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Todsünden

Front matter (continued 6)

Reading edition

Mit tiefem Kummer aber erfüllte die Freunde das Aussehen und Wesen Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag ein so herzzerreißender Ausdruck von Verzicht auf Glück und Lebensfreude, daß Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich über die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrücke gar nicht zu beruhigen vermochte. —

Es war gegen Ende der Woche in der Frühe, als der Inspektor in sehr aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen von Tankred eingetroffenen Brief überreichte.

In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darüber Ausdruck, daß ihm keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von der Haushälterin. Er verlangte solche umgehend und fügte hinzu, daß er ehestens nach Holzwerder zurückzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er gezwungen worden, den Süden zu verlassen und sich nach Hamburg zu begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hieß es:

‚Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren, — das Wort war, weil der Schreiber vielleicht die größeren Kosten scheute, nachträglich ausgestrichen, und statt dessen ‚schreiben‘ gesetzt, — wie es dem Kleinen geht.‘

Der Inspektor bat um Verhaltungsmaßregeln; er wußte nicht, was er thun sollte, und fühlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklärte, sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Maßnahmen treffen.

Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand an ihren Schwiegersohn:

‚Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder befindet, übergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, daß wir unser kleines, durch schlechte Pflege äußerst vernachlässigtes, fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, daß unser bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist, einlaufende Gelder zwar wie früher in Empfang zu nehmen, aber lediglich zur Verfügung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten.

Ergebenst

A. von Tressen.‘

„So!“ rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung ihres Mannes einem Diener zur Besorgung übergeben hatte. „Nun werden wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief. Von übermorgen ab können wir uns auf seinen Besuch gefaßt machen. Aber alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklärungen geben. Aber passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen.“

„Wer weiß!“ fiel Herr von Tressen ein. „Daß er sich nicht in gleicher Weise fügen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube doch, daß er irgend etwas Gewaltthätiges inszenieren wird.“

„Gewaltthätiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Daß ihm vielleicht solche Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um mehr handelt, als um schiefe Gesichter, faßt er nicht an. Wohl aber halte ich es für möglich, daß er sich einmal wieder an Theonie heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Rücksicht auf alles Vorgefallene eine seiner Komödien in Szene setzt. Da fällt mir ein: ich will Theonie lieber in Kenntnis setzen, daß er aus Italien zurück ist. Ich weiß, sie trifft dann Maßregeln, daß er sich ihr nicht zu nähern vermag.“

Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat, streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehülflich klingendes „Omama!“

Da nahm die Frau das Kind in die Arme und küßte es in dem Überquellen ihrer glückseligen Empfindungen lang und zärtlich.

* * * * *

In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in höchster Aufregung auf und ab.

Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen völlig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse für die Außendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstößlich zwei Thatsachen: vorläufig war er von Holzwerder ausgestoßen, und wenn das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit seinem Rechtsanwalt Rücksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm selbst an Schlußfolgerungen aufdrängte? Und das Telegraphieren war ja überhaupt zwecklos. Nur durch persönliches, mündliches Eingreifen vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen!

Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag völlig unerwartet. Eine solche Möglichkeit war ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich höchstens in mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des Eigentümers vom Turme, aber jetzt? — —

Und Gegenmaßregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war sicher zwecklos.

Tankred wußte, daß das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen war, und ohne die näheren Umstände zu kennen, war es für ihn zweifellos, daß ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente stützte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig gemachten Höhe war er mit einem jähen Schlage herabgestürzt. Das Bild hatte sich völlig verändert. Er stand tief unten und mußte bittend die Hände ausstrecken, mußte gute Worte geben. Und das war nicht nur zeitweilig. Brecken sah, daß er durch diesen unerwarteten Zwischenfall entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm für später geplanten Vergleich zur Ausführung bringen müsse. Ja, das war jetzt das einzige, was ihm übrig blieb, nur mit dem Unterschiede, daß, da nicht Tressens mürbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre Bedingungen vorschreiben würden.

Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fuß und biß die unheimlich weißen Raubtierzähne in seinem Verbrechergesicht zusammen. Und dann — dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein- für allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der That so furchtbar hatte büßen müssen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu räumen —! Nein, nein, fort mit dem gräßlichen Gedanken! Ihm war's, als stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fühle er die Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht! — — Und doch, im Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, daß solche Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer gestörten Blutzirkulation herrührten, und daß das heilbar war, hatte sich ja nun herausstellt.

Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war mehr als Unsinn, deshalb konnte er — Ja, was? Nun war er doch abermals bei Theonie!

Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthür in Falsterhof, drang ins Haus ein, erwürgte mit rascher Energie den Köter, schlich hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Fäusten, ehe sie überhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch einmal, daß sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie er gekommen war. — — Und dann und dann — Brecken reckte sich in die Höhe, trat vor den Spiegel, maß seine Gestalt und betrachtete sein knochiges Antlitz — dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder entbehren.

Entbehren? — Nun, soweit kam's überhaupt doch wohl nicht. Etwas würde man ihm doch zubilligen. — Und plötzlich fiel der Mann wieder in einen der roten Plüschsessel zurück und starrte vor sich hin, weil — weil — das doch eben nur schöne Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und Wirklichkeit ernüchterte und entmutigte ihn nur noch mehr. — Endlich sprang er auf, und ein: „Ja, so soll es sein!“ ging aus seinem Munde. Erst wollte er sich mit Tressens aussöhnen, zu erreichen suchen, was zu erreichen war, und dann später endlich die Geschichte in Falsterhof abmachen, nachdem er vorher — daß ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst kam! — die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, daß er ihn am kommenden Vormittag in Geschäften besuchen werde, nach Elsterhausen ab. —

Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter langsamen Schrittes die beschneite Landstraße von Elsterhausen nach Breckendorf durchmaß. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war sehr bedrückt zu mute. Seine ungünstigsten Vorstellungen hatten sich bestätigt. Von Brix war ihm erklärt worden, daß gerade an diesem Tage auf seinen speziellen Antrag die Bestätigung einer vorläufigen Kuratel über Gretes Vermögen eingetroffen sei, und daß Tressens jetzt zu irgend welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermöge in der Sache nicht nur nichts zu thun, sondern müsse auch eine Vermittlung ablehnen. Zugleich erfuhr Brecken, daß die Akten zur Prüfung an den Staatsanwalt gegangen seien, und die Möglichkeit vorliege, daß die Anklage wegen Fälschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt werden könne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten.

Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg einschlagen und der Pastorin Höppner Hülfe in Anspruch nehmen.

Er fürchtete das Ergebnis der Fälschungsklage, in dieser Annahme unterstützt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch die Beweise! Aber die ganze übrige, seine Existenz und seine Bequemlichkeit gefährdende Situation war ihm unerträglich. Ein Vergleich hob die Streitigkeiten und den Prozeß wenigstens nach der einen Seite hin auf; darum war's ihm zunächst zu thun. Die Diäten, welche ihm das Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermögen zur Verfügung stellen würde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld ließen ihm, da die Dinge sich nun einmal so ungünstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen Umständen, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute Worte geben sollte, aus der Ungewißheit heraus. Das Spiel — er hatte es sich klar gemacht — war völlig verloren, und damit wollte er rechnen.

Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er sich gegenwärtig selbst so charakterlos, feige und schwankend, daß die Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wünschte, einen Kompromiß mit sich und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu schließen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal! — Und wenn der Vergleich mit Tressens durch Frau Höppners Hülfe gelang, dann würde auch Brix Rat wissen, das übrige zu beseitigen; dann war alles gut. —

Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem ‚guten Mann‘ im Zimmer. Sie saß mit umgebundener Küchenschürze auf der Lehne des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem Pulte den Rücken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschränkten hoch emporziehend, aufmerksam zuhörend vor ihr.

Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht über Lene, deren Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres Mannes getrieben hatten, mit den Worten schloß:

„Es ist das erste mal, daß ich das Kind bei einer Lüge ertappe! Aber eben — sie versteht doch schon zu lügen und sich zu verstellen, und das macht mich so unendlich traurig.“

Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort:

„Ach nein, nein, es ist leider so, und Du mußt mit ihr reden und ihr vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir dürfen die Sache nicht leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster. Ich muß immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser Mensch —“

„Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu dürfen!“ ließ sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thür öffnenden Magd vernehmen, und fast gleichzeitig und höchst ungelegen erschien Tankred unter tiefer, überhöflicher Verbeugung.

Aber während der Pastor wie gewöhnlich dem Gutsherrn mit großer Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit zurückgeworfenem Haupt und äußerst steifer Miene. Auch machte sie absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschäften zu ihrem Mann gekommen, sogleich eine Wendung zur Thür.

„Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!“ schmeichelte nun Brecken unterwürfig. „Ich möchte gerade Sie gern sprechen und Ihren freundlichen Rat erbitten. Würden Sie mir nicht einen Augenblick schenken? Ich wäre sehr dankbar dafür —“

Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwärtig, daß sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder Platz.

Um die unhöfliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der Pastor mit der Entschuldigung, daß das Kraut zwar von sehr geringer Güte sei und Breckens verwöhntem Gaumen kaum behagen dürfe, dem Gast eine Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, daß er durchaus nicht verwöhnt sei, und daß ihm des Pastors Zigarren — obschon er sie höchst miserabel fand — stets vortrefflich schmeckten, entzündet hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei fast ausschließlich an die Frau.

Er sprach in längerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwürfnissen zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Güte der Frau Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin übernehmen zu wollen.

Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die Pastorin nahm gleich für ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds Auseinandersetzungen zugehört hatte:

„Wir müssen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre Anregung hin einzugreifen, hieße an den Tag legen, daß bei uns doch noch ein Rest von Sympathie für Sie vorhanden wäre. Gerade das Gegenteil aber ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie gethan, und ich für meinen Teil bin ein- für allemal mit Ihnen fertig. Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen, und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier überflüssig geworden. Empfehle mich!“

Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf den Pastor, seine Frau zurückzuhalten. Und so geschah es auch. Aber nicht zum Vorteil Tankreds.

Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten Verstellungskünste anwandte, während doch seine Augen verrieten, daß er am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht hätte, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Lüge äußerst verstimmten Pastorin ein solcher Tumult von Ärger und Widerstand, und ihr sittliches Gefühl bäumte sich so gewaltsam auf, daß sie mit funkelnden Augen hervorstieß:

„Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thäten Sie, wenn Sie so rasch wie möglich das Land ein- für allemal verließen! Hier nimmt kein Hund ein Stück Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter mißtraut man aufs äußerste, man hält Sie für fähig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich um Vorteile für Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, daß jemals ein Mensch allen, mit denen er in Berührung gekommen ist, einen solchen Abscheu eingeflößt hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler und Komödianten, und ich füge hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht gestraft hat, weil er ihn später um so empfindlicher züchtigen will. Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wünschen vielmehr, daß unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen, was sie erstreben! — So, und das war nun das letztemal, daß ich Ihnen im Leben gegenübergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!“

Nach diesen Worten verließ die unerschrockene Frau das Gemach, und bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemaßregelte da.

Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an:

„Lieber Herr von Brecken, es giebt für jeden, der fehlte, bei unserm Herrn Jesus Christus —“

Aber weiter kam er nicht.

„Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem — Ihrem —“ setzte Brecken, der vor Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Höppner auf.

Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und wollte und konnte all das Geschwätz und all die ‚Salbaderei‘ nicht mehr ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter Stimme:

„Sie begreifen wohl, daß ich nach einer solchen maßlosen Invektive es nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches und versöhnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau scheinheiliger Überhebung! — Nein, nein, ich höre nichts mehr, und nie werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!“

Nach diesen trotz seiner maßlosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten stürmte Tankred auf den Flur und aus dem Hause.

Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurück, in das er seinen Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der wühlenden Gedanken in seinem Innern besser Herr zu werden, zunächst einen einsamen Nebenpfad. Er mußte allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen; er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernünftigen Entschluß zu gelangen.

Einmal schoß es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst zu führen. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende, und es war nun auch für ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besaß keine Mittel mehr zum Leben. Er mußte dann schon Anspruch auf Diäten erheben, aber da er ohne Wohnung war, würden sie kaum zu seinem Unterhalt ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhöhtem Maße die Gier nach Besitz und Geld.

Welch ein Augenblick, wenn er Eigentümer von Falsterhof sein würde, wenn er mit stolzer, von Machtfülle getragener Geringschätzung herabblicken könnte auf das ‚Gesindel‘, das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete sich in Gedanken an ihrem Ärger und ihrer grenzenlosen Enttäuschung, daß es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu drücken. Im Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer nächsten Nähe, und von genügenden Mitteln unterstützt, konnte er einen vorläufig verlorenen Prozeß noch einmal wieder aufnehmen.

Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die Verhältnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Während er dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines Innern, waren seine Gedanken ausschließlich mit diesem Plan beschäftigt. Abermals wollte er ausstreuen, daß er sich nach dem Süden begebe, bei seinem Anwalt wollte er, um später sein Alibi nachweisen zu können, seine Adresse an der Riviera niederlegen.

Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals, aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann direkt nach Italien reisen und sich von dort zurückrufen lassen — als Erbe von Falsterhof.

Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen, was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde.

In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das paßte ihm eben; er bestellte ein Glas heißen Grog und knüpfte ein Gespräch an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange Abwesenheit vorschützend, über Falsterhof aus; wie es seiner Kousine, die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen könne, gehe, und ob der Wirt etwas von ihr gehört habe.

„Ja, die gnädige Frau will in diesen Tagen, so erzählte der alte Frege, eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen früh gehen sie schon ab. — Nicht wahr, Anna?“ rief der Mann seiner eben eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung über die Mitteilung geschickt unterdrückend, Zweifel hinwarf. „Sagte Frege nicht, daß die Herrschaft von Falsterhof morgen früh abreisen wollte?“

„Nein, übermorgen mittag,“ berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig begrüßend. „So sagte der Pächter Harms gestern abend.“

Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen.

Mit schlecht verhehlter Hast ließ er sich sein Pferd wieder vorführen, bezahlte die Zeche und warf hin, daß er noch heut seine Reise nach Italien antreten wolle. Als er schon in der Thür stand, wagte der Wirt nach dem Stande der Prozeßangelegenheit zu fragen, er gab sich den Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse für Brecken.

„Erst hatte ich die Oberhand,“ antwortete Tankred anscheinend gelassen, „nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist. Zunächst will ich noch mal etwas für meine Gesundheit thun. Adieu, lieber Krüger! Adieu, Frau Krüger! Auf Wiedersehen!“

Damit trabte er davon, und der Wirt, getäuscht durch seine sorglose Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zurücktretend und sich an den warmen Ofen stellend:

„He schien ja ganz vergnögt to sin. Am Enn steiht doch de Sak för de Herrschaften up Holtwerder nich so günstig, as de glöwen. — Schall mi Wunner nehm'n, woans dat aflöst! Na, ick mug nich mit em in Striet kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann.“

* * * * *

Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, daß er Günstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit heraus.

Er wußte, daß Brecken bei Brix gewesen, und daß dieser jede Intervention eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Höppner. Jedes Wort, das letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und gab es — ein Labsal für sich selbst — wieder. Endlich wußte er auch, daß Brecken später noch im Krug gewesen war und dort geäußert hatte, daß er sich gleich wieder nach dem Süden begeben wolle.

„Was soll er denn auch hier thun?“ schloß Hederich eben so überzeugt wie vergnügt und rieb sich die Hände. „Drum und dran — es war ein großartiger Gedanke von Ihnen, gnädige Frau, den Spieß umzukehren und hier einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist völlig entwaffnet und bittet um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gnädige Frau!“

„Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich könnte gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. Übrigens möchte ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um ihrem Vetter unter allen Umständen aus dem Wege zu gehen. Vielleicht ändert sie nun ihren Entschluß. Wie wär's, lieber Hederich, wenn Sie auf der Rücktour einen Augenblick bei ihr vorsprächen und ihr Mitteilung machten? Die Neuigkeiten würden sie auch um unseretwillen angenehm berühren, ich weiß es!“

Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem Frühstück nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach Falsterhof.

Wie immer öffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thür, wie immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es drängte sich dem Besucher unwillkürlich die Frage auf, wie die Menschen es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag ausfüllten, wie sie Herz und Sinne nährten. Alles war so freudeleer, so eintönig, düster und bedrückend. —

Hederichs Bericht nahm Theonie mit großer Spannung und sichtlicher Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit über die günstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend, ob sie reisen solle, und äußerte sich in diesem Sinne gegen Hederich.

„Sie begreifen nicht, daß ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!“ sagte sie. „Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute erinnert, das mir der Himmel während meines Lebens schenkte. Meine Eltern, und was ich später liebte —“

Theonies Augen feuchteten sich, und für Augenblicke vermochte sie nicht weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin und bat, von einem raschen Entschluß beeinflußt, ob Hederichs nicht am kommenden Tage mit Tressens und Höppners, die sie auch bitten wolle, zu Tisch und Abendbrod kommen möchten.

„Also wirklich, Sie geben die Reise auf?“ warf Hederich nach ausgesprochener Zusage hin.

„Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem ich nun den schrecklichen Menschen fern weiß, atme ich wieder auf und will mich meiner Ruhe von neuem freuen. — Hier, nehmen Sie das Ihrer lieben Frau mit!“ schloß sie, als Hederich aufstand und sich zum Abschied rüstete. „Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt, und die ich für sie neu habe fassen lassen. — Nein, nein, keinen Dank, ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise den Schmuck doch zusenden!“

Nun kam auch Frege und meldete, daß Klaus den Schimmel vorgeführt habe, und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg zurück nach seinem kleinen Gütchen.

* * * * *

Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Frühlings regten sich. Die Kälte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser späten Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, daß die Schritte eines sich Falsterhof nähernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der Natur unterbrachen. Und das störte den Spätling. Er wünschte Sturm und Finsternis statt dieses sanften Träumens der Natur, und als nun eben der Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte, auch vom Gehöft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang, ging ein wilder Fluch über seine Lippen.

„Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!“ murmelte er zähneknirschend.

Doch ließ Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal nahm er den Weg über das Feld durch das Gehölz und hielt erst inne, als er die Rückseite des Hauses erreicht hatte.

Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken vordem gehört hatte. Das Tier befand sich also offenbar — vielleicht durch einen Zufall — nicht im Hause; und die schwerste und zunächst wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte, daß dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen, und nun schwankte er auch nicht länger. Im Nu drehte er den Schlüssel im Schlosse um, horchte gespannt, ob das Geräusch jemanden geweckt habe, und entzündete, als alles still blieb, die Blendlaterne.

Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfaßte mit seinem Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemälde an den weißen Wänden, horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung nichts, als das regelmäßige, laut durch den eingeschlossenen Raum dringende Ticken der großen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Für Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom Wohnzimmer aus in die Gemächer ihres Mannes begeben, dort nach dem Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geöffneten Vorzimmer nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr gütiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich strenge Miene seiner Mutter und zuletzt — seltsam, — der alte Frege. Brecken war's, während er zum Dämpfen seiner Schritte ein paar Filzsohlen unter die Stiefel knüpfte, als ob er ihn hinten aus seinem Zimmer treten höre, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun beobachte. Thorheit! Vorwärts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das Gesicht und schlich bis an die Thür.

Ein Druck — sie gab nach — jetzt war sie angelehnt. — Er horchte — sein Herz pochte — Nichts. — Langsam und vorsichtig erweiterte er die Öffnung — nun war er im teppichbedeckten Vorzimmer.

Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem Theonie schlief, er hörte ihren regelmäßigen Atemzug. Noch einmal flog's ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begönne. Er wollte über sie hinstürzen, ihr mit der Linken den Mund verschließen und sie mit der Rechten würgen — so lange würgen — bis — —

Aber was war das? — Theonie regte sich — Tankred wich unhörbar zur Seite. — Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock. — Wohl zwei Minuten stand er regungslos da. — — Ohne zu sehen, war's ihm, als ob Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken durch das Dunkel spähe. — Endlich — endlich — war sie wieder eingeschlafen — ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach. — —

So, und nun vorwärts! —

* * * * *

Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er mußte trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden Gedankens der That sich an dem Geländer festhalten und stolperte schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang von drüben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben — er vermochte nicht, es zu entscheiden — entstand ein Geräusch, und während er, von Furcht gepackt, zur Hinterthür fliehen wollte, erschien — ja, es war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit! — in Hemdsärmeln und mit in der Eile ungeknöpften, an den Beinkleidern herabhängenden Tragbändern der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole. Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er durchs Haus, daß die Wände bebten, stürzte vorwärts und sandte dem in wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thür zu erreichen vermochte, eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war, so erreichte er doch das Freie.

Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde zugeschlagene Thür zurückstieß, sah er Brecken — er glaubte ihn sicher zu erkennen an Größe, Haltung, Bewegungen — durch den Park fliehen. Einen Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in der Erregung unzusammenhängende Worte. Aber dann ward er aufgerüttelt. Ein entsetzliches, markerschütterndes, nicht endenwollendes Geschrei drang durch das Haus — — Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die Treppe herab und rief dem wenige Minuten später schlotternd vor Angst und Schrecken aus allen Winkeln herbeistürmenden Gesinde die Worte zu:

„Die gnädige Frau! — Die gnädige — Frau — liegt tot im Bett — —“

Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und während eins der Mädchen sie in ihren Armen auffing, stürzten die anderen empor, um selbst zu sehen, was Gräßliches, Grausiges, Unerhörtes geschehen war. —

* * * * *

Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte, Tankred von Brecken. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, die Glieder flogen, die Brust hämmerte. — Vorwärts! Vorwärts! Zunächst weit weg aus dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurück nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage nach dem Süden!

Ja, wenn's ging! — Schon mußte er froh sein, wenn er sich mit der Wunde bis dahin schleppte. Im Körper brannten die Schmerzen, und brennend ging's auch durch sein Gehirn, denn während er dahin stürmte, erschien wieder vor seinem inneren Auge das unglückliche Geschöpf in dem hohen Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genähert hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein Ton, den er nicht vergessen würde, und sollte er tausend Jahre alt werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden Händen an die Gurgel gefaßt hatte, und wie im Sterben noch ihr halb flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war! — Es war grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so fürchterlich gewesen, daß sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte Mitleid mit dem armen, hülflosen Geschöpf empfunden — er hätte ihr lieber vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder Sterben. Aber schon war's zu spät gewesen. Die Augen waren verglast und aus den Höhlen getreten, die Brust hatte aufgehört zu atmen, der in Todeswahnsinn arbeitende, sich sträubende Körper hatte keine Kraft mehr gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen gehorcht. — Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Fäusten ihre Gurgel — — In diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung gerade dieser legten Vorstellung, — denn dann hatten ihn Grausen, Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten hätte er gleich von oben aus das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht hatte sich seiner davor bemächtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen zu müssen, über den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich bewußtes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und die den Urheber all des Fürchterlichen verraten würde — —!

Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht, hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen — Und dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und immer unerträglicher wurde, jetzt so unerträglich, daß Tankred von Brecken den bisherigen, stürmenden Lauf hemmte, stille stand und in der gräßlichen Qual aufbrüllte.

Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch trat dieser Schmerz zurück vor einem sich jählings seiner bemächtigenden Gedanken, vor der sich zur Gewißheit steigernden Befürchtung, daß Frege ihn erkannt habe!

Ja, er mußte ihn erkannt, schon sein Instinkt mußte ihm die Wahrheit eingegeben haben! Und die alte Kanaille würde gegen ihn zeugen, würde es aller Welt verkünden, daß er, Tankred von Brecken, der Mörder sei — —!

Und man würde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich, wer, außer Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Städtchen, wohin er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich für einen in Dresden lebenden Hauptmann außer Dienst ausgegeben. Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurückzugehen und auch Hamburg zu vermeiden.

Aber was beginnen —?

Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Kräfte fingen an, ihn zu verlassen!

Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten. Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr über die Felder, Wiesen, Äcker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Kälte mit sich.

Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden Kräften der Mörder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erlöst zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur Raserei peinigten.

* * * * *

Der alte Frege saß in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die dürren Kniee gestützt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und starrte mit einem unbeschreiblich müden und verlassenen Blick vor sich hin. Die mit der für die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen Maßnahmen verbundene Tätigkeit hatte ihn seit der Frühe aufrecht erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken, und die Gedanken kamen und lösten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie je zu einem Schluß gelangten, war's immer nur der: „Was sollst du noch auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein Leben gewidmet hattest?“ Frege hatte während seiner langen Dienstzeit nie etwas anderes verlangt, als die Thätigkeit, in der er sich befand, und die Ausübung seiner Pflicht, die ihm Bedürfnis geworden war. Andere richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draußen besseres zu finden, neben der Arbeit Zerstreuung, höheren Verdienst, und was sonst die Sinne der Menschen fesselt. Er aber wußte, es sei thöricht, zu glauben, das die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der nächsten Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre Gebärden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt.

Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjüngt, als Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes Auge, ihre glückseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder.

Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in den Tod gefolgt, und das große Erbe kam in fremde Hände. Wo sollte er nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens würden ihn auf Falsterhof lassen, alles würde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram fraß an seinem Herzen; es war auch gleichgültig, wo er die letzten Jahre noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst — Leben, ja! essen, trinken, schlafen. — Aber welch ein leeres Dasein! — Gab's noch irgend etwas, das ihm Hoffnung ins Herz träufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein Gedanke vermochte ihn noch aufzurütteln: den Verbrecher unter den Händen des Henkers zu sehen! —

Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Mörder stände ihm jetzt gegenüber, dann verzerrten sich vor Haß und Wut seine Mienen. Er fiel über ihn her, stieß ihm ein Messer in den Körper, wo es gerade traf, und weidete sich an der Dual des Scheusals. — Und Gott würde ihm vergeben! Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, würde begreifen, daß man Rache übte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott nicht selbst eine Hölle geschaffen mit Zittern und Zähneklappern für die Bösen, und sollte sein Geschöpf, der Mensch, sich des natürlichen Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entäußern?

Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau, die er wie ein höheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte sich auf, schritt mit nassen Augen langsam über den stillen, hallenden Flur, öffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet hatte, und näherte sich ihrem Totenlager.

Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fürchterlich waren die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geöffnet, und diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von flehendem Entsetzen!

Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken über das Antlitz; er konnte ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudrücken, er vermochte es nicht. Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stöhnte. — Noch tags vor ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend, lange mit ihm gesprochen, Pläne gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie für ihn besaß. Und da war der feige Einbrecher erschienen und hatte — hatte — O Gott, o Höchster über den Sternen! Es war nicht auszudenken, daß das wirklich alles geschehen war!

Der Hund hatte die ganze Nacht in Absätzen gebellt, durch ihn war Frege geweckt worden — aber zu spät — — zu spät — — Und daß das Tier sich gerade an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlaß findend, in den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so unglücklicher Zufall gewesen, das erschien als ein solches Bündnis des Teufels mit dem dämonischen Plan des Verbrechers, daß es fast aussah, als habe Gott aus für die Menschen unerfindbaren Gründen alles so geschehen lassen wollen! Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen gleich erscheinenden Schicksalen gewesen! — War darin Sinn und Verstand? — Vielleicht doch! — Sie mußte fallen, damit jene auf Holzwerder wieder zu ihrem Recht gelangten, für schwere Enttäuschungen um so höher entschädigt würden. So ging's überall in der Welt zu; das waren geheime Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte, neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten.

Wenn's nur nicht sein Sohn wäre! dachte der alte Mann. Nur nicht der Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste!

Endlich erhob er sich, die Thürglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war Essenszeit. In der Gesindestube saßen schon die anderen Dienstboten zu Tische, und draußen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden, harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Stärkeren gegen den Schwachen. —

Am Nachmittag desselben Tages trafen Höppners, Tressens und Hederichs in Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden Bericht über die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft unternommen hatte.

Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Blätter hatten schon am Tage nach der That ausführliche Berichte gebracht und Mutmaßungen über den Thäter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit vollkommener Sicherheit die Erklärung abgegeben, daß er Brecken erkannt habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das bestimmteste behauptete, den Mörder verwundet zu haben, erschien die Überführung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als eine leichte.

Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert, daß er tags vorher in der Nähe gewesen und die Absicht geäußert hatte, sich nach dem Süden zu begeben. Aber da er keinen großen Vorsprung gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine Ergreifung gesetzt hatte, mußte sich die Angelegenheit baldigst klären.

In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschäftigten sie auf das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, daß auf einem solchen vorsätzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof zu, und er wurde zugleich für alle Zeiten Einflüssen entzogen, die, wie auch immer der Prozeß ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen sein würden.

Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache.

Und wenn auch gegenüber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz aufdrückte, Äußerungen der Freude über den wahrscheinlichen Ausgang der Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von glücklichen Vorstellungen erfüllt, und namentlich auch Hederich und Carin machten Pläne, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurückzukehren.

Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder verwachsen. Er fühlte sich dort besonders heimisch und glücklich. Und bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine materiellen Verhältnisse wesentlich.

Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes. Wenn er in die alte Thätigkeit wieder eintrat, so waren sie wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben vermochte.

Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg, drückten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann Vorbereitungen zur Abfahrt.

Als sie bereits in der Thür standen und den letzten Händedruck austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe, wie sie gehört, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer Überraschung keiner bedrückten Miene, sondern die Pastorin neigte mit leuchtenden Augen den Kopf und sagte: „Ach, es ist ja ein herziges Ding! Sie hat so tief bereut, daß mir die Seele schmolz. Sie kam unaufgefordert zu mir, legte ihr Köpfchen an meine Schulter und bettelte, daß ich ihr verzeihen möchte.“

Sie hatte nach diesem Bericht über Lene auch keine Zeit mehr, die lebhafte Frau Pastorin. Sie drängte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmütigen Gesicht, was sie wollte.

Durch das Gespräch über Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfaßten sie.

Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein blühend aussehendes junges Weib in die Arme und flüsterte zärtlich neckend: „Aber mein kleines Frauchen, — drum und dran — mag keine Kinder —!“ Da senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in ihren Mienen die Glückseligkeit, die sie durchströmte über das, was auch ihr bevorstand. —

* * * * *

Es war Spätabend. Abermals ein furchtbares Gewitter — gleichsam ein Kampf der mächtig nach Verjüngung ringenden Natur — durchtobte den Himmel, und meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der vor einigen Tagen krank nach L. zurückgekehrte, unter dem Namen ‚von Kaub‘ in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war.

Ärztliche Hülfe war von ihm zurückgewiesen. Er hatte einen Barbier angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern mußte. Es sei eine sehr böse Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die Frage des Wirtes erklärt, und viele Wochen würde es dauern, ehe der Kranke das Zimmer wieder verlassen könne.

Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant verlassen, auch sämtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben, und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen, als noch an die Hausthür geklopft ward, und der Barbier, an dem verschlafenen Hausdiener vorüberschreitend, in sichtlicher Erregung das Gastzimmer betrat.

„Nun?“ machte Helms, der Wirt, ein mittelgroßer Mann, der mit seinem zwischen englischen Bartkoteletts überaus glattrasierten Kinn und der übertrieben sorgfältig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als ob er sofort als Schauspieler in einer Bühnenrolle aufzutreten habe, verwundert und nicht eben angeheimelt.

„Wo kommen Sie denn noch so spät her, und in dem, Wetter, Bartsch?“

Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten fürchtet. Dann sagte er:

„Ist noch heiß Wasser da? Ich möchte einen halben Grog, — und — dann — dann — muß ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr wichtiges, das keinen Aufschub duldet!“

In Helms Gesicht drückte sich allerlei Mißbehagen aus, aber er ging doch hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Höhe, ließ den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett.

„Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms,“ begann Bartsch, ein Mann, in seiner Erscheinung mehr einem Küster als einem Barbier gleichend, mit ernstem, zuverlässigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt, eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor.

Helms setzte ein Glas aufs Auge, und während er ein Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit größter Spannung seine Mienen.

„Na? Und?“ setzte Helms arglos an und schnitt mit großer Umständlichkeit die Spitze einer Zigarre ab. „Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu verdienen —?“

„Wir!“, betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand nach oben.

Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht.

„Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht wird,“ hub Bartsch an. „Alles stimmt. Merken Sie auf!“ Und nun las er einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein „Trifft doch genau zu!“ ein.

„Donnerwetter!“ sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verließ.

Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluß. Einen solchen Menschen im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, daß er sogleich mit Bartsch überlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche Anzeige erstatten und veranlassen sollten, daß eine Wache vor die Stubenthür und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rückgrat, scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr weiße Zähne, große, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug! Jedes Stück stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Überzieher. Und ganz in der Frühe war er angekommen, verstört, totenbleich, mit Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte erzählt, daß er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt habe.

Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuß —! Während die beiden noch zusammen überlegten, ertönte plötzlich ein Donnerschlag von solcher Vehemenz, daß die Erde zu beben schien, und sie unwillkürlich zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht erklärte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub.

Die beiden Männer sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von Grauen erfaßte sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen, und nun war's so gut wie erwiesen, daß der Thäter oben im Hotel lag. — Entsetzlich! — Endlich gingen sie beide. — —

Als sie das Zimmer öffneten, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick dar. Der Kranke saß aufrecht im Bett und brüllte, man möge gleich den Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er könne das nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Mäuse und Ratten sollten nicht an den Wänden kriechen und — und —

Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie ein Verzweifelter und schrie und tobte, er könne es vor Kitzeln nicht aushalten! Und dazwischen kreischte er, daß die Frau, die Frau Theonie mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde. —

Fürchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Körper- und Seelenschmerzen wirkten zusammen in dem Unglücklichen!

Und was die Anwesenden sagten, hörte er nicht, er wußte schon nicht mehr, daß sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genähert hätten, und dann brüllte er wieder so markerschütternd auf, daß sie, wie von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit ließen, die Thür von außen zu verschließen. —

Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht, Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kämpften in ihnen. Aber dann gab's einen schnellen Entschluß, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt abzunehmen, sich noch verstärkt hatte, als ob alle Himmel droben gegeneinander in Aufruhr geraten seien — —

* * * * *

Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der Hauptstraße ab eine Anhöhe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt sich fast in der Mitte des Hügels, und rings umher befinden sich die vielfach von Bäumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Gräber, herabreichend bis an die Gärten der die Straße flankierenden Häuser. Ein stiller Ort, an dem die Vögel heimlich singen, an dem selbst der Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Flügel erhebt.

Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem durch die Frühsonne verklärten Frieden. Überall junges Grün, wohin das Auge blickt, Grün und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermählend, unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt.

Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfährt, begleiten nur drei Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefährt her, und jeden leitet auf diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und Gedanke.

Es ist die Verehrung für die Frau des Toten, das Interesse für sein noch lebendes Kind, was sie nach Elsterhausen geführt hat.

Tankred von Brecken — über drei Wochen sind vergangen — war in dem öffentlichen Krankenhause, in das er auf Anordnung der Sanitätspolizei und der Gerichte gebracht worden, verschieden. Geistige und körperliche Qualen, wie sie selten einen Menschen heimsuchen, hatte er erduldet, bis er seine Seele ausgehaucht. Aber noch Schlimmeres hätte ihn erwartet, wenn es der Pflege gelungen wäre, ihn am Leben zu erhalten. Und das hatte der Mann gewußt in den wenigen lichten Augenblicken seiner Krankheit, in denen endlich auch das Gewissen mit ganzer, furchtbarer Gewalt zum Durchbruch gekommen war.

Aber er wußte noch mehr. Er hatte vom Himmel nichts zu erflehen, da er alles Erbarmen verwirkt, und dennoch richteten sich seine Gedanken hinauf, und die gefalteten Hände zitterten, und der Mund flehte stöhnend: „Nimm mich fort, sende mir den Tod. Übe dein göttliches Mitleid an der von Dir erschaffenen Kreatur, indem Du ihr das nimmst, was die anderen als höchstes Gut erkennen: das Leben — —!“

Und das Schicksal hatte ihn nach entsetzlichen Kämpfen erlöst; an einem Hirnschlag, der sein krankhaft vibrierendes Nervengeflecht lähmte, war er gestorben, und Staatsanwalt, Richter und Henker wurden ihres Opfers beraubt. —

Der Leichenzug war oben angelangt; die Träger hoben den Sarg, auf den niemand eine Blume oder gar einen Kranz niedergelegt hatte, vom Wagen und schritten an die Gruft, an welcher der Küster mit seinen Gehülfen harrte. Es ward nicht gesprochen, alles vollzog sich stumm und tonlos.

Nur als der Sarg eingesenkt wurde, entstand durch das Hinabrollen einiger klebriger Erdstücke ein Geräusch. Sie fielen dumpftönend auf den Deckel, aber sie störten den Schläfer nicht mehr —

„Wir wollen ein Vaterunser beten,“ hub Höppner an. Aber er sprach noch anderes. Seine verzeihende Seele drängte nach einem Wort: „Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet! Die Fehler und Vergehen des Unglücklichen, Verirrten, den wir eben in die Erde gebettet haben, waren das Ergebnis einer verkehrten Erziehung; er hatte durch Naturveranlagung einen schwereren Kampf mit sich zu bestehen als andere. Das mildert seine Schuld in den Augen der Barmherzigen. Gott möge ihm gnädig sein!“ —

Als die drei Männer, Herr von Tressen, Pastor Höppner und Hederich, langsam den Weg zurücknahmen, zwitscherten über ihnen die Vögel mit süßem, fröhlichen Gesang; von unten drang das Geräusch emsigen Lebens an ihr Ohr. Leben und Daseinsdrang überall! Und das Gefühl einer schweren Last war auch von der Seele dieser Männer gewälzt und machte sie leicht und hoffnungsfroh.

Hier hinterließ der Tod keine Narben, hier war er eine Erlösung für die Zurückbleibenden, wie er eine Erlösung gewesen für den Vernichteten, der einst geglaubt hatte, der Mensch vermöge sein Schicksal zu lenken nach seinen Wünschen und Vorstellungen. —

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