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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Zweites Kapitel. Die Nichtswürdigen.

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Eben hatte es auf einem Thurme in der Nähe elf Uhr geschlagen. Dieser Klang tönte erschütternd durch die Ohren Edmunds, welcher sich von seinem Lager noch immer nicht erhoben hatte, sondern dasselbe Stunde für Stunde mit seinem Angstschweiße tränkte — gleich einem Armensünder-Lager. Wir haben bereits Vieles von dem Treiben und Thun dieses verlornen Jünglings erzählt — wir haben jedoch noch nicht Alles, noch nicht das Letzte gesagt. — Edmund von Randow, der Sohn eines der edelsten und ruhmvollsten Häuser des Landes, war nicht nur Müßiggänger, Libertin, Verschwender, Spieler und ein Roué der gemeinsten Klasse geworden — — Edmund von Randow, der Sohn eines der ersten und vornehmsten Geschlechter zweier Reiche — — war sogar bis zum Betrüger hinabgestürzt....

Nachdem wir dies entsetzliche Wort ausgesprochen haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als es zu rechtfertigen, und dies soll sofort geschehen.

Es waren seit dem letzten Glockenschlage noch kaum einige Minuten verflossen, als nicht der Baron von Leuben, wohl aber Herr Theobald Wurmholzer in’s Zimmer trat. Auf die Stirne dieses Menschen hatte sein Leben und sein Handwerk Züge gezeichnet, die nicht zu verkennen waren. — Herr Theobald erschien mit einer lustigen Schurkenmiene und einem schmetternden „Guten Morgen!“ Als er Edmund, dessen Zustand und Lage erblickte — brach er laut in die Worte aus: „Sacre bleu! Was ist denn das? Hat für meinen Busenfreund Edmund der Hahn noch nicht gekräht? — Bougre! das nenn’ ich einen guten Schlaf — der freilich auch einem guten Tage folgt....“

Edmund begnügte sich damit, sich halb aufzurichten und dem Abscheulichen eine Art von Willkomm entgegen zu murmeln, womit dieser zufrieden schien, denn er setzte sich, nach dem Brauche solcher Herren, ohneweiteres auf das Bett — und fuhr in seiner lärmenden Weise fort: „Sie werden wissen, mein verehrungswürdiger Freund Randow — daß ich nicht gekommen wäre, Ihren süßen Schlaf zu stören, nöthigte mich hierzu nicht jene dringende Pflicht, die ich gegen mich selber habe und die Ihnen hinlänglich bekannt ist; Sie begreifen —: Die heiligste Pflicht des Gentlemans und Spielers besteht in —“

Edmund fuhr bei dem letzteren Worte ein wenig überrascht in die Höhe —: „Sie nennen sich also kurzweg: einen Spieler!“

„Darauf kommt es hier nicht an und es wird Ihnen auch gewiß sehr gleichgiltig sein...“

„Ich meine nur — — bisher haben Sie sich unter diesem Titel noch nicht vorgestellt....“

„Diable! — dies will ich schon glauben!... Wer in der Welt wird sich bei einem fremden Menschen gleich als Spieler einführen? — Es wäre sehr gegen die Lebensart! — Allein nachdem man zusammen drei bis vier Nächte hindurch am grünen Tische gesessen — nachdem man mit Einem überdies auf Ehrenwort gespielt — und endlich gar an ihn eine Forderung von circa 2000 Ducaten zu stellen hat — darf man sich doch wohl kurzweg als das bezeichnen, ... was man ist, Tonneur de Dieu! — Welchen Titel soll man für sich erfinden? — — Man hat von Jemand für einige Sätze im rouge et noir 2000 Ducaten zu fordern... also ist man ein Spieler.“

„An dieser Logik ist wohl nichts auszusetzen —“ versetzte Edmund eintönig und mit bitterem Lächeln — —; „ich hätte längst selber von ihr Gebrauch machen sollen....“

„Allein, wie ich sehe, mon cher — — so jagen wir uns da mit einer nutzlosen Phraseologie ab... und beim Himmel! meine Zeit ist sehr kostbar: ich habe heute noch wichtige Geschäfte in Ordnung zu bringen. Kommen wir daher zur Sache! — Haben Sie das Geld in Bereitschaft, mon petit coeur?“

Mit kurzen Worten antwortete Randow: „Ich habe nichts in Bereitschaft. Ich besitze keinen Heller!“

„Wie — Sie besitzen keinen Heller!“ schrie Herr Theobald so mächtig, daß es draußen auf allen Gängen widerhallte: „Morbleu! — Sie besitzen keinen Heller!“ Theobald war aufgesprungen und hatte sich vor ihn hingestellt: „Was ist dies für eine sonderbare Erklärung — mein Herr von Randow?“

„Die Erklärung ist sehr einfach und noch dabei sehr wahr;“ sprach Edmund mit einer Ruhe, deren man ihn nach seiner früheren Stimmung nicht fähig hätte halten sollen. — Allein freilich die früheren Bewegungen seines Innern standen weniger mit diesem als mit dem andern Falle, mit dem Meister Lips, in Verbindung.

„Enfin!“ rief der Spieler: „Sie zahlen also nicht: Sie tragen Ihre Schuld nicht ab — mein Herr?“

„Es ist mir unmöglich — mein Herr.“

„Wissen Sie auch, mein Herr — daß dies eine Ehrenschuld ist?... daß Sie auf’s Wort gespielt haben?“

„Ich weiß es, ich weiß Alles.“

„Und dennoch — glauben Sie mir so mit der größten Seelenruhe sagen zu dürfen, daß Sie nicht zahlen wollen?...“

„Allein — was soll ich Anderes thun? Sagen Sie es selbst, mein Herr!...“

„Dies — mon Dieu!“ versetzte scheußlich lachend Herr Theobald — der nach Art der Leute seines Metiers unabläßlich mit französischen Brocken um sich herum warf... „Dies, mon Dieu — ist doch fürwahr nicht meine Sache... es geht mich nicht im Geringsten an... Sacre! Was soll ich Ihnen denn noch sonst sagen, als: zahlen Sie! zahlen Sie — — ich muß auch zahlen! — —“

Der junge Mensch antwortete nicht — er seufzte nur und rieb sich die Stirne, die zu zerspringen drohte unter den Gedanken, welche — nicht Herrn Theobald betrafen.

„Endlich, mein Herr,“ nahm dieser sich zusammen und blickte ihn wild und finster an: „Endlich — damit wir zum Schlusse kommen: was ist Ihre Absicht? Wollen Sie mich als Mann von Ehre, wie es Ihrem Stande angemessen, befriedigen — oder aber wünschen Sie, daß ich noch in dieser Stunde zu Ihrem Vater gehe — — und den würdigen General von Randow veranlasse, das Wort seines Sohnes und dessen Reputation zu retten?... Morbleu!“

Der Spieler war richtig berathen. Kaum hatte er den Namen von Edmunds Vater genannt, als der Jüngling erschrocken vom Lager aufsprang und im Nu aufrecht stehend sich seinem Gläubiger gegenüber befand: „Um Gotteswillen, mein Herr!“ rief er mit bebender Zunge: „Thun Sie das nicht! Machen Sie keinen Schritt aus diesem Zimmer — bevor unsere Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht ist. — — Sie wollen, ich soll Ihnen 2000 Ducaten bezahlen. — Nun wohl — nun wohl.“

Er sann einen Augenblick nach — — jetzt hatte sein ganzes Denken sich um diesen Punkt konzentrirt: „Hören Sie meinen Vorschlag! — Gedulden Sie sich noch bis morgen — dann sollen Sie Alles bis auf den letzten Pfennig erhalten...“

„Tonneur! — —“ versetzte der Spieler schon mit einem viel heiteren Tone: „das geht nicht, mein Bester! — Das wird nicht gehen! .... Wie ich es immer auch herumdrehe — wie ich auch immer kalkulire.... ich brauche das Geld noch heute...“

„Nun denn —“ bedeutete Jener, dem der Angstschweiß von der Stirne rann: „dann geben Sie mir mindestens einige Stunden Frist — — z. B. bis zum Nachmittage...“

Nach einer Pause rief Theobald aus: „Eh bien donc! — Bis zum Nachmittage — 3 Uhr will ich warten, mon coeur... bis 3 Uhr also .... Jedoch länger nicht eine Minute... fürwahr ich kann nicht! Parole d’honneur — es liegt nicht in meiner Macht.... es ist unmöglich ... c’est impossible!“

„Nun denn — um 3 Uhr holen Sie hier das Geld ab.“

„Bon, bon! — Ich werde hier sein — sans doute — ich werde erscheinen, mon très cher ami! — Also: — au revoir!“

Er reichte ihm die Hand hin — die der Unglückliche ergriff und drückte, als sei sie die Hand eines Ehrenmannes. Darauf verließ Monsieur Theobald Wurmholzer das Zimmer. —

— Kaum war er fort, als schon wieder an der Thür geklopft wurde. Dieses Klopfen erkannte Edmund — es drang ihm erschütternd durch Mark und Bein. Sogleich öffnete sich die Thür und herein trat, mit lächelndem Joko-Gesichte und der trauten Keule in der Hand, Meister Sophronias Lips, Wechsler, Antiquar, Juwelier, Hühneraugen-Operateur und Würgengel dieser guten Stadt. Er war ganz so anzuschauen, wie wir ihn sahen, als uns das unaussprechliche Glück ward, zum ersten Male mit ihm zusammenzutreffen. Da war wieder der mittelalterliche Gustav-Adolph’sche Rock, halb Frack und halb Jacke — da waren wieder die antediluvianischen Beinkleider — da die Wunderstiefeln, der eine mit Stulpen, der andere ritterlich trichterförmig mit einem Stück Sporren daran — da war auch der Hut, vulgo Pferdesattel — da die heidnische Priesterweste — — da endlich — und natürlich im vollen Glanze, die herrliche Keule, diese Königin unter den Handstützen.

„Mein Gnädigster — ich habe die Ehre, Ihnen einen vortrefflichen Tag zu wünschen... ’s ist recht kalt heute, auf Ehrenwort!“ So begrüßte der Biedermann unseren Freund, der sich bei dessen Eintritt erhoben hatte und ihm wie einem Manne von Rang entgegen ging... jedoch sprach Edmund nicht ein Wort. Um so mehr Gelegenheit hatte hierzu Meister Lips und er schien Lust zu haben, heute von dieser Gelegenheit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen: „Nun, wie geht es Euer Gnaden?“ begann er lächelnd, mit dem Kopfe nickend und seine holde Keule schwingend: „Wie befinden Sie sich, mein Gnädiger, he? — Hoffentlich geht es Denenselben recht wohl — was mich ausnehmend freuen würde, auf Ehrenwort! — Und wie haben Dieselben geschlafen?... Wahrscheinlich gut!“

Wie schon gesagt, Edmund war, trotz dieser Zuvorkommenheit und Cordialität des Meister Lips — an Worten ein Bettler; kaum daß er ihm alle diese Fragen im Allgemeinen beantwortete; jedoch schien Lips das nicht zu beachten und fuhr fort, seine Freundlichkeit zu verdoppeln, zu verdreifachen... so daß es eine wahre Lust war, diesen, an sich so cynischen Philosophen, jetzt eine Fluth der galantesten Redensarten ausströmen zu hören.

Im Ganzen fand eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Lipsens gegenwärtigem Betragen und demjenigen statt, welches Herr Theobald Wurmholzer bei seinem Eintritt in diese Stube angenommen hatte. Die Sache ist sehr einfach. Sie wiederholt sich bei jedem Gläubiger. Wenn Euch ein solcher besucht, ist er die Artigkeit und Liebenswürdigkeit selber — — kaum aber habt Ihr mit ihm einige Worte gesprochen, so wirft er rasch die Maske ab — — er will von Euch Geld haben und keine Worte — er wird ernst — grob — unverschämt — so zwar, daß Ihr, die Ihr anfangs die zärtlichsten Freunde zu sein schienet — als die bittersten Gegner, als Feinde auf Tod und Leben von einander scheidet. — — — — Eine merkwürdige psychologische Erscheinung; jedoch sehr bewährt, sehr bewährt!

Doch folgen wir ruhig dem Gange des Gespräches unserer zwei Männer und sehen wir zu, wie sich dasselbe nach und nach entwickeln wird.

„Allein — mein theuerster, mein verehrtester, mein süßester Gnädiger — — Sie haben mir ja noch gar nicht gesagt, wie Sie so eigentlich sich fühlen; und doch wissen Sie, welchen namenlos gewaltigen Antheil ich an Dero Wohlbefinden nehme — — Auf Ehrenwort! ich würde lieber mir selbst meine rechte Hand abhauen — — als daß ich Sie nur den allerleisesten Schaden nehmen sähe. Auf Ehrenwort!“

„Ich danke, Herr Lips, ich danke!“ antwortete der Jüngling und setzte sich neben den Alten, welcher auf dem Sopha Platz genommen...: „Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß es mit meiner Gesundheit leidlich steht — bis auf eine kleine Erregung noch von gestern her.....“

„Ei, ei — Sie müssen sich schonen, Gnädigster! Wirklich, das müssen Sie.... So eben bemerke ich, daß Ihr theures Angesicht wirklich Spuren trägt von — von — — nun gleichviel wovon.... Doch, mit einem Worte, Sie müssen sich schonen. O wie schade wäre es um einen so ausgezeichneten Kavalier!“

„Sie sind sehr gütig, mein Herr....“

„Es ist mein heiligster Ernst, auf Ehrenwort! — Allein weshalb nennen Euer Gnaden — mich heute stets „mein Herr“ und „Sie“ und so fort?.... Womit habe ich es verdient, daß das trauliche, das ehrende Du, womit Sie zu anderer Zeit mich anredeten und was meinem treuen Herzen so wohl that — daß es, sage ich, heute plötzlich verschwunden ist?....“

Hierauf erwiderte Edmund nichts. Sein Blick, der starr vor sich hin gerichtet war, verdüsterte sich immer mehr; denn diese sarkastische Freundlichkeit des alten Schurken erschreckte ihn mit Recht im Innersten der Seele...

„Und wozu,“ fuhr dieser fort, — „sind hier die Fenster geöffnet, gnädiger Herr? — Dies kann für eine so zarte und edle Constitution, wie die Ihre, sehr nachtheilig werden. — Und als treuer Freund oder vielmehr Diener halte ich es für meine Pflicht, dieses große Unglück nach Möglichkeit zu verhüten.... weshalb ich mir auch die Freiheit nehme, Ihre Fenster ein wenig zu schließen.... oder aber mich selbst vor sie hinzustellen, um auf solche Weise mit meinem eigenen Leibe Sie zu schützen...... Auf Ehrenwort!“ Wirklich ging er hin und that, wie er sagte; er verschloß die Fenster — und da eines derselben vom Winde in der Nacht zerschlagen worden war, stellte er sich da gleich einer Schildwache auf....

„Allein,“ fuhr er fort und balancirte seine Keule auf dem Nagel des kleinen Fingers — „allein,“ sagte er und jetzt ließ er dieses ungefähr 20 Pfund schwere Instrument wieder herabgleiten und begann dasselbe in einem Kreise herumzuschwingen, gerade so als wäre es eine Reitgerte — —: „ich sehe, daß meine Reden Ihnen Langeweile verursachen — Hochgebietender .... und so will ich Sie denn nicht länger mit ähnlichen belästigen, sondern mich augenblicklich hinwegzaubern — sobald ich nur erst noch zwei unumgänglich nothwendige Wörtchen mit Höchstdenselben gesprochen haben werde. Also: wie steht es mit unserer Angelegenheit, Durchlaucht? Haben Allerhöchstdieselben jene lumpichten 6000 Holländerchen schon in Bereitschaft gelegt?... und wo sind die allerliebsten Dingerchen — damit ich sie berge in meinen väterlichen Schooß?“

Hier nun wieder ging an dem Jünglinge eine Veränderung vor, welche mit der vorigen in Gegenwart Theobalds, und zwar aus derselben Ursache entsprungen, eine große Aehnlichkeit hatte... Edmund erhob sich kalt und ruhig, sein Auge richtete sich fest auf seinen Gegner und sein ganzes Wesen schien plötzlich jener wunderbaren Fassung theilhaftig geworden zu sein, welche uns stets vom Muthe — nicht selten aber auch von der Verzweiflung verliehen wird. „Herr Lips,“ begann Edmund mit Würde: „wozu sollen wir diese Sachen in die Länge oder gar in’s Scherzhafte ziehen. Reden wir ernst und kurz mit einander — denn bei Gott! mir ist es sehr ernst um die ganze Angelegenheit. Sie, vermöge Ihres Scharfblickes und Ihrer Menschenkenntniß (Eigenschaften, die Ihnen selbst Ihr Feind zugestehen muß) —“

Signor Lips verbeugte sich und salutirte mit seiner Keule wie ein Offizier mit seinem Degen —

„Sie können sich unmöglich auch nur einen Augenblick lang über die Lage, worin Sie mich jetzt finden, täuschen. Sie wissen recht gut — daß ich ärmer bin als ein Bettler — zahlungsunfähiger als ein Kind — daß ich indessen auch den redlichsten und eifrigsten Willen habe, Alles zu thun, was in meiner Macht steht, — und sollte es auch mit Aufopferung meines halben Lebens geschehen...“

Die plötzliche Metamorphose im Wesen des Jünglings hatte auch eine in dem des Greises hervorgerufen, welche zwar ebenfalls ernst und finster erschien, dabei jedoch einen Strahl von tiefer Ironie nur um so greller durchblicken ließ, je mehr dieser unterdrückt werden sollte...

„Das ist — wie mich dünkt — das alte Lied!“ hatte Lips mit tiefer Stimme gesprochen .... „Dieses alte Lied jedoch behagt mir in diesem Augenblick so wenig, daß ich, sollte ich es noch einmal hören müssen, lieber entschlossen bin, die Zither sowohl wie den Zitherschläger in tausend Stücken zu zertrümmern..... Ist das Deutsch gesprochen...?“

Edmunds Lippe zitterte ohnmächtig und wortlos — sein Athmen, sein Seufzen, wodurch seine Brust bewegt wurde, glich dem Stöhnen eines Kranken... er fühlte sich hinsinken und mußte sein Haupt auf die Lehne des Sopha’s legen — —. Da begann Lips wieder im strengen Tone:

„Sie wissen, wie die Sachen stehen — mein Bester. Ich habe nicht nöthig, sie Ihnen weitläuftig wiederzukäuen. — — Sie sind erstens zwei Wechsel, jeden à 1500 Dukaten mir zu bezahlen schuldig — macht: 3000 netto. — Sodann besitze ich von Ihnen einen dritten Wechsel à 1000 Dukaten — trassirt auf Ihren Herrn Schwager, den hochgebornen und insbesondere hochzuverehrenden Herrn Grafen Alexander von A—x, und angeblich acceptirt von Hochdemselben — — was sich jedoch später als eine Lüge, d. h. eine Namensfälschung — d. h. ein Criminalverbrechen zweiter Klasse erwies, denn nicht der hochgeborne Herr Graf hat seinen Namen geschrieben — sondern Sie machten diesen allerliebsten Streich selber... hehehe!.... — — Maßen ich jedoch in meiner Brust kein Felsenherz — sondern ein so weiches wie Schwanenflaum trage — auf Ehrenwort! — habe ich mich vor einigen Tagen in dieser Angelegenheit mit Ihnen dahin geeinigt, daß Sie mir anstatt der auf dem falschen Wechsel notirten 1000 Dukaten — 2000 ausbezahlen sollten... was ein wahrhaft christlicher Handel ist..... Da haben Sie die ganze Sachlage, da den ganzen Casus, wie wir Philosophen sagen.... Auf Ehrenwort!“

Statt aller Antwort schüttelte der unglückliche junge Mensch wie sinnlos das Haupt — — und schlug sodann ein kurzes heiseres Gelächter auf. —

„Was — Sie lachen noch, mein Bester? — — Mir aber, das versichere ich Ihnen — ist es in diesem Augenblicke gar nicht zum Lachen .... und gleichwohl dürfte dazu an mir die Reihe noch eher sein, als an Ihnen. Dies wollte ich blos so nebenbei bemerkt haben. Und jetzt noch einmal deutsch gesprochen: Ich bitte mir höflichst 6000 Dukaten aus!“

„Ich besitze nicht 6000 Heller —“

„Nun wohl, noch deutscher: Sie haben einen reichen Papa — — Papa wird das Sümmchen bezahlen —“

„Herr Lips, mein Vater bezahlt für mich nichts. Sie wissen es sehr gut.“

„Dann wird Mama es thun....“ fuhr der Wucherer fort und schwang seine Keule....

„Meine Mutter kann es ebenfalls nicht, da die Kasse sich nicht in ihren Händen befindet....“

„Ferner haben Sie eine geliebte und liebende Schwester, mein Freund....“

„Auch Cölestine ist nicht im Stande, mir zu helfen....“

„... Zuletzt bleibt uns noch immer der Herr Graf von A—x, auf welchen ja auch dies Haupt-Papierchen ausgestellt ist....“

„O — um aller Seligkeit willen.... mein Herr!“ schrie Edmund auf: „bringen Sie mich nicht zum Wahnsinn! — — Das Alles, was Sie da vorgeschlagen haben — hilft zu Nichts. — Allein, Sie reden immer von 6000 Dukaten .... mein Herr! Habe ich Ihnen denn nicht vor ein paar Tagen einen Schmuck im Werthe von fast eben so viel überliefert.... weil Sie mir schon damals mit der Geltendmachung des unglückseligen falschen Papiers — zu dessen Anfertigung ich mich in halber Trunkenheit verleiten ließ — drohten.... Und diesen Schmuck rechnen Sie für nichts....“

„Ei bewahre!“ versetzte Lips: „wie sollt’ ich das? Halten Sie mich nur nicht für einen so unbilligen, gefühllosen Menschen! — Diesen Schmuck im Werthe von fast 5000 Dukaten gaben Sie mir (Sie müssen sich dessen noch erinnern,) als blose Abschlagzahlung, weil ich damals von Ihnen neben diesen dreien annoch im Besitze von zwei älteren Papierchen war — wir haben die ersteren vernichtet und ich habe mit dem verfänglichen bösen Rechte gezögert bis zum heutigen Tage, wo Sie mir das Ganze bezahlen (will sagen diese 3 vorliegenden Wechselchen honoriren) sollen — oder aber Alles steht wie zuvor. Ist das klar gesprochen?“

Nach einigem qualvollen Grübeln versetzte Edmund: „Hören Sie mich, mein Herr! Um was ist es Ihnen zu thun? — Um Bezahlung, nicht wahr? — — Nun denn: warten Sie noch einige Tage.... mittlerweile werde ich Gelegenheit haben, mit meiner Schwester — vielleicht auch mit meinem Vater zu reden. Denn so geradezu kann ich mit einer solchen Forderung nicht vor sie hintreten. Der Letztere würde es mir kurzweg abschlagen — ja, erführe er den vollen Thatbestand — so wäre es mit mir für immer aus; meine Schwester aber müßte, angenommen, daß sie Etwas thun könnte — die Summe jedenfalls erst zu borgen suchen.... denn sie kann über ihr Vermögen bis jetzt noch nicht verfügen... Geben Sie mir also 5–6 Tage! Herr Lips — —“

„Fünf bis sechs Tage!“ schrie dieser: „Wo denken Sie hin, das ist unmöglich! Bis dahin gehe ich ohne das Geld zu Grunde!... Fünf bis sechs Tage! — Um Gotteswillen machen Sie mich nicht unglücklich!“

„Aber — mein Herr — es ist — —“

„Wissen Sie was? damit Sie immer mehr meine rührend gefühlvolle Seele kennen lernen sollen.... einen halben Tag will ich Ihnen noch gewähren! — Aber länger ist es mir nicht möglich — auf Ehrenwort!...“

„Das hilft zu nichts! das ist umsonst!“ versetzte Edmund dumpf und faßte sein Haupt zwischen beide Hände, um zu verhindern, daß es zerspringe.

„Nun denn — noch einen halben Tag dazu! — Aber auf Ehrenwort!.... das ist Alles, zu was ich mich als Christ — ja und wäre ich selbst Herrnhuther, herbeilassen kann!“ Er schwang seine Keule fürchterlich im Kreise, daß sie in der Luft saus’te, wie ein großes Mühlrad. —

„Erbarmen Sie sich meiner! — Sie sehen — ich gehe zu Grunde! Was soll ich in 24 Stunden ausrichten?.... Sind sie vorüber — so stehen wir gewiß noch auf dem alten Fleck, weh mir!“

„Weh mir! mir! ich habe das Recht, dies auszurufen,“ schrie Lips wild — und arbeitete mit der Keule umher, wie Herkules, als er gegen den Nemäischen Löwen auszog.... „Nun denn — Donnerwetter!“ brüllte der Wucherer und schlug mit ihr jetzt so gewaltig auf den Boden, daß in den Dielen ein Loch entstand: „so gebe ich Ihnen denn eine Frist von 48 Stunden — mein Mann! Aber,“ setzte er drohend wie ein Caraibe hinzu und rollte gräßlich die Augen: „sind diese verstrichen und ich habe mein Geld nicht.... dann, mein Mann — lasse ich Sie durch zwei handfeste Polizeisoldaten holen — und Ihnen kurzweg den Prozeß machen wegen Wechselfälschung, Betrügerei, Erpressung — und noch einiger andern Nebenumstände... so wahr ich Sophronias Lips heiße und eben sowohl der Freund der Guten wie der Schrecken der Bösen bin.... Hier haben Sie mein siebenfaches Ehrenwort darauf! — — Wohlan denn: auf Wiedersehen!“ brüllte er wie ein Orkan.

Jetzt stürzte er fort — man hörte draußen nur noch einige Keulenschläge, die er im Zorne gegen das Pflaster des Ganges machte....

„Auf Wiedersehen!“ dies sonst so freundliche Wort hätte kein Teufel fürchterlicher aussprechen können, als es Meister Lips gethan; es klang ganz so als hätte er gerufen: „Auf Wiederwürgen!“

* * *

Die anberaumte Frist war verstrichen.

Edmund, der nicht vermochte, die 6000 Dukaten aufzutreiben — war verschwunden. Niemand wußte, wohin er kam; doch meldete einige Tage darauf ein Brief, der seinen Eltern von Prag aus zugesendet wurde, daß er in einer Ehrensache gezwungen gewesen sei, an die Grenze des Kaiserstaates zu flüchten — von wo er ihnen jedoch bald weitere Nachrichten werde zufließen lassen....

* * *

Ach, welch ein Schlag traf die armen Eltern! Kaum hatten sie den Brief Edmunds gelesen, als sie von fremder Seite eine ganz andere Kunde empfingen. — Ihr Sohn war der Wechselfälschung und anderer Verbrechen angeklagt.

Lips war der Kläger.

Leuben hatte ihn dazu bewogen, indem er ihm die volle Summe von 8000 Dukaten zu bezahlen versprach und im Augenblick der Denunciation auch sogleich 6000 bezahlte.

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