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Alle guten Geister...

Drittes Buch

Reading edition

Erstes Kapitel

Wenn nur die Menschen mehr darauf ausgingen, die Freude zu suchen.

Sie vermissen sie, sie rufen nach ihr. Daß sie von ihr verkürzt seien, sagen sie klagend.

Aber sie machen sich nicht auf, voll guten, mutigen Willens, sie zu finden.

Und die Freude ist überall und will sich finden lassen. Denn sie liebt die Menschen.

Nur ist ihr Gewand schlicht, und ihre Augen sind ernst, und ihre Hände zeugen von Mühe und Arbeit. Da schrecken manche, denen sie ans Herz treten will, zurück und machen erstaunt die Augen auf: Du bist es? So siehst du aus? Ach, entschuldige, dich habe ich nicht gemeint. Ich — ich hätte gern etwas mehr Geld, oder etwas mehr Behagen, oder ein Haus im Grünen, oder einen hübschen Titel. Oder ein großes, sonniges Glück, oder ein machtvolles Können. Siehst du, das nenne ich Freude. Wer aber bist du?

Und die Freude zieht weiter. In dieser Sprache kann sie nicht mitreden. Sie stammt aus einem ganz anderen Lande und bringt nichts, als sich selbst. Aber es geht ihr nicht bei allen so. Manche nehmen sie auf, denen teilt sie das Geheimnis des Frohseins in sich selbst, denen zeigt sie das Leben, das nicht von Zufälligkeiten abhängt.

Kennt ihr Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist? Die durch das dürre Land gehen und machen sich daselbst Brunnen? Wenn ihr sie kennet, so geht zu ihnen hin, denn es ist gut bei ihnen zu sein. Sie haben die Bitterkeit und das Alleinsein und den Neid und was der dunklen Geister mehr sind, nicht über sich herrschen lassen. Sie haben selbst geblutet und verstehen die andern. Sie haben neue Quellen des Lebens entdeckt und bieten die Schale mit dem frischen Trunk den andern: Nun trinket auch ihr. Seht ihr’s? Man bleibt nicht liegen. Das Leben ist an sich ein Frohgeschenk, auf, laßt uns hindurchschreiten, denn es wird lichter, nicht dunkler.

Ja, solches haben die Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist. Solches lehrt sie die Himmelsbotin in langen, dunklen Tagen und Nächten und führt sie an der Hand ins weite, große Leben hinein.

Kennt ihr sie? Laßt euch nicht davon abschrecken, daß ihre Züge oft eine Schrift tragen von viel überstandenen Schmerzen, und daß manche von ihnen nicht viel Leichtes, Lustiges zu sagen wissen. Wenn es euch schwer dünkt, zu leben, dann geht zu ihnen. Dann seht ihr in leuchtende Augen, und fühlet linde Hände und höret liebreichen Trost von einer Stimme, die ist wie einer Mutter Stimme.

** *

Es war eine Zeit, da glaubte Gertrud Cabisius nicht mehr an die Freude. Sie hatte sich weit aufgetan und hatte sie empfangen wollen, da war das Leid gekommen. Nun wußte sie nicht, was das Leben von ihr wollte. Sie war so ganz ungeteilt nach einer Richtung hin gegangen. Nun sollte sie umwenden und wußte nicht, wohin? Es war leer, wohin sie blickte. Es stand in den Büchern, die sie aufschlug, es tönte aus den Liedern, die die Jugend sang, es stand auf Weg und Steg geschrieben, — daß es anders sei, als vordem. Ja, anders, aber wie sollte das werden?

Es war aber ein guter, tüchtiger Kern in ihr. Der bewahrte sie vor allzu großer Selbstbejammerung. Da biß sie die Zähne übereinander und versuchte, ihre Arbeit zu tun, wie sonst. Es traf sich, daß das junge Dienstmädchen krank wurde und oben in der Kammer lag, und es traf sich, daß der Rektor Cabisius ein Starleiden bekam und nicht mehr selber lesen konnte. Lauter Trost, lauter Tagesaufgaben, nicht für die Zukunft, nichts Großes, Weites, nur für die Stunde, für jetzt. Und Gertrud kniete auf den Steinfliesen des Küchenbodens, und fegte ihn sauber, und kochte Krankensuppen für das Mädchen, das ungeduldig und stöhnend in seiner Kammer lag und sich selbst bejammerte und sich nach heimatlichem Kraut und Speck sehnte. Und sie band die Küchenschürze ab und kam zu dem alten Herrn ins Zimmer: „Soll ich dir vorlesen, Großvater?“

Da las sie ihm viel und lange vor, und er wählte große, ausweitende Stoffe, die aus alter Zeit zu uns herüberreden von Glück und Not und Kampf der Menschen.

Aber er schüttelte leise den Kopf: „Noch ist ihr Wesen nicht dabei,“ wenn des blinden Ödipus dunkles und schweres Schicksal und Antigones Kindesliebe und ihre stille, gelassene Todbereitschaft keinen hellen, hohen Klang in die Mädchenstimme brachten, wenn alle die starken, großzügigen Gestalten wie Schatten durch das Zimmer glitten.

Er ermahnte sie nicht, er war ganz unberedt dem still getragenen Kummer seines Kindes gegenüber; er wartete nur. Wie man auf den Frühling wartet und weiß: er muß doch kommen, so wartete er darauf, daß in den tiefernsten Augen und auf den blassen, verstummten Lippen ein neues Leben erscheine.

„Du wirst sie zur Freude führen, ich kann es nicht,“ sagte er, und wußte, wen er damit meinte.

** *

Gertrud war lange nicht mehr zu ihrer lahmen Freundin gekommen. Was konnte sie jetzt in das leere, stille Leben hineintragen, sie, die selbst nichts hatte?

Auch regte sich in ihr die Angst vor dem Gleichartigen in ihrem Schicksal. Sollte sie in Zukunft ebensowenig zu erwarten haben, als Veronika? Es war ihr, als müsse sich in dem stillen Mädchen ein kleines Triumphgefühl regen: Siehst du, dir ergeht es nicht viel anders als mir.

Aber eines Abends, als es dämmern wollte und alles so grau und leer aussah, und das Mädchen wieder in der Küche hantierte und der Großvater einen Besuch bei sich drinnen hatte, da, als Gertrud sich hin und her besonnen hatte: Will ich, will ich nicht? Da schlug sie dennoch wieder den Weg nach der Heinersgasse ein und nach der niedrigen Stube, in der Veronika am Fenster saß, seit sie sich denken konnte.

** *

Befand man sich hier auch „im Zeitstrom, der vorüberrauscht“? Oder war der einfache, schier ärmliche Raum, der Veronikas ganze Jugend gesehen hatte, ausgenommen von dem Wellenschlag des Lebens, ein trockenes Bachbett ohne rinnende Wasser? Es war ein und jeden Tag dasselbe: Ein mühsames Aufstehen und Sichschleppen bis zu dem Fensterplatz, ein mühsames Regen der Hände und ein mangelhaftes Gelingen der Flickarbeit, die sie förderten. Anderes bekam Veronika nicht leicht zu tun. Ihre Mutter hatte Kundenhäuser zum Waschen und Putzen, da brachte sie die zerrissenen Röcke und Hemden der Dienstmädchen oder die Schürzen und Blusen der Knechte zum Flicken mit heim.

Die gaben das Tagewerk des stillen, feinen Mädchens. Jetzt ruhten ihre Hände. Es war halb dunkel in der Stube, nur das weiße Gesicht mit den dunkeln Augen hob sich, da es dicht neben dem Fenster am Holzrahmen lehnte, lebendig heraus. Da kam Gertrud herein, nicht so rasch und lebhaft, wie sonst, schon ein Erlebnis, eine Mitteilung auf den Lippen, sondern ein wenig zögernd und still, und setzte sich auf einen Stuhl und fing nach einer Weile ein gleichgültiges Gespräch an. Aber sie verstummte wieder bald, und holte sich einen kleinen Holzschemel, und ließ sich darauf nieder, und barg ihr Gesicht in Veronikas Schoß.

Die legte ihre Hände still auf das volle, dunkle Haar und strich sachte darüber, und nach einer Weile hob Gertrud den Kopf ein wenig und sagte leise: „frag mich nicht. Ich sag dir’s, wenn ich kann. Nicht jetzt.“

Nein, Veronika fragte nicht.

Aber sie wußte, daß nun die Stunde für sie gekommen sei, nach der ihr wacher Geist oft gefragt hatte, wann die Tage kamen und gingen, eine unabsehbare, stille Schaar, die sich an den Händen faßte und einander so gleichsah, so verzweifelt gleich: Wozu bin ich? Bin ich nur für mich? Ist niemand, der meiner bedarf? Sie wollte ihren Teil an den andern und nicht nur empfangend, nehmend und gebend begehrte ihr reiches Wesen in die Reihen der Lebendigen zu treten.

Ihrer Mutter, das wußte sie, war sie eine Last. Eine geduldig getragene, aber dennoch eine Last; sie konnte dem müdgeschafften Weib, wenn es spät abends heimkam, so wenig mehr sein. Es brauchte nur Ruhe und seinen kargen Schlaf, war es nicht ein rechtschaffenes Kreuz, nun auch noch die Tochter versorgen zu müssen? Was aber das Mädchen zu geben hatte in seiner stillen, feinen Art, dafür war sie wohl zu stumpf geworden in den harten Arbeitsjahren.

Einmal hatte Veronika Worte für das gefunden, was ihr Leid und ihre schwere Fülle war. Es hatte sich ihr zu einem Lied gestaltet und als sie es mit den ungefügen Fingern mühsam niederschrieb, fühlte sie sich einigermaßen erleichtert. Hier ist es:

„Quillt im Wald ein tiefverborgner Bronnen Rieselnd kommen seine klaren, hellen, Aus dem Felsgestein entsprungnen Wellen Zwischen Moos und Farren hingeronnen. Keiner weiß es, und die Wasser quillen Immer fort aus nie erschöpften Gründen. Wüßt ein Durstiger den Quell zu finden, Ein unendlich Dürsten könnt er stillen. Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen, Landwärts trägt er eine leise Klage: Und so rinn und rinn ich alle Tage; Will denn keiner meine Fluten suchen? So ein Born aus ungeseh’nen Meeren Füllt mein Wesen, füllt es bis zum Rande, Und ich trag’ sein Wallen durch die Lande. Leise fragt’s: wem soll die Flut gehören?“

Das Lied hatte sie damals nach langem Zögern und Besinnen Gertrud gezeigt, aber die hatte keine rechte Antwort darauf gehabt. Sie wußte, wem ihre Flut gehöre. Nun war es anders. Bei beiden war es anders, als damals.

„Sag, Veronika, wie erträgst du dies Leben hier? Brennt es nicht in dir, daß du aufspringen möchtest, und irgendwo eintreten, in irgend eine Lücke, die sonst niemand — ach, Veronika.“

Wie sie es ertrug? Fingen nicht die Wände an zu reden von der großen Sehnsucht, die sich in dem kleinen Raume barg, und von dem Leben, das ganz still und unaufhaltsam hier erwuchs, einer Kellerpflanze gleich, die sich nach dem Lichte streckt?

Es war vollends dunkel geworden. Aber draußen stapfte der Laternenanzünder über das holperige Pflaster. Sein Lichtlein glomm an den Fenstern vorbei, nun ein leises Klirren an der Laterne schräg gegenüber, dann fiel ein heller Lichtstreifen hier herein auf ein angstvoll fragendes Gesicht, das sich wartend emporhob, und auf ein anderes, das vom Widerschein einer inneren Freude erhellt war.

„Doch,“ sagte Veronika, „es brennt manchmal. Aber nun nicht mehr so wie früher.“

Sie schwieg eine lange Weile. Dann sagte sie leise: „Ich möchte es dir recht sagen können, Gertrud. Es ist das erste Mal, daß ich davon rede. Ich sage es dir auch nur, weil — weil“ — sie suchte nach einem Wort.

„Weil ich dich brauche,“ sagte Gertrud.

Ein warmer Schein glitt über des lahmen Mädchens Gesicht.

Das war das Wort, das hatte sie so gern einmal aus eines Menschen Mund hören wollen. Nun kam es, und daher, von wo sie es nie erwartet hätte. Ging es so wunderbar zu im Leben? Sollte sie etwas für Gertrud haben? O wie gern wollte sie es ihr geben.

„Siehst du, du kamst seltener und seltener und nun so lang nicht mehr. Und ich saß hier und nähte und war so allein. So würde es wohl das ganze Leben hindurch fortgehen, dachte ich; es war mir kein Trost, daß der Doktor sagte, ich könne gut alt werden. Draußen gingen die Menschen vorbei, ich sah sie vom Fenster aus und dachte mich in ihre Schicksale hinein. Wie sie arbeiteten und sich regten und einander brauchten. Ja, da brannte es freilich. Wenn ich doch stürbe, dachte ich. Denn ich lebe ja doch nicht. Sie alle leben, nur ich nicht. Und ich flüchtete mich in die Bücher und suchte mich zu vergessen. Aber überall stand da vom Leben und von Taten und bewegten Schicksalen der Menschen. Und immer schwerer fiel es auf mich hinein, daß ich vergessen sei, nutzlos und allein. Wenn es doch nur ein Ende hätte.

Da trugen sie eines Tags den alten Höpfner hier vorbei, weißt du? Den Kleiderhändler in dem grünen Haus, hinten am Burgeck. Er hatte Kinder und Enkel, und war reich, man sagt, die halbe Stadt sei ihm Geld schuldig. Er war sein Leben lang gesund und frisch. Aber seit einiger Zeit war er schwermütig, kein Mensch wußte, warum. „Es lohnt sich wahrhaftig nicht der Mühe, alt zu werden,“ soll er öfters gesagt haben. Ja, und da machte er ein Ende, du weißt es. Aber als sie ihn auf der Bahre vorbeitrugen, wassertriefend, schlaff und mit gebrochenen Augen, da fuhr es mir wie ein heißer Schreck ins Herz: das Leben ist an sich etwas Großes, Heiliges. Man darf es nicht gering achten und nicht wegwerfen wie etwas Wertloses. Man muß suchen, dahinter zu kommen. Es muß etwas daran sein. Den ganzen Tag ging es durch mich durch: lieber Gott, zeig mir das Leben, das ich leben soll. Laß mich nicht so am Rand des Todes hingehen, lebendig tot.

Ich konnte nichts arbeiten, ich war so schwach und so erregt. Da legte ich mich ins Bett und schloß die Augen und rings um mich war es dunkel, und als es Nacht wurde, da gingen die wachen Gedanken in einen Traum über.

Da stand ich auf einem hohen Berg und wußte, ohne zu sehen, daß rings um mich Menschen waren. Aber ich war dennoch so furchtbar allein unter ihnen, denn sie gehörten nicht zu mir, nicht einer. Und es war graue Dämmerung und ringsum eine weite, weite Öde und ich stand und sah da hinein.

Da wurde ich gewahr, daß dicht vor mir ein Abgrund aufgähnte, tief und schrecklich. Von drüben aber, über dem Abgrund, rief es mich, laut und lauter: komm. Und ich wußte, hier waren die Menschen, drüben aber die große Einsamkeit, und in die Einsamkeit hinein rief mich einer, der mit mir reden wollte. Es war grausig. Es trennte mich von allen Menschen, nach denen ich mich doch sehnte. Und der Spalt klaffte, und es wehte kühl da herüber, und ich war so klein, aber das unbekannte Etwas, das mich rief, das wurde immer riesiger, immer mächtiger und zog mich, und es war Sehnsucht und Furcht zugleich in mir. Da schloß ich die Augen und wagte den Sprung.“

Sie schwieg. „Und dann?“ fragte Gertrud.

„Und dann? — es ist so schwer zu sagen. Ich weiß nicht, was zu mir geredet wurde, vielleicht nichts. Vielleicht empfing ich es ohne Worte, das, was mich erfüllte, als ich wach wurde, mitten in der Nacht, das starke, hohe Gefühl davon, daß ich mit Gott allein gewesen sei, und daß das so bleiben müsse, innen, ganz innen in mir. Daß das Leben an sich ein hohes, frohes Gut sei, ein unantastbares. Es hängt von nichts Äußerem ab, es ist ganz für sich. Es ist das Allergrößte. Aber es ist schwer zu sagen.“

Sie sah ein wenig verlegen aus, weil sie das nun erzählt hatte, aber Gertrud hob den Kopf: „Weiter.“

„Ja, weiter? Siehst du, seither hat Manches angefangen, anders zu werden. Es verlangt mich immer noch nach den Menschen, ich möchte zu ihnen gehören. Das liegt wohl so in uns, das müssen wir verlangen. Als du vorhin sagtest: „Ich brauche dich,“ da war ich froh; es war mir, als habe ich seit Jahren darauf gewartet, daß das ein Mensch sage. Wir dürfen die Kammern unseres Herzens nicht leer stehen lassen, es ist nicht gut für uns. Auch hängen wir mit den andern zusammen und sie mit uns. Aber weißt du, ganz innen, da — ach, du weißt es selbst, da muß man etwas allereigenstes haben, das von nichts anderem abhängt. Es ist wie im Märchen vom Marienkind. Weißt du noch? Du hast es mir erzählt. Es durfte alle Himmelstüren aufmachen, nur die zwölfte nicht, dort saß die heilige Dreifaltigkeit in goldenem Glanz. — Die zwölfte Kammer, die müssen wir für uns behalten, da darf kein Mensch hinein, nicht in Lieb und nicht in Leid. Sie mögen sich in die elf andern teilen. Du, Gertrud, ich glaube, man muß allein gewesen sein, eh’ man recht mit den andern gehen kann.“

** *

Durch die nächtlichen Gassen ging Gertrud Cabisius.

Aus allen Fenstern blinkten Lichter. Dort drinnen saßen die Menschen nun beisammen. Mütter besorgten ihre Kleinen und brachten sie zur Ruhe, Väter verließen das Tagewerk ihrer Hände und traten in den Kreis der ihrigen. Waren keine Einsamen unter ihnen? Hingen sie alle mit einander zusammen? Am Himmel hing zerrissenes Gewölk; da und dort leuchtete ein Stern auf, ja, wenn man näher hinsah, waren ihrer viele, mehr, als man anfangs dachte. Gertrud ging langsam. Aber es war nicht das mutlose Schlendern, das sagte: es hat ja doch alles keinen Zweck. Es war, als ob die Gedanken leise bäten: verscheuch’ uns nicht, geh sachte, wir müssen uns erst besinnen.

So war das? „In die zwölfte Kammer darf kein Mensch eingehen, sei es in Liebe oder Leid. Sie müssen sich mit den elf anderen begnügen.“

Ach, still, ihr Gedanken. Hatte sie Georg Ehrensperger denn das ganze Haus übergeben gehabt? Hatte sie ihn auch in die zwölfte Kammer geführt und gar kein eigenes, ganz eigenes Leben mehr für sich behalten?

Da lag ihre Not. Sie konnte ihm nun nicht weniger geben, als vordem, und nichts anderes, als ihr Ich. Sie besaß sich selbst nicht mehr. Er beklagte sich darüber, daß sie anders geworden sei; er verstand sie nicht. Gott Lob daß er sie nicht verstand. Aber wie waren sie nun einander fern und fremd. Gott wußte es.

Wußte er es?

Sie tat einen tiefen, tiefen Atemzug. Die zwölfte Kammer. Sie mußte sie wieder für sich bekommen, sie mußte ja leben, sie wollte es auch. Noch war es ja Zeit. Noch lag das Leben vor ihr, das durfte sie nicht versäumen; auch nicht vertrauern.

Sie richtete sich hoch auf. Hatte nicht auch sie jene Stimme vernommen, die in der großen Einsamkeit redet? Hatte sie bisher gezögert, den großen Sprung zu wagen, über den klaffenden Riß hinüber? Ja, aber nun wollte sie nicht länger zögern. Sie wollte versuchen, ernst und ehrlich, ob es weh tat oder nicht, das Leben zu leben, das vor ihr lag. Sie wollte in sich hineinhorchen, und tun, was ihr da gesagt wurde.

O Georg. Sie mußte ihn ja dennoch lieb haben. Ja, das durfte sie auch. Das konnte sie ja nicht anders.

Gott wußte es.

„Großvater, ich habe dich lange allein gelassen. Sei nur nicht böse. Ach, du und böse! Viel zu gut bist du für mich. Ganz im Dunkeln sitzest du? Hat dir Marie kein Licht gebracht? Nun bleib’ ich den Abend vollends bei dir.“

Er hörte wohl den frischeren Ton in ihrer Stimme.

„Es ist gut, daß du da bist. Ich brauchte kein Licht, du weißt, ich kann doch nicht lesen. Auch bin ich nicht allein, wenn ich so im Dunkeln sitze. Da kommen sie alle zu mir und reden von alten Tagen; Anne, — ich meine deine Großmutter, und die andern alle. Aber nun freue ich mich, daß du da bist, Kind. Komm da her, so — es ist ein Trost, dich da zu haben.“

War es das? Es tat wohl, so etwas zu hören.

Zweites Kapitel

„Horch, — still, Nössel, ich glaube, — ja, wahrhaftig, es ist so. Hast du’s auch gehört?“

Meister Nössel hatte es auch gehört. Er nickte eifrig mit dem grauen Kopf und hielt ihn dann horchend vor.

„Da, noch einmal.“

Dann ging ein zufriedenes Leuchten über seine Runzeln. Er stand vor dem Rektor Cabisius. Der hatte einen grünen Schild über den Augen; man konnte nicht sehen, welchen Ausdruck sie hatten; aber der Mund lächelte, weich und froh. „Daß ich das jetzt grad so mitangehört habe,“ sagte Meister Nössel. „Das freut mich. Das hätte die Judith auch gefreut, wenn sie noch da wär. Ja, die Judith.

Ich hab’ so gedacht: trägst den Schlafrock noch herauf vor Dunkelwerden. Er hat ein ganz neues Ärmelfutter, Rektor, und da, das Loch von der Pfeife, das hineingebrannte, das hab’ ich unterlegt und gestopft. Und da hab’ ich gedacht: redst ein Stückchen mit dem Rektor, er sitzt da so allein. Da macht mir die Gertrud das Haus auf, mit ihrem ernsthaften Gesicht. Nein, sag nichts, Rektor, ich weiß schon, es ist ihr ein Hagelwetter über ihr Feld gegangen. So etwas merkt man. Was hat unsereiner denn noch für eine Freude, als das bißchen Jugend, das um einen herum ist? — Ja, und sie guckt jetzt immer an einem vorbei, die Straße herunter, als ob etwas kommen müßte und käm doch nicht. So auch heut. Aber dann hat sie sich gleich einen Ruck gegeben und mich freundlich angesehen. — Daß du wieder froh wärest, hab’ ich gesagt. Aber gesagt hab’ ich nichts.

Und jetzt das.“

„Setz dich doch, Nössel. Was stehst du da vor mir? Das hab’ ich immer gewußt, daß sie sich wieder herausreißt. Sie ist ein gesegnetes Kind. Aber wenn man’s dann zum erstenmal wieder merkt, daß es aufwärts geht. Es ist so still gewesen im Haus, die Zeit daher.“

Und dann schwiegen sie beide.

Da kam es noch einmal. Aus dem Nebenzimmer kam es, und tönte unter schwatzende Kinderstimmen hinein. Ein kurzes, helles Mädchenlachen.

Das mochte andern Leuten nichts so besonderes sein; aber die beiden Greise horchten andächtig darnach hin.

Es war ja Gertrud, die gelacht hatte.

Wie auf den ersten Frühlingsgesang der ersten Lerche, so horchten sie darauf.

„Sie hat die Kinder von den Turmwartsleuten bei sich,“ sagte der Rektor.

„Die Frau ist krank, seit der Geburt des Jüngsten, da holt sie sich die größeren Kinder, so oft sie kann. Und sie lernt und spielt mit ihnen, und flickt ihnen die Strümpfe und die Kittel.

Aber das alles hat sie seither so ernsthaft getan, sogar das Spielen; es kam alles wie aus einem tiefen Brunnen heraus. Es war nur, um etwas zu tun, nur um sich den Tag zu füllen.

Und jetzt hat sie gelacht. Es ist ein Gottessegen.“

Draußen ging der kurze Tag in die Dämmerung über. Es war ein absonderliches Wetter für den Anfang Dezember. Grauweiße, schwere Wolken hingen am Himmel, es konnten Schneewolken sein. Aber dabei strich ein lauer Wind durch die Gassen, und wenn er stillstand, dann war die Luft schwül, wie vor einem Gewitter.

Nun kam Gertrud herein. Ein pfeifender Windstoß fuhr mit ihr in die Stube und draußen schlug das Gangfenster klirrend zu. „Ich will die Kinder fortbringen,“ sagte sie.

„Es zieht ein Wetter herauf. Merkwürdig ist das: Morgen ist der zweite Advent, und heute streiten sich Sommer und Winter in der Luft.“

„Geh’ nur.“ Meister Nössel saß neben dem Rektor und beide hatten sich eine Pfeife angezündet. „Wir sind hier gut versorgt, bis du wieder kommst. Was können wir Alten anders tun, als uns bescheiden? Geh’ nur.“

Da zog sie mit den drei Buben ab. Die hatten gestrickte Sturmhauben über die kurzgeschorenen Köpfe gezogen und trabten, die Hände in den Hosentaschen, lustig durch das Wetter. Heißt das, der Älteste und der Jüngste taten so. Der Älteste war ein kräftiger, untersetzter Bub, der schon den Bücherranzen auf dem Rücken trug und seine Stumpfnase keck in die Welt streckte. Er machte gescheite Bemerkungen über alles und jedes und der Jüngste, der sein verkleinertes Abbild war bis zu den etwas krummen Füßen herunter, sah stolz zu ihm auf und mühte sich, mit ihm Schritt zu halten. Der mittlere von den Brüdern ging dicht neben der Patin, und nach einiger Zeit zog er eine Hand aus der Tasche und hielt sich damit an Gertruds Rockfalten. Er war ein feines, blasses Bübchen mit versonnenen Augen und etwas zaghaftem Wesen. „Ich weiß nicht, wie ich zu dem komme, ich weiß gar nicht, wie ich ihn unterbringen soll,“ pflegte Frau Lieselotte zu sagen, wenn sie von ihren Buben sprach. „Er gleicht weder meinem Mann noch mir im Geringsten, er hätte müssen ein Mädchen werden, als Bub ist er völlig aus der Art geschlagen.“

Aber gerade diesen Zweiten hatte Gertrud besonders ins Herz geschlossen. Die Freundschaft war gegenseitig und sie war in letzter Zeit besonders gewachsen.

„Komm, Leonhard,“ sagte Gertrud und nahm die kleine, warme Kinderhand in die ihrige. „Guck, wie die Wolken fliegen; ganz tief hängen sie herunter, schier um den Turm herum.“

„Wohin fliegen sie?“, wollte der Bub wissen. Aber das konnte die Patin auch nicht sagen. „Wir steigen schnell hinauf, von droben aus sieht man’s besser, weit fliegen sie jedenfalls, über die Berge hin, vielleicht bis ans Meer. Dort kommen sie her; sie werden wieder heim wollen zu ihrer Mutter.“

„Komm.“ Nun strebte Leonhard selber vorwärts, den Brüdern nach, die schon im Turmeingang verschwunden waren. Man hörte ihre Stiefel dröhnend poltern, die vielen Stufen der Schneckentreppe hinauf. Er wollte auch heim zu seiner Mutter. Er hing an der heiteren, raschen, lebhaften Frau, er konnte es nur nicht so zeigen, er war ein wenig scheu. Seit sie aber krank war und im Bett lag, stahl er sich hie und da zu ihr hin und strich über ihre Decke. Da nickte sie ihm dann ein paar mal zu: „Du bist mein gutes Büble.“ Dann war sein Herzlein voller Glück. Das war früher nicht vorgekommen.

Jetzt waren sie oben. Vater Entenmann stand oben an dem hölzernen Treppchen. „Leise,“ sagte er, „es ist am besten, ihr geht gleich oben hinauf in eure Kammer. Die Mutter hat’s heute schwer gehabt und will jetzt schlafen. Das Kleine schläft auch.“ Da erblickte er Gertrud, die hinter den Kindern drein kam. Sie sah, daß er Kopf und Schultern ein wenig schlaff und müde trug und daß sein Gesicht sorgenvoll aussah.

Er nickte ihr zu, ernst und trübe. „Es ist ein Kreuz, es will gar nicht besser kommen. Wo will das noch hinaus? Ich muß jetzt zum Läuten gehen; ich wecke sie wieder auf damit; sie hat sich eben zum Schlafen hingelegt.“

Da kam Frau Lieselottes Stimme aus der Stube; die Tür war nur angelehnt: „Jammere doch nicht so, Mann. Die Kinder sollen mir gute Nacht sagen. Herein, ihr Buben.“

Sie traten ans Bett und waren überfroh, daß sie noch hinein durften, und daß die Mutter aussah, wie sonst, ja, noch ein wenig lachen konnte. Sie wußten nicht, daß dieses kleine Lachen und jedes arme Wort, das sie zu ihnen sagte, ein Stück Arbeit sei. Sie sollten es auch nicht wissen. Sie sollten ihre heitere Mutter sehen, so lang es sein konnte.

„Sie haben schon gegessen,“ sagte Gertrud. „Reisbrei mit Zucker und Zimt,“ sagte Ernst, der Älteste und verzog das Gesicht in der Erinnerung zu einem Lachen, das ihn seiner Mutter ähnlich sehen ließ. „So? Dann geht zu Bett. Dann wollen wir alle schlafen. Seht ihr’s? Das Kleine schläft schon.“

Sie legte sich müde hin. Da gingen sie auf den Zehen hinaus, aber das konnten sie nicht verhindern, daß es dennoch polterte, besonders, als sie die leiterartige Stiege zu dem Verschlag erklommen, in dem sie schliefen, alle drei.

Droben wehte der Wind durch den engen Raum, rüttelte an den zwei kleinen, vergitterten Fenstern, die gleich über dem Boden angebracht waren, suchte sich seinen Weg zwischen den Dachziegeln und Sparren durch, nahm so recht die Backen voll, huh —, als Gertrud die Tür öffnete und die Kinder hineinschob. Sie sah etwas bedenklich drein: hier sollten sie schlafen? Im Sommer hatte sie nie etwas daran gefunden; es war ein prächtiges Schwalbennest, so hoch oben, weit über den Glocken. Aber nun; würde es die Schwälbchen nicht fortwehen heut Nacht bei dem Unwetter? Den Buben kam es lustig vor, auf drei steckten sie schon unter der Decke, nur die Stumpfnasen und die hellen Augen guckten heraus. Der Große und der Kleine lagen beieinander in einem großen Bett, Leonhard allein in einem Gitterbettchen. „Still, der Vater läutet.“ Da rührte sich nichts mehr. Alle vier horchten sie still.

Der Sturm brauste durch die Lüfte, er sang und pfiff und orgelte und riß die Wollen herum, daß sie angstvoll flogen, flogen wie scheue, gejagte Vögel. Und dazwischen fand die Glocke ihren Weg. Sie hatte ihren ganz eigenen, starken Ton in dem großen Konzert, das über das Städtlein hin hallte. Wie eine einzige Singstimme, die über einem ganzen Orchester liegt. Gertrud neigte den Kopf horchend vor. Wie anders läutete der Mann, als vor zwei Jahren noch. Oder lag das an ihrem Zuhören? „Aus tiefer Not laßt uns zu Gott von ganzem Herzen schreien.“ Hieß so der Choral, den die Glocke in den Sturm hinein sang? Oder war auch etwas Freudiges dabei? Etwas Starkes, Ausweitendes einmal sicherlich. Gertrud fühlte es, o das war gut, das war besser als alles Weiche, Laue. Da fuhr eine Helle durch die Kammer. Unter die Decke mit den Bubenköpfen, alle drei in einer Sekunde. Aber sie streckten sie sofort wieder hervor. „Es hat geblitzt.“ Ja, das hatte es. Nun kam auch schon der Donner. Von fern, fernher kam er auf schwerem Wagen gefahren. Nun war er über ihren Häuptern, da schien er zu bleiben. Wollte er denn nicht mehr aufhören? War das eine Stimme. Riesenhaft überschrie sie den Sturm: horchet alle, ihr da unten. Still, wenn ich zu reden habe. In der Kammer war es dunkel geworden, schon während des Läutens. Aber nun kam ein Meer von Helle herein, ganze Lichtfluten, die warfen sich gegen die Wände, und zogen sich wieder zurück, und kamen wieder, hell — dunkel — hell — dunkel. Und darüber die machtvolle Stimme, vor der der Sturm zu schweigen schien.

„Dote, komm zu mir.“ Leonhard saß mit großen, angstvollen Augen in seinem Bett. Als sie sich zu ihm herunterbeugte, schlang er beide Arme um ihren Hals: „Bleib da, bleib bei mir.“

Er barg sein Gesicht an ihrem Hals. Da durfte es auch bleiben. Sie kniete an dem Bettchen nieder: „So, du kleiner Kerl, komm.“ Da sahen sie miteinander in das Wetter hinein und war keines von ihnen allein und der blonde Kopf wühlte sich nur fester in die beschützenden Arme hinein, wenn der Donner stark und neu seine Stimme erhob.

Das war ein Blitzen, grell und hell. Die ganze Stadt und die Berge ringsum und der Wald, alles lag sekundenlang taghell da. Es wollte nicht regnen, so tief die Wolken hingen, nur hie und da fielen einzelne Tropfen, wie schwere, zornige Tränen. Als ob die ganze Natur, wie ein gescholtenes, trotziges Kind, mit dem Fuß aufstampfe und das Weinen verbisse.

„Dote, du, hör, ist es wahr, daß der liebe Gott zornig ist und zankt, wenn es donnert? Ich — ich fürchte mich ein bißchen.“ „Ich auch,“ das kam aus dem großen Bett, in dem die beiden andern Brüder einander fest umschlungen hielten, aus Not, nicht aus Zärtlichkeit. Unter der Decke hervor kam es, kläglich und halb erstickt von dem Federgebirge, das sie sich über den Kopf gezogen hatten.

Dann noch einmal: „Fürchtest du dich auch, Dote? Du?“

Es blieb eine Weile still. Die Buben horchten begierig hin. Aber beim nächsten Blitzen sahen sie in ein helles, warmes Gesicht.

„Nein, ich fürchte mich nicht. Es ist nirgends etwas zu fürchten. Zornig? ach nein, das ist er nicht. Er muß nur so laut reden, daß die Leute auf ihn horchen sollen; sie vergessen ihn sonst und sind selber so laut. Er ist stärker als alles und größer als alles. Aber man vergißt es so oft.“

Vergaß sie, daß sie zu den Kindern redete? Sie dachte an ihre eigene Furcht und Not. Aber sie war ja auch ein Kind, nur daß ihr die Furcht, die atemraubende, große, ein wenig vergangen war.

„Und mit dem hellen Licht, das er in die Nacht hineinwirft mit seiner Hand, — es fährt durch die ganze Welt, schneller als Wind und Wolken, viel schneller, — da, habt ihr’s gesehen? — damit leuchtet er in alles Dunkle hinein und grüßt uns: Nun seid still. Das bin ich. Ich kenne euch alle, ich weiß von euch allen. — Seht ihr? So ist das. Da ist nichts zu fürchten.“

Da waren sie zufrieden. Das durfte der liebe Gott wohl. Er leuchtete stark in die Kammer herein; eigentlich tat man am besten, die Augen zuzumachen. Dote Gertrud war ja da, die konnte über alles Auskunft geben, was die drei Entenmänner betraf. Ernst, Leonhard und Gotthilf hießen sie, und drunten war noch ein kleiner Bruder namens Johann, den die Mutter immer Hanselmann nannte. Der liebe Gott würde aber wohl den rechten Namen wissen wollen. Auch redete er nun schon ein wenig leiser. Es war aber dennoch gut, den Kopf noch eine Weile unter der Decke zu lassen. Was mochte es sein, daß er so laut in die Welt hinein rief? „Dote Gertrud!“ Aber sie gab keine Antwort mehr. Sie hatte selber zu horchen. Sie strich leise mit der Hand über das blonde Haar, das an ihrer Brust lag, aber ihre Augen sahen in die Weite. Wer will die Gedanken anhalten, die mit den Wolken fliegen, über die Berge hin, ins weite Land hinaus? Suchten sie einen, der dort war, etwa in der Richtung der Tannengruppe auf dem Bühel, die jetzt eben in hellem Lichte stand, nur weit, weit dahinter? Was mochte er jetzt tun? Wie mochte es ihm ergehen? Es trieb ihr etwas unruhig das Herz um. Er hatte dieser Tage geschrieben, an den Großvater und sie miteinander; er vermißte sie, bat um Briefe, es ging kein froher Ton durch sein Schreiben hindurch.

Gertrud konnte den Brief fast auswendig. Es stand auch von Lore darin. „Habt sie lieb um meinetwillen. Gertrud, du, besonders du. Du bist immer meine Schwester gewesen, mein ganz guter Kamerad. Bleib es uns beiden. Du bleibst es doch? Ich — ach es ist von weitem schwer zu sagen, ich wollte, ich könnte einen Abend bei euch sitzen. Auf der Truhe, auf meinem alten Platz.“

Ach, wie sollte sie das machen? Wie konnte sie ihm eine Schwester sein? Das war sie nicht. Nein, sie hatte Lore nicht lieb, sie konnte sich nicht helfen. Kam es nun wieder? Hob der Schmerz aufs neue sein Haupt?

Hilflos sahen ihre Augen in das Blitzen und Wettern und Toben hinein.

„Ich will ja. Ich will wollen. Es ist, als ob ich in Nesseln griffe, so weh tut das. Aber worum er mich bittet, das muß ich tun. Ich — ich will es versuchen. — — —“

„Du Starker, Gewaltiger, Großer, nein, ich will mich nicht vor dir fürchten, so hart du hereingreifst in mein Leben. Was willst du aus mir machen? Du mußt es wissen.“

Wie die Wolken flogen vor seiner Hand, wie er allem auf den Grund leuchtete mit seinem Blitz, wie sein Sturmwind alles Schwüle, Schlaffe, Weichliche hinausfegte!

„Und hältst doch die Welt an deinem Herzen. Das mußt du, aus dir selbst heraus mußt du das. Du hast sie gemacht. Auch mich. Ein Recht haben wir an dich. Du mußt uns Leben schaffen, denn du riefst uns.“

Schwächer rollte der Donner, fernehin zog er und verhallte, leise fing es an zu regnen und hörte bald wieder auf und es wurde stiller. Es war, als ob jemand dem geschlagenen Kind, der Erde, die Tränen abtrocknete, und zu dem Donner und dem Wind sagte: Nun ist es genug, nun laß sie schlafen. Fernehin zogen die Blitze, ein paarmal noch zuckte es auf, drüben am Horizont; es war, als würde das Licht weiter getragen, um nun in eine andere Kammer zu leuchten. Zwischen den Wolken hervor drängten sich ein paar Sterne, stille, friedlich brennende Lichter der Nacht: Nun schließt getrost die Augen, ihr Menschen, nun sind wir da und wachen.

Tiefe, lange Atemzüge. Gertrud kam mit ihren Sinnen in die Kammer zurück und wurde gewahr, daß Leonhard schwer in ihrem Arm lag und die Augen geschlossen hatte und schlief, und daß die beiden Brüder, drüben in dem großen Bett, auch schliefen. O, ihr Kinder. Sie mochte sich nicht rühren. Wie warm und traut war es, die Ärmchen um den Hals zu fühlen, wie tief und friedlich kam der Atem aus der kleinen Brust herauf. Aber nun machte sie sich doch leise los. „Bleib bei mir,“ das kam aus tiefem Schlaf heraus, dann ein Seufzer, nun lag der Blondkopf auf dem Kissen und schlief weiter.

„Es ist doch schön, wenn jemand ‚bleib bei mir‘ sagt, und wenn es auch nur ein Kind ist. Und wenn es auch nicht meines ist. Ich will gehen und Frau Lieselotte gute Nacht sagen, und will ihr sagen, daß ich mich um die Kinder, — ach nein, ich will ihr nichts sagen, sie soll gesund werden und ihren Reichtum behalten; heimgehen will ich und den Großvater pflegen. Wer ist so gut und liebreich, wie er? Und will für ihn — für Georg will ich —“

Da dröhnte das Treppchen von Vater Entenmanns schweren Tritten. „Still, sie schlafen alle. Ich komme. Das war ein Wetter. Aber nun ist es vorüber.“

„Ich wollte längst nach euch sehen, aber ich konnte nicht abkommen. Das Kleine schrie, und die Frau brauchte mich. Es ist ein Leid, Gertrud; sie trug uns alle, so lang sie gesund war, es gibt keine so frische, heitere Frau mehr wie sie. Nun liegt sie so da.“

„Sie trägt euch noch immer; sie hat Mut und Vertrauen, das ist es; das hat sie auch jetzt noch. Sie weiß, daß es uns nicht ziemt, Ihm Vorschriften zu machen, wenn wir’s uns auch freilich manchmal anders wünschen, als es kommt. Ich wußte nicht, was an ihr ist, ich weiß es erst, seit sie krank ist.“

Er ließ den Kopf sinken. „Es ist nicht leicht. Und dann das Wetter heut abend. Das ist so ungewöhnlich um diese Zeit. Er bedeutet sicher etwas Schlimmes. Es ist nicht genug an dem, was schon ist, es muß noch mehr kommen. Die Wolken hingen so tief herunter, fast zum Fenster herein. Um den zweiten Advent, Gertrud. Was sagst du dazu?“

„Was ich sage? Wir sollten es machen wie die Kinder. Du solltest sie schlafen sehen. Unter Blitz und Donner sind sie eingeschlafen, weil ich sagte, es sei nichts zu fürchten. Was wissen wir von Zeit und Unzeit? Ich glaube nicht, daß etwas zur Unzeit über uns kommen kann. Wenn wir das sicher wüßten, dann bedeutete alles etwas Gutes.“ Er mußte sie ansehen. Als er ihr die Treppen hinableuchtete und der Strahl seines Lämpchens ein paarmal ihr Gesicht traf, staunte er, wie es ernst und doch froh war, und wie sie den Kopf und die ganze Gestalt aufrecht trug, hoch und sicher, und doch so warme, kindliche Augen hatte.

„Ein wenig besonders war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Schön kann man sie nicht heißen,“ — Konrad Entenmann, Flickschuster und Nachtwächer, hatte so gut wie andere Leute seine besondere Anschauung über die menschliche Schönheit, — „das nicht, aber es ist etwas an ihr. Ich weiß aber nicht, was es ist.“

Er wußte nicht, daß die Freude an ihr Herz getreten war und es leise angerührt hatte. Die rechte, echte Freude, die nichts bringt, als sich selbst, die an das Leben glaubt und in sich selber Teil daran hat, obgleich sie nichts zu besitzen scheint, die aus ewigen, unversieglichen Quellorten kommt. Noch war sie zaghaft und still, noch stritt das Heer der dunklen Geister um den Vorrang. Aber zuweilen stieg sie aus dem Grund der Seele empor und trat bis in die Augen, da kam ein warmes Leuchten hinein. Da freute sich, wer hineinsah; wie sich einer freut, der im Tal wohnt, wo noch die Schatten liegen und der hoch am Berg ein Fenster aufblitzen sieht wie von Feuer, weil die ersten Sonnenstrahlen darein geflogen sind.

Drittes Kapitel

„Streck dich nach vorn aus allen Kräften — im Zeitstrom, der vorüberrauscht — vorüberrauscht, vorüberrauscht — klapper, klapper — nun standen die Räder. Eine hohe Halle, ein Menschengetriebe, ein Sausen und Brausen von der großen Stadt her, ein einsamer Mann, der aus dem Wagen stieg und sich hineinwagte in den „Zeitstrom, der vorüberrauscht.“ Fest und still sah sein Gesicht aus. Nun galt es; es galt, Ernst dahinter zu setzen. Das wollte er auch und nichts anderes. Aber da fiel es ihm ein, daß ja doch sehr viel schöne Dinge, helle, lichte Wellen in diesem Zeitstrom seien. Darüber mußte er sich ja doch wohl freuen dürfen. Also Kopf hoch und die Arme gereckt: komm her, du reiches Leben.

Nun mußte zuerst eine Wohnung gesucht werden. Er hatte bisher immer in engen Gassen gewohnt; man denke an Frau Mollenkopfs Stube, und dann in Tübingen. Diesmal nun sollte es aber etwas anderes sein. Da geriet er in ein Prachtsgebäude, er mußte allen Mut zusammennehmen, um den Hausmeister zu fragen: Hier sei ein Zimmer mit gutem — vorzüglichem stand auf der Wohnungsliste — Klavier zu vermieten? und wohin er sich da begeben müsse? Der Hausmeister führte ihn in den dritten Stock. Frau Amtsgerichtssekretärswitwe Habermaas. Glänzende, polierte Treppen, dicke Läufer darauf, farbige Scheiben in den Treppenfenstern. Das Zimmer oben, das zu vermieten war — rote Plüschmöbel, große Öldrucke in breiten Goldrahmen, hohe Alabastervasen mit künstlichen Sträußen links und rechts von dem geschliffenen Spiegel, der diese Pracht widerstrahlte. Die Dame sehr majestätisch, dick, so um die vierzig herum, hatte lockig frisiertes Haar, eine Schmelzgarnitur auf der Brust, eine goldene Brille auf. „Ah, Musiker, angehender Künstler? Das trifft sich“ —. „Bitte, nein, so dürfen Sie nicht sagen.“ Aber es war nicht aufzuhalten, Georg mußte erfahren, daß die Dame „nahe daran“ gewesen sei, sich gleichfalls „dieser Laufbahn“ zu widmen. „Welcher Laufbahn?“ fragte Georg, aber sie sprach schon weiter. Ebensogut hätte er den Uracher Wasserfall aufhalten können. Das sei ausgezeichnet; der Herr könne versichert sein, daß sie — Verständnis und so weiter. Er wagte nicht, das Zimmer nicht zu nehmen, er nahm es. Aber es war ihm wind und weh darin. Als sie ging, wurde es besser. Er sah aus dem Fenster. Da unten wogte der Menschenstrom vorbei; es klingelte, tutete, schwirrte, es fuhr mit Wagen, Straßenbahnen, Rädern; eine Abteilung Militär ging vorbei, da, schräg hinüber über den Platz, da war ein Schilderhaus, ein Posten wurde abgelöst, weiter. Ein großer Brunnen ließ vielstrahlig seine Wasser springen, schön abgezirkelte Blumenbeete rings herum, Sonne lag darauf. Irgend etwas rauschte wie von ferne; das war aber wohl in seinem Kopf, — „im Zeitstrom, der vorüberrauscht.“

Er wandte sich nach innen. Das Klavier war gut, das war die Hauptsache. Die Öldrucke hätte er gern von der Wand genommen, aber das wagte er doch nicht. Die Dame war so überaus imposant, so liebenswürdig sie auch war. Sie kam wieder und fragte nach seinen Wünschen. Dann: „werden Sie wohl Stunden geben? Singstunden? Nein? Ah, Sie studieren noch. Wäre es unbescheiden, zu fragen, was Sie —“, mit sechs Fragen hatte sie alles aus ihm heraus. Er war machtlos, er mußte es sagen, wonach sie fragte. Theologie studiert? und umgesattelt? was, um zu komponieren? — eine ehrfurchtsvolle Neigung des Kopfs und der Schultern, dann ein neckisches Lächeln: „Der Herr ist noch nicht verlobt, da kann man schon“ —. Er hätte sie hinauswerfen mögen, aber er sagte mit innerem Zähneknirschen: „Doch, ich bin, das heißt, beinah,“ er stotterte. Wieder das Lächeln; als verstehe sie alles von ferne. „Aha, und das hängt dann wohl mit dem Wechsel zusammen?“ Da stieg ihm der Grimm doch bis in den Hals. „Ich bin evangelisch,“ sagte er grob. „Bei uns können die Pfarrer heiraten. Sie sind wohl katholisch?“

Sie sah ihn wieder lächelnd an. „Der Herr hat eine Künstlernatur, das flammt leicht auf. O, ich verstehe.“

Wenn sie doch nur irgend etwas nicht verstanden hätte. Aber sie verstand alles. Es war zum davonlaufen. Und das tat er auch. Das war das erste, was sie nicht verstand, als er nach einem Monat umzog. Aber sie faßte sich. „So sind die Künstler. Immer Veränderung. Der Herr will in eine einfachere Gegend ziehen? Ah, ich verstehe, es ist wegen der Stille. Ja, still ist es hier, in der Mitte der Stadt, nicht. Das versteh’ ich so gut.“

Da konnte er ja ruhig gehen. Er hatte bereits eine neue Stube gefunden. Draußen lag sie, am Rand der Theresienwiese, vier Stock hoch, frei, still und mit einem weiten Blick über das Isartal hin, bis ans Gebirge. Einfache Möbel, aber sauber, einfache Leute.

Die Hausfrau fand er, als er kam, in dem Gemüsekeller, von dessen Ertrag sie lebte, umgeben und umhangen von Rot- und Weißkraut, Zwiebel- und Knoblauchkränzen, Rettichen, Tomaten und allerhand Rüben. Da saß sie, rund, rot und frisch glänzend, wie eine Schnecke in einem Salatboschen und strickte an einem Strumpf. Viele Worte verlor sie nicht. „Emerenz,“ sagte sie und drehte den Kopf ein wenig, „Emerenz, zeig dem Herrn den Weg. Er hat das Zimmer gemietet.“ Da fand es sich, daß noch ein lebendes Wesen in dem Raum war, sozusagen ein junges Schnecklein, das in einer andern Falte des Salatboschens gesessen war.

Es war ein schmales, schlankes, bräunliches Ding von vielleicht elf Jahren, hatte das Ende eines schwarzen Zopfs im Munde und ergriff einen Schlüsselbund. Mit diesem rasselte sie einladend.

Dann stiegen sie mitsammen hinauf.

Als sie oben waren, steckte der Schneider, der auf dem gleichen Boden wohnte, den Kopf heraus. „Na, Emeritz, vermietet?“ Sie lachte vergnügt. Sie war nicht im mindesten scheu. Das Zimmer war zwei Monate leer gestanden und daran hatten ihre Freunde, die Schneidersleute, teilgenommen. Das war eine Sache von Wichtigkeit. Der neue Herr war hier nicht so beklommen, wie bei Frau Habermaas. „Emeritz, sagen Sie?“ „Ja.“ Der Schneider lachte. „Ist sie nicht grad so ’n Vögelchen? Ich streu’ den Emeritzen den ganzen Winter Futter hinaus, da kommen sie immer an mein Fenster. Aber ich sag’ sie ist auch so. Sie ist so leicht und flink und hüpft so und hat so schwarze Augen, alles wie ein Emeritz. Ha ha.“ Dann schlug er die Tür zu, machte sie aber gleich nochmals auf: „Wünsch’ gute Angewöhnung.“ Ja, das kam dem neuen Herrn selbst so vor, als ob er sich gut angewöhnen würde. Emerenz war schon drin. Sie ging auf knarrenden Stiefelsohlen, deren Musik ihr offenbar Vergnügen zu machen schien, hin und her, tat rasch und leicht die kleinen Dienste, die der Einzug verlangte. Dann nahm sie den gläsernen Wasserkrug und ging, ihn zu füllen. Krach, flog die Stubentür und dann die Glastür zu. „Das,“ dachte der neue Herr, „muß ich ihr abgewöhnen.“ So, schon wieder erzieherisch? Er mußte lachen, als es ihm einfiel. „Ich hätte Schulmeister werden sollen.“ „Ja, das kannst du ja noch. Du kannst ja nun Musiklehrer werden,“ sagte sein Inneres. Aber da schüttelte er sich. Sein eigener Musiklehrer fiel ihm ein, ein ganz feiner, vornehmer Musiker; der war zerschunden und verbraucht vom Stundengeben. Immer wieder von vorne an, Tonleitern und Fingerübungen. „Nein, das könnte ich nicht.“ Das sagte er laut. Er wußte ja, was er wollte, zuerst und vor allem komponieren. Damit hatte er ja schon begonnen. Aber ob es damit allein ging? — „Ach, zum Donnerwetter, muß denn immer irgend ein Zweifel sein?“ Da ging er ans Klavier und öffnete es. Noten hatte er noch nicht da, aber das tat nichts. Er mußte sich nur ein wenig Luft machen und mitten in den breiten Akkorden, die er versuchsweise anschlug, kam ihm eine kleine, hüpfende Melodie zwischen die Finger. Er mußte lachen. Das war Emeritz. Er beschloß, sie auch so zu nennen, der Name gefiel ihm. War sie nicht mehr da? Doch, da stand sie, mitten in der Stube, und horchte. „Hör einmal. Weißt du, wer das ist? Das bist du.“ Da riß sie die Augen mächtig auf. „Ich? bin ich denn im Klavier drin?“ „Ja, du, da ist die ganze Welt drin, die will ich nach und nach herausholen.“ Ha ha. Der neue Herr, das war ein „gspassiger“. „Ist denn die Mutter auch drin? und der Schneider? holen S’ den auch einmal heraus.“

Da holte er den auch. Er war ein großer, starker Mann, mit einem Körper wie ein Schmied, aber mit einer weichen, hohen Stimme und einem Schelmengesicht, grauem Haar und Stoppelbart. — Sieh, da schritt er über die Tasten, schweren Schrittes und stolperte ein wenig, — „ist sie nicht wie ein Vögelchen?“ sagte er. Emeritz war außer sich vor Vergnügen. Das konnte lustig werden. Wupp, war sie draußen, knallte die Tür zu, dann hörte Georg sie drüben. Der Schneider wohnte Wand an Wand mit ihm. Sie redete eifrig. Dann kamen verschiedene Schritte, schwere und leichte. Und als es klopfte — herein — da stand Emeritz und lud mit einer Handbewegung ein. „Das gibt ein Gaudi,“ sagte ihr Gesicht. Da stand der Schneider und zwei Buben drängten sich neben ihm in der Türöffnung, und hinter ihnen sah ein dünnes, spitzes Gesicht hervor. Was? Die Spitalbäbel von Wiblingen? Nein, doch nicht. Aber so ähnlich. Jungfer Roggenbart, die Patin der Buben; sie hielt ein zerrissenes Hemd in der Hand und hatte den Fingerhut auf. Sie war am Flicken.

Na? Georg war doch etwas überrascht. Fing das so an? Das war doch ein wenig —. Aber da sah er, wen der Schneider in den Armen hielt. Ein Bübchen, so um sechs oder acht Jahre herum, blaß und elend, der Kopf lag an des Vaters Brust und die Augen, — weitoffen und glanzlos — er war blind.

„Ach, verzeihens, aber die Emeritz, ha ha, sie hat gesagt, — es ist aber doch gar zu keck, — der Herr, der hole uns alle aus dem Klavier heraus. Ha ha. Da hab’ ich gedacht — der Bub, der Theodor, das ist sein Leben, wenn er Musik hört. Er ist mein Jüngster und das Weib ist gestorben.“

Ja, natürlich durften sie hereinkommen. Sie sollten nur alle Platz nehmen, das sei dann die Einweihungsfeier. Da kamen sie, Jungfer Roggenbart machte tausend Komplimente, schließlich aber saß sie auf einem Stuhl und versuchte sich noch dünner zu machen, so, dachte sie, nehme sie wenig Platz weg.

Aber dem Herrn war es nun plötzlich nicht mehr um eine Spielerei zu tun. Das blinde Kind, und dann die kleine Gemeinde, die da so selbstverständlich saß, war das ein Zeichen, daß er nun dennoch den Geringen, Armen dienen solle, er mochte tun, was er wollte? Es schien ihm plötzlich so. Den Kindern an Jahren und den Kindern am Gemüt. Wie hatte er, damals im Wald, zu Lore gesagt? „Auch die Kunst hat ein Priestertum. Auch sie vermittelt das Göttliche an die Menschen.“ — O du Pfarrer, hatte Lore gesagt.

Da nickte er ihnen rasch zu, warm und freundlich, und spielte ihnen vor, was ihm einfiel, eine Haydnsonate, und dachte nicht, daß sie das am Ende nicht verstehen könnten. Als er sich einmal flüchtig umsah, sah er in andächtige Gesichter und spürte einen guten Geist des Aufhorchens, der belebte ihn sehr und er nahm mit ihnen die kinderreinen Töne in sich hinein.

Sie sagten nichts, als er geendet hatte, aber er sah, daß ein feiertägiges Gefühl in ihnen war und daß das blinde Kind ein feines Rot auf dem Gesicht hatte, das ging spielend auf und ab und bis unter das blonde Haar. War es etwa nichts, ein solches Rot der Freude in ein solches Gesicht zu bringen? Ja, das konnte er fühlen: dies war ein guter Anfang. Möchte er nur immer so offene Zuhörerschaft haben, auch wenn er etwas Eigenes zu geben hatte.

** *

Sie gaben ihm viel damit, daß sie von ihm nahmen.

Wenn ein schwerer, reicher Mensch seine Fülle mit sich herumträgt: Gedanken und einen Widerhall von der großen Weltharmonie, dann kann ihm nichts Besseres widerfahren, als daß eine hungrige Menschenseele — oder ihrer etliche — sich, bereit und herzlich willig zum Empfangen, vor ihn hinstellt: Nun tu dich auf und laß regnen, denn ich bin ein dürres Land, das des Segens bedarf.

O, wer von uns fordert, der gibt uns überschwenglich viel. Gemeinschaft gibt er uns, und Teil an der Menschheit, deren Glied wir sind, und Teil am Leben, dessen Kind wir sind. Das alles geben sie ihm, der vergeblich versuchte, mit Seinesgleichen Verkehr, verstehenden Umgang zu pflegen.

Nach den Besten unter denen, die mit ihm desselben Weges gingen, verlangte es ihn je und je. Aber es war wohl seine Art so, sein Schicksal oder wie man das nennt: er konnte sich gerade ihnen nicht aufschließen.

Er hatte gedacht in das gelobte Land der Gleichstehenden, Gleichempfindenden zu kommen, als er nach München ging. Da spukte noch das Bild herum, das ihm Hollermann einst gezeichnet hatte: ein aufgetanes Tor, durch das sie alle schritten, bärtige Männer und Jünglinge. Und alle, alle machten Musik. Den ganzen Tag nichts anderes.

Ja, Musik. Aber er war in seinem Leben noch nicht so allein gewesen, als gerade unter ihnen. Das lag wohl an ihm selbst. Aber darum war es doch so.

Er nahm ein paarmal einen Anlauf.

Einmal, im Winter, fing er an, sich, schüchtern zuerst, dann nach und nach mutiger, an einen Lehrer anzuschließen. Der war ein feiner Musiker und ein feiner, verstehender Mensch, der ermutigte ihn und lockte allerlei Zutrauliches und allerlei von dem, was ihn schaffend bewegte, aus ihm heraus. Zweimal besuchte ihn Georg; das dritte Mal wurde er abgewiesen. Der Professor lag krank: überreizte Nerven. Dann reiste er ab, irgendwo nach dem Süden für längere Zeit. Da war Georg wieder allein.

Einmal faßte er sich ein Herz und lud drei Mitstudierende in sein Zimmer ein. Emeritz machte die Hausfrau und trug das kalte Nachtessen auf. Nachher saß sie auf einem Schemel und hörte zu. Ihr Herr spielte wunderschön, sie wußte, daß er das selber gemacht habe, was er spielte. Es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte nur einen eingeladen, oder wenigstens nicht den großen, rotbärtigen Schweizer dazu, der mit gekreuzten Armen am Fenster stand und so merkwürdig lächelte. Aber gerade zu dem hatte er so einen besonderen Zug. Er fühlte aber wohl seinen Blick auf sich ruhen, so überlegen oder wie es war. Denn er verwirrte sich, fing an, zu hasten, um fertig zu werden, spielte schließlich so seelenlos, sprang dann auf: Ich bin nicht in der Stimmung, es geht nicht. Dann, unter dem Zwang der ruhig-verwunderten Blicke des Schweizers nahm er sich zusammen und spielte zu Ende.

Nachher, als sie fort waren, — sie hatten noch heftig gestritten — saß Georg am Tisch und sah stumm vor sich hin. Emeritz ging hin und her, räumte ab, blieb wieder wartend stehen. Dann sagte sie: „Heut hab’ ich was gesehen, was Feines.“

„So? Was denn?“ Er sagte es gleichgültig.

„Halt eine Prinzessin in einem rotseidenen Kleid, wissens, drüben in dem Wachsfigurenkabinet. Sie kniet am Boden und ein Räuber steht vor ihr und will sie totschlagen. Sie sieht dem Fräulein Lore gleich, bloß daß das Fräulein Lore lacht und die Prinzessin lacht nicht.“

Das hätte ein andermal gezogen. Sie führten hie und da Gespräche über Lore, deren Bild auf einer braunen Holzkonsole stand, Freude und Lebenslust in den Augen, Sonne in dem ganzen Gesicht.

Heut sah er nur flüchtig auf. Wie konnte man so strahlend aussehen?

Also das war nichts gewesen.

„Der Theodor hat eine Mundharfen ’kriegt,“ setzte Emeritz wieder an. „Er hat gern blasen wollen, so arg gern. Er kann sie aber nicht halten, seine Händ zittern so. Jetzt weint er und hat doch keine Augen. Armer Tropf du, hat der Schneider zu ihm gesagt.“

Da stand er auf und holte das Büblein herüber. So tat er hie und da. Er gab ihm ein Lied und lehrte es zuhören und freute sich, wenn er das lichte Rot der Freude entstehen sah und es störte ihn nicht, wenn ein paarmal die Tür knarrte und noch eins hereinkam. Er, der die reiche Welt hatte ans Herz nehmen wollen, war froh, wenn er ein paar Menschen fand, die er an der Hand nehmen und sie an den „Zeitstrom, der vorüberrauscht“ führen konnte: „Da, hört ihrs? nun horchet mit mir hinein.“ Und obgleich sie nichts von der Kunst wußten oder verstanden, empfingen sie doch eine Ahnung von dem großen Rauschen, das unter der Oberfläche hingeht. Das war ja auch etwas.

** *

Frühling, kurz nach Ostern. Er war in einer Hauptprobe gewesen, Bach, ein Orgelstück, dann eine Kantate: „Liebster Gott, wann werd’ ich sterben.“ Er war voll davon. Den Klavierauszug trug er unter dem Arm. Als er an der Glastür war, zögerte er. Dann machte er die Tür zu der Schneiderswohnung auf. „Willst du etwas hören, Theodor?“ Das wollte er immer, das war keine Frage. Aber da war auch der Vater und die drei andern Buben und da war Jungfer Roggenbart, die saß und flickte Strümpfe. — Heut sei der Mutter Todestag, sie seien alle in der Kirche gewesen. „Ja, dann kommt nur alle mit herüber.“

Das paßte denn auch vorzüglich für heute. Nicht der Text allein — er sang ihn — die ganze Musik handelte von Sterben und Auferstehen. Aber doch mehr vom Auferstehen. Da lagen die Gräber um die Kirche her, Orgelton kam heraus, aber hier draußen war es auch lebendig. Vögel sangen in den knospenden Zweigen, ein Wind wehte hindurch, es war sicher ein Tag gemeint, wie heute, um Ostern herum. Das lag alles in der Musik, das spürten sie, sie hätten es nicht sagen können. Das lag darin, daß das Leben über den Tod siege. Es war etwas Festliches; es war wie in der Kirche und doch wieder nicht. Es gehörte ihnen so zu eigen, es schwebte nicht in Weihrauchwolken hoch oben, es war hier in der Stube. Es war ihr eigener Herr, der es spielte. Ja, so weit waren sie schon gediehen, daß sie Beschlag auf ihn legten in aller Bescheidenheit und Stille, ohne daß er es wußte.

Im Vertrauen und untereinander gesagt, es kam ihnen ein schönes, festliches Leben vor, das er führte. Wenn er nicht so gut und freundlich gewesen wäre, sie hätten es ihm kaum gegönnt. Sie mußten alle tüchtig arbeiten; er aber, wenn er morgens aus dem Haus ging, hatte er Notenhefte unter dem Arm und wenn er heimkam, machte er auch Musik. Saß er aber still über seinen Büchern, so wußten sie, daß sie ja auch davon handelten, und — ja, manchmal las er in dicken Notenbüchern, wie andere Leute im Gebetbuch. Emerenz wußte es, die war ja am meisten um ihn. So eigentlich geschafft war das nicht. Aber wie gesagt, sie hielten doch viel auf ihn. Abends war er viel aus. Da hörte er wohl auch Musik? Dann, wenn er heimkam, ging er oft noch lang in seiner Stube hin und her, hin und her, das konstatierten sie von rechts und links. Aber warum er es tat, das wußten sie nicht.

Jungfer Roggenbart saß und hatte die Hände gefaltet, denn nun ging das ganze in einen Choral aus. Da ging draußen die Vortür. Emerenz drehte rasch den Kopf. War sie denn nicht geschlossen? Nein; da wurden Männertritte hörbar, jemand räusperte sich, putzte die Füße ab, dann klopfte es. Natürlich, der Herr hörte nichts, er sang und spielte aus Leibeskräften. Der Schneider übernahm es „Herein“ zu rufen und alle hoben erwartungsvoll die Köpfe. Aber als die Tür aufging, da brach ihr Herr auch das Spiel ab, kurz und rasch. „Fritz Hornstein, du, — Mensch, — da steht er auf einmal.“ Er hatte eine Reisetasche umhängen und hatte den großen Filzhut in der Hand. Er sah so kurzsichtig auf die Leute, die Brillengläser waren überlaufen, als er ins Zimmer trat; er nahm die Brille ab und putzte sie. Dann, als er wieder sehen konnte, lachte er mit Mund und Augen. „Du hältst also hier bereits Konzerte? Das geht schnell voran, muß ich sagen. Oder — oder habe ich eine andere Versammlung gestört? Ja, jetzt seh’ ich’s: Du hast es nicht ertragen können, daß du der Theologie den Abschied gabst und fängst nun hier auf eigene Faust an — —,“ „ach laß doch, Fritz. Ich habe diesen Leuten etwas vorgespielt, das ist alles. Es sind gute Leute, feine, sie sind fast wie bei uns daheim.“

Das war ein hohes Lob, das sah Fritz Hornstein ein.

„Ja, dann laß dich nicht stören. Da ist noch ein Sitzplatz, ich höre zu.“ Aber es war gerade aus. Der Schneider nahm sein Büblein auf den Arm, und Jungfer Roggenbart knixte und dann bekam Fritz Hornstein von allen einen Händedruck, eh’ sie gingen. Zuletzt stand noch Emeritz da und machte fragende Augen. Sollte sie das Nachtessen nun dennoch bringen? Es stand schon in der Küche bereit, Tee pflegte Georg sich selbst zu machen.

„Komm her, Emeritz. Siehst du, Fritz, das ist ein verzauberter Vogel, den hab’ ich mir eingefangen, er trägt mir alles, was ich brauche, im Schnabel herbei. Es ist ein Emeritz. Sieht man’s nicht an den Augen?“ Emeritz lachte. Der Gast auch. „Ja, und am Gezwitscher, da kann man’s auch merken.“ „Sie leiht mir ihre Ohren, so oft ich’s brauche; sie kann kritisieren. Mit einem einzigen Seufzer kann sie alles sagen, was sie ausdrücken will, wenn sie mir zugehört hat, je nachdem es ein bedauerlicher, entzückter oder unzufriedener Seufzer ist. — Bring Wein, Emeritz. Ich habe ein paar Flaschen Remstäler, sie haben ihn von daheim geschickt.“ Dann waren die Freunde allein.

„Also so betreibst du deine Studien? Volkskonzerte?“

„Nein, jetzt sei ernsthaft, du. Ich freue mich, daß du da bist. Bist du für länger hier?“

„Für fünf Tage, dies ist der dritte. Ich habe, um es gleich zu sagen, eine kleine Erbschaft gemacht, siebenundvierzig Mark, nachdem die Sporteln abgezogen sind. Nun bin ich daran, sie sofort wieder hinauszubringen. Die Mühe ist nicht so groß, es ist bald geschehen.“

Ja, das wollte Georg Ehrensperger gern glauben. Siebenundvierzig Mark, — er wußte, wie das Geld hier in München davonlief, obgleich er nicht großartig lebte.

„Nein, das ist so: Ich bin Vikar bei einem uralten Pfarrherrn mitten im Schwarzwald, drei Filialdörfer und jedes zwei Stunden vom andern entfernt. — Nicht ganz zwei Stunden, — aber doch, man sieht und hört da nichts von der Welt. Man gibt und gibt aus, den ganzen Winter lang — Unterricht, Krankenbesuche — schließlich war ich so ausgebeutelt wie ein leerer Mehlsack und ging ganz trübselig einher. Vorigen Herbst noch in Tübingen und nun so. Da regt und rührt sich nichts Geistiges. Von was kann man mit den Leuten reden? Und dann, mein alter Herr. Mensch, wie lang ist das her, seit er jung war. Da hatte der aber eine Idee.

‚Sie sollten ein bißchen hinaus, Herr Vikar,‘ sagte er. ‚Nur ein paar Tage. Etwas sehen und hören. Sie werden mir sonst mauderig.‘ Ich — Käfig auf und hinaus. Der alte Herr war einst auch hier in München, als er noch jung war. Er taute plötzlich auf, als er darauf zu reden kam. Alles lag in wohlverschlossenen Schubladen in seinem Gedächtnis aufbewahrt. Nun zog er eine um die andere auf. Ich sage dir, er wurde ganz jung. Ich freue mich geradezu, bis ich es ihm wieder erzählen kann, was ich nun sehe. Ich glaube fast — im Vertrauen gesagt — man bildet sich das so ein bißchen ein, daß unsereiner mit den Alten nichts anzufangen wisse. Schließlich waren sie doch auch einmal jung, nicht?“ Aber Georg Ehrensperger hatte noch nie gemeint, daß mit den Alten nichts anzufangen sei. Davor war der Rektor Cabisius gewesen, und — und die andern alle. Er war eher ein solcher, der mit den Jungen nichts anzufangen wußte.

„Und du,“ fuhr der Gast fort, „seit ich nun hier so herumstreife, geht mir’s sonderbar. In all’ dem Gewimmel und Getriebe seh’ ich mein stilles Dörflein vor mir. Ganz anders als vorher. Als ob mir hier erst die Augen aufgingen, — wie es so daliegt in seiner Wälderstille. Und alles ist so einfach und so lebendig. Wie aus dem Boden gewachsen. Und dann, meine Konfirmanden, es sind helle, aufgeweckte Kinder darunter. Heut, vor mehr als einem Bild, dachte ich, — ich war in beiden Pinakotheken, — da möchtest du deine jungen Leute hinführen. So gänzlich unverbildet wie sie sind. Da merkte ich an mir, daß doch etwas herüber und hinüber geht zwischen ihnen und mir. Ich habe nicht für mich allein genossen; immer fiel mir jemand ein, dem ich dies und jenes erzählen wolle, wann ich heimkomme.

Jetzt sag: Bin ich doch schon verbauert? Oder was ist es? Denn ich glaube, ich freue mich ja wahrhaftig wieder auf mein kleines Nest, so sehr ich alles genieße.“

„Verbauert? Du? Beneiden könnt’ ich dich. Ich, wenn ich dabei geblieben wäre, — eine kleine Landgemeinde, nichts anderes. Ich sage dir, das sogenannte geistige Leben in den Städten, na — ich kann wohl nicht so mitreden; ich bin immer meine eigenen Wege gegangen.“

„Das bist du. Aber nun von dir, Joseph, Träumerseele. Erzähl’ mir von dir, was du schaffst, lebst, liebst. Erzähl’ mit von deinem Schatz, deiner Gertrud. Ich freue mich, daß sie zu dir gehört. Ich weiß nicht, ob ich sie einem andern gönnen möchte. Am Hausweihfest, da hatte ich meine Freude an ihr. Ich dachte: der Ehrensperger, der ist ein Glückskerl. Das geht so sicher neben ihm her, und wenn er hie und da — du nimmst mir das nicht übel — davonläuft und nach farbigen Schmetterlingen hascht — dann ist es immer für ihn da, wenn er zurückkommt. So hat’s nicht jeder.

Mensch, was machst du für ein Gesicht? Hast du eine Erscheinung? Was ist mit dir?“

Gradaus sah Georg Ehrensperger und seine Augen weiteten sich.

War ein Blitz vor ihm niedergefahren? War er bisher blind gewesen? Gertrud — Gertrud? War sie nicht seine Schwester? Nicht sein bester Kamerad? War es möglich, daß sie —? Ach nein, das war es nicht. Oder? Sie war nicht mehr die Alte und er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht. War es das? Um Gottes willen. Er atmete hastig auf. Nein — doch? „Nein.“

Das sagte er laut. Er zwang sich zum Lachen. Er lachte hart und kurz auf.

„Diesmal hast du doch nicht recht gesehen, Alter. Gertrud und ich sind wie Geschwister. Sie ist — wir sind nichts weniger als verliebt ineinander. Ha—ha. Und kurz — ich bin — ich dachte, du hättest das gemerkt, mit Lore Maute verlobt, so gut wie verlobt. Ja, eigentlich kann man wohl so sagen. Ich sage es dir, es ist ja natürlich noch in weitem Feld.“

„Was?“ — Der Gast war unsäglich verblüfft. Er konnte es nicht gleich verbergen. Lore? Er kannte sie, das heißt, so flüchtig. Er hatte schon mit ihr getanzt und gelegentlich ein wenig gescherzt. Lore? Ja, aber dann —. Er konnte es nicht lassen, er pfiff leise zwischen den Zähnen.

„Nun, dann verzeih’,“ sagte er trocken. „Das habe ich freilich nicht gewußt.“ Und sonst sagte er nichts.

Da fing Georg Ehrensperger an, eifrig von seinem Leben und von seinen Studien zu erzählen. So still er vorher gewesen war, so lebhaft wurde er nun. Als sollte weder ein Wort noch ein Gedanke mehr dazwischen fallen.

„Das heißt geschafft,“ sagte er, „kann ich dir sagen. Vom Morgen bis zum Abend. Üben, üben, üben. Dann Tonsatz, Kompositionslehre — Selbststudium, so viel dazwischen Platz hat. Abends Konzerte, Opern. Aber es geht mir anders damit, als ich dachte. Mensch, es kann nichts Neues mehr geben. Es ist alles schon da. Größer, gewaltiger, als es noch einer sagen kann. Manchmal ist es mir, als ob das alles, was ich in mir selber hatte, in graue Fernen entschwände. Wo ist es? Was war es nur? Und was bin ich selbst? Ein Zwerg bin ich, der vor lauter Riesen steht.

Als ich noch ein halbwüchsiger Bub war, dann ein Student, da war es mir, als ob ich Erd’ und Himmel in mir trüge und es alles klingen lassen könne. Dann fand ich Lore — und sie mich. Da war alles Jubel und Reigen. Nun muß ich mich da hindurchbeißen, durch all’ das Fremde, und dann versuchen, ob mir noch etwas Eigenes bleibt. Aber,“ er straffte sich unwillkürlich, „das will ich auch.“

Er sah flüchtig nach dem Nebentisch hinüber. Dort lag eine dicke Mappe. Sprach sie nicht laut davon, daß er es tat?

Sein verschwiegenstes Schaffen war darin, aller Jubel und alle Angst und alle auffahrende Ungeduld, alle Hoffnung und alles Streben.

Dort lag die Mappe und rührte sich nicht. Nein, er wollte lieber nichts von ihr erzählen.

„Das will ich auch,“ sagte er nochmals, wie um sich selber zu vergewissern.

„Sie sagen alle: ohne ernstes Studium geht es nicht, ohne Lehrer auch nicht. Also. Obgleich es mir oft ist, als ob es mich arm mache und leer. Denn das ist ja nicht meines, was ich treibe, das ist das der andern. Dann geh’ ich einen Tag lang fort, hinaus, auf den Starnbergersee, nach Nymphenburg, in den Wald, irgendwo, wo ich mich auf mich selbst besinnen kann. Dann hör’ ich es wieder von weitem.“

Er sprach unruhig, erregt, so, als ob unten in seiner Seele ein starker Wellenschlag wäre. Es wetterleuchtete in seinen Zügen von Glück und Not.

Und Fritz Hornstein sah ihn an und mußte ihn liebhaben trotz seiner Enttäuschung mit Gertrud Cabisius.

Einen Augenblick überlegte er auch, ob er nun nicht die Einladung des Rektors annehmen solle, ihn und die Enkelin einmal zu besuchen. Nun konnte er ja ruhig hingehen, er kam dort niemand ins Gehege. Aber dann schüttelte er den Kopf: „das ist keine von denen, die den Gegenstand vertauschen.“

** *

Als die Freunde auseinandergingen, war es spät in der Nacht. Sie waren schließlich im Dunkeln gesessen.

Nun, als er allein war, zündete Georg die Lampe an und holte ein kleines Bündel Briefe hervor. Nur ein kleines. Sie waren von Gertrud und sie hatte nur selten geschrieben. Lorens Briefe lagen daneben; viele kleine, leichte Blätter, oft nur halb beschrieben, hellfarbiges Papier, ein schwacher Duft von Maiglöckchenessenz kam ihm entgegen. Zwischen den zierlichen und oft ein wenig hüpfenden Buchstaben sah ihm ihr helles, lachendes Gesicht heraus.

Gertruds Briefe, ihre festen, weißen Bogen mit den klaren, geraden Schriftzügen, lagen so schlicht dabei.

Warum konnten sie nur nicht mehr miteinander gehen wie in der Kinderzeit, alle drei? Da stieß er die Schublade zu, daß die Lampe klirrte und setzte sich an den Tisch, um zu lesen.

Und wie er las, ein Blatt ums andere, da war es ihm, als ob er Gertrud von weitem sähe, wie sie abschiednehmend grüßte und mit der Hand winkte: nun ist es alles aus und vorbei.

Er versuchte, es nicht zu glauben, was Fritz Hornstein gemeint hatte.

Es waren ja so herzlich einfache Briefe. Sie fragten nach seinem Leben und Schaffen, zart und ohne zu drängen. Dann erzählten sie vom Rektor Cabisius, daß er nun fast blind geworden sei, aber aus seiner reichen, inneren Welt heraus so viel sonniges, liebreiches Leben spende, und dann einiges von Gertrud selbst. Das heißt von dem, was sie arbeitete und las und ein weniges von dem, was sie drüber dachte und von dem sie meinte, daß es ihn beschäftigen könne. Und immer etwas, das ihm Mut machen sollte.

Aber wenn er die Briefe zum zweitenmal las, dann war es ihm, als ob jeder Satz etwas verhalte, etwas Unausgesprochenes. Als ob die rechte Hand geschrieben und die linke vorsichtig eine wunde Stelle beschützt hätte, die keine Berührung vertrage. Da senkte sich eine schwere, bittere Traurigkeit auf ihn. Er hörte die Betglocke auf dem Wiblinger Kirchenturm und sah die Lichter hinter den Scheiben brennen und wußte, daß er nach Hause mußte und konnte doch nicht.

Bitterlich kam da das Heimweh über ihn.

Viertes Kapitel

Als das zweite Jahr in München um war, bekam Georg die Nachricht, daß seine Schwägerin gestorben sei.

Da kaufte er sich einen schwarzen Filzhut, ein Florband um den Ärmel und eine Fahrkarte nach Hause.

Er war ihm um Franz. Der hatte ja doch niemand als ihn. Er empfand auf einmal mit Macht den starken natürlichen Zusammenhang mit ihm.

Aber als er ins Haus trat und in die Ladenstube, fand er da schon einige Leidtragende: den Müller Hensler und zwei schwarzgekleidete Frauen — Lore und ihre Mutter. „Lore, du?“ Sie ließ das Kuchenmesser, mit dem sie eben hantiert hatte, fallen und drehte sich rasch um. „Du — o — Georg — wir hatten dich erst heut abend erwartet — o —“ Da umschlossen sie schon seine Arme. „Still.“ War sie noch schöner geworden? In dem schwarzen Kleid sah sie so groß und schlank und vornehm aus. Da kam Frau Maute heran. Sie hatte eine breite Schürze aus Trauerkattun an und etwas aus schwarzem Krepp gemachtes auf dem Kopf und ihr Gesicht drückte eine Mischung von feierlichen, traurigen und angenehmen Gefühlen aus.

Sie war mit einem Plan hierhergekommen, den sie gleich nach der Beerdigung dem jungen Witwer zu offenbaren gedachte. Vorderhand zeigte sie durch die Tat ihre verwandtschaftliche Gesinnung für Franz, indem sie geschäftig hin und her ging, dem Müller Hensler einschenkte, die Blumenspenden der Wiblinger in Empfang nahm, hie und da eine Nachbarin in die Totenkammer führte, in der die junge Frau lag, die einst so rührig hier herumgewirtschaftet hatte, und indem sie hie und da ein Federchen oder Härchen sorgfältig von Franzens schwarzem Rock entfernte, das etwa daran hängen geblieben war.

Alle diese Taten vollbrachte sie unter vielen und mütterlichen Reden, die sie in etwas kläglichem Ton hervorbrachte, denn sie hielt denselben für am Platz und passend bei dieser Gelegenheit. Auch hatte sie für Zwei gerührt und bewegt zu sein, da Lore sich ganz natürlich und anmutig betrug als ein Wesen, das durch sein bloßes schönes und erfreuliches Dasein genug zum Trost der betrübten Menschheit beiträgt.

„Gelt, du wunderst dich, daß wir da sind?“

Sie lehnte sich an Georg und sah ihm in die Augen.

„Sag etwas; du bist ganz verstummt.“

Ja, er hatte sich im ersten Augenblick gewundert, wie man sich im Traum wundert, daß etwas plötzlich da sei, das man fern glaubte. Aber er war froh genug, daß sie da war.

Alles zweifelhafte, unruhige Denken, das ihn in letzter Zeit oft gequält hatte, wenn er an sie dachte, verstummte vor ihrer leiblichen Gegenwart.

Aber als er nicht gleich etwas sagte, hielt es Frau Maute für angezeigt, eine Erklärung zu geben.

Sie klopfte Franz, der im Großvaterstuhl saß, auf die Achsel.

„Wenn man so nah verwandt ist. Wir konnten ihn doch nicht im Stich lassen, — jetzt. Hi hi.“ — Sie vergaß sich und lachte geschwind ein bißchen. Dann suchte sie schnell wieder den leidtragenden Ton hervor, nahm die Schürze vor die Augen und sagte hinter derselben hervor:

„Es ist vollends so schnell gegangen, man hätt’s nicht gedacht. Vor ein paar Wochen, als Franz bei uns war“ —

„Franz war bei euch?“

„Ja, hab’ ich dir das nicht geschrieben?“ Lore streichelte Georgs Hand. „Er war beim Doktor für seine Frau, da besuchte er uns natürlich.“

„Ja, wir haben die Verwandtschaft ein bißchen gepflegt,“ sagte Müller Hensler behaglich, „nicht, Franz?“

Franz nickte. Er sah stark mitgenommen aus, trug sich etwas schlaff und machte einen älteren Eindruck, als es seine achtundzwanzig Jahre wollten.

„Müller Hensler war auch mit in Tübingen? Das habt ihr mir alles nicht mitgeteilt.“

„Ja du, du stecktest ja bis über die Ohren in deinen Arbeiten. Was hast du für Briefe geschrieben — hu. Ich traute mich nicht mehr mit so kleinen Ereignissen an dich heran.“ Lore machte ein trotziges Mäulchen. „Es ist nur gut, daß du endlich wieder einmal da bist.“

Da mischte sich Frau Maute wieder ein.

„Er hatte es schwer, der arme Franz. Es tat ihm gut, ein bißchen bei uns zu sein. Ich — wenn man selbst Mutter ist — aber nun wollen wir ihn wieder herauskriegen.“

„Mutter,“ sagte Lore, „da kommt jemand mit einem Kranz.“ Da enteilte sie und man hörte von draußen herein ihre klägliche Stimme, mit der sie irgend eine Teilnahmsbezeugung quittierte.

** *

Wenn jetzt Jungfer Liese dagewesen wäre. Wenn sie jetzt wieder Schlüsselbund und Geldtasche an sich genommen hätte, sie, die Getreue, die so ungern ihre beiden Franze, den alten und den jungen, aus ihrer Obhut entlassen hatte.

Aber sie war nicht mehr da, um die alten Pflicht- und Würdezeichen an sich zu nehmen. Da mußten sich andere Leute dazu bequemen, und das taten sie auch. Man muß es ihnen lassen, daß sie es äußerst bereitwillig taten.

Es war je länger je mehr mit Hängen und Würgen gegangen, sowohl was die Putzmacherei als die möblierten Zimmer betraf. Sie waren zu nichts gekommen und es hatte nirgends recht hinreichen wollen. Dazu kam, daß Lore nicht mehr recht Lust hatte, in Tübingen zu sein.

„Ach, es wächst immer wieder so junges Gemüse daher, was will ich davon? Ich wollte, Georg machte voran.“

Ja, das hätte Frau Maute auch gewollt.

Als Georg, etwas später als die andern, denn er hatte die bekannten Gräber besucht und an Frau Judiths Grab Meister Nössel getroffen, — als er vom Kirchhof zurück kam und in die Ladenstube trat, wo alle um den Kaffeetisch saßen, verstummte ein lebhaftes Gespräch, das sie soeben geführt hatten.

„Sag’s ihm, Franz.“ „Nein, du.“ „Nein, ich,“ sagte Lore und machte ihm an ihrer Seite Platz.

„Was würdest du dazu sagen, wenn wir hier blieben, die Mutter und ich?“

„Man kann doch Franz nicht im Stich lassen. Er muß doch jemand haben.“ Das sagte Frau Maute. „Und da du wohl doch noch nicht so schnell Hochzeit machen kannst, so dachten wir,“ sie brach ab und sah ihn erwartungsvoll an.

Wie merkwürdig das alles war. Eben noch dort draußen der eisgraue Mann, Meister Nössel, der ein ganzes Stück seiner Kindheit und Jugend in ihm wachgerufen hatte, dann im Heimgehen die alten Gassen und Häuser, unter den Akazien Mütter mit Kindern — mit den Müttern hatte er selber als Kind gespielt — nun hier in seinem Vaterhaus, in der alten Ladenstube, wo noch die beiden Edelleute an der Wand hingen, wie vor Zeiten, dieser Kreis von Menschen, niemand neues dabei, nur so neuartig zusammengeschlossen.

Franz, der nur zwei Jahre älter war als er, saß da als Witwer, hatte schon alles erlebt, was in ein Menschenleben herein gehört, was wollte er nun noch?

Und Lore, seine Lore, die sollte hier daheim sein, indes er draußen war? Und ihre Mutter sollte hier schalten?

Frau Maute im Ehrenspergerhaus? Wie merkwürdig.

Er fand nicht gleich eine Antwort, er sah fragend von einem zum andern.

Der Müller Hensler saß neben Frau Maute und sah sehr einverstanden aus.

„Jetzt wird’s wieder gemütlich hier,“ sagte er. „Jetzt werden wir wieder jung miteinander. Mach voran, Musikante, dann kommst du auch dazu.“

„Ja, mach voran.“ Das sagte auch Franz. Er hatte den schwarzen Rock ausgezogen und saß in Hemdärmeln da. Es war mühselig und traurig zugegangen in seinem Leben die letzten Jahre her. Er hatte seiner Frau alle Erleichterung und alle Pflege angedeihen lassen, die sie sich nicht selber als zu teuer verbat. Er glaubte sich nichts vorwerfen zu müssen. Jetzt, glaubte er, dürfe er ein wenig aufatmen.

„Platz hat’s genug,“ sagte er. „Ihr könnet im Oberstock wohnen, heißt das, den Tag über gibt’s genug zu tun so unten herum. Da ist die Wirtschaft und der Laden und die Küche, und —“

„Und der Krautgarten und das Baumgut,“ sagte Lore und lachte. „Heidi, das gibt ein Leben. Dauert mich nur mein alter Riedesel in Tübingen, sonst kein Mensch. Und derweil macht mein Herr Musikdirektor seine wunderbaren Sachen fertig, von denen kein Mensch etwas rechtes erfährt, und dann — — jetzt mach du weiter, Georg.“

Da sahen sie alle auf ihn.

Und dann? Er saß da und sah vor sich hin.

Es war ihm auf einmal, als ob er nicht daher gehöre. Gar nicht in diese Stube und in diesen Kreis. Er hätte allein mit Franz auf das Baumgut gehen mögen, wie in Kindertagen und eine Weile mit ihm von ganz harmlosen Dingen reden, oder allein mit Lore in den Wald gehen. Er hatte ihr so viel zu sagen, so viel. Er konnte es nicht hier tun, vor allen, er konnte es nicht.

Er sah sie bittend an: „Kommst du ein wenig mit mir?“

Aber sie merkte es nicht. Oder wollte sie nicht?

„Du, Georg,“ sagte sie, „die Mutter hat erfahren, daß man fürs Komponieren fast gar nichts bekomme. Man möge noch so schöne Sachen hinbringen. Sag, ist das wahr? Du kannst dir denken, daß ich keinen schlechten Schreck gekriegt habe. Aber du verstehst es wohl besser, gelt? Du mußt ja wissen, worauf es hinausläuft. Sag.“

Und alle sahen ihn an und wollten wissen, „worauf es hinauslaufe“. Das war so natürlich — so natürlich. Aber es wandelte ihn dennoch die Lust an, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen aus innerem Grimm heraus. Er mußte sie im Sack ballen, daß er es nicht tat. Sie hatten ja doch ein Recht, zu fragen. Aber wie tausendmal er sich selber schon gefragt hatte, das wußten sie ja nicht.

Er atmete schwer. „Ich habe mit dir davon reden wollen, Lore,“ sagte er endlich, da sie ihn alle ansahen.

„Du kannst nicht sagen, du wissest nichts von dem, was ich schaffe, ich habe es dir immer geschrieben.

Ich habe etwas angefangen, das, wovon ich dir einst sagte, im Wald, an jenem Tag, etwas unsäglich Schönes. Die ganze Welt ist drin. Ich höre es im Wachen und im Traum. Das muß werden. Es wird auch. Aber laß mir Zeit dazu, Lore, glaub’ an mich, sei geduldig. Sieh, manchmal ist es zum Greifen nahe, dann entschwindet es wieder in alle Fernen.“

Er sprang auf, lehnte sich an das Fensterkreuz und redete im Stehen weiter. Seine Augen lagen auf Lore, er suchte in ihrem Gesicht. Suchte er den hellen Funken, der damals von ihr zu ihm gesprungen war, zündend, verheißend, befruchtend?

„Ich — ich habe es dir schreiben wollen. Ich will aus dem Konservatorium austreten, es ist nichts für mich. Es ist da so viel zu hören und zu lernen, das mich nichts angeht innerlich. Ich will einmal nur auf das horchen, was aus mir herauswill. Sonst kommt mir hundertmal das Fremde dazwischen.“

Er sah sie alle der Reihe nach an. Sie machten verdutzte Gesichter.

„Ja,“ sagte Frau Maute, „davon ist ja aber nicht die Rede und das verstehen wir auch nicht so. Es ist nur die Frage, worauf es schließlich hinausläuft. — Doch, Lore, das muß ich als Mutter doch fragen.“

Und Franz und Müller Hensler nickten bedächtig dazu und nahmen breite Schlücke von dem roten Wein, der in den Gläsern stand; denn mit dem Kaffee waren sie nun fertig.

„Ich kann es euch nicht sagen,“ dachte er trostlos. „Ihr versteht mich doch nicht. Ihr fraget nur: was bringt es ein?“ Dann raffte er sich auf.

„Laßt mir noch ein wenig Zeit,“ sagte er. „Wenn ich das Werk fertig habe — es brennt mich und ich muß es schaffen, dann freut ihr euch mit mir. Dann wird sich das Weitere auch zeigen. Dann ist mir auch um eine Stellung nicht bange. Ich will es ihnen schon in die Ohren bringen, sie müssen es hören. Glaub’ daran, Lore, du hast es doch immer getan.“ Sein Gesicht sah so warm und bittend in das ihrige, es wurde ihr so frühlingshaft zu Mute, als ob sie vor einem Baum stände, der war voller Knospen, und der Baum gehörte ihr, und wenn er in Blüte stände, dann sollte sie Hochzeit machen. Aber als sie aufstand und ihm liebe, vertrauende Worte sagen wollte, sah sie zufällig in den Spiegel und sah, daß ihre Mutter, die hinter ihr stand, ihr zuwinkte: „Sei nicht zu nachgiebig; du mußt ihm den Ernst zeigen. Du weißt, er ist ein verträumter Idealist.“ Und sie trat zwar zu ihm und legte den Arm um seinen Nacken und sah ihn an; aber es war nicht das gläubige Leuchten, nach dem er sich sehnte, in ihren Augen, sondern eine drängende Glut: „liebster Mensch, man ist nur einmal jung. Siehst du mich? Da hast du mich. Komm bald. Du hast es mir versprochen.“ Und in ihm schrie etwas auf, das hatte er lange und oft in sich verstummen heißen: „an einem wirst du schuldig. An Lore oder an deiner Kunst. Es ist anders, als du gemeint hast. Schuldig wirst du, so oder so. Du wirst wohl ein Brot suchen müssen; du bist dazu verpflichtet, bald. Aber das war es nicht, nach dem du ausgingest.“

Er wußte nicht, wo er hinsehen sollte, um seine Not zu verbergen und verbarg sein Gesicht in ihrer Hand und sagte nach einer Weile, daß er jetzt gehen wolle, um den Rektor zu besuchen. „Und Gertrud,“ dachte er im stillen, und auch da war ein Druck, wie von Schuld oder Furcht oder Sehnsucht. Er hatte sie jetzt zwei Jahre lang nicht gesehen und wußte nicht, wie er ihr gegenübertreten sollte, ihr, der er am liebsten alles ausgeleert hätte, was in ihm umging von Glück und Not.

Aber als er, um dem Denken ein Ende zu machen, an der Glocke des Rektorhauses zog, da guckte ein junges Dienstmädchen heraus und sagte, daß der Herr Rektor und das Fräulein verreist seien für etliche Tage, und daß der Herr Rektor sich einer Augenoperation unterziehe.

Also brauchte er sich nun nicht mehr zu besinnen: will ich? will ich nicht? sondern konnte gleich umkehren, denn da war nichts für ihn zu holen. Er brachte es aber nicht über sich, fortzugehen, sondern klinkte die Gartentür auf und schritt zwischen den buchseingefaßten Beeten durch den Gemüsegarten, kam bis unter die Obstbäume, die dies Jahr nicht viel trugen und setzte sich in schweren Gedanken unter den Süßapfelbaum. Wo waren die Bubenträume, die er hier gesponnen hatte? Und wo war Gertrud, der er sie erzählt hatte?

Hier waren sie zu dreien gesessen, damals, eh’ Lore nach Tübingen ging. Ein Schwarzköpfchen sang in der Hecke am Stadtgraben sein Abendlied; die Zweige des Baumes rauschten leise in einem weichen Wind, und er saß und die Augen fielen ihm zu. Er war in der Nacht gereist und der Tag war unruhig gewesen. Aber plötzlich sah er staunend auf. Unter den Bäumen kam ein alter Mann daher, gebückt, grau — nein, das war nicht möglich — doch — es war der alte Hollermann. Ganz so wie einst sah er aus, nur daß das Hinfällige, Schlaffe, Runzelige wie übersonnt oder durchschienen war von etwas Festem, Frohem, Starkem.

Nun blieb er stehen, stützte sich auf seinen Stock und sah auf den Dasitzenden.

Der erschrak und das Herz klopfte ihm.

„Ach,“ sagte er unsicher, „das bist du? Bist du das und kommst zu mir? — Das kann ja doch aber nicht sein. Du bist ja doch gestorben.“ Da lächelte der Alte. Es war ganz sein stilles, feines Lächeln von einst; es ging aber über den ganzen Mann hin.

„Ja, gestorben, das nennt ihr so, weil ihr keine andere Bezeichnung wisset. Ihr sehet nicht so besonders weit hinaus, ihr auf Erden. Aber dafür könnet ihr nichts. Wir nennen das nur „sich verändern“, und ich habe mich verändert, das ist wahr. Und es ist gut so.

Aber davon wollte ich nicht reden. Ich wollte dich nur fragen: Hast du etwas gefunden?“

„Gefunden?“

„Ja, du wolltest ja doch das schönste Lied suchen, das, bei dem die ganze Welt mitsingt? Du bist doch noch auf der Suche?“

Da senkte Georg den Kopf in großer Traurigkeit.

Der Alte aber sah ihn immer an mit seinen ruhig betrachtenden Blicken.

„Was hast du denn für einen schweren Sack auf dem Rücken? Es rasselt darin und poltert, so kannst du ja nicht horchen.“

Das hatte der Jüngere selber nicht gewußt, daß er den Sack trug. Also daher kam der schwere Druck, den er empfand? „O, es sind nur Steine drin,“ sagte er. „Ich muß ein Haus bauen für Lore, sie sagt, ich habe es ihr versprochen. Ich habe es nicht so bedacht, daß ich das muß. Aber darum ist es nun doch so. Da muß ich jetzt die Steine tragen. Es ist schwer, ich kann mich nicht bei dir aufhalten. Horchen? Nein, horchen kann ich auch nicht.“ Aber der Alte wuchs so sonderbar. Er schien die Bäume zu überragen und seine Augen wurden immer leuchtender und durchdringender.

„Du,“ sagte er, „du Sonntagskind, du gehörst dennoch zu den Horchenden. Du mußt die Steine wegwerfen, du kannst jetzt kein Haus bauen. Das weißt du ja selber. Du mußt ja doch das Lied suchen. Du willst nicht, du mußt. Hörst du nicht, wie es klingt?“

Da zog eine ferne, leise Musik an ihnen vorüber und Georg horchte mit klopfendem Herzen.

„Das war’s, das ist’s.“ Aber als er aufspringen wollte, rasselten die Steine in dem Sack.

Und er warf sich vor Hollermann auf die Kniee und umfaßte ihn.

„Hilf mir,“ sagte er. „Du siehst mich durch und durch. Du weißt, wie es ist.“

Aber Hollermann sagte nichts mehr. Nur mit einer sonderbar linden, feinen Hand streichelte er den Knieenden, immer von der Stirn bis zum Nacken, daß es ihn durchrieselte wie von einer belebenden Wärme. Da wurde es ihm so leicht zu Mute, so leicht und frei.

„Ich will aufstehen und ihm nachgehen,“ sagte er.

„Ja,“ sagte Hollermann, „und da ist auch die Geige.“

Da sah Georg mit Staunen feine, silberglänzende Fäden, wie aus Mariengarn gesponnen, die gingen von seiner Brust aus und waren an den Bäumen und Sträuchern ringsum befestigt und Hollermann rührte daran, da klangen sie, teils stark teils leise.

„Ein Ton die Schuld, ein Ton die Liebe, ein Ton die Sehnsucht, ein Ton das Alleinsein, das große, herbe, ein Ton die Mühe — kannst du sie alle? Du mußtest sie alle erleben, um sie zu kennen.“

„Still.“ Georg horchte atemlos. Das klang alles in seinem Herzen, aber draußen in der Welt klang es mit.

„Einiges fehlt noch,“ sagte Hollermann und lächelte.

„Das mußt du noch suchen. Und einiges, das weißt du, findest du erst in dem andern Land. Aber laß dich nicht irre machen, es ist doch da und ist wirklich. Davon sollst du singen: Was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig —.“

Jetzt war es auf einmal nicht mehr Hollermann, sondern Frau Judith, und dann war es Meister Nössel, und dann Georgs Mutter, wie sie aussah an dem Tag, dem einen, da es Licht bei ihr geworden war. Und dann kam die Rektorin Cabisius daran, und weit weg tauchte der Rektor auf, und Gertrud noch weiter, wie ein Schatten, aber alle waren sie da und er hörte Hollermann sagen: „Sind wir nicht viele? Sind wir nicht eine feine, stille Gemeinde? Nun wollen wir ihm das Lied singen. Leise, — man muß hören, daß alles mitsingt.“

Da entstand ein wogender, schwebender Gesang, ein feines und doch starkes Klingen. Die Sterne standen am Himmel und ließen silberne Töne niederfallen, die Bäume regten singend ihre Äste und jedes Blättlein schwang leise mit, der Wind trug auf seinen Flügeln von ferne her starke Harmonieen, irgendwo rauschte es, da war doch aber kein Fluß? Ach nein, Gertrud sagte: „Im Zeitstrom, der vorüberrauscht.“ Und aus den wenigen Menschen im Garten waren viele, unzählige geworden, wie Schatten glitten alte Bekannte und fremde Gesichter an ihm vorbei, und sie sangen alle:

„Alle die Schönheit Himmels und der Erden Ist verfaßt in dir allein,“

und alles ringsumher sang mit. Das Lied hatte Georg schon früher einmal gehört, er wußte nur nicht mehr, wo. Ihm brannte das Herz und er versuchte mitzusingen, aber da wurde alles undeutlich und zerfloß, und er saß mit offenen Augen und klopfenden Pulsen unter dem Süßapfelbaum. Es war ein Klingen und Schwirren in ihm, das zog mit den Strömen seines wallenden Blutes auf und ab; es rauschte leise wie von weichen Gewändern, es war ein Schimmern zwischen dem Gesträuch hindurch, wie von weißen Fittichen, da rieb er sich die Augen und stand auf und war allein.

Der Mond ging heute früh auf, er kam schon am Horizont herauf und warf einen milden, silbernen Schein da herein. Drüben über dem Stadtgraben war die Seilerbahn, die aufgespannten Seile schimmerten weiß in dem bleichen Licht, irgendwo sang eine Männerstimme — ein Volkslied — „und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden“ — mehr war nicht zu hören.

Und Georg Ehrensperger, der mutlos und schweren Herzens hierher gekommen war, reckte sich, daß er aufrecht und hoch den Gartensteig wieder zurückging und in seiner Seele gingen hohe Wellen. „Ich kann noch nicht gleich heimgehen, ich will noch in den Wald hinauf. Die Nacht möchte ich durchwandern, ganz allein. Still, daß kein Ton vergeht. Wie ein Segen ist es auf mich herabgekommen.“ Und er beugte den Kopf, wie um es besser tragen zu können, was ihn wie ein schwerer Reichtum füllte, und trug den Hut in der Hand. Vor den Fenstern des Rektorhauses blieb er stehen und grüßte die Abwesenden. „Ihr gehöret dennoch zu mir. Ich gehöre dennoch zu euch.“ Dann schritt er durch die Gassen. Es war niemand mehr draußen. Das war ihm recht. Die Brunnen plätscherten, hinter den Scheiben entzündeten sich die Lichter, er ließ das Städtlein mit seinen Heimwesen hinter sich und ging die kleine Anhöhe hinauf, den Dinkelsbühl, und kam in den jungen Eichenwald, der dort droben steht.

Als einem, der lang in der Fremde gewesen und dann heimgekommen ist, war es ihm.

Kühl und weich war das Moos am Waldrand, in das er sein Gesicht drückte. Ganz still standen die jungen Bäume und horchten. Aber sie hörten nicht, was er redete, es kam nicht über die Lippen.

Vielleicht wußte er es auch selber nicht so genau, was alles in starkem Lebensdrang aus seiner Seele strömte. Ein Dank und eine Freude und ein Sich-hin-geben-wollen an die Welt. Ein Gebet: Bleib mir nah, du — du ew’ger Geist, des Wesen alles füllet —, bleibet mir nah — ihr, die ihr zu mir gekommen seid — schließet einen Kreis um mich. Das und mehr. Es wurde immer stiller, größer, es ging immer mehr nach innen.

Leise ging der Nachtwind über ihn hin.

Er ist schon über manchen hingegangen, der in der Nacht „auf einen Berg besonders“ ging, um sich in der ewigen Einheit zu fassen, und um den rechten Ton zu finden, am Morgen mit den Menschen vom Ewigen zu reden.

Es war ziemlich spät, als Georg wieder den Berg hinabstieg. Alles war still umher, er fing hie und da leise an zu summen: „Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfaßt in dir allein“ und dann brach er wieder ab: „still!“ und sagte:

„Das wahre mir zur Leuchte, Auf daß mir’s auch den Pfad erhellt, Der mich umnachtet deuchte.“

Sie hatten auf ihn gewartet und waren etwas ärgerlich, daß er so lange ausgeblieben war. Und Lore saß im Großvaterstuhl und rührte sich nicht, als er hereinkam. War sie böse? Daran hatte er gar nicht gedacht, er wollte ihr sein ganzes, volles Herz bringen, das hatte ihm zuletzt die Schritte beflügelt. Da sah sie auf und sah ihn an und wollte irgend etwas Gekränktes sagen und blieb staunend still. So rein und schön war der Glanz seiner Augen und so still und fest seine ganze Haltung, so sehr leuchtete ihr seine hohe Liebe entgegen und dann noch etwas, das sie nicht kannte, etwas Sieghaftes, Heiliges.

„Komm,“ sagte er. „Ich muß morgen früh abreisen, wir haben nur den einen Abend. Komm mit mir in meine Kammer herauf, in der ich mit vierzehn Jahren schlief. Nein, sag nichts, ich muß dir viel erzählen.“

Da führte er sie an der Hand aus der Stube und die Treppen hinauf bis unters Dach, und die Zurückbleibenden schüttelten ratlos die Köpfe: „Was hat er jetzt wieder? Ist das ein närrischer Mensch.“ Und ratschlagten, ob denn jemals etwas aus ihm werde, und fanden große Beruhigung in der Erkenntnis, daß „so etwas“ sonst nicht in der Ehrenspergersfamilie daheim sei, — wenn er aber nur nichts Ungutes von seiner Mutter geerbt habe.

** *

Sie war viel hin- und hergezogen worden, so lang er fern war. Etwas, das Beste in ihr, das strebte nach ihm, das kam zur Entfaltung in der Gemeinschaft mit ihm, in seiner Liebe, und in dem Willen, mit ihm in seiner Welt zu leben.

Aber da war so viel anderes daneben. In ihr selbst und in ihrer Umgebung. Nun saß sie neben ihm, auf der Kiste, die er sich einst zu einem Sofa geträumt hatte. Das alte bunte Umschlagtuch seiner Mutter lag noch darüber ausgebreitet von lang her. Sie sah zu ihm auf mit erstaunten Augen. Was hatte er nur? Da war nichts zu kritteln und zu tadeln, er stand sicher und hoch in einer reinen, schönen Welt.

Und ohne den Druck und die Unsicherheit des Nachmittags fing er an, ihr von seinem Werk zu erzählen, das ihm jetzt wie ein Ganzes vor der Seele stand, ja, das ihm innerlich fertig zu sein schien, so gewaltig tönte es.

„Könnt’ ich dich nur dazu hineinhorchen lassen, Lore. Das wär das Beste. Denn mit Worten ist es schwer zu sagen. Aber dennoch. Also du weißt: Da geht einer aus und will das schönste Lied suchen. Ein Geiger. Er hat es im Traum gehört, jetzt läßt es ihn nicht mehr los, er muß es wieder haben. Zuerst hört man den Traum, das fängt ganz fein an mit Streichinstrumenten die tragen eine Melodie wie auf Fittichen. Dann will es eine einzelne Geige nachbilden, das ist immer er; aber es tönt ihm anders, nicht so, wie er es gehört hat. Dann geht er auf die Wanderung und sucht immer. Da kommen Vogelstimmen, Wasserwellen, Winde, Gewitterstürme. Überall ist ein bißchen davon drin, aber nur da ein Ton und dort einer. Und immer wieder die Geige, die ihn festhalten will, und immer wieder bricht sie ab und verstummt, weil da so viel anderes hereinklingt. Und er merkt, daß er in der Natur allein das Lied, das ganze nicht findet, und er geht unter die Menschen und will das ganze, reiche Leben kennen lernen. Da muß es doch irgendwo tönen. Da — da müßten eigentlich Chöre hinein, ich weiß noch nicht, — sind spielende Kinder, und singen junge Burschen und Mädchen, weißt du, Lore, nach Hinkelsbach zu am Sonntag nachmittag, und er spielt ihnen zum Tanz auf, und erschrickt, denn er hat auf einmal die Melodie vergessen, die immer auf dem Grund seiner Seele war. Und zieht weiter und im Alleinsein fängt sie wieder an zu tönen.

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