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Der Dunkelgraf

Erster Theil. (continued 4)

Reading edition

Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und dieses Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer getrost und geradezu an mich.

Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.

Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist mit meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn Letzterer ist erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken. Ich verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte, denn ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des Kriegers, und erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich vermuthe, wieder für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur das Zeichen meiner grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar bestürzten Leonardus zu handeln, und mich unserer armen leidenden Angés und des Kindes in solcher Weise schützend anzunehmen, wie es Freundespflicht war, und wie ich auch gethan haben würde ohne die Aufmunterungen, die mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden.

Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus ein, und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das drohend über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging auseinander. Mein Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst; außerdem will ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in den der heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann verließ und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre Enthaltsamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter! – Meine so eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, sagte zu mir: Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die kost is te magtig voor my.[8]

Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit starrem Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und rief einmal über das anderemal: Gód wil dat den besten keeren![9]

Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd und bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann ich den Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf mich machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese unselige Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was sollte, was konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach so ruhig und demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine Hand als Gatte legen – nein – nie und nimmermehr.

Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu gut für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir bleibt, wenn ich die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die Hälfte des Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die Hälfte deines Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und allgerechten Gott geschworen!

Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich Trost, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.

Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angstvollen, verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich dir und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann mich, ja mich euere vereinte Verwünschung getroffen.

Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem Munde, und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der Weiterrede des Jünglings.

Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je durchlebt. Sie entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel, bester Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche belegte, und die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine dunkele dämonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns umlauert, uns belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre mitternachtdunkeln Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo sie aufbewahrt bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz außer mir, rief ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in der That so ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung mich vor mir selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht soll die Stunde sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!« Und siehe – in derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir kündeten, mit versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht bereuend, mich zu sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel Jüngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden, zuerst und zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend, wie sehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten Zornreden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders handeln können, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters einzuschlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfüllte sich und fiel auf euer schuldloses Haupt.

Alle waren erschüttert von dieser Mittheilung. Leonardus drückte stumm die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die in Thränen schwammen.

Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie so reden hörte, ohne zu wissen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, so würde ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt der Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris so viele und auch dazu Zeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: Jacques le fataliste et son maitre?

Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bücher nicht? Soll nie die neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen? Heißt nicht unser Jahrhundert mit schönem Vorrecht das philosophische?

Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich für keinen Finsterling und Pietisten! Für keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, daß diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube, die Verhöhnung und Verläugnung alles dessen, was dem Menschen noch heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde von der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich rede, gibt mir mein Gefühl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein!

Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr Windt? fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz entfernten Berufskreise schon völlig klar geworden über das Wesen, den Zweck und die Aufgabe der Philosophie für den denkenden Menschengeist?

Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe, Weisheitslehre. Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen umhangen umhertollt, liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet, lehrt sie nicht. Oder sollte ich mich irren? Neu ist freilich die Sache nicht, das weiß ich; zu allen Zeiten hat es abgeschmackte und aberwitzige Schrägköpfe gegeben, die unter der Vorspiegelung, erhabene Lehren der Weisheit zu verbreiten, der Welt die Schnurrpfeifereien ihres verbrannten Gehirns zum Besten gaben, gerade so und um kein Haar anders, wie unsere jungen neumodischen Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn dahin, keiner wandelte eine hohe und erhabene Bahn, keiner nahm allbewunderten Geistesflug, auf elenden Treckschuiten segelten sie zum Orkus und in das Meer der Vergessenheit, ins Schlepptau genommen von den lahmen und zu Tode geschundenen Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die unaustilgbare Brut solchen Gewürms erzeugen, aber sein Loos wird immerdar dasselbe sein, das Loos der Eintagsfliegen, die aus den ekeln Larven im Morast entstehen, heute uns umschwärmen und morgen dahin sind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernst glauben, Herr Graf, daß diese nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich, diese blutige Harlekinade, dieser Freiheitsbäumeschwindel, Bäume, die sammt und sonders in der neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe? Ich glaube es nicht, und ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin, noch zu erleben, daß diese gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken nimmt, und daß Gott diesem Frankreich einen Tyrannen mit einer Eisenfaust sendet, der ihm die Brust zusammenschnürt mit allen Stricken und Ketten der Gewalt, damit es wieder Buße thue im Sack und in der Asche, und die Kirchen wieder aufthue, und nicht das höchste Wesen, welches ein ebenso haltloser und einfältiger Begriff ist, als die französische Gottheit der Vernunft, sondern Gott und seinen eingeborenen Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in der Wahrheit.

Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm und schlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube fast, wenn Sie Macht dazu hätten, Sie strangulirten und guillotinirten alle neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein wenig zuzuneigen, zu allererst?

Nun, wenn es auch so schlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese ist die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sippschaft, welche in Gestalt moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts und der Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfüllung, der Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der Zügellosigkeit, des Atheismus und daraus entspringender blutiger Gräuel des Aufruhrs und der Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den Staatsrath, nicht in die Kirche, nicht auf die Lehrkanzel gehören, sondern – an den hellen lichten Galgen! Punktum!

Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hören Sie auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder.

Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie wieder diese Sache berühren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht haben, ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder zugestehen, noch ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat das Recht in der Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der Gaukeltasche, die er gibt, wem er will, sondern das Recht ist von Ewigkeit her zu Recht beständig, und das Unrecht bleibt Unrecht, und wenn alle Nationen es für Recht ausschreien. Lassen Sie mich nur noch, da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste Frage einfach antworten, es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle? Warum nicht; jede wirklich neue Wissenschaft, die nützt oder erfreut, soll dies thun, eine neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die Wahrheit ist keine Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an ihr nicht neue Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und Geographie, dort ein Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe im stillen Ocean. Die Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da, beide sind nichts Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und Erkennen ein. Kein Philosoph der Welt kann einen neuen Gott verkündigen; was bei neuen Götzen herauskommt, hat Frankreich dargethan, als es seine Vernunftgöttin durch eine schamlose Comödiantin vorstellen und vertreten ließ. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die Gottheit und ihr Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs eine neue Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es irgend einer Nation einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter mit Sperber- und Hundeköpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwiesen!

Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien bilden sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise spalten sich, der Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und die Geschwister, »es lösen – wie Schiller sagt – sich alle Bande frommer Scheu«, und die besten und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen zu maßlosen Reden, wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe des Gemüthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn nicht für immer, vielen Tausenden verloren.

Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von solcher Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen war – wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und völlig ohne irgend eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten Gemüther immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn sie stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft dieser langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher seiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf, welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude erfüllt, jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte gleich hinter Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen dicht am Wege sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten, der seiner Form und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es war ein in dieser Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich kurzen rohen Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher König aber hier in der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage entfallen, ebenso der Grund, weshalb der ganze Hügel der Heimenberg genannt wurde und jener eine Strecke weiter davon einzeln stehende hochragende erratische Block der Heimensteen.

Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze unsers neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben, daß nach so mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun soll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als unser übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser allseitiges Hoffen in Erfüllung gehe!

Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß Doorwerth zu.

12. Briefwechsel.

Das stille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Doorwerth, welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieselben ein Schooß der Ruhe. Näher drängten die politischen Ereignisse; mit unruhiger fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen, Nachrichten und Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren sie selten erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja, sie waren ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als Besorgnisse zu zerstreuen, die immer drückender wurden.

Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern dessen außerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergönnte; es wurden zu solchen Uebungen spätere Stunden des Nachmittags gewählt und die ganze jüngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe als Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde still und zurückgezogen, stand Windt’s Frau in häuslichen Geschäften bei, schloß sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme dadurch, daß sie ihr sehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach Arnhem zur Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der Pariser Reise bereits auf kürzestem Weg von Amsterdam nach Doorwerth gesendet worden.

Windt war von Geschäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine so ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die seine dazu, nicht zu unterliegen, und obschon er beständig über körperliche Leiden zu klagen hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrängnisse häufig mittheilte. Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte er die Mithülfe der jungen Freunde für dies und das, und nie erschien der Augenblick, in welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner des Kastells Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht hätte. So war der 22. September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen Freunde feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt und dessen Frau; Angés und die kleine Sophie saßen mit Ludwig und Leonardus beim heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern Schiffskapitäns Richard Fluit gedacht und ihm und der »vergulden Rose« einige Becher geweiht. War es doch eine schöne Erinnerung an Fluit’s Geburtstag, der das innige Band der Freundschaft um die Herzen von Ludwig, Leonardus und Angés geknüpft hatte, und wohl werth, am günstigen und geeignetsten Tage sie zu erneuen. Die Verbundenen waren still glücklich; ihre Freude war keine lebhafte und laute, nur Frau Juliane Windt, des Schaumweins ungewohnt, trank sich ein heiteres Räuschchen; Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll Gedanken und Geschäfte, Verdruß und Aerger, als daß er hätte die Empfindungen theilen können, welche seine jungen Freunde beseelten. Er nahm daher, nachdem er der Freundespflicht ein Genüge geleistet, und auf Aller Wohl, sein eignes, das er, wie er bemerkte, sehr brauchen könne, nicht ausgenommen, wacker mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere Unterhaltung mit dem zu würzen, was ihn beschäftigte und zum Theil bedrängte.

Dem Rentmeister Görlitz muß der Donner auf den Kopf fahren! Er will fort und er soll fort. Er ist ein ungetreuer Hund! Die gnädige Frau Reichsgräfin Excellenz sollen Alles wissen! Die macht mir aber den Kopf auch warm genug. Ich soll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen, der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Möcht’ es ja von Herzen gern thun, kann ich denn? Wo ist der Erbherr? Wissen Sie es? Ich weiß es nicht. Ohnlängst war er in Amsterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich sicher wüßte, wo ich ihn träfe, ich reiste lieber heute als morgen zu ihm. Sein Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, schreibt mir, daß er auf drei Briefe ohne Antwort gelassen sei, auch die gnädige Frau in Kniphausen weiß nicht, wo der Herr ist, und bestürmt Melchers mit Fragen. Sie soll immer leidend sein.

Was sagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit schmerzlichem Gefühle.

Ich sage leidend. Herr Melchers schreibt es, da können wir nun leider Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wäre, wäre uns vielleicht geholfen. Von Einigen hörte ich, er sei bei der Armee, von Andern, er wolle seine Schwester nach Hamburg zur gnädigen alten Excellenz bringen, wieder von Andern, er wolle seine Gemahlin und deren Kinder, nebst der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr ist, mit der Staaten-Jacht auch nach Hamburg bringen und schwärme seiner Gewohnheit nach zu Wasser herum, und ich sitze hier und lauere, und möchte rasend werden, und er gab mir doch sein gräfliches Wort, binnen vierzehn Tagen hierher zu kommen. Es muß ihm etwas ganz Außerordentliches begegnet sein. Hab’ ihm tüchtig und derb geschrieben, was hilft es aber, wenn mein Brief herumwandert wie der ewige Jude, und ihn nirgend findet? Und Gott allein weiß, wie ich hier, gesetzt der Erbherr käme endlich, mit ihm unterhandeln werde!

Die Reihe dieser Erörterungen würde noch ungleich länger gedauert haben, wenn nicht Philipp mit der verschlossenen Brieftasche eingetreten wäre.

Du bliebst heute sehr lange aus, sprach Ludwig zu seinem Diener.

Halten der gnädige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mußte lange auf der Post warten. Die Posten sind ungewöhnlich spät eingetroffen; es muß überhaupt was los sein drüben in Arnhem, die Leute rennen mit den Köpfen aneinander und durcheinander, wie ein Ameisenhaufen, habe es nicht klein bekommen können, was es gibt, außer, daß man will in der Ferne kanoniren gehört haben, denn wenn ich mein Maul aufthue und frage, so versteht mich Niemand, und wenn Jemand mir antwortet, so verstehe ich auch Niemand, es ist ein dummes Volk hier zu Lande, ich dächte doch, ich spräche so gutes Deutsch, daß man mich verstehen könnte!

Alle lachten. – Ja ja, mein guter Philipp, du sollst nächstens bei den Niederländern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutsch klingt ganz so rein und schön, wie unser Helgoländisch, das wir in Paris sprachen, als du den »Ueppasser« in die Seine warfst, scherzte Ludwig. Komm Bursche und trinke! Es ist heute unser Geburtstag. – Wenn der Kerl nur verdronken wäre! fügte Philipp mit vollem Ernst hinzu. Auf des gnädigen Herren gutes Wohlsein!

Windt erschloß die Brieftasche; sie enthielt der Briefe viele. Mit Freude im Blick rief er aus: Ah! Gott sei Dank, ein Brief vom gnädigen Erbherrn! Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an Sie, Dame Angés aus Zweibrücken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van der Valck; halt, noch einer, auch an Sie! Nun, möge es allseits eine gute Festbescheerung geben! – Mit sehr verschiedenen Gefühlen im Herzen der Empfänger wurden diese verschiedenen Briefe entgegengenommen. Welch eigenthümliches Hereintreten der Außenwelt in den Menschenkreis, der dieses einsame Schloß belebte! – Windt erbrach hastig den Brief des Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beigeschlossen. – Ich war schon gefaßt darauf, leer auszugehen, wie so oft, sprach dieser. Was kann der Vetter mir zu schreiben haben?

Windt las den Brief des Erbherrn laut vor. »Im Haag, den und den. Ich habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebster Windt, aber da ich zur Zeit ihres Einganges weder in Amsterdam noch im Haag war, sondern in dringenden Geschäften anderswo, so habe ich Ihnen nicht früher antworten können, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nächster Woche von hier nach Doorwerth reisen zu können; ich kann unmöglich früher; ich habe auch, hoffe ich, das nöthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, daß dies Geschäft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es ist in diesen Zeiten so drangvoll, daß ich fast nicht weiß, wo anfangen und wie alles Begonnene vollenden. Adieu mein Bester! Leben Sie wohl.

Wilhelm Gustav Friedrich.«

Mit Hast erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgräfin. Ach, rief er aus, halb lachend, halb ärgerlich: der hochgnädig ertheilte Urlaub für mich zur Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor sechs Wochen gebeten! Was hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns näher rückt? Gott weiß, wie sehr ich dieser Cur bedürfte, aber kann ich jetzt fort, darf ich fort? Von Amsterdam die schlechtesten Nachrichten, wo es so steht, daß man dort weniger die Franzosen fürchtet, als die Patrioten; schöne Patrioten das, die den Pöbel auf ihre Seite gelockt haben – so machen es die Hunde von Aufwieglern überall und dann nennen sie sich Patrioten! Und wir hier? Vom Rheine her die anrückenden Armeen der Coalition, von Frankreich her die Carmagnolen, vom Norden her die holländische Armee unter Anführung des Erbprinzen von Oranien, und außerdem noch die Engländer unter dem Herzog von York, und da sollte ich von hier fortgehen? Ein schlechter Soldat, der seine Fahne verläßt, Doorwerth ist meine Fahne! Ich bin Kommandant des Kastells; es ist meiner Obhut anvertraut, ich werde es hüten und halten!

Sie sind stets der ehrenfeste treue Mann, auf den man sich verlassen kann in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Ludwig und fragte: Doch was schreibt Ihnen die Frau Großmutter weiter?

Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus mittheilte, mit Glossen. Klagt über Kranksein, andere Leute sind auch krank! Sehnt sich in ein Bad – soll doch hingehen, sie hält kein Feind ab, und kein Kriegstrouble wie mich; die Veränderung wird der bejahrten Dame wohler thun und besser bekommen, als alle Recepte und Mittel des Doctor Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Excellenz in Hamburg ist. Räth mir das Archiv einpacken zu lassen – ist bereits geschehen – gibt einen fürchterlichen Ballast Papier – will nicht glauben, wie es hier aussieht – sollte nur selbst kommen!

Dem Vetter schrieb der Erbherr in einigen flüchtigen Zeilen, daß er ihn noch in Doorwerth zu treffen wünsche, daß er sich aber vorbereiten möge, dann mit ihm zur Armee zu gehen, es sei ihm eine Offizierstelle beim Regiment Orange-Geldern ausgemacht; der Erbprinz wünsche, daß Graf Ludwig in so bewegter Zeit nicht müßig seine Jugend verträume, sondern vielmehr eine Laufbahn einschlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im Leben führen könne, und er, der Erbherr, könne diesem Wunsche und dieser Ansicht nur beipflichten.

Leonardus und Angés lasen still die Briefe, welche sie empfangen hatten; Wehmuthsschatten überflogen Angés’ schöne Züge und voll Theilnahme blickten endlich alle zunächst auf sie, Leonardus mit einem verhaltenen Freude-Gefühl, Ludwig mit seelenvollster Zuneigung, Windt mit reinem und gütigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen, dem aber ein Zusatz von weiblicher Neugier beigemischt war, daher sie auch zuerst wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen Sie gute Nachrichten, verehrte Madame?

Angés war nicht geneigt, ausführliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu machen, sie beschränkte sich daher auf eine höflich ausweichende, allgemeine Antwort, während Windt mit dem Finger gegen seine Frau hindrohend nichts sagte, als: Jule! Hat schon wieder die Mühle kein Korn mehr zu mahlen? Muß schon wieder aufgeschüttet werden? Ich dächte doch, es wäre genug aufgeschüttet worden? – Aber als die durch den Bund einer lauteren und seeleninnigen Freundschaft eng Verbundenen unter sich beisammen waren, da wurde gegenseitig Alles mitgetheilt, was von weiter Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit allseitiger Theilnahme nicht nur, sondern auch mit mannigfaltiger Empfindung vernommen.

Meine Mutter schreibt mir, sprach Angés, daß sie Gott auf den Knieen gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus seien nur Schilderungen voll Härte und Roheit und Verdammungsurtheile eingegangen.

Berthelmy war außer sich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie, nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich überall gesucht und suchen lassen; an Leonardus hat er nicht gedacht er konnte an dich, mein Freund, nicht denken, da er deine Anwesenheit in le Mans nicht ahnen konnte. Zuletzt mußte er sich doch sagen, daß sein rohes Benehmen mich fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu mir in ihm lebte, trotz aller Mißhandlung, die er mir hatte angedeihen lassen, so mag es wohl sein, daß er sich Vorwürfe machte und sich doppelt elend fühlte. Er ist noch im Herbst des vorigen Jahres zur Armee der Vendéer gegangen.

Meiner Rückkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, schreibt mir die Mutter, stehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der Familie ein Freudenfest sein. Noch schreibt meine Mutter: Auch für die kleine Sophie, deren du dich so mütterlich angenommen, liebe Angés, lichtet sich die Zukunft. Der Prinz tritt offener hervor mit seiner Liebe, die Prinzessin, vor Gott längst seine Gemahlin, wird es gewiß auch noch vor der Welt, und jene liebliche süße Frucht dieser Liebe, aus einer Zeit, wo noch das allertiefste Geheimniß sie umschleiern mußte, darf hoffen, einst an der Hand erhabener Eltern auf sanftgebahnten Wegen durch das Erdenleben zu wallen. Jene heißschlagenden, jugendlichen, feurigen Herzen, die nur ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr zu erröthen, fehlt es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen Familie. Dir ist bekannt, liebe Angés, daß des Prinzen Vater schon eine Prinzessin, seine nachherige Gemahlin, welche älter war als er, feurig liebte, und in früher Jugend Vaterfreuden sich erblühen sah. Der gleiche Fall trat bei dem Sohne ein, dem Kinde dieser flammenden und daher auch früh verrauchten und verzehrten Leidenschaft und wenn wir Louise Maria Therese Bathilde nicht verdammen, so dürfen wir auch Charlotten nicht richten, welche, hingerissen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu ihr und von ihrer heißen Erwiderung dieser Liebe, willenlos der Macht beiderseitiger Leidenschaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes wurde, zu dessen Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit heiligem Eide. Daß du es mit dir hinwegnahmst, nachdem es nur kurze Zeit bei uns verborgen gehalten worden, war sehr gut; Niemand ahnete etwas und konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrst, gilt die kleine Sophie Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von ihrem Gatten treulos verlassenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei Allem, was dir heilig und theuer ist, beschwöre ich dich, alle mögliche Sorgfalt anzuwenden, daß das Kind an Leib und Seele wohl erhalten bleibe, und gib mir sobald als möglich Nachricht von deiner Ankunft, auf welche mit aller Macht sehnsuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.«

Hätte es noch irgend eines äußeren Umstandes bedurft, um Leonardus und Ludwig zu überzeugen, daß Sophie nicht das Kind von Angés sei, so würde dieser Brief jedes desfallsige Zeugniß zur Genüge vertreten haben. Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwürdig! Also Sophie Charlotte heißt diese Kleine? Gerade wie meine Großmutter!

Jetzt entfaltete auch Leonardus seine Briefe, um Angés und dem Freund aus denselben Mittheilungen zu machen, indem er sprach: Ich habe frohe und schlimme Botschaft zugleich erhalten; zunächst schreibt mir mein Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, daß mein Vater Wort gehalten und mich vor Notar und Zeugen so zu sagen enterbte, indem er mich auf die bloße Hälfte des Pflichttheiles gesetzt hat.

Leonardus! rief Angés, und schlug bebend ihre Hände zusammen. Und das um meinetwillen? Das ertrage ich nicht!

Sei ruhig, liebe Angés, erwiederte Leonardus: es muß und es wird sich wohl auch ertragen lassen. Ich kann mir selbst Geld erwerben, auf den Summen der holländisch-ostindischen Compagnie ruhen ohnedies die Flüche der geknechteten Menschheit und entsetzlichen Unrechts millionenfach. Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menschen ist veränderlich. Vor der Hand meldet noch mein Vetter, daß mein Vater nicht zu seinen und unserer jungen Muhmen Gunsten testiren wolle, sondern es solle ein Theil des Vermögens an die Seitenverwandten fallen, welche zu Bochum in Westphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck, der aus Holland nach Deutschland übersiedelte, so viel ich weiß, eine Tochter des Namens Aloysia hat, und dessen Vorfahren mit den unsern der Sage nach, die ganze Grafschaft Valkenburg zwischen dem Hochstift Lüttich und den Herzogthümern Jülich und Limburg besessen haben sollen. – Doch das werde, wie es wolle, mir soll darüber kein graues Haar wachsen; aber nun, liebste, theuerste Angés, höre was das Handelshaus in le Mans, an das ich mit Aufträgen mich gewendet, mir schreibt, höre es, und freue dich! Es ist das mein schönstes Angebinde zum heutigen Tage: Du bist frei! »Auf Ihr Geehrtes«, so schreiben meine Handelsfreunde: »ermangelten wir nicht, sorgfältige Erkundigung nach dem hier wohlbekannten Kaufmann Etienne Berthelmy einzuziehen. Derselbe führte als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der West-Vendée unter Charette stieß, und soll sicherem Vernehmen nach bereits am 11. October des vorigen Jahres bei der Erstürmung und Eroberung der Insel Noirmoutier geblieben sein, zum Mindesten soll sein Name auf der Todtenliste gestanden haben. Sein bejahrter Vater ist mittlerweile auch gestorben, und seine betagte Mutter lebt noch unter betrübten Umständen und nährt sich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibsel ihres einst blühenden Geschäftes.«

Angés saß stumm und ernst da, und hörte diesen Bericht mit einer Fülle von Gedanken an, die sie erschütterte, endlich reichte sie jedem der beiden Freunde eine ihrer zarten Hände, und sprach: So fällt denn ein dunkler Vorhang nieder und schließt einen, ach und wohl den traurigsten der Acte meines Lebensdrama’s mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum ist es mir, mich frei zu denken, mich frei zu fühlen, und so wichtig ist diese Nachricht, daß ich mich nicht mit derselben begnügen kann: ich kann auf sie nicht bauen und keinen Schritt der Entscheidung thun, bevor ich nicht die verbürgteste Bestätigung dieser Nachricht in Händen habe; aber, meine lieben, theuern Freunde, erfüllt mir eine Bitte: laßt mich scheiden! Meine Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieses holde und liebe, mir anvertraute Kind, unser Sophiechen, schon in zuviel Gefahren brachte ich’s, ich will es der Heimath wieder zuführen, der es entstammt, ihm will ich dort leben, und deine That, Leonardus, deine Liebe will ich ewig dankbar segnen, deiner Freundschaft, Ludwig, will ich innig eingedenkt bleiben! Wir müssen uns trennen. Du, Leonardus, mußt zu deinem Vater zurückkehren als ein reumüthiger Sohn und seine Verzeihung erflehen. Er wird dir verzeihen, und du wirst noch glücklich sein. Du, Ludwig, wirst auf dem Felde der Ehre wandeln und eine selbstständige hohe Stellung dir erringen, die dich völlig unabhängig macht von deinen Verwandten.

Liebe Angés, nahm Leonardus das Wort: deine Entschlüsse sind ehrenhaft, und was du sagst, ist gut, aber es ist nicht ausführbar, du kannst jetzt nicht reisen. Alle Lande am Nieder-, Mittel- und Oberrhein wimmeln von Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen könnte, aber folge in Einem deiner Mutter, achte auf das anvertraute Kind; setze nicht dieses zarte Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich überlegten Entschlüssen durchzudringen. – Auch ich muß Leonardus beistimmen, setzte Ludwig hinzu. Hier bist du sicher und wohlgeborgen mit deinem Kinde, Angés, und reichte das Schloß nicht aus, so gibt es in dem nahen Busch voll Moorbrüche einzelne Hütten und Häuser genug, zu denen kein Krieger zu dringen vermag und die Pfade findet; laß erst die herrannahende Wolke des Kriegsgewitters vorüberziehen, ja, wenn es sein muß, vorüberbrausen, weiche nicht aus diesem Asyle, es wird sich dir nirgend ein sichereres bieten und öffnen.

Das Gespräch wurde unterbrochen; Windt klopfte stark an, und trat erhitzt ein. Hören Sie es, meine Herrschaften? war seine Frage, und da man nicht zu verstehen schien, was er wolle, so ließ er die Zimmerthüre offen stehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauschen aufforderte. Und kaum war dieser Aufforderung genügt, so hörten Alle in bestimmten Zwischenräumen einen dumpfen Schall.

Was ist es, lieber Herr Windt?

Freudenschüsse sind es wahrscheinlich, zu beiderseitiger hoher Geburtstagfeier! Eine Kanonade ist es, meine Verehrtesten, und jetzt entsteht die Frage: Was thun? Feiglinge würden rufen: Rette sich wer kann! Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Für mich ist das keine Frage. Halten Sie sich bereit, meine Herren, mich zu unterstützen! Der Augenblick wird kritisch, sehr kritisch, doch nur keine Furcht. Das hiesige Archiv fährt, in einige fünfzig Kisten verpackt, nach Arnhem; alle Papiere des gräflichen Hauses, der Lehn- und Rentenkammer, ich stelle sie unter den Schutz des dortigen Magistrates. So wie eine Abtheilung der holländischen oder der englischen Armee sich nähert, werden Sie, Herr Graf, zu deren Befehlshaber zu reiten so gütig sein, und um Schutzwachen für Doorwerth, Helsum, Rosendael und Wolfsheese bitten. Es geht bereits ganz lustig und kunterbund zu, die Wege sind mit Flüchtlingen aus Brabant bedeckt, Adelige, Geistliche und sonst vornehme Leute, in Arnhem sind schon Flüchtlinge aus Mastricht angelangt. Dort packt Alles ein und hat sich schrecklich beezig[10] und consternirt. Die Stadt wird stark befestigt. Etwas Neues ist auch noch, daß der Graf Johann Carl schon einige Male durch Helsum gekommen ist, ohne hier vorzusprechen. In Rheenen, wo wir ja ohnlängst durchkamen, soll das englische Lazareth hingelegt werden. Im Haag sogar, vernahm ich heute, wird eingepackt, leider ist die prinzliche Partei die einpackende. Doch zu den schlimmen Nachrichten nun auch eine gute, erfreuliche. Robespierre ist todt, das blutige Scheusal; mit ihm fielen eine ganze Anzahl seiner schändlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende Schuster Simon, der Quäler des Dauphins, dem Racheschwert der unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wäre Zeit, sich der Freude zu überlassen, so wollt’ ich’s im vollen Maaße thun. Sie räumen hübsch auf, die Herren Franzosen, einundzwanzig Henkersknechte sind zugleich mit ihrem Meister zur Hölle gefahren, und am Tage darauf einundsiebenzig. Die Zeit ist endlich da, wo die Drachenzähnesaat aufgeht und sich selbst erwürgt. –

Es kamen schlimme Tage für den treuen Windt, die seine Geduld, seinen Muth und seine Ausdauer im Beschützen des Besitzthums seiner Gebieterin auf harte Proben stellten. Ein Theil der englischen Armee überfluthete bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein- und Ysselufer, und wie es immer zu geschehen pflegt, wenn die Furien des Krieges entfesselt sind, die Engländer benahmen sich nicht, wie Hollands Verbündete, sie nahmen blos, und zwar Alles was sie fanden und stahlen wie die Raben. In allen Ortschaften wurde verkündigt und öffentlich angeschlagen, Niemand solle über die politischen Ereignisse reden oder schreiben; alle Boote, Kähne und dergleichen Fahrzeuge mußten nach Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend- oder Nachtzeit über den Rhein. Man trug sich mit Listen der Gutsbesitzer und Schlösser, welche geplündert, oder Herrlichkeiten, welche zerstört werden sollten. Doorwerth hatte die Ehre, oben anzustehen, Helsum, Mariendael und Rosendael, drei gräfliche Besitzungen, folgten zunächst. Die Herrlichkeit Rosendael (sprich Rosendahl), mit prächtigem Schloß und prangenden Ziergärten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes Besitzthum zu bergen hatte, der suchte es zu bergen und floh in nördlicher Richtung aus dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem, Doesburg, Zuitphen wurden leer von Wohlhabenden, das Gesindel blieb und plünderte auf eigene Hand und auf Rechnung der Soldaten.

Und mitten in diese Bedrängniß hinein kamen zu Windt drängende Briefe von der alten Reichsgräfin wie Bomben geflogen, oft ungehaltenen und ungnädigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich sollte endlich abgeschlossen, der Erbherr zu einer Entscheidung gedrängt werden, er sollte Doorwerth käuflich übernehmen und einen Theil der Kaufsumme gleich baar erlegen. Windt, oft ernstlich krank, mußte fast täglich Briefe nach allen Richtungen schreiben; mittlerweile flüchteten sich zahlreiche Bekannte mit ihrer Habe aus der nächstbedrohten Nachbarschaft zu ihm und hofften in dem Kastell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei begannen schon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der Lebensmittel stieg auf eine bedenkliche Höhe. Jeden Tag, ja stündlich hatte Windt seinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus bildeten gleichsam mit ihm den Kriegsrath im Kastell; alle drei trugen aus guten Gründen militärische Uniformen und ebenso steckte die Dienerschaft in Jäger-Monturen. Nebenausgänge aus dem Kastell waren verrammelt, das Hauptthor bewacht, die Zugbrücke aufgezogen. Dieser Widerstand sollte nicht gegen kriegerischen Angriff gelten, sondern blos Schutz gewähren gegen Raubrotten, und den leistete das so bewehrte und bewachte Kastell Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich besserer strategischer Punkt, als die kleine, unbedeutende und halb verfallene Dunenschanze, die in des Schlosses nächster Nähe nach dem Strome zu lag. – Wieder war ein Tag voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treulosen Rentmeister entlassen und seiner Pflicht entbunden, und hatte einen Brief vom Hofrath Brünings aus Varel erhalten, wo auch kein schönes Wetter war. Brünings äußerte sich halb ironisch, voll Hoffnung, daß das »große Werk« nun wohl bald zu Stande kommen werde und schrieb: »Man hört hier von Holland, in Ansehung der inneren Unruhe, viele düstere Gerüchte. Gott gebe, daß sie ohne Grund sind. Hier nimmt der Geist des Jakobinismus noch gar nicht ab. Die reichen Bauern wollen keine Steuern mehr zahlen, die armen können nicht, unsere herrschaftlichen Kassen sind leer.«

Und was in unseren hiesigen liegt, ist auch kein Gold und kein Silber, seufzte Windt. Und jetzt nun soll Doorwerth verkauft werden! Es ist unsinnig. Aber hab’ ich’s nicht schon vor vier, vor drei und zwei Jahren voraus gesagt, daß man warten und zögern werde, bis die politischen Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel setzen würden? Siehe, da ist’s handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen und Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er ist krank vor Sorge und Anstrengung. Er hat sein Leben daran gesetzt, ein neues Corps zu errichten. Er nimmt sich mit dem edelmüthigsten und tapfersten Sinne der Landesangelegenheiten auf das Aeußerste an und soll ganz elend aussehen. Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden können, hat er seinen patriotischen Zwecken geopfert, und wo sollte er nun Geld für Doorwerth hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit ist aus ihren Fugen gekommen, sagt Hamlet. Die so schleunige Wendung der Dinge macht es dem Erbherrn unmöglich, Geld zu schaffen, selbst wenn er Zeit hätte, sich danach umzuthun, er hat alle Hände voll mit seinem neuen Landrattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; sein Cabinet und Zimmer liegen voll Monturen, Hüte, Schuhe, Gewehre, und Alles läuft Tag und Nacht bei ihm um, wie sein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde, weiß Gott! Jetzt sind die Zinsen von der Herrlichkeit Rosendael fällig, die verpachtet ist – kein Deut zu haben, und ich soll tausend Gulden Schatzung von den gräflichen Häusern nach Arnhem liefern. Alles Unheil schlägt zusammen, wie der Donner in die Töpfe!

Mitten in die endlosen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer Reiterabtheilung, und sah sich freudig begrüßt; doch konnte sich Windt nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, auszurufen: Gott wie sieht unser Herr aus? Wie ein Busch verhagelter Petersilie!

Der Erbherr, allerdings sehr angegriffen und mitgenommen aussehend, saß bald im vertrauten Gespräch mit Windt; es handelte sich um die verwickelte Angelegenheit, der beste Wille war da, aber Geld fehlte und neue Schwierigkeiten thürmten sich entgegen. Windt erhob das große wichtige Bedenken, ob es besser sei, daß Doorwerth bei einem doch immer möglichen Ueberzug dieser Gegend durch die französische Armee Eigenthum eines feindlichen Offiziers sei, Mitgliedes der holländischen Ritterschaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in der freien Stadt Hamburg lebenden Gräfin, die dem neutralen dänischen Reiche angehöre?

Da thäte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dänische Grafendiplom aus dem Kniphäuser Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen erst hierher kommen zu lassen – ehe das kommt, steht hier kein Stein mehr auf dem andern!

Mit nichten, gnädigster Erbherr, entgegnete Windt. Hier ist es schon in bester Form und beglaubigter Abschrift auf einem Stempelbogen, der »Een Rigsdaler« gekostet hat. Nos Christianus quintus his literis patentibus und so weiter, beglaubigt, unterschrieben und untersiegelt mit dem Kongelige Danske Cancellier Seigl.

Was Sie für ein Diplomat sind, Herr Windt! Fürwahr, ich bewundere Sie immer mehr! rief der Erbherr. Ich will Sie der geliebten Großmama nicht abwendig machen, aber sollte sie die Augen zuthun, so daß ich es erlebe, so ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umsicht verdient noch mehr!

Windt verneigte sich und erwiederte: Wollte Gott, es wäre Zeit zu scherzen, mein gnädigster Herr Graf! Der Frau Reichsgräfin Excellenz helfen jetzt weder deutsche noch dänische Grafendiplome, und wenn Karl der Große sie ausgestellt hätte, statt Karl der Fünfte von Dänemark. Holländische Ducaten sind die Losung, das ist die vis unita nicht nur, es ist auch die vis unica, nicht die einige blos, sondern die alleinige mächtige Hülfe. Alle Einkünfte stocken; hier ist nichts, Rosendael liefert nichts, Varel liefert auch nichts – und die gnädige Frau Großmutter Excellenz –

Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergänzte der Erbherr. Ich hatte Hoffnung, aber sie schwand wieder, denn keiner meiner Vettern und auch mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich so eben komme, kann oder will Etwas beisteuern, ja mein Bruder Johann Carl sagte mir geradezu in das Gesicht: »Wenn, wie zu fürchten steht, der Feind in das Land kommt, so gebe ich für dein eigenes Leben keinen Heller, geschweige für deine Güter; denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein schnelles Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in Utrecht bei Anleihen den drei- bis vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In alten holländischen Obligationen.« Wer aber solche besitzt, braucht nicht zu borgen. Mein bester Freund, Baron Grovesteins, der mir früher zehntausend Gulden angeboten hatte, sagte mir, daß er mir jetzt nicht einhundert Gulden leihen würde, und wenn er das Geld in Haufen liegen habe und mit Schepeln messen könne. Es sind einhundert Gulden baar nicht zu bekommen, und wenn man eintausend dafür verschreiben wollte!

Während dieses Gespräches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange und ernste Unterredung, in welcher der Erstere dem Freunde die ganze Fülle seines offenen und redlichen Charakters erschloß und zugleich den Blick auf ihre beiderseitige Zukunft lenkte.

Folge du, mein Ludwig, sprach Leonardus, jetzt dem an dich ergangenen Winke, nimm den Kriegsdienst an, der dir ehrenvolle Lebensstellung sichert, und folge meinem wohlüberlegten und brüderlichen Plane. Unterdeß wirke ich, und wir werden von einander hören. Angés muß mein werden, wenn Gott mir das Leben fristet; wäre Letzteres nicht, so bleibe sie in deinen edeln Schutz gestellt, und dann erfülle die Verpflichtung, die mein Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugesichert. Sieh, dann bringst du mir ein ungleich höheres und dankenswürdigeres Opfer, als ich dir, indem ich beizutragen suche, deine Stellung im Leben einigermaßen zu sichern. Und nun kein Wort weiter! Der Bruderbund ist aufs Neue geschlossen, und dieser Kuß besiegle ihn.

Wenn nun Euer Gnaden, sprach Windt weiter zum Erbherrn, sich an den Herzog von Portland wendeten? Könnte und würde dieser nicht –?

Hab’ es gethan, lieber Windt, hab’ es gethan! antwortete der Erbherr bekümmert: mein Vetter, der Vice-Admiral, schrieb selbst den Brief, da ich mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam schnell genug zurück, denn pünktlich sind diese Engländer und rechnen, ah, sie rechnen, auch wenn sie in der Pairskammer sitzen. Der Herzog schrieb an seinen Verwandten und Namensvetter William: Es sei ein recht artiger Einfall von mir, daß ich fünftausend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er müsse nur bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem Maaße erwiedern zu können.

Da stand nun Windt rathlos und sah abermals all’ sein treues Bemühen zu nichte gemacht, und der Erbherr schaute finster drein und schwieg.

Diese peinliche Pause unterbrach der Eintritt Ludwig’s.

Störe ich? fragte er, und machte Mienen, sich zurückzuziehen.

Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unser Geschäft ist zu Ende.

Darf ich dir Glück wünschen zu Doorwerth? fragte der junge Graf.

Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achselzucken.

Woran fehlt es, daß der Kauf nicht zu Stande kommt?

Hm – am Besten, am Geld! erwiederte Windt verdrießlich.

Doorwerth ist dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene starrten ihn an.

Es ist dein, ich kaufe es für dich, ich leihe dir das Geld! Hier sind einstweilen fünfzigtausend Gulden in englischen Banknoten!

Vetter! Vetter! rief der Erbherr außer sich, und die so plötzlich nahe tretende Erfüllung eines seit Jahren gehegten Lieblingswunsches erfüllte seine Seele mit hohem Entzücken.

Notes in this chapter

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