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Der Dunkelgraf

Zweiter Theil. (continued 3)

Reading edition

8. Die Gabe der Mutter.

Der Eintritt Windt’s unterbrach Leonardus im Weiterlesen, und dieser theilte nun dem redlichen Freund die Besorgnisse mit, welche Ludwig in Bezug auf seine Gesundheit aussprach, so wie die herzlichen Grüße, die der Brief an das Haus Doorwerth und dessen Bewohner enthielt. Der Graf schrieb weiter: »Wüßte ich dich, mein lieber Leonardus, in Amsterdam zu finden, oder in Doorwerth, so käme ich noch einmal dorthin, und würde mit Sehnsucht den Augenblick erwarten, der uns wieder vereinigte, um dir so recht herzlich für alle mir erzeigte brüderliche Freundschaft zu danken. Den geraden Weg von Kastle Chatsworth, einem Schloß des Herzogs von Devonshire, wo ich jetzt weile, über London nach Hamburg scheue ich; er ist mir zu lang; vielleicht ermittelst du mir einen Ruhepunkt aus, ich werde einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich äußerst freue. Möchte ich doch von dir, von Windt und auch über das Geschick meines Vetters, des Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Aristokratie Alt-Englands schätzt meinen Vetter außerordentlich hoch wegen seiner treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und dessen Söhne, die beiden Prinzen, und ich freue mich, ihn so hoch geachtet zu sehen. Wüßte ich ihn nur frei und in besseren Verhältnissen; seine Lage macht mir schweren Kummer. Unser Windt wird wissen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt lebt, und wie sie sich befindet. Mein Gedanke sucht sie bei der Großmutter in Hamburg, doch vielleicht hat das Geschick ihres Gemahls für sie einen anderen Wohnort zur Folge gehabt. Noch werden die Schlösser Varel und Kniphausen öde stehen – ich möchte wieder einmal dort sein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach – wo möchte ich nicht alle sein! Und doch habe ich keine Wünsche, die in das Schrankenlose hinausschweifen, ich glaube vielmehr, daß ein beschränktes Verweilen an einem bestimmten Ort meinem Geist besser zusagen wird, als das Umherschwärmen von Lande zu Lande. Meine Natur scheint mehr zur Abgeschlossenheit sich hinzuneigen, obschon ich die Menschen liebe und gerne recht Vielen Gutes erzeigen möchte.«

»Du glaubst nicht, lieber Leonardus, wie unruhig mich der Gedanke macht, daß ein Hinderniß für mich eintreten könnte, wieder bei euch zu sein, und wie ein Wiedersehen mit dir und Windt sich am Besten herbeiführen ließe, ohne euch zu belästigen, und mir zu viele Zeit zu rauben. Allerlei Pläne gehen mir im Kopfe herum. Der Großmutter habe ich bereits meine baldige Ankunft in Deutschland gemeldet; sie, die erfahrene Frau, wird mir am Besten rathen, was ich thun soll zur Wiederherstellung meiner Gesundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man sonst häufiger bei Frauen, als bei Männern findet, zumal bei jungen. Unregelmäßiges starkes Geräusch ist mir sehr zuwider, üble Gerüche, überlaute Reden, Gezänk, das greift mich Alles an; regelmäßiges Geräusch, wie das Rauschen der Mühlräder, der Donner der Wasserfälle, die Klänge der Orgel, macht mir eher Vergnügen; hoffentlich wird die Ueberreiztheit, die mein Wesen oft bis zu einer krankhaften Empfindlichkeit steigert, sich ja wieder heben lassen, und ihr, meine Freunde, werdet Geduld mit dem Halbkranken haben.«

»Vom Leben in England ließen sich Bücher voll Mittheilungen schreiben, darüber mündlich; über das politische Verhältniß Englands gegenüber den übrigen Mächten Europa’s ist mir hier im Lande die Gewißheit und Ueberzeugung geworden, daß es das bestregierteste Land unter der Sonne ist. Wie die tausend und abertausend noch so verwickelt zusammengesetzten Maschinen Tag um Tag, oft auch Nacht für Nacht ihren geregelten Gang gehen, so das große Getriebe der Staatsmaschine. England ist die einzige Macht, die in ihren Grundsätzen fest und unerschütterlich beharrt. Im Lande nimmt Niemand wahr, daß England Kriege führt, da geht stets Alles seinen ruhig geregelten Gang. Nur die Theurung ist fühlbar, freilich zuletzt auch mehr für den an hohe Preise für alle Bedürfnisse nicht gewöhnten Ausländer, als für den Inländer, der es nicht anders weiß, und dessen Einnahmen zu dieser Theuerung im geeigneten Verhältniß stehen. Manche Unannehmlichkeit drängt sich dem Ausländer, zumal dem Deutschen, auf, dennoch verlasse ich England mit hoher Achtung vor seinem Staatsleben, seinem Volke und seiner Betriebsamkeit. Die Vervollkommnung der Dampfmaschinen ist in einem riesenhaften Fortschritte begriffen; denke dir, man trägt sich jetzt mit der Idee, auch Schiffe zu bauen, welche, statt durch Segel und Ruder, blos durch Dampf getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles übertreffen und das Unglaubliche leisten sollen. Es wird damit wohl so schnell nicht gehen, die Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber kann wissen, wohin der Fortschritt auf seinen Riesenflügeln den Geist der Erfindung trägt?«

»Lebe wohl, mein Leonardus, und schreibe mir unter der beigelegten Adresse, sobald du diese Zeilen empfangen hast.« –

Dieser Brief hätte mich lange suchen können, sprach Leonardus mit einem Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie hätten denselben nach Paris gesandt, ich komme nicht von Paris, und wäre der Brief mir von dort aus nachgesendet worden, er würde mich schwerlich gefunden haben. Was ist Ihre Ansicht, lieber Herr Windt? Was können wir thun, um dem Wunsche Ludwig’s zu entsprechen?

Erst ruhen Sie sich bei uns aus und pflegen sich, mein verehrter Herr und Freund! entgegnete Windt. Sie sind leidend, ich sehe es Ihnen an, Sie sind kränker als mein guter junger Herr Graf, der ist nur ein malade imaginaire. Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle sein! Beim Kreuz! da würde ihm das Kranksein, Siecheln und Süchteln gleich vergehen! Bin auch krank gewesen, war ganz auf dem Hund – aber die Unruhe bei Tag und Nacht hat mich wieder gesund gemacht. Wenn der junge Herr nicht tüchtige Arbeit bekommt, so weiß ich nicht, wie er das Leben ertragen will. Gottes Gnade hat mir im letzten Winter eine Gesundheit verliehen, für die ich nicht genug danken kann, nie aber brauchte ich dieselbe auch nothwendiger, doch fange ich an mich unwohl zu fühlen, mein Lebensschiff muß einmal frisch kalfatert werden – eine Erholungsreise thut mir Noth. Ich wollte nach Pyrmont, hat sich was! – Die Kaiserlichen haben mir meinen Sparpfennig abgepreßt, kann also nicht hin; auch brenne ich danach, das Geschäft meiner Gebieterin mit ihren Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich mich nicht ruhig niederlegen, ich bin nun einmal so. Wir wollen miteinander nach Amsterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf Ludwig auch kommen, der Erbherr sitzt nicht mehr in Woerden, sondern ist nach Muiden gebracht worden. Mir ist noch gar nicht wohl bei der Sache; die Untersuchung wird streng geführt, der Rathspensionär van der Spiegel, der tapfere Admiral van Kinsbergen und unser Erbherr sind Leidensgenossen, und wir haben Terroristen im Rathe der Generalstaaten sitzen. Ich habe Nachricht, daß die Gefangenen entweder nach Amsterdam oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darüber bald Entscheidung verschaffen, nur kann ich hier nicht gut abkommen, so lange noch französische Einquartierung hier liegt, denn es ist in der ganzen Herrlichkeit kein Mensch, der Französisch spricht, und Niemand kommt so gut als ich mit den Franzosen zurecht.

Sie erwähnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was ist das für ein Kurort? fragte Leonardus.

Einer der besten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeister. Dieser Badeort vereinigt Stahl- und Soolquellen, die Ersteren übertreffen alle Stahlbrunnen Deutschlands, das wäre auch gut für unseren jungen Freund, Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenstärkend und belebend, er verjüngt, deshalb wollte ich hin, und Sie sehen mir gerade darnach aus, als ob Pyrmonts Quellen auch Ihnen Stärkung und Genesung wieder geben könnten!

Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiseplan, und als sie ihn gefaßt hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte, gegen die Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er Einen von ihnen oder Beide, und im schlimmsten Fall, bei Verhinderung wider alles Verhoffen, wenigstens Briefe vorfinden.

Es war ein schmerzliches Scheiden zwischen Mutter und Sohn. Georgine fühlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die Nothwendigkeit, daß ihr Geheimniß verschleiert, ja begraben bleibe, sie konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei sich behalten, sie mußte ihn von sich lassen, mußte den bitteren Kampf kämpfen und ihr Mutterherz stark machen. Sie sprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte verschwiegene Stunde nahte, in welcher Mutter und Sohn noch einmal weinend ihre theuersten Gefühle aussprachen.

Zuletzt sagte die schöne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine Entschädigung schuldig, mein Sohn, dafür, daß du die Mutter in der schönsten Zeit entbehren mußtest, in der dem Kinde der Besitz einer geliebten Mutter ja Alles ist, und das ist eine Schuld, die ich niemals ganz abtragen kann; aber Etwas mußte ich doch für dich thun, es war meine heilige Pflicht. Deine Großmutter liebt dich innigst, und gewiß, ihr lebhaftester Wunsch ist, dich einst reich und glücklich zu wissen; wohl möchte sie dir Etwas von deines Vaters Erbe zuwenden, aber sie kann und darf es nicht, wenn sie nicht durch offenes Aussprechen unseres Geheimnisses mich blosstellen und dich dem Hasse deiner Verwandten offen Preis geben will. Dein Bruder, der Vice-Admiral, der es nie erfahren möge, daß du sein Bruder bist, ist ein braver Mann, aber nicht frei von Eigennutz, auch hat er zunächst Verpflichtungen gegen die Seinigen; er würde dir bitter zürnen, wolltest du Ansprüche an ihn erheben, zu denen dir kaum ein Recht zusteht, da es das Unglück so gefügt hat, daß dein theurer Vater vor unserer Vermählung mit Tode abging. Du wirst William noch näher kennen lernen, er ist minder edel, als der Erbherr. Des Kaufes von Doorwerth entschlage dich und warne deinen Freund, nicht die Halmen seines Vermögens in das Schuldenmeer deines Vetters zu schleudern, die den Sinkenden doch nicht oben schwimmend erhalten können; übernimm nicht die schwere Bürde der Bürgschaft für Andere gegenüber deinem redlichen Freund, damit du es nicht bist, der ihn um das Seine bringt, damit nicht aus Freundschaft Feindschaft entstehe. Was die Großmutter noch für dich thun kann, wird sie thun, ich aber bezweifle, daß es Viel sein wird, sie hat schon gar zu viele Schenkungen gemacht, welche ihre dereinstige Hinterlassenschaft bedeutend schmälern und wegen deren es an langwierigen Processen nicht fehlen wird, die sich über ihrem Grabe so endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe der Herbstspinnen auf einem Stoppelfelde. Dich glaubte sie recht glücklich zu machen, sie dachte dir die Nutznießung der Tremouille’schen Renten zu. Die gute Großmutter! – Sie konnte die Revolution nicht ahnen, sträubte sie sich doch mit aller Starrheit, an dieselbe nur zu glauben, wie sie schon da war, sonst hätte sie wohl früher einsehen lernen können, daß jenes ganze große Kapital sammt allen Zinsen unwiederbringlich verloren ist. Doch ich will nicht, daß mein Sohn, der Sohn meiner ersten flammendsten Liebe und unendlicher Schmerzen, leer und blos in die Welt hinaus gestoßen werde, ich habe gethan, was ich thun konnte und was ich thun mußte. Empfange, mein Ludwig, dieses Patent, das mir der König auf meine Bitten bewilligt, denn ich darf mit Stolz sagen, König Georg der Dritte von Großbritannien ist mein Freund, seine Gemahlin, die Königin Sophie Charlotte, die den Vornamen deiner Großmutter trägt, ist meine Freundin, dieses Patent erhebt dich in die Baronetage von England und ertheilt dir historisch den Ritterschlag mit dem Zurufe: »Rise Sir!« Stehe auf, Herr! – Diese Documente bestätigen dich in dem Besitz der Baronie Versay, deren Ertrag deine Zukunft sichert, und ich habe alle Verfügungen bereits getroffen, daß diese Renten dir sicherer und gewisser zugehen, als jene leider verlorenen des edeln Hauses de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Besitzthum, und geht auf deine rechtmäßigen Erben über; bliebest du hingegen ohne Erben, so fällt ihr Besitz zurück an die Meinen. Es steht dir frei, wo du auch weilest, dich Graf von Varel oder Baron von Versay zu nennen; das gilt von jetzt an ganz gleich, du kannst auch beide Namen vereinigen. Es steht dir ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden. Das Weib deiner Liebe wird deine rechtmäßige Gemahlin, sei sie aus hohem, sei sie aus geringem Stande, nicht ein Fürst braucht sie zu adeln, du wirst es sein, der sie erhebt, wenn sie nicht aus adeliger Familie ist. Frauen bedürfen in Albion keiner namhaften Ahnen, weil – fügte Georgine lächelnd hinzu: der Stammbaum einer jeden in den Himmel hineinreicht.

Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Fülle von Güte und Liebe überschütten Sie mich! Wie zeigt Ihr großes Herz mir den Himmel offen, aus dem Sie abstammen, ach, nur einen seligen Augenblick, da sich mir dieser Himmel so schnell und wohl auf immer verschließt.

O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum so düstere Gedanken? entgegnete Georgine, fest des scheidenden Lieblings Hände in den ihrigen haltend. Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Einst komme ich, und finde dich glücklich an der Seite eines treuen deutschen Weibes, und sonne mich an deinem Glücke – dann wohnst du still und waltest in ruhiger selbsterwählter Thätigkeit an einem Orte, wo mich Niemand umspäht, wo ich Mutter sein darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung ahnet, wer eigentlich die alte Frau ist, die dich besucht und eine Zeitlang bei dir weilt.

Ludwig knieete zu den Füßen seiner schönen Mutter nieder; die herrliche Gestalt beugte sich über ihn, küßte und segnete ihn, und da er, von Schmerz fast gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob sie ihn mit kräftigen Armen und rief: Rise, Sir! Erhebe dich, Mann! umschlang ihn noch einmal mit aller Flammenglut ihres Herzens, küßte ihn noch einmal und noch einmal, dann enteilte sie und sah ihn nicht wieder. –

Leonardus hatte sich im Hause der Freunde erholt; es kamen schöne Tage, und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Stürmen, die über Doorwerth dahin gebraust waren, obschon diese Ruhe freilich noch immer keine dauernde war.

Windt und Leonardus nahmen für eine Zeitlang herzlichen Abschied von der braven Hausfrau und traten ihre Reise an. Das Land jubelte, aller Orten wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede.

Lieber Gott! sprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht, als die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geschlängelten Laufe des schmalen »krummen Rheins« folgten, durch reizende Fluren, durch die der wahrhaft mäanderische Fluß sich schlängelnd wand, vorüber an den herrlichsten Lustschlössern, Gärten und Parken, in denen die niederländische Gartenkunst ihre höchsten Triumphe feierte und die des Krieges rauhe zerstörende Hand zum Glück unberührt gelassen hatte – lieber Gott, wie die Leute über den Frieden jubeln! Wie lange wird er denn dauern? Ungleich vernünftiger wäre es, keinen Krieg zu beginnen und der Länder und der Völker Loose nicht auf ein maßlos ungerechtes Spiel zu setzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des Krieges sich die Länder verbluten? Seuchen reißen ein, die Menschen sterben wie die Mücken; fünfundzwanzigtausend fremde Hungerleider müssen wir täglich sättigen; Doorwerth muß doppelte Schatzung zahlen, als wenn es nicht schon doppelt und dreifach und zehnfach geschätzt worden wäre!

In Utrecht ließ es sich der wackere Mann gleich nach der Ankunft angelegen sein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des Erbherrn zu erfahren. Er begab sich, während Leonardus im Gasthaus zurückblieb, zunächst in das Haus, das der Graf Johann bewohnte. Es kam ihm ein flottes Bürschchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mütze mit der dreifarbigen Cocarde der Republik, nöthigte ihn in das Zimmer und fragte höflich: Was wünschen Sie, Bürger? Wünschen Sie Wein oder Liqueur, Curaçao, Extrait d’Absynthe, Eau de Genever?

Windt sah den Mann groß an, ob das Gastfreundschaft sein sollte, oder ob er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er sah sich in dem Saale um, da stand noch das Prachtmobiliar, das einst auf seine Bestellung in Hamburg gefertigt und dem Enkel bei dessen Verheirathung von der Großmutter zur Aussteuer gesendet worden war; auf dem schönsten Sammt-Polsterstuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfänger, mit einem so ächt confiscirten Gesicht, als nur irgend ein Rattenfänger haben kann, und knurrte den Gast, in welchem er den Aristokraten sogleich herauswitterte, grimmig an.

Nicht das Eine, nicht das Andere wünsche ich, Bürger, erwiederte Windt: ich wünsche den Hausherrn zu sprechen.

O, die nicht sein hier – gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden sein hier, ich nicht werden sein hier, il est emigrée – sie sind gegangen fort. Ich aben die Err su sein un Vivantier, si voulez vous de vin, ou si voulez vous des liqueures. Von die slecht emigrées weißen ik nix.«

Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll französischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden.

Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen verändertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die Mühen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflüsse der Witterung und suchte die Besorgniß seiner Mutter soviel als möglich zu zerstreuen. Windt besorgte alle seine Geschäfte in Amsterdam, ging nach der vormaligen Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er zum Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus binnen vier Tagen habe geräumt werden müssen, daß man das Mobiliar des Erbherrn gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts wisse.

Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal der tausend Säulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man fleißig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und über die Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie überall, nämlich so, daß die Weltgeschicke sich nachträglich ganz anders gestalteten, wie die politischen Kannegießer sie prophezeiten.

Windt hatte ein niederländisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte die Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt!

Was gibt es, was haben Sie? fragte gespannt Leonardus.

Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles verrathen! Da muß der Donner hineinfahren!

Darf ich nicht erfahren –? fragte Leonardus.

Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den Plan verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt’ ich ihm umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte Jener, und flüsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte darum, auch Fluit wußte darum; dieser befehligt jetzt, weil England den holländischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des Erbherrn, die schöne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen, Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild, andere Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor Muiden in der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht entkam, aber ohne die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um ihnen das Entwischen schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein gottverdammter Schwätzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus, ehe sie erfolgt war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese Anzeige, die das Uebel nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch strenger macht, und auf’s Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schärft. Da lesen Sie!

Leonardus nahm das Blatt und las:

»Bericht an das Publikum.«

»Da wir es als eine unserer ersten und vornehmsten Pflichten betrachten, der Wahrheit so viel als möglich zu huldigen und einer offenbaren und ehrlosen Lügenmäre mit aller Verachtung, welche dieselbe verdient, zu begegnen, so können wir nicht anders als höchst entrüstet über den Inhalt eines gewissen Schandlibells sein, das man ohnlängst verbreitet hat, und worin gesagt wird, »daß auf die Vorstellung des französischen Gesandten der Ex-Rathspensionär van der Spiegel und der van Rhoon, Ex-Oberamtmann von dem Haag, für unschuldig erklärt wären, ihre Freiheit wieder erhalten hätten und mit einer Jacht aus ihrem Gefängniß zu Woerden oder Muiden abgeholt worden seien«. Wir sind von hoher Hand unterrichtet, und vollkommen versichert, daß diese Zeitung von allem Scheine der Wahrheit entblößt ist, ihren Ursprung nicht verläugnen kann, und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes schroff hervortretenden gewinnsüchtigen Absichten aufzuopfern und die schnödeste Arglist ins Werk zu stellen, um den besseren Theil der Nation irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemüthern hervorzurufen, und Mißtrauen im Busen gegen ländliche und städtische constituirte Mächte und deren Verhalten zu wecken. Es ist hohe Zeit, solcher Menschen Handlungen öffentlich aufzudecken, und mit den schwärzesten Farben sie zu schildern, da sie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr anzufachen, die gute Ordnung umzustoßen, die Gesetze kraftlos zu machen und sich, in Mitten der Parteien und der Empörung, über die sie sich heimlich erfreuen, die verkehrte Begeisterung einer verblendeten Menge zu Nutzen zu machen, um ihren ehrlosen Zweck zu erreichen und ihre eigene Größe auf den Steinhaufen einer zertrümmerten Republik zu befestigen.«[12]

Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine Zeitungstirade von einem holländischen enragirten Parteimann, und darüber können Sie sich ärgern? Was hätten diese Mannekins, wenn sie nicht fort und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen absetzen könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und ganz Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris lieber geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel und Hagelschlag, daß es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch wieder gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieses Kerlchen von einem Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich entkommen wären, da es jetzt schon bei der bloßen falschen Nachricht solch ein Geschrei erhebt?

Das ist’s nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt verstimmt; sondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht spreche, weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln wird.

In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch an demselben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem Haag abgeführt worden seien, und schon der folgende Morgen fand beide Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schöne und reiche Stadt ohnehin ihr Reiseziel war.

Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits angekommen und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und Leonardus ein Austausch der innigsten und zärtlichsten Gefühle, während Windt darauf gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war, sogleich Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf sein Ziel schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht, welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung, bei der Frau Gräfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer des Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in Briefen an die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn eine ziemliche Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen Schuldner so sanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu fassen und ihm das Versprechen abzunöthigen, baldigst zu zahlen. Auch Gräfin Lynden erhob große Klage darüber, daß Doorwerth so entsetzlich verwüstet sei; Windt lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame mit den Augen, und hütete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage den Herrn von der Park in seinen guten Vorsätzen wankend zu machen.

An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt’s hauptsächlichste Frage.

Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken, ward ihm zur Antwort.

Ich muß ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete Windt mit Bestimmtheit.

Versuchen Sie’s auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach Gräfin Lynden. Die Wächter sind unbestechlich.

Fällt mir auch gar nicht ein, diese braven Bürger der batavischen Republik in Versuchung zu führen, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit Geld zu Bestechungen versehen.

Ehe eine halbe Stunde verging, seit Windt vom Tische der Gräfin weg war, stand er schon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Diese Herren hatte doch noch das Bürgerregiment gelassen, obschon der Titel vielen tausend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im Auge war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem er seine Persönlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos über Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein muß, im Beisein von Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu sein, und möchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu reisen, wo dieselbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen.

Die hochmögenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissäre Bürger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müssen, eine gedruckte Erlaubnißkarte.

Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine schreckliche. Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von Oranien inne gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stückchen auf der Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu ihm eintrat, und war vor Erstaunen außer sich, als er den alten Bekannten erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anständig ausmöblirt, auf einem Tisch lagen Malergeräthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem anderen befanden sich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase köstlichen Kapweins.

Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt – scherzte der Erbherr, und winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch große Tugenden besitzt.

Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren, weil Sie nicht mehr so wie früher gleich einem Seeraben umherschweben können, aber ich sehe schon aus Allem, daß Sie guten Muthes sind, und das ist sehr viel werth, denn ein alter Lateiner soll gesagt haben: Mit gutem Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt.

Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein alter Grieche, hieß Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Großes kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und wäre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Großmutter, von meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig?

Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir holen den Grafen ab, er fühlt sich leidend und sehnt sich nach Deutschland.

Zur Großmutter, kann mir’s denken!

Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewußt ist, wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen genesen.

Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lächeln. Alles leidend – Sympathie schöner Seelen!

Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rüstigkeit ihre Tage fortzuleben, sie schreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder meine Schwester schreiben, und kapitelt mich häufig sehr ungnädig ab, während ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Güter in gutem Stande zu erhalten.

Was wird es mit Doorwerth?

Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß so oder so ein Ende nehmen; längeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Für Doorwerth muß Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene unglückliche Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden.

Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller Gemüthlichkeit die Gläser wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann bin, daß ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann. Richten Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer besten Einsicht ein. Ich habe außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er betonend und mit einem Wink auf den Aufseher hinzu. Meine Lage, die jetzt leidlich scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht unmöglich, daß ich dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz erschossen zu werden. Meine Schriften liegen sämmtlich unter Siegel; aus ihnen würde man vielleicht mildere Urtheile über mich gewinnen, allein man untersucht sie zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der National-Convent organisirt ist, und dann – nun, wie Gott will! Man wird mich als einen Mann finden!

Als einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, bestätigte tiefbewegt der Haushofmeister.

Ich muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen!

O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund schlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer deutscher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heillosen, wollte sagen, theillosen Republik. Müsset meiner Sprechart was zu Gute halten. Ich schwör es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten Respect!

So laß’ ich’s gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu verstehen, die in diesen Worten lag.

Windt drängte, was er zu sagen hatte, in geflügelte Worte zusammen; gute Wünsche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in der nächsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen könne, dorthin zu reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo die Reichsgräfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt bereits in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr ohne Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten.

Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen, abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert zu haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher Unterhaltung auf einem ihrer Zimmer.

Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzählung von Dem schuldig geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jüngst zu Doorwerth angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemüthlichen Plauderstunde für Windt und Leonardus die unvermeidlichen holländischen Thonpfeifen, und als der köstlichste Tabak das Zimmer durchduftete, begann Leonardus seine Erzählung.

9. Die Abenteuer des Leonardus.

Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege über sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich glaube jetzt, daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund Windt, mir deßhalb die Ehre nicht an, mich für einen neumodischen Philosophen zu halten, ich habe nie ein philosophisches Buch gelesen, ach, es bedarf der Bücher nicht, das Leben dictirt uns seine schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hinein. Ich stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rhein; ich war wieder Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in Amsterdam, bei dem ich mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender Compagnon, eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in kriegerischer Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr, besonders in Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen Zufuhren stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen sich die alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen; ich war daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen, und gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu können, bedeutende Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake zu einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann. Meine Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu Statten. Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den blutigsten und grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen, und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der Reaction unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es auch an den beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus. Den Rhein solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner Schönheit! Der schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist freilich dagegen nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize der Natur achten zur Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle Städte, alle Dörfer und Höfe mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz war Kriegsschauplatz geworden, die ich so ganz verändert und von Heeren überschwemmt wiedersah. Mein liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst Hand in Hand mit Angés das süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens genossen hatte, war im Spätherbst des vergangenen Jahres nach den Schlachten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen und Sachsen bei Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum Sammelplatz des geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend Mann verloren hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt, drängte es seine Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich erschien im Elternhause Angé’s in Zweibrücken, welche Stadt französische Besatzung behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé’s Unglück verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja Ihrer Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen eigenen Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so weit solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll Zärtlichkeit an ihr, und eine Fügung war’s, gewiß eine wunderbare, daß ich ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage zu werden.

Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre gleich in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine so weite Irrfahrt gemacht.

Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder Berthelmy’s Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu entgegen gefahren.

Ich will es glauben, versetzte Angé’s Mutter, und ich fragte sie nun: Wo lebt jetzt Angés?

Ich weiß es nicht!

Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht, verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu viel weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter mein ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen.

Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie mir dies zu verbergen, und fragte auf’s Neue: Was wollen Sie von Angés?

Ich komme von le Mans!

Haben Sie Berthelmy’s Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit leuchtenden Augen.

Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr; der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen aller Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden, Niemand frage danach.

Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau. Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:

Eine feste Burg ist unser Gott, Eine gute Wehr und Waffen, Der hilft uns treu aus aller Noth, Die uns jetzt hat betroffen!

Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!

Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe nicht, seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal fragen, sie und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird mein Loos gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde, ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!

Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch, das Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.

Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds.

Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und Hagenau nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr und Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte und wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich aufgenommen hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer Bretterwand, und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in französischer Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt vor; ich verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres Gespräches zu erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich selbst berühren würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher tagte es in mir, diese eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich ihren rauhen Klang gehört, und doch hatte er sich tief in meine Erinnerung eingeprägt. O ich beklagenswerther Mann, die geliebte Angés suchte ich – war ihr schon nahe – und fand – Berthelmy – und Berthelmy war es, der nahe bei mir gegen seinen Gefährten zornvoll und erbittert über Angés sprach.

Ausgemittelt hab’ ich’s endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten, wenn sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand bietet, das Netz des Verderbens um die niederträchtigen Vaterlandsfeinde, die sich hier auf deutschem Boden verborgen halten, zu schlingen, und denen sie sich dienstbar gemacht hat noch obendrein!

Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein Schüler, mußt mir gehorchen.

Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle Parteiung und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht so gewesen, wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!

Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst, auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig sein.

Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? –

Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo diese willkommen war und erwartet wurde.

Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor, daß er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen, zufällig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine Angés ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand, auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde ich von meiner angestrengten Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mußte daran gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr möglich war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen war, und der mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen und in Haft zu nehmen.

Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht nahen; ich umkreis’te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde Unterricht in Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch, und der Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl that mir diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen Fluren am Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge Deutschlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führten, stets im Auge behielt; dabei spähte ich fleißig umher, ob ich nicht etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und still. Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hause im sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; sie traten heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich schönen Sylphen, welche ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich im Tagesglanze umherzuschweben.

Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der vom Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes. Ich nahm einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als ich aus diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach dem Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere, als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy? Kennst du deinen Mann nicht mehr?

Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig: Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!

Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!

Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!

Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von allen Bergwänden des Thales zurückhallte.

Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit brechendem Blick: Leonardus! Leonardus!

Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug, daß er nieder taumelte.

In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte den lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha! das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener Hunde, die mich fingen und in’s Wasser warfen! Sollst an mich denken, Hund! – Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.

Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung Leonardus’ die Freunde aus.

Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und drückte dem Freund bewegt die Hand.

Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er dann fort:

Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich in einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern, auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber dafür war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.

An meinem Schmerzenslager saß der alte Diener, den ich bei Angés erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so wie ich dies zu thun versuchte, kam Blut.

Nur langsam besserte sich’s mit mir; nur langsam heilten die Wunden, am längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden mahnt und an meinen nahen – Hingang. Dieser mag kommen, wann er will, ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.

Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte, kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen Thränen entquoll, der nicht enden wollte.

Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich zu preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese Seligkeit verdankte.

Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte Diener, welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes gehört, hatte er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite gestoßen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend, erfaßte er das Kind, hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem Dorfe zurück. Angés war ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen blutigen Kampf zwischen mir und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten unter den entsetzlichsten Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und Seelenangst auf sie zugleich ein, und der Schreck warf sie machtlos nieder, da sie einen Moment später sehen mußte, wie Berthelmy über und über im Gesicht blutend, taumelte, und mich der tückische Aboncourt zu Boden riß. Daß der Unmensch mich auf die Brust trat, gewahrte sie schon nicht mehr.

Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen. Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen Städtchen herbeirief. Gensd’armen mußten die ganze Gegend nach jenen Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich nicht in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten wir uns oft und wußten es nicht zu sagen.

Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy fesselte, war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein eigen sein mit Leib und Seele, aber nur – was frommte es mir, und wie lange hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in Furcht und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und fort den Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und nicht um mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende göttliche Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt, ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und auch auf dich, mein Leonardus.

Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen in den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt sie zu versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute des Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen und lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging in jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen Stunden kehren nie zurück – können nicht wiederkehren; ich darf und werde Angés niemals wiedersehen.

Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung und voll innigster Theilnahme Leonardus’ Erzählung an. Endlich, nach langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig den Freund: Und du verließest Angés?

Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung, durch die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte. Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den Wäldern, theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu Tränken gepreßt Wunder an mir gethan.

Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf Angés’ Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur Vestaflamme, die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie eine reine Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem gealterten Herzen wohlthut.

Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager stand. Es war Angés’ Hand – ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las:

»Mein ewiggeliebter Leonardus!«

»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene fordern es. – Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll dein Name sein! In Ewigkeit und für die Ewigkeit deine, nur deine treuverbundene

Angés.«

Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste fort und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog, wußte mir Niemand Etwas zu sagen – Angés, Sophie, der alte Diener – auch ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt – wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie – alle waren fort, und keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein – ich hatte mein Weh getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand sprach zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in einer fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich so schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke.

Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen – könnt ihr euch denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner. So niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und unfreundliche Begegnung – ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was konnte ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte?

Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus’ Züge, und die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit seiner Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden.

Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor er eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen, von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen den Freunden folgen. –

Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das Schleunigste vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und hatten dort die Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend mit ihm heiter zu verbringen.

Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war keine erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen, er sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland war für den Kranken jetzt nicht zu denken.

Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft, ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog, steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt werden, um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem wieder an.

10. Der Abschied.

Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt’s, entlud. Die Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach dem Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen hatte sie geöffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden geworfen.

Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll! brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter Mann, ist treu wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von Kaisern!

Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen.

Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der ganze Mann erkannt!

Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.

A la Citoyenne Varel am Jungfernsteig à Hambourg, franco Amsterdam.

An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen? Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel! Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens, und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die Umschrift? Lesen Sie!

»Je suis libre!« las die zitternde Kammerfrau.

Je suis libre! fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die Livrée will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen Bedienten! Ich will ihm sein »je suis libre« anstreichen, ich, sage ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Bürgerin Varel! Bürgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen!

Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief wurde mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt. Gleich im Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine hohen Verwandten zu schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein Citoyen – wie ich eine Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe Windt! Vielleicht will er auch mit mir theilen? Ich soll nicht mit meinem angeborenen und angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde führte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über die närrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein vernünftiges Wort, aber nicht närrisch ist diese Aufschrift – sie ist verrückt! Was die Herren französischen Generale über meine gräfliche Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Fürsten, Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder sich Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die Paduanischen nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie – ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur unter den Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!

Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den Freiheitsbäumen? Hat noch keinen setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. – Durch diesen Gedanken versöhnlicher gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfin von Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Holländer wurde Meldung gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger in das Kastell gebracht würden. »Ich bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar unter dem Namen le citoyen d’Autrefér – denn Doorwerth können sie nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich habe so viele Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so viel Zeit, um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum einigen Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber hatten ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«

»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb krank ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend Mark Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung, noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin ein sehr empfindsames Gemüth, und fühlt sich nirgend recht heimisch, nirgend recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt glücklich zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen Lebens ganz sicher gestellt sind.«

Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich schon als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne unsers Calvin, aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je gegeben, deren Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist, über die das irdische Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt ihre Pilgerbahn vollenden. Aber sie sind selten, die auserwählt Glücklichen und glücklichen Auserwählten, ich und mein Haus gehören nicht zu ihnen! –

Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die Freunde Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich endlich vergönnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit seinem nicht minder biedersinnigen, doch höher gestellten Bruder, dem fürstlichen Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab er sich im Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont verzichtete, nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte lebten, wo ebenfalls heilkräftige Gesundbrunnen der Erde mütterlichem Schooße entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen kommen ließ. Selbst jetzt versäumte es sein Diensteifer nicht, die Nachrichten aus Holland, die er sich dorthin senden ließ, nach Hamburg zu schreiben, und kein Fürst Europa’s hatte einen so zuverlässigen und unermüdlichen Geschäftsträger, als die kleine halbsouveräne Reichsgräfin und Herrin von Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft Ausflüge in die Gegend, die wohl selbst bis Bückeburg ausgedehnt wurden, und die Luft der waldigen Gelände, der Anblick malerisch sich hinziehender schön bewachsener Hügel- und Bergketten wirkte in Verbindung mit dem so ganz veränderten Klima höchst vortheilhaft auf Alle ein, selbst Leonardus fühlte sich erleichtert und schöpfte wieder neue Lebenshoffnung.

Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin, daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem Tage vermehre, da die Oranische Partei gegen die Batavische Republik aufs Neue rüste. »In Osnabrück liegen 1500 holländische Offiziere, die ihren Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben bereits,« schrieb Windt, »unter sich die Chargen vertheilt und hoffen auf den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias. Auch würde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrück kommen, und das Schloß daselbst ist bereits für ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen wir auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur von Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach Holland zurückzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden, der ihm alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In der Gegend von Osnabrück steht ein Corps preußische Jäger, ein Regiment Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrück marschirt, zwei Regimenter Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Engländer. Das Alles ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beistand zu Lande leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern Geldern und Ober-Issel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren Plünderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt nicht blos vollkommene Demokratie, sondern fast völlige Anarchie. Zum Glück wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten nichtsnutzen Klubs, Societäten, Genoodschappen und dergleichen gänzlich aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam für das allgemeine, wie für das besondere Beste wirken wird. Die würdige, weise und edle Frau Fürstin Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach Philippsthal, ihrer Heimath, um dort einen längeren Aufenthalt zu nehmen; ich habe derselben daher nicht Ihrer Excellenz Grüße und meinen unterthänigsten Respect zu Füßen legen können. Ihrer Excellenz Meinung, bezüglich des Verkaufes von Doorwerth, Alles auf bessere Zeiten zu verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich habe der Frau Gräfin Lynden so zugesetzt, daß sie für die dem Erbherrn geliehenen fünfzigtausend Gulden einstehen will; davon würde dann der erste Termin vollends bezahlt werden können. Für den zweiten sehe ich bei den gegenwärtigen so sehr mißlichen Umständen der Familie, und den Unglücksfällen und Widerwärtigkeiten, welche dieselben betroffen haben, allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa fünfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Gräfin Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Höchstdero Füßen der alte Windt.«

Mit Antwortschreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch Ludwig eine Zuschrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn später noch ungleich wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft hängt an einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und das Wohl und Wehe seiner Zukunft!

Die alte Reichsgräfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich, und hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt.

»Du glaubst nicht, lieber Ludwig,« schrieb die Großmutter, »wie sehr mir das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem Maaß meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig zusehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe, wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich möchte noch einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit Sammlung alter Münzen vertreiben, sondern ich würde der Länder und Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich, daß deine Eigenthümlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die Dauer beschreiten ließ, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung, Zurücksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas Hohes, nach dem Höchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben, selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an den Grafen von Bernstorf, königlich dänischen Gesandten zu Berlin, nicht minder an den holländischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von Vogel übergeben, welcher jetzt holländischer Gesandter am englischen Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigsten herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll Engelgüte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die Kronprinzessin von Preußen K. H., geborene Prinzessin von Mecklenburg Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche die Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und sprach ich sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu Sachsen-Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da Darmstadt sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese Prinzessin und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und Liebenswürdigkeit, und wenn du in Deutschland reisest, so versäume ja nicht, dich an dem preußischen, mecklenburgischen, hessischen und sächsischen Höfen vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir ohnehin verwandt, denn schon die Tochter König Christian des Sechsten von Dänemark, Luise, vermählte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schönes Heirathsgut mit, und reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man in dem gebildeten und glücklichen Sachsenlande höher als sonst wo zu schätzen weiß. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines Namens, um dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findest einen sehr gebildeten, umgänglichen und menschenfreundlichen Hof; findest wissenschaftliche Anstalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist auf alle diese Ernestiner Etwas übergegangen vom Geist und Strebesinn ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Fürst, der für die Wohlfahrt eines Landes und Volkes Alles that, und für Wissenschaften und Künste mit Aufopferung thätig war.«

Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kronprinzessin von Preußen und las:

»Madame!

Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre kostbarsten Interessen legten. Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an meinen Gemahl zu schreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun wird, um Ihnen zu dienen. Gebe der Himmel, daß diese Angelegenheit nach Ihren Wünschen gelinge. Wenn er meine Wünsche zu erhören geruht, so wird Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu haben. Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein

Ihre ergebene Dienerin Luise.«[13]

Diese Zeilen einer reizendschönen, edelgesinnten und über alle Worte herrlichen jungen Fürstin, welche von Gott berufen war, dereinst der angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen deutschen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand.

Die Großmutter schrieb noch: »Du findest in diesen Sächsischen Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemäldesammlungen, Münzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du doch nach Thüringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu Rathe ziehen willst, ja nicht zu versäumen, den Weimarischen Hof zu besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das Beisammenleben strebender Geister in der schönen Literatur dich auf, und du gefällst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du wirst, von mir empfohlen, dich überall gut aufgenommen und ausgezeichnet sehen. Versäume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht eines dieser kleinen Herzogthümer dich einst dauernd fesselt, und es steht dieser mein Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei unserm Scheiden gab, auch – wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in Einsamkeit dein Glück zu finden – denn du kannst dort ganz nach deinem Gefallen leben und bist, wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hältst, von deinem Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.«

Ja, ja – das wäre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein Asyl – ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angés. – Ich will der Großmutter Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte sehen, aber Leonardus – wird er mit können? Und Angés? Wird sie mit wollen? Und wo, ach wo sie finden, da sie sich selbst dem heißgeliebten Jugendfreund in züchtiger Strenge entzogen hat? – Diese Betrachtungen unterbrach Leonardus, welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem letzten Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende – wir scheiden!

Was fällt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und stützte den auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt!

Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! sprach Leonardus. Ich fühle, daß ich sterben muß, nichts weiter – und mir ist, wie einem eben ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder – ich habe keine Stunde mehr zu leben – die Besserung war nur ein trügender Schein. Nun – mein Haus ist bestellt – diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam gerichtlich bezeugen lassen. Was ich besitze, – ist Alles dein – geknüpft an meine letzte Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet findest, für den Fall, daß mir nicht vergönnt gewesen wäre, sie noch mündlich an dein Herz zu legen. In mir stirbt Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam – in dir lebt Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam fort – mindestens so lange noch, als meine gute Mutter am Leben bleibt – ihr darf, ihr soll der Sohn nicht sterben! Du schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch bei dir wäre, du empfängst und beantwortest in meinem Namen alle an mich eingehenden Briefe; ich habe das so testamentarisch geordnet, die Gleichheit unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so mögen dann meine nächsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel dessen eben noch vorhanden sein wird. Außerdem aber bleibt Alles deinen Erben ohne jede beschränkende Klausel. – Ich sterbe für Angés – siehst du sie, so sage ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre sie je in Noth, und diese käme zu deiner Kenntniß – dann brauche ich wohl nicht erst eine Bitte auszusprechen – dein eigenes Herz – wird – o Gott – ich kann nicht mehr – meine Brust – zerspringt! –

Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang den Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte. Sprich, was kann ich für dich thun?

Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der sterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres Herz sich an das meine anschloß! Es war ein schöner, nur zu kurzer Lebenstraum – wir hätten wohl länger mit einander gehen sollen – das Schicksal – o Gott!

Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer sich. Ich sah noch Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund – meinen Bruder dahin gehen sehen?

Windt, der Arzt und Philipp stürzten in das Zimmer – Hülfe ward versucht, der Arzt fühlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen Wink bedeutete er der Umgebung, daß hier seine Hülfe zu spät sei. Schon umflorte der Tod die brechenden Augen – Leonardus tastete nach der Hand des Freundes und lallte mit gedämpfter Stimme: Ludwig – dunkel – Gute Nacht!

Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden.

O Angés!

Dies war sein letzter Hauch.

Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig’s Leben. Er stand stumm, vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp weinte.

Windt’s klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkräftig, entschieden handelnd.

Auf dem Schriftenpaket stand unter der Aufschrift: an Graf Ludwig, die Weisung: »Sogleich nach meinem Tode zu eröffnen!« Ludwig wollte dies nicht thun, sein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches Gefühl.

Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur, ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist Gesetz. Ich habe alle Ursache, zu glauben, daß der verklärte Freund Wichtiges für den Fall seines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu öffnen.

Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: »Da ich für meine Mutter fortleben will, so muß eine Täuschung Statt finden, die Niemand schadet. Ein Paß liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich auf Reisen bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein Todtenregister geschrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn ein solches Blatt, eine solche Kunde würde leicht nach Amsterdam gelangen. Ich wünsche in der Stille, in früher Morgenstunde begraben zu werden, ohne alles Gepränge, wünsche weder Kreuz noch Stein mit einer Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines letzten Wunsches zur ersten Pflicht.«

Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber überlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nöthigen.

Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder lebend in dieses Zimmer eintreten werde.

Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu sehen, doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl, durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt. Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein fremder Badegast gestorben war. Da Leonardus nur den Freunden gelebt und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer Name nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller Rechtsform aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer Sprache, welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung überflüssig.

In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp fragte: Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort.

In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim Ordnen von des Freundes nachgelassenen Papieren.

Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen und in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp empfing als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich ferner eine kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die Leonardus die Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu unschätzbar war. Von dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte, lagen Uebersichten vor, es ergab dasselbe eine Jahresrente von fünftausend Gulden; diese hatte Leonardus dadurch erworben, daß er sein einst zu erhoffendes Muttererbe an seine Verwandten mit Zustimmung seiner Mutter käuflich abgetreten hatte – um nach ihrem Tode, falls er denselben erlebte, aller Geschäfte dort überhoben zu sein. Von dem Tode der Frau van der Valck an aber vermehrte sich dieser Rentenbezug um abermals fünftausend Gulden.

Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen geeignet anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von Leonardus Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und der ganzen Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts! Die fünfzigtausend Gulden, darüber wir Quittung in Händen haben, gehören jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen, dann will ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem aber auf keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach Hamburg zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja doch der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige sind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann!

Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein Güterbesitzer davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als Gratification in die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das gemahnt mich gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute das Wort Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein Wasserschloß besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen nicht. Ich werde nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde reisen, schlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés suchen! Ich will, wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie theilt gewiß mit mir die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber, Windt, wir beide wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie vorgeht, besonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und vergessen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir in allen Verhältnissen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben.

11. Erlebnisse.

Ludwig leistete dem Rathe der Großmutter Folge; von seinem treuen Diener begleitet, mit guten Pässen versehen und mit allen Mitteln ausgestattet, war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen. Seine edle gewinnende Persönlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Er verhüllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich zu offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Häufig, ja fast immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des Verstorbenen; der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es war ja gleichviel, wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die Spuren eines stillen Leidens, ließen ihn ohnehin älter erscheinen, als er wirklich war. Graf Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte überall ein offenes Auge für die Reize der Natur, die Beschaffenheit und Ergiebigkeit des Bodens, für den Stand der Kultur in den verschiedenen deutschen Ländern, für die Sammlungen der Künste und Wissenschaften, und fühlte sich angezogen vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst galt entweder für einen Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes völlig fehlerfrei sich ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch den längeren Aufenthalt in den Niederlanden allerdings manche Eigenthümlichkeit dieser Nation an ihm haften geblieben war, und um so lieber gab er sich für einen solchen aus, wenn er als Leonardus Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner Weise, sich schriftlich auszudrücken, so schön er auch Deutsch zu schreiben verstand, floß bisweilen eine niederländische Redeform mit ein.

Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen Reisen dadurch, daß sich die Leute weit mehr darüber die Köpfe zerbrachen, wer und woher der Diener eigentlich sei, als woher der Herr stamme. Wenn Philipp zu seiner Erholung Abends in bürgerliche Bier- und Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen seinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden sei, für wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft genug schildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei, absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm- und Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer sein Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein Kaufmann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, daß sie ihm das gleich angesehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, sein Herr sei ein Graf, dann hieß es ebenso bestimmt, man sähe ihm den Grafen auf hundert Schritte an.

Diese oft sehr aufdringliche und lästig werdende Neugier der guten Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die so häufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und einem besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten.

So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe, überall räthselhaft schnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er vorwies; man zog ihn zu den fürstlichen Tafeln, erzeigte ihm Aufmerksamkeiten, unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten Modesprache der Höfe; aber da er nirgend lange verweilte, so ging seine Erscheinung gleich andern flüchtig vorüber und wurde schnell wieder vergessen. Er aber gewann für sein ganzes späteres Leben den Vortheil, manchen großen und berühmten Mann persönlich kennen gelernt zu haben, auch Einblicke gethan zu haben in manches Verhältniß, das glänzende Außenseiten zeigte und innerlich morsch und zerrüttet war. Häufig trat dem Reisenden offen und unverhüllt die Selbstsucht der Menschen entgegen, der gelehrte Dünkel, die Schriftsteller-Eitelkeit, der Künstler-Stolz, stets mit einem guten Theil Anmaßung und Rechthaberei gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht in ihrer ganzen Widerwärtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen möglichen Larven.

Nirgends ließ sich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie sehr man auch bemüht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien wohl des Besitzens werth zu sein. Jugend, Schönheit, Reichthum, Adel, Verstand und Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles Gemüth, für ein sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise Melancholie in seinen Mienen, sprachen auch die Züge eines ganz besonders in seinem Charakter hervortretenden Wohlthätigkeitssinnes, der aber sorgsam sich und seine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu Tage kam, wer der gewesen, der manche Thränen der Noth und verschämter Armuth getrocknet, und die Beglückten ihm danken wollten, dann war er gewöhnlich schon abgereist.

Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war entzückt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß zu Kniphausen bewohnte, und oft die Besuche der Großmutter ihres immer noch gefangen gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing.

»In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: »habe ich an den Doctoren Starke und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz außer Sorgen sein, ich solle wo möglich guten starken Wein trinken, und kein Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache. Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die Studenten, die dessen bis zum Uebermaß in sich hineingießen und eine Bravheit darin erblicken, sich durch Unmäßigkeit die Gesundheit zu untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und Professor Schiller kennen gelernt, den berühmten Dichter, dessen erste Stücke Ihnen, geliebteste Großmutter, damals äußerst mißfallen haben. Er ist ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hält sich sehr zurückgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten weiter gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die Region des Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle Ansprüche. Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine wahrhaft hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburg und Ihres wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann, Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern, damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben könne. Sie glauben nicht, geliebteste Großmutter, wie armselig in diesen Ländern die Gelehrten bezahlt werden; während manche Professuren und andere Stellen häufig als Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit permanente Hungercuren und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu sagen pflegt, zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.«

»Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht: Wallenstein, zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen wird.«

»Ich war auch in Weimar, und bin dort mit großer Güte und Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach Ihrem Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr und mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle Ansehen Sie, theuerste Großmutter, in ganz Deutschland genießen. Sie hatten vollkommen Recht, als Sie mir sagten, daß man in diesen sächsischen Staaten die Wissenschaften höher schätze, als irgend wo anders. Bei äußerlich ziemlich beschränkten Mitteln geschieht für dieselben das Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um sich sehen, daher entspringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieselben Alle nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte und bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs – sonst in meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht, Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht angesteckt von der klein- und spießbürgerlichen Klatschsucht, die sich darin gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus dem Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte solches Thun geradezu für eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu sagen, daß der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialität, seine Mutter eine Fürstin von der anerkennenswerthesten Hoheit der Gesinnung, und seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswürdigkeit und Herzensgüte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Großmutter, mir diese Personen schon früher geschildert haben.«

»Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg, aufwartete; dieser ist ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der für das Wohl seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemüht ist, und der mir die größte Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken abnöthigte. Am Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den trefflichen Sohn einer ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin Luise Dorothea, geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich Ihnen, geliebteste Großmutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen und Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im Briefwechsel stand. Der Herzog ist ein sehr gelehrter Herr, so wie ein Freund und Beschützer der Gelehrten, er erweist den französischen Emigranten viele Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mußte mir das herzogliche Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünschte lebhaft meine beste Großmutter zu mir, um diesen für Sie gewiß sehr anziehenden Genuß zu theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das theuerste Buch der Welt, die berühmte Handschrift des Jacob von Strada über die orientalischen Münzen in 31 Folio-Bänden, mit 9000 Abbildungen, deren jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet hat.«

»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust, diese auf seinen Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen Kunstsammlungen wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem Wort, Herzog Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch einer Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverständniß lebt, ist für Gotha ganz das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der Wissenschaften und Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.«

»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der Herzog, ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«

»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit unendlicher Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als einen kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels verwendete Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines Thorschreibers.«

»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber er ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern mittheilsam über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet, daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte; dagegen ist die Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche Erscheinung; sie singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt in jeder Osterwoche in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen Kreise ihrer Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu ertragen; durch frühere üble Wirthschaft ist das Land in große Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter und ein Sohn starben bald nach der Geburt, doch versprechen die leben gebliebenen Prinzen und Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind schöne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des Hofes sind die gewöhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd auf nahen Jagd- und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen, Eishausen und Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein stattlicher spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und weit das Land überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise, geborene Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des hiesigen Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach Coburg führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie geschaffen für die Einsamkeit der Weltüberwinder.«

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