Zweiter Theil. (continued 2)
Reading edition
Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit liegenden Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er würde für diese freundliche und gnädige Frage sehr dankbar sein, wenn er sie ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris.
In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin.
Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so dürfte dieser Brief zur Lösung dieser Frage wohl das Meiste beitragen.
O, gewiß, beste Gräfin! theuerste Großmutter! riefen Georgine und Ottoline, und die Reichsgräfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat mir bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht gegeben, von dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu der neuesten Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der Meerfahrt am Bord der »vergulden Rose« bis Amsterdam, wie im Hause des reichen Handelsherrn Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter sich versöhnte.
Ja, sie versöhnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und ich mußte so tief und bitter und schmerzlich leiden über den Zwist der Männer, daß mir fast das Herz darüber brach, und halb – ist’s ja ohnehin gebrochen. Ich bin noch nicht wieder gesund und noch nicht wieder froh geworden, seit ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem Tranke lag gewiß ein Zauber!
Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge um dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers Barbarossa zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers ruhen und träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der liebe Knabe. Er malt gut und treffend.
Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.
Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen. Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las:
»Meine theuerste, geliebteste Großmutter!
»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und schönen Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden Kinde zu geleiten.«
»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen Gesandten hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß diese Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau Gemahlin, o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe günstig lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue schmerzlich, daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie vergönnt sein wird.«
Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin: denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter Ludwig!
»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der enthält die Quintessenz aller Ereignisse.«
»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden zu vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die günstigen Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch die meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich fürchte sehr für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem Vaterlande und der treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine Freiheit ist bedroht. Ihr zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann Carl, ist zur Zeit, wo ich dies schreibe, Statthalter in Utrecht – ich fürchte ebenfalls, daß diese Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer sein wird. Der Vice-Admiral soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg aufhalten; sollte dies der Fall sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen wohnen, und dann bitte ich gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz seiner Neigung zu Spott und Satyre.«
»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle mich heimlich krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der spätherbstlichen Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen befragte, sagte mir, ich müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.«
Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre ich mich gesund baden würde!«
Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie ihn in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten.
In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.
Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen.
Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam, warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen Sie sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres Vice-Admirals, und besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich aber muß unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln? Mein Segeltuch heißt Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker, der wird zum Kreuz über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief unseres Ludwig:
»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt, fast hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler meinerseits gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die englische Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter erzeugten allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert und friert jetzt. Die Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen etwa so: ein Louisd’or in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres werth, nämlich stets in Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend, eine Flasche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter fünfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen dreitausend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so gütig, mir für seinen einzigen Besuch nur sechshundert Livres abzunehmen. Silbergeld ist äußerst willkommen, wer dessen hat, bekommt ein Pfund Zucker gegen baar für vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz kostet vierundzwanzigtausend Livres. Da wir an Gold und Silber keinen Mangel haben, so kommen wir leidlich durch, aber von Vergnügen, von geistvollen Kreisen, von jenen schönen und angenehmen Vereinigungen gebildeter Menschen ist keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und küsse meiner theuersten Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung die treuen Hände, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier fühle ich erst recht, was es sagen will, den Pardisesgarten, jener stillen und reinen Freuden hinter sich zu haben.
Ihr ewig dankbarer Ludwig.«
Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt, äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt, wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen, Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser geschaffen sei.
Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe Schule nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will es nur eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der Salons ein, sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der Alterthumskunde – ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen Leibesübungen. Er übte sie, ohne an einer dieser Künste vorzugsweise Gefallen zu finden. Ich glaube, daß er nie tanzen wird, musikalisch ist er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Lesen die meiste. Weil ich fühlte, wie mangelhaft und unvollendet noch seine Erziehung sei, entschied ich mich dafür, ihn reisen zu lassen, damit das Leben ihn in die Schule nehme und er durch das Leben sich selbst bilde. Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle jenes heimathlichen Schlosses, das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch schon das Leben erfaßt, aber nicht wie ich gehofft und gewünscht habe. Viel zu tief sah er im Beginn seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die nun im Wachen und Träumen vor seiner Seele stehen und ihn zurückwinken nach der kaum verlassenen Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein seltsames Verhältniß verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar sehe. Er und Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel läßt die Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen, daß ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich dies selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines Freundes verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes Kleeblatt auseinanderging.
Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte Ottoline mit mühsam errungener Fassung.
Gewiß, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgräfin: eben weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefährlichen Kampf. Ein unedler Mensch versucht sein Glück, betrügt und verräth den Freund, wenn der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit Entschiedenheit abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er’s leicht und sieht sich nach einer andern, vielleicht williger ihm entgegenkommenden Neigung um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht in solche Labyrinthe verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung einer edeln Frauenhand ihn auf die Pfade des richtigen Lebensweges führen kann. Wie glücklich wäre ich, wie sehr verdient um meinen Enkel würden Sie sich machen, Frau Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach England dort in Ihre Kreise einzutreten vergönnt würde. Das schwebte mir schon lange vor, doch wollte ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei gewähren lassen und zusehen, wohin seine Neigung ihn lenke.
Georgine fühlte, wie unendlich viel für sie in diesen Worten lag, die Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, senden Sie ihn mir, er soll mit offenen Armen empfangen werden. Sind wir doch längst als Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir und Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name gemeinsam, der Name Cavendish.
Und ich will alle meine Wünsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen, daß es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und Segen führe, was Sie Beide vereint Gutes für Ludwig beschließen! rief Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thränen in ihrem Tuche. –
Ach, nur zu schnell verrauschen die schönen Augenblicke, in denen der Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fühlen über alles Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus Erdenstoff gebildet – auch diese Minuten flogen schnell dahin – die Thüre ging auf und Weisbrod brachte einen Brief.
Die Reichsgräfin nahm denselben, entließ den alten Diener mit gnädigem Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt’s; es ist angenehm, daß nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hören wir noch, bevor wir an unsere Toilette für den heutigen Abend denken, was unser ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu Füßen, oder aux pieds. Außerdem überspringt er alle die läppischen Schnörkel der gedruckten Briefsteller, drückt sich aus, wie er spricht, und stets ungemein verständlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei hat er einen völlig klaren praktischen Blick in die Verhältnisse, die ihn umgeben. Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels Brief. Wir werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet.
Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechselnd bald leise für sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. »Daß mein Nest ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre Excellenz bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule. Ich sah die schöne junge Frau Angés, wahrscheinlich Wittwe, mit dem himmlischen Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Das kleine Mädchen ist ein Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Verstand weit über sein Alter hinaus. Es ist ein Glück, daß sie fort sind, lieb ist mir auch, daß der junge Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als Hauptleute waren beide nur ein fünftes Rad am Wagen, und es herrscht bei mir fortwährend eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage schlimmer. Ich sitze, wie ein züngelnder Wappenlöwe, als Thorwächter in einer Trophäe zwischen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und Hellebarten.«
5. Die Emigranten.
Die fernere Mittheilung aus Windt’s Brief wurde durch Weisbrod’s Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war französisch geschrieben; Baron von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau absagen zu müssen. Frau Gräfin von Schimmelmann schrieb: »Empfangen Sie unsere Entschuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unserem großen Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit Ungeduld den Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefühle meiner größten Ergebenheit zu wiederholen, mit welchen ich – und so weiter.
Und hier noch – ein versiegeltes Billet – ah, von unserem ehrwürdigen alten Legationsrath und markgräflich badenschen Hofrath, was schreibt doch der? »Gnädigste Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entschuldigt wohl mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gnädige Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen Welt. Der Kreis, in welchem Sie so gnädig sind, mich dulden zu wollen, besteht, wie ich höre, aus Personen, deren Unglück mir gewiß heilig ist, ohne daß ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutschen ihnen, den Ausländern, den Flüchtlingen, angedeihen lassen. Ich müßte mir selbst untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das Wort meiner Ueberzeugung:
Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’s Nie ein, den Fremden vorzuziehn; Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht, Verachtet euch Weil ihr ihn vorzieht. –
Diese Worte dürften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich immer noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!«
Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser kühne Mann?
Es ist Deutschlands größter Dichter – es ist unser Klopstock, antwortete Ottoline.
So ist es, bestätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch, starrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten sehr – wahrhaftig.
Die Reichsgräfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt’s Brief wieder auf und fuhr fort darin zu lesen.
»Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen, unter dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefährlich, sich mit Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen sind auf nichts so wüthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen Vorschub leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein Emigrantenfreund. Das Betragen dieser Leute ist die verkörperte Anmaßung und ihre Belohnungen für erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich habe sie im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen, diese machte ein junger, sehr schöner Prinz von Condé.«
»Durch den hannover’schen Feldpostmeister, frühern Secretär bei Graf Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen, daß alle die hiesigen Vorfälle darin ganz unwahr und falsch angegeben und des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in Arnhem in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach Osnabrück begeben.«
»Ich bin so mit Fremden und Geschäften besetzt und beladen, daß es kein Quartiermeister bei der Armee im stärkeren Grade sein kann. Außer den Jägern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie, hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängst fiel zwischen den hessischen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten englischen Dragonern ganz in unserer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten acht Todte und vierzehn Verwundete.«
Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander selbst bekämpfen!
Die Reichsgräfin las weiter:
»Man bricht sich die Hälse um eine einzige Bauernhütte, während bei dem Feinde die vollste Eintracht herrscht.«
»Prinz Ernst August von England war zum öftern hier, er hat mich gerne bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der holländischen Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die freundschaftlichsten Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus allerlei Lebensmittel, ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der Commandant der Jäger von Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus Kurland, hat mir Büschings Erdbeschreibung in prächtigem Einband verehrt; die Emigranten hingegen, die mir die meiste Last gemacht haben, sind undankbare Menschen und drücken die Ohren auf den Hals. Um unsere Truppen sieht es trübselig aus, sie stehen bis über die Kniee im Morast und Eis, und Holland ist in Nöthen, wie das Sprichwort sagt.«
»Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht, eine Batterie gerade dem Kastell gegenüber anzulegen und ihm bewiesen, daß es eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen. Zum Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch völlig überflüssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden. Die Kälte, wie sich einer ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe es! Haben es die Engländer bei uns schlimm gemacht, so machen es die Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben Menschen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todt gefunden. Das schöne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebäuden bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Häuser brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde unterzubringen; alle Vorräthe gehen zu Ende, ich muß bei Ihrer Excellenz um ein Stück geräuchertes Fleisch betteln.«
»Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der Feind hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind! Der französische General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von siebentausend Holländern und Brabantern, lauter Patrioten, die für den Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den fest zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspännigen Geschützen und den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er steht an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und führt es nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon einen lahmen Arm bekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß ich ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge gesund oder verwundet zurückkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlässigkeit und Verwirrung an der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben, oder es müssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein Verstand ist so klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr verstehe, welches wohl das Wahrscheinlichste ist. – Unser Erbherr eilte sogleich, als die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von Geldermaalseen aus und von Heßel aus sollte nun der Feind durch drei Heersäulen holländischer, englischer und hessischer, darmstädter und hannoverscher Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische Colonne kam zu spät. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich sehe schon ihre Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden ihre Kanonen unter meiner Nase feuern. Es geht gräulich zu und wird noch schlimmer. Das Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menschen; wenn ich weggegangen wäre, so wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde. Die Leute sehen, was ich für sie thue und theilen ihren letzten Bissen mit mir; so eben geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes Brod und fünf Eier, weil sie wissen, daß wir an Allem Mangel leiden. Solche Leute zu verlassen, wäre himmelschreiend. Ich lege mich zu Füßen.«
Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte sich von den beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin, der Herzogin: Ach, liebstes Kind! Da steht noch eine schlimme Nachschrift, die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte sie niedergeworfen. Hören Sie die Hiobsbotschaft!
»Man spricht für gewiß, daß demnächst Pichegru in Utrecht einziehen und dann straks aus Amsterdam losrücken werde, daß unsere Flotte im Texel sitzt und eingefroren ist, daß die Stelle des Erbstatthalters, welcher bereits flüchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser für sich und den Erbprinzen auf seine Würde Verzicht leisten werde und müsse – und endlich – erschrecken Sie nicht – soll der Erbherr gefangen genommen und nach der Citadelle Woerden abgeführt worden sein.«
Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend.
Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgräfin. Und mit dieser Nachricht, mit diesen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigrées grande Assemblée. –
Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein, zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm.
Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von einer fast fabelhaften Kürze und die schönen herrlichen Formen des weiblichen Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein auffallender Gegensatz zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die Kleider und Roben selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und garnirt, doch herrschte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu großen und füllereichen Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war die bekannte des Zeitalters, bei den Deutschen mehr einfach, bei den Franzosen mehr als je gesucht und auffallend, als wolle man den guten Deutschen so recht bemerklich machen, was Mode sei. Die Herzogin trug sich nach altenglischer Weise, sie trug noch eine Art Reifrock, hatte die wundervollste Taille, eine Büste zum Anbeten, strahlte von Juwelen und überstrahlte alle, selbst die jüngsten Damen, an Glanz und Pracht ihrer äußeren Erscheinung. Viele Französinnen blickten mit Neid auf die schöne Tochter Albions, und Georgine schien in Wahrheit die ihr in Ueberfülle dargebrachten Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee gleiche, die aus einer andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu bezaubern, was gewürdigt ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.
In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen der Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp eines regierenden Hofes – grand cortège – ein Heer von Kammerdienern voraus, eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere – dann nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend seine Nichte Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte Herzogin von Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von Angoulême, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des Grafen von Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor Amadeus III. von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph von Bourbon, Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin Charlotte von Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne weibliche Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher Militärtracht, dem ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem Waffenschmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser Letztere war der nächste Verwandte der Reichsgräfin, war Charles Bretagne Marie Joseph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont; er stand im Heere des Herzogs von Condé, das er mit ihm auf kurze Zeit verlassen hatte, und die Abzeichen seiner Trauer galten seinem Vater, dem Herzog August Philipp, dem tapfern Vertheidiger des Königthums, der früher als treuanhänglicher Adjutant des Grafen von Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten hatte, endlich aber als Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen Vendéer in Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus mit dem Tode büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernst einherschritt, und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich und Andere zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen wie des Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte.
Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche dasselbe etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die Räume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier gesucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs Himmel in das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer vermochte dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen? Man sprach, man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging sich auch zum Theil in hohlen Phrasen.
Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah – la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg.
Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund, wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen, meist falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an die man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen baldigen Umschlags gedeutet.
Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein gefertigt und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete, erblickten die um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem schwarzen schmalen Seidenbändchen gebundener greiser Locken.
Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach die Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche freilich nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht mit dem Blute des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese Locken, die einst blond waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß färbte. Eine treue Hand setzte sich in den Besitz dieses Haares und übergab es der meinen, und die meinige soll nicht weniger treu befunden werden. Sie alle, meine hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren gemeinsame Abstammung aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause Bourbon verbindet, sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine dieser Locken zum Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer unglücklichen Königin, es ist das Haar Marie Antoinettens von Frankreich!
Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen zwei feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite die Chiffre MA und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.
Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen Talmont wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé hervortrat, bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten sich hingaben, indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres Thomson mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl zu verletzen, oder irgend einem Würdigen damit weh zu thun, das sei ferne; aber im Allgemeinen ist auf Ihre geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort anwendbar, welches lautet: »Wo bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer lockenden, ihre immer täuschenden Wünsche, wo seid ihr und was Anders erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewissensbisse? Ach und dennoch, schwer niederbeugender Gedanke! ist kaum ein Auftritt des gauklerischen Trugspiels abgespielt, so erwacht aufs Neue der getäuschte Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt von neuer Hoffnung, zu des schwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.«
Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich noch viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines französischen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das ausdrückt, was wir alle fühlen, die wir im Unglück und aus unserem Vaterlande verbannt sind; es ist Corneille, den ich meine. »Ein großes Herz kann einem Thron entsagen, und kann dies mit Ehren thun; die That der Tugend wird gekrönt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig verzichtet, was sein Herz mit flammender Liebe umfaßt, der ist ein Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was unser aller Herzen mit flammender Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist unser Frankreich, unser Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere Vaterlandsliebe ist unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und Verbannung, wie Anchises aus Troja’s Flammen die sichtbaren Bilder seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzosen diese Liebe, diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann sind wir ganz vernichtet. Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, daß unsere Namen ausgetilgt würden von den Tafeln der Geschichte.
Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen ausgedrückt wurde – noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig entsagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich nicht ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es geschehen lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog, zufrieden und beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich bewahrt blieb, daß Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor ihrer Vermählung schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne gar nichts schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes mütterliches Erbtheil sein?
Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen.
Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen: Was Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die ich meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem, was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben! Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu übertreffen.«
Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß, Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu verlassen!
Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte: Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer. Bleibe Jedem das Seine!
Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein Eintritt.
Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer Angelegenheiten gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artois begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur Armee an den Rhein. Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort suchten ihr Asyl in Baden wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen Freundin noch einige sehr wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglück Ludwigs zum Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte weibliche Hände den Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines Lebensganges bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher schwaches Mühen! Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts läßt im Voraus sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand des Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand, diesen Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher Lebensfaden blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche völlig nachtschwarz.
Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise ziehen, ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine glückliche Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady zu Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten treten, und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der englischen Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm ein Landgut kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne. Glücklich sollte er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glück und Lebensfreuden in Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt. Auch noch ein Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf daß er ein neues Geschlecht begründe, das mit ihm beginne.
Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte oft in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschäftigungen; denn ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt, deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.
Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte viel darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geschäftsführer der Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend; sie kalkulierten und spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz ausgegrübelt hatten, zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben durch beider Rathgeber überwiegende Gründe sich bewogen fand.
Additamentum zur Interims-Quittung
in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten gewesenen ersten Termins von Fünfzig Tausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, reservatis reservandis, und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang genommen worden, daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen nichts praejudicirliches eingeräumet sein soll, die gedachte Cession Unsrer Herrlichkeit Doorwerth und übriger in der Provinz Geldern belegenen Güter auch von selbst wegfallen würde, falls gedachter Unser Herr Enkel die eingegangenen Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem völligen Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir Uns jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen ausgezahlte Summe der Zwanzig Tausend Mark Hamburger Banco, nach desfalls zu nehmender Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an Unseren aus den Gräflich Aldenburgischen in Deutschland belegenen Gütern zu beziehenden Aliment- und Jahresgeldern successive kürzen zu lassen.
Hamburg den 1. Februar 1795.
In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser Sache ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden saß.
Jetzt besaß der Erbherr Doorwerth und besaß es auch nicht.
6. Der Freunde Trennung.
Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in Scheveningen eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee verlassen; Pichegru war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter Soldaten, von denen ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in Strohsocken leise schritt, in Amsterdam eingezogen. Aber diese erbärmlich aussehenden Soldaten waren Helden, die mit Muth für die Sache der Freiheit kämpften, für die sie nun einmal begeistert waren, die mit eiserner Ausdauer Kälte und Ungemach und jede Beschwerde eines Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit solchen Truppen wären Welttheile zu erobern gewesen, warum nicht ein Land, in welchem die Mehrzahl der Bevölkerung den Feind als Freund begrüßte und ihm entgegenjubelte? Und was einzig dasteht in der Weltgeschichte, war geschehen; einige Geschwader, nicht Schiffe, sondern leichte Reiter hatten Hollands stolze Flotte erobert. Denn die Flotte saß im Eise fest und ließ sich nicht träumen, daß Cavallerie den Kampf mit Schiffen unternehmen werde.
Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschäfte trat der einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und sank mit dem, was dahinsank. Dasselbe Jahr, das die holländisch-ostindische Compagnie zu ihrer Auflösung führte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben wollte, raffte ihn dahin.
Mit bekümmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der Hand trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist gestorben – der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir – meine Mutter ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin, werden lachen. Ich reise nach Amsterdam, um die Mutter zu trösten, deren Liebe mir geblieben ist, und die Hälfte meines Pflichttheils mir zu sichern. Bei der Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war, und die vielleicht binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich – am Ende auch du, Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen.
Sollte ich es wagen dürfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurück, auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an Frische verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm das Wort meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unversöhnt mit dir von hinnen ging!
Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite nur Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des Hauses Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des Geschäfts; ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er entließ den ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhältniß. Jetzt liegt mir ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe immer noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinson auf seiner Insel.
Gewiß bist du nicht arm, bestätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war nur das größte Verhältniß gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe.
Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr.
Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glück! Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad – ich irre im Dunkel – oh – mein Schatten!
So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit mir. Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann gehst du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird. Ludwig, du neigst dich zu düsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so jungen Jahren; doch ich kenne diese innern Kämpfe.
»Wir müssen Alle ringen, Des Kampfs bleibt keiner frei; Doch soll ein Sieg gelingen, Frag’ nicht, ob schwer er sei?«
Sieh’ mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich nicht über Trümmern schöner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene große und edle Seele meiner Angés riß sich los von mir, auf daß unsere Liebe eine reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in späten Tagen zurückblicken sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefühle – ich ließ sie ziehen, und nur schwach ist meine Hoffnung, daß ich sie wiedersehe. Aber darum doch kein unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie der rastlose Schiffer, immer auf’s Neue hinaus in den Sturm und Drang der Lebenswogen, mitten durch die Brandung, denn im Sturme läutern sich die Gefühle, und immer muß der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine Selbständigkeit und seine sittliche Freiheit.
Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu und deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit überwinden, die, wie ich fühle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel soll meine Kraft sich aufrichten.
Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das Wort. Wir müssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der Unverwundbarkeit zu rüsten; das Herz darf nicht brechen unter den Keulenschlägen des Schicksals, es muß hoffen und dauern. Wir wissen nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben; so lange uns dies aber noch vergönnt ist, muß Einer im Andern und Einer für den Andern leben.
Und wie hast du schon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innigkeit. Welchen großen Theil deines Vermögens gabst du in meine Hand, auf kein anderes Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von dessen Abfall in einer kleinen deutschen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann schon leidlich gut als unabhängiger Rentner leben könnte.
Leonardus konnte sich, so sehr Trauer sein Gemüth füllte, bei diesen Worten Ludwig’s eines Lächelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit Freude wahr, daß mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir sagte: werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht gut rechnen!
Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den ungleich größern Theil hat er für sich verwendet. Noch haben wir keine Quittung, noch keine rechtsgültige Verschreibung in Händen.
Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn Leonardus.
Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt.
Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlörest du es, und das und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich kenne vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Höre mich an, liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und mehr rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Künste; ich brauche dir ohnehin nicht zu sagen, daß die Mathematik, in welcher auch die Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schließt, die Gestirnkunde und die Meßkunst des Himmels und der Erde. Aber auch die vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher, der nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beispiel dein Herr Vetter. Er besitzt schöne Güter, aber sein Herr Vater überlud diese mit Schulden, und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete dies furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wußte, daß sie ihren Söhnen ein Heer von Processen und achtzigtausend Reichsthaler Schulden hinterließ; die fressen viele Zinsen, lieber Ludwig. Es soll kläglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den letzten Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat dies Alles auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erschütternden Eindruck gemacht. Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der Seinen und anderer Leute Vermögen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine Kirchenmaus, hülflos und gefangen – ist gegenwärtig ihm ebensowenig zu helfen, als Etwas von ihm zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber kommt, daß man für gewiß sagt, daß die einhundert Millionen Gulden, welche Holland an Frankreich bezahlen soll, aus den Gütern und Besitzungen des Statthalters und seiner Anhänger genommen werden sollen; wir müssen daher Gott danken, daß in des Erbherrn Papieren, welche durchzusehen man nicht ermangelt haben wird, sich noch keine Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet, denn dann wäre die Herrlichkeit zum Kukuk, während sie als Besitzthum einer deutschen und dänischen Gräfin Niemand antasten wird – und so lange Doorwerth im Besitz deiner Frau Großmutter Excellenz, wäre es auch nur scheinbar, bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem ist noch Sorge getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als totaliter verwüstet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verschreien, so daß sie als ein völlig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum einer Abschätzung unterworfen werden wird.
Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig.
Ich! erwiderte Leonardus.
Du? fragte Ludwig mit großen Augen.
Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in England geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame Sache zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß verköstigt; er wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren helfen, und von dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine solche vielleicht wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst müssen bezeugen, daß sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren; vielleicht aber erlangt er sie auch nicht.
Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein unseliger Fluch! rief Ludwig.
Nun, ich muß bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu quälen, schloß Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.
Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren Eigensinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen benahm jenes Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das Vermögen seiner Mutter gegen das seines Vaters festzustellen, und die Erben in diejenigen Rechte einzusetzen, die sie nach dem Gesetze beanspruchen konnten. Als er mit Ludwig und Vincentius Martinus, der auch einigermaßen bedacht worden war, sich gemeinschaftlich über seine Angelegenheiten unterhielt und der Letztere äußerte: Du wirst doch, lieber Leonardus, nun bei uns bleiben, wirst dein eigenes Geschäft beginnen und uns die Freude machen, dich in unserer Verwandtschaft zu behalten und deine alte Mutter pflegen? – da antwortete Leonardus: Ich werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr bedürft meiner nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der seinen Mantel theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll mindestens keiner von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte bekommt – ich will es machen wie mein Vater, will die nächsten Verwandten hintansetzen und mir selbst einen Erben suchen, der mein Mantelkind sein soll. Hier steht er, es ist mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus.
O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und gefreit wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du schon für mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen konnte; mir zu Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen!
Was thut’s? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.
Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht, Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen, welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu fertigen?
Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost briet. Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus, nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr mich gern ins Haus schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen, glaub’ ich euch gern, werdet’s aber nicht an mir erleben – ich will mir erst noch ein und das andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf ein recht langes Leben gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn ich denke es noch eine hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du sollst auch stets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht mehr schreibe, so denke, daß ich gestorben bin, und lies dann für meine arme Seele so viele heilige Messen, als dir für mein unsterbliches Theil heilsam dünkt.
Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!
Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, sich darüber ärgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prickelnden Stichelreden ruhig hin.
Schwerer war des Sohnes Stand bei seiner Mutter, als er dieser mittheilte, daß er die Absicht habe, sie wieder zu verlassen, denn Leonardus hatte sich gelobt, das Leben daran zu setzen, um mit Angés vereinigt zu werden; er wollte zunächst wieder eintreten in das diplomatische Corps, da er sich volle Befähigung zu dieser Laufbahn zutraute und er zur Zufriedenheit des Gesandten gearbeitet hatte; er hatte deßhalb schon vorsorglich bewirkt, daß ihm der Eintritt offen gehalten wurde; dann wollte er noch einmal nach le Mans reisen und nicht ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte Ueberzeugung von Etienne Berthelmy’s Tode in Händen habe, oder bis er diesen, falls er noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot über nicht geringe Geldmittel, denn einmal hatte er auch für sich selbst auf seinen weiten Reisen gearbeitet, war von Einsicht unterstützt und vom Glück begünstigt worden, und dann war auch der alte verstorbene Herr Adrianus van der Valck keineswegs so arm geworden, als derselbe damals Ludwig glauben zu machen versucht hatte, und endlich blieb ihm an der treuen Mutter für Fälle der Noth noch eine mächtige Stütze. Es war nicht blos Großmuth, daß er damals die Hälfte des Kaufgeldes für Doorwerth für den Erbherrn hergab; Leonardus rechnete darauf, daß er in dieser Herrschaft auf einem der Schlösser ein stilles Asyl finden könne für sich und seine Liebe, sei es in Miethe, sei es als Mitbesitzer, je nachdem ihm nun der Erbherr sich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldner; daher war Leonardus auch geneigt, die zweite Hälfte jenes Kaufschillings zu beschaffen, aber daß nun freilich der Erbherr das Geld größtentheils anders verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte, das war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr Adrianus so ernst gesprochen, daher beschloß Leonardus, vorläufig auf weitere Schritte bezüglich des Güterankaufs im Geldernlande zu verzichten.
Die Freunde trennten sich, als die Zeit da war, daß Leonardus nach Paris zurückeilte, nicht ohne Kummer und trübe Gedanken. Ludwig machte sich Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben so verhüllt vor ihm lag, wie seine eigene, und Leonardus war von Besorgniß erfüllt über des Freundes Gesundheitsumstände und dessen Neigung zu stillbrütender Schwermuth, die in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden konnte. Beide trennten sich, als die Scheidestunde da war, mit den Schwüren fester Treue, mit dem heiligen Versprechen öfteren brieflichen Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach England bestimmtes Schiff aufzufinden, und siehe, hell strahlte im erneuten Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der »vergulden Rose«, welche in anderen Besitz übergegangen war nach dem Tode des alten van der Valck, aber immer noch den treuen Kapitän Richard Fluit zum Befehlshaber hatte. Groß war das Glück der drei Freunde, sich so unverhofft wieder zusammen zu finden, und daß Fluit es nicht fehlen ließ, dieses Wiedersehen seemännisch zu feiern, lag in der Natur der Sache.
O könnt’ ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei beim kreisenden Becher in der Kajüte beisammen saßen: könnt’ ich doch wieder mit euch hinfahren in so schöner Nacht, wie damals, denselben Strich, den wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erstlich sieht es mit aller Seefahrerei äußerst windig aus, wenn nicht bald Thauwetter einfällt, und dann hab’ ich Frachten nach England, nicht nach Hamburg, muß nach Plymouth segeln!
Ludwig und Leonardus sahen bei dieser Mittheilung Fluit mit strahlenden Gesichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das ist der rechte Cours! Möchte beim Himmel unter solchen Umständen selbst mit – doch – es kann nicht sein – aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er mit Euch die Fahrt hinüber macht?
Ei, das wäre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Kost, freie Kajüte, freien Schiffskeller, in welchen, unberufen sei es gesagt, seit die »vergulde Rose« die Meere befährt, noch nie ein Tropfen Wassers gekommen – ich meine den Schiffsweinkeller, nicht den süßen Wasservorrathkeller, versteht sich.
Wir werden uns darüber einigen! sprach Ludwig lächelnd: aber wahrlich, das achte ich als ein Zeichen von meines Geschickes Gunst, daß ich mit dem braven Freund und nicht mutterseelenallein in das Meer hinaus steuern soll, daß ich im Lande meiner nächsten Bestimmung und zumal in der wimmelnden Hafenstadt wieder einen so kundigen Führer finde, wie ich ihn einst in meinem Leonardus zu Amsterdam fand.
Vieles hatten sich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils was ihre eigenen Gemüther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich, die Zeit ließ es nicht am mannichfaltigsten Stoff zu Gesprächen fehlen. Die Patriotenpartei in Holland hatte nun gesiegt, sie hatte das Verderben über ihr eigenes Vaterland heraufbeschworen, wie das stets der Fall ist, wenn die Unvernunft alles gerechte Maß überschreitet und nicht eine verstandvolle geregelte Regierung das Steuer des Staatsschiffes lenkt, sondern ein Haufe entflammter Schreier und selbstsüchtiger Volksmänner dem Volke seine Beglückungsideen vorschwindelt. Die Franzosen, die Feinde waren es, die der niederländischen Patriotenbrutalität selbst Schranken setzen mußten; die Mannszucht der Franzosen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland damals achtungswerth – Windt empfand dies im vollen Maße und sprach sich darüber in seinen Briefen an seine Gebieterin mit gewohnter Unumwundenheit aus. Holland kam fast ganz um seine einst mit so großen Opfern erkaufte Freiheit, es wurde wenig mehr, als eine französische Provinz; es mußte den Schiffen Frankreichs freie Fahrt auf seinen Strömen gestatten, mußte 100 Millionen Gulden Kriegskosten aufbringen, mußte, so lange der Krieg dauerte, die 25,000 Mann starke französische Besatzung verköstigen und kleiden, und dabei wurde sich des Kunststückes bedient, daß, wenn 25,000 Mann ausgerüstet waren, diese wieder in das schöne Frankreich zurückmarschirten, worauf andere 25,000 Mann nachrückten, die abermals gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf diese Weise gekleidet, was den niederländischen Tuchfabriken außerordentlich zu Gute kam, die nie bessere Zeiten gesehen hatten. Nicht minder hob sich der Lederhandel. Frankreich ließ dem niederländischen Volke und seinen politischen Gauklern das Spielwerk eigener Constitutionen und unterjochte das Land dabei gründlich; es ließ ihnen die ansteckende Nachäfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtausch gegen die bisher bestandenen guten alten; es nahm Holland sein Gold und Silber und gab ihm sein Lumpenpapier, seine Assignaten; es zerstörte seinen blühenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die Waffen, hauptsächlich in allen überseeischen Provinzen, dadurch verlor Holland den größten Theil seiner Besitzungen am Cap der guten Hoffnung und in Indien; es verlor seine zehn Millionen Gulden werthe indische Flotte; Hollands Flagge beherrschte nicht mehr, wie einst, die Meere. Die Vermögenssteuer wurde von zwei ein halb auf sechs vom Hundert gesteigert. Diese und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glück, welches Frankreich und die französische Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft Holland schenkte und das die Patrioten Hollands ihrem Vaterlande bereitet hatten. –
Als Leonardus von seiner Mutter Abschied nahm, reich von ihr beschenkt, und die alte Frau, aufgelöst in Schmerz und Thränen, in seinen Armen weinte, rief sie: O, mein Leonardus! So muß es denn sein, daß du scheidest! O vergiß mich nicht, mein einziger Sohn, vergiß nicht deine alte Mutter!
Beruhiget Euch, liebe Mutter! versuchte Leonardus sie zu trösten. Wenn ich erreiche, was ich zu erreichen strebe, dann komme ich zu Euch, oder Ihr ziehet zu mir. Jetzt aber muß ich noch einmal hinaus in die Fremde, ich muß meinem Glücke nachgehen und nachstreben, da es mir nicht von selbst in den Schooß fällt.
Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber um Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht ertrüge ich nicht, sie würde mich augenblicklich tödten.
Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte Leonardus ihr zu.
Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna van der Valck.
Ihr sollt sie nicht empfangen, es stürben denn zwei, wiederholte Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der längst in seiner Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Großmuth und Hochherzigkeit der Gesinnung erfüllt war, daß sie an die edelsten Seelen des Menschengeschlechts hinanreichte. –
Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen, die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fügung erst nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und dorthin. Ludwig hatte das glücklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er trat in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands; er sah sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, daß es ihm fast die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry Cavendish als Vetter begrüßen, der später eine Königin von Großbritannien durch die Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu verlassen und auf lange Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren; der zur Herrschaft eines General-Gouverneurs von Indien sich emporschwang und von den Eingeborenen das schwere Zugeständniß erzwang, auf das Verbrennen ihrer Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen stolzen Herzog William Cavendish, einem der unbeugsamsten Häupter der Opposition, wurde Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen Unterhaltungen mit diesem geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr Politik und mehr Einblick in das höhere Staatsleben und die höhere Staatenlenkung, als mancher sehr achtungswerthe Staatsmann durch sein ganzes Leben in seinen Kopf zusammen zu bringen vermag. Entschiedener Gegner Pitts und Freund von dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt der Herzog gegen Niemand mit seiner politischen Ansicht zurück, und seine Gemahlin, die herrliche, reizvolle Prachtgestalt, die Alles um sich fesselte, theilte die Gesinnung ihres Gemahls und gab Proben ihrer eigenen thätig eingreifenden Begeisterung für die Erreichung politischer Zwecke, welche die Welt in Staunen setzten. Sie war es, diese allbewunderte Georgine, die einen Bund gleichgesinnter Freundinnen gründete, der persönlich in die Wahlen sich einmischte, als es galt, Charles James Fox die Stimme des Volkes für die Stelle eines Parlamentsmitgliedes von Westmünster zu gewinnen; sie war es, die auf offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für seine Stimme für Fox zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmähend, gebeten – ihm einen Kuß ihres wonneschönen Mundes vergönnt hatte.
Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit der zärtlichsten Liebe für Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war für den jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berühmteste Aerzte mußten ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne daß sie ergründeten, was dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein ernster Beruf und ein entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn verstand. Und dies Herz fand Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist den seinigen emporflügelte, die ihm den Blick schärfte für die Geschicke der Länder, für den Gang der Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen Flug der Gedanken zu fliegen und zu lernen, daß doch so Vieles nichtig und unwesentlich, was Viele für so groß und wichtig halten, wobei sie meist mit dem eigenen unbedeutenden Ich beginnen.
Wohl hörte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der holden Rede seiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er sich nirgend so sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war eben mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es war jener wundersame Zauber, der sie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie das Fächeln eines süßen Maienlüftchens die Blüthenlauben eines Rosengartens. Magisch fühlte Ludwig von Georgine sich angezogen, wie ein höheres Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte sie mit zartem Gefühl ihn stets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder half sie ihm wählen, deren Inhalt ihm müßige Stunden belehrend ausfüllen half, sie wandelte mit ihm durch die Labyrinthe der speculativen Philosophie, sie berichtigte seine Ansichten, verwarf oder bestärkte seine Meinungen, lehrte ihm Sinn für Unabhängigkeit, und wie der denkende Mensch nur durch strenge und unausgesetzte Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung letztere sich gewinnen könne. Georgine erzog Ludwig zum zweitenmale, und zwar besser und in ungleich kürzerer Zeit, als die Großmutter diesen erzogen hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit mit stillem Ernst paarend, verscheuchte Georgine Ludwig’s anfänglichen Trübsinn, war auf Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher praktisch-nützlichen Beschäftigung hin, zu kleinen Ausflügen und erzählte ihm von der Pracht der Schlösser, Parke und Berge der Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit Sehnsucht erwartet, um dann durch die grünen Gefilde hinzuziehen zur Lust, zur Jagd, zum Besuch der Schlösser mit der Fülle von tausend Annehmlichkeiten und aufgehäuften Schätzen der Literatur und Kunst. Wohin Ludwig nur immer seine Blicke wenden mochte, gab es Neues zu beschauen, zu bewundern und zu lernen, und Albions milde Natur, früh erwachend trotz des strengen Winters, unter dessen Härte andere Länder zu klagen und zu leiden hatten, athmete reinen Hauch der Genesung, und in mancher ländlichen Abgeschiedenheit meilenweiter Parke bot sich in lieblichen Cottagen die süße Beschränkung eines idyllischen Friedens. Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil es so in seinem Wesen, in seiner Jugendbildung und in seiner Gemüthsrichtung lag; er war auf die Dauer nicht für die Politik zu gewinnen, nicht für die Freuden der Jagd, noch viel weniger für Fuchshatzen und Kirchthurmrennen – und mit Lächeln hörte er es an, als die feurige Georgine ihn einmal gradezu deßhalb ausschalt und zu ihm sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher Träumer!
Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes, aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter gekannt, nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterkuß meine Lippen berührt und geweiht und geheiligt. Die Großmutter sagte mir beim Abschiede, ich solle deutsch gesinnt bleiben; kann ich nun dafür, wenn mein Gehorsam so blind ist, daß ich nicht in Holland, nicht in Frankreich und nicht in England meine deutsche Natur zu verläugnen vermag? Daß ich nie ein Holländer, nie ein Franzose und nie ein Brite werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn mein Wunsch, meine Forderungen an das Leben nur bescheiden sind, wenn ich höheren Zielen nachzustreben kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld mit mir, der nur zu tief empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich wie ich bin, oder heißen Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem schönen Asyle, das in Ihrer Nähe sich mir aufgethan!
Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor Ludwig sorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die hochstehende, vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Königin aller Schönheit und aller Würde; die reiche unendliche Fülle ihres Gemüthes hatte sie ihm zum Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf daß nicht der weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntniß dann vergehe, wie Semele verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte.
Sie liebte ihn, den schönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber sie bebte zurück vor der Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prüfen, mit der er tragen würde das unaussprechlich tiefe Geheimniß. Aber sie vermochte sich nicht mehr zu halten. Sie überstrahlte Ludwig mit einem wunderbar süßen und zärtlichen Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte – ach, er stand so scheu, mit so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wußte nicht, wie ihm geschah, als Georgine ihn plötzlich sanft umfing, seine Stirne küßte und mit bebender Stimme flüsterte: Ludwig! Ludwig! Du klagst, daß nie ein Mutterkuß deine Lippen berührt und geweiht und geheiligt habe! Nun denn so empfange diesen Kuß! Ludwig, mein Ludwig! Ich bin deine Mutter!
7. Eine Rückkehr.
Sie waren weit von einander getrennt, die beiden Freunde Ludwig und Leonardus, die sich in so treuer ausdauernder Liebe zusammen gefunden. Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Fluit nach Plymouth gesegelt, den letzten Abschiedsgruß zugewinkt, hatte er nirgend mehr eine bleibende Stätte. Er ging nach Paris zurück, fand, daß man seiner nicht nothwendig im diplomatischen Corps bedürfe, und nahm weiteren Urlaub. Auf dem geradesten Wege eilte er nach le Mans, wo er wieder als Kaufmann auftrat und einige Geschäfte abschloß, die dann ein ihm befreundetes Amsterdamer Handelshaus zur Vollziehung brachte. Bald begann er seine Nachforschungen nach Berthelmy – sie waren und blieben jedoch erfolglos. Er machte Bekanntschaft mit dem Maire, bewirthete und beschenkte diesen, um ihn willfährig zu machen, und dieser beschied ihn auf die Mairie, wo in seiner Gegenwart Nachforschungen in den Acten angestellt werden sollten. Als Leonardus sich eingefunden hatte, sprach der Maire, der zwischen Actenhaufen vergraben saß, nachdem er den Fremden zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Bürger, die Ereignisse der jüngsten Zeit. Sie war sehr blutig für die Vendée. Ich fürchte sehr, man hat nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen Tausende niederzuschreiben, welche der Krieg hinwürgte. Von der Familie Berthelmy lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie suchen, soll geblieben sein, sein Weib ging davon, oder verschwand auf räthselhafte Weise, seine Eltern sind beide todt, Geschwister hat er nicht gehabt. Daß er mit zu Felde zog, ist durch Acten verbürgt, daß er blieb, ist nicht verbürgt.
Kann man denselben nicht in den öffentlichen Blättern ausschreiben lassen? fragte Leonardus.
Wohl könnte man das, entgegnete der Maire: allein es würde wenig fruchten. Lebte der Bürger Etienne Berthelmy noch, so würde er längst wieder hier erschienen sein, um sein kleines Erbtheil in Empfang zu nehmen; sollte er aber wirklich noch am Leben sein, so würden ihn dennoch unsere Zeitungen schwerlich erreichen.
Könnte er nicht für todt erklärt werden?
Nein, Bürger, zu einer solchen Erklärung ist die Zeit seiner Abwesenheit viel zu kurz. Aber weßhalb dies Alles?
Ich bin ein Verwandter von Berthelmy’s vormaliger Frau; sie hat Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als bis sie rechtlich von ihrem Mann geschieden ist.
Der Maire lächelte und sprach ironisch: Diese gute Frau scheint eine schlechte Bürgerin zu sein, daß sie noch so veraltete Rechtsbegriffe hegt. Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres General Marceau in hiesiger Stadt fünfzehntausend Menschen an einem und demselben Tag erschießen ließ, ohne Ansehen des Alters und des Geschlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unterworfen; wir haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Bürgerin Berthelmy steht es völlig frei, sich als geschieden zu betrachten und zu freien, wann und wen sie will.
Angés Berthelmy ist eine Deutsche! warf Leonardus ein.
Ah so! versetzte der Maire gedehnt. Die Deutschen sind noch halbe Barbaren, sie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vorurtheile, aber unsere glorreiche Republik wird sie schon in gleicher Weise beglücken, wie die Vendée beglückt worden ist. Wenn dir zu rathen ist, Bürger, so suche so schnell als möglich aus diesem Lande zu kommen, denn die höllischen Colonnen morden Jeden, der ihnen aufstößt und nicht zu ihnen gehört, er trage gute und richtige Pässe bei sich, gehöre einer Gesandtschaft an, oder nicht. Diese Colonnen sind selbst eine Gesandtschaft – die des Todes.
Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefühle im Herzen. In tausend Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigsten, gräuelvollsten Kriege zerwühlten und zerrütteten Lande sein Leben bedrohten, hatte er sich gestürzt, und so völlig fruchtlos, so ganz vergebens! Was nun weiter? Sollte er Angés aufsuchen? Und mit welcher Nachricht konnte er vor sie treten, wenn er sie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung in einer Zeit, in welcher jeder Tag Tausende hinmordete, in welcher an geregelte Zustände auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten über Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der sich durch nichts hervorgethan hatte, der im großen Strome des unglücklichen Vendéerheeres spurlos verschwunden war?
Düster wurde es bei solchen Betrachtungen in Leonardus sonst so frohem und hellem Gemüth, sein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen sein Schicksal aufgeregt, die ihm fast die Sinne verwirrten. Er wünschte jetzt, Berthelmy möchte noch leben, möchte ihm lebend entgegentreten, mit Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kämpfen und ringen auf Tod und Leben um den Besitz des geliebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm entgegen, nichts stellte sich ihm in den Weg, ungefährdet konnte er Paris wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles erschien ihm schaal und farblos, nur in weiter Ferne schwamm in einer lichten Aetherstelle die rosenrothe Wolke seiner Liebe, seiner Sehnsucht, unerreichbar für ihn, gleich jener Wolke, die der kühne Held statt der Göttin umarmte. –
Windt hatte einen Brief an die Reichsgräfin vollendet, den er, bevor er ihn absandte, seiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte das, sie erfuhr auf diese Weise manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und sie oft unmittelbar mit berührte, zu dessen besonderer Mittheilung ihr Mann jedoch keine Zeit fand.
Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefschreiben, sprach Windt zu seiner Frau: ach! es ist jammerschade, daß du keine Federheldin geworden bist, liebe Jule, du müßtest sonst mein Geheimschreiber sein, mein Wippermann.
Bin froh, sehr froh, lieber Windt, bin sehr froh darüber, hätte sonst noch mehr zu thun! vertheidigte sich Frau Windt. Hab’ ich nicht ohnehin alle Hände voll zu schaffen, und fast Tag und Nacht?
Hast recht, liebe Alte! begütigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen, kann uns nimmermehr vergütet werden. Unsere alte Gnädige, oder unsere gnädige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht, – nun, ich hab’ es ihr geschrieben, wie mich im Januar die Kaiserlichen aus dem Bette geholt und geplündert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davon kam, wie ich mehr wie hundertmal Bajonnette und Carabiner mit aufgezogenen Hahnen auf meiner Brust hatte, wie sie mir mein letztes Geld, meine mühsam gesparten hundert Ducaten, die ich zu einer Brunnenkur in Pyrmont bestimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre stahlen. – Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das Schönste genießen, brauche nicht erst nach Pyrmont, denn meinen Wein haben die Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flasche! Was brauch’ ich Uhren? Ich armer geschlagener Mann weiß ohnehin, wie viel es geschlagen hat, und wozu Gewehre, da ich doch gänzlich wehrlos war?
O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du, so wie du gingst und standest, das Kastell verließest.
Um beim französischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt; und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen in meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmüde, und mußte mich im Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort für das Kastell um französischen Schutz zu betteln.
Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und vielgeprüften Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle Feuerproben der drangvollsten Erlebnisse bestanden.
Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist die alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet werden, wie es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser Zeit Schlösser am Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen, wie es gekommen ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird; ich bin eben immer der dumme gutmüthige Narr.
Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten, und brachte eine Flasche alten Port à Port daraus zum Vorschein.
Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie Lehmbrühe.
Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein zu wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär’ ich ohne deine treue Hülfe! rief Windt, ließ sich willig einschenken, trank und begann zu lesen:
»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe, und daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe. Mir ist von den französischen Generalen und Commandanten mit einer Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner, Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten, während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als ich Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich. Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch sonst um Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der hiesigen Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben, brauchen nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden sie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande, in meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine Lage, die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte hier am siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden Excellenz aus den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich mit Bestimmtheit mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter, fröhlich und guten Muthes ist – sehr gut für ihn. Sobald als möglich denke ich selbst ihn aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu erfahren, wie es um ihn steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die Emigranten es hier getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem derselben zu. Hätten diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre nicht so unglücklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wären es nicht.«
Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hättest du nicht schreiben sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?
Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz schrieb, ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie liebt und die sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend ihren »alten Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz recht, ich sage immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz meinen Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine Wahrheiten nicht übel aufzunehmen.
Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort: »Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu schreiben: Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam. Ueber Amsterdam ist und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum Pettschaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer Devise, sonst schmeißt die Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam von Seiten der Municipalität eine Commission ernannt, an welche Briefe nach Hamburg und Bremen offen eingeliefert werden müssen, ich schließe daher diesen meinen Brief an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf Ludwig hier gewesenen braven Holländers Leonardus van der Valck ein und ersuche Excellenz, Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen zu lassen, auch wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse dieses Briefes nicht wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen einer Herrlichkeit, Seigneurie, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer Excellenz Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine dänische Gräfin sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die Aeußerungen der französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es gibt für diese keinen Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie man im lieben deutschen Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche! zu sagen pflegt. Sehr lieb ist mir, daß der Wechsel auf die zwanzigtausend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen können Excellenz dieser Angelegenheit halber ruhig schlafen. Sie sind noch zur Zeit durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines vielleicht übertriebenen Diensteifers, ich machte in der Stille mit dem Erbherrn, mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mündlich auf Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil Sie dessen bedurften und Sie gleich mir Emigranten zu verköstigen hatten; fast scheint mir, und die Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies vermuthen, als seien Glauben und Treue zu den verrufenen Münzen gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als ächte in Hochdero berühmter Sammlung prangen, und über welche Ihnen der Herr Abbé Eckhel in Wien so vieles Aufklärende geschrieben hat.«
Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst es zu arg, du beleidigst!
Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: »Es war Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir schriftlich machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen fünfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen diese Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das liegt im Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und rechnen und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll Zahlen stehen, sie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht des gesunden Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft’s – die Zeit ist einmal aus den Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mißkennung mich bewegen könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer Excellenz hochweise Räthe meinem Diensteifer längst eine Schranke gesetzt, dann wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen, Blut und Leben, Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz Herrlichkeit, so weit nur in eines Menschen Kräften steht, zu schützen und zu schirmen. Wer auch hier war von fremden Offizieren, Engländer, Holländer, Kaiserliche und jetzt die Republikaner, keiner hat glauben wollen, daß ich nur ein Bedienter sei, sondern Jeder meinte, daß ich ganz bestimmt der Herr oder Erbe von Doorwerth selbst sein müsse. Alle Güter rings um die Herrlichkeit sind totaliter devastirt, Doorwerth allein ist noch im leidlichen Zustand. Der Strich von der hiesigen Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich; von Arnhem bis Zuitphen kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen Alleen sind über Bord, keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt steht mehr, die größten und schönsten Häuser sind Pferdeställe oder Lazarethe, das Holz der Thüren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder seit Kurzem fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müssen, habe augenblicklich sechs Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen Husaren. Im Dorfe liegt eine Compagnie Volontärs, in Helsum liegen zwei, und noch dreizehn Husaren für die Correspondenz, in allen andern Orten der Herrschaft liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem Hause. Nachdem ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen der Alliirten, dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen Andenkens, dann den schleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen zur Nachtzeit hier einfielen, darauf die heftige, fast unerträgliche Kälte, darauf wieder den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee, welcher die Sambre- und Maas-Armee auf dem Fuße folgte – nachdem ich dies Alles vertragen und überstanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer Wassersnoth, wie sie seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in Helsum Brücken schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein Paar Scheuern abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, sonst hätte sie sich hier gestauet, wie ein überschwellender Krötendeich, und uns vollends mit Haut und Haar aufgefressen.«
»Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun, um meine alten Tage zu sichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen, die dem Gefühl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz nothwendig eine durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde gehen soll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen, denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht beschließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben bedeutende Allodialgüter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten wahrhaft treuen Diener lebenslänglich zu versorgen. Eine Pension in Geld wirft Doorwerth nicht ab, und für den hiesigen Rentmeisterdienst müßte ich danken.«
»Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglück, daß sie die ganze Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar angenommen, aber ihn zur Stärkung der Kranken und Verwundeten bestimmt. Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum, Deventer, und ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und überall sind Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur Zeit noch unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen Bäume, die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen kläglich zu Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso vergebliche als fruchtlose Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel. Unterthänigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes über unser hiesiges Befinden zu sagen, meine Frau grüßt dieselbe bestens. Meine Schwester soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg, schreiben, ihn von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal Nachricht von seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen entschuldigen Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich wieder Zeit finde, weitern Bericht zu erstatten, da es beständig um mich her von Fremden wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.«
Stets auf meinen Füßen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die wackere Hausfrau.
Das bin ich so schon, das brauch’ ich nicht zu schreiben, das kann die alte Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt.
Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen Gestalt durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er sich, indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den Dammweg warf, der nach dem Schlosse führte; er gewahrte einen Reiter, welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gültiges Papier, das sein Einlaßgesuch rechtfertigte, darzureichen.
Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer schärfer hinblickend. Täuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich das deuten? Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger Rauchfleisch, westphälische Schinken, Edamer Käse, frische Butter. Vor Allem koche eine Suppe. – Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner Verwunderung und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt voll Hast aus dem Thurmgemach, sprang die Treppe in schnellen Sätzen hinab, und schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben eingelassenen Reiter entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte, abstieg und in Windts Arme sank.
Sind Sie’s denn? Sind Sie’s denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus? Herr Leonardus van der Valck?
Wohl bin ich’s, heute und morgen bin ich’s noch, mein lieber, redlicher Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der meinen gleicht, so ist es mein Geist.
Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet sein? rief Windt erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr übel aus. Doch kommen Sie herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Für Ihr Pferd wird gesorgt, ich erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß Sie es seien, der da geritten kam.
Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der Unterstützung des Freundes, so matt und angegriffen fühlte er sich, und als ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau begrüßte, saß er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf einem Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob die Hände vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner jüngsten Vergangenheit wie einen bösen Traum verwischen.
In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in steter Kenntniß, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange keine Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geschrieben, dankerfüllt, und ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem Kinde glücklich das Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie sie schrieb, im angenehmsten und wünschenswerthesten Verhältniß, hatte Windt herzliche Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren Aufenthaltsort nicht genannt, »größerer Sicherheit halber«, schrieb sie, »da dieser Ort als Asyl nicht mein Geheimniß allein ist, da politische Rücksichten dazu nöthigen, den Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu verbergen.« Wer an sie schreiben wolle, möge die Firma ihres älterlichen Hauses benutzen und in diese Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun Leonardus wieder gekommen und konnte aus erster Hand die soeben anlangenden Briefe empfangen.
Er erholte sich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unendlichen Friedens ihn überkam, sprach er: O hätte ich doch diesen einsamen lieben Zufluchtsort nicht verlassen, mir wäre wohler, als mir jetzt ist! Mein ganzes Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war nichts als eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat mich mit raschen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht.
Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines Wesens.
Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden wollen, sprach Leonardus.
Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieses Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt.
Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager, schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus.
Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm Frau Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb ist, werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da läßt sich nur wenige Bürgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht, es ist seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch nicht anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchsten Zimmer dieses Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lärmen im untern Hause und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der Kanonaden nicht wieder.
Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet, und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu erholen. O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich erlebte! Jetzt kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erschüttert mich allzusehr. Lassen Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe, seine Freundschaft wird ein Balsam für mich sein. O, wie sehr sehnt sich mein Herz nach Nachricht von ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an meiner Seite gewesen und vielleicht der treue Philipp, Alles wäre besser geworden.
Beruhigen, erholen, pflegen Sie sich, betrachten Sie dies Haus als das Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den Geschäften sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie unser junger Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen Brief an Graf Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen, wenn ich über ihren Liebling eine günstig lautende Nachricht hinzufügen kann. Du, liebe Frau, besorge droben Alles nöthige, so gut du’s hast. –
Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in demselben Gemach gesessen, wenn es draußen stürmte, so wie jetzt. Weithin standen die Wiesenflächen unter Wasser, das Dorf und Kastell gleich einer Insel, die Ströme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die Maas hatten ihre Betten überschritten, selbst die Dämme waren bedroht; ohne Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an einzelnen Stellen waren in der Allée schon beträchtliche Rinnen, die das mehr und mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende Stunde drohte sie noch größer zu machen.
Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth. Schon war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden, welche Fülle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier hatten sie beisammen gesessen, hatten Pläne geschmiedet für die Zukunft, deren schönster der war, daß Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit der Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in Rosendael wohnen in dem schönen Herrenhaus mit seinen herrlichen Gärten und Parken. Was ließ sich nicht Alles an diesem thun, wenn der Geschmack und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten Menschen hier schaffend thätig war? Da sollte Angés bei ihm wohnen, seine liebe, treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich naturgemäß entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen Wunderblume, welche die Kunstgärtner die Königin der Nacht nennen. Ach, das waren schöne Träume gewesen!
Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen worden von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das Schachspiel die Gedanken zu ernstem Nachsinnen hingelenkt, jenes bedeutsame »Spiel der Könige« mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war vorüber, und Leonardus van der Valck saß jetzt in ungleich anderer Lage und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind erschütterte mit heftigen Stößen den Thurm, und dumpf mischte sich mit seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend überfluthenden Gewässer, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen Dörfer, Gehöfte und Schlösser herausragten. Leonardus öffnete erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte.
Ludwig schrieb: »Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam habe ich so viel erlebt, daß ich das Meiste und Beste auf die mündliche Mittheilung versparen muß, denn ich kann unmöglich diesem armen Papiere anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hände geht, was mein Inneres voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb mit diesen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von Plymouth an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut unterzubringen und für den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich reiste tiefer in das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur geschmückt, Park an Park; ich fand überall schon vorbereitete gute Aufnahme, fand geistvolle Verwandte, fand mich in die höchsten Kreise gezogen, und fand endlich das Allerhöchste, was mein Herz mit nie gekannten Gefühlen erfüllte, es in Seligkeit schwelgen ließ, Alles auf Erden mich vergessen machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde, selbst meine Großmutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur mit leisem Flüsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare Geheimniß dir vertrauen, und selbst dir nur halb.«
Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken, nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen pflücken, die im irdischen Eden seiner Liebe blühen!
»Und doch, Leonardus! Bei dieser Fülle von Glück kann und darf ich nicht länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten Rücksichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer wankende Gesundheit die Rückkehr nach dem Festlande.«
Wie – er liebt, er betet an, wie diese glühende Sprache seines Briefes bekundet – und will doch fort, aus zartesten Rücksichten? Das ist mir ein Räthsel! sprach Leonardus zu sich selbst. – »Die hiesige Luft, so sehr sie gepriesen wird, ist meiner Gesundheit ganz und gar nicht zuträglich, und was die Seeluft betrifft, so mag ein empfänglicherer Sinn, als der meine, dazu gehören, deren Einwirkung auf den kranken Organismus wahrzunehmen. Ich sehne mich nach deutscher Luft, es wird mir nirgends wohl werden, als in der deutschen Heimath. Leider kränkle ich immer noch, trotz all’ der freudigsten und wohlthuendsten Erregungen, die mir in England, in London und auf all’ den herrlichen Landsitzen zu Theil wurden. Ich möchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das an, einem deutschen Arzt anvertrauen; man hat mir Starke genannt, welcher ein berühmter Arzt in der kleinen sächsischen Universitätsstadt Jena ist. Ueberhaupt hörte ich stets vieles Gute von den kleinen sächsischen Städten und Höfen; humane und gebildete Fürsten regieren dort ihre Länder; gründen, fördern und erhalten Anstalten für Wissenschaften und Künste; legen zu diesen Zwecken bedeutende Sammlungen an und vergönnen deren belehrenden Genuß und Gebrauch ihrem Volke; während, was hier die Herzoge und Lords sammeln, gleichsam vergraben wird und ärger gehütet, als das goldene Vließ zu Kolchis. Ich denke es mir sehr angenehm, einmal in dieses Herzland des heiligen römischen Reiches zu reisen, ein Reich, von dem wir keine rechte Idee haben. Hoffentlich wird mir dort wieder wohl, und vielleicht finde ich den inneren Frieden, der mir, selbst im Schooße des Glückes, noch mangelt. Ach, wie hat mich in England das rastlose Ringen und Streben der Vornehmen nach Erreichung politischer Zwecke gedrückt und unangenehm berührt – selbst meine Munterkeit litt darunter; was ich ersehne, mein Leonardus, das ist Stille, das ist Einsamkeit, wie die Großmutter mir beim Scheiden sagte: Glaube, daß die Einsamkeit wunderköstliche Stunden gewährt.«