Zweites Buch (continued 2)
Reading edition
Sie ging ans Fenster und sah auf die Neckarbrücke hinunter und wandte sich wieder um und lachte. Und dann horchte sie mit etwas vorgeneigtem Kopf nach der Ladentür hin. Dort klingelte es. Die Mutter ließ jemand hinaus, und gleich darauf wurde eine Männerstimme hörbar. „Fräulein Lore drin?“, und dann trat ein junger Mann ins Zimmer. Er trug die Farben eines vornehmen Korps, war hoch und breit gewachsen und hatte ein kluges, scharfes, herrisches Gesicht. Sein Hund kam hinter ihm drein, eine hohe, gelbe Dogge. Sie ließ sich zu Lores Füßen nieder und stieß einen winselnden Laut aus. Über Lores Gesicht flog ein feines Rot, als der Ankömmling einen großen Blick auf sie und dann einen auf Georg warf.
„Das ist ein Kindheitsgespiele von mir,“ sagte sie, und bemühte sich, leichthin zu reden. „Wir haben miteinander Kirschen von den Bäumen gebrochen, und haben miteinander Märchen erzählt bekommen. Heut’ seh’n wir uns zum erstenmal wieder. Das ist jetzt acht Jahre her. Nun staunt er, daß ich gewachsen sei.“
Aber sie sprach nicht so sicher und harmlos, wie zuvor. Die Augen des Neuangekommenen lagen auf ihr, das machte es wohl.
Der sagte nicht viel.
Als Lore ihren Gast vorstellte, grüßte er gemessen. Dann nahm er einen Schlüssel, der am Haken neben der Tür hing. „Ich habe den meinigen verloren,“ sagte er, „Sie wollen, bitte, einen neuen bestellen. Und dann, gestern Abend fiel das Tintenfaß auf die Tischdecke. Sie ist unbrauchbar geworden. Die neue geht auf meine Rechnung. Komm, Harras.“
Die Dogge erhob sich zögernd. Sie schien es anders gewöhnt zu sein. Da tat ihr Herr einen kurzen Pfiff. Lore warf den Kopf zurück. „Geh,“ sagte sie, und gab dem Hund einen leisen Schlag. Darauf verschwanden beide, der Herr und der Hund, in dem halbdunkeln Flur, und Georg hörte sie die Treppe emporsteigen.
Als er sich nach Lore umsah, war das sieghafte Lachen von ihrem Gesichte verschwunden. Sie stand am Fenster und biß sich auf die Unterlippe. Aber nur einen Augenblick. Dann schnipste sie mit den Fingern. „Komm, wir wollen weiter plaudern; er soll uns nicht drausbringen.“ Aber sie war nicht mehr recht dabei. Georg war auch gestört. „Was ist das für ein Mensch?“ fragte er. „Er scheint kurz angebunden. So ein Herrscher. Ist er immer so?“
„Nein,“ sagte Lore, „er ist nicht immer so.“ Ein verhaltenes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Es ist unser Mieter. Er hat das beste Zimmer und bezahlt es gut.“ Und dann sah sie ihn an und dachte: „Du Kind. Du bist noch ein rechter Junge. Aber ein lieber, guter.“ Und auf ihrem Gesicht gingen Rührung und Spott durcheinander.
Dann kam Frau Maute und entfaltete einen großen Wortreichtum und sagte, daß Georg sich hier fühlen solle wie zu Hause. „Wie zu Hause,“ sagte sie, und sah ihn mütterlich an und nickte ihm ermutigend zu: „Ja, nicht wahr, die Lore? Was sagen Sie zu ihr? Aber das hat sie nicht gestohlen. Ich, als ich jung war.“ „Mutter,“ sagte Lore, und trat mit dem Fuß auf, „draußen ist jemand.“
Da entschwand sie, ohne den Satz zu Ende gesagt zu haben.
Es war eine starke Mischung von angenehmen und unangenehmen Gefühlen, mit denen Georg eine Weile später aus dem Hause trat. Aber die angenehmen überwogen bald.
Wenn das Gertrud wüßte. Wenn sie es sehen könnte. Unmöglich, die Lore zu beschreiben. Schön, er hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, und lieb und natürlich. Hie und da ein bißchen, — wie sollte man’s nennen? Er beschloß, es gar nicht zu nennen, das, was ihm nicht so recht gefiel. Er wußte kein Wort dafür.
„Das ist von der Mutter,“ entschied er. „Solch eine Erziehung, ich danke. Das hätte wahrhaftig schlimmer ausfallen können.“ Er konnte ihr vielleicht auch manches abgewöhnen, wenn sie nun öfters seinen Umgang genoß. So, abgewöhnen? Ja. Er richtete sich hoch auf, als seine Gedanken das fragten. Hatte sie nicht beim Abschied, noch unter der Haustür, gesagt: „Ach, Georg, ich bin anders als Gertrud, ganz anders. Ich glaube, es wäre einiges zu bessern an mir. Du mußt oft kommen. Wir wollen wieder gute Freunde sein. Weißt du noch? Das haben wir damals ausgemacht, im Rektorgarten unter dem Süßapfelbaum.“
Und dazu hatte sie ihn angesehen; es hatte ihn noch nie ein Mensch so angesehen. Georg versuchte sich den Blick vorzustellen, da durchströmte es ihn, warm und lebendig. Ja, also, so sollte es werden: er wollte, — ach, was wollte er alles. Es war ihm so väterlich zu Mute, als ob er der Rektor Cabisius sei; das meinte er selbst.
Er meinte es sehr gut mit Lore, und mit sich selbst, und mit der ganzen Welt. Als er sich dessen versichert hatte, trat er einem alten Herrn, der um eine Ecke bog, wuchtig auf den Fuß, und erschrak so sehr, daß er vergaß, sich zu entschuldigen. Der alte Herr murmelte etwas Ärgerliches vor sich hin, schüttelte den Kopf, und hinkte ein wenig im Weitergehen. Georg kraute sich verlegen im Haar, und drehte sich, als er ihm eine Weile nachgesehen hatte, um, und stieg zu seiner Behausung empor.
** *
Ob es Schicksal oder Neigung war, oder beides: Nun hatte er sich richtig wieder eine Stube in einer engen, winkeligen, alten Gasse gemietet. Er wußte nicht recht zu sagen, wie er dazu gekommen war. Er hatte einen Zettel heraushängen sehen: Zimmer, mit oder ohne Klavier, zu vermieten; auf der Hausstaffel waren zwei rotbackige Kinder gesessen; am Röhrenbrunnen, der vor dem Haus stand und sein Wasser plätschernd in einen Steintrog fallen ließ, war eine frische junge Frau gestanden und hatte sich mit einer raschen, kräftigen Bewegung das volle Wassergefäß auf den Kopf gehoben.
Die Kinder hatten sich ihr links und rechts an die Rockfalten gehängt, als sie ins Haus zurückging. Da war Georg hintendrein gegangen, er wußte nicht recht, warum. Die liebe, kleine Gruppe zog ihn hinter sich drein.
Es war ein Handwerkerhaus. Hinten vom Hof herein scholl eine wackere, arbeitsame Musik: schwere Hämmer, die auf Eichenholz niederfielen, lustige Schlegel, die raschen Taktes auf klingenden Eisenreifen tanzten. Ein Feuerschein flammte hoch auf und erhellte einen Augenblick den schmalen, halbdunklen Hausgang. Draußen schritten ein paar handfeste Gesellen hinter einander drein um ein großes Faß herum, um das sie eben die Reifen legten. Ein Lehrjunge trug eine Schürze voll Hobelspäne herbei und warf sie in das Feuer, das inmitten des werdenden Fasses brannte; es knisterte und stieg kerzengerade in die Höhe.
Georg trat unter die schmale Tür, die nach dem Hofe führte. „Romdibom, der Küfer kommt.“ Ein Kinderreimlein fiel ihm ein, das so anfing. Sie hatten es in Wiblingen oft genug gesungen. Er hatte nicht übel Lust, sogleich damit loszulegen, denn das Bild im Hofe heimelte ihn stark an.
Da kam der Meister aus der Werkstatt in den Hof und auf ihn zu. Ein breiter, hochgewachsener, kräftiger Mann; er hatte die Hemdärmel an den sehnigen Armen hinaufgeschlagen bis über die Ellbogen; im Gurt der blauen Leinwandschürze steckte der eiserne Schlegel, die Mütze saß weit hinten auf dem dunklen, schlichten Haar; ein ernstes, bärtiges Männergesicht sah darunter hervor. Es war eins von den Gesichtern, deren Inhaber man ohne weiteres Geld und guten Namen zur Aufbewahrung anvertrauen würde, gewiß, daß man seinerzeit beides unverkürzt zurück bekäme.
Geradlinig, fest und sicher, und in den Augen etwas, als ob sie mit Kindern fröhlich zu lachen verständen.
Daß das letztere der Fall war, zeigte sich auch sogleich.
Als der Meister auf Georgs Frage, ob bei ihm das betreffende Zimmer zu vermieten sei, mit ihm ins Haus trat, kam aus der Küchentür, hinter der sie vorhin verschwunden war, die junge Frau wieder in den Hausgang, diesmal ein einjähriges Bürschlein auf dem Arm.
Das Kind schien eben erst aus dem Schlaf gekommen zu sein und blinzelte, das Köpfchen gegen die Wange der Mutter lehnend, mit aufwachenden blauen Augen aus dem rosig angeschlafenen Gesichtlein heraus.
„Komm’,“ sagte der Vater und streckte die Arme nach dem kleinen Buben. „Mutter, du solltest dem Herrn das Zimmer zeigen, laß’ mir den Helmle so lang.“
Da hatte er auch schon den kleinen Buben auf dem Arm, und als er ihn emporhob und das Kinderköpfchen an seine bärtige Wange drückte, da brach ein so leuchtender Strahl aus seinen blauen Augen, daß der ganze Mann übersonnt schien.
Und dem „Herrn, der das Zimmer sehen wollte“, war es so, als ob es jedenfalls ein ganz vortreffliches Zimmer sein müsse, das in diesem Haus zu vermieten sei, obgleich er vorher an Neckaraussicht und grüne Wipfel vor den Fenstern gedacht hatte. Daran, am Blick ins Grüne nämlich, fehlte es auch nicht ganz. Die Frau wies mit bescheidenem Stolz auf ein winziges, höchst anspruchsloses Gärtchen, das zwischen Hof, Werkstatt und Nachbarhaus eingeklemmt war und aus einer Bohnenlaube, zwei Beeten mit Küchenkräutern, einer Blumenrabatte, ungefähr zwei Hand breit, und einem alten, hohen, knorrigen Zwetschgenbaum bestand.
Auf dieses Gärtchen gingen die Fenster des Zimmers, das im zweiten Stock lag. Außerdem sah man ein Stück des Hofes mit drei kunstreich gebauten Türmen aus Faßdauben, die Rückseite mehrerer Häuser, eins davon mit einer braunen, verwitterten Holzaltane, ein Stück Stadtkirchenturm, und ein nicht unbeträchtliches Stück blauen Herbsthimmels.
„Die Aussicht hat dem vorigen Herrn gut gefallen und das Zimmer auch,“ sagte die Frau. „Er war auch ein Theologe, und er hat immer gesagt, so sei’s ihm gerade recht: Wenn man nicht so weit herumsehe, bleiben einem die Gedanken näher beieinander zum Studieren.“
Es kam Georg vor, als ob „der vorige Herr“ ein äußerst vernünftiger Mensch gewesen sei. Das war ja freilich die einzig richtige Anschauung. Was ihn selbst betraf, so konnte er froh sein, gerade hierher gekommen zu sein. Das war nun das erste Zimmer, das er ansah und nun stimmte gleich alles so vorzüglich. Er hatte hier in Tübingen Glück, das konnte er gleich zum Anfang sehen. Das Zimmer gefiel ihm, er mochte hinsehen, wo er wollte. Aber das hatte er eigentlich schon unten gewußt.
„Wenn Sie das Klavier geniert,“ sagte die Frau, als sie sah, daß Georgs Augen an dem großen, alten Tafelklavier hängen blieben, „es nimmt ein bißchen viel Platz weg, es ist wahr. Man kann’s im Notfall in eine Kammer stellen. Der vorige Herr hat immer seine Bücher darauf liegen gehabt, und, er hat seltene Pflanzen gesammelt, die hat er auch darauf ausgebreitet. ‚Lassen Sie’s nur,‘ hat er gesagt, ‚so lang der Deckel zu ist, stört mich kein Klavier.‘ Und der Deckel bleibt zu, solang ich hier hause.“
Georg fühlte, wie die Sympathie, die ihn mit dem vorigen Herrn einen Augenblick verbunden hatte, wieder entschwand. Er fand nicht gleich Worte. Was gab es doch für Menschen auf der Welt. Er strich mit der Hand über den Deckel des Klaviers; es war wie eine Abbitte, die er im Namen der Menschheit tat.
„Wir hatten’s bei uns unten stehen,“ sagte die Frau. „Aber seit ein Kinderbettchen ums andere kommt, fehlt’s am Platz. Es ist von meinem Schwiegervater her noch da. Der war blind, zwanzig Jahr lang und ist auch blind gestorben. Aber spielen hat er können; alle Leut sind stehen geblieben auf der Gasse, wenn er gespielt hat.“
Jetzt kam der neue Herr auch zur Sprache. Sie kam ein bißchen schroff heraus; das machte die Wichtigkeit des Augenblicks und die innere Erregung.
„Bei mir liegt nichts auf dem Deckel,“ sagte er. „Ich kann nicht begreifen, wie man das einem Klavier antun kann. Ich mache Musik darauf; dazu ist es doch wohl auf der Welt. Wenn Sie das nicht wollen, so sagen Sie’s mir gleich. Dann ziehe ich anderswo hin.“
Aber so war es nicht gemeint gewesen.
Nein, behüte, der Herr könne ruhig spielen, so viel er wolle. Das werde den Mann freuen, wenn er es erfahre. Wenn er hie und da ein Fenster offen lassen wolle, daß man es unten höre.
Es ging eine stolze Freude über ihr frisches, offenes Gesicht: „mein Mann, der macht auch Musik. Er hat eine Geige. Er hat einmal Schulmeister werden wollen. Da ist sein Vater blind geworden und er hat das Geschäft übernehmen müssen. Eine Stimme hat er, man könnt’ ihn auf die Orgel brauchen zum Vorsingen. Mit der Geige will’s nicht recht. Er hat schwere Hände bekommen von der Arbeit. Aber wenn er dazu singt, dann tut’s doch schön.“
Diese Mitteilung hatte gerade noch gefehlt um in Georg Ehrensperger das Bewußtsein zu erwecken, er sei in das einzig richtige und mögliche Haus eingezogen; ja, es war ihm, als habe er sich gewissermaßen in einen Familienschoß gesetzt, so wohl gefielen ihm die Leute und ihr Haus und die Stube, die sie ihm darin abtraten; aber der Mann am meisten.
Und als die Frau hinunterging, um das Helmle wieder aus den väterlichen Armen zu nehmen und dem Mann zu erzählen, daß man wieder einen Herrn habe und was für einen, da verriegelte dieser Herr oben seine Tür, und tat einen Blick aus dem Fenster, ob ihm auch niemand zusehe, und machte einen Spaziergang, zweimal um den Tisch herum, auf den Händen, und streckte seine langen Beine hoch in die Luft vor Vergnügen.
Sechstes Kapitel
Das war im Herbst geschehen, jetzt war Frühling. — Eine weiche, laue Nacht, eine Nacht, in der man deutlich wahrnehmen konnte, wie sich die erwachenden Kräfte in der Natur regten. Es wehte in den Bäumen, es rieselte in den schmalen Rinnsalen, die sich von der Höhe des waldigen Berges in die Weinberge und Obstgärten verloren, von frischen Wässerlein, die zu Tale strebten, es raschelte und pochte überall leise und geheimnisvoll. War es der Pulsschlag der neuerwachten Erde? Hörte man den Saft in die Bäume steigen? Hörte man die Knospen schwellen und springen?
Unten im Tale lag die Stadt im Schein ihrer vielen Lichter. Viel Leben barg sie und viel Menschenschicksal. Hier oben auf dem Berg sah man beides: die Lichter unten und die Lichter oben, die schweigend ihre hohen leuchtenden Pfade hinzogen.
Georg Ehrensperger trat aus dem Wald, da wo am Eingang die alte, rissige Eiche steht mit den vielen eingeschnittenen Namen. Er hatte einen weiten, einsamen Spaziergang gemacht, nun stand er still, legte die Mütze auf die Steinbank unter der Eiche und sah hinauf und hinunter.
Das Wehen in den Bäumen war stärker geworden. Große, schweigende Wolkengebilde glitten über die Sterne hin; immer mehr wurden ihrer, von allen Seiten sammelten sie sich und wurden ein Heer. Westwind flog voraus; er war der Rufer und trieb sie zusammen: „Auf und schließt euch aneinander. Die Milchstraße entlang, nein, breiter und weiter dehnt euch. Um Mitternacht fängt es an zu regnen. Wißt ihr nicht, daß Frühling ist? Wißt ihr nicht, daß die Erde blühen will? Viel ist zu tun; in wenigen Tagen muß alles weiß und grün sein.“
Es war so recht eine Nacht, da es sich in einem jungen Blut regen konnte von treibenden, frischen Kräften: „Auf die Riegel! Ich fange an, jung zu werden, ich fange an zu erwachen, Frau Welt! Alles Große und Schöne gedenke ich mitzuerleben.“
Es geschah nicht oft zu dieser Zeit, daß Georg Ehrensperger allein die Welt durchstreifte. Er drückte damals seine Neigung zu beschaulicher Träumerei und einsamem Wandel in eine Ecke seines Wesens hinunter. Dort spuckte sie zuweilen umher; wenn er über den Büchern saß in seiner Stube, die bei ihm trotz der schmalen Aussicht die Gedanken nicht zusammenhielt, oder noch mehr, wenn er am Klavier saß, das ein besseres war, als das der Frau Mollenkopf. Dann hatte er eine Welt für sich, in der er mit sich selber hauste, oder mit denen, die er in Gedanken zu sich einlud. Das war ein schönes Dabeisein. Aber es dauerte nie lange. Denn die wirkliche Welt griff da hinein. Unten auf der Straße pfiff es, oder es polterte die Treppe herauf, und junge, kräftige Gestalten traten zu ihm ins Zimmer. So war es gestern gewesen.
„Da sitzt er wieder, wie der Dachs im Bau. Auf und heraus. Eine Nacht zum Ausfliegen. Musik machen, das kannst du im Waldhörnle, wir wollen singen und du begleitest. Mach dich nützlich, Mensch. Was? dableiben? du bist ein Höhlenbär.“
Das waren die Bundesbrüder. Er war ja nun richtig in eine Verbindung eingetreten. Und es war richtig die des Rektors Cabisius. Die Jugend wollte ihr Teil an ihm.
Aber heute war heut. Es konnte ihn suchen, wer wollte, Georg streifte da oben herum und hatte mit sich selbst zu tun. Er war nicht recht bei sich selbst zu Hause und, — da hatte der Rektor Cabisius recht gehabt, — wenn er das nicht war, konnte er nicht mit den andern gehen. Er hatte nicht die Gabe, sich über etwas hinwegzusetzen.
Da war erstens die Theologie, die anfing, ihn böslich zu bedrücken. Er fühlte, daß sie etwas von ihm wollte und daß er sich einmal mit ihr auseinander zu setzen habe. Und er empfand ein Unbehagen dabei. Wie würde es damit ausfallen? Indessen konnte man das immer noch ein wenig verschieben und inzwischen etwas anderes in den Vordergrund stellen. Vielleicht machte es sich dann irgendwie. Ader da stand noch etwas anderes bereits im Vordergrund und ließ sich nur schwer von da vertreiben. Das hing mit Lore zusammen. Es ging schon längst nicht mehr so väterlich zu in seinem Gefühls- und Gedankenhaushalt, wie im Herbst. Es war nicht ohne Bedeutung gewesen, daß er dazumal den alten Herrn auf den Fuß getreten hatte, gerade als er in Gedanken Lorens nachträgliche Erziehung in die Hand nahm. Er konnte sich das Nachdenken darüber schenken. Es wurde ja doch nichts daraus. In einiger Hinsicht erzog sie ihn. Das konnte ja nichts schaden. Aber wenn er den Stiel umkehren wollte, erging es ihm mißlich.
Er war eines Tages bei ihr angekommen, etwas bedrückt und unsicher, und hatte ihr auf Befragen gesagt, daß er an der Tanzstunde der Verbindung teilnehmen sollte und daß es ihm ängstlich sei, ob er so ein Mädchen richtig anzufassen wisse. Da hatte sie seine Bedenken weggelacht: „Komm, ich lehre dich, wie du’s machen mußt.“ Sie hatten den Tisch auf die Seite gerückt und hatten in der Ladenstube getanzt, bis sie außer Atem waren.
Da war er etwas sicherer geworden.
Manchmal, wenn sie ihm gegenüber saß an dem Fenster, das nach dem Neckar ging, und irgend etwas Zierliches nähte, stand sie plötzlich auf und hatte einen hausmütterlich-gestrengen Zug im Gesicht, holte eine Bürste und bürstete ihm die Kleider: „Du siehst auch gar nicht auf dich, Georg. Du mußt dich immer im Spiegel besehen, eh’ du ausgehst. Hier ist auch ein Knopf locker, den muß ich dir annähen, komm.“
Solchergestalt übte sie schwesterlich-frauenhafte Zucht an seinem äußeren Menschen.
Da gedachte auch er das seinige an ihr zu tun, und versuchte, ihren Geist zu speisen, und wollte es machen, wie mit Gertrud, der er alles bringen konnte, seine Bücher, seine Musik, und seine Gedanken. Und er brachte eines schönen Nachmittags die Edda mit und wollte ihr die alten, schönen Sagen und Lieder vorlesen. Da hielt sie sich die Ohren zu: „Liebster Georg, das ist nichts für mich. Mit so etwas mußt du mich verschonen. Ich bin ein kleines, dummes Ding, das bin ich immer gewesen.“
Er wollte sich ärgern, aber es gelang nicht so recht. Sie sah ihn so an, daß er es nicht konnte.
„So, jetzt gefällst du mir,“ sagte sie, als sie sah, daß Georg sein Gesicht wieder glättete, das einen Augenblick verdrießlich ausgesehen hatte. Sie strich ihm mit dem Zeigfinger über die Stirn. Dort war zuweilen eine kurze, gerade Falte, mitten zwischen den Brauen, zu sehen. Das war, wenn er gern ein wenig pädagogisch sein wollte. Da mußte er lachen, als sie ihm die Falte glättete. Wie konnte sie etwas anderes sein, als sie nun eben war? Sie war etwas sehr Reizendes, konnte er sie nicht in Ruhe lassen? Da hatte das Bildungsbestreben wieder ein Ende.
Aber das war noch nicht schlimm. Schlimm war, daß ihre Stimmung gegen ihn umsprang, wie bei Mondwechsel das Wetter umspringt.
Oft war sie lieb und freundlich, und saß, wenn es dämmern wollte, auf dem breiten Fenstersims, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sang ein Volksliedchen, mit halber Stimme, als ob sie die traulichen Geister der Dämmerung nicht verscheuchen wollte. Da kam es ihm, der ihr zuhörte, vor, als ob es nichts so unsäglich liebliches mehr gebe, nirgends und niemals wieder.
Und hie und da war sie kurz und etwas schnippisch, und hie und da sonderbar aufgeregt.
„Sie ist in zu vielerlei Händen,“ entschied er, „und nicht in den allerbesten. Ich sollte sie allein zu beeinflussen haben.“
Wie ein feiner Erzieher kam er sich vor. Er konnte es sich schön ausmalen, wie es wäre — wenn es anders wäre. Es kam nur nichts dabei heraus, als daß er viel zu viel an sie dachte und viel zu oft hinging und viel zu unruhig dabei war.
Oft faßte es ihn: wenn ich das alles Gertrud erzählen könnte! Sie war so fest und gleichmäßig und klar. Aber das konnte er jetzt nicht. Wenn er heimkam, dann.
Da hatte er es nun alles hier heraufgetragen. Es wurde einem frei und weit zu Mute in dem starken, frischen Wehen. Es war ja doch viel mehr in der Welt, das des Erlebens wert war, als das: sich in einem so unruhigen, krausen Mädchensinn zurechtzufinden.
Er sang ein Lied in den Wind hinein: „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd; ins Feld, in die Freiheit gezogen.“ Und dann wurde er plötzlich still und horchte.
Wie hatte ihm der alte Hollermann schreiben lassen?
„Wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und horchen.“ Sang da irgendwo sein Flötenton?: „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ War ringsum alles mit einer Stimme begabt?
Das mußte man ja alles in Tönen sagen können: Das eigene, klopfende, drängende Leben floß mit dem Leben ringsumher zusammen. Saß da innen, tief im Wald der große Alte an der Orgel und spielte sie? Er zog ein Register ums andere; breite, volle, tiefe Akkorde strömten über die Baumwipfel hin. Man mußte sie festhalten können; horch — die Wässerlein sangen dazu, wie dünne, helle Kinderstimmen rieselten sie durch die großen Töne hindurch, und hie und da lachte eins plätschernd auf. Und eins schluchzte auch im Niederfallen. Das mußte so allein in die Nacht und in die Fremde hinaus.
„Das muß ich auch, du.“ Georg blieb stehen und horchte, hinaus und in sich hinein. Hätte er Meister Riedels, seines Hauswirts, Geige bei sich gehabt. Mit der hatte er sich im Lauf des Winters angefreundet, mit ihr und mit dem Meister. Nun sehnte er sich, sie im Arm zu haben. Das konnte man alles spielen. Alle die unruhigen, klopfenden Untertöne, die durch ihn selbst hindurchgingen und die er auch außer sich zu vernehmen glaubte, alles das kleine Lachen und Plätschern und Schluchzen, alles das Schweigen, das über dem Tal lag und aus dem doch hie und da ein Ton hervorbrach, wie von einer verhaltenen Unruhe, alles das mußte man spielen können, um es dann in der großen, breiten Harmonie untergehen zu lassen, die aus der Waldorgel strömte. Wie die tausend kleinen Wolken am Himmel nun ein großer, schweigender Heereszug geworden waren, ohne Unruhe und Hast, großen, gemeinsamen Lebens voll.
Da nahm er die Mütze in die Hand und fing an zu laufen. Und stand wieder still, und horchte, und sann, und fing wieder an zu laufen, bis er an die Stadt kam.
Dort war noch Leben und Bewegung; es war noch nicht so spät. Dort oben war es still gewesen.
Er aber ging durch die Gassen wie ein Nachtwandler und horchte nur auf das, was in ihm selber war. Da pfiff ihm einer dazwischen, unrein und schrill. „Von allen den Mädchen so blink und so blank gefällt mir am besten die Lore.“
Er kam die Straße herauf und mußte an Georg vorbei. Langsam ging er, die Hände in den Taschen, und pfiff immer von neuem die gleichen Takte. Wollte es kein Ende nehmen? Es war zum Verzweifeln. Was ging den Kerl die Lore an? Was hatte er zu pfeifen? Und so zu pfeifen?
Und Georg konnte nicht sagen: still, Mensch. Er hatte die Straße nicht gepachtet. So, endlich bog der Störenfried in eine Seitengasse ein.
Aber das war zu spät. Es war, als ob ein großer, frecher Spatz, den dicken Kopf voran, durch ein feines, zierlich aufgespanntes Spinnennetz gefahren wäre und sich nicht darnach umsähe, daß das Spinnlein nun erschreckt in einer Ecke sitze, und die zerrissenen Fäden im Winde hingen. Denn auch hier waren die Fäden zerrissen. Da ging Georg Ehrensperger still und bedrückt weiter, und nach einer Weile stampfte er aus einem machtlosen, inneren Grimm mit dem Fuß auf. Aber das half nichts. Er versuchte, die Fäden wieder anzuknüpfen, und als es ihm nicht gelang, und er gerade in der Nähe der Neckargasse war, beschloß er, sich auf einen Augenblick an Lorens Anblick neu zu begeistern. Er hatte gestern ein schönes Dämmerweilchen mit ihr erlebt. Es war noch nicht zu spät, sie heute zu grüßen.
Im Laden brannte noch eine kleine, stark zurückgedrehte Gasflamme; die Ladentür war angelehnt. Frau Maute mochte irgendwo einen kleinen Schwatz mit einer Nachbarin halten. Da kam Georg ungehört zur Tür der Ladenstube.
Das kleine Fenster in der Tür war mit einem leichten Vorhang verhüllt, und hinter dem Vorhang webten ein paar Schatten hin und her. Gedämpfte Stimmen, ein leises Mädchenlachen, dann sahen die Schatten aus, als ob sie sich zusammenschlössen.
Georg klopfte. Innen knurrte die Dogge. Ein Hin- und Herhuschen, eine Pause, dann öffnete Lore. „Ach, du bist’s. Es war mir doch, als ob es klopfte. Hat die Tür nicht geschellt? Wo ist die Mutter?“ Sie sah erhitzt aus; das Haar lag ihr lose und etwas zerzaust um das Gesicht; die Augen funkelten.
„Kommst du herein?“ fragte Lore. Sie fragte es kurz und etwas verlegen. Da sah er sie erstaunt an. War sie das? Sie war ein anderes Mädchen als gestern. Drinnen lag die Dogge auf dem Boden; sie sträubte sich und knurrte. Am Fenster stand ihr Herr. Er hatte die Arme auf dem Rücken; er sah aus, als ob er die kleine Stube fülle, so hoch und mächtig war seine Gestalt und so blitzten seine Augen. Georg fand keinen Platz für sich hier drinnen. Er setzte sich, aber er wußte nichts zu sagen; es war ihm eng und schwül. Wäre er doch nicht hier hereingekommen. Wäre er doch nur zuhause. Denn wo flohen nun seine Töne hin? Er hatte sie hier neu anknüpfen wollen.
Da fing Lore an, mit dem Hund zu spielen. Er legte ihr die Tatzen auf die Schultern und leckte ihr die Hände. Und sie schwatzte mit ihm und ihre lachenden Augen gingen zwischen dem Herrn und dem Hund hin und her und streiften zuweilen Georg, der etwas im Schatten saß: „so mach’ doch ein anderes Gesicht, Schulmeister. Du bist ein Schulmeister, ja, aber ich lasse mich nicht von dir kritisieren. Gestern? Ja das war gestern. Aber heute ist heut.“
Georg hatte die bekannte Falte zwischen den Brauen und sein Gesicht mochte ihr einige Mißbilligung dessen, was er sah, ausdrücken. Es war ein unbehagliches Dabeisein. Der hochgewachsene Mensch am Fenster sah so erdrückend auf Georg, der schmal gebaut und unsicheren Wesens und ganz und gar kein Ellbogenmensch war.
Er drückte ihn durch sein bloßes Dabeisein zur Türe hinaus. Da erhob er sich und nahm Abschied. „Gute Nacht, Lore.“ Sie blieb mitten in der Stube stehen und es war Georg, als fliege es wie Spott über ihr schönes Gesicht, und als höre er die tiefe Stimme des Hausgenossen noch lachen, als er schon vor dem Haus war, über ihn lachen.
Vor dem Haus begegnete ihm Frau Maute.
Sie trug einen großgeblumten Morgenrock ohne Gürtel und sah wie immer ein wenig theatralisch aus. Der Aufschwung war nicht besonders hoch gegangen. Aber das war ja auch nicht zu erwarten gewesen.
„Ja, nicht wahr, die Lore,“ sagte sie, als Georg mit kurzem Gruß an ihr vorübergehen wollte. „Hi, hi.“ So lachte sie. Es war, als ob sie einen Refrain lache zu dem Lachen, das er eben da drinnen verlassen hatte. „Nicht wahr, die Lore? Das ist ein Mädchen. Sie ist etwas verwöhnt; das ist sie. Aber man muß sie machen lassen. Hi, hi.“
Da stürmte er voran, daß sie ihm kopfschüttelnd nachsah und beschloß, mit der Lore zu reden, obgleich das eine keineswegs leichte Sache war. Es mußte doch sein. Denn der junge Mann hatte allerlei gute und solide Eigenschaften an sich. Und obgleich Frau Maute nicht gerade das war, was man gewöhnlich mit solid bezeichnet, so wußte sie es doch zu schätzen, wenn andere es waren.
Ein Brief von Gertrud. Er lag auf dem Klavier, als Georg seine Stube betrat.
Als Georg ihn sah, wurde ihm schon freier und ruhiger zu Mute. Und während er ihn las, trat das Mädchen neben ihn in seiner klugen, warmen, einfachen Art und faßte seine Hand: „Ganz verstört bist du? ganz verwettert? Ach, das ist alles nicht so arg. Nun setz’ dich ans Klavier und spiele. Angefangen. Das kommt alles wieder, das ist nur ein bißchen verscheucht. Siehst du? Hier setze ich mich hin und horche. Ich bin dein guter Kamerad. Das bin ich.“
„Gertrud.“ Er sagte es laut vor sich hin. Dann las er den Brief zum zweiten mal. Die einfachen, kleinen Erlebnisse aus der Welt seiner Kindheit kamen ihm vor wie lauter sonn- und festtägliche Bilder. War es noch lang, bis er nach Hause konnte?
Es kam ein Drang über ihn. Was sollte er hier?
Da setzte er sich ans Klavier, und sah auf den Stuhl am Fenster, ob Gertrud dort sitze, und es war ihm, als ob alle verscheuchten, zerflatterten Geister und Geistchen wieder zutraulich wurden und ihre Stimmen hergäben. Es war alles still, im Hause und rings umher. Er aber saß und hielt aufs neue fest, was der nächtliche Spitzberg ihm geschenkt hatte, und spielte, und stand nach einer Weile auf und holte die Geige, die im Kasten auf seinem Tisch lag. Ja, nun hörte er alles wieder; ganz voll Musik war seine Seele, und er war selig und unselig zu gleicher Zeit. Denn er hörte es deutlich in sich; das war das Schöne; und er konnte es nicht so hervorbringen, wie er wollte; das war das Schwere. Es mußte für Klavier und Geige zusammen werden, die beiden miteinander mußten es singen können. Und er holte sein Notizbuch und legte es neben Gertruds Brief auf den Tisch, als ob der ihm helfen sollte, und schrieb auf, was sich ihm in eine Form fügen wollte. Und bald war er so froh, als ob er an der Weltschöpfung Teil habe, und bald legte er den Kopf auf die Geige und wollte es aufgeben, etwas aus ihr herauszuholen, so verzagt war er.
Da knarrte es auf der Stiege von behutsamen Tritten und dann trat nach vorsichtigem Klopfen Meister Riedel ins Zimmer. Er trug seine stramingenähten Hausschuhe in der Hand und schlüpfte erst im Zimmer behutsam hinein.
„Ich hab’ noch kommen müssen und es melden,“ sagte er, und seine Augen strahlten. „Er ist da. Der Bub’ ist da. Ich hab’ gehört, daß Sie noch auf sind und Musik machen.“
Georg war noch nicht so recht an der Weltoberfläche angelangt, er mußte sein Bewußtsein zusammen sammeln. „Was für ein Bub?“ fragte er. „Wer ist angekommen?“ Es war ihm, als ob er es wissen sollte, aber es fiel ihm nicht gleich ein.
„Unserer.“ Der Meister lachte. „Nummer fünf. Heißt das, wenn man die drei Mädchen mitzählt. Soeben angekommen; er ist ein Prachtskerl.“
Ja, nun war Georg wieder auf dem Laufenden.
„Das ist ja fein,“ sagte er. „Einfach: da ist er. In der Welt drin. Wie soll er denn heißen? Feierlich schalle der Jubelgesang!“
„Bst,“ sagte der glückliche Vater. „Ich glaube, es wird besser sein, wenn wir den morgen anstimmen. Den Jubelgesang nämlich. Die Frau wird schlafen wollen. Wie er heißen soll? Friedrich, denk’ ich. So hat mein Vater geheißen. Wenn er wird, wie der, kann mir’s recht sein.“
Georg nickte einverstanden. Er kannte den blinden alten Mann gut vom Hörensagen.
„Dann kriegt er einmal die Geige?“ sagte er. „Dann darf er wohl das alles lernen?“
„Natürlich. Das ist abgemacht. Der Helmle kommt ins Geschäft, und der Friedrich, der —“, der Vater machte eine Handbewegung, als ob er damit dem Friedrich die ganze noch übrige Welt zuspräche.
Georg tat einen tiefen Atemzug, und dann sahen sie alle beide verlangend nach dem offenen Klavier.
„Die Schwägerin schläft bei der Frau,“ sagte der Meister. „Ich bin ausquartiert. Da oben, in der Kammer nebenan ist mein Bett. Ich mag aber noch nicht hinein. Es ist doch etwas Besonderes. Wenn da auf einmal etwas lebendig wird. Das ist vorher nicht dagewesen. Und das gehört so zu einem. Es ist mir jedesmal so, wenn eins kommt, ein Kind. Es dreht einen um und um. Hören Sie’s?“
Es drang ein dünner, heller Ton in die Stille herauf.
„Das ist er.“ Sie horchten beide.
„Mir geht’s auch so,“ sagte Georg. „Daß ich nämlich noch nicht ins Bett mag. Bei mit geht auch etwas um, das lebendig werden will. Ich hab’ etwas komponieren wollen, etwas Wunderschönes. Droben auf dem Spitzberg hab’ ich’s gefunden. Aber ich kann’s nicht recht loskriegen. Stückweise, ja; einmal auf dem Klavier und einmal auf der Geige, aber es hat keine rechten Zusammenhänge. Hier, in mir drin, da hab’ ich’s.“ Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. „Da tönt alles miteinander. Nein, ich geh’ noch nicht ins Bett. Ich spränge ja doch wieder heraus und finge von vornen an.“
„Wissen Sie was?“ Meister Riedel machte ein vergnügtes Gesicht über einen guten Einfall, der ihm kam.
„Da oben ist’s nichts mehr. Es geht stark auf ein Uhr. So späte Wiegenlieder sind nicht so passend. Wir geh’n in den Keller. In den kleinen, hinteren Weinkeller. Dort setz’ ich mich auf ein Faßlager und höre zu und Sie spielen sich’s vom Herzen herunter. Da wird’s dann schon kommen. Vorsichtig, leise. Die Treppe knarrt bei jedem Tritt, sie ist alt, wie das ganze Haus. Morgen früh wird die Frau schelten; es kann nichts im Hause vor sich gehen, ohne daß sie es hört. Aber so sind die Frauen. Was sie nicht sehen, das hören sie; was sie nicht hören, das ahnen sie sonstwie.“
Da stiegen sie in Strümpfen die Treppe hinunter und bargen sich und ihre wachen Lebensgeister im Keller.
An einem Drahthaken von dem runden Deckengewölbe herunter hing schaukelnd und schwebend eine Ampel, die warf rötliche, flackernde Lichter durch den dunklen Raum. Zwischen zwei braven, bauchigen Fässern saß der Meister auf dem Faßlager, stützte beide Ellbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände. Gluck, gluck, gluck fiel es in eintönigem, hellem Tropfenfall irgendwo in einer Ecke aus einem hochgestellten Gefäß in ein niedriges. Sie horchten beide eine Weile darnach hin. Immer der eine Tropfen; sonst tiefe Stille.
Da, in dieser mitternächtigen Stunde und vor dem viel älteren Mann, zu dem ihn ein Gefühl von Freundschaft und Vertrauen hinzog, weil er gleich ihm sinnig und nachdenklich war und zu den Horchenden gehörte, da wuchs Georg Ehrensperger der Mut aufs neue. Und er stand unter der schwebenden Ampel und hielt die Geige im Arm und spielte. Meister Riedel sah mit warmen, freundlichen Blicken auf den jungen Mann, der während des Spielens glänzende Augen bekam, und nickte ihm zu und sagte in einer Pause still und bedächtig: „Das ist, als ob Sie mir das alles erzählen und als ob ich es ganz verstände.“ Und fing an, langsam und die Worte zusammensuchend, zu reden: „Ich weiß nicht, wie es den andern geht damit. Sie sagen: Musik ist Musik. Tönen muß das und klingen. Ich meine: Reden muß es. Alles das, wofür es keine Worte gibt und will einen doch auseinanderdrücken, das kann man so sagen. Ganz von unten herauf. Mein Vater, der schwere Sorgen hatte, und nach und nach blind wurde und oft einherging, den Kopf und die Schultern gebückt wie unter einer Last, der setzte sich oft im Dämmer, wenn er sich allein glaubte, ans Klavier. Und was er sonst niemanden sagte, das tat er da von sich. Zuerst war es lauter Jammer, als ihm nach und nach das Licht seiner Augen erlosch, und dann fand er den Weg zu einem Choral: ‚Wenn wir in höchsten Nöten sein,‘ oder ‚Befiehl du deine Wege.‘ Und ich stand manchmal in einer Ecke und horchte und meinte, ich kenne ihn erst jetzt. Später, als er still und friedlich seine letzten Jahre hinlebte, da hat er auch noch heitere und freundliche Töne gefunden. Als unser erstes Kind zur Welt kam, die Lene, da hat er nichts gesagt, sondern hat nur so still für sich hingelächelt, und dann hat er ein Lied gespielt, das tat wie ein Schlaflied, ganz zart und fein. Aber auf einmal hat das aufgehört, da hat es aus dem Klavier herausgewettert, wie wenn einer einen Juchzer unterdrücken will und kann nicht mehr und muß hinaussingen; und nachher ist ihm der Schmerz dreingekommen: daß er es nicht sehen kann, das Kind nämlich.
Und sehen Sie, Herr Ehrensperger, alles das, was einer gern in seinem Leben drin hätte und hat’s nicht und muß sich danach sehnen und kann’s niemand sagen, das, mein’ ich, das sollte man auf so einem Instrument sagen können. Ich kann’s nicht; wenn’s mich packt und ich will’s probieren, dann bringen’s meine schweren Hände nicht heraus. Oder fehlt es sonstwo. Aber wenn einer ein rechter Musiker wäre, und er wüßte von allem Schmerz und von aller Freude der Menschen, und hätte den Glauben, daß da etwas dahinter steckt, hinter dem Leben, etwas, das man nicht sehen kann, etwas Großes, Schönes, das zu uns gehört, dann — dann müßte es sein, wie eine Predigt, was er spielt.
Ich kann’s nicht so sagen, wie ich’s meine.“ Er lächelte ein wenig verlegen, daß er so viel gesagt hatte, da er am hellen Tageslicht eher ein schweigsamer Mann war.
„Ich red’, wie ich’s versteh. Ich hab’ noch nicht viel ganz rechte Musik gehört. Ein paar mal in meinem Leben. Das vergeß ich nie. So alt ich werd’, vergeß’ ich’s nicht. Aber ich mein’, ich spür’s, wie es sein müsse und wie nicht, und ob’s von unten herauf kommt. Man spürt’s ja den Leuten auch an, ob sie fromm sind und recht und ehrlich, oder ob sie nur so daherreden.“
Da stand er auf und holte ein Glas aus einer Mauernische und füllte es mit einem braven, roten Wein, der war bei Stetten im Remstal gewachsen, und bot es seinem jungen Genossen. Der tat einen tiefen Zug daraus, und sah den Meister an und mußte ihn liebhaben, und fand auch das Wort, ihm von seinem jungen Leben und von seinen Freuden und Unruhen und von seinen Wünschen und Träumen zu erzählen.
Darauf trank auch der Meister und füllte das Glas aufs neue. Da tranken sie umschichtig aufs Wohlsein aller, die zu ihnen gehörten und auf ihr eigenes, und auf das Gedeihen aller schönen Lebensplane und spürten mit der Zeit die freundlichen Geister des Remstälers, der ihnen mutmachend und siegverheißend durch die Adern strömte, besonders dem Jüngeren. Zuletzt nach allen tranken sie auch aufs Wohlsein der Lore, nachdem sie miteinander beredet hatten, daß so „die meisten jungen Mädchen“ seien. Es tat nichts zur Sache, daß sie beide nicht viele junge Mädchen kannten, es war doch ein beruhigender Schluß.
Und nach einiger Zeit nahm auch der Meister die Geige und spielte ein paar schöne, alte Volkslieder: „Es war ein Markgraf überm Rhein,“ und „Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie“.
Sie sangen auch dazu, daß das Gewölbe widerhallte, der Meister mit einer schönen, tiefen Baßstimme. Droben schlief die Welt; hier unten war waches Leben.
Als es auf der Stadtkirche vier Uhr schlug, spuckte und knisterte die Ampel und wollte erlöschen. Da hoben sie das Gelage auf und suchten beim letzten Flackerschein den Ausgang und erstiegen die Treppen. Und es war nun eher als beim Abstieg zu fürchten, daß die hellhörige Frau ihr Teil zu denken bekomme. Denn allzu leicht waren ihre Tritte nun nicht mehr.
Es bleibt über das Schicksal der beiden Neugeborenen dieses Abends noch zu sagen, daß Meister Riedels Sohn nach drei Wochen richtig Friedrich getauft wurde und daß er jetzt in einer Präparandenanstalt für künftige Schullehrer ist und ihm also die Welt offen steht, wenn auch nicht ganz so unumschränkt, wie sein Vater damals andeutete. Und daß Georg Ehrensperger in einer mutlosen und zornigen Stunde einige Wochen später die Niederschrift seines Musikstücks, das er „Frühlingsnacht“ hatte taufen wollen und das nie fertig geworden war, in tausend kleine Fetzen zerriß und hernach ganz gebrochen in der Küferwerkstätte auf einer Schnitzbank saß, den Kopf in die Hände gestützt.
Der Meister stand vor ihm, den Helmle auf dem Arm, und machte ein bedenkliches Gesicht.
„Das geht nur so,“ sagte er. „Gleich zerreißen, gleich ganz wegwerfen. Wir hätten es doch noch zusammen gespielt. Es ist viel Schönes drin gewesen. Es wird einer nicht gleich Meister. Aber so ist solch ein junger Feuerkopf, gleich, entweder ganz oder gar nicht.“ Denn Georg hatte versichert, er lasse in Zukunft die Hände davon, es sei sicher, er bringe nie etwas zustande. „Ja,“ sagte er und hob den Kopf: „Entweder ganz oder gar nicht. Das Stümpern, das hat ja keinen Wert. Ich will es lassen; ich habe ja anderes zu tun. Ich muß mich ans Studium machen, es wird Zeit. Die Semester gehen so schnell herum.“
Der Meister lächelte; aber das konnte auch dem Helmle gelten, der seinen Lockenkopf ganz in den väterlichen Bart hineinwühlte. Er stellte den Buben auf den Boden und nahm das Schnitzmesser. „Ja, dann wollen wir uns halt ernstlich an die Arbeit machen und sehen, wie weit wir’s bringen. Es war aber doch schön an dem Abend, nicht? Ja, dann müssen wir das halt lassen in Zukunft.“ Da ging Georg Ehrensperger aus dem Hause, wie einer, der ein schweres Gelübde getan hat und den es bereits anfängt zu drücken.
** *
Sie hatten im Keller Lorens Gesundheit getrunken und das war für Georg so eine Art von Versöhnungsakt gewesen. Wenn er sich recht besann: er hatte wohl ebensoviel Schuld an dem unerquicklichen Abend, als sie. Am nächsten Tag ging er nicht hin. Am übernächsten kam er zufällig über die Neckarbrücke, da sah er sie von Weitem in dem schmalen Mauergärtchen, das sich längs des Hauses am Neckarufer hinzog. Sie saß auf der sonnigen Mauer und hatte ein paar Nachbarskinder um sich her. Die strebten an ihr in die Höhe und sie schien irgend einen vergnüglichen Unsinn mit ihnen zu treiben, soviel von weitem zu sehen war.
„Sie ist selber noch ein Kind,“ dachte Georg, er konnte die Augen nicht von dem fröhlichen Bild da unten losbringen. Ach ja, nun wollte er hingehen und nicht so empfindlich sein. Da sah sich Lore um und winkte ihm zu. Und nach zwei Minuten saß er neben ihr auf der Mauer und die Nachbarskinder steckten ihm alle Knopflöcher des Rocks und der Weste voll mit roten und weißen Blümchen, und Lore sah ihn an, so sonnig wie der Apriltag. Hatte es vor zwei Stunden noch geregnet und geschneit untereinander? Wer wußte das noch? Es dachte kein Mensch mehr daran.
Siebentes Kapitel
War hier der Weltlauf stehen geblieben? War es noch alles ganz wie einst? Ein Drehorgelmann zog durch Wiblingen und blieb vor all den alten Häusern stehen, und als er seine Lieder herausorgelte, da taten sich die Fenster auf und die Haustüren, und Köpfe bogen sich heraus, junge und alte, und Leute traten unter die Türen und suchten eine kleine Münze heraus. Handwerker hielten einen Augenblick mit irgend einer lärmenden Hantierung inne, und Lehrjungen suchten durch eine Hintertür zu entwischen, um ein Stückchen hintendrein zu traben; Großmütter und Mütter hüteten ihren Nachwuchs unter den Akazien des Marktplatzes, aus allen Höfen, Häusern, Gassen und Gäßchen quoll es von Kindern, — es war alles ganz wie einst. Nur daß jetzt Sommer war und die Akazien dichte, grüne und etwas staubige Kronen hatten; und daß es nicht mehr jener grimmig-lustige Spielmann war, dessen einer Arm in Frankreich begraben lag, sondern ein alter, mühseliger Blinder, der die lichtlosen Augen, während er die Orgel drehte, sehnlich nach der Sonne hob, weil ihm von ihr etwas wie ein ferner Lichtschein in seine Nacht hineindrang. Ein großes, starkknochiges Weib zog ihn mit festem Griff hinter sich drein, und ließ ihn hie und da los, um die Münzen, die aus den Fenstern fielen, in der Schürze aufzusammeln.
Es war alles, wie einst, nur daß die Kinder von damals nun erwachsene Leute waren, und die jungen Leute von damals ältere, gesetzte, biedere Bürger, und die Alten, — ja, von den Alten müssen wir hier ein wenig reden. Wir wollen uns im Leben und im Buch nicht allzuweit von den Alten entfernen. Denn sind sie nicht vor uns dagewesen, und haben einen Zaun um uns geschlossen, daß wir aufwachsen konnten, ehe die Unbilden des Lebens uns hart anließen? Haben sie uns nicht gegeben, was sie zu geben hatten, und ist nicht jetzt noch manches von ihnen zu holen, das wir zu unserer jungen, eigenen Weisheit hin gut und nötig brauchen können? Sie könnten eines Tages nicht mehr da sein, wenn wir nach Hause kommen. Sie könnten leise fortgegangen sein, wenn wir’s uns nicht versehen haben; ja, wenn wir uns in der weiten Welt umhertreiben und aus allen Bechern trinken, und nach aller Weisheit suchen und aller Kunst, — es wäre doch möglich, daß wir darüber etwas versäumten, das wir später nicht mehr wiederfinden.
Ja, so ist es uns mit Frau Anne gegangen, mit der Rektorin Cabisius. Als wir fortgingen, saß sie noch in dem großen Lehnstuhl, den wir so wohl kennen, und hatte noch ihre Freude am Leben und Dasein, und hatte auch einiges daran auszusetzen, und einiges zu sorgen. Aber sie war ganz unzweifelhaft da. Und nun —
Der blinde Orgelmann zog durch das Städtchen, und auch an des Rektors Haus gingen die Fenster auf, und im Oberstock neigte sich horchend ein weißer Kopf heraus und nickte lächelnd, als das „Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt“ von der zitternd-warmen Sommerluft hier herauf getragen wurde. Ein paar kräftige Züge aus seiner Pfeife tat der Rektor, dann wandte er sich der Stube zu: „Hörst du’s?“ Aber sein Gesicht verschattete sich, und er strich sich mit der Hand über die Stirn. Es geschah ihm hie und da, daß er sich einen Augenblick vergaß. Wenn man ein ganzes, langes Leben miteinander geteilt hat, dann gewöhnt man sich nicht mehr leicht um. Sie war noch immer um ihn, trotzdem, daß ihr Stuhl leer stand, trotzdem, daß auf ihrem Grab schon die weißen Sommerlevkoyen blühten. Er meinte zu fühlen, daß sie ihm nahe sei. Sie hatte sich ja, ehe der Vorhang zwischen ihm und ihr herabgelassen wurde, noch einmal umgewandt: „So, Alter, also du kommst ja auch bald;“ als ob sie, wie in den ersten Jahren ihrer jungen Ehe, auf ein paar Tage ins Elternhaus reise, und er nachkomme, sie abzuholen.
Ja, er konnte sie freilich nicht verlieren. Aber es war doch anders, als vordem. Ach ja, es war doch anders. Die Welt wurde doch allmählich ein wenig fremd und leer. Er hatte sein Stück Arbeit darin getan und sein Stück Menschenleben, ja ein volles und großes Stück Menschenleben darin gelebt, und seit ihm Frau Anne keine Antwort mehr gab, wenn er mit ihr redete, seither kam es hie und da über ihn, wie es über die Schwalben kommt, wenn es Herbst wird.
Aber als er nun wieder ans Fenster trat, nicht, um dem Orgelmann zu lauschen, sondern um den weißen, schwimmenden Wölkchen in der fernen Himmelsbläue nachzusehen: wohin sie schifften, und ob sie wohl eine Botschaft mitnehmen könnten in ein fremdes, unbekanntes Land, da vernahm er spielende Kinderstimmen auf der Straße, und das hohe, klägliche Weinen eines Kleinen in seinem Wägelchen, und sah eine Mutter aus dem Nachbarhaus treten und sich tröstend über das Kind beugen. Und er sah Gertrud, seine Enkelin, wie sie mit einer Gießkanne und einem großen Blumenstrauß aus dem Garten kam, und sein Herz kehrte zu ihr zurück, wie sie so ernst und gelassen daherkam in ihrem schwarzen Kleid, mit dem stillen, klugen Gesicht. Da freute er sich, daß die Kinder auf sie zusprangen und um Blumen bettelten, und daß sie sich auf die Staffel setzte und den kleinen Bettlern die Hände mit Balsaminen und Reseden und Rittersporn füllte. Er war sein Leben lang so ehrlich und ganz und mit liebendem Herzen in der Gegenwart gestanden, er hatte auch jetzt noch Teil an Gottes Menschenkindern. Er hatte Teil an ihnen, so lange er lebte. Nein, es gab keine Trennung zwischen der Welt, die man sieht, und der, die man nicht sieht. „Ach, Anne,“ sagte er, und sagte es laut, und es war ihm, als nicke sie ihm zu, rasch und lebhaft, wie in ihren besten Tagen: „Wir müssen so jung sein, als wir können, Alter, für das Kind.“
Da klopfte er die Pfeife aus und stieg hinunter und wollte Gertrud rufen: „Komm, wir tun noch einen Gang durch den Garten.“ Die Drehorgelmusik tönte fern verhallend vom Stadtgraben herüber. Dort führte der Weg ins Nachbarort, Wiblingen hatte nun sein Gutes empfangen.
Als der Rektor hinunterkam, war Gertrud nicht mehr allein bei den Nachbarskindern.
„Ja so,“ sagte er, „ja so, der Herr Kandidat ist da. Grüß’ dich Gott, Georg. Steht Tübingen noch? Alles am alten Fleck, wie einst? Ja? Dann wollen wir’s uns überlegen, ob wir uns da hinwagen, Gertrud. Nächsten Herbst, falls wir den erleben, zum Hausweihfest der Verbindung. Ich bin der älteste von den alten Herren, Georg. Ich möchte mich wohl noch einmal unter euch junges Volk hineinsetzen, so recht ins Volle.“
Georg stimmte eifrig bei. Er war zur Hochzeit seines Bruders Franz hierhergekommen. Die sollte morgen sein. Vor zwei Stunden war er angekommen.
„Sie können mich drüben nicht brauchen,“ sagte er. „Jungfer Liese hantiert mit der Schwägerin im Haus herum. Ich weiß mich nirgends hin zu retten. Auch habe ich einen Sack voll zu erzählen. Ich weiß nicht, wo anfangen.“
„An irgend einem Zipfel,“ sagte Gertrud und lachte. Wenn sie lachte, hatte sie gleich ein anderes Gesicht, ein junges, warmes. Sonst — Georg hatte, als er kam, gedacht: „sonderbar ist es; sie ist so alt wie Lore, aber sie ist so ernst und ruhig und klug. Sie ist etwas anderes, etwas Gutes, Prächtiges; aber ein junges Mädchen ist sie nicht.“
Jetzt atmete er befreit auf, als sie lachte.
„Geht ihr beiden nur in den Garten,“ sagte der Rektor. „Später komme ich auch zu euch. Ich muß meine alte Freundin besuchen, Frau Judith. Leicht geht es nicht mehr: Hundert und fünfzig Treppenstufen. Ich bin nah an achtzig, Kinder. Aber es ist so eine Sache, sie ist mit mir jung gewesen. Meister Nössel? ja, der auch. Aber Judith weiß noch mehr von damals. Er sitzt dabei und horcht, wenn sie erzählt. Ja, das werdet ihr auch noch erleben, wenn ihr alt seid, wie das tut, wenn noch irgendwo ein Mensch aus der jungen Zeit da ist.“
Da lachten sie beide. Sollten sie jemals so alt werden? Breit und weit lag das Leben vor ihnen.
„Wir kommen auch auf den Turm, übermorgen.“ Das riefen sie dem Rektor nach. „Frau Judith muß uns Märchen erzählen, bis ihr der Atem ausgeht. Vom Rotkelchen Liebseelchen, und von Jorinde und Joringel.“
Er winkte, er wollte es ausrichten.
Ja, übermorgen! Wer hat übermorgen in der Hand?
** *
Am andern Tag war die Hochzeit.
Die goldene Bretzel über der Ladentür des Ehrenspergerhauses prangte in neuem Glanz. Festlich prangten schlanke Birken links und rechts von der steinernen Staffel, festlich duftete das ganze Haus nach Gebackenem und Gebratenem, festlich knirschte der Sand auf Treppe und Hausgang unter den Tritten der Hausbewohner.
Die beiden Edelleute in der Ladenstube waren unvertrieben und sahen nur von einer neuen blauen Tapete herab auf Franz den Jüngeren und seine Braut. Sie mochten sich noch des Tages entsinnen, da vordem eine junge Frau hier eingetreten war, ein liebes, feines Ding, ein wenig schüchtern und ein wenig weich von Gemüt, mit hoffenden, hingebenden Augen.
Die heutige Braut war anders. Sie war ebenso groß und breit und blond als Franz, und hatte rasche, kräftige Bewegungen und von Unsicherheit war nichts in ihrem Wesen. Sie war gleichfalls einem Bäckerhause entwachsen und Jungfer Liese staunte, wie rasch sie sich in all’ das Neue fand.
Ja, Jungfer Liese. Sie hatte es ja wahrhaftig in ihren alten Tagen noch zu einem Schwarzseidenen gebracht und ihr rotes, runzeliges Gesicht sah aus einer hutähnlichen Haube mit lila Astern heraus. „Wie ein bekränzter Truthahn,“ sagte Müller Hensler. Aber Müller Hensler war nicht der Allerfeinste, und Jungfer Liesens Würde konnte heute durch nichts zerstört werden. War sie nicht so eine Art von Bräutigamsmutter? War nicht sie es eigentlich, die Franz den Jüngeren an seine junge Frau abgab, und die zugleich mit ihm den Laden und die Ladenstube, den unteren Stock und die lederne Geldtasche an das neue Regiment abtrat? Denn Franz der Ältere nahm sich der Sache nicht so recht an, und Jungfer Liese war die letzte, die es ihm zumuten wollte. Friedlich saß er, das behaglich gediehene Bäuchlein von einer gestickten Sammetweste übersponnen, einen Strauß im Knopfloch, im Großvaterstuhl unter den beiden Edelleuten. Friedlich drehte er und ohne Hast die Daumen umeinander und wartete, wie sich die Dinge entwickeln würden, und als sich der Müller Hensler zu ihm gesellte, da saßen sie, wie ein paar brave Knaben, die warten können, beisammen, und saßen auch nach dem Kirchgang an ihren Plätzen an der Festtafel im Hirschen beisammen, fest und sicher, wie angewachsen. Und als der Abend kam, da konnte jedermann es hören, was für flotte Kerle sie in ihrer Jugend gewesen seien, und daß der Nachwuchs im Ganzen nicht viel tauge.
Es war eine stattliche Hochzeit, und Georg Ehrensperger war ein stattlicher Brautführer und fühlte sich als den Glanzpunkt der Gesellschaft und es war ihm kein unangenehmes Gefühl. Er führte eine Wiblinger Bürgerstochter am Arm, ein großes, bräunliches Mädchen mit einem vollen Rosenkranz in dem krausen Haar und mit weißen Handschuhen an den breiten, schaffigen Händen. Und er tat sein Möglichstes, „Leben in die Sache zu bringen.“ Aber als er gegen Abend am Klavier saß und den Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns Sommernachtstraum spielte, kam von einer Seite her Müller Hensler und schlug ihm kräftig auf die Achsel und fragte: „Eigenes Mehl?“ und versicherte den Umstehenden: „Das ist ein Tausendkerl, das macht er alles selber, der Heimtücker, der Pfarrer;“ und von der anderen Seite her kam sein Bruder Franz und sagte: „Da kann man nicht drauf tanzen, du. Spiel etwas lustiges, spiel: Als wir jüngst in Regensburg waren, oder einen Walzer.“
Da ließ Georg für heute das Musikmachen sein und nach einiger Zeit kam es über ihn: Er mußte eine kleine Weile in den Garten hinaus. Er mußte eine Weile allein sein. Der Mond stand am Himmel, die Bäume rauschten leise im Abendwind. Aus dem Saal klangen die Geigen und Flötentöne; da ging er noch ein Stück weiter vom Hause weg.
Er war doch wohl anders, als die da drinnen. Wer aber gehörte zu ihm und seiner Art? Er war doch auch ihres Blutes. Wie hatten Franz und sein junges Weib einander vorhin angesehen, als sie, vom Tanz veratmend neben einander standen. Lachend, frohlockend, verheißend, eines aus des andern Augen trinkend. Und sie waren nicht die tiefsten Menschen. Das war nur, weil sie gleicher Art waren und sich zusammengeschlossen hatten. Und es kam etwas Drängendes über ihn, daß er, während er von den Menschen wegging, sich nach ihnen sehnen mußte.
** *
Zur selben Stunde schien der Mond in die Turmstube und füllte sie bis in den hintersten Winkel mit seinem silbernen Licht. Die beiden alten Menschen, Frau Judith und ihr Bruder, saßen feiernd an ihren Fensterplätzen und schwiegen einträchtig miteinander und nach einiger Zeit stand Meister Nössel auf und ging, Betzeit zu läuten. Er kam lang nicht mehr. Er hatte es seit einiger Zeit stark mit den Gedanken, oder vielmehr sie mit ihm: sie kamen über ihn, wo er gerade saß oder stand; dann war er ihnen verfallen.
Er stand auf dem dunklen Glockenboden und lehnte an dem Balken eines Glockengerüstes; sein altes Herz aber ging den Tönen nach, die er über die stille Welt hingeschickt hatte.
Er wußte wohl, wie es da unten zuging; er hatte fast allen Wiblingern im Lauf der Jahre die Hosen geflickt und die Hosen nicht allein. Frau Judith wußte es: er hatte manchen Brast, der auf irgend einem Herzen lag, mit sich heraufgetragen und da oben in der hellen Stube vor ihren Augen ausgebreitet. Und wie sie mitsammen ratschlagten, ob der und jener Kittel noch zu reparieren sei und seine Flecken zu tilgen, so bewegten sie auch miteinander in guten und einfältigen Gedanken die unruhigen Wege, auf denen die Leute zu ebener Erde sich die Herzen und den Mut und das Gewissen zerrissen, und fanden aus ihrer eigenen Herzensstille ein gutes Wort und gaben es umsonst darein. Sie konnten nichts dafür, wenn es nicht immer half. Vielleicht war es so, daß sie, die wie wir wissen, ein unsichtbares Königreich hatten, nur denen helfen konnten, die ihres Landes waren: einfachen, einfältigen, gläubigen Gemütern, die in und hinter allem Geschaffenen eines Gottes Herz und Hand fanden. Vielleicht wußten sie mit den andern nicht so zu reden. Tatsache war es, daß einige Leute, die sehr gescheit und von gutem Appetit und nüchternen Anschauungen waren, lachten, wenn sie das eisgraue Schneiderlein mit seinen kindlichen Augen sahen, und daß einige andere Leute ihm die Hand schüttelten und die Kappe vor ihm abnahmen.
Aber Meister Nössel machte sich nicht so viel aus beidem. Vielleicht merkte er’s gar nicht, das kann wohl sein. Da, als er so stand und der Menschen da unten gedachte, fing drüben im Weiler Hinkelsbach ein spätes Glöcklein an zu rufen und vom Wald her, von Buchenbronn und von Ettersbühl kam Antwort; es waren fromme, sanfte Glockenstimmen, die miteinander redeten. Und der Alte, der noch von vorher sein tuchenes Hauskäppchen in der Hand hatte, tat die Hände darüber zusammen und sagte sein:
„Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, Dieweil es Abend worden ist,“
und sagte es für sich und für die andern aus einem sehnlichen Herzen heraus. Darüber war er aus seinem Sinnen gekommen und nun stieg er das Treppchen hinauf in die Stube. „Schläfst du, Judith?“ sagte er, als er seine Schwester in dem hellen Mondlicht sitzen sah, den Kopf auf der Brust und die Augen geschlossen. Er lächelte still, da sie keine Antwort gab. „Sie wird allmählich müd,“ sagte er. „Sie hat’s mit dem Schlafen und war sonst so ein munteres Frauenwesen. Was war das für ein Mädchen seinerzeit. ‚Über sieben Buben,‘ sagte die Mutter. Na, sieben, das ist ein bißchen viel. Aber doch. Sie stieg über alle Zäune.“
So, nun war er im richtigen Fahrwasser. Wohin waren alle die Jahre gekommen, die zwischen heut und damals lagen? Wie weggewischt waren sie. Er setzte sich in die eine Ecke des Kanapees. In der andern war gestern abend Rektor Cabisius gesessen. Das war auch so einer. Dem war auch wie vorgestern geschehen, was sechzig und siebenzig Jahre her war. Aber mitten im Gespräch hatte die Judith gestern Zeiten und Personen verwechselt und dann hatten sie miteinander darüber gelacht. Sie, die immer alles so genau wußte.
Meister Nössel fuhr aus seiner Ecke empor. Es hatte elf Uhr geschlagen, noch verzitterte der Nachhall der dröhnenden Schläge in der Luft. Er war ja richtig auch eingeschlafen gewesen. Er hatte eben noch geträumt. Was war es nur gewesen? Er konnte sich nicht mehr recht besinnen und strich sich erwachend über die Stirn. „Judith, komm, wach auf. ’s ist Zeit zum Bettgehen.“ Sie rührte sich nicht. Das Mondlicht war weiter gegangen, sie saß im Schatten. Da trat er heran und legte ihr die Hand auf die Achsel. „Judith, wir wollen noch den Abendsegen lesen. Ich zünde die Lampe an, Judith.“
Aber als er mit der Lampe kam, da sah er, daß sie keines Abendsegens mehr bedurfte. Sie war schon zur Ruhe gegangen. Sie war so müde gewesen.
Da setzte sich Meister Nössel still neben sie. Jetzt war er ganz allein. Aber er wußte schon, daß er das nicht lange bleibe. Er hatte auch nicht mehr weit bis zum letzten Abendsegen.
** *
Und wieder ein Abend.
Da hatten sie in alter Weise auf den Turm steigen und zu Frau Judiths Füßen sitzen und Märchen hören wollen. Wie in Kindertagen hatten sie tun wollen. Aber sie waren keine Kinder mehr.
Es war aber doch etwas wie aus einem Märchen, was sie heute erlebten.
Frau Judith, die so wunderbare Dinge gesehen, gehört und erlebt hatte, die mußte ja freilich auch anders zu Grabe gehen, als andere Leute.
Hatte sie nicht prophezeit, daß sie einst in der vollen Flut des Mondlichts durch die Luft schwimmen werde, breit und sicher und ohne viel Geräusch? Es war eine weiche, schimmernde, warme Julinacht.
Unten, dem Turm gegenüber, an eine Mauer gelehnt, standen die beiden jungen Menschenkinder, Gertrud und Georg. Sie hielten sich an den Händen gefaßt und sahen stumm in die Höhe. Der Vollmond stand hoch am Himmel und leuchtete seiner alten Freundin, die er so oft da oben besucht hatte. Nun kam sie auf die ebene Erde herunter zu den andern. Sie wollten sie in die weiße Friedhofskapelle tragen und taten es bei Nacht, der Leute wegen. Frau Judith durfte nicht im Tod ein Schauspiel geben; das hatte sie im Leben nie getan.
Der riesige Turm ragte hoch auf; er schien bei Nacht noch massiger und schwerer zu sein als bei Tag. Das bläuliche, unsichere Licht hüllte ihn ein und schien durch die Luken, hinter denen die Glocken hingen, und glänzte in den Fensterscheiben des Kirchenschiffs.
Da kam es von oben her, schwarz und schwer, und senkte sich langsam nieder, langsam, langsam.
Die beiden hielten den Atem an und rückten näher an einander. Die Hände faßten sich fester. So waren sie nicht allein dem unbegreiflichen Etwas gegenüber, das da herniederkam.
Das stieß nun auf dem Pflaster auf. Es gab einen dumpfen Ton. Da stand es still, groß, schwer und unbeweglich. Wie ein dunkles Schicksal stand es da. Das war der Sarg. Ein stummes, stummes Ding. Ein schwarzes Tuch lag darauf, es warf einen langen, schrägen Schatten auf die mondbeglänzte Gasse. Die hellen, starken Seile, die darum geschlungen waren, zogen gerade, feste Striche durch die Luft, von der Höhe des Turmes bis hierher.
Ein paar Gestalten kamen aus dem Turmeingang hervor. Sie sprachen einiges mit gedämpfter Stimme, lösten die Seile ab und hoben den Sarg auf eine Bahre. Dann gingen sie mit der stummen Last davon, man hörte ihre Tritte hallen durch die Nacht.
Droben in der Turmstube flimmerte ein Lichtlein; irgend jemand beugte sich zum Fenster heraus; dann wurden die Seile hinaufgezogen und die Gasse lag still, wie zuvor. Sie atmeten tief auf. Ihre Hände lösten sich auseinander. Das war ein großes, helles Stück ihrer Jugend gewesen, was hier davongegangen war. Das war nun vorbei. Selige Kinder waren sie da droben gewesen. War nun niemand mehr, der ihnen das Paradies der Kindheit hütete, daß sie es finden konnten, so oft sie kamen? Morgen ging Georg wieder nach Tübingen, gleich nach Frau Judiths Begräbnis.
„Wenn ich wiederkomme, erzählt mir kein Mensch mehr Märchen.“ Er sagte es mit unsicherer Stimme; es war ihm nicht um die Märchen zuerst und allein. Er war ja nun Kandidat, er wollte im nächsten Jahr das Examen machen, er war wohl zu alt für solche Kindereien. Er hatte andere Dinge zu bedenken. Nur, er war ein Träumer. Er vergaß manchmal all das andere und war wieder der kleine Bub, dem der liebe Gott hoch oben über der Turmspitze saß und das Ganze überschaute und in dessen Welt es wunderbar genug zuging.
Gertrud schien das in der Ordnung zu finden. Sie wandte sich zu ihm hin. Er sah, daß sie Tränen in den Augen hatte, sie flimmerten im Mondlicht. „Doch,“ sagte sie und zwang sich zum Lächeln und sah ihn mütterlich an, so jung sie war. „Doch, das tu’ ich. Ich habe sie alle in mir drin.“
** *
Marie, die junge Magd aus dem Weiler Hinkelsbach, die sich so gut aufs Brotbacken verstand und so mißtrauisch gegen das Bücherwesen war, die erlebte zu dieser Stunde, in dieser warmen, düftereichen Sommernacht, ganz hinten im Rektorgarten, da, wo er an den Stadtgraben anstößt, auch etwas Märchenhaftes. Es ist bis jetzt nicht aufgeklärt, was der Seiler Andres Hagenbach, der auf der andern Seite des Stadtgrabens seine Seilerbahn hatte, zu so später Stunde noch dort nachzusehen hatte; und Marie, die noch von der Rektorin Cabisius zu einer regsamen, umsichtigen Magd erzogen war, hätte gleichfalls nicht nötig gehabt, noch bei Mondschein im allerletzten Beet Salat zu schneiden. Der Rektor sagte später in der Hochzeitstischrede, die er den Zweien hielt, die beiden Herzen seien wohl damals schon unsichtbar an einander angeseilt gewesen und solche Seile hätten, das wisse er noch von seiner eigenen Jugend her, eine merkwürdige Zugkraft.
Tatsache war, daß Marie von dem Salatbeet weg, anstatt den langen, geraden Hauptweg nach dem Haus einzuschlagen, nach dem Baumgarten zu ging, sie, die sonst weder für Mondschein noch für einsame Gänge etwas übrig hatte. Und Tatsache war, daß, als Georg und Gertrud nach Hause kamen — sie hatten den Schlüssel zum hinteren Gartenpförtchen bei sich und schritten still und wie im Traum durch den Garten, — daß sich dort unter den Bäumen eine dunkle Gruppe bewegte, flüsternd und, ja nun kam ein zarter Laut, wie ein Kuß, dann noch einer, dann ging jemand fort. Es raschelte und knackte in dem trockenen Stadtgraben, und dann kam Marie unter den Bäumen hervor und sagte, als sie der beiden ansichtig wurde, halb trotzig und halb übermütig: „Er ist mein Schatz. Er will mich. Vorhin hat er’s gesagt. Ich hab’s aber schon lang gewußt. So was merkt man doch.“ Sie war so erregt, daß ihre Augen, sowohl das gerade, als das, mit welchem sie ein wenig schielte, Blitze schossen, Jubelblitze, wenn man so sagen will. „Morgen kommt er,“ sagte sie. „Vornen zur Haustür herein bei Tag. So will ich’s. Er soll’s zum Herrn sagen, die Frau ist meine Patin gewesen.“ Dann ging sie vor den Beiden her mit flinken Schritten ins Haus. Auf ihrer vollen, runden, beweglichen Gestalt und auf ihrem krausen Haar lag das Mondlicht. „Er will mich,“ sagte jede Bewegung, „er hat gesagt, ich sei ihm grad recht, er möchte kein Härchen anders haben an dem ganzen Mädchen.“
Am andern Morgen sah der Rektor, als er seinen Frühspaziergang unter den Bäumen machte, sowohl die abgeschnittenen Salatköpfe als auch das Messer und das kupferne Salatbecken unter dem Süßapfelbaum liegen, der seine äußersten Äste noch über den Stadtgraben hin streckte. Da blieb er stehen und lächelte. Er hatte sich vorhin in der Küche seine Pfeife angezündet, und er besaß Mariens Vertrauen.
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In des Rektors Studierstube brannte heut weder Feuer noch Lampe. Die guten Geister und Geisterchen dieses Raumes mußten im Mondschein spucken, und das war ihnen ganz gelegen. Aus allen Ecken kamen sie hervor, tanzten auf dem silbernen Teppich, den das Mondlicht auf den Stubenboden wob, ritten auf den Wölkchen, die der Rektor seiner allerlängsten Pfeife entsteigen ließ, trieben allerlei Allfanzereien mit den Büchern in den großen Ständern und den Bildern an der Wand und unterhielten sich mit dem alten Mann, der da saß und auf die Jugend wartete.
„So, da kommt ihr?“, sagte der Rektor. „Nun laßt euch nieder, wir wollen noch eine Weile beisammen sein. Ach, du Kind.“
Denn Gertrud hatte sich einen Schemel geholt und nun saß sie neben ihm und legte die Hände um die Kniee und den braunen Kopf gegen des Großvaters Arm.
Georg saß auf der Truhe.
„Hier bin ich daheim,“ sagte er. Er streckte die langen Beine weit von sich und lehnte sich an die Wand.
„Bei uns drüben bin ich’s nicht, je länger, je weniger.
Franz ist mein Bruder und nur zwei Jahre älter als ich. Aber wir wissen nur wenig miteinander anzufangen. Es gibt nichts Verschiedeneres, als uns beide. Jetzt hat er noch seine Frau dazu; es ist, als ob er nun vier Augen habe, um alles zu sehen, was ich — nicht sehe, und vier Füße, um breit und kecklich und sicher mitten im hellen Tag zu stehen. Es gibt nichts Verschiedeneres als uns beide, und gibt nichts Verschiedeneres, als das ganze Haus Ehrensperger und mich. Sie sind praktisch, ich bin unpraktisch, sie sind für das Nahrhafte und Gedeihliche, immer nüchtern, klar und fertig: so ist’s — und so wird’s — und damit gut. „Du bist ein Sinnierer,“ sagen sie, „und Sinnieren trägt nichts ein.“
Er war ein bißchen kleinlaut.
„Sie haben gewiß ein Recht, so zu sein, wie sie sind. Aber kann ich aus meiner Haut heraus? Ich kann nicht mit ihnen laut und lebhaft sein; wenn sie lachen, finde ich nichts daran, und wenn ich versuche, mitzutun, so gelingt es eine kurze Weile, mehr nicht. Es ist, als ob wir in zwei Welten lebten.
Sie verstehen die meinige nicht und ich die ihrige nicht.“
Ja, jetzt durften sie ihn nicht stören. Sie wußten es, daß er jetzt den Sack, von dem er gesagt hatte, ausleere bis auf den Grund. Sie nickten ihm nur zu, ermutigend: sprich nur, du kannst alles sagen.
‚Du, Pfarrer,‘ sagte Franz heut zu mir, (er sagt immer schon ‚Pfarrer‘, obgleich kein Mensch weiß, ob es jemals so weit kommt), „du, Pfarrer, du trägst so ein zugeschlossenes Gesicht herum. Ich kann dir aber sagen, so duckmäusig sind nicht alle Studenten. Fritz Hornstein, der studiert doch auch auf den Geistlichen, der kam an Ostern heim und besuchte alle Bekannten. Und wohin er kam, da gab es lustigen Lärm und Lachen. Er kam auch zu uns und drang bis in die Backstube vor. Da machte er einen Gaul aus Milchbrotteig, mit vier bocksteifen Füßen. Den mußten wir ihm backen und dann nahm er ihn mit sich nach Tübingen. Er wolle ihn jemand verehren, sagte er. Ist der lustig, warum bist du es nicht? Du mußt doch nicht Hunger leiden.
Und alle stimmten bei: Du mußt doch nicht Hunger leiden. Sie meinen es gut auf ihre Art. Sie sind nur anders als ich, das ist alles.
Die Schwägerin — Jungfer Liese ist begeistert von ihr, aber sie fürchtet sie, glaub ich, in aller Stille ein wenig, — sagt, daß Franz noch eine Weinwirtschaft einrichten solle. In unsern Stuben, Gertrud. Weißt du, wo die Gitterbettchen standen und das Himmelbett mit den roten Vorhängen. Franz ist nicht übel einig damit. Der Vater auch.“
Er machte einen Versuch, zu scherzen, aber es gelang ihm nicht recht. „Ich glaube, ich bin eifersüchtig. Franz und der Vater sind die besten Freunde. Der Vater liest täglich drei Zeitungen. Aber ich verstehe nicht viel von Politik, und das wenige sieht bei mir anders aus als bei ihm. Da beredet er alles mit Franz, und sie streiten sich wacker herum, haben große Mostgläser auf dem Tisch und schlagen mit der Faust dazwischen. Die besten Freunde sind sie.
Ich aber sitze stumm daneben.
Und dann gehe ich in der Verzweiflung ans Klavier. Das ist immer noch meine Zuflucht.
‚Das ist recht, Pfarrer,‘ sagte Franz, als ich es heut öffnete. Und Jungfer Liese ging gleich ans Fenster und machte einen Flügel auf, damit die Nachbarschaft auch ihren Teil bekäme.
‚Spiel’ etwas Eigenes,‘ sagte Franz, ‚spiel’ etwas, das du selbst gemacht hast.‘
Da ließ ich mich verleiten. Ihr wißt, es ist mir hie und da etwas eingefallen im letzten Jahr. Ich hätte es ihnen nicht vorspielen sollen. Ich hätte wissen können, daß es nicht zu ihnen redet. Aber es war ein starker Wunsch in mir, etwas mit ihnen zu teilen, das mich angeht. Ja, vielleicht war auch ein wenig Großtuerei dabei, das kann ich nicht sicher sagen.“
Denn Gertrud hatte ihm so einen Blick zugeworfen, der etwas ähnliches andeuten mochte.
Er tat einen langen Atemzug. „Es ist mir nicht gut gegangen damit.
Ihr wißt, als Fritz Bauer beim Baden ertrank, — ihr kennt ihn, er war so ein lebensvoller, frischer Mensch, Neuphilolog, mein Bundesbruder, da habe ich etwas komponiert, eine Totenklage, wenn ihr wollt. Ich habe die Musik in mir gehört, eine ganze Nacht lang; ich stand um vier Uhr auf und saß den ganzen Vormittag daran und es gelang mir, sie festzuhalten. Ich habe sie in der Verbindung vorgespielt, als wir die Trauerfeier hielten. Ich habe den Eindruck, als ob einige gefunden hätten, daß etwas daran sei.
Also, das spielte ich heute vor und vertiefte mich ganz darein und meinte, sie alle mit mir zu führen in die Stimmung: daß solch ein junges Leben so jäh endigen müsse. Jetzt noch heiter und kräftig und voll Frohmut, und junge Genossen dabei, und sonnige Ufer und plätschernde Flußwellen, — und dann der starre Tod, der ihn in die Tiefe zog. Das hätt’ ich alles mit Worten nicht so sagen können, aber ich meinte, sie sollten es mit mir hören in den Tönen, die ich anschlug. Aber als ich fertig war und mich nach ihnen umwandte, da blieben sie alle still und sahen einander verdutzt an. Es war nicht das beredte Schweigen, das einem so viel sagt, es war das lähmende, tote Schweigen, bei dem nichts herüber und hinüber geht.
Und nach einer Weile fing Franz an zu gähnen und sagte: ‚Also das wär’s, so, so. Du, jetzt, jetzt spielst du noch etwas anderes. Jetzt spielst du noch den Radetzkymarsch. Was, den kannst du nicht? Na, mach’ kein Gesicht. Ich glaube, ich kann ihn, wenn auch nur mit drei Fingern. Laß mich einmal heran.‘
Und die Schwägerin sagte: ‚Ach ja, Franz, den Radetzkymarsch.‘ Den hatte sie mit ihm gehört, als sie miteinander in Stuttgart bei der Wachtparade waren.
Und er spielte ihn, und der Vater taktierte mit dem Kopf und versuchte, mitzupfeifen. Jungfer Liese sah mich vorwurfsvoll an: „Siehst du? Der Franz. Er hat nicht studiert und kann es doch. Das ist einer, der Franz.“
Da kam es über mich, daß ich aufsprang und den Deckel zuschlug und noch die Tür zuwarf, daß es knallte und in den Garten ging.
Nachher schämte ich mich und ging noch einmal hinein. Da waren sie ganz harmlos und freundlich und Jungfer Liese sagte, ich müsse neue Hemden haben und wir sprachen eingehend über die Hemden.
Aber davon wurde es nicht anders. Sie sind fremd in meiner Welt, und ich bin fremd in der ihrigen. Und es führt kein Weg herüber und hinüber. Ich hänge an ihnen; ihr wißt es. Und das ist mein Kummer, daß ich anders sein muß meinem Wesen nach. Es ist nicht nur mein Studium, es ist mein Wesen.“
„Das kenn’ ich besser, als du denkst,“ sagte der Rektor in seiner verstehenden, linden Art.
„Das kenn’ ich aus der Zeit, als ich, selber noch jung und meines Wesens ungewiß, mit Schmerzen sehen mußte, daß ich anders sei als die, zu denen mich Geburt und Kindheitsgenossenschaft gestellt hatte und zu denen auch mein wachsendes Ich noch drängte. Ich weiß, wie das ist, was du heut erlebtest. Ich habe es auch erlebt.“
Georg sah auf. Die alten Augen lagen liebend auf ihm und es wallte warm in ihm empor.
Er war also auch nicht immer ein so harmonischer, klarer Mensch gewesen? Er hatte auch seine Art durch Schmerzen und Zweifel hindurch tragen müssen? Und war doch solch ein Mann geworden. Dann — dann verlohnte es sich also, daß man es versuchte, mit sich selber zu hausen, wie man nun einmal war? Daß man versuchte, auch aus seiner Art etwas Rechtes zu machen?
Gertrud nickte ihm zu. Hatte sie seine Gedanken verstanden? „Franz ist Franz und du bist du. Laß dich’s nicht so sehr anfechten. Das kommt vielleicht noch, später. Siehst du, bei dir ist noch nicht alles so klar und fertig. Sie sind schon, was sie werden müssen, du nicht. Es geht noch so vielerlei hin und her in dir, nicht, du?“
Ach ja, das tat es freilich. Bis zum Überlaufen voll war er davon. Er hatte ja heute mit ihnen davon reden wollen. Je näher das Examen kam, je mehr fürchtete er sich davor. Nicht nur vor dem Examen selbst, obgleich er auch dazu einige Ursache hatte; viel mehr vor dem Leben, das darnach kam. Vor dem Amt. Wo war das knabenhaft ausgesponnene Pfarrersideal hingekommen, das er eine Zeitlang gehabt hatte? Haus und Garten auf dem Land, eine kleine, nette Dorfkirche, einfache, schlichte Menschen, denen er alles Schöne, Fromme, Ewige vermitteln durfte. Er selbst — ach, wir kennen ja Georg Ehrensperger, — er hatte sich bereits gesehen, wie er durch die Gassen schritt und alle kannte und grüßte, und alle ihn. Und wie er an stillen Sommernachmittagen die Kirche aufschloß und — dann brauste die Orgel durch den Raum. Ganz deutlich hatte er das gewußt. Ach, wo war es hin? Je mehr er sich mit den Wissenschaften auseinandersetzte, desto mehr zerfloß ihm alles, was er unter Christentum verstanden hatte. Was blieb ihm noch? Was war das Ewige, das Frohe, Heilige, das er den Menschen bringen wollte? Er hatte ihnen nichts zu geben. Er hatte selber keinen festen Besitz. Was er hatte, das lag zu tiefst innen und sah kaum aus wie Religion. Man konnte es nicht in Worte kleiden und nicht lehren. Es war ein Verlangen, sich hinzugeben, sich brauchen zu lassen, etwas zu sein für die Menschen, und ein Verlangen darnach, an den Quell des Lebens hinzudringen, der unter allem Sichtbaren seine Fluten hinschickt. Und er wußte es noch nicht, damals noch nicht, daß er hundert Jahre lang zu leben und zu predigen gehabt hätte aus dem einen Verlangen seiner Seele heraus: „Gebt euch hin an Gott, gebt euch hin an die Menschen.“ Allen Glauben und alle Liebe konnte man da hineinfassen. Aber er verstand sich selbst noch nicht.
Arm und unklar kam er sich vor. Was sollte ein solcher wie er ins Amt treten? Er konnte über diese Dinge nicht mit den Genossen reden, er war zu scheu, sie in sich hineinsehen zu lassen. Und er konnte sich auch nicht bei den Professoren Rats erholen, wie manche taten.
Und immer öfter kam die Angst über ihn: „Wo hinaus mit mir? wenn nun die Zeit da ist, was dann?“
Zweierlei war, an dem er sie hie und da vergaß.
Lore. Wenn er bei ihr war und sie sah, so blühenden Lebens voll, dann kam es über ihn, wie von frischer Märzluft angeblasen, daß das Leben denn doch nicht nur eine Sache des Nachdenkens sei, und daß Jugend und Schönheit auch gute Gaben seien. Wenn er sie gut antraf, so scherzte sie ihm die schweren Gedanken hinweg: „Ach du, du nimmst alles so schrecklich ernst. Weißt du, was gut ist gegen das Traurigsein? Frohsein, du.“ Dergestalt rief sie ihm nach außen.
Nach innen rief ihn die Musik. Ans Klavier trug er die Unruhe, die ihm die Wissenschaft machte. Die Musiker, das schienen ihm die wahren Propheten und Lehrer zu sein von dem allerinnerlichsten, das es gab. Sie konnten trösten, froh machen, die Herzen erheben. Sie konnten der Seele auf den Grund leuchten und alles Gute mit Namen rufen, daß es lebte, und alles Niedrige erschüttern.
Aber das konnte ihn nichts helfen, daß er das wußte. Er mußte selber etwas zu geben haben, etwas Eigenes. Es wollte etwas in ihm leben, und suchte eine Sprache; da horchte er und suchte sie zu finden.
Die Bücher und Kollegien kamen nicht gut weg dabei.
Denn je länger er Musik machte, desto kälter wehte es ihn aus den Büchern an. Ja, freilich — er durfte es sich nicht verhehlen, es waren nicht immer gerade die reinsten Triebe, die ihn ans Klavier zogen. Er mußte es sich gestehen, zuweilen floh er nur dahin vor den langweiligen Pflichten, zuweilen war es reine Zerstreutheit, daß er da saß und spielte. Gertrud kannte ihn wohl, als sie sagte: „Es geht noch so vielerlei hin und her in dir.“
Von dem allem hatte er heut reden wollen. Er hatte es sich fest vorgenommen. Aber die friedlichen Geister dieser Stube lösten so manche Unruhe, noch ehe sie in Worten an die Oberfläche kam. Mußte denn alles gesagt sein? Es war so wohltuend, eine Weile still dazusitzen. Die beiden verstanden ihn auch so, das wußte er. „Hier bin ich daheim, das macht es.“ Und als er sich dessen aufs neue versichert hatte, da wuchs ein neuer Mut in Georg. „Warum sollte ich’s im Ehrenspergerhaus nicht auch sein können? Es ist nicht so leicht, aber es muß doch zu machen sein. Ich will mich morgen mit Franz und dem Vater an den Vespertisch setzen und — ja, und will ihnen von mir erzählen. Ich will es so einfach tun, als ich kann. Ich will nicht fremd werden in meinem Vaterhause.“
Als er das beschlossen hatte, sah er froher aus, als zuvor.
In die Stille hinein sagte der Rektor: „Man muß auch nicht mit Gewalt verstanden sein wollen. Man muß zuweilen den Mut fassen, sich in sich selbst zu bergen, bis etwas Sicheres und Gewordenes von innen heraus kommt. Das wirft uns dann kein Kaltsinn und kein Mißverstehen um. Aber freilich,“ — er lächelte und sah die beiden jungen, horchenden Gesichter an, — „das Wartenkönnen, auf sich selbst und auf andere, das will auch erst gelernt sein.
Siehst du, Georg, ich habe einst gemeint, ich sei ein Dichter, weil alles Geschaffene in einer eigenen Schönheit und stillen Sprache zu mir redete. Und manchmal fand ich auch das Wort, es wieder zu sagen. Da sammelte ich nach und nach einen kleinen, heimlichen Schatz von Gedichten, gereimten und ungereimten an. Sie waren zum Teil mangelhaft in der Form, ich weiß es. Es war oft ein Stammeln von einer innerlichen Welt, für die ich des klaren Ausdrucks nicht mächtig war. Aber sie waren ein Teil von mir und waren mir teuer.
Da ließ ich mich einmal in einer aufgeschlossenen, warmen Stunde hinreißen und zeigte sie meinem Bruder. Der war Arzt, ein frischer, heiterer, allgemein beliebter Mensch, und ich liebte ihn mehr, als er wußte. Zuweilen aber kam es mich an, daß ich in meiner heimlichen Gedankenwelt von ihm verstanden sein wollte. Dann ging es mir wie jenem, der alles wollte und nichts bekam.
Er sah hinein, las wohl auch in den Blättern. Am andern Tag gab er mir sie wieder: ‚nett, zum Teil ganz nett. Ein bißchen versonnen.‘ Er lachte und gab mir einen Schlag auf die Achsel: „Du bist immer ein Sinnierer gewesen, Joachim.“
Siehst du nun, daß ich weiß, wie es ist, Georg?
Er konnte wohl nicht anders; er sagte, wie es ihm ums Herz war. Aber mir war das leichthin geredete Wort wie ein Schlag ins Gesicht. — Das war alles? Da kam wieder so leer zurück, was ich aus mir heraus gegeben hatte und ich stand da und schämte mich, daß ich meine Seele so nackt hatte sehen lassen, und hätte sagen mögen: „gib’s wieder zurück, mach’s ungeschehen, daß du mich gesehen hast. Und dann zog ich mich in mich selbst zurück, so weit ich nur konnte.“
Der Rektor ließ ein paar große Rauchwolken steigen, die bildeten im Mondlicht einen schmalen hellen Streifen wie eine Brücke, darauf die Gedanken des alten Mannes in seine Jugend zurückgingen.
„Ja, heute versteh ich das alles; damals —, er sah es, daß er mich arm gelassen hatte. Und er meinte, ich habe mehr Lob erwartet und sei nun verschnupft, daß es mager ausgefallen sei, und erklärte mir, — er klopfte mir nochmals dazu auf die Achsel, daß ja wirklich ganz nette Sachen darunter seien, aber daß es ja natürlich viel bedeutendere Leute gebe und daß ich nicht erwarten dürfe, mit ihnen zusammengestellt zu werden.
Da packte ich mein Büchlein wieder ein. Nein, das hatte ich nicht erwartet. Etwas anderes. Was denn?
Ach, einen aufblitzenden Funken, der von seiner Seele zu meiner spränge, es hätte kaum ein Wort gebraucht, es hätt’s ein Blick getan, ein Händedruck, oder auch ein Schweigen.
Da hast du recht, Georg, es gibt ein beredtes Schweigen.“ Georg saß und horchte. Den Kopf lehnte er an die Wand und die langen Beine streckte er weit in die Stube hinein. Die Uhr tickte friedlich und gelassen: still — still — still — still. Bis die Stille redete. Ach wie friedlich war es hier.
Es war keine Unterbrechung dieser Stille, als der Rektor wieder anfing: „Das ist’s, was wir suchen und begehren: Gemeinschaft, Verstehen, nicht Lob. Ein Wort, das unserem verborgenen Leben eine Erlösung gibt, eine Befreiung. Aber wir dürfen das Wort von keinem verlangen. Es muß über uns kommen, wie ein Wunder. Es muß von einer verstehenden, liebenden Seele kommen. Und wir dürfen zu niemand sagen: sei du mir das, ich bitte dich.
Aber wie wir still hingehen und es tragen, daß wir einsam sind unter denen, von denen wir geliebt sein möchten, wächst eine Macht in uns, selber zu lieben und zu verstehen. Die den Armen das Evangelium verkünden wollen in irgend einer Weise, die müssen selber arm gewesen sein, arm in sich selbst vor allem.
Ich weiß das auch, Georg.“
„Ja,“ dachte Gertrud, und ihre Augen gingen zwischen dem alten und dem jungen Haupt hin und her, „aber manchmal begegnet uns doch auf diesem stillen Wege, von dem du sagst, ein Mensch, der die gleiche Sprache spricht oder doch die unsere in sich widerhallen läßt. Und dann geht ein Grüßen von Seele zu Seele: Du Bruder, o du Bruder.“
Aber sie sagte es nicht laut.
Es ging etwas Neues durch sie hindurch, etwas, das sie nicht benennen konnte. Das verschloß ihr den Mund.
„So, nun wollen wir zu Bett gehen.“
Der Rektor lehnte seine Pfeife an die Wand.
„So behüt dich Gott, Georg. Glück auf den Weg. Es gibt jetzt harte Bretter zu bohren, ich weiß es. Es ist ein enges Tor, das Examen. Aber dahinter ist das Leben. Du mußt dich nicht fürchten; es ist nirgends etwas zu fürchten. Die Sonne steht über allen Wolken, und Gott über allen Sonnen. Ich bin kein Dichter geworden, Georg. Du weißt es. Aber es ist dennoch eine Harmonie durch mein Leben hindurchgegangen; es hat sich dennoch gereimt. Ich habe nie aufgehört, die Rufe aus den Menschenherzen und aus den Kinderherzen vor allen, und aus dem Leben ringsumher zu vernehmen und zu verstehen. Das darf ich jetzt sagen. Es wird sich bei dir auch reimen, da habe ich keine Sorge.“
Ja, er hatte keine. So fest überzeugt war Georg nicht davon. Er hatte starke Zweifel in dieser Hinsicht. Er sah etwas unsicher nach der Ecke, in der sonst die Rektorin saß. Er vermißte noch ihre Ermahnung: „Du mußt dich zusammennehmen, mein Sohn. Und so weiter.“
Heute ermahnte ihn niemand. Er mußte es selbst tun, wenn es geschehen sollte.
Da zog er seine langen Beine an sich und stand auf.
Gertrud leuchtete ihm die Treppe hinunter und stellte, als sie unten waren, das Lämpchen in die steinerne Wandnische im Hausöhrn.
„Ich lasse dich zur hinteren Gartentür hinaus. So weit gehe ich noch mit dir.“
Das tat sie meistens. Es war nichts besonderes, daß sie es heute tat. Aber es war ihr anders zu Mut, als sonst. Sie hätte ihm so gern noch etwas gesagt. Er sah so zwiespältig aus, so unsicher.
„Ach, sag mir alles, was dich unruhig macht. So wie sonst. Laß mich an allem teilhaben.“
Aber sie dachte es nur, sie sagte es nicht.
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Es war eine wundersame Nacht. Eine rechte, echte Sommernacht, voll von schwerem Duft der Rosen und des Jasmin. Es war, als ob das Leben nur leise schliefe und sich hie und da im Schlafe bewegte. Ein Rotschwänzchen stieß einen leisen, zirpenden Laut aus, als Gertruds Kleid an der Hecke streifte, in der sein Nest war. Von dem sogenannten Feuersee, einem grün überwachsenen Wasserbecken, das draußen zwischen den Krautgärten lag, scholl das überlaute Quaken der Frösche, im Grase zirpten die Grillen, die Bäume rührten sich im leichten Nachtwind wie im Traum. Am Himmel hielt der liebe Gott das silberne Licht der Nacht in seiner ausgestreckten Hand und leuchtete damit über seine Welt hin. Er hatte gesehen, wie Marie vor einer Stunde ihr glückliches Herz ins Haus getragen hatte, und nun sah er, wie Gertrud schweigend dahinging, sah, wie sie sich im Heben und Dehnen der Brust erst Raum schaffen mußte zu gelassenem Leben und Atmen.
Sie streifte ihren jungen Genossen mit einem erwachenden Blick, so, als sei sie seither in Träumen gegangen und es fiele ihr nun auf einmal ein, was Wirklichkeit sei und was Traum. Und als sie ihn so ansah, wie er groß und schlank neben ihr ging und ein feines Gesicht hatte, in dem alle guten Geister wohnten, da kam es wie etwas Neues über sie, wie etwas Schönes, Großes, das sie seither unbewußt mit sich herumgetragen hatte und das nun die Augen aufschlug: Daß sie beide in ihrer frischen Jugend miteinander durch den Garten gingen, und daß ihr Sein und Werden so miteinander fortgehen müsse, durch Nacht und Tag hindurch und durch die ganze Welt. Wie eine helle, weiße Straße lag das Leben vor ihr, und auf der Straße gingen Gertrud Cabisius und Georg Ehrensperger, in gleichem Schritt und Tritt und hielten sich an den Händen gefaßt und sahen eins nach dem andern. Da strömte etwas Starkes durch ihre Adern, und drang ihr bis ans Herz. Sie schauerte leise in sich zusammen. Sie verstand sich nicht recht. Sie hätte es ihm sagen mögen, der da neben ihr ging, aber statt dessen löste sie ihren Arm, der bisher in großer Selbstverständlichkeit auf dem des Jugendfreundes gelegen war, und wandte sich ab und beugte den braunen Kopf über einen Rosenstrauch, der in voller Blüte stand. Eine volle, duftende, rote Rose drückte sie an den Mund. Da drang ihr die Kühle der Blumenblätter sänftigend in das wallende Blut.
„Was tust du, Gertrud?“ fragte Georg. „Willst du die Welt umarmen?“
Aber sie gab keine Antwort. Sie bot ihm nur abschiednehmend die Hand. „Gute Nacht, Georg.“
„Gute Nacht, Gertrud.“ Er zögerte noch einen Augenblick. Wollte er auch noch etwas sagen? Dann ging er in die Nacht hinaus. Das Pförtchen fiel hinter ihm zu. Gertrud hörte seine Schritte verhallen.
Dann, im Hineingehen horchte sie auf Mariens Singen, das aus der Küche kam. Dort saß sie nun an dem weißgefegten Tisch und nähte und sang dazu.
„Noch so fleißig, Marie?“
„Ja,“ sie lachte. „Ich muß mich dran halten. Wenn man heiraten will.“ Die Unruhe des Glücks war ihr in die fleißigen Finger gefahren. Da wurden sie noch fleißiger.
Gertrud erschrak.
„Jaso. Dann willst du uns verlassen?“
An diese Seite der Sache hatte sie noch nicht gedacht.
„Natürlich.“ Was hatte das Mädchen für übermütige braune Augen. Sie hatte bloße Arme bis über die Ellbogen. Die reckte sie und machte eine zugreifende Bewegung mit beiden Händen, als ob sie sogleich ans Einrichten zu gehen gedenke. „Natürlich. Es ist mir —“ ach nein, sie konnte nicht sagen, daß es ihr leid sei, hier wegzugehen. Es kam nichts dagegen in Betracht, nichts.
„Im Spätherbst wollen wir heiraten.“
„Schon?“
„Ja, das ist alles ausgemacht.“
„Alles heut Abend da hinten unter dem Baum?“
„Ja. Nun müssen Sie auch bald —.“ Marie lachte.
Sie durfte sich schon etwas erlauben.
„Gute Nacht, Marie.“
Gertrud stieg die Treppe hinauf. Aber in halber Höhe blieb sie stehen und hörte ihr Herz schlagen. Was war dies für eine Nacht. Es wendete sich alles um und um. Es sah alles anders aus als vordem.
Achtes Kapitel
Die Wiblinger Stadtgemeinde war nicht mehr so ganz überzeugt von ihrer Sicherheit, seit Meister Nössel allein auf dem Turm wohnte. Er war doch allmählich ein hinfälliger, alter Mann geworden. Man konnte nicht wissen, was nächtlicherweile unten in der Stadt geschah, wann der Schlaf zu ihm kam, oder wann sein sehnliches Gemüt hinter den Gedanken drein ging, die in ferne Zeiten wanderten, in vergangene und künftige. So wurde die Turmwächterstelle mit ihren dreihundertundfünfundsiebenzig Mark Einkünften nebst freier Wohnung und Öl für die Laterne neu ausgeschrieben und dem Flickschuster und seitherigen Fabriknachtwächter Konrad Entenmann übertragen, dem Mann der heiteren, raschen, lebendigen Frau Lieselotte, von der wir wissen, daß sie einst von der Rektorin Cabisius geschult und herangezogen worden war. Also blieb der Turm sozusagen „in der Freundschaft“, wenigstens für Gertrud, die nun schon drei kleine Entenmänner über den Taufstein gehalten hatte. Sie zog denn auch hier oben mit ein; wenigstens brachte sie am Abend des Einzugstags die drei Buben auf den Turm, die sie heut gehütet hatte und besah sich das Wunder: wie in der einzigen Stube für zwei große und drei kleine Menschen Platz geschaffen war. An Frau Judiths Fenster stand der Schustertisch samt dem Schemel davor. Ob wohl in Zukunft auch so wunderbare Dinge von hier aus zu erschauen sein würden? Einmal, Frau Lieselotte neigte nicht zum Geheimnisvollen, und — nein, und ihr Mann auch nicht. Nun zeigte sie ihr neues Reich, und sah es mit ihren Augen: „Die Kleiderkästen habe ich auf den Glockenboden gestellt; und draußen vor der Tür, siehst du, Gertrud, da habe ich so etwas wie eine Küche eingerichtet, zwei Schritte lang und drei breit, neben der Treppe. Ein Petroleumherdchen und ein Küchenkasten. Und oben, es geht eine Hühnerleiter hinauf, hast du je den Verschlag gesehen? Das gibt eine Schlafkammer für die beiden größeren Buben, wann sie zu lang werden für das Gitterbettchen.“ Sie drehte sich um und um. „Ich muß mich erst daran gewöhnen, so hoch oben zu sein. Mann, du mußt morgen früh eine Gattertür an die Stiege machen. Handumkehr fällt einer von den Buben hinunter. Buben, das sag’ ich euch, wenn einer da ausrutscht und fällt,“ sie schauderte und nahm den Jüngsten auf den Arm und drückte den zweiten an sich, „dann, dann hau’ ich euch, bis es genug ist. Jawohl, ihr dummen Kinder, das geht hinunter, hinunter, kein Mensch kann sagen, wie weit.“
Sie hatten es nicht im Sinn; sie drängten sich um die Mutter und guckten mit großen Augen das dunkle Treppchen hinunter. Eben war der Vater gegangen, sechs Uhr zu läuten. „Bscht, seid still.“ Frau Liselotte kam sich nun doch auch ein bißchen wie etwas Regierendes vor. Das war ihr Mann, der die Glocke über die Stadt und das ganze Tal hinrufen ließ, und alle andern Menschen waren da unten und horchten.
„Gute Nacht, Gertrud. Ich dank’ dir schön. Gelt, du steigst auch wieder da herauf, du weißt ja den Weg.“
Ja, den wußte sie. Aber es war ihr, als ob sie nicht allzu oft käme. Es war, als ob man aus einem schattigen Hain mit lockenden Pfaden und rieselnden Quellen einen Küchengarten gemacht hätte. Es war ein braver, wackerer Küchengarten, es war gar nichts an ihm auszusetzen, als daß es eben der alte Hain nicht mehr war. Sie mußte sich erst umgewöhnen. Der Mann läutete auch anders, als Meister Nössel, so schien es ihr. Zu schnell und ein wenig unruhig. Als Gertrud an ihm vorbeiging, um hinabzusteigen, sagte er, mitten unters Läuten hinein: „Jetzt heult der Fabrikhund, mein alter Hilfsnachtwächter, zum Erbarmen. Immer beim Läuten heult er. Das kann er nicht ertragen.“ Bam, bam, fielen die Töne dazwischen. „Es ist sonst ein braves Tier, es tut ihm ahnd nach mir, ich weiß es.“ Bam, bam, bam.
Wenn das Georg gehört hätte! Gertrud stieg die Treppen hinunter. Meister Nössel, der vollbrachte das Läuten wie eine heilige Handlung. Wie ein Priester oder ein Künstler. Ernst und still war er dabei und niemand durfte ihn anreden und ein Ton glich dem andern und jeder war ein Rufen nach den Menschenseelen.
Das wußte Gertrud nicht, als sie rasch und unmutig zu sich selber sagte: „So lernts der Entenmann nie, er kann nicht so läuten, weil er nicht so ist,“ daß Meister Nössel draußen in Hollermanns Hütte, die er gestern bezogen hatte, auch auf das Läuten horchte. Und daß er leise sagte: „Du wirst ihn lehren, wie du mich gelehrt hast. In Lieb’ und Leid, in Gemeinschaft und im Einsamsein, in Sehnsucht und Befriedigung, in eigener Not und über fremde Schmerzen hin habe ich die Glocken geläutet. Da haben sie die Welt und mich gesegnet.“
Er lächelte verstehend, als die hastigen, ungleichen Töne niederfielen. Sie taten ihm nicht weh. Er wußte wohl, daß sein Werk getan sei, und das der Glocken an ihm, und daß das beides bei diesem Mann erst anfange.
Stapfte da Frau Judiths Krücke?
Nein, es klopfte jemand mit dem Stock ans Fenster, und als er öffnete, stand sein alter Freund, der Rektor draußen und streckte seinen weißen Kopf herein:
„Komm Leonhard, es ist ein schöner Abend und wir haben alle Freiheit, zu feiern. Wir setzen uns aufs Bänkchen, hinten am Haus, gegen die Felder hin. Hörst du die Amsel? Hörst du, wie sie flötet? Als ob Hollermann in der Nähe wäre. Aber ich glaube, das ist er auch. Nein, wir wollen es nicht bereden. Wir setzen uns hin und horchen. Nachher kommt das Kind, die Gertrud, und holt mich ab.“
Da saßen sie beisammen, bis die Abendschatten niedersanken. Der Rektor hatte es wohl gewußt, daß ihn sein alter Schulkamerad heute brauche. Aber sie sprachen nicht viel. Sie kannten einander allmählich so gut, daß sie miteinander schweigen konnten. Es war ein warmer, schöner Abend im Juli. Es war gerade ein Jahr seit Frau Judiths Tod. Die weiße Kapelle schimmerte im letzten Abendstrahl. Hinten am Horizont erglänzten weiße Wolken mit purpurnen Säumen wie Gefilde der Seligen.