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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Zehntes Kapitel. Auf der That ertappt.

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Noch an diesem Tage verließ der Graf allein und ohne alle Begleitung das Schloß und begab sich in einer unscheinbaren Kutsche nach der Residenz; er passirte unerkannt die Linien und stieg in einem der armseligsten Gasthöfe ab. Hier nannte er einen fremden Namen, und nachdem er ein einfaches Zimmer bezogen, schloß er sich, seiner Gewohnheit nach, darin ein. Er hatte nichts anderes mitgebracht, als seinen Mantel und unter demselben ein Paar lange, dünne, scharfgeschliffene Klingen, von moderner Pariser Arbeit. Mit ihnen unter dem Arme, von seinem Mantel eingehüllt, verließ er Abends in tiefer Dunkelheit seinen Gasthof, bezahlte den Wirth und begab sich sofort zu seinem Notar, den er gewiß war jetzt zu Hause zu treffen. Diesem händigte er ein versiegeltes Paket ein mit dem Bedeuten, es nach drei Tagen in dem Falle zu öffnen, als er bis dahin keine Gegenordre erhalten hätte. —

Das Paket enthielt Alexanders letzten Willen.

Nunmehr, mit seinen bürgerlichen Angelegenheiten in Ordnung — eilte er, denen seines Herzens und seiner Ehre Genüge zu leisten. Er trat den Weg nach seinem Palaste an, und da er wußte, daß seine Gegner sich der verborgenen Pfade bedienen würden, wählte er die allgemeine breite Heerstraße, auf der er auch ungesehen bis an den bezeichneten Platz gelangte. Es war ihm, der mit der Oertlichkeit dieses Gebäudes, welches er selbst hatte aufführen lassen, sehr vertraut war, leicht, sich hier zu verbergen, ohne daß Jemand seine Nähe ahnte. —

Keines Dieners Auge, keines Hundes Wachsamkeit hatte ihn entdeckt und mit bitterem Lächeln sagte er zu sich:

„Ich bin in meinem Hause sehr treu bewacht!“

Es schlug jetzt halb Zwölf. — Er setzte sich auf den Boden, legte die Waffen vor sich hin und betrachtete mit Wohlgefallen ihre Spitzen — denn diesmal schimmerten die Sterne, auch hatte sein Blick eine wunderbare Schärfe gewonnen, die jener eines Geiers glich.

Langsam, träg und faul zog die Zeit hin — Alexander meinte, diese halbe Stunde sei hinreichend, eine neue Welt zu bauen oder zu zerstören... an dem letztern Gedanken hielt er sich mit Wonne. — Endlich schlug es Zwölf....

In diesem Augenblicke raschelten seitwärts die Zweige des Gebüsches — und heraus trat ein Mann, ebenfalls in einen Mantel gehüllt. — Er wandte ihm den Rücken zu, und schritt langsam zur Gartenmauer, und zu dessen Pförtchen, welches hier auf’s freie Feld führte.

Selbst dem penetrirenden Blicke Alexanders war es nicht möglich, den Mann zu erkennen — sein Mantel verbarg ihn vollständig, überdies schien er sich noch durch andere Mittel unkenntlich gemacht zu haben. — Jedoch es war kein Zweifel, daß es ein junger Mensch sei, und an Größe glich er vollkommen dem Chevalier von Marsan. —

Es vergingen einige Augenblicke und leise ohne daß man es hörte, drehte der Schlüssel sich um, das Pförtchen ging auf.... eine Dame trat heraus. —

Auch sie war trefflich maskirt, so daß selbst Alexander unter anderen Umständen seine Frau nicht erkannt hätte — ihr Gang aber verrieth sie ihm dennoch. —

Ohne ein Wort zu wechseln, stürzten die beiden Personen sich in die Arme und blieben lange so — dann still, wie sie gekommen waren, rafften sie sich auf, und schlugen eilig einen Weg ein, welcher unter dem Schutze der Gebüsche und Bäume nach der Stadt führte.

Längst schon hatte auch Alexander sich erhoben — und folgte ihnen in einiger Entfernung Schritt für Schritt, nahe genug, um sie stets im Auge zu behalten — und doch so weit, um mit Hülfe der sich darbietenden Deckungsmittel selbst ungesehen zu bleiben. — Man hatte auf diese Weise ungefähr einige hundert Schritte zurückgelegt — als er am Eingange einer breiten, aber öden und unbewohnten Straße einen Wagen halten sah.... und vermittelst seines wie durch Zaubermacht geschärften Blickes — sogleich Marsan’s Equipage erkannte.....

In diesem Momente riß es ihn mit tausend Ketten empor, er vergaß aller Vorsichtsmaßregeln — stürzte der Buhlerin und ihrem Buhlen nach, die Erstere drehte sich rasch um und stieß den Ruf aus: „Um Gotteswillen! Ein Mann hinter uns!“ — dann liefen Beide eilig auf die Equipage zu... aber sie hatten sie noch nicht erreicht, der Kutscher hatte Cölestinens vernehmlichen Befehl: „Rasch den Schlag aufgemacht!“ noch nicht vollziehen können, als Alexander schon dicht hinter ihnen war — und (seines Vorsatzes, dem Mann einen von den Degen anzubieten, vergessend) mit beiden, gleich einem Mörder, über ihn herfiel, den einen in dessen rechten Arm, den andern ihm in’s Gesicht bohrte. —

Aber jetzt ward er verhindert, sie noch weiter zu gebrauchen... er fühlte sich rückwärts überfallen, von zwei gewaltigen Fäusten gepackt, entwaffnet und so zu Boden geschleudert, als sollte er sich nie wieder erheben... Der Kutscher (denn er war es) hob die Degen auf, packte den Verwundeten in den Wagen, schob Cölestine hinten nach und im wilden Galopp rollte die Equipage über das Straßenpflaster dahin.

Alles das geschah in Zeit von einigen Minuten — kein Wort war gewechselt worden — kein Laut dem Munde der betheiligten Personen entfallen — der Verwundete schien entweder vom Schreck oder vom Stich leblos geworden zu sein .... er lag gleich einer Leiche in dem Schoße Cölestinens. —

Beim Einsteigen in den Wagen hatte Cölestine dem Kutscher zugerufen: „Nach der Wohnung des Chevaliers von Marsan!“ — Dies war das einzige Wort gewesen. Alexander hatte es noch gehört. —

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