← Table of contents
Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Zwölftes Kapitel. Das Fest bei dem Chevalier von Marsan.

Reading edition

Das Haus des Chevaliers — ein neues Gebäude, welches sehr einsam in der Gegend des Belvedere lag — war seinen Gästen geöffnet, die zahllos heranströmten, um ihm zu seiner Ernennung Glück zu wünschen.

Das in Rede stehende Fest fand in den Abendstunden statt, weil ein Ball mit demselben verbunden werden sollte. Das Haus oder Hôtel oder der Palast war in seinen zwei Etagen glänzend erleuchtet, so daß die Lichter noch draußen hundert Schritte im Umkreise Tageshelle verbreiteten; — und eine Wagenburg war unten aufgefahren, die den Neid jeder einzelnen Person durch deren Wagen sie vermehrt wurde, erregen mochte. Fürstliche, herzogliche, hochgräfliche und Wappen von allen andern Ritterklassen waren da an den Schlägen zu sehen... fabelhaft prunkende Livreen tummelten sich neben denselben umher.

Vor dem Portale des Hôtels aber standen zwei Portiers, so groß wie Patagonier — und mit so langen Stöcken, daß jeder eine gute Kosakenlanze hätte abgeben können — dies jedoch, wie natürlich, ohne den mächtigen Knopf aus massivem Silber.

Eine Suite von zwölf Gemächern, worunter drei große Salons, war oben im ersten Stock bereit, diese Tausende von Personen aufzunehmen — deren Blick beim Eintritt geblendet wurde von einem in Wahrheit orientalischen Luxus. Denn das ganze Haus Marsans war in diesem Geschmacke eingerichtet — und schon unten an den Treppen hatten uns schwarze Kammerdiener empfangen, während hier in den Sälen die aufwartende Dienerschaft aus lauter echten Abyssiniern in dem malerischen Costume ihres Vaterlandes bestand. — Jedoch wollte der Herr des Hauses den Orientalismus nicht so weit treiben, daß er zum Besten jener Gäste, die für denselben keine so große Leidenschaft nährten, wie in diesem Augenblick er — nicht auch einige Europäer mit schwarzen, betreßten Fracks unter seine Söhne des Islams gemischt hätte. —

Der Boden dieser Appartements war theils mit trefflichen Teppichen aus Aleppo belegt — theils mit einer Art von feinen Binsendecken, welche so glatt waren, daß man darauf tanzen konnte, und die in Skios verfertiget werden. An den Wänden hingen köstliche bunte Stoffe — zwischen welchen Säulen von Marmor standen mit abentheuerlichen Kapitälern und Sockeln versehen, so daß sie aus dem Serail des Padischah oder Mehemed Ali genommen schienen; in den Draperien wechselte der Damast aus Damaskus mit den Shawls aus Teheran und Kashemir — schwerlastende Stickereien, Franzen und Quasten faßten den Rand ein. — Springbrunnen, mit wohlriechendem Wasser gefüllt, standen in den Ecken, und in der Mitte eines Salons befand sich ein Bassin aus carrarischem Marmor, worin Goldfischchen schwammen und welches tropische Gewächse und Blumen umgaben, aus deren Zweigen, trat man mit dem Fuß zwischen sie, liebliche Musik ertönte... Es waren lauter Weisen in jenem klagenden Tone, wie man sie unter den Mauern eines Harems zu hören bekommt.

Kurz hier fehlte nur noch der Pascha, mit der langen Pfeife, auf Polster hingestreckt und von seiner Lieblingssklavin umkos’t.

„Zum Teufel!“ sprachen junge Herrn in strohfarbigen Glacéhandschuhen, die von Patschuli dufteten: „Zum Teufel! — Wo befinden wir uns? — Sind das die Gärten der Semiramis oder ist es das Terrain der Mährchen von Tausend und einer Nacht...?“

Die guten Herrn! — Sie hielten die Semiramis wahrscheinlich auch für irgend eine Sultanin im Lande der Gläubigen. —

Herr von Marsan empfing die ankommenden Personen in einem Mittelsaale. — Er war im einfachen Salonanzuge — braunem Frack, schwarzen Beinkleidern von Seide und eben solchen Escarpins; ein weißes Halstuch — unter welchem das Offizierkreuz der Ehrenlegion hing, welches er mit seinem Gesandtschaftsposten zugleich erhalten hatte.

Unter der Gesellschaft befanden sich von denen, welche wir kennen: der General und die Generalin von Randow — Herr von Labers, der die Feldmarschallieutenants-Wittwe E—z begleitete, dann die Gräfin von Wollheim mit ihrem Gemahl. — Natürlich, daß Cölestine fehlte, und Herrn von Porgenau sammt Gemahlin anlangend, so waren diese gar nicht geladen worden: in den Augen Marsans zählten sie zur Canaille, wohin er jedoch auch den Grafen Wollheim gestellt hätte, wäre dieser durch seine strumpfstrickende Frau nicht ein Freund des Generals gewesen. — Leider trat mit jener gutherzigen Dame auch das Stiftsfräulein von Bomben herein, ohne daß sie eine Karte empfangen hätte; aber der Tag war zu wichtig: mehrere Damen, Mitglieder des Frauenvereins, waren zugegen, und mit diesen hatte dieses menschenfreundliche Ex-Mitglied diesmal etwas Besonderes vor.

Hätte ein Maler den Begriff der Liebenswürdigkeit personificiren und durch Pinsel und Palette auf Leinwand werfen sollen — so brauchte er heute nur das Portrait Herrn von Marsans zu zeichnen; da war keine Zuthat, keine Idealisirung des Stoffes nöthig: er selbst, in baarem Wirklich, war Ideal.

Selbst seine Feinde (und auch er hatte deren) waren entzückt — um ihn schaarten sich nur Zufriedene, Glückliche.

Bald hatten sich Gruppen und Kreise gebildet. —

Neben einer Fontaine saßen einige Damen, unter denen die Gräfin von Wollheim und das Fräulein von Bomben hervorstachen. Man unterhielt sich hier über das Fest, über den Geber desselben — und erschöpfte sich in Conjunkturen wegen der glänzenden Belohnung, die ihm sein König für einige wichtige Dienste in letzterer Zeit zuertheilt hatte. Unvermerkt wußte das Stiftsfräulein, welches die schöne Kunst besaß, das Wort überall an sich zu reißen, das Gespräch auf einen neuen Gegenstand zu bringen, auf einen ihrer Lieblingsgegenstände.

„Sie haben wohl schon von dem remarkablen Falle gehört, meine Damen — der sich vor einigen Tagen in der N** Straße zugetragen und welcher in naher Verbindung mit dem Chevalier von Marsan, besser gesagt in direkter Verbindung mit ihm, steht?“

Es ließen sich nun einige Angaben vernehmen — die alle von dem wirklichen Faktum abwichen und auch alle unter einander verschieden waren.

„Nein, nein!“ versetzte das Stiftsfräulein: „das Alles ist nichts! — Weit von der Scheibe! wie man zu sagen pflegt. Ich bin über den Punkt genau unterrichtet und kann Ihnen aus authentischen Quellen Geschöpftes mittheilen. So hören Sie denn!“ —

„Vor vier Tagen — doch es war zur Nachtzeit, es war nach Mitternacht — hielt die Equipage des Chevaliers, welche aus diesem Hause abgefahren war, wie gewöhnlich in der N** Straße, und er, nämlich Herr von Marsan, stieg heraus. Nachdem er seinem Kutscher den Befehl ertheilt hatte, ihn hier zu erwarten (wie gewöhnlich! muß ich hinzusetzen), bis er zurückkehren werde, begab er sich zu Fuße auf Umwegen nach der Wohnung der Gräfin A—x, zu dem Gartenpförtchen (Alles wie gewöhnlich, meine Damen). — Hier wartete er einige Augenblicke, nach welchen sich das Pförtchen öffnete und Cölestine bis über die Zähne maskirt heraustrat, (wie gewöhnlich). Sie fiel ihm um den Hals und rief: „Endlich! Endlich! Nach langem Harren und Fürchten.... endlich bist Du da, Geliebter, und ich kann Dich an mein Herz drücken. — Böser, böser Mann — warum hast Du mich eine so ewig lange Zeit in ängstlicher Ungeduld harren lassen?... Es ist ja beinahe fünf Minuten später, als Du kommen solltest!“ Hahaha! Hahaha! — Was sagen Sie dazu — meine Damen?“ wandte die Erzählerin sich zu ihrer Umgebung, fuhr jedoch gleich darauf wieder fort: „Nachdem sie diese schönen Worte ausgesprochen, die edle Gräfin von A—x, auch dasjenige, was sie enthielten, richtig gethan hatte (wie gewöhnlich!), hing sie sich an den Arm des zärtlich Geliebten und schlug mit ihm den Weg nach seinem Hause, nach diesem Hause hier, ein — — (Alles wie gewöhnlich!) Ach, welcher zauberische Spazierweg Nachts im Mondenschein durch eine entlegene, höchst romantische Gegend! Welche Worte wurden da, welche Blicke ausgetauscht — welche Küsse rauschten durch die heilige Stille der Nacht — welche Liebesseufzer — oder auch Liebesgestöhne.... und was sonst noch Alles!? — Denn Sie wissen doch, Gräfin Cölestine ist eine Candidatin des hohen Frauenvereins.... hahaha!“

„Zur Sache, beste Freundin! zur Sache!“ — riefen die ungeduldigen Zuhörerinnen, die anstatt der Floskeln Thatsachen verlangten.

„Nun denn also weiter! — Die zwei holden Leutchen vergnügten sich drei Stunden lang im freien Felde zwischen Sträuchern und Bäumen .... der gute Mond sah anfangs recht gutmüthig schalkhaft in diese Wirthschaft hinein... zuletzt jedoch mochte es selbst ihm, dem Langmüthigen, zu toll werden — und was thut er, der brave alte Kerl? — Er sendet leise und klug einen seiner schärfsten Strahlen auf die pittoreske Gruppe des Liebespaares, so daß diese, trotz der getreuen Büsche und Blätter, so grell beschienen wird, wie am Tage... Alles das war noch immer wie gewöhnlich! — Jetzt jedoch kommt etwas Ungewöhnliches... Im Augenblicke der vollen Beleuchtung... stürzt ein Mann, der sich bisher versteckt gehalten, hervor und auf die engverschlungene Gruppe des Liebespaars... der Mann hat einen Degen — und will damit die Verbrecher züchtigen.... Jedoch ist dieser Mann ein Ehrenmann, ein Biedermann, ein Engel von einem Manne; statt allein auf die Beiden loszustürzen, wozu er doch das vollkommenste Recht besaß, bietet er dem Chevalier einen Degen an und will es mit ihm im Zweikampfe ausmachen. ... Armer Ehrenmann! Armer Biedermann! — Was geschieht anstatt dessen? — — In dem Augenblick, wo er sich seinem Gegner nähert und ihm eine von den zwei Waffen, die er selbst mitgebracht hatte, anbietet — entreißt die zärtliche Gräfin Cölestine ihm dieselbe und fällt ihn von hinten mit der Wuth einer Tigerin an.... (Wer hätte dies Alles der sanftmüthigen Gräfin zugetraut!) .... Nunmehr versieht sich Herr von Marsan seines Vortheils, ihm kann man so etwas weniger übel nehmen — — stürzt seinerseits auf den armen Mann, welcher alsbald zu Boden gerissen — und, (durch wen von Beiden weiß man nicht) dermaßen zugerichtet wird, daß er aus mehreren Wunden blutet und ein entsetzliches Wehgeschrei ausstößt...“

„Das ist Alles selbst entsetzlich!“ schauderte der Zirkel, spannte aber seine Aufmerksamkeit immer schärfer an.

„Bei diesem Ruf entfliehen die Verbrecher, und eilen dem Platze zu, wo noch die Equipage Marsans steht... aber Wuth und Verzweiflung gaben dem Verwundeten die Kraft, sich wieder rasch vom Boden aufzuraffen — und er folgt den Zweien nach. Das war ein Rennen und ein Laufen! Man hätte es für eine Jagd halten können — oder für ein Wettrennen... hahaha! — Und das Geschrei des Verfolgenden, wie der Verfolgten! — — „Elende! Ihr sollt es mit Eurem Leben büßen!“ „„Allmächtiger Himmel! rette uns!““ — u. s. w. — — Aber der Himmel und respective die Göttin Venus weiß die Ihrigen zu beschützen... mit einem Worte: der Rächer war eben am Wagenschlage angelangt — als die Equipage mit dem darin geborgenen Liebespaar pfeilschnell abfuhr... so daß der Arme nur mehr ein entsetzliches Wuthgeheul ausstoßen konnte.... Venus, Amor, sowie den ganzen Himmel verfluchend.... und das mit Recht, denn rathen Sie, meine Freundinnen, wer dieser arme Mann wohl war —?“

„Nun — es wird doch nicht...?“ hieß es wie aus einem Munde.

„Ja, ja — — es war ihr Mann, Cölestinens Mann, der arme, bedauernswürdige, redliche und betrogene Graf Alexander von A—x, einer der edelsten Cavaliere dieser Residenz war es!“

Nach einer Pause voll tiefen Erstaunens — fragte eine von den Damen: „So ist er also hier in der Residenz?... So liegt er also irgend wo krank, verwundet zum Sterben, der edle, gute, unglückliche Graf...“

„Wie Sie sagen, so ist es, meine Beste. Er liegt in einer elenden Hütte — denn seine treulose Gemahlin und ihr Haus will er nicht mehr sehen — krank, leidend, zum Tode verwundet ... wahrscheinlich wird der Märtyrer bald seinen Geist ausgehaucht haben....“

„Das Alles scheint mir indessen doch ein wenig unglaublich!“ bemerkte jetzt Gräfin Wollheim, nachdem sie lange mit einem ziemlich hohen Grade von Mißbehagen zugehört hatte, ohne sich entschließen zu können, drein zu reden; endlich war es ihr indessen doch zu bunt geworden: sie konnte diese Anklagen gegen ihre Freundin Cölestine nicht länger ruhig mit anhören.... wiewohl es ihr auch anderseits wieder schwer fiel, gegen das Fräulein von Bomben aufzutreten — da diese sich ja ebenfalls ihrer Freundschaft erfreute.

„Reden wir lieber von etwas Anderem!“ bemerkte die brave Gräfin, welche mit dieser Wendung einen Meisterstreich ausgeführt zu haben glaubte: „Reden wir von unseren Arbeiten, von unseren Beschäftigungen, wenn es Ihnen gefällt, meine Damen. Was mich betrifft... so habe ich wieder eine Jacke und drei Paar Strümpfe von starker Wolle gestrickt....“

„Ah, ah! für den edlen Frauenverein!“ fiel die Stiftsdame ein.... „Wer weiß,“ lachte sie, „welchem braunen Bauerburschen diese Jacke von einer der hohen Vorsteherinnen zugedacht werden wird.... haha!“

Bei diesen Worten ging der Chevalier an der Gesellschaft vorüber: „Meine Damen — meine Gnädigen,“ sagte er mit einem artigen Lächeln: „man rüstet sich zum Spiel, zum Tanze. Welchem Vergnügen werden Sie den Vorzug geben?“

„Natürlich dem erstern — wenn wir bei dem zweiten nicht blose Zuschauer bleiben wollen!“ bemerkte das Fräulein.

„Nun denn erlauben Sie, daß ich Ihnen den Arm biete, um Sie nach dem Spielzimmer zu führen....“

Er begleitete die Gräfin von Wollheim — die Andern folgten.

„Ich werde dort, wie ich hoffe, die edlen Mitglieder des saubern Frauenvereins finden!“ murmelte das Fräulein zwischen den Lippen — denn Zähne, wie wir wissen, hatte sie keine — dann rief sie mit Zorn aus: „Beim Domitian, Alarich und Genserich! — ich werde Ihnen heute zeigen, mit wem sie’s eigentlich zu thun haben.... Hilf Samiel!“

So wie der Graf Wollheim seine Frau nach dem Spielzimmer gehen sah, machte auch er sich auf und folgte — nicht ihr, sondern seinem Stern, das will sagen: seinem Durst. Er hatte bisher mit zwei oder drei Herren, die sich für außerordentliche Jäger hielten, gesprochen und fand — daß wenn sie auch mit einem Theil der edlen Weidmannskunst umzugehen verstanden, sie doch im andern keinen Bescheid wußten.... und dieser zweite Theil schien ihm seit langer Zeit der erste zu sein. Er fand nämlich, daß, während jene zwei Herren nur immer von Hirschen, Ebern, dem Anstand, der Fährte, dem Hallali — Fängern — Suchern — Schlingen und Doppelbüchsen redeten — — sie der Humpen, Krüge, Flaschen und Fässer niemals erwähnten. — Das schien ihm jedoch eine sehr miserable Jägerei — er ärgerte sich dabei im Stillen schier zu Tode — jemehr aber sein Aerger wuchs, desto mehr wuchs auch sein Durst, wie jeder Physiolog oder Patholog Euch haarscharf beweisen wird. — — Er riß sich demnach in einem Augenblicke, wo dies thunlich war, von dieser schlechten Gesellschaft los — sagte, er wollte seine Gemahlin begleiten — statt dessen begleitete er sich selbst — in die Kellnerei. Wir sehen ihn hier noch einige Zeit, darauf verschwindet er hinter mannigfachem Trinkgeschirre unseren Blicken. —

Der General und die Generalin hatten sich auch zu den Spieltischen begeben, und so ist denn jetzt beinahe der ganze Kreis unserer Bekannten auf einem Punkte vereint, gleichsam als hätte das Schicksal sie mit Willen hier zusammengeführt. — — Da saß die Wittwe E—z und ihr gegenüber Herr von Labers; gleich daneben General Randow, die Gräfin Wollheim und die Generalin.... ferner mehrere Damen und Herren, die zur nähern Bekanntschaft der Letzteren gehörten und die wir oft in ihrem oder ihrer Tochter Salon angetroffen haben. Der Chevalier trat auf kurze Zeit herein, begab sich jedoch bald wieder in den Salon, wo getanzt wurde und wo seine Anwesenheit dringend erforderlich war. Dieser Salon stand mit dem Spielzimmer, von welchem wir hier sprechen, durch zwei große offene Thüren in Verbindung, und man konnte ihn daher seiner ganzen Ausdehnung nach von jedem Spieltische aus übersehen....

Dieser Umstand war für das fromme Stiftsfräulein von unberechenbarem Nutzen — denn sie auf ihrem Sitze konnte jetzt den ganzen Kreis ihrer Feindinnen — Opfer darf man wohl sagen —: sie konnte acht oder zehn Damen, welche neben einander im Salon saßen, beständig im Auge behalten; und diese Damen gehörten sämmtlich zum Frauenverein.

In der Brust der seltenen Menschenfreundin kochten in diesem Augenblick, wie in einem Hexenkessel, Gift, Galle, Rache, Schlangen und Ottern — nebst noch andern Species, mit denen man seine Feinde vertilgt; sie warf zeitweise wahre Belialsblicke hinüber, und wenn sie dann jene Frauen so sorglos und heiter sah, murmelte sie vor sich hin: „O auch Babylon war vergnügt und lachte — bevor der Donner d’reinschlug... hahaha! Geduld — Samiel umschleicht Euch schon!... Hilf Samiel!“

In diesem Augenblicke gab sie einem dicken Kerl, der in der Tracht eines Verschnittenen steckte — und einen großen Korb in der Hand hielt (der Kerl war so eben erst eingetreten und hinter einer Draperie stehen geblieben, so daß er noch von Niemand bemerkt wurde), einen Wink; er trat mit seinem Korbe vor und auf ein neues raschgegebenes Zeichen schritt er in den Salon — geradewegs auf die Damen des Frauenvereins zu, denen er, bevor sie noch Zeit hatten, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen, den Korb vor die Füße stellte — worauf er rasch in’s dichteste Gedränge verschwand...

Jetzt ertönte ein lautes Geschrei aus dem Korbe — man öffnete ihn..... und Alles prallte zurück.

In dem Korbe lagen drei kleine Kinder, deren jedes einen Zettel in der Hand hielt, wovon der erste so lautete:

„An die Frau Baronin von **!“

Geliebteste! — Hier sende ich Ihnen Ihren und meinen Sohn zurück, welchen ich Ihrem Willen gemäß insgeheim bei meiner Mutter erziehen lassen sollte, nachdem Sie ihn dort geboren hatten, während die Welt glaubt, Sie seien mittlerweile auf einer Reise nach Venedig begriffen gewesen. Da Sie meiner Mutter, der armen Frau, das Kostgeld bereits seit 14 Tagen nicht haben zugehen lassen, sehen wir uns zu dem gegenwärtigen Schritte gezwungen, falls das kleine Würmchen nicht Hungers sterben soll.

Ganz der Ihrige

bis in den Tod Andreas Tunker, Schmiedegeselle in Penzing.

Die andern zwei Zettel, an zwei andere Frauen, welche ebenfalls hier saßen, gerichtet — enthielten ähnlichen Text, daher wir es für überflüssig halten, denselben anzuführen.

Es gab eine entsetzliche Scene! Die Residenz hatte sie bisher noch nicht erlebt — — aber das Unerhörte erneuert sich in unserer Zeit, besonders wenn es von dieser natürlichen Art ist, wie das gegenwärtige.

Nachdem die betreffenden Frauen gebührend in Ohnmacht gesunken waren, nachdem man sie und auch die Kinder weggebracht hatte — nachdem schließlich die edelste der Stiftsdamen und Menschenbeglückerinnen im Stillen ein heißes Dankgebet an Samiel oder irgend einen Andern von seiner Sippschaft gerichtet hatte.... gab sich die übrige Gesellschaft im Aeußern wieder zur Ruhe.... wie es jedoch im Geheimen bei ihr bestellt war, davon wird man sich leicht einen Begriff machen.

Der Herr des Hauses war durch den Vorfall auf’s Tödtlichste verletzt.... er hatte sogleich allen seinen Domestiken den Befehl ertheilt, dem dicken Ueberbringer des überraschenden Festgeschenkes nachzusetzen.... von demselben war indessen keine Spur mehr zu entdecken.

Dieses Intermezzo war kaum zu Ende — — als ein zweites, ein anderes, dem es ebenfalls nicht an Originalität gebrach, begann....

Die nach dem Korridor gehende Thür des Spielzimmers wurde aufgerissen und zwei Menschen stürzten herein, deren Aussehen und Zustand der ganzen Gesellschaft einen Schrei entriß...

Ein älterer, großer, starker Mann, der von allen gebräuchlichen Kleidungsstücken nur die Beinkleider und das Hemde auf dem Leibe hatte — welches letztere jedoch sowohl vorne offen und aufgerissen, wie an dem Arme bis über die Ellbogen hinaufgeschürzt war.... stolperte mit einem rothen, erhitzten Gesichte, in dem die Augen furchtbar rollten, herein — schrie mit einer Stimme, die einem Löwen anzugehören schien und focht dabei mit den Armen in der Luft umher:

„Ha! —“ rief er: „endlich sind wir da! — Endlich haben wir den Platz gefunden! — Endlich können wir uns produziren....“

Bevor wir jedoch weiter gehen, müssen wir erzählen, wie der Zweite aussah.

Dieser war ein ganz junger Mensch — und befand sich in demselben Zustande, wie sein Begleiter. Sein Gesicht war krankhaft, bleich, und selbst der Geist, welcher jetzt im Innern der Brust wirkte, vermochte nicht, ihm eine lebhaftere Röthe zu verleihen; dieses Gesicht nun hatte auf der einen Wange eine große, weit klaffende Wunde, von welcher, wie es schien, erst vor Kurzem, und zwar gewaltsamer Weise, der Verband abgerissen worden war.... auch der rechte Arm war verwundet und es drang selbst durch das Hemd noch Blut heraus. Im Uebrigen erschien der Anzug des Jünglings noch paradiesischer wie jener des Alten.... maßen dieser biedere Jüngling in Socken umher ging und das Beinkleid bis zum Bauch hatte herabfallen lassen. — —

Man wird es vielleicht schon errathen haben: wir sehen Wollheim und Edmund im erleuchtetsten Zustande vor uns....

„Oh!“ brüllte der Nimrod: „das war ein schändlicher Streich, welchen man mir seit so vielen Monaten gespielt hat.... Man hat mir meinen Freund, Schüler, mein Jüngelchen entzogen.... man hat ihn unten in der Nähe des Kellers in einer verschlossenen Stube gefangen gehalten.... Beim St. Hubertus! Das ist ein Verbrechen, welches mindestens der Waldbrennerei gleichkommt und mit dem Spießen sollte bestraft werden.... Da gehe ich armer verlassener Jägersmann, in meiner Trübsal — Stärkung zu suchen in unterirdischen Räumen — über die Treppe hinab. — Ich verfolge meine Fährte in diesem guten Hause hier Schritt für Schritt und gelange richtig.... vor die Kellerthüre. — Aber, Alle Sechzehnender! — — sie ist verschlossen.... da fange ich an zu rütteln — — es geht nicht — — da rufe ich und schreie nach dem Kellermeister.... Jetzt plötzlich geht eine andere Thür neben mir auf.... und wer stürzt mir um den Hals?.... Der Kellermeister aller Kellermeister! — Mein Freund, mein Schüler, mein Jüngelchen, mein Stolz, mein Königshirsch.... kurz Edmund!“

Bei diesen Worten stürzte nun auch er ihm um den Hals und diese beiden trefflichen Schützen begannen laut heulend zu weinen. —

„Ich wollte blos,“ sagte der Graf: „der Welt und seinen betrübten Eltern ihn zeigen, ihnen verkünden, daß er lebt — lebt — in ihrer Nähe ist — und weder bei einem Duell bei Prag fiel, noch sonst wohin an’s Ende der Welt reis’te.... wie so oft von schändlichen Lügenmäulern vorgegeben wurde.... Aber,“ schrie der Jäger wild auf wie im Walde: „das muß untersucht werden! Alle Kreuz- und Quer-Fährten, das muß untersucht werden! Weßhalb hat man diesen jungen hoffnungsvollen Ritter und Waidmann in Gefangenschaft gehalten?.... weßhalb hat man diese Blume der Jünglinge hinter Riegel und Schloß gesteckt?.... denn er schmachtete da unten in dem dumpfen Loche, wie er sagte, seit mehrern Monaten. — Weßhalb also, frag’ ich noch einmal?...“ Hier wurde der Redner jedoch so schwach, daß er sein Gleichgewicht verlor und auf die Stiftsdame fiel....

Marsan hatte der Scene mit wüthenden Blicken zugesehen und eben sich beeilt, mit Hilfe zweier Herrn sich der Trunkenen zu bemeistern, als, an diesem, an Ereignissen unerschöpflichen, Tage — ein neues hereinbrach.

In dem Augenblick, wo Marsan auf Edmund zuschritt, trat eine Person — von Außen herein und stellte sich rasch zwischen Beide.

Es war der Graf Alexander von A—x.

Er sah bleich wie der Tod aus und stützte sich auf einen Stock.

Mit der Hast des Blitzes — warf er seinen Blick auf den Chevalier und sodann auf Edmund ... da trug sich ein physiologisches Phänomen zu, welches unerhört sein mochte. Die bleiche Krankenmiene Alexanders — strahlte im Nu von Leben, Kraft und Entzücken.... und seine früher convulsivisch zuckenden Lippen stießen einen mächtigen Freudenruf aus:

„Großer Gott — was seh ich! Ist es möglich! — Nicht Sie, mein Herr,“ wandte er sich zum Chevalier „sind in jener Nacht von einem Degen getroffen worden — sondern Edmund der Bruder meiner Frau...?.... So hat also er Cölestinen begleitet und nicht Sie....“

Da faltete sich wieder die Stirne Alexanders plötzlich und er sprach dumpf: „Aber wie dies Alles zusammenhängt, will mir nicht klar werden... O vielleicht ist das Schreckliche dennoch geschehen.....“

Marsan besann sich einen Augenblick; sodann ergriff er rasch den Grafen bei der Hand und zog ihn mit sich fort in ein Kabinet. — —

Hier begann er:

„Da es so weit gekommen ist, daß nichts mehr verschwiegen werden kann — da das Schicksal selbst einen Zipfel des Tuches aufhob, womit ein Geheimniß bedeckt war, welches nur noch kurze Zeit hätte bedeckt bleiben sollen, da dann vielleicht andere günstige Umstände eingetreten wären, so erfahren Sie, Herr Graf, zuerst: Ihre Gemahlin ist so unschuldig wie ein neugebornes Kind. —“

„Aber Beweise! Beweise!“ schrie Alexander, unter dessen Füßen es brannte — über dessen Haupte die Welt einzustürzen drohte....

„Hier sind die Beweise. Edmund von Randow, der Bruder Ihrer Gemahlin, hat sich durch leichtsinnigen Unbedacht und durch böse Gesellschaft schon frühzeitig in die mißlichsten Umstände gebracht — seine Finanzen zerrüttet und Wucherern sich in die Arme geworfen. Anstatt seine Lebensweise zu ändern — oder aber sich seinem Vater anzuvertrauen und von ihm einen größeren Geldzufluß für sich zu erwirken — schritt der schlechtberathene junge Mann auf seinem alten Wege fort.... gerieth aus einer Verlegenheit in eine größere.... und wurde zuletzt mit einem unvergleichlichen Seelenverkäufer, Lips oder wie dieser Kerl sonst heißt, bekannt; dieser verleitete ihn, um ihn ganz in seine Hände zu bekommen — selbst zu schändlichen Streichen!... zum Verkauf seines Eigenthums! seiner Kostbarkeiten, seiner Möbel.... und so fort! Um diese Zeit traf ich mit Edmund zusammen; — ich halte es für meine Pflicht, jetzt ein Bekenntniß abzulegen, welches mir in diesem Augenblick zu thun möglich ist, da ich noch zeitig genug von einem Vorhaben abstand, welches mich Ihnen gegenüber schuldig gemacht hätte: Ich liebte Ihre Gemahlin — und ich habe es gewagt, ihr meine Leidenschaft merken zu lassen. — Ich glaubte Anfangs, von ihr ermuthigt zu werden (Sie werden ohne Zweifel sich jener Tage in Ihrem Salon so wie in jenem der Generalin E—z erinnern, Herr Graf!) — — aber ich irrte mich, wie ich später sah: das, was ich für eine Gewährung meiner Ansprüche hielt, war von Seite Cölestinens nichts als Artigkeit und jene lebhafte Geselligkeit, soll ich vielleicht sagen auch ein wenig — Koketterie gewesen, welche unbeschadet ihrem Herzen — ihr eigenthümlich ist. — — Herr Graf, wissen Sie, worum es sich damals im Salon der Generalswittwe E—z besonders handelte?... Wissen Sie, weshalb bald ich, bald Edmund sich der Gräfin so dringend näherten? Damals wollte Edmund, in seinem eigenen Interesse um des Himmelswillen — mit ihr sprechen; er hatte, wie ich später erfuhr, damals den traurigen Fehltritt begangen, welcher nachher die Quelle all seines — so wie des Unglückes Cölestinens und des Ihrigen gewesen ist. — Um kurz zu sein: Edmund hatte falsche Papiere auf Ihren Namen, Herr Graf, gemacht und dieselben mit seinem eigenen Herzen zugleich in die Geierskralle des Herrn Lips gelegt... Lips wollte sie an jenem Abende noch Ihnen präsentiren — oder von Edmund den dreifachen baaren Betrag haben .... und der unselige Jüngling wandte sich, da er sich an sonst Niemand wenden zu dürfen glaubte — an seine Schwester, die ihm ihren Schmuck.... einen Schmuck, welchen sie von Ihnen erhalten, gab. — Dies geschah noch in derselben Nacht, bald nach der Abfahrt von dem Hause der Generalin E—z; — — Edmund hatte mit seiner Schwester eine Zusammenkunft auf ihrem Boudoir, nach Mitternacht.“ — — Hier entfuhr den Lippen Alexanders ein Schrei der Ueberraschung: „Er also war es gewesen!?“ Marsan aber fuhr fort: „Dieses Geschenk jedoch war für ihn nichts mehr als ein Palliativ gewesen..... der Werth des Schmuckes reichte nicht aus.. und Lips prolongirte blos das falsche Papier — — behielt es jedoch bei sich. — Schon nach wenigen Tagen bestand er unerbittlich auf Bezahlung desselben.... Edmund hatte entweder den Kopf oder alles Herz, allen Glauben verloren, denn er hätte sich ja leicht mir anvertrauen können, ja selbst Sie, mein Herr, obwohl Sie ihn eines falschen Verdachtes wegen, den ich bei Ihnen jetzt vernichtet zu haben glaube, haßten — würden den Aermsten gewiß nicht haben untergehen lassen... Allein dieser Jüngling war bestimmt — sich und seine Familie ganz und gar elend zu machen.... er harrte, harrte, bis irgend ein Gott aus der Luft seinen mächtigen Arm herabneigen werde.... er harrte, oder vielleicht lebte er in einer Art von Wahnsinn fort — — bis der tödtliche Streich geschah.... Sein Würger erschien, forderte das Geld und — — da er es nicht erhielt, ging er vor Gericht. — —“

„Hier ist ein Räthsel, welches ich nicht zu lösen vermag. Weßhalb ging Lips vor Gericht? Es war einfacher, sich an Sie oder an die Eltern des jungen Mannes zu wenden.... so konnte er schleunig zu seinem Gelde gelangen. Was hatte er von der öffentlichen Compromittirung Edmunds? — — Oder war hier nicht persönliche Beziehung mit im Spiel? — — Doch, ich hoffe, auch auf diesen dunklen Punkt wird noch Licht fallen.“

„Edmund, von dem Schritte seines Gläubigers in Kenntniß gesetzt — verbarg sich und entdeckte seiner Familie, er sei nach Prag oder an die Grenze verreis’t. Ach vergebens! Auch für sie war das blos ein Palliativ. Sie erfuhren das Unglück Ihres Sohnes noch in derselben Stunde. — — Edmunds Aufenthalt in dieser Zeit war Niemand bekannt, als seiner Schwester ... später auch seiner Mutter. Aber dieses Versteck war gegen die Nachstellung der Häscher nicht hinlänglich gesichert.... und in einem Anfall von Verzweiflung warf Cölestine das Geheimniß in meine Hände.... sie machte mich zu ihrem Vertrauten, sie beschied mich.... brieflich ... aber das mißglückte durch Ihre Dazwischenkunft, Herr Graf.... sie beschied mich sodann durch eine mündliche Botschaft zu sich. — Ich entsprach mit Begeisterung dem ehrenden Vertrauen: ich stellte mich in Person bei ihr ein — — und hier wurde zwischen uns festgesetzt, daß Edmund in meinem Hause ein verborgenes Zimmer bewohnen sollte. — Alles dieses wurde sofort in Vollzug gesetzt....“

„Ihr Haß, mein Herr, gegen Edmund, die Schwierigkeit, diesen Haß anders zu zerstreuen als durch Blosgebung der Schande des Jünglings — die unbezwinglich stolze und hartnäckige Weigerung Ihrer Gemahlin, Ihnen Alles zu enthüllen.... (sie zog diesem Schritte den Tod vor!) endlich... die Hoffnung, daß nach und nach, wenn auch in späterer Zeit — der Sturm doch wieder vorüberziehen werde.... bewirkten, daß Cölestine den schrecklichsten Verdacht auf ihr Haupt fallen sah — ohne etwas thun zu können — als zu weinen, zu klagen — zu verzweifeln.... Sie reis’ten von Wien ab, Herr Graf, Sie bewirkten eine eklatante Trennung — — und Cölestine mußte das Alles geschehen lassen, konnte, ob auch ihr Herz im Todeskampfe zuckte — Sie nicht einmal mit einer Hand zurückhalten. — Allein Edmund, ihr unglücklicher Bruder, war geborgen; das gab ihrem Herzen einen schwachen — mattglimmenden Trost. Sie kennen die zärtliche Liebe der beiden Geschwister: Cölestine wollte lieber selbst elend sein, als es ihren Bruder sein lassen. —“

„Sie sah ihn jede Nacht. Jede Nacht um zwölf Uhr erwartete er sie an dem Gartenpförtchen Ihres Hauses und meine Equipage brachte Beide hierher in dieses Haus — wo sie auf Edmunds Zimmer Stunden lang beisammen blieben.... Wie viele Thränen sind da geflossen! — —“

„Doch weiter! — Meiner Mühe gelang es — Ihren Aufenthalt zu entdecken, Herr Graf.... ich wollte für die arme Frau Alles thun, was in meinen Kräften stand, und so war ich der Ueberbringer ihres Briefes an Sie auf Ihrem Schlosse, mein Herr......“

„Hier endet meine Erzählung. Ich weiß nichts mehr hinzuzufügen. —“

„Es ist genug!“ versetzte der Graf, kaum noch athmend. Er war in einen Sessel gesunken. — Diese Ereignisse hatten seine ganze Mannheit erschüttert.

Die Freude ist oft schrecklicher als der Schmerz, besonders bei jenen Naturen, denen dieser häufiger, als jene zu Theil wird. —

In diesem Augenblicke fühlte Alexander Jemand in seine Arme stürzen.... er erhob das matte Auge. Es war Cölestine, seine Gattin, die vor ihm auf den Knieen lag! —

Der Chevalier hatte ihr Nachricht gegeben. —

„Nun Du Alles weißt,“ sagte sie: „braucht mein Mund nicht mehr zu sprechen und mein Herz nicht mehr in namenloser Scham zu ersterben.... Du weißt Alles, Alexander! Alles, Alles; — — Und dies Alles bestätigt das Wort: „Ich bin unschuldig! ich bin Dir treu gewesen!““

— — Endlich glaubte er ihr. —

Der Chevalier verließ das Gemach. —

Nichts von dem Allen, was in dieser seligen Stunde, deren Zeuge nur Gott war, zwischen den Gatten vorging... nichts von den wollustvollen Thränen und von den selig-wehmuthvollen Freudenergüssen. — Alexander hatte Cölestine treu erfunden — der Nebel des Mißtrauens war zerrissen — die Schatten der Zwietracht flohen mit ihm davon — die Welt war wieder schön — die Erde hatte ihr Grün, der Himmel seine Sonnenpracht...

Alexander erfuhr nun auch noch so manche von jenen Dingen, die zu allererst den Keim des Argwohns in seine Brust gelegt hatten; er erfuhr, daß jene Blume, jene Hortensie, die er einst im Schlafgemache gefunden und welche ihn zuerst so unglücklich machte, die Stelle eines Amulet vertreten habe. Es war Cölestinen von einer alten Frau angerathen worden, und so sprach die Wahrsagerin: so lange diese Blume an dem Busen der jungen Frau ruhen werde, so lange werde sie mit ihrem Gatten glücklich sein. —

Das hatte sich denn im Laufe der Zeit auch bewährt.

Ferner: die zwei Briefe, die er in ihrem Boudoir gefunden, waren von niemand Anderem, als ihrem Bruder Edmund, eben so auch die Haarlocke — und die Ringe....

Auf die Zahlen hatte sie in die Lotterie gesetzt....

Noch blieb jedoch Etwas zu lösen übrig.

Wer war jener geheimnißvolle, finstere Warner gewesen, der sich dem Grafen überall unsichtbar in den Weg gestellt, an die Fersen gehangen und so Schreckliches geweissagt hatte, was auch stets, dem Scheine nach wenigstens, eingetroffen war. So lange dieser Punkt nicht erörtert war — konnte Alexander doch noch nicht so ganz vollkommen beruhigt sein. — Sodann, wer war jener zweite sonderbare, nicht minder geheimnißvolle Mensch, der gleich einem Gespenste sich in die Salons der Gräfin und ihrer Freunde schlich — man hatte ihn nicht kommen, man hatte ihn nicht gehen sehen; man hatte nur seine bösen Rufe gehört und seine unheimliche Gestalt geschaut? — —

Auch hierüber wollen wir sogleich Auskunft ertheilen.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings