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Von Kindern und jungen Hunden

Das Verhängnis des Hauses Brömmelmann

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Titel: Das Verhängnis des Hauses Brömmelmann
Titel: Das Verhängnis des Hauses Brömmelmann

Er hatte nur unter den größten Schwierigkeiten eine Frau bekommen. Es ist lächerlich, zu behaupten, daß das an seiner Persönlichkeit lag. Es lag am Namen.

Gewiß, er war nicht schön. Die unansehnliche Figur, die etwas Verbogenes, Geknicktes an sich hatte, sah in dem langen schwarzen Gehrock, den er immer trug, nicht gut aus. Er erinnerte, wenn er so daher kam mit dem schief nach links über den altmodischen Kragen nickenden Kopf und den lang herabhängenden Armen, die immer die Knie kratzen zu wollen schienen, an einen jener dressierten Urwaldbewohner, die, ein Zylinderchen auf dem Kopf, auf ein geduldiges Ponychen mit heimlichen Riemen festgebunden, als erste Nummer unter dem Jubel der Kinderwelt in melancholischem Galopp die „Abend-Gala-Elite-Vorstellung“ der Affentheater einzuleiten pflegen. Auch waren seine Füße unverhältnismäßig groß und erweckten beim Gehen den Eindruck, als ob jeder von ihnen eigensinnig just auf denselben Fleck treten wolle, den der andere gerade inne hatte; und dies mit solcher Vehemenz, daß es ein wahres Wunder genannt werden mußte, wenn Anton Brömmelmann sich bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre noch nicht die Zehen abgetreten hatte auf seinen Geschäftsgängen.

Denn zum Vergnügen ging er nie. Das Geschäft war ihm alles. Er arbeitete dafür den ganzen Tag; er erholte sich davon, indem er abends in alten Geschäftsbüchern blätterte und alte Geschäftsbriefe im Kopierbuch las; und er träumte davon in der Nacht. Das Geschäft war sein Glück — denn es blühte. Und es war sein Unglück — denn es hatte seinem Namen einen wenig seriösen Klang gegeben. Und just um dieses Klanges willen hätte Anton Brömmelmann beinahe keine Frau bekommen.

Eine geschickte Reklame des Vaters — der auch schon Anton geheißen und den Ruhm des Geschäftes begründet hatte — war dem Namen Brömmelmann verhängnisvoll geworden; insofern als er diesen nicht sinnverwirrend schönen aber auch nicht ohne weiteres verwerflichen Geschlechtsnamen braver kleiner Beamten und Pastoren plötzlich laut, heftig und dauernd mit — ja, es muß schon gesagt werden: mit Wasserklosetts in Verbindung brachte.

„Anton Brömmelmanns Wasserklosetts für Privatwohnungen, Klubs, Hotels, Spitäler, Kasernen und Gefängnisse“ waren weit über Neuenburg hinaus eine Berühmtheit. Durch unzählige Annoncen in den Tagesblättern hatte er sie — wenn das so auszudrücken erlaubt ist — dem Herzen des Publikums eingeschmeichelt. Er hatte Gutachten über ihre Diskretion im Geräusch und Wasserverbrauch und über ihre Unentbehrlichkeit im Großbetrieb fleißig gesammelt und veröffentlicht; hatte enthusiastische Zustimmungen von Hygienikern, berühmten Schauspielern, Anstaltsdirektoren, ja sogar von zwei wirklichen Geheimen Räten mit dem Prädikat Exzellenz seinem Katalog anheften können. Und so hatte er mit der Wahrhaftigkeit, wie sie nur die Todesstunde verleiht, auf dem Sterbebette seinem einzigen Sohn feierlich und nicht ohne Genugtuung versichern dürfen, daß es in und um Neuenburg, wenigstens in menschlichen Wohnstätten, die etwas auf sich hielten, keinen geheimen Ort, den ein guter Mensch betrat, gebe, der nicht an bescheidener Stelle auf weißem Porzellangrund den Namen „Anton Brömmelmann“ rühmend dem nachdenklichen Beschauer nenne.

Das aber war das Fatale. Welches junge Mädchen von sittlichem Gefühl verliebt sich in einen Mann, der mit so unentbehrlichen, aber doch so ungern genannten Gebrauchsgegenständen handelt? Welches wohlerzogene Bürgerstöchterlein tauscht froh und reulos seinen mehr oder minder wohlklingenden Vatersnamen gegen einen Namen, den immer und immer wieder Annoncen in den Tagesblättern in solch merkwürdige Erinnerung bringen; der immer und immer wieder von weißem Porzellangrund abzulesen ist? ...

Wenn Anton Brömmelmanns Ahnherr im Dreißigjährigen Krieg nachweislich gehängt worden wäre; wenn sein Großvater beim Rastatter Gesandtenmord eine üble Rolle gespielt und seine Großmutter im berüchtigten Hirschpark von Versailles zeitweise unrühmlichen Aufenthalt genommen hätte — das wäre alles kein so trauriges Ehehindernis für Anton Brömmelmann gewesen, als der fatale Umstand: daß sein fleißiger und rechtlicher Vater gar so viel Lobendes über seine vortrefflichen Fabrikate veröffentlicht hatte.

Und außerdem: mitten in der Hauptstraße, zwischen der appetitlichen Konditorei von Grötschel und der poesievollen Blumenhandlung der stets in tiefe Trauer gekleideten Witwe Schwiebus — die drei verletzend naturalistischen Riesenerker des Brömmelmannschen Geschäfts! Welche Frauenseele in jenem glücklichen Alter, da man sich Verse von Lenau ins Album schreibt und mit Leutnants tanzt und Lieder von Schumann singt, bebte nicht scheu zurück vor einem noch so braven Mann, der ein so absonderliches Geschäft sein eigen nennt?

Anton Brömmelmann hätte von den Körben, die er sich seufzend in guten Bürgerfamilien geholt, ganz bequem einen Korbhandel eröffnen können. Aber er sah mit Goethe, den er übrigens nicht las, in der Ehe „Anfang und Gipfel aller Kultur“; und er war betrübt, ja niedergeschlagen, daß gerade ihm weder Anfang noch Gipfel beschieden sein sollte, obschon oder gerade weil er als Geschäftsmann just der Sohn seines Vaters und ein Kulturträger von nicht zu unterschätzender Bedeutung war.

Endlich aber fand er in Annemarie Bickebach doch noch ein weibliches Wesen, das großherzig genug war, über die ganzseitigen Annoncen und die Riesenerker in der Hauptstraße und schließlich auch über manche negativen Vorzüge seiner Erscheinung mit ihren leidlich hübschen Augen hinwegzusehen.

Annemarie war die Tochter eines Oberpostsekretärs, der pensioniert werden mußte, weil sich in ihm die fixe Idee entwickelte, er müsse der Welt die Unsinnigkeit der Ansichtspostkarte beweisen; und der in diesem Sinne eine Reihe von Broschüren im Selbstverlag erscheinen ließ und zahlreiche Eingaben an den Reichstag und „Offene Briefe“ an die vorgesetzte Behörde richtete. Das langaufgeschossene, magere Mädchen war zweimal verlobt gewesen. Einmal mit einem melancholischen Bergassessor, der leider bald darauf mit einer Dame vom Variété nach London gegangen war; und einmal mit einem sommersprossigen Predigtamtskandidaten, der ihr eines Tages eine „frivole Auslegung paulinischer Briefe“ vorgeworfen, ihren Ring, zwei gestickte Schlummerrollen und einen gebrannten Haussegen zurückgeschickt und drei Monate später eine vermögliche aber reizlose Witwe aus Kottbus standesamtlich und kirchlich geheiratet hatte.

Annemarie hatte das stille Wesen aller Mädchen, die zweimal verlobt waren und einmal am Variété und einmal an den paulinischen Briefen gescheitert sind. Sie sah zwar, daß Anton Brömmelmann keineswegs eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem jungen Griechengott, nicht einmal mit einem melancholischen Bergassessor zeigte; aber er war schließlich ein Mann, der seine hübschen Einnahmen hatte und dessen mit der Erinnerung an zahlreiche Körbe belastetes Herz die Unzartheit nicht besitzen würde, sie an ihr entschwundenes Liebesglück zu erinnern. Und sie hatte es satt, immerzu „Eingaben an eine hohe k. k. Oberpostdirektion“ ins reine zu schreiben.

Der Oberpostsekretär a. D. machte seine Einwilligung zur Verehelichung davon abhängig, daß Anton Brömmelmann sich eidlich verpflichte, niemals in seinem Leben eine Ansichtskarte zu benützen. Ein Schwur, den Anton Brömmelmann um so eher ablegen und halten konnte, als er überhaupt keine privaten Mitteilungen ernsten oder neckischen Inhalts jemals zu Papier brachte, sondern nur Geschäftsbriefe schrieb und im Geschäftsverkehre die Ansichtskarte für durchaus unstatthaft hielt. Der Oberpostsekretär holte übrigens für diese Gelegenheit seinen alten Galadegen aus dem Schrank, eine sehr merkwürdige Waffe, die nach halbstündigem sorgsamen Einfetten und anstrengendem Ziehen endlich auch aus der Scheide fuhr. Auf die rostige Klinge mußte Anton Brömmelmann feierlich die Schwurhand legen und den vom Oberpostsekretär persönlich vorgesprochenen ebenso umständlichen als konfusen Eid mit lauter Stimme wiederholen. Dann erst bekam er von der tief errötenden Annemarie den Verlobungskuß und jenen gebrannten Haussegen, den der sommersprossige Predigtamtskandidat unbegreiflicherweise verschmäht hatte.

Die Ehe war nicht unglücklich.

Annemarie hielt ihren Haushalt gut in Ordnung; und wenn Anton Brömmelmann aus dem Geschäfte kam, so war sie bereit, seinen gehabten Ärger mit aufmerksamer Teilnahme anzuhören, und schmierte ihm Käsebrötchen dazu.

Jeden Sonntag aß der Oberpostsekretär a. D. bei den beiden zu Mittag. Es gab dann „falschen Hasen“ — weil dem Oberpostsekretär die Vorderzähne fehlten — und der Geladene würzte das bescheidene Mahl durch heftiges Schimpfen auf die k. k. Regierung, die keine seiner Eingaben, die er nun selber schrieb, jemals beantwortete.

Als er an einem Sonntag im Herbst wieder zum falschen Hasen kam, teilte ihm Anton freudestrahlend mit, daß sie beide heute allein essen müßten, da Annemarie ihn heute morgens durch die Geburt eines Sohnes erfreut habe und noch der Schonung bedürftig sei.

Obgleich der Oberpostsekretär, wie er sich recht wohl erinnerte, bei der Eheschließung der beiden mit einer solchen Möglichkeit gerechnet hatte, kam ihm die Nachricht nun, da er, mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, die natürlichen Anzeichen des kommenden Ereignisses völlig übersehen hatte, doch sehr überraschend. In der Freude seines Herzens ging er eiligst einen notwendigen Einkauf zu machen; und da er nicht recht wußte, was zu dieser Gelegenheit am passendsten erscheinen könnte, kam er eine halbe Stunde später wieder mit einer Mandeltorte und einem Bilderbuch, das für den ersten Leseunterricht sehr zweckentsprechend eingerichtet war. Dieses Buch legte die Wartfrau, die wenig von Pietät hielt, unter das Gestell der Kinderbadewanne, das einen zu kurzen Fuß hatte. Die Mandeltorte aber teilte sie mit der Hebamme, die zufällig gerade, wie dies bei Hebammen das übliche ist, ihren Geburtstag hatte.

Im Nebenzimmer aber saß der Oberpostsekretär, dämpfte seine Stimme zu einem diskreten Piano, das kaum mehr hörbar war, und fragte den glücklichen Vater, der sehr wichtig und sehr zwecklos bald eine Zuckerdose, bald einen Aschenbecher umhertrug:

„Anton, wem sieht’s ähnlich?“

„Die Wartfrau meint: mir,“ gab Anton schüchtern zurück.

Er mochte nicht gestehen, daß er persönlich bei einer ersten Begegnung mit seinem Sohn, die allerdings im Halbdunkel der Wochenstube stattfand, keinerlei Ähnlichkeit hatte wahrnehmen können, vielmehr den Eindruck gewonnen, anstatt eines Kopfes eine runzliche, nicht mehr ganz frische Tomate auf dem Kissen zu sehen.

Die Hebamme, die aus unbekannten Gründen immer heftig nach altem Rotwein roch, kam herein und verkündete:

„Neun und ein Viertelpfund! Eben gewogen. Es ist ein Mordskerl!“

„Das soll er erst werden!“

Anton Brömmelmann hatte dieses vortreffliche Wort gefunden und damit stolz und tüchtig in nuce ein ganzes Erziehungsprogramm entrollt.

Das eine stand bei Anton Brömmelmann fest: der Junge sollte es mal in jeder Beziehung besser haben, wie er; sollte sich nicht selbst die Zehen abtreten beim Gehen, keine lächerliche Figur in einem schwarzen Gehrock spielen und seinen Namen nicht am Tage wie eine Last und nachts wie einen Alp tragen. Das Geschäft — Gott behüte! — das war nichts für den Jungen. Diese Überzeugung stand schon bei Anton Brömmelmann fest, wenn er des Abends, aus dem Comptoir heimgekehrt, zusah, wie im Soxhletapparat die sechs appetitlichen Fläschchen für Nacht und Morgen hergerichtet wurden. Immer ein Strich Milch und zwei Striche Wasser. Und jedesmal setzte seine besorgte Frage ein:

„Kriegt der Junge auch nicht zu wenig Milch und zu viel Wasser?“

Berthold wurde er getauft.

Niemand in der Familie hieß so. Der Erfinder des Schießpulvers, Berthold Schwarz, war der einzige dieses Namens, den Anton Brömmelmann — natürlich nicht persönlich — kannte. Aber das war’s gerade: Der Junge sollte einen aparten Namen haben. Und wer konnte das wissen — die Sache mit dem Schießpulver! ... Der Junge konnte ein verdammt kluges Gesichtchen machen und hatte eine Art, das rosig marmorierte Fäustchen in den Mund zu stecken, die hohe Intelligenz bewies. Und das Geschäft sollte ihm nicht den schönen Namen und das schöne Leben verderben — das war immer der Schluß von Anton Brömmelmanns reiflichen Erwägungen. Und damit all dieses nicht geschehe, sollte der Bub’ keine Ahnung davon haben, welcher Art seines Vaters Geschäft war. Bis er dann zur Schule kam, würde man schon sehen.

Von nun an dachte Anton Brömmelmann nur daran, sein Geschäft zu verkaufen.

Er trat sich im Nachdenken noch emsiger auf die Füße, schlenkerte noch heftiger mit den Affenarmen als früher und wechselte bogenlange Briefe mit Reflektanten.

An der verlangten Kaufsumme scheiterte es nie. Er hatte genug geerbt und zurückgelegt und forderte einen Betrag, der für das flottgehende Geschäft ein Spottpreis genannt werden mußte. Eben erst hatte der Landtag eine größere Bestellung gemacht, und mit einer anonymen Gesellschaft, die das öffentliche Wohl im Auge hatte, stand er in Verhandlung.

Aber eines schreckte die Bewerber: Anton Brömmelmann stellte die Bedingung, daß innerhalb fünf Jahren die Firma geändert werden und sein Name mithin von Firmenschild, Briefbogen und Porzellan verschwinden müsse. Hier lag der Haken. Denn die Firma „Anton Brömmelmann“ war eben als solche weit berühmt; und ob die Änderung des Namens nicht einen beträchtlichen Rückgang des Geschäftes bedeuten würde .... Zudem — man hatte das zum Beispiel bei Johann Maria Farina erlebt — es könnte eine Konkurrenz plötzlich einen Strohmann Namens Brömmelmann auftreiben, der nun die Früchte jahrelanger Reklame anderer mühlos pflückte....

Schließlich aber wurde der Verkauf doch perfekt.

Ein Herr Heinrich Hinzelmann hatte, wie er schrieb, „eine weitläufige Tante beerbt“ und strebte, sich selbständig zu machen. Er glaubte das nicht besser tun zu können, als indem er das Geld der weitläufigen Tante in Anton Brömmelmanns weitberühmte Fabrikate steckte.

Am fünften Geburtstag Bertholds wurde der Vertrag unterschrieben. Es war ein großer Moment. Anton Brömmelmann war ganz heiser vor Aufregung und schrieb unter das wichtige Schriftstück zum erstenmal in seinem Leben seinen eigenen Namen falsch; nämlich mit nur einem „m“ in der Mitte. Annemarie stand neben ihn und bürstete in tiefer seelischer Verlorenheit Herrn Hinzelmanns Zylinder sorgfältig gegen den Strich, was der Besitzer des Hutes mit großem Unbehagen mit ansah. Doch wagte er es nicht, sie auf das Sinnlose und Unzweckmäßige dieser Betätigung aufmerksam zu machen, da er befürchtete, irgendeine nicht auf das Geschäft bezügliche Äußerung könne ihm noch in letzter Stunde den ganzen vorteilhaften Handel verderben. So schlug er im Geiste den Preis für einen neuen Zylinder mit auf die Kaufsumme und schwieg.

Im Nebenzimmer aber saß der Oberpostsekretär, das Geburtstagskind auf den Knien, und las die Korrekturen einer geharnischten Eingabe „an die k. k. Regierung, betreffend die durch den submissest unterzeichneten Verfasser eklatant erwiesene Volksverdummung durch die Ansichtskarte“.

Anton Brömmelmann atmete auf. Ihm war zumute wie einem unter dem Verdachte schweren Raubmordes Verhafteten, der eben sein Alibi lückenlos beigebracht hat.

Nun galt es noch sein Haus verkaufen — das tat er mit kleinem Verlust — und den Wohnort wechseln. Er zog nach Rasselsheim, einem Städtchen ohne jeglichen landschaftlichen Reiz, das ihm nur dadurch aufgefallen war, daß es — wie aus einer Statistik hervorging — die geringste Kindersterblichkeit aufwies. Ein Gymnasium war auch da. Sogar ein „humanistisches“, was Anton Brömmelmann für eine besondere, vom Staat verliehene Auszeichnung hielt. Also!

Bei der Wohnungssuche benahm sich Anton Brömmelmann etwas sonderbar. Er besichtigte zunächst immer ein geheimes Kabinett und erweckte durch die merkwürdig peinlichen Untersuchungen den Eindruck, als ob er hier die reichsten und köstlichsten Stunden seines Lebens zu verbringen gedenke.

Mit heimlicher Freude konstatierte er, daß die Rasselsheimer Wohnungen nur in seltenen Fällen seine Fabrikate mit dem verräterischen Namen aufwiesen; und er mietete mit ingrimmiger Genugtuung eine Wohnung, für die, wie das Porzellan an der betreffenden Stelle meldete, seine einst gefürchtete Konkurrenz das unentbehrliche geliefert hatte ...

Berthold wuchs heran.

Der glückliche Vater ging völlig auf in den Jungen. Er zahnte mit ihm, er fieberte persönlich, als der Bub die Masern hatte, ja er machte — und nicht nur in der Einbildung — mit ihm den Keuchhusten durch, konsumierte als leuchtendes Beispiel für den Jungen den abscheulichen Schneckensaft und war stolz darauf, wenn er, blaurot im Gesicht vom Husten, die Versicherung des Arztes hörte: das sei ein außerordentlich seltener Fall, daß ein Erwachsener zum zweitenmal vom Keuchhusten befallen werde.

Peinlicher als der Keuchhusten war das Latein.

Anton Brömmelmann, der es nie recht vertragen hatte, lernte es mit dem Sohn, für den Sohn. Er stand mit dem absolutem Ablativ auf und träumte vom Akkusativ cum Infinitiv; er übte Vokabeln und konsultierte heimlich Eselsbrücken, war dem Sohn immer um drei Lektionen voraus, kurz, er tat alles, um die fromme Täuschung aufrecht zu erhalten, daß er alles das schon wisse, was der Sohn unbedingt lernen müsse, um ein edler Mensch und ein tüchtiger Bürger zu werden. Wenn Berthold längst seinen gesegneten Kinderschlaf schlief, mußte die mitleidige Annemarie den unglücklichen Gatten die Punischen Kriege überhören und die entsetzlichsten, von den Karthagern verübten Greuel über sich ergehen lassen. Und Sonntag zog sich Anton Brömmelmann in sein Studierzimmer zurück, um über den „Frühling“ nachzudenken oder über die „Freuden des Eislaufs“, kurz über lauter Dinge, die seinem früheren Leben sehr fern gelegen hatten und die jetzt als Aufsatzthemata des Sohnes seine späten Mannesjahre erschreckten.

Zweimal waren sie sitzen geblieben.

Sie. Pluralis. Denn der Vater blieb mit sitzen, fühlte sich mitschuldig; obschon er die Tanzstunde, die an der Zerstreutheit des Sohnes die Hauptschuld trug, nicht mitgenommen hatte und die Zigaretten, die dem armen Berthold nicht bekamen, persönlich ganz gut vertragen konnte.

Endlich kam das Maturum.

Berthold, der ein hübscher, schlanker Bengel geworden war, nicht gerade strotzend von Intelligenz, aber in seiner gesunden Frische ein ganz lieber Kerl, ging in das Examen mit einer Siegermiene, als könne ihm nichts passieren. Der Vater aber saß zu Hause und seufzte:

„Die Mathematik — die Mathematik bricht uns den Hals. Du wirst sehen, Annemarie, die Mathematik!“

Und er verlangte Papier und berechnete Kegelschnitte stundenlang und löste Gleichungen mit drei Unbekannten, die — wenn die Sache fertig war — noch immer so gut wie unbekannt blieben, und ließ sich von all den Aufgaben foltern, die der Sohn vielleicht ...

Aber der Sohn kam nach Hause, strahlend, eine Rose im Knopfloch und sichtlich erhitzt von einem kleinen Frühschoppen. Er hatte bestanden. Nicht gerade glänzend, aber was lag daran?

Anton Brömmelmann spendierte deutschen Sekt zum Mittagstisch. Er stieß mit dem Sohn an und hielt eine Rede, in der er sagte: er sei zwar der Vater ... aber er müsse denn doch sagen ... und überhaupt habe Demosthenes ganz recht gehabt, wenn er das schöne Wort gesprochen, das ihm jetzt nicht einfalle ... und der große Liebig sei auch ein schlechter Schüler gewesen ... und Henrik Ibsen hätte „kaum genügend“ in der Trigonometrie gehabt ... und das Leben sei zwar schwer, aber schön ... und der Name Brömmelmann lege Pflichten auf ... jawohl, das tue er ... und so hoffe er heute ... denn das müsse die Jugend immer hochhalten ... und dafür könne er keinen Geringeren zitieren, als Cicero ... aber das wolle er nicht ... denn er sei froh, daß er all das Zeug jetzt vergessen könne ... denn ehrlich gesagt: zum Halse sei’s ihm herausgewachsen ... und übrigens sei es Zeit, den Großvater von der Bahn abzuholen ...

Berthold bezog die Universität.

Der Vater wollte keinen Druck auf ihn ausüben. Er solle studieren, was er wolle. Theologe — gut; aber protestantischer. Arzt — gut; aber nicht Spezialarzt für ansteckende Krankheiten. Jurist — gut; aber nicht „Kameralia“ dazu. Zweierlei zugleich, das gehe nicht. Mit diesen Einschränkungen erlaubte Anton Brömmelmann alles. Mathematiker war nicht zu befürchten. Auch für das Sanskrit zeigte sich bei Berthold keinerlei Neigung. Alle Ermahnungen schlossen:

„Vergiß nicht, daß du mein Einziger bist!“

Berthold Brömmelmann vergaß das nicht.

Als er nach dem ersten Semester seine Schulden beichtete, erwies es sich, daß er immerzu daran gedacht haben mußte, daß er der „einzige“ war. Außerdem war er „Hasso-Suebe“, trug einen farbigen Bierzipfel, einen Zwicker und eine Tiefquart im Kinn, die dickrandig und tiefrot war und an jene alten Wunden erinnerte, die eine Neigung haben „an der Bidassoa-Brücke“ aufzubrechen. Und er roch nach Jodoform wie ein ganzer Transportzug des Roten Kreuzes.

Über die Richtung seines Studiums war er sich noch nicht schlüssig geworden. In der Anatomie war ihm schlecht geworden. Bei den Pandekten noch schlechter. In der Theologie störte ihn der heilige Geist, unter dem er sich absolut nichts denken konnte. Und Mathematik kam noch immer nicht in Betracht.

Leider änderte sich dies kaum „positiv“ zu nennende Resultat seiner Studien auch fürderhin nicht. Er schickte spaßhafte Bierkarten, fidele Gruppenbilder und unbezahlte Rechnungen, begleitet von humoristischen Briefen, nach Hause. Über eine Berufswahl aber ließ er sich weiter nicht aus.

Als ihn der Vater auf Annemaries Drängen einmal besuchte, kam der alte Herr graugrün aussehend nach drei Tagen wieder. Er erinnerte sich noch deutlich vieler junger Herren mit gelben Mützen, die ihn an der Bahn empfingen und mit fast königlichen Ehren auf einen sehr merkwürdigen Aussichtspunkt kutschierten, wo man — und hier wurden seine Erinnerungen undeutlich — erst eine Pfirsich-, dann eine Ananasbowle trank. Es konnte aber auch umgekehrt gewesen sein. Wenn er sich nicht täuschte, hatten sie dann alle ein wunderschönes Lied mit erstaunlich vielen Versen gesungen, und dann — — — ja, man konnte ihn totschlagen, aber ihm war’s, als ob dann irgend ein Fackelzug stattgefunden hätte. Es konnte aber auch eine Beerdigung oder eine Hochzeit gewesen sein. Ja selbst eine Kindstaufe hielt er manchmal für nicht ausgeschlossen. Und was die Studienpläne Bertholds anbetraf — man war nicht dazu gekommen, darüber zu sprechen ....

So war der Stolz des Hauses Brömmelmann im siebenten Semester, ohne daß sein Studium sichtbare Früchte getragen.

Da begab es sich, daß der vortreffliche Großvater in Neuenburg seinen siebzigsten Geburtstag feierte. Unglücklicherweise hatte Anton Brömmelmann sich kurz vorher den Fuß vertreten, das heißt er war mit dem linken so außergewöhnlich kräftig auf den rechten getreten, daß der Knöchel gelitten hatte.

Annemarie, die treue Seele, machte ihm kalte Umschläge und konnte nicht abkommen. Berthold fuhr also allein als bevollmächtigter Abgesandter der Familie nach Neuenburg, seiner Geburtsstadt, die er noch niemals betreten.

Als erstes Lebenszeichen kam — eine Ansichtskarte aus Neuenburg, die der Großvater mit unterschrieben.

„Zeichen und Wunder!“ sagte Anton. „Der gute alte Herr unterschreibt Ansichtskarten. Ja, ja, das Alter macht milder.“ Und eines Zitats sich erinnernd, das er vor Jahren — Berthold saß in Ober-Sekunda — aus einem Spruchbuch als köstliche Perle für den schmückenden Schluß eines deutschen Aufsatzes gefischt, fügte er hinzu: „Wie sagt doch Goethe so schön: Was man in der Jugend sich wünscht, das hat man im Alter die Fülle.“

Annemarie lächelte: „Papa hat sich doch in der Jugend keine Ansichtskarten gewünscht.“

„Nein aber — —“ Er fühlte selbst, daß er blödsinnig zitiert und versuchte hinter einem schalkhaften Lächeln tiefen Sinn zu verbergen.

„Nun lies schon!“ drängte Annemarie.

Und er versuchte zu lesen, was sonst noch auf der merkwürdigen Karte stand. Aber außer den Worten „kalte Ente“ konnte er nichts herausbringen.

„Kalte Ente —“ meinte Annemarie kopfschüttelnd, „soll wohl ‚kalte Hände‘ heißen.“ ...

Anton Brömmelmann glaubte das nicht ....

Mehrere Tage hörte man nichts weiter. Weder von dem Jubilar noch von dem festlichen Abgesandten. Da plötzlich ein Brief, wahrhaftig ein langer Brief Bertholds.

„Wie lieb von ihm!“ lobte die Mutter.

Anton Brömmelmann mißtraute. „Er pumpt mich an!“ taxierte er.

Und er las.

„Liebe Eltern! Ihr werdet Euch gewundert haben. ... Eltern wundern sich immer. Aber das wird noch besser kommen.“ —

„Etwas konfus, was?“ schaltete Anton Brömmelmann ein und sah über die Brille zu Annemarie; dann las er weiter:

„Ich glaube manchmal, ich habe Euch Sorge gemacht. Vor allem Dir, lieber Vater. Na, du hast kein Geschäft, nicht wahr? Und etwas muß der Mensch doch haben. So hattest Du mich.“ —

„Das ist ja eine Epistel, als sollte er gehenkt werden,“ meinte der Vater. Aber die Mutter bedeutete ihm, weiter zu lesen.

„Mit dem Studium — darüber machen wir uns nichts vor — war es nichts. Mündlich einmal davon. Als Papa mich besuchte, wollte er durchaus nicht davon sprechen ....“

„Nanu?“ fragte Annemarie.

Aber Anton Brömmelmann überhörte das und las weiter:

„Ich stamme aus einer Kaufmannsfamilie. Ich weiß zwar nicht, welcher Art dein Geschäft eigentlich war, lieber Papa, aber es war ein Geschäft, nicht wahr? Nun, ich glaube, ich würde mich auch besser zum Kaufmann eignen. Und so wirds kommen. Denn, um’s kurz zu sagen, ich bin verlobt.“

Das Ehepaar Brömmelmann sah sich an, als ob ein geflügeltes Krokodil im Zimmer sei. Keines brachte ein Wort heraus.

Dann ergriff die resolute Mutter den Brief und — nun las sie zu Ende; las in einem Tempo, in dem nur eine Frau lesen kann, die der größten Neuigkeit ihres Lebens auf der Spur ist.

„Ich habe das süßeste, reizendste, entzückendste Mädel von der Welt kennen gelernt .... Durch Großpapa. Der verkehrt mit den Eltern. Er sagt, Ihr kennt sie auch und lacht immer ganz verschmitzt dabei. Übrigens hat er immer noch die Marotte mit den Ansichtskarten ....“

Der Teufel hole seine Ansichtskarten! Was ist das für ein Mädel?

„Die Eltern haben ein Geschäft. Ein sehr gutes Geschäft. NB. Sie ist das einzige Kind, heißt Mieze — ist das nicht reizend? Mieze Hinzelmann. Ihr müßt sie Euch so denken ....“

Anton Brömmelmann saß erstarrt. „Hinzelmann, doch nicht unser ....?“

Der Blick der Mutter war bis zum Schluß des Briefes geflogen.

„Das Geschäft, liebe Eltern, von dem ich oben sprach, ist ja ein bißchen sonderbar. Lieber Gott, alles kann nicht Poesie sein in der Welt, nicht wahr? Es gibt auch Dinge, die ... Aber der alte Herr Hinzelmann — übrigens ein famoser Kerl; fast so nett, wie mein alter Herr — der meint: Geschäft ist Geschäft. Ich hab’ mit ihm gesprochen. Er ist sehr einverstanden. Seinen Segen habe ich schon. Einzige Bedingung, ich muß später das Geschäft übernehmen....“

Annemarie ließ den Brief sinken. Sie sah nach Anton Brömmelmann, der, ein Bild schöner aber tiefer Resignation, in seinem Sessel saß.

„Hast du gehört, Vater?“

Er nickte bloß.

Aber die treue Lebensgefährtin schien anzunehmen, daß der Schweigsame zwar gehört, aber nicht verstanden habe. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und rüttelte ihn sanft, als wolle sie ihn aus einem erst halb überwundenen Schlummer zur Wirklichkeit wecken.

„Anton — das Geschäft — unser Geschäft — —“

Die Züge des Versteinerten belebten sich. Den Lippen entfuhr ein Zischlaut, wie ihn ungeduldige Lokomotiven knapp vor der Abfahrt hören lassen. Dann bildete der Sprechapparat Worte, tonlos, mechanisch, wie einem Uhrwerk gehorchend und ohne seelische Beteiligung:

„Mutter dafür bin ich ausgewandert, dafür hab’ ich Latein gelernt und die punischen Kriege und habe Kegelschnitte berechnet, damit mir ...“

„Geh’, Alter!“ Die Mutter legte ihm den Arm um den Hals. „Wenn er sie doch gar so gern hat!“

Aber Anton Brömmelmann dachte in diesem Augenblick nicht an den Sohn. Er sah mit seines Geistes Augen den Vater, seinen Vater voll Stolz ein Zeitungsblatt auseinander falten. Eine ganzseitige Annonce im Tageblatt: „Urteile von Hygienikern, Professoren, Künstlern über Anton Brömmelmanns weltberühmte ...“

„Wir wollen ihm telegraphieren,“ mahnte die Mutter.

„Ja, ja.“

Anton Brömmelmann ermannte sich.

„Ich will einen — Glückwunsch aufsetzen. Gib mir ein Stückchen Porzellan — wollt’ ich sagen: ein Stück Papier.“

Und Anton Brömmelmann sandte an die Adresse seines alten Geschäftes dem beinah studierten Sohne seinen väterlichen Segen.

Illustration from Von Kindern und jungen Hunden
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