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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Drittes Kapitel. Der Schmerz der Gatten.

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Wir müssen uns bei unserer Erzählung nun um einige Tage in der Geschichte zurückversetzen. Es handelt sich darum, wieder zu Cölestinen und ihrem Gatten zurückzukehren, und sie in dem Augenblick und an jenem Orte aufzusuchen, wo wir beide zuletzt verließen. — Wir wissen, wie jene furchtbare Scene geendet, in welcher Alexander einen so unzweifelhaften Beweis für die Untreue seines jungen Weibes erhalten zu haben glaubte — wir wissen, daß er damals mit zertretenem Herzen und vernichtetem Sinne auf sein Zimmer floh und sich in das Dunkel desselben barg, wo ihm wohler ward, denn die äußere Lichtlosigkeit des Ortes harmonirte mit der dumpfen Finsterniß seiner Brust.

Dies ist Alles, was wir von der Begebenheit wissen; hier schnitten wir uns den ferneren Pfad ab — hier eröffnen wir uns denselben wieder und wandeln darauf fort. —

Es ist von uns schon in irgend einem andern Buche gesagt worden — daß es Keiner versuchen möge, die Qualen eines unglücklich Liebenden zu beschreiben; denn für diesen Schmerz haben wir keine Worte, für dies Unglück keine Farben.... Dieser Schmerz ist unbedingt der größte, der tiefste und der zerstörendste, von dem ein Menschenherz getroffen werden kann. — Was sind alle Wunden, alle Qualen, jedes Siechthum des Körpers... was sind alle Leiden des Geistes und Herzens: Armuth, Noth, Verbannung, Demüthigung, Verläumdung, verfehltes Streben, verletzter Ehrgeiz, Verrath des Freundes — Undank des Kindes — — und wie sie alle heißen mögen, die zahllosen Köpfe der Hydra, welche am Herzen der Edelsten genagt haben — — was sind sie alle gegen die Hyänenbisse der Eifersucht, gegen die Harpyien-Wuth betrogener, verrathener Liebe. — — Jedes Leiden, mag es auch noch so groß sein, hat dennoch seine bestimmte Begrenzung — über diesen Umkreis hinaus fängt wieder die Welt für uns an mit ihren, wenn auch noch so wenigen, Freuden.... Nur Liebe, Liebe, zertretene Liebe kennt außer sich keine Empfindung.... denn sie ist so ungeheuer, daß sie den ganzen Raum unseres Daseins einnimmt — unsern ganzen Horizont erfüllt. — Wir haben außer ihr keine Welt — keinen Himmel und keine Erde; — und weil sie denn so ganz und gar Hölle ist, so leben wir in dieser auch vom Scheitel bis zur Sohle....

Fürwahr, wenn Einer es verdient, daß wir ihm eine Zähre des Mitleids weihen, so ist es der unglücklich Liebende.... er, der in seinem größten Schmerze selbst nicht weinen kann.

Da kommen sie dann, die Tage — in denen er sich flüchtet in den Schooß der Wüsten und Einöden — in Höhlen — Klüfte und Abgründe und auf die Gipfel riesiger Berge — hin, wo die wilden Thiere, der Wolf und der Steinadler hausen.... bei denen, wie er glaubt, er mehr Liebe und Treue finden wird, wie unter Menschen.... denn das ist nebenbei auch sein Fluch, daß er, betrogen von einem Weibe, sie alle, ja die ganze Menschheit für Heuchler und Verräther hält.... Da kommen sie dann, die Nächte, in denen allein er wagt zurückzukehren zur Stadt, wo ihn jetzt keine Menschenblicke vergiften — und keine Menschenworte verrathen können.... aber er kommt nicht hierher, um zur gewohnten Lebensweise zurückzukehren — um sein Haus zu betreten oder gar seine Lagerstätte aufzusuchen.... nein, er kam nur, weil ihn unbewußt der Magnet zurückgezogen hat — der ihn zwingt, bei ihrem Hause vorbei zu gehen, wenn sie vielleicht längst schläft — — sich ihrem Fenster gegenüber in irgend einen Winkel zu bergen und es anzustarren — mit der Qual eines Verdammten es anzustarren — hinter dessen herabgelassenen Gardinen sie den süßen Schlaf der Glücklichen schläft.... Aber es dauert nicht lange — so reißt es ihn empor und treibt mit wilder Gewalt ihn von hier weg — weit, weit weg — peitscht mit Wuth seine Füße, daß sie rennen — rasen möchten bis an’s Ende der Welt ...... Jedoch nicht lange verträgt die elende Kreatur diesen Kampf... sie sinkt nieder — und wenig fehlt, so würde sie ihren Geist aushauchen... dessen Leben jedoch aufgespart wird zu neuen Qualen....

So war es auch mit Alexander... so litt und kämpfte auch er. —

Zwei Tage lang blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer, ließ Niemand vor sich, selbst seine treuesten Diener nicht; was er an Lebensbedürfnissen für seine körperliche Hälfte brauchte — ließ er sich wie ein Gefangener durch die Thür reichen. — Da erzählten sich die Diener wunderliche Sagen von ihrem Herrn und was mit demselben vorgegangen sei — so wie von dessen Aussehen. Ein in geheimnißvollen Dingen erfahrner alter Lakai (er hatte früher bei einem englischen Lord gedient, der viel mit Magnetismus, Sterndeuterei und „andern schwarzen Künsten“ sich abgegeben) meinte: des gnädigen Herrn bleiche Miene und sein übernatürlich glänzender Blick — sodann die sonderbar eingesunkenen Wangen deuteten bestimmt — auf einen Verkehr mit überirdischen Mächten hin, welcher in dem verschlossenen Studierzimmer, wo all’ die großen Bücher und die wunderbaren Werkzeuge (Kunstrequisiten) lagen — stattfände...... Wozu ein anderer alter Diener mit einer rothen großen Nase, worauf viele kleine blaue Karbunkel, bemerkte: deshalb höre man zu Zeiten, besonders des Nachts, auch ein so heftiges Gehen und ein so wirres Hin- und Herreden... solche außerordentlichen Rufe, und was dergleichen mehr ist. — Dieser alte Freund hatte — wenn er betrunken war, schon so manchen Geist gesehen...

Am meisten bestärkte der Umstand die Dienerschaft in ihrem Glauben, daß ihr Gebieter — sich standhaft weigerte, seine Frau vor sich kommen zu lassen, trotzdem, daß sie Tag und Nacht darum flehte....

In der That hatte Alexander allen Versuchen, die sie machte, um zu ihm zu gelangen, widerstanden. Ihre Bitten, ihre Klagen, ihr verzweiflungsvolles Flehen verhallte vor der Thür und wurde nur von den todten Wänden, nicht von ihm, vernommen....

Am Morgen nach jener verhängnißvollen Nacht, wo er sie mit dem fremden Manne ertappt, hatte sie vergebens gewartet, ihn bei sich in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Boudoir oder im Gemache, wo sie gewöhnlich zusammen frühstückten, eintreten zu sehen.... sie hatte nach ihm geschickt, und als man ihr die Nachricht brachte, er sei noch in seinem Studierzimmer eingeschlossen — — begab sie sich selbst auf den Weg dahin, um ihn, wie sie glaubte, aus allzuemsiger Arbeit hervorzuziehen.... Sie gelangte zur Thür: wie erstaunte sie, dieselbe geschlossen zu finden; jetzt rief sie ihm — jetzt bat sie ihn, sie bei sich einzulassen.... da wuchs ihr Staunen, denn er antwortete nicht. — Nun glaubte sie, er sei nicht mehr hier, und schon wollte sie den Rückweg antreten — — da hörte sie ihn drinnen einen schweren Seufzer ausstoßen.... und voll Entsetzen schrie sie auf: „Um Gott! — Alexander, was ist Dir geschehen? — — Hörst Du mich denn nicht?...“ Und weil er noch immer nicht antwortete, so rief sie Diener herbei und gebot ihnen, die Thür mit Gewalt zu öffnen, wähnend, eine Ohnmacht, irgend eine schreckliche Krankheit habe ihren Gatten überfallen....

In diesem Augenblick ertönte drinnen seine Stimme finster und gebietend: „Mir ist nichts widerfahren! — Wage es Niemand, in meine Nähe zu kommen. Ich werde die übrigen Befehle geben!“ —

Von dieser Stunde an — sehen wir das junge Weib fast den ganzen Tag über und tief in die Nacht hinein sich stundenlang vor der Thür aufhalten und mit ihren stummen und lauten Bitten, mit ihren Thränen und Seufzern die Luft erfüllen.... Doch, wie schon gesagt, er, der Unglückliche drinnen hört sie nicht.... ihn umschließt die glühende eiserne Mauer seines Schmerzes mit den scharfen Zacken der Schande umgeben... dieser Wall ist undurchdringlich. —

Endlich nach vielem Sinnen hatte Cölestine ein Mittel erdacht. In einer Stunde — es war zur tiefen Nachtzeit — nahte sie sich, wie sie so oft gethan, still auf den Fußspitzen dem Zimmer ihres Mannes. Vor der Thür angelangt, horchte sie lange — sie vernahm außer dem Picken einer Pendule, die darinnen stand, nichts — als die tiefen und starken Athemzüge eines in tiefen Schlummer Versunkenen. Es war Alexander. Behende holte sie aus ihrem Busen einen Schlüssel hervor, welchen sie in’s Geheim hatte verfertigen lassen — und steckte ihn behutsam in’s Schlüsselloch.... Welches Glück! Er paßte vollkommen — er drehte sich ohne Geräusch im Schlosse herum... nach zwei Augenblicken war die Thür geöffnet....

Cölestine stand im Gemache ihres Mannes. Sie schloß sogleich hinter sich zu, damit nicht ein Windzug die Thür bewege oder von draußen irgend ein Geräusch hereinschalle. — Auf dem Tische brannte im düstern Lichte die Lampe und beleuchtete die Gestalt Alexanders, welcher angezogen auf einem Ruhebette hingestreckt schlief — und dessen gramgebleichtes Antlitz — worin zwei Tage die Leiden eines halben Lebens eingezeichnet hatten — auf die Brust herabgesunken, ihm das Ansehen eines Mannes gab, der in der Kraft seiner Jahre dahinwelkt — — eine Eiche, getroffen vom scharfen Beil.

Namenloser Schmerz schien die Seele Cölestinens zu durchziehen, als sie das sah — und da sie diesem Schmerz keinen Laut geben durfte, war es ihr, als ob ihre Brust mitten entzwei reißen sollte...

Da schien der Schlafende sich zu bewegen — er wandte sein Haupt nach der Seite und sodann nickte er mit demselben wie zur Bejahung, wobei seine Lippen murmelten:

„Ja, ja, gewiß, sie hat mich betrogen!“

Diese Worte schnitten Cölestinen durch die Seele — sie vermochte sich nicht mehr zu bemeistern — alle Besinnung, alle Kraft hatte sie verlassen — und mit dem lauten Ausrufe, dessen Ton jammervoll klang —:

„Nein! Gewiß, sie hat Dich nicht betrogen!“ stürzte sie vor ihn auf die Steine hin.... ohne nur zu wissen, was sie that.

Alexander erwachte: „Wer ist da?!“ rief er wild auf — und blickte um sich...

„Ich, ich — Dein unglückliches Weib, bin es! Cölestine, die elendeste der Frauen, kniet hier vor Dir — sinkt an Deinem Lager nieder, wo sie gerne sterben und mit ihrem Tode es bezeugen möchte — wie sehr Du sie verkannt....“

Mehr vermochte sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht zu sprechen; — ihre Lippe schien erlahmt, ihre Zunge dürr wie getrocknetes Laub.....

Er sah sie von seinem Lager mit seinen glühend düstern Augen, welche in ihren tiefen Höhlen unbeweglich starrten, an — er sah sie lange, lange, stumm und regungslos an — nach und nach nahm seine leidenvolle Miene den Ausdruck des Staunens — der Verwunderung an — — ein kaum merkliches und auch sehr trauriges Lächeln zog sich um seinen Mund, aus welchem mit tiefem und leisem Tone die Worte kamen:

„Sie sind es? — Aber was wollen Sie hier?“

Er betonte das Wort „Sie“....

„Oh, mein Gatte!“ dieser Ruf rang sich unter Schluchzen und schwerem Athmen aus ihrer Brust endlich los.... „Oh, mein Gatte!“ wiederholte sie, indem sie zitternd die Hände emporstreckte. — —

Jetzt richtete er sich auf — und verließ rasch sein Lager — trat bis zur Mitte des Gemaches und sagte hier halbabgewendet — dumpf:

„Verlassen Sie mich — Gräfin!“

Sodann ging er zu einem Lehnstuhle und ließ sich hier nieder —

„Oh, mein Gott! Mein Schöpfer!“ rief Cölestine mit herzzerreißender Stimme... rang die Hände — und bedeckte mit ihnen ihr von Thränen überfluthendes Gesicht, dessen Muskeln sich convulsivisch zu jenem entsetzlichen Schmerzensausdrucke bewegten — welcher mit dem Lachen so viele Aehnlichkeit hat und den höchsten Grad innerer Leiden andeutet....

Eine Pause entstand.

Cölestine lag noch immer vor dem Ruhebette auf den Knieen, denn sie hatte nicht die Kraft, den Platz zu verlassen. Er sah sie mit keinem Blicke an, sondern starrte düster grollend vor sich hin — auf die Wand, an welcher ein Bild hing, den Abschied Ulysses von seinem Weibe vorstellend.... Ein bitteres Lächeln malte sich auf seinem Gesichte, doch blieb er stumm, ließ keinen Laut seinem Munde entschweben....

Jetzt wurden die Klagetöne der jungen Frau zum wilden Geschrei: „Weh mir Armen!“ rief sie: „Was habe ich verbrochen, daß mich dies entsetzliche Schicksal trifft?! — Womit habe ich den Himmel beleidigt — daß er so grausam mich straft — dieses namenlose, unmenschliche Leiden auf mich herabsendet?... Weh! — Ich vermag es nicht länger zu tragen... mein Leben droht auszulöschen. — O du mein Schöpfer, welches soll denn meine Schuld sein? Rede, rede, Vater im Himmel! Was ist denn mein Verbrechen?... Etwa, daß ich diesen Mann, den du mir zum Gatten gabst, liebte — mehr liebte als mich — als Vater und Mutter — mehr vielleicht selbst als dich!? — — — — Ja, ja,“ fuhr sie fort, zusammensinkend auf den Boden — und sich mit der Hand am Rande des Ruhebettes haltend — „ja,“ sagte sie mit gedämpfterem Tone: „dies ist vielleicht ein Verbrechen — aber es ist mein einziges, mein ganzes..... doch ist es ein Verbrechen an dir, o Herr des Himmels, — — und darum, darum strafst du mich — es ist klar!“

„Aber,“ fuhr sie plötzlich empor und wieder schienen alle Lebensgeister ihr Herz zu erfüllen, mit neuer Kraft ihr Wesen stählend: „warum denn pflanztest du diese rasende, diese wahnsinnige Liebe in mich — — wenn sie eine verbrecherische ist?? — — Bin ich,“ schrie sie gewaltig auf: „jetzt noch immer schuldig?! Redet, verkündet mir es — — ihr Himmel!“

„Ach — —“ sagte sie nach einer Weile, traurig das Haupt senkend und wieder ganz zusammenfallend: „Ihr seid und bleibt stumm... ihr habt keine Sprache für den Unglücklichen... ihr redet nur mit den Glücklichen....“ Da riß sie sich heftig vom Orte weg — auf den Knieen schleppte sie sich in rasender Eile vor ihren Gatten hin — zu dessen Füßen sie mit dem Rufe:

„So nenne Du, mein Gatte, mir das Wort, welches mich verdammt! So antworte Du, Mann, den ich so liebte, auf meine Frage? —“

Alexander jedoch bewegte sich nicht — er blieb düster, kalt und stumm wie eine Bildsäule; erst nach einer Pause schien einiges Leben in ihn zu kommen, aber nur, um den Arm auszustrecken, um mit ihm gegen die Thüre zu weisen, so als sollte das heißen: „Fort, fort — fort von mir.... ich habe mit Dir nichts weiter zu schaffen....“

Zu S. 70
Zu S. 70

„Aber,“ rief sie mit erstickter Stimme und umschlang seine Kniee, „man hört ja den Mörder, den Todtschläger, bevor man ihn verurtheilt und richtet... ja man redet sogar zu den unvernünftigen Thieren, zum Hunde, zu einem Pferde, indem man es züchtiget.... Nur mir, mir gegenüber ist Alles stumm, wie das Grab — welches sein Opfer auch verschlingt, ohne ihm davon etwas zu sagen... O, Alexander! nimm mein Leben hin! tödte mich sogleich — — aber früher sage mir, weshalb Du mich verstoßen hast... denn es muß das verabscheuungswürdigste Laster sein...!“

Hier öffnete sich sogleich der Mund dieses zu Eis erstarrten Mannes: „Ja — — es ist das verabscheuungswürdigste der Laster! Du hast es selber ausgesprochen — heuchlerisches Weib! Untreue, Verrath der ehelichen Liebe — — es gibt kein entsetzlicheres Verbrechen, dessen die Menschenbrust fähig wäre!“

„O ewige Vorsicht! — ich habe es geahnt. — So hat mein Fürchten mich nicht getäuscht! ... das, wovon ich am weitesten entfernt bin, wird mir aufgebürdet. — Herr meines Lebens! nimm mich zu dir! Denn, schuldlos, wie ich bin, vermag ich unter so furchtbarer Anklage nicht länger zu athmen!...“

Nach diesen Worten, welche die Arme mit matter, kaum hörbarer Stimme aussprach — — fiel sie auf den Boden hin und verlor alles Bewußtsein....

Sie lag bleich und athemlos da wie eine Leiche.

Er aber stand auf, nahm sie auf seine Arme und trug sie hinweg aus diesem Gemache in eines der ihrigen, sodann rief er Cölestinens Dienerinnen herbei, denen er die Ohnmächtige übergab. Als dieses geschehen war, verfügte er sich wieder in sein Zimmer, verschloß diesmal die Thür mit mehreren Schlössern, rückte zum Ueberfluß noch einen Schrank vor dieselbe und so gesichert vor jedem ferneren Besuch, abgeschnitten von der ganzen Welt, überließ er sich jetzt den finstersten seiner Gedanken.

„Ja, ja,“ sprach er zu sich: „trotz dieses Wehgeschreies und dieser Verzweiflung — trotz dieser dreisten und geläufigen Berufung auf ihren Schöpfer — trotz aller erschütternden Liebesrufe und rührenden Betheuerungen der Unschuld .... ist sie dennoch eine Verrätherin. — Und eben deshalb eine um so größere! — — — Hab’ ich sie doch mit diesen meinen eigenen Augen auf frischer That ertappt — — wär’ mir daran gelegen gewesen — so hätte ich mit zwei Schritten am Schauplatze des Verbrechens sein und es mit Händen greifen können..... Und dennoch, dennoch dieser Schmerz, diese Thränen, diese Schwüre, diese Verzweiflung — diese Anrufung Gottes.... O, sie ist die abgefeimteste Heuchlerin, die je von der Erde getragen wurde! Aus ihr könnte man tausend Verrätherinnen und Giftmischerinnen und Mörderinnen machen..... Lass’t ihr Blut auf die Erde tröpfeln — und ihr vergiftet die ganze Erde — diesen alten, harten, felsigen Ball, der schon so vielen Uebeln widerstanden! — Sie ist ein Teufel mit dem Lächeln eines Engels im Gesichte und dem Glorienschein einer Heiligen um das Haupt....“ Er schwieg einige Augenblicke.... „Böses, böses Weib!“ fuhr er darauf fort.... „Wer hätte das Alles in ihr gesucht?! — — Als ich sie zum ersten Male sah, trat sie als eine jener zarten Jungfrauen, deren Seele eine Lilie ist, eine Lilie aus dem Garten Gottes — vor mich .... sie trat als holde, lieblich-unschuldige Fee, als eine jener guten Feen, die in alten Zeiten die Schutzgeister der Menschen waren, vor mein Angesicht — — — — damals, damals hätte ich, wären die Gedanken meines Hirnes nur im geringsten fähig gewesen, sie zu beflecken, den Blitz des Himmels selbst auf mich herabgerufen, daß er mich zerschmettere.... Damals! Ach, welche Zeiten und welche Gefühle! — — Und jetzt, jetzt! — — Wer hätte glauben sollen — daß trotz ihrer elysäischen Gestalten und ihrer ambrosischen Düfte jene Zeiten doch nur von Trug und Verrath geschwängert waren?.... Allein, so ist der Mensch! Er hofft und vertraut bis zu des Abgrunds Rand — und glaubt nicht eher an ihn, als bis er hineingestürzt ist und sich windet mit zerschmettertem Haupte zwischen Molchen und scheußlichen Ungeheuern....“

Der Graf ging lange im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu sprechen, ohne nur einmal aufzublicken — — aber im Stillen hielt er eine entsetzliche Gedankenjagd — — und die schwarzen Ideen tummelten sich immer dichter neben ihm — um ihn und über ihm... sie schlossen ihn von allen Seiten ein, wie ein wildes Heer von dämonischen Erd- und Luftgeistern....

Da brach der erste Lichtstrahl der heraufsteigenden Morgensonne durch den Rand seiner Gardinen und traf sein Antlitz.... und als wäre ein Bote des Ewigen zu ihm herangeflogen und hätte seine Stirne mit glänzenden Strahlenfingern berührt.... erhob aus dem wilden dunkeln blutigen Chaos seiner Seele sich ein weißer Gedanke, so daß er schrie:

„Und wenn sie dennoch unschuldig wäre?!!“

„O mein Gott!“ flüsterte er leise: „was hätte ich dann gethan!“

Mit dieser Idee entschlief er bald darauf, denn sein Physisches vermochte nicht länger dieser unsäglichen und abwechselnden An- und Abspannung zu widerstehen.

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