Sechstes Kapitel. Immer noch Promenade.
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Noch war die Promenade der beau monde nicht zu Ende. Im Gegentheil ostentirte sie jetzt, da das bürgerliche Element sich ausgeschieden hatte, um zu Tische zu gehen — ihre interessantere, fashionablere Seite. — Sie erhob sich aus einem mechanischen und materiellen Umhertreiben — zur Conversation im Freien. Und jetzt sehen wir uns gezwungen, jene Gestalten und Charaktere, welche wir zu Anfang des vorigen Kapitels eingeführt haben, wieder herbeizurufen, da dieselben nunmehr die agirenden Hauptfiguren geworden sind...
Umgeben von einem Zirkel älterer und jüngerer Personen, worunter illustre Namen der Residenz — schreitet Herr von Marsan langsam den Wall entlang, indem er in einer Auseinandersetzung begriffen scheint, an welcher seine ganze Suite, man möchte sagen, mit Andacht theilnimmt. — Dieser Cavalier, den wir seit einiger Zeit aus dem Auge verloren haben, spielt jetzt in der höchsten Welt der Hauptstadt eine Rolle vom höchsten Range. Dies mächtige Emporkommen hat er nicht blos seinem Namen, seinem Reichthume und seinem Geiste oder seiner Schönheit zu danken — sondern vornehmlich den mehrfältigen Affairen, in die er während der letzten Zeit sich als Hauptperson zu verflechten wußte — und worunter die Angelegenheit zwischen dem Grafen A—x und Cölestine — nur eine einzelne war; denn in Bezug auf diese sprach alle Welt ihm die Initiative zu, nannte ihn die veranlassende Ursache der Trennung — und setzte hinzu: er sei noch immer der Geliebte Cölestinens, die nur um seinetwillen ihr Schicksal mit so großer Heiterkeit zu tragen wisse. — Unter seinen andern Liaisons war eine zweite von eben solchen eklatanten Folgen gewesen — nämlich sein Verhältniß zur Herzogin von S—; Marsan, von einem ihrer früheren Anbeter gefordert, schoß diesem eine Kugel so durch den Kopf, daß der letztere in hundert Stücke auseinander flog, gleich einem Apfel. — —
Der Chevalier hatte in der That, und zwar nicht nur in Wien, sein Renommée als Schrecken der Männer, wie als Abgott der Frauen, mit einem Worte als Muster eines vornehmen Mannes, eines grand seigneur von altem Schlage zu behaupten gewußt. — Wenn ihm indessen sein stolzer, vornehmer und überlegener Charakter bei seinem Geschlechte viel verdarb, so wußte er zur gelegenen Zeit durch eine Menge von Talenten Manches wieder gut zu machen — und hatte er z. B. heute einen Nebenbuhler bei der oder jener Frau besiegt, so versöhnte er ihn morgen dadurch, daß er einer andern Leidenschaft desselben schmeichelte: einen Reiter ließ er beim Wettrennen den Preis gewinnen — an einen Spieler verlor er Geld — einem Dritten ward er in dessen Carriere behilflich, so daß am Ende alle Mißtöne um ihn herum sich zur schönsten Harmonie auflösten: diese Harmonie sang sein Lob und es wiederhallte in der Welt....
Indeß würde man irren, wenn man glaubte, der Chevalier verstände nur auf diesem wenig erhabenen Felde Lorbeeren einzuerndten; — das, was er im Salon einer großen Dame war, galt er auch im Kabinet eines großen Herrn, denn seine Hilfsquellen waren unerschöpflich, und sein Charakter im Sinne der großen Welt allseitig. Er wäre als Geschäftsmann, als Staatsmann vielleicht nicht minder groß geworden, wie er es jetzt als einfacher Weltmann war — und obgleich er vorgezogen hatte, die letztere Stellung einzunehmen, so sah er doch recht gut ein, daß er dieselbe nicht werde behaupten können, ohne von Zeit zu Zeit den Arm in die andere Sphäre hinüberzustrecken oder gar einen Schritt auf das jenseitige Territorium zu thun. — Daher sagte das Gerücht nicht zu viel, welches ihn in letzterer Zeit irgend einen diplomatischen Auftrag übernehmen und deshalb so fleißig in den Häusern fremder und hiesiger Minister aus- und eingehen ließ. Dieser Auftrag mußte außerordentlich mysteriöser Natur sein, denn so viel sich die Fama der guten Gesellschaft sich auch Mühe gab, ihn zu errathen, es wollte ihr durchaus nicht gelingen.
— Ohne uns mit dem eigentlichen Inhalte der Conversation, welche im jetzigen Augenblicke zwischen Marsan und jener Gesellschaft, von der wir ihn begleitet sehen, stattfand, zu befassen, müssen wir dennoch bemerken, daß dieselbe auf doppeltem Gebiete umherstreifte, und ihn so recht in den Brennpunkt seiner gesammten Fähigkeiten — an die Spitze der Bestrebungen seines ganzen Standes stellte. Er glänzte hier mit seinem Geiste erstens als Cavalier und zweitens als Mann von Geist und politischem Einfluß — — er beschäftigte den ganzen Kreis mit den mannigfachsten Dingen — und während er diesem Herrn seine Ansicht über den Unterschied zwischen Patschuli und Moschus mittheilte — ließ er gegen jenes Mitglied des diplomatischen Corps eine feine politische Anmerkung fallen, in einer Sprache, welche kein Anderer verstand....
„Zum Henker!“ flüsterten etliche junge Attaché’s am äußersten Flügel: „dieser Mensch kann Alles.... mich dünkt, er würde sogar auf einem Seile tanzen...“
„Er wird dies nicht nöthig haben, um sich früher oder später den Hals zu brechen!“ meinte Einer, der zu den Wenigen gehörte, die Marsan sich noch nicht verbunden hatte...
Die Sache war, daß der Chevalier den Grundsatz hatte, sich auch eine gewisse Anzahl Feinde zu erhalten, da auch sie für einen Mann der großen Welt unentbehrlich sind. —
In einiger Entfernung von dem Chevalier bewegte sich eine andere Gesellschaft. Es befanden sich hier die Generalin E—z, Herr von Labers, die Gräfin Wollheim an der Seite des Fräuleins Eugenie von Bomben, dieser frommen Seele der abendländischen Christenheit.
Die Rede war von demjenigen, den man seit zwei Stunden beständig vor Augen hatte... von Herrn von Marsan. — Man erörterte so eben den traurigen Fall in des Grafen von A—x Hause, und Herr von Labers hatte ihn eine von jenen Schickungen genannt, womit die Gottheit bisweilen gute Menschen heimsucht, um ihre Kraft zu erproben und zu stählen — oder auch um sie nach dem Kampfe des Sieges um so froher werden zu lassen. — Jedermann stimmte in diese schöne Ansicht ein... nur das Stiftsfräulein lächelte still vor sich hin, indem sie die Achseln zuckte, was ihr um so leichter fiel, als diese schon von Natur schief und „nervös“ waren.
„Die Oede und Melancholie in den Häusern des Generals Randow und seiner Tochter — läßt sich durch das eifrigste Bestreben, das vorige Leben in sie herbeizuzaubern — nicht unterdrücken.... Es zieht ein schlimmer Geist durch diese Hallen, trotz aller geweihten Kerzen, die darin brennen, und die einen Tag erlügen wollen,“ — bemerkte die alte Wittwe des Feldmarschallieutenants; sie schloß mit den Worten: „Dieses Unglück hat sogar mich erschüttert — diese Trauer hat sich sogar mir mitgetheilt.“
„Aber,“ sagte Gräfin Wollheim, „wie konnte man nur so grausam sein, und das Räthselhafte in dieser Begebenheit dadurch erklären, daß man Herrn von Marsan mit ihr in eine Verbindung brachte, welche Verbindung —“
Hierbei fiel Herr von Labers ein: „durch die Würde der jungen Gräfin hinlänglich widerlegt ist. — Ach, wir leben in einer Zeit, die sich mit Gewissen und Ehre bereits so weit abgefunden hat, daß man beide nur mehr dem Namen nach gebraucht.... Man könnte unsere Epoche, ähnlich wie man frühere die des Glaubens — des Schwertes — der Barbarei — der Philosophie — der Umwälzungen — nannte: eine Epoche der Lüge oder des Wahnsinns nennen.“
„Man geht so weit, zu behaupten,“ nahm Gräfin Wollheim wieder das Wort: — „Graf Alexander habe gegründeten Verdacht — Beweise sogar, daß Cölestine —“
„Entsetzlich! Und so Etwas behauptet man wirklich?“ rief die Generalin E—z.
„— — Und mit Recht!“ flüsterte das Stiftsfräulein der Gräfin zu: „Mit Recht!“ Die edle Menschenfreundin konnte die Vertheidigung der Tugend nicht länger mehr anhören....
„Was hat man nicht Alles bereits in der Welt behauptet!“ sagte Labers lächelnd: „dergleichen Gerüchte schaden jedoch nicht mehr... Der, welcher sie spricht, so wie der, welcher sie hört, glauben Beide nicht mehr an sie.“
„Der Graf soll für Cölestine ein Schreiben hinterlassen haben.... worin er Punkt für Punkt seine Anklage vorbringt... da soll es unter Anderem auch heißen: er habe mit eigenen Augen die Zeichen bemerkt, welche Cölestine mit dem Chevalier auf irgend einem Balle gewechselt...“
„Die Zeichen waren handgreiflich,“ flüsterte die Stiftsdame....
„Ferner,“ fuhr die Gräfin fort: „gleich nach diesem Balle habe Cölestine mit dem Chevalier eine geheime Zusammenkunft gehabt...“
„In ihrem eigenen Boudoir — oder vielmehr Schlafzimmer, und zur Nachtzeit, da Alles schlief... sie war drei volle Stunden mit ihm eingeschlossen; — ihr Mann hat sie auf dem Verbrechen ertappt — ihr Wesen — ihre Kleidung befand sich in einem Zustande...“
„Still doch!“ bedeutete die Gräfin der zischelnden Schlange. „Auch,“ wandte sich die alte Dame zur Gesellschaft: „von einem Billetdoux spricht man, worin die junge Frau Herrn von Marsan ein zweites tête à tête bewilligt haben soll.“
„Und dieses Billetdoux,“ raunte Fräulein Eugenie trunken vor Freude ihrer Begleiterin zu — „fiel dem Grafen in die Hände — — er hatte jetzt ein Selbstbekenntniß — eine Selbstanklage der Verbrecherin. — Ja, einer Verbrecherin!“ fuhr die Philanthropin wild fort: „wie die Erde noch keine abscheulichere getragen hat — wie selbst Babel sie ausspeien würde — — während der saubere Frauenverein sie in ihren Schooß aufnehmen und mit dem Mantel seiner Tugendlichkeit bedecken will — welche Tugendlichkeit durch diesen Fall allein schon ihre Erklärung findet, hehe! — O! Wie bin ich gerächt! Wie hat der Himmel selbst sich zu meinem Partisan erhoben! — Bei allen Kneifzangen Nero’s! bei dem Skalpirmesser der Indianer! — ich bin mit der Gerechtigkeit des ewigen Schicksals ausgesöhnt. — Ich murre nicht ferner... ich neige mich in Demuth und werde im Stillen fort arbeiten am allgemeinen Werke der Liebe. Erst vor Kurzem habe ich wieder ein neues Surrogat für die Armenspeise erfunden; es besteht in einem Mehl, welches man aus gestoßenen Tannenzapfen gewinnt, und welches Mehl die Eigenschaft hat, daß es die Speiseröhre anschwellt; wenn Einem aber die Speiseröhre geschwollen ist, kann man nicht viel essen, man lebt daher äußerst billig....“
„Zu den schmählichen Verläumdungen, von denen wir so eben gesprochen,“ sagte Labers — „gehört auch die, welche einen neuen Beweis gegen die arme Gräfin A—x in dem Umstande sieht, daß der Chevalier von Marsan seit der Abwesenheit ihres Gemahls ihr Haus nicht mehr besucht. Diese so natürliche Thatsache — diese Delikatesse von Seiten Marsans legt man demselben als eine abscheuliche Absichtlichkeit aus, als wollte er den Gerüchten keine neue Nahrung geben.“
„Es ist wahr,“ murmelte die Stiftsdame: „daß er sie am Tage nicht besucht, das wäre auch sehr albern.... sie kommen zur Nachtzeit zusammen, halten ihre Bacchanalien unter dem Schleier der Mitternacht — und das scheint mir weit vernünftiger.... hehe! —“
In diesem Augenblick stieß man durch ein Ungefähr, welches Marsan und seine Gesellschaft zwang, stillzustehen, mit der letzteren zusammen und machte den ferneren Weg an ihrer Seite, wobei sich nun nichts mehr zutrug, was irgend verdiente, hier aufgezeichnet zu werden. —
* * *
Wie wir wissen, hatte Althing jenen vier Damen, mit welchen wir ihn in einer „hohlen Gasse“ getroffen haben, zu einer Mahlzeit eingeladen, die bei der Gebieterin seines Herzens (Keiner glaubte er noch so tief in’s Herz gewachsen zu sein!) statt finden sollte. Ferner wissen wir, daß er sich mit ihnen sofort auf den Weg begeben habe. — O, es war ein hitziger Kerl, dieser Althing! Er hatte Temperament und Feuer für Zehn! — — Nach mannigfachen Krümmungen durch enge Gäßchen und Durchgänge gelangte man endlich auf’s Salzgries — denn hier wohnte die Dulcinea des Ritters. Als echte Dulcinea wohnte sie dem Himmel näher als der Erde; — — Althings Geliebten hatten überhaupt alle diese Eigenthümlichkeit. — Sie wohnten sämmtlich nicht unter sechs Treppen. — Aber wem, der je ein glühendes Jünglingsherz im Busen trug — sind sechs Treppen mehr als eine Kleinigkeit gewesen — über welche er hinwegeilte, während man kaum zwei Schnippchen schlug? — Daher kommt es auch, daß unser Mann seit den drei Tagen, da er seine holde Nina die Seine nannte — mindestens schon vierzig Mal diese allerliebsten sechs Treppen auf und ab gelaufen war. —
Er bewies dies auch jetzt. Ehe man sich’s versah, war er oben — — die vier Schönen keuchten ihm mühsam nach, hatten es ihm jedoch nur bis zum zweiten Treppenabsatze nachthun können. —
Fräulein Nina’s Wohnung bestand in zwei Zimmern und einer Art Küche, die zugleich als Vorzimmer diente. Wir sagen zwei Zimmer — weil wir uns gerne nach dem Sprachgebrauche der Personen richten, mit welchen wir zu thun haben, und Fräulein Nina sprach stets von ihren „zwei Zimmern.“ Wer aber war dieses Fräulein? Hierher paßt dasjenige, was ein trefflicher französischer Novellist der neuesten Zeit, Charles de Bernard in einem seiner Werke[C] über jene Gattung Menschen in Paris sagt, die man dort die problematischen Existenzen nennt.
„Diese Parias,“ sagt unser Schriftsteller — „von denen man nicht weiß, woher sie kommen, noch wohin sie gehen, ohne eine Familie, die sie anerkennt, ohne einen Stand, den sie zu gestehen wagen, frei von allen Pflichten — besitzen nur so viel Erde, als die Blumenvasen ihrer Salons enthalten, und leben wie Paschas. Wie wunderbar und doch so gewöhnlich! Aehnlich den Lilien, von denen die Bibel spricht, arbeiten sie nicht und spinnen auch nicht, und dennoch bietet manchmal ihr Luxus den Herrlichkeiten der Prinzen Trotz..... Verfolgt sie bis zu ihrem Ursprunge, diese Bäche mit unverschämtem Rauschen, mit den golden schimmernden Wellen, wie der Pactol, ihr werdet unfehlbar an eine unreine Quelle kommen... u. s. w.“
Ohne die Dame, von der wir sprechen, in die höchste Klasse dieser Existenzen zu rangiren, ohne sie zu den weiblichen Industrierittern par excellence zählen zu wollen, müssen wir von ihr doch sagen, daß es ihr an nichts fehlte — um stets vor der Welt in einer reizenden Hülle erscheinen und Dummköpfe verdrehen zu können... Ihre Begleiterinnen und die Alte, welche sich als ihre Mutter gerirte, (man kennt diesen Posten!) waren natürlich ihres Gleichen.
„Meine Freunde und Freundinnen, machen Sie sich es bei mir so bequem als möglich...!“ fing Fräulein Nina an die Frau vom Hause zu spielen — nachdem Alles eingetreten war und Platz genommen hatte — — „und um Ihnen mit gutem Beispiele vorauszugehen, will ich selbst den Anfang machen....“ Sie trat in ihr zweites Zimmer, blieb daselbst einige Minuten lang, und erschien sodann — vollständig metamorphosirt bei der Gesellschaft.... so daß Althing nicht umhin konnte, einen Ruf der Ueberraschung auszustoßen....
Seine Dame hatte ihr Costume so weit abgeworfen, daß das jetzige sehr stark an jenes von Adam und Eva erinnerte: sie trug über ihren ursprünglichen Reizen weiter nichts, als einen Unterrock und eine Art Camisol aus Mousselin, welches im Winde flatterte, offen wie eine Flagge. — Sogleich eilten auch die andern Damenschaften in das Kabinet und erschienen nach einer gleichen Zeit in einem überraschend ähnlichen Anzuge.... Dieses Intervall, so klein es war, hatte der verliebte Ritter gewandt zu benutzen gewußt; er hatte seine Dame zu sich auf den Schoß gezogen — ihr einige Dutzend Schwüre ertheilt und abgenommen — auch etwelche Küsse und andere Zärtlichkeiten.
„Aber wer wird nach dem Gasthause gehen, um das Nöthige herbeizuschaffen?“ frugen die Damen, kaum daß sie zurückkehrten....
„Die Sache ist sehr einfach,“ erwiderte Nina...: „meine Mutter wird so gut sein und den Aufwärter aus der Stadt Neapel herbescheiden — — den hübschen Joseph.... bei dem mein Freund Achilles.... so heißt Du doch, nicht wahr...?“
„Achilles — ganz recht, meine Geliebte!“ versetzte Althing und klirrte mit seinen Sporren....
„Nun, bei ihm kannst Du sodann Alles bestellen, was wir brauchen... Habe ich nicht Recht, theurer Achilles?“
„Vollkommen, vollkommen!“ lächelte der Dicke — der sich mit diesem Namen, den er so eben erst angenommen hatte, sehr zu gefallen schien...
Ohne Säumen begab sich die ehrwürdige Mutter des Fräuleins, so wie sie da stand — nach dem Gasthause zur „Stadt Neapel“... Sie mochte ähnliche Wege schon oft in solchem Costume gemacht haben....
Während ihrer Abwesenheit unterhielt man sich über Verschiedenes... was aber nicht ganz nach Althings Geschmacke war, denn er wollte sich blos mit Einem beschäftigen. Er hielt seine Angebetete noch immer auf dem Schoße und schwitzte dicke Tropfen unter der Anstrengung, die es ihm verursachte, nebenbei noch gegen die Uebrigen den Liebenswürdigen zu spielen... Indeß war er darüber nicht böse, denn er zeigte sich gerne gewandt in den Künsten der Galanterie, welche ja sämmtlich in sein Fach einschlugen.
Der schöne Joseph und die alte Vettel erschienen bald im Zimmer. Der erstere brachte mit der Karte jene ungeheure Aufmerksamkeit der Wiener Kellner mit, woran sich die des übrigen Deutschland ein Beispiel nehmen sollten. Nebenbei lachte der schöne Joseph zu Zeiten auf so eigenthümliche Weise — hiervon sah jedoch Althing nichts, welcher sich in die grundlosen aber auch goldhaltigen Schachten der Speisekarte vergraben hatte. — Nina aber schien diesen Blick Josephs ganz gut bemerkt zu haben und sie gab dem schönen Joseph einen bedeutsamen Wink.
In kurzer Zeit bog sich der Tisch unter einer zahlreichen Menge von Speisen und Getränken ... das Mahl begann und ward demselben, wie sich vermuthen ließ, von sämmtlichen Gästen eine gebührende Ehre angethan. Diese Damen aßen auf eine Weise — als hätten sie entweder noch niemals gegessen oder als sollten sie in Zukunft nimmer essen — und wenn man sagt, daß die Liebe den Appetit benimmt, so hatte dies Sprichwort bei Fräulein Nina total Unrecht, denn diese aß und trank allein eben so viel, wie die Andern zusammen genommen. — Bald wurden Toaste ausgebracht und von diesem Zeitpunkte an bekam Mahl wie Gesellschaft eine neue, nämlich die eigentliche Gestalt... d. h. alle Schranken fielen, welche die thörichte Sitte erschaffen hatte — wenn auch nicht zum Besten dieses Hauses. — Man fing an zu schreien, zu singen — und Althing wurde so leidenschaftlich, daß Nina, die er noch immer umherzerrte, ausrief:
„Aber haben Sie denn den — Koller!“
„Nein, meine Geliebte — sondern ich bin sterblich in Sie verliebt, ich könnte in dieser Stunde es mit einer Million Teufel aufnehmen, wenn die Sie mir entreißen wollten...“
„O, das ist nicht nöthig! Ich würde mich freiwillig für Dich entscheiden — mein holder Achill — und wären es selbst eine Million Engel. Du weißt, wie ich Dich liebe!“
„Wirklich? — Und dies scheint nicht blos Redensart? — Ach Du machst mich zum glücklichsten der Menschen.... Wie schade, daß wir hier vor Zeugen sind! Ach, wären wir allein!“
„Ja, wären wir allein!“
„O — das sollte eine Wonne sein!“ schmachtete der alte Narr und verdrehte die Augen, wie ein andächtiger Derwisch...
„Ja — es sollte eine Seligkeit sein!“ wiederholte sie und verdrehte nicht minder die Augen ... jedoch nur, um ihren Freundinnen ein Zeichen zu geben, was diese verstanden und mit einem Kopfnicken beantworteten.
„O, ich bete Dich an!“ seufzte Nina, gleichsam zerfließend in Liebeseligkeit....
„Und erst ich Dich!“ ächzte Althing, dessen Leidenschaft sein Mieder in der Weste und seinen Gurt um den Bauch sprengen zu wollen schien.
„Ach — ach — — diese abscheulichen Menschen da! Wie sie uns anglotzen!“ flüsterte sie ihm in’s Ohr...
„Ich wollte — der Satan holte sie, trotzdem daß Deine Mutter dabei ist — — und führte sie dahin, wo der Pfeffer wächst...“
„Trinke doch — mein süßer Achill!“
„Ja — ja — ich glaube jedoch schon ein wenig zu viel getrunken zu haben....“
Er stieß wirklich bereits mit der Zunge an.
„Was schadet das! Der Wein gibt Muth ... und endlich werden wir dieses Volk da, welches uns belästigt — zur Thür hinauswerfen...“
„Ja! das — wollen wir! — Das ist ein köstlicher Einfall! — Wein, Wein herbei! — So! Ein großes Glas! — Ich leere es auf einen Zug! — — Alle Donner! — Nun habe ich die Kraft — es mit allen Hexen des Blocksberges aufzunehmen..... Komm! komm!“ schrie er, hinlänglich trunken, um kein Körnchen Verstand mehr zu besitzen: „Komm! — Wir wollen diese alten und jungen Dämchen — über die Treppe schmeißen.... Vorwärts, meine Freundin: das wird für uns nur ein Kinderspiel sein! — Ich habe es tausend Mal schon mit einer dreifachen Mehrzahl aufgenommen und blieb immer Sieger!.... O, es soll eine Metzelei geben... daß es eine Freude ist... Blut soll fließen...“

Und während er diesen Unsinn mit einer Mordbrennerstimme schrie — stürzte er mit dem Vorlegelöffel bewaffnet auf diese Frauenzimmer, die ihrerseits ebenfalls ein fürchterliches Geschrei erhoben — und nach Hilfe rufend zur Thür hinausstürzten — über die Treppe hinabliefen, wohin er ihnen, durch den leichtgewonnenen Erfolg übermüthig gemacht, mit rasender Kampfeswuth nachfolgte — jedoch nur einige Stufen — denn dann stolperte er über ein Paar — fiel und rollte gleich einer Walze volle vier Treppen hinab bis zur zweiten Etage — wo er auf dem Flur liegen blieb. Ein schauderhaftes Wehegeschrei entfuhr ihm hier: „Ich bin zerschlagen... ich bin todt... ich bin aufgeplatzt... mit mir ist es aus....“ Sodann verlor er die Besinnung, und was mit ihm weiter geschah, wußte er nicht.
Genug an dem, daß er sich Tags darauf bei vollkommenem Wohlbefinden in den Armen seiner süßen Nina erblickte, welche auch in diesem Augenblick zärtliche Thränen über den Unfall weinte, dem er gestern zur Beute geworden.... Wie zu erwarten stand, war mit der Gefahr auch seine Angst und sein Kleinmuth vorbei... seine Courage wuchs wieder riesengroß — die Flammen seines Herzens loderten bis zum Dache des Hauses hinauf — und begruben ihn und die schöne Nina, daß von den Beiden nichts zu sehen war....
Erst Nachmittag erhob sich der Sieger vom Schlachtfelde. Er ging nach dem andern Zimmer, wo seine Sachen lagen, machte Toilette — und wollte diese damit beendigen, daß er sich mit Uhr, mit Ringen schmückte und nach seiner Brieftasche suchte.... Aber welches Entsetzen! — als er bemerkte, daß nichts von alle dem zu finden war....
„Wo ist meine Uhr hingekommen?“ schrie er... „Wo sind meine Ringe hingekommen? — Es befindet sich unter ihnen ein Solitär von Werth und die Uhr hat 800 Gulden gekostet...! — Und wo, wo ist meine Brieftasche — diese Brieftasche enthielt 1000 Gulden und noch andere Papiere von Werth!“
Auf sein Lärmen trat Nina herein: „Aber was ist Ihnen denn, mein Herr?“ sagte sie, die Hände zusammenschlagend. „Sie geberden sich ja wie toll?“
„Und das soll man nicht sein — wenn man so bestohlen wird.... wie es mir bei Ihnen geschah.“
„Mein Herr — Sie erlauben sich da, einen Schimpf auf mich zu werfen, den ich nicht dulde ... Ich werde sogleich meinen Freund, der zehn Schritte weit von hier auf derselben Etage wohnt, herbeirufen, damit er mich vor der Behandlung schütze, die Sie sich unterstehen, mir widerfahren zu lassen.“ — Jetzt eilte die Holde fort und erschien wirklich gleich darauf mit einem großen schwarzen Kerl, der einen Räuberhauptmann in den Abruzzen hätte vorstellen können.
„Wie — Sie unterstehen sich?“ begann der Kerl und rollte ein Paar Augen, die bei Gott — wie kleine Granaten aussahen. „Sie wagen es, meine Freundin zu beschimpfen... von Diebstahl zu sprechen... von verlornen Uhren — Ringen u. dergl....“ Mit diesen Worten trat er ihm dicht bis vor’s Gesicht hin, so daß der dicke Liebesheld erschrocken sich zurückzog, und mit bleichen Lippen stammelte: „Aber — was wollen Sie — mein Herr — ich habe ja — — das Recht — zu glauben — —“
„Was?“ brüllte der Schwarze: „Sie haben gar kein Recht, Niederträchtigkeiten zu glauben... Entweder haben Sie nicht einmal eine Uhr, einen Ring oder eine Brieftasche besessen — — und das Ganze ist nur eine elende Ausflucht, um der Bezahlung zu entgehen, welche Sie für das gestrige Mahl zu leisten haben... Oder aber, angenommen, daß Sie jene Sachen wirklich bei sich gehabt haben, so müssen Sie dieselben gestern, während Sie mit den Damen Skandal machten — sich umherhetzten und zuletzt wie ein Igel über die Treppe rollten... bei dieser Spazierfahrt müssen Sie Ihre Preciosen verloren haben. — Begreifen Sie mich nun?! — Verstehen Sie — mein Freund, wie? — Oder aber — capiren Sie mich noch immer nicht?!“
Die letzten Worte brüllte der verdammte Schwarze mit einer Bärenstimme und begleitete sie mit solchen Wolfs-Geberden — daß der alte Adonis zu zittern anfing, wie Einer, der das kalte Fieber hat, — und ferner kein Wort hervorzubringen vermochte — als: „Schon gut — schon gut — — ich bin — ja — zufrieden....“
„Wenn dies der Fall ist,“ versetzte der Schwarze, ein wenig den Ton seiner Bärenstimme mäßigend: „so können Sie gehen — — aber,“ fuhr er fort und wieder brüllte er ganz entsetzlich: „wofern Sie von der ganzen Geschichte nur das Geringste verlauten lassen, oder es wagen — damit vor Gericht zu erscheinen, dann nehmen Sie Ihren Kopf in Acht.... ich reiße Ihnen denselben herab, wie einen Kohl aus dem Garten...“
„Es soll nicht geschehen!“ bebte Althing und pries seinen Schöpfer, als er zur Thür hinaus war: „Das ist ja ganz unglaublich!“ sagte er zu sich auf der Straße: „Es wohnen ja da Menschenfresser unter uns! — Wenig fehlte, so hätte der Kerl mir den Kopf abgebissen.... Gott sei meiner armen Seele gnädig!...“
Noch nie war er von einem Rendezvous trauriger heimgekehrt, als diesmal.