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Von Kindern und jungen Hunden

Flocki Die Geschichte eines merkwürdigen Hundes

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Titel: Flocki – Die Geschichte eines merkwürdigen Hundes
Titel: Flocki – Die Geschichte eines merkwürdigen Hundes

Ich habe „Flocki“ nie geliebt. Das muß ich vorausschicken.

Um so heroischer komme ich mir nun vor, indem ich mich hinsetze, um von „Flocki“ zu erzählen. Denn — das ist fast ein Axiom geworden in der literarischen Welt: die Lebewesen, die man so von Grund der Seele aus nicht leiden mag, erwähnt man nicht in Briefen oder gar in den zum Druck bestimmten Manuskripten. Man schweigt sie einfach tot, so bemerkenswert sie anderen erscheinen mögen.

Ich hätte vielleicht auch von „Flocki“ heute und später und für immer geschwiegen, wenn nicht dieses äußerst seltsame Wesen so bedeutungsvoll und bestimmend in das Leben eines Freundes eingegriffen hätte. Eines Freundes, dessen Wert ich schätze, wennschon ich seine Schwäche im Charakter tief beklagen muß.

„Flocki“ war ein Hund. Um das gleich zu sagen: ein sehr merkwürdiger Hund.

Seine Mutter stammte aus der weitverbreiteten und durchaus beliebten Familie des canis genninus. Oder kürzer und deutsch: sie war eine besonders hübsche Pudelhündin. Sie hatte den in der Familie üblichen gedrungenen Körperbau mit den langen, breiten Ohren; besaß ein lockiges, schwarzes Fell mit zwei sauber, fast kokett gezeichneten, weißen Flecken an Stirn und Brust. Diese beiden weißen Flecken waren vielleicht die Ursache, daß sie so sehr stolz auf der Straße war und sich selbst vom Milchmädchen nicht streicheln ließ. Was später aus ihr geworden ist, weiß man nicht genau. Die Köchin bei Hauptmann Weber — sie diente einen Stock unter „Fifi“, der schwarzhaarigen Pudelhündin, — behauptete, sie hätte sich in älteren Jahren aus einer verspäteten unglücklichen Liebe zu des Hauptmanns langhaarigem, englischem Setter, der sechzehn Ahnen hatte, damals gerade von der Staupe genas und ein sehr interessanter Rekonvaleszent war, in den Landwehrkanal gestürzt. Aber die Köchin bei Hauptmanns war überhaupt eine sehr romantische Person und wenig glaubhaft.

Piefkes selbst, bei denen „Fifi“ seit den betrübenden Zeiten, in denen ihrer ahnungslosen Jugend noch der erste Zimmeranstand beigebracht werden mußte, treue Hausgenossin war, erzählten, sie sei von einer „Elektrischen“ in der Potsdamerstraße überfahren worden. Das hat viel für sich, wenn man erwägt, daß „Fifis“ Sehvermögen stark nachgelassen hatte, und daß die „Elektrischen“ damals — kurz nach dem Streik — oft von absonderlichen Fahrkünstlern gelenkt wurden.

Flockis Vater aber — und das blieb nicht ohne Bedeutung für Flockis Aussehen, wie für seine Talente und Neigungen — war ein Mops gewesen. „Schufterle“ hieß der wenig liebenswürdige Vertreter einer unschönen Rasse, die, ruhmlos und unbeweint, faul, dick und aller Tätigkeit abhold, im Aussterben begriffen ist. Er hatte einen schraubenförmig gerollten Schwanz, eine schwarze, sehr unfreundliche Maske und war von besonders bösartiger Gemütsart; als wollte er bei jeder Gelegenheit durch tückisches Benehmen den Beweis liefern, daß seine Familie nur eine Karikatur der mißliebigen Bullenbeißer darstelle. Kam hinzu, daß seine Herrin eine alte, schrullige Regierungsrätin war, die nur zwei Leidenschaften hatte: auf einem unglaublich verstimmten Klavier Chopin zu spielen und ihren dicken Mops zu verwöhnen.

Diese sonst achtbare Dame hatte alle vielleicht in dem Tiere schlummernden guten Qualitäten durch falsche Erziehung verdorben. „Schufterle“ war knurrig und ohne jede Liebenswürdigkeit. Er war gefräßig und litt infolge von Fettleibigkeit, die wiederum eine Konsequenz der mangelhaften Bewegung in freier Luft war, stark an Asthma. Seinetwegen wohnte die Regierungsrätin nur Hochparterre. Und so oft sie auch wegen ihrer Vorliebe für Chopin umziehen mußte, mehr als vierzehn Stufen mutete sie ihrem kurzatmigen Liebling niemals zu.

Wie eigentlich der Liebesbund zwischen zwei so verschiedenen Wesen, wie es „Fifi“ und „Schufterle“ waren, zustande kommen konnte, das ist mir heute noch ein Rätsel. Brehm lebt nicht mehr, den ich gern gefragt hätte; und zu den modernen Zoologen hab’ ich kein Zutrauen. Sie versenken sich nicht in die Tierseele.

„Schufterle“ hat übrigens seinen Sohn niemals gesehen. Denn „Flocki“ kam im dritten Stock zur Welt, in einer Höhe, die Schufterle niemals erklomm. Und vierzehn Tage nach der Geburt des ihm gleichgültigen Sohnes starb „Schufterle“. Die Hausbewohner, denen seine Korpulenz und sein Schnaufen bei jeglicher Fortbewegung stark mißfallen hatte, behaupteten pietätlos, er sei „geplatzt“. Einige wollten sogar den Knall gehört haben ...

Die Regierungsrätin aber machte den Briefträger für „Schufterles“ Tod verantwortlich. Ihn allein. Zwischen diesem behenden Vermittler schriftlicher Nachrichten und dem asthmatischen Mops hatte eine latente Feindschaft schon seit Monaten bestanden. Schufterle knurrte, wenn er den Briefträger sah. Und der Briefträger knurrte auch. Freilich nur innerlich. Schufterle war überzeugter Demokrat und haßte alles Uniformierte. Der Briefträger vermochte über Schufterles feindseliges Benehmen um so weniger Entzücken zu heucheln, als der Regierungsrätin das Verständnis für den Begriff eines Trinkgeldes selbst bei so feierlichen Gelegenheiten, wie Ostern oder Jahreswechsel, durchaus fremd blieb. Während sie für Schufterle eine verschwenderische Zärtlichkeit an den Tag legte, pflegte sie die herzlichsten Neujahrswünsche nur durch ebenso herzliche Wünsche zu erwidern.

So kam es, daß der sonst durchaus friedliche Briefträger kurz nach Neujahr bei einem Zusammentreffen mit Schufterle auf der Treppe die kläffende Mißbilligung des feindlichen Mopses mit einem gesinnungstüchtigen Tritt seines doppeltgesohlten Zugstiefels erwiderte. Dieser Tritt hatte, obschon er nicht mit voller Kraft und in ganz ungefährlicher Richtung geführt war, nach Ansicht der Regierungsrätin „edle Teile“ verletzt. Und als einige Wochen darauf das vorzügliche Schufterle in seinem ausgepolsterten Schlafkörbchen verschieden war, schwur die aufs äußerste erzürnte alte Dame, ihr Liebling sei an dem Tritt des rohen Staatsbeamten gestorben. Sie verkrümelte von diesem Tage an ihre bescheidene Pension in gehässigen Prozessen gegen die Postbehörde. Aber das einzige Resultat dieser fortgesetzten kriegerischen Tätigkeit war, daß sie dreimal wegen grober Beleidigung eines Beamten in erhebliche Geldstrafen genommen wurde ...

Ich hätte mich selbstverständlich weder bei „Fifi“, noch bei der Hauptmannsköchin, noch bei „Schufterle“, der Regierungsrätin oder dem Briefträger so lange aufgehalten, wenn ich nicht glaubte, daß alle diese Dinge für Flockis schönes Leben in gewissem Sinne vorbedeutend und bestimmend gewesen wären.

Daß Flocki, der Sohn von Fifi, der Pudelhündin, und von Schufterle, dem asthmatischen Mops, ein bemerkenswerter Hund war, muß ich leider hinzufügen. Flocki war kurzbeinig, gedrungen, und obschon sein schwarzer Kopf die mütterliche Rasse im Schädelbau deutlich verriet, zeigte er die ganze, nur in der eigenen Dummheit begründete Weltverachtung des ererbten Mopsgesichtes. Auch der schraubenförmig gedrehte Schwanz erinnerte an den asthmatischen Vater, während die lockige, grauschwarze Behaarung offenbar von der angenehmeren Mutter kam.

Ich will meiner Antipathie gegen „Flocki“ hier nicht die Zügel schießen lassen; eines aber steht für Unparteiische völlig fest: es gibt selbst unter den verwahrlosten Kötern, die die schmutzigen Straßen von Stambul so angenehm beleben, keinen, der bei mäßigen Geistesgaben so täuschend den Eindruck zu erwecken vermöchte, als habe er sich soeben in einer besonders üblen Lehmgrube gewälzt. Diesen Verdacht aber rief Flocki, wo und wann er erschien, in jedem Unbefangenen hervor; obschon es vielleicht in Mitteleuropa keine drei Hunde gibt, die soviel gewaschen, gebadet, gekämmt, so oft mit grüner Seife abgerieben und mit Insektenpulver bestreut wurden, wie Flocki. Diese Reinigungsprozesse waren — um ein schiefes Bild an Stelle eines weit besseren, das mir nicht einfällt, zu gebrauchen — die einzigen dunklen Punkte in Flockis sonst so sonnigem Leben.

Flockis Herrin war eine unverehelichte Malerin. Früher hatte sie bloß gegen den Willen ihrer Eltern gemalt. Jetzt malte sie gegen den Willen der ganzen Welt.

Die Eltern waren gestorben und hatten ihr und ihrer älteren Schwester, die genau so eifrig und auch ungefähr so schön Klavier spielte, wie die jüngere Schwester „Stilleben“ malte, ein bescheidenes Vermögen hinterlassen. Nicht gerade, um auf lautlosen Gummirädern zu fahren und den Karneval in Nizza zu verleben, aber doch um sich’s daheim behaglich zu machen, ohne auf Verdienst angewiesen zu sein. Das war auch gut, denn Eleonore Eikötter hatte wohl das Talent, Bilder zu malen, die ihr selbst, ihrem Dienstmädchen und dem vorzüglichen Flocki ausnehmend gefielen; aber sie hatte leider nicht das Talent, diese Bilder auch der Kritik zu empfehlen oder gar diese Kunstwerke zu verkaufen.

Das war eigentlich sehr zu verwundern. Denn es heißt immer, wir leben in einer realistischen, in einer materiellen Zeit. Und Eleonore Eikötter kam in allen ihren Werken einem gesunden Materialismus vertrauensvoll entgegen. Ihre Stilleben wiesen keine bekränzten Totenschädel auf, keine Lichtscheren, alte Gebetbücher, rostige Hufeisen oder was sonst noch diese Art von Bildern besonders reizvoll zu machen pflegt. Eleonore malte prinzipiell nur Eßwaren: Hummerscheeren, Marzipantörtchen, Schweinsfüße, Pastetchen und gebratene Wachteln. Und da sie mit ihren Bildern rasch fertig war, wie die Jugend mit dem Wort, und aus ästhetischen Gründen ihre Modelle nie mehr als einmal benutzte, so hatte Flocki allen Grund, mit dem Schicksal zufrieden zu sein, das ihn und sein Leben so innig mit dieser Kunst verknüpft hatte, die nicht „nach Brot“ zu gehen brauchte.

Flocki erhielt nämlich, sobald ein Bild vollendet war, die „Modelle“ zur Erledigung in seine mit stilisierten Lilien bemerkenswert bemalte, sehr geräumige Freßschüssel. Er hatte folglich ein nicht rein künstlerisches Interesse daran, daß die Farbendichtungen Eleonorens rasch ihrer Vollendung entgegenreiften.

Schlau und perfid, wie er leider war, hatte er gemerkt, daß seine Herrin einmal außer sich vor Entzücken geriet, als er — eigentlich nur aus Langerweile und weil ihm die Sache diesmal zu langsam ging —, eine von ihr gemalte Schinkenstulle ärgerlich angauzte. Damals geschah es, daß Eleonore Eikötter stolz zu ihrer Schwester Adelgunde, die einen ihrer selteneren Besuche bei der Malerin machte, bemerkte:

„Kennst du die Geschichte von Apelles, dem Lieblingsmaler des großen Alexander? Nein? Nun, siehst du, der berühmte Apelles hat einmal Kirschen gemalt. Da kamen die Spatzen von den Bäumen und wollten die gemalten Kirschen aufpicken. So natürlich waren sie. Dem Apelles aber war das Lob, das ihm die getäuschten Sperlinge zollten, wertvoller, als das Lob der Schranzen des Königs der Mazedonier. Nun, siehst du, so geht es mir auch. Flocki, mein süßer, kluger Flocki, hat die Schinkenstulle, die ich auf die Leinwand geworfen, angebellt. Das ist das höchste Lob; das ist mir mehr wert als das Lob Alexanders des Großen!“

Die pietätlose ältere Schwester sagte bloß:

„Du bist verrückt.“

Aber Flocki, der sofort das appetitliche Modell, die Schinkenstulle, ausgeliefert erhielt, überlegte, während er die fetten Bissen gierig verschlang, daß sein lautes Benehmen vor der bunten Leinwand, der er im Grunde durchaus verständnislos gegenüberstand, offenbar diese so rasche wie erfreuliche Lösung der Problems bewirkt habe. Und er beschloß, auch fernerhin sein lautes Urteil rechtzeitig abzugeben und seiner mild gesinnten Herrin mehr Freude zu bereiten, wie Alexander der Große.

In der Folgezeit wurde er laut, sobald die ersten Farbenklexe sich auf der Leinwand zeigten und die ersten Linien erschienen, aus denen noch ebensogut ein Nilpferd, wie ein Stiefelknecht oder eine gotische Kathedrale werden konnte.

Eleonore war selig im Bewußtsein, es in ihrer Kunst bereits so weit gebracht zu haben, daß sie, wie sie sich ausdrückte, „mit wenigen Winken das Bedeutsame auszudrücken vermochte“; so deutlich und klar, daß es selbst Flocki, der bei aller Klugheit doch immerhin nur ein Hund war, nur der Sohn eines Mopses und einer Pudelhündin, erkennen und würdigen konnte.

Wenn aber dem verschmitzten Flocki die öde Malerei zu lange dauerte und die Gründlichkeit der Künstlerin in Anbetracht seiner Gelüste nach den „Modellen“ verdrießlich wurde, dann gebärdete er sich wie unsinnig vor der Staffelei und drohte unter jubelndem Gebell mitten in die künstlerische Tat hineinzuspringen.

Dann legte Eleonore Eikötter, gerührt und stolz, die Pinsel hin und belohnte den kritischen Freund mit den zärtlichsten Schmeichelnamen und mit reelleren Genüssen ...

So lebte Flocki im Atelier der genialen Pflegerin wie der große Hannibal im üppigen Capua. Er wurde dick und fett. Und wären nicht häufig kleine Verdauungsstörungen vorgekommen, peinliche Folgen seiner kritischen Verdienste und seiner bedauerlichen Gefräßigkeit, so wäre er ein vollkommen glücklicher Hund gewesen.

Die Schönheit seiner Erscheinung litt wohl unter den Jahren und der rasch fortschreitenden Korpulenz. Die vom Vater ererbte Unliebenswürdigkeit gegen alle Fremden nahm zu, und beim Treppensteigen zeigten sich auch schon zuweilen Vorboten des bösen, väterlichen Leidens, des Asthma. Aber die sorgsame Liebe seiner Herrin wuchs ins Ungemessene, wenn der dicke, häßliche Köter mit den fettigen, kleinen Augen und dem verschraubten Schwanz sich breitbasig vor ihren Pfuschereien aufpflanzte und der entzückten Eleonore Eikötter mit seinem gequetschten Gebell das Zeugnis ausstellte, daß sie eine talentvolle Künstlerin sei, eine nicht unebenbürtige Kollegin des großen Apelles aus Kolophon. — — — — — — — — — — — — —

Mein Freund Emil Steinbrink hatte seit einigen Monaten sein Atelier neben dem Raume, den sich Eleonore Eikötter mit allerlei Teppichen, die sie für „echte Perser“ hielt, weil sie vielfach gestopft waren, mit sehr unpraktischen, breitbeinigen Tischen und sehr staubigen Markart-Buketts zum Heiligtum ihrer Kunst eingerichtet hatte.

Emil war nicht ohne Talent. Er hatte nur eine bedauerliche Vorliebe für Violett; eine Vorliebe, die sich leider auch da nicht unterdrücken ließ, wo diese an sich milde und gewiß sympathische Farbe nicht recht hinpaßte.

Über seine Porträts war kaum zu streiten, da violette Menschen nirgends vorgekommen, und weil höchstens auf den Nasen einiger Gewohnheitstrinker sich die unbequeme Farbe zeigt, die Emil bei seinen Bildnissen bevorzugte. Aber auch seine „Landschaften“ gewannen durch das merkwürdige violette Licht, das über die Wälder, die Häuser und die Teiche flutete, ein eigentümliches Ansehen. Man vermutete immer, sie sollten einem erschrecklichen Spuck, einer Geistererscheinung oder einer gespenstischen Botschaft aus der vierten Dimension als Hintergrund dienen. Und wenn dann unter solchem Bilde ganz einfach zu lesen stand: „Frühlingslandschaft im Spessart“ oder „Herbstmorgen in der Rhön“, so schwuren die gewissenhaften Kenner deutscher Gebirge, dergleichen weder in der Rhön noch im Spessart, noch im Schwarzwald, im Taunus oder in der sächsischen Schweiz jemals wahrgenommen zu haben. Ja, ein Weltreisender, mit dem ich einmal in den versteckten Kunstsalon zusammentraf, in dem Emil seine Werke vor den Augen der gemeinen Menge so ziemlich verborgen auszustellen pflegte, versicherte mir, auch der Himalaja, der Kaukasus und die Roky Mountains seien gänzlich frei von solchen violetten Stimmungen.

Nur der Portier des Hauses, in dessen fünftem Stock Eleonore Eikötter und Freund Emil Wand an Wand künstlerisch wirkten, behauptete steif und fest, als Kind in seiner Heimat — er war aus Schopfheim — derartige wunderliche Farbenstimmungen häufig und mit innigem Genuß beobachtet zu haben. Seine sonst wohl interessanten Mitteilungen verloren an Wert dadurch, daß der alte Herr früher als Weichensteller bei der Hessischen Ludwigsbahn angestellt war und dann wegen plötzlich eingetretener Farbenblindheit entlassen werden mußte.

Dieser Weichensteller a. D. und jetzige Portier eines herrschaftlichen Hauses mit zwölf Etagen, vier Kellern und fünf Ateliers hieß Erasmus Schellenkopf und wurde in seinen Pflichten als Hausbesorger unterstützt von einer ebenso dicken wie asthmatischen Frau, seiner ihm ehelich angetrauten Lebensgefährtin. Frau Emma Schellenkopf blickte zu dem Kunstverständnis ihres Eheherrn mit erfreulicher Ehrfurcht empor, seit ihr Emil, der Meister in Violett, einmal erklärt hatte: Das Gerede von der Farbenblindheit ihres Mannes sei ein Unsinn und ein Quatsch, und man könne aus den Augen ihres Gatten durchaus ausreichende Gesichtsorgane für zwei Dutzend Akademieprofessoren herstellen.

Frau Emma Schellenkopf trug sich nach dieser Unterredung sogar wochenlang mit dem Plan, auf Grund eines solchen fachmännischen Gutachtens nachträglich einen Prozeß gegen die Hessische Ludwigsbahn anzustrengen. Allein der Friedensliebe ihres verständigeren Gatten war es zu danken, daß die Justiz nicht mit der Beamtenlaufbahn des Herrn Schellenkopf weiter befaßt wurde.

Erasmus Schellenkopf war für Freund Emils Schaffen ungefähr das, was Flocki, der vorzügliche Hund, für Eleonore Eikötters Werke in Öl war. Er war der Ansporn, die Aufmunterung, das anregende und treibende Element. Wenn er morgens die fünf Treppen heraufkam, die schmutzigen Pinsel zu waschen und die Aschbecher auszuleeren, eine Arbeit, die er mit der pedantischen Umständlichkeit eines alten Professors ausführte, so sprachen die beiden, der Maler und der kunstsinnige Portier, ein Langes und ein Breites über die deutsche Kunst und benachbarte Gebiete. Es war ein „Dialog in Violett“ ... Und nebenan im Atelier der Stilleben malenden Eleonore hörte man von Zeit zu Zeit den kunstbegeisterten Flocki bellen und vor der Staffelei seiner Herrin in wildem Enthusiasmus umherhüpfen. Dazwischen Eleonorens freudig bewegte Stimme, die den Liebling nicht ohne Stolz in die gebührenden Schranken zurückwies ...

Als Emil das Atelier bezog, hatte er Eleonoren einen nachbarlichen Besuch abgestattet.

Sie hatte ihm einige Dutzend ihrer Bilder gezeigt, die auf ihn — er aß aus Sparsamkeitsgründen an einem bescheidenen Mittagstisch der Altstadt für 65 Pf. „mit Bier“ — einen peinlich appetiterregenden Eindruck machten. Dann hatte sie mit noch größerem Stolz Flocki, den gestern erst gewaschenen und bereits heute wieder sehr schmutzigen Flocki in Freiheit vorgeführt.

Es traf sich, daß Flocki gerade an diesem Tage, da er einen alten Mallappen aus Langeweile aufgefressen hatte, an einem akuten Magenübel erkrankt war, das durch praktische Verwertung der Modelle seiner Herrin nicht besser geworden war. Das liebenswürdige Tier mußte deshalb sehr häufig die fünf Treppen heruntergeführt werden, um sich an der frischen Luft eine Weile zu ergehen.

Emil, immer galant, erbot sich in diskretester Weise, zuweilen die kleine gesundheitliche Exkursion Flockis zu leiten und mit Umsicht zu überwachen. Diese angenehme, zarte Aufmerksamkeit gewann ihm das Herz dieses späten Mädchens im Sturm.

Schon am nächsten Tag machte sie ihm einen anderthalbstündigen Gegenbesuch in seinem Atelier; und nachdem sie ihn mit längeren, ziemlich verworrenen Plänen einer Romreise, für die sie die richtige Jahreszeit schon seit sieben Jahren nicht hatte finden können, gelangweilt hatte, kaufte sie eine seiner violetten Landschaften, die nun schon ins fünfte Atelier mit umgezogen waren ...

Der Verkehr zwischen den beiden Ateliers wurde rasch lebhafter und freundschaftlicher. Daran trug im Grunde weniger die Seelenübereinstimmung des nachbarlichen Paares, als das Verhältnis Flockis zu Emil die Hauptschuld. Aus gänzlich unaufgeklärten Gründen beglückte Flocki den neuen Freund, so oft er ihn traf, mit seinen ehrenden Vertraulichkeiten. Saß Emil, so sprang Flocki unaufgefordert auf seinen Schoß, was, besonders wenn es draußen geregnet und Flocki bereits eigensinnig den Weg durch mehrere Pfützen genommen hatte, für Emils Kleidung gerade nicht von besonderem Vorteil war. Aber er ertrug es; denn Eleonore sprach schon mit bescheidenem Augenaufschlag davon, gelegentlich aus dem Schatze der violetten Landschaften noch ein passendes Pendant zu dem von ihr gekauften Bilde auszuwählen. Sie ging dabei wohl von dem nicht ganz unrichtigen Gesichtspunkte aus, daß man solche violette Landschaften erst glaubt, wenn mehrere beisammen hängen und gewissermaßen die eine die andere bestätigt.

Leisten konnte sich’s Eleonore Eikötter übrigens. Von ihren Eltern hatten die Schwestern ja nur ein bescheidenes Vermögen geerbt, das der alte Eikötter einer von ihm erfundenen und mit großem Geschick vertriebenen Fruchtmarmelade verdankte. Dann aber war eine Tante gestorben, die im Leben durch Besuche niemals lästig gefallen war, die Schwester der Mutter. Diese merkwürdige alte Dame hatte sich in ein Kinderbild Eleonorens in der Weise verliebt, daß sie ihr fünfundzwanzig Jahre später, nachdem das Bild wirklich nicht mehr ähnlich war, mit Übergehung der älteren Schwester Adelgunde ihr ganzes Vermögen vermachte. Das war in soliden Staatspapieren angelegt und brachte immerhin eine Rente von 3000 Mk., ohne der Besitzerin durch Schwankungen im Kurs den Schlaf der Nächte zu rauben.

Adelgunde hatte nun zwar die Schwester durchaus nicht im Verdacht der Erbschleicherei. Sie kannte auch die Geschichte von der berückenden Wirkung des Kinderbildes auf das Herz der alten Tante. Aber sie fühlte sich zurückgesetzt. Ein paar tausend Mark, die ihr die gutmütige Eleonore als Geschenk und als Trost überlassen wollte, wies sie hochmütig zurück und lebte von nun an von dem Ertrag weniger Klavierstunden und der kleinen Rente, die das elterliche Vermögen abwarf.

Als aber Eleonore angefangen hatte, mit Eifer zu malen, wurde das Verhältnis noch gespannter. Denn Adelgunde hatte schlechterdings für diese Stilleben, auf denen nichts vorkam, wie lauter eßbare Dinge, die später in Flockis stilisiertes Freßnäpfchen wanderten, aber auch gar nichts übrig. Sie war mehr für die große historische Schule, Piloty, Kaulbach und die andern, und verachtete derartige Malereien, in denen kein Mann, kein Weib und kein Held eine Rolle spielte.

So malte Eleonore nicht nur für sich. Sie lebte auch für sich. Sie malte für sich und Flocki. Nur die Besuche des benachbarten Strebensgenossen, der die ganze Welt violett sah, brachte einige Abwechslung in ihr Dasein.

Ihr Tagewerk war äußerst regelmäßig. Früh um sieben Uhr erhob sie sich, nahm ein Bad, kleidete sich halb an und badete Flocki, für den dieser Anfang des Tagewerks nicht den geringsten Reiz besaß. Häufig kroch er sogar unter Eleonorens Bett, was die betrübte Künstlerin — nicht ohne dabei heftig zu erröten und das kurze und allgemein übliche Wort für ihre jungfräuliche Lagerstätte zu umschreiben — dem Freund und Nachbar gesprächsweise mitteilte.

Emil hatte zuweilen gute Einfälle. Nicht allzu häufig, aber doch öfter, als die Leute glauben mochten, die nur seine Bilder kannten. So riet er der bekümmerten Besitzerin des merkwürdigen Hundes nach einigem Besinnen, die vier Beine ihres Bettes, von dem er, ohne es gesehen zu haben, annahm, daß es aus Holz gebaut sei, einfach absägen zu lassen. Sie werde dann allerdings beträchtlich tiefer liegen, aber das habe nach den Erfahrungen der Ärzte keinen Einfluß auf Schlaf und Wohlbefinden. Die berühmten französischen Betten seien sogar, wie man ihm mitgeteilt habe, alle sehr niedrig.

Eleonore unterbrach hier errötend seine warmherzigen Ausführungen über die französischen Betten, für die sie sich weniger interessierte. Sie dankte ihm aber herzlich für seinen guten Rat; denn die sich immer häufiger wiederholenden Unterredungen mit dem unter dem Bett sich verkriechenden Flocki, der nicht gewaschen sein wollte, waren frühmorgens oft recht kraft- und zeitraubend.

Sie ließ nun wirklich, wie der Freund geraten, die vier unnützen Beine ihres Bettes absägen und gewann durch diese Kriegslist, die dem überraschten Flocki höchst perfide erschien, durchschnittlich jeden zweiten Morgen eine gute halbe Stunde.

Um acht Uhr unternahm sie dann einen Spaziergang mit Flocki durch die Anlagen der Stadt, wobei sie weniger auf die Reize der Natur als darauf zu achten hatte, daß Flocki nicht durch seine Wißbegier in den künstlich angelegten Beeten Übles stiftete. Mit den Angestellten der Stadtgärtnerei, denen Flocki wohlbekannt und tief verhaßt war, lebte Eleonore in ewiger Fehde. Die jüngeren Gärtnerburschen fanden bedauerlicherweise ihre neckische Freude daran, einen kräftigen Strahl aus den wasserspendenden Rasenschläuchen, wenn’s irgend ging, auf den weltvergessen botanisierenden Flocki zu lenken, der dann mit unsäglichem Geheul über dieses zweite unbestellte Bad quittierte. Für die Beschwerdebriefe Eleonorens an die Stadtgärtnerei rächten sich wiederum die Parkaufseher durch Anzeigen, wenn Flocki, was leider häufig vorkam, unter dem kleinen Geländer, das die gelben Fußwege von den weichen Rasenflächen trennte, durchkroch, um sich im Grünen oder unter Tulpen und Hyazinthen zu ergehen.

Um 9½ Uhr kam Eleonore gewöhnlich von ihrem Spaziergang, der ihr mehr seelische Erregung als Erholung zu bringen pflegte, zurück. Sie teilte dann mit Flocki, der merkwürdig gern gut gezuckerte Schokolade trank, ihr Frühstück und trat mit dem Glockenschlag zehn Uhr in einer erstaunlich verklexten Malschürze vor ihre Staffelei.

Um zwölf Uhr klopfte Emil gewöhnlich an ihre Tür. Sie rief „Herein“ und zeigte jeden Mittag dieselbe freudige Überraschung über den unerwarteten Besuch.

Dann sprachen sie eine halbe Stunde über Kunst. Über Böcklin, dessen geniale Verwendung der violetten Farben Emil nicht genug rühmen konnte; über die Niederländer Snyders, Hondecoeter und van Streek, in denen Eleonore die Großen ihrer Kunst verehrte, die Meister, die es verstanden, das Kleine groß zu sagen und dem an sich Unbedeutenden, — einer Jagdbeute, einem Küchenstück, einer Tafel ohne Gäste — geistige Bedeutung und Poesie zu leihen.

Sie sprachen ohne Leidenschaft, wie zwei gute, wohlerzogene Kameraden. Eins ließ das andere ausreden, ob es gleich ganz genau wußte, was es nun sagen werde. Denn der Gedankengang in diesen ästhetischen Besprechungen war stets der gleiche. Und da nie ein Widerspruch von der andern Seite erfolgte, so war auch eine dialektische Verteidigung des Standpunktes, eine Vertiefung der Begründung, eine Vermehrung der Argumente durchaus unnötig.

Zuletzt sprach man immer — von Flocki, der, sobald er seinen Namen hörte, in seinem mit weichen bunten Lappen ausgelegten Körbchen faul mit dem Schwänzchen wedelte, ohne sonst irgendeinen Muskel seines Körpers an der freudigen Bewegung teilnehmen zu lassen, ja meist ohne die Augen nur zu öffnen.

Dann kam man überein, zusammen zu Mittag zu essen. In dem bescheidenen kleinen Restaurant in der Nähe, das Eleonore entdeckt hatte, und in dem sie, obschon sie keine geistigen Getränke zu sich nahm, auf deren Verkauf die Wirte sonst angewiesen sind, als Stammgast mit Aufmerksamkeit und Respekt behandelt wurde.

Auch dieses gemeinsame Diner schien jeden Mittag das Resultat einer ganz plötzlichen Erwägung zu sein. Man zeigte sich jedesmal wieder aufs neue erfreut, die fesselnde Unterredung über Böcklin, über die Niederländer und Flocki bei Tisch fortsetzen zu können. Und niemals wäre es Einem von beiden eingefallen, etwas Seltsames darin zu finden, daß sie ohne Verabredung, ohne Übereinkunft oder Abonnement schon seit Monaten jeden Mittag um ein Uhr gemeinsam in das freundliche Gastzimmer der „Goldenen Eidechse“ eintraten.

Der Pikkolo, der eine aus dem alten Frack des Oberkellners umgebaute, in der Fasson sehr merkwürdige Jacke trug, die an Flecken der Malschürze Eleonorens nicht nachgab, kam ihnen jeden Mittag mit derselben theatralischen Verbeugung entgegen. Den pomadisierten Kopf zwischen die Schultern ziehend, wie eine gekitzelte Schildkröte, wies er mit huldvoller Bewegung der roten Hand, die aus der spiegelnden Gummimanschette wie der breite Schaufelfuß eines Maulwurfs kam, nach dem für zwei Personen gedeckten Tischchen in der Ecke:

„Die Herrschaften, bitte, hier!“

** *

Auch Eleonorens Schwester, die selten erscheinende Adelgunde, hatte Emil einmal bei der befreundeten Künstlerin getroffen.

Es war kein besonders günstiger Tag, um sie kennen zu lernen. Sie hatte sich am Vormittag einen Vorderzahn ziehen lassen, und die Zunge war noch nicht recht gewöhnt daran, daß gerade an der Front des Kiefers eine Lücke in die Zahnreihe gebrochen sei. Demgemäß „lispelte“ Adelgunde in einer befremdlichen Weise, und die Aussprache gewisser Konsonanten ergoß sich wie feiner Sprühregen auf den Partner der Unterhaltung.

Eleonore fand es furchtbar komisch. Sie hatte gleich beim Eintritt der Schwester zu lachen angefangen. Sie hörte gar nicht auf zu lachen; und je mehr sie ihrer humoristischen Laune die Zügel schließen ließ, desto ärgerlicher wurde die Schwester. Schließlich kamen die beiden in Streit, ohne die Anwesenheit Emils, der sich nach einer ersten Begrüßung, verlegen in alten Skizzenmappen blätternd, an den Wänden herumdrückte, weiter zu beachten. Sie sprachen recht deutliche Töne über den kleinen körperlichen Schaden Adelgundens, der Eleonore so sehr amüsierte.

„Nimm mir das nicht übel, Eleonore, aber ein Gänschen“ — sie sprach das „s“ sehr scharf, fast zischend — „ein Gänschen von fünfzehn Jahren benimmt sich nicht törichter, wie du. Und, wie alt bist du doch?“

„Fünf Jahre jünger als du,“ gab Eleonore prompt zurück.

„Richtig. Aber du benimmst dich wie ein Kind. Das steht dir wirklich nicht besonders, die Naivenrolle mit dem Backfischgekicher.“

„Ja, das mag ja sein, meine Liebe, aber du sprichst auch zu komisch. Sag’ doch bitte noch einmal, Gänschen — Gänsz-schen — es klingt gar zu drollig.“

Diesen Gefallen tat ihr Adelgunde nun zwar nicht, aber sie belehrte die Schwester:

„Wenn du die Folgen eines Zahngeschwürs, das mich acht Tage lang gemartert hat, ‚drollig‘ findest, so kann ich deiner Schwesterliebe das nicht verwehren. Ihr Künstler seid immer äußerst originell in eurer Auffassung fremder Gefühle; und du bist ja — wenigstens deiner Auffassung nach — eine Künstlerin.“

Eleonore überhörte die Bosheit und fragte teilnehmend:

„Du wirst dir doch einen andern Vorderzahn einsetzen lassen?“

„Nein!“

Das Nein kam so scharf und eisig heraus, als wollte Adelgunde damit ihrer Schwester einen Hieb versetzen.

Emil sah verstohlen von seinen Skizzenbüchern auf, die Eleonorens zeichnerische Gedanken über verschiedene, durchaus gewöhnliche Hausgeräte enthielten. Er prüfte Adelgunde mit den Kenneraugen des Malers. „Schönheit ist nicht die Falle ihrer Tugend,“ dachte er. Es ist ja nun einmal von der Natur bestimmt, daß die Töchter Evä einen kurzen Unterkörper und langen Oberkörper besitzen, und man hat sich allmählich daran gewöhnt, daß dem so ist. Aber so kurz, wie bei Adelgunde, brauchen schließlich die Beine auch nicht zu sein; besonders wenn der Oberkörper so lang und eckig gebaut ist, wie hier.

Er erinnerte sich, mal als Junge auf einem Jahrmarkt einen sogenannten „Rumpfmenschen“ gesehen zu haben. Der Ärmste saß in einem hellblauen Seidenwams auf einem wulstigen Kissen; und der Knabe ging damals mit Staunen und Schauder um den hockenden Fleischklotz, in dem nur die Augen zu leben schienen, herum und suchte die Beine. An diesen Rumpfmenschen erinnerte ihn Adelgundens wenig glückliche Erscheinung. Durch ihre Angewohnheit, die Arme stets unbeweglich dicht an den Körper gepreßt zu halten, als ob unter den Achseln die Naht ihres Kleides geplatzt wäre und sie das durchaus nicht sehen lassen wollte, gewann die grausame Illusion noch an Wahrscheinlichkeit.

Und dann die Toilette! Das Kleid, das sie trug, war weder alt noch schäbig; aber wann sein wunderlicher Schnitt jemals modern gewesen wäre, das konnte kaum festgestellt werden. Ihren Hals schmückte ein himbeerfarbener Seidenschlips, auf dem eine dicke goldne Spinne mit einem perlenbesetzten Hinterleib als Nadel saß. Auf ihren schlechtgebrannten Haaren vom fadesten Blond, durch das sich schon silberne Streifchen zogen, wallte ein unförmiger kanariengelber Hut, der einem Fieberkranken im Traume erscheinen konnte.

Gewiß, Eleonore war ja auch keine beauté, und auf einer Schönheitskonkurrenz hätte sie — selbst in ihrer bereits überwundenen Blütezeit — verteufelt wenig Aussicht auf eine „lobende Erwähnung“ gehabt. Aber sie kleidete sich wenigstens einfach und hatte in ihren Bewegungen nichts Unweibliches. Diese Adelgunde aber war einfach furchtbar. Selbst wenn sich Emil den kanariengelben Hut und den fehlenden Schneidezahn „rekonstruiert“ dachte; selbst wenn er die himbeerfarbene Krawatte durch eine in Gedanken und Farbe bescheidenere, die besser zu ihrem farblosen, unreinen Teint paßte, ersetzte und sich das Mißverhältnis von Ober- und Unterkörper durch eine zweckmäßige Kleidung gemildert vorstellte, blieb das Gesamtbild noch immer unerfreulich.

So etwas zu heiraten, das muß doch furchtbar sein, beendigte der betrübte Maler seine stille Prüfung. Und er versuchte, sich den Armen vorzustellen, der etwa zu Adelgunde passen könnte. Einen Lebenden, der dieser Aufgabe gewachsen wäre, kannte er nicht. Und indem er dies konstatierte, empfand er es als eine seelische Befriedigung, wie ein großes Kompliment für das ganze männliche Geschlecht. Wenigstens vom Standpunkte des Malers.

Flocki hatte sich mittlerweile persönlich aus seinem Körbchen bemüht und hatte die ihm äußerst unsympathische Schwester seiner gütigen Herrin zunächst und von der Ferne durch feindliches Knurren begrüßt. Dann hatte er sich, eingeschüchtert durch eine drohende Gebärde Adelgundens, zu Emil begeben, an dessen Hosenbein er sich mit ehrender Zutraulichkeit und großer Energie das Fell rieb.

Als Adelgunde den mißvergnügten Köter bemerkt hatte, erhellten sich ihre Züge. Sie wußte, an welcher Stelle sie ihre Schwester kränken konnte.

„Da ist ja auch der häßliche Butz,“ sagte sie, einen horngefaßten Kneifer aufsetzend, der sie um nichts schöner machte.

„Ich habe dir schon mindestens zwanzigmal gesagt, daß der Hund nicht Butz, sondern Flocki heißt,“ belehrte Eleonore, aufgebracht über die Mißachtung, der ihr Liebling begegnete.

Flocki verstand, daß von ihm die Rede war. Er hörte sofort auf, sich an Emils Hosenbeinen zu schaben und sah mit schiefgelegtem Kopf und mißtrauischer Aufmerksamkeit nach Adelgunde.

Und richtig, die Kampflustige setzte ihre bedauerlichen Beleidigungen fort:

„Solche Köter, die gar keiner Rasse angehören und gar keinen Charakter haben, sollten immer ‚Butz‘ heißen. Butz schlechtweg. Niemals anders. Und nun gar der! Ich begreife nicht, wie du mit deinem ewigen Schönheitsgefühl dieses abscheuliche Tier um dich dulden kannst. Freilich, er lobt ja deine Bilder. Der Gute, der Uneigennützige! Das gibt ihm einen durchaus einzigen, unbestreitbaren Platz in deinem Herzen. Du brauchst jemanden, der deine Bilder lobt. Aber das dürfte dich doch nicht blind machen, daß er geradezu der Thersites unter den Hunden ist. Und immer schmutzig.“

„Bitte, heute erst gebadet.“

Adelgunde ignorierte diese entrüstete Berichtigung. Sie wendete sich nun direkt an Emil, der ziemlich geniert auf einem groben Melkstuhl saß, den Eleonore einmal vor Jahren aus einer bescheidenen Sommerfrische auf einer Schweizer Alm als sinnige Erinnerung mitgebracht hatte.

„Haben Sie schon einmal einen zweiten Hund gesehen, der immer aussieht, als sei er in eine Lehmgrube gefallen?“

Emil wich der direkten Antwort auf diese Frage aus.

„Flockis Fell nimmt merkwürdig leicht Staub an,“ entschied er, „aber ich bin Zeuge, daß er fast täglich gebadet und sehr häufig am Tag gebürstet wird.“

„Ja, Sie sind Zeuge?“ lächelte Adelgunde spitz. „Sie sind wohl der pädagogische und medizinische Beirat bei Flockis leiblicher und seelischer Erziehung.“

„Im Hauptberuf,“ sagte Eleonore rasch und enthob dadurch den ob solcher Anzapfung sichtlich verlegenen Emil der Antwort. „Im Hauptberuf ist Herr Emil Steinbrink, wie ich dir vorhin schon erklärte, liebe Adelgunde, Maler. Also ein Kollege von mir. Sogar ein Kollege, von dem ich sehr viel halte.“

„Sogar!“ Adelgunde verbeugte sich mit leichtem Spott.

„Jawohl, meine Liebe, sogar! Er ist Landschafter und hat die Welt mit den Augen des Poeten betrachtet. Daß er, wie die meisten ästhetisch Veranlagten und wie alle guten Menschen“ — sie legte auf die „guten“ Menschen einen bedeutsamen Nachdruck — „nebenbei ein großer Hundefreund ist, hat mir seine kollegiale Freundschaft noch wertvoller gemacht.“

„Noch wertvoller?“ Adelgunde schien das ironische Echo der Schwester geworden zu sein.

Emil beschloß der peinlichen Szene ein erträgliches Ende zu geben. Er erhob sich von seinem Melkstuhl und sagte mit einer linkischen Handbewegung:

„Hier nebenan ist mein Atelier.“

„Hier — nebenan?“

Adelgundens Gesicht nahm einen Augenblick den Ausdruck beleidigter Tugend an.

„Ja, er ist ein sehr angenehmer Nachbar,“ kommentierte Eleonore boshaft, „er spielt niemals Chopin, keine Trauermärsche und nichts anderes, was ähnlich klingt.“

Emil begriff, daß Adelgunde nun wieder an der Reihe war für eine bissige Bemerkung. Er beeilte sich also zu sagen: „Interessiert es Sie vielleicht, mein Atelier zu sehen? Ich muß doch eben noch eine halbe Stunde hinüber.“

Er hatte erwartet, daß Adelgunde ablehnen würde. Vielleicht mit ironischem Dank, vielleicht gar mit einer beleidigenden Bemerkung.

Aber in der unangenehmen Dame schien die Neugier gesiegt zu haben. Sie erklärte sich sofort zur Besichtigung bereit.

Jedenfalls kam er auf diese Weise hier los.

Die folgende Viertelstunde gehörte zu den wenigst genußreichen in Emils Leben.

Es ist zwar nicht anzunehmen, daß Adelgunde überhaupt was von Bildern verstand; in der Beurteilung von Emils Werken nahm sie jedenfalls einen nüchtern ablehnenden Standpunkt ein. Sie behauptete, daß die violette Farbe in der realen Welt sehr selten vorkomme. Wenn sie aber vorkomme, dann sehe sie nach ihren Beobachtungen anders aus, als Emil sie wiedergab.

Sie sprach dann von seiner Vorliebe für Violett, wie von einem schmerzlichen Sehfehler und diskutierte mit ernster Teilnahme die Möglichkeit, dieses Gebrechen durch einen operativen Eingriff in das Sehnetz zu heben. Sie kenne einen Augenarzt, der die merkwürdigsten Operationen mache. Eine sehr distinguierte Dame, mit der sie früher vierhändig Klavier gespielt habe, sei von dem unglücklichen Fehler behaftet gewesen in allen hellen Dingen einen dunklen Punkt zu sehen. Einen Punkt von der Gestalt und Farbe einer Baumwanze. Diese Baumwanze habe ihr der Doktor aus dem Auge herausgeschnitten. Es sei natürlich keine wirkliche Baumwanze gewesen, sondern, wie sie vermute, ein häßlicher Fleck in der Pupille. Die distinguierte Dame sei nach der wohlgelungenen Operation sehr glücklich gewesen, habe vier Wochen nach Vorschrift im dunklen Zimmer gesessen zur Nachkur und sei leider in der fünften ganz plötzlich gestorben. Ein sehr trauriger Fall, der aber niemanden abschrecken dürfe, eine Operation zu wagen. Sie z. B. würde in Emils Fall lieber heute als morgen ihre Zuflucht zur Operation nehmen. Es müsse doch geradezu schauderhaft sein, die ganze Welt, den Himmel, die Bäume, die Menschen, alles violett zu sehen. Auch der Wahnsinn beginne sehr häufig, wie sie aus sehr ernst zu nehmenden Büchern wisse, mit solchen Gesichtsstörungen ...

So plauderte sie in ihrer gewinnenden Weise noch vieles, das den Verfertiger der violetten Bilder ähnlich sympathisch berühren mußte.

Dann empfahl sie sich, nicht ohne Flocki aus Versehen auf die Pfoten getreten zu haben; eine Ungeschicklichkeit für die der davon Betroffene mit dem ihm eigenen maßlosen Geheul quittierte.

Vollständig mit der Untersuchung und der Pflege des Patienten beschäftigt nahm die empörte Eleonore keinerlei Notiz davon, als die Schwester davonrauschte.

Emil begleitete sie bis zur Treppe und empfing dort ihre letzte dringende Ermahnung, lieber so lange nicht mehr zu malen, bis die empfehlenswerte Operation vorgenommen sei.

Sie war schon auf der Treppe, da raffte Emil, der bis dahin mit der Geduld eines Märtyrers die Freuden dieses Besuches, der ihm eigentlich gar nichts anging, ertragen hatte, zu einer kleinen, bescheidenen Bosheit auf.

„Alles, liebes Fräulein,“ sagte er, „alles sehe ich nun doch nicht violett. Zum Beispiel ihren schönen Hut empfinde ich durchaus gelb.“

„So. Empfinden Sie ihn gelb?“ sie lächelte ihm geschmeichelt zu. „Nun, sehen Sie, ich kann Ihnen versichern: er ist auch gelb. Ein kräftiges Kanariengelb. Ich liebe überhaupt das Kräftige.“

Und damit stieg die freundliche Dame, die das Kräftige liebte, mit dem kanariengelben Hut die Treppe hinunter.

Das war am Abend des 24. Mai.

Emil ahnte nicht, welche Bedeutung einmal für ihn dieses Datum gewinnen sollte. Und als er in sein Atelier zurücktrat und Eleonore zwischen all den violetten Bildern mit finster verkniffenen Lippen in seinem antiquarisch gekauften Sicherheitstriumphstuhl sitzend fand, immer noch den wimmernden Flocki betreuend, da konnte ihm nimmermehr der Einfall kommen, daß diese Stunde in der Freundin einen Entschluß gereift habe, der ihn sehr nahe anging.

Ihr Urteil über die Schwester aber faßte Eleonore, ehe sie mit Flocki ging, nur in die knappe Charakteristik zusammmen:

„Es ist eine widerliche Person!“

Emil war zu höflich, zu widersprechen.

** *

Am andern Mittag saßen sich Emil und Eleonore schweigsam bei ihrem bescheidenen Mahl gegenüber.

Die Schweigsamkeit des Menschen kann sehr verschiedene Ursachen haben. Hier zwei Beispiele. Emil schwieg, weil das Menü sehr minderwertig zusammengesetzt war. Es gab Erbsensuppe mit Schweinsohren, für die Emil sein Leben gelassen hätte, wenn sie gut gewesen wäre. Sie war angebrannt. Und dann Brathecht mit grüner Sauce. Die Suppe beschäftigte sein enttäuschtes Gemüt; der Hecht, den er minder schätzte, wandte sich mehr an seine Intelligenz und nahm mit seinen Gräten seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Um so mehr, als Fischessen eine Kunst und ein Probierstein guter Erziehung ist und er sich vor Eleonore keine Blöße geben mochte.

Eleonore aber schwieg, weil ihr vielerlei im Kopfe herumging und das Herz bewegte. Vielerlei, das mit der Erbsensuppe und dem Brathecht in gar keinem Zusammenhange stand.

Plötzlich legte sie die Gabel hin, sah Emil ernst und fest in die Augen und fragte mit einer Stimme, der man tiefe, seelische Erregung leicht anmerken konnte.

„Wenn ich stürbe, mein lieber Freund, würden Sie wohl dem armen Flocki ein Vater und Versorger sein?“

„Wenn Sie — was?“ Emil war froh, besonderes Interesse an der Unterhaltung heuchelnd, den Brathecht beiseite schieben zu können, dessen Todestag, wie ihm schien, schon etwas ferne lag.

Eleonore wiederholte mit genau demselben schwermütigen Tonfall ihre ernste Frage.

„Aber natürlich, Fräulein Eleonore. Sie wissen doch, mein Herz — Pikkolo nehmen Sie doch endlich den Brathecht weg! — mein Herz hängt an dem Tier. Ich habe mich so an ihn gewöhnt und —“

Eleonore reichte über den leeren Brotkorb dem Freunde die Hand. Sie war gerührt. Tränen standen in ihren Augen, und ihre Nasenspitze war elfenbeinweiß und zuckte leise, was stets bei ihr ein Zeichen besonderer seelischer Erschütterung war.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie, in jedes Wort eine Fülle glückseliger Empfindung gießend, als habe er ihr soeben Holländisch-Indien als souveränes Fürstentum geschenkt.

Emil empfand die Feierlichkeit peinlich. Er liebte das Feierliche überhaupt nicht in öffentlichen Lokalen. Am wenigsten, wenn ein unerzogener Pikkolo in der Nähe stand, der seine schaufelförmig abstehenden Ohren ausgiebig zur aufmerksamen Teilnahme an den Gesprächen der Gäste benutzte.

„Aber, liebes Fräulein,“ wehrte der Maler geniert und halblaut ab, „nein wirklich, wie können Sie jetzt vom Tode — heute gerade vom Tode reden! Sie — in der Blüte der Jahre, in der Fülle der Kraft, in der — in der — —“

„Nehmen die Herrschaften Obst oder Käse?“ fragte der Pikkolo.

Emil war ihm dankbar für die Störung. Denn seine Beredsamkeit hatte ihn in eine lichtlose Sackgasse geführt. Er bestellte den steinharten Käse, den man hier, weil er etwas altes Stanniol auf der Oberfläche zeigte, „Chamambert“ nannte.

Aber Eleonore kam mit der ganzen Zähigkeit des Frauengemüts auf den ihr lieben Gedanken zurück.

„Wenn Sie wüßten, wie mich das beruhigt. Es gibt mir geradezu das seelische Gleichgewicht wieder, das ich verloren hatte —“

Emil ließ einen Grunzton hören, der immerhin ein Bedauern und ein Befremden über das verlorene Gleichgewicht bedeuten konnte.

„Ich weiß, Sie verstehen mich,“ fuhr Eleonore fort, während sie Flocki, der einen Gast am Nebentisch einen Geflügelknochen behandeln sah und unschöne Zeichen einer durchaus mißgünstigen Stimmung an den Tag legte, beruhigend an sich zog. „Sie ganz allein. Ruhig, Flocki, nicht heulen! Als gestern meine Schwester ging, stand mein Entschluß fest, felsenfest, wie die Mauer von Jericho.“

Eleonore liebte solche kühnen Vergleiche, die zu denken gaben. Emil überlegte, daß sie außer der Mauer von Jericho auch den Käse, den er hilflos zwischen den Kiefern umherschob, ganz gut zum Vergleich für die Festigkeit ihres Entschlusses hätte heranziehen können. Aber worin dieser Entschluß bestand, das erforschte er weder durch emsiges Nachdenken, noch erfuhr er es an diesem Tage aus Eleonorens Munde.

Flocki, tieferregt über den Herrn mit dem Geflügelknochen, hatte Händel an dem Nebentisch gesucht und dafür einen Tritt bekommen. Sein Schmerz über diese unwürdige Behandlung machte sich in kläglichen Lauten Luft.

Eleonore, schon seelisch erregt durch die ernsten Erwägungen ihres Todesfalls, gebrauchte alsbald heftige Ausdrücke gegen „miserable Tierquäler“, „mitleidlose Barbaren“ und „unerzogene Menschen“. Bemerkungen, die der Herr mit dem Geflügelknochen leider auf sich beziehen mußte. Er wischte sich denn auch sofort die fetten Finger an der Serviette ab, sah durch eine sanftblaue Brille die erzürnte Dame von der Seite an und gab ihr — natürlich ohne sich vorzustellen — den wohlmeinenden Rat, ihren Köter besser zu erziehen.

Eleonore, die gerade auf Flockis Erziehung sehr stolz war, setzte leider, aufs neue gereizt, das unersprießliche Gespräch durch die spitze Bemerkung fort, daß es mehr unerzogene Geschöpfe auf zwei Beinen, als auf vier Beinen gebe. Und obschon Eleonore, als sie diesen allgemeinen Vorwurf aussprach, dem Herrn mit dem Geflügelknochen dicht am Ohr vorbei sah, bezog dieser ungemütliche Mann die Äußerung doch wiederum auf sich. Er nannte nunmehr Flocki „eine unglückliche Kreuzung von einer Fischotter und einem Schaukelpferd“ und sprach den Verdacht aus, daß diese Mißgeburt beträchtliches Ungeziefer habe. Seine von keinerlei Sympathie getragenen Betrachtungen über Flocki und Flockis Geschlecht gipfelten in dem mit apodiktischer Sicherheit abgegebenen Spruch, derartige Geschöpfe gehörten in keine anständigen Lokale, und es sei noch zweifelhaft, ob man den Wirten, die sie zur Unbequemlichkeit ihrer Gäste dennoch hereinließen, nicht juristisch und strafrechtlich beikommen könne.

Das war der Moment, in dem der Wirt sich in das Gespräch mischte.

Nicht eigentlich in den Streit. Denn das Gebot solonischer Weisheit, daß der Athener in jedem Streit zwischen Zweien Partei ergreifen müsse, schien ihm außerhalb des alten Athens keine Geltung zu besitzen. Oder er kannte es überhaupt nicht. Er beschränkte sich also darauf, milde, beruhigende Worte an Eleonore zu richten und ähnliche Ermahnungen an den Herren mit dem Geflügelknochen.

Als dieser ihn aber ärgerlich einen „alten Trottel“ nannte, ohrfeigte er unverzüglich den Pikkolo, der sich an dieser häßlichen Bemerkung des Herrn mit dem Geflügelknochen unziemlich erfreut hatte. Dann ging er nach dem Büfett, um das rothaarige Büfettfräulein anzuschreien, was ihm die am meisten ungefährliche Art erschien, seinen Ärger los zu werden, ohne dabei einen zahlungsfähigen Gast zu kränken.

In Emils Seele wallten während dieser Szene allerlei ritterliche Gefühle. Von dem Entschluß, dem Herrn mit dem Geflügelknochen Ohrfeigen anzubieten, hielt ihn die kluge Einsicht zurück, daß dieser unangenehme Mensch einen geradezu athletischen Körperbau zeigte. Eine Pistolenforderung schien ihm aussichtslos. Und dann, er hatte niemand zur Hand, der sie überbracht hätte. Auch wußte er nicht, ob der Herr mit dem Geflügelknochen nicht etwa ein Kunstschütze war. Und da er nun so gar nicht ahnte, was er in dieser peinlichen Situation unternehmen sollte, machte er sich wichtig und umständlich mit Flocki zu schaffen, der sich immer noch in der Rolle des Gekränkten gefiel.

„Gehen wir,“ sagte Eleonore plötzlich. Und Emil war herzlich froh, daß die unerquickliche Unterhaltung zu Ende war.

Der Pikkolo, der an seinen Tränen schluckte, riß ihnen die Türe auf. Und hinter der wie eine siegreiche Königin einherschreitenden Eleonore gewann Emil sehr zu seiner Erleichterung die freie Luft. Eine neugierige Wendung hatte ihm noch gezeigt, daß der Feind, der sie vertrieb, bereits seinen Geflügelknochen wieder ergriffen hatte und an ihm herumnagte, als sei gar nichts geschehen.

Eleonore war schweigsam auf dem Weg zu den Ateliers. Nur einmal machte sie plötzlich die, wie es schien, mehr für sich selbst als für Emil bestimmte Bemerkung, sie habe vor drei Jahren in der Schweiz am Genfer See einen Herrn aus St. Gallen an der Table d’hote getroffen, der das zarte Geflügelfleisch so unmanierlich von dem Knochen abgelutscht habe, daß sie sowohl, wie zwei alte holländische Damen die Pension gekündigt hätten. Aber noch in Basel habe sie von diesem Menschen und seiner barbarischen Art, zu essen, geträumt.

Emil, der froh war, daß ein Gespräch in Fluß kommen sollte, wollte die spaßhafte Geschichte erzählen vom Schah Nasr-eddin, der beim Galadiner in London die Spargelreste hinter sich warf. Aber Eleonore belehrte ihn mit einem strengen Blick, dies sei eine Geschichte, die nicht hierher passe. Sie rede von europäischer Flegelei und von Geflügelknochen. Einem asiatischen Despoten verzeihe sie viel, einem Mitteleuropäer wenig.

Und Emil dachte im Weitergehn darüber nach, wie dieses milde Urteil Eleonorens wieder einmal den alten Erfahrungssatz bestätige, daß die Stellung eines asiatischen Despoten ihre großen Annehmlichkeiten habe.

Nur Flocki hatte sichtlich alle trüben Erinnerungen von seiner Seele geschüttelt und war von erfrischender Spaßhaftigkeit. Er erschreckte artige Schulkinder durch Sprünge und unmotiviertes Gebell bis zu Tränen, begleitete eine gelbe Postkutsche eine Strecke weit mit beträchtlichem Lärm durch viele Pfützen, interessierte sich für die an einem Laden in Körben ausgelegten Schellfische mehr, als dem Besitzer lieb war, und mischte sich dann arglos unter das Publikum.

Im Atelier, als ihn Eleonore streicheln wollte, erwies es sich, daß er auch Zeit gefunden hatte, an einer offenbar frischgestrichenen Laterne zu rasten und daß ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner linken Körperseite dick mit grüner Ölfarbe bestrichen war.

** *

Am folgenden Tag kam Eleonore nicht ins Atelier.

Der Portier, der bereits wieder bewundernd vor einem erst angefangenen aber schon sehr violetten Bilde in Emils Malerwerkstatt stand, als der junge Künstler, ein wenig verkatert von einem üblen Trunk, den er am Abend zuvor getan, die Türe öffnete, überbrachte ihm ein Billettchen der Freundin. Ein halbwüchsiges Mädchen, das in der kleinen Privatwohnung Eleonorens die Aufwartedienste tat und in Erfüllung dieser Obliegenheiten für dreimal soviel Geld zerschlug, als ihr Lohn ausmachte, hatte das Briefchen gebracht. Es war mit Bleistift geschrieben und enthielt nur diese wenigen Zeilen:

„Lieber Freund!

Ängstigen Sie sich nicht. Mir ist nicht wohl. Vielleicht war es die Aufregung gestern. Aber ich fühle, daß ich fiebere und habe häßliche Gliederschmerzen. Ich will einen Tag im Bett bleiben und denken, es macht sich rasch wieder. Vielleicht nehmen Sie Flocki heute mit zum Mittagessen?

Das Mädchen wird Sie pünktlich um ein Uhr mit dem lieben Tier vor der Haustür erwarten. Sie holt ihn dann gegen Abend bei Ihnen im Atelier ab. Aber wenn’s Ihnen Mühe macht oder Verdruß — dann natürlich nicht.

Lüften Sie bitte ein bißchen in meinem Atelier. Und seien Sie schön bedankt und gegrüßt von Ihrer

Eleonore Eikötter.“

An diesem Tag also aß Emil mit Flocki allein zu Mittag.

Es war ein trübseliges Diner. Er kam sich ganz vereinsamt vor. Um so vereinsamter, als Flocki viel an andern Tischen hospitierte. Auch der Herr mit dem Geflügelknochen war wieder da. Er aß aber diesmal Sardellenklopps, was die Situation erleichterte.

Als das Mädchen am Abend kam, Flocki zu holen, berichtete sie, Eleonore friere und mache gar merkwürdige Sprüche. Der Arzt sei dagewesen und habe auf einem langen schmalen Zettel eine Medizin verschrieben. Sie sehe aus wie Himbeersaft und koste 3,50 Mk., was sie — Dortchen — für eine Gemeinheit des Apothekers halte. Eleonore solle alle Stunde einen Eßlöffel nehmen, und sie — Dortchen — müsse deshalb sofort mit Flocki nach Hause. Für die Nacht habe sie ernste Befürchtungen, da Eleonore die sonderbarsten Reden über eine Hummerschere und einen Geflügelknochen führe. Sie — Dortchen — gehe deshalb stark mit dem Gedanken um, den Laufburschen vom Bäcker gegenüber, der übrigens ein sehr anständiger Mensch sei und eine derartige Bitte gewiß nicht mißverstehen würde, zu ersuchen, mit ihr in der Nähe der Kranken zu wachen. Augenblicklich sei die dicke Portiersfrau bei Eleonore, eine unangenehme, geschwätzige Frau, die, wie man sich in der ganzen Straße erzähle, mit dem Portier gar nicht richtig getraut sei, sondern „bloß so“ zusammenwohne, was besonders deshalb sehr verwerflich sei, weil der Portier schon morgens früh nach Kornschnaps röche und in ganz roher Weise selbst auf die Treppen spucke, was doch allen andern im Treppenhaus Verkehrenden durch Anschlag verboten sei.

Nachdem sie alle diese interessanten Mitteilungen ohne Punkt und Semikolon gemacht hatte, entfernte sie sich sichtlich erleichtert mit Flocki und ließ Emil mit sehr violetten Gedanken unter seinen Bildern zurück.

Am nächsten Tage hörte er nichts von Eleonore. Er konnte es sich nicht verhehlen, er war ernstlich beunruhigt.

Und als es sechs Uhr abends war und er immer noch ohne Gruß und Nachricht war, ging er nach ihrer Wohnung. Erst umkreiste er in gemessenem Schritt das Haus mehrfach, bis er das Mißtrauen sämtlicher Portiers der Nachbarschaft erweckt hatte. Dann faßte er einen raschen Entschluß, trat ein und stieg die Treppen. Ein Jüngling mit vorstehenden grasgrünen Zähnen öffnete ihm die Tür und stellte sich als der Laufbursche vom Bäcker vor, der eben mal ’rübergekommen sei, um nach dem Rechten zu sehen. Dortchen, das tüchtige Mädchen, sei in der Apotheke. Es stehe schlimm mit dem Fräulein. Der Arzt sei sogar zweimal dagewesen, aber sie halte ihn unbegreiflicherweise für einen Kaminkehrer — vielleicht weil er der vielen Trauer wegen, die sein Beruf bringe, so schwarz angezogen sei — und wollte gar nichts von ihm wissen. Auch Flocki erkenne sie nicht mehr. Sie behaupte, er sei eine sibirische Fischotter und befehle unaufhörlich, ihn mit lebendigen Sardellen zu füttern. Was den schwarzgekleideten Doktor anbetreffe, so sei das zweifellos ein sehr gelehrter Herr, aber leider wenig mitteilsam. Er habe dem Dortchen bloß gesagt, sie solle das Rezept in die Apotheke tragen und dann schleunigst die Schwester — nämlich von der Kranken, nicht von Dortchen, die nur einen Bruder habe — verständigen, daß es nicht zum Besten um die Kranke stehe. Übrigens sei das Kranksein für vermögliche Leute nicht mit so vielen Unannehmlichkeiten verbunden, wie für arme Teufel. Er habe z. B. eine Tante gehabt, die sei am kurzen Atem gestorben und habe vorher herzzerbrechend gejammert und geklagt. Und er sei überzeugt, daß sich das mit dem kurzen Atem gegeben hätte, wenn die Tante zufällig mit einem Kommerzienrat im Tiergartenviertel verheiratet gewesen wäre, anstatt mit einem Chausseearbeiter in Alt-Moabit.

Gerade als der Jüngling mit den grünen Zähnen dabei war, Emil auch noch von diesem Onkel Rührendes zu erzählen, der dann als Witwer sehr interessante Erlebnisse mit einer Obstfrau am Spittelmarkt hatte, leuchtete Adelgundes kanariengelber Hut die Treppe hinauf. Hinter ihr keuchte Dortchen, die sehr erhitzt aussah und in einemfort redete, ohne zu verlangen, daß ihr jemand zuhörte.

Adelgunde war zunächst der Ansicht, daß Eleonore bestimmt gewußt habe, daß sie — Adelgunde — heute abend ihr Whistkränzchen bei der einäugigen Steuerrätin habe, und daß sie sich deshalb diesen Tag zum Krankwerden ausgesucht habe. Rein aus Schikane.

Als aber Adelgunde nach kurzer Zeit aus dem Krankenzimmer auf den Flur trat, wo Emil im Dunkeln auf einer hügeligen Holzkiste sitzend voll Unruhe auf ihre Mitteilungen gewartet hatte, da war sie doch recht ernst. Eleonore hatte die Schwester in ihren Phantasien für die merkwürdige George Sand gehalten, deren Lebensbeschreibung sie kurz vorher gelesen hatte, und mit Beziehung auf ihren gelben Hut gesagt, sie finde es sehr lustig, daß so eine große Schriftstellerin einen Eierkuchen auf dem Kopfe trage.

Sehr bekümmert schlich Emil davon. Er hätte so gern irgend etwas für die kranke Freundin unternommen. Aber es blieb da nichts zu tun. So ging er in sein Heim, legte sich ohne Abendessen zu Bett und warf sich den größten Teil der Nacht von einer Seite auf die andere, ohne schlafen zu können. Als er aber gegen Morgen doch noch etwas einduselte, träumte er, Flocki sitze mitten auf seiner Brust und knurre ihn, den struppigen Kopf auf die Seite gelegt, boshaft und feindselig an. Und Flocki wurde immer schwerer; schon wie ein Kalb, wie ein Pferd, wie ein Elefant. Emil spürte deutlich, wie seine Rippen im Brustkorb krachend zersprangen unter der wachsenden Last von Flockis märchenhaftem Gewicht ...

Als er um 9 Uhr aufwachte, stand der Jüngling mit den grünen Zähnen an seinem Bett. Wie er hineingekommen, bleibt ein Rätsel. Der angenehme junge Mann trug keinen Kragen und roch bedenklich, als ob er sich statt mit Kaffee mit einem nicht zu knappen Schluck Branntwein erfrischt hätte. Das Wesentlichste seines etwas verworrenen Berichtes lautete: Es gehe Eleonore sehr übel, und der schwarzgekleidete Arzt gebe wenig Hoffnung. Dortchen habe gemeint, der Herr Maler interessiere sich dafür, und so sei er rasch hergekommen. Er habe übrigens die Elektrische benutzen müssen — auch auf dem Rückweg könne er dieses Verkehrsmittel nicht entbehren —, wodurch ihm Unkosten von zwanzig Pfennigen entstanden seien.

Emil entließ den Jüngling, der ihm antipathisch war, mit einem 50-Pfennigstück als Belohnung und zog sich rasch an. Ihm war sehr seltsam zumute. Eleonore war ihm ein lieber Kamerad gewesen, und es schien ihm, als ob er sie zu seiner Kunst brauche, wie sie ihn.

Er hatte sich an sie gewöhnt, und es hatte ihm auch geschmeichelt, daß diese selbständige, pekuniär unabhängige Dame, die schließlich Verkehr genug gefunden hätte, gerade auf sein Urteil, sein Gespräch und seine Gesellschaft besondere Stücke zu halten schien. Etwas in seinem Leben war aus dem Gleichgewicht gekommen durch ihre Krankheit; und es kam ihm vor, als ob er ihr irgendwie helfen könne und müsse.

Er konnte nicht helfen.

Auf der Treppe von Eleonorens Wohnung begegnete er dem Arzt. Der betrachtete auf seine ängstliche Frage erst längere Zeit Emil aufmerksam durch seine Brillengläser, dann nicht minder aufmerksam seine eigenen Fingernägel, um schließlich mit einem: „Ja, ja, Verehrtester, hoffen wir!“ an ihm vorbei die Treppe hinunter zu steigen.

Aus diesem Ausspruch, dem auch ein medizinisch besser Vorgebildeter keine klare Diagnose hätte entnehmen können, schöpfte Emil nichts weniger als Hoffnung und Zuversicht. Wenn keine Gefahr war, hätte der Doktor gewiß nicht solange schweigend seine eigenen Fingernägel betrachtet, an denen nicht die geringste anatomische oder ästhetische Besonderheit zu bemerken war.

Oben wirkte Adelgunde. Das heißt, da die Kranke selbst im Fiebertraum liegend eigentlich sehr wenig Gelegenheit gab, eine energische Wirksamkeit, die zu üben Adelgunde gekommen war und den kanariengelben Hut abgelegt hatte, zu betätigen, so beschränkte sich die Hilfreiche darauf, unzählige Gegenstände von ihrem offenbar sinnvoll gewählten Platz zu entfernen und an einen andern zu stellen. Wobei sie mit jener gedämpften Behutsamkeit zu Werke ging, die in ihrer Absichtlichkeit einen Kranken, der das Bewußtsein noch nicht ganz verloren hat, besonders heftig erregen muß.

Auch Emil mußte sofort helfend zur Hand gehn. Es tat ihm in seiner Besorgnis wohl, daß er irgend etwas in der Nähe der Kranken tun konnte, ohne allerdings recht einzusehen, warum er gerade die kümmerlichen kleinen Palmen und fast entblätterten Geranien aus dem engen Wohnzimmer auf den Vorplatz tragen und das eiserne Schirmgestell vom Vorplatz auf den bescheidenen Balkon setzen mußte. Aber Adelgundes gedämpfte Feldherrnstimme ordnete das alles mit solcher Sicherheit an, daß wohl ein tiefbedeutungsvoller Plan diesen wunderlichen Verrichtungen zugrunde liegen mußte.

Als sich Emil bei solcherlei Geschäften, immer auf den Zehen schleichend wegen der Kranken, tüchtig in Schweiß gearbeitet hatte, erwies es sich, daß es Zeit war, Flocki an die frische Luft zu führen. Eine Aufgabe, zu der sich wieder niemand besser eignete als Emil. Als er Flocki, der Veranlassung genommen hatte, am Rade eines Flaschenbierwagens sich reichlich das Fell mit Teer zu besudeln, wieder oben ablieferte, erfuhr er, daß Eleonorens Fieberthermometer unter der Achselhöhle 40,1 anzeige. Also sehr hohes Fieber.

Er hörte auch durch die halbgeöffnete Tür die kranke Freundin phantasieren. Sie erzählte in heiseren, abgehackten Sätzen, daß sie, sobald die Tage schöner würden, nach Delft zu Pieter de Hooch reisen wolle, um dem Verschmitzten seine Beleuchtungseffekte abzugucken.

„Wer ist denn das?“ fragte Adelgunde leise den Maler.

„Das ist ein Maler aus Rembrandts Schule. Mehr als zweihundert Jahre tot.“

Adelgunde nickte nur. Sie hatte vermutet, daß der Mann tot war. Nach einer Weile forschte sie weiter.

„Sie hat vorhin auch immer von einem gewissen Hundeköter gesprochen? Ich dachte erst, sie meint Flocki, aber es scheint fast — —“

Der Maler nickte. „Ganz recht. Melchior d’Hondecoeter, der feine Geflügelmaler aus dem Haag ...“

Und als hätte sie’s gehört, schrie plötzlich die Kranke: „Ich will auch Enten malen, wie Hondecoeter. Und Flocki soll die Knochen haben. Alle Knochen soll Flocki haben — alle!“

** *

Eleonore Eikötter hat keine Enten mehr gemalt. Weder wie Hondecoeter, noch minder talentvoll.

In der Nacht ist sie eingeschlafen, so gegen drei Uhr, was die bei ihr wachende Adelgunde so sehr beruhigte, daß sie bald ebenfalls einschlief. Nur mit dem Unterschied, daß Adelgunde kurz nach sieben wieder aufwachte. Eleonore aber wachte nicht mehr auf.

Sie lag ganz blaß und mit einer seltsam zugespitzten Nase, ein wenig jenem Jugendbilde wieder ähnlich, das die Erbtante entzückt hatte, in ihren reinlichen Kissen und war bereits mehrere Stunden tot, wie der rasch gerufene Arzt konstatierte ...

Das Benehmen Flockis war durchaus pietätlos in diesen trüben Stunden.

Man erzählt, daß edle Hunde tief und ehrlich, wie Menschen, um ihren Herrn trauern, ja, daß sie keinen Bissen annehmen tagelang. Und mehr als ein Fall gilt als gutbeglaubigt, in dem so ein treues Tier auf dem frischen Hügel seines Herrn in Wind und Wetter Wache hielt und schließlich elend verhungerte. Solchen erschütternden Neigungen war Flocki durchaus nicht unterworfen. Verschiedene Kränze, die am Morgen abgegeben wurden, genierten ihn zwar sichtlich, und die scharfriechenden Tuberosen brachten ihn zum Niesen. Das war aber auch alles, was an Veränderungen an ihm zu merken war. Im übrigen war er gefräßig wie nur je, verfolgte nach wie vor den Briefträger mit seinem Haß und machte sich bei den Zimmerleuten, die wegen des Sarges kamen, angenehm, da er das Wurstfrühstück roch, das die Männer in der Tasche hatten.

Emil half Adelgunde bei all den trübseligen Verrichtungen, die der Tod eines Menschen seinem Nächsten aufbürdet.

Der zur standesamtlichen Meldung nötige Geburtsschein Eleonores war lange nicht zu finden. Adelgunde, die ein zu enges Trauerkleid gekauft hatte und die Arme nicht bewegen konnte, ohne daß es in allen Nähten krachte, bat Emil, in den tiefen Schubladen des Schreibtisches mit seinen langen und an keiner Bewegung gehinderten Armen danach zu fischen.

Während sie ernst beaufsichtigend dabei stand, zog Emil die seltsamsten Dinge aus diesen peinlich sauber mit blauem Seidenpapier ausgelegten Fächern. Fast kam es ihm wie ein Unrecht an der toten Freundin vor, daß er hier so offen ausbreitete, was sie in all ihren Gesprächen schamhaft verschwiegen. Da war das schon vergilbte Bild eines Herrn, der sich durch ein paar vorbildlich schöne Tiefquarten im hübsch ausrasierten Kinn als akademischer Bürger auswies. In der Nähe dieses Porträts, an dessen Rand eine Dedikation ausradiert schien, fanden sich ein paar getrocknete Blumen vor, die in Emils Fingern leise knisternd zu Staub zerfielen. Ein Gedichtsbändchen: Rückerts Liebesfrühling, der viel angestrichene Verse zeigte. Ein paar geknickte Tanzkarten, die in Schmuck und Druck die ganze Geschmacklosigkeit einer kleinen Stadt und in der Kritzelschrift die Autogramme vieler unbekannter Kavaliere aufwiesen ... Wieviel Freude und Weh mochte für die Tote an all diesem wertlosen Kram gehaftet haben, daß sie ihn so lange unter sauberem Seidenpapier, von bunten Bändchen umschlossen, bewahrte! Die traurig-sehnsüchtige Weise des alten Volksliedes zog Emil durch den Sinn: Lang, lang ist’s her — lang ist’s her ...

Nebenan im Sterbezimmer aber stand die Portiersfrau im ganzen fassungslosen Schmerz solcher ungebildeten Leute, die in jedem Toten schon ihr eigenes nahes Ende beklagen, und schluchzte, während sie der Toten einen Veilchenstrauß in die kalten Finger stopfte, immer wieder: „Nein doch, nein — jetzt — jetzt sieht man’s erst, wie schön sie einmal gewesen sein muß, das liebe Fräulein!“

Schön —? Wer weiß. Aber jung — gewiß einmal jung. Mit allen Torheiten, Hoffnungen, Seligkeiten der Jugend, mit all den Träumen, die nicht davon wissen, daß dies Leben einmal, kaum beweint und ohne eine Lücke zu lassen, zwischen schlechten Bildern endigt. Aber weit zurück lagen die Träume ... Und als Emil den Geburtsschein endlich, in ein in lila Sammet gebundenes Konfirmationsbüchlein versteckt, gefunden hatte, las er nicht ohne Erstaunen die Jahreszahl ...

Bei dem Suchen nach dem Geburtsschein war übrigens ein anderes wichtiges Papier den beiden in die Hände gekommen. Ein mit einem Rembrandtkopf zugesiegeltes Kuvert, das ganz obenauf in der Mittelschublade lag und in Eleonorens starker Handschrift, deren Energie sogar in diesen langen Buchstaben mit einer gewissen stolzen Absichtlichkeit betont schien, die Aufschrift trug: „Mein Testament“.

Als alles auf dem Standesamt, mit Schreiner, Pfarrer und Blumenhändler für das Begräbnis geordnet war, fand Adelgunde dieses Kuvert auf dem Topf einer kleinen Dattelpalme wieder, wohin sie es in der Eile beim Suchen nach dem momentan wichtigeren Geburtsschein gelegt hatte.

Eine Weile betrachtete sie es unschlüssig. Dann ging sie an die Tür und rief nach Emil, den sie in diesen Tagen wie einen anstelligen Haushofmeister zu behandeln gelernt hatte, und der in den kleinen und kleinlichen Besorgungen für das Begräbnis seinen ehrlichen Schmerz betäubte und die innere Leere zu vergessen suchte, die ihm der Heimgang der einzigen Freundin seiner Person und seiner violetten Kunst hinterlassen hatte.

Emil verhandelte gerade an der Flurtüre mit einem etwas angetrunkenen Herr, der behauptete, früher Kantor an der Simonskirche gewesen zu sein, und sich eifrig erbot, mit drei andern, ebenfalls sehr talentvollen Sängern, die einen guten schwarzen Rock besäßen, für 20 Mk., worauf allerdings ein Vorschuß zu zahlen sei, und zwei Flaschen Weißwein (roten trinke er nicht) einige Quartette zum besten zu geben, ohne die eine „anständige Leiche“, wie er versicherte, „überhaupt nicht mehr bestehen könnte“.

Als Adelgunde, einen nicht zu überhörenden strengen Vorwurf im Ton, zum dritten Male rief, schob Emil den angesäuselten Quartettsänger sanft aus dem Korridor und schloß die Tür, hinter der man den ehemaligen Kantor der Simonskirche noch einige sehr kräftige, aber unhöfliche Worte sprechen hörte, ehe er einige Proben seiner Gesangskunst gratis spendend die Treppe hinunterstolperte.

„Hier ist eine merkwürdige Sache,“ meinte Adelgunde, als Emil zu ihr trat und deutete auf das Kuvert. „Lesen Sie die Aufschrift!“

Emil hatte sie schon gelesen. Er war es ja überhaupt gewesen, der das Papier gefunden hatte.

„Was meinen Sie?“

Emil meinte zunächst nichts. Das war so in schwierigen Fällen seine vorsichtige Gewohnheit.

„Ich denke,“ fuhr Adelgunde etwas ärgerlich über sein Schweigen fort, „Sie werden mir doch irgendeinen intelligenten Vorschlag machen können.“

Emil konnte keinen intelligenten Vorschlag machen. Sein Gesicht täuschte in diesem Moment nicht darüber. Er hatte noch nie ein Testament in der Hand gehabt und hatte sein Gehirn niemals mit ernsten Erwägungen, was etwa mit solchem wichtigen Papier nach dem Tode des Erblassers zu geschehen habe, belastet.

„Ich denke,“ sagte Adelgunde nach einer Weile, „ein Testament war hier kaum nötig. Verwandte außer mir hatte die gute Eleonore nicht. Das müßte ich wissen, da ich die Schwester bin.“

Das leuchtete Emil ein. Adelgunde mußte das wissen. Das heißt ... Ihm zuckte ein Gedanke durch den Kopf. Der Herr mit den Tiefquarten im Kinn — die zerknitterten Tanzkarten — die staubigen Veilchen — — Sollte etwa irgendwo ...? Man hörte zuweilen solche verblüffenden Sachen oder las davon im „Vermischten“ der Zeitungen. Bei seiner Tante Barbara in Limburg hatte eine schwächliche Köchin fünf Jahre gedient, und niemand hatte eine Ahnung, daß diese mürrische und kränkliche Person in einem Dorf der Wetterau zwei hervorragend gesunde Jungen hatte ... Aber das war ja Unsinn. Eleonore, dieses treuherzige Wesen mit allen kleinen Eigenheiten eines späten Mädchens. Nimmermehr!

Adelgunde war, als Emil wieder zuhörte, in ihren Bemerkungen zu diesem überflüssigen Testament gerade zu einem kühnen Schluß gekommen. „Es muß vielmehr dieses versiegelte Papier irgendeinen besonderen Wunsch der Pietät enthalten. Vielleicht eine Bestimmung über die Bilder, die sie gemalt hat —“ Selbst die Trauer vermochte nicht ganz ein malitiöses Lächeln von den Lippen Adelgundens zu scheuchen, als sie vollendete: „Vielleicht hat sie nicht gewünscht, daß gerade diese Werke ihrer Hand in meinen Besitz übergehen und mich so zwingen, aus Pietät für die Tote, täglich Dinge um mich zu sehn, deren Vorbilder ich im Leben nicht zu entdecken vermag. Vielleicht hat sie die Schwäche gehabt, diese Malereien einer Galerie als Erbschaft anzubieten — wovon wir allerdings Scherereien haben könnten — oder sie hat bestimmt, daß ein oder das andere davon — Ihnen ...“

„Mir?“ ...

An diese Möglichkeit hatte Emil absolut nicht gedacht. Er fühlte, er war ganz blaß geworden. Für ihn war der Gedanke, im Testament irgend eines Menschen erwähnt zu sein, und sei’s auch nur mit einem mittelmäßigen Ölbild bedacht (von welchem einzigen Artikel er eigentlich reichlich genug hatte), ein so Außergewöhnliches, daß ihn die bloße Andeutung wie ein großer Schreck berührte. Wenn ihm plötzlich ein makedonischer Landgensdarm die weißbehandschuhte Rechte wuchtig auf die Achsel hätte fallen lassen und ihn angebrüllt hätte: „Im Namen des Sultans, Sie sind verhaftet!“ er hätte — obschon sich keiner Freveltat bewußt — nicht heftiger bis in die Knochen erschrecken können.

„Es wäre immerhin möglich,“ fuhr Adelgunde fort, indem sie das geheimnisvolle Kuvert gegen das Licht hielt, als ließe sich dadurch sein Inhalt leichter feststellen, „wäre möglich, daß sie Ihnen mindestens die zwei Bilder wieder vermacht hätte, die sie Ihnen einst abgekauft hat. Daß ich Ihren aparten violetten Geschmack nicht teile, wußte sie vielleicht —“

„Sie haben mit Ihrem Urteil ja nicht zurückgehalten,“ wagte Emil, dem die unerquickliche Szene in seinem Atelier deutlich vor Augen stand, schüchtern einzuwerfen.

Adelgunde sah ihn durchbohrend an. „Allerdings. Ich habe, wie immer, meiner Meinung zwar in schonender, aber in nicht mißzuverstehender Weise Ausdruck verliehen. Übrigens reden wir in dieser ernsten Stunde nicht von Ihren Bildern.“

Emil stimmte lebhaft zu. Da niemand sonst zu irgend einer Zeit von seinen Bildern redete, so konnte er auch Adelgundes lieblose Erwähnung in dieser Stunde entbehren.

Adelgunde wog das Kuvert in der Hand. „Es scheint ein einziger Bogen ihres gewöhnlichen Briefpapiers zu sein. Gleichviel ein Bogen oder zehn — wir müssen die Gesetze beachten und tun, was sie vorschreiben.“

Dieser Ausspruch gefiel Emil so gut, daß er ihn, gewichtig mit dem Kopfe nickend, zweimal wiederholte. Leider stellte sich aber heraus, daß dieser von beiden gebilligte Vorsatz zunächst eine lobenswerte Theorie bleiben mußte, da sie beide nicht wußten, was nun eigentlich die zu beachtenden Gesetze in diesem Falle vorschrieben.

Unbemerkt von den beiden, die in tiefe Gedanken versunken standen, war Flocki hereingekommen, der ein gewisses Unbehagen nicht verbergen konnte, daß man sich so wenig mit ihm beschäftigte. Er war zu gewissen Stunden an kleine neckische Spiele gewöhnt, an geistige Anregungen, wie sie die vortreffliche Eleonore in ihrer unendlichen Güte immer wieder für den Liebling zu ersinnen pflegte. Die Nichtachtung, die er jetzt in diesem Trauerhause erfuhr, verdroß ihn heftig. Den Kopf auf die linke Seite gelegt, mit dem Schwanz in leiser Erregung den Boden fegend, stand er zwischen den beiden Sinnenden und schnüffelte mißtrauisch hinauf nach dem Kuvert in Adelgundens Hand.

„Aber das ist doch einfach,“ sagte plötzlich Adelgunde und sah dabei Emil strafend an, als habe sie es die ganze Zeit gewußt und nur, um seinen Scharfsinn auf eine notwendige Probe zu stellen, für sich behalten, „Sie gehen mit dem Papier sofort zu Dr. Neumann.“

Emil begriff. Dr. Neumann war der Rechtsanwalt, von dem Eleonore mehrfach gesprochen. In drei Prozessen, die ihr Flockis Ungebühr eingetragen, hatte dieser tüchtige Advokat zwei Termine versäumt und einen für Eleonore im Wortlaut sehr ehrenvollen, aber pekuniär recht schmerzlichen „Vergleich“ zustande gebracht. Aber der guten Eleonore, die eine fanatische Verehrerin des „Paragraphen“ im allgemeinen und der Rechtswissenschaft im besonderen war, vermochte er gewaltig zu imponieren durch allerlei dicke und alte Bücher, die er mit großer Fixigkeit von den Regalen nahm und nachschlug, und aus denen er ihr nicht ohne schönes Pathos sehr lange und merkwürdige Sätze vorlas, von denen sie den Anfang längst vergessen hatte, wenn der Anwalt die Stimme melancholisch zum Schlußpunkt sinken ließ. Sie war der Ansicht, das seien Reichsgerichtsentscheidungen; und sie fand es sehr scharmant von dem liebenswürdigen Juristen, daß er sich dazu hergab, ihr vorzulesen, was selbst klügere Laien als sie vermutlich nimmermehr beim ersten Male begriffen ...

Daß also dieser Dr. Neumann, der als Eleonorens Rechtsbeistand zweifellos von diesem Testament Kenntnis hatte, um Rat gefragt werden sollte, leuchtete Emil durchaus ein. Aber warum sollte gerade er, Emil, zu diesem Mann hingehn. Lag es eigentlich nicht näher, daß die Schwester der Erblasserin selbst — —?

Adelgunde unterbrach seine Erwägungen mit den knappen Worten: „Ich halte das für eine reine Formsache. Geschehen muß das aber. Ich fühle mich nicht wohl genug, auch noch diesen Gang zu tun. Also gehen Sie. Aber besser gleich. In solchen Dingen versäumt man gar leicht etwas. Also — hier!“

Mit diesem „hier!“ wollte sie Emil das Kuvert überreichen. Die Handbewegung aber, in die sie wohl Entschluß, Energie, Vertrauen und anderes Schöne hineinlegen wollte, fiel so energisch aus, daß Flocki die Sache mißverstand. Er hielt diese Handbewegung für den Beginn eines seinem Frohsinn gewidmeten Spiels; und da sich in diesen düstern Tagen eine erkleckliche Portion Übermut in ihm angesammelt hatte, so ging er mit erstaunlicher Behendigkeit auf den vermeintlichen Spaß ein. Er tat einen kleinen, aber zielbewußten Sprung in die Höhe, faßte Eleonorens Testament mit den Zähnen, riß es, ehe der verblüffte Emil zupacken konnte, der solchen Überfalls nicht gewärtigen Adelgunde aus der Hand und verschwand damit in tollen Sprüngen, die das Erwachen all seiner lang gedämpften Munterkeit bezeugten, nach dem Korridor.

Einen Augenblick standen Adelgunde und Emil wie versteinert ob solcher maßlosen Frechheit.

Dann begann über die auf dem Vorplatz ausgebreiteten Kränze, über Veilchen, Tuberosen, Farn, Efeu und Rosen eine sehr peinliche Jagd auf den miserablen Köter, der die Karikatur auf jede Pietät so weit trieb, den letzten Willen seiner Herrin wie eine tote Ratte im Maule hin und her zu schütteln und sich in Sprüngen zu gefallen, die mit der Situation im denkbar peinlichsten Widerspruch standen.

Während Adelgunde mit einem Regenschirm den unsinnigen Flocki listig in eine Ecke drängte, ihm seinen Raub zu entreißen, warf Emil durch die leicht klaffende Tür einen Blick in das Zimmer, in dem lang und schmal unter dünner seidener Decke die arme Eleonore lag. Und seinem Malerauge kam es vor, als ob ihr Gesicht in der freundlichen Umrahmung des schmalen Seidentuches, das ihr das Kinn band, im wächsernen Ton des Todes ein leises Lächeln sehen ließe. Ein Lächeln, wie es wohl, die Züge der Lebendigen zu verschönen, sich um Mund und Augen gestohlen, wenn sie von der erstaunlichen Klugheit Flockis Altes und Neues berichtete ...

In diesem Moment heulte Flocki laut auf.

Adelgundens Regenschirm war ihm unsanft über die Rückengegend geflogen.

Adelgunde, hochrot im Gesicht mit wogender Brust und krachenden Kleidernähten, hielt den übel zugerichteten letzten Willen der Schwester in der Hand.

Wut und Triumph bebten durch ihre Stimme, als sie dem winselnd über die Kränze nach der Küche retirierenden Flocki nachzischte:

„Infame Bestie!“

** *

Ungefähr anderthalb Stunden hatte Emil, das unschöne Kuvert wie eine Reliquie in beiden Händen haltend, in Dr. Neumanns Schreibzimmer gewartet.

In dem Zimmer war eine schreckliche Atmosphäre. Es schien hier nie gelüftet zu werden. Der jüngere der beiden Schreiber hatte sich zum Überfluß an diesem Tage die Haare schneiden lassen und trug den Kopf mit einer billigen Pomade gesalbt, die einen unerträglichen Geruch nach ranzigem Fett ausströmte. Der ältere Schreiber schien taubstumm zu sein — er hatte wenigstens den höflichen Gruß Emils nur mit mürrischem Kopfnicken erwidert und die Antwort auf die Fragen: ob der Herr Rechtsanwalt anwesend sei und ob wohl Aussicht sei, ihn zu sprechen, dem pomadisierten Jüngling überlassen. Auch die Arbeit schien er durchaus dieser jüngeren Kraft zuzumuten. Er schob dem Pomadisierten von Zeit zu Zeit ein Aktenbündel über den hohen Pultaufsatz zu, niemals ohne dabei die weiße Streusandbüchse umzuwerfen. Seine eigene Tätigkeit bestand ausschließlich darin, daß er sich mit einem in Zeitabständen von etwa zehn Minuten neugespitzten Hölzchen umständlich die Fingernägel reinigte und die Zähne stocherte. Dazwischen sah er zu seiner Erfrischung zum Fenster hinaus und schien nach seinem sich plötzlich in breitem Grinsen erhellenden Gesichtsausdruck zu schließen, zarte Beziehungen zu irgend einem weiblichen Wesen an irgend einem Küchenfenster des nächsten Hinterhauses anzuknüpfen.

Von Emil nahm nach Erledigung der ersten Fragen niemand mehr die geringste Notiz. Nebenan hörte er zuweilen eine sehr erregte Frauenstimme und dann eine gedämpfte Männerstimme. Offenbar berieth Dr. Neumann in diesem Raume eine nervöse Klientin. Emil hatte den dringenden Wunsch, daß der Fall nicht allzu verwickelt liegen möge. Denn die Aussicht noch eine weitere Stunde hier den Pomadengeruch auszuhalten und an des Bureauvorstehers sorgfältigen Toiletteverrichtungen teilzunehmen, hatte nichts Verlockendes.

Endlich hörte man nebenan Stühle rücken und die Türe nach dem Korridor gehn.

Emil faßte den letzten Willen Eleonorens fester in beide Hände und wartete. Es dauerte immerhin noch einmal eine starke Viertelstunde. Dr. Neumann mußte sich wohl von dem Besuch erholen.

Endlich flog die Verbindungstür nach dem Allerheiligsten des Anwalts auf, und Dr. Neumann winkte mit einer Kopfbewegung: „Der Nächste!“

Da Emil der einzige war, der wartete, so hatte er wohl ein Recht, das unbedenklich auf sich zu beziehn, sah sich aber zur Vorsicht noch einmal um, ob nicht etwa einer der Schreiber ... Der Pomadenkopf lag tief über den Akten; und auch der Bureauvorstand hatte sein Hölzchen hingelegt und verglich zwei mit vielen Stempeln und Unterschriften gezierte Papiere mit einem Eifer, als habe er auf der Welt kein anderes Interesse, als den Inhalt dieser merkwürdigen Blätter bis aufs letzte Pünktchen in sich aufzunehmen.

Emil saß Dr. Neumann in seinem Arbeitszimmer gegenüber.

Der Anwalt war nicht gerade ein schöner Mann. Aber er hatte, wie Emil sich gestand, einen interessanten Kopf. Der Hinterkopf wuchs aus einem bescheidenen Kränzlein schwarzer Haare spiegelblank und in der Form eines Straußeneis. Die Nase saß ein bißchen nach links geneigt und konnte sich bei leicht ironischen Bemerkungen zu einem merkwürdigen Bogen ziehen, wobei der Mund eine listige Stellung annahm, als ob er pfeifen wollte.

„Ich erkenne Sie sofort wieder,“ sagte Dr. Neumann, indem er wohlgefällig, sich seines vorzüglichen Physiognomiengedächtnisses freuend, nickte. „Sie sind der Herr, dem im vorigen Jahre der Blumentopf in der Lietzenburgerstraße auf den Kopf fiel.“

Emil verneinte. Ihm sei Gott sei Dank noch nie etwas auf den Kopf gefallen. Sein Name sei — — —

Aber schon unterbrach ihn der Rechtsanwalt, der den Widerspruch zunächst stirnrunzelnd angehört hatte. Sein Gesicht hellte sich auf, als er Emil abwehrend mit schöner Vertraulichkeit aufs Knie schlug und meinte:

„Pardon, nein. Nun weiß ich’s. Sie waren im Vorjahre bei mir wegen des Wasserklosetts. Richtig! Nun, hat unser gepfefferter Brief an den Hauswirt genützt, was?“

Emil beteuerte, auch mit dem Wasserklosett nicht dienen zu können. Sein Name sei Emil Steinbrink. Von Beruf Maler. Er käme auch eigentlich nicht in einer eigenen Angelegenheit, sondern ...

„Wegen des Kegelklubs?“

Nein, er kegele leider nicht, oder doch so schlecht, daß sich ein Klub schwer dazu verstehen würde, ihn aufzunehmen. Die Sache sei vielmehr die: Seine vortreffliche Freundin, — er dürfe sie wohl so nennen — Eleonore Eikötter sei plötzlich gestorben ...

Dr. Neumann schlug sich mit beiden flachen Händen heftig auf die Schenkel. Vielleicht, daß dies seine Art war, tiefe, schmerzliche Anteilnahme zu bezeugen. Vielleicht auch, daß er nur damit ausdrücken wollte: „Ist’s die Menschenmöglichkeit! So was kommt vor!“

Emil sprach weiter. Er erzählte von seiner Bekanntschaft mit der vortrefflichen Eleonore, rühmte ihr schönes Talent, ihren Seelenadel, ihr echt weibliches Empfinden und ging, da dieser Teil seiner Erzählung den Anwalt nur mäßig zu interessieren schien, auf ihren plötzlichen Tod über, auf sein und Adelgundes Wirken in der Wohnung und kam schließlich auf den zufälligen Fund des merkwürdigen Kuverts mit dem letzten Willen.

„Wie war doch der werte Name?“ fragte der Anwalt und putzte seinen Kneifer.

Emil wiederholte den werten Namen sehr langsam und deutlich.

Das Angesicht des Anwalts hellte sich auf, wie vorhin, als er Emil zweimal „erkannt“ hatte. In Emil stieg die leise Befürchtung auf, es werde als ganzes Resultat seiner wohlgesetzten Erzählung etwa eine neue Erkennungsszene mit Verwechslung stattfinden. Aber zu seinem Erstaunen schlug sich der Anwalt wieder mit beiden flachen Händen auf die Schenkel — eine Bewegung, die ihm offenbar zum Ausdruck vieler und widersprechender Gemütsbewegungen diente — und wiederholte, als ob ihm damit eine ungemein köstliche Erleuchtung aufgehe: „Steinbrink — richtig: Emil Steinbrink!“

Da Emil nicht recht wußte, was er nun sagen sollte, verbeugte er sich höflich und reichte dem Anwalt das Testament.

Der aber legte es achtlos auf die Tischplatte und indem er Emil fixierte, als wolle er ihn hypnotisieren, fragte er:

„Sie kennen natürlich den Inhalt?“

„Ich? Nein.“

„Wirklich nicht?“

„Ich wußte nicht, daß ein solches Testament überhaupt existiert. Fräulein Eleonore und ich sprachen meist nur über Kunst.“

„Nur über Kunst — natürlich.“ Dr. Neumann lächelte ein wenig ironisch, wie es Emil vorkam, als er dies „natürlich“ zweimal mit Nachdruck wiederholte. Entweder er hielt von der Kunst nicht viel oder gar nichts von Emils Aufrichtigkeit.

„Und, mein verehrter Herr Steinbock —“

„Bitte, Steinbrink.“

„Richtig, ja. Also, mein verehrter Herr Steinbrink, wenn ich Ihnen nun sage, daß Fräulein Eleonore Eikötter dieses Testament erst ganz kurz vor ihrem Tode gemacht hat. Vor ein paar Tagen erst. Hier bei mir. Unter meinem Beistand. Am — warten Sie.“ Er kramte in einer Schublade und holte einen gefalzten Kanzleibogen heraus: „Hier haben wir’s: am 24. Mai gemacht. Nachmittags. Fräulein Eikötter kam sehr erregt zu mir und bestand darauf, sofort ein rechtskräftiges Testament aufzusetzen. Hier ist das Duplikat.“ Dr. Neumann versenkte interessiert seinen Blick in das Papier. „Und hier — richtig — ich irre mich nie in solchen Dingen — hier steht’s —“ Er sah wieder auf von dem Blatt: „Sie also sind dieser Herr Emil Steinbrink.“

Emil wurde verlegen. Es war klar, von ihm mußte etwas in diesem Testament geschrieben stehen. Was denn wohl? Er faßte sich ein Herz.

„Hat Fräulein Eikötter vielleicht — —“ er tippte sich fragend auf die Brust ... „vielleicht auch meinen Namen?“

„Allerdings, mein verehrter Herr Steinbrink.“

„Es handelt sich wohl um ein — ein Bild.“

„Nicht bloß um ein Bild“.

Emil fühlte, daß ihm die Kehle trocken wurde.

„So. Hm. Also um — mehrere Bilder.“

„Die Bilder sind natürlich einbegriffen.“

„Verzeihen Sie, Herr Doktor, was heißt, das ‚einbegriffen‘. In was einbegriffen?“

„Nun in die Erbschaft.“

„Aha. Das heißt — verzeihen Sie, ich bin darin Laie — in meine Erbschaft.“

Dr. Neumann schlug sich nun gleich mehrmals rasch hintereinander auf die Schenkel, was ein ziemlich beträchtliches Getöse gab.

„Aber, verehrtester Herr Steinbrink, wissen Sie das nun wirklich nicht? Fräulein Eleonore Eikötter hat sie unterm 24. Mai unter Übergehung ihrer Schwester, die nur Kleider und Schmuck, das Bett und den Nachtschrank erben soll und zur Hälfte die von ihr gemalten Bilder — zum Haupterben eingesetzt.“

„Mich?“

Wenn dem guten Emil in diesem Augenblick ein aus der Wand herausspringender herkulisch gebauter Neger gemeldet hätte, S. M. der Kaiser von Abessynien habe ihn zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt und bitte ihn einstweilen als Zeichen seiner Gunst ein halbes Dutzend junger Leoparden als Geschenk anzunehmen, — gewundert hätte ihn das weiter auch nicht mehr.

Er — ein „Erbe“. Er — ein „Haupterbe“.

„Das heißt,“ Dr. Neumann zog wieder das Papier zu Rate, „ganz so einfach ist die Sache nicht.“

Emil hatte die Sache keinen Augenblick für „ganz einfach“ gehalten. Er saß mit maßlosem Erstaunen da und wartete, wie sich die Angelegenheit komplizieren sollte.

„Es muß da ein Köter sein — ein Hund, nicht wahr? Ein Hund männlichen Geschlechts?“

Emil nickte: „Flocki.“

„Richtig, Flocki. So ist er auch hier bezeichnet.“ Wiederum steckte Dr. Neumann die merkwürdige Nase in das Papier, dann las er — mehr zu seiner Information, wie es schien, als für seinen mit offenem Munde lauschenden Hörer das Folgende vor:

„Da ich die unverständige und unedle Lieblosigkeit meiner älteren Schwester Adelgunde meinem Liebling Flocki gegenüber, der lange mein bester und einziger Freund war, genugsam kenne, und da ich dieses herzige Tier, das an Verstand und Güte manchen Menschen beschämt, auch nach meinem Tode zum besten betreut wissen will, so bestimme ich hierdurch: daß als mein Haupterbe der mir befreundete Kunstmaler Emil Steinbrink zu betrachten sein soll. Und zwar soll genannter Kunstmaler Emil Steinbrink die Nutznießung der Zinsen meines Gesamtvermögens, dessen Kapital nicht angegriffen werden darf, so lange haben, als mein Hund Flocki, den ich seiner sorgsamen Pflege anvertraue, am Leben ist. An dem Tage, an dem mein guter Flocki stirbt, gehört das Kapital zur Hälfte meiner einzigen Schwester Adelgunde, zur andern Hälfte soll es der Kunstgenossenschaft zufallen mit der Auflage, alljährlich von den Zinsen einen hierfür besonders begabten Stipendiaten nach Holland zu schicken, um die herrlichen Werke von Melchior d’Hondecoeter, Jan Davidy de Heem, Rachel Ruysch und Jan Weenix mit Fleiß zu studieren.“

— — — — — — — — — — — — — — —

Wie Emil aus dem Zimmer des Anwalts herausgekommen war, das wußte er selbst später nicht mehr zu sagen. Selbst daß er in der Verwirrung vom Kleiderhaken im Vorzimmer einen falschen Hut abgehängt hatte, dem Geruch nach offenbar die fettige Kopfbedeckung des pomadisierten Schreibers, merkte er erst einen Tag später.

Sein Herz strömte über von Dankbarkeit. Haupterbe — Zinsen — Nutznießung — all diese neuen Begriffe wirbelten ihm nur so im Kopf herum. Er wußte, Eleonore war so gestellt gewesen, daß sie ganz behaglich leben konnte, auch ohne je eins ihrer Bilder zu verkaufen. Das würde also jetzt sein Los sein. Ein Nabob! Nun konnte er die ganze Welt violett sehn, so lang es ihm paßte. Das heißt ...

Sinnend stand er an einem Laden still. Es war zufällig ein ganz bescheidenes, kleines Käsegeschäft und eigentlich an den aufgestapelten runden und eckigen Käsen nicht viel zu sehen. Emil wollte auch durchaus nicht seine Schaulust befriedigen. Nur nachdenken wollte er, ungestört. Er bohrte seinen Blick in einen großen Holländer Käse und überlegte. Lebenslänglich war die „Nutznießung“ nicht. Nur solange Flocki ... Hm. Flocki war gesund. Gewiß. Gesundheit war eigentlich seine einzige Tugend. Sofern man diesen naturgemäßen Zustand eine Tugend nennen kann. Na ja. Flocki konnte alt werden, ein Hundegreis, ein Patriarch des Viertels. Er hatte von Hunden gehört, die zwanzig Jahre alt geworden waren. Allerdings, sie waren taub und blind und rochen sehr übel. Aber schließlich — sie lebten. Darauf kommt’s an. Normal war freilich ein solches Alter nicht. Was war wohl das normale Alter eines gesunden Hundes. War das bei den einzelnen Rassen verschieden, oder —?

Der Besitzer des Käseladens hatte mit Interesse den seltsamen Mann vor seinem Erker stehen sehen, der nun schon seit zehn Minuten den starren Blick in den Holländer Käse bohrte. Er war behutsam in die Ladentür getreten und, entschlossen dem offenbar Unschlüssigen die Entscheidung zu erleichtern, erläuterte er im herzlichen Ton:

„Echter Edamer. Kann ich Ihnen sehr empfehlen. Darf ich Ihnen vielleicht ein Viertelchen —?“

Emil fuhr jäh aus seinen Meditationen auf. Er konnte sich nicht ohne weiteres in die nüchterne Wirklichkeit zurechtfinden und fragte verwirrt: „Edamer — was ist Edamer?“

Der Händler lachte. „Nu der Käse da, den Sie die ganze Zeit so verliebt anstarren. Soll ich Ihnen ein Stück abschneiden?“

In diesem Augenblick kam ein sehr ruppiger schwarzer Spitz aus dem Laden und rieb sich leise knurrend am Bein seines Herrn.

Wie hypnotisiert starrte Emil auf den Köter. Langsam, wie unter einem unerklärlichen Zwang, kam es von seinen Lippen:

„Käse — nein. Aber — — aber können Sie mir vielleicht sagen, wie alt ein gesunder Hund werden kann?“

** *

Etwa ein halbes Jahr nach diesem denkwürdigen Nachmittag traf ich zufällig mit Emil zusammen. Wir waren Schulkameraden gewesen und ein gemeinsamer tiefer Haß gegen die Mathematik hatte uns einander näher gebracht. Wenn trigonometrische Klassenarbeiten geschrieben wurden, war ich sein Trost und er der meine. Und die Note 5 in Verbindung mit einer Stunde Arrest war uns beiden sicher.

Später hatten wir uns aus den Augen verloren. Ich hatte in Süddeutschland studiert, er hatte in Norddeutschland gemalt. In einem „Salon der Zurückgewiesenen“ hatte ich mal zufällig ein Bild von ihm gefunden, das mir durch eigentümlich violette Kühe auffiel. Dann war sein Name wieder zurückgesunken in den Nebel, der tausend Dinge und Menschen umspinnt, die uns einmal etwas bedeutet haben, ja vielleicht lieb und teuer waren.

Und nun stand er plötzlich leibhaftig vor mir. In der Potsdamerstraße vor einem unscheinbaren Geschäft, in dem Vogelfutter und Hundekuchen unter einem Haufen schmutziger Käfige mit ruppigen Waldvögeln, denen man noch die rohen Griffe der Fallensteller ansah, aufgestapelt lagen.

Es war ein nicht übler Herbsttag, und Emil hatte, dem freundlichen Sonnenschein Rechnung tragend, sich sehr hell gekleidet. Er sah überhaupt in seinem modischen dunkelgelben Herbstpaletot, dem blanken Zylinder und den rostroten dänischen Handschuhen elegant, ja fast stutzerhaft aus. Jedenfalls so, wie man einen Maler, der violette Bilder anfertigt, ohne zunächst den Geschmack des zahlungsfähigen Publikums für seine Nuance zu gewinnen, nicht häufig trifft. Sogar einen sehr ausgeprägten Kneck trug er in den diskret karrierten Hosen, und seine schmalen amerikanischen Knopfstiefel zeigten spitze spiegelnde Lackkappen.

„Emil, alter Junge, wie geht’s denn?“

„Na ich danke, so pflaumenweich. Man lebt so.“

„Gut lebt man, scheint’s, lieber Sohn. Sehr gut, was? Du bist ja auf deine alten Tage ein veritabler Dandy geworden.“

„Ach geh! Man kann doch schließlich nicht den ganzen Tag im bekleckerten Sammetkittel herumlaufen, um der Welt zu zeigen, daß man ein sogenannter Künstler ist.“

„Du bist wohl verheiratet, Emil?“

„Ich? Ach nein. Du meinst wegen ... Das täuscht. Ich bin bloß ... ich habe bloß ... Aber findest du nicht, daß es hier zieht?“

„Na, ein Mailüfterl kannst du schon nicht verlangen. Wir sind ja schließlich nicht an der Riviera und schreiben seit ein paar Tagen November. Übrigens du siehst doch blühend gesund aus. So ein bißchen Herbstwind — —“

Emil lächelte etwas verlegen. „Ach ja. Ich schon. Es ist auch nicht meinetwegen, verstehst du. Es ist wegen — —“

Ich folgte seinem besorgten Blick und entdeckte jetzt erst einen Hund, den Emil an einer aus feinen Lederstreifchen geflochtenen gelben Führleine befestigt hatte.

„Ach, du hast einen Hund?“

„Ja. Ich habe — ich habe einen Hund.“

Das kam etwas gepreßt heraus, fast als wollte er sagen: Ich wollte, du hättest den Hund und nicht ich.

„Wie heißt er denn?“ forschte ich teilnahmsvoll.

„Flocki.“

„Du, weißt du, ich hätte ihn doch schon anders genannt. Flocki — das klingt so verdächtig nach einer alten Jungfer.“

„Ich hab’ ihn auch nicht so genannt. Er heißt nun einmal so. Ich finde den Namen ja selbst gräßlich. Zum Übelwerden. Aber ich fürchte, wenn ich das Tier plötzlich umtaufe — nun ist es doch schon so sehr daran gewöhnt — er könnte am Ende Schaden nehmen — z. B. denke dir: ich hätte ihn Nero genannt, sagen wir Nero: Und nun gehe ich mit ihm auf der Leipzigerstraße und sehe, daß so ein gräßlicher Omnibuskasten — sagen wir ‚Lützowplatz-Rosentaler Tor‘ — dabei ist, mit seinem Riesenrad den Hund zu zerquetschen. Er ist unvorsichtig, verstehst du. Ich rufe also: Nero! Nero! Aber er — er ist’s noch nicht gewöhnt, Nero gerufen zu werden. Er bezieht es durchaus nicht auf sich. Er hört’s nicht. Rrrrtsch — das Riesenrad Lützowplatz-Rosentaler Tor geht mitten über seinen Bauch hinweg. Maria und Josef! Ich darf’s gar nicht ausdenken!“

Ich hatte mit wachsendem Befremden dieser lebhaften Phantasie des Freundes gelauscht. War er so nervös? Er schien das Schreckliche schon wie eine Fata Morgana vor sich zu sehen und den schmerzlichen Grimassen nach zu urteilen, die er schnitt, verursachte ihm diese Erzählung geradezu seelische Qualen.

Mein Blick ruhte auf dem Köter, dem diese offenbar innige Liebe galt. Ich sah einen kurzbeinigen, gedrungenen Hund, in dessen schwarzem Kopf Ähnlichkeiten mit einem Mops und mit einem Pudel unverkennbar waren, ohne daß man gewagt hätte, sich für eine von beiden Rassen zu entscheiden. Der schraubenförmig gedrehte Schwanz war durchaus Mops; die lockige grauschwarze Behaarung wies hingegen wieder auf die aristokratische Familie der Pudel. So stellte er sich meinem Empfinden als eine sehr unglückliche Kreuzung von Mops und Pudel dar, mit welcher Vermutung ich ja, ohne Kynologe zu sein, so ziemlich das Richtige getroffen hatte.

„Es ist jetzt unsere Stunde zur ersten Abendmahlzeit,“ unterbrach Emil meine stillen Beobachtungen. „Wir essen nämlich immer in Abständen von drei Stunden eine kleine Mahlzeit —“

„Wir — wer ist das ‚wir‘?“

„Nun — Flocki und ich. Das ist viel gesünder als eine größere Mahlzeit, bei der man alles so gierig mit hinunterschlingt, Knochen und all so was, sagt der Arzt.“

„Ja, ums Himmels willen, welcher Arzt kommt auf den Gedanken, daß man Knochen ...“

„Der Tierarzt natürlich. Weißt du, ich — ich bin gottlob gesund und bei der Hand. Das bißchen, was mir mal fehlt, da kann schließlich der Tierarzt auch raten. Ein sehr netter Mann. Er kommt — Flockis wegen — wöchentlich zweimal.“

Er sah auf die Uhr und verfärbte sich. „Teufel noch mal! Es ist schon ein Viertel über 5 Uhr. Bis wir zu Hause sind, ist es bestimmt halb sechs. Wenn ihm das nur nichts schadet. Er ist seit zwei Tagen mit der Verdauung nicht ganz in Ordnung.“

„Flocki?“

„Natürlich. Der Arzt sagt zwar, es hätte nichts auf sich. Aber weißt du, ich bin da sehr mißtrauisch. Eine Stiefschwester meines Vaters hat mit sechzig Jahren ... Aber weißt du, das könnten wir alles bei mir zu Hause besprechen. Du hast doch nichts Wichtiges vor? Nein? Also komm’, wir nehmen ’ne Droschke ... He, Kutscher, Sie da, Kutscher!“

Emil hatte einen Taxameter herangewinkt.

Flocki war der erste, der hineinsprang mit der behenden Fröhlichkeit eines Hundes, der dieses angenehme Verkehrsmittel sehr wohl kennt und schätzt.

Als letzter stieg Emil ein. Er saß sehr unbequem, da er seine Beine fast an den Leib ziehen mußte, um Flocki, der behaglich zur Kugel gerollt auf dem Boden des Wagens lag, nicht zu inkommodieren.

Es dauerte nicht lange, so erklang vom Wagenboden ein abscheuliches sägendes Geräusch. Flocki schlief fest und schnarchte.

„Er schläft sonst erst nach der Mahlzeit,“ meinte Emil besorgt. Und da er meine vielleicht belustigte Miene sah, so fügte er zögernd hinzu: „Er ist ein so sonderbarer Hund, weißt du, so sonderbar. Und dann für mich — schließlich, er ist nicht wie ein anderer Hund. Manchmal —“

Schien es mir nur so oder flammte wirklich ein leichter Ingrimm in diesen Augen, die auf den schlafenden Flocki gerichtet waren, als der Freund den unterbrochenen Satz wie im Traum vollendete: „Manchmal möchte ich fast lieber einen robusten Geißbock am Bändel haben, als diesen sonderbaren Hund!“

** *

Zu Hause hatte mir Emil die ganze Geschichte erzählt von Leonore, von Flocki und ihm selbst.

Er wohnte jetzt am Viktoria-Luisenplatz. In einem Gartenhaus allerdings. Drei Treppen, aber sehr behaglich. Ein Atelier, vier hübsche Zimmer, das größte und schönste war das Schlafzimmer. In der Ecke ein Körbchen mit violetter Seidendecke; offenbar für Flocki.

„Schläft er bei dir im Zimmer?“

„Ja. Der Tierarzt sagt, ihm schadet’s nicht. Und mir — das ist ziemlich egal. Ich höre dann besser, wenn er hustet und all so was. Auch träumt er zuweilen recht lebhaft. Ich stehe dann auf und massiere ihm die Vorderpfoten.“

Der ganze Haushalt war für Flocki eingerichtet. An allen Fenstern eiserne Gitterstäbe in halber Manneshöhe, wie sie ängstliche Mütter wohl in den Kinderstuben anbringen lassen.

„Flocki könnte auf so ein Fensterbrett springen, verstehst du, und dann das Übergewicht bekommen und in den Hof stürzen. Das wäre ...!“

Wieder betrachtete ich, wie vorhin im Taxameter, die schreckliche Erregung, die sich des Freundes bemächtigte bei der Erwägung solchen möglichen Unglücksfalles, den seine rastlose Phantasie ausspann.

„Ja, warum ziehst du denn nicht parterre?“

„Hab’ ich gewohnt. Getrennt vom Atelier. Erst im Vorderhaus. Da regte sich Flocki furchtbar über jeden vorübergehenden Hund auf. Dann im Gartenhaus. Da neckten Bäcker und Metzger und die rüden Schätze der Dienstmädchen im Haus und was sonst da vorüberkam und Zeit hatte, das arme Tier so sehr, daß ich, ohne den Kontrakt auszuhalten, wegzog.“

„Ja, Lieber, da bist du eigentlich, genau besehen, der Sklave deines Hundes.“

„Viel anders ist’s schon nicht,“ seufzte Emil. „Ich kalkuliere so. Wenn er gut gepflegt wird und rationell lebt — er hat einen ganz kleinen Herzfehler —, so kann er, sagt der Tierarzt, noch zehn bis zwölf Jahre leben. In zwei, drei Jahren aber schon hoffe ich mein großes Bild fertig zu haben; und dann wird es mich in weiteren zwei, drei Jahren bekannt machen. So erreiche ich die pekuniäre Unabhängigkeit von Flocki. Und dann —!“

Wieder leuchtete ein ingrimmiger, fast grausamer Zug in des Freundes sonst so mildem Gesicht. So mögen die Sklaven um Spartacus gelächelt haben, als sie in den Kellern der Fechtschule zu Capua sich heimlich versammelnd von dem furchtbaren Blutbad träumten, in dem ihre römischen Unterdrücker ersaufen sollten.

„Und was stellt das Bild dar?“

„Die wilde Jagd. Den wilden Jäger auf dem Gespensterroß, hinter ihm die Meute über niedrig hängende Wolkenfetzen fegend. Alles bei Mondbeleuchtung.“

„Natürlich violett?“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe mal vor Jahren Kühe von dir gesehen. Daraus war eine gewisse Vorliebe zu erkennen — —“

„In diesem Bild der wilden Jagd ist sie aber berechtigt.“

„Kann man’s mal sehen?“

„Ja eigentlich ...“ er wurde verlegen, „es steckt noch ganz in den Anfängen. Aber wenn du dir eben das Nötige dazu denkst.“

Das versprach ich, und so nahm er einen sehr schönen, leicht violett getönten Lappen von einer respektablen Leinwand.

Das erste, was ich sah, war — Flocki. Flocki nicht in einer, sondern in dreißig, vierzig Gestalten. Die ganze Meute hinter dem anatomisch sehr merkwürdigen Gespensterroß war Flocki und Flockis Geschlecht.

„Du, Emil, weißt du — die Hunde ...“

„Ja? Fällt dir das auch auf. Es ist mir so gekommen. Ich weiß nicht wie. Ich wollte natürlich Jagdhunde malen, Bracken. Hatte auch mal ein Modell hier. Aber Flocki hat sich wie wahnsinnig angestellt hinter der Tür dort. Dann hab ich eben mehr aus dem Kopf ... Nun ist das Unglück, verstehst du, ich beschäftige mich innerlich soviel mit Flocki — er bedeutet mir soviel, muß mir soviel bedeuten — daß unwillkürlich seine Züge und seine Eigenart ... Es ist mir im Grunde gräßlich. Soll das Malefizvieh mir auch noch meine Kunst ruinieren!! Satanspest noch einmal!“

Wie ein Sturm der Leidenschaft war’s plötzlich über ihn gekommen. Er griff eine Handvoll Pinsel aus einer alten Blechdose und warf sie wütend wider die Wand. Dann setzte er sich auf einen in kräftigen Farben leuchtenden kleinen Gebetsteppich, der einen alten Diwan deckte, vergrub seinen Kopf in die Hände und schien nicht übel Lust zu haben, zu weinen.

Ich wußte in meiner Überraschung nicht recht, was ich machen oder sagen sollte. Schließlich fand ich den mir selbst nicht sonderlich einleuchtenden Trost: „Mein Gott, vielleicht findet man das sehr originell. Die Rasse ist wenig bekannt.“

„Schöne Rasse,“ knirschte Emil aus seiner Ecke. „Ist gar keine Rasse, ist eine Gemeinheit, ist eine Parodie auf das Hundegeschlecht. Himmel, wie mir das wohltut, mich einmal gehen lassen zu dürfen! Flocki schläft, und du bist ein ehrlicher Kerl. Immer diese Komödie der Zärtlichkeit. Und die Freiheit beim Teufel. Und die Kunst beim Teufel. Und der Mut beim Teufel; der Mut, diese faule, träge, dumme, widerliche Bestie persönlich am Griebs zu packen und in den Landwehrkanal zu werfen mitsamt der verdammten Rente von sechstausend Mark, die mir das lebendige Scheusal trägt.“

„Sechs-tau-send Mark. Donnerwetter! Das ist allerdings ..!“

„Ja siehst du: das ist allerdings!.. Da sagst dus selbst. Das ist eben auch mein Trost, daß neunzig von hundert ganz dieselben Esel wären, wie ich, und nicht den Mut hätten, dieses Rabenvieh ...“ Er unterbrach sich plötzlich, legte den Finger an den Mund und lauschte. „Hat — hat Flocki nicht eben — eben geniest? Richtig — eben schon wieder!“ Er eilte nach der Tür und rief nach der Küche: „Lisette, Lisette! Verbinden Sie mich — du entschuldigst — verbinden Sie mich mal gleich Amt VI Nr. 3079.“

„Wen willst du sprechen?“

„Den Tierarzt.“

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Nein, hier war nicht zu helfen. Dies Gefühl gewann ich, je öfter und je länger ich Emil sah.

Und ich sah ihn oft und lang. Denn seit jenem Gefühlsausbruch, dem ich erschreckt beigewohnt, tat es ihm sichtlich wohl, in meiner Gesellschaft sich auszusprechen. Immer über Flocki. Und nur über ihn. Zwei Jockeis, die Analphabeten sind und außer reiten nichts können, als wetten und trinken, unterhalten sich bestimmt nicht soviel von ihren Pferden, wie Emil und ich von den Hunderassen, die Flocki zu seinen Ahnen zählte, und von diesem Köter selbst, der die Zartheit, mit der er behandelt wurde, in schnödester Weise dadurch vergalt, daß er alle Untugenden und Laster, die in seiner schwarzen Seele geschlummert hatten, ins Unerträgliche steigerte.

Wenn er müde war, sprang er auf das weichste Möbel, gleichviel, ob es ein Bett, ein Sessel oder ein mit Emils Frackanzug belegter Stuhl war. Wenn er traurig war, knurrte er jeden — Emil nicht ausgenommen — feindlich an. Wenn er fröhlich war, entrollte er seinen sonst geringelten Schwanz und wedelte damit so energisch, daß kleinere Tischchen stets in Gefahr waren, umgestoßen zu werden. Bei schlechtem Wetter war er merkwürdigerweise stets besonders gut aufgelegt. Was für die Kleider seiner Freunde sehr unangenehm war, da er mit den schmutzig-nassen Pfoten an ihnen hinaufzuklettern versuchte und keinerlei Verständnis für die kühle Ablehnung seiner Freundlichkeit besaß. Energisch angefaßt oder gar geschlagen durfte er nicht werden, da Emil befürchtete, die zarte Gesundheit des edlen Tieres könne ernstlichen Schaden nehmen.

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