine Woge zwei Ellen hoch anschwoll“. – Dieses wahrscheinlich auf subjektiven ekstatischen Empfindungen beruhende Phänomen des Anschwellens und Erbebens der Erde kommt in der Magie und Theurgie sehr oft vor, so besonders in den Jamblichus zugeschriebenen Büchern „über die ägyptischen Mysterien“[767], dann in zahlreichen mittelalterlichen Zauberbüchern, welche von der Geisterbeschwörung handeln, wie die Clavicula Salomonis, ferner in dem mit ihr in engem Zusammenhange stehenden Buche Arbatel, in dem Paracelsus zugeschriebenen „Büchlein von olympischer Geisterbeschwörung“, in dem sog. 4. Buch der Occulta Philosophia, in der Pseudomonarchia Dämonum; auch in einigen Ausgaben des sog. Höllenzwangs u. s. w.
In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der Ägypter. Sich selbst soll Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefährten für Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und erwähnte dem Apollonius gegenüber u. a. den Akasa: „Den Äther, aus welchem die Götter geboren sein müssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich, aber das Ätherische ist unsterblich und göttlich.“ „So soll ich das All als Lebendiges betrachten?“ frug Apollonius. „Allerdings“, sagte Jarchas, „wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von ihm.“ – „Sollen wir nun das All weiblicher oder männlicher Natur erachten?“ „Beides“, erwiderte Jarchas, „denn indem es sich selbst befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heißer, als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn wie Hände und Füße zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele, die es bewegt, so glauben wir, daß auch alle Teile des Alls durch die Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn auch die Leiden einer Dürre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige All behandelt nicht mit einer Hand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und – unbeweglich durch seine Größe – ist es doch leicht zu zügeln und zu lenken.“[768]
In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache, welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, daß sie ihrem sechzehnjährigen Sohne helfen möchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dämon treibe den Knaben hinaus in die Einöde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit „fremden Augen“ dareinschaue.[769] Alles bekannte charakteristische Erscheinungen.
Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben mitzubringen, entgegnete dieselbe, daß sie es nicht gewagt habe, weil der Dämon den Knaben diesfalls zu töten drohe. – Auch hier haben wir einen Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird.
In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ältesten Fälle der Ausübung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: „Auch ein Lahmer kam, dreißig Jahre alt, ein eifriger Löwenjäger. Als ihn ein Löwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand gesetzt ordentlich zu gehen.“[770]
Dem Jarchas werden u. a. auch mancherlei Auslassungen über die Sehergabe in den Mund gelegt, sie habe für den Menschen viel Gutes, ihre größte Leistung aber sei die Heilkunde. „Die weisen Asklepiaden würden zu ihrer Kenntnis nie gelangt sein, wäre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet (Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen gezeigt hätte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendet werden muß, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie Blutfluß gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden können. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewußte Anwendung in Krankheitsfällen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des Voraussehens, meine ich, würden die Menschen nie gewagt haben, den heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.“[771]
Nach viermonatlichem Aufenthalt verließ Apollonius die Brahmanen und begab sich längs des Indus an die Küste des erythräischen Meeres.
Er fuhr sodann über dieses und das persische Meer, sowie den Euphrat hinauf nach Babylon zu Bardanes, begab sich über Ninive nach Antiochien und Seleucia und segelte von dort nach Cypern und Jonien, „vielbewundert und hochgeehrt von denen, welche Weisheit zu schätzen wissen“.[772]
Über die nächstfolgenden Ereignisse im Leben des Apollonius ist wenig zu sagen, denn die bekannte Erzählung, laut welcher unser Seher „aus der Sprache der Sperlinge“ ersehen haben soll, daß in einer Gasse zu Ephesus ein Sack Weizen aufgegangen war, läßt eine so einfache Erklärung zu, daß wir nicht nötig haben, zum Hellsehen behufs Aufstellung dieser Begebenheit zu greifen. Ist dieses nun wahrscheinlich ein ganz natürliches Ereignis, so ist offenbar der Bericht von der Vertreibung der Pest zu Ephesus, wo Apollonius den in Gestalt eines Bettlers erscheinenden Pestdämon steinigen ließ, worauf unter den Steinhaufen anstatt des Leichnams des Bettlers der eines Molosserhundes zum Vorschein kam, entweder nur ein Mythus oder die Entstellung irgend eines nicht mehr erkennbaren Vorfalls. Ebenso haben wir es wohl im Nachstehenden nur mit einem, vielleicht etwas übertriebenen Traumbild zu thun.
Apollonius hatte sich nach Pergamon begeben, wo er die Beter im Aeskulaptempel belehrte, was sie zu thun hätten, um günstige Träume zu erhalten, und wo er auf dem Grabhügel des Achilles nächtigte, um sich mit dessen Geist zu unterreden. Derselbe erschien ihm in überirdischer Schönheit achtunggebietend und von heiterem Angesicht, glänzend, in einer übermenschlichen Größe usw.[773] Wenn die Wesenheit des Achilles in Jarchas reincarniert gewesen sein soll, so könnte sie füglich dem Apollonius nur als eine rein subjektive Vision erscheinen.
In Athen traf Apollonius einen besessenen Jüngling, zu dem er sagte: „Nicht du frevelst hier, sondern der böse Geist, von dem du besessen bist, ohne daß du es weißt.“ – Als nun Apollonius ihn scharf und zornig anblickte, schrie der Dämon auf wie ein Gebrannter oder Gefolterter und schwur, den Jüngling loszulassen und nie wieder einen Menschen zu überfallen. Als aber Apollonius zu ihm sprach wie ein zorniger Herr zu einem schamlos bösen Knecht und ihm befahl, sichtbar auszufahren, da rief er aus: „Das Standbild will ich umwerfen!“ und wies auf eine Statue bei der Königshalle. Wirklich geriet diese in Bewegung und stürzte um.[774] Welches Schrecken und welches Staunen! Wer mags beschreiben! Der Jüngling aber rieb sich die Augen wie ein Erwachender, sah nach der Sonne und war verlegen, weil aller Augen auf ihn sahen. Von da an aber erschien er nicht mehr so wild und maßlos wie vorher, sondern seine gesunde Natur kam wieder hervor, wie nach dem Gebrauch eines Heilmittels.[775]
Diese Erzählung gleicht so vollkommen den Mitteilungen aller Zeiten über vorgenommene Exorcismen, daß man kein Wort zu ihrer Erläuterung nötig hat. Nur zu dem Umwerfen der Statue wollen wir eine Parallele aus der Autobiographie des Bürgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund beibringen, welche Gustav Freitag im 5. Bande seiner „Bilder aus der deutschen Vergangenheit“ mitteilt. Der Vorfall trug sich im Jahre 1529 zu und betrifft eine besessene Magd Sastrows: „Mit dem Exorcismo trieb er (der Teufel) sein lautes Gespött; denn als der Priester ihn beschwor, daß er ausfahren sollte, sagte er: ja er wolle weichen, er müsse ja wohl das Feld räumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte; wenn ihm das Geforderte abgeschlagen würde, stünde ihm das Bleiben frei. Es stand einer unter den Anwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, daß er den Hut vom Kopfe nehmen dürfte, den Hut wollte er mit sich nehmen und weichen. Ich trage Sorge, wäre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar hätten mit dem Hut gehen müssen. Zuletzt, als er wußte, daß seine Zeit, die Magd zu plagen, verflossen war, und vermerkte, daß unser Herrgott das demütige Gebet der gegenwärtigen Leute gnädiglich erhörte, forderte er gar spöttlich eine Tafel Glas aus dem Fenster über der Turmuhr, und als ihm eine Raute aus demselben erlaubt wurde, hat sich dieselbe zusehends mit einem Klange abgelöst und ist davon geflogen. Nach der Zeit hat man nichts Böses bei der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorfe einen Mann bekommen und von ihm Kinder erhalten.“[776]
Auf Kreta gab Apollonius abermals eine Probe seines Fernsehens, denn als ein Erdbeben entstand, rief er den Leuten zu: „Fürchtet euch nicht, denn das Meer hat ein Land geboren.“ Nach einigen Tagen kamen Leute aus Kydonia, welche berichteten, daß während des Erdbebens sich in der Meerenge zwischen Thera und Kreta eine neue Insel gebildet habe.[777]
Ein weiterer hierher gehöriger Fall ereignete sich in Rom, wohin sich Apollonius von Kreta aus begeben hatte. „Als es nämlich bei einer Sonnenfinsternis donnerte, was bei Finsternissen selten zu geschehen scheint, hatte er zum Himmel aufblickend gesagt: ‚Etwas Großes wird geschehen.‘ Niemand verstand das Wort, aber drei Tage später verstanden es alle. Als nämlich Nero gerade bei Tische saß, fuhr ein Blitz auf die Tafel und schlug ihm den Becher aus der Hand, den er gerade zum Munde führte. Daß der Kaiser so mit dem Tode bedroht und doch nicht getroffen wurde, hatte Apollonius mit dem ‚geschehen und nicht geschehen‘ gemeint.“[778]
Durch diese Prophezeiung hatte Apollonius den Verdacht des Tigellinus erweckt, welcher ihn einkerkern ließ. Als dieser Präfekt jedoch die Anklageschrift verlesen wollte, fand er zu seinem Erstaunen das von ihm selbst geschriebene Blatt leer. Nach Philostratus hat sich ein gleicher Fall in dem spätern Prozeß des Apollonius unter Domitian zugetragen.[779] Dieser mythisch erscheinende Zug findet Parallelen in zahlreichen Heiligenlegenden und Sagen.
Wir können hier Apollonius nicht auf allen seinen Kreuz- und Querzügen begleiten, sondern müssen uns darauf beschränken, die in das Gebiet des Übersinnlichen gehörenden Berichte aus seinem Leben mitzuteilen, soweit wir dazu Parallelen in der Kulturgeschichte oder in der gegenwärtigen Erfahrung nachweisen können. Deshalb wenden wir uns zu folgender Voraussage des Philosophen: Als Nero geflohen und Vindex tot war, fragten seine Gefährten: „Wem wird nun die Herrschaft zufallen?“ „Vielen Thebanern“, antwortete Apollonius, denn er verglich Vitellius, Galba und Otho, welche die Macht nur kurze Zeit an sich rissen, mit jenen Thebanern, welche auch nur sehr kurze Zeit an der Spitze Griechenlands gestanden hatten.[780] Apollonius sagte dann zu seinen Freunden: „Sehet Roms drei Herrscher, die ich neulich Thebaner nannte! Keiner wird Alleinherrscher werden, sondern in und um Rom werden sie herrschen und umkommen und schneller ihre Rollen wechseln als die Tyrannen auf der Bühne.“ – Das Wort erfüllte sich bald: Galba kam in Rom um, kaum zur Herrschaft gelangt, Vitellius starb nach einem Herrschaftstraume; Otho starb im westlichen Gallien, und nicht einmal ein glänzendes Begräbnis ward ihm zu teil, denn er liegt bestattet wie ein gewöhnlicher Mensch; so wandte sich das Geschick dieser drei innerhalb eines einzigen Jahres.[781]
Apollonius begab sich über Ägypten, wo er durch seine Sehergabe einen wegen Straßenraubes unschuldig Verurteilten befreite[782], nach Äthiopien, um die Weisheit der dortigen Gymnosophisten kennen zu lernen, von welchen er jedoch sehr enttäuscht wurde. In dem ganzen Abschnitte ist nur die Rede des Apollonius an seinen Schüler Thespesion merkwürdig, in welcher er die geistige Entwickelung an der Hand der Askese lehrt[783], und in deren Verlauf er seinem Schüler bezüglich der Wundersucht seiner Zeit das auch heute noch geltende Mahnwort zuruft: „Mit dem Glauben an Unglaubliches entsagt man der Vernunft!“[784]
Beiläufige Erwähnung verdient noch die Erzählung von dem durch Apollonius gebannten Satyrgespenst, welches in einem Dorf an den oberen Nilkatarakten die Frauen unsichtbarerweise mit seiner Liebe verfolgte und dann tötete. Apollonius befahl, um das Gespenst zu bannen, einen Trog mit Wein zu füllen, den der Satyr trinken und sich darauf entfernen würde. Als der Satyr zur Stelle beschworen worden war, „blieb er zwar unsichtbar, aber der Wein verschwand, als ob er getrunken würde“.[785] Dieser Bericht ist offenbar wieder fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erinnert aber auffallend an den slavischen Vampyrglauben und die sogenannten Incubusvorgänge, sowie besonders an die von Horst im ersten Band seiner „Zauberbibliothek“ mitgeteilte Geschichte des Arnod Paole. Das eigentümliche Verschwinden von Flüssigkeiten kommt auch im modernen Mediumismus vor.
Von Ägypten nach Griechenland zurückgekehrt, sagte er dem Titus voraus, daß ihm „der Tod aus dem Meere kommen werde“, wie dem Odysseus, was seine Schüler so deuteten, als ob der Kaiser wie Odysseus durch den Stachel eines Rochens tödlich verletzt werde.[786] Angeblich aber wurde Titus durch Domitian mit einem Seehasen vergiftet.
In Smyrna hatte Apollonius geweissagt, daß Nerva der Nachfolger Domitians sein werde, was durch einen Schüler des Philosophen, Euphrates, nach Rom verraten worden war, worauf der Kaiser die Verhaftung und Transportation des Apollonius nach Rom befahl. Der Weise aber sah dies „auf übersinnliche Weise wie gewöhnlich voraus“, ging unter Segel und fuhr nach Rom.[787]
Von dem Aufenthalt des Apollonius in Rom und seinen Schicksalen im Gefängnis und vor Gericht ist hier nur zu erwähnen, daß Philostratus beiläufig erzählt, Apollonius habe sich einmal im Gefängnisse seiner Fesseln auf übersinnliche Weise[788] entledigt. Dies gehört bekanntlich zu den am häufigsten vorkommenden mediumistischen Erscheinungen.
Der Prozeß endigte damit, daß Apollonius vom Kaiser freigesprochen und aufgefordert wurde, an seinem Hofe zu bleiben. Der Philosoph aber bat um seine Unabhängigkeit, forderte vom Kaiser eine bessere Führung der Regierung und „verschwand aus dem Gerichtssaal“.[789] – Als gegen Abend desselben Tages seine Schüler im Nymphäum zu Dikäarchia um ihren Lehrer wehklagten und verzweifelten, ihn wiederzusehen, erschien er plötzlich unter ihnen und überzeugte sie, die ihn für einen Geist hielten, von seiner leiblichen Existenz.[790]
Man hat in dieser gewiß sehr ausgeschmückten Begebenheit eine Parallele zum Wiedererscheinen Christi unter den Jüngern sehen wollen, aber offenbar – weil ja Apollonius nicht gestorben war – mit Unrecht. Eher dürfte sie eine Parallele zur Befreiung des Petrus und der andern Apostel aus dem Gefängnis sein, wie sie die Apostelgeschichte mehrfach erzählt.[791] – Mythisch ist ebenfalls der Zug, daß Apollonius sieben Tage in der Höhle des Trophonius geweilt und als Kern aller Weisheit ein die Lehren des Pythagoras enthaltendes Buch herausgebracht habe.[792] Auf geschichtlicher Grundlage beruht aber wahrscheinlich die Aufgabe, daß Apollonius zu Ephesus die Ermordung des Domitian in dem Augenblick verkündete, als sie zu Rom vor sich ging. Diese Voraussage erregte Zweifel der Ungewißheit, aber bald belehrten Eilboten die Epheser über die Wahrheit des Gesichtes.[793]
Mit dieser Erzählung schließt Philostratus die Biographie des Philosophen. Über dessen Tod teilt er keine näheren Umstände mit. Apollonius wird einerseits als Gott und Wundermann überschätzt, andererseits als Betrüger oder Narr unterschätzt. Wir aber sehen in ihm nur einen nach pythagoräischer Weise lebenden Philosophen. Er entwickelte offenbar in sich die in jedem Menschen vorhandenen übersinnlichen Kräfte und Fähigkeiten.
Dritte Abteilung. Die Neuplatoniker.
Erstes Kapitel. Plotinos.
Schon die Schüler des Sokrates sprachen gern von einem schöneren Leben in der Vergangenheit fremder Völker und sahen in demselben ihr Ideal, welches sie mit der jünglingsfrischen Kraft des Hellenentums in die Wirklichkeit zu übertragen suchten. Als nun die Griechen unter Alexander einen großen Teil Asiens unterjocht hatten und mit der wunderbaren Kultur des Orients bekannt geworden waren, da begann die Philosophie Indiens allmählich Einfluß auf die Lehren des Abendlandes zu gewinnen, und die bildungsstolzen Griechen sahen mit Staunen, daß ihre hochgerühmte Kultur nur der schwache Abglanz einer früheren viel höher entwickelten war, an welche alte halbverklungene Sagen noch erinnerten. Diesen konnte aber auch vor allem Plato eine innere Wahrheit nicht absprechen.
So entstand und verbreitete sich die hohe Meinung von dem heiligen Leben und der tiefen Weisheit der Inder; auch dachte man sich diese mit den phönicischen, ägyptischen und jüdischen Priestern in einem gewissen Zusammenhang stehend, der vielleicht durch eine besondere Geheimlehre vermittelt würde. Jener äußere Anstoß, welcher durch die Feldzüge Alexanders gegeben wurde, hat wohl am meisten zum Kulturaustausch des Orients und Occidents mitgewirkt, wobei wir freilich nicht übersehen dürfen, daß auch die Mysterien und sonstige von Osten herüberkommende Geheimkulte als wichtige Faktoren zur Vermittelung des religiösen und philosophischen Lebens beider Weltteile beitrugen; jedoch weiß man noch immer zu wenig über die Geheimnisse, als daß man ihren Einfluß auf das geistige Streben jener Zeiten mit Sicherheit bestimmen könnte.
Endlich aber wirkt noch ein drittes sehr zu beachtendes Moment mit an dieser so merkwürdigen Verschmelzung entgegengesetzter Anschauungen, nämlich der Zerfall der religiösen Vorstellungen und wissenschaftlichen Begriffe, die Trennung der Philosophie und der Religion bei den Griechen. Die griechische Religion hatte durch ihre dem Künstlerischen sich zuneigende Ausbildung das Bedeutsame ihrer alten Formen verloren, und eine willkürliche Deutung der alten Bilder konnte ihren wirklichen Sinn nicht ersetzen. Es war also das Bedürfnis nach religiösen Neuerungen, welche dem Herzen wie dem Verstande genügten, das Bedürfnis nach einer Versöhnung der Wissenschaft mit der Religion gegeben, und in der Erkenntnis der tiefen orientalischen Weisheit glaubte man die Befriedigung desselben finden zu können. Daher rührt es denn auch, daß je länger, desto häufiger Griechen von gelehrter Bildung Zugang zu den öffentlichen und geheimen Kulten der Orientalen suchten und fanden, wobei sie die alt-orientalischen Lehren mit den eigenen Überlieferungen verglichen, sie vertieften und zu verschmelzen suchten. Es war die Zeit der Ausbildung der Kabbala und des Keimes der grundlegenden Anschauungen der späteren neupythagoräischen, gnostischen und neuplatonischen Schulen. Kleinasien und Alexandria waren der Hauptschauplatz dieses Ringens und endlichen Verschmelzens der entgegengesetzten Weltanschauungen.
Solange jedoch das Römerreich noch innerlich gesund war und das Griechentum sich einer verhältnismäßigen Blüte erfreute, kamen diese eklektischen Systeme zu keiner größeren Bedeutung. Erst als der Kaiserzeit die Kultur der alten Welt verfaulte und einem übertünchten Grabe glich, als eine Stütze der alten Gesellschaft nach der andern brach und alle Welt Rettung aus dem Chaos suchte, erst dann gelangten die genannten in den innersten Bedürfnissen der Menschennatur wurzelnden philosophischen Richtungen durch die gleichen Umstände zur Geltung, welche auch dem Christentum seine welthistorische Stellung erobern halfen.
Unter den bedeutendern Schriftstellern älterer Zeit, die dem Neoplatonismus die Bahn brachen und bei welchen die diesem angehörige und eigentümliche Geistesrichtung offen zu Tage trat, sind in erster Linie Plutarch (ca. 50–120 n. Chr.) und der zur Zeit der Antonine lebende L. Apulejus zu nennen. Von diesem Zeitalter an gelangte die mystische eklektische Philosophie zu immer größerer Bedeutung und verkündete sich besonders in der Sehnsucht nach einer mystischen Vereinigung mit dem Göttlichen, die teils durch Askese, teils durch Theurgie gewonnen werden sollte und gegen welche das äußere Leben als ein leeres Schattenbild zurücktrat.
Die Aufgabe der mystisch-eklektischen Philosophie war die Erschließung jener dunkeln Gebiete, an deren Grenzen die Logik der Schulen eben noch heranreicht, welche uns aber verläßt, sobald wir die Schwelle des Avernus überschritten haben. Über diese Gebiete fand man bei den Philosophen teils nur Andeutungen in Bildern oder Mythen, teils auch bestimmte geäußerte Meinungen, welche, wie jene Andeutungen nicht verkennen ließen, nicht in ihrem buchstäblichen Sinne aufgefaßt sein wollten. Je mehr man nun bei der Betrachtung der „letzten Dinge“ – um hier vergleichungsweise diesen christlich-dogmatischen Ausdruck zu gebrauchen – sich genötigt sah, die Aussprüche der Philosophen allegorisch aufzufassen, um so mehr kam man zu der Überzeugung, daß im Grunde alle oder doch die tiefsten Philosophen miteinander einig seien und nur denselben Sinn in verschiedenen Formeln ausgedrückt hätten. Und in der That finden wir bei den alten Philosophen an den äußersten Grenzen der Forschung mehr Einigkeit als bei Untersuchungen, welche sich der Mannigfaltigkeit weltlicher Erscheinungen zuwenden. In dem Drang, das Geheimnis des Absoluten und seines Verhältnisses zum Relativen, des Göttlichen zum Weltlichen anschaulich zu machen, näherte sich der griechische Philosoph den Quellen orientalischer Mystik, und der orientalische Priester bediente sich zur Verbreitung seines transscendentalen Wissens der Waffen, welche griechische Rhetorik und Dialektik geschliffen hatten. Es bildete sich eine rhetorische Lehre aus, welche den Kern der älteren Systeme eklektisch umfaßte und ihre Weisheit zum Teil unter symbolischer Hülle offenbarte.
Da ferner nun das Abendland und der Orient ganz verschiedene Forschungsmethoden befolgen, indem nämlich der europäische Philosoph und besonders der auf alle Künste der Dialektik eingehetzte Altgrieche an der Hand des logischen Beweises Schritt vor Schritt vorwärts geht und das als nicht existierend betrachtet, was nicht logisch bewiesen werden kann, indem er vom Besondern auf das Allgemeine schließt, sucht der Mystiker des Orients durch Autopsie zur Vereinigung mit dem Allgemeinen und zur Erkenntnis und Beherrschung des Besondern zu gelangen; durch das Anschauen des Absoluten ist der Mystiker individuell überzeugt, und der logische Beweis wird für ihn überflüssig. Der Weg und das Mittel zur Autopsie ist die Askese, die möglichste Vermeidung aller Verunreinigung durch die Materie. Die möglichste Steigerung in der Enthaltsamkeit vor sinnlichen Genüssen, die gänzliche Abtötung der sinnlichen Triebe, die Kasteiung des Fleisches wird zum Mittel, durch Anschauung des Heils wie des Wissens teilhaftig zu werden, denn jemehr der Mensch dem Sinnlichen erstirbt, desto mehr lebt er im Geistigen. Damit ist zugleich die innere Notwendigkeit der für den Neoplatonismus so charakteristischen Verachtung aller Außendinge, welche wir – allerdings aus ganz anderen Gründen – auch bei den Cynikern und Stoikern finden, gegeben, die in ihrer extremen Auffassung die neoplatonische Lehre nicht lebensfähig werden ließ.
Es erhellt, daß bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der neuplatonischen Philosophie die Fähigkeiten und Kräfte des transscendentalen Bewußtseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhängigen Beobachtungen sehr zahlreich werden mußten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und Schwärmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus und Mediumismus erklärt werden, wollen wir hier besonders die Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre berücksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient.
Der eigentliche Begründer des Neuplatonismus ist der etwa 190 n. Chr. von christlichen Eltern geborene Ammonios Sakkas, welcher nach Eusebius[794] sich dem Heidentume zuwandte, als er selbständig zu denken begonnen hatte. Von seinem Leben wissen wir sehr wenig, weil er selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen machte und er sowohl als seine Schüler auf Außendinge nicht den mindesten Wert legte. Wie Hierokles und Porphyrius erzählen, erwarb Ammonios in Alexandria sich seinen Unterhalt durch Sacktragen, woher er den Namen Sakkas erhielt, und lehrte dabei eine Philosophie, welche die Übereinstimmung des Plato und Aristoteles in allen Punkten nachzuweisen suchte. Diese Lehre scheint eine esoterische gewesen zu sein, denn Porphyrius berichtet im Leben des Plotinus, daß sich die drei Schüler des Ammonios Erennios, Origenes (welcher nicht mit dem bekannten Kirchenvater zu verwechseln ist) und Plotinos verbunden hätten, die Lehren ihres Meisters nicht zu veröffentlichen. Erennios und Origenes brachen jedoch dieses Versprechen durch die Herausgabe jetzt verloren gegangener Schriften, worauf sich auch Plotinos seines Versprechens für entbunden hielt und nun die Schriften verfaßte, welche wir noch jetzt von ihm besitzen. Als ein vierter Schüler des Ammonios wird ein Grammatiker Longinos genannt.
Der Bedeutendste von allen ist Plotinos, welcher im Jahre 205 zu Lykopolis in Ägypten geboren ward.
Er erhielt seine wissenschaftliche Bildung zu Alexandria, wo er im 28. Jahre seines Lebens Philosophie zu studieren begann. In Ammonios Sakkas fand Plotin den gesuchten Mann, der ihm Ehrfurcht vor orientalischer Weisheit und heißes Verlangen nach derselben einflößte. Deshalb nahm auch Plotin, nachdem er elf Jahre den Unterricht des Ammonios genossen hatte, teil an dem Feldzuge, welchen Kaiser Gordianus (der Enkel) gegen die Perser eröffnete, um bei dieser Gelegenheit die persische und indische Philosophie an der Quelle studieren zu können. Als jedoch Gordian im Jahre 244 ermordet worden war, ging Plotin nach Antiochia und später nach Rom, wo er als Lehrer der Philosophie auftrat.
Im Anfang scheint die neue Schule nicht besonders prosperiert zu haben, denn Amelios, ein Zögling unseres Philosophen, berichtet, daß dieselbe voll Unruhe, Geschwätz und Lärmen, dabei aber schlecht besucht gewesen sei. Im Laufe der Zeit kam jedoch Plotin zu hohem Ansehen, wie die Namen zahlreicher Schüler beiderlei Geschlechts bezeugen. Ihm hörten nicht nur römische Ritter und Senatoren, sondern auch eine große Menge der vornehmsten Damen zu, von denen eine, namens Gemina, Plotin zeitweilig in ihr Haus aufnahm.
Unser Philosoph erfreute sich des allgemeinsten Vertrauens, so daß er als „ein heiliger, göttlicher Fürsorger“ von den edelsten Männern als Testamentsvollstrecker und Vormund ihrer Kinder eingesetzt wurde. Sein Haus war daher mit vornehmen jungen Leuten beiderlei Geschlechts überfüllt, deren Erziehung er leitete und deren Güter er auf das gewissenhafteste verwaltete, „um – wie er sagte – ihnen wenigstens ihre zeitlichen Schätze ungeschmälert übergeben zu können, wenn sie keinen Geschmack an der Philosophie und den himmlischen Dingen finden sollten“. Sehr häufig wurde Plotin als Schiedsrichter angerufen, welchem Amte er mit so großer Klugheit vorstand, daß er sich dabei nach der Versicherung seines Schülers Porphyrius (in vita Plotini), während seiner sechsundzwanzig in Rom verlebten Jahre auch nicht einen einzigen Menschen zum Feind machte.
Selbst Kaiser Gallienus (259–268), eines der nichtswürdigsten Ungeheuer, welche den römischen Kaiserthron schändeten, und dessen Gemahlin Salonina waren für die Ideeen Plotins derart begeistert, daß sie eine verfallene Stadt in Kampanien wieder aufbauen und Plotin nebst seinen Schülern schenken wollten. Diese Stadt sollte Platonopolis genannt und nach den von Plato entwickelten politischen und ethischen Prinzipien regiert werden. Porphyrius berichtet in seinem Leben Plotins mit nicht geringem Unwillen, daß dieser schöne Plan durch einige Hofleute vereitelt worden sei, welche den Plotin beneidet und Plato nicht den Ruhm eines Gesetzgebers gegönnt hätten.
Plotin lebte bis zum Jahre 270 in Rom, zog sich dann, von einer Krankheit befallen, nach Kampanien zurück und starb, indem er dem ihn besuchenden Arzt Eustochius die Worte zurief: „Ich führe jetzt den in mir wohnenden Gott der im Weltall lebenden Gottheit zu!“ – In demselben Augenblick kam, so erzählt die allegorische Legende, unter dem Bett eine drachenartige Schlange, welche für den Genius Plotins gehalten wurde, hervor und verschwand durch eine in der Wand befindliche Öffnung.
Nach Porphyrius hatte Plotin sein göttliches Auge beständig auf den ihn begleitenden Genius gerichtet und lebte „recht eigentlich in einer wesentlichen und realen Gemeinschaft mit der Geisterwelt“. Von dem hohen Werte und der Wichtigkeit dieses geistigen Lebens und Verkehrs im Gegensatz zu seiner äußeren Persönlichkeit war denn auch Plotin so durchdrungen, daß er seinen Freunden und Schülern weder den Tag noch den Ort seiner Geburt nannte, weil es schon zu viel sei, über solche irdische Dinge auch nur ein Wort zu verlieren. Alles phänomenale Sein ist ihm ein Elend, ein Irrtum und ein niedriger Zustand, von welchem sich der Mensch losmachen muß, damit er durch die „Tugend“ zu Gott zurückkehre. Dieser Gipfel der Tugend, auf welchem sich die Seele mit Gott vereinigt, wird nur erreicht durch die Askese. Deshalb enthielt sich auch Plotin aller Fleischspeisen, nicht selten auch des Brotes, und fastete oft so lange, daß er sich andauernde Schlaflosigkeit zuzog. Er gönnte sich nicht das regelmäßige Bad, wie es doch bei seinen Landsleuten Sitte war, und unterließ zuletzt selbst die üblichen Abreibungen seinem Körpers, die einzige Pflege, welche er demselben noch hatte zu teil werden lassen. Es schien ihm eine unerträgliche Eitelkeit, von dem Schattenbilde seines Körpers eine Abbildung machen zu lassen, welche eine längere Dauer als das Original habe. Als nachahmungswürdiges Muster eines Weisen empfahl Plotinus seinen Schülern den römischen Senator Rogatianus, welcher durch ihn so bekehrt worden war, daß er seine Sklaven freiließ, sein Vermögen verschenkte, sein Prätorenamt aufgab und nicht einmal in seinem eigenen Hause wohnte, sondern bei seinen Freunden schlief und speiste. – Alle späteren Neuplatoniker eiferten ihrem Meister in dieser übertriebenen Selbstentsagung, bei welcher indischer Einfluß unverkennbar ist, nach und genossen weder Fleisch noch Wein, noch die Freuden der Liebe, welche sie als die größten Hindernisse eines heiligen Lebens und der innigen Vereinigung mit Gott ansahen.
Porphyrius berichtet denn auch, daß während seiner sechsjährigen Lehrzeit bei Plotin dieser, sein Meister, viermal der „Vereinigung mit Gott“ gewürdigt worden sei, während ihm – Porphyrius – dieses Glück im ganzen Leben nur einmal zu teil ward. Wie sein Biograph ferner berichtet, war Plotin hellsehend und hatte die Fähigkeit, die Gedanken anderer zu lesen, er wußte Diebstähle zu verkünden so gut wie die Zukunft und sagte seinen Schülern ihre Gedanken.
Bei folgendem von Porphyrius berichteten merkwürdigen Beispiel von der hohen Entwickelung der magischen Seelenkräfte Plotins müssen wir etwas länger verweilen: Olympius aus Alexandria, ein auf unsern Philosophen neidischer Schüler des Ammonios, suchte denselben durch magische Künste an seiner Gesundheit zu schädigen, überzeugte sich jedoch sehr bald, daß sein Beginnen vergeblich sei, und sagte zu seinen Bekannten: „Welch eine machtvolle Seele besitzt nicht dieser Plotin, denn alle gegen sie gerichteten Künste prallen von ihr ab und auf den Angreifenden zurück!“ Plotin empfand jedoch die magische Einwirkung durch ein Gefühl, als ob ihm Glied um Glied wie ein lederner Beutel zusammengeschnürt werde.
Man hat diese Erzählung sehr häufig als ein Beispiel des bei den Neuplatonikern herrschenden Aberglaubens angeführt, damit aber, wie mir scheint, den ehrlichen, wenn auch schwärmerischen, doch immerhin sehr hoch entwickelten Männern Unrecht gethan. Gehen wir von der Thatsache der nicht durch äußere Sinne vermittelten Gedankenübertragung aus, um jenen Bericht zu erklären, so kommen wir zu folgenden Schlüssen: Wenn die Seele auf die Seele wirkt, so kann dieser Eindruck entweder die Bewußtseinsschwelle des Beeinflußten überschreiten, dann bildet er sich zum Gedanken aus; oder aber er bleibt an der Schwelle des Bewußtseins stehen, dann ruft er nur ein dumpfes, unklares Empfinden hervor.[795] Das eigentümliche Gefühl der Zusammenschnürung, welches Plotin empfand, ist daher sehr wohl zu begreifen und findet überdies seine Analogie in den krampfartigen Erscheinungen, wie sie bei allen „magischen“ Zuständen vom Somnambulismus bis zur Besessenheit vorkommen.
Die Schriften des Plotin sind uns ziemlich vollständig erhalten geblieben, und zwar in der Bearbeitung des Porphyrius, welche dieser im Auftrag seines Lehrers übernahm, weil derselbe durch Augenschwäche von der Revision seiner Werke abgehalten wurde. Porphyrius fand einzelne wenig zusammenhängende Bücher vor, welche er in sechs Enneaden zusammenstellte, je nach der Verschiedenheit des Inhalts, wobei er die äußere Form verbesserte und noch einiges, jetzt nicht mehr näher Bestimmbare hinzufügte. Dies ist höchst wahrscheinlich die Bearbeitung der Plotinischen Schriften, welche wir noch besitzen. Andere von den schon genannten Schülern des Plotin Amelios und Eustochios veranstaltete Bearbeitungen sind verloren gegangen.
Da nun Plotin der eigentliche Philosoph der neuplatonischen Schule ist, während alle Späteren mit Ausnahme des Proklos mehr Theurgen oder Magier[796] zu nennen sind, so wird es geeignet sein, hier eine kurze Darstellung des plotinischen Lehrgebäudes zu geben, wobei wir uns möglichst an die Worte des Philosophen selbst zu halten vorziehen.
Gott ist der Realgrund aller Dinge, und es giebt nur eine Art von Substanzen, nämlich vorstellende; Raum und Materie ist nichts als Schein des Realen, der Schatten der Geister. Die Welt ist ewig wie Gott. Gott ist keinem Menschen und überhaupt keinem Wesen fern. Er ist das reine urwesentliche Licht und macht die Basis alles Seins und Denkens aus; er ist die Einheit, welche jedem Denken vorausgeht und demselben das Objekt giebt.[797]
Der Intellekt (νοῦς) ist ein Bild des (All)-Einen, denn als Erzeugtes muß es Ähnlichkeit von dem Erzeugenden empfangen und behalten; der Intellekt ist nur dadurch geworden, daß er das Eine schaute. Daher ist auch im Intellekt Einheit, und die Einheit ist die Möglichkeit aller Dinge. Der Intellekt schaut auf das Eine, wodurch ihm ein Objekt des Erkennens gegeben ist; es ist die zum Erkennen erforderliche Doppelheit, Objekt und Subjekt, vorhanden. Ebenso wie der Intellekt das Anschauungsvermögen von dem Einen erhalten hat, so ergießt sich diese Kraft wieder von dem Intellekt aus und erzeugt andere, ihr ähnliche, nur minder vollkommene Intellekte.[798]
Da indessen der Intellekt das Erkennen nicht von sich, sondern von dem Einen hat, so muß auch in dem Einen als in der Quelle alles Erkennens zwar nicht Erkenntnis, wodurch die Einfachheit aufgehoben würde, aber doch etwas Ähnliches sein, gleichsam ein Schauen und Wissen ohne Doppelheit. Das Eine sieht nicht nach außen auf andere Dinge, sondern nur auf sich selbst. Es liebt in sich den reinen Glanz, das reine Licht, welches es selbst ist. Der Intellekt ist das Produkt des Einen, und das Eine ist sein eigenes Produkt.[799]
Das Licht ist die ursprüngliche, ruhige, stätige, unveränderliche Thätigkeit des Urwesens, das aus ihm unmittelbar und unaufhörlich Ausströmende, ein Lichtkreis, durch welchen alles erleuchtet wird und seine Form erhält. Dieser das Eine umgebende Lichtkreis ist der Intellekt.[800]
Der Intellekt umfaßt alle möglichen Objekte, d. h. die ganze Verstandeswelt, oder ist vielmehr die Verstandeswelt selbst. Intellekt und Realität umfassen alles Sein und Leben.[801]
Die Verstandeswelt ist das Muster und Vorbild der Sinnenwelt. Alles, was in dieser wirklich ist, muß daher auch in der Verstandeswelt enthalten sein, jedoch nur der Form nach. In der Verstandeswelt ist daher auch ein mit Sternen besäeter Himmel, eine Erde mit allen möglichen Pflanzen und Tieren, Wasser und Meer in bleibendem Flusse und Leben mit allen Wassertieren und die Luft mit den ihr lebenden Wesen. Denn was aus dem Intellekt kommt, ist Leben; die Verstandeswelt ist daher auch ein lebendes Wesen, ein Welttier.[802]
Alle die Verstandeswelt ausmachenden Verstandeswesen müssen etwas Gemeinschaftliches und etwas Individuelles haben, denn weil sie im Intellekt existieren, ohne durch den Raum getrennt zu sein, so können sie allein durch das ihnen Eigentümliche unterschieden sein, wodurch sie zu besondern Dingen werden. Dieses Individuelle ist die Form, die Gestalt. Wo nun Gestalt ist, da giebt es auch etwas Gestaltetes, d. h. durch die Form Bestimmbares und Bestimmtes. Dies ist die Materie, d. h. nicht die sinnliche, sondern die übersinnliche. Denn auch das hat die Verstandeswelt mit der Sinnenwelt überein, daß sie aus Form und Materie besteht. Abstrahiert man in Gedanken von den Formen, durch welche die Verstandeswelt ein mannigfaltig gestaltetes Ganze geworden ist, so bleibt nichts übrig als das Gestaltlose und Unbestimmte, welches die Gestalt annimmt und gleichsam trägt.[803]
Durch die Thätigkeit und schöpferische Kraft des Intellekts entsteht die Verstandeswelt, welche nur in ihm existiert. Die Thätigkeit, durch welche die Verstandeswelt wirklich geworden ist, ist eine innere und auf das Innere gerichtete. Soll nun auch eine äußere Welt entstehen, welche sich auf die Verstandeswelt als auf ihr Muster bezieht, so muß außer dem Einen und dem Intellekt noch ein drittes vorhanden sein, dessen Thätigkeit nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet ist. Dies ist die Seele.[804]
Die Seele ist Produkt des Intellekts, sowie der Intellekt Produkt des Einen ist. Nach dem Grundsatz, daß alles Reale aus sich selbst ein anderes Reale erzeugt, was dem Grade der Vollkommenheit nach dem Erzeugenden am nächsten, aber doch nicht ganz gleich kommt, bringt auch der Intellekt etwas hervor, was ihm am nächsten kommt. Die Seele ist ein Gedanke, eine Thätigkeit des Intellekt.[805]
Die Seele steht im dritten Grad von dem Einen ab und ist daher unvollkommener als der Intellekt. Sie ist auch ein Leben, Denken und Thätigsein wie der Intellekt, aber in einem niedern Grade. Erstens geht die Seele nicht ohne Veränderung hervor. Zweitens ist ihr Denken und Schauen dunkler, denn sie erblickt die Objekte nicht in sich, sondern in dem Intellekte. Drittens ist ihr Wirken nicht eine innere, sondern eine nach außen gerichtete Thätigkeit; sie bringt etwas außer sich hervor, was nun nicht mehr ein reines, sondern ein schon vermischtes und getrübtes Sein hat.[806]
Auch die Seele ist wie die Intellekte eine Art Licht, aber nicht ein selbstleuchtendes, sondern von einem andern erleuchtetes. Das Eine ist das einfache, reine Licht selbst, welches sich in den Intellekt ergießt. Die Seele empfängt das Licht vom Intellekt.[807]
Nach den ewigen Gesetzen der Ordnung und Harmonie des Ganzen lösten sich alle Seelen, eine jede zu der bestimmten Zeit, vermöge eines natürlichen Dranges und wie durch den Ruf eines Herolds oder Beschwörers erweckt, von dem Intellekt ab und traten zum erstenmal in das System unserer Welt, in die Gemeinschaft mit den Körpern ein. Indem sie aus ihrer göttlichen Urquelle ausflossen, kamen sie in den Himmel oder den Aufenthaltsort der sichtbaren Götter, wo sie ein Gewand aus ätherischem Stoff gewebt erhielten oder annahmen. Hier am Saume des unsichtbaren Universum, wo die Seelen gleichsam zwei Welten berührten und das niedrigste Glied der intelligibeln wie das höchste der materiellen ausmachten, verweilten sie nicht immer, sondern senkten sich nach eben den Gesetzen, nach welchen sie aus der Mutter aller Seelen hervorgegangen waren, auf unsere Erde herab. Auf einer jeden neuen Stufe des Herabsteigens empfingen sie einen neuen Körper und wurden also in dem großen zwischen Himmel und Erde ausgespannten Raume mit einem luftigen, auf dem Wohnplatz sterblichen Geschöpfe mit einem dichten irdischen Gewand bekleidet.[808]
Durch die Thätigkeit der Seele entstehen andere Seelen als Arten der einen. Die Kräfte derselben sind von doppelter Art. Einige sind auf das obere gerichtet wie die Vernunft, andere auf das Niedere wie die verstandesmäßigen Kräfte; die unterste ist die auf die Materie gerichtete und sie bildende Kraft, die Empfindung nämlich und vegetative Kraft.[809]
Alles Wirken der Natur hat die Erkenntnis zum Endzweck. Denn was in der Natur hervorgebracht wird, hat eine übersinnliche Form, wodurch die Materie eine Gestalt erhält, damit sie ein Objekt der Erkenntnis werde.[810] Die Natur ist also nichts anderes als eine Seele, welche wiederum das Produkt einer höheren und mächtigeren Seele ist.[811] In der ganzen Natur ist nur eine der Qualität nach identische Kraft wirksam: die Seele, die Vorstellungskraft; nur eine und dieselbe Wirkungsart: die Bildung, das Anschauen. Es herrscht also derselbe Prozeß im innern Menschen wie in der äußeren Natur.[812]
Alle Materie wird von der Seele innerlich gestaltet; alle Elemente sind von ihrem Leben erfüllt, welches innerlich vorhanden ist, auch wenn es nicht in die Erscheinung tritt. Die Erde gleicht dem Holze eines Baumes, welche eine belebende Natur in sich trägt, die Steine sind wie abgeschnittene Zweige. In den Gestirnen wie in der Erde als Weltkörper findet sich göttliches Leben und Vernunft. Die sinnliche Welt ist sowohl im einzelnen als im ganzen beseelt, und eben diese Seele ist das Wesentliche an ihr.[813]
Die Verstandeswelt ist ein unveränderliches, absolutes, lebendes Ganze, in welchem keine Trennung durch den Raum, kein Wechsel in der Zeit stattfindet. Sie enthält alles, was ist, aber kein Werden noch Vergangensein. Sie ist in keinem Raum und bedarf keines Raumes, denn sie ist in sich vollständig, sich durchaus gleich und sich selbst erfüllend. Wenn man sagt, die Verstandeswelt ist allenthalben, so heißt das nichts anderes als, sie ist in dem Sein und daher in sich selbst.[814]
Die Verstandeswelt ist nichts anderes als das Geisterreich. Es giebt erstens einen höchsten Intellekt, welcher in sich alle möglichen Intellekte und Objekte in potentia enthält; der Wirklichkeit nach giebt es aber ebenso viele einzelne Intellekte, als im höchsten Intellekt der Möglichkeit nach enthalten sind. So wie es einen höchsten Intellekt giebt, so giebt es auch eine höchste Weltseele und viele einzelne Seelen, und jene verhält sich zu den vielen wie die Gattung zu den Arten. Die Arten unterscheiden sich untereinander, ob sie gleich alle aus der Gattung entspringen; es muß also zum Gattungsbegriff noch etwas hinzukommen, damit die Arten näher bestimmt werden. Ebenso muß auch zum Intellekt etwas hinzukommen, daß daraus die Weltseele entspringe, und die einzelnen Seelen müssen vollkommener oder unvollkommener in Rücksicht auf das Denkvermögen sein, sonst würden es eben nicht verschiedene Arten von Seelen sein.[815]
Es giebt nichts durchaus Vernunftloses in der Natur. Auch die Tiere, welche wir für unvernünftig halten, scheinen nur vernunftlos zu sein. Denn Vernunft ist dasjenige, in welchem und aus welchem alles ist; wie sollte also etwas der Vernunft Entgegengesetztes existieren können? Wir stoßen uns daran, daß die Tiere ihre Vernunft auf eine ganz andere Art äußern, als die Menschen, und wollen ihnen daher gar keine Vernunft einräumen, weil sie nicht die unsere ist. Es giebt unzählige Arten des Lebens, der Thätigkeit und der Vernunft, welche untereinander verschieden sind. Und dann darf man auch nicht vergessen, daß auch der sichtbare Mensch nicht so lebt und auf dieselbe Art vernünftig ist als der Mensch in der Verstandeswelt. Wir rechnen zum Wesen der Vernunft das Schließen und Beurteilen; dort ist aber die Vernunft ein anderer und über das Schließen weit erhabener Vorgang, nämlich ein unmittelbares Anschauen in vollkommenster Deutlichkeit.[816]
Der Endpunkt der Vernunftthätigkeit ist der äußere Gegenstand, z. B. ein einzelnes Tier. Denn wenn sich die Kräfte entfalten und in ihrer Entfaltung fortschreiten, so verlieren sie immer etwas und werden niedriger; es entstehen unvollkommene Produkte; aber selbst aus dem, was diesen fehlt, wissen sie noch etwas hinzuzusetzen, um das Fehlende zu ergänzen. Weil z. B. das bloße Sein zum Leben nicht hinlänglich ist, so kamen Krallen, Schnäbel, Hörner und Zähne zum Vorschein.[817] Auf diese Art hebt sich die im Herabsteigen unvollkommener gewordene Vernunft wieder durch Zulänglichkeit empor.[818]
Ist die Verstandeswelt, in welcher alles bestimmt und notwendig ist, ein Ausfluß des Urwesens; ist die Sinnenwelt wieder ein Ausfluß der Verstandeswelt; ist die Zufälligkeit und Veränderlichkeit der Dinge in derselben eine unvermeidliche Folge ihres Abstandes vom Urwesen und dieser Abstand im Grade der Vollkommenheit ein Naturgesetz; ist das durch die Thätigkeit der drei Prinzipien alles Seins nicht in der Zeit entstandene Weltganze ein großes lebendiges Wesen, in welchem Einheit und Zusammenhang ist, wo auch das Entfernteste einander nahe ist und kein Teil wirken kann, ohne daß auch die entfernteren Teile in Mitleidenschaft kommen, weil im Ganzen eine Seele ist, welche ihre Thätigkeit auf alle einzelnen, das große Ganze ausmachenden Teile erstreckt, so wird es eine natürliche Magie und Mantik geben, weil alles in einem natürlichen Zusammenhang steht und das Ganze eine Mannigfaltigkeit von Kräften ist, die einander auf die vielfachste Weise anziehen und abstoßen und durch eine Kraft zu einem Leben vereinigt werden.[819]
Alle Seelen samt der Weltseele sind Amphibien, welche sich bald dem Sinnlichen zuwenden und mit ihm verflochten an seinen Schicksalen teilnehmen, bald ihrem Ursprunge, der Vernunft, anhängen und mit ihr vereinigt werden. Die Seele spaltet sich, indem ihre niederen Teile immer weiter abwärts steigen, während die besseren bis über den Himmel hinausragen.[820]
Die Einkörperung der Seele wird dadurch bewirkt, daß sie dem Körper etwas abgiebt, ohne deswegen ihm anzugehören. Deshalb nimmt auch nur der mit dem Körper vermischte Teil der Seele an ihrem Leiden teil. Die bösen Regungen entspringen nur diesem Teil, weshalb auch die Strafen nur dies zusammengesetzte Wesen, das belebte Tier oder das Scheinbild der Seele, nicht aber den eigentlichen Menschen treffen und berühren. Da nun die Seele um so gröbere Hüllen anzieht, je mehr sie sich dem Niedern zuwendet, und da die Strafen nur die äußern Hüllen treffen, so muß der eigentliche Mensch durch ein wiederholtes Leben gereinigt werden, in dessen Zwischenräumen die Hüllen an besonderen Orten der Qual vernichtet und gereinigt werden, währenddem die reine Seele zum Vater hinaufsteigt, und wieder zur Erde herabkommt, wenn der geeignete Zeitpunkt einer neuen leiblichen Existenz naht.[821]
Unser Verstandesdenken lehnt sich an Begriffe und Begriffserklärungen an, welche durchaus nicht die wahre Grundlage der vollkommenen Einsicht sind, weil sie zu viel Gemeinschaft mit dem verständigen Denken und dem Sinnlichen haben. Darum muß sich die Seele in das Begrifflose flüchten und sich entschließen, jeden Begriff und jede Erkenntnis aufzugeben, wenn sie zum Urersten gelangen will, denn das Eine ist eine unbegreifliche Kraft. Wir müssen uns frei machen von der Mannigfaltigkeit der Gedanken, welche uns zum Sinnlichen führen, sowie von jeder Rede; denn das, was über das All erhaben ist, geht auch über die Rede und die ehrwürdigste Vernunft hinaus; wir widersprechen uns, wenn wir von ihm etwas aussagen. Nur durch ein unmittelbares Schauen, nur durch Gegenwart kann das Eine gewonnen werden. Das Schauen ist besser als Wissenschaft, denn alle Wissenschaft ist eine Vielheit und nicht die wahre Einheit, welcher allein das Gute zukommt.[822]
Es giebt zwei Wege, um die Menschen zum Schauen des Einen, Ersten und Höchsten hinzuführen. Man muß erstens die Ursache zeigen, warum die Seele jetzt solche Dinge schätzt und man muß sie zweitens über ihren Ursprung und ihre Würde belehren. Mit dem letzteren muß man anfangen, denn es geht daraus auch die erste Belehrung hervor. Es bringt uns auch dem Ziele aller Nachforschung nahe und führt uns auf dieser Laufbahn eine beträchtliche Strecke weiter. Denn das Forschende ist die Seele, welcher das Anschauen nicht gelehrt und gegeben werden kann, was vielmehr durch ihre eigene Anstrengung zu Stande gebracht werden muß. Gelangt der Mensch nicht zu dieser Anschauung, so empfängt er auch nicht das wahre Licht, welches die ganze Welt erleuchtet, er wird nicht davon affiziert und hat gleichsam nicht das Gefühl der Liebe, durch welches der Liebende sich im Anblick seiner Geliebten verliert. Zwar ist das Eine von keinem entfernt, wohl aber jedem gegenwärtig oder nicht. Gegenwärtig ist es nur denen, welche fähig und vorbereitet sind, dasselbe zu empfangen, zu berühren und zu umfassen durch die Ähnlichkeit und Verwandtschaft des von ihm empfangenen Vermögens. Ist mit einem Wort, die Seele so beschaffen wie damals, als sie von dem Einen entsprossen war, dann kann sie das Eine in der Art anschauen, wie es seiner Natur nach angeschaut zu werden vermag. Ist Einer wegen der ihm anklebenden, die Seele belastenden Hindernisse, oder weil die Vernunft nicht gehörig den Weg zeigt und die Überzeugung von jenem Wesen hervorbringt, noch nicht dahin gelangt, der messe sich selbst die Schuld bei und suche sich von allem loszureißen und völlig Eins zu sein.[823]
Willst du dies Eine aber durch dein Denken finden, so mußt du dein Denken von allen andern außer dir abstrahieren, weil es kein Merkmal mit irgend einem Gegenstand gemein hat. Soll die Seele es ganz und rein umfassen, so muß sie sich von allen Eindrücken, Figuren, Gestalten und Formen gereinigt haben; sie muß nichts, auch sich selbst nicht denken. Gott ist allen zugegen, auch denen, die ihn nicht erkennen. Aber sie fliehen ihn, sie treten aus Gott oder vielmehr aus sich selbst heraus. Sie können also den nicht erfassen, den sie fliehen, sie suchen nach einem anderen, nachdem sie sich selbst verloren haben.[824]
Schreitet die Seele auf dem Wege fort, daß sie der Vereinigung mit Gott teilhaftig wird, und erkennet sie, daß sie die wahre Urquelle des Lebens hat und keines Dinges mehr bedürfe, sondern vielmehr alles andere von sich legen und nur allein in ihm sein und leben und selbst das sein müsse, was das Eine ist; strebt sie, aus diesem irdischen Sein zu entfliehen, um Gott ganz und mit jedem Teil zu umfassen: dann kann sie sich und ihn schauen, so weit nämlich dieses Schauen überhaupt möglich ist. Sie sieht sich nämlich als verklärt, erfüllt mit dem übersinnlichen Lichte, oder vielmehr als das reine, schwerelose leichte Licht selbst, als einen gewordenen oder vielmehr seienden Gott, der jetzt hervorstrahle, aber dann verdunkelt werde, wenn das Licht wieder seine Schwere erhält.[825]
Warum bleibt aber die Seele nicht auf dieser hohen Stufe stehen? Weil sie noch nicht ganz aus dem Irdischen heraus gegangen ist. Doch ist auch ihr zuweilen ein ununterbrochenes Anschauen vergönnt, wenn sie gar keine Störungen mehr von dem Körper erhält. Nicht das Subjekt der Anschauung, sondern das andere ist es, was stört; denn das Anschauende ist bei dem Anschauen ganz unthätig, Denken und Schließen ruhen. Das Anschauen und das Anschauende sind nicht mehr Vernunft, sondern stehen vor und über der Vernunft wie das Angeschaute selbst. Schaut sich die Seele so an, so wird sie inne werden, daß sie mit dem Angeschauten eins und völlig einfach geworden ist. Denn das Objekt und Subjekt sind jetzt nicht mehr zwei, auch unterscheidet sich die Seele nicht; die Seele ist auch nicht mehr sie selbst, sondern sie wird das, was sie angeschaut; sie geht in das Objekt über, sowie ein Punkt in Berührung mit einem Punkte ein Punkt ist und nicht zwei, sondern nur in der Getrenntheit als zweiter existiert. Darum ist auch dieser Zustand etwas Unbegreifliches. Denn wie soll man dem Andern das Angeschaute als etwas Verschiedenes verständlich machen, da es, als man es anschaute, nicht verschieden, sondern mit dem Subjekt identisch war.[826] – Insofern nun die Seele in inniger Vereinigung das Eine angeschaut hat, trägt sie selbst das Bild des Einen in sich, wenn sie wieder zu sich selbst kommt. Sie war aber auch selbst das Eine und fand nicht die geringste Differenz in Beziehung auf sich und andere Dinge. Denn in ihr war keine Bewegung, kein Gefühl, keine Begierde nach etwas anderem, indem sie in diesem Zustand der Erhöhung war, auch kein Denken und kein Begreifen. Sie war nicht mehr sie selbst, wenn man so sagen darf, sondern aus sich gerissen, entzückt, in einem bewegungslosen Zustande, in ihrem eigenen Wesen ruhend, zu nichts sich hinneigend, sondern völlig ruhend und gleichsam die Ruhe selbst; nicht mehr selbst etwas von dem Schönen, sondern das Schöne schon übersteigend, auch schon über die Fülle der Tugenden hinaus, sowie einer, der in das Allerheiligste eingegangen und die Statuen des Tempels hinter sich gelassen hat, welche dann, wenn er wieder herauskommt, die ersten Anschauungen sind, die sich in ihm wiederum darstellen. Dieses sind der Ordnung nach die zweiten Anschauungen nach der ersten innigen Anschauung und Vereinigung, deren Gegenstand kein Bild ist. Doch vielleicht ist dieses nicht einmal Anschauung, sondern eine andere Art des Sehens, ein Heraustreten aus sich selbst, eine Vereinfachung und Erhöhung seiner selbst, ein Ringen nach Berührung und Ruhe. Indem aber die Seele aus sich selbst herausgeht, geht sie nicht etwa in das Nichtreale; aber in der entgegengesetzten Richtung kommt sie nicht in etwas anderes, sondern in sich selbst, und ist nur in sich selbst; sie ist gewissermaßen nicht mehr Wesenheit, sondern noch über die Wesenheit erhaben.[827]
Dies sind – soweit sie sich aus den ziemlich zusammenhanglosen Enneaden zusammenstellen lassen – die Grundzüge von Plotins Philosophie. Im nächsten Kapitel werden wir uns zu den späteren Neuplatonikern wenden, deren Leben sowie deren Lehren und Beobachtungen vom höchsten Interesse sind angesichts der neuerdings wiederum begonnenen Erforschung des übersinnlichen Seelenlebens.
Zweites Kapitel. Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.
Der bedeutendste unter den Schülern des Plotin war der im Jahre 233 n. Chr. zu Batanea in Syrien geborene Malchus Porphyrius, welcher bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre in der Rhetorik, Grammatik und neuplatonischen Philosophie von Longinus unterrichtet wurde. Als er 263 nach Rom kam, begann er mit Plotin einen Streit über die Ideeenlehre des Plato, wurde aber von Plotins Schüler Amelios widerlegt und zu einem der eifrigsten Anhänger seines früheren Gegners gemacht. Nachdem Porphyrius sechs Jahre als Schüler Plotins zu Rom gelebt hatte, ging er, weil ein Anfall tiefer Melancholie einen Ortswechsel für ihn wünschenswert machte, nach Sizilien, wo er bis zu dem 270 erfolgten Tode des Plotins blieb. Hierauf kehrte er nach Rom zurück und verweilte daselbst bis zu seinem Ende im Jahre 304 n. Chr.
Das äußere Leben Porphyrius verlief noch ereignisloser als das des Plotin; er rühmt sich auch, nur ein einziges Mal im 68. Lebensjahre der Vereinigung mit Gott gewürdigt worden zu sein, während seinem Lehrer diese glückliche Ekstase (welche wir uns ähnlich wie die der Yogis und Fakire zu denken haben) viermal widerfahren sei.[828]
Schriftstellerisch wirkte Porphyrius durch die Herausgabe der plotinischen Enneaden; durch eine kurze Aufstellung der Hauptlehrsätze der neuplatonischen Schule, seine Sentenzen; durch seine bekannte Schrift über die Enthaltung vom Tierfleisch; endlich durch seine Biographie des Plotin und den berühmten Brief an den Priester Anebo.
Das Hauptbestreben des Porphyrius ist der sittlichen Übung zugekehrt, welche uns von den leidenden Stimmungen der Seele befreien soll; diese betrachtet er als die schrecklichsten und gottlosesten Tyrannen, von welchen wir uns selbst mit Verlust unseres ganzen Körpers losmachen sollen. Mithin ist auch bei Porphyrius die Askese der Weg zur Vollendung der höchsten menschlichen Aufgabe. Er sagt darüber[829]: Die eingekörperte Seele ist einem Reisenden ähnlich, der sich lange unter fremden Völkern aufgehalten und nicht nur seine vaterländischen Sitten verlernt, sondern auch ausländische angenommen hat. Wenn dieser in seine Heimat zurückkehren und von seinen Freunden und Verwandten gütig aufgenommen werden will, so bemüht er sich, alles Fremde, welches sich ihm während seiner Entfernung angehängt hat, abzulegen, um seine ehemalige Art zu denken und zu leben wieder zu erhalten. Auf eben diese Weise muß die in den Körper verbannte Seele, wenn sie sich zu ihrem himmlischen Vaterland erheben will, alles ausziehen, was sie von sterblicher Natur an sich genommen hat und was die Ursache ihrer Verweisung oder ihres Herabsinkens in die Materie geworden ist. Sie muß sich bemühen, nicht nur die äußere gröbere Decke, sondern auch die innern Hüllen, in welche sie gekleidet ist[830], allmählich auszutrocknen und abzuwerfen, damit sie leicht und gleichsam nackt in die ewige Wohnung der Seligkeit eingehen kann.
Es giebt zwei giftige Zauberquellen, aus welchen der Mensch eine gänzliche Vergessenheit seines ehemaligen und gegenwärtigen Zustandes und seiner wahren Bestimmung trinkt, nämlich sinnlicher Schmerz und sinnliche Lust. Durch beide, vorzüglich aber durch letztere und die aus ihnen entspringenden Begierden und Leidenschaften, wird die Seele gleichsam verkörpert und wie durch eben so viele Hefte oder Nägel an den Leib geschmiedet; auch das aus der Luft gewebte Vehikel der Seele wird durch sie gemästet und schwerer gemacht. Man muß daher alles vermeiden, wodurch Sinnlichkeit gereizt wird, weil da, wo Sinnlichkeit herrscht, die lautere Vernunft und der reine Verstand absterben. Man muß also nie zum bloßen Vergnügen, sondern nur zur äußersten Notdurft essen und trinken, weil überflüssige und besonders tierische Nahrung die Seele fester an die Materie bindet und von der Gottheit wie den göttlichen Dingen abzieht. – Als ein Priester der Gottheit suche sich der Weise in ihrem großen Tempel, der Welt, vor aller Befleckung zu bewahren und vergehe sich nie so weit, daß er, der sich so oft dem Vater des Lebens naht, selbst ein Grab toter Körper werde. Er friste daher sein leibliches Leben allein durch den Genuß der reinen Geschenke, welche ihm die mütterliche Erde darbietet. Noch ähnlicher würden wir Gott werden, wenn wir auch die Pflanzen schonen könnten und ihrer Nahrung nicht bedürften.
Ebenso wie vor dem Fleisch scheuten sich die Neuplatoniker vor dem Wein und vor dem Geschlechtsgenuß, weshalb auch die meisten unvermählt blieben. Nur Porphyrius hatte zu Rom eine gewisse Marcella, die Witwe eines seiner Freunde geheiratet, aber wie sein Biograph Eunapius bemerkt, „nicht um seines eigenen Vergnügens willen, oder um Kinder zu zeugen, sondern um den Kindern seines verstorbenen Freundes eine anständige Erziehung zu geben“. Daß derartige, wenn auch ursprünglich edeln Motiven entstammende, so doch alle Lebensverhältnisse auf den Kopf stellende Bestrebungen im lebenslustigen klassischen Altertum nicht viel Freunde fanden, liegt auf der Hand; daß aber eine solche Hyperaskese ebenso wie das der gleichen Zeit entstammende christliche Mönchswesen überhaupt Boden fassen konnte, ist psychologisch nur als Reaktion gegen den wüsten Taumel der Kaiserzeit zu erklären.
In den Sentenzen, worin Porphyrius die Lehre seiner Schule zusammenfaßt, hebt er ganz besonders den Unterschied zwischen dem Unkörperlichen und Körperlichen hervor. Das Unkörperliche beherrscht das Körperliche und ist daher, obgleich nicht im Raum, so doch seiner Kraft nach überall gegenwärtig; das körperliche Sein kann dasselbe nicht hindern, den Körpern gegenwärtig zu sein, welchen es will. Daher hat auch die Seele das Vermögen, überallhin ihre Kraft auszustrecken; sie ist von unendlicher Kraft, und ein jeder Teil derselben, wenn er von Vermischung mit der Materie rein ist, vermag alles und ist überall gegenwärtig. – Die Dinge wirken nicht nur durch Berührung in der Nähe, sondern auch in der Entfernung, sofern sie eine Seele haben, welche als Unkörperliches vom Körper nicht eingeschlossen sein kann wie das Wild vom Tiergarten oder eine Flüssigkeit von einem Schlauche. – Wegen der wesentlichen Einheit und Identität mit dem höchsten kann die Seele durch ihre ins Unendliche gehende Thätigkeit alles bewirken, alles erfinden. Daher vermag selbst eine individuelle Seele alles, wenn sie vom Körper gereinigt wird.[831]
Porphyrius blieb wie Plotin noch bei der Entgegensetzung des Körpers und der Seele stehen, und kam daher auch nicht dazu, über die Möglichkeit eines Astralleibes eingehendere Spekulationen anzustellen. Berücksichtigen wir aber die beiden obigen Stellen und bedenken wir auch, daß Porphyrius von einem πνευμα oder Luftkörper spricht, an welchen die Seele der Dämonen gebunden ist, so wird es wahrscheinlich, daß auch ihm schon die Idee eines Astralleibes dunkel vorschwebte, die dann von den spätern Neuplatonikern weiter ausgebildet wurde.
Seine Dämonologie entwickelt Porphyrius in seiner Schrift De Abstinentia.[832] Er teilt die Dämonen in menschenfreundliche, gute, und menschenfeindliche, böse. Beide sind mit einem feinen geistigen aber veränderlichen und vergänglichen Körper bekleidet und unterscheiden sich noch dadurch, daß die guten Dämonen stets Meister ihres Körpers bleiben, während die bösen von ihm beherrscht werden. Erstere sind als die Beschützer von Menschen, Tieren und Gewächsen, als Regierer der Jahreszeiten, die Lehrer nützlicher Künste und Beschäftigungen, als Verkünder der Zukunft und Geber aller irdischen Güter zu verehren; die letzteren hingegen sind die Ursache aller Unfälle, welche den Menschen und Tieren begegnen. Sie verursachen Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen, Hungersnot und suchen die Menschen zu überreden, daß alle diese Übel von den guten aber erzürnten Göttern herrühren. Sie entzünden im Menschen alle unmäßigen gehässigen Begierden und Leidenschaften, reizen ihn zu Ausschweifungen, Aufruhr und Krieg und verführen ihn zu Tieropfern, von deren fetten Dämpfen sie sich mästen. Darum muß sich auch ein weiser Mann vor dem Schlachten und Opfern empfindender Geschöpfe hüten, damit er nicht böse Dämonen herbeilocke und an sich ziehe.
Bei der Betrachtung dieser in kurzen Zügen dargestellten Dämonologie würde man versucht sein zu glauben, daß Porphyrius ein jedes ins Gebiet des Transscendentalen gehörende Phänomen für eine Äußerung der Thätigkeit guter oder böser Dämonen ansähe; und doch regt er mit einer schon von Jamblichus gerügten Inkonsequenz in seinem Brief an Anebo Spekulationen ganz entgegengesetzter Art an und sucht – wovon wir schon oben einen Beweis hatten – die Ursache aller „mystischen“ Erscheinungen in einer fernwirkenden und fernsehenden Kraft der Seele. Der Brief an Anebo kann als erster schüchterner Versuch einer Psychophysik gelten.[833]
Porphyrius richtet diesen Brief an den Phthapriester Anebo, und verlangt von diesem Auskunft über eine große Menge zweifelhafter, die griechische Theologie betreffender Fragen, welche in der Mehrzahl nur noch historisches Interesse besitzen und Teilnahme für die kühne Skepsis des Verfassers erregen. Vor allen Dingen erregt dem Porphyrius die Behauptung Bedenken, daß sich die mächtigen Götter und Dämonen durch Magie zwingen lassen sollten, den Menschen zu manchmal recht nichtigen und sündigen Diensten zu stehen. Er sagt: „Mich bringt vorzüglich das in Verlegenheit, wie die Götter und Geister, welche als mächtigere Wesen herbeigerufen werden, sich doch wie schwächere befehlen lassen. – Sind die Götter von allen Leiden frei, so sind ihre Anrufungen, Beschwörungen &c. eitel und vergebens; noch mehr aber die theurgischen Mittel, durch die man sie zwingt. Was keinem Leiden (Affiziertwerden) unterworfen ist, kann auch nicht gezwungen werden. Wie vieles geschieht nun nicht in den theurgischen Zeremonien, was die Götter und Dämonen als leidend darstellt?“
Am wichtigsten sind die Auslassungen des Porphyrius über die Divination, welche ihm – ganz im Gegensatz zu seinem Zeitalter – durchaus keine Thätigkeitsäußerung der Götter und Dämonen, sondern des Menschengeistes zu sein scheint. „Das räumliche und zeitliche Fernsehen, Mantik, kann aus ganz natürlichen Ursachen geschehen, denn weil die ganze Natur in Wechselwirkung steht, so braucht nur der innere Funke geweckt zu werden, um die Teile den Ganzen zu überschauen. Dies ist eine natürliche Eigenschaft des Menschen, welche sich unter gewissen Umständen entwickelt.“
„Was geschieht in der Mantik? Oft stellen wir uns im Schlafe durch Träume das Künftige vor, ohne daß wir in einer Ekstase sind, denn der Körper liegt ruhig; aber gleichwohl begreifen wir das Künftige nicht so wie im wachen Zustande.“
„Viele sehen das Künftige durch Begeisterung und göttliche Eingebung voraus; sie wachen zwar, und ihre Sinne sind thätig, aber sie begreifen sich selbst nicht oder wenigstens nicht so wie in einem wachen Zustande.“ (Ekstase.)
„Von denen, welche außer sich sind, werden einige begeistert, wenn sie Zymbeln, Pauken oder gewisse Lieder hören, wie die Korybanten, die in die Mysterien des Bacchus Sabazius und der Göttermutter Eingeweihten; andere, wenn sie ein gewisses Wasser trinken, wie die Priester des Apollo Klarius zu Kolophon; andere, wenn sie über den Öffnungen gewisser Höhlen sitzen, wie die delphischen Priesterinnen; andere durch die Dünste, welche aus dem Wasser aufsteigen, wie die Priesterinnen des Branchidischen Orakels; andere, wenn sie auf Charakteren stehen, wie diejenigen, welche Eingebungen erhalten. Andere sind ihrer selbst im übrigen bewußt, aber ihre Phantasie ist begeistert, wobei bald die Finsternis, bald gewisse Getränke, bald gewisse Wortformeln und Umstände mitwirken. Einige werden an einem verschlossenen, andere an einem freien oder von der Sonne beschienenen Ort begeistert. Einige verschaffen sich durch die Eingeweide der Opfertiere, andere durch Vögel, andere durch die Kenntnis des Himmels den Blick in die Zukunft.“
„Ich frage also: wie und wodurch wird die Mantik bewirkt? Alle Wahrsager[834] behaupten, ein Vorherwissen des Künftigen sei uns durch Götter oder Dämonen möglich, und es könne kein Wesen das Künftige wissen, wenn es nicht Urheber desselben sei. Dann wundert mich aber, wie sich die göttliche Natur zum Dienst der Menschen herablassen kann, daß es auch Wahrsager durch das Mehl giebt?“
„In Rücksicht auf die Ursachen der Mantik ist es ein Problem, ob Gott oder ein Engel[835] oder Dämon oder wer sonst bei den Erscheinungen, Wahrsagungen und allen religiösen Handlungen gegenwärtig ist, durch uns selbst, durch die zwingende Kraft der Anrufungen oder des Citierens herbeigezogen wird.“
„Ist es nicht vielleicht die Seele, welche dieses voraussagt und sich vorstellt, wie einige sagen, so daß es Veränderungen der Seele sind, welche durch kleine Funken erweckt werden?“
„Vielleicht ist die Wahrsagung ein gemischter Vorgang, welcher zum Teil durch unsere Seele, zum Teil von außen durch Eingebung bestimmt ist.“
„Ob nicht die Seele durch solche Bewegungen und Funken das Vermögen, das Künftige sich vorzustellen, in sich erzeugt? Ob nicht das aus der Materie, vorzüglich der Tierwelt, in uns Aufgenommene durch seine inneren Kräfte Dämonengebilde darstellt und konstituiert?“
„Daß ein gewisser Zustand der Seele Ursache der Mantik ist, erhellt daraus, daß die Sinne gebunden und unterdrückt sind, daß gewisse Dünste und Dämpfe und die Citationsformeln gebraucht werden, daß nicht alle Menschen, sondern nur zartere und jüngere zur Mantik am tauglichsten sind.“
„Daß eine gewisse Verrückung des Verstandes die Ursache der Mantik ist, beweist der Wahnsinn und die Verrücktheit in Krankheiten, das Fasten, die durch Ergießung gewisser Säfte im Körper oder durch krankhafte Bewegungen des Körpers entstandenen Einbildungen. Der Mittelzustand beweist es, wo man nicht recht bei sich und auch nicht recht außer sich ist, endlich die durch Magie künstlich hervorgebrachten Vorstellungen.“[836]
„Die Natur, die Kunst, die natürliche Verbindung der Teile des Universum, daß sie gleichsam ein großes Tier ausmachen, bietet gewisse Vorhersagungen künftiger Begebenheiten und ihrer Folge dar. Es giebt Körper, welche so beschaffen sind, daß der eine die Vorstellung einer künftigen auf einen andern Körper sich beziehenden Begebenheit erweckt.“
Dies ist der Inhalt des Briefes an Anebo, soweit er für uns von Wichtigkeit ist. Im folgenden verbreitet sich der Verfasser über jetzt unwesentliche mythologisch-theurgische Spitzfindigkeiten, deren Wiederholung zwecklos wäre; jedoch wollen wir nicht unterlassen zu erwähnen, daß die Neuplatoniker, wie die Spiritisten von der strikten Observanz, Esprits menteurs kannten, wie folgende Stelle des anebontischen Briefes beweist: „Einige behaupten, außer uns sei eine Gattung von Wesen, welche unsere Wünsche erhören und von betrüglicher Natur sind, alle Gestalten und Formen annehmen, die Rolle der Götter, Dämonen und abgeschiedener Seelen spielen und dadurch alle scheinbaren Güter und Übel hervorbringen können.“
Diese Lehre griff auch Jamblichus auf und bildete sie in seinem berühmten Werk De mysteriis Aegyptiorum weiter aus.
Vom äußeren Leben des Jamblichus wissen wir trotz der ziemlich ausführlichen Biographie des Eunapius sehr wenig und zwar nur, daß er aus Chalkis in Cölesyrien gebürtig war, im Orient viele Schüler um sich versammelte und im Jahre 333 starb. Er stand bei seinen Zeitgenossen, welche ihn nur den „göttlichen“ nennen, wegen seiner Wunder in hohen Ehren. So soll er beim Beten nach der Erzählung des Eunapius sich über zehn Ellen hoch in die Luft erhoben haben, wobei er in einem goldfarbenen Lichte erglänzte. In den heißen Bädern zu Gadara soll er vor den Augen seiner Schüler aus Wasserdampf die Knabengestalten des Eros und Anteros haben entstehen lassen, welche sich dann an ihn, wie an ihren Vater schmiegten und wieder zerflossen. (Wenn diese Erzählung einen historischen Hintergrund hat, was sich wegen Mangels genauerer Nachrichten nicht entscheiden läßt, so hätten wir in ihr vielleicht „Materialisation“ zu sehen.)[837] Endlich aber soll Jamblichus fernsehend gewesen sein und seinen Schülern, als er an einem Sommerabend mit ihnen nach der Stadt zurückkehrte, (nach welcher sagt Eunapius nicht) gesagt haben, daß der Weg durch eine auf demselben zu Grabe getragene Leiche verunreinigt worden sei, was sich nachher bestätigte. – Das ist alles, was man vom Leben Jamblichus weiß.[838]
In seiner Schrift De mysteriis Aegyptiorum sucht derselbe alle von Porphyrius im Briefe an Anebo gestellten Fragen im Namen des Priesters Abammon zu beantworten. Er verteidigt alle Gebräuche der Magie im allgemeinen wie der Theurgie im besonderen als Mittel zu der über allen Verstand gehenden Anschauung des Höchsten, und läßt die ganze ägyptisch-griechisch-römisch-hebräische Götter-, Dämonen- und Engelwelt vor unsern erstaunten Augen Revue passieren.
Wenn Porphyrius behauptete, die Götter würden durch den Gehorsam gegen die magische Einwirkung des Theurgen in einen leidenden Zustand versetzt, so macht ihm Jamblichus den Vorwurf, daß er dabei einen Unterschied zwischen dem Leidenden und dem Leidenlosen mache, welcher auf die höhern Wesen nicht passe. Die Lehre von der mystisch-theurgischen Vereinigung mit dem absolut Guten dehnt er so aus, daß daraus auch die „Henosis“ mit allen höhern Wesen folgt, für deren Dasein kein Beweis erbracht zu werden brauche, weil wir dasselbe eben unmittelbar durch die Vereinigung erfahren.[839] Die Götter sind nicht nur im Himmel, sondern überall, teilen sich also auch dem Theurgen mit und belehren ihn über ihr Wesen und ihre Verehrung. Auf diese göttliche Mitteilung, welche Hermes den Priestern machte, werden alle Mysterien mit ihrer geheimen Bedeutung zurückgeführt.[840] Darauf beruht auch der heilige Enthusiasmus, in welchem der Mensch nicht mehr das tierische, nicht mehr das menschliche, sondern ein höheres Dasein lebt, wie Jamblichus an Beispielen zeigt, welche beweisen, daß er die Abänderung der organischen Gesetze sehr gut kennt, welche magisch-mediumistische Zustände im Gefolge haben. Er spricht[841] von den vom „göttlichen Hauch Berührten“, welche vom Feuer weder Brandwunden noch Schmerzempfindung erleiden; welche es nicht fühlen, wenn sie durch Schwerter, Beile, Lanzen und Messer verwundet werden; die ohne Schaden zu nehmen ins Feuer fallen oder – wie der Priester bei den castabalischen Festen – auf wunderbare Weise über Flüsse schwimmen. Im (folgenden) 5. Kapitel schildert Jamblichus noch einige fein beobachtete Merkmale der Ekstase: „Einige von den Begeisterten werden am ganzen Leibe bewegt, einige an gewissen Gliedern, andere hingegen bleiben völlig in Ruhe, zuweilen vernahmen sie eine wohlgeordnete Musik, einen Tanz oder harmonischen Gesang, zuweilen das Gegenteil; zuweilen scheint ihr Körper in die Höhe zu wachsen, zuweilen in die Breite, zuweilen scheint er in der Luft zu schweben. Zuweilen vernehmen sie eine wohlklingende Stimme und wiederum durch Zwischenräume oder Stillschweigen getrennte Töne und vieles andere.“[842]