← Table of contents
Versöhnung, Gesänge und Psalmen

Flucht und Zuflucht

Reading edition

I.

Mein Vater, wandeln Deine Sterne nimmer? So müder Himmel meine Schulter drückt, ach, hämmert solch Geschrei aus meinem Wimmern: Wer hat mich frech aus Deiner Hand gepflückt? Brautgarten, drin Dein Lächeln mich umkoste, mir blaue Stürme kündeten Dein Nahn, was läßt Du mich verwelken, Deine Blüte? Dein Schwert, das Dich aus allen Steinen sprühte, zürnend der Scharten, hast Du’s abgetan? Im armen Winkel läßt Du es verrosten. Wie starb ich von Dir ab? o müdes Sinken, kaum such ich mehr nach Brücken oder Weg und trage doppelt Sterben, nun Dein Winken aus vorigen Tagen dunkelt im Geheg. Als Du ein Ahnen, dem ich mich vertraut, zu Domen über meinem Tag erbaut! Ich Meer, gestürzt in bodenlose Tiefe! Aufschossen Ufer, Feld, ragende Wand, dran Wellenträume fetzen, die Dich riefen. Jetzt bin ich hohler Sumpf und Modersand. Nur manchmal bröckelt Sturm in meine Nächte. Dann schreck ich auf, von Himmeln ganz erdrückt, und grabe müder armem Tag die Schächte, der mich von Deinem Flammenstrauch geknickt. O, ward ich überwachsen von den Bäumen, die ich, versuchend frech Dein hohes Dulden, in Deine Gunst zu pflanzen mich getraut! O durft ich mich an Ding und Ding versäumen, an lautem Tun mich lästernd so verschulden, da noch aus Dickichten Dein Strahl mir taut!

II.

Schau her, mein Vater, wie ich mich zerbreche. Mein arges Tun, ich schlepp es keuchend her, hier steht er nackt, des Gottes trunkner Zecher! Ach, seine Schalen sind von Dir so leer. Sein Mund: noch grinst Verrat an seinem Rande. Dies Auge: kaum verdeckt es seine Gier. Die Hände immer tastend nach der Schande und Leib und Bein so träg, so stumpf, so Tier. Schau, welke Blumen reiß ich mir vom Scheitel! In wildes Schreien trotzt jetzt meine Scham. Ach, wo ich gut mich nannte, war ich eitel, und Falschheit gab ich, wo Vertrauen nahm. In wüstem Heute meine Tänze stöhnen. Jetzt büße, daß Du mich so klein erschufst. Gestrüpp von Fluch und Kniefall, Betteln und Verhöhnen. Zertritt mich doch — ich trag’s nicht, daß Du rufst. Und doch ist Lauschen noch in meiner Seele. Barmherziger! Jetzt stürzst Du groß zu Tal. O bist Du süßeste Frucht aus allem Fehle? Ringt sich zu Dir nur alle Sündenqual? Brauch ich mein Lästern reiner Dich zu quellen, ras’ ich durch Buße tief in Deinen Schoß? Soll ich an jedem lauten Tag zerschellen? Nur Abtakt Deines Reigens ewig groß!

III.

Darf ich noch flehn, so fleh ich Not und Fehle. Noch scheiden tausend Freuden mich von Dir. Verrat nur lauert, wo ich tastend wähle. So sei im Leiden Du mein einzig Hier! Ein Mädchen ging so arm an mir vorüber, hinkenden Fußes, schwarz, im Trauerkleid. Was barg ihr noch die Erde: Gram und Fieber, doch fühlt ich tief: Dir war sie ganz bereit. Ich aber hänge noch an vielen Lichtern. Der Scholle Segen hält mich und ihr Fluch. Mir gaukelt Welt in lockenden Gesichtern und blätternd haft’ ich noch an ihrem Buch. Noch zieht mich Hoffnung in die blauen Gründe, Erinnern läßt tiefatmend mich erblühn. O blaue Meerfahrt! Liebe, der ich münde! Und Sonne, Sonne will in mir verglühn. Du aber stehst beiseit’ und läßt mich währen, bist nur ein leises Rufen in der Nacht. O, hilf mir, Vater, daß ich zu Dir kehre, nimm von mir meiner Tage eitle Tracht! Gürt mich in Leid, verhülle mich in Reue, streif die Gewänder Erdlust von mir ab. Schon spülen Träume mich in Deine Bläue, nackt sinke ich in Deinen Schoß hinab!

IV.

Einst riß ein Rufen aus getürmten Zeiten mich wild hinaus Heißdürstenden zum Trank: Dich schreit Gebild. Propheten um Dich leiden. Wie sank ich nieder, bis ich ganz versank. Schwer lastete auf mir Dein groß’ Begehren. Und Not ums All fiel steil mich zu verzehren. Und wieder auf ins Brausen der Geschicke warf ich mich brünstig. Zeiten schlugen wild. O Schicksals Babelturm auf mir: ersticke im Sturz der Massen, der dich nimmer stillt, und röchle armen Tanz, so heut wie gestern: Ihr Stückchen Gottes kosend alle Menschen gehn. Zerbrich’s an Deiner Gier: Verzweiflung wird dich lästern. Wild lachend Sonnen ihre Kurven wehn. Ich stürmte weltenauf und weltennieder. O Tage, von Tumulten übervielen greis! Bis mir ein Trösten stieg aus dem Verwirrten: Mein eignes Rufen hallt die Fremde wider. Ich Mund allallen Jauchzens und Geschreis. So kehr’ ich heim, zurück zu mir Verirrtem. Laß mich denn, Vater, ganz in Dir verstummen! Sei meines Auf und Nieders letzte Ruh. Und schüttelt Drang von der Geschicke Summen: Doch aller tiefste Melodie bist Du! Will nur mehr schürfen tief in mir ein Lauschen. Schon klingt Dein Regen, wie Du Dich mir neigst. Aufraucht mein letztes Opfer, bis Du rauschend, mein Gott, Deinem Getrümmer Mensch entsteigst.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings