Flocki Die Geschichte eines merkwürdigen Hundes (continued 2)
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So erduldete Emil ein Martyrium. Sein Bild machte ihm keine Freude mehr, weil jeder Hund, den er der Meute seines Wilden Jägers hinzufügte, immer wieder Flockis verhaßte Züge annahm. Seine Wohnung machte ihm keine Freude mehr, denn überall fand er Spuren von Flockis Fröhlichkeit und Zerstörungssinn. Die freie Natur macht ihm keine Freude mehr, denn er vermochte sie nicht zu genießen, ohne entweder von Flocki an der Leine bald an einen Eckstein, bald um einen Baum gezerrt zu werden, oder, wenn er ihn frei laufen ließ, in beständiger Angst zu schweben, daß der Unvorsichtige von einem Wagen oder einem Automobil überfahren werden könnte. Besonders gegen die Automobile hatte er eine solche Wut in seinem Herzen angesammelt, daß er eines Tages einen maßlos heftigen Artikel in ein Blättchen gegen die „Stinkdroschken“ schrieb, in dem er die Vorstände sämtlicher Automobilklubs so schwer beleidigte, daß sie gemeinsam klagten und der Freund — „in Anbetracht seines hohen Bildungsgrades“ — zu einer Geldstrafe von 500 verurteilt wurde. Das war gerade eine Monatsquote seiner Jahresrente! Er mußte sich zwei Monate einschränken und teilte nun den ganzen Haß, dessen sein Herz fähig war, zwischen Flocki und dem Automobil.
Dann peinigte noch eine andere Vorstellung seinen Geist. Man las so oft davon, daß Hunde von Leuten, die daraus ein verbrecherisches Gewerbe machten, ihren Besitzern auf der Straße gestohlen wurden. Konnte das nicht auch Flocki passieren? Flocki — man konnte sagen, was man wollte — war ein auffallender Hund. Konnten nicht solche Gauner, hingerissen von den körperlichen Vorzügen Flockis und der seltenen Mischung der Rassenmerkmale, die sein Wuchs aufwies, ihm nachstellen, ihn mit Frankfurter Würstchen, seiner Leibspeise, anlocken und entführen? Was dann? Dann lebte der Hund zweifellos noch, aber er konnte sein Leben nicht beweisen. Wie war’s dann mit der Rente? Adelgunde konnte behaupten, der Hund sei tot; aber sie konnte seinen Tod so wenig beweisen, wie Emil das Leben. Das Testament sprach ausdrücklich vom Todestag. Der war dann nicht zu erfahren.
Schließlich, da er sogar nachts von diesem fatalen Rechtsstreit träumte, ging Emil zu Dr. Neumann, der ihn nach längerer Erwägung und nachdem er in vielen Büchern nachgelesen und ihm auch aus einigen Unverständliches mitgeteilt, dahin beschied: Adelgunde könne in diesem Fall verlangen, daß Flocki nach einer gewissen Zeit „für tot erklärt“ werde, womit Emil ein für allemal jeden Rechtsanspruch an die Zinsen von Eleonorens Hinterlassenschaft verliere.
Flocki — für tot erklärt? Das war nun das zweite Schreckgespenst, das neben dem Gespenst von Flockis wirklichem Tod den armen Freund überall hin verfolgte.
Er beschloß auf alle Fälle, sich einzuschränken, Ersparnisse zu machen, damit ihn dieser gräßliche Fall nicht unvorbereitet träfe. Aber das war nicht so einfach. Flocki war gut gewöhnt. Der Tierarzt rechnete für jeden Besuch 5 Mk. und kam mindestens zweimal wöchentlich. Die Hinterbeine Flockis mußten auf seine Anordnung täglich massiert werden, was jedesmal 2 Mk. kostete. Kamen hinzu die nicht unbeträchtlichen Unkosten für die Heilung des geprüften Heilgehilfen, den Flocki gleich bei Beginn der ihm unerwünschten Massagekur in den Daumen gebissen hatte. Kurz, es läpperte sich bös zusammen. Das Schlimmste aber waren die Besuche Adelgundes.
Sie kam von Zeit zu Zeit nach Flocki zu sehen ... Denn, wie sie sagte, wenn sie auch im Testament der Schwester der Gefühllosigkeit gegen dieses Tier geziehen war, so schien es ihr doch Pflicht des trauernden Schwesterherzens, sich vom Wohlbefinden der einzigen lebenden Seele, an der, so schien es, die liebe Entschlafene gehangen habe, zu überzeugen. Und sie vergaß nie hinzuzufügen, daß sie mit dieser „einzig lebenden Seele“ durchaus nicht etwa Emil, sondern Flocki meine.
Diese Besuche bedeuteten für Emil eine Stunde der Qual und Prüfung. Meist erfolgten sie Freitags zwischen fünf und sechs Uhr, zwischen zwei Klavierstunden, die Adelgunde in der Nähe zu erteilen hatte. An schönen, sommerhellen Tagen blieb sie manchmal aus; aber wenn es regnete, kam sie bestimmt. Und da sie prinzipiell niemals Gummischuhe benutzte, so brachte sie meist ein erkleckliches Quantum Schmutz und Nässe an ihren nicht zu knappen Sohlen mit in Emils Salon und auf den farbenprächtigen Bucharateppich, auf den er um so stolzer sein durfte, als er ihn viel zu hoch bezahlt hatte.
Das Gespräch nahm aber dann meistens den folgenden Verlauf.
„Ach, Fräulein Adelgunde! Welche Freude —“ Emil log jedesmal mit demselben Mißerfolg im Gesichtsausdruck. „Sogar bei dem schlechten Wetter schenken Sie uns die Ehre. Ich darf vielleicht ein Täßchen Kaffee ...“
„Nein, ich danke wirklich. Ich habe schon zu Hause ...“
In diesem Augenblick kam gewöhnlich, ungerufen und ihre Pflicht durchaus kennend, die tüchtige Lisette, ein Mädchen von unbestimmbarem Alter und ganz außerordentlicher Häßlichkeit, die noch durch Kleider von einem augenvergiftenden Blaugrün gehoben wurde, mit dem Kaffeebrett ins Zimmer. Und Adelgunde, die „schon zu Hause getrunken hatte“, trank nicht ein Täßchen, sondern vier, wozu sie eine größere Anzahl von Biskuits verzehrte. Dies alles mit der Miene und dem Anstand einer Europäerin, die etwa bei einem Kaffernhäuptling zu Gast ist und dessen entsetzliche Nationalgerichte aus einer gewissen mitleidigen Höflichkeit für den Gastgeber sich gefallen läßt.
Nach dem zweiten Biskuit sah sich Adelgunde suchend im Zimmer um:
„Und unser lieber Flocki, ist er nicht hier? Sie wissen, lieber Freund, ich würde nimmermehr zu Ihnen kommen — denn schließlich, wir sind beide unverheiratet, nicht wahr, und die Welt hat an dem Erfinden und Kolportieren von Schlechtigkeiten ihre größte Freude — in den Gartenhäusern leider noch mehr als in den Vorderhäusern ...“
Hier machte Emil eine Handbewegung, die dreierlei bedeuten konnte. Entweder sie erklärte: Die Verleumdungen dieser minderwertigen Welt müssen an so edlen Herzen, wie den unsrigen, spurlos abprallen. Oder sie besagte: Sie halten mich hoffentlich nicht für fähig, die von Ihrer Hochherzigkeit geschaffene Situation in unedler Weise auszunützen. Oder aber sie umschrieb den einfachen Gedanken: Was mir schon an deinem Gefasel liegt, mit dem du mir alle acht Tage die Ohren füllst!
Adelgunde versuchte gar nicht, hinter den tiefern Sinn dieser Handbewegung zu kommen. Sie fuhr vielmehr fort:
„Unsere liebe Heimgegangene hat bestimmt, wie sie bestimmt hat. Es ist an uns, ihren Wunsch zu ehren. Aber sie hat mir unrecht getan. Gewiß, ich habe einige Unarten Flockis bemerkt und — ich gesteh’s — peinlich empfunden, über die Sie, teurer Freund, in der unendlichen Güte ihres Herzens hinwegsahen.“ (Das war eine satanische Bosheit nach Emils Dafürhalten; denn Adelgunde wußte ganz gut, daß ihn Flockis zunehmende Ungebührlichkeit heftig erbitterte.) „Aber gehaßt? — Nein, gehaßt hab’ ich das kluge Tierchen nie. Der beste Beweis ist, daß ich fast jede Woche den Weg nicht scheue, nach seinem Befinden zu sehn und mich zu überzeugen, daß all die Sorgfalt, die unsere liebe Heimgegangene für ihn erhoffte, ihm auch im vollen Maße zuteil wird. Denn daß ich Ihretwegen nicht komme, lieber Freund ...“
Emil nickte. „Das hätte ich mir schon selbst in aller Bescheidenheit eingestanden, auch wenn Sie es mir nicht bei jedem Ihrer freundlichen Besuche, die mich ehren und erquicken, wiederholt hätten.“
Adelgunde überhörte die Ironie. „Und wo ist unser Liebling?“
„Der Liebling schläft noch.“
„So, so. Er schläft. Nun sehn Sie mal an! Das liebe Tierchen. Lassen Sie ihn nur nicht zu lange schlafen. Man hat mir erzählt, durch allzuviel Schlaf stelle sich leicht bei Rassehunden Fettsucht ein. Und dann kommt plötzlich ein Herzschlag oder — ein Lungenschlag — oder ein Milzschlag — oder ein ...“
„Oder ein Hirnschlag,“ half Emil freundlich aus.
„Ganz recht, oder ein Hirnschlag,“ bestätigte Adelgunde mit unverminderter Liebenswürdigkeit. „Und dann ist das Tierchen weg — Eins, zwei, drei — und es ist weg!“
Das könnte dir so passen, dachte Emil, ich hätte dann 6000 Mark Rente minus, du hättest 3000 Mark Rente plus und obendrein die Freude, mich wieder hungern und schuften zu sehen. Und seine Züge zu einem Lächeln frohster Zuversicht zwingend, tröstete er: „Sie können versichert sein, verehrte Freundin, daß unserm gemeinsamen Liebling an Pflege nichts abgeht.“
Und schon ließ die tüchtige Lisette durch die nur eben geöffnete Türe den Liebling herein.
„Komm, Flocki,“ lockte Emil und schnalzte ermunternd mit den Fingern, „sag der guten Tante mal schön guten Tag.“
Und mit einem Satz war Flocki auf Adelgundes Schoß. Das späte Mädchen machte den schwachen Versuch, herzliche Freude über diese Zutraulichkeit zu heucheln. In Wahrheit war Adelgunde wütend; denn Flocki hatte, wie immer bei ihren Besuchen, ganz nasse und ziemlich schmutzige Pfoten. Was daher kam, daß ihn Emil immer, wenn die „gute Tante“ kam, von Lisette wecken und rasch mal auf die Straße führen ließ, damit er sich die oben beschriebenen Pfoten hole. Dies war Emils einzige heimliche Rache für die erschreckende Genußlosigkeit dieser unvermeidlichen Kontrollbesuche.
Aber schon war Adelgunde im Zuge. „Mir scheint, lieber Freund, er hat heute etwas trübe Augen, der brave, kleine Flocki. Zeig’ mal deine Guckelchen. Ru—hig halten, Darling. Ja, wahrhaftig, recht trüb.“
„Das ist die Beleuchtung.“
„Nein, nein. Ich täusche mich nicht. Eine gewisse Mattigkeit in der Pupille. Er wird doch nicht die Staupe bekommen? Das fängt so an.“
„Aber dazu ist er doch viel zu alt.“
Adelgunde schüttelte in täuschend geheuchelter Besorgnis den Kopf: „Und eine warme Nase hat er auch, unser liebes Hündchen! Eine ganz warme Nase.“
„Das hat er öfter.“
„Um so schlimmer! Ich fürchte, er hat zu wenig Bewegung. Sie sollten radfahren und ihn ein bißchen hinterherlaufen lassen.“
Das könnte dir so passen! Damit er mir unter die Elektrische kommt, nicht wahr? dachte Emil.
„Wie oft wird er wohl gebadet?“
„Alle drei Tage.“
„Das scheint mir nicht oft genug. Ein meinen Eltern befreundeter Oberförster hatte einen Setter, den er jeden Tag ins Wasser gehen ließ. Er ist in hohem Alter gestorben.“
„Der Oberförster?“
„Der auch. Aber ich meinte den Setter. Dieser sehr erfahrene Forstmann pflegte zu sagen: Jedes Bad bedeutet einen Monat längeres Leben für so ein Vieh.“
„Wenn also der Oberförster den Hund jeden Tag, wie Sie sagen, zwei Bäder nehmen ließ und das auch nur ein Jahr durchführte, so hatte er dem Setter schon eine Lebensdauer garantiert von — von warten Sie einen Augenblick —“ (Emil nahm ein Papierchen und rechnete:) „zweimal 365 macht 730, also 730 Bäder. 730 dividiert durch 12 macht — macht 60 Jahre 10 Tage.“
Ärgerlich über diese ziemlich deutliche Frozzelei, die sich Flockis Pflegevater gestattete, stand Adelgunde auf. „Und Ihr Bild, lieber Freund, der ‚Wilde Jäger‘, wie ist’s mit ihm? Es ist eine allerliebste Idee von Ihnen, Ihren teuren Pflegling gleich in so vielen Exemplaren künstlerisch zu verherrlichen. Und wenn auch im großen Publikum sich wohl niemand dieses Zartsinns recht erfreuen wird, die Verewigte würde gewiß Genugtuung empfinden über Ihr Werk. Sie war ja früher schon die einzige, die in ihrem Kunstempfinden fortgeschritten genug war, Ihre Bilder bewundern zu können.“
Es war Zeit geworden, daß sich Adelgunde empfahl. Sie tat es nicht, ohne noch einmal auf die besorgniserregenden Symptome in Flockis Aussehen und Benehmen mit schmerzlichem Nachdruck hinzuweisen und allerlei gute Ratschläge von einer ganz außerordentlichen Unsinnigkeit zu geben.
Als aber Emil gar von der Treppe her noch das laut und vernehmlich abgegebene Versprechen empfangen hatte, daß sie nicht versäumen werde, in der nächsten Woche wieder vorbeizukommen und hoffe, dann den gemeinsamen Liebling wohler und munterer anzutreffen, drängte der angesammelte Ingrimm in dem Herzen des unglücklichen Malers zu gewaltsamer Entladung, die allemal in der Weise erfolgte, daß er sein Malgerät wütend an die Wand und sich selbst stöhnend auf den Diwan warf.
Die teure Lisette aber hielt das dumpfe Geräusch der wider die Wand fliegenden Pinsel und Paletten für ein stillschweigend mit ihr verabredetes Zeichen, ihrem Herrn einen Punsch zu bereiten.
** *
Eines Morgens, ich goß gerade die Geranien auf dem Balkon, erschien Emil plötzlich bei mir.
Er war echauffiert und sehr aufgeregt und trug einen nassen Hut in der Hand.
„Regnet’s,“ fragte ich erstaunt.
„Nein, nein. Als ich in dein Haus trat, hat mich jemand von oben voll gegossen. Es gibt doch rücksichtslose Kerle. Man sollte sich’s nicht gefallen lassen, was? Dem Wirt schreiben? Aber wer hat Zeit? Es ist wohl Wasser, was?“
„Ja, es scheint so.“ Ich untersuchte mit vollendeter Heuchelei. Da mein Balkon über dem Entree lag, so war es klar, daß ich es gewesen, der den guten Emil begossen hatte. „Und das hat dich so aufgeregt?“
„Aber nein!“ Er rannte im Zimmer umher, und nahm alle möglichen kleinen Nippes in die Hand, als suche er etwas ihm Gestohlenes.
Ich kannte diese merkwürdige Angewohnheit und ließ ihn — nicht ohne Angst — gewähren. „Aber was ist dir denn eigentlich?“
Er trat dicht vor mich hin. „Flocki —“
„Richtig, Flocki! Wo ist er denn?“ Ich hätte eher Apollo ohne Leier, Fortuna ohne Füllhorn und den Perseus ohne das Medusenhaupt bei mir erwartet, als Emil ohne seinen merkwürdigen Hund.
„Das ist’s ja,“ sagte er dumpf. „Flocki ist zu Hause. Flocki hat sich heute nacht übergeben. Mehrmals und reichlich.“
„Hm. Auf den Teppich?“
„Nein, auf meinen Gehrock, der auf einem Stuhl lag. Aber das ist durchaus Nebensache. Aber das Schreckliche: Flocki ist krank. Zweifellos! Denn das hat er noch nie getan. Er hat auch eine warme Nase. Er hat — — —“
„Ja, Lieber, ich bin aber doch kein Tierarzt.“
„Der Tierarzt war schon da. Er sagt, er weiß nicht ... er kann noch nichts sagen. Ich habe ihn natürlich in der Nacht holen lassen. Übrigens hat mir Lisette gekündigt heut früh. Sie war wütend, daß sie zum Arzt mußte mitten in der Nacht. Ein Betrunkener hat sie um die Taille gefaßt auf dem Nürnberger Platz. Sie sagt, sie sei bei einem Maler im Dienst und nicht bei einem Hundevieh. Sie brauche sich nicht nachts von einem Betrunkenen umarmen zu lassen — du, wie betrunken muß der gewesen sein! — weil ein Hund, der nicht einmal echt sei, Leibweh habe.“
„Du, Emil — eigentlich hat sie recht.“
„Natürlich hat sie Recht. Das ist ja das Gräßliche. Sie hat recht, und ich habe recht, und Alle haben recht. Für mich aber steht doch mein Leben auf dem Spiel —“
„Ein Wohlleben, Lieber, nichts sonst.“
„Ja aber denke dir doch — ich bin jetzt so daran gewöhnt. Und aus der Malerei bin ich ganz heraus. Ich kann doch mein Leben lang nicht Flocki malen und immer Flocki. Ich gehe zugrunde, körperlich, seelisch, menschlich, künstlerisch. Ich vertrottele und versimple. Mich wundert’s lange schon, daß ich nicht eines Tages aufwache und nur noch Wau-wau sagen kann.“
„Armer Freund!“
„Es gibt nur einen Ausweg. Das schreckliche Tier muß fort von mir, und ich darf doch die Rente nicht verlieren.“
„Wie aber das? Adelgunde wird das nie zugeben, daß du die Nutznießung des Geldes hast und ...“
„Ich weiß, ich weiß. Und deshalb bin ich entschlossen ... Aber setz dich erst ... nein wirklich, setz dich dort in den Stuhl .. So. Also ich bin seit heute nacht — um 3 Uhr 45 heute nacht kam mir der Gedanke — bin entschlossen —“
„Nu ja doch! Zu was denn?“
„Ich heirate Adelgunde.“
Ich nahm unwillkürlich den doppelgeschliffenen Somalidolch, der mir als friedliches Papiermesser diente, fester in die Hand. Das konnte ein Tobsuchtsanfall werden. Eine schwere Nervenstörung war’s jedenfalls. Oder ein Spaß von seltener Kühnheit. Aber so sah kein Spaßender aus. Eine finstere Entschlossenheit lagerte auf Emils übernächtig blassem Kopf. Jetzt erst sah ich, daß er keinen Schlips anhatte, was den Eindruck dieser Verstörung erhöhte. Er sah aus, als sei er direkt aus einem Erdbeben gerettet.
„Emil, du wolltest — —?“
„Adelgunde heiraten. Ja. Ich weiß, was du sagen willst.“ (Ich wollte gar nichts sagen.) „Sie ist älter, wie ich, gewiß. Josefine war auch älter als Napoleon. Aspasia war älter als Perikles.“
„Ja — liebst du sie denn?“
Er lachte hell auf. „Auch noch! Man braucht doch nicht alle Dummheiten auf einmal zu machen. Nein, ich liebe sie nicht. Aber — ich hasse Flocki. Die Sache steht einfach so. Heirate ich Adelgunde, so behalte ich meine Rente und kann Flocki in Pension geben. Stirbt er wirklich, so haben wir immer noch die Hälfte der Rente und was wir dazu verdienen. Adelgunde ist ja unleidlich. Aber sie ist viel aus dem Hause. Unterrichtsstunden, Freundinnen und all so was. Und ich denke, sie ist vielleicht nur unleidlich wenn — weil — solange — —“
„Solange sie nicht die Deine ist.“
„Die Meine oder die Deine oder die Seine“, brummte Emil ärgerlich. „Solange sie eben nicht verheiratet ist. Die Ehe wirkt veredelnd auf den Menschen. Es liegt oft ein Schatz von Liebe in solchen späten Mädchen. Doch wie’s auch kommt — sie ist wenigstens ein Mensch und gewiß nicht ohne menschliche Vorzüge. Aber Flocki! Siehst du, wenn ich ein Nilpferd geerbt hätte — das hat wenigstens eine robuste Gesundheit. Oder einen Orang-Utang — der ist wenigstens amüsant. Oder einen Karpfenteich — diese Tiere springen einem wenigstens nicht auf die Möbel, ins Bett, ins Gesicht. Aber dieser Malefizköter! Siehst du, wenn ich’s geahnt hätte, damals, wie ich ihm im Atelier das Fell kraute .... Wie ich den Herrn mit dem Geflügelknochen ... wie mir der Dr. Neumann mit dem Testament ... Nach Amerika wär ich ausgewandert, mein Wort darauf! nach Alaska meinetwegen, ja in die Südsee zu den Kanibalen. Wahrhaftig! Aber jetzt —! Die Gewohnheit hat mich unterjocht. Ich kann nicht mehr Gummikragen umbinden und für fünf Groschen ‚mit Bier‘ zu Mittag essen. Wen der Himmel für die Kunst verderben will, den macht er zum Rentier! Denn malen — siehst du — malen kann ich auch nicht mehr. Du hast’s ja selbst gesehn. Ich muß erst wieder Flocki los werden. Aus meiner Nähe, aus meinen Gedanken, aus meiner Kunst muß die Bestie. Das Hundeleben muß aufhören. Ich will wieder ein Mensch sein. Ergo: ich heirate Adelgunde. Und der erste Paragraph unseres Ehevertrages heißt: Es ist keinem der Ehegatten erlaubt, ohne Zustimmung des andern Ehegatten einen Hund irgendwelcher Größe in der ehelichen Wohnung zu halten.“
„Hm. Aber schließlich gewisse Verpflichtungen hast du doch auch gegen Flocki. Es wäre doch eine zwar pfiffige aber ein bißchen rohe Umgehung des letzten Willens deiner Freundin, wenn du das Tier nun irgendwo in Pension gibst, wo es geprügelt wird und hungern muß und von den Kindern an den Ohren gezogen wird.“
Emil unterbrach seinen Spaziergang längs meines Bücherschranks, richtete stolz das blasse Haupt empor und sah mich mit einem Blick an, in dem tiefe Mißbilligung nicht zu verkennen war.
„Wo denkst du hin?! Was traust du mir zu! Bin ich ein Kongoneger? Sehe ich aus wie ein Feuerländer? Natürlich Flocki, soll es gut haben. Das wird meine erste Sorge sein. Ich habe schon an den Zoologischen Garten gedacht. Wenn ich diesem Institut den Hund schenkte? Er ist eitel, ich kenne ihn. Es würde ihn beglücken, an seinem Käfiggitter ein blaues Schildchen mit seinem Namen und seiner Rasse — — ja, da liegt die Schwierigkeit. Ich fürchte der Zoologische Garten verweigert solcher ziemlich willkürlichen Kreuzung die Aufnahme. Nein, nein, es muß Privatversorgung erwogen werden. Eine Witwe vielleicht. Kinderlos natürlich. Kinder hat Flocki nie geliebt, und dann fühlen sie sich zur Erziehung berufen, die Flocki immer abgelehnt hat. Es würden sich daraus Konflikte schlimmster Art entwickeln. Also eine kinderlose Witwe. Witwen sind voll Zärtlichkeit und verstehn sich auf Pflege. Das heißt —“. Wie von einem bezaubernden Einfall geblendet wich Emil plötzlich einen Schritt zurück, dann trat er ganz rasch drei Schritte auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und lieh seiner vorzüglichen Eingebung die guten Worte: „Das heißt — hättest du vielleicht Lust, Flocki zu nehmen: Ich will ihn dir schenken.“
** *
Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich Emils hochherziges Angebot dankend ablehnte.
Woher ihm eigentlich die Sicherheit gekommen war in der Voraussetzung daß ihn Adelgunde, sobald er ihr einen Antrag machte, auch nehmen würde, weiß ich nicht. Aber einen andern Ausgang der Angelegenheit hatte er keinen Augenblick ernstlich erwogen.
Um so peinlicher war sein Erstaunen, als Adelgunde sich drei Tage Bedenkzeit ausbat. Das Unglück wollte es, daß Flocki noch immer eine warme Nase hatte; und Emil stand unter dem Bann der fixen Idee, daß dieser tückische Hund in diesen drei Tagen bestimmt sterben werde, um ihn zu ärgern und seine Rettung in lebenswerte bürgerliche Verhältnisse unmöglich zu machen. Der Tierarzt kam täglich dreimal, wurde außerdem mehrfach telephonisch in seiner Wohnung und in dem Café, in dem er mittags Domino zu spielen pflegte, angeklingelt und blieb auf Emils besonderen Wunsch auch nachts telephonisch für ihn erreichbar.
Endlich am dritten Tage nachmittags um zwölf Uhr kam ein Briefchen von Adelgunde.
Als ich um ein Uhr in seine Wohnung kam, nach dem Freunde zu sehen, der mir in den letzten Tagen Sorgen gemacht hatte, erzählte mir Lisette, der Herr habe vorhin durch einen Dienstmann ein Billetchen bekommen. Darauf habe er sich längere Zeit lächelnd vor dem Spiegel im Korridor aufgehalten, habe dann telephonisch ein Rosenbukett mit violetter Schleife für fünf Mark bestellt, habe seinen Friseur kommen lassen und eine halbe Flasche Veilchenparfüm auf zwei Taschentücher gegossen, die er in seinen besten schwarzen Rock gesteckt. Dann habe er ihr — Lisette — zehn Mark geschenkt mit der Weisung, sich möglichst bald eine schöne Granatbrosche dafür zu kaufen (warum gerade eine Granatbrosche wisse sie nicht) sei vor Flockis Körbchen getreten und habe den sehr erstaunten Hund ein „Rabenvieh“ genannt, was ja wohl seine Berechtigung habe, aber doch, so weit sie sich entsinne, zum ersten Male passiert sei. Dann habe er sich einen Zylinder aufgesetzt, habe ein paar resedafarbene Handschuhe in die Hand genommen und sei pfeifend, ohne seiner sonstigen Gewohnheit gemäß detaillierte Weisungen Flockis Wartung betreffend zu geben, die Treppe hinabgesprungen. Wie ein Reh. Dies „wie ein Reh“ gefiel Lisette so gut und schien ihr so erstaunlich charakteristisch, daß sie es noch dreimal mit Nachdruck wiederholte: „Wie ein Reh — wenn ich’s Ihnen sage: wie ein Reh!“
Ich wußte genug. Ich empfahl Lisette, beim Ankauf der Granatbrosche sehr umsichtig vorzugehen, und machte mich auf den Heimweg.
Zu Hause setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb ein Rohrpostbriefchen. Ich habe es gegen meine Gewohnheit dreimal aufgesetzt.
Es gibt Glückwünsche die sehr schwer fallen. Man wünscht wohl, aber man glaubt nicht.
** *
Wenn Emil eine Prinzessin von Trapezunt geheiratet hätte, er hätte sich in den folgenden Wochen nicht beglückter benehmen können.
Er markierte Verlobungswonne in geradezu vorbildlicher Weise. Er kaufte Buketts, Lyrik, Marzipan. Er trug zu enge Stiefel und zu hohe Kragen. Er sann auf zarte Überraschungen und las nachts im Bett eine gräßlich langweilige Biographie von Johann Sebastian Bach, den Adelgunde sehr verehrte. Von Kontrapunkt und Fuge sprach er jetzt so viel, wie er früher von Flocki und seinen Magenverhältnissen gesprochen hatte. Eines Tages erwarb er in einer Versteigerung bei Lepke sogar ein sehr mäßiges Ölbild, das den großen Meister darstellen sollte, das sich aber leider später als das Porträt seines Vaters, des Hof- und Ratsmusikus Johann Ambrosius Bach erwies.
Mit der Ungeduld eines Romeo drängte Emil auf Beschleunigung der ehelichen Verbindung. Blos standesamtlich wünschte Adelgunde. Emil war einverstanden.
Ich war Emils Trauzeuge. Adelgunde hatte sich für die feierliche Handlung ihren Hauswirt mitgebracht. Dieser brave Mann, in seinem Privatleben ein Schneidermeister, dessen Anzüge eine gewisse Berühmtheit genossen, weil sie jedem Besteller die Figur ihres Verfertigers gaben, hatte leider zur Vorfeier des Tages sehr heftig gefrühstückt und kämpfte während der Zeremonie so tapfer wie vergeblich gegen einen Schluckser. Adelgunde hielt dies mühsam gedämpfte Geräusch für einen Ausdruck tiefer, seelicher Ergriffenheit und hat später dem Gatten gestanden, daß diese Feierlichkeit den lange von ihr gehegten Verdacht als begründet erwiesen habe; daß nämlich der ehrsamliche Schneidermeister selbst ein Auge auf sie geworfen habe, ohne den Mut zu finden, zu tun, was Emil getan hatte ...
Im Separatzimmerchen eines kleinen aber guten Restaurants der Potsdamerstraße war das festliche Frühstück, das dem standesamtlichen Akt folgte. Nur wir vier. Und ein sehr diskreter Kellner, der die Speisen immer erst brachte, wenn sie kalt waren.
Ich hielt eine kleine Rede auf das Brautpaar, sprach von der ehelichen Liebe, die das Leben adelt, jede Freude erhöht, jeden Schmerz gemeinsam tragen lehrt — kurz ich gab, der Situation angemessen, eine Anzahl von Gemeinplätzen zum besten, die jedem lateinischen Übungsbuch für Quinta Ehre gemacht hätten.
Dann erhob sich der Trauzeuge Adelgundes. Er erzählte mit etwas schwerer Zunge sehr merkwürdige Dinge, die nur leider keinen rechten Zusammenhang mit der festlichen Veranlassung dieses gemeinsamen Mahles zeigten. Er sagte unter anderem, er sei bei einer alten Tante erzogen worden, die ihm früh den Spruch eingeschärft habe: Üb’ immer Treu und Redlichkeit — bis an dein kühles Grab. So gedenke er’s auch zu halten. Die Wohnung im dritten Stock seines Hauses habe früher 1000 Mark gekostet. Nun aber habe er die Toilette neu tapezieren und den Herd umsetzen lassen. Auch sei ihm eine Hypothek gekündigt worden, was ihn sehr verdrieße. Vom nächsten Quartal an müsse er 1100 Mark für diese Wohnung verlangen, was er als Ehrenmann heute schon ankündigen wolle. Zumal da in einem fort darin Klavier gespielt werde; was zwar immer noch nicht so schlimm sei, wie Waldhorn. Was die Ehe anbetreffe, so habe darüber der Apostel Paulus ein sehr gutes Wort gesagt, das ihm jetzt nicht einfalle. Und wenn die Pute nicht so kalt werden solle, wie der Rehrücken leider vorhin gewesen, so müsse er seine Rede jetzt schließen.
Diese letzte Wendung wurde von uns als Scherz gedeutet. Wir riefen hoch und stießen an. Der Meister war sehr geschmeichelt und nahm drei Bruststücke von der Pute.
Nach dem Eis erhob sich Adelgunde und verabschiedete sich von uns mit einem verschämten Lächeln, das ihr gar nicht übel stand. Mit diesem Lächeln konnte sie für fünfunddreißig gelten. Sie fuhr in einem Taxameter nach Hause, um ein Reisekleid anzulegen, da eine kurze Hochzeitsreise nach Potsdam beschlossen war.
Als Adelgunde gegangen war, offerierte Emil mit dem strahlenden Lächeln, das ihm selbst bei des Trauzeugen Rede nicht verlassen hatte, sehr schwarze Zigarren mit sehr roten Leibbinden.
„Sagen Sie, lieber Herr Steinbrink“, fragte der Meister, indem er sich drei Zigarren auswählte und neben seine Kaffeetasse legte, „was wird nun eigentlich aus ihrem Hund, solange sie auf der Reise sind — —? Es ist wegen der Wohnung. Ich bin da etwas unruhig. So ein Vieh ruiniert leicht mancherlei, nagt und schabt und kratzt — —“
Emils Gesichtsausdruck verlor an Fröhlichkeit. Und der meine war in diesem Augenblick kaum sehr intelligent.
„Ja, erlaube mal, Emil“, warf ich ein, „hast du denn noch niemand gefunden, den du — — Ich meine die Witwe, von der du sprachst, die kinderlose Witwe ...“
Emil wurde sehr verlegen. Er pickte nervös an dem Bändchen seiner schwarzen Zigarre herum und, ohne mich anzusehn, sagte er kleinlaut: „Die Sache ist die, Lieber. Ich und Adelgunde — Adelgunde und ich — wir haben’s uns eben überlegt. Eine fremde Pflege ist doch nicht so sicher. Du weißt, es gehen uns dreitausend Mark verloren, wenn Flocki stirbt. Das ist schließlich keine Kleinigkeit.“
„Tausend noch mal!“ bestätigte der Meister und knüpfte seine Weste auf.
„Na und siehst du, so kamen wir eben nach reiflichster Überlegung überein, Flocki zu behalten. Gott, er hat ja auch seine Vorzüge. Und dann: man gewöhnt sich. Es ist merkwürdig, wie man sich gewöhnt. Während wir in Potsdam sind, wird Lisette — du weißt, wir übernehmen sie in den jungen Hausstand. Und wenn wir zurückkommen — Gott, Adelgunde hat eine so glückliche Hand in der Pflege. Du sollst mal sehen, wie die Blumen gedeihn an ihrem Fenster — und haben doch fast keine Sonne.“
„Erlauben Sie,“ fiel der Meister ärgerlich ein, „das muß ich denn doch besser wissen. Vom Mai bis Ende September hat das Fenster von Mittags zwölf bis nach zwei Uhr Sonne. Wenn’s nicht regnet, natürlich. Aber dann hat kein Mensch Sonne und kein Fenster.“
Emil hörte ihn nicht. Die erloschene Zigarre im Munde stierte er in tiefem Sinnen in den riesigen Aschbecher. An seines Geistes Augen mochte das ganze Martyrium dieser Erbschaft vorüberziehen, das Martyrium, das hinter ihm lag, das Martyrium, das seiner wartete ...
Wir beiden andern schwiegen und rauchten.
Plötzlich fuhr Emil aus seinen Träumen auf und sah nach der Uhr.
„Himmel, ich muß fort. Höchste Zeit. Entschuldigt die Plötzlichkeit, Kinder, aber wir versäumen sonst den Zug. Ich muß Adelgunde abholen ...“
„Aber es ist ja noch reichlich anderthalb Stunden. Und zum Potsdamer Bahnhof habt ihr nur sieben Minuten.“
„Hm. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß man zu zweien immer mehr Zeit braucht, als allein.“
Der Meister rechnete angestrengt an den Fingern: „Und zweimal sieben macht vierzehn — nicht wahr? Und eine Stunde und eine halbe macht neunzig Minuten, und neunzig weniger vierzehn macht sechsundsiebzig ...“
Es war nicht recht einzusehen, warum er sich in die Mühseligkeiten dieser Rechenaufgaben stürzte; denn von uns beiden hörte ihm keiner zu. Selbst dann nicht, als er durch eine sehr schwierige und rätselhafte Division sich tief in die Gefahren der Bruchrechnung verstrickte, die er dann mit einem befriedigten „Na, und überhaupt!“ abschloß.
Emil hatte seinen Paletot angezogen, den der Meister mit kritischem Blick maß. Der Reisefertige reichte mir die Hand zum Abschied; und mir war’s, als legte er eine ganz besondere Bedeutung in sein Abschiedswort:
„Du hast Recht, wie schon manchmal, lieber Freund. Aber wir müssen vorher noch Adieu sagen. Adelgunde besteht darauf, daß wir Flocki noch einmal sehen, ehe wir ihn für ein paar Tage verlassen. Schließlich — er hat uns doch zusammengeführt! ...“
