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Todsünden

Front matter (continued 3)

Reading edition

Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur hörte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den Platz und faßte die Thürklinke. Als er hinaustrat, streifte er den Alten, der mit einer Miene zurückprallte, als ob die Erscheinung eines Verstorbenen vor ihm aufgestiegen wäre.

„Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie nicht. Einen Augenblick! Ich möchte etwas von meiner Kousine hören. Kommen Sie! Wir können nach vorn gehen!“

Der Alte, sichtlich aufs äußerste betroffen, aber sich beherrschend, nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thür zu den Gemächern des alten Herrn zu öffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: „Wo ist Klaus?“

„Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine Schwester besuchen —“

Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hörte, befriedigte ihn sehr.

Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als Tankred die Thür schloß, auf den Alten losstürzte, ihn an der Gurgel packte und ihm zuraunte: „Wo ist die Abschrift des Schriftstücks, das Du Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich töte Dich, so wahr ich Brecken heiße!“

„A — h —“ drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber die furchtbare Faust Breckens schnürte ihm Atem und Sprache ab.

Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand, stieß den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen.

„Nun?“ zischte er mit furchtbaren Gebärden.

„Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit,“ stieß Frege entschlossen heraus. „Ein Bandit ist der, welcher —“

Aber Brecken ließ ihn nicht ausreden. Er faßte ihn hinten am Rockkragen, schob den Widerstrebenden zur Thür, entriegelte sie und stieß sein Opfer bis in die Kammer. Hier ließ er ihn los und befahl ihm, den Brief an sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern.

Aber der Alte hob sich stöhnend in die Höhe, blickte den Mann fest an und sagte: „Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch töten. Früher oder später wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir an!“

Brecken fletschte die Zähne, und so furchtbar war seine Wut, daß er Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er sich über ihn und schrie: „Gieb, oder Du bist eine Leiche!“ und als Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf schüttelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schlüssel und begab sich selbst ans Suchen. Seine Bemühungen waren nicht umsonst; nach wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte.

Nachdem er es an sich genommen, näherte er sich Frege, der sich inzwischen mühsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand, und sagte, ihm die Schlüssel hinwerfend: „Diesmal ging's noch an Dir vorbei, Du schleichender Schuft. Aber hüte Dich! Trittst Du mir noch einmal in den Weg, so weiß ich, was ich zu thun habe!“

Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp auf der Straße nach Holzwerder zu.

* * * * *

Und wieder einen Tag später in der Dämmerungsstunde saß die Pastorin an dem Bette ihres Mannes und hörte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus seinem Munde drang.

„Kräfte, Kräfte — Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck Wasser.“

„Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?“

Der Kranke schüttelte den Kopf. „Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah,“ stieß er heraus und ließ erschöpft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das Verlangte eingeflößt. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich streckte er zärtlich die Hand nach ihr aus.

„Mein guter Mann!“ flüsterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr dargebotene Rechte. Schwere Thränen tropften aus ihren Augen. Eine stumme Dankgebärde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang, ihr seine Liebe an den Tag zu legen.

Und später öffnete sich die Thür, und die kleine Lene schob sich, leise auftretend, herein.

„Papa Gute Nacht sagen,“ ging's aus dem Munde des Kindes.

Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers.

„Papa schläft, mein süßes Kind, wir dürfen ihn nicht wecken! Ich werde ihm erzählen, daß Du da warst.“

Lene nickte. „Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen,“ klagte sie traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie von dem Schoß der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort:

„Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?“

Da überkam die Frau der Schmerz.

Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, daß er kaum verstehe, daß der Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Höppner nach einer Erkältung erfaßt, hatte alle seine Kräfte verzehrt und ihm jegliche Widerstandsfähigkeit geraubt.

„Weshalb weinst Du?“ forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und schmiegte sich ängstlich an die Brust der Bedrückten. Und unter leisem Schluchzen flüsterte die Pastorin:

„Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein süßes Lenchen. Wir wollen heut abend beten, daß ihn der liebe Gott bald wieder gesund macht.“

Das Kind nickte eifrig. „Ja, ich will für Papa und für die weiße Henne beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie auf den Schoß nehmen wollte.“

Die Frau drückte in abermaliger, übermächtiger Rührung das Kind ans Herz und setzte es sanft auf die Erde hinab. „Komm, ganz leise, geh nun wieder nach vorn und bitte Fräulein Carin, daß sie Dir Deine Puppe anziehen hilft, und nachdem mußt Du ein wenig lernen, Lenchen, das Einmaleins!“

„Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?“

„Gewiß, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!“

Das Kind horchte vergnügt auf und trippelte aus dem Gemach.

Nach einer Weile öffnete Fräulein Carin die Thür und fragte, ob Frau Höppner ihren Mann verlassen könne. Es seien mehrere Personen da, die sie zu sprechen wünschten.

Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, daß er noch schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe.

Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer entschiedenen, aber stets hülfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm länger zu sprechen wünschte, rief sie ihm freundlich grüßend zu: „Gehen Sie nur in meines Mannes Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir können dann in Ruhe reden.“ Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die übrigen sich entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwähnte Gemach.

„Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?“ hub die Pastorin, nachdem beide sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die gefalteten Hände auf die Brust. „Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell hören? Oder haben Sie selbst Nachricht?“

„Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn von Brecken, gegenüber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben gleich wäre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!“

„Na, was sind denn das wieder für Sachen,“ stieß die Pastorin erschrocken heraus. „Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen zur Ruhe kommen? Erzählen Sie, was geschehen ist, Frege —“

In diesem Augenblick erfolgte eine Störung. Die Magd erschien und meldete, daß Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die Frau Pastorin sprechen zu dürfen.

Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen ungehört abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine natürliche Neugierde, Näheres von Frege zu erfahren. So entschied sie sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten abzufertigen.

Während sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thür offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin zu und richtete, schon während sie ihm in die Wohnstube voranschritt, äußerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, daß Tankred wisse, wer bei ihr sei:

„Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie doch für einige Minuten wenigstens empfangen. Zunächst eine Frage: Bestätigt es sich, daß Sie sich mit Fräulein von der Linden verlobt haben? Man sagt so!“

Tankred nickte. „Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens, Ihnen persönlich das für mich so glückliche Ereignis mitzuteilen. Haben Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof zurückkehrt? Ich war gestern dort, aber kam über einen ärgerlichen Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie — und auch das wollte ich zur Vermeidung thörichter Aussprengungen Ihnen sagen, — der Mensch lehnte sich in so ungebührlicher Weise gegen mich auf, daß ich ihn züchtigen mußte. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhörten Eingreifen in meine persönlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefüllte Schriftstück — Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen vorlegen wollte, — an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden geschlossen, daß ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich dabei den Anschein giebt, als ob es für das Wohl und Wehe seiner Herrin nötig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein Schriftstück überhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?“

Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte, unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu haben. „Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch über diese Angelegenheit mich noch äußerte. Aber da Sie, verehrte Frau Pastorin, doch gerade die gütige Vermittlerin zwischen meiner Kousine und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, könnte mir wahrlich sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge klarzustellen.“

In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Daß es sich bei Freges Vorgehen um etwas ganz anderes gehandelt, daß er eben bei seinem tief eingewurzelten Mißtrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte, erwähnte Tankred natürlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben, als ob die Möglichkeit einer solchen Unterstellung ihm überhaupt gar nicht in den Sinn gekommen wäre.

Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, daß die Pastorin, unbekannt mit Freges Schlußfolgerungen, Partei für ihn zu nehmen schien und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklärte, sie werde gern Gelegenheit nehmen, falsche Gerüchte, wenn sie ihr begegneten, richtig zu stellen.

Mit den Worten: „Im übrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen zurückkehren. Sie können dann selbst die Dinge mit ihr bereden,“ verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann, bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur: „Ah, mein hochverehrtes Fräulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu sehen,“ hub er unter vielen Komplimenten an. „Zu meiner großen Freude höre ich, daß Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden. Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glück wünschen, wie ich bedauert habe, daß Sie sich von meiner Braut trennen mußten. — Meine Braut! Allerdings. Das Gerücht bestätigt sich! — Ich danke sehr für Ihre guten Wünsche,“ schloß Tankred, als Carin, der es war, als habe eine giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige höfliche Worte nicht umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach.

Wenige Sekunden später hatte Tankred, sehr befriedigt über den Erfolg seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen. —

Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurückgekehrt war, ließ er sich sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie:

‚Liebe Theonie!

Zunächst melde ich Dir heute, daß ich mich mit Grete von der Linden verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklärungen einflocht, daß mich neben deiner Zuneigung für Dich besonders der Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und meine ehrlichen Vorsätze zu unterstützen, so kann ich Dir dies auch jetzt als den wesentlichen Beweggrund für meinen Entschluß anführen.

Nachdem ich auf den höchsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen, habe verzichten müssen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald wie möglich aus dem unthätigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt, um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die künftigen Lebensverhältnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir übergebene Schriftstück vorgelegt, und da es meine Pläne wesentlich gefördert hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfüllt mich umsomehr, als ich mir bewußt bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du es erwarten konntest. Jähzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riß mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das Geschehene ehrlich bereut. Beiläufig bemerke ich, daß Frege sich sehr ungebührlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehändigte Schriftstück, das er zufällig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als für fremde Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich zugleich in so unerhörten Ausdrücken, daß er eine ihm gewordene Züchtigung durchaus verdiente. Ich erzähle Dir dies einmal, um den wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwürdige Spionage zu verbieten. Daß Du nicht damit einverstanden bist, weiß ich.

Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut möchte mich natürlich gern täglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der Schicklichkeit. Würdest Du wohl gestatten, daß ich bis zu meiner Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach Falsterhof übersiedele? Ich weiß nicht, was ich Tressens und Grete als Grund meines längeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst gewiß auch nicht wollen, daß ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und verstehen, daß ich nicht erklären möchte, Du habest mir den Aufenthalt in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgänge ferner in Deinem Dienste bleiben soll. Daß ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und Gutes Deinem Dich herzlich grüßenden und Dir allzeit aufrichtig und dankbar verpflichteten

Tankred von Brecken.‘

Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, daß er dem höchst ärgerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder sogar dessen Stellung erschüttert habe. Auch die Pastorin war gegenwärtig viel zu sehr mit ihrem Manne beschäftigt, um ihm Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfältige Pastor starb, ward sie erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu befürchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch noch unschädlich für ihn machen würde.

Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zukünftigen Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame; mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, daß er mit dieser Frau in seinem zukünftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde ausfechten müssen; ihren Vorteil würde sie nicht aus dem Auge verlieren. Und gerade das paßte ihm gar nicht. Seine anfängliche Bereitwilligkeit, Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu überweisen, hatte sich nun, nachdem er festen Fuß gefaßt, schon sehr gemindert. Er fand, daß eine Rente von fünfzehntausend Mark weitaus genug sei, und außerdem mußte es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er Grete erst heimgeführt hatte, war es ihm sehr gleichgültig, was aus Tressens ward, und ob sie ihn haßten oder liebten.

Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschloß, vorläufig alles ängstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher hervorgerufen, irgendwie abschwächen könnte. —

Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb:

‚Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Kürze. Zunächst meine Gratulation. Möge Dir in Zukunft werden, was Du erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezüglich Deiner selbst voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wünschen als ich. In den Abmachungen möchte ich keine Änderungen eintreten lassen; ich ersuche Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof überzusiedeln. Ich habe die Absicht, allernächstens zurückzukehren, und hoffe dann auch Deine Braut zu begrüßen, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu empfehlen bitte.

Theonie.‘

Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kühl ausweichende und sogar die Fregesche Angelegenheit gänzlich umgehende Antwort enttäuschte und ärgerte Tankred aufs äußerste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er den „Wisch“ in die Ecke und murmelte böse Worte zwischen den Lippen. Eine infam hochmütige Art hatte diese Theonie, eine Art, für die er sie am liebsten gleich gezüchtigt haben würde!

Und was sollte er nun auf Holzwerder erklären? Bisher hatte er noch immer triftig klingende Auswege zu finden gewußt und in der Sicherheit, daß Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklärt, daß er in den nächsten Tagen nach Falsterhof übersiedeln wolle. Daß seine Verwandte die Absicht ihrer Rückkehr bestätigte, paßte ihm auch nicht. Überhaupt fand er es sehr überflüssig, daß sie wiederkam, weil es seine Pläne durchkreuzte. Er fürchtete, daß Frau von Tressen ein offenes Wort mit Theonie sprechen könne, bevor er Grete geheiratet habe.

Es ging auch aus den Zeilen hervor, daß Theonie gar keine Furcht mehr vor ihm empfand. Natürlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstück in Händen. Wenn er irgend etwas that, was ihr Mißfallen erregte, schädigte er seine Zukunft.

Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde, das Feld zu räumen, sich mit seiner künftigen Frau ganz aus diesem Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle entrückt und brachte sich aus dem Verkehr und der Nähe der ihm lästigen Personen. Er wollte es überlegen und mit Grete darüber sprechen.

* * * * *

An einem der dem Vorerzählten folgenden Tage begab sich in der Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer. Grete bewohnte zwei sehr hübsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene Gemächer im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitläufigen, sich bis an die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten.

Eine große Ordnung zeichnete die Räume neben ihrer reichen Einrichtung aus, zugleich aber fiel die Anhäufung von zahlreichen Gegenständen auf. Hier konnte sich die Behauptung, daß aus der Umgebung eines Menschen sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschärftes Auge erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Räume, sich mit Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behüten von Besitz.

Auch fehlte ihr der Schönheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern und füllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstände bekundeten sämtlich einen geläuterten Geschmack.

Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin völlig, während ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr unterschieden.

Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte ihr mitgeteilt, daß er bei Brecken ein uneingeschränktes Entgegenkommen gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete sich einverstanden erklärte; auch mußte die Höhe der Rente einer Besprechung unterzogen werden.

Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob etwas überrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei ihr eintrat.

„Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich möchte etwas mit Dir besprechen. Grete —“

„Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick —“ Und fortfahrend in ihrer Beschäftigung: „Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie nun wieder etwas abgestoßen. Gerade an dem alten Krug! Man müßte die Dinge einschließen, und dazu sind sie doch nicht da. — So, bitte, Mama! Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weißt doch!“

Frau von Treffen nickte. „Gerade über ihn und Dich, aber auch über mich und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Höre mich also einmal ruhig an.

Als Dein Vater starb, lagen die Verhältnis sehr einfach, weil überaus günstig! Ich hatte selbst ein Vermögen, und Dein Vater überließ Dir den sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider hatten wir — ich meine Dein Stiefvater und ich — viel Unglück. Papiere, in denen mein Vermögen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und einmal angebröckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen hatte.

Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit gelebt und sind darauf auch für die Zukunft angewiesen, da dein Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kränklichkeit wegen nicht imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, daß eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklären, liebe Grete, und ich möchte Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben.“

„Ja, liebe Mama,“ ging's in ruhig kühlen Ton aus Gretes Munde.

„Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil für Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist für unsern gemeinsamen Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft haben, verbraucht worden. Tankred hat — natürlich unter Vorbehalt — mit Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten würde, uns zu überlassen. Ihr würdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts kosten. Wenn es auch natürlich erscheint, daß diese Dinge zwischen Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und ich würde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Rücksprache mit Tankred das Resultat Eurer Überlegungen ohne abermalige Erörterungen in einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater übergeben wolltest. — Nun, was meinst Du?“ schloß die Frau, als Grete bei der Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel.

„Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine Ahnung, wie viel wir für unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, daß es ganz selbstverständlich ist, daß Ihr eine auskömmliche Rente bezieht, zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden.“

Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluß aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht in den Sinn gekommen war, schwieg sie für Sekunden höchst betroffen und ihre Enttäuschung malte sich deutlich in ihren Zügen. Dann aber nahm sie mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte:

„Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?“

„Na ja, ich meine,“ entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, „daß Ihr doch — wohl in Zukunft —“ und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wünschen ihrer Mutter entspräche, — „in der Stadt leben wollt!“

„Nein!“ gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurück, als ob sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen hatte, gar nicht herausgefühlt habe. „Wir behalten unsern Wohnsitz hier. Ich denke, wir richten uns oben ein — auch darüber wollte ich mit Dir reden — und Ihr herrscht unten. Natürlich bleibt Euch das Reich, und wir bescheiden uns mit den kleineren Räumen.“

„So, so,“ meinte Grete, sich zwangsweise fügend. „Gewiß, ja, das läßt sich ja auch machen! — Ich weiß nicht, wie Tankred darüber denkt. — Und was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm sprechen. Sei überzeugt, liebe Mama,“ schloß sie, noch mehr einlenkend, da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, „daß die Dinge sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen Fällen entsprechen.“

„Es wird also doch nötig sein, daß wir noch einmal reden!? Das möchte ich nicht. Es wäre mir —“ hier nahm Frau von Treffen schon deshalb einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, daß sie vielleicht alles verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht wahrnahm, — „doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort über die Höhe der Rente sprächen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, daß Du Dich jetzt äußerst, der Peinlichkeit einer abermaligen Erörterung überhöbest.“

„Nun ja, Mama,“ entgegnete Grete, die nicht minder selbstsüchtig war als Tankred, aber die Tugend der Offenheit besaß: „Ich finde es, ehrlich gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen bei vier Prozent einem Kapital von fünfhunderttausend Mark. Es können ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren vermögen, — ja, gewiß, Hederich hat mir das früher einmal gesagt, — und dann ist das Verhältnis doch zu ungünstig. Wir müssen rechnen, was uns im ungünstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu überweisen, scheint mir gerecht und billig. Bitte, laß mich mit Tankred, der ja über landwirtschaftliche Verhältnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch einmal mit Hederich Rücksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau, was wir können und wollen!“

Die verwöhnte Frau, die bisher allein geherrscht und über die vorhandenen Mittel mit unbeschränkter Hand verfügt hatte, biß die Lippen aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, ließ sich nichts einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so klaren Blick in die Verhältnisse, daß die Frau von der unangenehmen Überraschung, daß sie so benachteiligt werden sollte, ganz überwältigt ward.

Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart ließ sie schweigen neben der Erwägung, daß sie ja ohnehin machtlos war, wenn Grete erklärte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen überhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen Verbrauchs wolle sie geben.

Aber unter dem schmerzlichen Gefühl über den unnatürlich berechnenden Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte:

„Wir waren bisher so glücklich mit einander, Grete. Laß unser gutes Einvernehmen nicht erschüttert werden durch Geldfragen, die leider in den meisten Fällen Zerwürfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind, behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, daß Du einst ein hülfloses Geschöpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht fand als am Herzen seiner Mutter! — Nicht wahr, Grete, Du versprichst mir, daß Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trübe. Er ist es jetzt wieder!“

Bei den legten Worten drängten sich schwere Thränen aus den Augen der Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rührung und guten Entschlüssen zugleich.

„Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlaß, so traurig zu sein, habe ich nicht als selbstverständlich betont, daß Euch ein sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die Deine, — verzeih die Erwähnung, — und sorgfältig vorher prüfe, so liegt doch zugleich eine größere Gewähr für Dich darin, daß ich es ernst meine und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kräften zu halten.“

Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fühlte, was sie sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreißen ließ, sondern über den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu handeln.

Freilich vergaß sie, daß in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben werde, vergaß, daß Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frißt, und daß kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluß ein anderer auf seine Denk- und Handlungsweise gewinnen wird.

* * * * *

Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurückzogen und das Recht ausübten, das man den nach Alleinsein drängenden Verlobten einräumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte:

„Bitte, laß, lieber Tankred! Ich möchte heute einmal mit Dir über die Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!“

Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich um diese Angelegenheit handelte, überwand er den Verdruß, daß sie sich den Zärtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn verlangte.

Grete berichtete sodann über das zwischen ihr und ihrer Mutter gepflogene Gespräch und schloß, nachdem sie in ihrer überlegenen Weise die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: „Was meinst Du? Findest Du nicht, daß ich recht habe, wenn ich die Ansprüche der Eltern etwas einzuschränken wünsche?“

Tankred nickte lebhaft. Daß Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren Konjunkturen könnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz außerordentlich.

Hier fand sich der Punkt, an dem er für seine geheimen Absichten anknüpfen konnte.

Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten überschüttet hatte, erwiderte er:

„Wäre es nicht überhaupt am besten, die Akte, wenn solche überhaupt nötig ist, — Mißtrauen können Deine Eltern doch nicht in uns setzen! — so zu fassen, daß wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen Jahreserträgnisse zu überweisen, so lange beide leben, die Hälfte des Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und wäre es nicht andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?“

Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend ihrer nüchternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches Spekulieren auf eine sehr große Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger an. Bis jetzt sträubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus Rücksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite abzugewinnen, und sagte lächelnd:

„Da können wir ebenso gut die Forderung stellen, daß die Spatzen auf den Dächern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfügung stellen. — Ich meine,“ fügte sie, selbst gestört durch die Ironie und den Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: „Auf diese Erklärung können wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muß ich Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du mußt, um Deine Zustimmung auszudrücken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat, mag ich es ihr nicht abschlagen.“

„Und ich muß zustimmen, Grete?“ fiel Tankred schmeichelnd ein und küßte seine Braut zärtlich. „Du willst also nicht nur Herz- und Seelengemeinschaft, sondern auch Gütergemeinschaft mit mir schließen?“

„Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!“

„Ah — —“ stieß Tankred heraus und lächelte künstlich.

Das junge Geschöpf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit Kindesbeinen geläufig seien. Und sie gab wohl, wußte aber auch wieder zu nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er ließ nichts von seinen Eindrücken merken, stimmte ihr nur, um ihre Vertrauensseligkeit zu bestärken, durch ein „Natürlich! natürlich, liebster Schatz!“ bei und triumphierte, daß ihm solche seine Macht und seinen Einfluß für die Zukunft sichernde Vergünstigung freiwillig geboten ward.

Über die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte, dachte er auch schön günstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut erzielte, abhängig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthüren vorhanden, um Tressens später die Einkünfte zu schmälern. — Endlich unterlag der künftige Wohnsitz der „Alten“ noch einer Erörterung zwischen Tankred und Grete.

„Ich meine allerdings, daß dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben mußt, Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heißt, täglich das Dach öffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, berühre diese Sache vorläufig noch gar nicht. Wir werden sagen, daß wir nach der Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wünsche sprechen wir dann in sehr rücksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise schriftlich aus. Mündliche Erörterungen sind peinlich, ihnen wollen wir aus dem Wege gehen. Daß sie uns jährlich einmal besuchen, kann uns natürlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das führt zu nichts Gutem. Übrigens will ich zugeben, — “ hier trug Tankred der Möglichkeit Rechnung, daß doch einmal das Gespräch über diesen Gegenstand Tressens zu Ohren kommen könnte, — „daß für ein Zusammenleben wenige Personen sich so eignen, wie Deine überaus treffliche Mutter und Dein sehr liebenswürdiger Papa.“

Grete war sichtlich völlig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf, aber sie überwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred hervorgehobene Peinlichkeit einer mündlichen Erörterung in Betracht zog.

„Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof über, lieber Tankred?“ warf dann noch Grete hin. „Woran liegt's eigentlich, daß Du nicht Ernst machst? Die Gründe von früher sind doch nun hinfällig.“

Da schoß es Tankred von Brecken durch den Kopf, daß er das Ungünstige für sich günstig nützen könne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene mit Frege stattgefunden, auf eine frühere Zeit verschiebend, diesen Vorfall als Grund für sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde verstehen, wie ungemütlich es sei, einen solchen renitenten Menschen, den er aber doch nicht fortschicken könne, um sich zu haben. Den Gegenstand, wegen dessen er ihn gezüchtigt hatte, umging er; er erwähnte nur, daß Frege sich höchst unverschämt betragen habe. Eine offene Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefährlich; sie konnte doch Mißtrauen erwecken. Gerade das Schriftstück hatte ja Tressens Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefördert; letztere selbst — Tankred bezweifelte es nicht — würde ohne die Aussicht, die ihm durch dasselbe auf Falsterhof eröffnet wurde, gezögert haben, ja zu sagen.

Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und selbstsüchtig, aber das störte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhöhte seinen Wert in ihren Augen. —

Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen nicht minder beschäftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, daß sie beschloß, einmal vertraulich mit Hederich über den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie werde durch eine Rücksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete so lange und hatte sich auch ein Urteil über Tankred gebildet. Der Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzulösen, trieb sie; es lag in ihrer lebhaften Art, daß sie Dinge, die sie beschäftigten, nicht auf sich beruhen lassen konnte.

Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch über Höppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Nähe ansässig gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte, schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz besänftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn häufiger in die Nähe der Pastorin.

Hederich bewohnte ein mit allem möglichen Krimskrams vollgepacktes, zur rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von Tressen bei ihm eintrat, saß er in dem sehr heißen Gemach in Hemdsärmeln und war mit der Prüfung von Gutsrechnungen beschäftigt.

Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, mühte sich mit großer Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunächst nicht in den Ärmel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und räumte dann einen mit Rechnungsbüchern bepackten Stuhl ab.

„Hier, hier, bitte, gnädigste Frau. Daß Sie mich auch gerade so finden. Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung.“

Frau von Tressen suchte ihm durch erhöhte Liebenswürdigkeit seine Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie teilte Hederich im Vertrauen mit, daß die Zukunft ihr große Sorge mache, und daß sie das Bedürfnis habe, sich gegen ihn darüber auszusprechen.

„Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun wirklich vor dem, was ja einmal kommen mußte, und ich fühle, wie notwendig es ist, den Augenblick zu nützen.“

„Gewiß, gewiß — drum und dran, jeder ist sich selbst der nächste,“ bestätigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger über die ausgekohlte Fläche fahrend.

„Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Erörterungen über den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, daß die jungen Leute durchaus nicht zu wünschen scheinen, daß wir auf Holzwerder bleiben.“

Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte seufzend Atem.

‚Ja, ja, das glaube ich wohl,‘ stand in seinem Wesen ausgedrückt. Dann aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte legend:

„Was meinen Sie, gnädige Frau, wenn ich mal mit Fräulein Grete spräche? Ich weiß, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate. Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen, wie viel das Gut abwürfe und anderes, drum und dran.“

„Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse — ich sage Besorgnisse, Hederich, denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm — hm — Sagen Sie, guter Hederich, — offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?“

„Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich,“ bestätigte Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der zerbissenen Zigarrenspitze.

Hederich hatte mancherlei kleine üble Gewohnheiten, aber in seiner Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig schön es war, besaß eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die Anlaß gab, daß Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten. Überhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht unter dem Reflex innerer Eindrücke allzu sehr auf- und abzog, sehr sympathisch.

Eine warme Empfindung durchdrang gegenwärtig auch Frau von Tressen; sie liebte den Mann, sie fühlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das häufige Berühren des Gesichts mit den Händen, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehörten einmal zu ihm.

„Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?“ fragte Frau von Tressen sehr gespannt.

„Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber sonst hätte er wohl die ausgelassenen Tage im Rücken und würde sicher künftig seinen Kram zusammenhalten.“

„Sie raten mir also auch, daß ich auf sehr präzisen Abmachungen bestehe? Auf schriftliche!?“

„Na ob!“ stieß Hederich heraus.

„So — so — hm — hm,“ machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch stimmte das Geäußerte mit ihren eigenen, bisher nur zurückgedrängten Gedanken überein. So sagte sie denn:

„Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es sei denn, daß sie selbst anfängt. Und bezüglich unseres Hierbleibens habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige treffen und meine Wünsche zur Geltung bringen. — Um übrigens etwas anderes zu berühren, wie geht es Pastor Höppner?“

„Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine Änderung eingetreten,“ erklärte Hederich. „Er mag wieder essen, und der Doktor sagt, nun wäre alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern, — ich saß an seinem Bett, — als Fräulein, Fräulein — drum und dran — nun kann ich wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen, — Fräulein Carin ihn ein bischen neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das kann ich Fräulein Grete nicht verzeihen, daß sie mit ihr so umgesprungen ist.“

Bei Carins Erwähnung machte Hederich sehr eigentümliche Augen, so viel Zärtliches drückte sich in seinen Mienen aus, daß Frau von Tressen überrascht ihren Blick auf ihm ruhen ließ. Dann aber hellte es sich in ihr auf.

Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin!

Auch das beschäftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam über den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schloß zuschritt. —

Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmäßig erwärmten, teppichbedeckten Räume im Schloß Holzwerder, und Hederich, der sich als letzter Gast über den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von Tressen bewillkommt, ausrief:

„Drum und dran! Man wird überhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in die Gemütlichkeit kommt!“

Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gespräch zwischen den Herren, und später ward eine neue, die Gutsverhältnisse betreffende Regierungs-Verfügung in den Bereich der Erörterung gezogen, die auch nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschäftigte, als sie die Damen allein ließen und sich ins Rauchzimmer begaben.

Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den zurück gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr plötzlich etwas noch notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und faßte des alten Freundes Arm.

„Kommen Sie, ich möchte Sie etwas fragen, lieber Hederich!“ sagte sie und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls geöffnetes und erleuchtetes Kabinet.

Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm für die in seiner Hand befindliche, unangezündete Havannazigarre Feuer aufgedrängt und sich neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort:

„Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte sie? Sprach sie über mich?“

„Drum und dran. — Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fräulein —“

„So — o, also doch!“ machte Grete langgezogen, „bitte, sagen Sie mir alles. Ich wäre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den Inhalt des Gesprächs rückhaltlos mitteilen wollten.“

„Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?“ schob Hederich, sich in seiner platten Weise ausdrückend, eigentlich nur um sich zu sammeln, ein. „Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt —?“

Grete schüttelte den Kopf. „Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit meinen Verlobten geredet, und da — da — fürchte ich doch, daß sich noch allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich möchte nun gern wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also bitte, erzählen Sie.“

Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er faßte die Hand des schönen, jungen Geschöpfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und das die Arme so oft zärtlich um seinen Hals geschlungen hatte, und sagte:

„Hören Sie, liebe Grete — liebes Fräulein Grete. Ich möchte Sie, bevor wir weiter sprechen, einmal erinnern dürfen an vergangene Zeiten. Ich bin Ihr alter Freund, — Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute halten — ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama. Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich, aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders, — und da drängt es mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses auch in Zukunft stört. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und Ihren Bräutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen, erziehen und glücklich machen könnte. Verdient das nicht Dank von Ihrer Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren schon erwachsenen Söhnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas zuzuwenden — es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen fertig bringen! Aber die Kinder, — die Kinder!? Es ist wahr, was in der Bibel steht!

Sie aber, Fräulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten nicht zu denen gehören. Gewiß, Sie sind einmal nicht weichmütig, der liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines Mädchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Äpfel, und sprachen davon, daß man es brauchen könnte. Aber es giebt etwas, das Anständigkeit in der Gesinnung heißt, — drum und dran — mißverstehen Sie mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern hier in Holzwerder die Wohnung lassen.

Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie könnte es nicht überleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes Fräulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer, wenn man so zusammenhockt, — gewiß, — aber bei jedem Menschen ist etwas, was er wohl anders haben möchte, und — und — ich glaube auch, Ihre Mama wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn Sie gesehen hätten, wie bedrückt sie war —“

Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie aus Erfahrung nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte.

Sie drückte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast schwermütig:

„Es ist mir oft so, als wäre mein Herz geteilt, und die beiden Hälften gehörten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefühl, und alles, was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich fühle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin.

Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis, — daß ich sie wohl doch nicht so geliebt habe, wie ich glaubte, — aber ich schämte mich meiner Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich ängstige mich bisweilen. — Ich glaube — ich glaube —“

„Nun?“ setzte Hederich, weich sprechend, an.

Das Mädchen richtete sich höher empor, sah Hederich fest in die Augen und sagte, die Stimme dämpfend: „Ja, ich glaube eigentlich, daß ich hätte einen Mann haben müssen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz hat, nicht mir so ganz ähnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin, mache ich Pläne, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will, — zwar nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich — und wenn ich ihn dann höre, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz andere Stimmen in mir.

Nicht wahr, Sie sagen niemandem, daß ich je so mit Ihnen sprach, Hederich! Sie aber sollen doch sehen, daß ich nicht so herzlos bin, — schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der Nachbarschaft; ja, ja, ich weiß wohl, wie sie über mich urteilen, — also, daß ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens über mich zu entschlagen.“

„Sie sagten eben,“ knüpfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein Funke, glühte plötzlich in ihm empor, „daß Sie fühlen, Sie müßten einen weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heißt das, drum und dran, daß Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch Zeit ist. Ich bitte, ich beschwöre Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne sprechen, sind kurz, — nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und wenn man dann nicht zu einander paßt, möchte man alles hingeben, um wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte.“

Es flog durch den Körper des Mädchens, als ob ein Schauder sie erfaßte; sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den Fußboden.

„Ach Hederich — ich weiß es nicht,“ drang's rasch und stöhnend aus ihrem Munde, und ein hülfloser Ausdruck trat in ihre Züge. Aber es war nur für Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schüttelte den Kopf, in ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschäftsmäßig:

„Das ist eben der Kampf bezüglich seiner. Aber es ist doch nicht das Richtige. Ein Mensch muß wissen, was er will!“

Zum Unglück trat, als Hederich trotz ihrer Äußerungen noch einmal anknüpfen wollte, — so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf der Zunge, — Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward unterbrochen.

„Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich überall“ rief sie. Und neckend fuhr sie fort:

„Er wird sicher eifersüchtig werden, wenn er erfährt, daß Du so lange mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!“

Grete aber sagte zur höchsten Überraschung beider sehr ernst, fast finster:

„Er hat wirklich auch Ursache, eifersüchtig zu sein! Ich kenne keinen besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich hätte gleich ja gesagt, wenn er um mich angehalten hätte.“

Nach diesen Worten eilte sie rasch fort.

Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stieß Hederich, dem's blutrot über das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung von Gretes letzten Worten heraus:

„Drum und dran, gnädige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber freilich, er, — er wird's nicht ausbilden!“ Nun schritten sie beide nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glättender Miene auf den Kreis der Gäste zu. —

* * * * *

Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen, und seit dem Vorerzählten hatte sich vieles verändert.

Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgeführt und befand sich, während Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten, schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich seiner alten Gesundheit, predigte wie früher von der Kanzel, hörte die energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens süßes Geplauder, und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rückkehr Tankreds halber immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof eingezogen.

Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof übergesiedelt. Carin schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjüngt.

Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden bei ihm bemerkbar, die ihn häufig auf längere Zeit ans Zimmer oder gar ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von Gästen im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft mußten eingeschränkt werden.

Gretes Mutter fühlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich drängte es sich ihr auf, daß das Alter sich nahe, daß allerlei Verzicht geboten erscheine, und statt des früheren raschen ein mehr beschauliches und auf die Pflege des Körpers gerichtetes Leben notwendig und weise sei. Aber noch etwas anderes drückte sie: Es war doch so ganz anders geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten abgeben müssen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der Wirtschaft; man fragte sie nicht wie früher, und sie trafen keine Entscheidungen.

Schon durch die Beschränkung auf die ihnen oben im Schloß eingeräumten Zimmer wurden sie täglich an die eingetretene Veränderung erinnert. Die Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust stieg der Reiz. Wenn Hederich über Gutsgeschäfte sprach, so war es des neuen Herrn Wille, dem er sich fügte. Hederich mußte Tankred allwöchentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm.

Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurückgekehrt, weil Grete neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der Weiterreise erforderlich machte, daniederlag.

Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade übermäßige Wärme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kühl und verstandesnüchtern. Über das Verhältnis zu ihrem Manne schrieb sie nichts; ob sie glücklich sei, erwähnte sie mit keiner Silbe. Ihre Berichte beschränkten sich auf Schilderungen der Länder, die sie besuchten, auf Reiseeindrücke und auf ihr Befinden.

Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch. Ihre Heimat sei doch am schönsten, hatte sie geäußert, aber das war das einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsäußerung gegeben hatte.

Seine lange Abwesenheit begründete das junge Paar durch den Umstand, daß sie, abgesehen von Gretens Unpäßlichkeit, beide noch nie etwas von der Welt gesehen hätten; sie wollten nun die Gelegenheit nützen. Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie auf kürzere oder längere Zeit berührt.

Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen zugetragen.

Er hielt mit seinem kühlen Urteil über Tankred auch jetzt nicht zurück, aber gestand zu, daß sein neuer Herr für vieles einen richtigen Blick habe und gut zu disponieren verstehe.

„Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen Verwalter halten und bezahlen?“ hatte er schon hingeworfen und auf die Einwände der beiden Tressens hinzugefügt: „Ja, ich sagte auch bezahlen, gnädige Frau. Er ist wie das Fräulein, er sieht auf den Schilling.“

Tressens fühlten, daß Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur wegen mangelnder Veranlassung früher nicht zum Ausdruck gelangt waren. Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestört, aber gerade sie, die es nicht verstanden, zu hüten, schätzten doch auch wieder deren Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinriß, sich dagegen aufzulehnen.

Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rückhaltslos Ausdruck; Befürchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend.

Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahreserträgnisse des Gutes überwiesen und ihr Einverständnis erklärt, daß die Alten im Schloß wohnen blieben. Wenn sich später herausstellte, daß doch ein so enges Zusammenleben nicht zuträglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen eine Wohnung in Elsterhausen für ihre Bedürfnisse einzurichten, ohne allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen.

Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabänderlichen Willen unterbreitet, ja, das Aktenstück ihnen gleich unterschrieben auf den Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch möglicherweise auch in ihrem Interesse, daß eine Trennung stattfinde, und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die Überweisung eines Drittels aus den Einkünften koulant zu nennen sei. —

Es war mitten im Juni, an einem das Gemüt erheiternden, sehr schönen Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr verkündete, daß Breckens zurückkehren würden.

Zufälligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt, auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens hatte sich aus naheliegenden Gründen ein freundschaftlicher Verkehr entwickelt, und die Neigung, sich häufiger zu begegnen, war dadurch verstärkt worden, daß Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging, ein für die Herbeiführung einer Annäherung erprobtes Mittel fleißig zur Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Günstige, was sie übereinander geäußert hatten.

Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil über Tankred Tressens gegenüber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken über Nebenmenschen auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflußt zu haben. Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort über den inzwischen der Familie Tressen so nahegerückten Mann.

„Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!“ hatte Theonie nach ihrer Rückkehr auch gegen letzteren geäußert. Sie fühlte, daß sie, wenn sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht gehandelt hatte, ihren Diener als Wächter und Berichterstatter über Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende Gerechtigkeitsgefühl kam immer wieder zum Ausdruck.

Frau von Tressen hatte für die erwarteten Gäste im Garten in einer Laube den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der Gutsbote Gretes Brief brachte.

„Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt,“ bat Herr von Tressen seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstühle zurück.

Sie nickte und sagte — schon hatte sie das Schreiben zur Hälfte durchflogen —: „Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrückt, und wie eigentümlich sie die Sätze formt!“

Dann begann sie:

‚Liebe Mama!

Tankred meinte anders. Ich meinte aber, daß zu viel weniger sei. Er dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir wollen direkt reisen, aber es hält uns ein schöner Punkt, ein Wald, eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs länger; dann später. Erst, wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in meinem Stübchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiß sie nicht. Wie schön, daß Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wünscht sie herbei, immer draußen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles ist zu erzählen, aber zu viel läßt gar nicht reden. Man weiß nicht, wo beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir mündlich alles. Daß das Korn so schön steht, schreibt Hederich. Auch eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschäftige ich mich mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die Funken anblasen. Wer sich immer recht verstände! Tankred ist klarer. Wenn er nicht so rasches Blut hätte, ganz zielbewußt. —

Lebt der große Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hörte ich ihn immer krähen, und Hederich stand in Hemdsärmeln dabei und sagte: „Drum und dran, er ruft Sie, Fräulein Grete!“ Grüß ihn besonders!

Deine Grete.‘

Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und meldete, daß die Damen und auch Höppners ihm auf dem Fuße folgten.

„Welch angenehme Überraschung,“ stieß Frau von Tressen heraus und eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gästen entgegen. Höppners hatten auch Lene mitgebracht, die ihr Händchen gab und sich dann gleich einem kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun hervorkam, zuwandte. Während die Herrschaften gemütlich plaudernd beim Kaffee saßen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begrüßt, besonders aber von der Pastorin.

„Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!“ hub sie an. „Wie lange ist's her, daß Sie nicht in Breckendorf waren! Aber ich weiß, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist begreiflich, ich muß es zugestehen!“ schloß sie mit liebenswürdiger Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend.

Über Carins Gesicht flog ein Lächeln. Hederich aber erging sich, da er sich getroffen fühlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den gutmütigen Pastor zu dem Versuch veranlaßten, die Wirkung der Worte seiner Frau abzuschwächen.

„Ja, ja, gewiß die Entfernung!“ bestätigte er. „Breckendorf liegt so weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschäftigt. Meine Frau sagt immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei ihr!“

„Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden,“ nahm nun auch Theonie das Wort. „Das zieht ihn nach Falsterhof. Fräulein Carin ist eine gute Lehrmeisterin —“

„Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie,“ lachte Hederich. „Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer Versetzung nach Prima war nicht die Rede.“

„Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!“ fiel Carin ein. Und zu den übrigen gewendet, fuhr sie fort: „Es ist auch ganz anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht die Sache!“

Das Gespräch ging jetzt auf andere Gegenstände über. Der Pastor lobte Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschäftigt.

„Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Fräulein Carin?“ fragte Hederich nun die eifrig über eine Arbeit gebückte Gesellschafterin Theonies.

„Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schön dies Jahr?“

„Na ob!“

Es trat eine Pause ein. Früher, als Carin auf Holzwerder gewesen war, hatten Hederich ihr gegenüber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein Mitgefühl erwacht war, und später die Entbehrung, Carin nicht mehr täglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm aufgedrängt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Mädchen und anderen, hatte er all seine Unbefangenheit verloren.

Und sie half ihm gar nicht. Sie saß stets da mit einem eigentümlich still lächelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte, über ihn stellte.

Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn anblickte, war der störende Zug fort. Dann mußte er an sich halten, um ihr nicht gleich um den Hals zu fallen.

Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, über sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon über die Vierzig, und sie höchstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen bestehende Mißverhältnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel jüngst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine, weiße Finger und Handgelenke und hielt sich so überaus sauber, — ihre Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Wäsche gekommen, — und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie. Ihr Großvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch besonders schwere Verhältnisse war sie veranlaßt worden, ihre Heimat zu verlassen, sich für einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu verdienen.

Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse für sie durchschimmern lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegönnt. Und nun war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder fortgegangen, so viel schöner geworden; alle fanden es. Ihre dunklen Augen strahlten lebhaft, während sie sich früher stets in sich selbst zurückgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet. Das Gesicht war voller, ebenmäßiger geworden.

Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben, weil sie ihn für gänzlich ungefährlich hielt. Ihr Zartgefühl hätte ihr sonst solche Bemerkungen verboten. —

Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich später, nachdem man noch ein allgemeines Gespräch gepflogen hatte, doch näher gerückt, als die Damen die Absicht äußerten, sich ein wenig Bewegung im Garten zu machen. Sobald sich die übrigen erhoben, legte auch Carin ihre Arbeit beiseite.

„Sehen Sie hier, Fräulein Carin!“ bat nun Hederich, der sich zuerst mit Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden sitzenbleibenden Herren zu trennen gewußt hatte, bei einer Wegbiegung. „Wollen Sie nicht einmal die Blütenpracht in Augenschein nehmen? Drum und dran! So war's noch in keinem Jahre.“

Carin nickte unbefangen und trat, während die anderen in den Buchensteig einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Höhe einen Ausblick zu gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum eingefaßte Rondell.

Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: „Ich finde, daß der Garten nicht mehr so schön gehalten wird, wie früher. Schade! Woran liegt das?“

„Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen kränkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Fräulein Carin, es ist doch nicht der frühere Zug drin. Die Alten dürfen sich in nichts mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und nun ist natürlich das Interesse für vieles nicht in alter Weise da.“

„Ich höre, Breckens haben heute geschrieben, daß sie die Rückreise angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das führt dann auch wohl für Sie manche Änderung mit sich, Herr Hederich?“

„Drum und dran! Ja gewiß! Wissen Sie, was ich glaube, Fräulein Carin?“ Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders.

„Nun, Herr Hederich?“

„Ich glaube, meine Tage sind hier überhaupt gezählt. Herr von Brecken will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide. Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken gewöhnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz. — Aber, drum und dran, — leicht wird's mir doch nicht werden — leicht schon nicht, weil — weil —“

„Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange fleißig wirkte und erfolgreich thätig war,“ fiel Carin ein. „Ja, das begreife ich. Die Liebe für das hiesige Land und die Menschen waren ja neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch für mich der Grund, zu bleiben. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit ausgesetzt, wieder mit Grete in Berührung zu treten. Wie leichten Herzens hat sie mich gehen lassen!“

„Es hat sie viel beschäftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es Ihnen schon, Fräulein Carin. Es war ja nur, weil sie über Herrn von Brecken so abfällig urteilten. Sie mußten doch, drum und dran, merken, daß sie ein Auge auf ihn hatte, da war es, — nichts für ungut, unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Mißachtung zu bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein.“

„Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den späteren Gesellschaften hier im Hause fern bleiben zu dürfen. Sie denken noch immer viel zu gut über die Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, daß Sie ein goldenes Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttäuscht werden. Ich freue mich nur, daß Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu kündigen, damit er es nicht thut.“

„Sie meinen —?“ schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge.

„Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit unangenehme Empfindungen bereitet? Ah — ah — das thut mir weh!“ Und sanft begütigend schloß sie: „Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!“

„Nein, das ist's nicht,“ sagte der Mann mit einfacher Würde. „Ich wurde ein büschen weich, weil — weil — weil ich, nein, ne, ich kann's nicht sagen, Sie könnten es falsch auslegen —“

„Ich lege gewiß nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es beunruhigt mich, daß ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung schon früher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es nötig war. Übrigens einen Mann, wie Sie, wird man überall mit offenen Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden und sich dann auch glücklich fühlen; dessen bin ich sicher, und das ist mir eine Beruhigung.“

„Wie Sie das so schön ausgedrückt haben, Fräulein Carin! Und wie viel Teilnahme Sie für mich an den Tag legen! Wenn Sie wüßten, wie nur das wohl thut, und wie ich überhaupt —“ Er brach ab, und seine Stimme zitterte.

In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe getrennt hatte, herbeigelaufen, drängte sich an Hederichs Beine und sprang an Carin empor.

„Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', daß du wegkommst, Puffmann!“ rief Hederich höchst ärgerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein Auge mit dem früheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er über ihr Angesicht ein leise spöttelndes Lächeln fliegen. Und das störte ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, daß ihm das Wort erstarb, und daß er mit einem „Drum und dran! dieser Köter, oft möchte man ihm den Hals umdrehen!“ Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg zur Laube zurücknahm. Als sie sich dem Platze näherten, drang lebhaftes Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hörten sie der Frau Pastorin helle Stimme. —

Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswürdigen Weise Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte.

Als bei dieser Gelegenheit erwähnt wurde, daß einer der von Theonie erwarteten, in der Nähe von Breckendorf wohnenden Gäste die Gegend verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung, verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen:

„Das wäre so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von Holzwerder trennen müßte. Elsterhausen in einer Viertelstunde erreichbar, und Breckendorf in nächster Nähe, die schöne Lage und das wirklich splendid eingerichtete Haus — da läßt sich leben! Wem hat's eigentlich ursprünglich gehört, Hederich?“

Aber schon nahm der Pastor zum Verdruß Hederichs, der nun einmal gern für diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fügte einige Worte hinzu und äußerte: „Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt haben. Alle kamen später in Bedrängnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einkünfte, sondern kostet nur Geld. Höchstens ein paar Hühner und eine Kuh können da gehalten werden.“

„Ja höchstens! Drum und dran, nur für reiche Leute bewohnbar,“ betätigte Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen.

„Wann treffen Ihre Kinder ein?“ fragte Theonie, sich zum Abschied erhebend. „Ich möchte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen senden.“ Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung.

Wenig später hatten Theonie, Carin und auch Höppners, die in einem flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen.

„Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich,“ rief noch Herr von Tressen, der unter Beihülfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schloß nahm und Hederichs höflichen Gruß durch das Lüften des Hutes erwiderte. Und Hederich rief ein „Zu Befehl, Herr von Tressen“ zurück, obschon seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren.

Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er: „Sie grüßte noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn dieser verdammte Puffmann nicht gewesen wäre, dann, — dann, — drum und dran! Ich hatte so schöne Gelegenheit, ihr ein büschen Andeutung zu geben — —“

* * * * *

Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schloß bekränzen lassen. Um die Fenster und Thüren waren Blumenguirlanden gesteckt, und auch Hederich hatte sich gerührt. Die Knechte und Mägde waren in ihren Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehörigen standen mit Rosen in den Händen an der Schloßtreppe. Einem kleinen Mädchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der Schluß der von Hederich unter vielen Nöten gedichteten Willkommsworte lautete:

„Es wechselt Kälte, Sonnenschein und Regen! Der Landmann braucht's, Ihm ist's ein Segen, Wenn's auch mal kalt und naß vom Himmel strömt! Durch Eure Herzen aber möge strahlen Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen Auf Eure Wangen Lust und Fröhlichkeit! Das wünschen alle, die hier sind vereinet, Und seht, ein jedes Auge weinet Vor Freud', daß Ihr zurückgekehret seid!“

Glücklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glänzte, umflutet von der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit, die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebüsche trugen noch silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu aufgeschüttet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den Tressenschen Farben.

Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drückte sie Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten und Mädchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostüm, strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten sich die Eindrücke in beider Zügen wieder.

Bei Grete war's ein Anflug wahrer Rührung, sie verglich das wenige, was an Gemüt in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche Scham und dankbare Gefühle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, daß man ihm ohne Zwang Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene Hoffnung auf altes Glück stieg auch in Frau von Tressen empor, sie glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und Hederich ihre Voraussetzungen erfüllt.

Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestörter Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihülfe ihrer Mama alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich über die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches gediehen war.

Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt. Die junge Frau übernahm nunmehr die Küche, das Mittag- und Abendessen wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich, wenn die Glocke ertönte, herab und nahmen daran teil.

Dafür war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergüteten, gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine bestimmte Summe.

Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das Frühstück und sorgte auch in außergewöhnlichen Fällen für ihre und seine Bedürfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie für Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das alles so bleiben konnte, oder Änderungen eintreten mußten.

Zunächst spürten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder für sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam, trat auch das Bedürfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor, und die Frauen beschäftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange zu bleiben, und Tankred fügte sich entweder aus wirklichem Behagen oder aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhältnisse.

Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestört, und nach Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand, wurde nunmehr auch erörtert, wann die jungen Leute Besuche machen wollten, und wer zunächst eingeladen werden sollte.

„Es geht gar nicht mehr! Wir müssen sobald wie möglich nach Falsterhof,“ erklärte Grete. „Noch haben wir nicht einmal für die Blumen gedankt, die Theonie uns gesandt hat.“

Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal mußte er seiner Kousine ja doch zum erstenmal wieder gegenübertreten, und schon hatte Hederich, der inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzählt, daß Theonie sich erkundigt hätte, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien.

„Drum und dran! Sie wundert sich, daß Sie noch nicht da waren, Herr von Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so.“

Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu fahren und Theonie und Fräulein Carin zu einem Diner in der Mitte der Woche einzuladen.

Letzterer gegenüberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen an den Tag gelegt hatten, überwand sie bald den Anflug ihrer unbehaglichen Stimmung.

Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich saß bei den Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte die Zügel. Während sie dahin fuhren, sagte Tankred:

„Weißt Du, es wäre wirklich gar zu schön, wenn die beiden Besitzungen, die ursprünglich zusammengehört haben, wieder vereint würden. Es hat doch keinen Zweck, daß meine Kousine da allein auf Falsterhof wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen früher einlöste, wäre es auch leicht zu machen. Ich würde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und ihr ihre Hälfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es wäre eine fürstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird, die Güter rationeller bewirtschaftet werden, können sie gegen zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswürdig gegen meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat großen Einfluß auf sie. Sie kann uns im Fall alles verderben.“

„Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred,“ entgegnete Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes bestätigend. „Dann könnte sie am Ende an ihrer Zusage rütteln?“

„Gewiß. Und deshalb müßte man auch darauf hinzuwirken suchen, — ich denke täglich daran, — daß sie schon früher Ernst macht. Sie will nach der Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, daß der Besitz nicht verschleudert wird, mit anderen Worten, daß wir ihn halten, mehren und verbessern. Wenn sie die Überzeugung gewonnen hat, daß wir das thun, so wird sie nicht zögern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man könnte vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu überlegen. Der thut nur, was er für richtig hält, und daß er auf dem Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung könne nichts gedeihen, ist ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd.“

„Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzählt. Bitte, was war's?“

„Ich gehe stark mit der Absicht um, in größerem Maßstabe Rüben zu pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzählte ich ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie hätten alle bisher kein Geschäft gemacht, meinte er.“

„Dann ist's doch auch klug, es zu lassen.“

„Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen. Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa erzählt, auch gegen die Branntweinbrennerei gesträubt? Und rentiert sie nicht ausgezeichnet?“

„Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hört überall, daß die Zuckerfabriken vorläufig nur von Hoffnungen leben. Die Konkurrenz ist auch zu groß.“

„Nein, die Konkurrenz ist nicht zu groß, aber es ist noch ein Vorurteil bei Händlern und Konsumenten zu überwinden. Aber das wird sich geben. Der Rübenzucker stellt sich so viel billiger, daß man nach den überseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital war zu hoch.

Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr spätestens wird die Bahn von Elsterhausen über unser Gut gehen, und in Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz anders konkurrieren.

Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schädel nicht hineingehen. Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in der Gegend dauernd niederlassen.“

Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die Richtigkeit nicht prüfen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in Zahlen vorlegen zu lassen, und im übrigen wurden ihre Gedanken unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwärts auftauchte.

Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Veränderungen vornehmen lassen. Die das Haus verdüsternden Bäume waren gefällt, auch nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das früher so finster beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da.

Auch im Innern sah man die Thätigkeit einer neugestaltenden Hand. Der Flur hatte weiße Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit den dunkelrahmigen Ölgemälden einen äußerst imponierenden Eindruck. Vom früheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thür ins Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerückt worden.

Auf einem großen Rondell blühten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebüsches und des halb eingefallenen Grabens das Auge.

Frege begrüßte mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gäste und führte sie in die hinteren Gemächer.

„Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten,“ erklärte er. „Gleich werde ich die Herrschaften melden.“ Dann eilte er davon.

Mit sehr eigentümlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die Räume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen hatte. Die im Hause vorgenommenen Veränderungen wirkten befremdend auf sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu sein, trat weit zurück. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder Mitteilung nach ihrem Gutdünken. Natürlich, es war ihr Recht, aber gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtfülle der Besitzerin.

Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte. Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und umarmte Grete mit Wärme und Herzlichkeit.

Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt, und bald saßen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemütlich plaudernd, beisammen.

Der Fremde war der Eigentümer des vor Tagen erwähnten in der Nähe von Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof.

Er hatte früher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich, da er vermögend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener, aber keineswegs pedantischer Mann, und man rühmte seine große Frische, seinen Geist und seine hohe Intelligenz.

Herr von Streckwitz führte denn auch vornehmlich das Gespräch. Herr von Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er erwiderte, daß er sich bei seinem Interesse für Landwirtschaft nach einem ihm mehr Beschäftigung bietenden Gütchen umzusehen die Absicht habe.

Hederich mischte sich hinein und machte Vorschläge, und Tankred, dem Streckwitz gleich beim ersten Sehen höchst unsympathisch war, riet mit vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen Übergewicht nicht in seiner Nähe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten, die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem Interesse zuhörte.

„Es gefällt mir aber gerade hier ausnehmend,“ entgegnete Streckwitz. „Mein bisheriges Einsiedlerleben möchte ich zudem vertauschen, aber mir Thätigkeit und Verkehr nicht in einer großen Stadt suchen, sondern auf dem Lande. Übrigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir früher oder später eine Gelegenheit zu anderer, größerer Wirksamkeit bietet, werde ich sie wahrnehmen. Zunächst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu suchen. Sie gestatten mir auch,“ schloß er, sich mit verbindlicher Miene gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte Auge ein wenig zusammenkneifend, „daß ich Ihnen meine Aufwartung machen darf?“

„Es wird uns außerordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen,“ entgegnete Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten.

Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb gegen Breckens verneigte, biß sich Tankred, in seiner Eitelkeit verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter demnächst einmal deutlich zu belehren, daß ihr kein Recht mehr zustehe, eine derartige Erlaubnis zu erteilen.

Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Geräusch abgelenkt, da Fräulein Carin ein Knäuel Seide fallen ließ, und Hederich, sich übereifrig danach bückend, so unglücklich auf dem glatten Fußboden ausrutschte, daß er knieend vor ihr liegen blieb.

Um nun doch irgendwie seinen Ärger auszulassen, nahm sich Tankred Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise nachahmend:

„Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist — drum und dran — ein zu schöner Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Fräulein Helge hingestreckt zu sehen.“

Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, während Hederich, rot vor Beschämung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb.

Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er sich sehr weh gethan habe:

„Ich danke sehr für Ihre Güte, gnädige Frau, es ist schon vorüber. Ich bitte nur um Entschuldigung, daß ich in Ihrem Hause — drum und dran — eine so — lächerliche Rolle gespielt habe — —!“

Dieser auf Tankred gemünzte Satz mißfiel niemandem, und namentlich in Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst Hederich mit raschem freundlichen Blick und ließ dann ein auf Tankred berechnetes verächtliches Zucken um ihre Lippen spielen.

Tankred sah es. Er wußte, was in ihr vorging, und der alte Haß gegen das ‚Frauenzimmer‘ setzte sich von neuem in ihm fest.

Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr Abbruch, und das glatt fließende Gespräch setze sich nun so gezwungen fort, daß Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu unternehmen.

Herr von Streckwitz, ein überaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart und ernsten, einnehmenden Zügen, schritt mit den beiden Tressens voran, ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen hatte, und ein wenig später Hederich mit Carin.

Sowie die letzteren aus der Hörweite der Voranschreitenden waren, sagte Carin:

„Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt. Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der Mittelpunkt des Gespräches ward. Dergleichen Zurücksetzungen kann er absolut nicht vertragen. Stets muß er das Wort führen und bewundert werden. Später ärgerte es ihn, daß Frau Cromwell sich so oft an den Gast wendete. Am Ende interessiert sie sich für ihn! Das paßt Brecken durchaus nicht; das durchkreuzt seine Pläne, und als Herr von Streckwitz nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen größern Besitz erwerben zu wollen, kannte sein Ärger keine Grenzen mehr! Den ließ er dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empörend handelte er, in solcher Weise von seinem Übergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat mich auch wieder ausnehmend gefreut, daß Sie ihm nämlich eine solche Antwort zu teil werden ließen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie hätten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!“

Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehört. Als Carin geendigt hatte, sagte er:

„Sie gehen vielleicht etwas weit — aber — drum und dran — er ist kein guter Mensch, wir wissen's alle längst. Und es ist wahr, es giebt Dinge, die kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will lächerlich gemacht werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!“

„Und wir haben recht!“ fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort: „Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben, und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch wahrlich nur die Hand auszustrecken. — Ich weiß wohl, was Sie sagen wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen! Aber welcher Vorteil erwächst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie, Herr Hederich,“ hier senkte Carin die Stimme, „was mir Frege neulich mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau Cromwell, worin auch des Schriftstücks — Sie wissen, der Erbteilverschreibung — Erwähnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, könne darauf schwören, daß das von ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders — natürlich viel günstiger gelautet habe. Brecken hat also —“ hier schossen Carins Augen unheimliche Blicke — „sicher eine Fälschung begangen!“

„O nein, nein, Fräulein Carin,“ fiel Hederich erschrocken ein und sprach wieder das Wort Carin sehr breit. „Da gehen Sie doch wieder zu weit! So schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist schlau, und er wäre es noch mehr, wenn — drum und dran — ihn sein Blut nicht oftmals fortreißen thäte.“ Und forschend schloß er: „Hat Frege Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?“

Carin nickte.

„Und was hat sie erwidert?

„Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja überhaupt eine sehr eigentümliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut. Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens — denn ihre hervortretende gelegentliche Kürze und Strenge sind auch nichts anderes als ein Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur — und andererseits die Pietät, welche sie für alles an den Tag legt, was den Namen Brecken trägt, machen sie ungewöhnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, daß er sich ändert, und ihr gegenüber spielt er ja auch eine recht gute Komödie! — Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die Jungen mit den Alten?“

„Drum und dran — ja —. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich so ziemlich —“ entgegnete Hederich. „Frau von Tressen ist vorsichtig, und Grete will Frieden, — bis jetzt wenigstens, — und das giebt den Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube, daß es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede.“

„Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie hängt mehr an Ihnen, als an ihrer Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist überhaupt noch nicht alles Gute erloschen, sie kämpft, glaube ich, einen ehrlichen Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat.“

„Weshalb, Fräulein Carin,“ fiel Hederich milde ein, „hassen Sie Herrn von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefügt?“

Carin zuckte die Achseln. „Weshalb hat man eine Abneigung gegen Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man sich zu anderen besonders hingezogen fühlt? Ich kann überhaupt nur hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten vertreten. Pastor Höppner kann überhaupt nicht hassen. Deshalb ist er auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persönlichkeit gütig und menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag — ihre Person ausgenommen, die sie über alles liebt — weder zu lieben noch zu hassen! Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, haßt aber jeden, der ihm irgendwie in den Weg tritt, — und — Sie — Sie, Herr Hederich —“

„Nun, Fräulein Carin? —“ forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge ging unruhig hin und her.

„Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele.“

„Na — na — na! — Es ist schon zu viel Schönes, Fräulein Carin, aber — drum und dran, — daß Sie das sagen, das — das — ist mir mehr wert als — als —“ sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte.

„Ach, Sie lieber Mensch! —“ unterbrach das Mädchen den Mann, sah ihm mit einem seelenvollen Blick ins Auge, ließ ihn aber nicht weiter sprechen, sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die übrigen Gäste zu, die nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause auftauchten.

Nach einem kleinen Imbiß nahm man demnächst von Holzwerder Abschied. Nur Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da. —

* * * * *

Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf saßen die Pastorin und Hederich einander gegenüber.

Seit dem Vorerzählten waren fünf Monate verstrichen. Der Herbst war bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzählen und sehr viel zu hören.

Zunächst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm ihr Herz ausschüttete.

„Was mich am meisten beschäftigt und mich geradezu traurig gemacht hat, ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte, Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle. Aber sie! Doch nun hören Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war, die mir sogleich fünfhundert Mark für das von mir geplante Armenhaus in Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach Holzwerder geführt hatte, erzählte, daß mein Mann und ich von meinem Vermögen fünftausend Thaler als Grundlage für den Bau hergeben wollten, legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn, daß er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen möge.

Erst äußerte er nichts, ließ mich niedersitzen und guckte auf das Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spöttischen Ausdruck:

‚Meine Schwiegermutter hat fünfhundert Mark gezeichnet? So — so — na ja, wer's lang hat, läßt's lang hängen! Ich kann höchstens hundert Thaler geben. Fast kein Tag geht vorüber, an dem nicht Ansprüche an mich herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der Antragsteller geben, müßte ich nachgerade auf Einnahmen für mich selbst verzichten.‘ — Er zählte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf, denen er angehöre, sprach von Erhöhung der Steuern und anderem und rief seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie beschwert sie seien. ‚Glauben Sie nur, daß es uns nicht so leicht gemacht ist, wie Sie meinen,‘ versicherte er. ‚Jeden Monat die Rente an meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen, Neubauten, die gemacht werden müssen. Ich kann's nicht mehr gut machen!‘ Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern zurück: natürlich, es müßte ja sein, aber jetzt lebten doch zwei Familien von den Einkünften von Holzwerder.

Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhören, und ich habe denn auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer größeren Gabe zu bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht selbst erzählt, daß sich dies Jahr ungemein günstig gestellt, daß das Gut noch nie so viel abgeworfen hat?“

„Ja, es ist richtig, sie haben schöne Einnahmen, und was sie sagen von der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkünften nicht gar so schlimm.

Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwächterposten ist eingezogen, seine Arbeit muß jetzt der Parkwächter mit besorgen; er kriegt aber nicht mehr dafür und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun weggefallen. Die beiden Kutscher müssen mit im Garten helfen, und die Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau giebt selbst aus, verschließt alles und macht Szenen, wenn zu viel gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafür nicht liefern könnten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt.

Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Früher durften auch die Arbeitsleute nach dem Pflücken das letzte Obst abschütteln, das ist nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehölzen hat er durch Anschlag verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafür anzusetzen. Und nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel neue Fenster nötig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind und Regen hinein.

Aber, drum und dran, für die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik möchte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht für den Rübenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen, die Einnahmen vergrößern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen.“

„Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?“

„Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam überlegt. Neulich sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen. Neusilber thäte es auch. Sie hätte sich herausgerechnet, daß sie so viel Kapital herauskriegte, daß sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine neue Christofleeinrichtung anschaffen könnte. Ich muß daran denken, daß wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie —“

„So? also damit hat sie Grund, sich zu beschäftigen? Das wußte ich noch gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, daß Herr von Streckwitz dort fast täglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen.“

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