Der Mann mit dem persönlichen Einfluß
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Es ist meine heilige Überzeugung, daß es sonst sehr achtbare, ja vortreffliche Menschen gibt, in deren Gebaren und Gesichtszügen eine ununterbrochene heimliche Aufforderung für alle großen und kleinen Gauner liegt, sie als geschätzte „Versuchsobjekte“ ihrer unsympathischen Kunst zu behandeln; schlicht gesagt: sie zu betrügen.
Ohne die flehendste Bitte des schönsten Gebets: „Führe uns nicht in Versuchung ...“ erfüllen zu wollen, scheint der liebe Gott solche merkwürdigen Leute hilflos in seine sonst so hübsch ausgedachte Schöpfung gestellt zu haben. Sie wandeln umher, freundlich und zutraulich, aber als fleischgewordener Fallstrick des Bösen. Und am Ende sind diese Guten von allem, was sie unternehmen, enttäuscht; denn sie haben bei jeder ihrer von besten Absichten geleiteten Unternehmungen mehr Lehrgeld bezahlt, als jeder andere; haben bei jedem Mißgeschick einen größeren Schaden besehen, als irgendwo sonst und finden — und das ist vielleicht das Betrübendste — mit den Erzählungen ihres Mißgeschicks statt inniger Teilnahme oft nur jenes durchaus pietätlose Gelächter, wie es böse Menschen, die keine Lieder haben, im Anblick fremder Ungelegenheiten anzustimmen lieben ...
Ein Musterbeispiel für diese meine aus sorgfältiger und liebevoller Betrachtung der Zeitgenossen gewonnene Lehre scheint mir noch heute der ehemalige Filzhutfabrikant Michael Monkebach zu sein, den ich vor einer Reihe von Jahren in einem süddeutschen Bade kennen lernte.
Schon die Art der Bekanntschaft war seltsam.
An der Mittagstafel in der „Quisisana“ saß ein Herr in mittleren Jahren neben mir, dem sein in Stoff und Schnitt sonst die Herkunft aus einer nicht billigen Schneiderwerkstatt verratender Anzug durchaus nicht zu passen schien. Das Tuch schlotterte an ihm herum, als habe er Rock und Weste von einem vermögenden Verwandten geerbt, der ihn an Leibesfülle ums Doppelte übertraf. Ein gewisser vergrämter Zug um die nicht unbedeutende Nase sowie ein traurig verschleierter Blick ließen mich erraten, daß es sich um einen der Schwerkranken, die sonst in diesem ziemlich harmlosen Bade selten waren, handeln müsse.
Ich reichte ihm deshalb bei den Mahlzeiten die Schüsseln mit besonderer Freundlichkeit; ja, ich ertappte mich auf der edlen Anwandlung, ihm, wenn der Braten mir zuerst angeboten wurde, die weniger knorpligen Stücke des Hammels zu lassen, der hier einen unerläßlichen Bestandteil des mehr zeitraubenden als sättigenden Diners bildete.
Einem Gespräch schien mein scheuer Nachbar auszuweichen. Einige — wie ich zugebe — nicht allzu geistreiche Bemerkungen über die fluchwürdige Unbeständigkeit des Wetters, mit denen sich eine elegantere Konversation einzuleiten dachte, beantwortete er nur mit dem Hinweis darauf, daß er im Besitz von Gummischuhen sei und von mir das gleiche hoffe. Auf eine bescheidene Anfrage, ob er das Kurtheater häufig besuche, und wie er es finde, entgegnete er ausweichend, er habe jüngst einer Vorstellung des „Tropfens Gift“ beigewohnt, aber schon nach dem zweiten Akt den Saal verlassen, da er seinen Platz unmittelbar neben dem Eingang zu den Toiletten erhalten habe und durch eine fehlerhafte Konstruktion des Türschlosses die Verbindungstür nach diesen minderwertigen Räumen sich fortwährend von selbst geöffnet habe.
Eine alte Kanzleirätin aus Bückeburg gab mir nähere Aufschlüsse über den betrübten Tischnachbar.
Ich war mit der körperlich gebrechlichen Dame, die ein großes Mitteilungsbedürfnis besaß, dadurch bekannt geworden, daß sie meine Zimmernachbarin war und unter der fixen Idee litt, Mäuse in ihrem Zimmer zu haben. Die Klingel, die angeblich dazu bestimmt war, bei einmaligem Läuten den Zimmerkellner, bei zweimaligem Läuten das Mädchen, bei dreimaligem Läuten aber den Hausknecht zu zitieren, funktionierte leider so mangelhaft, daß weder der Kellner, noch das Mädchen, noch der Hausknecht kam; und so war die alte Dame darauf verfallen, sich vertrauensvoll an mich zu wenden, wenn sie wieder den bestimmten Eindruck gewonnen hätte, daß Mäuse unter ihrem Bett oder hinter ihrem Schrank ihr neckisches Spiel trieben.
Da ihr selbst das Bücken vom Arzt verboten war — eine Vorschrift, an die sie sich, immer von der Furcht vor einem Schlaganfall gewarnt, aufs strengste hielt —, so durfte ich mir durch Herumkriechen unter ihrem Bett, Abrücken der Schränke usw. Bewegung machen und wurde von der Kanzleirätin „dirigiert“. Der Erfolg war immer negativ. Wenigstens was die Mäuse anbetraf. Dafür labte mich die alte Dame mit einem von ihr sehr geschätzten, selbstgebrauten Nußlikör, den sie in vielen Flaschen mitgebracht haben mußte, und der mit anderen mir bekannten Spirituosen nicht die geringste Geschmacksverwandtschaft zeigte und mir im wesentlichen aus Kandiszucker, Wasser, Lakritz und altem Leim zu bestehen schien.
Nach jeder vergeblichen Mäusejagd unterhielt mich die vortreffliche Dame von den Gästen des Hotels aufs anregendste.
Sie wußte, daß die Baronin über mir gar keine Baronin war, sondern eine gewöhnliche Adlige mit einer ziemlich neuen Fünfzackigen. Sie sei in einen jungen Badearzt verliebt und lasse sich deshalb auf Ischias behandeln. Die Kanzleirätin war ferner darüber orientiert, daß die Ehe des Rechtsanwalts auf Nr. 17 sehr unglücklich sei, weil der Schwiegervater heute, zehn Jahre nach der Hochzeit, noch immer nicht mit der Mitgift herausgerückt sei und die junge Frau eine verhängnisvolle Neigung habe, jede versöhnliche Annäherung ihres Gatten mit der Geburt von Zwillingen zu beantworten. Sie hatte auch in Erfahrung gebracht, daß der Tenor auf Nr. 39, der angeblich der Liebling des kunstverständigen Publikums von Pernambuco war, Amerika niemals gesehen habe, auch nicht demnächst an der Wiener Hofoper Probe singe, sondern nächsten Winter vermutlich, wie schon die beiden vorhergehenden, in Berlin in obskuren, rauchigen Kabarets das Lied von der Leiche im Landwehrkanal zur Negergitarre vortragen werde. Es sei denn, daß die dicke Witwe aus Smyrna, die im Vorjahre ihren mit kandierten Datteln reich gewordenen Gemahl an einem Leberleiden verloren habe, doch noch auf diesen Tenor hereinfalle, der übrigens nicht verhungern könne, da er immer einen Knödel im Hals habe ...
Dies alles, wie gesagt, wußte die beredte Kanzleirätin aus Bückeburg in ihrer charmanten, nur etwas weitläufigen Art zu berichten. Jedes Mißverstehen meinerseits war übrigens ausgeschlossen, da die alte Dame viele Jahre — bis zu seinem Ende — ihren schwerhörigen Gatten gepflegt hatte und aus alter Gewohnheit auch die nicht mit dem Leiden ihres Seligen Behafteten mit ihrer hellen Stimme anschrie, daß es zunächst schier zum Entsetzen war.
Auch über Michael Monkebach wußte sie das Nötige.
Er hatte vom Vater eine Filzhutfabrik geerbt. Die erste selbständige Handlung Michael Monkebachs bestand darin, daß er ein neues patentiertes Verfahren ankaufte, den gewalkten, geformten und gesteiften Hut anstatt mit Schellack oder Leim mit einer wunderbaren Flüssigkeit zu „glänzen“, deren Zusammensetzung ein streng bewahrtes Geheimnis des Erfinders, eines angeblichen Chemikers aus der Bukowina, war. Als ungefähr 50000 Filzhüte in diesem Verfahren „geglänzt“ waren, erwies es sich, daß die Fabrikate allerdings einen recht hübschen, spiegelnden Glanz hatten, aber schon nach einigen Wochen einen unleidlichen und unbekämpfbaren Geruch nach verdorbenem Fett ausströmten, der sie unverkäuflich machte. So war Michael Monkebach im Besitz eines wertlosen Patents und 50000 übelriechender Hüte, die er nicht loswerden konnte, und hatte einen hübschen Batzen Geld verloren. Der angebliche Chemiker aus der Bukowina war längere Zeit unauffindbar, bis ihn Monkebachs tüchtiger, aber nicht billiger Anwalt in einem Zuchthaus der Rheinprovinz auftrieb, wo er sich gerade aufhalten mußte, weil er einen Geldbriefträger meuchlings in eine Senkgrube geworfen hatte.
Das zweite üble Geschäft, das Michael Monkebach leider machte, bestand im Ankauf des Patents einer neuen Haarblase- und Mischmaschine, die zwar außerordentlich schlecht funktionierte, aber den zwei daran beschäftigten Arbeiterinnen gleichzeitig die kleinen Finger der rechten Hände verstümmelte. Michael Monkebach wurde in beiden Fällen zur Zahlung einer lebenslänglichen Rente verurteilt und hatte außerdem noch unter unausgesetzten Angriffen verschiedener Blätter zu leiden, die das geschehene Unglück als Folge einer verwerflichen Knauserei und reine niedrigen Profitwut darstellten.
Der Organismus Michael Monkebachs quittierte über all diese Anfeindungen mit einem chronischen Magenleiden. Er beschloß, das Geschäft zu verkaufen, und war glücklich, als er einen Reflektanten fand, der ihm für die Hälfte des vollen Wertes die Fabrik mitsamt den zwei verderblichen Patenten und den 50000 nach verdorbenem Fett riechenden Filzhüten abnahm. Leider zahlte der Käufer die bedungene Summe zur Hälfte in Bergwerksaktien, die eigentlich nur noch für den Sammler kolorierter Drucke einen Wert hatten. Ein entrüsteter Protest hatte die Folge, daß dem Geschädigten als Ausgleich die 50000 Filzhüte angeboten wurden, die Michael Monkebach, dem beim bloßen Gedanken an ihren Geruch schon übel wurde, schaudernd zurückwies. Was ihm blieb, war ein Kapital, groß genug, daß er als Junggeselle sehr behaglich davon leben und sich im Sommer eine lange und durch unzählige ärztliche Vorschriften komplizierte Kur für sein chronisches Magenleiden gönnen konnte.
Als er hier angekommen war — die Kanzleirätin, die das erzählte, war damals seine Zimmernachbarin, später zog sie wegen der Mäuse um — sah er verhältnismäßig besser aus. Der Anzug, der jetzt seine Glieder umschlotterte, paßte ihm damals ganz gut. Aber, um diesmal den teuren Badearzt zu sparen, der für jede mit einer Frage nach dem werten Befinden verbundene Unterhaltung über diesen Sommer und über die Reize des Badeortes zehn Mark nahm, hatte er seine Kur nur nach den Anweisungen seines Hausarztes eingerichtet. Dabei hatte er unseligerweise die Viktoria-Quelle mit der Augusta-Quelle verwechselt und sieben Wochen lang, anstatt das für den Magen zuträgliche Wasser zu trinken, täglich sechs Becher jener berüchtigten Quelle eingeschlürft, deren Gebrauch als die radikalste Entfettungskur galt und mit vielen Unbequemlichkeiten und beschleunigten Spaziergängen, besonders nachts, verbunden war.
Schließlich — vor einigen Tagen — war er in seiner Herzensangst, von dem Gespenst der Cholera gefoltert, doch noch zu einem Badearzt gegangen und hatte ein Goldstück bezahlt für den guten Rat, allen Quellen weit aus dem Wege zu gehen, tüchtig Haferschleim zu essen und alle drei Stunden fünfzehn Opiumtropfen auf Zucker zu nehmen; ein Mittel, das ihm aus seligen Jugendtagen nach dem Genuß von unreifem Obst wohlbekannt war, und für dessen nicht seltene Verordnung seine gute Mutter niemals ein Goldstück genommen hatte.
Durch diese Erzählung der Kanzleirätin gewann ich Interesse für den vom Pech und den Menschen verfolgten Filzhutfabrikanten a. D. Und mit der langsamen Besserung seines Leidens wurde er auch gesprächiger. Wir kamen uns menschlich näher.
Ein harmloser, liebenswürdiger Mensch, von fast mädchenhafter Schüchternheit, die sich auch in den stets erstaunt blickenden Augen und den verlegenen Handbewegungen ausdrückte, ging er umher als der Typus jener menschgewordenen Versuchung für alle pfiffigen Profitmacher und skrupellosen Gauner. Wenn er mit einem Fünfmarkstück zahlte, bekam er stets nur auf einen Taler heraus. Wenn er eine Droschke mittags um zwölf Uhr benutzte, hatte er stets die Nachttaxe zu bezahlen. Wenn er ein Scheibchen Schweizerkäse zu sich genommen, fand er bestimmt einen halben Camembert auf der Rechnung. Wenn er sich ein Berliner Abendblatt am Bahnhof kaufen wollte, war es sicherlich die Mittagsnummer der Magdeburger Zeitung vom Tage zuvor. Und wenn er seinen Hut vertauschte — ja, da ist’s ihm doch passiert, daß er in einem Restaurant des Badeortes, hundert Kilometer entfernt von seiner ehemaligen Fabrik, seinen schönen, neuen, silbergrauen Wiener Filzhut an den Garderobenhalter hängte und beim Weggehen einen der gräßlichen, nach ranzigem Fett riechenden Hüte eigener Fabrikation vorfand. Einen der ganz wenigen, die damals durch ein Versehen in den Handel gekommen waren.
Durch peinliche Häufung solcher Erlebnisse war Michael Monkebach auf melancholische Gedanken gekommen, die sich vom Haferschleim nicht verscheuchen ließen. Er fühlte, daß da mit tröstlichen Redereien von Pech und Zufall nichts zu machen sei; daß es ihm vielmehr an Qualitäten des Charakters fehlen müsse, die ihren Besitzer ein für allemal vor solchen an Verhöhnung grenzenden Angriffen schützen mußten.
Da hatte er eines Tages, als es in Strömen regnete und ihm gerade sein neuer Regenschirm gestohlen worden war, beim Auf- und Abwandeln in den gedeckten Kolonnaden beim Buchhändler zwei Bücher entdeckt, die ihn durch ihre Titel lockten. „Wie wird der Mensch energisch“ hieß das eine, und „Wie erlange ich die Macht des persönlichen Einflusses“ das andere.
Mittags im Lesezimmer — er hatte natürlich den einzigen ungepolsterten Stuhl erwischt — sah ich ihn eifrig bald in dem einen, bald in dem andern Buch lesen. Und als sich gegen Abend das Wetter aufhellte und er in fremden Gummischuhen — die seinen waren ihm gegen zwei, merkwürdigerweise unter sich verschiedene, ihm viel zu große Überschuhe vertauscht worden — neben mir her durch die Pfützen des Kurparks schritt, sprach er hochbefriedigt von seiner Lektüre.
Er sehe jetzt ein, daß es ihm eigentlich nur an „Persönlichkeit“ gefehlt habe, äußerte er in schöner Offenheit. Die „Persönlichkeit“ aber sei durchaus nichts Angeborenes, das wisse er jetzt, sondern etwas Erwerbbares, etwas Erlernbares. Vor allem müsse man sich gewöhnen, die Dinge und Menschen mit festem Blick ins Auge zu fassen.
Indem er so sprach, übte er den Blick an verschiedenen Laternen des Kurparks, die ungerührt weiter ihr spärliches Licht in die Regenluft streckten ...
Als ich am nächsten Morgen an seinem Zimmer vorbeikam, hörte ich Michael Monkebach singen. Falsch aber laut und mit einer gewissen trotzigen Freudigkeit. Das war gegen seine Gewohnheit.
Ich klopfte an, steckte den Kopf durch die Tür und fand ihn, nur mit Hose und Hemd bekleidet, sehr merkwürdige und nie gesehene Freiübungen mit einer gefüllten Waschkanne machen.
„Ein Stuhl ist mir doch zu schwer dazu,“ erklärte er, „aber sehen Sie nur, wie mir diese Übungen schon gelingen. Erst Kniebeuge — sehen Sie: so — uff, mein Kreuz — jetzt — jetzt: leichtes Zehenwippen und Strecken des Rumpfs und nun wieder, passen Sie auf — eins — zwei — Kniebeuge — drei — vier Vorstoßen der Wasserkanne.“
Er stieß so energisch vor, daß ihm die Wasserkanne aus den Händen glitt, fiel und zerbrach, wobei auch seine Beinkleider durchnäßt wurden.
Während er sie mit einem Handtuch trocknete, rief ich das Stubenmädchen. Sie hieß Adele, hatte rote, selten gekämmte Haare und war weder schön, noch höflich. Mit Michael Monkebach war sie aber direkt grob, was mir auffiel. Sie wußte offenbar noch nichts von seiner neugewonnenen „Persönlichkeit“.
Als die rothaarige Adele gegangen war, fragte ich ihn, warum er sich diesen Ton nicht verbeten und die Kecke kräftig angehaucht habe.
„Das lohne nicht“, meinte er, „bei Untergebenen.“ Aber bei Gleichgestellten — na, ich werde ja sehen! Man müsse den „Mut zum Widerspruch“ haben und um der „Persönlichkeit“ willen „verharren“ — nämlich auf der einmal eingenommenen Stellung — sie geistig verteidigen, wie eine Festung und dabei die Macht des persönlichen Einflusses spielen lassen durch das Auge.
„Es ist der Trick aller Dompteure,“ sagte er zuversichtlich, „die fixieren die Bestie; und das Tier, instinktiv die Macht der Persönlichkeit fühlend, duckt — und gehorcht.“
Beim Mittagstisch saßen wir — Michael Monkebach und ich — einem Rittmeister in Zivil gegenüber, der sich gern reden hörte und dazu erstaunliche Quantitäten billigen Moselweins trank.
Michael Monkebach schien von dieser hellen Kommandostimme aufgeregt zu werden. Er wippte auf dem Stuhl hin und her, nahm sich fünf Stücke Schweinebraten, den ihm der Arzt strengstens verboten hatte und den er auch liegen ließ; fertigte Brotkugeln, die er dann in der Zerstreuung aß, und fühlte dazwischen nach der Brusttasche, aus der ich den majonnaisegelben Umschlag des interessanten Werkes „Wie wird der Mensch energisch“ feindlich hervorlugen sah.
Der Rittmeister hatte gerade an der Hand eigener, sehr aufregender Manövererlebnisse einer dicken Rentiere aus Stettin, die sich Tag und Nacht nicht von einem pfundschweren Bernsteinschmuck zu trennen schien, den unvergleichlichen Nutzen der Kavallerie für den Aufklärungsdienst erläutert, da vernahm ich Michael Monkebachs fremdartig schrill klingende Stimme, die hervorstieß:
„Ich bin der Ansicht — bin der Ansicht, daß beim nächsten Krieg die Kavallerie einfach eine tote Waffe sein wird.“
Er war sichtlich stolz auf den unsinnigen Ausdruck „tote Waffe“ und sehr erregt. Schweiß stand in reichen Perlen auf seiner Stirn.
Ich begriff, es war die „Energie“-Probe.
Ich sah seinen Blick starr, als wolle er ein Huhn hypnotisieren, auf den Rittmeister gerichtet, der schweigend sein Monokel einklemmte, ein Lächeln verbiß und dann sehr höflich sagte:
„Der Herr ist ohne Zweifel Kavallerist gewesen?“
„Nein, ich bin — bin Landsturm — ja wohl Landsturm mit Waffe. Aber meine Ansicht ist deshalb doch wohlbegründet. In einem Zukunftskrieg nämlich — in einem Zukunftskrieg —“ Seine Vorstellungen über den Zukunftskrieg schienen leider doch nicht so klar und übersichtlich geordnet, wie es für diese Unterhaltung wünschenswert gewesen wäre. Plötzlich aber verbreitete sich ein Ausdruck der Entrüstung über sein nervöses, blasses Gesicht und die sieghaften Worte überstürzten sich schier: „Die Pferde werden totgeschossen, ja. Und die Reiter — und die Reiter — liegen unter den toten Pferden ...“
Der Rittmeister glaubte es offenbar mit einem gelinde Verrückten zu tun zu haben. Er ließ das Monokel in die hohle Hand fallen und wandte sich ruhig zu seiner bernsteingeschmückten Nachbarin.
„Sie müssen sich vorstellen, meine Gnädige ...“
Michael Monkebach ließ das starre Auge — er dachte offenbar an den „Dompteur“ und fühlte die Wichtigkeit des Augenblicks dieser Probe — nicht von dem Rittmeister, der nach einer Weile den stierenden Blick unbehaglich empfand, sein Monokel wieder einklemmte und eine merkwürdig ernste Falte über dem Nasenrücken sehen ließ. Die kerzengerad aufliegende Falte, die wie eine Fortsetzung des nur durch die recht knapp bemessene Stirn unterbrochenen Scheitels aussah, gab dem Gesicht etwas Hartes, Drohendes.
Ich fühlte: die Katastrophe nahte.
Die Rosinen und Krachmandeln wurden gerade herumgereicht — es waren immer dieselben, da niemand jemals davon aß — und die alte Engländerin am Kopf der Tafel erhob sich, lang und dürr wie eine entlaubte Pappel im Winter, und schritt, wie immer als die Erste an dem galant die Tür aufreißenden Oberkellner vorbei nach dem Lesezimmer, wo sie täglich ihre sieben bis neun Stunden an dem einzigen Schreibtisch saß und mittels einer goldenen Füllfeder geheimnisvolle Briefe in Riesenbuchstaben schrieb.
Die Tafel leerte sich.
„Kommen Sie, Herr Monkebach,“ flüsterte ich besorgt, da mir für den Filzhutfabrikanten unbehaglich wurde, „gehen wir schon!“
Ich suchte durch eine besonders liebenswürdige Verbeugung gegen die Bernsteindame aus Stettin und den Rittmeister die Aufmerksamkeit von Monkebach ab und auf mich zu lenken:
„Mahlzeit.“
„Mahlzeit!“
Der Rittmeister schmetterte es heraus, als ob er eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte, etwa: „Hol euch der Henker!“ oder so etwas.
Wir waren noch nicht im Vestibül, da kam der Rittmeister hinter uns her:
„Pardon, wenn ich die Herren störe. Ich möchte Herrn Fabrikanten Monkebach — ich irre mich doch nicht? — um zwei Worte unter vier Augen bitten.“
Er sagte das mit einer sehr höflichen Verbeugung nach mir hin; und ich beeilte mich zu versichern, daß ich die Herren in ihrer privaten Besprechung keinesfalls zu stören wünsche.
Als ich mich empfahl, schweifte mein Blick über Michael Monkebachs Angesicht. Er sah aus, als habe er seit drei Tagen seine Beerdigung hinter sich. Die Rechte krampfte sich in die Brustseite, wo der Rock das köstliche Buch mit allen schönen Lehren über die „Persönlichkeit“ verhüllte. Die Beine aber, die ihn hinter dem vorausschreitenden Rittmeister nach dem Rauchzimmer, dem Ort der Unterredung, trugen, knickten und tänzelten und schlenkerten, als ob sie durchaus nicht mehr von der Zentrale des Nervensystems eines homo sapiens zweckentsprechend dirigiert würden, sondern vielmehr einer Puppe im Kasperletheater angehörten, deren schlotternder Leib voll Sägespäne und deren zerbeulter Kopf von lakiertem Holz ist ...
Zwei Stunden später ging ich zu Michael Monkebachs Zimmer hinauf.
Die gesprächige Kanzleirätin hatte mich mit Mitteilungen über einen mir gänzlich unbekannten Baron Montecatanio aufgehalten, der, allen Gästen unsichtbar, die teuersten Zimmer im Hotel bewohnte und früher, wie sie behauptete, in ganz verwerflicher Weise mit Sklaven am Kongo gehandelt, dann in Alexandrien eine berüchtigte Spielbank gehalten haben sollte. Lauter Dinge, die gewiß sehr unschön und tadelnswert, mir aber im Moment furchtbar gleichgiltig waren.
Ich traf Michael Monkebach beim Packen der Koffer, eine Tätigkeit, der er mit einer fast fanatischen Hast oblag.
„Schließen Sie die Tür hinter sich — den Riegel, bitte, auch,“ rief er mir flehend zu. „Danke. Sie müssen wissen, der Rittmeister — übrigens ein prächtiger Mensch! — wollte mich fordern — auf Pistolen. Haben Sie schon mal eine Pistole in der Hand gehabt? — Ich nicht ... Wenn es schließlich noch Säbel gewesen wären. Ich hatte eine Leidenschaft für Säbel — als Kind. Aber gleich — wo sind denn die Socken! aha, hier unter dem Nachttisch — aber gleich: Pistolen! — Ich bin — bin — Himmel, jetzt habe ich eine Fußbank eingepackt! — ich bin unter Filzhüten groß geworden. Mein Vater — wollen Sie mir mal die Zahnbürste reichen? Danke — ist auch — ist auch unter Filzhüten groß geworden. Mein Großvater — —“
Da ich fürchtete, daß noch viele des Geschlechts „unter Filzhüten“ groß geworden seien, so lenkte ich ab.
„Haben Sie denn eine Entschuldigung schroff abgelehnt —?“
„Den Teufel hab’ ich! Ich habe gesagt, daß ich unter Filzhüten groß geworden bin, und daß mein Vater ...“
„Unter Filzhüten groß geworden ist, ich weiß. Und war er von diesen Filzhüten, wollt’ ich sagen: von diesen Erklärungen befriedigt?“
„Das schon. Aber wer weiß, er besinnt sich vielleicht wieder anders. Gott, so ein Kavallerist. — Das Handwerk verroht, nicht wahr? ... Eine Tante von mir hatte ein Dienstmädchen, die hatte bei einem Scharfrichter gedient ... nein, was die für Sachen erzählte, nicht zum Wiedergeben. Ich hab’ sie übrigens auch vergessen. Aber das ist sicher: es gibt Berufe, die das Gemüt verkümmern lassen ... Und dann wissen Sie, ich bin nicht für die ‚Persönlichkeit‘ geboren. Und das mit der Erziehung zur Persönlichkeit —“
Er riß plötzlich das majonnaisegelbe Buch, das ihm beim Bücken immer in die Achselhöhle stach, zornig aus der Tasche und schleuderte es in die Ecke — „das ist Unsinn. Wenn man unter Filzhüten groß geworden ist — — Sehen Sie nur —“
Er hielt plötzlich inne und zeigte mir die bereits quittierte Rechnung des Hotels: „Was hab’ ich eigentlich hier bezahlt?“
Er zeigte mit dem Finger auf einen unleserlichen Posten. „Ich kann’s nicht lesen, der Oberkellner kann’s nicht lesen, Adele kann’s nicht lesen — aber es macht zwölf Mark.“
„Und Sie haben —?“
„Bezahlt! Natürlich. Lieber Herr Doktor, ich bin eben keine ‚Persönlichkeit‘. Ich will fort, nach Hause — Haferschleim kann ich dort auch essen, nicht wahr? Und Kavallerie-Rittmeister lade ich mir ganz bestimmt nicht ein ... Würden Sie mir die Gefälligkeit erweisen, mit zur Bahn zu fahren? Das vorige Mal ist mir der Kutscher so grob geworden — ich habe dann gern jemand bei mir.“
Am Bahnhof spendierte sich Michael Monkebach ein Billett erster Klasse. Wegen der Nerven.
Als der Zug ankam — er hatte Verspätung, und alles mußte sehr eilig gehen — erwies es sich, daß das einzige Coupé erster Klasse für einen Erzbischof mit Bedienung belegt war. Die zweite Klasse aber war durch den Andrang zu einem Sängerfest in der Umgegend total überfüllt. So fuhr Michael Monkebach mit seinem teuer bezahlten gelben Billett in einer dritten Klasse mit fünf jüdischen Viehhändlern, von denen einer einen struppigen, unappetitlichen Bullenbeißer bei sich hatte, der einen ungewöhnlich starken Hundegeruch ausströmte.
Noch als sich der Zug in Bewegung setzte, rief ich Michael Monkebach zu:
„Sie sollten sich beschweren — ihr Geld zurückverlangen.“
Ich sah noch sein schmerzliches Lächeln hinter dem Fenster, das, vom Regen gequollen, nur halb herunterzulassen war:
„Lieber Gott, ich und — beschweren. Dazu gehört Per—sön—lich—keit. Wenn man, wie ich ...“
Ich hörte nichts weiter, da einer der Viehhändler, auf dessen Fuß Michael Monkebach wohl unabsichtlich getreten war, ihn sehr hart anließ. Aber ich ahnte, was er hatte sagen wollen: „Wenn man, wie ich, unter Filzhüten groß geworden ist ...“
** *
Ich hatte dann jahrelang nichts mehr von ihm gehört. Auch nichts von seinen Filzhüten.
Menschen, die unter anderen Dingen groß geworden waren, hatten mein Interesse erweckt. Es waren wohl auch Damen darunter. Kurz, ich vergaß ihn. Vergaß ihn so sehr, daß ich mich sogar seines Namens nicht mehr entsann, als er in merkwürdigem Zusammenhang, allerdings nur so als Appendix, als Mitläufer, zuerst wieder an mein Ohr schlug.
Ich verkehrte damals viel in einem Kreise junger Literaten, die sich gegenseitig sehr gut gefielen und jeden Freitag in dem Hinterstübchen eines Restaurants im Westen zusammenkamen, um sich über die Gemeinheit niedriger Lohnschreiber, die schnödes Geld mit ihren Büchern verdienten, und über die lächerliche Talentlosigkeit aller nicht zu ihrem Kreise Gehörigen aufgeregt zu unterhalten. Ich hatte mich nicht als Mitglied aufnehmen lassen, da ich — ohne den Rausch an sich hochmütig zu verwerfen — nie ein Freund davon war, mir mit geschwollenen Redensarten Herz und Hirn zu füllen. Aber als Schwester eines fanatischen Neutöners, der in seinen Gedichten niemals auch nur das bescheidenste Satzzeichen anbrachte und deshalb von Heine, Lenau und Mörike wie von sitzengebliebenen Schulbuben aus der Hilfsklasse für Schwachsinnige sprach, nahm häufig ein sehr schönes Mädchen an diesen denkwürdigen Sitzungen teil.
Sie redete weder klug, noch töricht. Sie war da, das genügte. Denn die Schönheit braucht eben nur vorhanden zu sein, um ohne weitere Anstrengung Besonderes zu wirken.
Sie bereitete sich dünnen Tee, während die andern meist geschmierten, billigen Wein tranken; lauschte den donnernden Tiraden des alle Erfolge aus der Hochburg seiner Unbekanntheit verachtenden Bruders und seiner hohnlächelnden, umstürzlerischen Sippe und schlug zuweilen ein paar große sanfte Kinderaugen zu mir auf, blau und tief, wie ein Märchen.
Wie ein kleiner, zarter Paradiesvogel im ruppigen Krähennest kam sie mir vor. Und ich begriff es völlig, daß gut die Hälfte aller sogenannten Gedichte, die diesem kraftgenialischen Kreise entstammten, an ihre stillen, blauen Augen gerichtet waren. Ich glaube, ich selbst habe damals ... Aber das gehört nicht hierher. Denn meine Gedichte reimten sich und gaben zuweilen, wenn man sie aufmerksam las, einen Sinn. Zwei Eigenschaften, die sie in diesem erleuchteten Kreise dem grimmigsten Hohn preisgegeben hätten.
Diese künstlerische Vereinigung hatte auch einige durch Akklamation gewählte und durch Nachtdepeschen, die diese stolze Ehrung meldeten, erschreckte „korrespondierende Mitglieder“. Deren Briefe ähnelten sich alle darin, daß sie sehr schlecht auf gelbe Notizbuchblätter, zerknitterte Telegrammformulare oder benutzte Papiermanschetten geschrieben waren und eigentlich weniger von den idealen Angelegenheiten der Poesie und Kultur als von momentanen ärgerlichen Verlegenheiten, peinlicher Geldnot, schmerzlicher Untreue einer Kellnerin und solchen Dingen handelten.
Nur ein korrespondierendes Mitglied schien sich in leidlich geordneten Verhältnissen zu befinden.
Maruschka Anastasia nannte sie sich in ihren Liedern. Sie war es, die sich einer ganz erstaunlichen Wertschätzung in diesem Kreise erfreute. Die Freiheit des Weibes wurde in ihren Gesängen gepredigt, gefordert, gedroht; die Revolution der Ehe, die geharnischte Auflehnung gegen uralte entehrende Sklaverei.
Diese heftigen Gedichte wurden häufig an den Freitagsabenden vorgetragen. Ein ziemlich verwahrloster, dicker, kleiner Mann, der, wie er sagte, an einer „Reformation der Rezitationskunst“ arbeitete, bestieg dann einen Stuhl, knöpfte umständlich den obersten Knopf seines Hosenbundes und die beiden untersten Knöpfe seiner originell karierten Weste auf, „damit die Bauchmuskulatur beim Vortrag nicht gehemmt werde“, faltete die fettigen Hände über der eingedrückten Brust, schloß die unschönen verschwommenen Augen, um tiefste seelische Konzentration zu markieren, röchelte, als ob ihm ein D-Zug über beide Beine gefahren wäre, und schrie plötzlich unter heftigen Zuckungen die Nächstsitzenden an:
„Nehmt mir die blut’gen Ketten aus dem Fleische, Reißt mir die welken Rosen von der Stirn ...!“
Und dann gab er wohl zehn Minuten lang mit ungeheurem Gebrüll noch unzählige Aufträge ähnlichen Inhalts, deren nähere Beschaffenheit ich vergessen habe. Alles in wilden, bluttriefenden Versen. Wenn er unter dem demonstrativen Jubel der Versammlung geendet hatte, stieg er, sichtlich ermattet, dem Beifall mit den fetten Händen wehrend, verächtlich lächelnd vom Stuhl, machte sich kalte Umschläge um die Stirn und trank ein sehr bemerkenswertes Gemisch von rohen Eiern, Kognak, Rotwein, und Benedektiner, das er „Lethe“ nannte.
Wenn er sechs bis acht Glas Lethe getrunken hatte, nahm er sich einen Taxameter, gab ihm geheimnisvolle Weisung und fuhr „in die Einsamkeit“, wie er sagte. Die Mitglieder des Bundes nährten die Überzeugung, der große Künstler ließe sich dann jedesmal bis zum Waldrand fahren; dort steige er aus und erwarte schweigend, das Haar dem Spiel der Morgenwinde preisgegeben, den ergreifenden Anblick des Sonnenaufgangs, die einzig wahre Sensation, die ihm dies schale Leben noch zu bieten habe. Seit ich ihn aber einmal, wenige Stunden nach solcher Sitzung, nach Vortrag und reichlichem Lethegenuß in den Arkadiasälen mit einer strohblonden Dame sehr heftig und sehr ungraziös Cake Walk tanzend getroffen habe, war meine ehrfürchtige Bewunderung für das genialische Einsamkeitsbedürfnis des dicken Lethekonsumenten stark erschüttert. Und an die Sonnenaufgänge glaubte ich nicht mehr.
Es waren immer Gedichte von Maruschka Anastasia, die der Reformator der Rezitationskunst vortrug. Mir kamen sie wie lauter gereimte Beschimpfungen des Mannes vor; und ich hätte, selbst wenn ich ihren poetischen Gehalt an Bildern, schönen Wendungen, Blüten der Phantasie höher eingeschätzt hätte, nicht recht begriffen, warum sich diese Gesellschaft von flaumbärtigen Literaten just daran berauschte, ihr eigenes Geschlecht vom Geifer des Hasses einer exaltierten Dame emsig bespien zu sehn.
Eines Abends — der Lethetrinker saß nach getaner Arbeit gerade wieder mit einer kalten Kompresse um die Reformatorenstirne in der Ecke und rührte mit stimmungsvollem Ernst eine halbe Pulle rubinroten Rotwein an drei verklepperte Eier — sprang mir eine neugierige Frage auf die Lippen.
„Sagen Sie, liebes Fräulein“ ich wandte mich an die schweigend neben mir mit dem Teekessel hantierende Besitzerin der blauen Märchenaugen, „heißt Ihre Lieblingsdichterin — ich muß sie doch wohl so nennen — diese Maruschka Anastasia nun wirklich Maruschka Anastasia oder ...“
Der Lethemischer unterbrach alsobald seine rührende Tätigkeit und stand plötzlich einen sehr lieblichen Geruch nach Kognak und Rotspohn verbreitend neben mir:
„Das wissen Sie wirklich nicht? Aber, Mensch, wo leben Sie? Maruschka Anastasia ist eine Frau, nicht fern dem Ende der zwanziger, man kann schon sagen Anfang der dreißiger. Eine verheiratete Frau —“
„Natürlich unglücklich verheiratet?“ warf ich ein.
„Na—tür—lich.“
Und irgendwoher aus dem Zigarettenrauch kam eine müde Stimme:
„Haben Sie überhaupt schon einmal eine glückliche Ehe gesehen?“
„Nun — ich dächte zum Beispiel meine Eltern ...“
Der Lethemischer roch mitleidig lächelnd an seinem Glase:
„Es liegt mir fern, die Ehe Ihrer geschätzten Eltern hier auf die von Ihnen behauptete Trivialität untersuchen zu wollen. Wäre ja auch eine fruchtlose Bemühung. Ich kenne von dieser Ehe auch nichts, als ihr Produkt: Sie. Im Anblick dieses Produkts kann ich mich aber — ohne ihren vielleicht verborgenen Qualitäten nahetreten zu wollen — nicht zu dem freudigen Glauben durchringen, daß die dazu nötige Ehegemeinschaft eine glückliche war.“
„Danke,“ ich verneigte mich. „Aber auf meine belanglose Person wollte ich wirklich das durch Ihre gütige Mitwirkung so interessante Gespräch nicht bringen. Ich fragte in aller Bescheidenheit nach den näheren Verhältnissen der hier so geschätzten Dichterin Anna Maruschka. Fragte, weil es mich interessiert, ob da persönliche Erlebnisse vielleicht den Grund zu dieser düsteren Lebensanschauung gelegt haben, oder ...“
Jetzt nahm der kleine Egon Felix Gundelmann das Wort. Ein äußerst merkwürdiger Jüngling, den ich, so lang ich ihn kenne, nie etwas anderes habe betrachten sehen, als seine eigenen Fingernägel; ohne daß er aus dieser Betrachtung einmal das naheliegende Bedürfnis geschöpft hätte, diese Objekte seiner ungeteilten Aufmerksamkeit zu reinigen. Er fiel durch eigene Produktion in diesem Kreise niemals lästig. Aber er war, um mit Hamlet zu reden, so etwas wie der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters. Allerdings Spiegel und Chronik ganz im Sinne der anregenden Gesellschaft, die seine mehr auf Sammeleifer als auf Gedanken beruhende Weisheit umgab. Er hatte ein geradezu phänomenales Gedächtnis für Namen und Zahlen, war wegen dieser letzteren Eigenschaft bei den Kellnern sehr unbeliebt, erschien aber als der geborene Literaturhistoriker, ein wandelndes Nachschlagewerk. Wann der oder jener giftige Vierzeiler auf der 387sten Seite der Zeitschrift „Marsyas“ rechts oben in der Ecke gestanden hatte; wieviel an Honorar die genannte Zeitschrift — der anerkannte Sammelpunkt der „Jüngsten“ — dem oder jenen Neutöner für seine tiefempfundenen „Elegien in freien Rhythmen“ schuldig geblieben war; wie hoch die unheimlichen Saarweine, die der Lethefreund vor drei Jahren in die Frühlingsbowle geschüttet hatte, auf der Karte notierten und mit welchem Aufschlag sie der verbrecherische Kellner in Rechnung gestellt hatte — all solche schwierigen Fragen und erstaunlichen Gedächtniskunststücke bewältigte Egon Felix Gundelmann spielend. Sobald Namen, Taten, Zahlen in Frage kamen, blickten aller Augen fragend und wißbegierig auf ihn. Die seinen aber verweilten nach wie vor auf seinen unsauberen Fingernägeln, und aus diesen unschönen Ausläufern seiner Persönlichkeit schien er all sein verblüffendes Wissen mühlos herauszulesen.
„Maruschka Anastasia“, sagte er jetzt, „ist geboren vor dreiunddreißig Jahren am neunzehnten Juli, d. h. an dem Tage, an dem im Jahre 1796 der Buchhändler Georg von Cotta geboren wurde, der später, auf den Ungeschmack der Menge bauend, den Werken der sogenannten Klassiker eine heute noch schädlich nachwirkende Verbreitung leihen zu müssen glaubte. An demselben Tage wurde fünfundzwanzig Jahre später der Dichter Gottfried Keller in Zürich geboren, dessen Werke ich zwar nicht hoch einschätze, der aber durch die knorrige Grobheit seines Wesens und durch die bis ins späte Alter bewährte Vorliebe für starke gegorene Getränke verriet, daß vielleicht etwas in unserem Sinne aus ihm geworden wäre, wenn er sich entschlossen hätte weiter zu hungern, anstatt sich als Staatsschreiber in die schmachvolle Abhängigkeit des Kantons Zürich zu begeben. Daß an diesem selben Tage dann im Jahre 1870 Frankreich an Preußen den Krieg erklärte, erwähne ich noch nebenbei. Dieser Krieg hat für das geistige Deutschland eine tiefe Demütigung gebracht, indem der Singsang der sogenannten patriotischen Dichter zu einem Ansehen gelangte, das jeden ästhetisch reifen Beurteiler, der an die große Zukunft der ungereimten, abstrakten Gedankenpoesie glaubt, mit tiefster Beschämung erfüllen muß. Wir haben durch diesen Krieg einige Schlachten und einige Kriegervereine gewonnen und dafür auf Jahrzehnte das Bewußtsein unserer in blöden Siegesfesten ersäuften Kulturmission verloren. Erst dadurch, daß vor dreiunddreißig Jahren Maruschka Anastasia als Tochter eines durch seelische Verirrungen zum Winkelkonsulenten herabgesunkenen ehemaligen Notars und einer echten Tochter des Volkes geboren wurde, hat dieser Julitag für das intellektuelle Deutschland der Zukunft wieder einen Klang und eine Bedeutung gewonnen.“
Egon Felix Gundelmann las diese letzten Worte vom Nagel des Daumens seiner linken Hand mit sichtlicher Befriedigung ab. Ich dankte mit einigen unbedeutenden Worten für die gütige Belehrung, gab aber der Ansicht Ausdruck, daß meine Frage eigentlich damit nicht beantwortet sei, da ich zu wissen verlangte, ob Maruschka Anastasia der richtige, in den Standesbüchern eingetragene Name dieser erstaunlichen Frau sei, und ob sie selbst die von ihr so glühend gehaßten Ehefesseln jemals getragen und — wie ich fast vermuten müsse — mit all der Kühnheit, die ihre Gesänge durchbrauste, hohnlachend abgeschüttelt habe.
Egon Felix Gundelmann betrachtete eingehend den Nagel seines mit einem häßlichen Geschwür aus kupfrig glänzendem Gold geschmückten Ringfingers und gab — immer im Ton einer wissenschaftlichen Vorlesung — die überraschende Auskunft:
„Maruschka Anastasia heißt eigentlich mit ihrem Mädchennamen Anna Kuntze — mit tz. Auf das tz legt sie Wert. Die letzten Nachrichten, die wir von ihr hatten, stammen vom 21. Juli des Vorjahres. Sie dankte uns damals für ein in der Nacht ihres Geburtstages aufgegebenes Nachttelegramm, das sie selbst, wie sie schrieb, herzlich erfreut und ihrem offenbar sehr schreckhaften Mann eine kleine Nervenattacke eingetragen. Sie nennt sich jetzt Maruschka Anastasia Monkebach-Kuntze und lebt körperlich neben, seelisch aber weit getrennt von einem Mann, der ein kleiner Rentier sein soll und sie, ohne ihre Bedeutung irgendwie mit ethischem Verständnis zu durchdringen, mit gebührender Verehrung behandelt.“
„Monkebach-Kuntze. — Monkebach — Monkebach ...“ Ich wiederholte den Namen immer wieder. Wo hatte ich ihn bloß schon gehört? und in welchem Zusammenhang? Ich dachte an eine Menagerie, die ich als Kind besucht — aber nein, die hieß Münsterbach. Dann dachte ich an einen Zahnarzt, der mir — schrecklichen Angedenkens — einen ganz gesunden Zahn mit Gold plombiert hatte. Aber nein, der hieß — ja, wie hieß der? Und jetzt war ich ganz konfus, und meine erregten Gedanken pendelten zwischen Maruschka Anastasia und einem verbrecherischen Zahnarzt hin und her, ohne einen Halt zu finden.
Egon Felix Gundelmann hatte mittlerweile noch ein ganzes Taschenlexikon biographischer Details über mich ausgeschüttet. Ich hörte nicht zu. Da traf plötzlich die trockene Anmerkung mein Ohr:
„Die Tragikomödie dieser Ehe eines lächerlichen Philisters mit einer ganz eigenartigen weiblichen Psyche mit einem von der leidenschaftlichen Liebe zum großen Erlebnis genährten Genie vollzieht sich in der Stadt mit dem unsagbar trivialen Namen Bimmlingen.“
Ich stutzte.
„In Bimmlingen sagten Sie? Seltsam, dorthin muß ich spätestens Anfang nächster Woche in Vermögensangelegenheiten.“
„Vermögensangelegenheiten!“ Der Lethetrinker sprach das Wort mit tiefer Verachtung mehr in sein halbgeleertes Stengelglas, als zu mir. „Vermögensangelegenheiten! Für solche Trivialitäten ist Bimmlingen gut. Aber als Leidenswiege für die zerrüttete Seele einer großen Poetennatur ...“ Der Satz war auf bedeutungsvolle Steigerung angelegt. Aber der Reformator hatte den Schluckser und mußte sich sehr zu seinem Ärger hier unterbrechen.
Mein Geständnis, daß ich nach Bimmlingen reisen mußte, hatte Bewegung in die dichten Zigarettenwolken des nie gelüfteten Raumes gebracht. Man sah sogar wieder Gesichter. Erstaunte, interessierte Gesichter.
Alle redeten durcheinander.
Egon Felix Gundelmann gab, wie mir schien, in seiner leidenschaftlichen Art einen kurzen Abriß aus der Stadtgeschichte von Bimmlingen. Ein hier hochgeschätzter Romancier, der seine Bücher erst nach seinem Tode weiteren Kreisen bekannt zu geben wünschte, spendete mir den dringenden Rat, sofort von der Bahn aus zu Maruschka Anastasia zu fahren, um sie meiner und seiner Verehrung zu versichern. Ein bereits zweimal verbotener Dramatiker hoffte, daß ich in Bimmlingen ein zuverlässiges „Tagebuch“ führen werde. Andere hatten noch weitergehende Wünsche in Beziehung auf meine Reise nach dem durch Maruschka Anastasia interessant gewordenen Nest.
Das Mädchen mit den tiefblauen Augen aber setzte die Teetasse hin, legte mir die spitzen, schlanken Finger ihres reizvollen Händchens mit noch nie geübter Vertraulichkeit auf den Unterarm und tat, was sie eigentlich noch nie getan: sie sprach einen zusammenhängenden Satz. Ich weiß heute, nach elf Jahren! noch ganz genau, wie er lautete:
„Darf ich Sie bitten, lieber Herr Doktor, Frau Maruschka Anastasia zu sagen, daß ich sie liebe,“ (wenn sie dieses „sie“ damals im Sprechen groß geschrieben hätte, so hätte ich zweifellos „die“ Dummheit meines Lebens gemacht!) „und daß es mich beglücken würde, ein paar Zeilen von ihrer Hand zu besitzen in meiner Selbstschriftensammlung, die fast alle Neueren von Atzler bis auf Zülferich umfaßt.“
Ich gestehe beschämt, daß ich damals weder wußte, wer Atzler noch wer Zülferich war. Aber ich tröste mich damit, daß es heute auch die wieder vergessen haben, die es einmal gewußt hatten. Denn die literarischen Taten von Atzler und Zülferich meldet kein Lied, kein Heldenbuch; und sie sind, wie alle Mitglieder jener festlichen Abende um den Reformator der Rezitationskunst, wie der seltsame Romancier, der für seinen Nachlaß arbeitete, und wie der unwahrscheinliche Polyhistor Egon Felix Gundelmann längst untergetaucht im ruhmlosen Gewoge des Alltags, der Trivialitäten ...
Aber meine Fahrt nach Bimmlingen hatte jetzt einen neuen Sinn, einen ungeahnten Glanz bekommen. Nicht daß ich selbst vor Neugier platzte, die genialische Maruschka Anastasia von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Aber wenn ich mit einem wundervollen, inhaltreichen Stammbuchblatt von ihrer Hand wiederkam ... Mir fielen Beispiele ein, daß Prinzen im Märchen durch ein kühn erstrittenes kostbares Geschmeide die lang versagte Gunst einer spröden Schönen im Sturme gewannen. Beispiele ... Beispiele ... Es gehört zu den unbestreitbaren Merkwürdigkeiten meiner sonst nicht eben komplizierten Natur, daß mir für jede Dummheit, die ich zu machen im Begriffe stehe, „Beispiele“ einfallen. Viele und vortreffliche Beispiele.
... Als ich einige Tage später — doch früher, als ich ursprünglich geplant — nach Bimmlingen reiste, war meine eigene Angelegenheit ganz in den Hintergrund getreten.
Es war auch gut. Denn in Bimmlingen zeigte es sich sehr bald, daß das kleine Grundstück, an dem ich als glücklicher Erbe zusammen mit drei Vettern, einer Tante und einem Waisenhaus beteiligt war, so gut wie wertlos war, da es dicht neben dem Viehhof lag und ein normaler Mensch mit gesunden Geruchsnerven das abscheuliche Terrain nur bei östlichen Winden, die den Stank der Ställe nach der anderen Seite entführten, betreten konnte. Die meteorologischen Notizen des Bimmlinger Tageblatts, dessen drei letzte Jahrgänge ich daraufhin durchsah, ergaben aber, daß die angenehme Stadt Bimmlingen meist von westlichen Winden bestrichen wurde; und als ich einem Bimmlinger Immobilien-Agenten den Kaufpreis nannte, den die miterbende Tante ersonnen und für den uns das scharmante Grundstück feil sein sollte, bekam er einen langandauernden Lachkrampf und versicherte mir, daß er einen so guten Witz nicht mehr gehört habe, seit der letzte Zirkus in Bimmlingen abgebrannt sei. Da die Tante als Miterbin aber von ihrem phantastischen Preis nicht heruntergeht, sind wir heute noch im Besitz des unbebauten Grundstücks und haben die Freude, ein über das andere Jahr zirka hundert Mark für einen neuen Stachelzaun zu bezahlen, der einer fröhlichen Jugend Bimmlingens wehren soll, im Unkraut unseres Besitzes künstliche Festungen zu graben.
Ich hatte mir für die mir inniger am Herzen liegende Aufgabe, die Selbsteinführung in die Familie Monkebach-Kuntze, einen, wie mir schien, vorbildlich schlauen Schlachtplan ersonnen. Am Tage meiner Abreise hatte ich an Herrn Monkebach-Kuntze ein sehr verbindliches Kärtchen geschrieben. Voller Interesse, seine berühmte Gattin kennen zu lernen, vom Wunsche beseelt, ihr meine persönliche Verehrung und die meiner Freunde in einem Handkuß auszudrücken, zugleich aber auch geängstigt von dem Gedanken, daß ich die Dichterin in ihren die Welt erleuchtenden Arbeiten in nie entschuldbarer Weise stören könnte, wagte ich es, bei dem von mir unbekannterweise hochgeschätzten Gatten der seltenen Frau in aller Bescheidenheit anzufragen, ob ... und wann ... und wie ...
Es war wirklich ein sehr anständiger Brief. Der Rabe mußte meiner Berechnung nach den Käs fallen lassen, wie in der hübschen alten Fabel.
Er ließ ihn fallen. Als ich ins Hotel kam, lag schon ein Briefchen da. Unterschrift: Michael Monkebach.
Monkebach, Mon—ke—bach — wieder rollte mir der Name wie eine Billardkugel im Kopfe herum; und nach einer nicht sehr geistreichen Gewohnheit trat ich erst eine Weile ans Fenster, stierte über die reichlich schmutzige Straße auf das schiefhängende Schild einer Woll- und Strumpfwarenhandlung und dachte emsig nach. Dann erst las ich den Brief.
„Sehr geehrter Herr Doktor, mich freut’s herzlich Sie nach so langer Zeit wiederzusehn“ — wiederzusehn, wieso? — „Ich kann es ja begreifen, daß Ihr hochgeschätzter Besuch, der uns äußerst angenehm ist“ — uns? — auf ihn kam mir weniger an — „mehr meiner lieben Frau gilt, als mir“ — wie käme ich auch wohl dazu, Herrn Monkebach zu beehren? es sei denn, daß er am Viehhof ein Grundstück suchte — „Nichtsdestoweniger wird mir die Erinnerung einer lieben Badebekanntschaft ein nicht gewöhnliches Vergnügen bereiten“ — Badebekanntschaft? Herr Monkebach wird doch am Ende nicht der Herr sein, der in Karlsbad einmal neben mir wohnte und früh morgens um halb sechs immer Lohengrins Abschied sang, bis ich ihm durch den Kellner sagen ließ ... „Ich bin ja älter geworden, seit wir uns zuletzt gesehen —“ sehr wahrscheinlich, ich bin ja auch nicht jünger geworden — „aber ein gewisses ruhiges Glück ist bei mir eingekehrt“ — nanu, bei der ewigen Kettensprengerin ein ruhiges Glück? Der Mann mußte Nerven haben, wie Stahl, oder — „Und was mich mit Stolz erfüllt, Sie werden sehen, so wenig ich auch an dem unvergleichlichen Talente meiner lieben Maruschka Anastasia beteiligt bin“ — beteiligt; ein geschäftlicher Ausdruck, der mir sehr mißfiel. Sollte Herr Monkebach etwa jener schlanke Herr mit dem gefärbten Barte sein, der mir nach einem harmlosen Tischgespräch auf Rigi Scheideck beim Dessert meuchlings die Preisliste seiner Naturweine über den Tisch reichte? ... „beteiligt bin, so darf ich doch ohne häßliches Eigenlob wohl sagen, daß mein persönlicher Einfluß ...“
„— persönlicher Einfluß!“ ... Wie Schuppen fiel es mir von den Augen.
Monkebach — natürlich, so hieß er ... Der Mann mit dem persönlichen Einfluß. Der Turner mit der Wasserkaraffe. Der dankbare Leser des mayonnaisegelben Büchleins: „Wie werde ich energisch?“ Der Gegner — beinahe Gegner des kampflustigen Rittmeisters. Der Liebling der allwissenden Kanzleirätin. Alles kam mir wieder ins Gedächtnis. Alles. Und ich war so vergnügt in diesen Erinnerungen, daß ich abends ins Stadttheater ging, wo ein unsagbar dummes Lustspiel hundeschlecht gespielt wurde. Ich aber saß unter den ärgerlichen Zuschauern und lächelte fröhlich vor mich hin. Ich sollte den Mann mit dem persönlichen Einfluß wiedersehn als Gatten einer intellektuellen Kettensprengerin.
Am nächsten Morgen hüllte ich mich in eine erlesene Besuchstoilette, zog meinen poetischsten Schlips an, ließ meinen Zylinder aufbügeln, kaufte drei purpurrote Rosen an Stielen, so lang wie Spazierstöcke, und machte mich auf den Weg.
Kitzlingerstraße 15. Ein bescheidenes Landhaus in einem nicht übel gepflegten Garten. In den Rasenflächen standen gräßliche kleine Terrakotta-Gnome mit feuerroten Zipfelmützen umher. Auch Rehe aus buntem Gips und giftig grüne Riesenpilze als originelle Sitzgelegenheiten aus derselben Masse erschreckten das Auge. Mir schien das sein persönlicher Einfluß auf den Garten. Die Dichterin übersah wohl den kinkerlitzigen Zierat.
Kaum hatte das Mädchen — ich habe nie wieder solche Mischung von Unsauberkeit und Stupidität in einer weiblichen Erscheinung beobachtet — meine Karte erst selbst mit Aufmerksamkeit gelesen, dann in ein Zimmer getragen, so hörte ich auch schon Monkebachs frohbewegte Stimme:
„Hier herein, bitte, nur hier herein!“
Grau war er geworden, der gute Michael Monkebach. Den Schneider schien er noch nicht gewechselt zu haben seit damals. Der Rock schlotterte immer noch um seinen nicht unansehnlichen Leib, und die Weste sah immer noch aus, als habe er sie von einem Verwandten geerbt, der ihn an Leibesfülle ums Doppelte übertraf. Der verblichene Erblasser mußte allerdings eine Sehenswürdigkeit gewesen sein, die alle in den Panoptiken vorgestellten Monstra weit hinter sich ließ.
Michael Monkebach schüttelte mir beide Hände. Er war wirklich sichtlich erfreut. Dann drückte er mich in ein niedriges und erstaunlich hartes Sofa und begann die Unterhaltung mit einer Flut von teilnehmenden Fragen nach meinem Wohlbefinden und meinen Geschäften, die mich hierher führten. Es war dabei eine große Erleichterung für mich, daß er sich eigentlich alle Fragen selbst beantwortete. Über meine Person, über einen Onkel von mir, der auf dem Friedhof in Bimmlingen lag und einen sehr unverständlichen Spruch auf dem Grabstein hatte, über eine Tante von ihm, die ich einmal in Berchtesgaden getroffen, und endlich über mein übelriechendes Grundstück am Viehhof, das er kannte, weil er früher — als Junggeselle — stets die Wurstpapiere seines Frühstücks bei Spaziergängen über den bewußten Stachelzaun geworfen, kamen wir endlich auf seine Frau.
Ich deutete in einer Pause, die ein Hustenanfall in seine Rede riß, bescheidentlich an, daß es mich interessieren würde, wo sich die interessante Dame jetzt aufhalte.
„Sie hat heute morgen,“ sagte er, „als sie ein heißes Fußbad nahm, eine Inspiration gehabt. Eine außerordentliche Inspiration. Sie ließ sich kaum Zeit, sich abzutrocknen und anzuziehen. Und jetzt —“ er deutete glücklich lächelnd nach einer grüngepolsterten Türe, die den Nebenraum abschloß.
„Aha — sie dichtet?“
Michael Monkebach nickte mit einem selig zustimmenden Lächeln, als wolle er sagen, daß mein Scharfsinn das einzig passende Wort für die von ihr geübte Tätigkeit gefunden habe.
„Sie werden sie sehen!“ sagte er dann. Wenn es sich um die Königin von Saba gehandelt hätte, er hätte nicht strahlender dreinschauen können.
In diesem Sinne sprach ich einige glückwünschende Worte.
Er senkte den vorgeneigten Kopf in die Schultern, als lasse er sich warmes Wasser wohlig den breiten Rücken herunterlaufen und genoß meine Teilnahme mit rührendem Behagen.
Als ich geendet, nahm er das Wort; und während er mit der Spitze des Zeigefingers die kleinen Careaus auf meinem linken Oberschenkel nachfuhr, was mir gerade nicht sonderlich angenehm war, legte er in gedämpftem Ton, von Zeit zu Zeit verstohlen nach der unbewegten grüngepolsterten Türe spähend, die Beichte eines Glücklichen ab.
„Sehn Sie, lieber Freund,“ sagte er, „ich darf Sie doch so nennen? Alle Leute beneiden mich. Wie ich Ihnen sage! Ich hab aber auch ein Glück, sag’ ich ihnen ... Ich bin kein Jüngling mehr, nicht wahr? Unter uns: ...zig Jahre. Na, und sie — erst fünfundzwanzig.“
Er log nicht ohne Grazie. Oder sollte die Dichterin selbst von solch kleinlichen Eitelkeiten nicht frei sein und ihm erzählt haben, daß ...?
„Die Verlobungszeit hätte ja unangenehm sein können. Abends immer Theater, Gesellschaft, Konzerte — gräßlich! Und dann so um neune rum muß ich immer mal ein Nickerchen machen. Nur ’n paar Minuten, nachher bin ich für ’ne Stunde wieder ganz mobil. Aber ich muß einfach. Da hilft nichts. Naturzwang! Na, da war’s nu ’n riesiger Dusel, daß Maruschka Anastasia schon dreimal verlobt war ... Sie hat keinen großen Wert mehr auf solche Aufmerksamkeiten gelegt, wie sie sonst unter Brautleuten ... na, ist ja auch ein gräßlicher Blödsinn! — Und dann war ja ihr Vetter da, der von den siebenten Ulanen. Sie erinnern sich doch — der Rittmeister.“
„Pardon, der Rittmeister, mit dem Sie damals ...“
„Jawohl, mit dem ich damals — beinahe ...“ Er zielte mit einer imaginären Pistole listig mit dem Auge blinzelnd nach dem Bilde einer stark dekolletierten alten Dame an der Wand. „Komisch ist das Leben, nicht? Der ist Maruschka Anastasias Vetter. Zu ein netter Mensch. Er schätzt sie sehr. Sehr. Und damals schon — als wir verlobt waren — immer viel Literarisches um sie rum. Sie dichtete ja damals schon. Das war aber nur so die Ouvertüre, sag’ ich Ihnen. Und jetzt — Berühmtheit! Ze—le—bri—tät! Achtzehn Auflagen in drei Jahren. Im Winter oft drei bis fünf Einladungen pro Abend! Ja, sehen Sie, das nennt man ‚Ruhm‘. Und wissen Sie, wessen Verdienst das ist? Mein Verdienst ... Lachen Sie nicht — mein Verdienst. Ihre Lyrik, um was dreht sie sich? Lesen Sie nur mal aufmerksam ihre Sachen. Frühling — is nicht. Sogenannte ‚Liebe‘ — is nicht. Heimatsklänge — is nicht. Und all so was Schönes — is nicht. Aber Ehe, sag’ ich Ihnen, alles Ehe! Großartig, diese Wahrheiten, die sie mir da sagt. Und erst was ich ihr entgegne — alles natürlich in Versen, die sie macht. Ich —? wissen Sie, ab und zu mal ’nen Brief, aber Verse, ach nein. Niemals nie. Und nun diese Frau! Ich komme zu dieser Frau. Was für ein Glück, sagen Sie selbst. Sie dichtet für beide. Sie schmeißt mit den Ehefesseln nur so um sich. Ach, und wie sie dabei aussieht! — Ihr Vetter von den gelben Ulanen, der Rittmeister — zu ein lieber Mensch — ruft immer ‚Sopha!‘ ... nein, wollt’ ich sagen: ‚Sappho!‘ ruft er, ‚Sappho!‘ ... Und sehen Sie, Gott ja, andere Frauen dichten ja auch mal. So Blaumblümleinsuppen und solche Sachen. Oder von ‚ihm‘. Sie dichtet auch von mir, meine Sappho. O ja! aber, sehen Sie, nicht wie die andern. Sie dichtet mich nicht an; sie dichtet mich ab.“
„Pardon, sie dichtet Sie ab?“
„Ja.“ Er nickte still befriedigt vor sich hin.
„Was verstehn Sie, wenn ich fragen darf, unter ...“
„Wie ich das verstehe: ‚abdichten‘? O, sehr einfach. Ich sag’ Ihnen ja, sie ‚sprengt fortgesetzt Fesseln‘. Geistig natürlich nur; seelisch, nicht wahr. Und die Kette, sehen Sie, die dickste Kette, das bin ich.“ Ein unsagbarer Stolz leuchtete warm und herzerquickend aus seinen Augen, als er fortfuhr: „Ne, wenn ich das gedacht hätte, als wir in Prima den ‚Lakoon‘ lasen, daß ich noch mal in die Literaturgeschichte komme! Das muß ich doch. Mit dem Bild. Und diese Kette wirft sie weg. Bloß in Gedichten, bitte. Reine Phantasie. Mein Gott, ich habe 15000 Mark Rente — da ‚wirft‘ ’ne vernünftige Frau nicht so leicht. Aber Sie sollten sie mal deklamieren hören:
‚Ha, Elendsgötze meiner schwülen Nächte, Beugst du die Fratze lüstern über mich —!‘
Sehen Sie, das nenn’ ich ‚abdichten‘. Andichten kann man’s schon nicht nennen. Guter Ausdruck, was? Von mir! Und nun stellen sie sich bloß vor: das Glück! Abend für Abend sitze ich nach dem Abendessen unter irgendeiner Palme — Gott, Palmen gibt’s ja jetzt in allen Wohnungen bei uns — und sie, mein ‚Sappho‘, steht im Kreise der andächtig Lauschenden. In einer Toilette, die mich bei Gerson vierhundert Mark gekostet hat. Das war noch ‚Vorzugspreis‘ ... Sie liest wundervoll vor. Ich sage Ihnen, wie diese einzige Frau solche Pointen herausbringt:
‚Den Schlaftrunk her, daß seine roten Augen Die Schönheit meiner Jugend nicht beschmutzen ...‘
Großartig! Ihr Vetter von den gelben Ulanen, der Rittmeister — zu ein netter Mensch! — weckt mich jedesmal, wenn’s zu Ende ist, unter meiner Palme. Ein guter Kerl, seelensgut. Kennt keinen Neid. Wenn wir dann zusammen nach Hause fahren — er wohnt dicht neben uns, ja, Wand an Wand — ja, wenn wir so im Wagen sitzen, wissen Sie, was er dann sagt: ‚Das können Sie sich ruhig sagen, liebster Michael‘ — meint er mich — ‚Sie haben da mitgedichtet. Wissen Sie, ohne Sie wär’ ja die ganze Geschichte unmöglich.‘ Recht hat er. Wahrhaftig. Und da sagen die dummen Leute, ich bin nicht glücklich!“
„So, sagen die Leute so was?“
„Ja. Aber wir haben einen Trick. Wir lassen sie dabei.“ Er rieb sich verschmitzt die Hände. „Wahrhaftig, das tun wir. Es ist so ein bißchen moderne Reklame für die Bücher, verstehn Sie. Mein Gott, Maruschka Anastasia braucht’s ja nicht, aber — —“
Er verstummte plötzlich und sah nach der Tür. Sie hatte sich bewegt, ging auf.
Maruschka Anastasia stand im Türrahmen und sprach nach hinten zu einem Herrn, der ihr langsam, die Hände in den Hosentaschen, in einem grauen Wölkchen Zigarettenrauch folgte. Der Herr war in Uniform — in Ulanenuniform, wie mir schien. Es war der Rittmeister.
„Ihre Frau Gemahlin hat Besuch —?“ Die Bemerkung entschlüpfte mir wohl im Ton eines leichten Staunens.
„Besuch?“ Michael Monkebach dämpfte die Stimme zu einem scheuen Flüstern, wie es weißhaarigen Kastellanen in alten Schlössern eignet, die dadurch die tiefe Ehrfurcht vor den an den Wänden hängenden Ahnenbildern ausdrücken und den Wert der gezeigten Raritäten zu steigern glauben. „Besuch? O nein. Das ist doch bloß unser lieber Vetter, der Rittmeister. Maruschka Anastasia produziert leichter, wenn eine Vollnatur sich im selben Raume mit ihr aufhält. Sie fürchtet sich zuweilen vor ihren eigenen Träumen, vor den Gestalten ihrer fiebernden Phantasie. Dann gewinnt sie neuen Schaffensmut aus den kraftvollen, seelischen Ausstrahlungen solcher gesunden, in sich gefestigten Vollnatur.“
Ich will gehängt sein, wenn ich in diesem Augenblick nicht den Eindruck hatte, als ob die gesunde, in sich gefestigte Vollnatur mit dem spitzen Zeigefinger der langsam aus der Tasche gezogenen Rechten der sensiblen Dichterin in der Richtung ihres neckischen kleinen Halsausschnittes „Kicks“ machte. Wie gesagt, es war mein Eindruck. Aber ich befand mich hier in einer wunderreichen Atmosphäre, die vielleicht Halluzinationen der seltsamsten Art begünstigte. Es kann also auch eine Täuschung gewesen sein.
Jetzt entdeckten uns die beiden und näherten sich in harmloser Freundlichkeit.
Michael Monkebach stellte mich vor, erklärte mit nicht wenigen Worten den Zweck meines Besuches, indem er von dem Viehhof zu Maruschka Anastasias Gedichten und von dem Gestank meines ererbten Grundstücks zu meiner Verehrung für die Poesien der Kettensprengerin die kühnsten und erstaunlichsten Übergänge fand.
Der Rittmeister, dessen hervorstechendste Eigenschaft nicht die Geduld zu sein schien, unterbrach den Redefrohen mit der kühl abgegebenen Erklärung, daß er erfreut sei, mich hier zu sehen; daß er ferner hoffe, ich habe eine gute Reise gehabt; und daß er wünsche, ich fühle mich von den in meinem Hotel vorgekommenen Pockenfällen nicht weiter beunruhigt.
Ich hatte Zeit, die gefeierte Dichterin zu betrachten.
Wenn ich nicht durch zweier einwandfreier Zeugen Mund erfahren hätte, daß es tatsächlich Maruschka Anastasia sei, die leidenschaftliche Sängerin befreiter Liebe, so hätte ich unbedenklich geschworen, es sei ein langsam in die minder köstlichen Jahre kommendes kleines Mädel aus der Konfektion, vielleicht vom Hausvoigtei-Platz in Berlin, die zunächst mal wohl daran täte, abends früher zu Bett zu gehen und dreimal täglich Plautsche Pillen zu nehmen. Haare von indifferentem staubigen Blond, an der nicht eben hohen Stirne zu unwahrscheinlichen Löckchen gekräuselt, eine kecke Stumpfnase unter müden, wasserblauen Augen, sehr blasse, blutarme Hände, und eine wie von einem schmerzenden Bußgürtel geschnürte zerbrechliche Taille — so sah die Kettensprengerin aus, die Abgöttin meiner genialischen Freitagsgesellschaft, die Gattin Michael Monkebachs, des Mannes mit dem persönlichen Einfluß.
Ich überreichte ihr wortlos die drei Rosen an den langen Stengeln. Sie beugte huldvoll lächelnd die Stupsnase tief in einen der roten Kelche und machte die vortreffliche Bemerkung, wie seltsam es doch sei, daß solche Treibhausrosen häufig einen direkt widerlichen Medizingeruch hätten. Zum Exempel auch diese.
Der Rittmeister, der an den Rosen riechen durfte, bestätigte diese interessante Beobachtung. Die Erwähnung der Medizin brachte ihn wieder auf die betrübenden Pockenfälle in meinem Hotel, die man sicherlich vor den bedauernswerten Gästen geheim halte.
Er knüpfte daran die lehrreiche Geschichte von einem Gasthof zweiten Ranges in der Provinz Posen, in dem vor Jahren eine plötzlich ausbrechende Typhusepidemie aus schnöder Gewinnsucht von dem gewissenlosen Wirte vertuscht worden sei. Besagter Wirt sei dann als Erster auf Nr. 13 — ein Zimmer, das kein Gast beziehen wollte — als Opfer der unheimlichen Seuche gestorben. Sein Geist aber sei acht Tage später dem kurz vorher gekündigten Nachtportier auf der schlecht erleuchteten Treppe, in nasse Laken gehüllt, erschienen. Die Nässe habe man denn auch tatsächlich am andern Morgen noch auf den Stufen zur ersten Etage bemerkt. Die Analyse zweier Chemiker habe leider zu widerspruchsvollen Resultaten geführt. Der eine habe Spülwasser angenommen, der andere habe eine weit unappetitlichere Erklärung empfohlen. Die Witwe habe darauf den entlassenen Portier, der überall diese gruselige Spukgeschichte erzählte, wegen perfider Geschäftsschädigung verklagt. Aber das Gericht habe drei spiritistische Sachverständige vernommen, die aus der Schilderung des schleppenden Ganges, des nassen Lakens und anderer Attribute der unheimlichen Erscheinung übereinstimmend entnahmen, daß es sich zuverlässig um ein durchaus reelles Gespenst gehandelt haben müsse; und daß die beunruhigende Wahrscheinlichkeit vorliege, das Gespenst werde sich noch des öfteren nachts auf der Treppe zu der ersten Etage ergehen. Der Nachtportier sei freigesprochen worden. Die Witwe habe Bankrott gemacht. Und auf dem Boden des ehemaligen Hotels erhebe sich jetzt das ernste und solide Gebäude der städtischen Feuerwehr, die ein furchtloser und vorurteilsfreier Mann kommandiere.
Während der Rittmeister erzählte, hatte ich beobachtet, wie Maruschka Anastasia erst die Augen schloß, als überfalle sie eine, von leichtem Frost begleitete, plötzliche unbesiegbare Müdigkeit. Dann sah ich sie die Finger auf ihrem Schoß spreizen und wieder zusammenkrallen, als treibe sie schwedische Fingergymnastik. Dazu hob und senkte sich ihre in den Linien nicht aufregende Brust in immer kürzeren Zwischenräumen; und sie schnaufte durch die geblähten, zuckenden Nasenflügel, als habe sie eben im Laufschritt einen Campanile erstiegen und müsse sich nun unbedingt Ruhe gönnen, um einem drohenden Herzschlag vorzubeugen.
Michael Monkebach, halb vom Sitz aufstehend, machte dem Rittmeister durch Handbewegungen und Gesichterschneiden allerlei Zeichen, die zweifellos die inständigste Bitte ausdrücken sollten, diese überaus grausame Geschichte nicht weiter zu erzählen im Angesicht des beklagenswerten Zustandes, in den sie offensichtlich Maruschka Anastasias sensitive Natur versetzte.
Aber der Rittmeister, der wohl auf dem einen Auge total erblindet war und sein für das andere Auge bestimmtes Monokel gerade umständlich mit dem seidenen Taschentuche putzte, erzählte die aufregende Historie ohne jegliche Unterbrechung zu Ende. Und zwar in einem so kühlen, leidenschaftslosen Ton, als ob er statt vom Hinüberspielen der Wesenheiten einer vierten Dimension in unser rätselvolles Erdenleben in Wahrheit bloß vom Einkauf einer Erbswurst oder von einem neuen Mittel, weiße Handschuhe zu reinigen, berichte.
Ich begann die unmittelbare Wirkung der Kraftnatur auf die sensitive Dichterin zu beobachten und zu begreifen; und ich war sehr gespannt, wie sich diese tiefe seelische Erregung Maruschka Anastasias endlich lösen werde.
Als der Rittmeister geendet hatte und sich mit einer nach solchen Mitteilungen geradezu erstaunlichen Seelenruhe geräuschvoll die Nase schneuzte, erhob sich plötzlich Maruschka Anastasia. Immer noch mit geschlossenen Augen und wie im Sturme wogendem Busen. Michael Monkebach stand mit halberhobenen Armen neben ihr, offenbar bereit, die Teuere aufzufangen, wenn sie sinken sollte, aber doch nicht wagend die noch aufrechtstehende Dichterin zu berühren.
Der Rittmeister betrachtete diese merkwürdige Gruppe aufmerksam, doch ohne Zeichen tieferer Erregung durch sein Monokel. Ich aber hatte — ich weiß heute noch nicht, warum und wieso — eine Glocke mit ziemlich schmutzigem Wasser ergriffen, in der ein einzelner Goldfisch, schon halb auf dem Rücken liegend, sein nahes, wünschenswertes Ende zu erwarten schien.
Plötzlich bewegte sich Maruschka Anastasia in knappen, zögernden Schritten vorwärts. Nach der Tür.
Der Rittmeister erhob sich schwerfällig aus dem Sessel, wie leidenschaftliche Reiter das tun, die sich auf unruhigen Pferden sehr munter und auf den allgemein üblichen Sitzgelegenheiten des Salons nur sehr mühsam bewegen.
„Es hat sie wieder,“ sagte der merkwürdige Krieger, nickte Michael Monkebach verständnisvoll zu und schritt langsam, die Hände in den Hosentaschen, hinter der außergewöhnlichen Frau her. Dabei zündete er sich eine Zigarette an, was mich sehr beruhigte. Noch mehr hätte es mich allerdings beruhigt, wenn er mir auch eine Zigarette angeboten hätte. Aber auf diesen gewiß unbescheidenen Gedanken kam hier niemand außer mir.
Als Maruschka Anastasia in dem Gemach ihrer Inspirationen verschwunden war, nahm mir Michael Monkebach zunächst behutsam das Glas mit dem halbtoten Goldfisch aus den Händen und stellte es wieder auf das gebrechliche Bauerntischchen unter dem Kupferstich, der die Medea in höchster Raserei darstellte. Dann drückte er mich wieder in das sehr tiefe und sehr harte Sofa und erläuterte mir mit gedämpfter Stimme die aufregende Szene, an der ich soeben vermutlich in nicht sehr geistreicher Pose und ohne das geringste Verständnis teilgenommen hatte.
„Sehen Sie,“ begann er, „nun haben Sie’s selbst einmal erlebt.“
Ich leugnete das nicht; ohne mir darüber klar zu sein, was ich nun eigentlich erlebt hatte.
Er begann wieder mit dem Zeigefinger das unbehagliche Spiel auf den Carreaus meiner Hose:
„Die Geschichte des Rittmeisters — ist es nicht ein prächtiger Mensch? Habe ich zuviel gesagt? — die Geschichte hat sie erschüttert, hat ihre poetische Psyche, ihr dichtendes Unterbewußtsein zur Tätigkeit aufgerüttelt. Während der Rittmeister — wie er das aber auch vorbrachte, nicht wahr? so unberührt von all dem Schauerlichen, so nervenstark, so kerngesund, so irdisch-gefestigt in all dem Unerklärlichen — während der Rittmeister erzählte, hat sie bereits diesen Stoff erfaßt, umklammert, vertieft, neugestaltet, poetisch verarbeitet. Und jetzt — das duldet keinen Aufschub bei ihr — muß sie es sofort zu Papier bringen. Sie muß. Sie schreibt solche Sachen stets auf ein geripptes dunkelviolettes Papier. Man sagt, Marie Antoinette habe mit Vorliebe solches Papier benutzt. Finden Sie nicht, daß meine Frau — im Profil, oder sagen wir: Halbprofil — Marie Antoinette merkwürdig ähnlich sieht?“
Ich fand das nicht. Ich wurde von ihrem blassen, ziemlich gewöhnlichen Gesichtchen in der Tat mehr an den Berliner Hausvoigteiplatz, als an die Pariser Tuillerien erinnert. Natürlich behielt ich das für mich. Es waren auch andere Dinge, die mich jetzt interessierten.
„Nehmen Sie mir meine Neugier nicht übel, Herr Monkebach ...“ begann ich.
Aber schon unterbrach er mich.
„Wie sollt’ ich! Sie glauben nicht, was mich die Leute alles fragen. In Beziehung auf Maruschka Anastasia. Was sie ißt, wie oft sie ißt, ob sie Wolle trägt, ob sie nachts gut schläft. Ja sogar — warten Sie, ich muß den Brief noch in der Tasche haben — gestern hat sogar ein Verehrer in Fürth, der eine Geschichte des ‚Genies in seiner Abhängigkeit von den natürlichen Lebensfunktionen‘ plant, bei mir — per Eilboten — angefragt, ob und wie oft Maruschka Anastasia an Verdauungsstörungen leide ...“
Ich bat ihn dringend, den indiskreten Brief nicht weiter zu suchen und mir lieber eine Frage zu beantworten: schrieb Maruschka Anastasia denn auch Balladen und Gespenstergeschichten?
Nein, das tat sie nicht. Er belehrte mich, daß jeder Stoff, der sie fessele, packe, festhalte — wie ich das vorhin bei der wuchtigen Erzählung des Rittmeisters, der übrigens eine Kraftnatur durch und durch sei, erlebt habe, — auf der Tiefe ihres Unterbewußtseins sich sofort in ein eigenes seelisches Erlebnis wandle. Er werde dann in ihre eigenartige Lyrik, die stets ihr Liebes- — das heiße ihr Eheleben — behandle, in irgend welcher sinnvollen Weise einbezogen. Ich werde es erleben, daß auch in der vom Rittmeister mitgeteilten gruseligen Erzählung nach der wunderreichen Wiedergeburt in Maruschka Anastasia’s schöpferischen Phantasie er, Michael Monkebach, wie ich ihn hier vor mir sehe, eine bedeutsame Rolle spielen werde. Er sei zwar nie in Posen gewesen, habe weder den verbrecherischen Wirt gekannt noch dem erwähnten Hausknecht näher gestanden, sei noch niemals von Gespenstererscheinungen im Wachen oder im Schlafe belästigt worden — aber, ich werde das ja sehen, er werde auch in dieser Dichtung als irgend eine merkwürdige Figur erscheinen, über die er freilich augenblicklich nicht einmal andeutungsweise eine Aufklärung zu geben vermöge. Denn für ihn, wie für alle, seien die Dichtungen Maruschka Anastasias stets Überraschungen, Offenbarungen, Ereignisse. Das einzige, was er wisse, sei dies: daß seine Natur offenbar so erregend simulierend, geistig befeuernd auf die unheimlich fruchtbare Phantasie dieser seltenen Frau wirke, und daß er wohl ohne Eigenlob sagen dürfe, dies einzigartige Talent sei niemals zu seiner üppigen Entfaltung gekommen ohne seinen, ihm selbst allerdings rätselhaften persönlichen Einfluß.
Ich weiß nicht, wie die Gedankenverbindung war, aber ich fragte ihn plötzlich:
„Und Kinder — haben sie auch?“
Seine Stimme bewölkte sich. „Nein, noch nicht.“
„Noch nicht? Sie — haben vielleicht begründete Hoffnung?“
„Ja,“ lächelte er glücklich.
Ich reichte ihm herzlich die Hand, zog sie aber sofort zurück, als ich die verblüffenden Worte vernahm:
„Der Vater des Kindes ist ein Briefträger.“
„Der — Vater?“
„Ja.“
Das glückliche Lächeln wich nicht aus seinem Angesicht. „Der Mann ist kränklich und kein Freund des Treppensteigens. So hatte er die gewiß tadelnswerte, aber doch menschlich nicht ganz unbegreifliche Gewohnheit, lästige Drucksachen, die ihm wertlos schienen, einfach nicht zu bestellen, sondern damit seinen eisernen Ofen zu heizen. Er ‚sitzt‘ jetzt. Für einige Jahre. Ein sehr harter Spruch. Aber er war Beamter, nicht wahr? Und schließlich: es gibt ja auch Drucksachen, deren Wert für den Empfänger ein Briefträger nicht ohne weiteres abschätzen kann.“
„Und — von diesem verbrecherischen Briefträger ...“
„Ja. Er ist jetzt fünf Jahre alt.“
„Wer ist fünf Jahre alt?“
„Nun der Junge von dem Briefträger. Die Mutter des Kindes — sie soll einmal eine Schönheit gewesen sein, allerdings mit ausgeprägter Neigung zu einem Kropf — diese liebreizende Frau aus dem Volke hat sich leider in einem Anfall negativer Lebensfreude erhängt, als die Verurteilung des Ehemanns erfolgte. Nun ist das hübsche Bübchen bei einer etwas versteinerten Großmutter untergebracht, einer harten, unsauberen Frau, die ich im Verdacht habe, daß sie eine alte Kohlenschaufel als einziges Erziehungsmittel benutzt.“
Ich atmete erleichtert auf. Die letzten drei Minuten hatte ich zwischen der Annahme geschwankt, daß ich hier einem ganz frivolen Unhold oder einem kompletten Narren gegenüber sitze.
„Also, wenn ich recht verstehe, werter Herr Monkebach, Sie wollen das eheliche Kind des auf Abwege geratenen Briefträgers adoptieren?“
„Ja. Auf die leibliche Geburt eines Kindes ihre Kräfte zu konzentrieren, wird — nach Ansicht unseres Arztes — Maruschka Anastasia nie einwandfrei gelingen. Die Fruchtbarkeit ihrer Psyche entschädigt vollauf dafür.“
„Gewiß, ja. Aber —“
„Um uns — oder eigentlich mir; denn Maruschka Anastasia hat sich noch nicht recht befreundet mit dem Gedanken — das überaus herrliche Vergnügen zu bereiten, ein junges Menschlein wachsen zu sehen, seine Freude am Leben, seine Dankbarkeit mitzugenießen, gehen wir — oder eigentlich: gehe ich — mit dem Plane um, das fünfjährige Bübchen des seelisch entgleisten Beamten als eigen anzunehmen und mir auch für die Stunden der Einsamkeit und des Alters — denn Maruschka Anastasia ist durch ihre Arbeiten und ihre reiche Korrespondenz häufig von mir ferngehalten — eine rechte Lebensfreude heranzuziehen.“
„Und haben sie nicht, wenn sie den Charakter der Eltern, vor allem des Vaters dieses Kindes prüfen, gewisse Besorgnisse, daß ...“
Er schüttelte den Kopf. „Ich lebe der heiligen Überzeugung, daß aus einem Kinde, das früh genug in diese Atmosphäre kommt, in der mein guter Wille und Maruschka Anastasias Genie sich zu seiner Erziehung verbinden, noch alles Gute zu machen ist. Und dann, sehen Sie, ich vertraue auf meinen persönlichen Einfluß.“
In dem Nebenzimmer, dem Tempel der Inspiration, vernahm man den gedämpften Ton von Stimmen, die angeregte Zwiesprache hielten.
Michael Monkebach lauschte.
„Sie sprechen? So ist die Dichtung beendet. Vorher redet sie nämlich keinen Ton. Sie wird gleich kommen. Nehmen Sie mir’s nicht übel, lieber Freund ...“
„Ach, ich verstehe, ich soll —?“ Ich deutete nach der Korridortüre.
Er war etwas verlegen.
„Maruschka Anastasia ist stets sehr erschöpft“, sagte er, „nach solchen besonders heftigen Anfällen ihres Talentes. Sie pflegt dann allerdings das dringende Bedürfnis zu äußern, allein zu sein. Ich selbst sogar bin ihr dann oft lästig. Nur die kräftige Vollnatur unseres lieben Vetters, des Rittmeisters, hat dann etwas wirklich Beruhigendes für sie.“
So nahm ich meinen Hut.
Michael Monkebach war gerührt. Er quetschte mir mit schmerzhafter Herzlichkeit die Hand und versicherte, seit Maruschka Anastasia’s Bild als etwas mißglückter Buntdruck dem „Marsyas“ beigelegen, habe ihn nichts so sehr erfreut, wie mein lieber Besuch.
Auf der Schwelle noch fiel mir das Wichtigste ein. Ich hatte doch versprochen, ein Albumblatt ...
Michael Monkebach, dem just viel darauf anzukommen schien, daß mein so erfreulicher Besuch nicht durch seine Länge die angenehme Erinnerung abschwäche, gab mir hastig ein wertvolles Versprechen.
„Ich werde“ — sagte er — „das soeben entstandene Gedicht sofort abschreiben — ich schreibe nämlich alle Gedichte Maruschka Anastasias ab. Sie schätzt meine Handschrift sehr. Meine stets sich treubleibende Ortographie ist die übliche, während die ihrige schwankt. Auch bin ich in der Interpunktion zuverlässiger. Nur die Gedankenstriche verteilt sie dann selbst. Das ist Gefühlsache, nicht wahr? Die erste Niederschrift Maruschka Anastasia’s selbst aber schicke ich ihnen ins Hotel. Nehmen sie das Blatt für die gewiß charmante junge Dame mit, die Sie, wie ich recht wohl fühle, besonders hochschätzen. Und sagen Sie ihr, Sie hätten in einer unvergeßlichen Stunde das seltene Glück gehabt, die Entstehung dieser Dichtung unter dem persönlichen Einfluß des Gatten der Dichterin mit zu erleben.“
Er reckte sich in seinen viel zu weiten Kleidern stramm auf, als er so stolze Wort sprach, und schien den knappen Türrahmen füllen zu wollen mit seiner Persönlichkeit. Und mit einer Handbewegung, die ein König beider Sizilien nicht so hoheitsvoll und gnädig spenden könnte, entließ er mich in mein ungemütliches Hotel, in dem nach des Rittmeisters Ansicht die Pocken ausgebrochen waren ...
Ob das mit den Pocken seine Richtigkeit hat, weiß ich nicht. Jedenfalls konnte ich die ganze Nacht vor Hautjucken nicht schlafen. Ich machte wohl zehnmal Licht, um bald meine Beine, bald meine Schultern zu betrachten, die nach meinem Dafürhalten schon rötliche Flecken und Knötchen aufweisen mußten. Davon war allerdings nichts zu sehen. Hingegen entdeckte ich so gegen halb vier Uhr morgens eine ausgewachsene Wanze, die eilfertig an der schmutzigen Tapete promenierte.
Ich zog mich sofort an und verbrachte den Rest der Nacht mit dem Packen meines Koffers und der wenig anregenden Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung, in die meine Lackstiefel eingepackt gewesen waren.
Mit dem Frühzug wollte ich abreisen.
Als ich beim Frühstück saß, das nur durch eine intensiv nach Pomade schmeckende Butter bemerkenswert war, brachte mir der Portier zwei Briefe. Einen zwölfseitigen von der Tante, in dem sie noch einmal „mit dem Umstand, den sie hatte“, betonte, daß sie unter keiner Bedingung ihre Zustimmung zu einem pekuniären Selbstmord der Familie gebe, wie ihn die sinnlose „Verschleuderung unseres Grundstücks unter seinem wahren Werte“ bedeute. Dieser „wahre Wert“ existiert bis heute nur in der Phantasie der ideal gesinnten Tante. Sie habe aber — so fuhr der Brief fort — gehört, in Bimmlingen sollten die Konserven so billig sein und wäre mir daher dankbar, wenn ich ihr vielleicht zwölf Büchsen Mirabellen, sechs Büchsen Pflaumen, aber geschälte, acht Büchsen Brechbohnen ...
Ich schob den Brief, ohne die weiteren Büchsen nachzuzählen, in meine Brieftasche und beschloß, daß er erst nach meiner Abreise angekommen war.
Dann öffnete ich den andern Brief. Er enthielt das wertvolle Manuskript von der Hand Maruschka Anastasias. Die Karte Michael Monkebachs lag bei mit den in peinlichster Schnörkelschrift aufgeschriebenen Worten:
„Sehr werter Freund! Anbei das Versprochene. Ich halte es für das Bedeutendste, was meine liebe Frau geschrieben hat. Sie machen Ihrer Freundin ein königliches Geschenk mit diesen Blättern. Möge es Ihnen das charmante Mädchen durchs Leben danken. Der Himmel geleite Sie glücklich in die Heimat. Dieses wünscht Ihr ganz ergebener Michael Monkebach.“
Der Portier meinte, wenn ich etwa noch mit dem Omnibus mitwolle, so müsse ich mich beeilen.
Ich steckte also das Manuskript eilends ein und fuhr, immer noch von heftigem Jucken belästigt, an die Bahn. Dort hatte ich, da der Omnibus zu einem ganz andern Zug gefahren war — noch 37 Minuten Zeit und begann nun auf dem Perron, auf meinem Handkoffer sitzend, die Dichtung zu lesen. Ich „las“ ist eigentlich nicht das passende Wort. Maruschka Anastasia hatte die Gewohnheit fast jedes Wort durchzustreichen, dieses durchgestrichene Wort durch ein anderes, noch undeutlicheres zu ersetzen, das dann häufig wieder durch ein drittes querdurchgeschriebenes abgelöst wurde. Jedenfalls liest sich eine Urkunde Karls des Dicken oder ein Liebesbrief Ottos des Großen an die burgundische Adelheid heute noch bedeutend leichter, als eine Original-Handschrift Maruschka Anastasias.
Daß die poetischen Schönheiten einer Dichtung durch ihre Unleserlichkeit erhöht werden, ist nicht zu behaupten. Ich las an dem vierseitigen Manuskript eine halbe Stunde auf dem Perron, las die zweieinhalb Stunden der Bahnfahrt daran, las weitere neun Minuten in der Droschke vom Bahnhof bis zu meiner Wohnung, las eine halbe Stunde in meinem Studierzimmer weiter und hörte erst auf zu lesen, als Herr Jädicke kam, um mich unter vielen vortrefflichen Reden über das Reisen im allgemeinen und Fragen nach meiner Reise im besonderen zu rasieren.
Der Anfang des Poëms ist mir in Erinnerung geblieben. Ich gebe ihn hier wieder ohne die unzähligen Gedankenstriche, die sich wie die gestrichelten Linien des gewissenhaften Schnittmusters für ein besonders kompliziertes Ballkleid durch die vielfach verwischten Zeilen wanden:
„Heut Nacht — ich kam von einem Ball und Schmaus — „Die welken Rosen hingen mir im Haare — „Da stand — o Gott! der Geist im Treppenhaus „Des Manns, den ich gelegt auf schwarze Bahre ...“
Ich bemerke, daß mir persönlich hier die Konstruktion mißfiel. Indem man nicht weiß, ob das Treppenhaus zu dem Geist oder zu dem Mann oder ob der Mann zu dem Treppenhaus oder der Geist zu dem Mann und dem Treppenhaus gehört. Aber ich bin schließlich nicht kompetent. Es ging dann weiter:
„Im weißen Laken — gräßlich — ein Gespenst, „Moder im Rauschen seiner Totenkleider — „Er hob die Knochenhand: ‚Ob du mich kennst —?‘ „Und bebend sprach ich: Leider — leider — leider!“
Die sehr bedeutende Steigerung der folgenden Verse ist mir entfallen. Auch wurden die Rhythmen so kühn in ihrer trotzigen Unregelmäßigkeit, daß ich manchmal nicht sicher war, ob ich mich verlesen oder ob sie sich verschrieben oder ob das gerade die höchste Kunst der Neutöner war. Eines war jedenfalls bewundernswert: Das Geschick, mit dem sie selbst in die Person des Hausknechts in Posen geschlüpft war, und die Grausamkeit, mit der der harmlose Michael Monkebach getötet, aufgebahrt und begraben, als Gespenst auf eine Treppe gesetzt und von ihr dann in Versen hitzigster Anklage über die Maßen schlecht behandelt war. Das Gedicht endete denn auch damit, daß sich der unsaubere Geist Michael Monkebachs beschämt in sein Grab zurückzog und schwur: nie wieder die Wege des endlich befreiten Weibes zu kreuzen, dem seine schmähliche Tyrannei „Wermut in alle Becher des schäumenden Lebens gegossen hatte“. Das ist mir im Gedächtnis haften geblieben, weil es mir bezeichnend schien, daß Maruschka Anastasia das schäumende Leben gleich aus mehreren Bechern trank ...
Der nächste Tag war ein Freitag.
Ich nahm die teuren, in eine eigens dafür gekaufte kleine Mappe gesteckten Blätter mit in den illustren Kreis der „Schaffenden“, die mich ihres Umgangs würdigten. Sie empfingen mich mit großen Ehren. Als habe ich den schwarzen Erdteil entdeckt oder Andrées Knochen gefunden.
Ich mußte erzählen, erzählen, erzählen, bis mir der Hals trocken war.
Und da schließlich so sehr viel gar nicht zu erzählen war, die märchentiefen Augen eines schweigend lauschenden Mädchens aber glücklich und begierig an meinen Lippen hingen, so tat ich etwas sehr verwerfliches. Ich log. Aus einer kurzen Zusammenkunft wurden drei lange, inhaltschwere Nachmittage. Aus einem Rittmeister wurde ein halbes Offizierkorps. Michael Monkebach wurde schlankweg ein Übermensch. Und ich —? O, ich hatte mich vortrefflich benommen! Der gute Eckermann hat aus dem alten Goethe in den neun Jahren von 1823 bis 1832 nicht so viel unerhörte Dinge über Welt und Menschen, über Ruhm und Unsterblichkeit herausgefragt, wie ich in diesen drei Unterredungen aus Maruschka Anastasia. Und es befriedigte mich sehr, daß alle ihre angeblichen Aussprüche bejubelt wurden. Meine persönlichen Einwendungen fand man dagegen recht unbedeutend.
Zum Schlusse küßte mich der verbotene Dramatiker auf Stirn, Mund und Wangen. Er sagte, daß er so umständlich nie jemanden vor mir ausgezeichnet habe. Egon Felix Gundelmann versprach mir sein Bild.
Ein gelegentlicher Mitarbeiter des Marsyas, der auf der Redaktion gar nichts zu sagen hatte, bot mir sieben Spalten der ersten Nummer des nächsten Quartals an, um das eben Gehörte dort für alle Gebildeten niederzulegen.
Dann deklamierte der Reformator der Rezitationskunst, der seit anderthalb Stunden in einem Nebenraum das Manuskript studiert hatte, mit einer erschreckenden Grabesstimme die Gespensterdichtung. Einige weinten; andere starrten entgeistert in die Gläser.
An Maruschka Anastasia wurde dann ein enthusiastisches Nachttelegramm aufgesetzt, das sie von der tiefen, lähmenden, entkörpernden Wirkung ihrer Dichtung benachrichtigte. Ich durfte als erster unterschreiben.
Dann sprang plötzlich der durch reichlichen Lethegenuß seelisch gehobene Reformator der Rezitationskunst mit gleichen Füßen auf den ächzenden Tisch, und die Feiernden überbrüllend verkündete er: da sich gewiß niemals wieder eine so herzerhebende Weihestunde finden werde, so habe er beschlossen, schon heute Nacht, jetzt gleich, in dieser Minute seine Verlobung mit der Schwester seines lieben Freundes, des Neutöners und Erneuerers der deutschen Lyrik bekannt zu geben.
Mit diesen Worten hüpfte er vom Tisch und schloß die tiefblauen Märchenaugen meiner heimlichen Liebe mit den schmatzenden Küssen seines wulstigen Mundes ...
Ich bin niemals mehr zu den Freitagsfesten gegangen.
Der Reformator hat heute, glaube ich, in Merseburg ein kleines Zigarrengeschäft.
Die ferneren Dichtungen Maruschka Anastasias sind mir fremd geblieben.
Bloß Egon Felix Gundelmann sah ich in den folgenden Jahren noch zuweilen. Er hat sogar einen gewissen Einfluß auf mich gewonnen. Es ist seiner erstaunlichen Beredsamkeit gelungen, mein Leben für den Todesfall, meine Möbel gegen Feuer, mein unglückseliges Grundstück in Bimmlingen gegen Hagel und meine Winterkleider gegen Motten zu versichern. In Literatur macht er nämlich nicht mehr. Bloß in Versicherungen.
** *
Michael Monkebach aber habe ich noch einmal wiedergesehen.
Ein halbes Jahr mag’s jetzt her sein, da zwang mich ein abscheulicher Platzregen — mein Schirm fuhr gerade in einer Elektrischen allein weiter in der Richtung des Spittelmarkts — in ein Café am Potsdamer Platz zu flüchten.
Alle Marmortischchen waren besetzt von nassen, schimpfenden Leuten, die, trostlos in einer Tasse Kaffee rührend, hinausstarrten auf die Straße, die sich langsam in einen venetianischen Kanal zu wandeln schien.
An einem Tisch zu vier Personen saßen bereits zwei Schachspieler. Behäbige, alte Herren, die schweigend und schnaufend unter Benutzung zahlreicher Zahnstocher eine Partie des königlichen Spieles erledigten; wobei der eine jedesmal, wenn der andere nach langem Besinnen eine Figur vorwärts schob, ingrimmig brummte: „Dacht’ ich mirs doch!“ „Ob ich’s nicht kommen sah!“ Es war eines jener merkwürdigen Spiele, bei denen jeder voraus weiß, was der andere tun wird und eigentlich bloß mit sich selbst spielt. An demselben Tisch hatte noch ein Herr Platz genommen in einem sehr weiten und für die Jahreszeit reichlich warmen Mantel, wie ich ihn zuletzt bei alten Schäfern im Spessart gesehen habe. Ihm gegenüber ein hochaufgeschossener, knochiger Jüngling von etwa fünfzehn Jahren, der in seinem schon etwas verwachsenen dunklen Matrosenkostüm mit dem breit herausgeschlagenen hellblauen Kragen nicht sehr glücklich verkleidet aussah. Der Herr hielt krampfhaft eine alte rindslederne Reisetasche zwischen den Beinen und machte den Eindruck, als ob er ausschließlich zur Bewachung dieses unscheinbaren Schatzes engagiert sei. Nur ab und zu gönnte er sich einen unruhigen Blick auf eine große Taschenuhr, die er unter dem leisen Geläute vieler goldener Petschaften tief aus dem Schäfermantel hervorzog. Der Matrosenjüngling aber fing nicht ohne Kunstfertigkeit, mit der behutsam vorgeschobenen knochigen hohlen Hand sein Opfer auf der Marmorplatte überlistend, Fliegen von einem vergessenen Stückchen Zwetschenkuchen, das herrenlos zwischen den braunklebrigen Kringeln und bekluckerten Kaffeetassen lag.
An diesem Tische stand noch ein überzähliger fünfter Stuhl, den mir als einzigen, der im ganzen Lokale noch frei war, ein diensteifriger Pikkolo mit herablassender Handbewegung anwies. Ich hielt zwei feindlich drohende Blicke der gestörten Schachspieler aus, wehrte den von dem Matrosenjüngling vom Zwetschenkuchen gescheuchten Fliegen, die sich alsbald auf meinem kurzgeschorenen Haupte von dem gehabten Schrecken zu erholen trachteten, und bestellte bei einem atemlos vorüberfliegenden Kellner einen schwarzen Kaffee und einen Kognak. Dann brannte ich mir eine Zigarre an und vertiefte mich, meiner darniederliegenden Lebensfreude aufzuhelfen, in ein spaßiges Leitgedicht Alexander Moszkowskis in den „Lustigen Blättern“.
„Hast du auch deine wollenen Socken im Koffer, Karl?“ fragte plötzlich, wie von schrecklicher Ahnung belästigt, der Mann im faltenreichen Schäfermantel.
„Aber ja, Papa“, antwortete der Mückenfänger unwirsch und tat mit sicherer Hand einen gewaltigen Fang.
„Ich nehme jetzt Ihren weißen Läufer“, meldete der eine Schachspieler.
„Ob ich mir’s nicht gedacht habe!“ zischte der andere ingrimmig.
Dann war wieder eine Weile tiefe Stille an unserem Tisch. So eng wir saßen, er war eine Oase der Ruhe in dem Lärm und Getriebe des verrauchten, unruhigen Lokals.
„Du hast doch hoffentlich deine Zahnbürste nicht vergessen, Karl?“ Aus der Tiefe des Schäfermantels kam die bekümmerte Frage.
„Aber nein, Papa“, gab der Matrose ärgerlich zurück und köpfte mit einem Zahnstocher eine Gefangene auf dem Tellerrand, was sehr unappetitlich anzusehen war.
„Ich sage jetzt: Schach der Königin. Mit dem Springer“, meldete der eine Schachspieler.
„Ob ich das nicht kommen sah!“ brummte der andere und schob wütend sein Kaffeebrettchen in den blauschillernden Zwetschenkuchen.
Dann war’s wieder stille.
Plötzlich — ich war gerade auf die Pointe meiner Lektüre sehr neugierig — beugte sich der Mann im Schäfermantel vertrauensvoll zu mir herüber:
„Verzeihung, wenn ich Sie störe ...“
„Bitte.“
„Wie lange fahren wir wohl mit der Droschke nach dem Lehrter Bahnhof?“
... Es gibt merkwürdige Momente im Leben; Momente, in denen man sich von einer sanften Riesenwelle erfaßt glaubt und sich weit, weit zurückgeschleudert fühlt in längst verrauschte Strudel der eigenen Vergangenheit. Die Seele schlägt ihre großen, erstaunten Augen auf, sieht sich um und erkennt Menschen, die sie längst in einem Gedächtniswinkel begraben hatte; Dinge, die seit Jahren zerbeult und zerschlagen und unkenntlich in einer andern Gedächtnisecke beim wertlosen Gerümpel lagen; Situationen, die wie groteske neblige Gespenster froher, heller Erlebnisse aus einem fernen, fernen Frühling wirken.
Solch ein Moment war es, als ich in ganz mechanischer Arbeit meines Sprechapparates dem Fragenden erwiderte: „Bis zum Lehrter Bahnhof fahren Sie mit einem Kutscher, der nicht betrunken ist, ungefähr fünfzehn Minuten.“
Und dabei sah ich unverwandt in dieses fragend auf mich gerichtete Gesicht, in dem es jetzt auch wie aufzuckende Erinnerung zu wetterleuchten begann ... Ganz so dicht bei diesem fremden Manne, dessen Gliederbau der viel zu weite Schäfermantel wie eine schwarze Glocke verbarg, mußt’ ich schon einmal irgendwo gesessen haben. Bestimmt an einem Tische, tafelnd, lächelnd, konversierend. Auf seiner linken Seite, wie jetzt. Aber damals hatten keine alten Herren Schach spielend uns gegenüber gesessen. Auch kein Matrosenjüngling fing damals Mücken. Damals — damals — Und plötzlich wußt’ ich’s wieder. Damals saß uns eine dicke Dame gegenüber, eine Rentiere aus Stettin mit einem pfundschweren Bernsteinschmuck und neben ihr im funkelnagelneuen Zivil, das ihn wie einen Zuschneider am Sonntag erscheinen ließ, der Rittmeister, der sich so gern reden hörte und dazu so erstaunliche Quantitäten Moselwein trank. Damals im Bade an der Table d’hôtes — —
„Herr Michael Monkebach — nicht wahr?“
„Das ist aber eine Freude, lieber Herr Doktor. Ihr Gesicht kam mir doch gleich so bekannt vor. Erst dacht’ ich an einen Stationsvorsteher auf der Strecke Weimar-Apolda, der mich mal so furchtbar grob angefahren hat vor sechs Jahren — natürlich, wie konnt’ ich nur ... Wie ist’s Ihnen denn ergangen? Sind sie noch an der Stuhlbeinfabrik in Heiligenstadt beteiligt, ja? Geht sie noch immer so glänzend?“
Da ich niemals an einer Stuhlbeinfabrik in Heiligenstadt beteiligt war, so konnte ich ihm darüber keinerlei Auskunft geben. Aber er schien auch gar keine Antwort zu erwarten. Seine Fragen waren lediglich nervöse Entladungen seiner Freude; waren rethorische Vergnügungen seines frohbewegten Herzens. So erkundigte er sich noch, ob ich noch immer Karlsbader Wasser trinke, ob ich mir die Zigaretten nach wie vor direkt aus Kairo kommen lasse, ob ich noch so leidenschaftlich Briefmarken sammle und ob ich noch immer als Wanderredner des Vereins für Feuerbestattung tätig sei. Lauter Dinge, an die ich nie in meinem Leben gedacht habe.
Einen Augenblick schöpfte er Atem, um dem Matrosenjüngling einen pantomimischen Verweis zu geben, weil ihn sein Jagdeifer in bedenkliche Nähe des Schachbrettes gebracht hatte und der eine Spieler, nach den Störenfried hinblickend, seine dicken Finger schon seltsam aggressiv bewegte. Diesen Moment benutzte ich, dem Wiedergefundenen zu versichern, daß er mich zwar richtig wiedererkannt habe, was mir natürlich äußerst schmeichelhaft sei, daß er mich aber in Bezug auf meine Lebensgewohnheiten offenbar mit einem, wahrscheinlich sogar mit mehreren seiner Bekannten verwechsle.
Michael Monkebach rieb sich nachdenklich die nicht unbedeutende Nase. Der vergrämte Zug, den ich früher schon zuweilen bemerkt hatte, kehrte unter diesen Strichen seiner nervösen Finger, tiefer, melancholischer wieder.
„Sie müssen schon entschuldigen,“ sagte er. „Was so im Laufe der Jahre alles uns besuchen kam ... Es war wirklich ... Ich erinnere mich eines Ungarn, der kein Wort deutsch sprach, der zwei Tage lang, eigentlich unaufgefordert, zu Tisch blieb, immer nur Maruschka Anastasia anstarrte und schließlich von ihrem Schreibtisch ein Falzbein aus Elfenbein mit großem, leider unverständlichem Wortschwall, offenbar als ‚Erinnerung‘ einsteckte. Ich entsinne mich eines kleinen, krummbeinigen Polen, der uns durch seine französische Konversation viel Mühe machte. Er hatte Maruschka Anastasias Gedicht ins Polnische übersetzt und deklamierte uns zwei Stunden lang seine Übertragungen vor. Es klang sehr merkwürdig, war aber doch ein bischen langweilig, da wir ja keine Silbe verstanden. Er regte sich furchtbar auf dabei, der Gute. Und wir mußten ihm später viel Rotwein einflösen, damit er einen Anfall von Herzschwäche überwand. Einer der letzten war ein sehr blasser und schweigsamer Herr aus Chemnitz, der künstlerische Dichterporträts — als Amateur — aufnahm. Er brachte einen großen Apparat mit, auch eine sehr eigentümliche Vorrichtung für Blitzlicht. Mit dieser Vorrichtung, die seine Erfindung war, hat er uns die Gardinen in Brand gesteckt. Wir hatten einen großen Schrecken. Und das übelste war, auf dem Bilde hat Maruschka Anastasia später zwei Köpfe.“
„Wie geht es ihrer verehrten Frau Gemahlin?“ unterbrach ich den Strom seiner Erinnerungen.
„Wie es ...“ Er sah zerstreut auf die Uhr. „Ich denke gut. Ich hoffe es. — Fünfzehn Minuten sagten Sie? Dann werden wir wohl ... Karl, laß doch die Fliegen in Ruh! Du genierst die Herren da.“
„Ich nehme ihren Turm mit der Königin,“ annonzierte der eine Schachspieler und warf dabei einen wütenden Blick nach dem unentwegten Mückenfänger.
„Ob ich das nicht die ganze Zeit kommen sah!“ hohnlächelte der andere, als ob ihm sein Gegner einen großen ingrimmigen Spaß mit dieser Mitteilung gemacht habe.
„Um fünf Uhr dreizehn geht nämlich unser Zug nach Hamburg,“ sagte Michael Monkebach, indem er einen vorüberhuschenden Kellner an seiner weißen Jacke festhielt, daß sie in allen Nähten krachte. „Bitte, laufen Sie nicht wieder vorbei! Also ich habe eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Hörnchen, — eigentlich nur ein halbes, denn es war eine Schwabe darin eingebacken — der Junge hat drei Tassen Schokolade und drei Stück Zwetschenkuchen. Es waren doch drei, Karl?“
„Vier“, korrigierte der tapfere und gewissenhafte Esser.
„Pardon, ja — vier,“ entschuldigte sich Michael Monkebach, der unter dem ungnädig strafenden Blick des Kellners errötete.
Dann fand eine sehr merkwürdige und sehr unleserliche Addition auf der Marmorplatte statt. Der Kellner wechselte sein Silberstück, dankte kühl und verschwand eilfertig nach dem Buffet, schon von weitem eine umständliche Bestellung brüllend.
Michael Monkebach schüttelte den Kopf, während er die wenigen Nickelstücke in sein Portemonaie zurücklegte. „Hatte ich ihm nicht ein Fünfmarkstück hingelegt? Mir war’s doch so als ob ... Er hat mir nur auf einen Taler herausgegeben.“
„So rufen Sie ihn doch zurück“, mahnte ich. „Ich hatte auch den Eindruck, daß es ein Fünfmarkstück war.“
„Zurückrufen? Ach nein.“
Es war, als ob Michael Monkebach körperlichen Schmerz beim Ausdenken dieser gefährlichen Eventualität empfinde. Er war noch der Alte, zutraulich, hilflos, ängstlich, ein prädestiniertes Versuchsobjekt für alle kleinen Spitzbübereien einer verschlagenen Menschheit. Alt war er geworden. Ganz grau an den dickgeäderten Schläfen. Sein Gang hatte den letzten Rest von Elastizität eingebüßt. Er bewegte sich mühsam und müde, als ob der faltenreiche Schäfermantel mit Bleistücken gefüllt sei, die ihn sacht aber unaufhaltsam niederzögen.
„Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie,“ schlug ich vor. „Drei haben ja bequem im Taxameter Platz.“
„Ich steige auf den Bock“, entschied der Jüngling, indem er, die Hände in den Hosen, seinem Vater die Reisetasche überlassend, sehr laut und sehr falsch pfeifend voranschritt.
„Du — —“ Michael Monkebach wollte offenbar diese verwegene und gefahrvolle Unternehmung nicht zugeben; aber er sah die unwirsch aufgeworfenen Lippen des trotzigen Bubengesichts und änderte alsbald seinen strengen Entschluß: „Du — mußt dich aber festhalten, mit beiden Händen,“ sagte er. „Ich werde dem Kutscher auftragen, daß er gut acht gibt und nicht zu rasch fährt.“
„Also kommen Sie.“
Es hatte aufgehört zu regnen. Der Platz lag wie eine einzige, spiegelnde Riesenpfütze da.
Wir nahmen uns einen Taxameter. Michael Monkebach gab dem Kutscher so ausführliche Anweisungen, als ob es sich um eine Reise durch die entlegensten Teile der Mandschurei und nicht um eine Fahrt vom Potsdamer Platz nach dem Lehrter Bahnhof handele. Er bat ihn auch, dem jungen Herrn alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Insbesondere den Zoologischen Garten und das Schloß.
„Soll ick vielleicht über Potsdam fahren?“ gab der Kutscher als einzige Antwort zurück, nahm dem bereits auf den Bock gekletterten Jüngling die Peitsche aus der Hand, klatschte ermunternd über den nassen Rücken des melancholischen Fliegenschimmels und fuhr halblaut vor sich hinmurmelnd die Königgrätzerstraße entlang.
„Sie werden Ihre Frau Gemahlin in Hamburg treffen —?“
Michael Monkebach wäre beinahe aus dem Wagen gefallen vor Schreck. „Ich werde — meine ...? Wieso? Ist sie dort? Haben Sie Nachrichten von Maruschka Anastasia?“
Nun war die Reihe der Verblüffung an mir. „Ich? Wieso — ich? Ich meinte blos, ob Ihre Frau Gemahlin ...“
Er lächelte verlegen und mit dem Zeigefinger diskret auf den auf dem Bock hin- und herschaukelnden Jungen deutend dämpfte er seine Stimme zu einem säuselnden Flüstern, das er nur zu einigen eingestreuten Ermahnungen für den Sohn erheblich verstärkte.
„Sie müssen nämlich wissen, lieber Freund, ich habe mich von Maruschka Anastasia — ja, wie sag’ ich doch gleich — getrennt. Das ist wohl das rechte Wort. Oder eigentlich sie hat sich von mir getrennt. Ganz kurz nach Ihrem lieben Besuch damals — ich entsinne mich jetzt sehr wohl, wann das war. Maruschka Anastasia hat damals jenes schauerlich-schöne Gedicht geschaffen, in dem ich ihr als Wasserleiche — nein doch, das war vorher — ich weiß schon: in dem ich ihr als nachtwandelndes Gespenst erschien.“
„Ganz recht. Durch eine Erzählung des Rittmeisters ...“
Michael Monkebach machte eine Bewegung, als ob er einen Schüttelfrost erwarte. Er zog den Schäfermantel fester um seinen Leib und sah nun ganz aus wie ein schwarzer Sack, auf dem als unscheinbarer Knopf und verunglückter Zierrat das blasse Haupt eines schlechtrasierten alten Herrn angebracht ist. Ich erinnere mich, in meiner Jugend solche Lichthütchen im Hause eines frommen Onkels gesehen zu haben.
„Der Rittmeister“, sagte der Kopf auf dem schwarzen Sack, „ja sehen Sie, er war doch eigentlich keine Vollnatur. Es war ein Blender, ein im Grunde genommen sittlich nicht hochstehender Mensch. Ich denke mir, der ständige, fast ausschließliche Umgang mit Pferden und rassereinen Foxterriers — er hatte drei Stück, die uns viel Last machten — hat das Edle, Reinmenschliche in ihm — Karl, sitze ruhig, halte die Beine bei dir! — was wollt’ ich sagen? Ja so, das Reinmenschliche hat der Rittmeister im Stall wohl verloren. Sie glauben nicht, was er für rohe, unzarte Briefe schrieb.“
„An Sie?“
„An mich? Aber nein. Wie sollte er wohl an mich ...? An Maruschka Anastasia natürlich. Ich fand diese odiösen Blätter durch einen Zufall — Karl, das ist das Brandenburger Tor, sieh es dir genau an, mein Sohn, hier links geht es in den Tiergarten — Ja, durch einen Zufall. Mein Gott, Maruschka Anastasia war sorglos, wie ein Kind. Das war eine ihrer liebenswürdigsten Eigenschaften. Sie hat auch nie gemerkt, wenn uns eine Köchin betrog. Und ich denke, jede Köchin betrog uns. Sie gab mir selbst die Mappe, in der einige von diesen Briefen offen lagen. Ich sollte ein sehr langes Gedicht von ihr abschreiben — das ist der Reichstag, Karl, Begas hat ihn gebaut —“
„Walloth, bitte,“ verbesserte ich.
„Richtig ja, Walloth. Sieh ihn dir genau an, mein Sohn, da werden die Gesetze gemacht — — Ja, ja die Gesetze!“ Er lächelte sonderbar vor sich hin. „Maruschka Anastasia hielt nicht viel von Gesetzen. Als ich damals die Briefe gefunden und gelesen hatte — sie lagen ganz offen in der Mappe und die Überschriften waren so sonderbar — da sagte ich: Maruschka Anastasia“, sagte ich, „das ist doch wider alles Gesetz und alle Ordnung. Du beschimpfst mich in deinen Gedichten, schön. Ich weiß ja doch, daß du es nur in deiner herrlichen Phantasie tust, und daß es in unserem Vaterlande viel Leute gibt, die das gerne lesen. Also warum soll ich der Literatur meinen bescheidenen Anteil weigern? Ich gebe sogar zu, das ich stolz darauf bin, einen gewissen persönlichen Einfluß auf die moderne Dichtung zu gewinnen, obschon mir selbst das Talent versagt ist. Auch daß ich dir als Gespenst erscheine, ist aus solchen Gesichtspunkten gewiß in Ordnung. Obschon es vielleicht nicht jedem angenehm wäre, sich selber als Gespenst zu sehen. Aber daß du dir von dem Rittmeister solche Briefe schreiben läßt, Briefe, wie sie ein verliebter Hausknecht — Wir fahren jetzt über die Spree, Karl, sieh sie dir genau an. Es ist kein reißender, aber ein sehr bedeutsamer Fluß — Ja, so sprach ich ungefähr zu Maruschka Anastasia.“
„Und sie?“
„Ja — sie! Es ist eine merkwürdige Frau. So impulsiv, so ganz und gar unberechenbar. Man könnte eine Sphinx, könnte mehrere Sphinxe aus ihr machen. Was glauben Sie, was sie tat! Sie zitierte einen nicht ganz klaren Ausspruch — ich glaube von Schopenhauer, er kann aber auch von Macchiavelli gewesen sein; und dann nahm sie plötzlich einen japanischen Aschenbecher und warf ihn nach mir. Ich bückte mich rasch, fiel über den immer vollen Papierkorb. Als ich mich wieder erhob, war Maruschka Anastasia aus dem Zimmer gegangen.“
„Und dann?“
„Ich habe Maruschka Anastasia — — Was ist das doch für ein Theater?“
„Das Lessingtheater.“
„Richtig, ja. — Karl, sieh es dir genau an, es ist das Lessingtheater — Ja. Ich habe Maruschka Anastasia nie wieder gesehen. Sie hat, wie sie war, mein Haus verlassen und ist dem Rittmeister — er befand sich damals mit seinen Terriers auf einem von den Zeitungen sehr gerühmten Distanzritt — entgegengereist. Der Rittmeister hat mich einige Tage später auf Pistolen fordern lassen. Meine Freunde haben mir gesagt, es hätte das eigentlich umgekehrt sein müssen. Nun, es war ja auch so gut.“
„Sie haben sich — geschossen?“
„Aber das war doch unmöglich. Gleich nachdem Maruschka Anastasia ihre Möbel durch den Spediteur holen ließ — einen Tag nach ihrer Flucht — schloß ich doch mit Frau Benzmann ab.“
„Sie haben sich — wieder verlobt?“
„Gerechter Himmel — ich denke nicht daran! Frau Benzmann ist Karls Großmutter — ich denke, ich erzählte Ihnen damals — eine vortreffliche, nur etwas, sagen wir: etwas zu energische Frau.“
„Ach, die alte Dame mit der — Kohlenschaufel? Der Junge ist also ...“
Michael Monkebach sprach so leise, daß ich ihn nur noch verstehen konnte, wenn ich mein linkes Ohr dicht unter seine Nase hielt. Das tat ich. Denn die verwickelten Schicksale des Mannes mit dem persönlichen Einfluß interessierten mich sehr.
„Durch die Adoption erwuchsen mir doch Verpflichtungen, nicht wahr? Ich konnte mich doch jetzt nicht von jedem beliebigen Rittmeister, der meine weitgehende Gastfreundschaft, drücken wir uns milde aus: mißbraucht hatte, über den Haufen schießen lassen. Sie begreifen das? Ich habe Frau Benzmann, — sie trinkt leider stark und ist als Verwandte recht lästig, — dem Jungen und mir selber versprochen, ein guter Vater zu sein. Nur ein Vater. Man muß etwas sein und das ganz. Ich wollte meinen ganzen persönlichen Einfluß geltend machen, wollte dieses Menschheitspflänzchen zu herrlicher Blüte zu — Karl, wirst du augenblicklich dem Kutscher die Peitsche zurückgeben? Au-gen-blick-lich!“
Auf dem Bock hatte sich so etwas wie ein Kampf entsponnen, den der neckisch aufgelegte Gaul dazu benutzte, uns in einem harten, stoßenden Galopp bald nach links bald nach rechts unsanft an eine Bordschwelle zu fahren.
„Du sollst die Peitsche hergeben!“ Halb aufstehend kniff der ergrimmte Michael Monkebach den renitenten Pflegesohn in eine seinem Arm erreichbare besonders fleischige Körperstelle.
Der Junge gab schrill aufquietschend die Peitsche zurück. Und die genußreiche Fahrt nahm einen friedlicheren Verlauf.
„Und haben Sie denn nun rechte Freude an diesem Sohn?“
Michael Monkebach umging die direkte Antwort.
„Es war nicht immer ganz leicht,“ sagte er. „Es meldeten sich störende, kleine Atavismen — Sie wissen, sein armer Vater, der ehemalige Briefträger ... Der Bedauernswerte ‚sitzt‘ jetzt wieder. Er machte als Kassenbote — ich hatte ihm die Kaution gestellt — eine unangemeldete Erholungsreise und vergaß, zuvor einen der Firma gehörigen Tausendmarkschein abzugeben ... Übrigens, ich möchte nicht schlecht sein, aber, ehrlich gesagt, mir ist’s für alle Teile fast lieber, er ist auf solche Weise aufgehoben. Seine Besuche waren nicht sehr angenehm. Er hetzte den Jungen auf. Ich glaube, es war auch sein Gedanke, daß Karl zur See gehen sollte. Er dachte mich wohl damit am empfindlichsten zu treffen.“
„Sie lassen den Jungen zur See gehn?“
„Mein Gott, ich ‚lasse‘ —? was will ich machen? Wenn nun einmal sein junges, törichtes Herz daran hängt. Und in der Schule — unter uns: er ist leider nicht sehr begabt. Wenigstens nicht für Unterrichtsgegenstände. Zuweilen hat er wohl ganz überraschende Geistesblitze, aber die sind immer mit einer gewissen Tücke verbunden. Sie könnten zum Exempel Erdbeermarmelade verstecken, wo Sie wollten — er würde sie finden. Aber im schlichtesten Aufsätzchen eine Kuh zu beschreiben oder eine Mühle oder einen Storch — er bringt’s nicht fertig. Nun hab’ ich ihn also angemeldet als Schiffsjungen in Hamburg. Der Kapitän ist ein Schulfreund von mir. Er nimmt ihn dort schon an der Bahn in Empfang. Gleich die erste Fahrt ein hübsches Stückchen Wasser ... Nach Valparaiso. Es soll gute Zucht sein auf dem Schiff. Auch über das Essen habe ich mich vergewissert. Na, natürlich nicht gerade Erdbeermarmelade; aber kräftig und reichlich.“