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Alle guten Geister...

Zweites Buch

Reading edition

Erstes Kapitel

Sollen wir mit den beiden jungen Leuten ins Leben hinausfahren?

Sie sitzen in der Eisenbahn, und die Lokomotive schnaubt und zischt, ungeduldig wie ein Renner, der am Zügel gehalten wird und auf das Zeichen wartet, das ihn dahinfliegen läßt.

Der Rektor Cabisius steht an dem einen Fenster, und sagt zu Georg Ehrensperger: „Grüß den Herrn Professor Lindemann von mir. Ich — ich hab’ einmal eine Wanderung mit ihm gemacht, den Rhein hinunter, und wir haben in Rüdesheim miteinander, — doch, das ist lange her. Grüß ihn von mir.“

Und die Postmeisterswitwe Daxer, die große, hagere Frau mit dem strengen Gesicht, das dem ihres Sohnes so unähnlich wie möglich ist, steht an dem anderen Fenster, und langt mit ihrer zerarbeiteten Hand hinein und streicht ihrem Buben ein paarmal säubernd über den Ärmel. „Du bist an der Wand gestreift,“ sagte sie, „gib fein acht auf deine Sachen. Der Anzug ist aus Vaters Sonntagskleidern.“ Sie hat fünf Kinder, von denen Ernst das älteste ist, und sie läßt sich’s sauer werden, mit ihnen durchzukommen. Sie wurde Witwe, als das Kleinste eben geboren war. Da, im strengen Kampf gegen die Armut und gegen das Verderben der Kinder, sind ihre Züge und ihre Hände etwas hart geworden. Auch kann sie keine besonders lieben Worte machen. Aber man muß ihr jetzt in die Augen sehen. Ein ganzer Quell von Mutterliebe liegt darin. Und da kommt noch zu guter Letzt Meister Nössel an, mit einer Traglast zerrissener Kleider beladen, die er in sein altbekanntes grünes Tuch gehüllt hat, und zwinkert mit den Augen, und weiß nicht recht, was sagen, so voll ist er von der Bedeutung des Augenblicks, und sagt ein paarmal hintereinander: „Also so weit wären wir, so weit wären wir.“

Und die beiden Reisenden nicken heraus und wissen auch nichts mehr zu sagen. Draußen ist die Ferne, die lockt und schimmert, und die auch ihr Grauen hat, und hier ist die Heimat. Es sitzt etwas wie ein Butzen in ihrem Hals. Es ist gut, daß es nun abgeht.

Sollen wir mit ihnen fahren? Sie werden viel Neues erleben, und das Leben wird an ihnen arbeiten, da sie meinen, selbst tüchtig an der Arbeit zu sein.

Oder sollen wir hier bleiben, wo die Alten sind, deren Tag sich neigt? Sollen wir noch ein Stück weit mit ihnen gehen und zusehen, wie die sinkende Sonne einen milden, heiteren, lichten Schein über ihre guten Gesichter wirft?

Wir sind alle Wandersleute, wie wir wissen, und beides verlohnt es sich für uns zu sehen: wie die Jungen ins Leben hineingehen, und Besitz davon ergreifen, und feste, dauerhafte Häuser da zu bauen gedenken, — und wie die Alten sich leise davon los machen und hinausgehen.

Wir werden beides zu sehen bekommen. Es reist sich leicht und schnell in Gedanken. Wir kommen wohl noch hinter den Jungen drein, wenn es dann an der Zeit ist. Um es rund heraus zu sagen: wir haben jetzt gerade hier zu tun. Wir haben den alten Hollermann zu pflegen, und wir haben noch einiges von ihm in Empfang zu nehmen, eh’ er seine ledernen Pantoffel für immer auszieht und seine windschiefe Lehmhütte verläßt und sich auf die Reise begibt, — auf die Suche nach dem Land, in dem es nach seiner Meinung „bessere Geigen“ gibt.

Er saß noch eine Zeitlang am Fenster, das auf die Felder hinausgeht, und manchmal versuchte er auch, noch einen Korb zu flicken. Aber damit ging es nicht mehr recht. Da ließ er es. Es wußte niemand so recht, was seine Krankheit sei. Eines Tags schickten ihm die Freunde den Doktor, den schwarzbärtigen starken Mann, der in dem bekannten Haus am Marktplatz wohnte. Der war zuerst ein wenig kurz angebunden und seine Augen blitzten unter den buschigen Brauen hervor. Es war seine Art so, er meinte es nicht böse. Aber nach einer Weile saß er neben dem alten Korbflicker am Fenster. „Ja, ja,“ sagte er, „das ist freilich das Vernünftigste. Sich schicken, das muß jeder. Ich will Ihnen weiter keine Flausen vormachen; es ist das Alter, und das Herz, das tut nicht mehr mit. Ja, ja.“ Er hatte aber ein Wohlgefallen an dem alten Mann. Der saß so gelassen da und sein Gesicht war so mild und freundlich, wie der Oktobertag draußen. Und er hatte zu dem Doktor gesagt: „Es freut mich, daß Sie mich besuchen; es freut mich. Ich — wissen Sie, ich habe hier so eigentlich nichts mehr verloren, und es nimmt mich Wunder, es nimmt mich schon lang stark Wunder, was nachher kommt. Da ist so vieles, über das ich mich besonnen habe, wenn ich so allein dasaß bei meiner Arbeit, oder nachts, wenn ich keinen Atem kriegen konnte im Bett, und hinaussah, wie die Sterne da oben hingehen. Da steht ja in den Büchern, die die klugen und gelehrten Leute schrieben, das seien lauter Welten, und man könne nicht wissen, wer darauf wohne. Ganze Welten, Herr Doktor, und so viele, daß einem die Augen vergehen, wenn man nach ihnen hinsieht. Ob da Menschen sind und ob der eine Gott nach ihnen allen hinsehen kann und anordnen, was da geschehen soll? Und was mit uns selber geschieht? Da stehen lauter Fragen, rings herum. Und darum“ — er lächelte still vor sich hin, „darum denk ich oft: kann sein, du erfährst etwas von dem allem, wenn du da hinüber kommst. Daran herumraten hilft nichts; aber erleben, Herr Doktor, erleben. Nein, es braucht Ihnen nicht leid zu tun, ich kann hier gut abkommen.“ Der Doktor sah ihn freundlich an und nickte ihm zu.

Er war selber schon mit einer großen und treibenden Wißbegierde vor den tiefen Fragen des Weltalls gestanden und hatte nichts unversucht gelassen, um hinter die Geheimnisse zu kommen, die so groß und dunkel dastanden. Hie und da war es ihm gewesen, als ob ihn die Wissenschaft in große, lichte Weiten schauen lasse, die glänzten wie im Morgenrot und verhießen einen vollen Tag. Und manchmal war er wieder dicht vor dem Nichts gestanden, das hatte ihn mit kalten, furchtbaren Augen angesehen. Es war aber etwas in ihm, noch aus seinen Kindertagen her, das fragte immer noch weiter. Das war nicht mit dem Nichts zufrieden und wußte doch, daß das Rätsel nicht zu raten ist: Woher wir kommen und wohin wir gehen, und was für ein Sinn in dem ganzen Getriebe des Lebens ist.

„Erleben, Herr Doktor, erleben,“ sagte der alte Mann neben ihm und sagte, daß er gern von hier fortgehen wolle, weil er denke an einen Ort zu kommen, wo ihm einiges gesagt werde von dem, was ihm die Seele fragend bewegte. Ja, er hoffte wohl, daß ihn der liebe Gott auf die Arme nehme, wie ein Vater sein Büblein: „Da, nun sieh einmal zum Fenster hinaus: Siehst du? Sieh dir’s recht an. So ist das.“ Und wiese ihm mit dem Finger dahin und dort. Und stellte ihn auf den Boden, satt und froh vom Schauen.

Es war dem Doktor, als wärme er sich an einem hellen und freundlichen Feuer, wenn er auch nicht so sagen konnte, wie Hollermann. „Ich komme wieder,“ sagte er, als er ging, und gab dem Alten die Hand. Und er kam auch wieder, obgleich da nichts zu kurieren war.

Die Freunde kamen, einer um den andern. Meister Nössel und der Rektor Cabisius, und die Frau Rektorin wäre gerne auch gekommen, wenn sie nicht mit einem Rheumatismus hätte im Lehnstuhl sitzen müssen. Den hatte sie sich beim Wäscheaufhängen geholt. Nun saß sie und ärgerte sich weidlich, da angebunden zu sein, und kam sich vor, wie die jüngste Frau, die eigentlich mit solchen Dingen nichts zu schaffen zu haben brauchte, trotz ihrer zweiundsiebzig Jahre, und schickte Gertrud im Haus hin und her mit Aufträgen, treppauf, treppab. „Gertrud hier, Gertrud da.“ Gertrud war jetzt vierzehn Jahre alt, zu groß, um mit den Lateinschülern zusammen zu sitzen, sagte die Großmutter. Die begehrte nun ihr gutes Recht an dem Mädchen. „Halbpart, Mann,“ sagte sie, wann die beiden, der Rektor und die Enkelin, sich nun allzu tief in die Bücher verbeißen wollten, die in den hohen Schränken standen, und nach denen beider Sinn stand. Was waren da noch für Schätze zu heben. Ein Lebenlang mußte man daran zu sammeln haben.

Der graue und der braune Kopf beugten sich zusammen darüber; ja, der Rektor hatte ja seine Schule, freilich; aber konnte nicht Gertrud, bis er allemal nach Hause kam, ein gutes Stück weiter lernen? Das wäre so der beiden Sinn gewesen.

„Halbpart,“ sagte die Großmutter, denn noch hatte sie hier auch etwas dreinzureden. „Was? mit vierzehn Jahren hab’ ich an den Waschtagen allein gekocht, und habe,“ hier wurde ihr Ton ein wenig vorwurfsvoll, „meiner alten Großmutter einen Schemel gestickt, ganz in Perlen, zwei weiße Lapins mit blauen Bändchen um den Hals, und auf grünem Grunde. Abend für Abend habe ich daran gestickt, ein ganzes Vierteljahr lang. Den Schemel muß meine Base in Ulm noch haben.“

Da lachte Gertrud hellauf und der Rektor lachte mit. Es war nichts Gescheites anzufangen mit den beiden, die alte Frau hätte es sich denken können. „Großmutter, Perlensticken, das ist ja nicht mehr Mode.“ „Anne, das Sticken, das erläßt du ihr. Aber kochen, ja, das soll sie lernen. Das wird ja nicht so schwer sein?“ Aber da hatte es der Rektor nun auch verschüttet.

„So, du denkst: das kann man so nebenher? Aber ich will es euch schon zeigen. Gertrud, heut’ abend hast du die Küche. Erbsensuppe mit Leberwurst für uns; und für den alten Hollermann — nein, das tun wir morgen. Ich habe ein Hähnchen für ihn. Ihr laßt es mir doch verbrennen, du und die Marie. Ihr seid nicht mit dem Kopf dabei, das ist die Sache. Es ist ein Elend, wenn ich alte Frau in der Stube sitzen soll. Morgen geh’ ich in die Küche, und wenn ich dahin kriechen muß.“

Das hatte sie nun schon oft gesagt. Aber noch war sie nicht dahin gekommen. Der Rheumatismus dauerte schon eine ganze Weile und die Beine versagten den Dienst. Da war nichts zu machen. Es war keine Kleinigkeit, und das nicht wegen der Schmerzen allein. Mußte sie nicht alles aus den Händen geben, was sie allein richtig besorgen konnte? Und mußte sie nicht den alten Hollermann, der nun allmählich bettlägerig wurde, mußte sie ihn nicht liegen lassen, wie er lag? Sie war schon längst gut Freund mit ihm geworden. Aber was konnte das nun helfen? Hier saß sie, und auf dem Turm saß Frau Judith; sie lagen beide sozusagen an der Kette, und da draußen war eine Männerwirtschaft ohne gleichen. Die Frau Rektorin konnte sich denken, wie es zuging, obgleich ihr der Gatte lauter Liebes und Gutes erzählte. Meister Nössel kam täglich, das Bett zu machen, und manchmal fegte er auch die Stube aus, und das Essen — ja das Essen, das schickte sie ja freilich durch Gertrud hin, und der Rektor trug öfters eine Flasche Wein in der Rocktasche hinaus. Aber dennoch, es wurde sicherlich eine Menge versäumt, das konnte gar nicht anders sein, wo kein Frauenauge wachte.

„Mann, du hast geraucht. Du kommst doch von draußen herein? Voll Pfeifengeruch ist dein Ausgangsrock.“

Er saß neben ihr auf der Seitenlehne des Großvaterstuhls. Er war eben nach Haus gekommen.

„Natürlich hab’ ich.“ Er nickte vergnügt.

„Es war immer so langweilig draußen bei Hollermann. Man will sich doch hie und da eine Stunde zu ihm setzen. Aber ohne Pfeife? Da hab’ ich gestern die mittellange mitgenommen. Nössel hat die seinige auch gebracht. Es war ein feiner Einfall. Wir saßen ums Bett und rauchten. Hollermann auch. Er hat sich ein kleines Loch ins Kopfkissen gebrannt; da lag ein Stückchen Fidibus, das glimmte so fort. Wir sahen es erst, als ein paar Federn angesengt waren. Nun haben wir das Loch mit einem Bindfaden zugebunden, wie man einen Sack zubindet; es ist grad an der Ecke. Wir haben als Buben manchen Apfelsack miteinander zugebunden. Fein war das damals, wir kamen heute stark an jene Zeiten.“

Aber nun fand die Frau Rektorin endlich Worte.

„Und das erzählst du mir noch? Seid ihr immer noch Schuljungen, oder wie? Setzt euch zusammen und raucht? Und Hollermann liegt im Bett, und weißt du, was mir der Doktor gesagt hat? ‚Das erlischt so vollends wie ein Licht,‘ hat er gesagt. Er mag den Alten wohl leiden. Wollt’ ihr ihn vollends aus dem Leben räuchern?“ Sie fand es schwer, dort draußen nicht die Zügel in der Hand zu haben. Dies hatte alles keine Art.

Der Mann war nicht besonders schuldbewußt. „Sieh’ einmal, Anne,“ sagte er, „nun hat Hollermann schon fünfundsiebzig Jahre lang geraucht. Nein, nicht ganz so lang, obgleich wir als Buben schon Kartoffelkraut rauchten. Aber doch nicht viel weniger. Nun laß’ ihn vollends. Es sei ihm schädlich? Ach, Anne, was ist da noch zu schaden? Das weißt du ja. Und es ist so behaglich. Nein, nun laß’ uns nur.“

Da mußte sie auch hier die Hände vom Spiel lassen. Das Weltrad ging herum wie sonst. Aber es war schwer einzusehen, daß es ohne der Frau Rektorin tätiges Eingreifen ging.

Es ging herum wie sonst. Und eines Tages ging es auch ohne den alten Hollermann. Der war leise davon gegangen. Ihm war nie ein Zweifel darüber aufgestiegen, daß es auch ohne ihn gehe. Er hatte die letzten Tage mit stillen und staunenden Augen vor sich hingesehen und nicht mehr viel gesagt.

Da wollte eine Tür aufgehen, und hinter der Tür, was da wohl war? Darauf richteten sich nun alle Sinne in einer großen und feierlichen Erwartung.

** *

Im November bekam Georg Ehrensperger folgenden Brief mit der sauberen, etwas eckigen und etwas schnörkelichen Handschrift des Schneidermeisters und Turmwächters Nössel:

Lieber Georg!

Indem ich es als eine Pflicht in die Hand hinein versprochen habe, tue ich Dir zu wissen, daß unser gemeinsamer alter Freund und Schulkamerad Hollermann heute nachmittag begraben worden ist. Zu liegen kam er neben den reichen Lohgerber Kümmerle, der sich noch diesen Sommer ein neues Haus gebaut hat, und ist der eine gern gegangen und der andere ungern, und das ist, soviel man von hier aus sehen kann, der ganze Unterschied. Denn hinüber sieht man nicht und muß warten, bis es an der Zeit ist und wird wohl bei uns Alten nicht allzu lang dauern damit. Sagen soll ich Dir aber von dem alten Hollermann, daß Dir seine Flöte gehören soll und daß Du daran denken sollst, wenn Du sie blasest: daß, wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und muß allein sein und horchen. Und darf nicht fragen: Ist es so den Leuten recht? sonst schallen die Pfeifen und Trommeln von den Jahrmärkten hinein und der rechte Ton geht darüber verloren, daß man auf zweierlei hat gehorcht. Lieber Georg, der alte Hollermann ist ein Sinnierer gewest, und Frau Judith, als ich ihr das erzählte, was ich Dir schreiben soll, hat gesagt, daß Du erst müssest in das Leben hineinwachsen, eh’ Du das verstehest, und sollest nur derweil gradaus gehen und Deine Schuldigkeit tun, das andere, das komme schon noch dran.

Und wird es bei uns immer leerer, da der Alten nur noch wenige sind, und die Jungen wachsen herauf, und ist das wohl immer so gewest, seit Anbeginn der Welt.

Die Gertrud sitzt auch da am Tisch, da ich dieses schreibe, und treibt ihren Scherz mit der Frau Judith, und sagt, sie möchte gern ein Mann sein und ein Professor werden, nur des Lernens und der Bücher wegen. Und kriegte ich keinen kleinen Schreck, als ich das hörte, denn es tut nicht gut, daß ein Mädchen so sehr an der Männer Weisheit hängt; sie gehen darüber der lieblichen Einfalt verlustig. Aber Frau Judith ist nicht ängstlich. Sie hat gestern vom Fenster aus gesehen, daß die Gertrud den Karren der Sandröse, der naß und schwer war vom Regen, den ganzen Mühlberg herauf geschoben hat. Und hat die Röse nicht gewußt, wie ihr geschieht. Du weißt, sie ist alt und mühselig und kam nicht mehr so fort mit dem schweren Karren. Und da sie sich umsieht und will sich bedanken, läuft das Mädchen schon wieder den Berg hinunter mit langen Schritten. So sagt nun die Judith, daß es keine Not habe, solange eins die Augen offen habe für die Armen und Geringen, und greife kecklich zu beim Helfen. Das sei das Rechte, das den Frauen zieme. Da muß ich wohl still sein. Auch ist die Gertrud noch fast ein Kind. Es dünkt mich, ich habe mein Leben lang nicht solchen langen Brief geschrieben. Es ist am Dunkelwerden, ich muß Betzeit läuten. So grüße ich Dich denn, von mir und der Judith. Und vergiß nicht Gottes und der Alten.

Dein wohlgesinnter Freund und Turmwächter

Friedrich Nössel, Schneidermeister.

** *

Als dieser Brief an seine Adresse kam, lag der, an den er geschrieben war, der Länge nach ausgestreckt auf seinem Sofa. Das Sofa war viel zu kurz und hatte hohe, steife Seitenlehnen, und sein Polster war wellig, wie das Ebenen- und Hügelland von Niederschwaben und Franken. Indessen, es war doch ein Sofa, und Georg Ehrensperger hatte das Recht, sich darauf auszustrecken. Er war vor kurzem nach Haus gekommen und war ein wenig bedrückt und wußte nicht recht warum. Er hatte Heimweh und wollte es vor sich selbst nicht Wort haben. Draußen ging der Novembertag in die Abenddämmerung über. Grau und eintönig, wie er vom Morgen an ausgesehen hatte, ging er dem Horizont entgegen, still und bedrückt, wie ein Mensch, der keinen rechten Lebenszweck hat und sich zur Ruhe begibt, und dabei denkt: es ist alles einerlei. Es kommt gar nicht darauf an, was ich tue; ich kann ebensogut schlafen gehen.

So etwas steckt an, und Georg war denn auch angesteckt, wie man sieht. Er war eine lange Zeit seines Lebens vom Wetter abhängig. Das hat er erst später abgeschüttelt.

Da, als er so lag und in die Stube hineinsah — (es war eine lange, schmale Stube und hatte ein Fenster, das ging auf einen viereckigen, gepflasterten Hof), da klopfte es, und da kam der Brief. Den las er, und stand nicht auf dazu, und zündete nicht die Lampe an, und las das ganze Grau des Tages und des Wetters und der Stube und der Fremde mit dem Brief in sich hinein.

O Heimat! da brach es los.

Vielleicht gibt es schönere Namen dafür, aber Ernst Daxer, der am Abend eine Weile kam, der sagte sachverständig, es sei das „heulende Elend“, das den Freund befallen habe, und sagte, daß das eine Krankheit sei, die jeder einmal kriege.

— Er ließ den Brief auf den Boden fallen und zog die langen Beine hinauf, um wenigstens sein bißchen Ich nahe beieinander zu haben, und drückte den Kopf in eine Vertiefung zwischen zwei Beulen des Sofas. Und dann schluchzte er drauf los.

Von jenem Tag an war ihm das steife, beulige Sofa wie ein Freund und Vertrauter, da es seine Tränen in den grün und braun gestreiften Überzug aufgenommen hatte. Da, als er eine Weile, ohne sich zu wehren, aus Herzensgrund geschluchzt hatte, und es inzwischen dunkler geworden war, fing er an, sich nach einem Trost umzusehen, und verfiel auf den steinernen, zugebundenen Topf voll Zwetschgenmus, der in seinem Kleiderkasten stand. Den holte er herbei und fing an, zu schlecken. Das Zwetschgenmus war ihm von Jungfer Liese geschickt worden, damit er so bis gegen Weihnachten hin etwas auf sein tägliches Vesperbrot zu streichen habe. Aber darauf konnte heut keine Rücksicht genommen werden. Er war so trostbedürftig, und dies hier war etwas von zu Hause. Da aß er denn, still und beharrlich, einen Löffel voll um den andern. Zuerst stieß es ihn noch, es tropften noch einige Tränen in den Topf. Dann fing er zusehends an, sich zu erholen. Je tiefer er in das Mus eindrang, je leichter wurde ihm das Herz.

Als der Topf so ungefähr halb leer war, zündete er die Lampe an und las den Brief nochmals, und hatte in der linken Hand den Brief und in der rechten den Löffel, den führte er so sachte hin und her. Das Mus war gut. Er hatte nun wieder Verständnis dafür. Also der alte Hollermann war gestorben. Das war traurig. Georg konnte sich nicht recht vorstellen, daß er nicht mehr da sei, wann er heimkomme. Aber es war noch vieles, auf das man sich freuen konnte, es zerfloß nicht mehr alles in einen trostlosen, grauen Nebel. Zum Beispiel bekam er die Flöte. Nein, das mit dem Rat des Alten verstand er im Augenblick nicht so recht, obgleich ihm wie aus der Ferne vieles aufstieg, das sie in der Korbmachersstube miteinander geredet hatten. Als er an der Stelle war, die von Gertrud erzählte, wie sie den schweren Sandkarren der alten Röse den Berg herauf geschoben hatte, spürte er einen starken Kitzel im Halse. Er mußte lachen, mitten in die Trübsal hinein. Da war er gerettet. Die Gertrud war doch ein Staatskerl. Er faßte ihre Tat nicht so sehr vom Standpunkt der Nächstenliebe aus auf, mehr als einen lustigen Streich. So war sie, er kannte sie wohl so, nichts weniger als zimperlich. Jungfer Liese hatte noch nicht lang einmal gesagt: „aus der wird ihrer Lebtag nichts Feines; die ist über einen Buben.“ Das hatte ihm mächtig gefallen; gerade so mußte sie sein, ein rechter Kamerad, gescheit, kräftig, heiter und immer bei der Hand zu allem frischen Tun. Er freute sich auf sie. Es war nur noch fünf Wochen bis Weihnachten. Als er so weit war, sah er in den steinernen Topf; es war nicht mehr viel darin. Es war nicht mehr der Mühe wert, ihn zuzubinden. Da kratzte er ihn vollends aus, aber mit einiger Beschwerde. Zwetschgenmus gehört zu den Tröstungen, die man mäßig genießen muß.

Als Ernst Daxer kam, lag Georg wieder auf dem Sofa, und hatte die Beine wieder etwas hochgezogen. Aber das geschah nun aus einem andern Grunde als zuvor.

Zweites Kapitel

Er hatte dem Professor Lindemann den Gruß des Rektors Cabisius ausgerichtet. Und er hatte ihn darauf angesehen, ob er mit diesem Jüngling in weißen Haaren verwandt sei, und ob er noch eine Spur von jener Rheinwanderung und von jenem ungenannten Rüdesheimer Erlebnis an sich trage. Auch hatte er, da er viel Schönes und Erfreuliches in „der Welt draußen“ zu finden hoffte, sich auf dem Weg von seiner Wohnung in der Pfarrstraße nach dem Gymnasium ausgedacht, der Lehrer werde, überwältigt von alten Erinnerungen, die Hand ausstrecken und seine, Georg Ehrenspergers, schütteln, und ausrufen, wie der alte Homer den bräunlichgelockten Menelaus ausrufen ließ: „Götter, so ist ja mein Gast der Sohn des geliebtesten Freundes“, oder auch sonst etwas ähnliches. Aber der Professor Lindemann rief das nicht aus.

Wenn dieser Mann einmal mit dem Rektor Cabisius in einer gemeinsamen Welt gelebt hatte, so mußte das lange her sein. Und das war es auch. Er war ein gut Teil Jahre jünger als der Rektor. Aber er war ziemlich vertrocknet und verstäubt.

„So, so,“ sagte er, und kniff die Augen zusammen, „so, so, Cabisius. Ja, ja, ich weiß. Setzen Sie sich, Ehren — Ehren — wie ist der Name?“

„Ehrensperger,“ sagte Georg und setzte sich.

Also damit war es nichts gewesen.

Da mußte das Wiblinger Stadtkind die Kammern seines Herzens anderweitig zu füllen trachten. Es gab noch anderes in der großen Stadt, was des Erlebens wert war. Es gab helle und breite Straßen mit glatten Pflastern, auf denen es sich anmutig dahinschlendern ließ, und mit hohen, stattlichen Häusern, in denen Georg Ehrensperger zwar nichts verloren hatte, die anzustaunen, soweit es ihre Vorderseite betraf, ihm aber unverwehrt war. Paläste gab es, und zwar sowohl solche, in denen die Regierung des Landes vorgenommen, als solche, in denen Bier verschenkt wurde, und letztere waren, alles in allem gerechnet, die pompöseren. Wagen fuhren dahin, und obgleich der Hufschlag der Rosse und das Rollen der Räder auf dem Holzpflaster der schönsten Straßen eine Dämpfung erfuhr, so gab es, da ihrer viele waren, doch ein nicht unbeträchtliches Getöse, mit dem sich der bescheidene Lärm der Wiblinger Ochsen- und Kuhfuhrwerke nicht im entferntesten messen konnte.

Läden gab es, die so glänzend, vornehm und üppig ausstaffiert waren und die sowohl bei Tage als beim Schein des elektrischen Lichtes so zauberisch aussahen, daß es den Sohn des Wiblinger Bäckerhauses eine der gewagtesten und — unmöglichsten Taten dünkte, in einen derselben einzutreten und für ganz gewöhnliches Geld etwas von ihrem Inhalt zu erhandeln.

Er führte diese Tat denn auch nicht aus. Er wußte engere, stillere Straßen, und niedrigere, dunklere Läden, in denen er sein Brot und seine Wurst, seine Bleistifte und Schreibhefte, seine — aber das geschah nur einmal im ersten Jahr, und dann in etlichen Jahren nicht wieder, seine Zigarren, sieben Stück für zwanzig Pfennig, erstand.

Die Zigarren rauchte er eines schönen Herbstabends mit einigen Kameraden, neugewonnenen Genossen seiner Studien. Das heißt, er rauchte eine davon und bot die übrigen mit einer großartigen Handbewegung, die er dem Größten unter ihnen abgelernt hatte, im Kreise an. Es war auf der Königstraße, kurz vor Dunkelwerden.

Er wollte sein Möglichstes tun, mitzumachen. Er hatte sich vorgenommen, ganz mit den andern zu tun und ein rechter Kamerad zu sein.

Aber es ging nicht. Weder mit dem Rauchen, noch mit der Kameradschaft. Es paßte beides nicht zu seiner Natur. Es gab sich ganz von selbst, daß er bald wieder allein war.

Er hatte viel zu denken und zu staunen. Was war da für ein rauschendes, buntes Leben rings um ihn her. Wohin alle die vielen Leute gingen? Immer sahen sie aus, als seien sie in Sonntagskleidern.

Und wer da begraben wurde? Es mußte jemand Bedeutendes sein. Die vielen Kutschen im Gefolge und ein ganzer Blumenwagen. Ein Lorbeerkranz dabei, nein, zwei, drei.

Und die hohen, hohen Häuser. Wie viele Leute mochten da übereinander wohnen, und welche Aussicht man von ganz oben hatte? Er stieg einmal auf den Stiftskirchenturm und sah über das Häusergewimmel hin und stieg ganz still wieder herunter.

Mit dem einen oder andern Schulkameraden schritt er um zwölf Uhr mittags hinter der Wachtparade drein, die mit klingendem Spiel auf den Schloßplatz zog. Da wogte es von Menschen, und die Springbrunnen ließen ihre Wasser steigen; in bunten Farben leuchteten die Beete, rings um den Musikpavillon her; hoch und schlank ragte die Jubiläumssäule über all das Gewimmel hin; wie aus einem fremden, schönen Lande hierher versetzt, winkte die Säulenreihe des Königsbaues herüber; mit klingendem, singendem Wellenschlag füllte die Musik das bunte Strombett des Lebens; öfters, als es den Kameraden gefiel, verstummte Georg Ehrensperger vor dem allem und ließ sich schweigend und ohne viel Schwimmbewegungen von dem Strom dahintragen.

Da kamen sie nach und nach überein, daß er ein guter, aber etwas langweiliger Kerl sei, von dem weder im Guten, noch im Schlimmen viel Bewegung in dem Einerlei des Schuljahres zu erwarten sei, weder auf der Straße, noch vor den Lehrern. Und, da er manchmal sonderbar versonnene Fragen tat, nannten sie ihn Joseph: „seht, da kommt der Träumer her,“ und ließen ihn im übrigen seines Weges gehen, so viel er wollte.

Der führte ihn durch Jungfer Liesens Fürsorge in das Gassen- und Gäßchengewinkel der Altstadt. Es lebte ihr daselbst die Kanzlistenwitwe Mollenkopf, die eine entfernte Base von einer Base der braven Ziehmutter der Ehrenspergerskinder war, sich mit künstlichen und kunstvollen Flickarbeiten ihr Brot erwarb und nebenher „Logisherren“ in den zwei langen, schmalen Stuben nach der Hofseite beherbergte.

Es lag nichts näher, da die Frau Mollenkopf eine brave Person und eine geborene Wiblingerin war, als die beiden Landsleute unter einem Dach zu vereinigen.

Und hier siegte denn auch Jungfer Liese über den Vorschlag des Rektors Cabisius, der seinen Schüler und Schützling gern in einer Familie mit andern jungen Leuten zusammen unterbringen wollte.

Sie hatte ein gutes Mundwerk, und, seit es ihr der Respekt nicht mehr allzusehr verschloß, hatte sie auch ein keckliches Mundwerk, und sie bewies mit demselben Franz Ehrensperger dem Älteren, daß Nutzen und Willigkeit auf ihrer Seite seien.

Es war nicht schwer, ihn zu überzeugen.

Und so war Georg unter die Obhut der Frau Mollenkopf geraten, eh’ er sich dessen versah. Er hatte nichts dagegen. Als er nach jenem so glücklich gestillten Anfall des heulenden Elends seine Augen getrocknet hatte und sie wieder aufhob, gefiel es ihnen nicht übel in dieser Region der engen, krummen Gassen, der schiefen, alten Häuser, der spitzen Giebeldächer, der Verkäufer- und Antiquitätenläden, dieser Region der kleinen Leute, die zum Teil ein alteingesessenes Bürgertum bildeten, zäher, eingewurzelter und — interessanter, als es die Region der Backsteinkasernen erzeugt, die zu Hunderten dieselbe Uniform tragen, neue, helle, weitläufige Stadtviertel ergeben und alle Quartal eine andere Inwohnerschaft haben.

War nicht die Botenhalle in der Nähe? Und war es nicht unsäglich heimatlich, die braven, schweren Gäule vor den leinwandüberspannten Wagen dahertraben zu sehen? Blies nicht der Bote von Beckenhardt, solange es irgend etwas Grünes in der Natur gab, jeden Mittwoch- und Samstagmorgen sein Lied auf einem Blättchen, das er zwischen den bärtigen Lippen hatte, und fuhr nicht der Bote von Beckenhardt durch Wiblingen, schon seit Georg auf der Welt war und länger?

Im Schatten der St. Leonhardskirche breitete sich der Gerümpelmarkt aus und es gab vielerlei dort zu sehen. Alte Weiblein, die mit rostigen Nägeln und dergleichen Wertsachen handelten, fliegende Antiquare, die ihre Bücher und Broschüren auf einem Karren ausbreiteten, Kleider-, Möbel- und Bettenhändler. Ein untrüglicher Kitt für alles Zerbrochene wurde verkauft und der Verkäufer war selbst Künstler in der Anwendung und klebte alte Scherben zusammen, daß es eine Art hatte. Wir können die genauere Bekanntschaft aller Spezialitäten dieses interessanten Marktes leider nicht machen, da sie uns auf unserem Weg durch das Buch allzusehr aufhalten würden. Es ist genug, daß Georg Ehrensperger auf seinem Weg ins Gymnasium hie und da durch sie aufgehalten wurde, und daß er dann wie aus einer andern Welt in die Schule und unter die Genossen trat, mit versonnenen Augen und rückwärts gerichteten Gedanken.

Die Schulkameraden konnten ihn ruhig seines Wegs ins sogenannte Bohnenviertel gehen lassen, und auch wir können ihn ruhig dahin gehen lassen, er fand schon seine Nahrung, Freude und Genüge dort, wie es jede Kreatur auch tut, wenn man sie nur gewähren läßt.

Auf einen viereckigen, gepflasterten Hof ging das Fenster der langen, schmalen Stube, die Georg Ehrenspergers erste Jünglingsjahre umschloß; auf das bunte Treiben des schon genannten Gerümpelmarkts gingen die zwei Fenster der Wohnstube seiner Hausfrau, der Frau Mollenkopf.

Die Witwe wohnte schon manches Jahr in derselben Stube, und sie hatte demnach auch schon manches Jahr dasselbe bewegte Bild unter ihren Fenstern. Wenn sie ihren Platz auf dem Fenstertritt, auf dem Holzstuhl mit dem grünen Kissen, einem Philosophen oder einem Geschichtenschreiber abgetreten hätte, so hätte der eine wahrscheinlich tiefsinnige Betrachtungen über den Satz: es ist alles eitel; es ist alles ganz eitel, angestellt; und der andere hätte den verblichenen Staatsgewändern, den Bildern in morschen Goldrahmen, den Sesseln mit zerschlissenen Überzügen, die hier feilgehalten wurden, die seltsamsten Vorerlebnisse angedichtet. Und es ist manches zu wetten, daß die Erlebnisse mancher dieser Dinge — noch viel seltsamer waren, als er sie zu erdichten vermocht hätte.

Frau Mollenkopf trat aber ihren Platz an keinen Vertreter einer dieser beiden nachdenklichen Richtungen ab. Sie saß selber fest und beharrlich auf dem grünen Kissen, ließ Nadel und Faden heilungsbeflissen zwischen den mottenzerfressenen Ranken und Blumen alter Teppiche, den zerrissenen Maschen eines wertvollen Spitzenwerks, den brüchig gewordenen Vögeln und Früchten eines seltenen Tafeltuchs herumspazieren und hatte auf diese Art selber das Material zu den merkwürdigsten Mutmaßungen in der Hand. Daß sie diese Gelegenheit nicht benützte, lag in ihrer Art, die mit der der Jungfer Liese einige Ähnlichkeit hatte insofern, als sie auf das Greifbare, Nützliche, Reale allzusehr gerichtet war, als daß für Phantasien viel Raum in ihrem Sinn gewesen wäre.

Sie sprach gern von dem seligen Mollenkopf, der ihr etwas weniges auf der Sparkasse hinterlassen hatte, und gab zu verstehen, daß sie dieses wenige bereits um ein gutes Teil vermehrt habe. Sie hegte die Hoffnung, mit Hilfe dessen, was bereits auf der Sparkasse lag, und dessen, was sie noch dorthin zu bringen gedachte, sich nicht nur ein Sitzkissen, sondern auch ein behagliches Kopfkissen auf ihre alten Tage zu erwerben. Und es war nur schade, daß sie zu der Klasse von Menschen gehörte, die, wenn diese alten Tage kommen, mit dem Rest ihrer Kraft für noch ältere Tage sorgen, und die weder der jungen noch der alten Tage jemals froh werden.

Fest und beharrlich saß sie an ihrem Fensterplatz und verließ ihn nur, um die nötigen häuslichen Verrichtungen vorzunehmen, und in der Dämmerung, um die wiederhergestellten Gegenstände an ihre Eigentümer abzuliefern. Und zu der letzteren Stunde kam Georg am liebsten aus seiner Hofstube und — tat, als ob er zu Hause wäre, wie das mit Frau Mollenkopf eigentlich ein für allemal verabredet war.

** *

Es dreht sich der Schlüssel von außen im Schloß, es füllt sich die Stube mit Dämmerung und Stille. Steig’ auf, unsichtbares Eiland der Glücklichen, tretet in den Kreis, ihr trauten Gestalten der Kindheit mit den webenden Träumen der Zukunft, fanget an zu reden, und horchet auch ihr auf das, was wir zu sagen haben, auf daß wir eine kleine Weile der Fremde vergessen und zu Hause seien.

Töne, du alter, hochbeiniger Klimperkasten von Klavier, du bist zu dieser Stunde voll Wohllaut und Fülle. Georg Ehrensperger hat dich aus dem Schlaf geweckt, in dem du lagest, seit der selige Mollenkopf zum letztenmal den Blümchenwalzer auf dir spielte. Er hat den Stapel zerrissener Gegenstände von deinem Deckel entfernt, sie liegen ebenso gut auf einem Stuhl. Nun gleitet das Licht der Straßenlaterne über deine Tasten. Es ist unsicher, es huscht gespenstig hin und her, es erinnert an die spukenden Flämmchen in des Rektor Cabisius’ Studierstube. Der geht um diese Zeit in dem wohlbekannten Raum auf und ab, und Gertrud sitzt wohl auf der Truhe, die Platz für zwei hat. Und die Frau Rektorin sitzt im Lehnstuhl, sie hat immer noch Rheumatismus, sie saß in den Weihnachtsferien, als wir zu Hause waren, in Kissen und Decken gehüllt alle Tage im Lehnstuhl. Hollermann war nicht mehr da, und es ist nicht sicher, was sich alles verändern kann, so lang wir fern sind.

Es ist uns manchmal fremd zu Mute, altes Klavier. Und du bist das einzige, dem wir es anvertrauen können. Es ist uns, als ob wir uns eine Weile auf Mutters Schoß setzten und ihr alles erzählten, und sie erzählte wieder, merkwürdige, traumhafte Geschichten, die man nie bei Tage erzählen könnte. Von einer Welt, die man nicht sehen kann, in der man aber zu Hause ist. Sie hat vielerlei Namen, diese unsichtbare Welt. Wir suchen eine Sprache, um von ihr zu reden, und es ist uns, als ob man in Tönen von ihr reden könnte.

Hat einmal einer auf dir gespielt, als deine Saiten noch rein und stark klangen, einer, der es verstand, die Harmonien zu entlocken? Dann sei geduldig, altes Klavier, wenn hier einer ist, dessen Spiel noch ein Stammeln ist, kein Reden. Keine Sprache, nur das Suchen nach einer Sprache. Er wird’s noch besser lernen.

Er hat zu Weihnachten das Geld zu Klavierstunden bekommen, und die Zeit nimmt er sich selbst dazu. Jungfer Liese hatte den Kopf geschüttelt und der Bruder Franz hat ihn auf den Rücken geschlagen, breit und wohlwollend und hat gesagt: „Mach voran, dann kannst du uns einen Walzer spielen, wenn du heimkommst.“ Denn der Bruder Franz tanzt jetzt mit den Wiblinger Bürgerstöchtern und der Walzertakt kommt ihm sogar zuweilen in die Finger, wenn er Teig knetet. Auch weiß er nicht so recht, wozu man außerdem noch Musik machen soll. Aber du wirst schon sehen, daß Georgs Sinn nicht nach dem Walzer steht. Es ist ein Läuten irgendwo, wie von einer fernen Waldkapelle, dem horcht er nach, schon seit er ein Kind war und weiß nicht, daß er es in sich selber trägt, und sehnt sich, es nahe zu hören. Wenn du das in ihm erlösen könntest. Er hört es zuweilen auf den Gassen, und zuweilen mitten in den alten Geschichten der Menschheit, vom Paradies an, in den Büchern, und manchmal sogar in der Schule. In den Gesängen der Dichter hört er es und wird es bald noch besser hören, wenn er die Musiker kennen lernt, von deren Saitenspiel er so wenig weiß und so vieles ahnt.

Aber führe auch du ihn in der Dämmerung, beim flackernden Licht, das von draußen hereinfällt, immer wieder in jene Welt, die verborgen unter allen Dingen hingeht, und laß da seine eigene Seele zum Wort kommen. Es will etwas in ihm tönen, du weißt es. Laß ihn darauf horchen, altes, verstimmtes Klavier, auf daß der rechte Ton nicht verloren gehe, wie der Alte in der baufälligen Hütte zu Wiblingen gesagt hat, vor den Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte rings umher.

Drittes Kapitel

In der Ladenstube des Ehrenspergerhauses stand ein gelb angestrichener Eckkasten, und in dem Eckkasten lag eine alte braune Mappe. In der Mappe aber hob Vater Ehrensperger auf, was von Familienpapieren in seinen Händen war: Geburts-, Tauf-, Trau- und Todesscheine, seinen eigenen Meisterbrief und Franzens Gesellenbrief, als dieser ausgelernt hatte.

In dieser Mappe legte er auch, wenn die Zeit dazu kam, die halbjährlichen Zeugnisse, die Georg nach Hause brachte, und nach drei Jahren, von jenem Auszugstag an gerechnet, das Maturitätszeugnis, das er gleichfalls nach Hause brachte.

Glänzende Zeugnisse waren es nicht gerade. Der Rektor Cabisius, der sie jedesmal zu sehen bekam, ehe sie in der Mappe verschwanden, sah jedesmal das Blatt und dann den Knaben an, der vor ihm stand und — hätte vielleicht etwas gesagt, wenn nicht seine raschere Frau, die ihm über die Achsel in das Blatt hineingesehen hatte, ihm zuvorgekommen wäre. Er ließ sie ruhig gewähren; sie hatte immerhin ein mütterliches Recht an den jungen Menschen, und er kam zu seiner Zeit schon auch dran.

„Wenn du aber etwas Rechtes werden willst, so mußt du dich noch ganz anders dran halten, mein lieber Sohn. Denn sieh, du bist hie und da zerstreut, dann siehst du aus, als ob du auf etwas horchtest, das nicht da wäre. Man muß aber in der Gegenwart leben. Und dann hast du auch zu viel Nebenliebhabereien, und manchmal fehlt es am Willen bei dir. Ja, da fehlt’s manchmal. Ich kenne dich nun schon lange. Ich darf dir das wohl sagen.“

So sagte die Frau Rektorin, oder doch ähnlich und es war nicht nötig, daß sonst noch jemand viel sagte. Der Vater Ehrensperger tat es nicht und auch wir tun es nicht.

Wir halten uns lieber an einige Erlebnisse aus jenen Jahren, die Georg nicht schriftlich hatte und die nur in dem Stammbuch standen, das wir alle in uns tragen und in das sich von unserer ersten Kindheit an Menschen und Ereignisse eingetragen haben.

Menschen und Ereignisse kommen und gehen und füllen ihr Blatt in dem Buch unseres Lebens. Und wer will von allem sagen: Dies war bedeutsam und jenes war ohne Wirkung? So offen liegt Werden und Wachsen nicht vor uns, daß man von jedem Zoll sagen könnte: Das ist von jenem Sommertag und dies von jener Sturmnacht.

Einmal, da ging Georg Ehrensperger an einem Sonntagmorgen aus dem Haus und wußte nicht recht, wohin mit sich selbst.

Ernst Daxer, der ging regelmäßig zur Kirche, und wenn er es zu machen wußte, so kam er und holte den Wiblinger Schulkameraden auch dazu ab. Sonst gingen ihre Wege auseinander. Er wohnte in einer andern Stadtgegend und lebte in einem andersartigen Kreise und besuchte ein anderes Gymnasium. Er war in einem Haus und unter einer Obhut, da sich alles Gute, Fromme, Geordnete von selbst verstand, da an einem wohl umzäunten Weg Kirche, Bibelstunde, Jünglingsverein und Hausandacht zur Rechten und zur Linken lagen und gar nicht zu versäumen waren.

Man konnte ihn vorläufig weder loben noch tadeln, daß er das alles mitmachte; so wenig als man einen Bach loben oder tadeln kann, den man in ein tiefes Bett mit hohen Ufermauern geleitet hat und der nun glatt und sicher darin fortläuft.

Er war aber ein kindlicher, einfacher Mensch mit einem offenen Wesen, den man wohl gern haben konnte und der seiner Mutter niemals unnötige Sorgen machte. Auch verdarb er nicht, wie leider manche tun, an geistiger Überfütterung, noch auch daran, daß man seine ganze Jugend hindurch alle seine Schritte behütete und er nicht frei stehen konnte, als er ins Leben und in die Selbständigkeit hinauskam.

Er hatte seinen Vater sterben sehen, wie er mit bittern Sorgen rang und ein schwer errungenes Vertrauen faßte, und er hatte seiner Mutter herben, zähen Kampf mit der Not miterlebt. Vielleicht war das beides ein gutes Gegengewicht gegen das weiche, behagliche, selbstverständliche Christentum, das ihn hier umgab.

Nun also, in dieser Zeit, da sie noch beide Gymnasisten waren, trieb ihn ein starkes Heimatgefühl, immer wieder Georg Ehrensperger aufzusuchen.

Er erschien an manchem Sonntagmorgen in Frau Mollenkopfs Wohnung und half ihm, der sich leicht an Kleinigkeiten vergaß, in die Kleider und zum Haus hinaus und war glücklich, wenn er ihn mit sich hatte. Auch erfüllte es ihn mit einem fast väterlichen Stolz, wenn Georg mit seiner reinen, frischen Stimme das Lied mitsang, daß sich der und jener umwandte und nach dem Sänger hinsah. Sie probierten aber nach und nach fast sämtliche Kanzeln der Stadt, und taten sehr kritisch, weil sie später auch zu predigen gedachten und blieben schließlich an einem Pfarrer hängen, der einfach, frisch und natürlich vom Evangelium, als von einer frohen Botschaft, die im Leben richtig zu verwenden sei, sprach. Der stand im Geruch, ein wenig „frei“ zu sein. Also wählten sie das Schwere, daß man das später auch von ihnen sage, und beschlossen, gerade ein solcher zu werden, wie er.

Aber heute war Ernst Daxer nicht gekommen. Er war, soviel Georg wußte, mit seinem Jünglingsverein, der einen Posaunenchor hatte, zu irgend einem auswärtigen Jahresfest gefahren.

Und Georg hatte dem Kirchenläuten zugehört, wie es so voll und stark über die Stadt hinhallte, und es hatte ihm allerlei Gedanken aufgerührt, und erst, als es still wurde und von der St. Leonhardskirche die Orgel herübertönte, fiel es ihm bei, daß es nun zu spät sei. Also ging er aus dem Haus und ging ein wenig planlos durch die Straßen und kam bald an einem schönen, schlichten, vornehmen Gebäude vorbei, das hatte einen Mittelbau mit einem säulengetragenen Portal und zwei Seitenflügel und hatte einen Vorgarten, darin blühte es in den Beeten über und über von Monatsrosen. Das war alles so ruhig-schön, so festlich und feierlich schon von außen. „Museum der bildenden Künste“ stand über dem Portal in großen goldenen Lettern.

Da ging er hinein. Eine Vorhalle, breite Treppen führten rechts und links in die Höhe. Aber da unten stand eine Tür offen. Weiße Gestalten schimmerten, von hellem Licht übergossen, heraus in die Dämmerung der Vorhalle. Denen ging er nach. Er wußte sich nicht recht zu helfen. Es hatte ihm noch niemand Anweisung zum Anschauen gegeben. Es waren ihrer so viele, große, schweigende Menschengebilde. Er sah sie alle an, wie man fremde Wesen ansieht, sie wirkten alle auf ihn ein.

Er war der einzige lebende Mensch unter ihnen; sie bildeten eine Welt für sich. Es wurde ihm still und feierlich und ein wenig fremd zu Mute.

Da, als er sich sammeln wollte und die Augen auf einen Punkt zu richten gedachte, da fand er sich vor der riesigen, prachtvollen Jünglingsgestalt des jungen David. Es war nur ein Gipsabguß nach Michelangelos großem Werk. Aber was wußte Georg Ehrensperger von der reinen, großen Wirkung des edlen Marmors?

Hier stand er und versank ins Schauen.

Und das starke, kühne Gesicht des Sohnes Isai nahm vor ihm Leben an; es strafften sich die Sehnen der hohen Gestalt; es zuckte der Stein, den der Jüngling gegen den Riesen, den Verderber des Vaterlandes, schleudern wollte, in der rechten Hand.

Und hoch auf richtete sich der lang aufgeschossene Knabe, und seine Augen blitzten heller, je länger er davor stand, und er ballte die Hand zur Faust.

Taten tun, Großes erleben; starkes, reines Heldentum.

Wo waren die Zeiten, in denen es das alles gab? Was konnte man jetzt tun?

Studieren, hinter Büchern sitzen, dann ein Examen machen, dann ein Amt. Predigen, reden, wieder reden, lesen.

Und er stand Aug’ in Aug’ mit dem herrlichen Jüngling, und das Herz brannte ihm, und seine junge Seele schwoll, wie ein Bach im Frühling über die Ufer schwillt, und begehrte, Taten zu tun in der Heerschaar der Guten, Echten, Tapfern; irgend etwas Großes zu verrichten in der Sache der Menschheit.

Aber was?

Das Glockenzeichen erscholl und riß ihn aus seinen Gedanken. Der Schließer rasselte mit dem Schlüsselbund; die Galeriestunde war vorüber.

Da war er wieder auf der Straße, da wogten die Menschen um ihn her, sonntagsfroh, geputzt, und manche laut und lustig. Und der Abstand zwischen hier draußen und dort drinnen war groß.

Da schlug ein Kinderweinen an sein Ohr. An einem Laternenpfahl lehnte ein Bübchen, das weinte bitterlich. Es war ärmlich angezogen und hatte ein verschmiertes Gesicht und seine krummen Füßchen steckten in Schlappen, die ihm viel zu groß waren.

Ich weiß nicht, ob es davon kam, daß er aus der Kleinstadt war, wo alles Menschenwesen näher beieinander ist, oder wovon es kam; aber es war schlechterdings unmöglich, hier vorbeizugehen.

Was gibt’s, Bürschlein? sagte er und besah sich den Jammer.

Das Bübchen hielt mit Schluchzen inne und sah mit großen Augen auf. Es hatte sich verlaufen und war sich dessen mit Schrecken bewußt geworden, und war sich so unmenschlich verloren vorgekommen. Wie ein Sternlein, das die Milchstraße verlassen hat und sich nun im Weltall nicht mehr zurechtfindet.

Aber der junge Herr hier, der eine rote Mütze trug und sich zu ihm niederbeugte, der hatte so etwas in seinem Gesicht, das einem neuen Mut machen konnte.

Da fuhr sich das Bübchen mit dem Ärmel über das tränennasse Gesicht, schob eine schmutzige, kleine Hand in die große, und setzte sein krummes Beinwerk in Bewegung.

„Ich weiß nicht, wo meine Mutter ist,“ sagte der kleine Kerl, „zeig’ mir’s.“ Es war ungemein selbstverständlich. Es gab gar keine Frage mehr.

Ja, so hatte es Georg Ehrensperger freilich nicht gemeint. Er sah sich einen Augenblick um. Die Leute hatten heute so viel Zeit; sie fingen schon an, stehen zu bleiben und zuzusehen.

„Ich weiß nicht, wo deine Mutter ist,“ sagte er; die kleine Hand fallen zu lassen, das wagte er aber nicht.

„Nicht?“ Der kleine Bube sah ungläubig aus. „Du bist doch so groß.“

Es war nichts anderes zu machen, sie gingen mitsammen durch die Straßen.

Da war es nun Georg Ehrenspergers erste Heldentat, einem kleinen, schmutzigen Bübchen den Weg nach Hause zu zeigen.

An der beschützenden Hand wuchs dem kleinen Kerl der Mut. „Dort hinein geht’s, das ist die Straße,“ sagte er plötzlich und strebte mit Macht voran. Es war in dem Gäßchengewinkel, das um die Markthalle her ist. Und dann schrie er plötzlich auf. „Mutter,“ schrie er entzückt und lief auf eine Frau zu, die mit angstvoll spähendem Gesicht auf eine Hausstaffel herausgetreten war. Er sah sich nicht mehr um. Er lag fest in ihren Armen und sie schalt und liebkoste ihn.

So, nun konnte Georg Ehrensperger gleichfalls nach Hause gehen. Er drehte noch einmal den Kopf; da trug eben die Mutter ihr Bübchen ins Haus. Wie es kam, wußte er selbst nicht, aber auf einmal war er mitten drin, zu pfeifen: Und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden, stirbt ein braver Reitersmann.

** *

Einen eigentlichen Freund und Weggenossen hatte Georg Ehrensperger damals nicht, wie schon gesagt. Er ging so für sich hin, nahm am Leben der Schule und an den jungen Leuten teil, wie der Tag es mit sich brachte und lebte im übrigen sein eigenes Leben für sich allein. Er gewann aber im zweiten Jahr, das er in Stuttgart verlebte, eine heimliche Liebe, die füllte für kurze Zeit sein einsames Herz, das ja dennoch nach Anschluß verlangte, mit einem Reichtum, den die andern nicht ahnten.

Es war aber nicht die Liebe zu einer Frau, sondern zu einem Lehrer, der lange krank gewesen und nun wieder gekommen war.

Als Georg ihn das erste Mal auf dem Katheder sah, mußte er in seinem Gedächtnis nachsuchen, wo er dieses schmale, ernste Gesicht mit den dunkeln, ruhig betrachtenden Augen unter einer hohen, furchendurchzogenen Stirn schon gesehen habe, und es fiel ihm das alte Bild eines Magisters ein, das in der Sakristei der Wiblinger Stadtkirche hing. Ja, das war es. Georg war beim Konfirmandenunterricht ihm gegenüber gesessen und die Augen hatten ihn immer im Bann gehalten. Da war es ihm, als ob er den Mann kenne, der lebendig hier vor ihm stand. Und als der Lehrer anfing zu sprechen, da kannte er auch seine Stimme. Aber er wußte nicht, woher.

An diesem Tag aber fing Georgs heimliches Glück und Unglück an. Denn diese Liebe trug alles in sich, was zu einer rechten, heimlichen Liebe gehört: Begeisterung, Sicherheit, da sie einem niemand streitig machen kann, der sie nicht ahnt, Wonne des Genießens und Schmerz des Entbehrens.

Der Lehrer gab Stunden in Literatur, Kunstgeschichte und Weltgeschichte und war ein Mann, der in seinen Gegenständen lebte und sie herzlich und eindringlich in andere Gemüter zu übertragen wußte. Sein Ton blieb immer schlicht und gelassen und verstieg sich nur in Augenblicken besonderer Gehobenheit zu einer Wärme, die sich dann den Hörenden mitteilen mußte. Wenn dieser Mann ein Stück aus dem Nibelungenlied vorlas, oder wenn er über die Akropolis sprach, oder was es sei, dann bekam alles Leben, echtes, wahrhaftiges Leben.

Dann schien der blaue Himmel Griechenlands auf den weißen Marmor, dann rauschten die deutschen Eichen zu den Heldentaten der alten Recken, dann schwollen die Herzen der jungen Deutschen. Dann schwoll vor allen Georg Ehrenspergers Herz in einer hellen und warmen Begeisterung.

Aber dabei blieb es nicht. Er, der die Begeisterung entfachte, war selber so ein Held. Er war ernst und gütig, und es war kein Zweifel, daß er auch tapfer, treu und stark war wie nur einer. Er verstand sie alle, die Helden des Geistes und des Arms, darum stand er über allen. So schien es dem Knaben. Und es war nur schade, daß der Lehrer es nicht wußte, daß er so etwas Großes sei. Er wäre vielleicht manchmal mutiger nach seiner Wohnung zurückgekehrt, wenn er das helle Feuer in seines Schülers Herzen gesehen hätte. Aber er sah es nicht. Georg Ehrensperger verbarg es sorgfältig. Nur zu gut verbarg er es.

Aber eines Tages bekam er etwas davon zu sehen. Einmal und dann nicht wieder.

Es war an einem warmen Nachmittag, der sich schon dem Abend zuneigte. Sie hatten beide, ohne daß einer vom andern wußte, die steile Höhe erstiegen, die gleich hinter der Stadt ansteigt und die vom Walde bekrönt ist, und hatten beide etwas in den Wald hineingetragen, das in der ruhevollen Stille hier oben ausklingen und verebben mußte; der Jüngere eine herzklopfende Unrast, die ihm heut nachmittag der Eichendorff und der Lehrer miteinander geschaffen hatten, der eine als Dichter, der andere als Rezitator.

Und der Ältere eine Niederlage, die ihm seine schulmüden Nerven und ein paar ausgelassene Schlingel miteinander bereitet hatten. Er war heftig geworden und hatte das Buch mit hartem Nachdruck zugemacht als ein Besiegter, nicht als ein Sieger.

Nun lag die Stadt unter ihnen. Der Sonnenschein lag still darüber; es war Sommer. Hier oben rührte sich nichts. Kaum daß ein Lüftchen durch die Baumkronen hinging, oder eine Eidechse mit leisem Rascheln durchs Gebüsch schlüpfte. Auf einem schmalen, grün bewachsenen Fußsteig ging Georg Ehrensperger dahin. Gleich daneben führte die weiße Straße durch eine Birkenallee. Dort ging der Lehrer. Er trug den Hut in der Hand und ließ sich den heißen Kopf verlüften, und hie und da blieb er stehen und atmete tief auf. Er war hier zu Hause, es brauchte nicht lang, bis die stillen Geister des Waldes ihr sänftigendes Werk an ihm getan hatten. Da freute ihn wieder der wilde Rosenstrauch am Wege, und der Ameisenhaufen, und das leise Spiel der Birkenblätter über ihm.

„Die armen Kerle,“ sagte er und gedachte seiner jungen Leute; „es sind so baumstarke Burschen unter ihnen; was wollen die von der Poesie? Sich recken und vertoben möchten sie. Etwas schaffen mit ihren Gliedern.“ Er sah an seiner eigenen, schmalen Gestalt hinunter. Er hatte freilich keinen Überschuß an Körperkräften. Er lächelte, es war etwas Befreites darin. „Es möchten doch zehn Fromme in Sodom sein, oder fünf.“ Er ließ die Gesichter seiner Schüler an sich vorübergehen. „Ganz umsonst — ein Schlag ins Wasser — nein, das ist es doch nicht, was ich tue. — Der? Oder der? Der Ehrensperger, das ist ein besonderes Kraut. Dumm ist er nicht, aber zerstreut. Daß ich den nicht anzufassen verstehe. Aber was ist das?“ Da schallte eine helle Knabenstimme durch die Büsche. Es war von einem, der sich ganz allein dünkte. Was war das? Das hatte er heut vorgetragen. Da schoß ihm eine lichte Freude durchs Herz. Er stand still. Da drinnen schritt der lange, blasse Junge, der ihm soeben so stark nachzudenken gegeben hatte. Er hatte die Mütze tief im Nacken und sein Gesicht strahlte von heller Begeisterung.

„Laß die Ketten mich zerschlagen; Frei zum schönen Gottesstreit Deine hellen Waffen tragen, Gib zur Kraft die Freudigkeit!“

Wie es darin klirrte von „hellen Waffen“, wie es sich reckte von Freiheitsverlangen, alles war frisch und stark und aufgerichtet darin. Das war der Träumer? Jetzt hatte er ein waches Gesicht. Alle guten Geister wohnten darin. Und der Lehrer wußte mit einemmal: „Der da gehört zu deiner Gemeinde.“ Das war nichts kleines. Er wollte ihn aber vorübergehen lassen, still und ohne ihn zu stören.

Da sah Georg plötzlich auf ihn. Gerade durch einen Ausschnitt in dem Buschwerk, das da am Grabenrand stand. Gerade in die ruhigen, dunkeln Augen des Wiblinger Magisterbilds hinein, das da in einem Rahmen von grünen Zweigen auftauchte. Das Bild war aber lebendig und nickte ihm zu.

Da wurde er dunkelrot. Ob der Lehrer wohl alles gehört hatte?

„Grüß Gott, Ehrensperger. Auch da oben?“

„Grüß Gott, Herr Professor. Ja.“

„Wir könnten aber miteinander gehen, wenn wir doch denselben Weg haben. Wohin gehen Sie, Ehrensperger?“

„Ich? O, nirgends.“ Es fiel ihm absolut keine andere Antwort ein. In seinen Phantasien, da wußte er immer bedeutende Dinge zu sagen. Aber dies war Wirklichkeit.

„Nirgends? Dahin geh’ ich auch. Da gehen wir zusammen. Nur so durch den Wald.“

Da kam der Lehrer auf den Fußsteig herein, weil Georg nicht zu ihm herauskam. Und dann schritten sie selbzweit dahin.

Innen jubilierte die heimliche Liebe. Außen ging ein sehr gesetzter junger Mann neben seinem Lehrer her. Wer nun zuerst etwas sagte? Und was? Die allergrößten Gedanken schwirrten durch den Kopf des Beglückten.

Da trug er die innere Bewegung nicht mehr und um sich Luft zu machen, riß er einen stattlichen, hellgrünen Zweig von einem Haselbusch und schlug sich damit aufs Knie, daß die Blätter flogen.

Der Lehrer blieb stehen, sah den Haselbusch an und dann den Zweig.

„Setz’ ihn wieder dran,“ sagte er lächelnd, „wenn du kannst.“

Er dachte nicht daran, daß er du sagte. Dies war so ein junges, rasches Gemüt und er mußte es liebhaben.

Dem Jungen stieg eine schnelle Blutwelle bis unters Haar.

Er besah den Zweig; es hing ein Tröpflein Saft daran wie ein Blutstropfen. Und er besah den Mann; er hatte ihn im Verdacht, daß er der Rektor Cabisius sei in einer Verkleidung. Der hätte auch so sagen können.

„Ich tu’s nicht mehr,“ sagte er. Nein, er konnte den Zweig nicht mehr dransetzen, er blieb abgerissen. Das Herz schlug ihm darüber. Daran hatte er noch nie gedacht. Und auf Größeres kamen sie nicht miteinander. Sie erlebten gar nichts. Sie gingen nur so miteinander durch den Wald und besahen sich die Galläpfel an den Eichenzweigen und ein Heer von kleinen, purpurnen Blattläusen, die an einem Rosenstrauch saßen und fraßen. Eine große, gelbe Kröte sahen sie über den Weg tappen in plumpen Sätzen, und dachten sich aus, bei wem sie auf Besuch gewesen sei, und sie horchten auch auf die Stimmen der Waldstille. Derer waren mancherlei.

Als sie aber an eine Kolonie von Pilzen kamen, die beieinander in einem vermodernden Baumstrunk standen, da hielt Georg Ehrensperger die Haselgerte zurück, die schon in seiner Hand zuckte, um ihnen allesamt die Köpfe abzuschlagen. Sie standen da so zierlich und fein und lebten ihr kurzes Leben, und war jeder wieder ein bißchen anders, als der andere. Und als sie beide näher hinsahen, da lebte der ganze Baumstrunk. Ameisen schleppten ihre Lasten und Käfer kletterten an den Pilzen empor. Sie wußten wahrscheinlich schon zu welchem Zweck; das ging die Menschen nichts an. Und das war alles, was die beiden miteinander erlebten.

Der Lehrer wohnte auf der Höhe und der Schüler im Tal, und als sie sich trennten, hatten sie gar nicht viel Interessantes miteinander geredet. Es war merkwürdig, daß sie einander dennoch so bekannt vorkamen, ja, daß jeder für sich gesonnen war, das heutige zufällige Begegnen mit Willen zu wiederholen.

Da konnten sie ja dann nachholen, was sie etwa heut versäumt hatten. Da konnte Georg Ehrensperger noch einen Anlauf nehmen und sagen, daß er gesonnen sei, Eichendorffs Lieder in Musik zu setzen, und daß ihn der Gedanke daran in den Wald herauf getrieben habe, und daß ihm das nicht so schwer vorkomme.

Und der Lehrer konnte ihm dann mitteilen, daß auf diesen Gedanken schon einige Zeit vorher auch rechte Leute gekommen seien und daß sie ihn auch ausgeführt haben, aber daß es ihm ja unbenommen sei, sein Heil auch noch daran zu versuchen.

Und es war nur schade, daß jetzt die Sommervakanz kam und daß nach derselben auf des Professors Katheder ein anderer Mann stand. Und daß Georg Ehrensperger alles, was sich während der langen Wochen in ihm angesammelt hatte, samt seiner heimlichen Liebe, die nur einen Sonnentag erlebt hatte, auf den Pragfriedhof tragen mußte, wenn er es an den Mann bringen wollte.

Er brach aber einen Strauß von grünen Zweigen, und brach jedes Zweiglein mit Bedacht und es reute ihn nicht; den trug er dort hinaus.

** *

Einmal, das war an einem Werktag, da war ein außergewöhnlicher freier Nachmittag. Cannstatter Volksfest. Die Stadt war wie ausgeleert. Es schien, als ob alle Menschen dort unten auf dem Festplatz seien; niemand auf den Straßen, niemand an den Fenstern. Frau Mollenkopf war auch fort; sie war mit einer Nachbarin gegangen. Es mußte schon etwas so überwältigendes sein, wie das Cannstatter Volksfest, wenn sie am Werktag frei machte.

„Aber,“ hatte die Nachbarin gesagt: „am Volksfest schaffen? Das kommt mir vor, wie eine Sünd’. Einmal der Brauch ist’s nicht.“

Ja, und gegen den Brauch wollte Frau Mollenkopf nicht angehen. Da zog sie ihr zweitbestes Kleid an und zog mit der Nachbarin aus. Georg Ehrensperger war auch dort drunten gewesen; gestern gegen Abend. Die ganze Klasse war dort gewesen und er mit. Karussell, Schießbuden, Wachsfigurenkabinette, Moritatensänger, neues Sauerkraut und warme Würstchen, neuer Wein.

Er hatte genug von gestern.

Nun saß er am Klavier und übte. Er wollte den ganzen Nachmittag dazu benützen. Er mußte vorwärts kommen, es ging viel zu langsam für seinen Geschmack. Das war nicht nur so, wie zu Haus in Wiblingen unter der Bettdecke, wo es mühelos gegangen war. Hier, in der Wirklichkeit, da gab es Fingerübungen, fünfzig mal dieselbe, und dann zur Abwechselung Tonleitern.

„Sie haben etwas spät angefangen,“ sagte der Lehrer tröstlich, „das kommt noch; nur Übung, Übung.“

Ja, da saß er denn und übte. Aber ob er es jemals dazu bringen würde, so zu spielen, wie sein Lehrer?

Er zog während der Schulstunden an den Fingern, daß sie knackten. Das sollte ja gut für die Gelenkigkeit sein.

Nein, das war wohl nicht möglich, daß er je so weit kam. Zuweilen, da konnte es ihn förmlich rütteln. „Ich will aber,“ sagte er zu sich selbst und zu Ernst Daxer, der immer bereit war, ihn anzuhören. Und dann konnte sich Frau Mollenkopf segnen, wenn er im Gymnasium war, und segnen, wann er in seiner Stube saß und zu lernen hatte. Denn im Übrigen gab es keine Rettung, weder für ihre Ohren, noch für ihr altes Klavier.

Es war ein Klimperkasten; aber da war nun nichts zu machen, Georg fand, es sei immerhin besser als gar keins.

Wenn nur das Denken nicht wäre.

Es wäre ein solch schöner, ungestörter Nachmittag gewesen.

Aber nun fiel ihm ein: ob er wohl später, wenn er das alles in den Fingern hatte, und wenn er einmal ein rechtes Klavier besaß, ob er dann alles das, was ihm so eigenes durch den Kopf ging, spielen konnte? Nicht nur so ein bißchen verlegen in der Dämmerung — nein, recht wie es sein mußte? Am Ende gar niederschreiben? Aber dazu mußte man noch ganz andere Dinge lernen, soviel wußte er nun auch von der Sache.

Während dieses Nachdenkens lagen die Hände ruhig auf den Tasten. Dann erschrak er und spielte weiter. Es war eine dumme Geschichte, das war nicht zu leugnen: er hätte das alles schon lang lernen sollen, dann wäre er jetzt weiter. Eine einfache Wahrheit; aber nun war es so, wie es war. — Der Milchwagen da unten; die Blechkanne stießen beim Fahren aneinander; im Dreivierteltakt, dachte er. Aber eine davon, die ratterte immer dazwischen, ratatat—ta. Es war unausstehlich. So, nun war es vorbei.

Er konnte wohl auch eine Pause machen, das Übungsstück war nicht so überaus anziehend. Ja, um es recht zu sagen, er hatte es plötzlich dicksatt. Er nahm es und warf es mit Wucht auf den Klavierdeckel, da rutschte es weiter und fiel zu Boden. Von dort mußte es Georg später wieder aufheben, das war alles, was damit erreicht war.

Obwohl gar nichts besonderes auf der Straße zu sehen war? Nein, nach vorn heraus nicht. Aber vielleicht im Hof? Es konnte ja ausnahmsweise sein. Ja, da stand ein kleiner, buckliger Mann und spaltete Holz. Georg kannte ihn vom Sehen, er wohnte im Hinterhaus und ging als Holzspälter auf Taglohn und hatte eine große, starke Frau. Sonntags, da gingen die beiden schon des morgens mit den Gesangbüchern aus dem Haus; also wohl in die Kirche. Der Mann trug dann immer einen langen, schwarzen Rock; es sah eigentlich drollig aus: die kleine, gebückte Gestalt, und die langen Rockschöße, die fast auf dem Boden hingen.

Georg hatte plötzlich Lust, den Mann ein bißchen kennen zu lernen. Es war sicher besser, ein wenig mit dem Spielen auszusetzen. Es ging nachher um so frischer voran. Als er so weit war in seinen Gedanken, ließ er eins der Handtücher, die zum Trocknen aus dem Fenstersims ausgebreitet waren, in den Hof hinunterfallen. Ja, es muß gestanden werden, daß er es tat. Er hätte ja ruhig hinuntergehen können und ein Gespräch anknüpfen. Aber so war Georg Ehrensperger nun eben nicht beschaffen. So hätte es Gertrud Cabisius gemacht; daran dacht er im Hinabgehen. Denn nun mußte er das Handtuch wieder holen.

Der kleine Mann drehte sich um und sah auf, als er die Tür hinter sich knarren hörte. Da stand der lange, schmale, junge Mensch vor ihm. „Ich — es ist mir etwas“ — nein, nun mochte er doch nicht lügen. Er bückte sich und hob das Tuch auf. Aber der Holzspälter war nicht schwerfällig. Er hatte gleichfalls Lust zu einem kleinen Schwatz. Er hatte ein rundes, freundliches Gesicht, das an beiden Seiten von einem schmalen, dunklen Bart eingerahmt war. Das Kinn war glatt rasiert. Auf dem Kopf prangte eine mächtige Glatze. „So?,“ sagte er, „nicht auf dem Volksfest, junger Herr, hm?“ „Nein,“ sagte Georg, und, da ihn beim Anblick des kleinen Mannes ein heimatlich-behagliches Gefühl überkam, so wuchs ihm der Mut, hinzuzusetzen: „Und Sie, Sie sind ja auch nicht dort.“

„Ha, ha,“ lachte der Holzspälter und trennte mit einem mächtigen Hieb ein Stück Holz in zwei Teile, „das wär ja schön. Ich da unten! Nein, wissen Sie, alles was recht ist, ich kann Holz spalten, wie einer. Aber so extra gewachsen bin ich nicht, daß ich mich grad auf dem Volksfest zeigen möchte. Ha, ha,“ er lachte wieder, es schien ihm ein erheiternder Gedanke zu sein, daß er dort drunten seinem Vergnügen nachgehen könnte, er!

„Meine Frau ist hingegangen,“ fuhr er fort, „natürlich. Wissen Sie,“ nun reckte er sich aber doch ein wenig und legte die geballte Faust auf die Brust, „bei mir, da tät es sich auch wegen des Standes nicht recht schicken, daß ich zu so was ginge.“

Georg machte große Augen. Wegen des Standes?

„Ja,“ sagte der Mann, „das sieht man mir nicht an, wenn ich Holz spalte; ich bin so ein bißchen geistlich, wenn man so sagen will. Kirchlicher Beamter. An der Hoforgel; Orgeltreter in der Schloßkirche.“ Sein Gesicht drückte plötzlich etwas wie Würde aus; es war ihm vollständig ernst mit dem Stand. „Man muß immer wissen, was sich schickt,“ sagte er.

Da kamen sie denn unversehens in ein dauerhaftes Gespräch. Es fiel Georg Ehrensperger nicht ein, zu lachen. Er interessierte sich für die Orgel, er fand es viel schöner, selbst etwas damit zu tun zu haben, als nur zuzuhören. Und er gestand, Orgelspielen, das gehöre zum Höchsten; wenn er heimkomme nach Wiblingen, in der großen Vakanz, dann wolle er es versuchen; er bekomme schon den Schlüssel, das wisse er. Der Hoforgeltreter staunte. Das war ein kühner Gedanke; ihm, das mußte er gestehen, war es immer unbegreiflich, wie man es so weit bringen könne. Mit Händen und Füßen zu spielen, das war doch schon eine Leistung. „Aber freilich,“ nun lachte er wieder, „ich hab’s in der Musik auch nicht weit gebracht. Alles, was recht ist. Auf einem Kamm blasen, das kann ich, und das Orgeltreten, das versteh’ ich, wie einer. Aber mein Sohn, der!“ Er schüttelte den Kopf, als ob ihm jeder Ausdruck fehle, zu sagen, was sein Sohn für einer sei. „Der ist bei den Posaunenbläsern auf dem Stiftskirchenturm. Alle Achtung.“

Ja, das war so das richtige Thema für die beiden.

Georg Ehrensperger saß auf der Holzbeige und der Alte, er hieß Knupfer, auf dem Haublock.

„Wenn einer will,“ sagte er, „wenn einer weiß, was er will. Der? der hat’s wohl gewußt. Jawohl, junger Herr. Alles was recht ist.

Ich hab’ ihn zu einem Schreiner in die Lehr’ getan. Aber immer gepfiffen und gesungen, und immer Musik im Kopf. Hat alle Pfennig zusammengespart, wissen Sie, hat allemal Trinkgelder bekommen, wenn er die toten Leut hat müssen helfen in die Särge legen. Ja, und da ist beim Vorkäufer da drüben ein Piston feil gewesen, ein altes Ding, aber noch gut. Das hat er gekauft, als er die Hälfte des Geldes beieinander hatte; die andere Hälfte hat er nach und nach bezahlt. Der Vorkäufer, der kann auch rein alles, der hat ihm die Griffe gezeigt. Und da ging’s an. Aber, o je, als der Bub in seiner Kammer hat blasen wollen, da ist der Meister gekommen, der Schreiner. Hat einen Kopf gehabt, so rot wie, wie —“ er sah sich vergeblich nach einem Vergleich für die Röte von des Meisters Kopf um, es gab nichts so rotes — und hat gesagt — und hat geschrieen: ‚Still, auf der Stell’, und daß ich das nimmer hör. Meine Frau sitzt drunten und hat die Händ’ vor den Ohren. Meinst du, ich woll’ deinethalb um den Hausfrieden kommen?‘

Denn, junger Herr, die Frau Meisterin, die hat das Heft in der Hand gehabt und der Meister, der hat so tun müssen, wie sie wollte.

Und als er gesehen hat, wie dem Buben alles verhagelt war, und daß ihm das Wasser in die Augen geschossen ist, da — er ist so unrecht nicht gewesen —, da hat er gesagt: ‚Wenn du’s einmal kannst, dann darfst du blasen, sauber und glatt, dann hat meine Frau — dann haben wir nichts dagegen. Aber vorher nicht.‘

Alles was recht ist, junger Herr. Es tut nicht schön, — obgleich ich nicht viel davon verstehe, — wenn einer ein Blasinstrument an den Mund setzt, das er noch nicht zu blasen gelernt hat.

Aber das muß ich doch sagen, wenn er sich nicht üben darf, dann lernt er’s auch nicht. Also, so war’s bei meinem Buben.

Aber, das hab’ ich schon einmal gesagt und sag’s noch einmal: wenn einer weiß, was er will. Da hat der Bub ein ganzes Jahr lang jeden Abend in den Kleiderkasten hineingeblasen, kein Mensch hat’s gehört, und hat sich geübt. Und als das Jahr herum war, da hat er eines Abends das Fenster aufgemacht und hat über die Gasse hin geblasen: „Wie schön leucht’t uns der Morgenstern,“ und hat zu keinem Menschen etwas gesagt. Und am andern Morgen sagt der Meister beim Kaffee: „Wilhelm, wenn du’s so könntest, wie der, der gestern Abend geblasen hat in der Nachbarschaft, dann hätt’ kein Mensch etwas dagegen. Siehst du? Der kann’s.“ Da hat mein Wilhelm ein Schelmengesicht gemacht und gesagt: „Meister, das bin ich gewesen.“

Ja, und von da an, sehen Sie, junger Herr, da ist er über das Gröbste hinüber gewesen. Und jetzt? hab’ ich’s schon gesagt? jetzt ist er bei den Stadtzinkenisten auf dem Stiftskirchenturm. Ja, und so weit kann’s der Mensch bringen, wenn er sich übt in der Geduld und wenn er das Schenie dazu hat.“

Da glitt Georg Ehrensperger von seinem hohen Sitz herunter und sagte, daß er nun wieder ins Haus müsse und gab dem Alten die Hand.

Und es war eine Pause von einer halben Stunde gewesen, und der Nachmittag lag noch ebenso still über der Altstadt, und das Notenheft lag noch auf dem Boden, ganz wie vorher.

Aber nun hob er es auf und machte sich dahinter und tat, wie Knupfers Wilhelm, er übte sich in Geduld, und als Frau Mollenkopf nach Hause kam, da übte er auch sie in der Geduld, und es ging ihm wie allen, die auf mühseligen und eintönigen Wegen an ein ersehntes, schönes Ziel gelangen müssen: er kam, einen Schritt um den andern, — um noch einmal mit dem Hoforgeltreter Knupfer zu reden „über das Gröbste hinaus“.

Viertes Kapitel

Inzwischen war weder in Wiblingen noch sonstwo auf der Welt das Leben stehen geblieben. Die Alten waren mehr in das Alter und die Jungen mehr in die Jugend hineingewachsen.

„So,“ sagte Gertrud Cabisius, als Georg nach dem Maturitas nach Hause kam, „das hätten wir hinter uns.“ Immer noch „wir“, wie einst, da sie als Kinder unter dem Apfelbaum saßen und Pläne schmiedeten.

Dort saßen sie auch jetzt wieder, dort und an allen alten Plätzen. Aber nun waren sie groß geworden. Er lang und schmal und etwas blaß, immer noch mit leichten Sommersprossen auf der Stirn, immer noch mit dem weichen, etwas verlorenen Gesichtsausdruck, den Kopf manchmal wie horchend etwas vorgeneigt, immer noch leicht zu hohen, starken Gefühlen entflammt, die ihn wie Flügel trugen, und leicht auf die Erde geworfen, die Nase nach unten. Sie breit und hoch gewachsen, mit kräftigen, etwas schweren Bewegungen, trug den stark entwickelten, klugen Kopf, um den die braunen Zöpfe lagen, sicher und aufrecht, so, wie ein guter, junger Baum seine Krone trägt. Ihr Gesicht war ein wenig bräunlich, breit und offen, der Mund schmal und fein, die Nase, die war ihrer Großmutter geheimer Kummer, denn sie nahm entschieden ein bißchen viel Platz ein, die Augen braun, klug und warm dabei.

„Wenn sie ein Mann wäre,“ dachte die Großmutter im Stillen, „dann wär alles gut.“ Dem Rektor war die Enkelin recht, wie sie war; er fand so viel Erfreuliches an ihr, daß er nicht noch mehr begehrte.

Er hatte im vergangenen Herbst Feierabend gemacht. Achtundvierzig Jahre seines Lebens hatte er der Jugend gewidmet. Als er ging, hatten sie in der Wiblinger Lateinschule ein Fest gefeiert, mit Reden und Gesängen, und man hatte ihm gesagt, daß er ein gutes und wackeres Werk vollbracht habe, und hatte ihm eine goldene Taschenuhr von beträchtlicher Größe und Dicke gewidmet, und ein Schüler hatte ihm in Versen gewünscht, daß diese Uhr noch viele freundliche Stunden für ihn zeigen möge. Es war ein schönes Fest gewesen; und jedermann fand, daß dem alten Herrn nun das Ausruhen zu gönnen sei; auch der neue Rektor, der ein feuriger, eifriger Mann war, fand das. Und es gehörte offenbar zu den Schwächen des Alters, das sich nicht mehr leicht umgewöhnen kann, daß der Rektor Cabisius sein gewohntes Tagewerk und seine Jugend dennoch vermißte.

Aber das sollte er nicht lange tun.

„Großvater, jetzt soll’s fein werden,“ sagte Gertrud und nistete sich in der Studierstube ein, und schlug alle die Bücher auf, nach denen ihr lebendiger, junger Geist stand.

Da ging es dem alten Herrn wieder wie einst: „Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg, es ist eine Freude, ihr zuzusehen, und eine Freude, sie zu unterrichten.“

Da freuten ihn denn bald seine freien Jahre wieder. Er hatte die Jugend bei sich im Haus.

Die Großmutter konnte sich billigerweise auch nicht beklagen. Eigentlich und im Grunde tat sie’s auch nicht. Die Gegenwart war ihr recht, nur die Zukunft machte ihr hie und da Sorge.

Aber sie hatte nicht viel Zeit, darüber zu grübeln, obgleich sie immer noch im Lehnstuhl saß und sich nicht fortbewegen konnte. Denn nun horchte sie wahrhaftig noch zu, was die beiden mit einander zu bereden hatten. Sie wollte nicht allein im Wohnzimmer sitzen, obgleich der Rektor sagte: „Wenn dir’s aber zuviel wird, Anne?“ Es fing allerlei an, sie zu interessieren, wozu sie früher nicht so die ruhigen Gedanken gehabt hatte. Von unseren Vorfahren von alten Zeiten her, und wie das deutsche Land aussah, zur Zeit von Christi Geburt und noch früher.

Einmal, da nickte sie sehr einverstanden mit dem Kopf. Das war, als die Rede darauf kam, wie die alten Frauen, die unter unseren Vorvätern lebten, in so hohen Ehren standen. Von der Last der Jahre gebückt, den Schnee des Alters auf dem Scheitel, zahnlos der Mund, aber noch glänzend das Auge, so wohnten sie unter den ihrigen und sahen Enkel und Urenkel, und die starken Männer, rauh vom Jagd- und Kriegshandwerk, gingen ehrerbietig mit ihnen um, und die Jugend zügelte vorlaute Reden, wenn die Ahnfrau sprach.

Ja, manchmal erhob sich eine zusammengekauerte Gestalt vom Herdfeuer, an dem sie gesessen, zu voller Höhe, wann der Feind ins Land fiel oder wenn die Barden neue, seltsame Nachrichten brachten von fremden Göttern und Völkern. Und sie reckte die Hand aus und deutete Vogelflug und Wetterzeichen, verwob Vergangenes und Künftiges und sprach verheißende Worte und sank wieder auf den Ruhesitz zurück. Und im Kreise ging ein Gemurmel: „Hört ihr’s, was die Ahnfrau sprach?“

„Abgesehen von der unchristlichen Zeichendeuterei,“ sagte die Rektorin, „wäre es nicht übel, wenn heutzutage noch etwas davon übrig wäre. Aber das ist nun anders. Wo in aller Welt hat eine alte Frau noch etwas zu sagen?“

Da waren sie schon neben ihr.

„Ja, jetzt lacht ihr; das Lachen, das soll wohl etwas helfen?“

„Aber Anne, wer hat denn zum Beispiel hier in diesem Hause etwas zu sagen außer einer gewissen alten Frau?“

„Großmutter, du kannst dich nicht beklagen.“

„So? Ich alte Frau sitze hier und soll das alles mitanhören. Still. Ich rede nicht von heute. Aber gestern, das mit den Erdschichten, und wie die Gletscher entstanden und die Gebirge und Meere. Was soll ich damit? Auch habe ich starken Verdacht, daß es nicht christlich sei, dem allem nachzugrübeln. Wenn wir das wissen sollten, stünde es in der Bibel.“

„Aber Anne; Gott hat ein Haus gebaut und wir sollten als Kinder des Hauses nicht darin umherstöbern dürfen, und, so viel Kinder verstehen können, nachsehen, wie das Kellergewölbe beschaffen ist und das Fachwerk und das Dach? Weil uns das nicht von vornherein gesagt ist, sollen wir uns nicht besinnen dürfen und nicht fragen? Anne, es bleibt noch genug übrig, das nicht zu ergründen ist; davon wollen wir die Hände lassen und warten, ob der Vater uns einmal als erwachsene Söhne wird in seinen Bauplan mit hineinsehen lassen. Wenn nicht, müssen wir auch so zufrieden sein.“

Dagegen wußte sie nichts zu sagen.

Sie saß und hatte die dick geschwollenen Füße auf einen hohen Schemel gelegt und mit Decken umhüllt, und war von Liebe umgeben. Sie wußten es wohl, daß das nicht mehr anders komme, bis — ja bis. Unser Leben währet siebenzig Jahre und wenn’s hoch kommt, achtzig Jahre. Fünfundsiebenzig war die Rektorin und ihr Gatte siebenundsiebzig. Das sprach von selbst. Nun kamen die geschwollenen Füße hinzu. Aber sie gingen wie bisher miteinander weiter, jedes nach seiner Art und wußten, daß sie zusammengehörten.

Es war nie mehr die Rede davon, daß Gertrud ein Examen machen sollte. Es ging alles fort wie bisher; nur daß die alte Frau weiter hinaussorgte, nicht für sich, für das Kind. Ihr Gatte tat das nicht. Es war früher umgekehrt gewesen; da hatte er in die Ferne gesehen, nun tat sie es.

„Ich könnte es dem lieben Gott überlassen,“ sagte sie, „aber Gertrud ist anders als andere Mädchen, das ist es, was mir Sorge macht.“

„Ach, du denkst: Diese Spezies ist dem lieben Gott noch nicht vorgekommen, da muß schon die Rektorin Cabisius eingreifen?“

Da sah sie zu ihm auf, mit demselben Blick wie in jungen Jahren, rasch aufflammend und ein wenig ärgerlich, und dann, wider Willen lächelnd, wenn die Augen einander begegneten, und dann immer stiller.

Er hatte ja Recht. Was konnte das Sorgen helfen? War nicht immer alles gut geworden? Da lehnten sie ihre grauen Köpfe aneinander und saßen still beisammen.

Gertrud focht die Zukunft noch nicht an. Sie war siebzehn Jahre alt, und das Leben fing erst an, ihr seine Weiten aufzuschließen. Es verstand sich von selbst, daß es schön wurde; es war aber auch jetzt schön. Reich war es. Sie erzählte ihrem Kameraden, Georg Ehrensperger, der in der Vakanz daheim war — er rüstete sich zur Hochschule — von allem, was dazu gehörte. Sie stand in der Küche; mitten in der Küche stand ein weißer tannener Tisch, darauf die große, steinerne Teigschüssel. Den Teig darin klopfte sie mit viel Kraft und in vielen Pausen. Die Pausen hingen mit der Unterhaltung zusammen.

Georg Ehrensperger saß auf der Wasserbank, links und rechts von ihm standen hölzerne Wassergölten.

„Du wirfst noch eine davon hinunter, du solltest dich anderswo unterbringen,“ sagte Gertrud.

Er lachte behaglich.

„Ich sitze gut hier. Was soll aus dem Teig werden?“

„Weißbrot. Großmutter ist jedesmal in Sorge, daß es speckig werde oder sonst mißrate, wenn ich den Teig nicht unter ihren Augen mache. Ich muß ihn besonders gut durchschaffen.“

Sie gab dem Teig ein paar kräftige Stöße.

„Ich bin siebzehn. Brotbacken ist nicht schwer. Ich bin froh, daß ich nicht buntsticken muß. Großvater hat mir geholfen, er sagt, man komme auch so durch die Welt. Kochen und backen aber, das soll ich. Das tu’ ich auch gern.“

„Da hat er Recht“. Georg nickte sachverständig.

„Du schlägst aber die Schüssel auseinander. Was für feste Arme du hast.“

„Nicht?“ Sie reckte sich. Die Ärmel ihres Hauskleids waren bis über die Ellbogen hinaufgeschlagen.

Da kam ihr ein guter Gedanke.

„Wir wollen sehen, wer stärker ist. Das ist jetzt drei Jahre her, seit wir nicht mehr gerungen haben. Komm.“

Sie setzte immer noch wie einst ihre Fußstapfen neben die ihres Kindheitskameraden. Geistig und körperlich war sie stark und frisch.

Er blieb behaglich auf der Wasserbank sitzen.

„Du mußt dir vorher die Hände waschen, sonst teigst du mich ganz und gar ein. Nachher. Du zwingst mich nicht nieder, bilde dir nichts ein.“

Die Rektorin Cabisius wäre nicht besonders hoffnungsvoll für das Gelingen des Weißbrots gewesen, wenn sie gesehen hätte, wie das nun ging. Eins, zwei, drei, Laibe geformt, in die Körbe gesetzt.

„Was sagst du, Marie? Nicht genug durchgeknetet? Ist nicht möglich. Denk’ einmal, als Sarah Kuchen buk, damals im Hain Mamre, da saßen die drei Männer schon und warteten aufs Essen. Wenn die hätte eine Stunde lang Teig kneten wollen! Ich bin überzeugt, daß die Kuchen gut wurden und daß das Weißbrot vorzüglich wird.

Schüttle den Kopf nicht so bedenklich, du bist nicht so viel älter als ich!“

Marie war das Mädchen. Sie stand an der Spülbank und warf hie und da einen Blick hier herüber. Achtzehn war sie, klein, rund und rotbackig, mit lustigen, braunen Augen; eins davon schielte, aber das sah immer nach einer Schelmerei aus. Es konnte ihr einerlei sein mit dem Brot, aber sie war dennoch überzeugt, daß es nicht genug durchgeknetet sei.

„So, jetzt komm,“ sagte Gertrud, „du bist doch wohl nicht zu gediegen für so etwas?“

Da warf Georg den Kopf zurück und reckte die Arme: „Komm.“ Es wurde aber nicht entschieden, wer stärker sei, denn sie warfen richtig das eine, volle Wassergefäß um.

„Es ist zu nah am Rand gestanden,“ sagte Gertrud, „es kippte gleich um.“ Dann half sie, den Küchenboden aufzutrocknen.

** *

Es wurde auch in allerlei andern Dingen nicht entschieden, wer stärker sei. Dazu nahmen sie es nicht ernst genug, wenn sie je einmal daran gingen, sich zu messen.

Marie mußte noch oft den Kopf schütteln. So etwas hatte sie doch ihrer Lebtage noch nicht gesehen.

Manchmal, da schienen sie zwei richtige Kindsköpfe zu sein.

Sollte man es glauben? Sie ritten ja wahrhaftig noch auf dem Treppengeländer: wer es besser konnte. Und sie stiegen miteinander auf den Turm und ließen sich von Frau Judith Märchen erzählen: Goldmarie und Pechmarie, und vom Machandelbaum, und halfen dem Meister Nössel beim Läuten. Der war auch eisgrau geworden. — Und dann wieder waren sie so überaus ernsthaft, huh. Da saßen sie ehrbar in der Laube, oder an dem Steintisch unter dem Ahorn, oder in der Wohnstube und lasen aus schweren, dicken Büchern und oft in einer unverständlichen Sprache, und machten nachdenkliche Gesichter und sprachen so klug, daß es Marien eine Gänsehaut gab, wenn sie nur in die Nähe kam. Sie, Marie, hütete sich wohl, in ein Buch zu sehen, außer Sonntags, wo sie in der Kirche das Gesangbuch benützte. Es war ihr rein unverständlich, wie zwei junge Genossen derlei Dinge miteinander treiben konnten.

Manchmal stritten sie sich auch. Aber worüber? Kein Mensch konnte verstehen worüber, meinte Marie.

Aber Marie hatte „eine Ahnung“, wie Georg sich ausdrückte, was ja freilich heißen sollte, daß sie keine Ahnung habe.

Sie war aus dem Weiler Hinkelsbach, der ganz nah bei Wiblingen lag, und konnte von der Dachluke aus den Rauch ihres väterlichen Hauses sehen, und war ein junges, vergnügtes Ding, und konnte wunderschöne, alte Volkslieder singen, zu denen Gertrud häufig die zweite Stimme sang. Aber im übrigen, was wußte sie von dem, was die beiden einander mitzuteilen hatten?

Sie bekamen ja richtig den Kirchenschlüssel, und Georg spielte die Orgel und Gertrud sang einmal mit ihrer tiefen Altstimme Händels Largho von dort oben herunter in die leere Kirche hinein und wunderte sich, wie voll es klang, und saß ein andermal mit in dem Schoß gefalteten Händen und horchte vom Schiff aus und meinte, daß die Orgel noch nie so geklungen habe, wie heute, da ihr guter Kamerad daran saß. Sie wußten es nicht anders, als daß sie immer noch Kameraden seien. Sie besannen sich auch nicht darüber. Hatten sie nicht ihr Leben lang alles geteilt, und einander gequält, wenn’s sein mußte, und einander verstanden, besser als alle anderen Freunde, trotz mancher Reibereien?

Gertrud hatte nicht so recht das Zeug zur Freundschaft mit den jungen Mädchen des Städtchens. Das war von jeher so gewesen, weil sie immer am liebsten beim Großvater gewesen war.

Es waren verschiedene Versuche gemacht worden, ein Kränzchen, ein Kurs im Englischen mit den Honoratiorentöchtern, weil die Großmutter es wünschte. Aber Gertrud war dort nicht ganz sie selbst, ihr eigenes fröhliches Ich. Sie wußte nicht recht mitzureden und wußte, was sie selber hatte, nicht anzubringen. Seit die Großmutter so anhaltend krank war, blieb sie zu Hause. Es war ihr lieber so.

Sie hatte auch Freunde.

Eine Kamerädin aus der Volksschule, ein kluges, feines, lahmes Mädchen, das einer Witwe gehörte und so gut es ging, ums Brot nähte. Dort wußte sie sich aufzutun. Dem Mädchen ging ein helles Freudenlicht auf, wenn Gertrud kam und sich zu ihr setzte. Und sie nahm ihr das Wort aus dem Munde. Sie hatte solch einen hungrigen Geist. Und weil der Acker ihrer Seele so sehnlich wartete und so aufgerissen war vom Entbehren und Verlangen, so fielen die Körner, die Gertrud aus ihrem Überfluß hinwarf, tief hinein und gingen an den langen, einsamen Tagen auf und gaben eine reiche Ernte. Feine, sinnige, tiefe Gedanken und eine stille, stolze Freude, am Sein und Leben teilzuhaben, und ein Verständnis für die Menschen in den Büchern, die sie zu lesen bekam: ob sie echt und lebendig seien oder nicht. Es kam hundertmal wieder herein, was Gertrud dort hintrug. Das war eine Freundschaft. Es gab deren mehrere.

Den uralten Totengräber Heilemann, der so wunderbare Geschichten aus der Franzosenzeit wußte, und die junge, lustige Frau Liselotte, die einst Magd bei der Großmutter und ihr Patenkind gewesen war. Sie hatte einen Fabriknachtwächter und Flickschuster geheiratet und ihr kleiner, dickköpfiger Bube war Gertruds Patenkind. Und die Spinnricke, die ums Geld spann und die mit tiefer Stimme erzählte, daß sie „schon wieder einen Blick ins Jenseits“ getan habe. Es war nichts, das Gertrud in ihrem jungen Leben vermißte. Aber Georg war ihr Kamerad. Das war doch wieder anders.

** *

Seinen Platz an dem breiten, geräumigen Ecktisch in der Ladenstube des Ehrenspergerhauses nahm Georg wieder ein; aber auch seinen Platz auf der niedrigen Truhe in des Rektors Studierstube. An beiden Orten holte er sich, was da für ihn zu holen war.

Jungfer Liese, die sich allmählich angewöhnt hatte, die Ellbogen breit auf den Tisch zu legen und sich kecklich ganz auf den Stuhl zu setzen, tat ein Übriges und fütterte an dem langen, mageren Menschen herum; und faßte eines Tages ein Herz und fragte, was denn aus dem vielen Geld geworden sei, das der Herr Vetter immer bezahlt habe, da der Sohn nach Hause komme, dürr, wie eine von Pharaos Kühen? Er solle Franz ansehen, das sei noch ein junger Mensch, wie man ihn könne gelten lassen.

Franz war vor kurzem aus der Fremde zurückgekommen, wo er sich in Zeit von einem knappen Jahr einige Welt- und Lebenserfahrung, einen schön geschwungenen Schnurrbart und einige neue Backrezepte angeeignet hatte.

Er nahm je länger je mehr die Leitung des Geschäfts in die Hand und ließ nicht undeutlich vermerken, daß er nicht zu denen gehöre, die mit irgend einer Lebensfunktion allzu lange warten. Und Jungfer Liese nickte und blinzelte Franz dem Älteren zu: „Kehr’ die Hand um — bringt er eine junge Frau herein. Ja, dann? Dann ziehen wir in den Oberstock. Ich verlasse den Herrn Vetter nicht; das tue ich nicht.“

Da konnte ja denn der Herr Vetter unbesorgt sein, und das war er auch. Er konnte sich’s jetzt leicht machen. Da saß er Abend für Abend mit dem Müller Hensler im Schwarzen Adler bei einem gediegenen Schoppen Roten, und sie kamen darauf zu reden, was für Prachtsbursche sie in ihrer Jugend gewesen seien, und kamen zu guter Bürgerzeit wieder nach Hause, ein klein wenig warm vom Prahlen und vom Wein. Da kam über den Markt, von der andern Seite her „der Student,“ wie ihn der Müller Hensler jetzt schon nannte, und sie stichelten ihn ein wenig: „Da sieh’ uns an; jünger als du sind wir heute noch.“ Und der Bäcker Ehrensperger sagte: „Nein, laß ihn, die Studierten, die sind alle so ein bißchen dösig. Das kommt vom Bücherlesen.“ Und das Mitleid faßte ihn, daß sein einer Sohn so still und ernst sei, und er selber war solch ein forscher Kerl gewesen: „Jetzt sag, Bub, hast du einen Wunsch? Ich zahl’s, was es kostet.“

Er war ihm am andern Tag nicht so ganz angenehm, denn nun mußte er das Klavier bezahlen, das in des alten Schullehrer Haldenwangs Auktion verkauft wurde; hundertundfünfzig Mark. Es wurde in die Wohnstube im ersten Stock gestellt, gerade über dem Laden. Und Jungfer Liese sagte zu den Kunden, wenn sie aufhorchend die Köpfe hoben: „Das ist unser Jüngster, der Student. Er will’s nicht besser haben. Da sitzt er und spielt, und oft genug ohne Noten, und das Essen schlägt nicht an bei ihm.“

So war es daheim. In der Dämmerstunde war Georg im Rektorhaus. Da saß er auf der Truhe und streckte die langen Beine weit ins Zimmer hinaus, er konnte sie nicht anders unterbringen. Der Rektor mußte einen Umweg machen. Aber er mochte den Heimgekehrten nicht von seinem alten Sitz verjagen. Nun tanzte der freundliche Flammenschein über das große Studentenbild.

„Das wirst du nun alles erleben,“ sagte der Rektor.

„Wenn es sich so begäbe, es sollte mich freuen, wenn du bei meiner alten Verbindung einträtest. Es sind tüchtige Leute daraus hervorgegangen.“

Er paffte große Wolken aus seiner Pfeife. Die zogen an den Wänden entlang.

„Ich will dir nicht viel sagen. Du mußt dein Leben selber erleben. Es hilft nichts, daß wir Alten euch viel vorreden. Freue dich deiner Jugend, und mach’ die Augen auf. Das Leben ist rings um dich her und ist in dir drin. Du hast viel Neigung, allein zu sein und dich vor den andern zuzuschließen und hast doch auch ein Verlangen nach ihnen. Ich weiß es ja. Laß beidem sein Recht zu seiner Zeit. Sei bei dir selbst zu Hause, dann kannst du unbeschadet auch mit den andern gehen. Ach, was hilft das Reden? Geh’ nur. Man kann euch ja doch keinen Schritt abnehmen. Es ist auch wohl besser so.

Und hier hast du eine Pfeife. Ich will dir zeigen, wie man sie stopft. Ich habe sie dir angeraucht.“

„Aber Mann, das Rauchen, das fängt er früh genug an. Du brauchtest es ihn nicht zu lehren,“ sagte die Rektorin.

„Ich will dir auch etwas sagen, Georg. Du siehst dich einmal gelegentlich nach dem kleinen Mädchen um, nach der Lore. Ein feines Kind war das. Mich soll’s wundern, was die Maute aus ihr gemacht hat. Aber dort zu wohnen gehst du nicht, falls sie ja richtig möblierte Zimmer vermieten. Die Maute ist, — kurz, sie ist etwas schlappig. Das war sie von jeher. Du kannst aber sagen, ich lasse beide freundlich grüßen.“

Gertrud saß auf dem hohen Drehstuhl vor des Rektors Stehpult. Sie hatten nicht mehr beide Platz auf der Truhe.

Sie redete heut nicht viel dazwischen. Das Herz brannte ihr. Sie sah nach ihrem Kameraden hin. Der ging nun wieder einmal neue, weite Wege; er freute sich darauf. Er sagte ihr von allem, was ihn bewegte. Aber was konnte das helfen?

Selbst erleben, das war doch anders. Und sie öffnete durstig die Lippen. Das galt dem Leben, das draußen war in der Weite. Dort zog es hin, wie Wolken am Himmel. Würde es wohl Gertrud Cabisius vergessen, die hier zurückblieb? „Ach, Unsinn,“ sagte sie laut und verweigerte die Antwort auf die erstaunte Frage der drei andern, welchen Unsinn sie meine. Dann glitt sie von dem Stuhl herunter und brachte die Lampe und schüttelte sich innerlich; das sollte ihr noch fehlen, graue Dämmergespinste zu spinnen.

Fünftes Kapitel

Tübingen. Die Neckargasse herauf schritt der neugebackene Student Georg Ehrensperger. Er sah sich suchend um, rechts und links, und fand auch nach einiger Zeit, was er gesucht hatte: ein Schaufenster mit Damenhüten, Schleifen und Schleiern.

Da trat er in den Laden ein, zu dem das Schaufenster gehörte, und konnte nicht im Zweifel sein, daß er am rechten Orte sei. Denn hinter dem Ladentisch stand die Putzmacherin Maute, und sah noch immer so schwungvoll aus wie ehedem, halb elegant und halb schlappig. Und als sie sich — sie bediente eben eine junge Frau und warf nicht schlecht mit „Madam“ um sich — umwandte, um eine Schachtel von einem der oberen Bretter herabzuholen, da sah Georg ja richtig das rotblonde Zöpfchen, das ihm von Kindertagen her bekannt war, unter der Morgenhaube vorgucken. Es war am Vormittag. Das Zöpfchen wippte lustig hin und her. Es hätte den letzten Zweifel aufgelöst, wenn da noch einer gewesen wäre. Es war aber keiner.

„Guten Morgen,“ sagte Georg. Er hatte den weichen, schwarzen Filzhut in der Hand und den dunklen Anzug über der Brust zugeknöpft und sah nicht anders aus als ein Stiftler, obgleich er keiner war. Die alten Genossen aus der Wiblinger Lateinschule, die waren nun glücklich an der letzten Station ihres gemeinsamen Werdegangs angelangt und saßen im theologischen Stift, gut umzäunt und verwahrt vor den Versuchungen der akademischen Freiheit.

Fritz Hornstein, der einst so vorbildlich Voranschreitende, saß auch darin und sehnte sich ein wenig hinaus, und mit ihm noch mehrere, die sich wohl getraut hätten, auf eigenen Füßen zu stehen und denen der Gedanke an irgend eine Enge schwerer fiel, als die Enge selbst, die so groß nicht war.

Georg Ehrensperger aber, der in aller Freiheit lebte, der sehnte sich eher hinein. Denn er hatte sich selbst — und das war nicht ohne Grund — im Verdacht, daß er, auf sich selbst gestellt, an dem und jenem hängen bliebe, das nicht zur Sache gehörte. Auch zog ihn eine alte Liebe zu den Genossen seiner Kindheit.

Einstweilen galt es, sich einrichten. Die ersten vier Wochen gingen hin, eh’ man sich’s versah.

Ernst Daxer, der war auch im Stift. Aus besonderer Vergünstigung war er hineingekommen. Der hatte ihn gestern zu einem Spaziergang abgeholt. Nachher waren sie in der Müllerei gesessen, der Wirtschaft am Neckarufer. Zwei ältere Studenten saßen am selben Tisch mit ihnen. „Aufs Wohlsein der Lore,“ hatten sie gesagt und angestoßen. Das mußte ja natürlich eine andere Lore sein, als die, die er meinte. Er hätte sich auch nicht zu fragen getraut. Aber nun wußte er wieder, daß er das Kind aufsuchen solle, das noch vor seinen Augen stand, fein, zierlich und von schönen Farben, wie ein Bildchen aus dem Bilderbuch seiner Kindheit.

Frau Maute ließ die Kundin hinaus und wandte sich zu dem jungen Mann. Da ging hinter ihr die Tür, die nach der Ladenstube führte. Ein heller Lichtschein fiel von dem Fenster, das dort drinnen war, hier heraus, und in dem Lichtschein stand Lore. Und Georg sah an der schwunghaften Frau vorbei, als ob sie nicht vorhanden sei. Das war Lore?

Nun war die Zeit gekommen, von der die Wiblinger Kinder beim Auseinandergehen geredet hatten: daß sie einander grüßen wollten, als ob nur eine einzige Nacht zwischen jenem Abend und diesem Morgen läge.

Aber welch ein Morgen war das. Stand hier Jugend und Schönheit und lachendes Leben in einer Person und bot ihm den funkelnden Becher der Freude? Er erschrak so, daß er kein Wort fand. Lore lachte, ein klingendes Lachen. Es war nicht das erste Mal, daß sie in eines Menschen Angesicht das Staunen las: daß es so Schönes geben konnte, hier in dieser niedrigen Stube, in dieser engen Gasse.

Das Lachen erlöste ihn. Er fand etwas von dem Kind darin, das er einmal gekannt hatte. Es war noch etwas anderes darin, aber das hörte er jetzt nicht. „Grüß Gott,“ sagte er nochmals.

„Du bist — du hast dich“ — er verbesserte sich — „Sie haben sich“ da stockte er. Er hatte sagen wollen, daß sie sich verändert habe. Da lachte Lore nochmals. „Das ist noch ganz derselbe,“ sagte sie, „ganz derselbe. Hab ich mir’s nicht so gedacht? Aber natürlich sagen wir noch du. Grüß Gott, Georg.“

Da atmete er befreit auf und faßte ihre feine Hand und schüttelte sie, daß Lore einen leisen Wehlaut ausstieß.

„Feiner bist du nicht geworden,“ sagte sie und lachte. „Aber das tut nichts, das kommt noch alles. Wo solltest du das lernen? Komm da herein, du mußt mir erzählen, so lang und so viel, als Frau Judith auf dem Turm.“

Da ging sie ihm voran in die kleine Stube mit dem geblümten Sofa und zog ihn mit sich hinein. Frau Maute hatte wieder einen Kunden im Laden und nickte nur hinter den beiden drein. Da waren sie allein. Draußen, unter den Fenstern, zog der Neckar vorbei, nur durch ein schmales, steil abfallendes Gärtchen von ihnen getrennt. Rot und golden glänzten die Kronen der Ulmen und Platanen von den Alleen herüber; die Sonne stand am blauen Oktoberhimmel und leuchtete durch die bunten Farben der herbstlichen Welt und glitzerte auf den ziehenden Wellen, und füllte die kleine Stube mit Licht. Und in dem Licht saß Lore.

Georg Ehrensperger, der saß und staunte und fand das Wort nicht.

„Ich soll dich grüßen,“ sagte er, „von Gertrud und von Franz, und von Rektors, beiden.“ Aber seine Augen sagten etwas anderes.

„Wie bist du schön,“ sagten sie, „bist du das wirklich?“

Die Sonne lag auf dem krausen, rotblonden Haar und ging streichelnd an der jungen, schlanken Gestalt hinunter, die von einem großen Meister so herrlich gebaut war. Sie mühte sich, auch in das Gesicht zu scheinen. Aber da wandte sich Lore kurz um, ganz nach der Stube zu. Sie brauchte die Sonne nicht im Gesicht, zwei funkelnde, dunkle Sterne hatte sie darin, die flimmerten und schossen lange Strahlen. Übermütig und sieghaft und ein wenig kindlich fragten sie: „Gelt, das hättest du nicht gedacht? Ja, sieh nur her und staune. Das geht dir nicht allein so.“

Aber als die beiden einander eine Weile angesehen hatten und Georg nun ein wenig hilflos dasaß, da fing Lore an zu lachen und sprang auf und fragte nach hunderterlei Dingen und holte die alten Zeiten hervor; da wurde auch er mit fortgerissen. Und dann trat sie plötzlich wieder in die Gegenwart ein; da wußte sie noch besser Bescheid als in der Vergangenheit.

„Das muß fein werden,“ sagte sie. „Wo wohnst du? du mußt oft kommen, wir sind doch alte Freunde. Wir haben auch Studenten, oben im ersten Stock. Die bringen oft ihre Freunde mit sich. Lebhaft geht es da zu.“

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