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Todsünden

Front matter (continued 5)

Reading edition

Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedächtnis eingeprägt hatte:

Feiger Gedanken Bängliches Schwanken, Ängstliches Zagen, Weibisches Klagen Wendet kein Elend, macht dich nicht frei. Allen Gewalten Zum Trotz sich erhalten, Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen. Rufet die Arme der Götter herbei!

Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunächst zu ihrer Mutter gehen und versuchen, sie zu versöhnen, und dann, nachdem das geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu lösen. Es ging doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es Hederich gegenüber geäußert hatte. Halbe Verhältnisse waren von allem das schlechteste. Sie wollte eine vollständige Scheidung herbeiführen, und wenn sie darum kämpfen sollte mit den letzten, äußersten Kräften und — Opfern.

Opfern? — Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer. Ihre guten Vorsätze stritten heiß mit ihrem Egoismus. —

Einige Stunden später stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschlüssig, was sie thun sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, daß sie zauderte, ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick öffnete Frau von Tressen die Thür und rief über den Korridor nach dem Diener.

„Ich suchte ihn auch, Mama —“ erklärte Grete.

„Grete, Du?“ ging's in maßlosem Erstaunen aus dem Munde der Frau.

Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stürmisch ihrer Mutter Hand.

„Ich möchte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!“ begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und ließ sich an dem Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versöhnung erbittenden, weichen Ausdruck nieder.

„Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?“ fuhr sie drängend fort. „Ich komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und meinem Mann —“

Frau von Tressen, die mit größter Überraschung zugehört, fuhr bei dem legten Satz unwillkürlich in die Höhe.

„Ich will los von ihm!“ fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden fort. „Ich habe eingesehen, daß wir nicht für einander passen. Wir ergänzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmöglich macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, daß ich mich wieder von ihm trenne.“

Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Pläne.

Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Süden abreisen, und ihre Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht, vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu besprechen. Er sollte persönlich mit Tankred verhandeln.

In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein Sturm von Empfindungen. Dieser plötzliche Entschluß in so bestimmter Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der Nüchternheit ihrer Auffassung so außerordentlich, sie verrieten so ungewöhnliche Vorgänge, daß Frau von Tressen vor allem in Grete drang, sich ihr ganz anzuvertrauen.

„Es war schon lange etwas in mir,“ entgegnete die Frau. „Ich wollte es mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht nur äußerlich, für Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kämpfe in mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmählich den Gedanken in mir, daß es so nicht weiter gehen könne. Ich war auch nicht blind für das, was sonst um mich her vorging.“

In dieser und ähnlicher Weise erörterte Grete ihrer Mutter die einzelnen Vorgänge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds Fälschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine furchtbare Aufregung.

Am Schluß legte Grete, gedrängt von ihrem Gefühl, einen besonders zärtlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der über ihre Wandlung bewegten Mutter, daß nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem Entschluß gelangt war, sondern daß auch die Liebe zu ihr einen Anteil daran gehabt hatte.

Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und meldete seiner Herrin, daß Herr von Brecken bereits vor einer Stunde fortgeritten sei und hinterlassen habe, daß er wahrscheinlich nicht zu Tisch komme.

Dies veranlaßte Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen.

Als sie beisammen saßen, ward die Reise erörtert, und Grete erklärte, daß sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle.

„Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen früh gleich ab und begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer Rücksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg.“

Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein, nichts zu überstürzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so wichtiger Entschluß bedürfe der Überlegung; auch um der Menschen willen sei es ratsam, es so einzurichten, daß nichts Auffälliges in ihrer Abreise gefunden werden könne.

„Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, daß sie sich schon vorher mit unseren Angelegenheiten befaßt?“

Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie doch bei ihrem Willen und fügte sich nur darin, sich nicht heute schon in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal der Anlaß zu Gesprächen entzogen werde.

„Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir höre, die mir abmahnt,“ sagte sie. „Übrigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rückkehr zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erkläre, wir wollten uns auf Reisen begeben.“

„Thue auch das nicht,“ riet Frau von Tressen. „Er wird Dich zu hindern suchen. Füge Dich heute scheinbar, und dann laß uns morgen ohne Rücksicht handeln.“ —

Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken. Grete hörte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Geräusch, als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestürzt.

Als sie erschrocken, aber auch gereizt über diesen Lärm, die Thür öffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebärden am Treppenabsatz stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem Unglücklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen.

„Nein, er bleibt!“ erklärte Grete in äußerster Empörung, und nur mit Mühe sich bezwingend. „Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird, und ich will nicht, daß der Mensch wie ein Hund davongejagt wird.“

Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der Hautabschürfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien, zu, er möge in sein Zimmer gehen, dort das Nötige für sich thun und später zu ihr kommen.

Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau.

Er überschüttete sie, ohne Rücksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief:

„Und nun in Dein Zimmer! Es wird überhaupt Zeit, daß ich hier ein anderes Regiment einführe, den Durchstechereien, Sentimentalitäten und Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und unten gründlich aufräume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite kennen lernen. — Nun, hörst Du nicht? Marsch, vorwärts, oder —“

Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thür. Und nun ertönte ein furchtbarer, markerschütternder Aufschrei — und dann folgte etwas, das allen Plänen und Reisegedanken für jetzt und immer ein Ende machte.

* * * * *

Drei Tage später war's. Ein neues lebendes Wesen und — eine Tote.

Indem die Frau ihrem Kinde ein zu frühes Dasein gegeben, hatte sie ihr eigenes eingebüßt, und unversöhnt mit dem Manne, dem sie einst in der Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kämpfen dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt.

Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Räume, die Dienstboten schlichen ängstlich flüsternd einher, und Frau von Tressen, die keinen Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie vernichtet.

Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das kleine Wesen zu kümmern.

Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, daß sie wie zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Empörung aufschrie.

Und Gedanken kamen und lösten sich ab, und ihre Seele weinte.

Nein! Es war nicht möglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu fürchterlich. Jetzt erst fühlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, daß sie einer Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte.

Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, daß er nicht erwarten konnte, daß die Leiche aus dem Hause kam, daß das ‚Gejammer‘ ein Ende nahm, daß er ganz allein Herr wurde im Hause und sie verjagen konnte für immer. Und sein Gehirn arbeitete in der Überlegung, welchen Nutzen er für sich aus diesem Vorfall ziehen konnte.

Kein Zweifel, er würde Holzwerder für seinen Sohn in Anspruch nehmen, auf die Gütergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als früher benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft.

Seinen Schwiegervater hatte er während dieser Tage nicht einmal besucht, mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe über seine Lippen gekommen. Nur dem Arzt gegenüber hatte er eine widerliche Komödie gespielt, damit er die Eindrücke hinaustrage in die Umgegend.

Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die Hände reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es doch trotz allerlei Widerwärtigkeiten so gut mit ihm meinte.

Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da droben würden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er würde sie kurz und bündig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den Händen geben, hieß mit dem Feuer spielen. Gewiß, der Balg war ihm unbequem, aber diese Gêne mußte er schon mit in den Kauf nehmen.

Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhöht durch etwas sehr Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag fast aussichtslos darnieder; es schien jede Möglichkeit ausgeschlossen, daß er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begräbnis gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt.

Und dann beschäftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem Nächstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen würden, was die Frau vorbringen, welche Vorschläge sie wegen des Kindes machen werde.

Der nächste Tag mußte Entscheidendes herbeiführen.

Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne daß die Schwiegereltern sich rührten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Rücksprache mit Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich, war besorgt, sie ließ wie früher unten kochen und sich oben bedienen und machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine Änderung herbeizuführen oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermaßen auf, daß er schon wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem Schlupfwinkel herauszutreiben.

Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken, ob es weise sei, noch mehr Anlaß zu Gesprächen zu geben. Er hatte eine Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging, daß man ihn für den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt war, und daß sich Gerüchte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte von Theonie in Verbindung standen.

Die Worte: „So was mit Papieren soll nicht richtig sein“ waren an sein Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht für ihn gewesen, daß er im Fluge nach Hause geeilt war, um das Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen gehalten hatte, zu verbrennen.

Wo kamen aber diese Gerüchte her? Entweder von Falsterhof oder von Hederich.

Dieser Hederich, wie er ihn haßte! Nur Rücksicht auf Grete hatte verhindert, daß Tankred nicht längst seine Absicht, ihm den Laufpaß zu geben, zur Ausführung gebracht hatte.

Zunächst ließ er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen. Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und bei der Grabrede Höppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es ihn geärgert. Auch die Pastorin Höppner hatte sich angestellt, als sei der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschätzung, die man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration. —

Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrückter Miene zu seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins.

In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch für Brecken übrig gehabt. Auch hatte ihn eine völlige Gleichgültigkeit erfaßt, welche Meinung Brecken über ihn, den Untergebenen, habe, ob er ihm gar die Thür weisen werde.

Brecken ekelte ihn über die Maßen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Berührung kamen, am Ende aufdrängte.

Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte:

„Sie wünschten mich zu sprechen?“

„Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!“ warf Tankred, den diese kurze Art äußerst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer.

Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch höflich gewesen. Tankred aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da plötzlich kam Hederich ein Entschluß, ein fester, unabänderlicher.

Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rüden Habenichts, diesem Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen für immer.

Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da mit stolzer Miene, als Brecken zurückkehrte.

„Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter —“

„Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich heute meinen Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Aufträge mehr von Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, daß wir jeden Tag gegenseitig das Recht haben, unser Verhältnis zu lösen. Von diesem Recht mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!“

„So, das sind ja sehr hübsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was ist denn der Grund, mein Geschätzter, daß Sie sich die Erlaubnis nehmen, in solcher Weise jede Rücksicht außer acht zu lassen und mir zu begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so wenig hellen Kopf plötzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezüglich ihrer Vortrefflichkeit sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder hält sich für einen Gott, und, bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisäerhaft an die Brust schlagende, außerordentlich wenig, fast nichts leistende, aber dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter fröhnende Gesellschaft. Nun, antworten Sie, welche Gründe haben Sie, sich plötzlich in die Brust zu werfen, als wären Sie ein Cäsar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklärung!“

Diese in einem maßlos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese Ausfälle, welche Hederich in solcher Stärke nicht im entferntesten erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, daß der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunächst ganz fassungslos. Auch gaben sie seinem ursprünglichen Entschluß eine völlig andere Richtung. Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit Brecken einließ. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, ernst und würdevoll:

„Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kündigung und deren Ursachen, für mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und dran, in den Weg legen, so weiß ich, wo ich Schutz und Recht finden kann, und werde davon sehr ausgiebig für mich und andere Gebrauch machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!“

Nachdem Hederich gegangen war, zündete Tankred die ihm bei dem Gespräch ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz in die Kaminflamme hielt. Während er sich mit dem Anbrennen mühte, überdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzählen, wie er, Brecken, über die ganze Idiotengesellschaft dachte.

Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu einem völlig klaren Nachdenken über sich selbst. Während er da in seinem Lehnsessel hockte, murmelte er:

„Ich besitze Gaben, durch die ich Großes schaffen könnte, aber sie bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jähzorn und Mangel an Mäßigung verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Günstiges schafft, wird durch mein Ungestüm meist wieder aufgehoben.“

Und eine ängstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die flüsterte, es sei nur Schein, daß Gretes Tod, das Zerwürfnis mit Tressens, der Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm förderlich werden würden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die Erfüllung seiner Wünsche? Und das Gute üben, war langweilig und öde, und durch die Entäußerung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er sich moralisierend in Sack und Asche hüllte. —

* * * * *

Am Abend dieses Tages saß Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war gekommen, um Abschied zu nehmen; am nächsten Vormittag wollte er das Gut verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach Elsterhausen begeben.

Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den letzten Halt, und nun war es auch für sie nicht mehr zweifelhaft, daß sie Holzwerder aufgeben müßten. In diesen Trauertagen hatten sie einen Entschluß überhaupt nicht fassen können. Bei ihren Überlegungen sprach bald alles für ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie blieben, würde die Großmutter in seinem Anblick wenigstens Trost und eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre zweifellos gefährdeten Rechte. Es stand ja alles für sie in Frage. Aber dann drängte es sich ihnen wieder auf, daß es doch unmöglich sei, mit einem solchen Menschen, einem Fälscher, ferner unter einem Dache zu wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Berührung zu gelangen.

Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage Unschlüssigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der jäh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen.

„Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, gnädige Frau!“ erklärte Hederich, nachdem er Bericht über seine Begegnung mit Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht hatte. „Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann müssen alle Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behörde muß gemacht werden, daß ihm als einer vertrauensunwürdigen Person die Vormundschaft über das Kind genommen wird. Gern würde ich in Ihrem Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr anhören, und — drum und dran — ich halte, abgehen von meiner Abneigung, jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits auch für gänzlich aussichtslos.“

„Nun, so will ich mich selbst aufraffen,“ entschied Frau von Tressen mit blitzendem Auge, und plötzlich wie verwandelt. „Morgen vormittag werden wir im klaren darüber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbärmliche seine Rolle weiter spielt!“

* * * * *

Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in Breckendorf dufteten die Blumen, die Bäume und Gebüsche prangten in Kraft und Schönheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er blütenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es Zwitschern und Singen fröhlicher Vögel. Ein sanfter Regen, der über nacht herabgefallen, hatte den durch längere Dürre hervorgerufenen Staub verwischt und das müde Träumen der Natur in frisches Leben verwandelt, in dem sich nun die neuen Triebe kräftig hervordrängten. Und freudiges Leben erfüllte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau Höppner lief in Haus, Hof, Küche und Keller umher und sah nach dem Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder stürmte jauchzend durch die Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor schien endlich mit aller Krankheit aufgeräumt zu haben; sein Aussehen war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar.

Die beiden Gatten ernteten die Früchte ihrer Herzensgüte durch Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit näherte, daß die Einweihung vor der Thür stand, durchströmte sie ein Gefühl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein großes Fest bereitet.

Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche Sorgfalt retten können; noch einmal war das Glück wie eine helle Sonne vor Theonies Thür erschienen, aber nur zu schnell war es wieder verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen. Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem großen Hause oder wanderte todesbetrübt durch den Park.

Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Fülle entfaltet. Die Vögel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute ländlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal fröhliches Singen. Aber die Frau hörte davon nichts, und wenn's ihr Auge und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so schmerzerregender an das, was sie verloren hatte.

Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt.

Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklärt, sich zu ferneren Raten nicht mehr verstehen zu können. Falls Tressens es angebracht finden sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die gerichtliche Entscheidung erwarten.

Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklärt, was sie wollte, und ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen:

Daß alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen hätten, so wäre nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Daß er die Schuld an ihrem Tode trage, sei lächerlich. Er habe allerdings eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien anderen schon viel schwerere Dinge zugestoßen, ohne daß sie üble Folgen davon getragen hätten. Aber jede Krankheit schließe die Möglichkeit eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein natürlicher Vormund.

In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles nötige vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen Fall Bedacht genommen wäre. Er sei indes als Nutznießer des Besitzes nicht abgeneigt, ihnen bis zur Mündigkeit des Knaben eine monatliche Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, daß Tressens sich den Bedingungen unterwürfen, die er stellen müsse.

Zu diesen Bedingungen gehörte in erster Linie, daß sie Holzwerder räumten, und ferner, daß sie sich verpflichteten, in die Erziehung des Kindes in keiner Weise einzugreifen.

Sobald ihm aber je auf Tressens zurückzuführende Anschuldigungen und Verleumdungen, beispielsweise, daß er an Gretes Tod Schuld trage, oder der Unsinn, daß er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als das von Theonie ausgefüllte vorgelegt habe, zu Ohren kämen, werde er keinerlei Zahlung mehr leisten und überhaupt jede Erinnerung an einst mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen auslöschen. Das sei sein unabänderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte er sich überhaupt zu nichts, sie besäßen keinerlei Rechte, sondern seien lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen.

Nach diesen kaltherzigen Erklärungen hatte er freilich auch wieder eine versöhnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal ohne Voreingenommenheit zu prüfen, ob's nicht besser sei, daß sie sich trennten, ob er anders handeln könne bezüglich des eigenen Kindes; er zeige doch jetzt, daß er wahrlich kein selbstsüchtiger Mensch sei. Es habe sich die Mär gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte, egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine glückliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben, und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred hatte mit der Versicherung geschlossen, daß, wenn er auch nichts schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so könne Frau von Tressen doch darauf bauen, daß er schon um Gretes willen, die er so sehr geliebt habe, sein Wort halten werde. —

Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Großmutter hatte das Kind in Tankreds Händen lassen müssen. Gegen einen solchen Menschen gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein Prozeß währen, und wovon sollten Tressens, die sehr verwöhnten Menschen, in der Zwischenzeit leben? Eine Weile würde es wohl gehen, da sie Kredit besaßen, so lange nicht bekannt wurde, daß sie mittellos geworden; aber am Ende vermochte selbst der Genügsamste sich auf die Dauer ohne Geld nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Unterstützung angehen zu müssen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie Empörung darüber, daß der Schurke nun auch noch diesen Akt von Niederträchtigkeit gegen sie ausgeübt hatte.

Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat nach Elsterhausen gefahren, um seine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Er hatte sich erboten, vorher noch einmal mündlich mit Brecken Rücksprache zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits klar zu machen, daß er einen Prozeß unmöglich gewinnen könne.

Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein gutes Wort geben, hieß sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefühl bäumten sich dagegen auf.

Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rückgrat. —

Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein.

Die seitdem eingetretenen Veränderungen fielen ihm sofort auf: von der vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten, war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Nützlichkeit gestellt. Dem Schönheitssinn waren keine Rechte mehr eingeräumt, denn zu beiden Seiten der Wirtschaftsgebäude lagen jetzt Misthaufen, zwischen dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die früher sorgfältig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlässigten Chaussee.

Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden waren verhängt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststürme von den Wänden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der Wirtschaftsgebäude kostete Geld, und Geldausgeben war dem völlig zum Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel.

Als Brix in das Schloß eintrat, hantierte Tankred in einem abgenützten Hausrock im Flur und hämmerte selbst an einem wackelig gewordenen Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergerät. Er konnte sich nicht mehr entschließen, einen Handwerker auf den Hof kommen zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, überlegte er, ob er ihr nicht ausweichen könne.

Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfänglich seine Züge, dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und nötigte den unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach.

Hier zeigte sich noch die ursprüngliche Eleganz; der Fußteppich wies zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten überall dem Auge entgegen.

Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub zu entfernen war, da trachtete der Mann ängstlich, es zu erhalten. Der Geiz äußert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert Dinge, oft ist er blind.

„Ich komme,“ hub Brix an, „um über das unseren gemeinsamen Freunden von Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich weiß nicht, Herr von Brecken, worauf sich Ihre Sinnesänderung stützt, aber ich weiß, daß Ihre Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie müssen darben, wenn sie nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig wieder eintreten zu lassen.“

Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden Worte eine Erwiderung.

Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretär einige Aktenstücke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus.

„Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie gefälligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?“

Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschäftlich zu behandelnde Angelegenheit in Frage.

„Meine Ansicht über die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des höchsten Gerichtshofes nicht ändern, Herr von Brecken,“ entgegnete mit kühler Abwehr der Justizrat. „Es ist daher wertlos, daß ich die Auffassung meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefühl zu appellieren. Ich möchte einen Vergleich anstreben, durch den das wahrlich für die Außenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird doch sicher einen höchst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man erfährt, daß Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthätigkeit Fremder in Anspruch zu nehmen.“

Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehört. Nachdem der Justizrat aber geendet, stieß er, alle dessen Worte umgehend, heraus:

„Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen! Warum können die Leute sich nicht einschränken? Mit der Hälfte werden sie auch leben können!“

Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte die Sache lediglich aus Geiz eingefädelt. Er wollte durch dieses Vorgehen die Hälfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann — nun dann mochte es auf einen Prozeß ankommen!

Aber daß er damit kein Glück haben werde, sah Brecken freilich sehr bald ein.

„Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken,“ erwiderte der Justizrat, „daß Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen würden, so muß ich Ihnen sofort erklären, daß davon nicht die Rede sein kann. Sie denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, würden vielmehr, wenn Sie auf dem — entschuldigen Sie — unmenschlichen Standpunkt beharren, in der Klage beantragen, daß ihnen die Vormundschaft über Ihren Sohn übertragen und die Nutznießung des Vermögens zugesprochen wird. Und wenn wir das erstreiten sollten, wie würden dann die Sachen für Sie stehen?“

Brecken lachte höhnisch.

„Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Männer. Ich lebte mit meiner Frau in Gütergemeinschaft, folglich gehört mir nach ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen, das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde für den Fall einer Nachkommenschaft bestimmt, daß jeder von uns bis zur Mündigkeit unserer Kinder die Nutznießung des Vermögens behalten, später aber Ansprüche auf eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentümlichen Anschauungen steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch selbst die Verfügung über das Vermögen entzogen. Für die mir eingeräumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte für ihre Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft absprechen will, der muß den klaren Verstand verloren haben.“

„So würde es allerdings auf den ersten Blick scheinen,“ warf Brix ein. „Aber die Ansprüche Ihrer Schwiegereltern können nicht alteriert werden, denn sie wurden ihnen eingeräumt, damit sie zu leben vermöchten. Und ferner: Ihre Frau Gemahlin gewährte Ihnen die erwähnten Vorteile aus zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die Ehe zu bringen versprachen, und zweitens —“

„Nun?“

„Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, daß diese Ihre Behauptung eine begründete sei!“

„Also — was wollen Sie denn weiter?“

„Was ich will? Sie besaßen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafür würden wir Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen.“

Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Fälschung erblickte, zuckte Brecken unwillkürlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem Angesicht. Aber nur für Sekunden ward er eingeschüchtert.

„Ich verstehe Sie nicht,“ warf er dann hin. „Wenn das eine Anspielung auf ebenso gehässige wie unerhörte Anschuldigungen sein soll, so erwarte ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind.“

„Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage — Sie gaben doch eine Zusage betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern — festhalten wollen oder auf deren Zurückziehung bestehen?“

„Ja, ich bestehe darauf. Höchstens würde ich mich bereit erklären, Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das würde ich ihnen dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu genötigt bin, sondern aus Rücksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag.“

Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, daß der Eigennutz allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel erfüllt, daß er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen.

Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Nähe von Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem Vorhaben bestärkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den Gutshof führende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begrüßung schloß er sich ihm an, und zehn Minuten später saßen beide bereits in Theonies Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte. Während er dann auf die traurigen Verhältnisse der alten Tressens zu sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr, mit ihr in den Garten hinauszutreten.

Er erzählte, daß er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den Eindruck bekommen habe, daß ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in Not befänden.

„Sehen Sie, Fräulein Carin, ich komme eigentlich — drum und dran — mit einer Bitte,“ erklärte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten nicht gleich zu ihm aufblickte.

„Ja, bitte, Herr Hederich!“ ermunterte Carin ihn nun weich und freundlich.

„Ich meine nämlich so, Fräulein Carin: Ich bringe es nicht über die Lippen, Frau von Tressen zu bitten, daß sie ein Darlehn von mir annimmt, nein — drum und dran — ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben wollten — ich meine — ich meine — mit Frau von Tressen zu sprechen, daß ich — ich — Sie verstehen, Fräulein Carin.“

„Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!“ entgegnete das junge Mädchen, bewegt durch diese mit so großer Zartheit gepaarte Herzensgüte, und schaute Hederich voll ins Antlitz. „Ich will auch gern Ihren Wunsch erfüllen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber wäre es nicht richtiger, wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form, das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist.“

„Na ja, das ist wohl richtig — obgleich — obgleich, Fräulein Carin —“ erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort: „Glauben Sie, daß auch Frau Theonie etwas thun würde, wenn's nötig wäre?“

„Ich weiß es nicht. Sie spricht über gewisse Dinge nie mit mir. Über ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung nicht anders als mit den Worten geäußert, sie habe jede Verbindung mit ihm abgebrochen. Daß sie sich für Tressens interessiert, ist indes zweifellos.“

„Sagen Sie, Fräulein Carin, es ist — drum und dran — hier jetzt wohl recht öde und einsam für Sie?“ fuhr Hederich, abermals das Gesprächsthema willkürlich ändernd, fort. „Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten.“

„Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, daß sie oft Tage lang nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns.“

„Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fräulein Carin?“

Das Mädchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem Ernst:

„Mich hält das Pflichtgefühl und — die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl hin, Herr Hederich?“

Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhöhe im Park gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Äckern, Waldungen, kleinen glitzernden Flüssen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Während sie gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er:

„Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu kaufen. Elmenried heißt es, Fräulein Carin. Ich hätte es mir schon zugelegt, wenn — drum und dran —“

„Nun?“ machte Carin verwundert.

„Ach, Fräulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz einsam, und möchte — drum und dran — einen festen Halt haben. Das ist es! Das hält mich ab!“

„Sie müßten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!“

„Wer will mich? Und wenn ein Mädchen mich wirklich wollte, so möchte ich sie wohl nicht. Eine, ja eine — die — die —“

Er senkte das Haupt und stöhnte.

Durch das Innere der Verlassenen zog plötzlich ein nie gekanntes Gefühl; diesem braven Manne anzugehören, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen, nicht mehr abhängig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben! Welch eine wunderbare Aussicht — welch ein Glück!

Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit einem warmen, zärtlichen Gefühl, erhob sie das Auge und sagte leise:

„Eine, Hederich? — Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?“

Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stieß heraus:

„Ja — ich will ihn nennen — drum und dran — denn einmal muß es doch heraus, und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht länger bei mir behalten, weil es mir das Herz abdrückt. Sie sind es, Fräulein Carin! Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht übel — bitte, Fräulein Carin —“

„Übel nehmen? Kann sich ein Mädchen nicht nur geehrt fühlen, wenn ein rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn auch sie ihm — gut ist — wenn auch sie ihn lieb —“

„Ach — ah — Fräulein Carin!“ ging's stürmisch aus des Mannes Brust. „Ist's wahr? Ist's möglich? Sie könnten? — Sie wollten wirklich —?“

Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren Händen, küßte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar wie ein Kind.

Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend:

„Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, daß Sie das arme Mädchen ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!“

Die Sonne legte sich eben voll und glänzend über die Landschaft, aber selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die über des Mannes Antlitz zogen.

„Fräulein Carin — Fräulein Carin!“ rief er selig, nahm sie in seine Arme und legte kindlich seinen runden, großen Kopf an ihre Brust. Sie aber ergriff mit beiden Händen des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich und küßte ihn sanft auf den Mund. —

* * * * *

In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstärkt. Er sagte sich einerseits, daß man ihm keine guten Worte geben würde, wenn man sich sicher fühlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits schätzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozeß konnte er mit einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und während dessen würden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben, weich und fügsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten konnte er benutzen, um ihre Ansprüche möglichst herabzudrücken. Natürlich, am liebsten würde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen haben, aber da er selbst keineswegs überzeugt war, daß die richterliche Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen.

Während seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, überfiel ihn der drängende Reiz, sich vor Augen zu führen, wie viel er überhaupt besitze, und nicht zum erstenmal öffnete er — immer mit derselben brennenden Gier — seinen Schreibtisch, zog Bücher und Schriftstücke hervor, rechnete und zählte und weidete seine Augen an den im Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben noch mehr ermäßigen und die Einnahmen erhöhen könne.

Und dann plötzlich fiel es ihm auf die Seele, daß eine Zeit kommen werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er in eine ähnliche Lage geraten könne, wie jetzt seine Schwiegereltern. Und das regte ihn solchergestalt auf, daß er emporsprang und überdachte, ob er darin nicht doch eine Änderung herbei zu führen vermöge. Nein, es gab keine in dem gewöhnlichen Sinne. — Nur, wenn Gretes Kind stürbe, dann — dann — den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, daß Theonie und sein Sohn eines Tages sterben könnten, erregte sein Inneres, aber daß diesen beiden Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden könne, das trieb ihm das Blut ans Herz. Daß doch immer solche Gedanken sich seiner wieder bemächtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloß hastig seinen Schreibtisch, drehte den Schlüssel an dem Geldschrank ab und eilte, in der Sicherheit, daß draußen andere Eindrücke die ihn peinigend verfolgenden Gedanken verwischen würden, ins Freie.

Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurück, betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lüftete den Vorhang von der Wiege und versicherte sich, daß der Knabe atmete — daß er lebte. — — Lange stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Züge. Es sah Grete ähnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm werde es gleichen. — — War's ein Glück für das Kind, zu leben? Nein! Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht höher achtete, als das einer Fliege, — und ob sie da war in der Schöpfung oder nicht, welchen Wert hatte das? — wünschte er auch diesem jungen Wesen den Tod.

Ein Glück für den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurückzog in ihren Schoß! Ja, die Erde — — aber kein gewaltsames Abschneiden des Lebensfadens! —

Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen wäre? Brecken überlegte. — Am unauffälligsten geschah's jedenfalls durch Ersticken; — Spuren einer gewaltthätigen Hand waren dann nicht sichtbar.

Man mußte es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken über sich. Ein Erstickungsanfall, befördert durch Husten! Ja, ja, dergleichen kam vor! — Oder eine starke Dosis Opium — aber das war schon gefährlicher. — Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon wieder bei so furchtbaren Gedanken, während er doch zurückgeeilt war, um sich zu vergewissern, daß das Kind lebte. — —

Ein heißes Gefühl kam über ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der Gefühl für dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich Tankred von Brecken herab und küßte zum erstenmal seinen Knaben auf die Stirn. Aber der den Säuglingen dumpfe Geruch stieß ihn ab, und die durch dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das Gefühl überhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte, erlosch die zärtliche Empfindung des Mannes im Nu wieder.

Mit dem alten, gleichgültigen Blick sah Brecken den Knaben an und verließ unter dem Gedanken, daß er es dem Schicksal anheim geben müsse, ob es seine Pläne fördern wolle, das Gemach.

Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit längerer Zeit erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der grauen Stute Liese beschäftigte Tankred in der nächsten Stunde mehr als irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein. — —

Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushälterin, — die männliche Dienerschaft hatte Brecken entlassen und außer dieser Frau nur noch die Kindeswärterin und ein Mädchen behalten, — daß Herr Pastor Höppner auf dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wünsche.

„Pastor Höppner?“ wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber hinaus und nötigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer.

„Welche besonderen Umstände verschaffen mir das Vergnügen, Sie einmal wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?“ begann er mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rückte einen Stuhl heran und griff nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und seinen Dank ausdrückenden Pastor anbot.

Da Höppner schon glücklich war, wenn er überhaupt nur rauchen konnte, von der Güte einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken aus der sogenannten ‚Leutekiste‘ angeboten; sich selbst aber hatte er eine andere und bessere angezündet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer bedient.

Höppner begann mit der Erklärung, daß er in der Nähe zu thun gehabt und die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu sagen. Er fügte hinzu, daß auch seine Frau ihn ermuntert habe, in Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beiläufig eingestreuten Bemerkung sicher überzeugt, daß die Frau den Mann abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Höppner ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespräch durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen gehört habe.

Nein, er sei durch sein zurückgezogenes Leben mit dem, was sich draußen ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen Erstaunen Ausdruck, als nun Höppner ihm die Verlobung Hederichs mit Carin mitteilte.

Dann freilich erging er sich in spöttischen Bemerkungen und äußerte, ohne auf Höppners Zartgefühl irgend welche Rücksicht zu nehmen, diese Verlobung komme ihm vor, als verbände sich ein Kameel mit einer Bachstelze.

„O, o — o —“ machte Höppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Übergang zu der Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte. Er sagte:

„Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, möchte ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten Schwiegereltern anzuhören. Wie ich zu meinem großen Leidwesen gehört habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift mahnt uns Menschen —“

Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte Tankred von Brecken zu hören; er unterbrach Pastor Höppner jäh und sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend:

„Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, daß sie nach wie vor auf der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natürlich werden da wieder die ungeheuerlichsten Gerüchte ausgesprengt; aber das Zutreffende ist allein, daß ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil die übrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu groß sind.“

„So, so? In der That? — Das wäre ja etwas ganz anderes, als was uns berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau —“

„Ja, das ist eben das Unglück, verehrter Herr Pastor, daß meine Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr paßt, so stellt sie es dar. Sie weiß sehr wohl, um was es sich handelt, aber —“

„Nein, ich versichere Sie, sie weiß es nicht,“ schob Höppner, arglos den Worten des Mannes nachgehend, ein. „Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen —“

„Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nützen, denn mit dem, was ich bieten könnte, würden sie ja doch“ — Brecken betonte seine wie beiläufig hingeworfenen Worte — „nicht zufrieden sein.“

„Man könnte doch hören!“ fiel Höppner eifrig ein. „Offen gesagt, Herr von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten, sich mit Ihren Schwiegereltern auszusöhnen. — Also, wie viel könnten Sie zahlen?“

Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr zweifelte, daß der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er anfänglich von der Hälfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er überwand sein Zaudern rasch und sagte:

„Mit fünf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und das wäre schon das Äußerste.“

„Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von Brecken!“ stieß Höppner erschrocken heraus und schüttelte in größter Enttäuschung den Kopf.

Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts- und Vernunftgründe oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei Brecken hätten verfangen können, auch sonst alles, was etwa günstig auf ihn hätte wirken können, hervor und schloß mit den Worten:

„Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verständigung bieten!“

„Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen zu befassen,“ entgegnete Brecken, brutal sprechend. „Nein, er mag seine Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber so! —“

„Herr von Brecken! Herr von Brecken!“ stieß Höppner, zum erstenmal die Devotion in Ton und Miene außer acht lassend, heraus und schüttelte den Kopf. „Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versöhnung aus dem Wege gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme. Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so müssen Sie das mit sich selbst abmachen und mit dem, der über uns allen thront als ein Richter unserer Handlungen. Ich weiß, Sie glauben nicht an ein höheres Wesen; der Gottesbegriff ist für Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung! Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts für ungut, aber ich möchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in Klementinenhof dienen; ich möchte Sie bewahren vor Reue und Seelenunruhe.“

„Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen an, aber Sie vergessen, — ich sehe von Ihren religiösen Mahnungen ab, — daß in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Können. Und dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein! Verunglimpfen, verdächtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie streuen die infamsten Gerüchte über mich aus, reden von Fälschungen, und was weiß ich; und ich soll das wie ein Lamm über mich ergehen lassen? Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!“

Die legten Sätze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren, ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand für seine Handlungsweise heranzuziehen.

Aus Höppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, daß sein Mißtrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt der Pastor über die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn änderte das natürlich nicht, und er hielt auch den ‚langweiligen Salbaderer‘ nicht zurück, als er endlich aufbrach und sich, äußerst bedrückt über das Mißlingen seines Versuches, empfahl.

Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, daß ja nun Carin demnächst Falsterhof verlassen werde, daß dort dann zwei Augen weniger seien, und daß nun doch vielleicht — Ja! was denn? Brecken griff in die Zigarrenkiste und entzündete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei der entsetzlichen Überlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer Verkürzung der Lebensdauer Theonies zu Hülfe kommen könne — —

* * * * *

Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins Land gezogen.

Das von Höppner begründete Armenhaus hatte seine Pforten geöffnet, in seinen Räumen befanden sich Kranke und Bedürftige, und wöchentlich wenigstens einmal begab sich Frau Höppner, meist mit Lene an der Hand, in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefühl, wenn sie leidende Menschen sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsätze in sich auf, die ihre Pflegemutter den Nebenmenschen gegenüber leiteten.

Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm vorläufig nur gepachteten kleinen Gütchen Elmenried. Die beiden Leute genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen müssen, atmete beseligt auf, und die täglichen Beweise von Liebe und Herzensgüte, die sie von ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurück, denn sie liebte ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemüt entspringt und auf Achtung beruht.

Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thätigkeit ausgefüllt waren und durch frohen Lebensdrang einen erhöhten Wert empfingen, flogen für Carin dahin; Haus, Hof, Küche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Höppner und Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektüre und Musik weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Höppner und Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor und Carins Mann fanden sich als Gemütsmenschen zusammen, und die beiden Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung. Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische Gegner.

Aber während sich bei ihnen durch günstige materielle Verhältnisse, durch weise Beschränkung im Lebensgenuß und durch Sparsamkeit das Glück eine feste Stätte bereitete, sah es bei Tressens allmählich immer trauriger aus.

Die Hülfe Hederichs, die ihnen durch Brix und später auch durch Carin angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Güte und Freundschaft rühre sie, aber sie würden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklärt. Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch das Leben bezwungen, lieber Überflüssiges entbehren, als den Druck von Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die Hoffnung! Der Prozeß war sogleich angestrengt worden, er mußte sich in einem halben Jahre entscheiden.

Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens außer acht gelassen, mit wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material herbeizuschaffen sei, dann wieder wußte er die Termine hinauszuschieben, indem er Krankheit vorschützte. Einen Formfehler in dem ersten Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die Folge von alledem war, daß die Sache nach einem halben Jahre, zumal die Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand.

Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Süden angetreten, und es hieß, daß er nicht vor dem ersten März zurückkehren werde. —

Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen. Mit wärmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genähert und gleich bei der ersten Berührung geäußert:

„Wenn ich Ihnen irgend wie nützen kann, verfügen Sie über mich. Es giebt keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst, den ich Ihnen nicht leisten würde.“

Gegenwärtig aber beschäftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken für sie: Gretes Kind einmal an ihr Herz zu drücken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene suchte nach einer Ablösung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch von Sorge erfüllt, daß dem Knaben, der fremden Händen anvertraut war, etwas zustoßen könne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht gekommen zu sein, oder völlige Gleichgültigkeit hatte seine Handlungen bestimmt.

Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persönlichen Empfindungen zurückgedrängt und sich der Großmutter als Pflegerin des Kindes während seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um dessen willen schädlichen Zufälligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen den Eintritt ins Schloß zu verweigern, ihr unter keinen Umständen eine Berührung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten.

Die Wärterin war ein braves, mitleidiges Geschöpf, aber die Haushälterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht, durch den deren bisherige weibliche Stütze abgelöst war, und der zum Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mußte, befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich während seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen werde, zu ihm in völliger Abhängigkeit.

Dennoch beschloß Frau von Tressen — es war acht Tage vor Weihnachten — einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hülfe der früheren Haushälterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei Hülfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre dürftige Lage als Kätnerin verbesserte.

Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden, daß die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushälterin vom Schloß entfernen würde. Es war wahrscheinlich, daß sie kurz vor dem Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermädchen veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen.

Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt früh morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, daß ‚die vom Schloß‘ am Nachmittag nicht anwesend sei, und daß das Mädchen zugesagt habe, den ‚kleinen Herrn‘ zu ihr zu bringen.

Während Frau von Tressen, in ihren Mantel gehüllt, dahinfuhr, kamen ihr beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmütige Gedanken, auch die Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, daß ihre Augen sich wiederholt mit Thränen füllten.

Wo war das Glück von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr; sie, die Mutter, mußte sich versteckt ihrem früheren Eigentum nähern und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefährt benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwärtigen Lage schon ein Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne thatsächlich dem Nichts gegenüber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen auflehnte, sie mußte jetzt Hülfe bei Freunden suchen. Es lag auch in ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rückhaltlos anzuvertrauen.

Eine Summe für den Unterhalt des nächsten halben Jahres wollte sie von ihr erbitten. Dann endlich würde doch der Prozeß, und, wie sie annahm, zu ihren Gunsten entschieden sein.

Als sie an Falsterhof vorüberkam, forschte sie gespannt hinüber. In der breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein Wagen dort gefahren, und kein Fußgänger gegangen. Einsam und abgestorben stieg das Herrenhaus aus der weißen Schneefläche über den kahlen Bäumen empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht umschneiten Schornsteinen drängte sich nicht einmal ein Leben verratendes Rauchwölkchen. Es war richtig — die Betrachtung kam der Frau — daß nicht Geld und Besitz das Glück bedingte. Theonie war die reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie konnte Feste geben, die Fürsten beschämten, und ihr Haus zu einem Sammelplatz auserlesener Geister machen.

Aber alles das hatte keinen Reiz für sie. Ihr Herz trug zu viel blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl hätte auferwecken können aus seinem Grabe, sie würde alles dafür hingegeben haben.

Und wie häufig Vergleiche Lichter in sich schließen, aus denen sich eine leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle. Plötzlich kam's über die Frau mit Sicherheit, daß sie doch noch einmal wieder auf Holzwerder herrschen, daß sie neben ihrem Enkel stehen und sich nochmals das Glück des Lebens zurückerobern werde.

Aber freilich, vorläufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen Besitzung zu und mußte schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zärtlich in ihre Arme schließen durfte.

Als Frau von Tressen in die Nähe der Wohnung der alten Hanne gelangt war, ließ sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuß in die Kate. Es war ihr sehr auffallend, daß ihr auf ihr Klopfen nicht gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstärkte sich, als sie beim Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand.

Während sie noch unschlüssig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie, näher gekommen, Worte fand, erklärte sie, daß der schon seit einiger Zeit kränkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, daß die Magd nicht wage, ihn in der Kälte nach der Kate zu bringen, und nichts anderes übrig bleibe, als daß sich die gnädige Frau ins Schloß bemühe. Freilich sei das — sie müsse selbst ihr Bedenken äußern — sehr gefährlich. Man werde die gnädige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Böses daraus erwachsen. Der Herr kenne ja keine Rücksicht, sobald man sich ihm nicht bedingungslos füge. Aber trotzdem solle die gnädige Frau selbst entscheiden.

Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der Enttäuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis.

Aber jählings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluß. Sie wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen, es mochte daraus entstehen, was wollte!

So gab sie sich denn äußerlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, daß sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle sich vielmehr allein aufs Schloß begeben, um ihr Enkelkind zu sehen.

„Sie haben der Magd doch nicht gesagt, daß ich kommen würde? Sie weiß nichts von meinem Hiersein?“ schloß sie fragend; und nachdem Hanne dies verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte über den Hof nach dem Herrenhause.

Tief herabstimmend waren die Eindrücke, die sie dabei empfing. Was Brix ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurück. Eine völlige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte, und insbesondere bei dem Anblick des vernachlässigten Herrenhauses traten Frau von Tressen unwillkürlich die Thränen in die Augen.

Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kälte, Öde und Kargheit wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thür zur Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und machte sehr erstaunte Augen, plötzlich eine elegant gekleidete Dame vor sich zu sehen.

Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hörte sie auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Rührung ergriffen, immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Händen des Mädchens und drückte ihn weinend an die Brust.

„Mein Kind — mein süßes, liebes Kind —“ schluchzte die Frau.

Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es nicht wieder. Es war undenkbar!

Sie sprach auf die Magd ein, sie erklärte ihr, wer sie sei, welche Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blaß, mager und krank vor sich sehe.

Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umständen ihr Verhalten gutheißen!

Für die Wirtschafterin werde sie einen Brief zurücklassen und ihr darin alles erklären. Sie werde sagen, daß sie sie gezwungen habe, ihr zu folgen.

Zu Frau von Tressens freudiger Überraschung machte die Magd keine erheblichen Einwendungen. Entweder fühlte sie Mitleid mit der Frau und dem Kinde, oder sie wünschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die Langeweile drückte sie, und da ‚die Gnädige‘ die Verantwortung übernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Großmutter Weisung einen Widerstand entgegenzusetzen.

In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre Habseligkeiten und alles für das Kind Notwendige zusammengepackt und lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen. Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf einem Seitenwege des Parks die Landstraße gewinnen.

Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, schloß Frau von Tressen Tankreds Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte einige Worte an die Haushälterin auf. Sie erklärte ihr Vorgehen durch den körperlichen Zustand des Kleinen.

Als sie eben den Brief vollendet hatte, hörte sie draußen Schritte. Ihr Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn hatte sie ganz vergessen.

Aber nur kurze Zeit kämpfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie sich, öffnete die Thür und sah hinaus.

Ein wie ein Jägerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer, wo er offenbar die Magd gesucht hatte.

Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur List vermochte etwas.

„Ah! Da ist jemand!“ begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage zuvorkommend. „Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn nicht finde, möchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen. Einen Augenblick —“

Und während der Angeredete noch in Überraschung dastand und durch die Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschüchtert verharrte, steckte sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, überschrieb es an Theonie und überreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern.

„Sie müssen aber sofort hinübereilen! Nehmen Sie den Weg über den Hof. Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muß jeden Augenblick eintreffen, und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben, ohne Antwort.“

„Zu Befehl! Zu Befehl, gnädige Frau! Soll alles bestens besorgt werden!“ bestätigte der Mann ebenso arglos wie unterthänig, dienerte und machte sich rasch davon.

Mit einem tiefen Atemzug ließ sich Frau von Tressen in einen Sessel sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung über sie; aber sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zärtlichkeit an sich und suchte es zu beruhigen.

Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe, Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine, und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein Erlösungsschrei aus ihrer Brust.

Aber seltsam! Während ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das Gegenwärtige richteten, wurden andere Vorstellungen plötzlich in ihr lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen einst und jetzt drangen überwältigend auf sie ein.

Wie wäre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen Besitzstörung trotzig abwartete und dem Richter erklärte, sie habe gehandelt als natürlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine heiligsten Pflichten gegen das Kind außer acht gelassen, da er zudem ein Fälscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe, so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemaßt habe?!

Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch das Gehirn der Frau. — Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor fungierenden Großknecht, der schon in früheren Zeiten auf Holzwerder beschäftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen!

Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hülfe des Kutschers alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunächst vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu.

* * * * *

Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte.

Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere zur Ausführung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstützung von Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen solle, darüber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er würde das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmaßregel war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hören!

Von dem Warten auf eine günstige Entwicklung des Prozesses hatte sie nachgerade genug. Nur in einem Punkte mußte sie doch Brix in Anspruch nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zuständige Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit Anträgen vorgehen, nicht etwa abwarten, daß Tankred ihr zuvor kam.

Sie hatte die Absicht, zu erklären, daß ihr Schwiegersohn das Leben ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhärtung ihrer Behauptung wollte sie ein ärztliches Gutachten beibringen; ferner auf Grund der Fälschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne beantragen, daß die Gütergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar sofort für null und nichtig erklärt, und dementsprechend auch Tankred jegliches materielle Verfügungsrecht über das Vermögen entzogen werde.

Ihre Rückkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine veränderte Entschließung hinstellen, zu der sie auf Grund früherer Abmachung berechtigt sei.

Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan, erklärt, daß er mit den maßgebenden Personen auf Holzwerder sofort sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet.

Frau von Tressen befand sich in einer thatkräftigen und gehobenen Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu behalten, noch verstärkt ward.

Als sie vor der Thür des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege, der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim Aussteigen behülflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen düster melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung. Ernst und stumm öffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thür zum Wohnzimmer und erklärte, daß Frau Cromwell alsbald erscheinen werde. Frau von Tressen überlief ein inneres Frösteln, als sie sich allein befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geräusch, das Ticken einer Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms.

Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch gütiger Miene begrüßte, ward ihr Gemüt nicht entlastet, umsoweniger, da die bleich und abgehärmt aussehende Frau berichtete, daß sie mit ihren Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand, sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe der Hund fortwährend wütend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas entdeckt zu haben.

Natürlich wirke der Eindruck dieses nächtlichen Vorfalles nach und habe ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt.

Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzählung kam Theonie dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespräch auf Holzwerder.

Wohl eine Stunde währte die Unterredung. Frau von Tressen erzählte von den gestrigen Vorfällen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie bisher rätselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmählich unhaltbar gewordene Lage.

Theonie erklärte sich ohne Besinnen zur Hülfe bereit, und wenn sie auch, ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Erörterung der Zahlungsmodalitäten eine etwas pedantische Umständlichkeit an den Tag legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel Zartgefühl, daß Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward.

Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine gleichgültige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie auszusprechen sichtlich Scheu empfand.

Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig ängstlichen Augen und ward zum Sprechen gedrängt.

„Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen möchten, liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Könnte ich Ihnen in irgend etwas dienen?“

Und da drängte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und flüsterte, des letzten Satzes Inhalt abwehrend:

„Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Es ist etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiß es nicht, ich habe keinen greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, daß Tankred sich gar nicht im Süden befindet, sondern sich in der Nähe aufhält, Unheil für uns brütet und —“

Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit furchtbarem Getöse ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und beide Frauen fuhren entsetzt zusammen.

„Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe,“ stieß Theonie, zuerst wieder Worte gewinnend, heraus. „Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine Ahnung ist thöricht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine Möglichkeit vorliegt. In diesem Sinne — ich bitte — fassen Sie meine Worte auf, liebe Frau von Tressen!“

Es sei oben ein Bild herabgestürzt, hörte noch Frau von Tressen eins der hinaufgeeilten Mädchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten später das düstere und einsame Falsterhof im Rücken hatte. —

Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht über den ihm gewordenen Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemächtigt, und eben sei die Haushälterin im Begriff gewesen, darüber an Tankred zu berichten. Dies sei vorläufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befänden sich einem so außerordentlichen Vorfall gegenüber so gut wie ratlos, und nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklärt, er sei durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner früheren Herrschaft zurück zu treten.

Die letzten Nachrichten kräftigten Frau von Tressens Entschluß so sehr, daß sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der Justizrat besaß ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden ließ. Ohne lange Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloß mit der Erklärung, daß sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schärfe entwickelte sie ihm ihren Standpunkt und schloß mit den Worten:

„Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuß gefaßt haben? Mit Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem Abkommen mit unserer Tochter ausdrücklich die freie Wahl gestellt ist, dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen deponieren wir zu Händen des Gerichts, bis die Sache entschieden ist; wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmäßiges Eingreifen in fremdes Eigentum, erklären uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermögen abstreiten.“

Frau von Tressen ließ sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht mehr irre machen; es war, als sei ein völlig anderer Mensch in sie eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht nur das Pflichtbewußtsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt.

„Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden,“ erklärte sie Brix, „aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben für meinen Enkelsohn. Das Glück streckt die Hände nach mir aus, ich will sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die schlummernden Kräfte in mir von neuem anregt, zeigt es, daß es Gutes mit mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze ich um so mehr einem Schurken, dessen Stärke nur darin besteht, daß man ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den entferne ich mit Gewalt!“

* * * * *

Es war an einem dunklen und stürmischen Wintertage im Anfang Januar, als ein einzelner Fußgänger sich um die Nachtzeit Falsterhof näherte, am Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich unschlüssig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um sich blickte. Der Fußgänger war Tankred von Brecken, und was ihn heute furchtbares beschäftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen Wochen ausschließlich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zuflüsterte: Thu's, und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentümer einer halben Million!

Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier, daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, ihm wie ein Nichts erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders dünkten, als alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austönte, und seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher gefälligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und die Feigheit — nicht seine bessere Natur, weil sie überhaupt keine Stimme in ihm besaß — riß ihn zurück und stürzte alle Pläne über den Haufen. Und wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nüchternheit geredet und das Wort behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und flüsterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof! Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwürgt, war leise hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen Händen erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder hinausgeschlichen, — noch immer besaß er von seinem damaligen Aufenthalt den Schlüssel zur Hinterthür — und die Blätter hatten zwar im Park geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon wieder weit, weit fort, als die Hähne krähten, als im Hause alles wach wurde, die Zofe oben über den Korridor schritt, um die gnädige Frau zu wecken, das Frühstück unten aufgetragen ward, und doch keine gnädige Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem Halse stieß. — Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergängen und Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie fängst Du es an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder! — Es lag ein Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine Harfenmusik, kein Orgelbrausen!

Das Gehirn des Mannes arbeitete unermüdlich wie der Kolben einer Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausführung und Flucht waren bis ins kleinste überlegt; jeder Zufälligkeit war Rechnung getragen, für jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf.

Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so schlecht gemacht, daß er um eines Haares Breite erwischt wäre. An dem Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der überhaupt nicht da wäre, dann würde es ein Kinderspiel sein, Theonie Cromwell ein für allemal des Atems zu berauben. —

Endlich nach viertelstündigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem festen Entschluß gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen bleiben, hieß mit den quälerischen Gedanken von neuem beginnen, die Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren, wegwerfen und die Hauptsache vergessen, daß nämlich Theonie weiterlebte, und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermögens seines Sohnes.

Fast überhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte angelangt, den bekannten Weg über das Feld in den Park und hielt erst inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunächst lauschte er aufmerksam, ob sich irgend etwas rühre.

Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den Flur betreten, aber sich dann so wütend gebärdet, daß er ihm nicht hatte beikommen können; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er hatte sich geübt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschädlich wachen. Der alte Frege hörte bei seiner Schwerhörigkeit sicher nichts; ein Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das Mädchen und die Zofe fürchtete er nicht.

So trat Tankred denn an die Thür, steckte vorsichtig den Schlüssel ins Loch und drehte um. Nichts rührte sich! — Rasch entzündete er eine Blendlaterne — aber ein scharfer Stoßwind löschte sie wieder aus; auch ging's ihm plötzlich eisig über den Nacken, über den Rücken, durch alle Glieder, und er fühlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der Haut. — Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die Kälte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorübergehen, wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine furchtbare innere Angst, eine solche Angst, daß der Mann zunächst an nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach dem Schlüssel und rüttelte rücksichtslos an dem Schloß, als es sich nicht gleich lösen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschärfte die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus dem Park über das Feld und erreichte stöhnend, keuchend, atemlos den Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlüssig gemacht hatte.

Aber dies alles ließ nur blitzartig verschwindende Eindrücke zurück. Bis zur Verrücktheit jedoch quälte ihn das Kitzeln unter der Haut. — Ein Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nächste wohnte in Elsterhausen. Aber jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen! — Und alle Welt nahm an, daß er sich im Süden aufhalte, und nun war er plötzlich da! — Weshalb? — Nein, das ging nicht. Er mußte zurück nach dem kleinen, westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die letzten Tage aufgehalten hatte.

Zunächst aber war es nötig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort einzutreffen. — So war denn abermals alles umsonst gewesen. — Alles umsonst!

Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto fürchterlicher ward es.

„Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?“

Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher behandelt hatte wie ein Spielzeug?

Am Ende gab's doch ein höheres Wesen, das belohnte und strafte — am Ende gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Böse unter — —?

Plötzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er zuletzt gehört hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte, Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte.

Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen genommen, mit seinem frühreifen Verstande hatte er durchschaut, wie gleichgültig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren.

Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche Seele und ein für Eindrücke empfängliches Herz besessen, aber allmählich waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm für Regungen, die auf sein sich immer widerwärtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstützt durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glück war er einhergegangen, als könne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der Gedanke an die Möglichkeit einer Änderung war ihm gekommen. Er sah, was in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stieß eben anderen zu, und nicht ihm. — Nun aber fühlte er sich plötzlich betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging? Nie hatte er von ihm gehört. — War's schon die Strafe des Himmels für seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord belastet. — Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort! — Wie? Hatte er wirklich Theonie töten wollen? — Plötzlich griff der Mann sich an die Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei. — Und dann begann wieder das rasende Kitzeln, und er hätte sich am liebsten nackt im Schnee gewälzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brüllte er auf durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah —?

Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nützten nun Holzwerder und Geld und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser Krankheit, dafür wollte der Mann alles hingeben!

So klein, so demütig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein Rasender dahin jagte, daß er begann, allen alles abzubitten, seinen Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heißen mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und der Feigheit schälte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem besseren Gefühle entsproß. Das kalte Herz erhielt allmählich wieder Leben.

Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen gewichen waren? Er dachte selbst darüber nach. Nein! Die Mahnung war nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an Gott, er hätte niederstürzen können auf die schneebedeckte Flur und den Schöpfer anbeten.

Und nun allmählich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der Schweiß, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst, öffnete die Poren und besänftigte den Reiz.

Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich veränderten! Welcher Schwächling er doch war, gleich zu verzagen! Es war sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's völlig vorüber, wenn er L. erreichte. Und was dann? Ja, was dann —?

Er warf den Blick über die Gegend; schon begann's heller zu werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf — und dann — dann — plötzlich begann von neuem das Jucken, ein solches kitzelndes Jucken, daß dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele zuraste. — —

* * * * *

In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand Frau von Tressen und hörte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer getreten war, berichtete.

Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Mädchen; die Haushälterin und der Diener aber wollten erst hören, welche Sicherheit die gnädige Frau ihnen böte, daß sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur Verantwortung gezogen würden.

„Also Pflichtgefühl oder Anhänglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet sie nicht?“

„Nein, gnädige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge haben. Übrigens — drum und dran — wo wäre der Durchschnitt anders? Frau von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich.“

Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie:

„Ich bin dann dafür, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred verleugnen, können sie auch Untreue gegen mich üben. Ich aber brauche zuverlässige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, daß wir sie abfinden können?“

Hederich zuckte die Achseln.

„Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklären, daß die Kündigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat.“

„Ja, ja, ganz richtig!“ bestätigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie kurz entschlossen fort:

„Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen sprechen.“

Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte Frau von Tressen:

„Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Für ihn trete ich jetzt ein und kündige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wünsche, daß Sie zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?“

„Ja, ich bin's,“ sagte der Diener nach kurzem Besinnen, „wenn die gnädige Frau mir schriftlich erklären, daß das so richtig ist, und Sie für alles aufkommen.“

„Ja, ich will schriftlich betätigen, daß Ihr durch die Besitznahme des Gutes meinerseits überflüssig geworden seid, und daß ich Euch auf Grund meiner Rechte entlassen habe.“

„Dann bin auch ich damit zufrieden!“ erklärte die Haushälterin. „Wann sollen wir abgehen?“

„Gleich! Ihr könnt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder verlassen.“

Die beiden nickten, verbeugten sich und verließen das Gemach.

„So, das wäre ja gut und rasch erledigt!“ rief Frau von Tressen, Hederich vergnügt anblickend. „Jetzt will ich mit Peter Wille das weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, daß mein Schwiegersohn zurückkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung machen.“ —

Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so kühner Entschlossenheit gefaßten Plänen getroffen, griff sie in gleich entschiedener Weise auch in die übrigen Verhältnisse ein und brachte es nach wenigen Wochen dahin, daß der Umzug bewirkt war, und sie und ihr Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten.

Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus früherer Zeit ergebene Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein Wächter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle unterwerfen mußte. Hof, Garten und Gebäude wurden, so weit die Witterung es erlaubte, und es gegenwärtig bereits von Wert war, in einen würdigen Zustand zurück versetzt, und endlich griff auch Frau von Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die Gutsgeschäfte ein.

Durch diese alles umgestaltende und neue Verhältnisse anstrebende Thätigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu übertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen Lebensweise wohler und kräftiger als seit vielen Jahren.

Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Höppners und Theonie wieder bei sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hören lassen, traten allmählich ganz zurück. Was konnte er machen? Klagen? Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab.

Würde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes vernachlässigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Fälschung in Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestätigen? Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrückender Natur, zum Teil unanfechtbar. Von ihnen unterstützt, hatte Brix inzwischen die Eingabe an das Gericht abgehen lassen.

Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren während dieser Zeit Höppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den Tag, als sei ihnen selbst ein großes Glück zugefallen; Hederich fühlte sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz über Gretes Tod verloren hatte, zurückgekehrt war.

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