← Table of contents
Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Dreizehntes Kapitel. Schluß.

Reading edition

Es war am heutigen Tage unser schöner Freund Althing in den Prater, der zu dieser Zeit schon seine grünen Sprößlinge aussendete — spazieren gegangen, und nachdem er sich, Gott weiß aus welcher Laune, in dessen entferntesten Garten verloren hatte — war er auf eine Dame gestoßen, welche mit einem Buche in der Hand hier auf einem abgebrochenen Baumstamme saß. Diese Dame schien sehr in ihrer Lektüre vertieft und wendete keinen Blick ab von derselben; doch unser Adonis ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern setzte sich ohne weiteres neben sie hin und redete dieselbe an...

Da hob sie zwei Augen empor — so blau wie der Saphir und ein Gesicht so schön wie ein junger Morgen; nämlich seiner Meinung nach. Noch nie glaubte Herr von Althing das gefühlt zu haben, was jetzt in seiner Brust vorging (wir wissen jedoch, er glaubte stets also!) — — und, wie es seine Art war, er machte hier dem Mädchen ohne weiteres seine Liebeserklärung....

Und sofort stand sie auf, verließ den Platz, und ging weiter. Er aber ging nach; und als sie den Weg nach der Stadt einschlug, folgte er ihr ebenfalls dorthin.

Sie führte ihn auf diese Weise aus einer Straße in die andere, bis sie zuletzt auf der Bettlerstiege in ein Haus trat, sich jedoch zuvor noch umsah.

„Richtig!“ lächelte Althing und griff vorsichtig an seinen gefärbten Schnurbart; „die ist total in mich verschossen! — Ach! dieser Blick war zu stark! — Armes Mädchen — Du sollst erhört werden.... denn was ich für Dich empfinde, ist wahre Liebe!... Zum ersten Male durchdringt dieses höhere Gefühl meine Jünglingsbrust! Ich sehe — bei meinem bisherigen Leben kommt nichts heraus — ich bin entschlossen, ein neues anzufangen.“

Er trat nun ebenfalls in das Haus — und da er das Mädchen nach dem hintersten Winkel desselben gehen sah, ging er auch dahin — — doch fürchtete er hier zu einer gewissen Abtheilung zu gelangen, die einem Parfümerie-Laden eben nicht ähnlich ist. Statt dessen gelangte er zu einer hölzernen Treppe und stieg sieben volle Etagen — wie es stets sein Geschick wollte — der Dulcinea nach. Endlich trat er fast mit ihr zugleich in eine kleine räucherige Stube, welche ihres Gleichen nicht hatte.... jetzt sah er sich mit dem Mädchen allein.

„Aber was hat das zu bedeuten, mein Herr?“ fragte sie....

„Es hat zu bedeuten, mein Fräulein, daß ich Sie liebe.“

„Und weiter? —“

„Daß ich ohne Sie nicht leben kann.“

„Allein — —“

„Kurz... da ich jetzt in den besten Jahren bin und es mir auch nebenbei ernstlich vorgenommen habe — biete ich Ihnen meine Hand an....“

Bei diesen Worten lief das Mädchen zur Thür hinaus.

Er stand einige Secunden verblüfft auf dem Platze, da vernahm er im Nebenzimmer zwei Männerstimmen, die sich zu zanken schienen. —

„Ich sage Ihnen, daß ich keinen Tag länger auf den letzten Posten, welchen Sie mir von der Affaire noch schulden, warte. Wo Sie mich nicht noch heute bezahlen — zeige ich die ganze Geschichte durch ein anonymes Schreiben dem Grafen von A—x, so wie dem Generale von Randow an... die mögen es Ihnen dann entgelten, was durch Ihre Bemühung dem armen jungen Menschen Edmund Schlimmes widerfahren ist... Auf Ehre!“

Bei Nennung dieser Namen stutzte Althing und stellte sich näher an die Wand, um besser zu hören:

„Sie müssen noch kurze Zeit Geduld haben, mein Bester!“ ließ sich die andere Stimme vernehmen — und Althing glaubte sie zu erkennen.

„Uebrigens,“ fuhr diese Stimme fort — „halte ich Sie nicht für den Thoren, das zu thun, womit Sie so eben drohten, denn was gewinnen Sie damit? Nichts.“

„Aber Sie, mein Liebster, verlieren doch — auf Ehre!“

„Aber dann kann ich Sie dafür auch auf’s Zuchthaus bringen — guter Lips.“

„Wir sind gegen solche Möglichkeiten sicher gestellt, mein Guter; auf Ehre!“

„Das wollen wir doch sehen — hahaha!“

„Ja — das werden wir auch sehen, hahaha .... ohne daß ich hinzuzusetzen brauche: — Auf Ehre!“

Jetzt wurde eine Thür zugeworfen und bald darauf entfernte sich Jemand unter schallendem Gelächter über die Treppe.

Gleich darauf trat das Mädchen herein; an ihrer Seite aber schritt jener Sterbliche, welchen wir als unsern wackern Meister Lips bereits seit lange zu kennen die besondere Ehre haben. —

„Dieser Herr hier will mich zur Frau nehmen!“ sagte sie kurz.

„Ist das wahr?“ fragte Lips eben so kurz den Adonis.

„Gewiß!“ antwortete dieser ein wenig erstaunt.

„Meine Tochter Philomela,“ sagte Lips zu ihm gewendet, „ist ein sehr gebildetes Mädchen; sie ist eine Emancipirte! — Mit dieser Erklärung werden Sie genug haben. Sie kann Latein, Französisch, Griechisch, Slowakisch, Hebräisch, Chaldäisch, Maurisch, Ungrisch, Böhmisch, Hindostanisch, Malajisch — und auch Deutsch; ferner ist sie in der Astronomie, der Chemie, der Physik, der Musik, der Geographie — der Skulptur — in den Militairwissenschaften — in der Aesthetik und Botanik — in der Heraldik und Anatomie — endlich in allen übrigen weißen, schwarzen, braunen und gelben Wissenschaften und Künsten bewandert. Auf Ehrenwort! — — Sie sehen, mein Herr, was Sie Alles mit ihr bekommen! Sie bekommen in diesem Mädchen eine ganze Universität. — — Jedoch was bringen Sie mit, mein Herr?“

„Ich bin der Herr von Althing — —“

„Das ist Nebensache, auf Ehre! — Was haben Sie, frage ich, mein Lieber?“

„Wohlan — ich besitze eine Rente von 8000 Gulden Silbergeld — — —“

„Ah — Unterthänigster Diener! — das läßt sich hören, auf Ehre. — Also Sie wollen meine Tochter zum Weibe?“

„Ja.“

„Nun gut — Sie sollen sie haben, jedoch mit der Bedingung, daß Sie die 8000 Gulden jährlich durch mich erheben lassen. — Sein Sie jedoch unbesorgt; Sie sollen Ihr Geld in monatlichen Raten — bei Heller und Pfennig von mir ausgezahlt bekommen.... ich will mit dem Ganzen nur speculiren, jedoch zu meinem Besten. Ist Ihnen dieser Contract genehm, so machen wir ihn sogleich als Ehecontract in aller gesetzlichen Form giltig?“

Althing willigte ein. Er war froh, endlich einmal ein Weib gefunden zu haben, die, wie er sah, es mit ihm ernstlich meinte.

Noch in der nämlichen Stunde wurde das Instrument von einem Rechtsverständigen aufgesetzt und mit gesetzlicher Kraft versehen. —

* * *

Und noch an demselben Tage erfuhr Alexander von dem Adonis, welcher sich deßhalb eigens zu ihn verfügte, Alles das, was wir bereits wissen; nämlich, daß Lips nur auf Veranlassung des Barons von Leuben, jenes finstern, leidenschaftlichen, abgewiesenen Anbeters Cölestinens, die Wechselfälschung Edmunds vor Gericht geltend gemacht hatte. —

Ein Zweikampf war die Folge davon. Leuben, tödtlich verwundet, bekannte mit ersterbenden Lippen, daß er nicht nur Cölestinen, sondern auch ihrem Manne, ihrem Bruder, ihrem ganzen Hause Rache geschworen — die er auch, so weit als es irgend seiner menschlichen Kraft möglich war, vollzogen habe. Damals bei der Trauung habe er nach Alexander geschossen, jedoch nicht getroffen; darauf habe er Stunde für Stunde auf das Unglück Beider gesonnen.... es sei ihm auch gelungen, dasselbe bis zum jetzigen Augenblicke zu nähren; und — — jener geheime Warner, jener Unglücksbote Alexanders — sowie jener mysteriöse, durch Maskirung unkenntlich gemachte Fremde in dem Salon Cölestinens sei er gewesen.

Nach dieser Beichte hauchte der Elende seinen Geist aus.

Was Edmunds Schicksal betraf, so gelang es dem Einflusse des Grafen, sowie wie jenem des Chevaliers, dasselbe zum Guten zu wenden; er wurde zuletzt noch der Freund seines Schwagers — und wir sehen ihn in späterer Zeit sogar eine sehr bemerkenswerthe Staats-Carriere machen.

— Was die übrigen Personen angeht, welche in dieser Geschichte auftraten, so wird ihr ferneres Schicksal mit wenigen Zügen angedeutet werden können.

Das Stiftsfräulein nahm ein schauderhaftes Ende, wie dies edle Herz es auch verdiente. Bei einer Probe, welche sie mit ihrem neuerfundenen Tannenzapfenmehl bei sich selbst machte, bekam sie den Magenbrand und starb unter Convulsionen, wobei sie jedoch stets bei Nero schwur, daß ihre Erfindung vortrefflich sei und der Menschheit zum Heil gereichen werde. —

Gräfin von Wollheim strickte ihre Strümpfe für den Wohlthätigkeitsverein fort und fort. Ihr Gemahl, als er keinen Gefährten mehr beim Fasse fand, wurde wieder Jäger, jedoch entsagte er dem geliebten Fasse nicht gänzlich.

Frau von Porgenau lachte ein Mal über einen Witz ihres Mannes so sehr, daß sie todt auf dem Platze blieb. Er, der berühmte Bonmotist hingegen, wurde immer berühmter; nur ließ man ihn in keinem Salon mehr zu.

Der Chevalier von Marsan war und blieb auch in der Ferne der Freund Cölestinens, ihres Gemahls und ihrer Eltern. Seine frühere Leidenschaft für die Gräfin übertrug er auf zehn Andere. —

Die kleine, schöne Alexandrine wurde von Cölestine an Kindesstatt angenommen; sie blühte inmitten der glücklichen Gatten, deren einziges Kind sie nicht lange blieb — zur edlen Jungfrau heran. —

Ende.

Gedruckt bei Friedrich Andrä.

Fußnoten:

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings