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Todsünden

Front matter (continued 2)

Reading edition

Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein Glas goldfunkelnden Rheinweins ein.

Sie verstand es, die Dinge gemütlich zu machen; wenn sie etwas bereitete oder die Hand darüber hielt, war's stets tadellos, und auch heute schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzüge sorglosen Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber auf dem Tisch, die Gemächer waren mit allen nur denkbaren Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage, voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen.

„Höre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen,“ begann Tankred unter solchen Eindrücken in gehobener Stimmung. „Wirf Deinen hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, daß ich in meinen Entschlüssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu beginnen, gefördert werden würde, wenn ich heiraten könnte — Nein, nein, fürchte nicht, daß ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an den Tag gelegt, daß Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde ich Dich wieder belästigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in guten, geordneten Verhältnissen wäre, könnte ich sicher auch eine brave Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du mir gütigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhältnissen einem Landmann keine Möglichkeit, sich eine Selbständigkeit zu verschaffen. Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu lassen? Wäre es den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechender gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wäre, zumal Du Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiß, daß Du mich nicht liebst. Ich fühle sogar, daß Du mich nicht achtest, obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du leicht nachgesehen haben würdest, wenn Du meine Neigung erwidertest. Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mißtraust, so hast Du doch als eine Brecken und vermöge Deiner ganzen Veranlagung gewiß den Wunsch, daß ich fortan einen soliden und rechtschaffenen Lebenswandel führe, daß ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen Fähigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flüssig, indem Du eine größere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hälfte der Rente überweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es über die maßen unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe auch zu, daß mein Verlangen sehr ungewöhnlicher Art ist. Aber ich bin nüchtern veranlagt und setze anderseits ein großes Vertrauen in Deinen Gerechtigkeitssinn, auch weiß ich, daß Du geringen Wert auf Hab und Gut legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu machen. — Nun, Theonie?“ schloß er und griff wieder nach Messer und Gabel, die während seiner Rede geruht hatten. „Was meinst Du? Willst Du so freundlich sein, zu überlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?“

Theonie hatte bei den letzten Sätzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre Gedanken beherrschten sie so, daß sie nur halb vernommen, was er am Schluß gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefaßt. Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefühl, nicht aber ein Pflichtzwang sie geleitet.

Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge schauend, erwiderte sie:

„Ich weise Deine Vorschläge durchaus nicht zurück. Aber vor der Hand kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf mich rechnen. Ich will einen Entschluß von solcher Tragweite — ich spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilüberweisung; die Verwaltung des Gutes möchte ich dem Manne nicht entziehen, der meines Vaters ganzes Vertrauen besaß und es stets rechtfertigte — also, ich will einen Entschluß von solcher Tragweite nicht fassen, ohne Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhängig machen von gewissen Umständen, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner Beurteilung unterliegen können.“

Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, daß seine Kousine noch etwas für ihn Günstiges hinzufügen werde. Aber sie neigte nur in Bestätigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum Aufstehen.

„Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein,“ sagte sie, nach einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. „Entschuldige mich, ich habe oben noch etwas zu thun.“

Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurück.

„Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, daß ich ohne Mittel sei, Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Würdest Du wohl die Güte haben, mir einiges Geld zurückzulassen?“

Sie nickte bereitwillig und sagte, die Börse ziehend, mit einem Anflug von Verlegenheit: „Wie viel, bitte?“

„Ein paar hundert Thaler würden mir zunächst sehr gelegen kommen, da ich einige Verpflichtungen habe.“

„Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da müßte ich erst an Brix schreiben.“

„Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter,“ wandte Tankred ein. „Er ist stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen.“

„An den Verwalter?“ wiederholte Theonie zögernd und pedantisch überlegend. „Das würde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie geschehen, alles geht durch Brix.“

„Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon erklären —“

Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen.

„Nein, ich möchte es doch nicht. Aber hier, bitte — vorläufig,“ — entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine, die sich in ihrer Börse befanden, „für weiteres werde ich sorgen.“

Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mußte an sich halten, um ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten und Überlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie ihr Eigentum flüssig machte, Millionärin war, brachte ihn schon an sich auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im höchsten Grade. Es mußte alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten, wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wußte er, wenigstens für den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu unterdrücken.

„Nun — lebe wohl,“ — sagte Theonie, vom Reisefieber erfaßt, mit deutlicher Unruhe. — „Möge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er wird Dir das Nötige mitteilen.“

Plötzlich kam Tankred der Gedanke, daß dieser fortwährende Hinweis auf den Rechtsbeistand und Vermögensverwalter der Familie noch einen besonderen Grund habe. Theonie würde ihm am Ende noch Bedingungen durch Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, daß er sie abermals zurückhielt und die Worte hervorstieß:

„Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise anzutreten, und wendest dabei große Umständlichkeiten an, während Du meine Angelegenheit behandelst wie eine lästige Nebensache. Weshalb soll ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch.“

Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen zeigend, daß sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse, zurück:

„Es muß aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mußt Du schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst.“

Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des Menschen, der ihr gegenüber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck. Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein zähneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes:

„Nein, ich muß nicht und will nicht!“ drang wie ein Gewitter aus seinem Munde. „Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefühl, aber auch an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lästigen Habenichts zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden, aber sich wohl auf meinen zukünftigen Lebenswandel beziehenden Worten begleitetest, schwieg ich und fügte mich. Dann bat ich um etwas Geld, das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wußtest, daß ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besaß, und machte, weil ich es gleich gebrauchte und —“ hier schob Tankred einen berechnenden Satz ein — „auch für meine Abreise desselben bedürftig war, den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurück und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war.“

Aber nun unterbrach Theonie, die anfänglich mit Angst und Herzklopfen zugehört hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich getroffen fühlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich erworben?! Dasselbe ungestüm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte, pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm entgegen:

„Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich gehe, Du gehst —! Das ist mein letztes Wort.“

In diesem Augenblick erschien die dürre Gestalt Freges in der Thür, und hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb ängstlicher, halb entschlossener Miene.

„Ah!“ drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur Abwehr auf. „So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner Gewalt! Muß ich ihr aber dennoch weichen, so hütet Euch!“

Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebärden ausgestoßenen Worten trat er durch das anstoßende Gemach auf den Flur, und die Zurückbleibenden hörten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloß.

„O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches zu verdienen?!“ hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren Stuhl. —

Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als wäre er eingesperrt und sänne darüber nach, wie er sich befreien könne. Aber sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt, abermals war er seinem Jähzorn unterlegen, und statt seine Sache zu verbessern, hatte er sie gänzlich verfahren.

Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend bewiesen, daß sie recht hatte, wenn sie ihm aufs äußerste mißtraute. Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung außer acht gelassen, sondern sich auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar Drohungen ausgestoßen, die nur zu gut verrieten, was sich in den tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem Vorgang ihm nicht wieder nähern, das Tuch zwischen ihnen war zerschnitten.

Unglaublich hatte er gehandelt!

War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein über alle Erwartungen günstiges Ergebnis gewesen?

Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken in den Sinn gekommen wäre. Es würde ihn nicht überrascht haben, wenn Theonie ihm erwidert hätte: Ich weiß nicht, ob ich mehr über Deine unverschämte Forderung mein Erstaunen ausdrücken soll, oder über deinen Mut, sie mir vorzutragen.

Statt dessen hatte sie seine Gründe angehört und unbefangen gewürdigt und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren nicht gefährden, bewährst Du Dich aber, dann soll die Hälfte Dein Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zügelloser, von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist.

Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte auszahlen wollen. Sicher würde Theonie jetzt wieder zu ihrem Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie früher festgesetzt hatte, und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse würden an die Öffentlichkeit dringen, und er würde der Familie Treffen als das erscheinen, was er wirklich war.

Wie gut hatte er alles eingefädelt, und mit welcher Pfuscherarbeit geendigt! Wäre er fügsam gewesen, so hätte er Tressens erklären können, er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Hälfte von Falsterhof. Theonie würde, unter geschickter Behandlung der Angelegenheit von seiner Seite, diese Begünstigung bestätigt, es würde sich alles ohne Schwierigkeiten und Künste geregelt haben, während nun schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Lüge aufgewendet werden mußte, um nur die üblen Eindrücke wieder zu verwischen.

Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit lag vor, daß alle Mühe umsonst gewesen.

Nein! er war doch noch ein großer Stümper! Er mußte sich's zugestehen. So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, daß er sogar auf den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei, tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemühen, ein ordentliches Leben zu führen. Ihm kamen plötzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht durch Selbstbeherrschung zu unterstützen vermochte. Er hatte noch nicht warten gelernt. Warten können! Was lag nicht alles in den Worten! Und er besaß auch nicht hinreichenden Mut; seine Genußsucht und sein Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschlüsse und machten ihn feige.

In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner schrankenlosen Selbstsucht überlegte er, ob er nicht lieber Theonie nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwören solle, daß das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn hätte aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst.

Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins richtige Geleis bringen zu können, beschäftigte ihn plötzlich solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, drängte sich ihm so stürmisch auf, daß er das Haupt zurückwarf, die Klingel zog und dem stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er möge sofort den Fuchs satteln.

„Wohin ist meine Kousine gereist?“ fügte er erregt hinzu. „Es ist wichtig, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe, alles daran zu setzen, um unser Zerwürfnis zu beseitigen. Also, wohin hat Klaus die gnädige Frau kutschiert?“

Frege befand sich in größter Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er am besten zu Gunsten seiner Herrin handeln würde.

„Ich weiß es nicht, Herr von Brecken. Zunächst wollte Frau Cromwell bei Pastors vorsprechen und später Nachricht geben.“

So wand sich Frege heraus.

Bei der Erwähnung der Pastorfamilie schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfällen durch Theonie unterrichtet wurden, würden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Jüngst hatte die Familie bereits geäußert, daß sie Pastors, die sie sehr schätzten, allernächstens mit Tankred zusammen einladen wollten.

Das verstärkte des Mannes Entschluß, unter allen Umständen Theonie nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht säumte; sicher würde sie sich bei Höppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag über aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem Zeichen des Kreuzes zurückwich, so fühlte er seine Gewalt und Kraft gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens.

Kaum zehn Minuten später war Tankred unterwegs, er jagte dahin, daß der Staub der Landstraße hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild stürmende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstraße belebenden Fußgänger erregte. —

Inzwischen saß Theonie bei Höppners im Gartenzimmer und berichtete mit eben wieder zurückgewonnener Fassung von allem, was geschehen war.

Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem Ausdruck größter Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, daß er zugleich nach einer Entlastung für Tankred suchte, daß er die Hoffnung nicht ausgab, die Herzen zu versöhnen.

Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war.

„Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenüberstehen, ich wollte ihm schon die Seele mürbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen Widerstand treffen; sehen sie, daß man ihnen die Zähne zeigt, ziehen sie wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen? — Er könnte Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen Mißtrauen sich erhöht, weil er schlecht hört, hat Sie ängstlich gemacht. Ich wette darauf, daß Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut Wetter bittet.“

So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz ihrer Überzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, daß Tankred zu dem Schlimmsten fähig sei.

Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte, als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die Pastorin rief:

„So, liebste Frau Theonie! Nun müssen Sie doch auch unsere Lene sehen, unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte, daß wir uns erst ungestört aussprächen. Gleich will ich mal umschauen, wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurück sein.“

Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach sich aber, da eben die Thür sich öffnete, und ein freundlich aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmädchen mit bloßen Armen, in einem sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mädchen von fünf Jahren an der Hand, in die Thür trat.

„Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, süßes Lenchen?“ rief die Frau glückselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch.

Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau Höppner besaß viele Vögel, die sie Theonie zeigte; sie führte sie auch in den trotz der Herbstzeit noch sorgfältig geharkten und sauber gehaltenen Garten.

Den Hühnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt einherschreitenden Hahn mußte Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie wieder über den Flur schritten, sah Theonie daß sich eben ein Bauer mit dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des Geistlichen Auge, so geduldig hörte er auch noch zu, als der Mann am Schluß wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entließ er ihn!

Und überall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung und Schönheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch Beispiel geleitet, bescheiden und rührig, selbst der Hund anschmiegend und gehorsam.

Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit denen sie für Lenchen beschäftigt war. Auch des Kindes erstes Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glücklich, und ihr sonst jeder Überschätzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend:

„Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschöpf für eine sichere Hand hat, wie talentvoll sie überhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel für ein Mädchen in den Jahren?“ Und Theonie pflichtete lächelnd bei, obschon sie das unbehülfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht fand.

Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsüchtiges Gefühl. Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben — glücklich zu sein — ja — glücklich zu sein!

Sie verwünschte fast das große Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und Qual verursacht und sie selbst verführt hatte, gegen ihre bessere Überzeugung sich fortreißen zu lassen.

Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der Pastor hatte gesagt: „Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte zuzuschleudern, liebe gnädige Frau, sanft erklärend auf ihn eingesprochen hätten, würde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn auch ein wenig gereizt!“

Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre Ansicht dargelegt. „Nein, ich hätte ebenso gehandelt wie Frau Theonie. Der saubere Herr mußte fühlen, daß ihm ein Wille gegenüberstand, denn nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach, so wachsen seine Unverschämtheit und sein Übermut, und man hat das Spiel verloren! Theonie muß auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine Weichheit mehr, kein Nachgeben!“

Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fühlte Theonie doch, daß der Pastor auch ein Recht für seine Ansicht habe.

Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht entrückt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche Überlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner für immer zu entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Berührung zu kommen?

Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos; aber zwischen sich und ihm ein erträgliches Verhältnis herzustellen und indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder Gewähren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern, den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines Namens zu behüten.

So kämpfte in ihr auf der einen Seite der ursprüngliche Entschluß, Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm zurückzuziehen und alle Folgen ihrer Überzeugung zu tragen, mit der ihr innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer Verständigung rieten.

Als man sich zum Abendessen im Pastorhause rüstete, die Frau vom Hause eben noch in der Küche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiß und goldgelb schimmernden Hälften auf einen Teller legte, trat das Kindermädchen ihr näher und meldete, daß ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell frage.

„Wer denn?“ warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der Hand, an die Küchenthür und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurück, als sie Tankred von Brecken vor sich sah.

„Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin,“ hub er, ehe sie Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit entgegen, „ich komme, um mit meiner Kousine ein versöhnendes Wort zu sprechen, und möchte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr, Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher stets bewiesene Güte.“

Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte.

„Zunächst, bitte, treten Sie gefälligst in das Zimmer meines Mannes!“ entgegnete sie höflich, aber durchaus kühl. „Ich werde Frau Cromwell fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht, und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden müssen. — Hier —“ schloß sie ebenso kurz und entschieden und öffnete das Gemach ihres Gatten, aus dem Tankred der dumpfsäuerliche Geruch der vielen Pfeifen, die der Pastor den Tag über rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde, dann hatte sich hinter ihm die Thür geschlossen. Die Pastorin aber begab sich, nachdem sie vorher noch in völliger Ruhe die Küchenangelegenheiten erledigt, ins Gartenzimmer und verkündete ihrem dort mit dem Pastor weilenden Besuch, was sich ereignet hatte.

Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Körper, der Pastor aber, bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr wirkte wie die ihm angeborene rücksichtsvolle Höflichkeit, rief fast ängstlich tadelnd:

„Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draußen stehen lasten?“

Die resolute Pastorin schüttelte bloß den Kopf und sagte kurzhin: „I, wie sollt ich wohl; er ist natürlich in Deinem Zimmer.“

„Nun, da will ich —“

„Nein, bitte, bleibe,“ entschied die Frau in einem Ton, der keinen Widerspruch aufkommen ließ. „Erst müssen wir überlegen, gründlich überlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklären Sie, daß Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen könnten. Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kühlt sich der Übermut des sauberen Herrn noch weiter ab.“

Der Pastor schüttelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie aber schwankte.

Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den Ausschlag. Es war auch möglich, daß er, da er den ersten Schritt gethan, erklärte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versöhnung aus dem Wege ging, und was besonders maßgebend war: sie wünschte so rasch wie möglich Klarheit zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, daß er Falsterhof verlassen werde.

So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor, ihm sagen zu lassen, daß sie nach Beendigung des Abendessens, also nach Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhören.

„Ja — ja — aber — wir legen dadurch an den Tag, daß wir ihn nicht an unserm Tisch sehen wollen; das — geht doch wohl nicht —“ schob wieder der Pastor in seiner Gutmütigkeit ein. „Er hat unsere Gastfreundschaft angerufen, indem er unser Haus betrat.“

„Ach was!“ entschied die Pastorin. „Laß ihn nur fühlen, wie wir über sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Überhaupt ist Zartheit der Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muß man behandeln als das, was er ist!“

So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schädigte Theonies Angelegenheit durch sein gewohntes höfliches Entgegenkommen und bat Tankred, unter dem Hinweis, daß sich seine Kousine gerade sehr angegriffen fühle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen.

„Sie sind wohl im Krug abgestiegen?“

Tankred nickte.

„Werden Sie die Nacht hier zubringen?“

Nein, er wolle nach Falsterhof zurückkehren, entgegnete Tankred und fügte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemüt die beabsichtigte Wirkung übten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer zurückkehrte und über seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm die Pastorin das Wort und erging sich über ihn in scharfem Tadel.

„Solche Gutmütigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert,“ hub sie an, „ist Schwäche. Wo bleibt der Vorteil für die Guten, wenn man den Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des göttlichen Wesens, dem Du nacheifern möchtest. Wenn Du aber nicht dieser Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel und Hölle, von Guten, die zur Rechten, und von Bösen, die zur Linken stehen sollen. Dann verheiße ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute für die Guten, das Schlechte für die Schlechten. Wenn Du nicht strenger unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmännlich schelten, und mit Recht! Gewiß, das Herz soll sprechen, die Erwägung, daß man für die eigenen Schwächen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen möchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heißt's, die Forderung stellen: Lege an den Tag, daß Du das Gute nicht nur willst, sondern übst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!“

Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds beschlossen habe.

„Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin,“ entgegnete Theonie. „Ich möchte gern hören, ob wir übereinstimmen!“

Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel ihr, daß sie schon einen Entschluß gefaßt hatte, sie fand auch, daß Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid gegeben.

„Ich würde Ihrem Vetter Folgendes erklären,“ erwiderte sie deshalb, Theonies Wunsche willfahrend: „Vorbedingung sei, daß er Falsterhof sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erkläre, daß er niemals ohne Aufforderung dahin zurückkehren werde, auch keine Rechte auf irgend einen Teil Ihres Vermögens habe. Nachdem dies geschehen, würden ihm die einmal zugesagten fünfzigtausend Mark ausgezahlt werden.“

„Nun und dann?“ fragte Theonie, als die Pastorin schwieg.

„Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwähnen. Sollte er auf ein weiteres zurückkommen, so würde ich ihm erwidern, daß ich mich jetzt in keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung verscherzt.“

„Aber deswegen ist er doch hergekommen!“ schob der Pastor, diesmal nicht nur seiner Gutmütigkeit, sondern einer richtigen Erwägung folgend, ein.

„Gewiß! Aber wer weiß, was geschieht!“ entgegnete die Pastorin. „Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht sie ihr elterliches Vermögen selbst.“

„Ich weiß, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht entgegenkommender äußere,“ sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte durch ein sanftes Kopfschütteln übergehend.

„Sie erklären ihm ja nur, daß Sie sich nicht binden wollen; darin liegt doch kein absolutes Nein.“

„Das ist sophistisch, Marie!“ schob der Pastor ein.

„Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen haben, und der andere bloß einen Helm, da ist kein Verstand drin.“

Während sie noch sprachen, entstand draußen ein Geräusch, und Theonie, bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der bloße Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenüber zu treten, erregte sie aufs höchste. Das gab der Pastorin den Entschluß ein, Theonie vorzuschlagen, sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln.

„Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich erkläre ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar machen.“ Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede.

Fünf Minuten später meldete die Magd den Herrn von Brecken.

„Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zünde Licht an!“ entschied die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred war nicht wenig enttäuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen, aber er ließ sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter, seine tiefe Verpflichtung ausdrückender Höflichkeit.

„Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht war, zu sprechen,“ hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. „Sie hat mich, um gleich auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist Frau Cromwells Wunsch, daß Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre Aufforderung nicht dahin zurückkehren. Sie verpflichten sich dazu schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklären Sie, keinerlei Rechte auf das Breckensche Vermögen, das flüssige oder liegende, zu besitzen, und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fünfzigtausend Mark auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten habe.“

„Über die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?“ brachte Tankred, nur mühsam seine durch Enttäuschung hervorgerufene Erregung verbergend, hervor.

„Nein!“

„Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?“

„Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen erledigt sein muß. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu verlassen.“

„Und wenn ich es nicht thue?“

„Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen.“

„Haben Sie ihr diese Ratschläge erteilt, Frau Pastorin?“

„Gleichviel. — Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluß nicht ab.“

„Und wenn ich nun beschwören kann — ich kann es beschwören und habe nur bisher nichts geäußert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden wollte, — daß meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Hälfte von Falsterhof zugesagt hat?“

„So würden Sie einen falschen Eid schwören. So weit werden Sie es doch wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit solchen Mitteln durchdringen, daß es bloß eines solchen für Sie bequemen Entschlusses bedarf, um mühelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei Ansprüche können Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt, daß Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfüllung und Fleiß sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau getragen. Statt sich Ihrer Kousine für ihre Hochherzigkeit dankbar zu erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die Mittel zur Verfügung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie ausfallend und stoßen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Bühne von Bösewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hören gewohnt ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen! Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird sonst schrecklich sein. Eine Weile begünstigt das Schicksal wohl solcherlei Treiben, aber nur um den Übermut nachher um so schwerer zu strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich verschweigen, was eben über Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch alles, was sonst geschehen, der Außenwelt vorenthalten bleiben. Im anderen Falle aber seien Sie überzeugt, daß wir mit allen Mitteln Ihrem ungesetzlichen, frivolen, ja, gefährlichen Treiben entgegentreten werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, daß Sie uns Furcht einflößen können, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, daß mit uns nicht gut Kirschen essen ist. — So, nichts für ungut. Die meisten Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken, daß er auch nur zeitweise über Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn auszutreiben!“

Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Ärger zugehört. Mehr als einmal hatte er in seiner maßlosen Erregung den Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Hände ballten sich unwillkürlich, und die Zähne preßten sich zusammen.

Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren ließ, da sie ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluß ihrer Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem Angesicht haften; offenbar trat die Überlegung bei ihm ein, ob es nicht doch richtiger sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

„Gut denn,“ stieß er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen heraus. „Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich will die von Ihnen geforderte Erklärung geben, auch mich mit der angebotenen Summe begnügen, wenn meine Kousine mir einen Brief des Inhalts schreibt, daß sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie mir schon vor unserm Zerwürfnis zugebilligt hatte. Auch muß sie hinzufügen, daß sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, daß ich in ihren Augen dessen würdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich schwören würde, von meinen Charaktereigenschaften und von Eventualitäten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner Überzeugung nachgehe, will ich unberührt lassen. Als kluge Frau wissen Sie am besten, daß bloße Behauptungen taube Nüsse sind, und daß wir die Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, daß manches an mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizuführen, bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Überflusses. Was ist ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel, der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu vertreiben.“

„Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und durch Beschränkung seiner Bedürfnisse. Daß Ihre Kousine, die keine Liebe für Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That ein starkes Verlangen. Und daß jemand Glücksgüter fordert, um seine Fehler abzulegen, beweist, daß er noch nicht das ABC sittlicher Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende Selbstüberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum Schluß zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wünschen, sie mag dann selbst entscheiden.“

„Also auf Ihre Befürwortung habe ich nicht zu rechnen?“

„Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich würde erst sehen wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre träge Genußsucht in solcher Weise zu unterstützen, halte ich fast für ein Verbrechen.“

Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiß war, da er sah, daß er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu erreichen, triumphierte er innerlich, überging die letzten Ausführungen der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank für ihre Bemühungen aus.

„Ich weiß, Sie werden Ihre schlechte Meinung über mich ändern, Frau Pastorin! Sicher!“ schloß er mit künstlichem Ernst und suchte, indem er sie trotz ihrer herben Begegnung gleißnerisch seiner Achtung und Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei zu erobern war. —

* * * * *

Grete von der Linden griff mit recht mürrischer Miene nach Umschlagtuch und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespräch mit Carin Helge gehabt hatte.

Ihre frühere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geäußert, daß Herr von Brecken ihr ein äußerst widerwärtiger Mensch sei, eine Persönlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein müsse, und Grete hatte sehr empfindlich entgegnet, daß sie es nicht passend finde, daß Carin ein solches Urteil über Freunde des Hauses fälle.

Darauf war wieder eine etwas schroffe Äußerung von Fräulein Carin gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte die erstere erklärt, daß es bei der geringen Übereinstimmung, die neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser für sie sei, Holzwerder zu verlassen. „Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es für gut befinden, liebe Carin.“ Mit diesem kühl gesprochenen Wort war das Band zerrissen, das die beiden seit Jahren verknüpft hatte. Aus der ursprünglichen Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes ausdrücklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat hatte sich im letzten Jahr das Verhältnis schlechter gestaltet. Grete waren die Flügel ungewöhnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, über alles sehr präzise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch über entgegengesetzte Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten.

Einige Ausflüge mit ihren Eltern in die große Welt hatten sie rasch gezeitigt. Sie wußte, daß sie hübsch und klug war, und schmeichelnde Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestätigt, aber sie wußte auch, daß sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel ein Mensch, den man für begütert hält, der Welt ohne Widerspruch bieten kann.

Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demütige Gebärden selbst dann, wenn die den Nacken krümmenden Personen keiner Vorteile gewärtig sein konnten.

Grete hatte ein Interesse für Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die Vorzüge einleuchteten, die erwachsen würden, wenn die beiden aneinandergrenzenden, großen Güter unter eine Herrschaft kämen. Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof großen Respekt eingeflößt. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider Gesinnung und vornehmer Zurückhaltung; die alten Breckens ließen die Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel Grete, die Eindrücke der Jugend wirkten nach und übertrugen sich auf Tankred.

Er war ein stattlicher Mann, groß und geschmeidig und hatte etwas Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besaß er etwas Fortreißendes, wenn er liebenswürdig sein wollte.

Daß sich nichts von Sentimentalität in seinem Wesen äußerte, war Grete höchst willkommen; sie haßte alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon nichts besaß. Und endlich und zuletzt — sie mochte ihn einmal, und durch seine Vermögenslage würde sie imstande sein, um so leichter die allerdings nur moralisch begründeten materiellen Ansprüche ihrer Eltern zu befriedigen. Allerdings, auch das überdachte Grete; sie war durchaus nicht geneigt, sich Einschränkungen aufzuerlegen.

Freilich waren Tankreds Vermögensverhältnisse noch nicht völlig aufgeklärt. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen Groschen, andere dagegen, — sie wollten es aus seinem Munde gehört haben, — daß er Miterbe von Falsterhof sei.

Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet, daß ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch für seine Bemühungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen.

Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem Gast über dessen Vermögensverhältnisse zu sprechen.

Frau von Tressen besaß die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau von Brecken an ihr gerühmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch, hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht verstanden, sich einzurichten. Während ihr erster Mann noch gelebt hatte, war er der verständige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode hatte Frau von Tressen über ihre Verhältnisse gewirtschaftet und in ihrem zweiten Mann keinerlei Stütze für bessere Entschlüsse gefunden. Im Gegenteil, das ihr persönlich gebliebene Vermögen war schon längst verthan. Bei der Feinfühligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher noch niemals mit Grete über die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen auch, daß ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen wohlhabenden Mann heirate.

Tankred gefiel ihnen aus denselben Gründen, die für Grete hauptsächlich in die Wagschale fielen.

Wohl wollte sich in der Frau — wie in Carin — bisweilen ein Mißtrauen gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft eingeschläfert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung an Gretes deutlich hervortretende Wünsche und jene Flüchtigkeit, die zunächst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge faßt, bestimmten sie, sich für die Partie zu interessieren, — natürlich vorausgesetzt, daß Tankred der vermögende Mann sei, als den sie ihn schätzten.

Ihr künftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich verpflichten, ihren Eltern jährlich eine festgesetzte Summe zu zahlen. Aber wenn nun Tankred kein Vermögen besaß, oder wenn er oder ein anderer Gatte Gretes sich weigerte, für ihre und ihres Mannes Existenz aufzukommen?

Zum erstenmal überfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben überkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es könne dergleichen geschehen oder später eintreten. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war vollkommen erwerbsunfähig. Schon machten sich allerlei durch einen raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn plagten vorübergehend Gichtschmerzen; eigentümliche nervöse Beschwerden, Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und hatten das Herz der Frau mit Sorge erfüllt. Wenn er sich dann wieder erholt und wohl gefühlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwärtig erschien ihr alles in einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft vor ihr auf, und sie beschloß, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf bloße Eindrücke oder gar auf den Zufall zu verlassen. —

Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurückkehrte, begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknöpft hatte, und dem ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der nicht eben überintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundsätzen verfuhr und allgemeine Achtung genoß.

Niemand übte einen so großen Einfluß auf Grete aus, wie er, ja, insofern das junge Geschöpf überhaupt jemanden, einschließlich ihrer Mutter, zu lieben vermochte, — ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine durch unantastbare Verträge überkommene, friedfertige und unschädliche Persönlichkeit, — empfand sie ein solches Gefühl für Hederich. So lange sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets gütig und zugleich ehrerbietig begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschüttet. Nicht Herr von Tressen, der immer nur seine Amüsements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden und Reisen ins Auge faßte, hatte ihr den früh verlorenen Vater ersetzt, sondern der Junggeselle Hederich.

Er kannte nichts von der Welt draußen, aber um so besser war er über alle Gutsangelegenheiten und alle Persönlichkeiten in nächster und weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr häufig in praktischen Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft betreffenden Dingen, über Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und wußte eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Bäumen zu, sagten die Leute von ihm.

„Guten Morgen, guten Morgen, liebes Fräulein. Drum und dran. Schon so früh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen. — So, so, das ist schön. — Ja, gewiß, gern. — Ich habe Zeit! Sollen wir hier den Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Fräulein, was ist, bitte?“

„Zuerst Hederich: Fräulein Carin verläßt uns. Sagen Sie, was halten Sie eigentlich von ihr?“

„Viel, Fräulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht erst ein Kreuz auf dem Rücken zu haben zum Zeichen, daß sie dienstfähig ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt. Aber drum und dran, warum fragen Sie?“ forschte der Alte mit seinem tief eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen.

„Nun ja, weil sie weggeht, und ich darüber nachdenke, an wem die Schuld wohl liegt. Gewiß Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns nicht mehr. Da ist es besser —“

„Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als daß Sie in Feindschaft enden. Gewiß, das hat sie nicht um Sie verdient, Fräulein Grete!“

Grete schwieg, sie fühlte er hatte recht; gern würde sie aber gesehen haben, daß er ihr bereitwillig zugestimmt hätte.

„Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Fräulein Grete, nichts für ungut, wenn ich fragen darf?“

„Über Herrn von Brecken erzürnten wir uns. Apropos! Was halten Sie von dem?“ unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gespräch auf ihn gebracht, während sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte.

Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu wollen.

„Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?“

„Mit Verlaub, Fräulein Grete. Will Fräulein Carin etwas von ihm wissen?“

„Nicht viel eben! Sie verdächtigt seinen Charakter.“

Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte große Augen.

„Ja, sie versteht's —“

„Wieso? Mögen Sie ihn auch nicht? Hören Sie, Hederich! Ich frage nicht umsonst. Ich — ich —“

„A — h —“ machte der Mann und sah Grete groß an. „Nun ja denn! Ich weiß nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Fräulein Grete, er hat was im Auge — oft — man kann sich fürchten —“

„Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam und solide werden.“

„Ja — ja — das ist wohl anzunehmen,“ bestätigte Hederich. „Aber ob er so recht umgänglich werden wird — gegen Sie — ich meine — drum und dran — und denn — und denn, Fräulein Grete — er hat, glaub' ich, gar nichts!“ stieß Hederich zum Schluß heraus.

„So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darüber?“ forschte Grete, den ersteren Einwand umgehend.

„Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber auch bloß ein Versprechen, das an Bedingungen geknüpft ist.“

„In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?“

Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus. Zuletzt ließ er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und erklärte, Frege traue Tankred nicht über den Weg.

„Ja, aber weshalb mißtrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht,“ betonte Grete, durch die Enttäuschung, die sie empfand, zum Widerstand gedrängt. Sie wollte Gutes hören, und da sie es nicht vernahm, wollte sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen.

„Sie meinen — drum und dran —“ entgegnete Hederich ehrlich, — „daß er wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Für andere Menschen hat er nichts übrig.“

Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklärung regte sie nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen hätte, wenn Hederich von Tankred eingenommen gewesen wäre.

„Na,“ schloß sie nüchtern. „Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn.“

„Ja, — ja — liebes Fräulein, aber es liegt — drum und dran — etwas dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama — na ja, sie hat ja eine sehr leichte Hand — aber die hat die schöne Mitte, klug und gut.“

Grete antwortete nicht.

„Warten Sie, alter, guter Hederich —“ sagte sie und schob ihm das Bändchen unter den Rockkragen, — „hier steckt was heraus.“ Und plötzlich ganz unvermittelt: „Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie viel unser Gut?“

Darauf mußte Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des genau Unterrichteten überaus gut gefiel.

„Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreißigtausend Mark jährlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal weniger, so etwa sechzigtausend Mark.“

„Nicht mehr?“ fragte Grete enttäuscht.

„Nein, mehr nicht, Fräulein, und dann sind da auch noch Zinsen und — und — na, gleichviel —“

Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das, von Epheu umsponnen und von schönen Bäumen umgeben, einen reizvollen Anblick gewährte.

„Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?“ fragte Grete sinnend.

„Ja, einmal. — Was jetzt die Frau Pastorin ist — unter uns gesagt — die Pastorin Höppner, die hätt' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter Mensch, bloß kein Mann. — Nein, drum und dran — kein Mann. Ich freue mich noch immer, wenn ich sie sehe — ja, das thue ich!“ schloß Hederich, mehr mit sich selbst als mit Grete redend.

„Adieu! Danke, alter guter Hederich!“ sagte Grete. Was sie für ihn empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder.

Und er fühlte es und sagte:

„Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen.“

„Nun?“

„Sie! Fräulein Grete,“ sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's über das Angesicht des Mädchens, und sie drückte ihm gerührt die Hand. Bisweilen sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heiße Quelle in ihr auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie stürmisch. —

Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute etwas ungeduldig nach der Thür.

„Wo bleibt denn Carin? Weißt Du etwas von ihr, Grete?“ wandte sie sich fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber öffnete sich die Thür, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins Gemach.

Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang gab.

Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlaßte Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten schauenden Balkonzimmer saß, die Rede auf Fräulein Helge zu bringen.

„Wir haben uns erzürnt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das Fräulein verläßt morgen früh Holzwerder,“ entgegnete Grete kalt.

Die Mitteilung überraschte, aber interessierte und erfreute zugleich Tankred sehr. Die mißtrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine große Beruhigung.

„Das sagen Sie so leicht hin, gnädiges Fräulein?“ knüpfte er, um mehr zu hören, an.

„Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich nun eine andere Thätigkeit. Ein Bündnis fürs Leben habe ich doch nicht mit ihr geschlossen.“

„Ließ die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die Frage erlaubt ist?“

Statt zu antworten, lächelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend:

„Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist. Wenn Fräulein Helge uns verläßt, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man kann sündigen, ohne es zu wissen,“ schloß sie, als Tankred große, forschende Augen machte.

„Ich?“ stieß er heraus. „Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich natürlich ungemein.“

Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle. Verriet sie ihm, daß Carins absprechendes Urteil über ihn sie geärgert habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie über seine äußeren Verhältnisse genau unterrichtet war.

Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wünsche unterstützten seine Annahme.

Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich:

„Ist es denkbar, daß Sie, mein Fräulein, für mich gegen Fräulein Helge Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und daß sie gegen mich intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermögen, daß — daß —“

„Daß?“ forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreißen lassen wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb verdeckten Erklärungen liegt.

„Nun, daß Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden könnten, und daß sie, Fräulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken sein würde.“

„Sollte es das sein?“ ging's rasch und fast gegen Gretes Willen über ihre Lippen. Also Beweggründe egoistischer Natur hätten Carin geleitet! Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr paßte, da sich daraus die Gründe für Carins Abneigung gegen Tankred erklären ließen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an.

„Gewiß, ich bin dessen sicher, Fräulein von der Linden. Und nicht wahr?“ fügte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zärtlich sprechend, hinzu: „Ich darf annehmen, ich darf hoffen, daß Fräulein Helge das Rechte traf —?“

Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen, und sie ward unsicher und beängstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom schoß durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Kräfte und wollten sie fortreißen. Aber dennoch siegte die überlegende Vernunft.

„Wir wollen über andere Dinge sprechen, Herr von Brecken,“ stieß sie, sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine Worte als ein übertriebenes Kompliment aufgefaßt hätte. Und zur besseren Bestätigung ihrer Unempfindlichkeit fügte sie hinzu:

„Es giebt ja interessantere Themata als Fräulein Helge. — Wie denken Sie zum Beispiel über die Stellung des Jupiter zur Sonne?“ —

Als später Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer saß — es war kurz vor dem Abendessen — sagte der letztere:

„Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehört? Wo hält sie sich jetzt auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter fortbleiben?“

„Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in einigen Wochen nach Falsterhof zurückkehren.“

„Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof über? Oder welche Pläne haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir sagt, daß Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Nähe,“ schloß Herr von Tressen artig.

„Allerdings, ich möchte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen könnte —“

Unwillkürlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf diese Weise das Gespräch auf Grete hinüberleiten? Im Augenblick fand Herr von Tressen keine Anknüpfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke, und er sagte:

„Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich höre, Mitbesitzer sind, würde Ihnen nicht konvenieren? Übrigens nachträglich meine Gratulation! Es ist wohl die schönste Herrschaft in der Provinz.“

Diesen Worten war es unmöglich, auszuweichen. Tankred wußte auch, daß sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und wenn die Dinge nach ihren Wünschen ausfielen, stand einer Heirat mit Grete nichts im Wege.

Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden mußte, da Tankred je eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken beiseite und sagte:

„Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen. Ohnehin drängt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen. Wollen Sie es mir gestatten?“

„Ich kann mich dadurch nur geehrt fühlen,“ entgegnete Gretes Stiefvater verbindlich und zugleich mit größter Spannung.

„Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Höhe zu beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand bereits ein bares Kapital überwiesen. Weiteres macht sie abhängig von gewissen Bedingungen. Ohne Rückhalt gesprochen, sie will mich prüfen, ob ich imstande bin, mit einem großen Vermögen umzugehen. Eine gewisse Breckensche Pedanterie, übertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber ich besitze ein Schriftstück, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt, mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen. — Ich gelange nun auf den anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Fräulein Grete, hat gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir in so überaus liebenswürdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner Besuche verstärkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der meine sehr lebhaften Wünsche unterstützt. Unwillkürlich richtet ein besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwählten seines Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm sympathisch sind, und da muß ich ohne Komplimente sagen, daß ich es als das höchste Glück ansehen würde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin in nähere Berührung zu treten.“

Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimütig liebenswürdiges Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so überzeugt klangen seine Worte, daß sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt hatte.

Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die vorausgegangenen Mitteilungen äußerst befriedigender Art zu sein schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm gewünschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was seine Frau ihm eingeschärft hatte. Er sagte deshalb vorläufig noch mit etwas Zurückhaltung:

„Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken, treten besondere Verhältnisse ein, die der Erörterung unterliegen müssen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich äußerst erfreuenden Antrag — meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorläufig noch nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, daß sie Ihnen, wie Sie es voraussetzen, geneigt ist, — also wenn ich Ihren Antrag in Überlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns nötig.

Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat hören unsere rechtlichen Ansprüche auf, und wir sind angewiesen auf ihre gütige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermögens wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestätigung unserer moralischen Ansprüche ist erforderlich, nachdem die Höhe der uns zu zahlenden jährlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der Grete einmal heimführen wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto geneigter werden wir ihm selbstverständlich sein. Darin liegt keine verwerfliche Geldsucht, sondern es begründet sich in der Natur der Dinge. Von der Luft können wir nicht existieren, und ein anständiges Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wünschen.“

Tankred hatte während Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorläufig noch nicht Gretes Bräutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der Wirkung seiner Antwort gewiß:

„Ich würde, wenn mir das Glück werden könnte, Fräulein Grete heimführen, es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen möglichst ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglück in erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualität, die in eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so freundlich und gütig sein wollen, zu unterstützen.“ —

Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten Unterredung.

„Vortrefflich,“ sagte die Frau, nachdem er geendigt. „Aber nun wäre es doch wünschenswert, daß wir das Schriftstück, von dem Brecken spricht, einsähen, und daß Du auch an Frau Cromwell schriebest.“

„Meinst Du wirklich, daß letzteres notwendig ist? Ich denke, die Einsicht in das Abkommen genügt; hoffentlich wird Brecken es uns von selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich.“

„Nun, es wird sich ja finden! Vorläufig wollen wir Grete noch nichts mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken steht. Daß sie sich sehr für ihn interessiert, ist zweifellos. Übrigens, wie ist sie kühl! Von der Helge trennt sie sich mit einer Gleichgültigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Mädchen! Sie war sehr weich und rührte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit ihr hatte, während Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussöhnung denkt sie selbst nicht. Sie fühlt, daß Grete ihr Gehen will, Grete hat begierig die Gelegenheit zur Herbeiführung der Verstimmung ergriffen.“

Aber Herr von Tressen hörte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzüge bewiesen, daß er bereits dem Schlaf erlegen war.

* * * * *

Tankred saß in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von neuem ein Schriftstück. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt:

‚Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklärt hat, daß er keinerlei rechtliche Erbansprüche an den Nachlaß meines Vaters besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat, diesbezügliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter empfangen zu haben, bestätige ich hierdurch meine Zusage, ihm die Summe von fünfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen versehen.

Weitere Zuwendungen, größere oder kleinere bis eventuell zur Hälfte des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch will ich mich darüber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fünf Jahren äußern und verpflichte mich, wie ich ausdrücklich hervorhebe, dazu in keiner Weise.‘

In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck, und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Bürgschaft, daß Tankred einmal Miterbe von Falsterhof würde.

Er konnte das Schriftstück Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit begnügen würden. Was bedeuteten fünfzigtausend Mark? So viel wie nichts! Und während der nächsten fünf Jahre wenigstens war er nicht imstande, weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen.

Es blieb also nur übrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine zweifellos günstige Erklärung abzufassen, mit anderen Worten, eine Fälschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mußte er erst gelangen, und dazu bedurfte es stärkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen.

Tankred überlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein würde. Unter zwanzigtausend Mark jährlich waren sie sicherlich nicht abzufinden, dann blieben noch dreißig- bis vierzigtausend Mark für seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht übermäßig viel, aber doch sehr viel, wenn man nichts besaß. Auch waren noch die Vorteile hinzuzurechnen, die ihnen würden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles, was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang viel, die Reisen und sonstiger Luxus.

Und die Alten würden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein sehr gutes Geschäft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionärin.

Auch des Erfolges war Brecken gewiß, wenn nicht noch unberechenbare Zwischenfälle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem Justizrat mit sehr wenig Rücksicht auf seine Wünsche abgefaßte Schriftstück jede Hoffnung wieder zerstörte.

Hm! hm! — Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab. Dann aber ließ er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb lange, änderte, fügte hinzu, überlegte, änderte nochmals und las schließlich, was vor ihm lag:

‚Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklärt hat, auf Ansprüche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von Brecken erwachsen sein mögen, verzichten zu wollen, bestätige ich hierdurch meine Zusage:

I. ihm zunächst fünfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die Hälfte des Besitzanteils an Falsterhof überweisen zu wollen, wenn mir nach fünf Jahren die Gewähr gegeben ist, daß er damit im Sinne meines verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nützen und mehren wird. Eine solche Einschränkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche das Testament für mich selbst enthält, geboten und entspricht demnach nur genau den mir selbst zustehenden Rechten.

Theonie Cromwell.‘

„Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet trotz der geschäftlichen Kürze und Form volles Wohlwollen,“ flüsterte Tankred. „Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals entsprechend, und daß sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben, dafür werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen Thatbestand handeln: fünfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Hälfte des Besitzanteils von Falsterhof nach fünf Jahren.“

Und so überzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, daß er sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des Originals täuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm überraschend. Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin Höppner, und sie zu veranlassen, daß sie ihm wenigstens keinen Widerstand entgegenstellte, mußte jetzt seine Aufgabe sein.

Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben, vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde zu befriedigen, teils um von Frege etwas über Theonie zu erfahren.

Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich in Elsterhausen für seine Reitausflüge gemietet hatte, in die Allee von Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Bäume, insbesondere die kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach auftauchten entzückten das Auge.

Tankred befand sich in einer außerordentlich gehobenen Stimmung; je mehr er über die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: daß Grete von der Linden, die sehr genau wußte, was sie wollte, ihm am Ende doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber — eine Möglichkeit war doch vorhanden.

Während er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hörte er hinter sich das Geräusch eines dahineilenden Wagens, und als er den Blick wandte, sah er zu seiner großen Überraschung Grete, die selbst das Gefährt lenkte, vor sich.

„Sie, mein hochverehrtes Fräulein?“

„Sie, — Herr von Brecken?“ ging's zugleich aus Gretes Munde. „Wohin? Nach Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurück?“

„Nein,“ — erklärte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd durch einen so mächtigen Druck, daß es sich fast überschlug und nun bewegungslos verharrte. „Ich will nur einmal auf Wunsch meiner Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswürdigen Brief geschrieben hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen zurückkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof eigentlich? Möchten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es wird Sie, glaube ich, interessieren, den mächtigen Bau mit den schönen, altertümlichen Möbeln in Augenschein zu nehmen.“

Einen Augenblick zögerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in Tankreds Gesellschaft aufdrängte. Aber sie überwand das Bedenken, nachdem Tankred ihr zugeredet und erklärt hatte, daß Frege sie herumführen, und er sie sogleich wieder zurückgeleiten werde.

Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschließende, mit Pelz besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmütze.

Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zähne in dem klugen, fein geschnittenen Munde blitzten verführerisch. —

Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich anfangs nichts, nur Max erhob ein wütendes Gebell. Dann aber kam Klaus aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in Empfang.

„Bitte, erlauben Sie!“ bat Tankred, der schnell von seinem Tier herabgesprungen war, und streckte die Arme aus.

„Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken,“ wehrte Grete ab. Aber sie gestattete es doch, daß er ihre beiden Hände ergriff, und ließ sich so von ihm beim Herabspringen helfen.

Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen, schritt er an Gretes Seite dem schloßartigen Gebäude zu, das wie immer unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des großen Hofes emporstieg.

Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenräumen bellend auf dem Pflaster erscholl das Geräusch der fortgeführten, und einmal übermütig hintenaus schlagenden Gäule. Und dann ertönte dumpf die schwere Flurglocke, und sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof.

Zunächst drückte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber da der nicht sogleich erschien, öffnete er selbst die Thür zur Linken und bat Grete, in die Wohngemächer einzutreten.

Ein überraschender Luxus trat ihnen entgegen; überall befanden sich kostbare Teppiche, alte Möbel und Kunstgegenstände; faltige Gardinen und Vorhänge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschützten Thüren und Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den Reichtum der früheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermütiger Verlassenheit durchwehte die Gemächer, und erst als sie die nach dem Parkgehölz zu liegenden Räume betraten, und hier die heller eindringende Sonne den kostbaren Gegenständen ein heiteres Gepräge verlieh, die eingelegten Schränke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fußteppichen in farbenreicher Schönheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich unwillkürlich auf Gretes Gemüt gelegt hatte, und ein Ruf der Überraschung ging aus ihrem Munde.

„So schön hätte ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der einen so ausgeprägten Sinn für kostbare Dinge und einen so feinen Geschmack besaß?“ fragte sie.

„Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verständnis dafür und Freude daran,“ entgegnete Tankred. „Wenn es sich um ein schönes, altes Möbel oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er besaß eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten Lebensjahre nach. Sie müssen nun aber erst mal seine eigenen Gemächer sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich über den Flur auf die andere Seite.“

Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein ausgelegten Kästchen herab und ließ ihr Auge darauf ruhen.

Wie so oft äußere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersüchtiges Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete.

Sie wünschte in diesem Augenblick, daß er ihr Komplimente sage, ihr den Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that, herbeiführen, was ihre Gedanken und Sinne beschäftigte.

So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, daß sie, als er ihr näher trat, den Kopf so zur Seite neigte, daß seine Wange ihr Haar streifte, und ihre Häupter sich sanft berührten. Sie zog das ihrige auch nicht zurück, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie drängte, ließ sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurück.

„Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen,“ stieß Grete, nun den Weg zur Thür nehmend, heraus und seufzte begehrend auf.

„Das sagen Sie?“ entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. „In Holzwerder strahlt doch alles in Schönheit, dort weht eine reizvolle Gemütlichkeit, während Falsterhof düster und einsam ist. Nur in diese beiden Gemächer dringt etwas Wärme und Licht.“

„Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fülle, und das liebe ich. Ich gestehe, daß mich das Besitzen an sich reizt, und ich unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die viel für Überflüssiges, für gelegentliche Genüsse und für Dinge ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Für Kunstsachen möchte ich auch ein wenig verschwenden, sie können durch die Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren Essen und teuren Weinen?“

„Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen überein,“ erwiderte Tankred. Und mit brennendem Blick fügte er hinzu: „Ja, erwerben, besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch für mich einen unnennbaren Reiz. Früher war das nicht so. So lange ich nichts besaß, war ich leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich glaube, daß wir auch sonst mancherlei Ähnlichkeiten haben. Wir hassen zum Beispiel die Sentimentalität, besitzen einen auf das Greifbare gerichteten Sinn und einen übereinstimmenden Geschmack in dem, was man bequem nennt.“

Grete nickte lebhaft, er wußte ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit übereinstimmte oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wußte, daß es ihr gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluß wußte er noch einen besonderen Druck auf sie auszuüben, indem er berechnend hinwarf:

„Glücklich ist derjenige, der Ihnen im Leben näher treten darf, der von Ihrer Freundschaft berührt wird, glücklich, weil Sie sich ganz so geben, wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefühl, und sicher fest halten, was Sie einmal ergriffen haben.“

„Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?“ gab Grete halb geschmeichelt, halb in ehrlicher Überzeugung zurück. „Wollen Sie wissen, daß ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglücklich fühle? Ich denke dann, daß ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefügig und sehr egoistisch. Ich bin nicht gut, wie man sein müßte. Die Natur schuf mich so, — leider! Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner Charakterveranlagung mein Glück. Es ist wirklich von Übel, wenn man eine so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmütig ist. Was hätten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wäre? Natürlich werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht weiter leben können, wenn ich einmal —“

Grete stockte.

„Wenn Sie einmal?“ setzte Tankred leise an und trat Grete, plötzlich alles wagend, mit zärtlich werbenden Mienen und Blicken näher. Aber obgleich ihre Augen verrieten, daß sie bei ihm war, entwich sie ihm doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hörten sie draußen Schritte, und, ihre Verwirrung bekämpfend, gingen sie auf den Flur, wo ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenübertrat.

Tankred verständigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus möchte den Wagen und das Pferd vorführen, sie wollten gleich wieder fort, er wünschte dem Fräulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen.

Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemächern des verstorbenen Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen.

Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie bereute, daß sie sich hatte fortreißen lassen, oder sie wünschte sich nicht der Möglichkeit auszusetzen, von Frege überrascht zu werden.

Sie besah die Räume, in die Tankred sie führte, flüchtiger und machte eine hastig unruhige Bewegung zur Rückkehr, als sie in einer alten Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand.

„Schon zwei Uhr! Ich muß zurück, Herr von Brecken. Ein andermal den Park.“

„O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fräulein,“ wandte Tankred schmeichelnd ein. „Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!“ — Und einen neckisch ernsten Ton annehmend, fügte er hinzu: „Hätten Sie, wie ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse für Falsterhof und seinen künftigen Besitzer — dann — dann —“

Aber schon während Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht ungütige, aber entschieden abweisende Bewegung.

„Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken,“ stieß sie rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. „Aber, bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den mißtrauischen Augen des alten Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen uns dann, und — und —“

„O Grete, teures Mädchen —“ stieß Tankred, nicht Herr seiner durch den Widerstand verschärften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm nachzugeben, schüttelte sie das Haupt und verließ mit sanfter Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach.

Draußen angekommen, drückte Tankred den Dienern jedem ein Geldstück in die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen. —

„Hier,“ sagte Frege, als das Geräusch der Räder und Hufen verklungen war, und gab Klaus die empfangene Münze. „Ich will von ihm kein Geld. — “ Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurück.

* * * * *

Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner höchsten Überraschung Fräulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei.

„Ja, schon seit längerer Zeit. Das Fräulein, das früher auf Holzwerder gewesen, befindet sich dort.“

Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, daß man ihm hier doch Näheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen können.

Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und heute einen Besuch bei Höppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas Gutes lag wieder darin. Sicher würden Pastors jetzt Tressens auf Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, daß durch die Aufnahme Fräulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes Verhältnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin sah es freilich ganz ähnlich, keine ängstlichen Rücksichten zu nehmen, wenn sie von ihrer besseren Überzeugung geleitet ward. Ihr natürliches Selbstgefühl wurde durch den Umstand verstärkt, daß sie ihrem übrigens ziemlich viel älteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen in die Ehe gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne daß der Pastor sich in abhängiger Stellung mühte.

Während Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich Gedanken über den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezüglich seiner Person.

Die Pastorin würde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren Eröffnungen zurückhalten, und die Helge würde triumphieren, daß sie ihn so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an Grete, ihre frühere Schülerin und Vertraute, eine Warnung ergehen ließ?

Sein Schuldbewußtsein drängte ihm plötzlich alle möglichen Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige Personen mußte er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten Frege und die Pastorin. Daß damals Frege den Brief an ihn geschrieben, war ihm durch Vergleichung von Schriftstücken, die von dessen Hand herrührten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, daß er zu Theonie hielt. Um so mehr drängte es Tankred, sich nun so rasch wie möglich Gretes zu versichern, und am nächsten Tage schon etwas ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte.

Ein eigentümlicher Zufall führte es mit sich, daß auf der ersten Station zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Höppner, welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte, einstieg. Er begrüßte Tankred mit gewohnter Höflichkeit und Unterordnung und gab sich auch in der Folge überaus beflissen und mit der ihn stets auszeichnenden liebenswürdigen Gutmütigkeit in seinem Wesen.

Tankred konnte sicherlich nichts erwünschter sein als diese Begegnung, da Höppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wünschte.

„Wir kennen,“ hub er an, „Fräulein Helge ja schon so viele Jahre, und meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie schätzt ihren Charakter außerordentlich und empfand gleich lebhaftes Mitleid, als sie erfuhr, daß gewisse Umstände die Entfernung der Dame von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung erforderlich gemacht hätten.“

„Was war denn wohl die Veranlassung?“ schob Tankred, sich unwissend stellend, ein.

„Darüber bin ich nicht unterrichtet,“ entgegnete Höppner, langsam die Worte dehnend und in gewohnter Rücksicht ausweichend. „Es wird wohl auf beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das ändert ja nicht die Notwendigkeit, daß wir uns der uns befreundeten Dame annehmen.“

„Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend,“ schob Tankred, glatt schmeichelnd, ein. „Wird Fräulein Helge länger bei Ihnen verweilen? Übrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten muß. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig genähert haben.“ — Tankred wußte, daß der immer zum Friedenstiften geneigte, gutherzige Höppner jedes Wort seiner Rede den Frauen hinterbringen werde.

„Fräulein Helge hat Aussicht, — ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr interessieren, und da Sie sie so schätzen, auch freuen, Herr von Brecken, — Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis die Sache entschieden, bleibt sie bei uns.“

Tankred glaubte, daß ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten.

Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschöpf mit dem unerträglich affektierten Vornamen künftig zusammen auf Falsterhof! Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie würden sie ihn alle beobachten, und wie würden sie Buch führen, um nach fünf Jahren zu erklären, daß er des Erbes nicht würdig sei! Und alle die Katzenbuckel, die er den Dreien in so langer Zeit würde machen müssen, während er sie am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wüste Insel geschickt hätte. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein Blinder! Ungewöhnlich beschränkt war doch dieser Geistliche!

So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kräftiger Selbstbeherrschung wußte er gleichwohl seine Enttäuschung zu verstecken, pflichtete vielmehr, hoch erfreut über solche Möglichkeit, dem Pastor bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, daß er den Weg nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der in größerer Entfernung liegenden Güter erhalten zu haben.

Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und einen Fußpfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, daß Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe beschäftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu, wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begrüßung wandten sich alle wieder der Thätigkeit der von Hederich angeleiteten Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die Beschäftigten inne.

„Erlauben Sie mir!“ rief Tankred, welcher sah, daß die Damen den Vorgängen mit großer Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkräften den unter den Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals anzufassen und abwärts zu drücken, und brachte nun gleichsam spielend zu wege, was allen Mühen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der schweren Eisenmasse war er behülflich und stand, während die übrigen, nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiß wischten, da, als ob es sich um eine Kinderei gehandelt hätte.

Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen bisher nicht zu bändigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war, als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden!

Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Sätze, daß die Umstehenden unwillkürlich aufschrieen und einen tödlichen Sturz schon vor Augen sahen, aber Tankred riß den Hengst herab, als ob in die schnaubenden Nüstern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und über die Weichen und flog dann wieder in solcher Karriere über den Hof, daß die Funken aus dem Pflaster stoben.

Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd und bebend, der übermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fügend, da.

„Herrlich! Wundervoll!“ riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred abgestiegen war und sich ihnen näherte.

Auch Hederich war ganz hin.

„Drum und dran, das ist ein Stück, wie ich es noch nicht gesehen habe. Alle Achtung, Herr von Brecken,“ stieß er heraus und bewegte in unbeschränkter Bewunderung den Kopf.

Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke an, der mehr sprach als alle Worte.

Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wußte, daß nun das Schriftstück von Theonie zur Sprache kommen werde.

Noch war er nicht so verdorben, daß er der Vorlage des gefälschten Dokuments mit völliger Ruhe entgegen gesehen hätte; bisher hatte er gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewußt, die seinen Brotherrn geschädigt hatten, aber doch nicht als direkter Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Fälschungen war er bisher doch zurückgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Berührung bringen konnte, und so peinigte ihn außer dem Rest von Ehrgefühl, das noch in ihm war, auch — die Furcht. Er sagte sich wie schon früher, daß er nicht dazu veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, daß er nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und für sie erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn das Schriftstück nicht in Tressens Händen blieb, wer konnte ihm dann etwas nachweisen? Er würde im Fall mit kühner Stirn leugnen und Tressen der falschen Verdächtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespräch dazu Anlaß bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und überreichte es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit.

Tankred beobachtete des Lesenden Züge. Ohne Zweifel; er hatte seine Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt abgefaßtem Kommentar ebenfalls mit größter Genugthuung zuhörend, das Papier neben sich auf den Tisch.

Er schien das Schriftstück einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred ließ seinen Zweck nicht aus dem Auge. „Der letzte Passus“ — schob er in seine Rede ein, nahm die gefälschte Akte an sich und entfaltete sie, „bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklärung. Gestatten Sie. Es heißt da — —“

Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, ließ er das Papier, nachdem er es noch eine Weile in den Händen gehalten, gleichsam unwillkürlich in seine Brusttasche zurückgleiten.

„Würden Sie erlauben, daß ich auch meine Frau mit dem Inhalt des Schriftstückes bekanntmache?“ fiel Tressen ein und streckte mit höflicher Bewegung die Rechte aus. „Ich lege es dann morgen dankend in Ihre Hände zurück. Ich hoffe doch, daß Sie die Nacht noch bei uns bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken können? Sie wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit für Sie bereit!“

Tankred schwankte. Was Tressen ihm über sein Bleiben vorgeschlagen, stimmte sehr mit seinen Wünschen überein, aber das Papier auch nur zeitweilig von sich zu geben, hieß alles aufs Spiel setzen! Sie konnten, ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie vorlegen! Was er selbst gethan haben würde, mutete er anderen zu.

„Natürlich! Mit Vergnügen,“ bestätigte er trotzdem. Aber mit der Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fügte er hinzu: „Verzeihen Sie die Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht möglich wäre, daß wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich möchte etwas Gutes aus dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hören; sie wird auch wissen, ob ich mir bei Ihrem Fräulein Tochter Hoffnung machen kann. Später, wenn Gäste eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewißheit raubt mir den Schlaf. Sie lächeln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau Gemahlin warben, das wird Sie für meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich möchte für den Fall auch gern Ihre künftigen Angelegenheiten besprechen, Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, daß ich das so ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fühle mich — der Himmel möge verhüten, daß ich in meinen Hoffnungen betrogen werde — bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich würdig zu zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde.“

Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermäßig das Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau herbei. —

* * * * *

Das Gespräch war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen, während Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fräulein Grete unterhalten zu dürfen.

Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewährt. Während im Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte Bleifeder immer mit demselben harten Geräusch aus Tressens Hand auf den Spieltisch fiel, während Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl, und Hederichs unvermeidliches „Drum und dran! das mußte Schlemm werden!“ ertönte, saßen nebenan Tankred und Grete in stillem Geflüster, und endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch seine Worte und Gebärden immer mehr erregten Mädchen zu:

„Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fräulein Grete, zu sprechen. Ich ging mit Gefühlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen. Mir war, als ob Sie mir befohlen hätten, einen Tag und eine Nacht den Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein Gedanke beschäftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe lag. Darf ich denn nun sprechen, — o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen, — Ihnen sagen, was, was, — “ Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht.

Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens, und gerade weil es sie drängte, das sie berauschende Wort zu hören, fand sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiß strömende Quelle auf, das Gefühl überflutete alles: Verstand, Vernunft und Überlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte, ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Nähe des Mannes durchströmte sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach, drängend, schmeichelnd, zärtlich und feurig, war sie nicht mehr Herr ihrer selbst; sie litt es, daß er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig deutend, umfaßte, und plötzlich drängte sie selbst ihre Lippen zu den seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen.

Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefühl von Sättigung und Wonne, und seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestoßener auf Falsterhof erschienen war, saß im Schloß von Holzwerder, und die Erbin der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe. Ja, sie würde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn, Tankred von Brecken, von ihrer Brust hätte reißen wollen. —

* * * * *

Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes über die Rückkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestürmt worden, nunmehr seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von Elsterhausen sei zu groß. Grete hatte den Wunsch, Tankred täglich zu sehen. „Weshalb willst Du meine Wünsche nicht erfüllen?“ hatte sie in einem starken Gefühlsdrange gefragt. „Ich kann ohne Dich nicht sein. Liebst Du mich weniger, als ich Dich?“

Der Grund, den Tankred früher für seine Entfernung von Falsterhof angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wünschte er nicht zu sprechen.

Er wollte heute von Frege hören, ob Theonie vielleicht die Absicht habe, den Winter über fortzubleiben, und ihr dann schreiben, daß sie ihm wegen der veränderten Verhältnisse erlauben möge, die Räume, die er in Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, daß sie ihrem Besitz fern bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, daß die Dinge sich nach seinen Wünschen gestalten möchten, legte er ihnen auch eine größere Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederließ, daß der Pastor erkrankt, und man in großer Sorge um ihn sei. Da der Pastor Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von Bedauern; viel lieber hätte er gehört, daß sie, die Pastorin, hoffnungslos darnieder liege. Die „Person“ war ihm in der Seele zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, daß Carin nach wie vor im Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg.

Als er den Hof erreichte, — es war gegen vier Uhr nachmittags, und er wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach Elsterhausen zurückkehren, — sah er Frege gerade mit langsamen Schritten ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen, finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein düster gemaltes Bild. Ringsum nichts Lebendiges. Die Bäume streckten regungslos ihre dürren, kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Öde und ein gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag über allem ausgebreitet.

Brecken überkam ein Gefühl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es legte sich ihm plötzlich auf die Brust, als ob er fliehen müsse, als ob seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu, löste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war, selbst Häcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, näher.

Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit allerlei nebensächlichen Dingen. Nach Erwähnung dieser war ein Absatz gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt:

‚Und nun die Hauptsache, gnädige Frau. Herr von Brecken hat sich mit Fräulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben, nachdem er durch ein Schriftstück von der gnädigen Frau nachgewiesen hat, daß er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fünf Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, daß es das richtige Papier ist, und schicke der gnädigen Frau Abschrift davon.‘

Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges großen, steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoß ihm tobend ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestört ward —!

‚Die gnädige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des Schriftstücks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwürdig dabei gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon früh bei Herrn Hederich in Holzwerder, der, wie ich wußte, zur Stadt wollte und schon oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich hinter dem großen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen war.

Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand. — ‘

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