Drittes Buch (continued 2)
Reading edition
Er kommt durch Städte und Dörfer und findet allen Reichtum und alle Armut und lernt Liebe kennen und alles Verlangen und alle Not und auch die Schuld und auch die Sehnsucht. Das alles tönt in den Menschenherzen, das hört man immer von den Instrumenten, und es klopft auch in dem seinigen, das ist immer die einsame Geige. Und überall ist etwas darin von dem schönsten Lied, aber es ist nie das ganze. Er kommt auch in die Kirche, — das hab’ ich schon, Lore, ich möchte es dir vorspielen, — da ist ein breiter Strom von einer tiefen, feierlichen Musik, und er glaubt schon, hier am Ziele zu sein, denn ein paarmal klingt stark und deutlich die ersehnte Melodie heraus, aber — weg ist sie wieder, auch da nicht das Ganze, und das Bruchstück nicht ganz rein. O, wo bist du?
Da ist ein Stück weit müde, hoffnungslose Grauheit in der Musik und nur die Geige, sein eigenes Herz, summt sich hie und da die paar Takte, die es noch weiß. Aber siehst du, Lore, er gibt das Suchen nicht auf, das ist es, was ich sagen möchte. — Was sagst du? ich sei dennoch ein Pfarrer? weil ich das Predigen nicht lassen könne? Ja, das muß ja wohl so sein. Und sieh, es ist auch nicht umsonst. Denn als alle die andern Stimmen schweigen und er alt wird und still, da — da ist zwei — drei Takte lang Pause in der Musik, — da tönt ihm auf einmal die Traummelodie wieder, irgendwo her, immer schöner, immer stärker, und er hört plötzlich, daß alles Geschaffene mitklingt, nicht mehr bruchstückweise, ganz, und er erkennt, daß sie nicht im Leben drin, daß sie das Leben selber ist. Das geht nun nicht aus, das ist ewig, das geht für ihn erst an. Und er will rasch mitklingen, denn die Saiten seiner Geige zittern schon, und er spielt und spielt, da reißt eine Saite um die andere, jauchzend brechen sie ab — dann ist die Geige still — dann hört man nur noch die Melodie im Orchester, leiser — immer leiser, bis es alles wie in weite Fernen entschwindet.“
Sie wagte kein Wort zu sagen, als er nun aufatmend schwieg. Sie sah ihn nur an, wie man ein fremdes, schönes Bild ansieht, das dennoch so rätselhaft bekannte Züge trägt. Er war so anders, als sie ihn sonst kannte, so erhoben, — so glänzend von dem inneren Licht, das ihn zu erhellen schien. Aber dann wußte sie doch, daß er ihr gehörte und sie strich sich mit der Hand über die Stirn, wie um die Befangenheit abzustreifen. „Und das hörst du alles in dir drin?“ fragte sie. „Das kannst du alles in Töne bringen?“ Da nickte er. „So Gott es mir hütet. So stark war es noch nie wie heut Abend. Es war oft eine Qual in den letzten Monaten — ach, wir wollen jetzt nicht mehr davon reden. Ich glaubte, ich hätte mich verlaufen. Sie fragten immer: Wo hinaus? Und ich wußte es nicht. Und dabei entschwand mir alles. Lore, das kommt nicht, wenn man es zwingen will, es kommt nur ungerufen. So kam es heute.“
Da ging auch durch sie etwas Großes hindurch, ein Glauben an ihn, — oder ein Glauben an seinen Glauben.
„Geh,“ sagte sie, und er sah das Leuchten ihrer Augen wieder, „geh und halt’s fest, und wenn du es festgenagelt hast, dann komm wieder. Und dann — gelt dann —.“ Er legte leicht die Hand auf ihren Mund. „Sag nichts sonst, heute nicht. Es kommt alles, eins ums andere.“ Und schloß sie in seine Arme. „Du, o du, wenn ich nicht mehr zwischen beidem hin- und hergerissen bin, und kann froh an dich denken und froh an meinem Werke sein — halt die Hände darüber, Lore — dann komm ich einst zu dir — dann sind wir beide gesegnet, du und ich.“
** *
Als der Morgen graute, ging er aus dem Haus seiner Väter. Lore hörte ihn, wie er die Treppe hinabstieg und hörte die Haustür ins Schloß fallen und hörte seine raschen, festen Tritte auf dem Pflaster des Marktplatzes. Sie sah zu ihrer Mutter hinüber, die lag auch wach, sie blinzelte zwischen verschlafenen Lidern zu der Tochter herüber. „Na, ihr habt’s ja wichtig gehabt gestern abend. Was habt ihr denn jetzt ausgemacht?“ „Ausgemacht? Ach, er hat mir erzählt, was er schafft.“ „Ja, und dann?“ Lore drückte den Kopf in die Kissen und dehnte sich wohlig. „Dann hab ich ihm versprochen, daß ihr ihn in Ruh lassen sollt. Er weiß selber, was er zu tun hat. Hörst du? Sie machen schon die Ladentür auf. Ist das Franz? Das Frühaufstehen, weißt du, Mutter, das ist eigentlich nicht so meine Sache.“
** *
Er ging im dämmernden Morgen nach der Bahn, die Seele voll frischen Mutes und Glaubens, das Herz erwärmt von der alten Heimat und von Lore, die nun dort leben sollte. In wenigen Tagen schon wollten die beiden Frauen nach Wiblingen umziehen. Ach — es konnte ihm ja nur lieb sein. Sie war so wohl behütet in seiner Heimat. Er konnte so ruhig an sie denken und konnte einmal heimkommen und sich erfrischen an ihr — an allem Heimatlichen, bis — ja bis er ganz kam und sie zu sich holte. Wann? wohin? Das lag heute nicht so schwer auf ihm. Es fand sich, eins ums andere, jetzt, da er so reich an tönenden, treibenden Kräften wieder auszog.
„Ach, das habe ich nicht gesagt. Das habe ich vergessen. Sie soll Gertrud besuchen, bald und oft. Sie soll lieb mit ihr sein. Ich will es ihr schreiben, so bald ich nach München komme. — Gertrud — sie muß unsere Schwester sein, sie wird es auch, sie war die meinige, so lang ich denken kann. Das muß wieder zurecht kommen, es muß ja.“
Da hallten feierliche Schläge vom Turm. Und weit tat sich ihm das Herz auf. Die Morgenglocke. Mit der alten vertrauten Stimme rief sie ihn und gab ihm alles mit auf den Weg, was sie von jeher für ihn gehabt hatte. Es war aber alles schon vorher wach, wer weiß, ob sie sonst den Weg in sein Inneres gefunden hätte. Er nahm den Hut ab. Die Morgenluft spielte mit seinem Haar.
„Ich — ich will dir nicht entlaufen. Ich will dir dennoch dienen. Das wahre mir zur Leuchte.“
Und alle die alten, vertrauten Gestalten standen um ihn und nickten ihm zu und er war der ihren einer.
Fünftes Kapitel
Ein Frühlingstag, ein ganz rechter und echter. Alles, was blühen konnte, drängte und trieb und machte die Augen auf, alles, was zwitschern und schwirren und summen konnte, tat es, alles, was sich zu freuen vermochte, nahm, falls es den Winter hindurch aus der Übung gekommen war, einen neuen Anlauf dazu.
Im Rektorgarten blühten Syringen und Goldregen, und in den Beeten Narzissen und Kaiserkronen, es schwatzten die Staren und schmetterten die Buchfinken, es saßen um den steinernen Tisch unter dem großen Nußbaum drei Kinder, ebenfalls blühend, ebenfalls in lauten und lebendigen Tönen in das allgemeine Konzert der Daseinsfreude einstimmend.
Der Rektor Cabisius ging nicht wie an jenem ersten Frühlingstag, da wir ihn kennen lernten, in den Steigen auf und ab. Er saß an der sonnigsten Stelle des Gartens in einem Korblehnstuhl und ließ sich anscheinen, ohne daß er das Licht erblicken konnte. Denn er war jetzt bis auf einen kleinen, ganz kleinen Schein blind geworden. Aber die Pfeife hielt er noch in der Hand und als seine Enkelin zu ihm trat, da saß er umgeben von einem leichten Rauchwölkchen und taktierte, wenn er wieder ein paar Züge getan hatte, nach irgend einer Melodie, die er zu vernehmen schien, und sein Gesicht war so klar und heiter wie je. Vielleicht war es die Jubelouvertüre der Schöpfung, zu der ihm auch das Kindergeschwätz gehörte: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,“ vielleicht auch zeigte ihm ein inneres Licht die Eingangshalle zu den Gefilden, die wir mit unseren guten Augen nicht zu erblicken vermögen und es klang feierlich in ihm: „wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“ Jedenfalls sah er aus, als ob er einer von denen sei, bei denen es „um den Abend licht“ wird.
Und das stimmte ja freilich nicht mit den äußeren Tatsachen. Aber darnach fragte der Rektor Cabisius nicht so viel.
„Großvater, du bekommst Besuch,“ sagte Gertrud. Und da kamen auch schon hinter ihren raschen, festen Tritten die etwas schlurfenden, von Stockstößen begleiteten des Meisters Nössel den Gartenweg herauf. Sie gab dem Großvater nur geschwind die Hand, eine breite, kräftige, nicht eben zarte Hand, denn sie mußte ihn hie und da ihres Dabeiseins versichern. Dann führte sie den alten Mann zu ihm. „Da ist noch ein bequemer Stuhl, Meister Nössel, und — ja, und Konrad soll noch eine Pfeife herunterholen, und da steht der Tabak und das Feuerzeug. Ich muß wieder zu meinen Kindern.“ Und dann ging sie wieder an den Tisch hinüber und hatte es sehr wichtig und sehr mütterlich mit einem großen Brotlaib und der Butterdose, und sah nicht, wie der eine der beiden alten Männer ihr kopfnickend nachsah und wie der andere zu seinen Worten lächelte: „Wenn sie die Judith so sehen könnte, wie sie da hantiert und so ein helles Gesicht hat und so aufrecht ist.“ Ja, da waren die beiden Alten wieder an ihrem Lieblingsthema angelangt: die Vorangegangenen, und die alten Zeiten, und das, was noch aus den alten Zeiten in der Gegenwart mit ihnen lebte, — das Kind.
Es war ein reiches und ein herzerwärmendes Thema, und all’ das Lebendige rings umher gab eine gute Begleitung dazu. Es hatte in diesem Garten von jeher und immer wieder Kinder und Blumen und Vögel gegeben, und auch mütterliche Frauen, die sich an Kindern und Blumen und Vögeln zu freuen wußten, — auch dann, wenn in ihrem eigenen Leben schon einiges abgeblüht und verklungen war. Gertrud paßte nicht schlecht in die Fußtapfen ihrer Vorgängerinnen in diesem Garten. Sie hatte wacker aufgehoben, was ihr an Leid des Lebens auf den Weg gelegt worden war, und sie trug es nun nicht wie einen Trauerflor um sich her, sondern sie hatte es, da es ja freilich nicht von flüchtiger Art war, tief in sich hineingeschlossen. Da wohnte es, ganz nah bei der „zwölften Kammer,“ von der schon einmal die Rede war, und trat ans Tageslicht nur in einer reifen, warmen Mütterlichkeit gegen alles, was eines Schutzes oder einer Hilfe zu bedürfen schien, in einem ernsten und klugen Verstehen von allerlei Nöten, die den Menschen in ihrem Bereich — auch nicht immer auf der Stirne geschrieben standen.
Es war Feiertag und sie hatte sich die Kinder geholt. Es waren die drei Buben der Türmersleute, die drei Entenmänner, die damals bei dem Adventsgewitter so heldenhaft die Köpfe unter die Decke steckten. Sie waren seitdem um ein gutes Stück gewachsen, hatten helle, kurzgeschorene Köpfe und lebhafte Augen, und Gertrud ging damit um, ihnen ein gut Teil von dem allgemeinen Wissen, das sie selber einst so hungrig in sich aufgenommen hatte, zukommen zu lassen. Warum war sie nicht Lehrerin geworden, wie einst bestimmt war? Warum sahen die beiden, der Älteste, starke und der Mittlere, zarte, mit so hungrigen Augen drein, wenn sie ihnen hinten unter dem Süßapfelbaum von den Wundern und Sagen der alten Griechen und von den Taten unserer eigenen Vorväter und zuweilen auch von dem Zug der Kinder Israel durch die Wüste erzählte? Der Jüngste, der war ein wenig dick und ein wenig denkfaul, der mochte ja ihretwegen Flickschneider werden, obgleich — wenn sie das sagte, dann erschien sie noch einen Zoll höher als sonst — droben auf dem Turm Meister Nössel auf dem Schneidertisch gesessen war, der sich mit allerhand Weisen und Gelehrten messen konnte. Sie wollte das ihrige tun, daß diese ihre Patenkinder, sie mochten werden was sie wollten, Teil hätten an den geistigen Gütern der Menschheit. Ja, macht nur die Augen auf, ihr Buben. Dote Gertrud hat so vieles in sich angesammelt, sie hilft sich selbst, wenn sie euch hilft.
Aber was versteht ihr davon?
Ihr rennet davon, alle drei, wenn ihr euer Vesperbrot gegessen habt und spielet unter den Bäumen, „Frau Mutter leih mir d’ Scheer“, nach einiger Zeit liegt einer von euch, der kleine, feine Leonhard, unter dem jungen Birnbaum am Stadtgraben und verschränkt die Hände hinter dem Kopf und guckt nach dem blauen Himmel, der zwischen dem Geäst hereinsieht und guckt den Wolken nach. Wer hat dich gelehrt, gerade so träumerisch dreinzusehen, wie Georg Ehrensperger, und gerade so leise vor dich hinzusummen, als ob dir etwas Schönes durch Kopf und Herz ginge?
Abgewendet hat sich Gertrud, als sie dir eine Weile zugesehen hatte und nun steht sie an dem Bretterzaun, der den Garten von der Straße nach Hinkelsbach trennt und sieht hinaus — hinaus.
Weißer Staub liegt auf der Landstraße, ein Lüftchen kommt und wirbelt ihn in die Höhe. Kinder verlassen den schmalen Steig, der neben der Straße hergeht und schlürfen mit den Schuhen durch den Staub, es ist so lustig, wenn sich das schwarze Leder weiß färbt. Mögen die Eltern auf dem ehrbaren Steig einhergehen und ihre sauberen Feiertagskleider schonen. Ihr Teil Staub bekommen sie dennoch, so gut wie die hellbegrünten Hecken am Weg und das junge Gras davor. Aber es schadet nichts, der Frühlingswind ist lustig und der tanzende Staub ist lustig, und die weißen Wölkchen, die durch den blauen Frühlingshimmel schimmern, sind lustig, und in Hinkelsbach ist eine große Bauernhochzeit, da wird’s erst recht lustig werden. Da müssen die Wiblinger dabei sein, die Metzger und die Bäcker und die Schuster und die Schneider, die alle mit den Hinkelsbachern zu schaffen haben. Es ist Pflicht, sie tun es der Kundschaft zulieb, wenn sie mit Kind und Kegel hinausziehen und essen und trinken und tanzen und sich im saubersten Staat zeigen. Sie greifen heut tief in den Beutel in dieser Pflichterfüllung. Wieder eine Gruppe und wieder eine, und nun kommen zwei, bei deren Anblick Gertrud Cabisius — nicht so ganz ruhig bleibt. Ein stattlicher, breit gewachsener Mann in hellgrauem Anzug, im Knopfloch eine rote Nelke, im Gesicht heiteres Behagen, kräftige Lebenslust, in der ganzen Haltung eine behäbige, vermögliche Bürgerlichkeit. Und ein hochgewachsenes, schönes Mädchen, nicht mehr so ganz jung, nicht so viel jünger als Gertrud, so recht reif und voll erblüht, im weißen Kleid, Korallen um den feinen Hals, leuchtend roten Mohn auf dem großen, gelben Hut.
Sie gehen im Takt, rasch, leicht, wie auf Federn; falls es auch für sie ein Pflichtgang ist, — er fällt ihnen nicht schwer. Worüber sie nur so viel zu lachen haben? So hell und herzlich kommt es heraus, so leicht und unbeschwert.
„Grüß Gott, Gertrud.“ Lore sagte es so übermütig, so sieghaft.
Schier ein bißchen Mitleid ist auch dabei, oder meint Gertrud das bloß? So etwa: „Was weißt du von Lebensfreude, du — du Großmutter? Ich — ich weiß davon. Du auch, Franz, gelt?“
Da ist wieder das Lachen. Und Gertrud weiß nicht recht, warum es ihr so ins Herz schneidet.
Vorüber.
Hintendrein kommt ein anderes Paar, der Müller Hensler, kurz, dick, rot im Gesicht, auch eine Blume im Knopfloch, Lore hat sie ihm hineingesteckt. Überhaupt, Lore. Wer kann sich noch denken, daß sie einmal nicht dagewesen sei? Der Müller Hensler nicht. Die Gäste in der Weinwirtschaft auch nicht. Franz? — Franz auch nicht.
Frau Maute geht in einer lilaseidenen Bluse, mit roten Blümchen besät, neben ihm her, ein wohlhabendes Lächeln um Mund und Augen, den Ansatz zu einem Doppelkinn auf der Perlborte des Halskragens ruhend, das rotblonde Zöpfchen sauber aufgesteckt unter einem meergrünen Spitzenhütchen.
„Immer jünger,“ sagt der Müller Hensler, wenn er sie ansieht. Er selbst wird auch immer jünger. Man weiß nicht, was noch werden mag. Wenn ihm nur der Wein nichts tut. Der Doktor hat dieselben Bedenken bei ihm, wie beim Bäcker Ehrensperger.
Vorüber.
Gertrud sieht ihnen nach und weiß nicht, daß sie es tut. Denn ihre Gedanken sind fern von hier, bei einem, der in diesem Augenblick in der kleinen, altersgrauen Kapelle, auf der Anhöhe am Isarufer sitzt. Es ist eine Orgel drin, und er läßt sie erklingen. Er hat geschrieben, daß ihm dort zuweilen, zwischen den grauen Steinwänden, an denen nur wenig Schmuck haftet, hie und da ein Heiligenbild, hie und da ein Kränzlein — daß ihm dort zuweilen schöne, schöne Melodien, wie in feierlichem Zuge kommen.
Nun sieht sie ihn dort sitzen, ein blindes, elendes Bübchen bei sich, das sitzt ganz still da und hebt die lichtlosen Augen und horcht. Wie die Klänge zu der offenen Tür hinausschweben in das grüne Dunkel des Busch- und Baumwerks draußen. Wie Gesang einer Gemeinde, die körperlos hier drinnen versammelt ist.
Hie und da ist Emeritz bei ihnen; hie und da kommt der Schneider, Theodors Vater, wenn er seine Kundengänge gemacht hat. Dann lädt er das Büblein auf seinen Rücken und trägt es heim, ein zweiter Sankt Christoforus, nur daß ihn das leichte Gewicht nicht niederdrückt, den breiten, starken Mann. Ihn drückt etwas anderes; ihn drückt der Kummer um das Kind. Daß es so hinleben soll, so lichtlos, so arm. Aber das Kind lächelt. „Es ist so schön gewesen, Vater.“ Bilder einer reichen Welt sind an ihm vorbeigezogen, die hält es noch fest.
Und nun ist der Komponist allein. Gertrud sieht ihn; sie sieht ihn deutlich. Wie er aufsteht und in dem dämmerigen Raum hin und her geht. Das weiß sie, daß er so zu tun pflegt. Aber sie weiß nicht, ob er mutig und froh darein sieht, ob er das, was ihm durch den Sinn zieht, fassen konnte, oder ob er sich müde daran zerarbeitet.
„Es wird so anders als ich dachte,“ schrieb er neulich an den Großvater, „es wird religiös, ernst, sehnlich — und ist doch keine Kirchenmusik. Ich weiß nicht, wer es aufführen soll und nicht, wie ich es nennen soll. Es ist keine Symphonie, kein Oratorium, es ist eine musikalische Dichtung. Aber ich kann nichts anderes schaffen als das. Alles, was ich habe, strömt dahin. Es muß mich doch noch segnen. Ich bin jetzt weit voran. Ich denke bis zum Sommer fertig zu werden.“ Dann, wenn er nach Haus geht, das heißt, in seine Stube zurück, geht er den Strom entlang, und sieht den Abendhimmel sich darin spiegeln, und die Ufer, und kommt zu den Menschenwohnungen und sieht Kinder auf der Straße spielen, und sieht ein Paar mit einander gehen, und sieht den Blick, mit dem sich die beiden ansehen, und erschrickt, daß er so allein sei und kein Auge habe, in das er das seinige senken könne, nun seine Seele zurückgekehrt ist aus der Welt, die er ahnend, tönend festhalten wollte.
Dann, das weiß Gertrud, ruft er sich ein Bild vor die Seele, das gehört ihm, — sie ist es aber nicht, es ist Lore. — Und er breitet im Geist die Arme nach ihr aus. „Bald, bald.“
Wie sie da am Zaun zusammenschrickt, als müsse sie noch die beiden stattlichen Gestalten dahinschreiten sehen, die vorhin vorbeigingen.
Weißt du es, Lore, daß er die Arme nach dir ausbreitet? Wartest du ebenso auf ihn? Sicher, gläubig, still und fest? Warum kommst du nie mehr zu Gertrud Cabisius? Du habest so viel zu schaffen, sagst du? Sie hat dich aufnehmen wollen, um seinetwillen, sie hat ihr Herz bezwungen, daß es dich hereinließ. Und nun Lore? — Vorüber. Kein Staubwölkchen zeigt mehr, wo ihr gegangen seid. Leer und still die Straße.
Und Gertrud wendet sich um und geht zu den Kindern und spielt mit ihnen, und geht zu den Greisen, die schon durch ein langes Leben gegangen sind. Dauert es lang, bis man so alt wird? Still.
** *
In der Krone zu Hinkelsbach ging es hoch her. Er war eine stattliche Bauernhochzeit mit vielen Gästen. Wagen an Wagen drängte sich vor der Tür, Ellbogen an Ellbogen saß man in der großen Wirtsstube, Paar an Paar drängte sich im Tanzsaal. Die Wiblinger waren mitten drunter. Die Kinder tanzten draußen im Hausöhrn und hinter dem Haus auf der Wiese, die Alten drinnen.
Auf einer kleinen Erhöhung waren die Musikanten untergebracht. Ein alter Baßgeiger, kurzatmig, den Kopf tief zwischen den Schultern eingebettet, strich, beständig mit den kleinen Äuglein zwinkernd, so eifrig auf seiner Baßgeige hin und her, als sei sie ein Stück Brennholz und der Bogen eine Säge, die es zu zerkleinern habe. Didel dudel dudel — didel dudel dudel. Neben ihm blies ein Klarinettist von fast schwindsüchtiger Hagerkeit, lang und oben vornübergebeugt, mit düsterm Gesicht in sein Instrument hinein. Wie lange mochte er noch Atem haben, um die Töne hervorzubringen, die den Bauern und den Städtern in die Beine fuhren?
Didel dudel dudel — didel dudel dudel. Und noch zwei Musikanten. Ein Geiger und ein Harfenmädchen. Sie schienen zusammenzugehören, wenigstens tauschten sie hie und da einen Blick des Einverständnisses, der Geiger aus feurig blitzenden Augen, an deren Blinken indessen zum Teil der reichlich genossene Wein schuld sein mochte. Wenn solch ein Strahl das Mädchen traf, dann hob es für flüchtige Sekunden die dunklen, etwas schwermütigen Augen, die in einem bräunlich-blassen Gesicht standen, und langsam färbte eine aufsteigende Röte ihre Haut bis unter das krause dunkelbraune Haar.
Sie trug ein grünes Kleid, das zu einer längst verklungenen Zeit ein Prachtstück gewesen sein mochte, mit vielen Garnituren und Falten, und um den bloßen Hals ein Kettlein aus kleinen Goldblechmünzen, und ihre Schuhe sahen unter dem Saum ihres Kleides hervor wie solche, die für glatte, ebene Wege gemacht und widerwillig steinige, mühselige Straßen gegangen waren. Didel dudel dudel. Sie griff ihre Akkorde dazu wie eine, die es aufgegeben hat, in der weiten Welt noch etwas besseres zu suchen als tanzenden Bauern aufzuspielen, den schwermütigen Unterton zu dem Gekreisch und Gelächter der Geigen und Klarinetten, heute hier, morgen dort, — weiter, weiter, ohne Heimat, ohne friedlichen Rastort. Was ihr der Geiger war, wer konnte es wissen? Ein Trauring blinkte nicht an der Hand der Harfnerin, an der seinigen saß ein Siegelring. Er führte den Bogen nicht ohne Geschick, es hatten schon schlechtere Musikanten als er hier gefiedelt. Didel dudel dudel.
Dachte Lore Maute an einen andern Tanzsaal, einen weiten, grünen Wiesenplan am Saum des Waldes? Damals waren die Englein auf weiß schimmernden Wölkchen gesessen und hatten aufgespielt, alles war Glanz und Jubel und Seligkeit gewesen, alles Jugend, Jugend. Das war lang her seitdem, es ging ins vierte Jahr. Sie hatte damals wohl auch mit Franz getanzt — heimlich lächelnde Blicke des Einverständnisses mit Georg tauschend. Es war so anders als heut.
Warum kam er auch so lange nicht? Warum tat er sich nicht um eine Stelle um, ein Brot? Warum mußte mit Gewalt jenes Werk vorher fertig sein, von dem man nicht einmal wußte, ob es dann Geld und Ehren brachte? Sah so das Glück aus, nach dem Lore Maute, die schöne, bewunderte Lore ausgeschaut hatte, seit sie denken konnte?
„Komm, Franz.“ Und sie tanzten, tanzten, ruhig, sicher, beherrscht und gut im Takt, sie, — warm und angeregt vom Wein und von der Frühlingsluft und von der Musik, und von dem Anblick des schönen Mädchens, das er im Arm herumschwenkte — er —. Er war ein stattlicher Mann, gerade im besten Alter, und heiter, und gutmütig, und hatte schöne, weiße Zähne; wenn er lachte, sah er hübsch aus. Und seine Augen und seine Gedanken waren gleicherweise hell, nüchtern und aufs Reelle gerichtet.
„Prosit, Frau Base,“ sagte der Müller Hensler und stieß mit Frau Maute an. Sie saßen an einem Ecktischchen und sahen in das Gewühl der Kommenden und Gehenden. Mit dem Tanzen war es bei dem Müller Hensler vorbei, trotz seines jugendlichen Gemütes, es fehlte am Atem. „Prosit, Herr Vetter.“ Frau Maute lächelte süß und sah in den offenen Tanzsaal hinein, wie in einen vollen Geldbeutel. Was sie da sah, gefiel ihr. Jetzt setzte die Musik aus, „die Jungen“ kamen herein, hochatmend und vergnügt. „Jetzt etwas zu essen her, aber viel und etwas Gutes,“ sagte Franz. „Ich muß hier etwas draufgehen lassen, sie kaufen viel bei mir. Ihr wißt es.“ Ja, das wußten sie. An ihnen sollte es nicht fehlen, wenn die Kundschaft künftig schlechter wurde. Die Musikanten kamen auch in den Saal. Ganz hinten beim Schenktisch ließen sie sich nieder. Das Harfenmädchen war nicht dabei. Der Geiger ließ die Augen unruhig umherlaufen. Als sie nach einer Weile nicht kam, stand er auf und ging mit großen Schritten durch den Saal und durch die offene Tür in den Tanzraum. Dort mußte er sie gefunden haben, denn er führte sie an der Hand mit sich herein. Sie sperrte sich, es mußte etwas zwischen ihnen gegeben haben. Die Gäste sahen auf und einige lachten. „Nimm dich zusammen,“ raunte der Geiger und sah sie zornig an. Da ging sie mit gesenktem Kopf neben ihm her; er hielt ihr Handgelenk umspannt wie mit einem Schraubstock.
Als die beiden an dem Tisch der Wiblinger vorübergingen, fing Lore einen Blick von Franz auf, der ihr nicht gefiel. Was wollte er? „Du,“ sagte er, so mit einer spöttischen Lustigkeit, die man nicht an ihm gewöhnt war, „du, Lore, was meinst du, das Harfenspielen wird nicht so schwer zu erlernen sein?“
„Das Harfenspielen?“ Sie sah ihn groß an. „Warum, willst du es üben?“
„Nein,“ er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und ließ seine Augen über sie hingehen, „ich dachte nur so bei mir, die Musikerfrauen können doch auch zuweilen, wenn Not an Mann geht, den Männern im Handwerk helfen. Sauber ist die da auch, nimm mir’s nicht übel, wenn du auch schöner bist. Du könntest immerhin zeitig anfangen.“ Jetzt hatte sie ihn verstanden.
„Sei still,“ sagte sie. Ihre Stimme war klanglos und ihre Augen flammten zornig auf. „Was fällt dir ein?“ Sie kehrte sich mit einem Ruck von ihm ab. Die Alten hatten nichts bemerkt, sie waren eifrig mit Essen beschäftigt. Da erschrak er, weil er sie nun verletzt hatte. Er wußte nicht, wie es ihn so plötzlich angekommen war, das zu tun. Er war aufgeregter, als er von sich selbst gewöhnt war.
„Lore,“ sagte er halblaut, „Lore, es war ja nur ein Spaß. Es fiel mir so ein. Sieh einmal den Geiger an, er sieht dem Georg ein bißchen gleich. Lore. Ich mein’s doch gut mit dir. Das weißt du doch. Jetzt sei nicht bös. Guck, ich hab’s schon lang sagen wollen: er bringt’s ja doch zu nichts. Ich mag ihn, er ist mein einziger Bruder. Aber das sag’ ich doch. Er bringt’s zu nichts. Er ist nicht praktisch und nicht nüchtern. Ich will dir sagen, was er ist: er ist zu ideal.“
Jetzt war er ganz bei der Sache. Die Worte flossen ihm leichter von den Lippen als sonst.
„Guck, er hat immer bei allem so einen Gedanken, wie es eigentlich sein müßte. Da kommt er mit dem, was ist, nicht ins Glatte. So war’s beim Pfarrer werden. Er sei nicht fromm genug dazu, er wäre nicht wahrhaftig, wenn er’s würde, hat er gesagt. Und so ist’s jetzt. Das weißt du selber. Ist er etwas? Wird er etwas? Immer so eine Eigenbrötlerei, anstatt drauf loszugehen. Sich ein bißchen gut dran machen bei den Lehrern, ein Examen machen, dann sich irgendwo niederlassen, hier in Wiblingen, wenn’s sein muß. Er könnte Stunden genug kriegen und könnte Organist werden. Aber nein, da muß komponiert sein. Und was? Ach, ich ärger’ mich ja zu sehr, komm, wir wollen tanzen, Lore.“
Sie saß längst wieder gerade neben ihm, sah in ihren Schoß, während er redete, und über ihre Mienen spielten unruhige Lichter. Als er sie zum Tanzen aufforderte, stand sie auf, ohne ein Wort zu sagen und ging hoch und aufrecht neben ihm her.
Sie dachte jetzt nicht gut an den Fernen. Franz hatte recht. Er brachte es zu nichts. Jahr um Jahr verging — sie sah jetzt nicht mehr das stille, tiefinnerliche Glück, das sie zuweilen in seiner Gegenwart überschattet hatte, — sie sah auch nicht mehr das Leuchten seines Sterns, seiner Zukunft, — sie sah nur den Sonderling, der, nicht mehr im schönen, stolzen Sinn, anders war, als alle andern. Ein Zorn überkam sie, eine jähe Blutwelle stieg ihr bis unters Haar, bis in die Fingerspitzen. Franz sah es. „Du könntest es besser kriegen. Ihr passet ja nicht für einander.“ Er sagte es kaum hörbar. Als nichts darauf erfolgte, fuhr er fort: „Ihr drücket einander, — du ihn und er dich. Lore, du solltest — du solltest einen Knopf an die Geschichte machen — einen Schluß, mein’ ich. Er ist froh — schließlich — nicht gleich, — aber bald. Und du auch. Und dann — dann nimmst du mich. Dann bleibt alles in der Familie.“ Er lachte ein wenig, so, als sollte es ein Spaß sein und war doch Ernst.
„Sei still.“ Sie brachte es kaum heraus. „Sei doch still. Ich frag’ ihn; er soll mir’s sagen. Ich will keine alte Jungfer werden. Ich nicht. Das kann er nicht verlangen.“
Der Geiger und das Harfenmädchen kamen Hand in Hand auf ihren Platz bei der Musik zu. Sie waren scheints wieder einig.
Als Lore sie sah, verdunkelten sich ihre Augen, so mächtig schoß ihr das Blut in die Stirn. Wer wagte es, sie mit einer herumziehenden Musikantenbraut zusammenzustellen?
Dort in Wiblingen stand das solide, gedeiliche Ehrenspergerhaus. Dort konnte sie Herrin sein, wenn sie wollte. „Komm, Franz.“ So hatte sie noch nie getanzt. Alles war Leben, Wallung, zornige und hingebende Leidenschaft an ihr. Der Müller Hensler stand unter der Tür und pfiff leise zwischen den Zähnen, als er sie sah. Sie hatten ja recht, es war gewiß das Gescheiteste, wenn sie zusammenkamen, die Zwei da. Indessen, er konnte sich nicht helfen, der „Pfarrer“, der Musikant, der Georg tat ihm doch leid. Allein, die Lore blieb ja in der Familie, und alles konnte einer auch nicht haben: das schönste Mädchen und alle Freiheit, zu leben wie er wollte. Es fiel ihm eine Geschichte aus Georgs Kindheit ein. Da hatte man ihn gefragt: „Willst du lieber Kirschen oder Butterbrot?“ und er hatte nach kurzem Besinnen gesagt: „Lieber Kirschen und Butterbrot.“
So ging es aber nicht das ganze Leben hindurch, da konnte ihm niemand helfen. Er tat ihm aber dennoch leid.
** *
Als an diesem Abend die Wiblinger nach Hause gingen, ziemlich spät und ziemlich lebhaft angeregt, da saß der, der einst „Kirschen und Butterbrot“ gewollt hatte, an einem Kinderbettchen und drückte die trockenen, überwachten Augen und die heiße Stirn in die kühle Decke, die darauf lag. Drüben in seiner Stube beschien die Lampe viele verstreute Notenblätter, ein offenes Klavier, ein unberührtes Nachtessen. Die Lampe flackerte unruhig, denn beide Fenster standen offen, und hie und da hob der Wind ein Blatt und trug es ein Stück weit, bis es auf den Boden fiel. Wollte er Georg Ehrenspergers „schönstes Lied“ in die weite Welt hinaus tragen, damit es bekannt würde? Er, der Wind, war ja auch darin, und die Frühlingsnacht mit ihren wundervollen Sternen. Es war ja aber noch nicht fertig. Da mußte wohl der Wind noch warten. Darum ließ er die Blätter, eins ums andere, nahe beim Fenster zu Boden fallen. Georg war nur zur Erfrischung auf eine Weile zu dem blinden Theodor hinübergegangen. Der war seit einigen Tagen krank. Nicht schwer, nur ein bißchen fiebrig und matt. Er lag in der Wohnstube und war allein. Der Schneidervater war vorhin ins Bett gegangen, er war rechtschaffen müde. „Nehmen Sie nur die Lampe mit,“ hatte Georg gesagt. „Wir brauchen kein Licht, gelt, Theodor?“
„Nein.“ Ein schmales, heißes Händlein schob sich in seine große Hand.
„So, jetzt sind wir allein. Willst du noch nicht schlafen, Theodor? Sag’s, wenn du müde bist.“
„Nein, ich schlafe noch nicht. In deiner Hand klopft es so stark. Da, in den Fingern, und überall. Was tut da so?“ „Das tut überall so, in meiner Stirn und in meinem Herzen und überall. Das ist mein Blut. Das ist so unruhig, weil mich etwas stark umtreibt.“
„Was treibt dich denn so stark um? Was ist das — umtreiben?“
„Ach, sieh, es ist mir auf einmal angst geworden: es ist so viel, viel Musik in der Welt. Allein in dieser Stadt, lieber Bub, so viel. Du glaubst es nicht. Und jetzt will ich doch auch kommen und sagen: hört auf mich. Und wenn jemand horcht, wem wird es dann Freude machen?“
Sie waren so gute Freunde geworden. Immer bessere mit der Zeit. Sie verstanden einander ausgezeichnet. Was dem einen an Jahren abging, das hatte er an wartender, sehnlicher Armut voraus, die hungrig auf- und annahm, was in das verdunkelte, abgeschlossene Kinderleben dringen wollte.
„Ach, das gefällt allen. Es ist ja so schön.“ Er war aber doch ein bißchen bedenklich. So viele Musik war? Wo denn nur? War die Welt so reich? Und würden die andern einmal eine Weile still sein, daß man Georg Ehrensperger hören konnte? „Also sieh, auf morgen, da ist mir’s angst. Da will ich zu einigen Leuten gehen, die etwas verstehen, meine Mappe unter dem Arm, und will ihnen etwas vorspielen. Weißt, die Stellen, die dir so gut gefallen. Ich will sie fragen, ob sie mir zur Aufführung helfen wollen. Oder, Theodor, — ob mir’s einer abnimmt, ganz und gar, und druckts — viele hundertmal, du. Ach, das darf ich ja fast nicht denken. Aber schön wär’s. Und dann — Konzert in den Mathildensälen — oder sonstwo, und das ganze Orchester setzt ein — ob sie mir’s auch fein genug spielen, — und ich, ich sitze ganz hinten und horche, und du bist auch dabei. Und wer noch? in einem weißen Kleid und hat eine einzige, rote Rose vorn stecken? und sieht mich an: du, so schön hätt’ ich mir’s nicht gedacht? Wer? Und sagt: du, ich bin stolz. Alle die vielen Menschen hören auf dich?“
„Das Fräulein Lore,“ sagte Theodor vergnügt. Es war nicht das erste Mal, daß sie davon sprachen.
„Und dann nachher kommt sie zu mir und sagt: Theodor, wenn wir aber einmal in einem schönen Haus mit einem großen Garten dran wohnen, dann hol’ ich dich, dann mußt du zu uns auf Besuch kommen. Das sagt sie, weil sie die Kinder gern hat und weil ich dein Freund bin.“
Man sieht, daß die zwei miteinander die allerbeste Meinung von dem Fräulein Lore hatten. Sie konnten gar keine bessere Meinung von irgend jemand haben.
„So, jetzt muß ich wieder hinüber und du mußt schlafen. Schlaf dich gesund. Wirst du schlafen können?“
„Ich weiß nicht. In meinem Kopf drin ist alles ganz wach. Spiel’ mir noch etwas. Spiel’ das, wie die Kinder auf der Wiese tanzen. Das tu’ ich auch, wenn ich in den Himmel komme und gesunde Füße habe, und Augen, und kein Rückenweh. Spiel’ mir das, dann schlaf’ ich ein.“
Da ging Georg Ehrensperger in seine Stube hinüber und sah, daß die Lampe am Erlöschen war und was der Wind für Arbeit mit seinen Notenblättern gemacht hatte. Und löschte das Licht und nahm seine Geige und spielte beim Sternenschein dem blinden Kind das Schlaflied: wie gesunde, frohe Kinder auf einer Wiese tanzen und springen und einander Blumenkränze aufs Haar drücken und ein heiteres Lied singen. Auf der einen Seite, Wand an Wand mit ihm, hob die dicke, brave Gemüsehändlerin, Emeritz’s Mutter, das runde Haupt, das in einer gestrickten Schlafhaube steckte und sagte mit gutmütigem Brummen: „Na, geht er heut gar nimmer ins Bett? muß er vollends zu Haut und Knochen werden?“ und beschloß, ihm morgen einen extrazarten Rettich zu spendieren, wann er kommen würde, um die Miete zu bezahlen. Und schalt Emeritz, die neben ihr im Schlafe lachte: „Ja, jetzt lachst du. Steh’ auf und tanz’, im Nachthemd meinetwegen. Das möchtest du, Nichtsnutz! Und gestern hast du ihm die staubigen Stiefel unters Bett gestellt. Das kommt mir noch einmal vor. So einem Herrn, den die Engel Gottes hüten müssen, daß er in der schlechten Welt nicht unter einen Wagen kommt, so unbewußt ist er.“ Und küßte das Kind, das immer noch lachte, auf den Mund. Das tat sie bei Tag niemals. Da hörte sie aber auch Georg Ehrenspergers Geigenspiel nicht. Und auf der anderen Seite zogen durch die Seele des elenden Bübleins die lieblichen, heiteren Klänge wie lichte, festliche Boten aus einem Land, in dem es keinerlei Mangel, noch Dunkelheit, noch Schwäche gibt und zogen sich in einen purpurnen Traum hinein, der das Kind in seine Arme nahm.
Denk daran, Georg Ehrensperger, wenn du morgen saure Tritte tun wirst und Achselzucken und befremdete Mienen sehen und ablehnende Worte hören.
Denk daran, daß du einem armen Kind wohl getan und ein anderes lachen gemacht und einer Mutter das Herz zum Wallen gebracht hast. Denk daran, wie viel festliche Stunden du deinen Freunden, den armen Leuten, schon bereitet hast und wie dir selber im Ringen mit dem schaffenden Geist der Ernst und die Schönheit und die Tiefe des Lebens aufgegangen ist. Und laß deine Hände sinken, wenn sie unruhig nach dem Kranz, den der Ruhm flicht, greifen wollen. Aber die Augen laß nicht sinken, Georg Ehrensperger.
Sechstes Kapitel
Es ist eine alte Geschichte und schwer zu erzählen, die Geschichte von dem Geiger, der das schönste Lied suchte. Sie ist schon oft erzählt worden in vielen Sprachen, zu allerlei Zeiten. Sie ist die Geschichte vieler. Ja, sie geht durch die ganze Menschheit hindurch. Wer erlebt sie nicht mit? Nur die ganz Satten, ganz Heimischen wissen gar nichts davon zu sagen. Die andern alle sind irgendwie am Suchen und sind es ihr Leben lang und bis an den Tod.
Aber es sind doch immer noch einzelne, die Sonntagskinder, die Horchenden, von denen wir schon einmal geredet haben, denen vom Paradies her noch das Rauschen der vollen Lebenswellen in den Ohren klingt, die sind von einem Verlangen getrieben, sie wieder zu hören, ganz rein, ganz stark, — und die andern auch hineinhorchen zu lassen.
Still!
Es ist ein langer, schweigender Zug, der an unsern Augen vorübergeht.
Auch jener gehört dazu, der ahnend sagte: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben. Auch Er — ach er wie kein anderer, der seinen Glauben und seine Liebe durch eine Welt voll Enttäuschungen und Mißerfolge und Nichtverstehen hindurchtrug und dennoch in der letzten Stunde noch einem armen Menschen versprach, daß er jetzt dann gleich — heute noch — sagte er, mit ihm das Rauschen der Paradiesesströme hören werde.
Auch Jabal und Jubal, als sie zum erstenmal Pfeifen schnitten und versuchten, das, was sich nicht in Worte fassen ließ, den Menschen in Tönen zu sagen.
Auch alle Propheten und Dichter und Künstler und Priester aller Zeiten und Völker, so fern sie nur wahrhaftig das, was vom Ewigen in ihrer Seele lebendig wurde, — und nichts anderes — aufnahmen und ihm nachgingen, immer hinter ihrem Glauben und ihrer Hoffnung her, immer wieder in die Stille gehend und sich sammelnd, wenn ihnen die Melodie verloren ging, immer wieder den andern mitteilend, dass sie Gott in und hinter dem Leben vernahmen.
Auch jener alte Mann gehört zu ihnen, den Georg Ehrensperger am Abend eines Tages, an dem ihm allerlei Hoffnungen fehlgeschlagen hatten, in der kleinen, grauen Kapelle am Isarufer fand, von einer Schwäche befallen, und den er sorgsam nach Hause führte. Der hatte in seiner Stube, vier Treppen hoch in einer engen Gasse, achtundzwanzig Mal dasselbe Bild an der Wand, in Bleistift-, Kreide- und Kohlezeichnungen und in Aquarellfarben ausgeführt, einigemal sehr mangelhaft, einigemal besser, einmal in einer reifen warmen Schönheit. Es war ein Stückchen kahle Heide, an deren Rand ein kleiner Weiher lag, in dem sich eine Birke spiegelte. Ein armes, einfaches Stück Land, aber auf dem letzten Bild war alles, Heide, Weiher und Birke vom Lichte der scheidenden Sonne golden übergossen. Man sah den feurigen Ball nicht mehr, nur die Flut des segnenden Lichtes, das von ihm ausging. Kein Läublein schien sich an der Birke zu rühren, kein Wellchen in dem Weiher, kein Gräslein in der Heide; es war, als ob alles den Atem anhielte, um nicht durch eine Regung einen funkelnden Tropfen des goldenen Reichtums zu verlieren.
„Ich habe nichts sonst zu hinterlassen,“ sagte der alte Mann, als Georg still davor stand, „nichts als das, wenn ich davon gehe. Ich habe es hundertmal versucht, es schien mir ein Bild meines Lebens zu sein. Aber die Sonne hat mich doch gesegnet, einmal doch. Sie ist doch da, auch wenn man sie nicht sieht. Man muß nicht an ihr verzagen. Man kann sie nicht so malen, wie sie ist,“ er lächelte fein, „ich einmal nicht; — wir haben auch wohl keine Augen, um hineinzusehen — höchstens wenn sie sinkt, ganz zuletzt. Aber sie segnet uns doch.“
Und Georg wußte, daß ihm hinter dieser Sonne eine andere stand, der er nachging in Liebe und Verlangen, und daß er hoffte, irgend einmal rechte Augen dafür zu bekommen.
Ja, er gehörte auch zu jenem stillen Zug, von dem wir sprachen. Und Georg Ehrensperger auch.
Sie wissen nichts von einander, oder doch nur selten. Sie gehen viel allein, in Armut und mit sehnlichen Herzen, und es gehört zu ihrer großen Hoffnung, daß irgendwann einmal das große, herbe Alleinsein aufhöre.
Alle guten Geister....
Da grüßen sie einander durch Länder, Zeiten und Ewigkeiten hindurch und sind dennoch eine Gemeinde untereinander. Es ist eine alte Geschichte und oft ist es auch eine leidvolle Geschichte, schwer zu erzählen, die Geschichte von dem Geiger, der das schönste Lied suchte.
Wenn er es in sich selber vernimmt und seine Finger sind schwer und seine Geige hat keine Saiten dafür.
Wenn die andern herumstehen und die Köpfe schütteln: Was ist das? Das ist wirres Zeug, dunkles. Ein Narr bist du.
** *
Der Frühling und der Sommer war vergangen, es war Herbst geworden.
Daheim in Wiblingen lag die Sonne auf den reifenden Trauben in den Weinbergen und auf den Apfelbäumen droben am Berg in dem Obstgut, wo einst die Kinder miteinander Kirschen gebrochen hatten, und auf Lore Mautes breitrandigem Strohhut, unter dem ihr lachendes Gesicht hervorsah. Sie stand unter einem Rosenapfelbaum und hatte einige niedrige Zweige zu sich heruntergezogen und brach die reifen Früchte in einen Korb. Oben auf einer Leiter stand Franz und hatte einen Zwerchsack umhängen. Er war an der gleichen Beschäftigung. Heitere Reden flogen hinauf und hinunter, neckische Sonnenlichter tanzten in den Zweigen, im herbstlichen Duft und in glänzenden Farben lag die Landschaft da.
Es saß einer fern davon am Isarufer und sah in die ziehenden Wellen des Flusses, auf denen auch die Sonne lag und hatte doch ein anderes Bild vor Augen, das schützte er sich nach einer Weile mit der vorgehaltenen Hand, damit es ihm nicht vergehe. Darauf war mit freundlichen, warmen Farben die Heimat gemalt, das ganze Städtlein und die Berge und Felder ringsumher und die Häuser und die Menschen. Ach ja, die Menschen. Ihrer bedurfte er am meisten zu dieser Stunde. Dachten sie seiner? Einige waren, die wußten, was er jetzt, heute, vorhatte. Da stärkte er sich im Gedanken an ihr Dabeisein, an Lores vor allem. Sie ging es vor andern an, darum schuf er sich von ihr, was er in ihr suchte, treues und ernstes Gedenken.
Als es von einem nahen Kirchturm sechs Uhr schlug, stand er auf, mit stillem, gefaßtem Gesicht, obgleich es hinter seiner Stirn und in den Händen pochte und zuckte, und ging in die Stadt. Es war Zeit. Drinnen auf der Theresienwiese ging es laut und farbig zu. Es war ein Menschengewühl und ein Gelärme von schriller Karussellmusik, von Moritatensängern und Schießbudenausrufern. Das Oktoberfest hatte begonnen. Durch all das Gewühl hindurch ging Georg Ehrensperger seiner Wohnung zu. Wie es ihm plötzlich im Ohr klingelte, als wollte sich etwas anmelden von ferne her. Das war’s, der Lärm rief es in ihm wach, er hatte lang nicht an jenes hinterlassene Wort des alten Hollermann gedacht: „wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und horchen. Und darf nicht fragen: ist es so den Leuten recht? Sonst lärmen ihm die Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte dazwischen.“
Ja, aber jetzt mußte er doch darnach fragen, jetzt, da sein Werk fertig dalag und nach Menschen begehrte, zu denen es reden könne. Es sollte ihm nicht gehen, wie jenem alten Musiklehrer, den er kannte. Der hatte ihm einst geschriebene Noten gezeigt, drei Schubladen voll, lauter eigene Kompositionen, die nie vor Menschenohren hatten klingen dürfen, weil sie ihm niemand abgenommen hatte. „Da steh’ ich manchmal davor,“ hatte er gesagt, „und höre, wie es da drinnen wimmert und klagt und heraus will. Noten sind doch lebendig, — lebendig begraben sind sie.“
Nein, so nicht, so sollte es ihm nicht gehen.
Da stieg er seine Treppen hinauf. Emeritz kam ihm entgegen, als er die Tür aufschließen wollte. „Der alte Herr ist schon drin, der eine, der schon zweimal dagewesen ist.“ Sie sah wichtig und feierlich aus. Da atmete Georg auf. „Der alte Herr,“ das war der Lehrer, der sich so freundlich und verstehend um ihn angenommen hatte. Der half ihm, der so allein für sich hingegangen war, auch jetzt, daß einige Männer, Musiker von Fach, und einige Laien, die im Geruch standen, etwas rechtes zu verstehen, sich bereit fanden, einmal eine oder zwei Stunden daran zu rücken und sich das Werk des jungen Sonderlings, der so eigene Wege ging, vorspielen zu lassen, wenn auch nur im Klavierauszug. Man konnte doch sehen, ob etwas daran war. Denn einen Verleger dafür hatte er nicht gefunden, „bis jetzt noch nicht,“ hatte er nach Hause geschrieben.
Das sollte nun heute geschehen.
„Grüß Sie Gott.“ Der alte Herr schüttelte ihm die Hand.
„Lassen Sie sich nicht draus bringen, durch nichts. Das Leben ist ja doch noch mehr, als die Kunst.“
Georg mußte ihn scharf ansehen. Steckte etwa der Rektor Cabisius hinter ihm? So hätte der auch sagen können.
Aber da klingelte es schon, und wieder, und wieder. Die Stube füllte sich, man begrüßte sich, man tuschelte, räusperte, nahm Plätze ein. Dann war es Zeit, anzufangen.
Alle guten Geister ...
Die Herren hatten ein beschriebenes Blatt in der Hand, eine Einführung in das Ganze. Darüber steckten sie die Köpfe zusammen. Er hatte es selbst geschrieben zum besseren Verständnis.
Georg zwang sich, nicht mehr nach ihnen hinzusehen.
Dann fing er an. Dann breitete er alle die Zeugen seiner stillen Stunden, der frohen und der bösen, vor fremden, horchenden Ohren aus. All’ sein Ringen mit dem Innersten, das es gab, daß es einen Ausdruck finde, das zeigte er diesen Leuten. Eine Zeitlang ging es gut. Er hielt sich fest am Zügel: Nicht denken jetzt, nicht fragen. Aber dann lief doch ein Gedanke zu einem Spalt hinaus: Ob einer, auch nur einer, mit dem Herzen dabei ist? Und eben, als er das fragte, bekam sein einziger näherer Bekannter unter ihnen den Schlucken und schluckte ein paar mal laut hinaus, eh’ er Zeit fand, es zu unterdrücken. Es war ein nervöser Reizzustand bei dem Mann, das wußte Georg, er störte ihn oft. Aber warum kam es gerade jetzt? — Weiter — Aber der Spalt ließ sich nicht mehr schließen. Ein Unruhgeistchen um das andere schlüpfte herein und saß auf den Tasten oder rumorte in seinem Gemüte. Alle Fehler, die sein Werk hatte — und es hatte deren viele, wenn man es kritisch ansah, — die fielen ihm jetzt auf, mehr, immer mehr. Es war ihm, als ob er sie zählen müsse. Und in seinem Kopf klopfte etwas hart und hölzern den Takt dazu, tak — tak — tak.
Seine Lieblingspartieen kamen, da eine, dann wieder eine, dahin wollte er sich retten, wie auf selige Inseln. Einmal gelang es auch, da atmete er auf und wußte: das ist schön, da mögen sie sagen, was sie wollen. Aber dann mußte er wieder weiter schwimmen, und da hörte er hinter sich ein Stühlerücken und — hatte da nicht der Deckel einer Dose geschnappt? — Weiter. —
Aber er war nicht mehr der Geiger, der das schönste Lied suchte, er war es nicht mehr selbst, er selbst, wie während des Schaffens. Er saß daneben und spielte etwas fremdes, das sagte nicht das, was in ihm lebte, es war anders und er kannte es nicht mehr.
Hilf mir, guter Geist, — bleib bei mir! Bleib da drin, in diesen Tönen, wie du drin warest, als ich sie schuf. Wo bist du? — Jemand stand auf und ging, jemand trat ans Fenster und öffnete einen Flügel, da gellte wie ein Hohnschrei die Jahrmarktsmusik herein. Darauf wurde er freilich wieder geschlossen, aber der Schrei blieb hier drinnen.
Er wußte, daß er bis zum Ende spielen mußte. Sie saßen doch nun einmal da, und er saß auch da, und die Noten standen auf dem Papier. Aber er wußte auch, daß dann irgend etwas sonst noch zu Ende sei. Was? Nicht denken jetzt, fertig machen.
Und plötzlich spürte er wieder so ein Summen und Klingen im Ohr, wie vorhin auf der Straße. Und er wußte, daß da drüben, Wand an Wand mit ihm, die kleine Gemeinde der Hausfreunde sei und liebend horchte, mit dem Herzen, nicht nur mit den Ohren, — und dann taten sich die Wände auf, und weiterhin auf der Welt waren noch mehr solche Menschen, und — ja und Gertrud Cabisius sah ihn an, ganz wie einst und horchte auch. Da schwanden die Ängste, die fast körperlich gewesen waren, und die Männer hinter ihm. Wie im Traum spielte er weiter und merkte nicht viel davon, daß es allmählich unruhig wurde in der Stube, und daß jemand neben ihn trat, um zu sehen, ob es noch nicht bald aus sei, und daß eine fette Stimme etwas von absolutem Mystizismus sagte, und daß der Inhaber dieser fetten Stimme ging, eh’ es aus war.
Er ging hinter seinem Lied her und es war ihm, als ob sich, wenn nun der Schluß kam und die Saiten sprangen und der Geiger starb, die vollen Chöre von drüben herüber hören lassen müßten, von daher, wo es „bessere Geigen“ gab.
Aber es geschah nichts so Wunderbares.
Es geschah ein Stühlerücken und Aufstehen und er selbst merkte, daß er auch aufstand und daß einiges zu ihm gesagt wurde, und daß ihm jemand ein Glas Wasser einschenkte und hinhielt. Da trank er und kam in die Welt zurück, und sie schenkte ihm auch einen Becher ein, der war gefüllt mit einiger zögernden Anerkennung dessen, was „immerhin musikalisch“ daran sei, und ein wenig Hoffnung, daß „bei tüchtigem Studium schon noch etwas herauskomme“, und mit viel lächelnder Gleichgiltigkeit. Da wußte er und war plötzlich wach geworden, — es war ein scharfes, wehtuendes Wachsein, — daß er zu denen gehöre, die das hohe Lied des Lebens, das in ihnen erklingt, nicht singen können, nicht so, daß es in den Menschen widerhallt. Da sprang auch in ihm eine Saite. „Die wird nie wieder ganz.“ Das wußte er. Einmal bekam er einen guten Händedruck. Der war von dem „alten Herrn“. Aber es brauste so wunderlich in Georgs Ohren, er hörte nicht recht, was gesagt wurde. „Ich komme morgen wieder, ich habe Ihnen allerlei zu sagen.“ Dann ging der alte Herr zögernd fort. Er stieg allein hinter den andern drein die Treppe hinunter; das Herz war ihm voll. Das war doch echte Musik gewesen, dennoch, obgleich er, der sie geschaffen hatte, wohl nie zu den Meistern zählen würde, die die Welt anerkennt. Er wollte es ihm sagen, morgen. Als Georg sich nach einiger Zeit umsah, war er allein.
Nicht ganz allein. Emeritz stand an der Tür und machte fragende Augen. „Ob Sie nicht zum Theodor kommen könnten?“ Aber sie fragte umsonst. Er rührte sich nicht. Er saß da, wie einer, der nun nicht mehr weiter kann und auch nicht will und nicht weiß.
Da wetterte sie in ohnmächtigem Grimm und Mitleid die Stubentür und dann die Gangtür zu, und polterte die Treppen hinunter; es sollte poltern, sie wollte es so. Und schwang dabei die Schultasche, die sie in der Hand hatte, daß die Schiefertafel am Treppengeländer verkrachte. Aber mochte sie doch verkrachen, es gab noch mehr Verkrachtes in der Welt. Sie hatte deutlich gehört, was die Herren beim hinuntergehen zueinander sagten; es war viel Spöttisches darunter gewesen, und sie hatte es sofort den Schneidersleuten erzählt und wollte es jetzt der Mutter erzählen.
Aber sie wußte nicht, daß er, dem ihr grimmiges Mitleid galt, droben in Hast und Eile eine Reisetasche packte und nach dem Fahrplan sah. Es war ihn plötzlich angekommen, heimzugehen. Was sollte er noch hier? In seiner Kammer neben dem Taubenschlag wollte er sich besinnen, was nun aus seinem Leben zu machen sei. Und er wollte sich von Liebe umfangen und trösten lassen, und am Glauben der Liebe wollte er wieder an sich selbst glauben lernen.
** *
Als der alte Herr am andern Tag wieder kam, um sich mit Georg zu besprechen, da saßen Theodor und Emeritz schluchzend beisammen. Er sei fort, sagten sie, in aller Frühe sei er abgereist, und ob er wieder komme, das wisse kein Mensch. Hier liege auch ein Brief an ihn, den müsse man ihm nachschicken nach Wiblingen. Und dann schmiegten sie sich von neuem aneinander, um ihre Betrübnis besser tragen zu können. Lorens Bild aber lächelte noch von seinem Eckbrett herunter. Das hatte er zurückgelassen? Er war ja zu ihr selbst gegangen.
** *
Es war eine Zeitlang, wohl drei Monate, nachher. Ein stilles Zimmer, grün gestrichene Wände mit wenig Schmuck daran. Beim letzten Schein der sinkenden Sonne saß einer und schrieb.
„Weißt du noch, Gertrud, das Märchen von dem Fuhrmann, der „noch nicht arm genug“ war? Zuerst fiel ihm sein Pferd, dann sein Hund, dann seine Frau, dann sein Haus, dann er selbst. Nun, ich selbst lebe noch. Und vielleicht bin ich jetzt auch arm genug. Denn mehr als mich selbst — und was für ein Ich — habe ich nicht mehr. Es lebt aber irgendwo in mir etwas wie eine tiefe, schauerliche Freude, dochzuleben und dazusein. Das muß für den Anfang genügen. Es muß ja auch denen, die um mich herum sind, genügen, zu leben. Denn viel mehr als das Leben selbst haben sie, die nicht einmal das Licht sehen können, nicht.
Ich will aber versuchen, dir alles der Reihe nach zu erzählen, du bist es wert, du Getreue. Es ist nur nicht leicht, und du mußt verzeihen, wenn hie und da eine Blase aufsteigt und zerplatzt, ich habe hie und da noch einen bittern Geschmack in mir. Es wird ein langer Brief werden.
Also das hast du erfahren, ich schrieb es mit drei Worten deinem Großvater, und du, die du sein Auge bist, hast es ihm wohl vorgelesen: Es war nichts mit dem Lied, das ich singen wollte. Davon zu reden nützt ja nichts. Du weißt, wie es von Anfang an war: als ich mich von der Theologie abwandte, weil sie mir zu groß und zu schwer war, da mußte ich erfahren, daß etwas von ihr meinem Wesen gemäß sei und meine tiefste Neigung besitze. Als ich vor der Kanzel floh, weil ich der Meinung war, daß man den Glauben nicht lehren könne, das Innerste im Menschen, das allem Zugang der Menschen verborgen sei, — da merkte ich erst, daß ich dennoch einen Zug dazu hatte, ihnen zu predigen, wenn man so sagen will. Ich wollte ihnen etwas bringen, ein Aufhorchen auf das, was die Stille redet, einen Glauben an das Innerliche, Unsichtbare, das erst das eigentliche Leben ist, und daran, daß die Sehnsucht nach dem Ewigen Recht behalte.
Und weil mich Worte dazu so unvermögend und arm dünkten, wollte ich versuchen, es in Tönen zu sagen.
Meiner eigenen Sehnsucht und ihrer wollte ich damit nachgehen. Nun, du weißt es, ich bin beides nicht, kein Priester und kein Künstler. Ich wollte es nur sein. Andere sind es, das ist der Unterschied.
Aber genug davon. Ich war noch nicht ganz arm. Ich hatte ja noch meine Liebe. Das war Schmerz und Trost zugleich. Schmerz, weil ich ihr noch kein Haus bauen konnte, — ich wollte jetzt mit ihr beraten, wie es zu machen sei, und wollte ihr auch die Freiheit anbieten; aber mein Herz lachte: das nimmt sie nicht an. — Und Trost, weil ich von jemand sagen konnte: meine Heimat du.
Daß ich dir das erzähle, Gertrud. Aber ich habe sonst keinen Menschen und du hast von Kind auf zu mir gehört.
Ich bin zu spät gekommen. Sie hatte so lang gewartet, als sie konnte. Als ich kam, saß sie an der Nähmaschine und nähte rot- und weißgestreifte Hemden für Franz, und Franz bog eben ihren schönen Kopf zurück, daß er in seinen beiden bloßen Armen lag und sie hatten ein Lachen des Glücks in ihren Gesichtern. Zu lachen, Gertrud, hatte sie nicht viel bei mir, und sie lacht so gern und ist so schön, wann sie lacht. Ich hoffte, es später auch noch zu lernen. Aber es hatte zu lang gedauert. Da ging ich leise von der Tür zurück, die war offen gewesen, und stieg in meine Kammer hinauf. Weißt du, Gertrud, meine Kammer unter dem Dach. Später kam Lore nach. Der Lehrling hatte mich hinaufgehen sehen und es ihr gesagt.
Ich darf ihr nicht zürnen, Gertrud. Sie konnte nicht anders. Franz, der ist ja mein Bruder, der hätte eigentlich —, nun, es hat wohl so sein müssen. Was ist eine Liebe, die keinen Boden hat, keinen rechten, natürlichen Nährboden? Er aber ist Bäcker, Weinwirt und Hausbesitzer und — ich darf nicht bitter sein, ein heiterer, nüchterner Mensch, der keinen vergeblichen Träumen nachgeht. Nur, ich habe sie sehr geliebt, und eine Seite ihres Wesens, die ich kenne, die hätte doch wohl zu mir gepaßt.
Zu dir konnte ich damals nicht gehen, Gertrud, das verzeihst du mir. Es zog mich mit Gewalt zu dir, und du hättest mich aufgenommen. Aber ich konnte doch nicht.
Eins noch aus jenen Tagen: ich kann so gar nicht durchfahren. Ich hätte, wär’ ich ein ganzer Mann gewesen, sogleich wieder gehen sollen, irgendwo hin. Ich gehörte ja doch nicht in dieses Haus. Aber sie kamen herauf und setzten mir auseinander, wie es gegangen sei, ganz verständlich, es war gar nichts dawider zu sagen, und Lore bat mich tausendmal, zu sagen, daß es so besser sei auch für mich. Ich glaube, ich habe sogar so etwas gesagt. Da blieb ich drei Tage. Ich war auch so stumpf und müde. In dieser Zeit schickten sie mir einen Brief von Fritz Hornstein nach, der fragte mich, ob ich „noch nicht genug von der Freiheit“ hätte. „Denn du gehörst ja doch zu uns und in ein Amt gehörst du auch.“ — So? In ein Amt? In was für eins? Ich mochte nicht weiterlesen. Wie ein verlorenes Paradies stand das Ideal meiner Jugend — du kennst es, — vor mir. Sollte es jetzt gut genug sein für einen verlaufenen Musikanten?
Es schüttelte mich. Ich war ja ärmer als je. Was hatte so einer, wie ich, zu geben?
Aber schließlich las ich doch weiter. Falls es dir mit dem Neuschaffen nicht so klappt — verzeih’, daß ich das für möglich halte, aber es kommt ja vor und ich meine, in deinem letzten Brief so etwas gelesen zu haben —“ (ach ja, ich meine es auch), „ich wüßte dir einen Posten, dem ich dich gönnen möchte, wenn er dir auch nicht lang genügen wird. Es wird von einer Blindenanstalt ein Musiklehrer, der auch sonst einige Stunden, am liebsten Religion und Weltgeschichte, und etwa Literatur zu geben hätte, gesucht.
Seit ich das weiß, muß ich immer an dich denken, wie ich dich unter dem Häuflein armer Leute antraf, damals in München. Du magst machen, was du willst, du gehörst dennoch zu uns. Im übrigen wirf mir getrost einige Grobheiten an den Kopf, falls es dir nicht paßt.“
Jetzt bin ich da, Gertrud, und merke erst, wie arg zerbrochen. Ich will aber versuchen, zu leben und nun dennoch —.“
Als Georg Ehrensperger, Musiklehrer und Vikar der Blindenanstalt, droben in seiner einsamen Stube im dritten Stock soweit geschrieben hatte, legte er die Feder weg und es flutete in heißen Wellen über ihn hin, daß er nicht wußte, was er dennoch wollte, und er ließ den Kopf tief auf die Brust herabsinken und saß mutlos da.
Da ging die Tür geräuschlos auf und ein Zögling des Hauses, ein blasser, feiner Jüngling mit lichtlosen Augen stand da und sagte: „Ich habe geklopft, aber Sie haben es nicht gehört. Es ist Besuch für Sie da.“
Besuch?
Feste, wohlbekannte Tritte auf dem Gang, eine liebe Stimme.
„Georg.“ Da trat sie, der er soeben sein Herz ausgeschüttet hatte, herein zu ihm und nahm ihn bei der Hand. „Grüß Gott.“
Er konnte nicht gleich reden. „Gertrud.“ Das war alles. Es war auch nicht nötig, mehr zu sagen, er schickte sie nicht fort, das merkte sie dennoch.
„Da, lies, das ist für dich,“ sagte er.
Aber sie wußte ja alles. Ahnte er denn nicht, wie sie mit ihm fortgelebt hatte?
„Wie kommst du hierher, Gertrud? Wie hast du mich gefunden?“
Eine tiefe Röte überzog ihr ernstes Gesicht. Sie kämpfte einen Augenblick mit der Versuchung, ihm zu sagen, daß sie ein Kind im Hause besucht und nicht habe versäumen wollen, ihn auch —. Weg damit. „Ich bin nur zu dir gekommen.“ Das Herz schlug ihr bis an den Hals, aber sie sagte es dennoch. „Ich mußte, ich habe immer zu dir gehört, Georg. Ich habe so lang gezögert, ich hatte — ach, das ist ja gleich. Da bin ich.“
Da zum erstenmal seit — ach seit langer Zeit, überkam ihn eine Bewegung, die warm und weich und schmerzvoll zugleich war und die heiße Tropfen in seine Augen trieb und auf seine Hände fallen ließ. Er dachte nicht daran, sie zu verbergen. „Du bist — mein guter Kamerad,“ wollte er sagen, aber es ging nicht, er schüttelte den Kopf. Da sagte sie es selbst. „Das will ich jetzt auch sein.“
Er mußte sie ansehen. Er hatte sie ja lang nicht gesehen.
Es war eine ernste, reife Schönheit in ihrem Gesicht und Wesen; sie sah älter aus, als ihre Jahre es wollten, aber so sicher und aufgerichtet und auf irgend eine Art froh, von innen heraus. Nun saß sie neben ihm.
Sie las seinen Brief, damit er nicht reden mußte. Dann legte sie ihn zurück auf den Tisch.
„Und nun dennoch?“ fragte sie leise mit den letzten Worten des Briefs.
Da schüttelte er den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich meinte, dennoch irgend einen Teil an den Menschen haben. Aber ich weiß nicht, welchen. Ich habe ihnen nichts zu geben. Ich habe nur einen starken Zug zu ihnen, das ist alles. Ach, Gertrud, es geht ein Riß durch mein Leben hindurch. Der läßt sich vielleicht notdürftig flicken, mehr nicht. So viel Mißratenes, so viel verlorene Zeit, vergebliches Streben, unklares Wollen, — ach, es ist nicht aufzuzählen. Und dann auf einmal gar nichts mehr zu haben, nichts, Gertrud. Weg ist alles Schöne, auf das man hoffte, weg wie ein Traum.“
„Das verstehe ich besser, als du denkst,“ sagte sie, und verbarg ihm ihre Augen nicht.
„Man glaubte ein Ziel zu haben, einen eigenen, bestimmten Inhalt für sein Leben, und auf einmal steht man da und hat ganz leere Hände.“
Das mußte sie erlebt haben, das spürte man, und Georg wußte nun, daß auch das wahr sei, was er sich hie und da auszureden versucht hatte, daß er ihr, an die er nicht in einer solchen Liebe gedacht hatte, das Leid des Lebens gebracht hatte. Das kam auch noch hinzu, er senkte den Kopf noch ein wenig tiefer.
„Aber das wird wohl so sein müssen. Die den Armen etwas bringen wollen, eine Liebe oder eine Botschaft, die müssen selber arm gewesen sein. Wie könnten sie sonst die andern verstehen? Warte du nur, es geht dir nichts Gutes ganz verloren, du mußt es nur zuerst wagen, ohne alles dazustehen, ganz allein und ohne Besitz.“
Sie zögerte, ob sie das auch noch sagen solle, was ihr von unten heraufstieg und auf den Lippen lag, dann fuhr sie leiser fort, wie man von einem schönen Geheimnis redet: „Es bekommt alles ein anderes Gesicht für einen von da an. Alles, auch Er, du weißt, wen ich meine. Von dem ihr so oft so zaghaft redet — ich meine, ihr Theologen, weil ihr nicht recht wisset, wo ihr ihn unterbringen sollt. Von da an, wo man sich wundert, daß er die Armen selig preist. Gerade die, die es in sich selber — im Geist, sagt er, — sind. Er muß es auch gewesen sein, sonst könnte er es nicht tun. Dann wüßte er es nicht. Da tritt er einem ganz nah, ganz nah. Alles versteht man anders von da an. Da geht ein neuer Weg in die Welt hinaus, zu den andern. Man versteht sie, wenn sie schwer an sich tragen und hat sie lieb. Das spüren sie. Das schließt sie auf. Ach — fang’ nur an — sagen ist nichts, erleben, das ist alles.“
Er sah sie immer an, solang sie sprach. Er trank das alles in sich hinein, wie man frisches Wasser trinkt.
Nun war sie wahrhaftig wieder auf seinen Weg gekommen, wie damals auf der Landstraße, als er verstört und erschrocken bei dem invaliden Drehorgelmann stand, und wieder faßte sie seine Hand und sagte: „Komm, wir gehen nach Hause.“
Wie war sie ernst und stark, wie war sie gesund und frisch.
Unten läutete eine Glocke, das war für ihn das Zeichen zu einer Stunde.
„Geh’ mit, ich will dir alles zeigen, die Menschen, die großen und die kleinen, und das ganze Haus. Es ist mir heimatlicher, wenn du alles gesehen hast.“
Und sie durchwanderte mit ihm das Haus, und hörte zu, wie er einen blinden Knaben im Orgelspiel unterwies, und saß mit gefalteten Händen dabei, als er nachher eine ernste, schöne Musik ertönen ließ, die ihr fremd war und sie doch vertraut anmutete. Die war aus seiner eigenen Seele geflossen, das wußte sie, und wußte auch, daß er neu aufstehen und das Leben angreifen werde, ja, daß er es im Grunde schon getan habe.
Da ging eine große Freude durch ihr ganzes Wesen hindurch, viel größer, als in jener Nacht, da sie zu erkennen glaubte, daß sie beide, Georg Ehrensperger und Gertrud Cabisius für einander geschaffen seien.
„B’hüet Gott.“ Sie reichte ihm die Hand, da eben die Blinden in langen Reihen mit stillen Tritten in den Saal kamen, und die Abendandacht beginnen sollte. Er konnte sie nicht zur Bahn geleiten.
„Bleib nur. Du weißt, ich mußte kommen. Gelt, du verstehst es. Ich bin deine Schwester, das bleib’ ich. Du hast es immer gewußt, ich nicht immer.“
Da ging sie hin. Er sah ihr nach, bis sie um die Ecke verschwand.
Dann atmete er hoch auf. Untergehen? Nein.
Siebentes Kapitel
Die Fenster standen weit offen, die laue Abendluft trug den Duft der Reseden und Levkojen vom Garten herauf ins Zimmer. Es war ein stilles Zimmer. In dem großen Lehnstuhl saß der Rektor Cabisius. Er hatte das weiße Haupt auf die Brust gesenkt und dämmerte so zwischen Schlaf und Wachen dahin. Die Zeit war gekommen, da er von dem allem, was ihn hier umgab, Abschied nehmen sollte. Es war kein Losreißen, er ging still und gern. Das große Studentenbild sah von der Wand herunter auf den Greis. Wo waren alle die jungen, kraftvollen Gestalten hingekommen? Sie hatten alle ihren Weg durch die Welt gemacht und waren wieder gegangen; neue Generationen waren nach ihnen gekommen. Er war wohl der Letzte von den Alten, damals Jungen.
Der Greis regte sich und hob den Kopf.
„Ja, Anne, so jung als möglich.“
„Hast du etwas gesagt, Großvater?“
Unter der offenen Tür des Nebenzimmers erschien Gertrud.
Sie trat zu ihm. Er lächelte und öffnete die Lider seiner blinden Augen. Das tat er wohl aus alter Gewohnheit, denn die Gestalt seines Kindes, das vor ihm stand und ihr Gesicht mußte er ja mit andern Augen wahrnehmen, als mit den erloschenen seines Leibes.
„Ich glaube, ich habe mit deiner Großmutter geredet. Sie ist jetzt immer neben mir. Sie sagte in ihrer raschen Art, wie sie früher oft sagte: „Wir müssen so jung als möglich sein, Alter. Für das Kind. Du bist aber kein Kind mehr, Gertrud.“
„Du bist aber so jung als möglich gewesen, Großvater, du bist es für mich gewesen. Ich danke dir so herzlich dafür.“ Sie kniete neben ihm und legte ihren Kopf in seinen Schoß.
„Du Kind, du bist lebensreifer, als ich je gewesen bin. Das hat das Leid getan, das große Alleinsein. Ich habe es gewußt, wir haben nur nie darüber geredet. Aber jetzt, da ich gehe, sag, Gertrud, wie ist es? Ich muß es Anne sagen können. Wie ist es mit dir und Georg?“
Er mischte Traum und Wirklichkeit durcheinander.
„Ach, Großvater, da ist nichts zu sagen. Er ist wieder bei mir, wie einst. Er hat mich lieb und ich gehöre zu ihm, wie ich es von Kindheit an tat. Aber wenn du das meinst, das eine: ich bin ihm nicht das Weib, nicht sein anderes Ich. Ich weiß es. Das kann nie kommen, das ist nicht. Das ist ein Rätsel des Lebens, das Gott allein weiß. Ich weiß nicht, ob irgendwo jemand lebt, der zu ihm gehört; bis jetzt weiß er nichts davon. Manchmal denke ich, wir werden so leben und alt werden und davongehen, und irgendwo sei die Lösung des Rätsels, die andere Seite des Gewebes, die wir dann zu sehen bekommen. Aber ich weiß es nicht. Bis dahin, — man muß sich stillen und nichts verlangen, und sein Leben füllen, so gut man kann. Sie sind ja alle irgendwie in Not, die Menschen. Man muß sie lieb haben und verstehen, nicht in ihrer Sünde, in ihrer Not. Das tat Er auch.“
Sie schwieg. Der Abend dunkelte durch das Zimmer. Der Greis schlief wieder. Er war so müde.
Draußen wurden Schritte hörbar, rasche, kräftige Tritte.
Das kleine Dienstmädchen verhandelte etwas mit jemand, dann klopfte es an die Tür des Nebenzimmers.
„Herein.“
„Grüß Gott, Gertrud.“
„Grüß Gott, Georg.“ Sie war aufgestanden und ihm entgegengegangen.
„Lebt er noch?“
„Ja.“
„Ich habe nicht bälder kommen können. Es war so vieles in den letzten Wochen und Tagen, Prüfung und Jahresfest, und, Gertrud, ich habe es nicht lassen können, ich habe einiges von meinem Eigenen mit den Blinden eingeübt, einen Chor, und ein Orgelstück, und ein Andante für Klavier und zwei Violinen. Es ist aus dem Alten, das nicht schweigen will. Sie haben es mir so lebendig abgenommen, du glaubst nicht, wie froh es mich gemacht hat. Sie haben nicht so viele Tore ihrer Seele, durch die das Leben aus- und einströmt, darum sind sie gesammelter, einheitlicher. Wir hatten kein Publikum dazu, wir waren unter uns. Es war aber ein Fest.“
Sie sah auf ihn und freute sich, daß er so hell und frisch dreinsah und dachte, wie eine Mutter denkt: „Wie hat er sich herausgerissen und ist des Seins und Lebens mächtig geworden. Ach, das ist ja nicht so wichtig, was sein Amt und Titel ist, und ob seine Altersgenossen weiter sind, als er. Was er ist, das ist das Wahre, und er ist ein Mensch und Mann, an dem Gott selber seine Freude haben kann.“
Sie saßen aber still in der Stube neben des Rektors Studierstube. Von drinnen kam ein leichtes, kurzes Atmen und hie und da ein Wort, im Halbschlaf geredet.
Da, nach längerer Zeit, fingen sie an, sich flüsternd zu unterhalten.
„Wenn er aufwacht, dann will ich zu ihm hineingehen. Ich möchte ihm noch so vieles sagen, aber das werde ich ja nicht können. Weißt du, mit dem Danken, es ist so eine Sache. Wer sich selber von Herzen gab, der will keinen Dank dafür. Und so gab er sich, sein Leben lang, wenigstens seit ich denken kann.“
„Seit wir denken können. Das ist so ziemlich das gleiche.“
„Ja.“ Er dachte zurück, so weit er konnte.
„Weißt du noch?“ Da machten sie es wie die Alten, die ganz Alten und tauchten in den Jungbrunnen der Kindheitserinnerung ein. Tausend und eine Erinnerung. Hie und da wurden sie lebhaft und verfielen in lauteres Reden, dann erschraken sie vor dem eigenen Ton ihrer Stimmen und flüsterten wieder.
Frau Judith schritt am Stock durch das Gemach, und Jungfer Liese, und die Rektorin, und Hollermann. Und dann glitt ihr Schifflein unvermerkt in das breitere Flußbett des Lebens hinaus.
„Du, Gertrud, wo bist du mit deinen Gedanken?“
Sie schrak auf. Sie hatte soeben einen kleinen Privatausflug gemacht, davon sollte er nichts wissen.
„Ja?“
„Ich bin heute nachmittag drüben gewesen, bei Franz und Lore. Sie wissen gar nicht, was sie mir alles zuliebe tun sollen. Aber, du — du hörst nicht recht zu.“
„Doch, ich höre alles.“
„Du, Lore geht ins Korpulente. Das ist sehr heilsam für mich. Diese Frau mit den dicken Backen und der breiten, gestreiften Schürze habe ich nicht gekannt. Heute, als ich kam, stand sie unter der Ladentür und sah hinaus. Ich hatte ein wenig Mitleid mit ihr; man sollte es nicht glauben, aber es ist doch so. So, als ob ihr Gesicht fragte: ‚Ist das jetzt alles?‘ Und, Gertrud, es ist ja tatsächlich alles. Sie hat ihren Franz und ihren rundköpfigen Buben, und ein gutes Geschäft und viel Geld. Aber ich weiß, irgend etwas in ihr hungert nach mehr. Sie ist nicht zufrieden mit dem allem.“
„Und das ist ihr Bestes,“ sagte Gertrud. „Das ist ein Faden, der sie ans Innerliche, Ewige knüpft. Wenn sie älter wird, wird das Heimweh steigen, und zuerst wird sie meinen, es sei nach dir, und dann wird sie erkennen, daß es nach deiner Welt ist. Und sie wird ihrem Sohn davon erzählen, und wird den Armen Brot und Liebe geben, und wird ihren Mann davor behüten, daß ihm gut Essen und Trinken alles wird. Und das hast du ihr gegeben.“
Da schwiegen sie wieder.
Die Hausglocke schellte.
„Das ist Meister Nössel. Er kommt jeden Abend um diese Zeit und sieht nach dem Großvater. Es ist ein Wunder, daß er es noch kann, er ist so eingetrocknet und zusammengerunzelt wie eine Hutzel. ‚Wenn mich nur der liebe Gott nicht abzurufen vergißt,‘ sagte er gestern. Ich glaube, er ist in Sorge darum. Aber es ist nicht mehr viel Leibliches an ihm, man kann ruhig sein in dieser Hinsicht.“
Da kamen trippelnde Schrittlein und schwere Stockstöße näher.
„Guten Abend.“
„Guten Abend, Meister Nössel.“
„Ist er noch da? Ja? Ich dachte, er sei heut gegangen. Heut sind’s elf Jahre, daß Judith starb. Ich hätte nicht gedacht, daß es noch so lang daure, bis ich nachkomme.“
„Still.“
Vom Turme hallten die feierlichen Schläge der Betglocke.
„Er hat’s doch gelernt. Das Läuten, meine ich. Ich habe einst im Ärger gesagt: Das lernt er nie so recht, er läutet anders, weil er anders ist. Aber er hat’s doch gelernt. Er hat inzwischen viel erlebt und auch erlitten, das macht’s.“
Dann schwiegen sie wieder.
Der letzte Hall, noch einer.
„Und wenn das Leben neiget sich, laß uns einschlafen seliglich.“
Das hatte Meister Nössel gesagt. Sonst begehrte er ja auch nichts mehr. Das andere, das Unruhige, Müdmachende, Glück und Leid und Sorge und wie alle die Erdengeister heißen, das lag weit dahinten, nicht vergessen, nicht verachtet, aber ausgedient.
„Gute Nacht.“ Er gab seinem alten Freund die Hand, der war in Träumen und kannte ihn nicht.
„Das tut nichts. Wir — wir kennen uns doch wieder, wenn es Tag wird, Joachim Cabisius. Schlaf wohl, schlafet alle wohl.“
Sie hörten die Stöße seines Stockes auf der nächtlichen Gasse. „Bleibst du da, Georg? Ich bleibe die Nacht auf; wenn du willst, bleib bei mir. Der Doktor war da, kurz, eh’ du kamst, er sagt, es könne ganz leise ausgehen, wenn das Herz versage. Aber ich glaube es noch nicht. Er erwacht hie und da und spricht dann ganz klar und wie sonst, wenn auch fast ganz ohne Stimme. Hörst du?“
Sie traten leise zu ihm, da redete er undeutliche Worte, und, da er müde an die Seitenlehne gesunken war, wie ein schlaftrunkenes Kind, brachten sie ihn miteinander zu Bett.
Der Mond war heraufgestiegen und leuchtete wie vor Zeiten in die altbekannte Stube und wunderte sich, daß die lange Pfeife unbenützt am Haken neben dem Stehpult hing und daß alle die Geister und Geistchen, die sonst auf weißen Rauchwölkchen da herumspukten, schwiegen und den Atem anhielten. Als er aber bis an das weiße Bett hinleuchtete, das sonst nicht in diesem Raum gestanden war, da hörte auch der Mond auf, zu flimmern und herumzuspielen. Ganz still lag sein Licht auf dem Boden und an den Wänden und blieb auf dem Bett und der ruhigen Gestalt darin liegen.
„Es tut ihm nicht weh, du brauchst den Vorhang nicht zuzumachen, Georg.“
Da setzte der sich auf die Truhe, wie einst und sah sich um, wie die Stube in dem weichen, ruhigen Licht dalag und dachte, daß es jetzt auch anders werde, da ihr alter Bewohner davonging.
„Was willst du nun anfangen, Gertrud? Hast du dir etwas ausgedacht?“
Sie zuckte nun doch ein wenig zusammen. Was hilft das Ausdenken? „Ich bleibe vorläufig da. Ich habe es alles mit dem Großvater besprochen. Ich will Veronika zu mir nehmen, meine lahme Freundin, der die Mutter gestorben ist, und will mich um meine Patenkinder annehmen, so gut ich kann. Eines von ihnen, (du kennst ihn ja, es ist Leonhard, der mittlere Bub von den Türmersleuten, — der ist so zart und kann nicht gut so oft die vielen Stufen steigen), bekomme ich vielleicht ganz ins Haus. Dann will ich sehen, ob ich ihm etwas von allem dem geben kann, was er —“ sie zeigte nach dem Bett hin — „was er mir gab. So ist noch manches.
Ich habe früher an einen bestimmten Beruf gedacht, Krankenpflege, oder Lehrerin, oder sonst etwas. Aber daraus ist jetzt nichts geworden, und ich glaube, es ist auch besser so.“
Sie saß da so hell im Licht und Georg sah, wie es in ihren Zügen arbeitete und wie dann ein Lächeln darüber ging.
„Das ist jetzt so. Ich passe wohl nicht recht in irgend einen Model, ich bin so ein wenig anders geraten als andere Mädchen. Ich stieße wohl da und dort an, wenn ich nicht sein dürfte, wie ich gewachsen bin. Da muß ich sehen, daß ich mir selber ein Leben zimmere. Es wird auch schon gehen.“
Im Stillen dachte sie: Und dann will ich für dich da sein, so oft du eines treuen und ehrlichen Menschen bedarfst, der zu dir gehört.
Sie sagte es nicht; sie war doch wohl noch nicht heil genug, um ganz rückhaltslos von ihm und sich zu reden.
Aber er sagte es selber.
„Das ist gut für mich,“ sagte er. „Ich muß dich immer finden können. Ich weiß ja nicht, was noch aus mir wird, obgleich ich vorläufig bei meinen Blinden bleibe und noch nicht ans Fortgehen denken mag. Wie lang das noch dauert, weiß ich nicht. Was sagst du Gertrud?“
„Was ich sage? Du sollst einmal einen Schritt um den andern tun und einen Tag um den andern nehmen, wie du das bereits angefangen hast. Es wird eines aus dem andern herauswachsen, eine Aufgabe aus der andern und ein Können aus dem andern. Das sage ich und sonst nichts.“
„Doch noch eins, Gertrud.
Ich weiß nicht, was meine Altersgenossen von mir denken. Hie und da kommt einer — sie sind aber nicht alle so, lange nicht, — so ein bißchen mitleidig, ein bißchen vorsichtig zurückhaltend zu mir, neulich beim Jahresfest, oder wenn einer das Haus betrachten will, und glaubt dann, nachsichtig mit mir reden zu müssen, wie mit einem, der eigentlich etwas wie eine ‚verfehlte Existenz‘ ist. Und das, Gertrud, das will ich nicht sein. So sehe ich mein Leben nicht an, es komme, wie es wolle.“
„Das bist du auch nicht. Durch das alles hindurch geht ein gerader Weg zum rechten Leben, weißt du, dazu, ‚das Leben zu haben in sich selbst‘. Das kann man freilich den andern nicht sagen. Sie sehen nur das Äußere. Aber das wird gerade gut sein. — Gut sein müssen,“ setzte sie doch mit einem leichten Seufzer hinzu. Denn leicht war es nicht immer, das wußte sie wohl.
„Ja, und das sollst du mir hie und da sagen. Dazu will ich dich finden können — und zu manchem anderen. Du weißt es. Wenn ich es nicht mehr weiß, will ich dich fragen können.“
Sie nickte ernst und einverstanden.
„Das will ich. Das sollst du können, mein Bruder.“
Und so sah Gertrud Cabisius’ Glück aus?
So sah es aus.
Sie hatte sich einst weit aufgetan, um ein ganz großes, ganz volles Menschenlos in sich zu empfangen. Und nun war sie zufrieden, — nun fand sie eine tiefe Freude darin, dem, den sie liebte, ein ruhender Punkt, hie und da eine Zuflucht, eine Weggenossenschaft zu sein?
„Es wird nicht allen so gut,“ dachte sie dankbar. „Es ist mehr, als ich an bösen Tagen hoffen konnte.“
— Wer will sagen, was ein ganzes Menschenlos sei? Vielleicht wird im Entbehren, im tiefen Leid des Einsamseins stärker als im warmen, sonnigen Glück die Ahnung davon wach, daß das hier „nicht alles“ sei.
Daß die kurze Spanne Zeit, die wir unser Leben heißen, nur ein Teil jenes großzügig angelegten Planes sei, in den sich der Schöpfer der Menschengeschlechter nicht hineinsehen läßt. Wie der Geiger, der das schönste Lied suchte, so sucht die Menschenseele einen Ort, da es „bessere Geigen“ gibt, damit einmal, endlich einmal das ganze Konzert von großen, schrecklichen und herrlichen Dingen, die die Menschenbrust zu Zeiten fast zersprengen wollten in Liebe und Sehnsucht, zur Aufführung kommen könne, oder da in dem ungeahnt Allergrößten das jetzt Große untersinke und verstumme.
Mitternacht war vorüber. Sie saßen noch da, manchmal still für sich und in Gedanken jedes, manchmal flüsternd, Gegenwärtiges und Zukünftiges beredend. Daß Georg einen Brief von Emeritz, seiner Münchener Freundin, habe, und daß es ihm gelungen sei, den blinden Theodor in der Anstalt unterzubringen. Gertrud wollte ihn einmal über eine Vakanz zu sich holen und freute sich darauf.
„Er soll es gut haben,“ sagte sie lebhaft und dämpfte sogleich wieder ihre Stimme; die leisen, schwachen Atemzüge, die nur in der tiefen Stille der Nacht hörbar sein konnten, gaben hier drinnen den Ton an. Es ist nichts Geringes, dabeizusein, wenn ein ernster, Gottes und des Lebens bewußter Mensch sich anschickt, in die dunkle Flut unterzutauchen, deren Grund und anderes Ufer wir nicht kennen.
Ein Uhr.
„Horch, er redet.“
Sie traten ans Bett.
Immer ein Wort mit versagender Stimme, schnell aufeinander, dann langsamer, deutlicher, dann kam mehr Stimme hinein.
Immer dasselbe — „ewig — ewig — ewig.“ Immer lauter, immer staunender wurde der Ton. „Ewig — ewig — ewig.“ Sonst nichts. Sie versuchten ihn anzureden. Aber für den leisen Laut einer Menschenstimme war Joachim Cabisius nicht mehr da, er, der zu vergehen schien an etwas ganz Riesigem, ganz Unfaßbarem.
„Ewig — ewig — ewig.“
Es dauerte immer noch fort. Fast nicht zu tragen für die Zuhörenden, denen der Vorhang noch nicht gehoben ist, der ihm sich aufzurollen scheint. Es war so riesig, alles andere versank davor.
„Ewig — ewig — ewig.“
Sie waren ans Fenster getreten, dicht nebeneinander und hatten sich fest an den Händen gefaßt.
„Daß uns werde klein das Kleine, und das Große groß erscheine,“ sagte Gertrud leise.
Dann nach und nach wurde es stiller, dann ganz still.
Waren auch ihm die Saiten zersprungen, als er in den vollen Chor einzustimmen versuchte?
Er hatte sein Lebenlang zu der stillen, schönen Gemeinde der „guten Geister“ gehört, die in allerlei Sprachen und auf allerlei Weise, ein jeder nach seiner Art „loben Gott den Herrn“ und deren Bundeslied, ob ihnen schon die Worte vielfach nicht bewußt sind, doch durch alles Geschaffene tönt:
„Alle die Schönheit Himmels und der Erden Ist verfaßt in dir allein.“
Wenn wir Ohren hätten.
Aber es wird so gut sein, wie es ist und wird gut werden, wie es wird.
** *
Der Morgen graute ganz von ferneher. Kaum ein erstes, blasses Dämmern drang durch die Nacht. Die kleine Nachtlampe fing an zu flackern in dem kühlen Wind, der über die Berge herkam und draußen in den Bäumen rauschte und in die Stube hereinwehte. Da standen sie auf von ihren Sitzen und deckten ein weißes Tuch über das liebe, stille Gesicht.
„Ich gehe, Gertrud. Ich will mit dem Morgenzug reisen und meine Stunden halten, wie sonst. Morgen komme ich wieder.
Ich komme immer wieder, du weißt es. Dieses Haus ist mir eine Heimat gewesen und dieser Mann ein Vater, und du — du bist mir eine Schwester. Meine einzige. Bist du es nicht?“
„Doch, Georg.“
Ihr bleiches, überwachtes Gesicht glänzte von einem inwendigen Licht.
Sie gaben sich die Hände.
Das leise Sausen draußen schwoll stärker und stärker an.
Als sie ihm die Haustür öffnete, stand der Morgenstern über dem Nachbarhaus:
„Wohlauf in den Tag hinein, so lang er währt. Ist er auch jetzt noch grau, er wird hell und heller werden wann die Sonne kommt.“
Vor ihnen lag das Leben. Sie hörten leise seine Ströme rauschen in der Morgenstille. Es würde schon Wege geben, hindurchzugehen.
Auf dem Dach, auf dem spitzen Giebel sang eine Amsel und sang die anderen Vögel wach. Wußten sie nicht, was heut nacht geschehen war? Sie sangen ihr altes Lied:
„Freude, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“
Sie können kein anderes. Es ist ihnen das Lied des Lebens, und wollte Gott, wir alle könnten, über Leid und Tod hinüber, alle nur das einzige, das Lied des Lebens, zu dem die Saiten in uns aufgespannt sind.