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Der Dunkelgraf

Erster Theil. (continued 3)

Reading edition

8. Das Haus van der Valck.

Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit seinen Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mußte erstaunen über dieses von außen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer, Mahagonigetäfel der Wände, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben der Fenster. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle Vorhänge, herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Fülle prachtvoller Vasen, von ächt chinesischem und japanischem Porcellan, und innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Silbergeräthen zur Schau gestellt. An den Wänden, wo nicht französische oder flandrische Gobelins diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemälde der niederländischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und Thüren riesige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare rother, weißer und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Kästen mit Riesenschmetterlingen aus Surinam und Amboina, Erzstufen aus Peru, von den Küsten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen von blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdländisches Gethier, Cacadu’s, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende Fülle von Gegenständen, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethörend wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser eben vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz ungesucht zur Schau gestellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem Freunde das Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast enges Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem einige Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer abgeschieden war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube an einfachen schwarzlakirten, mit allem Nöthigen versehenen Tischen und Tafeln saßen. Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geschäftes bequem angebracht, vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten Briefschaften, Wechsel, Quittungen und was sonst der tägliche Gang der Geschäfte erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus einem etwas größeren, ebenso wie das Kabinet höchst einfach ausgestatteten Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der großen Schreibstube war eine eigenthümliche Vermählung der Gerüche von Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schärfe.

Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig aussehender Mann mit schneeweißem Haar, darüber eine kleine Zopfperrücke, welche er mit schwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach kurzem grüßenden Lüpfen dieses Käppchens auch bedeckt hielt. Er bediente sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strümpfe mit Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelsteinschnallen. Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte sich Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um möglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmännischen Schreibstuben üblich sind, und als dieser Aufforderung von ihm genügt war, überreichte er einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf prüfend an, und fand alles in bester Ordnung. – Sie sind uns gut empfohlen, Herr Graf, nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in Amsterdam willkommen. Welche Absicht führt Sie zu uns und in welcher Weise kann unser Haus Ihnen dienen?

Die erste dieser Fragen gleich überspringend, da deren Beantwortung von keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen, ohne einen Geschäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus vielleicht nicht zugesagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die zweite: Meine Frau Großmutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gütigen Rath zu ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb selbst nach Paris reisen zu müssen, wohin ich zwar allerdings auch zu gehen gedenke, nur dürfte vielleicht eine günstigere Zeit dazu abzuwarten sein.

Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und machte indessen mit seinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach Außen, indem er die gefalteten Hände phlegmatisch auf seinem sammtmanchesternen Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor sich hin: Pariser Stadthaus, l’hôtel de ville, und weiter nichts, aber er begleitete diese Rede mit einem bedenklichen Kopfschütteln. Darauf drehte er sich auf seinem Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen Büchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbände mit chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung auf dem Rücken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines dieser Bücher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und schlug es auf, indem er suchend murmelte: De la Tremouille, de la Tremouille. Halb laut und unverständlich las Adrianus erst Einiges für sich, und sprach dann laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Güte haben, mir Ihre Papiere zu zeigen? – Ludwig reichte das Betreffende aus der von der Großmutter empfangenen Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte nun lesend seine Brille fester und schrieb von Zeit zu Zeit mit der wieder zur Hand genommenen Feder auf die lederne Schreibunterlage rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß er für dieselben noch Raum fand, so unendlich viele Zahlen waren schon in ähnlicher Weise auf dieses alterbraune Leder geschrieben worden.

Nach einer Weile, während der Kauf- und Handelsherr noch mancherlei für sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau Reichsgräfin Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthause zu Paris belegten zweihundertfünfundfünfzigtausend Livres gehören zu den immerwährenden Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und einundzwanzig begründet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden Frankreichs dahin privilegirt wurden, daß die Verzinsung bei denselben Kassen nach wie vor bleibe und daran keine Kürzung geschehen könne. Nur bei Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug gebracht.

Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu Paris angelegt ist, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die Kapitalsumme der später geschaffenen Leibrenten, rentes viagères, aber nur vier Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünfundzwanzig Millionen bald verschlungen sein würden, wenn der unglückliche Hof und die zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im Stande gewesen wären, ihre angelegten Kapitale flüssig zu machen und außer Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos tolle Wirthschaft in Frankreich die Besitzthümer der französischen Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie sie es hält mit den Geldansprüchen auswärtiger Souveräne, ist mir noch nicht bekannt. – Meine Großmutter ist auch königlich dänische Gräfin, warf Ludwig ein, dessen Aussichten sich merklich verdüsterten; aber der alte van der Valck entgegnete: Frankreich hat allen europäischen Souveränen den Krieg erklärt, folglich auch der Krone Dänemark, und diese kann kein Schutzrecht üben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat keinen Gesandten in Paris. Es steht überhaupt ziemlich mißlich mit diesen Geldern, fuhr er fort; nur geordnete Zustände taugen für den Gang der Geschäfte. Eine Revolution, die sinn- und zügellos alle Banden sprengt, die, indem sie das Staatsleben läutern will, den Staat in das tiefste Unglück stürzt, ist nicht fähig, auch nur die mindeste Bürgschaft für etwas Anderes zu geben, als für ihren vaterlandsfeindlichen und verderblichen Wahnsinn. Vor einigen Jahren wäre die günstige Zeit gewesen, daß die Interessenten der immerwährenden Renten ihre Contracte hätten verkaufen, und sich mit dem gehobenen Gelde bei den Leibrenten betheiligen können. Aber auch dies würde ohne namhafte Verluste nicht abgegangen sein. Im Jahr siebenzehnhundertsechsunddreißig war der Cours jener immerwährenden Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch hatte er sich kurz vor der Revolution wieder bis zu fünfzig Procent gehoben, was wäre das indeß gewesen? Im günstigen Fall hätte ein Betheiligter statt zweihundert Livres nur einhundert erhalten, und wäre der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig gegangen. Gesetzt, das Stadthaus vermöchte seinen Credit aufrecht und seinen Gläubigern Wort zu halten, in was würde es jetzt Zahlung leisten? In Lumpenpapieren, in Assignaten, für die ich, so wahr ich Adrianus van der Valck heiße, nicht einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe!

Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich über dessen etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen; indeß fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angeführten Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stände Alles so gut wie es schlecht steht, bei den immerwährenden Renten ein Interessent über fünf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent lüstern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchstens für ihn und eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Cölibat lebte und bis an ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht außerdem noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des Nutznießers Tode erlöschen, er möchte verheirathet sein und Leibeserben haben oder nicht.

Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lästig fallen, darf an dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau Reichsgräfin Excellenz werden sich gnädigst zu erinnern geruhen, was Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfünfzig verlangt und wessen sie sich damals erklärt haben, als es sich um den ihrerseits auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille’schen Renten für ihre Herren Söhne handelte, den sie sich ausdrücklich vorbehielt, und bestimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaßen belegt bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der offenbarste Schaden in die Augen springt und jetzt gar Nichts zu hoffen und zu erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf von Varel?

Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brausenden Wasserstürzen auf dessen Schaufelrädern umginge, verstört fuhr er auf, und antwortete: Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen Menschen, der Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen Sie mich nach antiken Münzen, so kann ich Ihnen die griechischen, römischen und barbarischen nach Städte-, Provinz-, Königs- und Herrschernamen an den Fingern herzählen, ebenso die römischen Consulares, Familiares und Kaisermünzen, aber vom neuen Geld verstehe ich nichts. Ich weiß wohl den Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht den Cours der Papiere, darum erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich beginnen soll, mindestens zu versuchen, die angewiesenen Summen ganz oder theilweise zu erheben?

Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau Reichsgräfin Excellenz hege, würde erstens einem ihrer Angehörigen selbst ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauses öffnen, gebieten Sie demnach über uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das Haus Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an, verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gültige Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? – Nein mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft –

Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf ein Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwünschte betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre, Herr Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht, machen nur zu oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu da, ihre Calcule zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig ist, einen Strich durch die falschen Rechnungen zu machen.

Bei dieser Rede richtete der alte Herr seine stechenden Blicke mehr auf seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhörer abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen saß, und endlich heilfroh war, daß sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das Lüpfen seines Käppchens diese Sitzung aufhob.

Leonardus führte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer, umarmte ihn mit stürmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés sehen, sie liebgewinnen, ein Einsehen haben, sich erbitten lassen!

Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu müssen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein beängstigendes Vorgefühl mir sagt, die Sache könne sehr mißlichen Ausgang gewinnen. Es war etwas Mißtrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er mich entließ; ich weiß nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf dich?

In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet, es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt er nicht, wenigstens nimmt er keine Rücksichten auf den Vorrang höherer Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die Ferne. – Ich nahm dergleichen wahr, bestätigte Ludwig; wozu war der ganze Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar keine Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weisung, den alljährigen Zinsabfall derselben zu beziehen.

Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in deinem späteren Leben wohl noch oft begegnen, daß sonst ganz einsichtsvolle und verständige Menschen dich mißverstehen. Gar selten hört Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, so macht sie der Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei der Hälfte ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der Welt, aber das Geschäft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog über die Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille’schen Renten hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals, dessen niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit in Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben wird, die Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun verfolgte er seine Lieblingsidee und vergaß, denn er ist alt und wird schwächlich, das eigentliche einfache Hauptanliegen.

Und ich soll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit. Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur so heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in ein Netz von Täuschungen ein, das mir selbst sehr gefährlich werden kann!

Was könnte denn dir geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus empfindlich. Du bist frei, bist unabhängig; wird mein und Angé’s unbegrenztes Vertrauen dir lästig, so kannst du leicht das Band zerreißen, das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden.

Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die große Welt, kenne von ihren Verhältnissen noch so wenig; da ist es kein Wunder, daß Manches mich befangen macht, daß ich in mir selbst nicht sicher bin über mein Handeln.

Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, tröstete ihn der Freund.

Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater bereits Argwohn geschöpft hätte, durch Kundschafter schon unterrichtet wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm Bericht erstattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging?

Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgniß beschwörst du mir da herauf! rief Leonardus, und seine Züge wurden bleich, die angstvolle Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn.

Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angés? setzte Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hause Nachricht zu geben, und in dieses Haus sie zurückzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie ist gut und edel, sie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück deiner Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr trenntet euch, da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger Freundschaft. Sie konnte sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie es selbst im glücklichsten Fall als Fremdling, als Andersglaubende hier in Amsterdam seyn? Sie ist Protestantin, ihr katholisch.

Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die wahre Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele Tausende solcher gemischter Ehen werden nicht alljährlich geschlossen, und gewiß die meisten glücklich! Du wirst bald gewahren, daß bigottes Wesen uns fremd ist; unser Geschäft schärft den Blick für das richtige Verhältniß in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und noch mehr, Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöser Ueberzeugung vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen Gottes.

Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Daß Angés mitkomme, sei deine Sorge.

Die Freunde machten in Begleitung Angé’s und der kleinen Sophie einen Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch so manches Merkwürdige und Schöne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt Ludwig’s Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig saß an Angé’s Seite. Noch einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom ruhigen Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem sinnbethörenden Lärm, mit all seinen gemischten Gerüchen von Tabaken, Häringen, Käsen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwägen voll Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die in großen Kübeln plätschernd den Fußgängern Wasser in die Augen und auf die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matrosen, Lastträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich, Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die Pracht der riesigen, majestätischen Schiffe, dort die Pracht der Gebäude, die Admiralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von Windmühlen, die alle arbeiten, als dürften sie nimmer ruhen und rasten, um dieser unzählbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der Neuzeit, und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit anzugehören.

Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straßen des nordischen Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die schiffebelebten Kanäle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer noch voll unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schöner Ordnung. Die schönste Brücke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit 35 Bogen über die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das Palais des Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tausend Säulen, der schönsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelfülle, wurde flüchtiger Besuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes wartete, ergötzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte häufig freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre Blicke auf sich zog, und saß zuletzt in einer kleinen Welt von im Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen und bunten Bändern engelfroh und engelschön, ein Bild zum Malen, wie zum Küssen.

Späteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen der reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Märkte, der Theater, der bedeutendsten Gemälde- und sonstiger Sammlungen.

An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebäuden, Magazinen, Hallen und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg vorüber lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem Ludwig und Angés Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum Abendbesuche im Hause des Herrn Adrianus van der Valck.

Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus führte seine Freunde mit Absicht etwas früher ein, er wollte und wünschte, daß seine Eltern erst allein, ohne fremde Zeugen, die Auserwählte seines Herzens sehen möchten.

Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte Dienerschaft, die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der Eltern, die ungemein feierlich den Abendgästen entgegentraten, das Alles kündete Außergewöhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier seiner Rückkehr in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljährlich zwei-, höchstens dreimal wurde große Abendgesellschaft gegeben, bei welcher in dieser Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck sich kundgeben durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich einfach, gab höchstens einmal unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem der alte Herr gemüthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang anzuthun, und zu welchem nur die nächsten Anverwandten gezogen wurden. Angés war tief verlegen; sie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus, daß ihr Anzug, obschon sie völlig passend und keineswegs ärmlich gekleidet erschien, in diese Räume und was dieselben erwarten ließen, nicht passe, und noch verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem die Hausfrau sie ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Gräfin Excellenz anredete, sich unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genießen, sie in seinem geringen Hause begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle von Lob über die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht der Täuschung, daß Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte? Hielt der alte Mann sie wirklich für Ludwig’s Verwandte, die Frau eines seiner Vettern? Konnte, durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen? Und mußte nicht das beschämende Gefühl sie zu Boden drücken, hier vor diesen würdigen, hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige Lügnerin und Betrügerin zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott, und lauerte auf sie die schmerzlichste Demüthigung? – Während in Angés diese Gefühle kämpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria Johanna, geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwürdigen Matrone, vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen, als sie Ludwig’s Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als Ludwig sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an: Aber Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr?

Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, min Vlugteling! antwortete sie lächelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus van der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag’ ich dir, Leonardus, das wird ein wahrer Priester und ein Rüstzeug des Herrn und unserer geheiligten Kirche! Und deine schönen Nichten? Hast du denn gar kein Herz mehr für die holdseligen Jungfrauen, deine nächsten Verwandtinnen?

Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten sind mir ja noch alle lieb und werth, aber hätte es deswegen so großen Prunkes bedurft?

St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen, weißt, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines seligen Herrn Vaters Hause gerade so – eene goede opvooding hebben, ist ryke huwelyks-gift – gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert’s dich, mein lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in Geschäftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn Erbstatthalters, wie von dessen Söhnen? Man muß es mit Niemand verderben, by niemand in ongunst raaken.

Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich schönen Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen Blüthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln, sorgte auch alsbald für des kleinen Mädchens Zerstreuung, indem sie das Kind einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und allerlei Naschwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus entfernte sich, um seinen Anzug zu verschönern, und Ludwig wandte sich wieder zu dem alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nöthigte, und da noch Niemand von den erwarteten Gästen kam, mit ihm ausschließliche Unterhaltung begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn kundgab. Ludwig konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die Pracht des Hauses, die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen Räumen ihn umgab, zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr Adrianus nur mit einem tiefen Seufzer.

Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser: Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf, vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre bürgt mir dafür, daß Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich aus gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen Sohnes sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will nicht eingehen in meine Pläne, die nur sein Glück begründen wollen; er ist mein einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann seine Zukunft golden machen, denn mit mir geht meines Hauses Glück und Glanz zu Ende.

Unglaublich! flüsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare verschwenderische Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen bedeutende Häuser?

Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu meinem Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all mein Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem entsetzlichen Fall.

Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes Erschütterung.

Dieses Haus, Herr Graf – flüsterte der Alte, nur leise hauchend: – ist die holländisch-ostindische Compagnie!

Wie wäre das möglich? fragte Ludwig.

Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschöpft: Sie können noch nicht rechnen, haben’s ja selbst gesagt – ein großer Fehler – ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist leicht, ist faßlich – aus den vier Species, reine Subtraction!

Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheißen, hinterließ mir und meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schönes Vermögen. Die Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt das Geschäft. Schon unsere Vorfahren hatten die holländisch-ostindische Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr Vermögen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten dieselben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der Engländer; große Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt Gesetze vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und Ternate; sie bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und in das Küstenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und verbrannten Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet und erbaut, Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und zuletzt das Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug jedes Hundert holländischer Gulden fünfundsiebenzig Gulden Zins, bald aber standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig Procent.

Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das sagen will, ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten für die Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straßen, Kanäle, Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorüber. Die Compagnie ist ein Bild des irdischen Glückswechsels; als ich geboren ward, im Jahre siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien fast auf neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig auf eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf, eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jährlich einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so ständen; ich wollt’ es Ihnen gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer rascher abwärts, schon von siebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt stehen? – Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der Vogel Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt – sie sind ft! in die Luft – kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da, Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu bezahlen! Adieu bon esperançe! Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui! Ich will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig hatten wir zwölf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre Schulden – aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und können uns mit vollerem Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba Geusen, das heißt Bettler nennen. Unser Alba, der uns in den Staub tritt, ist die Verarmung.

Erschütternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Riß eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge Mann in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein.

Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glück mit liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein Käsekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likörbrenner? O, Herr Graf, Sie haben Macht über sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten, auf daß ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit zur Grube fahre!

9. Eine Abend-Gesellschaft.

In den vordern Zimmern wurden schlürfende Tritte vernommen, weibliche Stimmen, es rauschten Gewänder von reichen und schweren Stoffen. Herr Adrianus drückte Ludwig die Hand, erhob sich und sagte: Die Damen kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenseitige Vorstellung.

Der erwartete Besuch trat ziemlich rasch hinter einander ein, ward begrüßt, begrüßte verwandtschaftlich-freundlich den heimgekehrten Leonardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauses van der Valck, und es erfolgte die förmliche Vorstellung, die für Ludwig und Angés wegen der Täuschung, die sie sich an diesem Orte erlaubte, viel Peinliches hatte, was aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu umgehen war. Der alte Herr Adrianus führte die Damen zunächst dem jungen Grafen vor, welche, während er ihre Namen nannte, steife Knixe machten; eben so steif war ihre Haltung und Tracht, letztere sehr einfach, aber reich, und Alles an Stoffen der Gewande wie am Schmuck von höchster Gediegenheit.

Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines ältesten Bruders Petrus van der Valck, der schon im Jahre siebenzehnhundertachtundachtzig starb, trauernde Wittwe. Sie ist die Tochter des Herrn Martinus von Heynsbroeck und der Frau Anna Maria van der Stoot.

Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieser kalten, bleichen und langen Gesichter das ganze Geschlechtsregister anzuhören bekomme. – Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran.

Meine liebe Schwester, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider ebenfalls schon Wittwe und zwar des weiland Kauf- und Handelsherrn Theophilus Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieser Zeitlichkeit schied, leider ohne männliche Nachkommenschaft; hier aber sind seine Jungfrauen Töchter, Cornelia Petronella, Helena Maria und Christina Theodora.

Auch die Gesichter dieser Jungfrauen, von denen eine sogar Helena hieß, hatten keine helenischen Physiognomien, und keine sah aus, als werde um ihretwillen ein trojanischer Krieg entstehen. Jetzt trat ein kleiner junger wohlgenährter Herr heran, mit einem blühenden, vollrunden Gesicht, ein schmuntzelndes Lächeln umspielte fast stehend seine frischen Wangen und sein glattes gekelchtes Kinn; man sah ihm an, wie schwer es ihm wurde, ernst oder gar heilig auszusehen.

Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner Schwester Clarina, Wittwe. Wie Sie sehen, Herr Graf, ein geistlicher Herr, Caplan von Sanct Ottilien, welcher sich dem Dienste unserer heiligen Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer.

Ja wohl! ganz außerordentlich! fügte, Spott in seinen Mienen, Vincentius Martinus hinzu. Lassen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie sehen ja, wie schamroth ich werde. Es ist mir eine große Ehre, Herr Graf, Ihre Bekanntschaft zu machen; Sie sind ein Freund meines Vetters, und wer dessen Freund ist, ist auch der meine, vorausgesetzt, daß ich solche Ehre mir anmaßen zu dürfen nicht unwürdig befunden werde.

Wenn mir vergönnt sein wird, Herr Caplan, öfter die Ehre zu haben, in Ihrer Gesellschaft zu sein – hoffe ich –

Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig’s zu hören, Vincentius, Blitz – da kommt die Braut, das Meerwunder!

Ludwig erschrak bei diesem Wort. Er hatte geahnet, daß es so kommen werde, und begann für Leonardus zu zittern, wie für Angés.

Eine hohe stattliche und schöne Jungfrau rauschte herein, gefolgt von noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; sie verbeugte sich nach den strengsten Regeln der Complimentirkunst, hielt auch ihren Bastille-Fächer, das Neueste, was die Mode von Paris nach Amsterdam gesendet, kunstgerecht, hatte ein höchst regelmäßiges aber kaltes Gesicht, und war nicht die Jungfrau, der ein liebebedürftiges Herz sich wohl hätte nahen mögen. Auch sie wurde vorgestellt: Mejuffrow Sibylla Nikodema van Swammerdam.

Leonardus war zum Tod erschrocken, ihn graute; er sah was kommen werde, und suchte sich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin gewirkt zu haben, daß Angés im Hause seiner Eltern war. Klar lag der Letzteren Absicht vor seiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und nach mehr und mehr sich sammelnden Gäste, Verwandte von Vater und Mutter und von Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam; nichts Geringeres war im Werke, als mit dem Fest seiner Heimkehr das Fest seiner Verlobung zu feiern. Begrüßen, Vorstellen, zum Sitzen genöthigt werden, um stets wieder aufzustehen, wenn die Förmlichkeit erneuter Vorstellung und Begrüßung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, indeß unter den silbernen Theekannen die blauen Flammen loderten, Flötenuhren mit zarten und gutgestimmten Glockenspielen beliebte Liederweisen spielten, und köstlicher Wohlgeruch durch alle Zimmer seine balsamischen Düfte strömte. Ludwig näherte sich wieder Angés und ihrem Kinde, das sich’s behaglich schmecken ließ und eine Cyperkatze streichelte, die sich zutraulich an die Kleine schmiegte.

Freund! flüsterte Angés zu Ludwig, ich wollte, ich wäre nicht hierher gekommen, mich drückt all’ diese Pracht, ich fühle mich hier so unendlich arm und so sehr verlassen.

Fast geht es mir eben so, gute Angés. Man hält Sie allen Ernstes für meine Verwandte; ich wünschte, Sie wären es in der That, dann brauchte Ihr Herz nicht beklemmt zu schlagen. Vielleicht können wir das Kind zum Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen.

Sehen Sie, wie außerordentlich feierlich Alles ist, sehen Sie, mit welchen Blicken der junge Geistliche mich mustert?

Sie werden ihm gefallen! scherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu verscheuchen.

O Gott, nicht solchen Scherz! seufzte Angés und legte die Hand aufs Herz, das bange, sehr bange schlug.

Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hülfe ihrer Schwägerinnen ihre Abendgesellschaft zum Sitzen gebracht, und der Thee ward herumgegeben mit aller auserlesenen Zubehör; doch saß die Gesellschaft steif, nach holländischer Weise ziemlich wortkarg, verlegen, die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen japanischen Tassen, leicht wie Luft und zart wie holländisches Papier, in Berührung mit den Theelöffeln ließen sich mit feinem Klang vernehmen. Da schlug plötzlich die kleine Sophie an ihrem Tisch ein schallendes Gelächter auf, und rief laut in die Gesellschaft: Ah – ah – ah – ahi – ahi! Voila! qu’elques drôles caricatures – qu’elques bouffons!

Aller Blicke wandten sich voll Staunen nach dem Kinde hin. – Angés erschrak, dies vorlaute Wesen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Himmel, wenn sie des Hauses Gäste meinte!

Doch diesen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des Hauses, welche die Hände zusammenschlug und lächelnd ausrief: Voorwaar, voorwaar – kinderen en gekken spreeken de waarheid!

Beim Himmel! rief der alte Herr: du hast recht, liebe Frau, nie fand ein Sprüchwort bessere Gewährschaft, als dein: Kinder und Narren reden die Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es so, daß die Mehrzahl der Gesellschaft die aufgeschlagenen Blätter gewahrte.

Sie sehen hier, Damen und Herren, das neueste Costümebuch der Grande Opera zu Paris, fuhr Adrianus schneidend fort: den abgeschmacktesten und unsinnigsten Mischmasch römischer, mittelalterlich-französischer und spanischer Maskenanzüge und Comödiantentrachten! Möchte man nicht manchen dieser Muscadins und Incroyables fragen: Federbusch, wo willst du mit dem Kerl hin, der dich trägt? Fluch allen diesen blutigen Possenspielern in ihren rothen, schwarzen und purpurverbrämten Mänteln, ihren weißwollenen römischen Togen und Tuniken, ihren Federhüten und Harlekinskappen. Es ist doch nichts als eine heillose Bande von Gurgelabschneidern, Mordbrennern, Räubern, Bluthunden und Brüllaffen!

Es waren in der That die Trachten dargestellt, in welche die große Nation jene Beamten kleidete, durch deren Machtsprüche sie ihre besten Köpfe gouillotiniren ließ. Schlaue Theaterschneider waren es, welche diese Trachten ausgesonnen hatten; keiner hatte sich selbst vergessen; nur Frankreich vergaß sich selbst ganz und gar. –

Während die Abendgesellschaft sich mit dem Beschauen dieser Bilder beschäftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet über die Gracht geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus stand, waren eine gute Strecke von demselben abgestiegen und hatten den Dienern die Zügel ihrer Rosse zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere langsam auf- und abzuführen. Diese Herren waren alle drei von stattlichem Wuchs, trugen Soldatenmäntel und waren in Galla-Uniform, im vollen Schmuck blitzender Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform eines Vice-Admirals der englischen Marine, und schien dreißig Jahre zu zählen; der zweite erschien einige Jahre jünger, hatte aber gleich jenem eine athletische Gestalt und ernste kriegerische Haltung; der jüngste war ein schlankgewachsener schöner Jüngling, der kaum zweiundzwanzig Jahre zählen mochte. Sein Auge war äußerst lebendig, sein Wuchs wie seine Haltung stattlich, und ein freundlich offenes Wesen mußte für ihn einnehmen.

Noch einmal, lieber Graf! flüsterte der Jüngste dieser Herren dem Mittleren zu, indem sie dem Hause van der Valck zuschritten, Mäßigung und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer weiß, was der alte Herr gesehen oder gehört hat, und wie er Wunder denkt, welche Freude er Ihnen bereitet, welche Ueberraschung!

Ueberraschung auf jeden Fall, mein –

Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor der Zeit offenbaren!

Ueberraschung ganz gewiß, wiederholte der Andere mit schlecht verhehltem Ingrimm. Es ist so, wie soll ich’s denn anders denken? »Wenn dem Hause van der Valck die hohe Ehre des unterthänig erbetenen Besuches zu Theil wird – schreibt mir wörtlich der alte Herr – so wird es Hochdenenselben gewiß zum höchsten Vergnügen gereichen, in meinem Abendzirkel einen liebenswürdigen jungen Verwandten mit einer doppelt liebenswürdigen Verwandtin, Gemahlin eines der verehrten Herren Vettern, und einem Kinde, welches man ein Wunder von Schönheit nennt, zu finden, welche beide gestern mit meiner Pinke, die »vergulde Rose«, Curs Hamburg, Carolinen Siel à Amsterdam, hier eingelaufen sind.

In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort. Wenn es nicht deine Frau ist, so bin ich äußerst neugierig auf die schöne Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schöne junge Frau und ein so schönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber Vetter, du grollst vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der Leimruthe einer hübschen Larve gefangen nahm, und so gnädig ist, in diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck’s die junge Gräfin zu spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird er schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das Feuer scheut. Jeder muß selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu tragen.

Jedenfalls aber muß dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu führen, so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren!

Nur erst prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erst noch einmal den alten Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jüngste Begleiter.

Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Lust, mich mit dir zu schlagen, daß deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so beleidigen! Als du wegfuhrst, verließest du sie doch leidend; so ätherisch sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt für einen Engel, einen Seraph erkläre, eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist sehr gut für dich, sie hat keine Flügel, folglich kann sie dir unmöglich unter den Händen weg voraus geflogen sein.

Was half all’ dieses Reden! Der eifersüchtige Mensch ist stets sinnlos und handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste, beste Mensch wäre; die Leidenschaften sind Dämonen und werden es ewig bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Götter. Und fürwahr, es erscheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre der Reife erreichte, ein Pandämonium ist und bleibt bis zum Grabeshügel.

Ich hoffe, daß ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz verblendete Mann, aber möglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hübschen Laffen, dem Lebensretter, übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen vier oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser Vorsprung war ein Leichtes.

Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und deiner Rückreise wohlbekanntes Ziel.

Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das durch die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kündete seine innere Bewegung an. Jetzt war das Haus erreicht.

Noch ein Wort! sprach der Jüngste der drei Herren. Kein Feldherr unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die Vorpostengefechte beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf übermorgen sage ich das Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein günstiger Friedensschluß den Feind zur Unterwerfung nöthigt.

Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen.

Herr Adrianus hatte, während die Gesellschaft sich der Betrachtung der erwähnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines Dieners unbemerkt das Zimmer verlassen und empfing mit ehrfurchtvollem Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren.

Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen, Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine Marie?

Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da, aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hörte ich dasselbe Sophie rufen.

Da haben wir’s! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal wieder ein starker error calculi meines hochgnädigen Herrn Vetters!

Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der Eifersüchtige.

Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklärung hinwegfällt, scherzte der jüngste der drei Offiziere, so dächte ich, wir bildeten heute blos ein Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als Bataillonschef selbst jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden befinden.

Die Gesellschaft im hohen geräumigen Besuchzimmer nahm wahr, daß am Ende der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Dienern nicht ohne Geräusch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kronleuchtern, auf deren jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in demselben Augenblick erklang von einem großen, in dem Durchgangszimmer aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flöten-, Trompeten und Fagottstimmen, mit türkischen Becken und halbem Mondgeklingel, mit Posaunen- und Paukentönen füllreich und harmonisch bewillkommend die Melodie der niederländischen Nationalhymne.

Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüsterte er, während die ganze Gesellschaft sich überrascht und feierlich erhob, diesen Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater? Se. Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei Generale!

Und einer derselben mein gestrenger Vetter, der souveräne Erbherr von Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und wahrhaftig, der Andere ist William, der englische Vice-Admiral, ebenfalls mein Vetter. O Leonardus!

Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen begrüßende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den Vice-Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und was sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde des Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuser van der Valck und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war.

Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die hohen Gäste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden: Diese Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus.

Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er sah in ihr ein schönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Gesicht, das machte ihn innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und Gereiztheit, trieb ihn zu einem raschen Entschluß. Während noch der Erbprinz zu Leonardus gütig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral mit wenig verschämter Neugier Angés betrachtete und in sich selbst hineinmurmelte: Schön, außerordentlich schön, kein übler Fisch, und darauf ein Gespräch mit Angés anzuknüpfen begann, winkte Graf Wilhelm Gustav Friedrich seinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und sprach zu ihm: Ludwig Carl, kannst du vergessen?

Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig offen zur Antwort.

Ich will es! entgegnete der Erbherr.

Ein gegenseitiger fester, männlicher Händedruck, und die Versöhnung war besiegelt.

Aber sprich, wer ist diese Dame?

Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und incognito! flüsterte er.

Zu Angés gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine Niederländerin, meine Gnädige? Französin ohne Zweifel?

Eine Deutsche! gab Angés zur Antwort.

Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath?

Die Pfalz.

Ah so, die Pfalz, ein schönes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz, schöne Pfalz-Gräfin –?

Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebührt vielleicht Personen Ihres hohen Geschlechtes, ich aber muß ihn bescheiden ablehnen.

Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war überrascht von dieser einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angés kenne genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren, wie Angés eine Pfalz-Gräfin war. Indem er sich so für abgefertigt hielt, gewann Angés in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder blosstellen, sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im scherzhaften Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen denn das Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unsere Verwandte sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! – Diese Worte machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestürzt. – Nicht? nicht? nicht? stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der junge Herr Graf selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern, wie konnt’ ich zweifeln? – Gewiß, lachte fast laut der zu Scherz und Spott stark geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie zweifeln? Die Verwandtschaft des jungen Herrn ist erstaunlich groß, er hat ganz sicher sehr viele Vettern und auch Mühmlein. Er ist ein Luft-, ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie auf Ihre goldenen Theelöffel Acht haben, Herr Adrianus, ich glaube, die Dame ist eine feine Spitzbübin, und daß sie des Goldes bedürftig, sehen Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht.

Es fiel dem Vice-Admiral nicht im Entferntesten ein, diese seine Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts lieber war als baare Münze, nahm auch diese Worte für solche, und sein Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld, wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der – Landläuferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur Steigerung seines Aergers, so eben mit Angés im vertraulich flüsternden Gespräch erblickte, während der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt und der Erbprinz sich in ein Gespräch mit der würdigen Familie von Swammerdam eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmüthige Frau in den Weg und fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene beginnen? Mache daß die Täubchen endlich zusammenkommen, denn das Sprichwort sagt: waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld is, daar wil het geld wezen.

Ja ja, Mutter, ja ja – wenn nur nicht – nun gleich – werde die Sache einstweilen ordnen – doch sorge, daß die Herren zuvor gut bedient werden.

Du siehst ja, daß es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden die Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben höchstihren Zuckerkuchen in den Thee.

In Adrianus Innerem kämpften widerstrebende Gefühle und ein Zweifel jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter dieser Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter angedeutet, und brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte dahinter; aber Adrianus hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und jene Dame, die er eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den übrigen Gästen blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis paßte, wie war seine eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den Erbprinzen dazu eingeladen zu haben?

Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute Amsterdams bildeten eine höchst achtungswerthe Aristokratie, kein Fürst brauchte sich ihrer zu schämen, das hatten schon die deutschen Kaiser Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu Amsterdam seine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiser Sigismund’s hinab erstreckte. – Herr Adrianus war unglücklich in seinem Gemüth und mit sich selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgänge des heutigen Abends so schön ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nächsten Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut öffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen salbungsvollen Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander diese Verlobung in der St. Ottilien-Kirche öffentlich verkündigen. Die ehrbare Braut, fügsam und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau ziemt, war Alles zufrieden, was die Häuser van der Valck und Swammerdam über sie beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit Sehnsucht oder zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt herbeizusehnen, dessen doch in aller Gemüthsruhe gewärtig.

Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an, sein stets schalkhaft lächelndes Gesicht in ein ernsthaftes umzugestalten, was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu jugendlich munter, um schon seinen Zügen die stehende Type gottverhaßter Heuchelei fest einzuprägen, wozu entweder sehr frühe Uebung oder reifere Jahre gehören. Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange hagere Gestalt der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den Mittelpunkt vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsäule gleich, mit niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von Leben gab, als daß sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und noch feiner durchbrochenen Elfenbeinblätter ihres Bastille-Fächers aufschlug und wieder zusammen klappen ließ.

Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei es eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen Gäste in den Halbkreis, und nur Angés wandte sich zu dem Kinde, das jetzt einige Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte sich zu ihm nieder und flüsterte der Kleinen zu, daß sie sich bald nach Hause begeben wollten. Sophie zeigte mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder, die sich vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies nur leise flüsternd that, und Angés sich ebenso mit ihm unterhielt, so störte das nicht im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der Valck jetzt vor dem Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und deren Inhalt sich um die unsterblichen Sätze drehte: daß Gott im Anfang ein Männlein und ein Weiblein erschaffen und in eigener allerhöchster Person geäußert habe, es sei nicht gut, daß der Mensch allein sei, daß folglich jeder Mensch, nämlich Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn sei; daß ferner alles irdische Glück, wonach auch alles Streben hauptsächlich ziele, in Erfüllung göttlicher Weltordnung und der Gründung eines häuslichen Herdes gesucht und gefunden werde. Auch sei durchaus unzweifelhaft, daß Gott und seine heilige Kirche nur mit Wohlgefallen auf christliche Eheverlöbnisse blicke, die nach den Wünschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und Verwandten, und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung über das irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden.

Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van der Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van Swammerdam eine derartige Verabredung schon in früheren Jahren getroffen worden, so soll dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so verloben wir, ich, Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner ehrsamen Hausfrau Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen eheleiblichen Sohn Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr, Herr Nepomuck Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame Gemahlin, Frau Susanna Euphemia van Swammerdam, geborene van Neriske, als Tochtereltern, ihre eheleibliche einzige Tochter, die »adelyke« Jufferouw Sibylla Nikodema zu einem rechten christlichen Brautpaar vor diesen allseits achtbaren, hohen und höchsten Zeugen!

Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine vorher leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen, die er bereits in den Händen hielt, leise klingelte, fuhr Angés horchend auf und eiskaltes Entsetzen überrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr lauschte sie hin, beide Hände fest gepreßt auf die ungestüm wogende Brust, auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach Fassung. – Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen – zuckte es durch ihr Gehirn – nicht den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés – denn er ist nicht dein, wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht; du darfst nicht Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch auf dich laden! – Und so stand die schöne, zitternde Gestalt im gewaltigen Kampfe zwischen Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer vom Pfeil des Todesgottes getroffenen Tochter Niobe’s, bleich wie ein antikes Bildwerk aus cararischem Marmor.

Und Leonardus? – In seinem Busen wogten und gährten Höllenangst, Zorn, Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer sich wollte er schon einen unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach Brauch und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch schon Vincentius Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in diesem Augenblicke aber fühlte er seine Hand fest erfaßt und gedrückt, und hinter ihm stand Ludwig und flüsterte: Sei Mann! Verstellung, keine Scene, stelle deine Eltern nicht blos – wir helfen dir heraus!

Diese Worte hörte Angés nicht, denn sie hörte überhaupt nicht mehr, ihr ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter geführt, ganz ehrbar zu seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla’s Hand in seine Hand legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz trotz der dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern, Kandelabern und Gueridons brannten, daß sie gar nichts mehr sah; lautlos sank sie in sich zusammen.

Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten Leonardus, er sank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief außer sich, Alles um sich und sich selbst vergessend:

Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache! – Der Erbprinz bemühte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkosend das schöne Kind; zufällig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karminroth von der feinen Haut die Buchstaben entgegen: S. C. B. Er hob mit einem lauten jauchzenden Ausruf die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude!

Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angés schlug die Augen auf, und sah das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer Ohnmacht schneller geweckt, als die stärkenden Essenzen. Eure Hoheit – wurden fragende Stimmen laut: Was ist’s mit dem Kinde? Und Jener rief mit schöner Wallung des Gefühles: Dieses Kind – ist mein –

10. Ein Tag in Paris.

Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare, unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter einem hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe und Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge folgte dem anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein, denn das Unerhörte fand statt, es feierte selbst – die Guillotine.

Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?

Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit dem vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte, Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön, obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25. Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli (Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von Oekonomiewerkzeugen und Küchenkräutern, hinter denen man nur Dreschflegelführer und Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als sie sich zu Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer haben? Diese Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten sein, wie eine Nation, die sich die Große nannte, solchen Gallimathias gutheißen und anerkennen konnte?

Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten, kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel und Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken rothe Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau, roth, weiß. Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige Pistolengriffe schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des Kleeblatts heraus. Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen und Pulver in dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas furchtbar Wildes, und zeigte sie so recht vollständig à la mode, denn solcher Gestalten und Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren sogenannte Carmagnolen.

Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können. Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl durch, und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen Plätzen und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück, Programmes de spectacle feil.

Aufzüge waren es, welche die wühlenden Massen in Stocken brachten und für welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten wurde. Da zogen Jungfrauen auf das Schönste, wenn auch nicht auf das Anständigste geschmückt, nämlich in flordünnen griechischen Costümen, durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen, Kränze von Aehren und Kornblumen im Haar und Körbchen voll Blumen tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte, wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals schön, kleidsam und anständig genannt ward. Es kamen Greise, anzusehen wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die Wachsfigurenkabinette die Jünger Christi umhängen, die das Abendmahl feiern, mit schneeweißen Perrücken und abscheulichen Flachsbärten. Diese tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der großartigen Farçe ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um sie den Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, sobald ihr Stichwort fallen würde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thorfahrten geschmückt. Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüstet worden, um Paris für einen einzigen Tag einen schnell vergänglichen Schmuck zu leihen.

Die drei jungen Männer in der schmutzigen Carmagnolentracht wühlten sich langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer allmählig gelang, an der Wasserseite gegenüber dem Pavillon der Flora und der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen, von dem aus sich einigermaßen die Festlichkeit übersehen ließ, welche sich vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens erbaute Amphitheater, das sich bis hinan zum großen Balkon des ehemaligen Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe Rednerbühne emporragte. Vom Amphitheater führten Stufen bis herab zum großen runden Wasserbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und in dessen Mitte statt der zertrümmerten Steinbildsäulen, die dasselbe früher geschmückt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war, zusammen gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht, der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkündete, daß dies »die einzige Hoffnung des Auslandes« darstelle und bedeute.

Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spöttelte einer der drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefährten, aber in einer Sprache, die ganz fremdländisch klang und die schwerlich ein Akademiker verstanden haben würde.

Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der jungen Männer.

Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll blinder Kinder.

Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von einer Schaar entmenschter Henker den Fuß auf den Nacken setzen zu lassen?

Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthschaften und allerlei Gerümpel, welches die Attribute des Gewerbes und der Künste darstellen sollte.

Ah, der neue Kalender! flüsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel, Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Sense, lauter Monatstage; die neuen Heiligen!

Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernsthaft, Junge, ernsthaft, sonst ist’s um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln stempelt dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil.

Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mütter, der Kinder, der Jünglinge, der Männer u. s. w. nach der Vorschrift des Programms vertheilt waren. Gegenüber den drei Zuschauern erblickte man in einigen Fenstern des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von Zuschauern und noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine Gesellschaft, welche dem angenehmen Geschäft des Frühstückens oblag. Der eine von den drei aufmerksamen Zuschauern flüsterte seinem dicht an ihn gedrängten Nebenmanne mehrere Namen zu. – Jenes Weib mit dem abscheulichen Aufputz, dem fliegenden Mähnenhaar und den weit herauf entblößten Armen, ist die Bürgerin Dumas, die Frau des Präsidenten des Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in großem Costüme. Dort stehen neben einander Barrère und Collot d’Herbois, und lassen sich den Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Bürger Villate, der sich jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein hungerleidender Seminarist, wofür er sich jetzt entschädigt. Er hat stets Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen. Vor Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine sandte: Die Angeklagten sind doppelt überführt, sie haben nicht nur eine Gefängnißverschwörung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen Magen. Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum Frühstück gelangen können. Lasset sie dafür in den Sack niesen!

Ha! – Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrängt harrende Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, daß sie auf ihn harrt. Sieh – er trinkt – rothen Wein!

Ob ihn nicht schaudert? flüsterte leise fragend der Eine.

O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit längst überwunden.

Er trägt eine grüne Brille, flüsterte jener wieder.

Farbe der Hoffnung auf die Dictatur. –

Das Frühstück bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten harrte im Brande der Frühlingssonne des heißen Junitages die Menge, theils geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der Einheit (früher d’Horloge) schlug zwölf – sie schlug halb eins – man sah jenen Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an seine Stelle getreten, die Männer des Revolutionstribunals, hohe schwarze Hüte mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze Talare, darüber breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder um die Brust mit metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer Ordensbündnisse – alle Brüder eines Todesbundes, der Menschenleben hinmordete, wie des Mähers Sense die Wiesenblumen in Schwaden dahinstreckt. Es schlug ein Uhr – immer noch harrte die Menge, die Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer fehlte, der vorhin doch da gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele des Festes – er war nicht mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus dem Zimmer gewankt war, vergessen, sein Blumenstrauß; man suchte ihn, man fand ihn auch – es war der Repräsentant des französischen Volkes, den man gesucht, den man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der Anstand zu sagen; es war Robespierre, und Robespierre – war betrunken.

Das war der Mann, der jetzt herbeischritt, bleich, mit gerötheten Augen, etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin, der Mörder der Girondisten, der Mörder von des Königs Schwester, der Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mörder von Tausenden; eine Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper so klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das war die körperlich und moralisch schreckliche Mißgeburt und die Gottesgeisel, die sich das große Frankreich gleichsam zum Herrscher gesetzt, der es seinen freien Nacken beugte. Das war der Gotteslästerer, der es gewagt hatte, am heutigen Tage ein Fest des höchsten Wesens anzuordnen.

Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrüßte das berauschte Scheusal, und es hallte endlos und endlos Vive Robespierre! daß es ihn ernüchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die Tribüne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flämisch und Französisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu – von glücklichem Tag, französischem Volk und höchstem Wesen, von Tyrannei und Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem höchsten Wesen, in dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken und Wünsche zu weihen.

Dieses höchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächste sollte 23 dem Beile verfallen sehen.

Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe der Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser mit einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikanischen Wüste glich, geendet hatte, brausete stürmischer Beifall, obschon nicht ein Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen.

Feierlich stieg Robespierre von der Tribüne herab und die Stufen nieder, um symbolisch die »einzige Hoffnung des Auslandes« zu vernichten. Man reichte ihm einen brennenden Kienspahn, und mit dieser stinkenden Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit Brennstoff umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war so getroffen, daß an die Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Träger das Bild der Weisheit in reiner, schöner und edler Gestaltung treten sollte – aber wohl wälzte sich unter Trommelwirbeln und Musikklängen dicker Dampf empor, wie weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande – wohl krachten die Bretter und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der Atheismus mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rührten sich kaum, sie wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten Mechanismus jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeräuchert wie ein westphälischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme stand als Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trümmer, nämlich der allegorischen Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und heitern Stirn; bei ihrem Anblick drängen sich Thränen der Freude und der Dankbarkeit aus aller Augen.

Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die »Hoffnung des Auslandes« unerschüttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie zusammenrissen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöschliches Gelächter ergoß sich durch des Nationalgartens menschenvolle Räume. Das kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die Tribüne und perorirte seine schwülstigen Phrasen von dieser herunter der Menge zu, Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekämpft die Könige, ihr seid also würdig, die Gottheit zu verehren! – Unser Blut fließe für die Sache der Menschheit – das ist unser Gebet, darin besteht das Opfer, welches wir dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen, du höchstes Wesen!

Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und Comödianterie, und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die Menge wälzte sich aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die Eintrachtbrücke im dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber.

Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen.

Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte mehrere auf uns gerichtete verdächtige Blicke, besonders drängte sich ein Kerl in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengesicht – dort steht er noch und läßt uns nicht aus den Augen – an uns heran, entweder hat er Lust zu stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich.

Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte sich der erste Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die jetzt, der noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai entlang schritten und den Zwischenraum zurücklegten, welcher das Tuilerienschloß vom Louvre trennt.

Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern, mit dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdländischen Sprache, in der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragödie?

Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so viel Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind, zutrauen, daß ich meine Augen nicht verschließe, zumal wo Alles so wie hier in die Augen springt, selbst wenn man diese verschließen wollte.

Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und mehr, mit einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der ganze Garten, denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem Marsfelde. Die Freunde schritten langsam und gemächlich auf der hohen Terrasse am Bord der Seine hin und schauten über die niedrige Steinmauer und über den Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die Spur der zum Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von welcher Seite eine vom Schall nur dumpf getragene Musik herüberklang.

Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion schien, tänzelte hinter den Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht, sondern schritt gleichsam spielend, wie ein großer Junge, auf der Balustrade der Terrasse hin und pfiff sein Ç’a ira-Stückchen, indem er den Sprechenden näher kam und sich bemühte, ihre Rede zu belauschen.

Der mißtrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar kommt en holl Tidd jüm uhn – liat ley wör.

Die Freunde schauten sich um, und der Eine sprach: Nä es et en slecht Tidd! Hura! där dü Barlang hen![4]

Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht zuschauen? fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und lauerte der Antwort entgegen.

Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward ihm zur Antwort.

Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger? fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.

Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie nicht verstehst, Bürger!

Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch.

Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser![5] schrie mit starker Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in den Wellen.

Nä uhn Gotts Namen förward![6] rief der Aeltere der drei Gefährten und bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem Tuilerienschloß verunzierten.

Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen Bade und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein möge, in welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche erkannt, gesprochen hatten. –

In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern, doch etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer geistiger und körperlicher Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben und las sich eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor.

»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere, und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der Löwengrube; ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern, daß von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben glauben wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus schrieb ich Ihrer Excellenz aux armes de la ville – der Herr Graf hatten kaum Zeit, an die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn zu thun; den ganzen lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er schrecklich beschäftigt mit dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit den Admiralitäts- und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten unzugänglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute Erfolge, die sich, wenn ich nach Geldernland zurück bin und klaren hellen Tag in der Sache sehe, von Doorwerth aus vollends ordnen lassen. Auch gegen den jungen Herrn Grafen sind der Erbherr nicht mehr aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der Vice-Admiral, ein trefflicher heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgestimmt. Uebrigens hat sich damals der junge Herr im Hause unseres alten Herrn Adrianus ein kleines Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß nicht durch was, in große Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande gesetzt, was ihm jedenfalls nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er hat ein genaues Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander zu setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff unsers jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich mit seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darüber bis zur Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich gemacht habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider ist dazu die Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun und ob etwas zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in die Löwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die Thorheit begangen, sich an mich anzuschließen und mich gleichsam zum Beschützer jener Dame und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit Händen und Füßen dagegen sträubte – aber meine gar zu große Gutmüthigkeit und der Trieb, wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu helfen, gibt meinem Verstande einen Rippenstoß über den andern. Wir halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen sich in Begleitung Philipp’s unter allerlei Maskeraden in die Stadt, ich hoffe aber alle Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach Doorwerth aufzubrechen so schnell als möglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war auch in Utrecht bei Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Carl; Hochdessen Frau Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und dero Kinder, Gräfin Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der kleine erst zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und legen sich Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur englischen Armee sich begeben.

Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier doch von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen. Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post wird jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen übersteigt alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier einpassirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende Geschäfte gemacht werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist vielleicht der einzige, der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir haben auch zum Schein einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird Ihre Excellenz mit einem Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn ich diesem Briefe eine Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen Haare der unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen die hellen Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.

Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Grossier Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da dasselbe beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille’schen Rentenzinsen für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen namhaften Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu erheben gewesen sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles Vermögen verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht nach Paris zu kommen.

Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz Hochdero getreuester

Paris, den 8. Juni 1794.

Windt.

Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder zu Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir uns wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln.

Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt hinzu; dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten Ausflug gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner ganzen Schönheit.

In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck, unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben, dahin zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben so hier zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das ich reise, glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt, die Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr sie hier aufzuthun.

Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés von ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu dem so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich drängen, mit anzusehen.

Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel, eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem tödtlichen Ausgang für sie alle führen.

Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig, fanatisirt, ça ira brüllend, theilweise auch die Farçe mit sarkastischer Lauge kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin vernahmen die Reisenden manches scharfe Wort. Hat sich anschreien lassen: Vive Robespierre! Tod all’ diesen Schreiern! – War betrunken wie eine Kanone! – Will das höchste Wesen selber sein! – Herunter mit ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige Comödiant!

Angés, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz geschlagen hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt worden waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu schreiben, machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das theuere Kind und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben gelobt hatte, so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie freilich nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft zum Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so völlig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf schönen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße hält.

Angé’s Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre Seele bebte.

Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel schützend und schirmend die Reisenden umschwebten.

11. Die Reisenden.

Im Geldernlande, westwärts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trüb und träge, als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkräftige stolze Strom, sein schönes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt, um sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen Herrenschlosse, Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerschaften, Oeconomiegebäuden, mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen Feldflur, die ziemlich frei ist von Sümpfen und Morästen, und trotz der flachen Landschaft, die nur nach Norden hin einige sanfte bebuschte Anhöhen, was man eben in diesen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen, doch nicht ohne landschaftliche Schönheit ist. Rings grüne Matten, Tabaks- und Saatfelder, noch mehr unübersehbare, mit Heerden bedeckte Wiesen, durchzogen von zahllosen kleinen Kanälen und Wasserrinnen, längs deren in malerischen Gruppirungen die schönsten alten Weiden, Erlen, Ulmen und die hochstengeligen Schößlinge buntblühender Stauden wachsen. Wer je die Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem’s sah und diese Auen, der muß sich sagen, daß in allen Bildern jenes großen Meisters die treueste Wahrheit der Natur herrscht.

Im Frühling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige Landstrich noch einer glücklichen Insel zu vergleichen, um die rings empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners.

Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene Kastell, dessen Bauart ganz die alter niederländischer Schlösser war, der wir so häufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe Bäume, Eschen und Rüstern, uralt und von mächtigem Umfang der Stämme, und deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die ausgedehnten Gärten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem Töpferthon, in denen Blumen hätten prangen sollen, allein einigen fehlte die Erde, andere waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende Hand des Kunstgärtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern der Antike geformt waren, blühte, als was sich an Ritterspornen, Lack, Astern, Levkoien und Trichterwinden alljährlich von selbst aussäete, oder was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und Brennnesseln in manchem dieser Gefäße wuchernd aufgegangen waren. Vom Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten es wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bäume, obschon es nur eine Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von diesem Ufer kaum noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster Fußweg. Früher war eine Fähre da gewesen, auf der man leicht an Stricken sich an das linke Rheinufer hinüber leiern konnte, um auf den Landstrich zwischen dem Rhein und dem schmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen; es stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fährhaus, aber jetzt standen außer dem Hause kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlösser einst befestigt waren, mit denen man die Fähre verwahrte. Einige hundert Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth durchschnitt die sich durch die Wiesen schlängelnde Straße, die von Arnhem nach Wageningen führte, die Wiesenfläche und jenen selten betretenen Fußweg; der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwärts, bildete eine schöne Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach Norden fort gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese führte, der linke Arm zum Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, längste, am Dörfchen Oosterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von Doorwerth aus ein Wanderer in zwei »Uren Gaans«[7] erreichte.

Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Gesinde die andere. Außerhalb der Herrschaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke, zwischen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwohnung stand leer, und in dem weitläufigen und sehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten Kastell waltete Aufsicht führend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der Stadt zu verrichten hatte, eine Frau von gutmüthigem Aussehen, aber dabei raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schönen Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel freute sie fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tüchtiger Büschel reifer Lauch dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender Crocus.

Es war ein schöner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als diese wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster niederländischer Haustracht sich im köstlichen Schatten der nördlichen Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchsten Einfachheit, aber von der möglichsten Größe, wie die holländischen Matrosenfrauen sie trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinste Blümchen. Dieser Fächer, dessen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht bedurfte, war indeß bei all seiner Einfachheit ungleich nützlicher und praktischer, als der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene Bastillefächer von Paris, und das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur Kühlung hervorgebracht werden konnte, war ohngefähr das vom Sausen eines Windmühlenflügels oder dem Hauch eines Blasebalgs.

Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe der schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so lauter, als Niemand vorhanden war, der sie hörte: Ob er wohl nicht bald kommt? Zeit wär’s! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht durch; die ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfällt, Schloß, Wälle, Reithaus. Woher kommt’s? Von der übergroßen Oeconomie, von der Sparsucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal umgewendet, und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was jetzt mit zehn Gulden zu erhalten wäre, muß später mit hundert Gulden wieder hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein Geld haben, und wo käme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die Hamster, und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter, dy een hair in vieren kloofen.

In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau blickte scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr Gott von Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas, dem Reiter entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends abgestrickt, Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in die Tiefe des geräumigen Strickbeutels versenkt hatte.

Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, stieg rasch ab und eilte in ihre Umarmung, die sehr zärtlich, aber zugleich sehr kurz war.

Willkommen, Windt! Gott sei Dank, daß du da bist, Windt!

Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und unermüdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und Haar und zuletzt den Kopf muß man daran setzen. Wie geht es hier?

Nicht besser als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das ganze Schloß voll Einquartierung.

Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefaßt gemacht hast; es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß.

Was? Mann? Spaß oder Ernst? Das wäre mir!

Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt all’ gleich! Der jüngste der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du doch das Schloßthor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein Liebling, hast ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen Freund mit und dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun was ist es weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken wird es ja wohl auch noch in Doorwerth geben, und du bist doch niemals glücklicher, Jule, als wenn du alle Hände voll zu schaffen und für recht viele Mäuler zu sorgen hast.

Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in höchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er denn?

Ei so klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeister. Ich werde den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschütten, habe vorerst nur Geduld und laß mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute Wein-Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht.

Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: so weiß ich, daß ich einen Mühlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du.

Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte Windt das Scherzgespräch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand des anderen sein Pferd am Zügel nach dem Schlosse führend.

Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines für die junge Dame und das Kind, und eines für den fremden Herrn.

Und für unseren jungen gnädigen Herrn?

Nun, für den so viele, als er für sich befiehlt. Das versteht sich doch von selbst.

Ei sage, wer sind denn die Gäste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau Windt.

Und wenn ich’s nun nicht wüßte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand verrathen? gab Windt zur Antwort.

Du weißt es doch, ganz gewiß!

Liebe Frau, wer weiß, ob ich’s so ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote, liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner wußte sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete der?

Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt.

Siehst du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeister auch; er antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen!

Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim, wenn du draußen herum gereist bist.

Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte Schnurre wieder. –

Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte der Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und verschmolzen, je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und hülfreich zu sein, und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erschloß; ja auf Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und Angés das geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten. Gern und freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann, sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit und Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man war endlich doch, ohne allzugroße Beschwerde und Langeweile zu fühlen, welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen hielt und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem sie sich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen klugen und treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer Heimath erzählt, an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen Sehnsuchtsgefühl dachte, besonders wenn der Anblick der endlosen Flächen, welche durchfahren wurden, sie drückte.

O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche, Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts, es piept oder es kreischt nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen!

Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig in Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der Menschen Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend auf an einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen alle Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch nicht allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in bergeumgürteter, schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen, reizlosen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.

Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize, besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder hinein zu tragen versteht.

Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische und diplomatische Gemüth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das vom Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen. Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit der Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés denselben plötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut gerufen: Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und unter Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß dieses Kind mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines Freundes Kind, in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch sei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so erkläre ich hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre Obhut genommen, sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge einer heiligen Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten sei und gesagt habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze dieser Dame und dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht, und werde niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre!

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