← Table of contents
Alle guten Geister...

Erstes Buch (continued 2)

Reading edition

„Ihre Frau, von deren Krankheit Ihnen bereits Anzeige gemacht ist, hat, nicht ganz ungewöhnlicherweise, noch eine fast vollständige Klärung ihrer Sinne erlebt und verlangt in diesem wachen Zustand nach Mann und Kindern. Sollten Sie, wie anzunehmen ist, diesem Wunsch zu entsprechen gedenken, so wird es gut sein, dies unverzüglich zu tun, da die Kranke ihrer Auflösung in den nächsten vierundzwanzig Stunden entgegengeht.“

Diesem Ruf war nicht zu entgehen. Den letzten Wunsch eines Sterbenden muß man erfüllen. Das wurzelt tief im Volk, im Menschen überhaupt. Es ist wohl die unbewußte Hochachtung vor der Majestät des Todes. Der Mensch, der vor solch einem Gegner steht, ist ernst zu nehmen und nimmt sich selber ernst.

Ja, er mußte hin.

Da kamen die Buben an, und bekamen, mitten in der Woche, frische Hemden, und wurden mit den Sonntagsanzügen bekleidet. Und Jungfer Liese ging geschäftig hin und her und steckte ihnen noch ein Extrataschentuch ein. „Ihr werdet’s brauchen,“ sagte sie.

Dann gingen sie zur Bahn und wagten alle drei nicht umzusehen auf der Straße und gingen ungelenk dahin, wie Leute tun, die sich beobachtet fühlen. Denn unter den Türen der Werkstätten, und auf den Hausstaffeln, und unter den Fenstern erschienen die Nachbarn und stießen einander an und flüsterten vernehmlich: „Da gehen sie. Es ist eine Erlösung. Es ist eine Wohltat, daß die Frau stirbt. Aber hinreisen? Da können sie etwas Schönes erleben. Nicht für hundert Mark in so ein Haus.“ Und die andern sagten: „Da können sie nicht anders. Es stirbt eins nur einmal.“

Durch das Getuschel hindurch gingen die drei, mit verlegenen Gesichtern, und waren froh, als sie in der Bahn saßen.

Sie sprachen unterwegs nicht viel miteinander. Hie und da fing einer der Buben etwas an. Aber der Vater gab nicht recht Antwort. Wie mochte sie aussehen, seine Frau? Was konnte sie mit ihm reden wollen? Er hatte sie einst gern gehabt; sie war ein feines, blühendes Mädchen und eine fleißige, rührige, mütterliche junge Frau gewesen. Aber als das Unglück geschah und dann die Krankheit kam, ja, er hatte ihr wohl so ein bißchen Vorwürfe gemacht damals; („das hätte ein anderer auch getan,“ dachte er), da hatte er nichts mehr mit ihr anzufangen gewußt. Seitdem war sie ihm wie gestorben. Und nun lebte sie noch einmal auf und wollte mit ihm reden.

Das ging rundum mit ihm. Da konnte er nicht auf die Fragen seiner Söhne hören.

Und als, kurz vor dem Eintritt durch das eiserne Tor, schon das Haus mit den Gitterfenstern vor Augen, Franz seinen Rockflügel ergriff und sagte: „Könnte ich nicht lieber draußen warten? Ich, ich möchte lieber nicht mit hinein,“ da kam es ihm vor, als ob die Kinder doch wohl nicht recht auf den Besuch bei ihrer Mutter vorbereitet seien.

Und er wollte noch rasch seiner Pflicht Genüge tun, als Mann und Vater, und gab seinem Lieblingssohn, obgleich er ihm seinen Wunsch mehr als nur nachfühlen konnte, eine Ohrfeige, daß ihm der Hut aufs Pflaster fiel, und sagte: „Was? Draußen bleiben? Das könnte dir passen. Du gehst mit hinein, sag’ ich und besuchst deine Mutter, wie sichs gehört. Bleib’ ich vielleicht draußen?“ Und er fühlte sich nach dieser Tat und Rede sicherer und erhobener als zuvor.

Da schritten sie miteinander durch das Tor und gingen über Treppen und lange Gänge, und hörten unterwegs allerlei Töne, die sie nicht verstanden und die ihnen Herzklopfen machten, weil sie nicht wußten, von welcherlei Wesen sie kamen. Und dann tat sich ihnen eine Tür auf; helles Licht kam durch das breite, geöffnete Fenster in den Raum, den sie betraten; und Georg Ehrensperger, der Jüngste, der von allen Dreien am meisten mit Herz und Sinnen dabei war, dachte mit Staunen, daß Meister Nössel, der Flickschneider auf dem Turm, nichts Rechtes gewußt habe.

Denn er hatte gesagt, daß die Mutter im Dunkeln sitze und warten müsse, bis ihr Gott das Licht wieder anzünde.

Und hier war helles Licht.

Oder? Oder war das bereits wieder angezündet?

Aber es war helles, gewöhnliches Tageslicht, solches, in dem alle Menschen wandeln. Es war gar nichts Absonderliches dabei.

Auch die Frau, die in den weißen Kissen ruhte und ihnen entgegensah, war weder so besonders schön noch so besonders schrecklich, wie das abendliche Phantasiegebild, das die Stelle einer Mutter bei ihm vertreten hatte, wechselsweise gewesen war.

Sie hatte ein weißes, sanftes Gesicht, und Augen, in denen das ganze Leben zusammengedrängt schien, suchende, bittende, hungrige Augen; man wußte nicht, ob sie lachen oder weinen, sich fürchten oder sich freuen wollten. Es war wohl das alles miteinander, und löste sich in raschem Wechsel in ihrer Seele ab. Sie hatte gescheiteltes Haar; links und rechts hing ihr eine Flechte davon über die Schulter und lag auf ihrer Brust, blond und silbern gemischt und verlor sich unter der Bettdecke.

Die Hände hatte sie schwer auf der Decke liegen; da hob sie mit Mühe eine davon zum Willkomm, und ließ sie wieder fallen. „Da seid ihr,“ sagte sie. „Das seid ihr? ach!“ Denn sie hatte kleine, zwei- und vierjährige Kinder verlassen. Die waren ihr wieder ans Herz getreten, als ihr Ich zu sich selber kam. Nun standen ein paar sonnverbrannte, halbwüchsige Buben an ihrem Bett, und traten näher, als ihnen ihr Vater einen kleinen Puff von hinten her gab, und machten verlegene Gesichter.

„Grüß Gott,“ sagte der Kleinere und sah sie so von unten herauf an. Da fand er, daß hier nichts zu fürchten sei, und daß er schon lang mit dieser Frau zusammengelebt habe, irgendwie und wo. Und auch, daß sie sowohl mit Frau Judith, als mit der Rektorin Cabisius irgend eine Ähnlichkeit habe; er besann sich nicht, welche, er fühlte sie nur. Vor denen aber war er längst nicht mehr scheu. Da war er es auch vor ihr nicht mehr. „Ich glaube doch,“ sagte er später, als er sich selbst besser verstand, „ich glaube doch, daß mir damals einen Tag lang meine Mutter gehört hat, wie eine Mutter ihrem Kind gehört, und ich auch ihr.“

Denn es währte an jenem Tag nicht lange, da saß Georg auf dem Bettrand und hatte seine rauhe Bubenhand in die feine, weiße, heiße Hand seiner Mutter geschoben. Und sie holte die eine und andere Frage aus sich heraus, Fragen, wie ein Kind sie tut, und sah ihn an, als trinke sie etwas Langentbehrtes, Frisches aus seinem Gesicht und aus seinen Reden.

Der Bäcker Ehrensperger war froh, daß er nicht viel zu sagen brauchte. Sie waren Beide etwas hilflos, als sie versuchen wollten, einander ein Wort zu sagen. Die Frau bekam einen Augenblick eine heiße Röte in die Wangen; er war ihr fremd geworden, er war wohl nie so recht ein Teil ihres Wesens gewesen. Da setzte er sich auf einen Stuhl, der am Fenster stand und sah mit Erleichterung, daß Georg die Sache in die Hand nahm. Er ertappte sich nach einer Weile darauf, daß er die Daumen umeinander drehte. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden; so oft er in Ruhe dasaß, tat er so. Da hörte er erschreckt auf; es war wohl nicht passend heute. Aber nach ein paar Minuten fing er wieder an. Die Uhr auf dem Türmchen, das zwischen den Bäumen herausblickte, zeigte auf ein Uhr. Da stand er auf und sagte, er wolle mit den Kindern gehen, etwas zu essen. Franz griff nach seinem Hut, er war mehr als Georg Fleisch von seines Vaters Fleisch; er wußte hier auch nicht recht etwas anzufangen. Georg rührte sich nicht. „Laß mich da,“ sagte er. Da leuchtete aus den Augen der blassen Frau ein Strahl, als ob ein helles Licht sich darin spiegele, und sie drückte in ihrer Schwachheit leise die Kinderhand, als ob sie sie festhalten wolle für immer. Ihre Gedanken gingen wohl nicht weit hinaus. Jetzt war immer.

Da ließen sie ihn sitzen und gingen.

Sie kamen lang nicht wieder.

Als sie wiederkamen, hatte Georg eine kleine Mundharmonika an den Lippen, die er meist in der Tasche bei sich trug. Er blies darauf, weich und sachte, als ob er fühle, daß hier herein keine lauten Töne paßten. Es war keine eigentliche Melodie, es war nur so ein Tonreigen, nicht tonreicher, als das Geplätscher eines Bächleins ist. Aber sie waren froh dabei, beide.

„Willst du wohl?“ sagte der Vater, „das fehlte noch, Musik machen.“

Da lächelte die Kranke. „Nein, laß ihn,“ sagte sie, freier als zuvor, „er hat mir gesagt, daß er etwas werden will, bei dem man Musik machen kann. Laß ihn.“

Dann sah sie aus, als ob sie einschlafen wollte.

Georg hielt ihre Hand und fühlte, wie die Pulse in den Fingerspitzen pochten, als ob das Leben überall da innen gegen die Wände stieße und heraus wolle. Und einmal klopfte es hart und stark unter der leichten Decke der Mutter, „klopf, klopf, klopf.“

„Mutter, was klopft so bei dir?“ fragte er.

Er sagte heute in jedem Satz „Mutter.“

„Das ist mein Herz,“ sagte sie müde.

„Laß einmal hören.“ Da legte er seinen runden Bubenkopf auf die Decke. Sie lächelte.

Sie lächelte auch noch, als die Wärterin wieder hereinkam und zu dem Mann sagte: „Sehen Sie doch,“ und den Buben von ihrer Brust wegnahm und auf den Boden stellte.

„Bst,“ sagte er, „es klopft nicht mehr. Ich habe den Kopf draufgelegt, jetzt hat es aufgehört.“

Aber er wußte nicht, was das war.

„Nein,“ sagte die Wärterin, „es klopft nicht mehr.“

Da hatte nun der Mann mit der Axt, der Tod, den letzten Hieb getan. Da hatte der Bewohner nicht mehr seines Bleibens in dem Haus. Es tat ihm auch nicht mehr not.

Er hatte heute ein freundliches Licht und eine kleine, keimende Liebe gesehen, und die Augen waren ihm davon groß und froh geworden.

Nun waren sie ja wohl stark genug, in eine Flut von Licht und in eine große, überwallende Liebe zu schauen, die in dem neuen Haus auf ihn warten mochten.

Aber unsere Sprache hat kein Wort, davon zu reden.

** *

Die Stadtzinkenisten hatten den Trauerchoral vom Wiblinger Kirchenturm geblasen und waren eben die Treppe hinuntergepoltert, um nun auch auf dem Weg zum Kirchhof zu blasen. Es war nächstens Zeit, ans Läuten zu gehen.

Die beiden Freunde, der Korbmacher Hollermann und der Turmwächter Nössel, hatten still zugehört und in wandernden Gedanken der Lebenden und der Toten gedacht und daß sie wohl alle in guten Händen seien und alle einmal mütterlich nach Hause geleitet werden.

Sie hatten es nicht beredet; sie wußten einer des andern Gedanken auch ohne das.

Da griff der Turmwächter auf den Sims über dem einen Fenster und holte da ein Buch herunter und las, da schon auf der Straße unten der schwarze Wagen über das Pflaster rasselte, eine Stelle, die angestrichen war und bei der ein getrocknetes Kräutlein lag:

„Denn die Welt ist vor dir wie ein Stäublein an der Wage und wie ein Tropfen des Morgentaus, der auf die Erde fällt.

Aber du erbarmst dich über alles; denn du hast Gewalt über alles.

Denn du liebest alles, was da ist, und hassest nichts, das du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, dazu du Haß hättest.

Wie könnte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? oder wie könnte erhalten werden, das du nicht gerufen hättest?

Du schonest aber aller; denn sie sind dein, Herr, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in allen!“

Als er das gelesen hatte, nickte er zufrieden mit dem Kopf und legte das Buch wieder an seinen Ort.

„Da brauchen wir uns ja nicht weiter den Kopf zu zerbrechen,“ sagte er. „Da versammeln sie sich nun allmählich, da unten um die weiße Kapelle her, und liegen ganz still, ein jedes an seinem Ort. Und haben viel Qual und Unruhe hinter sich, und Sorgen, und haben viel Umwege gemacht, da man nicht wissen könnte, ob sich auch nur eins von ihnen nach Hause findet, wenn das nicht wäre, davon hier geredet ist: „Denn sie sind dein, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in allen.“

„Ja,“ sagte Hollermann und setzte die Schildkappe auf, um zu gehen, „es wird uns ja wohl zu gut gehalten werden, daß wir davon reden als einfältige Leute, die wohl wissen, daß unser Herrgott ein ganzes Stück klüger ist als wir.

Nämlich, daß wir das nicht in unser Herz hineinbringen, das mit dem großen Unterschied drüben, der nicht auszusagen sei und nicht aufhöre; und das mit dem Gedanken, daß Gott es mit etlichen seiner Kinder in alle Ewigkeit nicht mehr zurecht bringe und ohne sie leben müsse in seiner himmlischen Herrlichkeit und Pracht. Da man ihm doch zutrauen möchte, daß er sie alle herausholen möchte aus Sumpf und Feuer und dem Tod und sie endlich einmal bei sich zu Haus sein lasse, wenn’s genug ist mit der Plage.“

Der Flickschneider hatte die Brille eingeschoben und ging mit seinem alten Kameraden das Treppchen hinab zum Läuten. „Wir haben wohl nicht so den Verstand,“ sagte er. „Das liegt uns nur so im Gemüt. Etliche sagen, die Bosheit sei allzugroß, und etliche wieder anders; es sei, als ob drüben die Geister ineinander flössen, wie die Bäche in die Flüsse, und die Flüsse ins Meer, da man die Wasser nicht mehr unterscheidet und alles ein großes Wallen ist. Aber das ist uns nicht bekannt und das wird auch so recht sein, damit wir unseres Weges gehen wie die Kinder, und nicht gar so klug sein wollen.“

Da ließen sie die große Frage, die sie nicht um der Frau willen allein aufgeworfen hatten, der das Läuten galt, sondern die je und je ihre Herzen bewegte in Hoffnung und demütigem Vertrauen.

Unten bliesen die Stadtmusikanten einen Trauermarsch aus aller Kraft ihrer Lungen, und gingen die Ehrenspergersbuben hinter dem Sarg her mit neuen Kleidern und Blumensträußen, und schritt der Bäckermeister zwischen zwei Anverwandten einher, ernsthaften Gesichtes und in einem Rock, der breit und weit genug war, als ein stattlicher Witwer, und ging Jungfer Liese in der Zahl der Frauen als leidtragende Verwandte des Hauses, das Taschentuch zwischen den Händen. Es war alles, wie es sein mußte, denn das Besondere, das um die Frau her war, das hatte der Tod ausgelöscht.

Gertrud stand in der Reihe mit den singenden Schulkindern; und als sie ihren Kameraden sah, der mit einem merkwürdig erloschenen Gesicht nach dem sinkenden Sarg blickte, da war es ihr doch, als müsse sie neben ihm stehen, als gehe das gar nicht anders an. Und sie verstieß gegen alles Herkommen, wie das rasch und lebhaft empfindende Menschen zuweilen tun, und schob sich leise, einen Schritt um den andern, zwischen den Männern des Gefolges und etlichen Cypressen und Grabkreuzen durch, bis sie dicht hinter Georg stand und ihn sachte am Ärmel zupfte. Jungfer Liese warf einen vernichtenden Blick nach ihr und vergaß einen Augenblick, zu schluchzen.

Aber das schadete nichts. Darum hatten die zwei Kinder doch zu dieser Stunde einen Teil aneinander, und konnten das dunkle Kapitel des Lebens, das sie nicht recht verstanden und das hier seinen Schlußpunkt erhielt, schließen lassen, um sich nach Kinderart ihrem eigenen Weg zuzuwenden. Sie nahmen etwas von dem Vergangenen mit da hinein und holten es hie und da gesprächsweise heraus, wenn sie im Dämmer beisammen waren. Aber das Düstere daran, das ging nicht mit. Das zerfloß im Nebel, nur das Lichte, Freundliche blieb. Es war den Kindern doch später, als hätten sie einmal Mütter besessen. Das machte, daß sie das Wenige, das sie von diesem Schatz besaßen, miteinander zu teilen wußten, da wuchs es daran.

Achtes Kapitel

„Mutter,“ sagte Lore, das Kind der Putzmacherin Maute, „du mußt schnell was anziehen. Da kommt die Frau Rektor Cabisius aufs Haus zu. Sie macht so kurze, rasche Schritte, wie ein Mädchen geht sie und ist doch schon eine alte Frau. Das heißt, wenigstens hat sie ganz graues Haar. Und überall hält sie den Rocksaum hoch; sieh’ mal, Mutter, da ist doch tiefer Schmutz auf der Gasse, und sie hat nie ein Tüpfelchen Schmutz an sich.“ Lore saß am Fenster und sah in den kleinen Straßenspiegel, der da angebracht war und durch den man alles beobachten konnte, was draußen vorging, ohne selbst gesehen zu werden.

Ihre Mutter saß ihr gegenüber. Sie hatte die Haare auf Papilloten gewickelt und war mit einer Nachtjacke bekleidet, die, der fehlenden Knöpfe wegen, am Hals mit einer blitzenden Hutagraffe zugesteckt war. Sie hatte eben noch an einem bestellten Samthut gestichelt; nun stand sie auf und ging ins Nebenzimmer. „Sag’, wenn sie kommt, ich käme sogleich,“ sagte sie im Hineingehen. „Und, Lore, räum’ noch rasch ein bißchen auf.“ Denn es fiel ihr nun plötzlich auf, daß das Waschgeschirr noch auf dem Tisch stand und Kämme und gebrauchte Kaffeetassen sich mit Seidenbändern und Hutformen auf der Kommode breit machten. Da nahm das Mädchen einen Anlauf und trug einiges ins Nebenzimmer. Dort stellte sie es auf den Boden. Und anderes streifte sie mit rascher Hand in eine geöffnete Schublade; und fuhr mit einem Pfauenwedel über die Kommodenplatte und legte rasch eine Decke auf den Tisch. Es sah nicht mehr so übel aus im Zimmer, wenn man nicht gerade kritisch hinsah.

Da klopfte es, und als die Frau Rektorin eintrat, kam ihr Lore entgegen, frisch und zierlich, wie ein Bachstelzchen und bat, Platz zu nehmen, nur einen Augenblick zu warten, da die Mutter sogleich kommen werde. Sie habe nur etwas Notwendiges zu schaffen, das gleich erledigt sei. Darauf setzte sie sich wieder an ihren Fensterplatz und hob sittig an, zu häkeln. Irgend etwas Zartes, Zierliches, es gab einen Halskragen, das konnte man schon erkennen.

Die Uhr tickte, es war still im Zimmer. Draußen rieselte der Regen herunter und klopfte hie und da ein wenig an die Fensterscheiben. Von der nahen Kirche her hörte man vereinzelte Orgeltöne; irgend ein musikbeflissener Unterlehrer übte sich da.

Die Frau Rektorin saß und sah nachdenklich aus.

Sie sah dem Spiel der feinen Hände des Kindes da auf dem Fenstertritt zu. Es war eine wahre Freude, zuzusehen.

Warum machte sich nur Gertrud nichts aus selbstgehäkelten Halskragen? Warum war sie so ganz anders als alle Mädchen, die die Frau Rektorin kannte?

Sie saß in ihres Großvaters Studierstube und lernte Latein von ihm. Ja, Latein. Und ihre Großmutter richtete jetzt und immer die Frage an das Weltall, was ein Mädchen mit Latein zu tun habe? Aber hier war niemand, der ihr Antwort gab.

Sie, nämlich Gertrud, war groß und stark für ihr Alter und hatte ein kluges, etwas breites, offenes Gesicht, und ihre Bewegungen erinnerten etwas an die einer jungen Dogge.

Sie war die Freude der beiden Alten. Ja, unstreitig auch die ganze Freude ihrer Großmutter. Aber das verhinderte nicht, daß die Frau Rektorin in einer eifersüchtigen Regung „ihres Nächsten Schönheit“ begehrte; nicht für sich, für das Kind, und daß sie innerlich bereit war, etwas von „der unnötigen Gelehrsamkeit, mit der sie mein Mann füttert“, dafür dranzugeben.

Sie hatte jetzt nicht lang Zeit, sich den Tausch auszudenken, denn nun kam die Putzmacherin herein und fing sogleich eine wortreiche Entschuldigung an, daß sie habe warten lassen. „Es ist immer so vieles im Haushalt, wenn man alles ordentlich haben will,“ sagte sie, und vielleicht glaubte sie es in diesem Augenblick selbst, daß sie alles ordentlich haben wolle, obgleich sie soeben aus ihrer Schlafstube kam, in der das Chaos herrschte.

Und dann fing sie an, mit Hutformen, Samt und Spitzen zu hantieren und Lore verließ ihren Fensterplatz und ihre Handarbeit, um bald die Stecknadeln, bald eine Schere, bald das Metermaß zu suchen. Denn die Frau Rektorin sollte mit einer neuen Winterkopfbedeckung versehen werden. Das war aber so, daß die neue der alten immer noch ein wenig ähnlich sein mußte, und es gehörte eine gewisse Kunst dazu, einen neuen, haubenähnlichen Hut, (oder eine hutähnliche Haube, was in der Wirkung auf eins herauskommt,) zu schaffen, der weder modern noch altmodisch, weder ärmlich, noch großartig war. „Sondern der,“ sagte die Frau Rektorin, „auf meinen eigenen Kopf paßt und nicht auf den von hundert anderen Menschen.“

Ja, das war immer eine Art von Kunstwerk, so einfach es aussah und Frau Maute war die Erste und Einzige, die die schwierige Frage mit einer Art von Genialität zu lösen wußte. Es gibt allerlei Bande, die sich um die Menschen schlingen, und das Geschick der Frau Maute, einen ästhetisch befriedigenden Hut für die Frau Rektorin herzustellen, war so eine Art von Band, das die beiden Frauen nach einer gewissen Richtung hin umschloß.

Aber es war ein Band, das im Begriff war, sich zu lösen.

„Das wird nun der letzte Hut sein, den ich der Madam Cabisius mache,“ begann die Putzmacherin das Gespräch. (Sie war nicht davon abzubringen, ihre honorigeren Kundenfrauen mit Madam’ zu titulieren und die Rektorin Cabisius ließ sich das nun allmählich gefallen, weil Widerspruch nichts nützte und der Klügste nachgibt.)

„Was, den letzten?“ fragte sie. „Das muß merkwürdig zugehen. Entweder sterb’ ich bald, oder sterben Sie bald, oder, was ists? am Ende ist Maute wieder aufgetaucht und Sie gehen mit ihm und dem Kind nach Amerika, wohin er damals verschwunden sein soll?“

„Ach, Madam Cabisius scherzen. Madam Cabisius wissen wohl, daß Maute für mich abgetan ist. Und wenn er auch mit Gold überzogen käme, und kniete hier vor mir nieder, da, wo Madam Cabisius sitzen, ich ließ’ ihn knieen. Ich nähme das Kind an der Hand und sagte: „Maute, du weißt, daß du mich verlassen hast. Keine Widerrede, das hast du. Ich habe das Kind und mich ernährt und werde es ferner ernähren und brauche dein Gold nicht.“ Und dann würde ich ihm die Tür aufmachen. ‚Bitte, hier ist die Tür,‘ würde ich sagen.“

Und damit machte sie ein paar Schritte nach der Tür hin, um sie für den Abzug des imaginären Maute zu öffnen, besann sich aber und kehrte wieder um. Lore stand mit aufgestützten Armen am Tisch und sah und hörte dem Schauspiel zu, das sie offenbar nicht zum ersten mal genoß.

Die Rektorin zupfte Frau Maute am Ärmel. „Das Kind,“ sagte sie mahnend.

„Ja, das Kind, das ist noch mein Trost. Ich sag’s alle Tage: Lore, du bist mein Trost, denn ich bin eine verlassene, unglückliche Frau.

Ich bin viel zu ideal, das ist mein Hauptfehler.“

„Ja, aber warum wollen Sie mir keinen Hut mehr machen? Das möcht’ ich wissen.“

Denn die Rektorin war über diesen Punkt noch ebensowenig aufgeklärt, als wir es sind.

„Alles wegen des Kindes, Madam Cabisius. Denn das Kind ist alles, was ich habe, und es soll glücklicher werden, als seine Mutter. Das sag’ ich immer: Lore, du sollst glücklicher werden als ich.

Darum habe ich beschlossen, nach Tübingen zu ziehen. Madam Cabisius müssen nicht denken, daß es um meinetwillen sei. O nein, mir ist alles recht, mir ist’s auch in dieser kleinen Stadt recht, obgleich fast niemand Sinn für den höheren Geschmack hat, außer der Madam Cabisius, und — noch ein paar wenigen.

Aber dort kann ich mich besser aufschwingen. Ich bin so sehr für den Aufschwung. Das sagte schon Maute immer, obgleich ich sonst nicht viel auf seine Meinung gebe: ‚Henriette, du bist viel zu schwunghaft.‘

Er verstand mich nicht. Das hat uns getrennt.

Dort kann ich einen Laden mieten und das bessere Publikum gewinnen. Und vielleicht nehme ich Studenten in möblierte Zimmer, später dann.“ Frau Maute sah in diesem Augenblick außerordentlich schwunghaft aus. Man sah ordentlich ihr Mutterherz durch die Falten ihrer geblumten Bluse scheinen. Denn das mit dem Laden und den möblierten Zimmern geschah ja nur des Kindes wegen, dem ein besseres Los bereitet werden sollte, und dem zuliebe die Mutter sich in jede verlangte Höhe zu schwingen bereit war.

„Mutter, dein Haar,“ sagte Lore leise.

Denn es hatte sich ein dünnes, rotblondes Zöpfchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens vorgestohlen und wippte auf der geblumten Bluse auf und nieder, alle schwungvollen Bewegungen seiner Trägerin begleitend.

„O, es ist mir nicht bange,“ sagte Frau Maute, und schob das Zöpfchen wieder an seinen Ort. „Ich kann mit allerlei Leuten verkehren. Wenn ich sonst nichts gelernt hätte, so hätte ich doch das gelernt. Und nun gar mit jungen Leuten. Wenn man selbst Mutter ist und das Leben kennt. Ich werde sie mütterlich beraten, meine Studenten, meine ich. Daran werden Madam Cabisius nicht zweifeln.“ „Madam Cabisius“ hatte wohl so ihre Zweifel, aber diese waren von einer Art, die hier nicht ausgesprochen werden konnte.

Darum schwieg sie darüber und dachte nur im Stillen: „Ich bin froh, daß Gertrud nicht zu studieren hat. Mütterliche Beratung. Ich danke.“ Und dann bot sie ihren grauen Kopf her, um sich das werdende Kunstwerk ausprobieren zu lassen, und sah unter Samt und Spitzen hervor mitleidig auf das junge Kind, das zu seinem Besten an dem Aufschwung der Mutter teilnehmen sollte.

„Soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht,“ sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Nachhauseweg mit hochgehaltenen Röcken durch den Schmutz der Straßen stieg. „Einreden läßt sich da nichts. Nun ja. Mit ihren Hüten war ich immer zufrieden. Eine gelungene Person, das ist sie. Aber soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht. Ein feines, kleines Ding ist das.“

Und dann kam ihr mütterliches Herz ins Wallen.

„Ich wollte doch,“ sagte sie, aber sie sprach nicht aus, was sie wollte. Vermutlich war ihr der Wunsch aufgestiegen, das „kleine, feine Ding“ zu behüten. Wovor? Da eilten ihre Gedanken weit voraus.

Aber das war eigentlich nicht ihre Art so. Sie trat fest auf und machte rüstige Schritte, als sie über den gepflasterten Marktplatz ging. „Das lerne ich allmählich von ihm,“ sagte sie entrüstet zu sich selbst, „das Vorausdenken. Aber das ist nichts für mich. Braucht man mich etwa dazu? Ich meine, zur Weltregierung?“ Und sie schüttelte sich wacker unter dem Regenschirm und rief ihre sorgenden Gedanken zur Ordnung. Da kam sie hellen und heiteren Angesichts nach Hause und fand Gertrud, das Mädchen, das ihr zu gelehrt werden wollte, auf dem Treppengeländer reitend, daß die Zöpfe flogen. Sie sagte nichts darüber, wie sie an andern Tagen wohl getan hätte, und wußte auch warum.

Neuntes Kapitel

Kennt ihr das Geschlecht der Sonntagskinder?

Es hat allerlei Namen. Man könnte es auch das Geschlecht der Schauenden nennen, oder der Horchenden.

Es hat eine Gabe mitbekommen, die nicht alle haben, von dem Strom heimlichen Lebens zu wissen, der unter der Oberfläche aller Dinge hingeht. Die dazu gehören, die ahnen die wundersame Schönheit, die in die Welt gelegt ist, und lieben sie und horchen nach ihr hin. Und weil sie sich nach ihr sehnen, die Leben ist und Liebe, Licht, Freude und Werdekraft, so suchen sie sie überall.

Im Grauen des Morgens, in der Glut des Mittags, im Wehen des Windes, im Zirpen der Grille im Grase.

Im Lachen eines Kindes, in einem Männerzorn, in einer jungen, starken Menschenkraft, im Ringen der Leidenschaften, in tausend und tausend Regungen des Lebens vernehmen sie etwas von dem tiefen Grund, aus dem das Leben quillt.

Und wenn ein Klang aus jener verborgenen Welt ihr Ohr streift, dann halten sie den Atem an und horchen still hinein.

Manchem von ihnen ist es gegeben, in Tönen davon zu reden, manchem in Bildern, in der Glut der Farben oder in beredten Linien, manchem in Worten.

Aber nicht allen. Es sind viele, die tragen den empfangenen Glanz still in sich herum und die Welt weiß nichts davon. Oft sind sie arm und unscheinbar, und oft macht sie die innere Fülle ungelenk, steif und wortarm nach außen. Aber was schadet das? Wer ihnen zu rechter Stunde in die Augen sähe, der sähe in einen tiefen See, in dem ein Schatz verborgen liegt.

** *

Der alte Korbmacher Hollermann war keiner von denen, die die Welt mit Harmonien füllen. Aber seine Seele war voll von einer Musik, die niemand gehört hatte, obgleich an warmen Abenden, wann die Fenster seines Häuschens offen standen, die Töne seiner Flöte, der ererbten Großvatersflöte, über die Äcker hin und über die Landstraße und zu den wenigen Häusern, die hier draußen an der Landstraße standen, hinflogen. Das, was aus der Flöte strömte, das war das, was an die Oberfläche drang. Aber wie wenig war das im Vergleich zum Ganzen. Wenn er so dasaß, mitten zwischen seinen Weidenkörben und Hühnerkäfigen, auf dem niedrigen Drehstuhl und in der grünen Schürze, mit hängenden Schultern und braunen, rissigen Händen, die die Flöte hielten, da sah ihm niemand an, daß er innerlich wunderbare Chöre hörte. Vielleicht waren sie wirklich, vielleicht tönten sie aus irgend einer Welt zu ihm herüber, wer vermag das zu sagen?

Was er hervorbrachte, waren selten so eigentliche Melodien. Es war ein Reden in Tönen, vielleicht auch nur ein Stammeln. Es fragte ihn niemand danach und er sagte es zu niemand. Das heißt, das war seitdem so gewesen. Aber das sollte nun nicht länger so fortgehen. Die Jugend kam zu ihm herein unter das tief herabhängende Dach.

Gertrud kam. Sie war einmal auf einem Spaziergang mit dem Großvater einen Augenblick eingetreten, hatte dem alten Hollermann bei der Arbeit zugesehen, hatte das Wetterhäuschen, aus dem der Kapuziner trat, wenn es schön Wetter wurde, bewundert, und die rankenden Kürbisse an der Hinterwand. Und da es ihr schien, als ob hier noch viel zu bewundern sei, so versprach sie das Wiederkommen. Das hielt sie auch. Als sie hier einigermaßen zu Hause war, brachte sie Georg mit. Der wurde es noch mehr als sie, und noch schneller. Das machte, daß er Meister Hollermanns Flötenspiel gehört hatte. Es war an einem Samstagabend gewesen. Die Kinder hatten über ihren Aufgaben gesessen, bis es dunkeln wollte. Dann hatte sie die Großmutter ins Freie gejagt: „jetzt geht! wollt ihr mir hier versitzen und mit sechzehn Jahren Brillen tragen?“

Nein, das wollten sie nicht. Da gingen sie los. Die beiden Alten wandelten zwischen den Rabatten des Gartens hin und her, und die Kinder machten einen Streifzug. Durch den Baumgarten, da hingen kleine grasgrüne Äpfel in den Zweigen, es gab noch nichts Reifes; über den Lattenzaun, durch den trockenen Burggraben, da kamen sie auf freies Feld.

„Jetzt besuchen wir den alten Hollermann,“ sagte Gertrud. Da liefen sie in langen Sätzen den schmalen Feldweg entlang. Das Korn war noch grün und wogte leise hin und her, eine Blindschleiche glitt über den Weg. In der zitternd warmen Sommerluft summten die Schnaken. Hinter dem Wald ging die Sonne hinunter.

Dann blieben sie stehen. „Horch,“ sagten sie beide. Da schwebte es in der Luft, wie ein süßer Gesang. Und doch wieder anders als ein Gesang. „Jetzt flötet er,“ sagte Gertrud. „Das tut er alles auswendig, so aus sich selber heraus.“ Und dann liefen sie wieder. Es war bezeichnend für Georg, daß er es hübscher fand, außen auf dem Bänkchen neben der Tür zuzuhören, weil er den Flötenbläser nicht kannte, und für Gertrud, daß sie ihn an der Hand hineinzog ohne viel Federlesens. „Da sind wir,“ sagte sie. „Wir wollen zuhören.“

Aber er war es nicht gewöhnt, Zuhörer zu haben. Er setzte die Flöte ab und sah vor Verlegenheit grimmig aus. So lang, bis er in das enttäuschte Gesicht des Buben sah. Es konnte niemand sonst so enttäuscht aussehen. Nun war er hier hereingekommen und gleich hörte das auf, was ihn so herangezogen hatte.

Der alte Hollermann war in Not. Das, was er soeben geblasen hatte, das konnte er jetzt nicht fortsetzen. Davon war ihm der Faden abgeschnitten, und das war auch etwas wie ein Selbstgespräch gewesen. Da besann er sich auf alte, längst gehörte Klänge. Denn er konnte es den Kindern nicht antun, daß er so verstummte, so gern er das getan hätte.

„So, nun merkt auf,“ sagte er. Und spielte ein klingendes, singendes Lied, und dann noch etwas, das tat, wie zwitschernde Vogelstimmen. „Das ist von Mozart,“ sagte er und nickte mit dem Kopf. „Kennt ihr den nicht? Das ist aus der Zauberflöte. Vor zwanzig Jahren hab ich das gehört. Als Mina noch lebte. Ja so, ihr kennt Mina nicht. Sie war in München und dort hörten wir das miteinander. Sie wollte meine Frau werden, aber dann starb sie.“

So, nun war es wohl aus?

Nein, sie kannten Mina nicht. Sie waren nun zwölf und dreizehn Jahre alt, hatten schon vieles gelernt und hatten den starken Trieb, noch viel mehr zu lernen, und hätten am liebsten eines immer dasselbe gelernt, was das andere lernte, obgleich das ja nicht so durchzuführen war.

Sie hatten auch schon von Mozart gehört, wenn auch nicht allzuviel. Aber noch fragten sie nicht viel danach, wer die und jene Musik geschaffen habe. Es mußte nur klingen und singen, das war die Hauptsache.

Es wurde auch rasch vollends dunkel, darum gingen sie nun wieder, hielten einander an der Hand und gingen auf der breiten Landstraße ins Städtchen hinein.

Meister Hollermann saß wieder am Fenster und flötete. Es war jetzt ein leises, weiches Getön. Vielleicht dachte er dabei an Mina und wie sie mit glänzenden Augen neben ihm gesessen hatte jenes einzige Mal, da sie miteinander so im Reich der Töne waren.

Oder vielleicht sah er in die ziehenden Abendwolken und fragte, wohin ihr Geist gegangen sei, damals, als sie an einem schönen Juniabend, einem Abend wie heut, für immer ihre Bügelstähle und ihre Kundenwäsche, ihre kleine trauliche Stube und ihn selbst, der sie so liebte, verlassen hatte.

Die Kinder wußten das nicht. Aber Georg stand plötzlich still und sagte: „ich will noch ein wenig horchen“ und es half nichts, daß Gertrud vor Ungeduld trippelte. Er hatte die Hände in den Taschen und horchte.

** *

Das war das erste Mal gewesen.

Von da an war der alte Hollermann hie und da genötigt, etwas von dem herauszugeben, was ihn innerlich bewegte.

Er war viel gewandert in seinem Leben, weit umher. Viel erworben hatte er sich nicht. Gerade genug, um das kleine, windschiefe Häuschen kaufen zu können und darin die Korbmacherei zu betreiben. Er flickte die Waschkörbe der Bürgersfrauen und die Marktkörbe der Bauernweiber, und flocht aus Weiden Tragkörbe für die Weingärtner und was so mehr des ländlichen Bedarfs war.

Dabei konnte er die Bilder der weiten Welt an sich vorbeiziehen lassen. Einmal, zu Minas Zeiten, war Aussicht gewesen, daß er sich, wie die Putzmacherin Maute, des Aufschwungs befleißigen werde. Damals lag ihm an einem freundlichen Nest und an Brot für sie beide. Nachher, als sie gestorben war, hatte er keinen solchen Antrieb mehr. Da wurde er mehr und mehr einer der Horchenden. Er ging so still für sich hin. Und als er’s einzurichten wußte, kehrte er in die Heimat zurück und spann sich da in eine eigene, stille und doch belebte Welt ein. Wer konnte wissen, was alles seine schweigsame Seele füllte?

Es war eine kleine Gemeinde von Pietisten im Städtchen. Und weil dabei fromme, eingezogene Leute waren, die sich versammelten, um miteinander übers Evangelium zu reden, so ging er auch hin, denn ihn verlangte nach Gemeinschaft. Aber er sprach nicht ihre Sprache. Sie hatten alle Worte der Bibel so schön genau zurechtgelegt und nun redeten sie über die tiefen Geheimnisse, die in der Offenbarung des Johannes stehen und es war ihnen alles so klar, daß kaum noch etwas zu fragen blieb. Da wurde er noch einsamer; und als sie sagten, nun solle er auch reden, da schüttelte er leise den Kopf.

Der junge Zimmermann Dieterle, der dabei war, der sagte, wenn er darauf zu sprechen kam, daß seine Augen wie in eine unergründliche Tiefe gesehen hätten, „und,“ sagte er, „ich hätte wissen mögen, was er sah, aber er fand das Wort nicht.“

Von da an ging er allein dahin, wenn er nicht hie und da auf den Turm stieg zu seinen alten Freunden, dem Turmwächter und der Frau Judith. Er war aber freundlich gegen alle, die ihm nahe kamen, und nächtigte einmal zwei Handwerksburschen in seinem Bett. Da brachte er die eine Hälfte der Nacht am Tisch sitzend über einem alten Buch zu, und sah die andere Hälfte lang zum Fenster hinaus nach den Sternen und nach dem Kommen des Morgens. Nun kam, wenige Tage nach jenem Samstagabend, an dem er den beiden Kindern die Flöte geblasen hatte, der lang aufschießende Knabe mit dem schmalen Gesicht und den hungrigen Augen vor seine Tür, diesmal ohne Gertrud. Die saß daheim und hatte Handarbeitsstunde bei ihrer Großmutter. Hollermann hörte ein kleines Geräusch am Fenster, dann an der Stubentür. Und als er, in Strümpfen, denn so saß er an der Arbeit, hinging und öffnete, da prallte der Kopf mit dem dunklen Haarbusch vom Schlüsselloch zurück, an das er sich horchend gelegt hatte. Dunkelrot wurde der Knabe und sagte verwirrt und stotternd: „ich, ich wollte — ich habe hier eine Flöte.“ Da zog ihn Meister Hollermann mit sich hinein.

Es war eine alte, verstaubte Flöte mit grünspanigen Klappen, die Georg in Papier gewickelt unter dem Arm trug. Er hatte sie in einer Bodenkammer gefunden und sie tönte ihm in Gedanken nun fort und fort so lieblich, tönte ihm in der Schule in die Geschichte des Hannibal hinein, tönte beim Vesper zu den Lauten der Jungfer Liese, die an sich gar keine Ähnlichkeit mit Musik hatten, tönte, tönte, bis er nun hier stand und sagte, als ob er vor dem König stände und um die Hälfte seines Landes bäte: „wenn Sie mir zeigen täten, wie man’s macht.“ Das Übrige sagte sein flehendes Bubengesicht.

Nun studierten sie miteinander, daß es eine Art hatte. Das machten sie so: Georg hatte die Melodien im Kopf, die er von der Schule und Kirche her kannte und die er etwa auf der Straße hörte. Die pfiff er seinem Lehrer vor, worauf dieser sie auf die Flöte übertrug, was dann hinwiederum Georg so lange nachprobierte, bis er die Melodie richtig heraus hatte.

Das trieben sie eine ganze Weile und vergnügten sich sehr damit. „Bub,“ sagte der alte Hollermann, „du lernst das besser als ich. Daran ist nicht zu drehen. Ich hab’s in mir drin, das hab’ ich. Aber ich kann’s nicht so von mir geben. Ich hab’ schon gedacht, nachher einmal, in einer andern Welt, da könn’ ich das vielleicht.

Was mein Großvater war, der Schäfer Hollermann, der wußte eine Geschichte von einem Geiger. Der zog herum und wollte das schönste Lied spielen lernen, das es gibt.

Da ging er zu den Vögeln in den Wald und horchte und horchte. Das konnte er bald. Er konnte geigen, daß man die Amseln und die Finken und Drosseln heraushörte.

Aber das war ihm noch nicht schön genug. Da horchte er auf den Wind. Was konnte der für Lieder singen. Ganz leise, feine, daß man die Blätter an den Bäumen rascheln hörte und die Ähren hin und her schwanken. Und dann starke und frohe, weißt du? so, wie es tönt, wenn der Frühling kommt. Und die ganz wilden, wo sich die Eichen biegen, wenn der Sturm durch sie hinfährt.

Das lernte er auch nachspielen. Da zog er weiter, denn er wußte, daß ihm noch viel fehle. „Und,“ sagte er, „eher will ich nicht aufhören, bis ich das schönste Lied von allen habe.“

Das Wasserrauschen konnte er nachbilden, man glaubte die Wellen blinken zu sehen und die Bächlein rieseln zu hören.

Und er spielte Hochzeitsreigen und Tanzlieder, und was die jungen Mädchen und Burschen singen, und Kirchenlieder. Und manchmal spielte er etwas, das kein Mensch verstand. Da mußte weinen, wer es hörte. Es war, als ob er etwas suche und das tat er auch. Er suchte das schönste Lied von allen; da hörte er hie und da einen Ton, aber er fand nie das Ganze.

Darüber wurde er alt und grau und kam zu sterben. Er war aber ganz allein, denn, Georg, wer das will — aber das verstehst du noch nicht.

Ja, und da klang es auf einmal irgendwo, und nun wußte er, daß dies das Lied sei, das einzige, das es gebe. Und er griff nach seiner Geige, und, so stark seine Hand zitterte, er konnte es doch spielen. Aber die Saiten zersprangen davon, eine nach der andern. Da starb er und das war auch ganz gut, denn sonst hatte er ja nichts gewollt. Und siehst du, darum denke ich, daß es einen Ort gibt, wo man das alles kann, was man in sich hat, weil es dem Geiger irgendwo her tönte, als er schon im Sterben lag. Und weil ihm die Seiten sprangen, als er es zu spielen versuchte, darum denke ich, es muß irgendwo bessere Geigen geben. Aber ich bin ein alter Mann, Bub. Ich bin begierig, wie alles wird, und ich denke, es wird irgendwie gut. Das ist alles, was ich so sagen kann.“

„Das will ich alles auch lernen,“ sagte Georg und machte ein sehr entschlossenes Gesicht dazu. „Ja, das tu’ du.“ Der Alte war sehr einverstanden damit.

„Ich kann dich das nicht lehren. Aber mein Großvater sagte, wenn er die Geschichte erzählte: ‚Das kann man einen überhaupt nicht lehren, wenn’s einer nicht in sich hat.‘ In großen Städten da haben sie Schulen dazu, dahin gehen die Leute, um das alles zu lernen. Ich meine, das Musikmachen und so was. Dahin gehen sie noch, wenn sie Männer sind. Ich hab’ schon solche gesehen mit Bärten, die gingen da hinein und lernten Musik machen. Den ganzen Tag Musik und nichts weiter. Das muß ein Leben sein, Bub. Wie im Himmel. Aber ich weiß nicht, ob’s die alle in sich haben.“ Da schlug sich der Bub aufs Knie, daß es schallte.

„Dahin möcht ich auch,“ sagte er. „Was sagst du? Ganze Säle voll mit Orgeln und Klavieren und Geigen und Flöten? Dahin möcht ich auch.“

** *

Nun hatte er wieder ein Bild, das er sich abends beim Einschlafen vormalen konnte. Er steckte sich unter die Decke und hielt die Ohren zu, daß kein Laut von außen herein dringe. Und dann ließ er den Saal vor sich aufsteigen. Der war riesig groß, er wurde immer noch ein wenig größer. Und an den Wänden standen Orgeln, immer eine größer als die andere, mit blanken Pfeifen, und oben schwebte an jeder ein nackter Posaunenengel, denn solch einer war auch an der Wiblinger Kirchenorgel und Georg konnte sich keine Orgel denken ohne diesen Zierrat. In der Mitte des Saals aber standen Klaviere, die waren so schön wie das des Rektors Cabisius und waren alle aufgeschlagen. Da standen sie mit ihren schwarzen und weißen Tasten und vor jedem stand ein Stuhl. Menschen waren da nicht, und das war gut. Denn sonst hätte Georg sich nicht getraut, zu spielen. Aber das tat er nun. Heidi, wie seine Finger auf und nieder fuhren. Es war gut, daß er unter der Decke steckte, so konnte ihm niemand den kühnen Gedanken ansehen, der sich nun entspann: Er konnte es wahrhaftig noch besser als der Rektor.

So, nun hatte er genug am Klavier. Da griff er nach einer der Geigen, die an den Wänden hingen, oder nach einer Flöte. Jagdhörner waren auch da. Trari, trara.

Einmal, als er soweit war, vergaß er sich und tutete das Geheimnis über die Grenzen seines Bettes hinaus.

Da brachen merkwürdige Töne unter der schweren Federdecke hervor wie ein unterirdisches Donnerrollen.

Jungfer Liese, die in der anstoßenden Stube saß und Strümpfe stopfte, kam herein und zog ihm das Deckbett ein Stück weit hinunter. Es sei kein Wunder, wenn einer schwer träume, sagte sie. Wenn man sich dermaßen begrabe.

Und Franz, der am Einschlafen war, warf sich herum und beklagte sich. „Da soll einer schlafen können,“ sagte er. Franzens Schlaf aber war heilig.

Denn er war nun Bäckerlehrling seit Ostern, das war drei Monate her. Und er mußte aus den Federn, eh’ der Tag graute. Er wollte das auch. Er wollte später die Bretzel, die über der Ladenstaffel schwebte, neu vergolden, und wollte alles tun, was sich für den Hauptsprossen der Ehrenspergersfamilie gehörte.

Da beugte sich Jungfer Liese über das Bett des jüngeren Sohnes, und wisperte ihm mit gedämpfter Entrüstung mahnende Worte zu. Der aber hielt die Augen geschlossen und atmete tief und lang und tat, als ob er schliefe, bis der wache Traum in einen wirklichen überging.

Darin ging er mit dem alten Hollermann über ein flaches Feld, das sich weit und breit dehnte. Es wehte leise in der Luft, rings, so weit das Auge ging, wogte ein Meer von braunem, goldig glänzendem Heidegras, das rauschte so sachte, als ob es am Einschlafen sei. Fern am Horizont, wo die Sonne versunken war, standen die Höhen in rotem und violettem Glanz, und leuchtende Wolken mit Gold- und Purpursäumen zogen darüber hin und entschwanden, eine nach der andern.

Da fing der alte Hollermann an zu singen, und hatte ein so glänzendes Gesicht dabei, als ob auch er in das Licht der Sonne getaucht sei.

Georg verwunderte sich weder über das eine, noch über das andere, obgleich er ihn noch nie so gesehen oder gehört hatte. Das mußte nun gerade so sein.

Es war aus einem alten Kreuzfahrerlied, was Meister Hollermann sang. Georg hatte es einmal irgendwo gehört, er wußte nachher nicht mehr wo.

„Alle die Schönheit Himmels und der Erden Ist verfaßt in dir allein.“

„Ist das nun das rechte Lied?“ fragte der Georg. „Ja,“ sagte der Alte und bog den Kopf vor, um zu lauschen, „hörst du, wie alles mitsingt, ringsumher?“

„Wer?“ aber er erhielt keine Antwort mehr.

Das Feld dehnte sich weit und weiter und wurde grau und still. Und der Traum versank; und Georg versank in die Tiefen eines jungen, festen Schlafes.

Zehntes Kapitel

Es war ein Spätnachmittag im Frühherbst.

Die Sperlinge schwirrten mit viel Geschrei um das Weinspalier her. Das war an der Südwand des Rektorhauses, die nach dem Garten geht. Es war nicht viel für sie zu holen, es war ein feines, dichtes Netz über die Trauben gezogen. Da hatte es eine Lücke und dort eine. Aber was waren die paar Beeren für solch eine Schar? Das war gerade genug, um den Appetit zu reizen. Aber darum konnten sie es doch nicht lassen, schimpfend hin und her zu schwirren. Sie hielten lange Reden darüber, daß es nicht recht zugehe auf der Welt? Was? Nun waren die Trauben unbedeckt geblieben, so lang sie hart und grün waren, und wurden nun unter das Netz gesteckt, da sie täglich weicher, süßer und reifer wurden?

Drüben im Obstgarten standen die Bäume voll reifender Äpfel. Schwer hingen die Äste herunter, sie vermochten kaum ihre Last zu tragen. Warum wurden nun diese nicht mit einem Schleier überzogen? Danach hätten die Sperlinge nicht gefragt; die Äpfel mochten ruhig reifen und zur Erde fallen, sie rührten keinen an. „Aber gerade das bißchen, was wir gern hätten, das mißgönnen sie uns,“ sagte ein alter, dicker Spatz und hüpfte schwerfällig und ärgerlich auf den Syringenbusch, von dem man die beste Aussicht auf das Weinspalier hatte, und die andern schrieen ihm Beifall.

Da ging die Gartentür und drei Kinder kamen herein. Die Sperlinge kannten sie wohl, sie waren hier täglich zu sehen. Der lange, magere Bub, der so oft stand und die Hände in den Taschen hatte und in die Luft sah; das starke, bräunliche Mädchen mit den langen Zöpfen, und das kleine, feine rothaarige, dem die jungen Spatzen gern die Augen ausgepickt hätten, weil sie aussahen, wie reife Kirschen.

Die gingen nun auch an das Weinspalier. „Seht ihr, seht ihr,“ riefen die Krakehler unter den Spatzen. „Die nehmen sich, was unser ist. Das ist Raub, das gehört in die Chronik.“ Aber die Kinder kümmerten sich keinen Augenblick um das Spatzengeschrei. „Eine für uns drei miteinander,“ sagte Gertrud. „Ich sag’s nachher der Großmutter, ich nehm’ sie nicht heimlich.“ Sie griff in das grüne Laub und Georg hielt das Netz ein wenig zurück und sah mit hinein. „Aber eine große, wenn sie für drei reichen muß,“ sagte er.

Da fanden sie miteinander eine große, durchsichtig schimmernde Traube heraus und nahmen sie sachte herunter und sahen sich ein bißchen um, ob niemand zusehe, obgleich sie’s nachher sagen wollten. Dann gingen sie miteinander und mit ihrem Raub, (denn das war es doch, da hatten die Sperlinge nicht unrecht gehabt,) in den Obstgarten.

Ganz hinten in der Ecke, dort, wo der Garten an den Stadtgraben anstößt, unter dem Süßapfelbaum, ließen sie sich nieder.

Der Baum hing zum Brechen voll. Hie und da raschelte es in den Zweigen; dann löste sich eine Frucht und fiel ins Gras.

Die Kinder sahen nicht viel danach hin. Aber nicht aus demselben Grund, wie die Spatzen. Sie hatten nur heute Wichtigeres zu bedenken. Lore war gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie teilten ihre Traube, Beere um Beere und sagten nicht viel dazu. Den leeren Kamm warfen sie über den Lattenzaun in den Stadtgraben und standen und sahen ihm nach, als ob es ein Stück ihres vergangenen Lebens sei.

Vorhin waren sie ein letztes Mal miteinander auf dem Turm gewesen. Ein letztes Mal; das war sonderbar. Warum konnte nicht immer alles gleich fortgehen, wie es von jeher gewesen war?

Es war nicht gerade ein Schmerz, da sie nun scheiden sollten. So ganz zum täglichen Leben hatte Lore den beiden andern nicht gehört. Es war nur so etwas Neues, anderes.

Da war so ein großes Tor aufgetan, und eins von ihnen ging hindurch, in die weite Welt hinein. Was mochte dort alles sein? Es war wohl alles ganz anders, als hier? Größer und schöner und voller Wichtigkeiten, voll neuer, unentdeckter Wunder. Es ging so etwas wie ein Reisewind durch alle drei hindurch.

War es schöner, zu gehen, oder zu bleiben?

Wer konnte das sagen?

Oben auf dem Turm, von Frau Judiths sonnigem Fenster aus, hatten sie in die leuchtende Ferne geschaut, Kopf an Kopf. Dort hinten lag Tübingen, weit hinten. Man konnte es nicht sehen, natürlich; es war viel zu weit dorthin.

Die ganze Albkette lag davor; alle die Höhen, die sich am Horizont hinzogen, Berg an Berg, als ob sie sich an den Händen gefaßt hielten und so durch die schöne Welt marschierten.

Hie und da glänzte es weiß aus den bläulichen, duftigen Schleiern, in die sich die Berge gehüllt hatten. Ein felsiger Abhang, eine Burgruine. Da eine und dort eine. Warum hatten sie das sonst nie so gesehen, wie heute?

Dort hinten irgendwo, in dieser blauen Ferne, lag Tübingen.

Sie saßen unter dem Süßapfelbaum und sahen den umfriedeten Garten vor sich liegen in seiner stillen, heimeligen Schönheit. Die Dahlien und Astern und die hochstämmigen Herbstrosen blühten an den Rabatten. Die große Laube schimmerte leuchtend rot; sie war ganz und gar umsponnen von den Ranken des wilden Weins, auf dessen purpurnen Blättern die Sonne lag.

Die schwarz und weiß gefleckte Katze der Frau Rektorin stieg voll Behagen auf dem Gartenweg einher und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen.

Wie schön war es hier. Und wie schön auch draußen in der Weite. Hie und da fingen sie an, von gleichgültigen Dingen zu reden. Aber es wollte nicht so recht fort mit der Unterhaltung.

Sollten sie von dem und jenem reden, das hier blieb, während Lore ging? Wie es aber draußen sei, davon wußten sie nicht viel. Da zog Lore ein braunes Paketchen aus der Tasche. Es war ein Buch darin. „Das hat mir die Spitalbäbel geschenkt,“ sagte sie.

„Es sei ein Andenken, und ich soll drin lesen. Ich weiß nicht, es ist keine rechte Geschichte, es ist, glaub’ ich, ein bißchen langweilig. Ich hab’ nur so hineingesehen.“

„Langweilig?“ Dann wollten die andern nichts damit zu schaffen haben. Das war das Ärgste von allem.

Die Spitalbäbel war ein einsames, altes Weiblein, das oben in einer Dachkammer desselben Hauses, wie die Putzmacherin Maute, wohnte. Sie war früher Leichenbesorgerin gewesen, und sie hatte in einer längst verflossenen Pockenzeit die Kranken gepflegt, draußen im Siechenhaus, das weit von den andern Häusern auf freiem Feld stand, und nun mit geschlossenen Türen und Fensterladen auf irgend eine neue Inwohnerschaft zu warten schien. Worauf die Spitalbäbel wartete, wußte man nicht so genau. Sie hatte ein kleines Krautgärtlein, das sie baute, und außerdem strickte sie grobe Strümpfe und Socken um mageren Lohn für Handwerksgesellen und Dienstmägde.

Das Siechenhaus hatte für jedermann etwas Unheimliches. Denn wer konnte wissen, zu welchem Zweck es dereinst wieder aufgetan werden würde? Daß aber an der Bäbel selbst auch etwas besonderes hängen geblieben war, das war eine merkwürdige Tatsache.

War es das, daß sie so viel mit den Toten zu schaffen gehabt hatte? Sie hatte ein spitziges Vogelgesicht mit ein paar beweglichen, graugrünen Äuglein, und eine hohe, dünne Stimme. Auch ging sie immer noch gekleidet wie einst als Totenfrau, in ein großes, schwarzes Umschlagtuch, dessen hinterer Zipfel fast die Erde berührte, und mit einer Haube, deren beide schwarze Flügel wie große Nachtschmetterlinge um ihren Kopf flogen. Sie hatte dereinst das Siechenhaus abgeschlossen und den Schlüssel dem Gemeinderat gebracht, und sie allein wußte, wie es nun dort drinnen aussah.

Wenn sie hätte reden wollen. Aber sie kniff die dünnen Lippen fest aufeinander. Das war das Allergeheimnisvollste.

Sie tat keinem Menschen etwas zuleide. Aber die Kinder hatten ein Grauen vor ihr, so ein gelindes, das bei Tag angenehm wirkt und nur in der Dämmerstunde die Schritte beschleunigt, wenn es einem begegnet, daß man ins Helle, Warme komme.

Und nun hatte sie der Lore ein Buch zum Abschied geschenkt.

Das war etwas Wunderbares.

„Sie ist mir auf der Treppe begegnet,“ sagte Lore.

„Und da hat sie sich vor mich hingestellt, und hat mir die Hand auf den Kopf getan, so —,“ Lore stand auf und legte ihre feine, weiße Hand auf Gertruds Kopf, „und das war eine eiskalte, dürre Hand, sie schüttelte den Kopf ganz stark und sagte: Kind, Kind, wenn du alles wüßtest, was kommt. Aber das weißt du nicht.

Ich wollte gern sagen, daß ich es gar nicht wissen wolle und daß sie ihre Hand wegtun solle, aber ich konnte nicht. So habe ich gezittert.“

Lore schwankte hin und her, als ob sie der Sturmwind schüttle.

Die andern lachten so ein bißchen unsicher. Und Gertrud zog sachte ihren Kopf zurück, obgleich es gewiß keine „eiskalte, dürre Hand“ war, die auf ihr lag.

„Und da hat sie gesagt — und die Augen dabei ganz klein gemacht —: ‚Da, das nimm mit auf den Weg, Kind. Da steht’s, was alles kommt. Es ist nichts mit der Welt.‘ — Ach was, ich weiß nicht mehr, was sie alles gesagt hat. Es ist auch einerlei.“

Da gab sie dem Buch, das auf ihrem Schoß lag, einen kleinen Stoß, daß es ins Gras flog, und stieß mit der Spitze ihres zierlichen Fußes noch ein wenig daran und saß und wickelte sich ihre Locken um die Finger.

Das Buch war aber aufgegangen und als die Kinder so beiläufig danach hinsahen, war ein Bild auf der obersten Seite.

Das war etwas anderes, Bilder.

Da hob Georg es aus dem Gras und sie sahen miteinander hinein. Es war aber ganz und gar kein Kinderbuch.

Es war eine merkwürdige, schwere Geschichte von einem Mann, der aus seiner Heimat ging, weil ihm gesagt war, daß sie „die Stadt des Verderbens“ sei, und der durch unendlich viele Hindernisse, Fußangeln und Gefahren hindurch nach einer wunderbaren Stadt reiste, die ihm als Reiseziel immerwährend vor Augen stand.

Es war ein Gleichnis für das Leben der Christen, die sich mit starkem Mut und Willen aufmachen als Wandersleute, die in dieser Welt noch nicht zu Hause sind, aber gern nach Hause kommen wollen, wann ihr Tag sich neigt, und die sich unterwegs durch nichts halten lassen.

Es hieß „Bunyans Pilgerreise“ und es ist ein Buch, das in vielen Häusern der frommen, tiefdenkerischen und zuweilen grüblerischen Leute zu finden ist, die als „Stille im Lande“ da und dort zerstreut leben und sich zusammenfinden, um miteinander über das zu sprechen, was ihnen bei der Arbeit und am Abend bei der Lampe hinter den Büchern aufgegangen ist.

Nun sahen die Kinder miteinander hinein.

Und da es ihnen niemand erklärte, so drangen sie auf ihre eigene Weise in das seltsam-geheimnisvolle Buch ein.

Sie genossen es aber, da sie sich mehr an die Bilder hielten, die das Buch durchzogen, wie ein Märchen oder eine Sage und überschlugen die langen Gespräche und die Belehrungen und gingen mit Christ, dem Wanderer, durch all die Schrecknisse seines Weges. Und steckten einträchtig die Köpfe zusammen über dem Bild, da er zwischen den aufspringenden Löwen hindurchging, und dem, da er lag und schlief und sich ihm ein Gewappneter nahte mit gezücktem Schwert.

Und atmeten tief auf, als er sich des Schlüssels erinnerte, der ihm und seinen Gefährten die eiserne Tür im Schloß des Riesen Verzweiflung auftat.

Und als sie das Buch wieder zumachten, waren sie so froh wie vorher und keiner der düsteren Schatten war auf ihren Weg gefallen, und als sie anfingen, davon zu reden, wie es später kommen werde, da sprach das Buch nicht mit.

Denn das, was sie bis jetzt vom Christentum gesehen hatten, das trug freundliche, liebreiche Züge und hatte keine Schrecken und keine Finsternisse.

„Und daran sieht man,“ sagte der Rektor Cabisius, als er mit seiner Frau beim sinkenden Abend durch den Garten ging und die kleine Gesellschaft beieinander und das Buch neben ihnen fand, „daran sieht man, daß die Kinder wahrhaftig im Himmelreich leben, da sie mit den gewaltigen Mächten, vor denen die großen Leute erbeben, umgehen, als seien es Riesen und Drachen eines Märleins.“

** *

„Also, wenn du dann ein Student wirst, dann kommst du nach Tübingen. Da fangen wir wieder alles von vorne an,“ sagte Lore. „Das wird fein.“

Georg nickte ihr zu. Er hatte sich die Hände unter den Kopf geschoben und lag der Länge nach im Grase.

Durch die Lücken zwischen dem grünen Geäste des Baumes sahen kleine, schimmernde Fleckchen des blauen Septemberhimmels herein, nach denen sah er hin, als ob seine zukünftige Geschichte da geschrieben stände. Das war sicher, daß unendlich viel Schönes in der Zukunft lag. Dies oder anderes, es würde sich schon finden, was.

„Ich will Musik machen lernen, das ist die Hauptsache. Sonst ist mir’s einerlei.“ Das sagte er seit einiger Zeit immer. Es ging nicht mehr so klipp und klar mit der Gleichheit, wie sonst, zu Gertruds Kummer. Was hatten sie für gemeinsame Pläne gemacht. Die verflogen nun so sachte und neue traten an ihre Stelle, die nicht mehr zu teilen waren. Das heißt, sie beredeten alles miteinander. Aber nun hieß es: ich will das und jenes tun. Und zuvor hatten sie immer gesagt: Das wollen wir.

„Ich geh’ in die weite Welt,“ sagte Georg, denn er dachte an jenen Geiger, der das schönste Lied suchte.

Sie aber nahm seine Knabenträume für feste Entschlüsse und erschrak sehr.

„In die weite Welt? Dann kommst du wohl nie wieder?“

„Ich weiß noch nicht, vielleicht.“

Er sagte es sehr gleichmütig. Aber als er ihren Schreck sah lenkte er ein.

„Doch, ich denke, ich kann es einrichten, Gertrud. Ach, ich weiß noch nicht, es hat noch Zeit, das alles.“

Seine Wünsche lagen noch in der Morgendämmerung und wogten, aufsteigenden Nebeln gleich, durch seinen Sinn. Bald nahmen sie dies Bild an, bald jenes.

Man würde schon sehen, was an ihnen war, je mehr der Tag heraufstieg.

Gertrud saß und legte ihren Arm um Lore.

„Ach, du kleines Ding,“ sagte sie. Und sagte es weich und mütterlich, so mit einem Ton, als ob sie Lores Großmutter wäre. Nein, ihre viel ältere Freundin; und sie war doch gleichen Alters.

Sie war nur geistig weit mehr entwickelt, und sie hatte auch von Haus aus eine viel tiefere, schwerfälligere Art. Sie konnte nichts obenhin nehmen, so stark und tief sie Freude und Schmerz empfand. Sie mußte immer alles ganz erleben, schon als Kind.

Und das Mütterliche, das den echten Frauennaturen angeboren ist, das regte sich stark in ihr. Aber sie wußte nicht, was es sei. Sie liebte nur alles Zarte, Kleine, und alles, was irgend der Hilfe bedurfte.

Ja, und das Schöne, das liebte sie auch.

Aber es focht sie heute noch nicht an, daß sie selber nicht schön sei. Sie dachte nicht von ferne daran.

Wenn die beiden Mädchen in den nächsten Jahren so nebeneinander herangegangen wären, wie bisher, so hätte es sich, noch mehr als schon jetzt, geoffenbart, daß ihre Wege auseinandergingen.

Es hätte keiner äußeren Trennung bedurft. Denn sie waren von ganz verschiedener Art. Aber nun, da sie schieden und Lore in all’ ihrer frischen, feinen Schönheit dahinging, und aussah, wie ein Schmetterling, der soeben auf die erste Blüte geflogen ist und noch den ganzen Schmelz auf seinen Flügeldecken hat — nun wallte es in Gertrud warm und stark auf: „ach, du kleines Ding.“

Das mochte Lore gern. Sie schmiegte sich an, wie ein Kätzchen.

Da raschelte etwas an dem Lattenzaun, der den Garten vom Stadtgraben trennte.

Als sie aufsahen, schwang sich Franz Ehrensperger daran in die Höhe und kam mit einem Satz herüber in den Rektorsgarten. „Jetzt kommt der,“ sagte Lore und setzte sich zurecht, und streckte ihre zierliche Gestalt, so gut sie konnte und sah sehr würdevoll aus.

Er war in Hemdsärmeln und trug sie aufgekrempelt bis über die Ellbogen, wie das ein richtiger Bäckerjunge tut, und hatte eine weiße Schürze an, die leuchtete durch die Bäume vor großer Sauberkeit. Als er näher kam, sah man, daß er ein Paket in den Brustlatz der Schürze gesteckt hatte. Aber die Gesellschaft unter dem Süßapfelbaum erfuhr nicht, was darin sei.

„Da bin ich,“ sagte er, und stemmte die Arme in die Seite.

„Das sieht man,“ sagte sein Bruder.

„Ich muß jetzt heim, es wird dunkel.“

Damit stand Lore auf, und Gertrud tat ihren Arm um sie, wie sie pflegte, wenn sie ihr das Geleite gab bis zu dem Brunnen vor der Haustür.

„Jetzt, wenn ich komme gehst du?“ Franz tat ein wenig beleidigt.

„Hättest halt früher kommen sollen.“

Lore konnte nicht wenig schnippisch sein, wann sie wollte, und wann sie mit Franz redete, wollte sie das zuweilen.

Dafür hatten die beiden andern kein Verständnis.

Aber Franz lachte nur.

„Racker,“ sagte er. „Früher kommen, das kannst du leicht sagen. Und überhaupt, weiß ich, daß du da bist?“

Er hatte es wohl gewußt, aber das brauchte er ja nicht zu gestehen. „Es ist einerlei. Wenn du doch gehst, ich muß auch in die Kirchgasse, ich — ich muß den Schneider Butz etwas fragen; er hat meine Sonntagshosen. Da können wir ja miteinander gehen. Dann komm.“ „Erst muß sie noch der Großmutter adieu sagen.“ Da führte Gertrud das Mädchen ins Haus, und umschlang sie im dunkeln Hausflur und küßte sie. „Ach Lore, jetzt gehst du. Schreib’ auch, hörst du’s?“

Und die Frau Rektorin kam aus der Küche und trocknete sich die Hände an der Schürze ab, und trocknete sich nach einer kleinen Weile auch die Augen an derselben Schürze.

„So behüt dich Gott, lieb’s Kind,“ sagte sie, und gab ihr auch einen Kuß. „Sag’ deiner Mutter einen Gruß. Und sie soll dich nicht so — ach nein, du brauchst ihr nichts zu sagen. Es geschieht doch, was geschehen soll. Behüt dich Gott.“

Und Lore schluchzte auf einmal heiß und heftig und wußte nicht recht, warum. Und stellte sich auf die Zehen und legte ihre weißen Arme um Gertruds Hals.

Aber das ging schnell vorüber.

Draußen, an der Hausstaffel, stand Georg und bot ihr die Hand, etwas tapsig und ungeschickt, und tat, als ob es nur ein Abschied bis morgen wäre. „Gut Nacht, Lore,“ sagte er.

Da lachte sie hell auf. „Sonst weißt du nichts?“ sagte sie.

„O du. Weißt du was? Du sollst in Tübingen bei uns wohnen, wenn du ein Student wirst. Weißt du was? Dann, wenn du kommst, sag’ ich ‚guten Morgen‘ zu dir. Sonst nichts. Wie wenn das nur einen Tag gedauert hätte, seit du zu mir ‚gut Nacht‘ gesagt hast.“

„Komm,“ sagte Franz.

Er stand noch da und wartete.

„Wir gehen hinten herum, zwischen den Krautgärten; es ist näher, und überhaupt.“

Sie sagte nichts dagegen. Auf ihrem Gesicht stritt sich Lachen und Weinen. Aber als er sie über den Bretterzaun heben wollte und schon den Arm ausstreckte, glitt sie ihm aus und schlüpfte, ein paar Schritte weiter unten durch den Zaun. Man konnte da eine Latte aufheben und wieder an ihre Stelle rücken. Er sah sich verdutzt nach ihr um, da stand sie schon drüben. „Fang’ mich,“ rief sie, und flog vor ihm her, wie ein Vogel.

„So warte doch,“ rief er ärgerlich und keuchte hinter ihr drein.

Es war schon fast dunkel; von der Kirche her tönte das Betläuten; das hallte in großen, vollen Tönen über die stillen Gärten hin. Eine Fledermaus schwirrte mit flatternden Flügelschlägen hin und her. Lore hielt sich die Hände vors Gesicht. „Uh, ich fürchte mich,“ sagte sie. „Wem eine Fledermaus auf den Kopf sitzt, dem gehen alle Haare aus.“ Da deckte Franz einen Zipfel seiner Schürze auf das Lockengeringel, und nun gingen sie ruhig nebeneinander her. „So,“ sagte er, als das erste Haus, zu dem sie kamen, seinen Lichtschein auf die Straße warf, „jetzt muß ich hier hinunter. Ich will dir hier Lebewohl sagen.“

Da zog er das Päckchen aus dem Schürzenlatz und reichte es ihr hin.

Es war ein längliches, braunglänzendes Gebäck darin, das die Wiblinger Feiertagsbrot nannten. Er hatte es aber stark mit Rosinen und Mandeln gespickt, und es war seiner Hände Werk für sie.

„Du kannst es unterwegs essen oder wann du willst,“ sagte er gleichgiltig. „Ich komme vielleicht einmal durch Tübingen, so zufällig, das kann man nie wissen. Dann kann ich ja sehen, wie es bei euch steht, nicht?“ Sie nickte. „Das kannst du,“ sagte sie.

Da blieb er noch einen Augenblick unschlüssig stehen. Er hatte sich auf dem ganzen Weg ausgedacht, daß er sich einen Kuß von ihr ausbitten wolle. Sie war so ein feines, schönes, schlankes Ding, er mochte sie wohl leiden, obgleich sie oft so spitzig mit ihm tat. Es mußte fein sein, wenn sie ihre roten Lippen hergab. Seine Kameraden wußten von solchen Erlebnissen zu erzählen. Einer von ihnen, der schon siebzehn Jahr alt war, hatte einen Schatz, das war ein rundes, dralles Mädchen von fünfzehn Jahren und ging sechs Tage in der Woche über Feld ins Hölders Garnfabrik nach Rudersloch.

Das war lange nichts so feines. Wenn er dem erzählen könnte! Aber er war doch zu ungelenk. Und wenn sie es ihm abschlug? Da ließ er sie ihres Weges gehen, ohne etwas davon zu sagen.

„Reise gut,“ sagte er und drückte ihre Hand, daß es in den Gelenken leise knackte. „Leb’ wohl.“

Da fuhr sie ihm flink mit der andern Hand in seinen aufrechten Haarschopf und zauste ihn ein weniges.

Das hielt er für eine Liebkosung und vielleicht war es auch eine, wer konnte das wissen? Er stand und sah ihr nach, bis sich der letzte Schein ihres hellen Röckchens im Dunkel der Gasse verlor.

Elftes Kapitel

Wer mir irgend einen Ort zu nennen weiß, in dem es zur Dämmerstunde heimlicher, wärmer und behaglicher ist, als in der Studierstube des Rektors Cabisius, der komme und zeige mir ihn.

Ich meine nicht zur Sommerszeit, wo die Fenster nach der Straße offen stehen und das Jauchzen und Singen der spielenden Kinder hereinschallt.

Da stand der Rektor wohl oft am Fenster und summte leise mit, wenn sie in den Kreis traten und sangen: „Es war ein Markgraf überm Rhein, der hatt’ drei schöne Töchterlein,“ oder: „Ei, wer sitzt in diesem Turm?“ Und anderes mehr.

Da saß wohl in der Dachrinne eine Amsel und sang auch mit, über all die Lust hin.

Aber öfter ging er um diese Zeit mit seiner Frau Anne im Garten auf und ab, zwischen den Rabatten mit der Buchseinfassung, oder hinten, im Obstgarten, unter den Bäumen.

Nein, ich meine nicht im Sommer.

Ich meine im Spätherbst, wenn die Tage kurz werden und der Wind durch die Straßen fährt auf breiten, rauhen Flügeln.

Wenn er im Garten die Bäume herumreißt, daß sie ächzen, und das dürre Laub, das sich gern zur Ruhe begeben wollte, in die Luft wirbelt.

Oder im Winter, wann die Laternen trüb durch den Nebel scheinen, oder wann die Eiszapfen an den Dächern hangen und auf den Straßen Stein und Bein zusammenfriert.

Ich sage, wenn einer einen Ort weiß, der um diese Zeit wärmer, heimelicher und behaglicher ist, als es dieser war, der komme und zeige ihn mir.

Aber das wird schwer halten.

Ist irgendwo noch solch ein breiter, tiefer, lederbezogener Großvaterstuhl, wie der, der in der Wandnische neben dem Stehpult stand? Man konnte sich darein verkriechen und glauben, vor allem Wetter geschützt zu sein.

Da saß die Frau Rektorin, und redete sich vom Herzen herunter, was der Tag gebracht hatte, und sah zu, wie der Feuerschein aus dem Ofen auf den alten, blumigen Teppich fiel, und wie er kleine, fröhliche Lichter an den Wänden herumhuschen ließ, daß die Gesichter der ehrwürdigen Vorfahren in ihren dunkeln Rahmen ins Lächeln kamen.

Bei diesem flackernden Schein hatte der jüngste Sohn, der Liebling der Frau Rektorin, einst erzählt, daß das Wunder geschehen sei und Eugenie, sein „schwarzbraunes Mägdelein,“ auf Befragen zugegeben habe, daß sie ihn liebe. Und über sein Gesicht waren dabei alle hellen Lichter gegangen, die auf einem jungen, warmen, glücklichen Menschengesicht Platz haben, und seine Mutter hatte in ihrem Herzen gedacht, daß das Wunder so groß nicht sei. Denn wer sollte ihren lieben Sohn auch so sehen und nicht lieb haben?

Und derselbe Feuerschein hatte sich auch über ihr gutes, altes Gesicht gestohlen, als sie ein paar Jahre später in dem alten Stuhl saß und Leid um ihre Kinder trug, die beide nacheinander an einer ansteckenden Krankheit gestorben waren.

Ihr Gatte saß neben ihr auf der Seitenlehne des Stuhls und legte den Arm um sie und streichelte leise ihr Haar.

„Ja, weine nur, Anne. Jetzt sind sie alle drüben, unser ganzes Häuflein. Nun müssen wir Alten miteinander hintendrein gehen. Weißt du noch? Wir sagten immer: die Kinder voran, daß man sie im Aug’ behält. Nun sind sie alle vorangegangen.“

Da redete er eine Weile auch nicht mehr, und sie hörte, wie er tief und schwer Atem holte aus bedrängter Brust.

Und sie drängte sich an ihn und nahm ihr Herz fest in die Hände, und sagte, ob ihr auch die Stimme zitterte: „Alle? Sie haben uns das Kind gelassen. Das muß doch eine Heimat haben, nicht? Nun müssen wir von vorne anfangen, Mann. Wir müssen so jung sein als wir können. Für das Kind.“

Das aber lag und schlief, und wußte nicht, daß über seinem jungen Leben schon so hohe Wellen hingegangen seien.

Und nun war das zwölf Jahre her, bald dreizehn. Wie die Zeit dahingeht. Sie waren „so jung als möglich“ gewesen, die beiden Alten. Das waren sie noch. Das blieben sie ja wohl vollends, die paar Jahre, die sie noch zu leben hatten.

Jetzt war das Kind herangewachsen.

Zwischen den beiden hohen Bücherständern an der einen Langwand des Zimmers, unter dem Bild des Urgroßvaters, der im Richtertalar und Barett gemalt war, stand eine niedrige Truhe. Sie enthielt Manuskripte aus des Rektors Studentenzeit. Das war Gertruds Sitzplatz. Er war geräumig genug für Zwei. Das war auch durchaus nötig. Denn auch Georg hatte hier seine Heimstätte. Jungfer Liese war nicht so zufrieden damit. Nicht, daß sie ihn zu Hause vermißt hätte, aber sie fand, daß es in Ehrenspergers Haus Platz genug gebe, Platz und einen warmen Ofen. Das war ja wohl richtig.

Aber dieser Sitzplatz beim Schein des Feuers, und dieses ganze Zimmer war in Georgs Leben durchaus nicht zu entbehren. Was ging für eine Wärme und Helle davon in sein Leben hinein. Das wußte Jungfer Liese freilich nicht so genau.

Auf und ab wanderte der Großvater, auf und ab. Das Zimmer war nicht allzulang; sechs Schritte hin, sechs Schritte her. Aber was für große Reisen machte er dabei.

Es war ein wunderbares Zimmer. In allen Ecken saßen gute Geister, in den Büchern, hinter den Bildern, in dem alten, hohen Schrank, der in einem besonderen Fach, in ein grünes Tuch eingeschlagen, einen samtenen Schnürenrock und einige durchstochene grüne Mützen enthielt. Grün mit schwarz-roten Bändern.

In der niedrigen Truhe saßen sie und klopften gegen den Deckel und wollten heraus, wenn der Feuerschein aus der offenen Ofentür daran vorbeitanzte.

Weißt du noch? rief es aus allen Ecken, nicht nur aus dem Großvaterstuhl, der so viel erlebt hatte.

O ja, der Rektor wußte noch.

Wann die Geister lebendig wurden, fing er an, zu erzählen.

Es war ein langes Leben, das hinter ihm lag, und er war sein lebenlang jung geblieben. Darum konnte er es nun gut mit der Jugend teilen. Und es kam, daß sie, als die Frau Rektorin in der Küche war, zu dreien vor der Ofentür saßen und das große Studentenbild vor sich hatten und beim flackernden Licht beredeten, was aus dem und jenem geworden sei, der darauf abgebildet war.

Da stand er selber, mit einem jungen, feurigen Gesicht, das Band über der Brust, und hatte den Arm um einen baumstarken, stämmigen Menschen gelegt, der gradaus vor sich sah, als ob er zu ernster Tat schreite. „Großvater, was ist aus dem geworden?“

Der machte ein ernstes Gesicht.

„War ein Mensch, wie ein Eichbaum. Ernst und grad und fest. Innen und außen war er wie ein Eichbaum.

Der Blitz hat ihn erschlagen.“

„Großvater, der Blitz?“

„Nein, nicht gerade der Blitz. Er wurde vom Schlag getroffen, als er gerade eine Braut und ein Amt gewonnen hatte. Aber es war doch, als ob der Blitz in einen Baumriesen gefahren wäre und ihn zerschmettert hätte. Er war mein liebster Freund.“

Da sahen sie mit großen, erstaunten Augen auf ihn.

Das war wohl schon lange her? Er konnte hier sitzen und davon reden, und der andere war schon lange tot.

Von den dreien erzählte er, die oben in der Mitte des Bildes standen und die Hände ineinandergelegt hatten, wie zu einem Schwur.

„Das waren die Vaterlandsfreunde“, sagte er. „So nannten sie sich, obwohl wir das vielleicht alle waren. Sie hofften, daß Deutschland einig werde, und dichteten Lieder drauf, und einer von ihnen, der hier, mit der Locke in der Stirn, fand Melodien dazu.“

Einer hat es auch erlebt. Der kam von Amerika herüber, als wir Alten uns nach dem Friedensschluß anno einundsiebzig mit den Jungen der Verbindung zusammentaten, um den Frieden und das Vaterland zu feiern. Ich sehe ihn noch. Er hatte damals schon schneeweißes Haar, denn das Leben hatte ihn hart mitgenommen. Aber seine Augen blitzten, und er saß und sang mit einer mächtigen Baßstimme, und die Tränen liefen ihm in den Bart und tropften ihm ins Glas: „Wie mir deine Freuden winken, nach der Knechtschaft, nach dem Streit! Vaterland, ich muß versinken hier in deiner Herrlichkeit!“

Da waren sie hingerissen und wünschten, auch so Herrliches zu erleben und fragten nach den beiden andern.

„Dem zweiten hat er einen Eichenzweig mit nach Kansas genommen, den wollte er ihm aufs Grab legen, da er seinen Jugendtraum nicht mehr hatte zur Wahrheit werden sehen.“

„Und der Dritte?“

„Ist unter die Philister gegangen.“

„Unter die Philister? Nein, Großvater, nun red’ im Ernst.“

„Weißt nicht, was Philister sind? Denen alles einerlei ist, was man nicht essen und trinken kann, und was sonst noch so ihr bißchen Ich betrifft. Auch gehen sie immer der Nase nach in gewiesenen Bahnen und halten es verboten, die Augen aufzumachen.“

„Ach, das gibt’s ja nicht. Sag’ lieber noch, was mit dem hier ist, unten in der Ecke, dem mit dem lachenden Gesicht. Das ist der Nettste von allen.“

Ich weiß nicht, ob es für richtig gefunden wird, daß der Rektor den beiden erzählte, wie dieser, „der Nettste von allen,“ geendet habe. Ich sage nur, wie es war. Vielleicht war er kein so richtiger Pädagog, vielleicht ließ er die Kinder nur so mit sich leben und zeigte ihnen das Bilderbuch seines Lebens mit den fröhlichen und mit den ernsten Seiten, wie es sich beim Umblättern traf. Weil er selber auch ein kindlicher Mensch war, dachte er nicht so viel daran: dies hier ist nun für Kinder, — und dies für Erwachsene.

„Es war keiner so sonnig wie er,“ sagte er und nickte ernst.

„Man mußte ihn lieb haben in seinen jungen und schönen Tagen.

Das mußte man. Er war seines Vaters einziger Sohn. Er hatte Geld und Gaben des Geistes, und Schönheit und Witz. Und er meinte, es gehe durchs ganze Leben mit Kling und Klang, alle Tage und Jahre.

Er hieß Ernst. Aber der Name war alles, was er vom Ernst besaß.

„Wir wollen es mit der Freude halten,“ sagte er.

Das habe ich hernachmals für richtig gefunden und halte es noch für richtig. Ich weiß nicht, wie einer das Leben bestehen kann ohne Freude. Aber er wußte nicht so recht, was Freude sei. Er meinte, die brausende Jugendlust, das sei sie schon.

Ich sag’ euch, man muß Ernst dahintersetzen, es geht nicht anders.

Er glaubte das nicht nötig zu haben. Wenn er einmal wollte, dann flog ihm das Wissen nur so zu. Aber er verbummelte. Er ballte nie die Hand zur Faust und sagte: leicht oder schwer, das will ich. Er dachte wohl immer: später dann, das kommt noch alles. Man sagt, er habe zuletzt, als er viele Semester durchkneipt hatte, noch einen Anlauf genommen. Das war damals, als sein Vater starb und nichts vom Vermögen übrig blieb.

Aber nun konnte er nicht mehr wollen.

Das Wollen, das kann einer in sich töten, so nach und nach.

Er hatte das Glas ausgetrunken und nun warf er es weg.

Er konnte nicht mehr leben als er sah, daß es leer sei. Und er wußte keinen, der es ihm neu hätte füllen können.“

Sie sahen fragend zu ihm auf.

Er strich sich über die Stirn.

„Ja, und dann ging er aus dem Leben. Dieser hier, der ‚Nettste von allen‘. Er ertrank im Neckar. Das konnte er noch wollen, sonst nichts mehr.“

Die Kinder atmeten tief auf und sahen scheu auf das Bild. Nun streifte der bittere Lebensernst ihre jungen Seelen.

Wenn das so war.

Der Großvater stand auf und hängte das Bild wieder an seinen Platz. Sie waren eine Weile stumm und drängten sich nah zusammen.

„Großvater,“ sagte Gertrud, „lebst nur du noch allein von allen?“

Da hörte er, daß eine leise Angst in ihrer Stimme lag.

Und er wußte, daß es das war:

Oben an der Höhe, die gleich hinter dem Städtchen ansteigt, und die ein kleiner Laubwald krönt, da war, einige hundert Schritte von der breiten Straße entfernt, eine junge Eichenpflanzung. Er ging dort gern hin. Er setzte sich manchmal im Sommer auf einen der Stümpfe, die dort als Reste von früheren Bäumen zwischen den jungen, schwanken Stämmchen standen, und hörte zu, wie es in den Wipfeln leise rauschte und sah, wie die Sommerluft in der Sonne zitterte.

Und er gedachte aller der alten Bäume, die hier vor Zeiten gestanden hatten, und was aus ihnen geworden sei, und sah liebend auf die jungen, die noch so schwank waren und im ersten Saft standen. Und es war ihm tröstlich in der Seele der jungen Bäume, daß dort drüben über dem Weg noch ein alter, knorriger Eichbaum stand. Nicht eben einer der schönsten, aber doch einer der alten.

Denn er umfaßte liebenden Gemütes alles, was geschaffen war.

So verstand er nun das leichte Zittern in seines Kindes Stimme: wo sind die andern? Und bleibst du? Du bleibst doch?

„Allein?“ sagte er. „Nein, wir sind noch zu vieren.“

Und er streichelte ihr Gesicht. „Noch stehst du nicht in der ersten Reihe,“ dachte er. „Wie lang noch? Aber ich will nicht darum sorgen. Es ist nichts zu fürchten. Die ganze Welt ist Gottes Haus. Du kommst ihm nicht aus den Händen.“ Da richtete er sich stramm auf und holte neue, frohe und starke Bilder aus seinem Bilderbuch, und wie er erzählte, dehnte sich ihnen, ihm selbst und den Kindern, die Welt, und wurde vorwärts und rückwärts und zu beiden Seiten groß und weit und war voll lebendigen Lebens.

** *

So war es, wann die Kinder zur Dämmerstunde dort waren.

Das ging mit ihnen, das haben sie sich später hervorgeholt, wenn sie es je eine Zeitlang vergaßen.

Sie wußten nicht, daß sie in jenen Stunden zu einem guten Teil fürs Leben erzogen worden seien.

Erzogen? Es war die gemütlichste Stunde des Tages gewesen. So schön konnte es sonst nirgends sein.

Manchmal lustig, und manchmal still — froh, und manchmal ernsthaft, sehr ernsthaft, und manchmal ein bißchen schaurig.

Aber immer schön.

Aber nun war die Frau Rektorin allein bei ihrem Mann.

Sie hatte Gertrud zur Nähterin ins Eßzimmer gesetzt.

„Da, nun säumst du das Taschentuch. Immer zwei Fäden auf die Nadel, und zwei liegen lassen. Nein, kein Buch daneben legen. Du siehst sonst doch hinein. Was soll aus dir werden, wenn du nicht einmal ordentlich nähen kannst?“

Georg war zu Hause, er hatte Aufgaben zu machen. Er mußte sich rühren, er mußte gleichfalls allmählich „Ernst dahintersetzen“.

„Mann,“ sagte die Frau Rektorin, „lieber Mann, nun muß ich mit dir über Gertrud reden.“

„Das tun wir hie und da,“ sagte der liebe Mann und lächelte. Er wußte wohl, was nun käme? Er sah so aus.

Er öffnete die untere Ofentür. Es war erst allmählich dunkel geworden und es gehörte nun zu seinem Behagen, daß der Feuerschein in die Stube fiel.

Da sah sie sein lächelndes Gesicht.

„Mann,“ sagte sie, „es ist mir nicht zum Lachen.

Das wird nun allmählich Ernst.

Du läßt sie bei dir sitzen und Latein lernen, und lehrst sie alles Mögliche mit dem Jungen, dem Georg, zusammen. Du hast dein Vergnügen dran, ich weiß es.“

Das hatte er, das mußte er zugeben, es war nicht zu leugnen.

Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sah nicht besonders schuldbewußt aus.

„Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg,“ sagte er.

„Wenn sie eine Weile nachdenklich und ernsthaft ausgesehen hat, dann blitzt es in ihren Augen. Dann hat sie mich verstanden. Es ist eine Freude, das zu sehen, und eine Freude, sie zu lehren.“

Aber dahin wollte die Frau Rektorin den Wagen nicht lenken.

„Was?“ sagte sie. „Erzählst den beiden von den alten Griechen und Römern und von den Sagengeschichten. Ja, ich hab’ neulich zugehört; das von den Argonauten und vom goldenen Vließ. Und von Odysseus, dem ganz und gar durchtriebenen Lügner. Als ob du selber dabei gewesen wärst. Ist’s nicht genug, was sie in der Schule haben? Du gibst es ihnen wie ein Stück Leben.“

„Das hat dir auch gefallen, Anne.“

„Davon red’ ich nicht. Aber was soll das für ein Mädchen werden?

Frägt sie etwas nach hübschen Handarbeiten? Ist es ihr nicht einerlei, was für ein Kleid sie anhat? Ist das weiblich?“

Nun mußte er sie ausreden lassen, das wußte er.

„Setz’ dich, Anne,“ sagte er. „Komm, hier in deinen alten Freund, den Sorgenstuhl.“

„So, nun leer dein Herz aus.“

Es brachte sie aus dem Konzept, wenn er solchergestalt Edelmut übte. Sie mußte ihn dann immer ansehen. Ob er sich nun lustig macht? Die kleinen Fältchen um Mund und Augen zuckten wie von einer inneren Erheiterung. Und die Frau Rektorin wollte ernst genommen sein.

„Weißt du was?“ sagte sie.

„Gestern, als der starke Wind ging, der die Läden herumwarf und die Straßenlaternen fast auslöschte, da steht sie in der Küche bei Marie, die ohnehin ein Hasenfuß ist.

‚Hörst du?‘ sagte sie, ‚nun ist das Wuotesheer in der Luft. Hörst du, wie sie johlen und in die Hörner stoßen, und wie die Hunde bellen?‘

Da fängt die Marie an zu stöhnen: Uh, ich fürcht’ mich. Uh, ich geh’ nicht mehr an den Brunnen um Wasser. Meinetwegen hol’ Wasser, wer will, ich nicht. Dazu hab’ ich mich nicht verdingt, daß ich dem wilden Jäger in die Hände laufe. Und Gertrud nimmt den Eimer und geht selbst und kommt wieder mit einem Gesicht, als ob ein Fest sei: ‚prachtvoll ist das. Ich geh’ nochmals.‘

Jetzt frag’ ich dich: ist das ein Bub’ oder ein Mädchen? Gehört so ein Kind in die Lateinschule unter lauter Buben hinein?“

Der Herr Rektor ließ die Frage vorläufig offen.

Vielleicht dachte er, es komme noch mehr dazu.

Da hatte er nicht so unrecht.

„Ja, Mann, das Latein. Du lachst, ich weiß es. Aber es drückt mir das Herz ab. Ich muß es nun einmal sagen.

Da war bei uns zu Haus, in meiner Heimat, eine Frau. Sie hatte ja wohl früher einen Mann gehabt, aber der war nun lange tot. Die konnte auch Latein, jedermann wußte das. Sie kannte alle die heidnischen, alten Schriftsteller, wie unsereins sein Kochbuch. Kurzes, schwarzes Haar hatte sie, und so etwas wie einen Schnurrbartanflug. Und sie war der Schrecken aller guten Leute, aller netten, geordneten.

Einmal, da ging ich mit meiner Freundin, (du hast sie nicht mehr gekannt, sie hat vor mir geheiratet, nach Österreich hinein —) ja, also da ging ich mit ihr vor Tau und Tag hinaus. Wir wollten uns im Maientau waschen. Das taten wir alle Jahr einmal. Da steigt das lateinische Frauenzimmer in hohen Männerstiefeln und kurzen Röcken einher und watet durch Sümpfe und Gräben, und hat eine Blechkanne mit einem Henkel am Arm, darin sie das scheußlichste Gewürm sammelt.

Und grüßt uns noch freundlich, und hält mit der Hand, ja, mit der bloßen Hand, Mann, eine gelb und braun gestreifte Kröte empor, die glotzt uns dumm und breit an.“

„Das ist eine besondere Art, die ist hier herum selten,“ sagte sie.

„Und,“ schloß die Frau Rektorin ihre Geschichte, „jetzt frag’ ich dich, was hat das Kind, die Gertrud, das unser letztes ist“ — hier brach ihr die Stimme, — „was hat das mit Reiterstiefeln und Krötenfang zu tun?“

Denn sie wußte nun seit jenem Maimorgen eine Frau, die Latein konnte, nicht von diesem ihrem Schreckbild zu trennen.

„So lache doch nicht, Mann. Wirst du aufhören?“

Aber das war leicht zu sagen.

Sie lachte schließlich wider Willen mit, nur weil diesem Lachen niemand widerstehen konnte.

Aber dann trocknete sie sich ihr gutes, rundes Gesicht und sagte, daß ihr die Sache bitterlich ernst sei.

Da unterbrach er seine Wanderung und setzte sich zu ihr auf die Seitenlehne des Stuhls und war sehr ernsthaft und sagte:

„Nun fährst du wieder vierspännig, Anne. Auf und davon.

Also weil die Gertrud ein Mädchen ist, soll sie nicht lernen, was ihr Freude macht? Und weil du einmal eine sonderbare Frau gekannt hast, die gleichfalls lernbegierig war, darum gerätst du nun in Angst, daß unser Kind ebenso sonderbar werde?

Ich will dir sagen, Anne: Die Welt ist so groß und mannigfaltig.

Es wachsen allerlei Bäume darin. Laß wachsen, was wachsen will.

Wir können nicht sagen: es muß so sein und nicht anders.

Wir können nur helfen, daß da keine Unnatur mit unterläuft; nichts Unwahres und nichts Geziertes. Nicht, Anne?

Alle guten Geister, Anne.“

Wenn er das sagte, war sie stets besiegt. Sie war eine von denen, bei denen man die guten Geister nur anzurufen braucht, wenn sie einmal nicht von selber am Platz sind.

So leise und leicht schlafen sie.

Nun saßen sie beisammen und beredeten sich wie ein paar gute Kameraden, die sie ja auch waren, und die guten Geister der Stube spitzten die Ohren und horchten, und das Feuer knisterte leise vor sich hin und ließ seinen friedlichen Schein an der Decke und an den Wänden und auf dem Teppich spielen.

„Siehst du,“ sagte der Mann, „ich weiß wohl, das gerät so ein bißchen ungewöhnlich, wenn ein paar ganz alte Leute so ein junges Kindlein ins Haus bekommen. Da fehlt ein Mittelglied. Wir wissen nicht mehr so genau, wie das ist mit der sogenannten Erziehung.

Wir leben so mit dem Kind und geben ihm, was wir haben.

Du das deine und ich das meine. Ich meine, wir sind alle zusammen Kinder, und der liebe Gott hat aufzupassen, daß etwas Rechtes daraus wird und daß wir so gerad als möglich heimzu gehen.

Nicht, Anne? Das andere, das ist nicht so wichtig.

Ist das Kind nicht warmherzig und liebreich und offen?

Ein bißchen derb? Und nicht so recht aufs Zierliche, Ordentliche, Mädchenhafte aus?

Ist das schlimm? Du bringst das nicht an sie hin?

Nun, dann wollen wir dem Leben auch noch etwas zu tun lassen, nicht?“

Da nickte sie getröstet.

Es war eine wunderbare Stube, es glättete sich alles darin, was hohe Wellen der Unruhe schlagen wollte, und kam in ein friedliches Gleiten.

Zwölftes Kapitel

So dämmerhaft traulich ging es im Ehrenspergerhaus nicht zu, wenn es etwas zu verhandeln oder zu entscheiden galt. Aber das begehrten die Bewohner auch nicht. Sie hätten sich auch nicht so besonders dafür geeignet. Ein jeder nach seiner Art.

Bei Franzens Berufswahl bedurfte es überhaupt keiner Beratung. So wenig als sich, mit allem schuldigen Respekt zu sagen, ein Kronprinz besinnt, ob er einmal König werden will, so wenig besann sich Franz, ob er der Erbe der goldenen Bretzel werden wolle. Das war ganz natürlich und selbstverständlich. Bei Georg ging es nicht so fraglos zu, das wissen wir von Anfang an. Und also kam der Tag heran, von dem wir jetzt erzählen.

Es ging gegen den Frühling zu und war so ungefähr sechs Wochen vor Ostern, sieben Wochen vor der Konfirmation, Georgs Konfirmation nämlich.

Ja, und zur Nachmittagsvesperstunde war es, so zwischen vier und fünf Uhr.

Vater Ehrensperger saß an dem einen Ende des Vespertischs und der Sohn Franz am andern. Und sie aßen und tranken als gute, friedliche Bürger, die das ihre tun und sich nicht gern unnötige Gedanken machen. Das letztere taten sie denn auch nicht. Über dem Älteren hingen immer noch die beiden Edelleute und machten dieselben Gesichter wie von jeher; über dem Jungen prangte in goldenem Rahmen der Meisterbrief des letztverflossenen Ehrensperger, der, wie bereits gesagt ist, ebenfalls ein Franz gewesen war. Anmutig kreuzten sich zwei schneeweiße Gänseflügel über dem goldenen Rahmen, es sah friedlich aus, wie Franz der Jüngere unter ihnen sein Brot aß.

Jungfer Liese ging ab und zu nach dem Laden, und wieder herein, und hatte gleichfalls eine Seite des Tisches inne, und setzte sich respektvoll immer nur halben Leibes auf den Stuhl. Und so oft sie die Tür nach dem Laden auf und zu machte, drang ein nahrhafter Duft von Brot und Wecken herein, und also war die Luft, wenn man so sagen soll, ganz in der richtigen Mischung für Haus und Leute.

Es war alles gut, herkömmlich und behaglich.

Aber das blieb nicht so.

Denn der lange, magere Bub, der jetzt mit seinem Bücherpack unter dem Arm, mit langen Schritten und hungrigem Gesicht durch die Ladentür herein kam, der dieselbe offen ließ, daß die Schelle bimmelte, bimmelte in einem hohen, dünnen, schrillen Ton, bis Jungfer Liese ging und sie schloß und dazu einiges vor sich hinsagte, was kein Mensch verstand, — und der „heut wieder so ungemein der verstorbenen Frau gleichsah,“ wie Jungfer Liese vorwurfsvoll bei sich selbst dachte, der war so gar nicht herkömmlich, daß er geradezu die Luft verdarb, die behagliche, nahrhafte Luft dieser Vesperstunde.

Es ist damit nicht gesagt, daß dieser, der jüngste Sohn des Hauses Ehrensperger, kein volles Heimatrecht in der Stube seiner Väter genossen hätte. Es war kein einziges streitsüchtiges oder mißgünstiges oder sonst ungerechtes Element in dieser Stube. Er war nur niemand da, der mit den Augen des Rektors Cabisius, oder mit den Augen einer Mutter zugesehen hätte, was da werden wolle.

Und es war jetzt gerade ein unbehaglicher Zeitpunkt. Es mußte ein Entschluß gefaßt werden, und, ohne dem Meister Ehrensperger irgendwie zu nahe zu treten, muß doch von ihm bekannt werden, daß es nicht zu seinen Liebhabereien gehörte, Entschlüsse zu fassen.

Er hielt es für einen Vorzug, wenn die Dinge von selber ihres Weges gingen. Jetzt dies, jetzt das, immer eins aus dem andern.

Es war ihm etwas unbehaglich zu Mute. Er kaute stumm und schwer, und auch Georg fing an, desgleichen zu tun. Aber er sah seinem Vater dabei fragend in die Augen. Das pflegte er seit einiger Zeit öfters zu tun, nicht ohne Grund. Denn der Vater sollte einmal zu dem Rektor gehen und mit ihm besprechen, „wie die Geschichte nun weiter laufe.“

„Gehst du heut?“ sagte der fragende Blick.

Nun wird vielleicht mancher verstehen, daß es störend ist, während des Essens mit fragenden Augen angesehen zu werden.

Das ging dem Vater Ehrensperger nicht anders.

Er wurde nicht leicht hitzig. Es lag nicht in seiner Natur, hitzig zu werden. Aber dies ging ihm gegen den Strich.

„Bub,“ sagte er, und stellte das leere Mostglas auf den Tisch, daß es dröhnte, „Bub, guck nicht so.“

Aber damit war nichts erreicht, das fühlte der Vater selbst.

Und es wuchs ihm der Mut, den sauren Apfel, den er nun schon lang in den Händen hin und her drehte, — nicht anzubeißen.

„Du,“ sagte er, als der Junge vor sich hinsah wie einer, mit dem das Schicksal hart verfährt, der aber gesonnen ist, sich nicht allzuviel draus zu machen, „du, ich hab’ mir das überlegt. Ich brauch’ da nicht hinzugehen, ich versteh’ so nichts vom Studieren.

Ich, ich hab’ seither gezahlt, was es kostet, und, ja, und ich zahl’s auch nachher noch. Das ist die Hauptsach’. Gar so viel wird’s nicht mehr kosten, was meinst?“

Das wußte Georg nicht so genau und sagte das auch, obgleich Jungfer Liese lebhaft mit dem Kopf nickte in der Hoffnung, daß „es“ nicht mehr allzuviel koste.

„Ja, also, und jetzt sag’s, es kommt auf dich an. Was willst jetzt werden? Lateinisch kannst und also studiert muß sein, aber ich sag’ da nichts drüber. Denn warum? Einen Lernkopf hast du, und was es kostet, zahl’ ich. Wiewohl, es ist eine Hungerleiderei nachher. Das sieht man am Vetter Häberle.“

Der Vetter Häberle war Präzeptor in einer größeren Stadt, und hatte sechs Kinder und eine leidende Frau, und die ganze Familie sah etwas blutarm aus und war dem Meister Ehrensperger eine Warnungstafel vor „der hungerleidigen Schulmeisterei“.

„Ich werd’ kein Hungerleider, ich werd’ Pfarrer,“ sagte Georg etwas patzig. Es ward ihm doch ein bißchen unsicher, daß er das so für sich entscheiden sollte.

„Was?“ sagte der Vater, „Pfarrer? Jetzt wird’s Tag. Wie kommst du denn grad auf einen Pfarrer?“

Und alle drei hörten zu essen auf und legten die Arme auf den Tisch, um recht fest zusehen und zuhören zu können, was nun käme. Nicht, daß sie etwas dagegen gehabt hätten, gegen das Pfarrerwerden nämlich. Aber es war ihnen so ein erstaunlicher Gedanke, daß dieser hier, der jüngste, an dem Jungfer Liese mehr als genug zu meistern hatte, daß der einst in einem langen, schwarzen Rock hier herumgehen und ihnen allen gelegentlich den Leviten lesen würde. Und daß er dereinst das schöne, vornehme Stadtpfarrhaus mit den Rolläden bewohnen und da heraustreten und von jedermann gegrüßt werden würde. An die Kanzel, da durften sie schon gar nicht denken. Da stand er und hatte einen Kirchenrock an und Bäffchen und sagte: in dem Herrn Geliebte!

Das alles schoß den dreien so geschwind durch die Gedanken, da konnten sie schon auf ihn hin staunen.

Georg hatte schon eine Vorgeschichte für seinen Ausspruch; aber als er das Wort gesprochen hatte, staunte er selber mit den andern. Jetzt hatte er es gesagt, jetzt mußte er das auch werden. Da klopfte ihm doch sein Bubenherz.

So war es zugegangen:

Er hatte durch einige Jahre hindurch nicht viel Kameradschaft mit seinen Altersgenossen gehabt. Denn er war ein Einspänner von Natur und schloß sich nicht leicht auf. Auch hatte er, trotz seiner mutterlosen Kindheit, reichlich gehabt, was er fürs Gemüt brauchte; wir wissen es.

Aber nun hatte es ihm einen starken Ruck gegeben. Denn nun fingen sie alle an, sich zu zerstreuen und ein jeder in eine gewiesene Bahn einzutreten. Alle wußten sie irgendwie, wo hinaus. Es schwirrte in jeder Freistunde von Zukunftsplänen. Und das war für Georg Ehrensperger, der ein Träumer war, ein kräftiger Anstoß dazu, daß er sich fest auf die Füße stellte und die Augen rieb, und, da er all das junge Blut um sich her als etwas nah Verwandtes erkannte, es ihnen gleich tun wollte. Und da er erschrocken war, wie einer, der zu lang geschlafen hat und es nicht Wort haben will und rasch nach einer Arbeit greift, um es zu verbergen, so griff er schnell ins Leben hinein: her mit einer Aufgabe! ich will hier auch mittun. Ganz ernsthaft will ich hier mittun.

Konnte er den Kameraden, wenn sie ihn fragten: was willst du werden, Ehrensperger? — konnte er ihnen sagen, was er sich nächtlicher Weile unter der Bettdecke ausgedacht, oder was er mit Hollermann ausgemacht hatte? Das alles hatte ja weder Hand noch Fuß für ihn. Traumland war es. Kein einziger von allen wollte Musiker werden, es fiel keinem ein. Das konnte man wohl gar nicht.

Also gab er sich einen gewaltigen Ruck und legte die klingenden Zukunftsträume auf den Altar der Vernunft, und gedachte auch ganz ernsthaft, sie dort zu lassen, und machte zu dieser Verrichtung des Opfers ein Gesicht, streng und pflichtbewußt, wie ein spartanischer Knabe, der seine schwarze Suppe ohne Mucken aß, weil das Vaterland es wollte.

Es war aber bezeichnend für diese Zeit, daß er nicht den Rektor um Rat fragte, sondern sich mit den Schulbuben beriet, die seinesgleichen wenigstens dem Alter nach waren.

Und weil Fritz Hornstein, der Sohn des Oberförsters von Aichelbronn, Pfarrer werden wollte, ganz aus eigenem Antrieb, und weil Fritz Hornstein der feinste, klügste unter den Buben war, Georgs heimliches Ideal, und weil er sagte, Pfarrer zu werden dürfe einen niemand anweisen, das müsse man ganz selbst, von innen heraus, (— so sagte er wirklich —) so wurde es Georg auf einmal ganz klar, daß er ebenfalls ganz aus eigenem Antrieb Pfarrer werden wolle, und daß es ihn niemand anweisen dürfe, sondern daß er es deutlich in sich selber spüre, daß er das werden müsse.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings