Erstes Buch (continued 3)
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Es war ihm zwar ein Trost, zu denken, daß man als Pfarrer immer den Kirchenschlüssel habe und darum an jedem Werktag ohne Zeugen in der leeren Kirche die Orgel spielen könne. Denn das tat der sehr musikliebende Stadtpfarrer öfters und das gedachte er dann auch zu tun.
Das hatte er sich nun deutlich ausgesonnen und so konnte er seine Antwort ohne Zögern geben. Daß er vor der Größe des Augenblicks erschrak, war nur natürlich.
„Ja, also, Bub,“ sagte endlich der Vater in die entstandene Pause hinein, „jetzt könntest einem einmal eine Antwort geben, wieso du grad Pfarrer werden willst.“
„Ha, was soll ich denn sonst? Ich muß doch etwas werden. Präzeptor werd’ ich nicht. Was soll ich dann?“
Da wußten sie alle drei keine Antwort.
Ja, dann konnte er ja freilich ebensogut Pfarrer werden, wie etwas anderes. Sie fühlten wohl alle etwas von der Wichtigkeit des Entschlusses, und daß es ihnen frei stand, ob sie einen Doktor oder einen Amtmann, oder sonst etwas Bedeutendes unter ihrem Dach hervorgehen lassen wollten.
„Ja, Bub, dann kann man ja nichts machen, wenn du das partout willst. Dann werd’ das eben. Dann ist das ja in der Ordnung. Dann kannst du ja nachher hingehen und sagen, daß du das werden willst und daß ich das zahle.“
Nun hatte er noch das Gefühl, daß er irgend eine väterliche Ermahnung hinzufügen müsse und fuhr sich ein paarmal durch das Haar und sagte: „Aber das sag’ ich dir, Bub: sparsam mußt du sein und fleißig. Und eine Klag’ will ich nicht hören. Und brav sein. Zu dummen Streichen geb’ ich kein Geld her. Und einzubilden brauchst dir auch nichts. Wir sind auch noch Leut hier, nicht bloß ihr.“
Er rechnete ihn wohl schon zu den Angestellten? Zu den hoch Gebildeten? Die beiden andern kopfnickten lebhafte Zustimmung. Nein, einzubilden brauchte er sich nichts.
Dann stand der Vater auf und zog seinen Ausgangsrock an. Er hatte noch mit dem Müller Hensler zu reden.
„Siehst du,“ sagte Jungfer Liese erbaut und gerührt. „Siehst du, da geht er hin über den Markt. Und einen besseren Vater kriegst du deiner Lebtag nicht mehr.“
** *
Also hatte der Bäcker Ehrensperger seine väterlichen Funktionen auf sich genommen, und es blieben dem Rektor Cabisius auch noch einige übrig, und er kam niemanden damit ins Gehege, daß er sie ausübte. Es war eine friedliche Teilung. Es gab jeder, was er zu geben hatte, und keiner gab, was er nicht hatte.
Einiges, was der Rektor zu tun hatte, war bewußt und sozusagen offiziell. Das hing mit dem Studienplan zusammen, mit allerlei Ratschlägen, die sonst niemand zu geben wußte.
Einiges andere geschah nebenher und war selbstverständlich und nicht minder wichtig. Das war das, was aus dem alten, abgeklärteren Gemüt in das junge hinüberfloß. Bei dem Besten, das geschieht, pflegt man es am wenigsten zu wissen, daß etwas geschieht.
** *
Es war bald nach jener Unterredung in Ehrenspergers Ladenstube gewesen. Am Konfirmationssonntag. Mitte April. Aprilwetter. Der Schnee wirbelte in der Luft umher, und der Wind blies aus vollen Backen. Er nahm es ganz ernst; er meinte wunder was er zu verrichten habe. Aber gleich war die Sonne wieder da. Sie war in guter Laune; so recht wie eine fröhliche Kindermutter, die am Sonntag Nachmittag ein bißchen mit den Kindern spielt, und die sich nun den Spaß gemacht hat, sich zum Versteckspiel herzugeben.
„Kinder,“ sagte sie lachend, und schob die Wolkenvorhänge weit zurück und trat ganz hervor, daß alle sie sehen konnten, „Kinder, das war ja nicht ernst gemeint. Seid ihr erschrocken? Nun bin ich wieder da. Ihr müßt auch Spaß verstehen.“
Denn die hellbegrünten Hecken und einige voreilige Blütenbäume, die schon in weiß und rosa prangten, standen ganz verdutzt. Es war ihnen Schnee in die Augen geflogen. Nun rieben sie die aus und konnten es nicht hindern, daß große Tropfen, wie helle Kindertränen, herausquollen und zur Erde fielen.
„So, so,“ sagte die Sonne und streichelte sie warm und trocknete ihnen die Gesichter. Da lachten sie wieder. Da lachte alles mit ringsumher. Die braune Erde und die junge, aufsprossende Saat, und die lichtgrünen Raine, an denen die Gänseblümchen mit großen Augen in den Tag hinein guckten.
Und der blaue Himmel, und die weißen, geballten Wolken, die wie Schneeberge aussahen. Die erst recht, da sie geholfen hatten, den Spuck zu verüben.
„So, nun ist das recht,“ sagte die Sonne, denn sie mag gern freundliche Gesichter leiden. Und ihr mütterliches Gesicht war ganz rund und glänzend vor Freude.
Da kamen die drei den schmalen Feldweg entlang, der auf einer Seite die Hecke hat und an der andern hart an die Kornäcker stößt. Der Rektor Cabisius und die beiden Kinder Georg und Gertrud. Die Kinder gingen voran und gingen eine Weile Hand in Hand. Aber das nicht lange. Der aufgeschossene Junge in schwarzen Konfirmationskleidern, der den Kopf mit dem neuen Hut so steif hielt, als wäre er einzig des Hutes wegen da, der war heut nicht so eigentlich ein Genosse. Der war etwas Besonderes, eine eigene Sorte von Menschen, um und um feierlich. Nach einer Weile machte er seine Hand los und ging aufrecht einher, und das Mädchen bückte sich und brach einige Gänseblümchen und blaue Ehrenpreis. Der Rektor hatte den Hut abgenommen und ließ die starke, lebensvolle Frühlingsluft über seinen grauen Kopf hinspielen. Seine Augen gingen auf eigene Faust spazieren, in die Nähe und in die Weite. Da wurde seine Seele voll von dem frischen Bilde, das durch die hellen Fenster zu ihr hineinschien und sie freute sich dessen und mußte es auch aussprechen.
„Es war ein wunderlicher Krieg Da Tod und Leben rungen, Das Leben behielt den Sieg Und hat den Tod bezwungen.“
Das sagte er leise und zustimmend vor sich hin.
Er hatte das Scharmützel vorhin ernst genommen, das Schneien und Stürmen, und daß nun die Sonne schien.
Aber wir wissen schon, daß er zu denen gehörte, die im Heiteren den Ernst und im Ernst das Frohe finden.
Da, als die drei ein wenig schweigsam dahingingen, ein jedes in seinen Gedanken, hörten sie einen frischen Gesang über die Felder hinschallen, der kam näher und näher.
Die sangen, waren junge Burschen und Mädchen aus dem Weiler Hinkelsbach, die nach ihrer Gewohnheit am Sonntag Nachmittag ein Stück weit in die Felder hinausgingen. Sie gingen zu dreien oder vieren, wie es der Weg erlaubte, und hielten einander lose an den Händen gefaßt, und ihr Lied klang gut zusammen aus frischen Kehlen. Es war eins von den ernsten, traurig-schönen Liedern, die das Volk gerne singt, wenn es fröhlich ist, und handelte von jungem Leben, das in Kampf und Tod geht, von der Schönheit und Kraft, die schnell entschwindet, von der Lust, die ein Ende findet, eh’ man’s denkt, und davon, daß der Mensch sich „still fügen muß, wie Gott es will.“ Die drei blieben stehen und horchten. Da bogen die Sänger ab, gegen den Waldrand hin, und der Schluß ihres Liedes tönte nur noch so verloren herüber.
„— — — und so will ich wacker streiten, Und soll ich den Tod erleiden Stirbt ein braver Reitersmann.“
Der Rektor nickte mit dem Kopf und sah eine Weile über das Feld hin, als sähe er den Tönen nach.
„Das ist ein schönes Lied,“ sagte er. „Und ein frommes Lied. Man muß es recht verstehen. Ja, nun seht ihr mich an und wißt es noch nicht. Das kommt noch, später.“
Der Rektor hatte einst in seiner Jugend Theologie studiert. Aber kurz bevor er ins Pfarramt treten sollte, hatte er sich entschlossen, lieber ein Schulmeister zu werden. Denn erstens hatte er sich stark im Verdacht, daß er bei seiner Neigung, innerliche Wahrheiten auf eigene Weise und in eigener Sprache ins Leben zu übersetzen, doch nicht so recht auf die Kanzel passe, und zweitens zog es ihn auch stark zur Jugend. Das hat er nie bereut. Aber etwas war doch an ihm hängen geblieben. Er hatte die Neigung, hie und da eine Predigt zu halten. Er wußte meistens nicht, daß es eine sei, und die ihm zuhörten, wußten es auch nicht. Auch mischte er leicht geistliches und weltliches durcheinander. Er hatte keine Schubfächer in seinem Innern: hie Gott, hie Mensch, hie geistliches, hie weltliches. Es war ihm alles ein Stück Leben, es floß alles aus einer Quelle, groß, schwer und schön. Schlug ein äußeres Geschehen eine innere Saite an, dann ließ er sie klingen. So auch jetzt. Seine Seele war liebender Gedanken voll für die jungen Menschen, die heute gelobt hatten, mit den empfangenen Waffen für das Leben, gegen den Tod, zu streiten. Das Lied brachte ihn zum Überfließen.
„Ja,“ sagte er, „wacker streiten, das ist’s. Das hat Jesus auch getan und ist gestorben als ein Held. Das sollen wir auch tun.“
Und er erzählte ihnen, innere Gedankenreihen zusammenhängend, zuerst von der Schlacht bei Sempach, und von Arnold Struthan von Winkelried. Der war einer seiner Lieblingshelden, obgleich er nicht geschichtlich erwiesen ist.
Die beiden horchten hoch auf.
Wie der starke und treue und kühne Mann sah, daß seinen Genossen der Mut entwich, und wie er beschloß, sie zu retten, und die Speere der Feinde mit den Armen zusammendrückte und sich in die Brust stieß und rief: Brüder, ich will euch eine Gasse machen, und darüber starb. Und wie die Seinen durch die Gasse hindurchbrachen, zur Freiheit.
Als er das erzählte, da blitzten seine Augen, als ob ein starkes, loderndes Feuer dahinter läge.
Und er sagte, daß das Jesus auch getan habe, nicht einigen, nein, allen zuliebe und in einer viel größeren Sache. Wie er die Menschen aus der schmählichen Knechtschaft herausführen wollte und sie wieder zu freien, frohen, adeligen Söhnen Gottes machen, — und wie er, als kein anderer Weg dazu war (denn er warf sein Leben nicht leicht weg), beschloß, sein nicht zu achten um der andern willen. Und ging den Feinden entgegen, und drückte sich die Speere in die Brust, und starb, und machte der Freiheit eine Gasse, größer, als ein anderer Held auf Erden je getan hat. Da sahen die Seinen, daß nichts für sie zu fürchten sei, nicht das Leben und nicht der Tod, und gingen ihm nach. Und, da sie vorher zag und ängstlich gewesen waren, bekamen sie nun mutige Herzen und fröhliche Augen. Das machte, daß sie dem Vater nahe kamen, so nahe, daß sie ihn mit du anreden konnten. Und sie trugen seine Waffen. Georg, man hat dir gesagt, welche das sind. Und sie sahen sich um nach denen, die nach ihnen kamen, die Alten nach den Jungen, die Starken nach den Schwachen, die Reinen nach den Unreinen, und reichten ihnen die Hand, und halfen ihnen, vorwärts zu kommen. Wie sie es ihn, der die Gasse gemacht, hatten tun sehen. Das ist nun bald zwei Jahrtausende her, das strömt noch immer. Das ist ein langer, langer Zug, unabsehbar lang. Der wird strömen, so lang Menschen auf der Erde sind. Seht ihr’s, dazu gehören wir auch.“
Da waren sie eine Weile still und sahen über das Feld hin, als ob sie dort lange, lange, ziehende Menschenheere sähen, von Jahrtausenden her, bis zu ihnen hin. Die trugen alle blitzende Waffen, und reichten einander die Hände und gingen gerade aus, dorthin, wo hinter dem waldigen Berg nun die Sonne niedrig stand und das Land mit einem goldenen Licht segnete. Und sie winkten ihnen mit Augen und Händen: kommt. Da ging etwas Großes durch die Kinder hindurch; sie wußten es aber nicht zu benennen. Es war etwas Gewaltiges, Starkes, das in ihr Leben griff, zu dem sie selbst gehörten, ernst und froh. Leise faßten sie die Hände des alten Mannes, und als sie zu ihm aufsahen, da staunten sie. Der ganze Glanz der Abendsonne, in die er sah, lag auf seinem Gesicht. Aber nun kehrte er sich wieder zu ihnen, und dann gingen sie mitsammen nach Hause.
** *
Er hatte nicht viel dazu gesagt, als Georg an jenem Tag kam und ihm seine Berufswahl verkündigte. Er fragte ihn auch nicht viel nach den Gründen, die er dazu habe. Das konnte ja noch alles werden, wie es wollte. Ein Wort, ja, am andern Tag, als sie in der Schule Goethes Iphigenie lasen. Da kam es an Georg Ehrensperger, wie Pylades sagt: ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet. —
Da stand plötzlich der Rektor neben ihm und klopfte ihm mit dem Buch auf die Achsel, sah zu ihm hinein und sagte lächelnd: „Nun, also, du hast dir den deinigen gewählt, Georg. Ja, man muß sich an einen ganz Großen halten, die mittleren versagen unterwegs.“
Georg wurde rot. Wußte der Rektor, daß Hornstein —? Ach nein, das konnte er nicht wissen. Er verstand ihn damals nicht so recht. Es war gerade jetzt eine Zeit, da die jungen Leute in gute und treue Belehrung bis über die Ohren eingewickelt waren.
Sie hatten den Katechismus und das Fragenbuch auswendig gelernt und waren in die christliche Kirchenlehre eingeführt worden. Aber Georg war manchem davon, wie damals der braven Jungfer Liese, unter den Händen weggelaufen, wenigstens mit seinen Gedanken.
In seiner Kammer hing der Stundenplan, den las er morgens ab: Religion, Latein, Latein, Griechisch, Algebra. Und was das mehr war. Oder auch in anderer Reihenfolge. Es waren lauter Fächer, auf die man zu arbeiten hatte. Auf Religion noch am wenigsten, das war gut, weil sich die Aufgaben manchmal stauten. Einiges auswendig lernen; das war bald geschehen. Auch war es leider kein besonders anregendes Fach. Das ging vielleicht manchem andern anders. Ihm ging es nun so, daß es ihn nur selten persönlich aufstörte: Du, das geht dich selbst an. Es war kein Stück Leben; für ihn noch nicht. Er war in Gefahr, nicht viel lebendiges mit sich zu nehmen. Vielleicht war er noch zu jung dazu, vielleicht auch zu träumerisch.
Darum verstand er damals den Rektor nicht so recht. Aber heute war es anders.
Nun war da ein Funke hineingeflogen. Wann das so war!
Alle die ziehenden Menschenheere, und ein Held voran, auf den sie sahen, größer als Kolumbus, der Neulandentdecker und Alexander der Große, und alle Sagenhelden der Vorzeit. Und er sollte da mitgehen.
Es muß ja gestanden werden, daß er noch nicht recht sicher war, gegen was er alles streiten wollte. Aber streiten wollte er nun sicher, wacker streiten. Vielleicht waren das nun auch wieder Träume, wer kann das untersuchen?
Aber es war wohl etwas, daß an diesem Tag sein junges Herz ins Klopfen kam und eine Größe und Weite spürte, wie noch nie.
Dreizehntes Kapitel
Eins — zwei — drei — nun schlug die Uhr auf dem Rathaustürmchen aus. Vier Uhr des Morgens.
Ein leichter Windstoß bewegte den offenen Fensterflügel und blähte den dünnen Vorhang ein wenig. Auf dem Dache saß eine Amsel und sang ihr Morgenlied. Nun hallte die Morgenglocke vom Turm her über das Städtchen hin. Bam bam — bam bam — in großen, feierlichen Schlägen.
Die Tauben gurrten am Schlag. Der war dicht neben Georg Ehrenspergers Kammer.
Die Kammer hatte er sich nun vor einem Jahr eingerichtet. Es war eine Rumpelkammer gewesen, ganz voll von altem, verstaubten Geräte, mit einem holperigen, ausgetretenen Fußboden und schadhaftem Kalkbewurf. Es gab bessere Räume im Haus.
Aber er hatte ein paar freie Nachmittage im Schweiß seines Angesichts geschafft, und war am Abend mit Spinnweben im Haar und bestäubten Kleidern heruntergekommen, stolz wie ein König. Nun hatte er ein ganz eigenes Reich, das stattete er sich aus, wie er wollte. Bilderbogen an den Wänden: ein Schlachtenbild, und eine Geschichte von Till Eulenspiegel, und eine von Reinecke Fuchs. Und die Flöte hing an der Wand. Ach, es war viel mehr in der Kammer, als man so mit bloßem Aug sehen konnte. Niemand wußte, wie vielerlei es darin zu sehen gab, als er allein. Gertrud wußte es auch. Aber sie kam nie hier herauf; sie wußte es nur vom Hörensagen. Das allerdings so genau, als ob sie stündlich hier aus- und einginge.
Das ganze Heer der Bubenträume ging durch die Tür herein, die immer knarrte und stöhnte, wann der Wind um den Giebel strich, — und unter der schrägen Wand hin, und flog wieder zu dem hochgelegenen Dachfenster hinaus, über die Häuser und Felder und Höhen, und in die Weite. Das hatte hier oben Raum, sonst nirgends im ganzen Hause.
Der Bewohner der Kammer war schon wach. Als die Glocke anfing zu läuten, stand er auf und trat ans Fenster. Die Morgenluft strich herein und um ihn her; er schauerte ein wenig; es war kühl.
Die Luft war noch ein wenig grau, durchzogen von den letzten, fliehenden Schatten der Dämmerung. Der Marktplatz lag leer und still; der Röhrenbrunnen ließ seine Wasser plätschernd in den großen Trog fallen. Nun ging eine Stalltür. Ein Knecht — der Knecht des Fuhrmanns Rammlinger, der in dem gelben, vorspringenden Haus schräg gegenüber wohnte, — führte zwei schwere, braune Gäule aus dem Stall zur Tränke, an den niedrigen Steintrog, der den Abfluß von dem großen Brunnentrog erhielt. Die Hufe hallten auf dem Steinpflaster, schwerfällig, trab, trab, trab. Man hörte das Schnaufen der Gäule, einer wieherte auf, dann der andere; der Knecht stand stumm dabei. Als sie fertig waren, führte er sie wieder hinein, dann war der Platz still und leer wie vorher.
Nun ein heller, zirpender, zwitschernder Laut.
Eine Schwalbe flog aus dem Nest, das oben an der schrägen Giebelwand klebte, und flog mit schnellem Flügelschlag quer über den Platz hin. Nun kamen sie von da und dort her — da flog eine und da eine; sie setzten sich auf die Telegraphendrähte, die quer über den Platz gespannt waren, von der Posthalterei zum Rathaus, — und von da weiter, irgendwo, in die Welt hinein. Da saßen sie auf den blinkenden Drähten und schwatzten. Sie wollten nun bald fortfliegen, übers Meer, es wurde wieder einmal Herbst. Und sie hatten noch vieles zu beraten. Da waren einige der Führer vom vorigen Jahr nicht mehr da, und es war die Frage, ob sie den Weg auch richtig wüßten. „Ach,“ sagten die einen, „Kinderspiel. Das hat man doch in sich.“ „Der Sehnsucht nach,“ sagte ein Schwalbenjüngling, der am Dachfenster des Mädchenschulhauses groß geworden war. Dort wohnte der jüngste Lehrer, der zu einem dünnen Klavier mit vollem Brustton sang:
„All’ mein Sehnen und Verlangen Geht, du Wunderland, nach dir.“
Der Schwalbenjüngling wußte nicht, was das für ein Land sei, aber es war anzunehmen, daß sie beide dasselbe meinten, und es gefiel ihm, von der Sehnsucht zu reden, da es eine angenehme, drängende Empfindung war: auf, fort, hinaus.
Einige Schwälbchen zwitscherten leise und ehrfurchtsvoll dazu, andere sagten: „zur Sache,“ und dann wurde das Ganze mehr geschäftlich behandelt, wie es sich für solch ein wichtiges Unternehmen auch gehörte. Darum konnten sie doch danebenher hohe und starke Gefühle haben; ja, das brauchten sie doch. Denn wer will den Flug übers Meer unternehmen, über dräuende Untiefen und in schwindelnde Höhen — der nicht einen großen starken Trieb und ein mächtiges Verlangen hat?
Georg stand eine Weile am Fenster und sah in die lebendige Morgenstille hinein. Es war ihm wohl ähnlich zu Mut wie den Schwalben. Auch er rüstete sich zum Flug. Darum schuf die Morgenfrühe mit ihren wenigen Bildern und Tönen eine große, feierliche Erwartung in seinem fünfzehnjährigen Herzen. Was mochte der Tag bringen? Der heutige, und dann weiter — weit hinaus?
Da lagen die neuen Kleider, lange Beinkleider und eine Joppe. Er war ein junger Mann, als er sie angezogen hatte. Da wurde ihm schon sicherer zu Mute. Es war ja alles klar und ausgemacht. Nun kam er in die große Stadt, da ging er noch drei Jahre aufs Gymnasium. Dann kam die Universität, dann vielleicht einmal ein Militärjahr dazwischen. Dann lag da hinten irgendwo das Leben. Als ob bis dahin ein Fluß sei; dann ein Strom, dann, in grauer Ferne, das Meer. Es war alles ganz gerade und sicher. Es war zwar, das muß gesagt werden, ein Riß in Georgs Vorleben. Gerade in der Geschichte dieses Sommers. Er hatte mit fünf anderen Schülern aus des Rektors Schule, wie es das Herkommen bestimmte, das Landexamen gemacht, um dann durch die Seminarien zu laufen in schöner, glatter Bahn. Aber er war nicht durch das enge Tor gekommen. Er war vielleicht nicht fleißig genug gewesen oder man hatte gerade andere Sachen gefragt, als er wußte. Kurz, er kam nicht hinein. So mußte er denn seinen Weg von den andern scheiden. Einer, der kleine, blonde Ernst Daxer, der Sohn der Postmeisterswitwe aus der Sporengasse, der ging auch mit ihm. Der fand einen Unterschlupf bei Verwandten in Stuttgart. Sonst hätte es seine Mutter nicht an ihn wenden können.
Aber Ernst Daxer war nicht gerade Georgs Höchstes. Er hatte ein weiches, rundes Kindergesicht mit Grübchen in beiden Backen und hatte enge, kurze Hosen. Nichts um sich daran zu erheben, gar nichts Heldenhaftes. Und Fritz Hornstein, der alles hatte, eine tiefe Stimme und alle angehende Männlichkeit in Haltung und Wesen, der war natürlich hineingekommen.
Ja, es war schon ein Riß. Aber der Pfarrersgedanke war nun doch schon genugsam ausgesponnen; er hatte jetzt Lebenskraft genug, um auch ohne solche äußeren Stützen, wie Seminar und Hornstein, fort zu bestehen. Georg wußte, was er zu tun hatte. Er wollte Ernst dahintersetzen. Alle verschwommenen Zukunftsgedanken hatte er weggelegt. Als er sich dessen versichert hatte, ging er aus seiner Kammer und ging die knarrende Stiege hinunter und in die Backstube. Dort setzte er sich auf den Tisch, ließ die langen Beine herabhängen, aß heiße Wecken und mischte in seinem Innern die feierlichen und die behaglichen Gefühle, und es gab eine Mischung, wie man sie am Morgen eines Abschiedstags, früh zwischen vier und fünf Uhr nur verlangen kann.
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Der Abschiedstag schien auch in die Backstube; hinten herein stahl er sich, durch den schmalen Hof, zwischen Holzschuppen und Hauswand, und sah durch das Fenster auf den Buben, der da mit den Füßen baumelte und die Arme gekreuzt hatte: „So, da bist du? Bist mir oben ausgerissen? Aber das hilft dir nichts, denn ich habe auch nicht mehr Stunden als andere Tage, leider, und die Eisenbahn wartet nicht.“
Da fiel es dem Ausreisenden ein, daß er noch viel zu tun habe. Er glitt vom Tisch herab, der Geselle löschte das Gas; Franz ging, vom Kopf bis zu den Füßen mehlbestäubt, in ledernen Schlappschuhen hin und her, und trug das Brot für die Wiblinger, schwarzes und weißes, auf seinen Armen. Jungfer Liese aber füllte die Fächer des Ladens damit.
Da stand eine Wanne voll Wecken, hochaufgetürmt, die waren bräunlich und glänzend und dufteten so lieblich, als wollten sie den Reisenden noch in letzter Stunde an der Nase festhalten. Sie knisterten leise, wenn man an die Wanne anstieß, so rösch gebacken waren sie. „Laß mich,“ sagte Georg, und trug die Wecken vor sich her. Er stolperte aber auf der mittleren der drei Stufen, die von der Backstube zum Laden hinaufführte und kollerte samt den Wecken dort hinein. Wie schön war es zu Hause. Wenn er nun dabliebe und ein Bäcker würde, so streifte ihn ein sekundenlanges Gefühl. Ach, hinweg damit. Das Leben mußte ja seinen Gang gehen.
Da setzte er die rote Mütze auf und ging aus dem Hause. Er hatte es ja nicht wie die Schwalben, er hatte seine alten Führer noch. Nun ging er, um sich von ihnen ein gutes Wort zum Abschied zu holen. Es war zwar noch früh, aber es litt ihn nicht mehr im Hause. Zu Hollermann konnte er ja immerhin schon gehen. Der war ein Frühaufsteher von jeher.
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Ach, wißt ihr, wie das ist, wenn man seine Vaterstadt zum erstenmal verläßt? Wißt ihr aus Erfahrung, wie da alles und jedes ein Gesicht und eine Stimme bekommt, auch das allergleichgültigste?
Es ist ja wie ein Bilderbuch, das man noch einmal durchblättert, nur daß die Bilder lebendig sind.
Da sind die alten, hohen Häuser am Säumarkt. Ja, so heißt er, das läßt sich nun nicht ändern. Die stehen beisammen und neigen, wenn man so sagen soll, oben die Köpfe zusammen. Die mögen schon etwas erlebt haben, seit sie da stehen. Da ist das Haus des uralten Kaufmanns Hahn, der nach der Meinung der Jugend ebenso alt und ebenso vornübergebeugt ist, wie sein altes Haus. Ach, riecht es dort drinnen in seinem Laden nach Schnupftabak, Käse und Häring! Ach, liegt und steht und hängt es dort voll mit allem erdenklichem Gerümpel. Es ist ja fast nicht vor dem Haus vorbei zu kommen. Wie oft sind die Buben dort drin gewesen, ihrer so viele als möglich miteinander, und einer kaufte einen Bleistift für drei Pfennig und die andern fragten nach tausenderlei unmöglichen Dingen. Und jeden fragte Herr Hahn: „was ’fällig, he, hm?“ Er war nicht von Wiblingen gebürtig, der Herr Hahn. Sonst hätte er nicht so gefragt. Aber das gab jedesmal ein unauslöschliches Gelächter. Es bedarf so wenig, um die Wiblinger Jugend zu solch einem Jubel zu bringen. Wenn es gar zu bunt wurde, dann ging er umständlich in seine Ladenstube hinein und brachte von dort einen Hakenstock heraus. Man konnte sich denken, was er damit wollte. Aber das warteten die Buben nicht ab. Wie das wilde Heer stürmten sie hinaus.
Und dann das Haus des einzigen Juden im Städtlein, des alten, reichen Samuel Wormser. Es hat unten vergitterte Fenster und hinter den vergitterten Fenstern sitzt der Samuel in seinem bunten Schlafrock und dem Sammetkäppchen und zählt seine unermeßlichen Reichtümer, wenn es die Jugend recht weiß. Seine Frau Lea ist alt und dick und hat ein gelbes Gesicht und eine schwarze Perücke auf und ruft ihrem Mann so unnachahmlich: Sa—moel! Aber sie ist daneben unsäglich gut. An Ostern essen alle Kinder Matzen, die sie von Samuel Wormsers Lea haben. Das ist ein interessantes Haus. Am Samstag Abend steigen die Buben hie und da über die Hofmauer hinein und sehen ins Fenster, wie da der Samuel und die Lea und ihr Enkelsohn, der Hirsch Rosenstock, und die Magd, die Sannel, und der Knecht, der Kallmann, um den siebenarmigen Leuchter herumsitzen, und wenn sie angestrengt horchen, so hören sie, halb gesungen, halb gesprochen, ein fremdartiges Beten. Hier jubeln und toben sie nicht, da sind sie ganz still und es schaudert sie ein bißchen an. Das ist so eine fremde Welt, aber sie ist nicht zum auslachen, sie ist heilig und verlangt Respekt. Einmal haben sie einen durchgehauen, der die alten Leute stören wollte. Das sei ein gutes Werk gewesen, sagte der Rektor Cabisius. Das Durchhauen nämlich.
Da ist auch das Haus des Doktors. Das ist das schönste dort herum. Es hat einen großen, messingenen Türgriff, zwei Schlangen, die aus einer Schüssel fressen, und die Tür glänzt von Sauberkeit und Leinöl und die Schlangen glänzen auch. Hat noch eine Tür auf Erden einen solch feierlichen, dumpfen Schall, wenn sie zufällt? führt noch irgendwo eine solch glänzende leinölgetränkte breite Treppe zu solch einem atemraubend feierlichen Zimmer empor, wie das Sprechzimmer des Doktors ist? Es ist kaum möglich. Georg Ehrensperger stellte sich lange Zeit den lieben Gott nicht viel anders vor, als den Doktor.
Ein bißchen freundlicher vielleicht, und den Bart ebenso groß, aber weiß, und einen blauen Mantel, — aber sonst, so groß und breit und so unsäglich imponierend und eine so volle Stimme, auch aus dem Bart heraus, alles.
Ach, das Bilderbuch nimmt ja kein Ende. Es ist ja kein Fertigwerden. Man kann ja nur alles streifen mit einem raschen Blick.
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Hollermann saß am Fenster, als Georg zu ihm kam. Die Morgensonne lag auf ihm und füllte sein Stübchen; man sah, er wärmte sich daran. Er fror so oft in letzter Zeit, er war auch recht hinfällig geworden. Man konnte nicht recht sagen, was ihm fehlte, er hatte nur, wenn er ging, einen müden Tritt, und seine Haltung war nachlässig und schlaff. Manchmal schlief er so sitzend ein und dann, wann er erwachte, konnte er sich nicht recht besinnen. Auch vergaß er hie und da, was in der neueren Zeit geschah, das Alte, das konnte er gut behalten.
„Nun gehst du,“ sagte er. „Nun hat das alles ein Ende, was wir so miteinander getrieben haben. Du bist in der Stadt und ich sitze hier und warte auf dich. Wenn du kommst, mußt du mir alles vorspielen, was du bis dahin gelernt hast. Das ist so um Weihnachten herum, nicht? Heißt das, wenn ich nicht vorher —“ er sah mit einem schnellen, glänzenden Blick auf und machte eine auffliegende Bewegung mit der Hand.
Ein weiches Lächeln ging um seinen Mund. Nun sah er aus, wie ein Kind, das ein wenig von einem schönen, frohen Geheimnis enthüllt und es schnell wieder zudeckt, um die Freude nicht vorweg zu nehmen.
— „Was ich bis dahin gelernt habe? Da ist nichts vorzuspielen.“ Georg bemühte sich, sehr viel Festigkeit in seinen Ton zulegen. „Dazu ist keine Zeit, jetzt nicht. Ach, ich glaube, überhaupt nicht. Das habe ich auf die Seite gelegt. Ich muß furchtbar fleißig sein, daß ich nach einander mit allem fertig werde.“
Da sah der Alte sehr erschrocken aus.
Nun hatten sie alles so schön ausgemalt.
„Wenn du das aber in dir drin hast,“ sagte er kleinlaut.
„Was mein Großvater war, der alte Schäfer Hollermann, der pflegte zu sagen: ‚was drin ist, das will heraus. Das läßt sich nicht totdrücken.‘ Nun ist das so. Was willst du denn nun werden?“
„Pfarrer,“ sagte Georg. „Das weißt du doch. Das ist furchtbar schwer, das kannst du dir denken.“
Der Alte nickte ein wenig verlegen. Er hatte es ja richtig vergessen gehabt. Er war auch darum verlegen, weil der Bub, mit dem er immer wache Träume gesponnen hatte, nun auf einmal so pflichtbewußt und selbstsicher vor ihm stand. Das war ja gar nicht mehr derselbe Bub.
Da hatte der zum Glück einen unvernünftigen Augenblick. „Dir kann ich’s schon sagen,“ — er tat wichtig und geheimnisvoll, — „sobald ich so ein bißchen voran bin, da unter den Stadtschülern, und sehe, daß sie mich nicht hinunterkriegen, dann — es ist ein Klavier in dem Haus, in das ich komme. Das kommt schon alles noch dran, später. Man wird schon sehen, was noch kommt. Ich, wenn ich Pfarrer bin, — und habe den Kirchenschlüssel, dann — dann will ich alle Werktag, wenn niemand in der Kirche ist, Orgel spielen. Dann hol’ ich dich. Dann kannst du zuhören.“
Der Alte schüttelte leise den Kopf: „Das hör’ ich nicht mehr.“
Aber der Knabe hörte das nicht.
Ihm flogen die Gedanken wieder über die nüchterne, pflichtgetreue Wirklichkeit hinaus, wie Vögel, und setzten sich auf einen Wunderbaum, der irgendwo in der Welt draußen stand und fingen an zu flöten und zu singen: „Das Leben macht die Tore weit, weit, weit! Zicküh, zicküh, es hat alles drin Platz.“
Und unter dem Baum stand die Jugend und reckte ihre herrlichen Glieder und nickte ihm mit leuchtenden Augen zu:
„Natürlich ist das so. So lang ich währe. Wie lang ich währe? Immer, immer, weißt du das nicht?“
** *
Also guckten seine jungen Träume hie und da zwischen den großen Pflichtgedanken heraus, wie fröhliche Kindergesichter zwischen zugezogenen Vorhängen. „Wir sind noch da; wir kommen schon wieder; es macht uns nur Spaß, so ehrbar zu tun.“ Das wußte Georg selbst nicht. Er nahm es gewaltig ernst mit allen guten Vorsätzen und mit seiner neuen, verständigen Jungmännerwürde.
Gertrud hätte davon zu sagen gewußt. Er quälte sie viel in dieser Zeit. Sie sagte aber nichts. Manchmal lachte sie, und manchmal gab sie einen Puff zurück und gestern abend war sie ihm kurzer Hand davon gelaufen.
Nun kam er heute morgen und fand es noch zu früh, um der Frau Rektorin Lebewohl zu sagen und hätte gern noch einen kleinen Schwatz mit ihr getan. Da stand er wie gewöhnlich an der hinteren Haustür, die nach dem Garten führt und rief mit langgezogenen Ton ihren Namen. Ger — — trud. Sie aber saß oben hinter einem Buch und stopfte die Finger in die Ohren, um ihn nicht zu hören.
Sie hörte ihn aber doch; der Schelm flog über ihr Gesicht, und sie tat noch eine Weile, als ob sie läse. Dann stand sie auf und ging gemütlich hinunter.
„Hast du mich gerufen? Es war mir so.“
„Ja, schon zwanzigmal. Wo steckst du denn?“
„Ich? Oben. Warum?“
„Warum? Sei doch nicht so. Ich gehe heute fort. Du, ich muß dir noch sagen, daß — — —“ Da kam irgend etwas ganz notwendiges zum Vorschein.
Denn er mußte ihr alles erzählen, auch jetzt. Seine spartanische Suppe schmeckte ihm nur, wenn er sie mit ihr teilen konnte. Ja, und wenn er ihr auch eine einbrocken konnte. Das tat er auch, oft genug. Und es gewährte ihm eine sonderbare Befriedigung, wenn sie das Gesicht verzog.
Er fing seit einiger Zeit an, von all den jungen Leuten als von seinen Freunden zu reden. Das durfte er ja gern. Aber erstens entsprach es nicht recht dem Tatbestand, und zweitens legte er eine Herausforderung in seinen Ton.
„Mein Freund so und so.“ Damit fing jedes Gespräch an.
Heute auch. Gertrud wunderte sich. „Der auch? Und der auch? Das sind alles deine Freunde? Das hast du sonst nie gesagt.“
„Ja. Hast du was dagegen? Sind alle aus meiner Klasse. Natürlich.“
Sogar von Ernst Daxer sagte er seit einiger Zeit immer: „mein Kamerad Daxer. Das sagt er, das tut er.“ Aber immer: „mein Kamerad Daxer.“
Gertrud war es fremd dabei zu Mute. Nun ging er nicht als landfahrender Geiger in die weite Welt. Kein abenteuerlicher Plan kam ins Werden. Aber nun entfernte er sich in anderer Weise von ihr. Sie wußte nicht, daß er wieder einmal einen zu starken Anlauf genommen hatte und übers Ziel hinausschoß. Sie versuchte aber, tapfer mitzugehen.
„Du, das wird fein. Wenn du in die Vakanz kommst, dann machen wir gerade so weiter. Es wird sein, als ob du gar nicht fort gewesen wärst. Du mußt mir alles erzählen und ich dir.“ Er tat, als ob das unwahrscheinlich sei.
„Das sind Bubengeschichten, was ich jetzt erlebe,“ sagte er. „Das interessiert Mädchen nicht so. Und da kommen auch alle meine Freunde nach Haus. Bis man da an allen herumkommt, das nimmt viel Zeit.“
Da hatte sie ihre schwarze Suppe. Sie schluckte daran, sie war scharf gepfeffert.
Er schielte nach ihr hin, ohne den Kopf zu drehen. Er konnte die freie Männlichkeit noch nicht so recht vertragen. Er war ja doch da zu Hause; sie gehörte ja so sicher zu ihm, daß er sie auch kecklich ein bißchen quälen durfte. Aber nun war es ihm doch unbehaglich.
„Ich freue mich aufs Läuten in der Sylvesternacht,“ sagte er unvermittelt. „Und aufs Kindleinwiegen in der Christnacht. Da gehen wir auf den Turm, nicht? Du, sagst du gar nichts?“
„Wer geht? Deine Freunde und du?“
„Ach, Dummheiten, du und ich. Sei nicht so empfindlich. Mädchen sind immer empfindlich, Buben nicht.“
Nein, sie war nicht empfindlich, das konnte man nicht sagen. Wenigstens nicht mehr, als unter diesen Umständen billig war. Sie machte den großen Gedankensprung mit. Also würde es doch wie sonst. Das war die Hauptsache.
Da lachte sie. Sie war froh darüber.
„Du, gestern hat mich der Großvater gefragt, ob ich nicht Lehrerin werden wolle. Ich weiß aber nicht. Wir hatten einmal eine, als ich noch in der Volksschule war, in der untersten Klasse, nein, in der zweiten. Die hatte einen so langen Stock, daß sie damit über eine ganze Bank hinreichen konnte. Wenn eins nicht aufpaßte, zog sie allen eins hinten über. Den Stock hat ihr der Oberlehrer abgeschnitten. Und dann leckte sie sich immer die Lippen ab. Ich dachte immer: was sie wohl heut gegessen hat? Ich weiß nicht, ob ich eine Lehrerin werden will.“
„Darum?“ sagte Georg. „Das brauchst du ja nicht nachzumachen. Du kannst ja auch eine nette werden. Das kommt ja auf dich an.“
„Ja, wenn du meinst?“ Sie machte ein ernsthaftes Gesicht. Das tat ihm mächtig wohl. Nun konnte er seine Überlegenheit zeigen. „Ach,“ sagte er, „es ist ja einerlei, Buben müssen etwas Rechtes werden. Meine Kameraden werden alle etwas, ich auch. Bei Mädchen ist das nicht so wichtig. Du kannst auch zu Hause bleiben. Es ist einerlei.“
Da stand sie schon in der Haustür. Wie der Wind war sie die Steintreppe hinaufgefahren. Die braunen Zöpfe lagen ihr um den Kopf. Sie machte ein hochmütiges Gesicht. Darin verstand sie keinen Spaß.
„So warte doch, ich gehe mit. Du, Gertrud, spring doch nicht so.“
Aber sie rief schon von der Treppe her: „Ich habe mich ganz vergessen, ich muß üben. Ich habe nachher Klavierstunde.“
Weg war sie.
Da machte er ein grimmiges Gesicht. Klavierstunde? und er? Da stieg er langsam hintendrein.
Aber nach einer Weile guckte Gertrud lachend hinter der Großmutter vor. Die war beschäftigt, ihm die Taschen mit Nüssen zu füllen. „Sie sind von unserem großen Baum. Du bist oft genug darunter gesessen. Vergiß nicht“ —, da stieg ihr etwas Gerührtes bis in die Kehle empor. „Vergiß nicht, daß du hier daheim bist,“ sagte der Rektor. Das hatte sie nicht sagen wollen; sie hatte einige kleine Ermahnungen bereit gehalten. Die waren nun im Keim erstickt.
Aber was schadete das?
Sie gaben ihm mehr mit ins Leben hinaus, als Ermahnungen, viel mehr.
Sie hatten Sonne und Wärme in seine Kinderjahre gebracht. Sie waren so unüberwunden vom Weltleid und von allen grauen Geistern. Und sie behielten ihm einen Schatz von Liebe auf, dessen Zinsen, das wußte Georg, er jederzeit erheben konnte, solang — ja, solange die beiden da waren.