Erster Theil. (continued 2)
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Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und besser als die Wege außerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und hohen Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackausdehnung den Jahdebusen und seine Geesten umfängt. Als das Deichthor geöffnet war, rollte der Reisewagen rasch über die harte Kiesfläche des unfruchtbaren grobkörnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorüber und dem Vareler Siel zu, wo die »schöne Susanna«, so hieß die Jacht des Grafen, vor Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern in der Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick verfinsterte sich, als er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff nicht segelfertig sei, und er entsann sich jetzt mit Verdruß, daß er vergessen hatte, dazu Befehl zu geben, vielmehr wußten der Steuermann und die wenigen Matrosen, die der Dienst des kleinen Schiffes erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde mehrere Tage am Lande bleiben, daher auch sie sich an demselben nach ihrer Art von der widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber stieg der Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann seines Schiffes mit einigen am Lande geholten Arbeitern antraf, der eben nach der Jacht sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff habe eine Beschädigung erlitten, zu deren völliger Ausbesserung mehr als die Zeit eines Tages erforderlich sei, eher könne die schöne Susanne ohne große Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zürnen noch Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelsten Stimmung, es nicht fehlen ließ; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, und da er mit seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen konnte, so blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren, oder nach einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn angemesseneren Orte zu fahren.
Zur Rückkehr konnte sich der Graf unmöglich entschließen, denn sein schneller Weggang sollte für die Großmutter eine Strafe sein – er faßte daher rasch seinen Entschluß, befahl, daß die Jacht sogleich nach ihrer Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke von Heppens vorbei, in die Jahde-Strömung einfahren und am Rustringer Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf längs des sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs (Dammes) bis hinunter zur Dan-Geest, ließ das Salze-Brak rechts, fuhr am Ellenser Grod hin, und verließ erst drunten beim Marien-Siel den Deichwall, um aus dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter nordwärts zu eilen. Es verging eine gute Anzahl Stunden, durch mancherlei Aufenthalt und der Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das Oertchen Accum erreichte. –
Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp ließen ihre Rosse gemachsamen Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und plötzlich rief Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? – und Ludwig gewahrte jetzt auch, daß die Pferde in den rasendsten Sätzen galoppirten, daß der Wagen gar nicht mehr auf der Fahrstraße war, daß er schwankend und wankend wie eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das Marschland gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick umzustürzen drohte, daß der Kutscher wie ein Wüthender an den Strängen zog und zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menschen und Thiere die augenscheinlichste Todesgefahr vorhanden war. Das ist ein Unglück! die Pferde gehen durch! – Dies rufend und sein Pferd in Galopp setzend, dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig’s das Werk eines Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele seines Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser Weise fuhr, so stürzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar schmale, aber tiefe Flüßchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg kreuzte. Mit einem furchtbaren Satze flog die kräftige Isabella über das Bette des Flüßchens, und Philipp’s Brauner wollte sich nicht an Bravheit von jener übertreffen lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den durchgehenden Pferden entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll Schreck, welcher Gefahr derselbe sich selbst tollkühn aussetzte, stach seinem Rosse die Sporen noch einmal in die Seite und überholte die Isabella, um mit kühner Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu empfangen.
Wenige Secunden später, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knäuel verwickelt wälzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein Pferd gerade auf die entgegenstürmenden über und über mit Schaum bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte Noth, nicht auch zu stürzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern standen zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch versuchend, sich zu bäumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut furchtbar blutig und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden hervor, wie durch ein Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von unerhörter Anstrengung schweißtriefend und an allen Gliedern zitternd, vom Bock, und suchte seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker fester Bau, sonst wäre er auf diesem Wege zertrümmert, stand – von fern her liefen einige Menschen herbei, der Jäger und der Jokei, welche bei den heftigen Stößen von ihrem Sitz im hintern Halbtheil des Wagens herabgeschleudert worden waren. Der Graf ritt rasch zum Schlage, – da lag ein marmorbleiches schönes Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in regungsloser tiefer Ohnmacht, und ein zartes Kind, ein Mädchen zwischen drei und vier Jahren, umklammerte mit seinen Händchen die Kniee der Mutter und barg sein blondes Lockenköpfchen in deren Schoos, ebenfalls ohne sich zu regen; der Mutter Arme und Hände waren um das Kind angstvoll geschlungen. Rasch schwang sich der Graf vom Roß, riß den Schlag auf und hob das Kind heraus.
Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen – wir todt!
O Himmel, die Gräfin! seufzte Ludwig erschüttert und sprach zu dem Kinde, einen flüchtigen Kuß auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein!
Doch – Mutter – sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte. Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin ist nur ohnmächtig! Mit Hülfe der herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand sich im Wagen ein Fläschchen mit kölnischem Wasser. Decken wurden auf den neu hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Gräfin wurde sanft und vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr Haupt gestützt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen gesättigten geistigen Flüssigkeit, die so falsch kölnisches Wasser heißt, und kölnischer Weingeist heißen sollte, die Schläfe.
Die Gemahlin des Erbherrn von In- und Kniphausen, Ottoline Friederike Louise, geborne Gräfin von Lynden-Reede, Tochter des holländischen Gesandten am königlichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie!
Da bin, Mama! rief das Kind.
O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor. Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um sie bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zärtlich an sie anschmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und bestürzte Dienerschaft – doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurück. Dort stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch wunderbaren Zufall auf diesen Weg führte!
Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und versuchte sich zu erheben, wobei sie aber seiner Unterstützung bedurfte, und mit einem schmachtenden Blick aus ihren schönen blauen Augen ihn lohnend, blieb sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Stütze war, und suchte ihre dahin geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln.
Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das hintere Theil verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze die Pferde fort und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen, und auf die andern Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von dannen rannten. Wenn der junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen Augenblick der Rettung dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt, denn die Pferde hätten sich sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt, auf die sie unaufhaltsam zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei Gott beschwören! – Todt! todt! rief schaudernd die junge, schöne, im vollen Leben reizend blühende Gräfin aus. Todt – ich und meine kleine Marie! – Stehe auf, Klas – mir schaudert. Ich will dir glauben! – Nicht todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit seinen Händchen nach der Hand der Mutter.
Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand.
Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline. Sie hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?
Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte – zur Seeküste. Ein glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und ich danke diesem – aber –
Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daß der Abend naht, und wie ich angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen? Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden – und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie einen bessern Rath?
Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen, antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was da wolle.
Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem Schlosse, das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und dessen hohe zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache Gegend zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu schlichten, und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben, daß er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier eintreffen zu können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei Tage hier verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin – was wissen Sie von meinem lieben Mann?
Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten, läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und Blässe sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin – allerdings komme ich von Varel, aber um nie wieder dorthin zurückzukehren – und der mich von dort wegtreibt, ist – Ihr Gemahl!
Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick.
Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer – das kam wie ein Blitz – ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre! nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit – auch in mir flammte nun Zorn auf – es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich – gehe – denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr Gemahl, gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel – wahrscheinlich um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die zwischen uns trat, nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich auf seine Jacht begeben, doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg über Bockhorn einschlug. Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau Gräfin, daß ich ganz unmöglich Ihr Schloß betreten kann und darf, das Haus eines Mannes, der mich haßt und mich, was mir noch schwerer fällt zu tragen, verachtet.
Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden, mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür kennen auch Sie ihn sicherlich – und haben Sie ihn und wär’ es tödtlich, beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich an ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.
5. Der Falk von Kniphausen.
Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, käme, und mich in seinem Schlosse fände, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen – was hätte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung, sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthänig, an des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das Glück meines künftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem Himmel dafür danken, daß mir vergönnt wurde – was wir gewiß für eine Fügung Gottes halten dürfen – Ihnen den heutigen Dienst mit Hülfe eines treuen Dieners zu leisten – aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal nicht!
Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines Feindes Haupt gesammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber Cousin, Sie sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und Verweserin der Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie sind jetzt mein mir auf Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo wollten Sie denn nun auch noch hin – da der Abend schon anbricht? Und Sie wissen ja, daß in unserm Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt! Wie befindet sich denn unsere noch lebende Ungnade, die Alte?
Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spöttische Weise verletzt, welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so kann ich berichten, daß hochdieselbe nach den Umständen, die deren hohes Alter mit manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden.
Ich höre das immer gern, lenkte die Gräfin ein. Wie schroff und wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch haben, sie zu lieben, achtungswürdig ist sie mir stets erschienen. Auch ist sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. – Wir alle werden nicht besser mit den wachsenden Jahren, und ändern kann sich nun einmal eine Frau von neunundsiebenzig Jahren nicht mehr.
Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über diese würdige Greisin gefällt werde, hold oder abhold, günstig oder ungünstig – versetzte Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und liebende Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden – und das eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich nicht glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so furchtbar gegen mich in Harnisch brachte, daß er seiner selbst vergaß.
Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein lieber Cousin! erwiederte die Gräfin ernst und voll der mildesten Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich heiße Sie von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen.
Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen zu gehorchen – die Herrin ließ ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog, gebot sie der Dienerschaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die größte Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und verwundert, die Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer Weile erst die Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und abgehetzten Pferden, von denen das eine sich im Stalle sogleich auf seine Streu legte und nach einigen Stunden todt war.
Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wünschte sich weit hinweg, so sehr ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam – um keinen Preis hätte er doch hier ihm gegenüberstehen mögen, und deshalb war er von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenstände, die das Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, daß sie doch nichts in seiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände waren von flandrischen Tapisserien überkleidet, deren Gegenstände im großartigen Style Raphaelischer Kunstschöpfungen gehalten und meisterhaft gewirkt waren. Das Getäfel der Fensterwände war von Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertäfelungen der Zimmerwände. Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden Zimmer verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick ungehemmt über die Marschlandfläche auf den breiten Silberspiegel des Jahdestroms und jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine Bezeichnung sandiger Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen. Dahinter begrenzte das weit nordostwärts sich hinstreckende Geestland und die Hügelwellen der Dünen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser Aussicht, welche Graf Ludwig längst kannte, ließ die innere Unruhe, in der er sich befand, keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte sich wieder ab, ohne zu sehen, daß ein Reisewagen, von mehreren Männern zu Roß gefolgt, dem Schlosse sich rasch näherte.
Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden, heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten Stellen des Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der weißen Federn vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen überkleidet, und die schwarzen Klauen waren aus Labradorstein geschnitten und äußerst natürlich eingefügt[2].
Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen die holdeste Lieblichkeit offenbarte.
Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes Erbstück der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung in derselben nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von Kniphausen«.
Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend an sich drückte.
Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That, die ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie vergessen soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster Dankbarkeit und lebenslänglicher Freundschaft.
Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den Becher ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre himmelvollen Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im Vorsaal ein starker männlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen der Thür, und der Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen nicht trauend, wie von Eis übergossen.
Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr diese Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! – indem er zurücktreten zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade betroffen setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf den Boden gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm gehalten sein, und sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!
Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich darstellte, auf ihn machen mußte – sie faßte rasch alle ihre geistige Kraft zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du es dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter haben, daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank dargebracht nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst, muß ich deinem Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es deiner würdig ist. – Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich, und trat einige Schritte näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der Herr Vetter hört hier ein Echo der letzten guten Lehre, welche mir die Frau Großmutter gab; hätte ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von Varel bis zu Schloß Kniphausen reiche. Bin ich in der That so hoch verpflichteter Schuldner geworden, so will ich jetzt nicht mit Worten danken, sondern später durch Thaten. Niemand soll sagen, Schloß Kniphausen sei ein ungastliches Haus geworden, also bis auf Weiteres einstweilen zwischen uns – Waffenstillstand.
Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte Ottoline zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf’s Neue, hob ihn gegen den Gemahl und sprach: Ich habe den Pokal dem Retter meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche und wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus Künstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein konnte, als diese, die wir so eben feiern – denn jene Versöhnung streitender Glieder einer getrennten Familie, die wieder zu einer einzigen werden wollten, galt doch nur dem Mein und Dein des irdischen Besitzthums, während wir ungleich inniger danken sollten für ein höheres neugeschenktes Besitzthum. Darum nicht Waffenstillstand, sondern – Versöhnung!
Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beschämt mich zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, daß Sie mir mehr als verdient, ja überschwänglich gedankt!
Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October 1791 mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und wie tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre Aufforderung verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und die Großthat des jungen Verwandten würden schwer genug wiegen, um allen Groll aus ihres Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er ihr eine Bitte versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm schwer genug, durch die politischen Verhältnisse und die Verpflichtungen, die er übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr und seinen zarten Kindern getrennt zu sein. Mühsam rang der Graf nach Fassung, bewältigte sein inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr – kennt meine Gesinnung. Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so stehe ich zu Diensten. Ich gehorche meiner romantischen Gemahlin und trinke aus diesem Falken von Kniphausen. Möge sein Wein nicht die Eigenschaft jenes Getränkes haben, das die Zauberjungfrau im berühmten Oldenburger Horn unserm Ahnherrn, dem Grafen Otto darbot. – Der Erbherr trank und reichte den Pokal an Ludwig.
Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das köstliche Trinkgefäß und sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen und edeln Hauses!
»Drink al ut!« sprach mit dem sanften Lächeln der schuldlosesten Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schönen Spruch, den das Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und begeistert von so liebevollem Wort leerte der junge Graf den Goldpokal bis zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das Ottolinens, völlig die doppelsinnige Schärfe der Anspielung des Erbgrafen zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier Lieblichkeit und Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Güte eines jungen weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die Versöhnung für vollkommen.
Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer Blick sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er wahrzunehmen glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu umgarnen: der Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits Entdeckungen zu machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der heimathlichen Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des Abends beim Thee ruhig und kalt-höflich, und sah es nicht ungern, daß Ottoline, indem sie vom Schrecken der überstandenen Gefahr sich doch angegriffen fühlte, sich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünschend, sprach sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frühstück, hoffe ich, wollen wir uns alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der Falk von Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe Ottoline sehen. Träumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht!
Der Erbherr fand nicht für angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen – er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und schied mit höflichem Wunsche.
Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühstück fand nicht Statt. Das von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb.
Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er sogleich schlafen können nach Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten werde, aber wie ungern schied er nun!
Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz über ihn. Rasch jagten sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden – er hielt wieder den Falk von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline schmiegte sich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie küßte ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute der Traum die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm gegenüber mit der tödtlichen Waffe, und da stand auch wieder die Großmutter, als ob sie lebe, in der Glorie ihres starren Stolzes zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber nicht Jenem galt ihr zürnendes, strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres alten ahnenreichen Stammes sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete sie ernste Worte mit tiefer männlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig schon einmal vernommen hatte. »Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein von allen unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und Neigung und Sinne sich dagegen sträuben. Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung gehen – o gehe rein aus ihnen hervor!« – Diese Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an deren Stelle; lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der Heerlager, berghohe Meereswogen – Stürme und ruhige See – hohe Burgen und Schlösser – stille Thäler – eine Siedlerklause – eine dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein Glück.
Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forschend an, ob sie den Blick vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage; aber sie sah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer Blick sie erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du nicht froh?
Ottoline, sprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Busen um, zu erleben, was ich heute und gestern erlebt, daß ich kommen muß und sehen, wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem Menschen kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Mannesehre auf das Ehrloseste beleidigt und dessen Hand und Mund jenes Geräth für immer entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphausen niemals wiedersehen, ich trank, von dir gezwungen gleichsam, zum letztenmal daraus. Dein überspanntes Gefühl der Dankbarkeit riß dich hin; daß er die scheugewordenen Pferde aufhielt, war seine Schuldigkeit – die Dienerschaft erzählte mir bei meinem Eintritt ins Schloß schon Alles – die Pferde wären auch wohl von selbst vor der Made stehen geblieben. Ein Mann von Ehrgefühl wäre nicht mit in mein Schloß gegangen.
O Gott! so hätte ich gefehlt, daß ich wiederholt in ihn drang, da er sich doch entschieden weigerte! rief Ottoline.
So? er weigerte sich also entschieden – und doch nicht entschieden genug – sein weiches Knaben-Herz vermochte nicht, der süßen Bitte des holden Mundes meiner Gemahlin zu widerstehen?
Der Ton, mit welchem der Erbherr dies sprach, füllte Ottolinens Herz mit Weh, ihre Augen mit Thränen; sie begann leise zu zittern.
Du machtest mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte das Gastrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient, aus dem Hause werfen – konnte aber auch die Größe seiner That nicht so hoch würdigen, wie du. Er ist ein Mensch ohne Geburt, ohne Ehre – wir können nicht ferner mit ihm verkehren – und da sein Dünkel und sein Bewußtsein, Schoosliebling der Großmutter zu sein, ihm jedenfalls Anlaß sein wird, die Belohnung, die ich ihm bieten könnte, zurückzuweisen, so mag er sich mit der, die du etwas vorschnell, nur von deinem Gefühl und nicht von Ueberlegung geleitet, ihm zu Theil werden ließest, genügen lassen.
Du machst mir Vorwürfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebrochener Stimme Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte – ich konnte ja nicht ahnen, daß –
Hätte er dir verhehlt, daß Spannung zwischen uns getreten? fragte forschend der Graf.
Nein, nicht ganz – er deutete mir an, indem er sich weigerte, mich zu begleiten und hier zu weilen, daß du ihm feindlich gesinnt seist, daß eine unbedachte Aeußerung seinerseits gegen dich, die auf Ehre nicht habe verletzen sollen, dich so sehr gegen ihn aufgebracht habe, daß du ihn haßtest, ja verachtest.
Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm. Es freut mich, daß er dir ehrlich die Wahrheit sagte, wie er es gewesen, der zuerst mich reizte. Wenn er dies fühlte, war es an ihm, zu widerrufen, aber was that er, als ich ihm heftig entgegnete? In wahnsinniger Wuth fluchte er mir, und mit mir dir, unsern Kindern, unserm ganzen Geschlecht. Ewigen Hader, ewige Verwirrung wünschte er auf uns herab! In seinen blindwüthenden Fluch wob er, da er doch wissen mußte, wie sehr ich dich liebe, Trennung ein zwischen dir und mir – zu einer Leibeigenen soll ich herabsteigen, Bastarde, wie er einer ist, soll ich mit ihr zeugen, die ganze Verwandtschaft soll mich hassen und verabscheuen, und in steigender Verarmung soll ich untergehen.
Das war zu viel für ein zartes, noch von keinem unreinen Gedanken beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, stieß einen leisen Schrei aus, fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen, in dem sie einen Schmerz fühlte, als wenn Dolche darin wühlten. Ihr vorhiniges Zittern ging in Zuckungen über, sie fiel in heftige Krämpfe – entsetzt sprang der Graf vom Stuhl auf und bog sich über sein schönes leidendes Weib. Mit stieren Zügen, die sich verzerrten, stieß Ottoline den Gemahl von sich, und er eilte außer sich vor Schmerz und neuerregter Wuth zur Klingel, welche die Kammerfrau herbeirief. – Es war sein Werk, Alles was vorging und folgte. –
Am andern Morgen, als Graf Ludwig sich erhoben, trat Jacob, des Erbherrn Jäger, bei ihm ein und meldete, daß sein Gebieter bedauere, das Frühstück nicht mit dem Gast theilen zu können, die Frau Erbherrin sei in der Nacht wahrscheinlich in Folge der gestrigen Aufregung und des Unfalles, tödtlich erkrankt.
Ludwig’s Herzblut stockte bei dieser Nachricht – er vermochte den nichtssagenden Wunsch baldiger Besserung kaum zu stammeln und den Auftrag, daß er sich der regierenden Herrschaft empfehlen lasse. Philipp wurde sofort mit dem Befehle entsendet, zu satteln.
In Gedanken der schmerzlichsten, schwermuthvollsten Art setzte Ludwig seine Reise fort; der Morgen war heute himmlischschön, nebelfrei – ein seltener Tag in dieser Küstengegend – aber Ludwig’s Gemüth erfreute sich heute nicht am schönen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schlosse Kniphausen zurück, dessen hoher Thurm erst dann den Blicken sich entzog, als Ostringfelde fast erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz lastete auf des Jünglings Herzen. Das Dörfchen und Gut Ostringfelde liegt am Wege von Jever nach Varel, und der Weg von Kniphausen über Accum stößt dort auf den ersteren. Aus den malerischen Baumgruppen des gutsherrlichen Gartens erhob sich weit sichtbar und die Umgegend weit überschauend eine alte Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein seltener Anblick, denn der burgähnlichen größern Schlösser sind nur wenige im Lande, dessen Charakter so gänzlich abweicht von den an alten Burgen von malerischer Schönheit reichern Gegenden des mittleren Deutschlands.
Ha! der Marienthurm! – unterbrach in der Nähe dieser Warte Ludwig sein bisheriges Schweigen, indem er stillhielt und sich vom Pferde schwang. Halte die Isabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zügel seines Rosses dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das Heimathland überschauen, das ich verlasse. Dieser Ort ist mir lieb und wohlbekannt, hier in der Nähe ließ die Großmutter nach Münzen der alten Römer suchen, ich war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden.
Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu besteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch nicht, wie in späterer Zeit, von neuerwachter Pietät mit einem Schieferdach gesichert, gestattete dem, welcher Lust hatte, von ihr einen Blick auf die Gefilde Ostfrieslands zu werfen, diesen Genuß in vollem Maaße.
Auch eine versunkene Herrlichkeit! sprach Ludwig zu sich selbst, indem er zunächst hinabblickte in des Thurmes nächste Umgebung: übergrüntes, von Schutt und Erde bedecktes Gemäuer in weiter Ausdehnung und verwilderte Gärten. Hier stand das bewunderte Schloß der Erbtochter Maria, der schönen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Großmutter mir erzählte. Und dieser Thurm ist der einzige sichtbare Rest jenes stolzen Baues, an dessen Stelle und aus dessen Steinen unten das niedrige Herrenhaus, einstockig und einförmig wie alle die Häuser der hiesigen Landgüterbesitzer, erbaut wurde, niederländisch reinlich, wohnlich und bequem eingerichtet, aber nie darauf berechnet, herrisch in die Ferne zu wirken, wie zum Beispiel Schloß Kniphausen.
Dort lag es, dort lag es, stolz und stattlich und von dieser Thurmhöhe gut erkennbar, das Schloß, nach welchem Ludwig so ernst, so sinnend, so sehnsüchtig und beängstigt zurück blickte, mit aller verzeihlichen Schwärmerei eines neunzehnjährigen Jünglings, den zum ersten Male in seinem Leben der Wunderstrahl des »ewig Weiblichen« berührt hatte, und ihn liebend »hinanzog« in die hohen und reinen Sphären einer idealen Welt. Verloren gingen dem jungen Schwärmer die Reize der zwar flachen, aber doch an Schönheiten keinesweges armen Gegend, des gesegnetsten Landstrichs im heutigen Großherzogthume Oldenburg; die zahlreichen Dörfer und Gutsgebäude mit ihren nach niedersächsischer Art einzeln stehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehöfts gelegenen, strohbedeckten Häusern; das fette, mit grünen Saaten prangende Marschland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die sich nur zu belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landschaft mannigfaltigen hochmalerischen Schmuck zu verleihen. Dort das Städtchen Jever, die Flecken Accum und Neustadt, dort das kleine Flüßchen, welches sich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwärts als Made, auf längerem Wege beim Rustringer oder Knipenser Siel, theils auf kürzerem ohne weitere Benennung beim Marien-Siel in den Jahdebusen zu rinnen. Ludwig konnte genau die verhängnißvolle Stelle an der Made erkennen, einige alte Weiden machten sie ihm kennbar, wo ihm am gestrigen Nachmittag so unerwartetes und unverhofftes Glück begegnet war. Ein Glück, welches nur ein Traum war – ach ein kurzer, schöner und schmerzlicher Traum.
Lebhaft traten an diesem Orte, auf dieser Thurmzinne, Bilder der Vergangenheit vor die Seele des Jünglings: der Großmutter ehrwürdige Gestalt hatte in stillen Stunden in ihrem Arbeitszimmer, wenn er bei ihr saß und für sie thätig war, ihm diese Vergangenheit entrollt in überreicher Fülle, und doch barg sich noch so manches Geheimniß unter den Farbentönen; manche dieser Bilder waren blos oberflächlich übermalt mit dem trockenen Tone der alltäglichen Geschichte, wie die Lehrbücher sie enthalten; das reiche farbenglühende Gemälde darunter konnte ja dem Knaben noch nicht aufgedeckt werden. So war es der Fall mit diesem einstigen Schlosse, mit diesem Thurme. Der letzte Abkömmling in weiblicher Linie von Theodorich dem Glücklichen, Grafen zu Oldenburg, jene Maria, hatte als Erbtheil die reiche Herrschaft Jever besessen. Sie erreichte ein hohes Alter, ohne sich zu vermählen, und erbaute an dieser Stelle das herrliche Schloß, nachdem sie im Jahre 1532 von Kaiser Carl V. als Herzog von Brabant und Burgund die Herrschaft in Lehn genommen. Eigen und wunderbar war ihr Walten; sie war eine Mutter des Landes und allgeliebt, und noch heute lebt ihr Wirken und ihr Name im Lande dankbar gesegnet fort und der Marienthurm selbst wird noch in hohen Ehren gehalten; der von ihr angelegte Siel führt noch ihren Namen.
Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr Erbe, aber starr, wie die alte Reichsgräfin, gab es Maria dem, dem sie die Fülle ihrer gnadenreichen Gunst zugelenkt, Johann dem Sechzehnten, Grafen zu Oldenburg, indem sie ihm ausschließlich die Herrschaft vererbte.
Vergleiche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen dem über die Vergangenheit sinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte Ahnherrin und noch mit dem Wunsche das Auge geschlossen, es möge ihr Residenzschloß erhalten bleiben – die örtliche Sage kündete, daß in dessen Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die Herrschaft Jever und die Herrlichkeiten Varel und Kniphausen zusammen werth seien – und der Erbherr die Herrschaft angetreten, so war auch Zwist und Hader erwacht, und das Schloß sammt der Herrschaft wurde zum Erisapfel. Siegreich gewann Graf Johann den von seinen um die Miterbschaft ringenden Verwandten vor dem brabanter Lehnhof anhängig gemachten Rechtsstreit; aber sein Sohn Anton Günther trat unkluger Weise das schöne, vom Vater ihm überkommene Erbtheil an den Fürsten von Anhalt-Zerbst, den Sohn seiner Schwester Magdalene, ab, und von diesem 1793 aussterbenden Hause fiel die Herrschaft Jever als Kunkellehen an Auguste Friederike, die einzige überlebende Prinzessin des Hauses Anhalt-Zerbst, welche als Kaiserin Katharina II. auf Rußlands Throne saß. Dadurch setzte Rußland seinen Fuß zuerst als reichsfürstlicher Gebieter auf deutschen Boden. So wunderbar fügen und verschlingen sich die Geschicke mancher Orte und Länder. Der Sprößling des Hauses Oldenburg und Delmenhorst, Graf Ludwig, stand jetzt im ehemaligen Lande seiner Väter und Ahnen auf einer russischen Warte. Die weitentfernten Besitzer hatten das Schloß nicht erhalten können, nicht erhalten wollen, so war es verfallen, und fast nur die Sage erzählte noch seine Geschichte, und flüsterte geheimnißvolle Mären von der schönen Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht minder schönen Maria, Erbtochter von Burgund, gewesen war, von verschwiegener Liebe und von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von Dingen und Thaten, mit denen sich viele Bücher füllen ließen.
Noch einen innigsehnsuchtvollen Scheideblick hinüber zum Schlosse Kniphausen mit liebevollem, zärtlichem Bangen, und dann ein Losreißen von dieser einsamen, erinnerungsreichen Stelle – ein zweiter, stummer tief empfundener Abschied.
6. Ein Geheimniß.
In Frankreich stand die Revolution mit allen ihren Schrecknissen und blutigen Gräueln in voller schauderhafter Blüthe. Der Erbadel war abgeschafft, seine Angehörigen waren gouillotinirt oder entwichen, der König und seine Familie war hingerichtet, allen Fürsten Europa’s war der Krieg erklärt, und für alle Länder die Beglückung durch Aufruhr, Mord und Brand ausgerufen und angesagt. Die Girondisten waren der fanatisirten Volksmasse, die aus lauter Henkern bestand, zum Opfer gefallen, und Frankreich wüthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind, auch der allergrausamste nicht, gegen dasselbe zu wüthen vermocht hätte. Die Unvernunft versuchte, Gott und den Glauben abzuschaffen, und hob die Vernunft in Gestalt einer nackten Metze auf die entweihten Altäre, bis es der Willkür des Blutmenschen Robespierre gelang, durch den Convent anbefehlen zu lassen, daß es eine Gottheit gebe und eine Unsterblichkeit der Menschenseele. Auch dieses Ungeheuer traf später die rächende Hand aus der Höhe, aber die Unthaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte neue, wie aus dem heißen Schlamm immer neues ekles Gewürm kriecht, und verderbliche Miasmen ausdampfen.
In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geschlossene Friede von Versailles zwischen England und Frankreich die letzte Epoche gewesen, welche eine kurze Zeit den Janustempel geschlossen hielt. Frankreichs Tollheit wirkte ansteckend nach allen Seiten hin und zudem hatte unterm 1. Februar 1793 der französische Nationalconvent auch an den Erbstatthalter von Holland, wie an England, den Krieg erklärt, und die Wogen der Nordarmee wälzten sich über die Gefilde von Geldern und Flandern, während in der Vendée ein seinem Königshause noch immer treues Volk sich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf stürzte, und Schaaren der gegen die Vendée geführten Carmagnolen vernichtete. In solchen Zeiten ist nicht gut reisen, und schwerlich würde Graf Ludwig mit seinem treuen Diener Philipp Scarre, so war dessen Vatername, ohne manchen lästigen Aufenthalt oder persönliche Gefahr das nächste Ziel seiner Reise, Amsterdam erreicht haben, wenn er nicht so einsichtsvoll gewesen wäre, den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsrast in Jever verfolgte der junge Reisende seine Richtung gerade nordwärts auch ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der Nordseeküste, das Wangerland.
Da lag es, das unermeßliche Meer, mit seiner langgestreckten Inselkette, und hell, wie ein Silberstreif im Sonnenscheine, zeigte sich in der Ferne die Insel Wangerooge dem Blick. Im Friedrichs-Siel wurde indeß kein Schiff angetroffen, welches groß genug gewesen wäre, die Pferde aufzunehmen, und von seiner treuen Isabella, deren Trefflichkeit ja erst am gestrigen Tage sich ihm so herrlich bewiesen hatte, hätte sich der junge Graf jetzt um keinen Preis trennen mögen – ungern genug hatte er schon auf die Begleitung des Hundes verzichtet, da er sich selbst sagen mußte, daß er auf einer so wechselnden Reise denselben bald genug einbüßen werde. Es war daher der Hund einstweilen oder für immer dem Kammerdiener Weisbrod zu guter Obhut übergeben worden. Die Reiter setzten ihren Ritt längs der Küste Ostfrieslands noch eine kleine Strecke westwärts fort, und hatten bald die Freude, in der Karolinen-Rhede mehrere segelfertige Schiffe zu erblicken, und nach kurzer Unterhandlung mit dem Kapitän eines derselben, das nach der Zuydersee steuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitän war in Stand gesetzt, schon nach Verlauf weniger Stunden die Anker heben zu können; der frische Ost, der den ganzen Tag wehte, verhieß gute Fahrt nach Westen, und da das Schiff seinen Curs nicht durch die unsichern Watten zwischen der ostfriesischen Küste und den Inseln des Wangerlandes nahm, sondern zwischen Wangerooge und Spikerooge in die Harle fuhr, so gewann es mit der günstig eingetretenen zurückrollenden Fluth bald das offene Meer, und fuhr auf sicherer, von Sandbänken unbedrohter Bahn Angesichts der Inselkette, an Oster- und Wester-Langeroog und Baltrum vorüber, nach Norderney und Juist zu, während die Nacht sich allmälig und spät dämmernd niedersenkte und der Mond seine zauberische Strahlenfülle auf die unermeßliche Nordsee niedergoß.
Die erste Erscheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerksamkeit des jungen Reisenden, wie seines Dieners in hohem Grade auf sich lenkte, war ein anderer Reisender, welcher mit dem Kapitän sehr gut bekannt, sogar vertraut schien, äußerst gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen eine auffallende Aehnlichkeit hatte, nur daß der Erstere etwas älter aussah und auch wirklich war, sonst hätte man beide für Zwillingsbrüder halten können, und wie diese Aehnlichkeit Ludwig und seinem Diener auffiel, so schien sie auch dem andern Theil aufzufallen. Der Kapitän hatte um so mehr für schicklich gehalten, die Reisenden einander vorzustellen; er konnte dies, denn er hatte den Namen des Jüngeren derselben in dessen Paß gelesen; da aber zufällig der Kanzlist, welcher diesen Namen mit großem Fleiße geschnörkelt, das r im Namen Varel nicht r, sondern ı geschrieben hatte, so war es nicht zu verwundern, daß der Kapitän statt Graf Varel – Graf Vavel las, und unter diesem veränderten Namen ihn seinem Reisenden vorstellte. Ludwig vernahm den Irrthum, fand sich aber nicht veranlaßt, denselben zu berichtigen, um so mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit ließ, sondern alsbald den Namen des Reisenden nannte: Herr Leonardus Cornelius van der Valck, Sohn von Herrn Adrianus van der Valck, berühmten Kauf- und Handelsherrn zu Amsterdam.
Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das Wort: Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, und wie ich hoffe, einen Reisegefährten in Ihre Vaterstadt zu finden, und dies doppelt, da ich den Namen Ihres Hauses bereits rühmlich nennen hörte, ja ich glaube nicht zu irren, daß ich unter andern an dasselbe sogar empfohlen und gewiesen bin, und dessen guten Rath in einigen geschäftlichen Angelegenheiten mir zu erbitten haben werde.
Der Fremde entgegnete mit einer entsprechenden Offenheit: Mein Herr Graf, ich, wie mein väterliches Haus sind ganz zu Ihren Diensten, und mich besonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rückkehr Sie selbst bei uns einführen darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in Amsterdam waren, so wird es Ihnen immer von Nutzen sein, in dieser großen und jetzt noch dazu sehr aufgeregten Stadt einen kundigen Führer zu haben.
Gewiß, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar für jeden Dienst sein, den Sie mir erweisen zu wollen so gütig sind.
Der Kapitän endete die anfangs unvermeidliche steife Förmlichkeit der ersten Unterredung durch den Vorschlag, den zwar etwas kühlen, aber prächtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punsch zu verplaudern, welcher die Zustimmung aller Theile erhielt, und ein gegenseitiges näheres Bekanntwerden in freundliche Aussicht stellte. Ein gut angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Mast aufgehangene Laternen streuten freundliche Helle auf die Gruppe der neuen Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Gespräch in Gang. Auch die Diener wurden nicht vergessen, jedem ward sein reichlicher Theil von dem heißen, anregenden Tranke, doch hielten sie sich in angemessener Entfernung und plauderten unter sich nicht minder vergnügt wie die Gebieter, und sorgten dafür, daß die kurzen weißen niederländischen Thonpfeifen nicht ausgingen.
Der Kapitän war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren, und hieß Richard Fluit; er war aus dem Haag gebürtig; das Schiff, welches er führte, hieß »de vergulde Rose« und war Eigenthum des Handelshauses van der Valck. Das Gespräch lenkte sich bald genug den Tagesfragen zu, und Fluit und Leonhard waren sehr gespannt auf Nachrichten vom dermaligen Stande der Dinge in Amsterdam, da sie in Hamburg, welches vor einigen Tagen verlassen worden war, nichts Bestimmtes hatten erfahren können. Man hatte nur davon gesprochen, daß Pichegru sich mit seinem Heere gegen die Schelde zu bewegen Anstalten treffe, und Jourdan nach der Sambre aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der sogenannten Patrioten gegen die Partei des Erbstatthalters dauere im Haag wie in Amsterdam fort, ohne daß man von wichtigen oder entscheidenden Vorfällen vernommen habe. Bei alledem, nahm der Kapitän das Wort: macht das kriegerische Wesen uns Kauffahrern, die wir es allesammt zum Henker wünschen, tausendfache Plackerei, nächstdem, daß es die Handelschaft hemmt und den Verkehr untergräbt. Sonst stand unser einem frei, an Bord zu nehmen, wen man wollte, und Güter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein schwerer körperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen, und muß jeder Kapitän noch ein besonderes Certificat bei sich führen, daß er diesen Eid geleistet. Darum muß ich jetzt Namen, Rang und Stand, wie Bestimmungsort meiner Schiffsreisenden besonders aufzeichnen und dieselben vorlegen, sobald sie verlangt werden. Ich muß sogar den Sohn meines ehrenwerthen Prinzipals ebenso, wie Sie, Herr Graf, ersuchen, nächstdem, daß ich Ihren Paß bereits gelesen, Ihren werthen Namen eigenhändig in dieses mein Passagierbuch einzutragen, Sie haben aber dafür den Vortheil, dann zu Amsterdam von aller sonst ebenso häufigen als lästigen Paßportplackerei befreit zu bleiben.
Meine Unterschrift steht zu Befehl, Herr Kapitän, antwortete Graf Ludwig: doch wünschte ich Näheres über diese Verpflichtung zu erfahren.
Der Kapitän öffnete seine Schreibtafel, zog einen untersiegelten Stempelbogen hervor und las: »Ich Richard Fluit, gelobe und schwöre zu Gott, dem Allmächtigen, daß ich auf das unter meinem Befehl segelnde Kauffahrteischiff, »de vergulde Rose« genannt, Eigenthümer Mynheer Adrianus van der Valck, Kauf- und Handelsherr zu Amsterdam, welches von Amsterdam nach Hamburg bestimmt ist, weder für meine eigene Rechnung, noch für oder von Jemanden, er sei auch wer er wolle, einige mir unbekannte Handelsgüter, viel weniger das Mindeste von Contrebanden, noch Militär-Personen im Kriege befangener Puissancen[3], es sei in oder außer dem Hafen, noch unterwegs, oder sonst irgendwo auf meiner angedeuteten Reise einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen, daß ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifest benannt ist, und ebenso darauf sehen will, daß dergleichen von meinem Schiffsvolke nicht geschehe. Ich will auch auf meiner Reise kein nicht gehörig unterschriebenes Cognossement, oder das nicht gehörig an Ordre gestellt, oder worin die Waaren nicht richtig ausgedrückt sind, am wenigsten aber Passagiere und Güter ohne richtigen Ausweis an Bord nehmen, überhaupt aber meine Papiere und Documente in gebührender Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.«
Da müssen wir uns freilich kundgeben, daß wir nicht Contrebande oder gar militärische Ausreißer und Spione sind, lachte Leonardus, tunkte die Feder ein und bot sie höflich dem jüngeren vornehmeren Reisegefährten dar.
Als beide Herren die vorgeschriebene Form erfüllt hatten, betrachtete der Kapitän sinnend und vergleichend die Handschrift beider, und brach dann in den Ausruf aus: Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nicht nur daß sich die Herren einander so ähnlich sind, als ob sie Brüder wären, auch Ihre Handschriften gleichen sich in einer auffallenden Weise. Da sehen Sie beide selbst.
Es war in der That so, wie Fluit gesagt; der junge Graf schrieb eine leichte fließende und dabei doch sichere Hand, und der junge Kaufmann keine kaufmännische, sondern eine, deren Ductus bis auf den flüchtigen charakteristischen Schnörkel am Schlußbuchstaben des Namens der des Grafen völlig gleich kam, so daß beide Namenaussteller selbst darüber verwundert waren. – Wer weiß, was das bedeutet! nahm Leonardus das Wort: vielleicht sollen wir näher mit einander bekannt werden, vielleicht zuletzt gar mit einander verwechselt! – Ha, da könnte Ihnen leicht etwas Schlimmes begegnen! warf der Kapitän im Tone leicht spottenden Scherzes hin, gegen den Sprechenden gewendet. Leonardus lächelte und erröthete: Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gäbe dann freilich keine Freundschaft!
Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem die entdeckte Aehnlichkeit eigene, fast beunruhigende Gedanken erregte: oder ist es unbescheiden, diese Frage zu thun, bei der sich doch mein Gesicht betheiligt sieht?
Warum nicht, Sie dürfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus: und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Fast scheint es mir nicht anders möglich, als daß wir Freunde werden müssen, und ich glaube nicht die mindeste Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimniß enthülle, Sie werden dadurch gleichsam mein Verbündeter (es ist nichts Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und können als solcher mir vielleicht nützlich werden.
Also ein Geheimniß? fragte der junge Graf gespannt und voll Antheils. – Dessen Schlüssel auch mir schon längst versprochen wurde! fügte Fluit hinzu.
In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, so gebe ich Ihnen einen Beweis des unumschränkten Vertrauens, das Ihr ganzes offenes Wesen mir einflößt, sprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch ich bin offen, entgegen dem Nationalcharakter meiner Landsleute, aber ich habe viele Reisen gemacht, und habe erfahren, daß Offenheit und Unbefangenheit weiter bringen als Verschlossenheit und heimliches Wesen. Vertrauen erweckt Vertrauen, und meist ist es der Jugend schönes Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift sich wohl, mißtrauisch und sorgsam machen, und gerne stützt es und vertheidigt es seine Ansichten mit seinen Erfahrungen; diese Erfahrungen muß aber eben, meine ich, jedes Leben erst machen, damit es im Alter sich auf sie stützen und von ihnen reden könne.
Es ist so, wie Sie sagen, Herr Leonardus! bestätigte der Schiffskapitän. Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht sagen, daß er gelebt habe; und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann Manches lernen, was er thun und was er meiden soll. Wir wollen erst unsere Kumme und unsere Gläser frisch füllen, und dann mag die Erzählung beginnen. – Das Schiff segelte mit frischem Winde durch das nur wenig und dazu gleichmäßig bewegte Meer und durch die kühle, wunderbare, sternenklare Nacht. Zur Rechten verlor sich der Blick in die Unermeßlichkeit, und man sah nicht, wo Himmel und Meer einander küßten, denn der Himmel warf die Abbilder seiner Sterne wie glühende Küsse in die Wogentiefe, und die goldenen Funken schienen sich freudehüpfend auf den silberkräuselnden Wellen zu schaukeln, die zugleich des Mondes Bild millionenfach gebrochen zurückblitzten. Zur Linken entragten die Inselflächen noch in Sicht des Schiffes, silberweiß stach ihr vom Mond scharf beleuchteter Dünensand von der dunkeln Nordseefluth ab, doch die Orte und Gehöfte darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inseln schienen wie silberne, riesige Nelumbiumblätter auf die Oberfläche gehoben, um im Mondstrahl träumend auf das Erscheinen der königlichen Blüthe zu harren. Nur wenig leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten desselben findet nur unter wärmeren Himmelsstrichen Statt, und der Ostwind ist demselben nicht günstig; dennoch schoß das Kielwasser von Zeit zu Zeit einen schnell verschwindenden Blitz von phosphorischem Schimmer, aber die hoch empor gespritzten Wasserstrahlen starker Tummler, die das Schiff auf weite Strecken und in großer Anzahl begleiteten, glichen im verklärenden Mondenglanze den tausend Springbrunnen eines morgenländischen Märchens.
Mein Leben, begann jetzt bei frischgefülltem dampfenden Punschnapf Leonardus seine Erzählung: hat mich von früher Jugend an vielfach zu Wasser und zu Lande umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmannschaft mit angeborener Vorliebe, um so mehr, da sie mir jede Annehmlichkeit des Lebens, und durch meines Vaters günstige Verhältnisse eine glückliche und sorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfischfahrern in Island gewesen, und habe die eisumstarrten Küsten Grönlands und Spitzbergens gesehen; ich war in Stockholm und in Sanct Petersburg, und ebenso in London, Paris, Madrid und Lissabon; bald hatte ich in Geschäftsaufträgen unsers Hauses dieses, bald jenes unserer Schiffe zu begleiten, denn mein Vater wollte, ich solle recht viel erfahren, alle Handelsgeschäfte wie alle Waaren der verschiedenen handeltreibenden Nationen an ihren Stapelplätzen kennen lernen, und ich habe diesen Wunsch erfüllt, so weit es mir möglich war; ich bin auch in Konstantinopel und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis gewesen. Mein Vater gibt mir selbst das Zeugniß, daß ich ein tüchtiger Kaufmann geworden sei. Ganz anders aber und ungleich mißlicher steht es um die Erfüllung eines zweiten Wunsches oder sogar Befehles meines verehrten Herrn Vaters. Derselbe sagte zu mir: Versprich mir, mein Sohn, über dein Herz zu wachen, keine Verbindung anzuknüpfen, die meine Pläne mit dir kreuzt, sonst betrübst du mich und gräbst dir die Grube deines Unglücks. Denn wisse, mein guter Sohn, daß ich für dich bereits gewählt habe, und zwar ein sehr liebes Kind, jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber zur lieblichen Jungfrau heranblühen wird. Es ist die Tochter meines besten Freundes, du kennst ihn, kennst sie, sie ist die einzige Erbin, und deine Verbindung mit ihr wird der glücklichste der Tage sein, welche ich noch zu erleben hoffe.
So sprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre stehend, kannte ja nicht die Zaubermacht der Liebe, und leistete unbedacht und unbedenklich das schwere Versprechen. Meine Braut zählte damals erst zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zählt sie zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf den die Welt durchschwimmenden Verlobten, und dieser – –
Herr Gott! fuhr der Kapitän auf, Herr Leonardus! Und das Alles sagen Sie mir jetzt erst! Ach, das bringt mich um Ehre und Credit, schleudert mich vom sichern Steuerbord in die wogenden Wellen!
Bleiben Sie ruhig, Kapitän! bat Leonardus. Sie mußten es endlich doch erfahren, daß Sie trotz Ihres beschworenen Eides und bester Ordnung Ihrer Papiere und Documente, dennoch eine sehr werthvolle Contrebande am Bord haben. Es ist eben die höchste Zeit, mich Ihnen, mein redlicher Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Katastrophe, und bedarf treuer, schützender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der Heimath, dort harrt meiner die schöne, reiche Braut; unter allerlei Vorwänden entzog ich mich bisher der Heimkehr, ich kann es nicht länger thun, und Gott weiß, was nun werden soll! – Der Ton des Sprechenden, der erst so heiter erschienen war, wurde gegen das Ende seiner Rede kummervoll und beklommen, er senkte den Blick, starrte in sein Glas ohne zu trinken, und ein schwerer Seufzer entrang sich seinem Busen.
Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitän. Ich bin gerade so klug gewesen, wie einer dieser Tummler, die da mit uns schwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden gewesen, und werde bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke einfällt, statt auf der Nordsee zu segeln, im schwarzen Meere der Tinte des Hauses van der Valck sitzen und in der Ungnade von Mynheer Adrianus.
Ihre gegenseitigen Worte machen mich sehr gespannt darauf, Weiteres zu vernehmen, gab Ludwig in das Gespräch. Trinken wir einmal, Herr Reisegefährte! Sollte es mir vergönnt sein, Ihnen einen Dienst zu leisten, so rechnen Sie ganz auf mich; ich bin völlig unabhängig, Herr meiner Zeit, und wenn die Wechsel gut sind, auf die ich angewiesen bin, auch in diesem Punkt so gestellt, daß ich fremder Stützen nicht bedarf.
Ich danke Ihnen tausendmal, mein junger edler Freund, für Ihren guten Willen! rief Leonardus mit Wärme, und drückte Ludwigs Hand. Vielleicht führte Sie zu meinem Glück der gütige Himmel uns zu. Hören Sie nun beiderseits weiter, was ich erlebte. – Eine Landreise führte mich im vorigen Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in dessen Hauptstadt le Mans; es war kein Vergnügen in Frankreich zu reisen, und ist es auch heute noch nicht, aber es galt, unserem Hause sicher angelegte Kapitalien zu retten, und dieselben nicht in Form der nichtsnutzen und völlig werthlosen Assignaten ausgezahlt zu erhalten. Ich vollbrachte mein Geschäft mit leidlich glücklichem Erfolg, weil die Vendée den Unsinn der Revolutionsgewalthaber nicht anerkannte, hatte aber Mühe genug, nicht für einen verkappten Franzosen gehalten und gezwungen zu werden, in Gemeinschaft mit den tapferen Vendéern, die sich wie ein Mann gegen die Republik und ihre Menschenschlächter erhoben hatten, die Waffen zu ergreifen. Es war im Monat September, und nach den glorreichsten Siegen warf ein grausames Geschick dennoch das Todesloos über das unglückliche Land und seine ihrem König und ihrem Glauben treuanhängliche Bevölkerung. Zwar erkämpften Elbée und Prinz Talmont noch einige dieser Siege, aber von Mainz rückte bald darauf die Garnison, welcher die Capitulation dieser Stadt eine anderweite Wirksamkeit versagte, sechzehntausend Mann stark aus und marschirte gegen die Vendée, und bald standen mehrere Heere vereinigt, die eine Armee von sechzigtausend Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch durch die Nationalgarde aller Provinzen, durch die das Heer zog, vermehrt werden sollte. Es erfolgten, wie bekannt ist, die allerblutigsten Gräuel; die Vendée sollte ausgefegt werden, kein Alter, kein Geschlecht verschont bleiben, und also geschah es. Doch ich will ja nicht die Gräuel dieser scheuslichen Kämpfe schildern, sondern ein unverhofftes Glück, das mir der Himmel auf eine wunderbare Weise in den Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht nach der anderen nach le Mans, der tapfere Prinz Talmont und sein Kampfgenosse d’Autichamps waren bei einem Angriff auf Doué, an der Spitze von fünfundzwanzigtausend Mann, geschlagen worden; ebenso vor Thuars General Lescure mit zehntausend, und das Schrecklichste stand bevor. Mit dem Gedanken an die Beschleunigung meiner Abreise beschäftigt und überlegend, wie ich diese am geeignetsten einrichten wollte und auf welchen Wegen ich am schnellsten und gefahrlosesten die nördliche Küste gewinnen könne, gehe ich eines Abends gegen die Zeit der Dämmerung auf dem reizenden Spaziergang, der den Namen le Greffier führt, auf und ab, als ich einige laute Worte, hervorgestoßen von einer rauhen Mannesstimme, vernehme, und dazwischen Schluchzen und Stöhnen eines leidenden Weibes.
Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim Nähertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich siehst du nie wieder! Gehe hin zu deinem süßen girrenden Correspondenten, mit dem du nun schon einige Jahre zärtliche Briefe wechselst, wir beide sind getrennt auf ewig, ich scheide mich von dir – ich fluche dir!
Trafen schon diese Worte erschreckend mein Ohr, so erbebte noch mehr mein Herz, als ich die gemißhandelte Frau ausrufen hörte: Um Gottes, um des Kindes Willen, Berthelmy, hab’ Erbarmen!
Wessen Kindes, treulose Schlange? schrie der Mann. Fort, fort, ehe ich mich vergesse, ehe ich dich tödte!
Raschen Schrittes enteilte er, und das arme Weib sank wimmernd in die Kniee.
Mich bannte starrer Schreck an diesen Ort – dieser Name Berthelmy – diese Stimme – außer mir stürzte ich auf die Unglückliche zu und rief: Bist du es, Angés, geliebte Angés! O komme zu dir, fasse dich, der Gott der Liebe sendet dir einen Retter!
Wie, Sie kannten diese Frau? riefen Ludwig und Fluit staunend wie aus einem Munde.
Ja, verehrte Herren, ich kannte sie, ich liebte sie, ich hatte sie verloren, und fand sie hier wieder, wo ich sie nimmer gesucht hätte. Ich muß, um Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein früheres Ereigniß einschalten. Es war im Jahre siebzehnhundertachtundachtzig – ich zählte damals dreiundzwanzig Jahre, als eine Reise mich nach Deutschland führte, wo ich am Niederrhein, in Bonn, Köln, Düsseldorf und deren Nachbarstädten kaufmännische Verbindungen anknüpfte; von da reiste ich in die Pfalz. In Zweibrücken führte mich der Zufall zu einer reichen Kaufmannsfamilie, Namens Daniels, in der ich neben einigen Brüdern ein junges Mädchen kennen lernte, zu welcher sich beim ersten Erblicken mein ganzes Herz hinwandte. Sie stand in der ersten Jugendblüthe, und wurde nicht mit einem deutschen, sondern mit einem französischen Namen gerufen, getreu der in Deutschland so häufig in vornehmen Häusern heimischen Unsitte, die Muttersprache zu verachten und der fremdländischen zu huldigen. Ich liebte das Mädchen heiß und innig, sie wurde das Ideal meiner Jünglingsschwärmerei, ich brach meinem Vater das gegebene Wort, doch nicht in solchem Grade, daß ich ein bindendes Versprechen gegeben hätte. Dazu kam es nicht, aber es entspann sich ein außerordentlich zartes, schönes Verhältniß, der Juwel im Kranze meiner Erinnerungen. Angé’s Eltern und ihre Brüder würden es gar zu gern gesehen haben, wenn ich ohne weiteres mich Angés gleich verlobt hätte, denn einmal gefiel ich ihnen, wie ich mir schmeicheln durfte, persönlich, und dann mochte ihr kaufmännischer Sinn wohl berechnen, daß der Sohn des Hauses van der Valck in Amsterdam keine ungeeignete Verbindung mit ihrem Hause in Aussicht stelle. Um nicht mißdeutet zu werden und das junge Glück unserer seligen Liebe nicht selbst zu zerstören, vertraute ich dem älteren Bruder des geliebten Mädchens an, daß ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht über meine Hand verfügen könne, wenn auch mein Herz noch so sehr dazu drängte; daß aber Geduld und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begründen würden. Ich genoß mein Glück und blieb so lange wie möglich in dem schönen Zweibrücken, und als ich endlich scheiden mußte, wurde fleißiger Briefwechsel zwischen Angés und mir verabredet, und die Aufschriften und Bestimmungsorte der Briefe festgestellt.
Froh und zugleich schmerzhaft bewegt schied ich von der Geliebten, und wir schrieben einander zuweilen, freilich nur in großen Zwischenräumen – weite Reisen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der Heimath entführten, oft in weit entlegene Länder, beeinträchtigten sehr den Briefwechsel mit dem sehnsüchtig auf meine Wiederkehr harrenden geliebten Mädchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn in meinem Verhältniß daheim änderte sich nichts. Wohl aber änderte sich viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb für treulos – ein Franzose, Kaufmann wie ich, kam in ihr älterliches Haus, sah Angés und verliebte sich in sie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben gemacht hatte, als eine junge von ihrem Geliebten verlassene Mutter mit der Pflege eines zarten Kindes, eines Mädchens, beschäftigt fand.
Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jungfräuliches Erröthen auf die Wangen des Jünglings.
Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernstem Blick, der jeden unlautern Verdacht zurückwies: eines Kindes, das ihr viele Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer macht.
Etienne Berthelmy, so hieß jener Franzose, ließ sich durch das Kind nicht abhalten, Angés um ihre Hand zu bedrängen, wies gesicherte Verhältnisse nach, bestürmte Eltern und Brüder um deren Zustimmung, und Angés, die mich aufgeben zu müssen glaubte, gab endlich halb widerstrebend und unter der Bedingung nach, daß sie durch keine andere Macht, als durch den Tod, von dem Kinde getrennt werden dürfe, weil es das ihr anvertraute Pfand einer hohen geheimen Liebe sei.
Von einer Reise zurückkehrend, fand ich einen Brief von Angés vor, der aus Paris geschrieben war; es war ein schmerzlicher Abschiedsbrief, durch den eine leise Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb erzwungenen Schrittes und eine unvergängliche Liebe hindurchblickte. Ein Mann, der weniger innig und treu geliebt hätte, wie ich, hätte diese Wendung vielleicht nicht ungern gesehen – mich machte sie äußerst bestürzt und ich weinte meinem verlorenen Glücke bittere Thränen nach. Je mehr ich Angé’s Brief wiederholt las, desto mehr las ich zwischen den Zeilen den Wunsch des geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben, ihr nicht zu zürnen, und ich schwur Ersteres ihr und mir in Gedanken zu. Ich schrieb unter der angegebenen Aufschrift wieder an sie, und erhielt auch bald darauf wieder Antwort, und zwar aus Mons. Sie schilderte mir ihr Leben, erwähnte auch des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern ihres Mannes, ihres Wohlstandes und ihres im Ganzen glücklichen Verhältnisses; der Brief überhaupt aber athmete so viele Wärme und so zärtliche Gefühle für den ersten Jugendfreund, wie sie mich nannte, daß mein Herz immer aufs neue befangen ward, und daß ich eine starke Sehnsucht empfand, Angés wiederzusehen. War dieses Verlangen vielleicht sträflich, nun so fand es auch seine volle Strafe. Ich antwortete sogleich, sprach mich im angedeuteten Sinne aus, erwiederte die Offenbarung der alten nie rostenden und ersterbenden Neigung, und fragte an, ob es möglich sein werde, sie wieder zu sehen, ohne ihr Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine Antwort auf diesen Brief, bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem ersichtlich war, daß Angés meine Antwort nicht erhalten hatte, denn sie klagte, daß ich sie ganz vergessen zu wollen scheine, und führte an, daß es sie tief schmerze, sich von mir verachtet zu sehen.
Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, daß mein Brief verloren gegangen sein solle, denn die politischen Bewegungen in Frankreich hatten schon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches Wirrniß zu erregen, und so sagte ich mir: was sollst du lange schreiben, wie nahe ist nicht Mons? Ich nahm ein Geschäft zum Vorwand und reiste nach dieser Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrücken, auf der Mairie, auf den Paßbureaus, auf der Post, nirgend eine Spur. Nie sei jemand dieses Namens hier gewesen, wohl aber, so hörte ich auf der Post, ein Brief, der noch unter dem Gitter als unbestellbar ausgelegt sei, an eine Person dieses Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht erholen, wußte nicht, was ich denken sollte, reiste höchst unzufrieden zurück, und schrieb nun Alles, was ich Angés hatte sagen wollen, in einem Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur Weiterbeförderung nach Zweibrücken sandte. Gleich darauf entfernte mich abermals eine lange Reise vom Hause, und auch bei der Rückkehr fand ich keine Antwort vor; wahrscheinlich, so redete ich mir ein, hatte die Einsicht der Eltern für besser gehalten, meinen Brief, als zu nichts Gutem führend, unbestellt zu lassen. Ich betrauerte sie als verloren, konnte sie aber nimmer vergessen.
Da führte mich das Geschick zu einer Reise nach Paris, und von da in die Vendée nach le Mans; da sah ich durch des Zufalls unerforschliches Walten die Geliebte in einem der schmerzlichsten Augenblicke ihres Lebens so unverhofft und plötzlich wieder, und die nächste Minute klärte Alles auf. Sie hatte als Deutsche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes das le vergessen, hatte das a undeutlich geschrieben, ich hatte Mons statt Mans gelesen, und an drei Buchstaben lag es, daß unsere Herzen so lange ohne Kunde von einander blieben.
7. Angés.
Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine scheidenden Strahlen noch magisch versilberten; kühler wehte die Nachtluft und unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der »vergulden Rose.« Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich über das Schiff.
Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach Leonardus seine Erzählung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger dem Weitergange der Erzählung mit lauschenden Ohren gefolgt wären, so wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie ferner zu unterhalten, und verließen, obschon nur halb befriedigt und auf den Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu begeben.
Lebhaft beschäftigte das Gehörte Ludwig’s Phantasie; sein ganzer Antheil an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht, und da er sich wohl denken konnte, daß dessen Verhältniß bei der Heimkehr sich sehr eigenthümlich gestalten könne, sann er darüber nach, wie wohl Leonardus handeln müsse und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes mit jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoßenen und im Zorn verlassenen jungen und gewiß auch schönen Frau zu vereinen.
Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jüngling sanfter Schlummer, und das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht.
Als der Morgen klar und schön wie der gestrige Tag anbrach, war vom Bord der »vergulden Rose« aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff war schon auf der Höhe des Juister Riffs und mußte in einem großen Bogen das nordwestwärts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln, um dann zu wenden und südwestwärts zu steuern. In der Ferne, wo die Küste gedacht werden mußte, stiegen leichte Nebel empor, und als die Sonne aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß sich heraufhob, traten nach und nach die größeren Inseln Schirmonikoog und Ameland in Sicht.
Nach einigen abgethanen Geschäften und nachdem auch der junge Graf nicht versäumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp’s Braunen zu überzeugen, die im Packraum der »vergulden Rose« zwar enge aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefährten in der Kajüte des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus ließ sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht abgebrochenen Erzählung bitten.
Angés, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blüthe, wie ich sie als Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas so Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angés versprach mir, nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und bald hing die zarte, bebende Gestalt tief verhüllt an meinem Arme und erzählte mir Alles.
Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beseelt, die kaufmännische Feder mit den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Bürger-Soldat und hatte, vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswürdiger junger Mann, sein Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften eines tüchtigen Soldaten setzte. Mit dem Wachsen seines Bartes wuchs auch sein verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen seine Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht war. Dabei vernachlässigte er sein Geschäft und kam schnell zurück. Daß das Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés sei, ließen weder Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine sah sich unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé’s reines Gemüth zu verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine maßlose Eifersucht, und Angés wurde von ihm und seinen Eltern mit Argusaugen bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie sich einen Spaziergang mit dem Kinde vergönnen. Tausendmal bereute Angés ihren ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen Schritt, und wünschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte Menschen, an eine freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die noch, wie die ganze Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck, ihr, der Deutschen, der Protestantin zumal, durchaus keine gemüthliche Ansprache bot.
Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Geliebte, und sie, zurückgestoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung. Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die eifersüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungslosen Menschen griff er in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand und las Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine, nach ihrer Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie ein unsinniger Wüthrich, gebot Angés, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu verlassen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte sie dies selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen stand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der Unmöglichkeit war, daß ein zartes, schönes und junges Weib mit einem kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vendée zuwälzenden Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um jeden Preis.
Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr trostloser Zustand und die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemüthes, als Angés dies alles mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; daß geholfen werden müsse und daß niemand helfen könne und werde als ich, stand klar vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir rasche Entfernung möglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber das Kind – von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie sie so heilig betheuerte, nicht lassen.
Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schönen belebten Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebespaar halten mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angés. Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geschehen sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die Straßen durch Patrouillen gesäubert, und niemand durfte ohne wichtige Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlassen.
Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung aus wachsender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich war ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein so holdes gequältes Geschöpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen unbegrenzten Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angés nach ihrem Wohnhause zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft besitzest mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glück.
Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy’s, betagte Leute, hatten sich bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angés nahm, was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das schon schläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm an, anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde mit ihm zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefühlen ihrer auf der Straße harrte. Die Kleine war still, die süße Stimme ihrer vermeinten Mutter hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte Last auf meine Arme, und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das nicht fern vom le Greffier gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die Nacht war mondhell, ich ließ den Kutscher anspannen, und sagte dem Wirth, daß eine nahe Verwandte von mir mich begleiten werde. Einige Goldstücke über den Betrag meiner Rechnung bewogen meinen gefälligen Wirth, sich zur Mairie zu begeben, um für seine Verwandte, welche mit ihrem Bruder, der aus Amsterdam gekommen sei, sie abzuholen, und mit ihrem Kinde nach Holland zu reisen gedenke, einen Paß zu erbitten, und unser Abenteuer lief ganz glücklich ab; wir waren, als die Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit aus dem Weichbild der uralten Bischofstadt und Angés pries den Himmel und mich unter Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner Bedingung eine solche That, als die meine war, die förmliche Entführung einer verheiratheten Frau, unter andern Verhältnissen begehen mögen, aber hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und hatte gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in der bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schöner Herbstwitterung begünstigt, dem geschlängelten Lauf der von Norden herabkommenden Sarthe entgegen, rasteten in Alençon, reisten über Sens und Argentan, Falais und Caën, und gewannen glücklich das Küstenland. Ein kleines Schiff führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters »vergulde Rose«, Kapitän Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar zarte Lilien an Bord zu nehmen, nebst mich und meinen Diener.
Ja – ja – brummte der Kapitän – ein verteufeltes Wagestück – wollen sehen, wie es enden wird!
Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag, und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, sorglos und um die nächste Zukunft unbekümmert – wissen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals vielen Champagner und Dry Madeira – es war mein Geburtstag, der 22. September.
Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß der meinige auf denselben Tag fällt.
Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän. Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, für ein Frühstück nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter der Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch zum Frühstück munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreideweiß, werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländisch tractiren.
Der Kapitän entfernte sich mit schallendem Gelächter, nachdem seine Reisenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünscht hatten, um alles Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig’s Hand, drückte sie mit Wärme und sprach: Junger Herr! es ist in der That wunderbar, wie viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil werden läßt. Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schließen für das ganze uns noch vergönnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von unbegrenztem Vertrauen zu Euch!
Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die Großmutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hüte dich vor falschen Freunden. – Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein, nicht werden; sein offenes blühendes Gesicht drückte Biederkeit aus, seine Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue. Ludwig bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung gerne beide Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen hohen Begriff; mein Lehrer in der griechischen Sprache ließ mich die Sprüche des großen Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich: »Gerechte Freundschaft ist der sicherste Besitz! – Kein schöneres Gut auf Erden, als ein Freund! – Den Göttern gleich verehre willig Freunde! – Für Brüder achten sollst wahrhafte Freunde du!«
Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich küssend in Ludwig’s Arme.
Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und erwiderte den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglingsherzens, das sich bisher in holder Unbefangenheit und in schönen Idealen hatte nähren und aufrichten dürfen.
Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines Solon mit einem Ausspruch des größten Dichters unserer britischen Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt:
Den treuen Freunden will ich weit die Arme öffnen, Und wie sein Kind der Lebensopf’rer Pelican Mit meinem Blut sie tränken.
Das Erscheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem würdigen Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen und zu beleben im Stande ist, unterbrach die Ergüsse jugendlicher Erinnerungen an tiefeingeprägte unsterbliche Dichtergedanken, und es begann die heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und wohlgesinnten Kapitäns.
Schon näherte sich das Schiff der Küste der Insel Ameland, an deren nördlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der Watten links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstraße einhalten mußte. Die »vergulde Rose« behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten die Inseln Ter Schelling und Vliland näher oder entfernter, die friesländische Küste aber in stets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken in Sicht, bis es dieser bei dem sagenreichen Stavoren vorüber am nächsten kam.
Als Kapitän Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in die Gläser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden ausgebracht war, verließ Leonardus schnell die Kajüte.
Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaßen bestürzt und verwundert über diesen raschen Aufbruch.
Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und siehe, bald darauf wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein über alle Beschreibung schönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem unendlich reizenden keuschen Erröthen Angés Berthelmy.
Ludwig und der Kapitän erhoben sich zum freundlichen Gruße der Eintretenden, und indem sie einen schüchternen Blick auf Ludwig warf, erglühte sie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr Bruder!
Ja, mein Bruder, gute Angés, nimm ihn immer dafür! Nicht wahr, sie darf? fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger Verwirrung, ja fast mädchenhaft: Wohl, sie darf, welch’ eine liebenswürdige Schwester gewinne ich dabei!
Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden sich niederzulassen; sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich selbst traulich anschmiegend an Leonardus Seite.
Ludwig konnte, nachdem er an Angé’s Schönheit seine Augen vollgeweidet, diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie war von blühendster Frische und von der zartesten Färbung der Haut, sie hatte ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in Ringellocken um das Engelsköpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln Augen, die man nur irgend sehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier Jahre zählen, erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu einem schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Französisch. – Nur leise nippte Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien edel, zart, zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe des Gemüths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab. Sie saß vielmehr befangen bei den Männern, und machte sich, oft erröthend, viel mit dem Kinde zu thun. Das Gespräch lenkte sich der allernächsten Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin, denn es wurde allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken.
Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er. Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unsere Bitte! Nimm dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in Amsterdam zu weilen gezwungen bin. Angés kennt mein ganzes Verhältniß, ich brauche nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann sie nicht bleiben, ohne unserm guten Kapitän Ungelegenheiten zuzuziehen; daher vertraue ich sie dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß sie unter deiner Obhut wohnen, sage, daß sie deine Verwandte sei, deine Schwester, nimm sie in deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was du für sie und dieses holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste Kind aufwendest, will ich ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe fest, daß ich mich bald wieder werde befreien können, und dann dich freigeben. Du botest mir deine Dienste freiwillig an, guter Ludwig, zürne mir nun nicht, wenn ich die dargebotene Hand ergreife als den Rettungsanker meines sonst unfehlbar sinkenden Lebensschiffes. O geliebte Angés, theurer Fluit, helft mir ihn bitten!
O, wenn Sie wollten gütig gegen uns sein! sprach Angés mit Flötenlauten, und ihre Augen standen voll Thränen.
Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wünscht, und ich vollbringe es mit Freudigkeit.
O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und Angés, und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem einige Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem Riethgras, und füllte von Neuem die Gläser, indem er anklingend rief: Auf gutes Glück! – Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen! riefen die andern drei, und tranken die schäumenden Becher leer. Lächelnd und verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Händchen nach dem Becher und Angés beugte sich liebevoll zu ihm nieder und ließ es nippen, froh des willkommenen Anlasses, die Thränen der Rührung und Freude zu verbergen, die ihr aus den schönen Augen stürzten.
Das Schiff segelte, während die Mittagsstunde nahte, ohngefähr in der Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, welches der »vergulden Rose« nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe einen in der Möglichkeit liegenden Zusammenstoß zu vermeiden. Der Kapitän dankte daher seinen Gästen für die Güte, seinen Geburtstag mit ihm gefeiert zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet, zum Steuerbord hinauf, während Angés mit dem Kinde sich freundlich grüßend in ihre abgesonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem Lauf der »vergulden Rose« in gerader Richtung folgte, war ein kleiner Schnellsegler, und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht!
Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus.
Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souveräns, der auf dieser Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den Grund segeln würde? fragte Ludwig.
Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die reichsgräfliche Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der liebste und thätigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien boven! Oranien boven!
Dieser volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der Partei des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete, war zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer oranischen Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte diese auch dort auf der Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann Befehl, so viel als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht das Fahrwasser freizugeben.
Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der »vergulden Rose« blickte. Ludwig drehte sich, da er nicht wünschte, von Jenem gesehen und erkannt zu werden, rasch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem sehr frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte mit tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost sagen, daß ihr Zustand sich merklich gebessert haben müsse, sonst werde Graf Wilhelm sie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände zurückgelassen haben. Der überaus günstige Nordostwind, der den ganzen Morgen über geweht, hatte die gut segelnde schöne Susanne überaus rasch vorwärts gebracht und südwestwärts getrieben; sie hatte erst am frühen Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Wasserweg zwischen der Küste und dem Wangerland einschlagen können. Als die schöne Susanne der »vergulden Rose« ziemlich nahe vorbei rauschte, erfolgten die üblichen Grüße, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch zwei Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam zu hielt, der vergulden Rose außer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine einmastige Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nähe der sechs Seemeilen langen und fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevölkertes, blühendes Land gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der Schiffer, wie über diesen weit gedehnten Meeresstrich die Wellen eine andere Gestalt annehmen, sich eigenthümlicher kräuseln, als auf offener See, oder im günstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches Rollen und Rauschen, stärker als an andern Strichen der See vernehmbar, und es ist gar kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das eines Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der versunkenen Dörfer mit grellem und schauerlichem Klange läuten hört. Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schöne unermeßlich lang gedehnte, wogenüberströmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren hinauf sich erstreckte, und der Kapitän murmelte, gleichsam als trauriger kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: al daar verdronken – verdronken en’t jaaren van een duizend twee honderd en zeventwintig, en een duizend twee honderd en zeventachtig. – Dort breitete sich vor Stavoren die lange weiße Düne, der Frauensand, auf dem ein junges Saatengrün oder einst in das Meer geworfener Waizen als unfruchtbarer Dünenhafer aufzuschießen begann, und sperrte den Hafen, hemmte dem früher so blühenden Verkehrsort das Anlegen größerer Schiffe. Jetzt lief die »vergulde Rose« ein in das riesige Wasserbecken der Zuider-See. Der Abend sank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht war, und als abermals ein schöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte, steuerte das Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer Fahrt schier phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch den Nebel der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenspiele von den Thürmen der gewaltigen Großstadt machte einen eigenthümlichen Eindruck. Das Getön war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es überlärmt vom vollen sich früh entwickelnden Leben der Straßen, von tausend und abertausend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fässer, dem Geschrei der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe einer steten Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden Abschied von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen, und Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen einen ortskundigen, berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie überall in großen Städten lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die unersättliche Habgier und das Diebesgelüst, das in jedem Ankömmling ein Ziel für die Beraubung sieht, in tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was sich in solcher Absicht an die Ausgeschifften herandrängte, stob von dannen, als Leonardus in derben wohlverständlichen Lauten der Muttersprache das lungernde und lauernde Gesindel zurückdonnerte, und nun manch grollendes: Zy zyn geene patrioten, zy zyn van den verdoemten voornaamsten – zy zyn Oranje äppels – Gekken! und dazu ein dem Verdrusse Luft machendes Hohngelächter. Mit großer Gewandtheit und Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein zurückgeschlagener Wagen ward genommen für ihn, Ludwig, Angés und Sophie, das wenige Gepäck ward untergebracht, Philipp bestieg den Braunen und führte die schöne Isabella dem Wagen nach, die freudig wieherte, als sie nach dem langen ermüdenden Stehen im Schiffsraum wieder sichern Boden unter ihren Hufen fühlte. Und nun ging es bald rascher, bald langsamer durch wimmelvolle Straßen und über geräuschvolle Märkte, bis endlich das Gasthaus erreicht wurde, in welchem Leonardus dem Freund und der Geliebten eine ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte. Alles zu Ordnende ordnete sich leicht und rasch. Die Fremden mietheten und bezahlten die ihnen nöthige Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus, und fanden die trefflichste Einrichtung und die berühmte holländische Reinlichkeit in sich selbst übertreffender Weise; Alles auf das Wünschenswertheste, als sei es längst vorausbestellt. Kein Stäubchen auf Gesimsen und Möbeln, jede Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn, Papier, Oblaten und Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der Kalender, nicht auf dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten mit den allerschönsten und buntesten Figuren, Männchen und Götzenbildern von Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte und dem Sonnenlande Nippon. Prächtige starkbauchige Porzellanvasen hauchten in ihrer Eigenschaft als Räuchertöpfe köstlichen Wohlgeruch aus, und in zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche Erstlinge.
Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das älterliche Haus begrüßen, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmittags- und Abendzeit benutzen, ihn und seine Angés den Genüssen zuzuführen, welche Amsterdam in so reicher Fülle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle Herr Adrianus von der Valck Angés sehen; sie solle suchen dessen Herz zu gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lösen, das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen, der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angés hörte diese Pläne mit einem Gefühle von Wehmuth an, welches sie niederzudrücken strebte, aber als Leonardus geschieden war, vermochte sie ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem geliebten Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu entschuldigen, wenn ich sein plötzliches Erscheinen in einem Augenblicke, welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink Gottes hielt. Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu überlegen bei der Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte sich mir ein anderer Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr Leonardus mich liebt, wie sehr mein Wunsch wäre, ihm anzugehören, so darf es ja nicht sein, da ich noch nicht von meinem Manne geschieden bin, und wieder darf es nicht sein, daß ich mich als Last an des edlen Freundes Fersen hänge, daß ich zwischen ihn und seines Vaters Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glück seiner Zukunft an der Hand einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde, mich dränge. Ich könnte nur störenden Unfrieden hervorrufen, und dafür möge der allmächtige Gott mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede ist und was er wiegt im Leben der Familien; er ist wie ein fressendes Krebsgeschwür, dem nicht Messer, nicht Salbe des Wundarztes völlig Einhalt zu thun vermag.
Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schönen, noch so jungen und schon so unglücklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthümliches; es wird Alles darauf ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Stärke ist, daß er alle derselben sich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglück ein Opfer zu bringen. Es ist nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein solches Opfer nicht erwarten und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich sein können, falls es dennoch dargebracht würde.
Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thränen verklärtem Lächeln schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz Vertrauen. Darum preise ich mein Geschick, daß der Himmel Sie uns zuführte, und ich will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es Leonardus, die zu fürchtenden Schwierigkeiten zu überwinden, so wird er auch Rath finden, jene Schritte zu thun, welche nöthig sind, die Scheidung von meinem Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so muß ich von ihm scheiden, denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute Sitte den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war sie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kämpfen, ich fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann habe ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten.