Front matter (continued 4)
Reading edition
„Meinen Sie wirklich?“ fragte Hederich erstaunt. Er gehörte zu den Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen, aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da Carin, vielleicht aus Diskretion, die Möglichkeit eines tieferen Interesses Theonies für Streckwitz nicht wieder berührt hatte, war auch Hederich nichts aufgefallen.
„So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute Wäsche, und ich muß selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Nähschule bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die Ohren. — Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten Sie — herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die müssen Sie probieren.“ — Und während er, nachdem sie rasch den Branntwein und die Speisen herbeischafft, aß, stand sie — sich zu setzen hatte sie keine Zeit — vor ihm und erzählte noch von allerlei traurigen Ereignissen im Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemüht gewesen, und zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich.
„Ja niedlich, niedlich,“ betätigte Hederich, während er das Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen lieber aus dem Wege.
Als er schon in seinem Einspänner saß, sah er noch, daß Frau Höppner mit einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thür stand und weinend ihren Kummer erzählte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem Schnupftuch die Thränen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen über ihre Lippen:
„Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte. Dann wollen wir weiter sprechen,“ hörte er sie noch sagen, und „Drum und dran, brave Frau!“ ging's über Hederichs Lippen, während er mit einem Hü die Zügel ergriff und das Pferd antrieb.
Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug. Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, öffnete und las:
(Privat) ‚Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich muß Sie notwendig sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind, und gehen Sie hinten die Treppen hinauf.
S. von Tressen.‘
Noch unter dem Eindruck des Gespräches, das er am Nachmittag mit der Pastorin gehabt hatte, regten die Zeilen Hederich außerordentlich auf. Sicher war etwas sehr Bedeutsames vorgekommen. Er konnte es nicht erwarten, daß sich der Zeiger der Uhr auf acht schob, und begab sich dann, einen versteckten Umweg nehmend, durch die Hinterthür des Souterrains ins Haus. Aber als er eben die Treppe hinaufeilen wollte, trat ihm Tankred mit einigen bestaubten Flaschen Wein, die er selbst aus dem Keller geholt hatte, entgegen und sagte, seinen Verwalter erblickend, sehr erstaunt:
„Sie hier? Ich denke, Sie sind nach Elsterhausen gefahren? Schon zurück? Was wünschen Sie? Suchen Sie etwas?“
„Drum und dran, ich wollte oben ein Packet Handschuhe abgeben, die ich für Frau von Tressen mitgebracht habe,“ entgegnete Hederich, sich schnell fassend. „Ich vermutete die Herrschaften unten bei Ihnen und wollte vorn wegen der Gesellschaft nicht stören.
Guten Abend, Herr von Brecken! Viel Vergnügen! —“
Aber Tankred ließ sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben ging, fand er Tressens; ohne Zweifel würden Sie ihn auffordern, zum Thee zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge würden zur Sprache kommen. Das paßte ihm nicht.
So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: „Was wollen Sie sich die Treppe hinaufbemühen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her. Ich werde es meiner Schwiegermutter einhändigen.“
Die Situation war höchst peinlich. Wenn Hederich erklärte, daß er gar kein Packet habe, stand er als Lügner da, und ablehnen konnte er füglich Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand, nicht nur für ihn, sondern auch für Tressens, nahm er seine ganze Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die seine Bereitwilligkeit ausdrückte, Tankreds Wunsch zu willfahren, erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff:
„Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen Sie gütigst, daß ich der gnädigen Frau morgen das Gewünschte überreichen würde. Und nun erlauben Sie, daß ich mich empfehle. Ich halte Sie auf! Ihre Gäste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergnügen.“
Nach diesen Worten zog er sich überhastig zurück und verwischte dadurch wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck.
Während Tankred die zwei Flaschen Aßmannshäuser wieder ergriff, murmelte er:
„Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt. Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!“
Dann eilte er mit hämischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf, und oben schalt er Peter, den Diener, daß er ganz unnötig so viele Lichter angesteckt habe:
„Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuzünden.“
„So, dann habe ich den gnädigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den Herrschaften mußte ich immer alles anstecken.“
„Ja, ja, die Herrschaften,“ entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine Schwiegereltern preisgebend, „die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwärts, löschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie zu reinigen, — hören Sie? ohne sie zu reinigen, — ins Anrichtezimmer!“
Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine Wohnung zurück. Er fand keinen Weg, Tressens über die Gründe seines Nichterscheinens zu verständigen, noch weniger hielt er es für möglich — und wenn doch etwa für möglich, nicht für rathsam, an diesem Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen. Wenigstens wollte er das vorher noch überlegen. Auch wenn er einen der Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals der Zufall sein Spiel treiben. Überhaupt war er gegen jede schriftliche Äußerung.
Es beschäftigte ihn zu alledem, daß er zu einer Lüge seine Zuflucht genommen hatte. Seit seinen Jünglingsjahren war mit Bewußtsein kein unwahres Wort über seine Lippen gekommen.
Aber das war die Folge solcher Verhältnisse. Immer ungemütlicher wurde es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen. Während er, so nachdenkend, dasaß und aus der Pfeife die Rauchwolken herausblies, — fast ein Stündchen mochte vergangen sein, — hörte er auf dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er Peter, den Diener, und seine Haushälterin Worte wechseln.
„Na, was giebt's?“ rief Hederich die Thür öffnend. „Haben Sie eine Bestellung an mich, Peter?“
Der Diener nickte verlegen, dann trat er näher.
„Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gnädige Frau von oben ließe um das Packet Handschuhe bitten, und die gnädige Frau von oben — sie faßte mich ab, als ich gerade weggehen wollte — läßt fragen, ob Sie noch kommen thäten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich soll nichts sagen — ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an die unten von meiner Bestellung an Sie erzählen!“
„Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich Ihnen auftrage, hören Sie? An Herrn von Brecken können Sie ausrichten, ich hätte die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich könnte sie in meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie blos: Ich würde ihr morgen erzählen, weshalb ich nicht gekommen wäre, es sei denn, daß sie so gut sein wollte, sich — drum und dran — heute abend noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemühen. Es wäre sehr gut, wenn sie es thäte. Sie ist doch noch oben und nicht bei der Gesellschaft?“
Peter verneinte.
„Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten,“ murmelte Hederich. Und laut: „Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten. Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!“
„Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon. Ach — ach es ist —“ seufzte der Mann.
„Was ist?“
Der Diener bewegte mißmutig den Kopf.
„Nichts für ungut, Herr Verwalter, ich will kündigen. Keine Stunde hat man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden, und alles, was früher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hörte es, wie ich das Silberzeug putzte.“
Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschäftigte ihn sehr. Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung.
„Diener müssen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und überall ist etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter, und mit dem Kündigen überlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch nicht will, dann wissen Sie, — drum und dran, — wo Hederich zu sprechen ist.“
„Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt. Herr Verwalter wissen, daß ich nichts herumtrage, und wieviel ich von den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie — sie ist ganz anders geworden.“
„Ja, wie gesagt, Peter — es wird schon wieder besser werden. Thun Sie Ihre Pflicht, — drum und dran, — für das andere lassen Sie den lieben Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, daß Sie wieder hinkommen.“ —
Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang öffnete sich die Thür der Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln Mantel gehüllt, trat zu Hederich ins Gemach.
Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe.
„Um so besser, daß wir uns noch heute abend sprechen!“ erklärte sie nach seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme dämpfend, fuhr sie fort:
„Hören Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete und Brecken eine sehr böse Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als wir beim Kaffee zusammensaßen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Während meine Tochter sich an das geschlossene Büffet begab, um ihn herbeizuholen, sagte ich: ‚Ist es denn notwendig, daß Du sogar den Zucker verschließest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben —‘
‚Sogar? Was meinst Du damit?‘ entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in einem sehr schroffen Ton.
Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gästen. Aber sie antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine Tochter, ihr die für den Abend nötigen Zuthaten auszugeben.
‚Wie, Du wagst es?‘ rief Grete, gegen die Person auftrotzend. ‚Habe ich Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?‘
Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte und auf eine abermalige höchst provozierende Äußerung Gretes neben anderen Erklärungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade noch, daß sie in der Küche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet meine Tochter in einen solchen Zorn, daß sie aufsprang und dem Mädchen einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem ich schon angesehen, daß er sich über meine Äußerung von vorhin geärgert hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden war, packte Anna am Arm und stieß sie in rohester Weise zur Thür hinaus. Draußen befahl er der Mißhandelten, — ich hörte es, — sofort ihre Sachen zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was aus ihr werde, sei ihm gleichgültig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle sie etwas, so könne sie klagen. Zu meinem Unglück nahm ich nach seiner Rückkehr gerechter Weise Partei für das Mädchen. Ich hielt beiden in sanfter Weise vor, daß sie durch die wenig gütige Art, in der sie mit den Leuten verkehrten, durch ihr fortwährendes Verschließen und Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse für sich zu erwecken, und schloß mit der Bemerkung, daß ich doch stets mit meinem Personal ausgekommen sei, während jetzt fast kein Tag ohne Verdruß hingehe.
Auf die Äußerung gab zunächst meine Tochter eine Antwort, indem sie in einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich hätte doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber täglich. Bald moniere ich, daß der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald mache ich Bemerkungen über ihre Anordnungen. So habe ich mich jüngst über die Wäsche geäußert. Wenn zufällig mal Zucker auf dem Tische fehle, halte ich ihr eine Strafpredigt über ihre Sparsamkeit, und daß ich in diesem Falle Partei für das impertinente Geschöpf genommen habe, das sie fortwährend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf diese plumpe und unglaublich unverschämte Weise sich einen Vorteil zu verschaffen, sei doch mehr als eigentümlich von meiner Seite! Sie habe Beweise dafür, daß Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute morgen von ihr ausgegeben.
Mit dem größten Erstaunen hörte ich, was meine Tochter sprach. Ich war ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen und Vorschlägen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar nicht in den Sinn gekommen, daß sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel weniger, daß sie mich fortwährender Einmischungen in ihre Angelegenheiten zeihen würde.
Ich sah aus ihrer Rede, daß lange aufgestauter Groll einen Ausweg suchte, und ich sah auch, daß ihr Mann ihr vollständig beistimmte. Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatsächlich aber um mich noch mehr zu kränken, kam auch er mit allen möglichen Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrückte, an sich nur Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdruß schon mehrfach Veranlassung gegeben hätten. Wir hätten jüngst die Pferde ohne vorherige Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, während sie hätten ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, während wir doch unsern eigenen Diener hätten. Der letztere habe neulich durch Umstoßen des Tintenfasses den ganzen Fußboden verdorben, und mein Mann hätte ihn sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getröstet.
Und was den Fall mit dem Mädchen betreffe, so sei er zufällig dabei gewesen, wie Grete für den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten abgewogen habe.
‚Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,‘ fügte ich, mich bemeisternd und alles übrige übergehend, ein, ‚aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie während ihrer Beschäftigung gerade vom Förster abgerufen worden, nachher vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Küche zu stellen. Es ist doch möglich, daß Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, daß ein Mädchen ihrer Herrschaft unbegründeterweise mit solchen Behauptungen gegenübertritt. Und ich habe nie früher eine Unehrlichkeit an Anna bemerkt,‘ schloß ich.
Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so höhnischen Miene auf und erging sich in so verletzenden Anspielungen über unsere Verschwendung und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, daß ich, nicht mehr Herr meiner Empörung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten, finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei unter solchen Verhältnissen dann wohl besser, daß ich mit meinem Manne Holzwerder verließe! Danach stand ich auf und begab mich auf mein Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und ließ sagen, daß wir nicht in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an, daß Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie, Hederich, sie wollen einen Anlaß, um die ihnen lästigen Menschen, ihre Eltern, aus dem Hause zu bringen.“
Bei diesem Schlußsatz brachen der Frau die Thränen stromweise aus den Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, daß dem braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn nun da, was Carin schon oft und erst jüngst wieder als bevorstehend prophezeit hatte: Ein böses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun würde auch bald sein, Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit seiner Meinung nicht zurückzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen; sie sollte hören, was er dachte!
Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste Überzeugung. Er glaube selbst, es sei wohl das beste, äußerte er, daß sie sich in Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten.
Sicher würden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Versöhnung auf beiden Seiten vorhanden, später aber könne sich ein unheilvoller Bruch daraus entwickeln.
„Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben, ist immer weise, wenn's auch hart, betrübend und schwer ist, sich auf den Boden der Thatsachen zu stellen.“
„Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, daß wir wie Überzählige aus dem Hause gehen, daß wir unser geliebtes Holzwerder verlassen sollen, dann ist's mir, als überfiele mich eine unheilbare Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemüt beschwert ist. Seit heute nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!“ stieß sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. „Ja, ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermögen haben, die Kinder sollten nur von uns abhängig sein! Wie ganz anders würde es dann aussehen!“
Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfaßte sie mit ganzer Gewalt, sie war betrübt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung, Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttäuschter Mutterliebe.
Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der göttliche Funke warmer Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte selbst der Funke zu verlöschen. —
* * * * *
Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner Vormittagsgeschäfte mit seiner Frau beim zweiten Frühstück saß, erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich hätten hören lassen.
„Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe. Ich kenne Mama —“ entgegnete Grete.
„Und Du willst hinaufgehen?“
„Nein, aber ich habe mir gedacht, daß ich, wenn sie heut mittag auf das Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen.“
„Und wenn sie nicht kommen?“
„Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben müssen. Ich habe ja nur erreichen wollen, daß Mama sich nicht ferner in meine Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles — verlasse Dich darauf — eine längere Weile nach Wunsch gehen.“
Bei den letzten Worten glitt ein Lächeln über Gretes Gesicht. Es belehrte Tankred, daß seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttäuschte ihn zunächst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Möglichkeit anzueignen, so nahm auch er einen leichten Ton an und sagte:
„Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Übrigens hast Du gehört? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder für eine ganz überflüssige Sache so viel Geld auszugeben!“
„Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fußkalt, daß er es nicht aushalten könne,“ schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab, war überhaupt zurückhaltender über „die oben“ als gestern.
„Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Bedürfnis. Hypochondrische Leute, die nichts zu thun haben, kommen auf tausend überflüssige Geschichten. Da fällt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und Theonie zu werden. Frau von Bülow behauptete, sie seien sogar schon verlobt. Wir müssen Hederich fragen. Übrigens möchte ich wohl wissen, ob der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen hocken, um über uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein richtiges Verhältnis, Grete. Sie intriguieren fortwährend gegen uns, und der alte Schwäger trägt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern wäre es allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht vom Übel, wenn die Eltern fort zögen. Streckwitz's Besitz könnten sie ja pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein.“
Tankred hatte bei den letzten Sätzen, die ihm durch die Gelegenheit aufgedrängt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran gewöhnen.
Daß sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefaßt hatte, ergab sich jetzt.
„Mama würde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort müßte, Tankred. Ich muß gestehen, daß auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren würde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen wir vorläufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann — und dann —“ die Frau errötete leicht — „wenn ich demnächst in der Krankenstube liege, würde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden —“
Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwärterin beim Wochenbett fortsenden, hieß nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter als er! Sie war außerordentlich umsichtig und behielt stets ihren Vorteil im Auge!
Während dem Manne solche Gedanken über seine Frau aufstiegen, ward geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen.
Das Gespräch ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschäften nach.
Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor. Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrückt, um die Erlaubnis gebeten, sie ihr verehren zu dürfen. Er suche, wie er bei der Überreichung hervorhob, nach einem Anlaß, sich ein wenig für die vielen Liebenswürdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof empfangen habe. Sie möge ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe überreichen zu dürfen.
Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen:
„Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, daß Sie wieder eine Zeitlang auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz, und wann dürfen wir Sie zurückerwarten?“
„Nein —“ entgegnete Streckwitz. „Der Verkauf von Klementinenhof hat sich zerschlagen; für den Fall der Veräußerung hätte ich mich ja zunächst anderweitig einrichten müssen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich bleibe nun aber den Winter über hier und will meine Bemühungen um einen Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen.“
„Immer wieder wundere ich mich,“ wandte Theonie ein, „daß Sie bei Ihren vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen hier in der Einsamkeit?“
„Lieben Sie nicht auch das Land, gnädige Frau? Schätzen Sie nicht auch die reine Luft, die einfachen, natürlichen Verhältnisse, den unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit? Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich beschäftigt, überall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und die Beschäftigung mit Stall, Acker und Vieh hat für mich etwas außerordentlich Anziehendes. Ich beneide die Städter nicht, ich bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwährenden Bewegung, sie müssen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu einem rechten, ruhigen Lebensgenuß vermögen sie nicht zu gelangen. Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jährlich in die Berge, ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein.“
„Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu erwerben?“ knüpfte Theonie, die durch stumme Gebärden Streckwitz beigepflichtet hatte, an. „Hederich sprach jüngst von Wankendorf. Aber es liegt sehr nördlich, und der Preis soll hoch sein.“
Streckwitz schüttelte den Kopf. „Ich möchte am liebsten etwas hier in der nächsten Umgebung finden. Ich möchte auch Ihnen“ — Streckwitz legte einen nicht mißzuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte — „nahe bleiben, gnädige Frau.“
Theonie errötete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr mädchenhaftes Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Männer zu ermuntern.
Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und herflatterten, und suchte so dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich über Theonies Gefühle für ihn Klarheit zu verschaffen.
Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, daß er nicht gestört werde, sagte er:
„Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darüber aus, daß ich mich hier, wie Sie sich ausdrückten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnädige Frau. Durch Ihre Hand ist zwar Falsterhof gelichtet und hat den früheren düstern Eindruck verloren, aber grade für eine junge Frau — da für Ihr Geschlecht so enge Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen können, — scheint es mir hier recht einförmig. Haben Sie denn kein Verlangen nach der Stadt?“
„Nein, keins! Ich könnte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach dem Tode meiner Mutter von hier entfernen mußte, war ich sehr unglücklich.“
„Sie mußten?“
„Ja — oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rückkehr festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich erfaßt hatte, abzustreifen.“
„Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war jüngst auf Holzwerder und habe höchst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute.“
Theonie betätigte letzteres durch eine Bewegung, über Tankred aber äußerte sie sich nicht.
Diese stete, taktvolle Zurückhaltung war's aber eben gerade, die Streckwitz, der das wenig günstige Urteil der Menge über Tankred kannte, zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das Bestreben, sich geltend zu machen, und besaß neben einem edlen Selbstgefühl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem Wesen. Da das Gespräch sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer direkten Anknüpfung, und plötzlich kam ihm ein Gedanke.
„Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnädige Frau,“ hub er nach geschicktem Übergang an. „Ich habe die Absicht, allernächstens ein kleines Diner zu geben. Würden Sie und Fräulein Carin wohl so liebenswürdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiß, daß ich etwas erbitte, das ein wenig ungewöhnlich erscheint. Aber ich hoffe doch auf Ihre gütige Zusage, ja, ich darf sagen, daß ich das kleine Fest vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist.“
Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, daß sie nicht gleich Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpreßte.
„Ich bitte, sprechen Sie — sagen Sie etwas —“ drängte Streckwitz, durch die Ungewißheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner Gefühle, „oder darf ich noch etwas hinzufügen, etwas von dem vielen, was mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie, liebste Frau Theonie? —“ wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und Theonie näher trat.
Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte innerlich, und sein Atem ging rasch.
Aber es war nur für Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, lächelte sanft und neigte ihre feine Gestalt zu ihm.
„O komm, Du Liebe!“ flüsterte der Mann stürmisch und breitete seine Arme aus.
Durch ihren Körper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und er hörte es aus ihrem Munde, als er nun glückberauscht sie fest und fester an sich zog.
* * * * *
Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in der Umgegend das Tagesgespräch.
Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zurücksetzung, Neid und Mißgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen für oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hieß es, sie paßten vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte Menschen, ein andermal dagegen, es könne nur ein Unglück daraus entstehen, wenn zwei so selbstbewußte und absprechende Menschen sich vereinigten. Und einmal paßte den Leuten Theonies Nase nicht, ein andermal hielten sie sich über Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls — darin stimmten alle überein — kam Geld zu Geld; für beide Teile war die Partie eine gute, und mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war nicht mehr als selbstverständlich. Ohne Nebengedanken stimmten eigentlich nur Tressens und Höppners dieser Verbindung zu. Selbst in Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spürchen Unbehaglichkeit.
Hederich fürchtete, das Mädchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren. Sie würde sich eine andere Stellung suchen müssen, und er sie nicht mehr sehen; und Carin beschäftigte nicht minder der Gedanke, daß nun wohl ihre Tage auf Falsterhof gezählt seien.
Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und mußte gleich etwas thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte, und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der Verlobungsanzeige auf den Weg.
„Sie müssen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende Amtsgeschäfte, sonst wäre er mitgekommen!“ erklärte sie nach ihrem aus dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glückwunsch. „Und gleich heute möchte ich von Ihnen hören, liebste Theonie, wann Sie und Herr von Streckwitz uns beehren können. Wir möchten Ihnen ein recht lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehört, wie die Dinge stehen? Man erzählt sich, daß zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Übrigens, Ihr Vetter wird nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie.“
So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluß und ward erst unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen:
„Sie meinen, liebe Pastorin?“ ins Wort fiel.
„Nun, er wird natürlich fürchten, daß Sie jetzt an eine Vermögensabtretung nicht mehr denken, daß er auf Falsterhof in Zukunft keinerlei Aussicht hat.“
„Er irrt sich aber!“ entgegnete Theonie mit größter Ruhe. „Wenn er während der Frist nichts thut, was ehrenrührig ist, und wenn er nicht verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Daß mein Vetter seinen Charakter nicht ändert, weiß ich, aber diese Forderung habe ich auch nie an ihn gestellt.“
Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn für Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, knüpfte sie noch einmal an und sagte:
„Ihre im übrigen sehr vorsichtig gefaßte und durchaus nicht bindende Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein, Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer Handlungsweise, daß Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch näher, als Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiß weigern, die Hälfte von Falsterhof für nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn wirklich würdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?“
„Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, daß Sie an einmal gegebenen Zusagen rütteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?“
„Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermögenszuwachs gönne.“
Und nun erzählte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete sich dabei benommen, und daß er erklärt habe, höchstens hundert Thaler zeichnen zu wollen.
„Sehen Sie, das ist es!“ schloß sie. „Wenn Ihr Geld gute Früchte tragen würde, auch andere Vorteil daraus ziehen könnten, wenn's nicht nur der Gier dieses Geizhalses diente, dann würde ich gewiß keine Einsprache erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie für sich selbst die Möglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie bisher Glück und Segen dadurch zu verbreiten. — Ja, ja, ich weiß sehr wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen sind die Namen derer nicht zu zählen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht, viel zu haben. — Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am Erwerben, der Sparsamkeitsdrang, — lasse ich gelten! Geld soll nur ein Mittel zum Zweck sein, glücklich zu werden und andere glücklich zu machen. Darin besteht jedes Vernünftigen Lebensaufgabe. — Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich Ihrem Vetter erklären, ich habe damals verhüten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er nicht, wie Sie jetzt sähen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Übrigens“ — brach die Pastorin ab, da sie sah, daß ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden könnten, statt nützen — „wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei Ihnen?“
„Ich werde ihr nicht kündigen,“ erwiderte Theonie. „Wohin soll das arme, verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen, so ist es etwas anderes.“
„Auch das sieht Ihnen wieder ganz ähnlich, Sie herrliches Menschenkind. Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur auf Ihren,“ schloß die Pastorin lebhaft und drückte der Freundin in einem überströmenden Gefühl die Hand. —
Während in solcher Weise die Pastorin Höppner, ihrem Unmut nachgebend, in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon wiederholt hatte er gefunden, daß es nicht nur weise sei, das Ungünstige zu nützen, um Günstiges daraus zu ziehen, sondern daß dies bei geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekrönt wurde.
Versteckte Pfade zum Glück lagen überall, aber man mußte Augen zum Sehen haben. —
In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau über Theonies Verlobung stattfand, warf Grete ähnliche Zweifel hin, wie die Pastorin sie geäußert hatte.
„Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!“ begann sie und schnitt aus einem großen Haufen weißer und bunter Leinwandstücke, die vor ihr lagen, eine Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtücher machen wollte. „Herr von Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Erörterungen oder gar zum Prozeß wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer selbst willen schon wollen wir es vermeiden.“
Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesäumtes Tuch glättend und in genauer Anpassung auf ein Häufchen bereits fertig gewordener legend, zu ihrem Manne empor.
Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend:
„Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt, wo noch der Gedanke in Theonie kräftig ist, wo noch ihr Rechtsgefühl nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir nämlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie hin und sage: Gieb mir einen größeren Teil, etwa zwei Drittel von dem Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprüche verzichten. Thue es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du in die Ehe gehst. Ich glaube, ich würde reüssieren! Vielleicht könnten wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?“
„Wie viel wird denn das ausmachen — ich meine an Kapital — ungefähr?“ warf Grete forschend hin.
„Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler. Davon die Hälfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel vierhunderttausend.“
„Ah —!“ machte Grete. „Aber,“ setzte sie gleich hinzu, „das ist doch ein Unterschied von zweihunderttausend Mark.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Laß Dich nicht auf Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut! Sage ihr, sie solle fünfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch noch hunderttausend.“
Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung.
„Wir verfügen über eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das geht nicht. Wenn sie nun überhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch nicht. Ja, später klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?“
Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine Fälschung dabei an den Tag kommen konnte.
Und dann, während er noch nachdachte, kam's jäh wie ein Blitz über ihn, daß es schon am besten wäre, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gäbe, wenn, wenn — auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des Ganzen!
Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und heftig war ihr Angriff auf seine Seele, daß ihm die Kniee bebten, und in dem Drange nach Ablösung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkürlich ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich schlossen.
Grete erhob überrascht das Haupt.
„Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?“ fragte sie betroffen.
„Doch — doch. — Mich fröstelte nur ein wenig.“ Und dann: „Sag, Grete, wie wär's, wenn Du mit Hederich sprächest, daß er Theonie sondierte? Dir schlägt er nichts ab, im Gegenteil —“
Die Frau aber schüttelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres sträubte sich dagegen, grade ihm die Blößen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten.
So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie vorschiebend:
„Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiß auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren Mund nie halten kann. Du mußt mit Theonie ohne Zeugen reden; sie ist — das muß man ihr rühmend nachsagen — die personifizierte Diskretion.“
Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er beschloß auch, gleich zu handeln und alle Künste aufzuwenden, um seinen Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluß auf Theonie gewonnen. Je länger er aber zögerte, um so ungünstiger wurden seine Ansichten.
Gleich nach Tisch ließ er sein Reitpferd satteln, hörte noch einmal alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf den Weg.
Es war ein nebliger, aber ungewöhnlich milder Wintertag. Bald nach Tankreds Fortreiten begann es vom düsteren Himmel herunter zu flocken, und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem Herabfallen in flüssiges Naß. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe drangen tief in die schlüpfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Nässe, die seinen ganzen Körper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte Landschaft, die Bäume, Felder und Wiesen, er war nur beschäftigt mit seinen Plänen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere nur erst aus dem Hause gebracht hätte! Es stand fest in ihm, sobald Grete ihrer Mutter Hülfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein Ende machen. Aber während er sich ausmalte, daß sie wirklich von Holzwerder Abschied nähmen, — er sah seinen Schwiegervater in den Wagen steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor sich —, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zügel gehalten, so unglücklich, daß der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward.
Das Tier aber mußte für seines Herrn Nachlässigkeit büßen; Tankred zog dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schläge über den Rücken. Und während der abergläubische Mann dahinsauste, überkam ihn die Vorstellung, daß das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That! — So schloß er rasch einen Kompromiß mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust.
Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Höhe, und zu seinen Füßen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel inzwischen die Landschaft eingehüllt hatte.
Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den Hof erreicht hatte.
„Die gnädige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?“ warf Tankred hin, während Klaus das Tier abführte.
Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank!
Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Mädchen, welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem für ihre Arbeit herangerückten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden.
Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behüten eines Hausgegenstandes, und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Hälfte Deines Vermögens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er trat in das von der Abenddämmerung umhüllte Wohngemach.
„Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen Glückwunsch zu sagen,“ begann Tankred bei Theonies Eintritt. „Grete schließt sich mir von Herzen an und bittet, Du mögest verzeihen, daß sie nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkältung, die sie sich zugezogen, und das schreckliche Wetter —“
Theonie machte eine liebenswürdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend:
„Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?“
Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach:
„So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im Halbdunkel.“
Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch über Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort in seiner Angelegenheit:
„Höre Theonie! Da wir nun einmal ungestört beisammen sitzen, möchte ich Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiß, daß Du mich nicht mißverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil für Dich! Durch Deine Verlobung und demnächst stattfindende Heirat verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezüglich Deines Vermögens. Ich begreife das — begreife das vollkommen. Als Du mir damals die schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich nur durch Redensarten zu vertrösten, möchte ich Dir einen Vorschlag unterbreiten, damit Du mit völlig klaren Verhältnissen in die Ehe gehst: Entschließe Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde Dich jetzt mit mir ab!“
Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Dämmerung, um den Eindruck seiner Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick ab!
Zu seiner Überraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu seiner höchsten Enttäuschung auch sein Ansuchen äußerst kühl auf.
Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton:
„Zu meinem Bedauern muß ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fünf Jahre müssen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst, die veränderten Verhältnisse meinen Entschluß beeinflussen, sondern die Umstände für mich maßgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekürzt werden —“
„Bitte, sage mir Theonie,“ fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all seinen Himmeln gerissen, mit künstlicher Ruhe ein, „was soll ich denn eigentlich erfüllen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige! Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem Interesse, daß Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin überzeugt, Dein Bräutigam wird anders über die Sache denken, als Du. Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Überlegung ziehen, mit ihm reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof repräsentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte, zahle mir jetzt —“
Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem „Entschuldige, bitte“ und hörte, was der nun doch mit einer brennenden Lampe ins Zimmer tretende Frege „gehorsamst“ zu melden hatte.
„Der Verwalter von Falsterhof läßt fragen, ob er morgen Vormittag zum Vortrage kommen dürfe.“
„Ja, Frege, es paßt mir um elf Uhr!“
Nun schloß sich die Thür wieder.
„Es nützt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich wiederhole vorher Gesagtes,“ knüpfte Theonie mit der alten Ruhe an. „Auch wenn Du fragst, was sich erfüllen soll, so kann ich Dir darauf nur antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, daß alle Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen knüpfte. Ich erkläre Dir nochmals, daß die zwischen mir und Streckwitz wahrscheinlich eintretende Gütergemeinschaft an dem Geist der Sache nichts ändern wird. Nicht unser Geldvorteil soll maßgebend sein, sondern Deine Würdigkeit.“
„Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen Groschen auszuzahlen —“ stieß Tankred, kaum Herr seiner Erregung, heraus. „Was heißt Würdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels für gutes Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du gestorben wärest, würde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um eine bloße Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer begründetes, natürliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder später mit dem Gelde thun? Ich will es hüten und mehren, um meinem Nachkommen, dem letzten männlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschädigt oder geschändet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen? Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That, ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhältnis wenn Du Dich jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stück Geld.“
„Ich will nicht sparen!“ entgegnete Theonie stolz. „Dir soll Dein Recht werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und laß uns nun das peinliche Gespräch schließen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit, so werden mein Mann und ich prüfen und ohne Rücksicht auf unseren Vorteil handeln.“
„Ich nehme den Fall, daß Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwürdig! Meinst Du denn, ich müßte mich ohne weiteres darein finden?
„Ich brauche doch keine Gründe für eine Weigerung anzugeben, also hast Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!“
„Ah! so faßt Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge stehen! Nur eins hätte ich nicht gedacht: daß Du Dich hinter Worten verschanzen würdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet.“
„Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's nicht so kommt, machst Du andere dafür verantwortlich, daß Du Dich Illusionen hingegeben hast.“
„Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch für welche?“ Höhnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Höhe, stellte sich vor sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu:
„Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weißt, daß ich nicht mit mir spaßen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben — oder das Gegenteil! Wenn Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprüche verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die mündlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld führen, nachweisen, daß ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefügt habe, und auf sofortige Erfüllung meiner Ansprüche klagen. Ich kann schwören, daß sie mir versprach, mich zum Miterben einzusetzen.“
„Du lügst,“ rief Theonie, von Empörung und Ekel fortgerissen. „Du lügst und fügst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas versprochen hätte, würde es auch von uns gehalten worden sein. O, verächtlich bist Du mir; so verächtlich, daß ich nichts in der Welt so verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrückte ich, ich wollte sie nicht Herr über mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir wäre geworden, was Du wünschest, wenn Du geblieben wärest, was Du seit Deiner Heirat warst. Aber diese Drohungen und diese Lüge reißen alles wieder in mir auf. Ich fühle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick flüchtete. Aber keine Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen, jedes anderen Rechte mißachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren Glückes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Haß, durch deren Befürwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich, Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst. Ich zerreiße noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, daß ich wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun ließest.“
Der Mann hörte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, daß sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut über sich selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie würde ihr Wort gehalten haben, wenn nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen wäre? Er hätte sich selbst züchtigen mögen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn gar keine Möglichkeit mehr gäbe, das Geschehene ungeschehen zu machen. Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht in ihm.
Er sank stöhnend auf seinen Stuhl zurück, bedeckte sein Angesicht mit den Händen und verharrte wie ein Zerschlagener.
Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, daß sie ihm vergeben möge. Er habe sich abermals vom Zorn hinreißen lassen, er wisse dann nicht, was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angeführten Sinne wahr, wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kämpfen. Sie sei ja ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Güte und möge, gleichviel was sie beschlossen, ihm verzeihen. „Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei wieder die alte. Und mit meinen Vorschlägen meinte ich es ja wirklich gut. Es ist doch verständig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal,“ schloß er, „vergiß alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief.“
Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Empörung wiederholt hatte unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr wußte, daß er durch sein Komödienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder zu retten versuchen wolle, riß sich, als er zuletzt ihre Kleider umfaßte, von ihm los, warf den Kopf zurück und rief, mit ausgestreckten Händen ihn abwehrend:
„O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn ich überdenke, was ich je hörte oder las über die Schlechtigkeit menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein solches Bild. Lüge, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz begegnen sich, sie alle reichen sich die Hände in Dir. Deine Seele ist keiner vornehmen Regung fähig, sie ist niederträchtig und schmutzig; wo anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, daß nur die Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu fördern. Und ich glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese Wiederholung — Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter, Du spielst eben eine über alle maßen ekelhafte Komödie — hat alles für immer in mir getötet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen uns für alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen hoffen, daß diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein schwerer Irrtum zu glauben, man könne in der Welt Niederträchtigkeit an die Stelle von Tugend setzen. Auch für Dich werden Stunden kommen, wo Du nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja, fletsche nur die Zähne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn Du nicht bald und völlig umkehrst!“ —
Nach diesen Worten verließ Theonie, den zu wiederholten malen wie ein Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend, das Zimmer.
Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zurücknahm, beschäftigte ihn die eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die Möglichkeit, daß Theonie sterben, und daß er dadurch dermaleinst noch in den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurück. Aber sie konnte ja steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles denkbar!? — —
Und was sollte er Grete berichten? Daß ein unheilbares Zerwürfnis zwischen ihm und Theonie eingetreten sei?
Wodurch? Sie würde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung! — Nein! Das brachte er so nicht über die Lippen. Er mußte sie täuschen, sie vorläufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demütigte, wenn auch Hederichs Einfluß zu Hülfe genommen ward, ließ sich doch vielleicht noch alles zum guten lenken, noch ein Vergleich schließen.
Dieser Gedanke belebte vorübergehend wieder die Seele des Mannes, er setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehüllt, saß darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den Gedanken ein, die Vermittlung des Bräutigams Theonies anzurufen.
Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen neun Uhr Holzwerder.
Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint.
„Nun? Was ist? Du erschreckst mich,“ stieß Tankred heraus. „Sprich, was hat sich ereignet?“
Aber sie sagte nichts, sie ließ den Kopf sinken, und Thränen schossen aus ihren Augen.
„Ist wieder etwas mit denen oben?“ drängte Tankred. „Hat's eine Szene gegeben?“
Nun hub sie schluchzend an:
„Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem furchtbar erregten Auftritt erklärt, daß sie beide Holzwerder verlassen und nach Elsterhausen ziehen wollen.“
„Und die Veranlassung?“ fragte Tankred gespannt.
Nun erschien der Diener Peter und meldete, daß das Abendessen aufgetragen sei. Dadurch ward das Gespräch der Eheleute zeitweilig unterbrochen.
„Beruhige Dich! — beruhige Dich!“ tröstete Brecken nach des Dieners Fortgang seine Frau, faßte sie leicht um die Schultern und zog die kopfschüttelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von selbst wieder gut Wetter machen.“
„Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!“ entgegnete Grete rauh, sich gleichsam trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen ihre Mutter: „Du hättest nur hören sollen, was sie alles vorbrachte. Da verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: ‚So geht doch, wenn es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.‘ Das schlug dem Faß den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt: Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fühlten sie beide, wie lästig sie uns seien: von Liebe, Rücksicht, Pietät sei nicht die Rede. Wir fänden uns mit der Thatsache, daß sie auf der Welt seien, notgedrungen ab. — Am Ende, es ist doch meine Mutter,“ schloß Grete abermals schluchzend und schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich.
„Aber was war es denn? Was hat Euch denn so maßlos aufgeregt?“ forschte Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als die Lästigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl seiner Frau bedrückte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn hervortretende Reizbarkeit.
„Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gänsesauer sei heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach gefühlt. Soweit dürfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, daß ich Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Küche gefragt, und die Köchin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, daß die Kruke schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie mir dann wieder eine Rede über unsere, namentlich Deine Sparsamkeit hielt, die schon sprichwörtlich geworden sei, verließ mich bereits die Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen und — und —“
„Nun?“
„Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen! Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir dann weniger beschämt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, daß bei jeder Zahlung etwas fehlt, und daß er es auch nachträglich zu berichtigen vergißt. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder zwölf Mark gewesen. Das müsse bei einem korrekten Mann doch nicht vorkommen. Ich sollte Dir natürlich von alledem nichts sagen, aber, aber — jetzt muß es doch heraus —“ schloß Grete immer in demselben Gemisch von Ärger über ihre Mutter und von halber Parteinahme für sie.
„Und ganz ohne jeglichen Anlaß von Deiner Seite kamen alle diese Invektiven zum Vorschein?“
„Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer für hundertfünfzig Mark angeschafft, während sie schon die beiden Prachtbauer besitzen. Darüber äußerte ich mich, und dann antwortete Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es wären. Und wir thäten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwürfen, und erlaubten uns Bemerkungen über jegliches, was von ihnen ausginge. Sie hätten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und sich von mir Lehren zu holen!“ —
Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stürmisch und erregt herausgestoßen. Nun übermannte sie wieder ihre Bedrückung, und weinend und schluchzend hielt sie inne.
Tankred aber, obschon er zuhörte und auch den Sinn der Worte in sich aufnahm, war schon längst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken gingen, nachdem er gesehen, daß es sich nicht um einen besonderen Streitgrund handelte, allein zu den Vorfällen in Falsterhof zurück. Er konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch von dem alten Thema ab und sagte:
„Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's wahrlich auch kein Unglück! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer, weit schlimmerer Natur!“
Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte Antlitz.
Tankred berichtete sodann ausführlich über die stattgehabte Unterredung und erzählte, daß Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Äußerung als Anlaß genommen habe, um ihm in sehr wenig rücksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach heftigem Streit und trotz seiner versöhnenden Worte habe sie die Erklärung abgegeben, sie wolle ihm überhaupt nichts abtreten. Offenbar suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr gegebene Versprechen zurückzunehmen, und habe jetzt gleich die Gelegenheit dazu ergriffen.
Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt, aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon während seiner Erzählung an den Tag, daß sie weniger Theonie als ihm selbst die Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob.
Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes, einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren, halb vorwurfsvollen, halb mißtrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in eine so gereizte Stimmung, daß er an sich halten mußte, um ihr nicht in brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, daß er vielleicht die Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Hülfe. Das schien von Wirkung zu sein.
Grete überlegte; dann sagte sie: „Laß einmal sehen, was sie Dir damals geschrieben hat. Es wäre ja möglich, daß man die Sache wieder ins Gleis bringen könnte.“
Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er unschlüssig, welches von den beiden Aktenstücken ihr einzuhändigen wäre, das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung, in die er dadurch geraten, daß Grete wieder eins mit ihm zu sein schien, den Sieg über seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das Falsifikat hervor und überreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch, legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, daß noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren und mit Theonie zu sprechen, während er mit Streckwitz reden wollte.
Nicht in der früheren, deutlich hervortretenden Übereinstimmung mit ihm, aber, wie es schien, doch ruhiger und versöhnlicher als beim Eingang des Gespräches, hörte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen Mitternacht begaben sich beide — Grete unter einem schwermütigen „Gute Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich alles so trübe aus! —“ zur Ruhe.
Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Frühstück wieder zusammen saßen, erklärte aber Grete dennoch zu Tankreds äußerstem Verdruß, daß sie bei nochmaliger Überlegung zu dem Entschluß gelangt sei, von einem Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es passe nicht für sie, ihr Gefühl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern habe er drüben erklärt, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck hervorrufen. Er müsse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie habe, wenn es mit den Eltern nicht so stände, wohl Neigung, mit ihrer Mutter die Sache zu besprechen, überhaupt wäre letztere geeigneter als sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon könne keine Rede sein, es sei ja alles mit den Eltern aus. —
Tankred wollte anfänglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwähnung that, blitzte es in ihm auf.
Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen ließ, auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war im Grunde richtig: für Grete paßte es nicht; den Gedanken hatte Furcht und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte:
„Weißt Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen, ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen könne. Ich äußere erst mein Bedauern, daß gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir müssen alle Minen springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir müssen ihn und sie vorher abfangen.“
Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau von Tressen ließe sagen, sie sei nicht wohl, sie müsse bedauern, heute niemanden sehen zu können.
Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und sagte:
„Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist. Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache über den Kopf.“
Grete äußerte kein Nein und kein Ja.
„Versuch's!“ warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser einen Angelegenheit beschäftigt, übersah ihr Wesen, schob es auf die mit ihrem körperlichen Zustand zusammenhängende Unberechenbarkeit der Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf.
Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Frühstück erhoben, als die Thür mit einem schmeichelnden „Guten Morgen, Mama! Guten Morgen, Papa!“ von Tankred geöffnet ward.
„Entschuldigt, daß ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam nicht zurück! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile,“ fuhr er kriechend fort.
Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklärte er, daß Grete sehr bedrückt sei, und daß der gestrige Zwist hoffentlich der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rückte er mit der Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausführlich und bat seine Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie über eine Abfindung zu verhandeln.
Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, daß Frau von Tressen auf seine Bitte eingehen werde. Er war daher aufs höchste betroffen und nicht minder geärgert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schüttelte und sagte:
„Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefaßt werden, und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von deinem Schritt erzählte, gleich gedacht, daß das nichts werden würde. Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschäft, bei dem es ihr von Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere Gesichtspunkte. In dem Schriftstück hat sie fünf Jahre ausbedungen und würde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht genommenen Vergünstigung würdig gezeigt hättest. Hat sie jetzt schon nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschluß, wie es ihre ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde ich nichts ändern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten Anlaß haben. Begnügt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch dessen, laßt jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach Fremdem. Das ist mein Rat. Daß es uns natürlich angenehm gewesen wäre, daß es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, daß auch Du etwas in die Ehe bringen würdest, brauche ich nicht hervorzuheben. Aber es ist überhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben, daß es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren Augen wenigstens nicht. Das schöne Glück, das wir erträumt haben, ist dahin, und unser Entschluß, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es ist ja sehr schön, daß Ihr das bedauert, es scheint mir auch natürlich, aber es ändert nichts an der Einsicht, daß ein Zusammenleben zwischen uns unmöglich ist! — So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und nun lasse uns aus dem Spiel.“
„Nun, wie Du willst,“ entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen Worten zugehört hatte, und in dem trotz aller höchst unliebsamen Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche Klugheit und Besonnenheit überwogen. „Ihr werdet es aber noch bereuen, und ein für allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du fortwährend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig Geschmack. Sie eignen sich mehr für Schulkinder als für uns.“
Nach diesen Worten verließ er mit einer impertinenten Miene das Zimmer.
„Nein, es ist nichts!“ rief er, als er zurückkehrte, und Grete fragend und in sichtbar großer Erregung das Haupt erhob. „Und Du hast recht, es ist überhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil! Gott sei Dank, daß die Quälerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns selbst genug, meine Grete?“ schloß er schmeichelnd und werbend und umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen, seinen Zärtlichkeiten, stieß ein rauhes: „Nein, nein, laß, ich mag jetzt nicht!“ heraus und verließ das Gemach.
Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterließ es doch. Er würde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing mit ihrem gegenwärtigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs Einflüsse, dem er aber jetzt kündigen wollte, und die Lamentationen von denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht beeinflußte überdies die Enttäuschung Grete, aber die würde bald wieder einem anderen Gefühl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken war wieder voll bester Hoffnungen.
* * * * *
Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich. Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus führte, fragte Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat, deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach.
Hederich stand, den Rücken der Thür zugewendet, über eine Kiste gebückt, in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin vermutend, und ohne sich umzuwenden.
„Was ist — was ist? — Drum und dran — jetzt habe ich keine Zeit. — Wie? Was? — Ah, ah — Sie, liebe Frau von Brecken? — Verzeihen Sie! Bitte, nehmen Sie Platz. — Nein, es ist gar nichts. Es war nur — drum und dran — Hier, hier sitzen Sie bequemer. — Ja, ich will gleich sagen, daß ich nicht zu Hause bin, daß wir ganz ungestört bleiben.“
Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurück und nahm neben Grete, die mit trüber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte, Platz.
„Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Böses?“ begann Hederich, sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll Teilnahme anblickend.
Aber statt zu antworten, legte Grete plötzlich die Hände vor das Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust.
„Es ist aus, alles aus, Hederich,“ stieß sie, nachdem er zärtlich, wie man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. „Ich bin traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich — Mama und Papa wollen unabänderlich fort. Und noch anderes: Ich fühle — o Hederich! — es ist schrecklich — entsetzlich —, allmählich eine nicht zu erklärende Abneigung gegen Brecken. — Und doch vielleicht sehr erklärbar,“ fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. „Er ist nicht gut, ich seh's, — er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und rücksichtslos war, aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen Sie, Hederich, ich möchte wieder von ihm. Ich möchte meine Freiheit zurück haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht über ihn ausgesprochen, und ich jetzt sehe und höre, wie sie alle über ihn denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesänderung bestärkt, alles betätigt. Ich fühle, daß sein Einfluß auf mich nicht gut war, daß er meine Fehler, meine Engherzigkeit förderte, daß er es gewesen, der mich den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas ganz Selbstverständliches ansehen ließ. Er bringt uns überhaupt mit aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurück — ich merke es wohl —, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie überworfen!“
„Wie? Mit Frau Cromwell auch?“ stieß Hederich, dem alles andere von Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr früher oder später hatte kommen sehen, auf den das Zerwürfnis mit Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus.
Und nun sagte sie ihm alles, was sie wußte, und wie sie trotz Tankreds Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloß: „Er hat's natürlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er wünschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf. Ach — ach — Hederich — ich weiß nicht, was werden soll. Hat mich Mama so beeinflußt? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darüber klar, daß ich nicht glücklich bin und mit Brecken nicht leben kann.
Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken, Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflußt mich durchaus nicht. Ich schwöre es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurückzugewinnen, mir die Achtung anderer zurückzuerwerben, mich mit Mama auszusöhnen und meine Seelenruhe wieder zu erlangen. O, ich möchte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab? Ich muß wieder frei sein!“
Der Mann, der Grete durch besänftigende Einschaltungen und Trostworte wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt und sagte:
„Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine schwere, sehr schwere Sache, und das müssen Sie selbst wissen. Wie wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er läßt Sie nicht gutwillig, und wenn er Sie wirklich läßt — passen Sie auf — dann verlangt er womöglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum einen Bettel hin. Ich sag's — drum und dran — offen, wie ich's mein. Und erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gütergemeinschaft mit ihm geschlossen?“
„Ja — a —, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof als sicher in Aussicht stellte. — Bitte vergessen Sie doch nicht, Hederich,“ schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes Kopfschütteln begegnete, „welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur die beste Meinung von ihm fassen! Er wußte sich so einzuschmeicheln, daß wir die abfälligen Urteile anderer bloß als Neid und Mißgunst ansahen, als das Ergebnis seines häufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich hervorbrechenden jähzornigen Natur. Gewiß, ich weiß, Sie warnten mich. Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin ein Weib und habe Fleisch und Blut —“
Die Frau brach plötzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie als Resultat ihrer raschen Überlegungen, aber auch so, als habe ein Vorgespräch darüber stattgefunden: „Ja, das wäre eine Möglichkeit, daß wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder für sich. Nun ja denn — ich will's versuchen, so lange es geht,“ schloß sie, dumpf resigniert. „Dann können die Eltern bleiben, und gerade sie sollen bleiben, ‚er‘ mag sich von uns separieren.“
Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch eindringlicher auf sie ein, bat, daß sie sich beruhigen möge, und gab auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, daß sie so plötzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenüber gelangt sei.
„Nicht plötzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluß aufgerafft,“ entgegnete sie mit einer eigentümlichen Weichheit im Ton. „Und wissen Sie nicht, daß mir schon während meiner Verlobung bisweilen Zweifel kamen, daß ich fühlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte, daß ich äußerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz fördere, statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiß, ich hatte zeitweilig alle Sehkraft verloren, während unserer langen Reise fast ganz, aber die letzten Gespräche mit Mama, zusammen mit allen Vorgängen, brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rückhaltlos entrollte. Das Gefühl für Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich konnte meinen Mann plötzlich nicht sehen; über alles, was er that und sagte, stieg Ärger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berührte, und meine Gelassenheit und Ruhe waren schon längst künstlich oder ein Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen für ihn.“
Während Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und überbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloß abgegeben; Peter habe es herübergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort haben solle.
„Von Falsterhof? Von Theonie?“ Grete erbrach den Brief mit fieberhafter Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie mit großen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen, ließ sie die Schriftstücke aus der Hand fallen und sank stöhnend und wie vernichtet in den Sessel zurück.
* * * * *
Als Tankred, während dies bei Hederich geschah, auf den in Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte, zog ein eben dem Stall sich nähernder Diener den Hut und fragte, ob er das Vergnügen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag für seinen Besuch zu wählen. Nicht wenig überrascht, aber auch von Mißtrauen erfaßt, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners über die Krankheit klang so überzeugend, daß Tankred von der Annahme, Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit zu ihm vermeiden, sogleich zurück kam. Aber die Ungeduld, doch irgend etwas seinen Plänen Förderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so sehr, daß er beschloß, Höppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit direkt oder indirekt für sich zu wirken.
Frau Höppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzählte ihm sogleich sehr besorgt, daß ihr Mann wieder einmal das Bett hüten müsse. Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Während sie ihr Gespräch in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten, schon deshalb, weil Tankred sah, daß die Gelegenheit, über seine Sache zu reden, durchaus keine günstige war, meldete die Magd den Doktor, der sogleich ins Zimmer trat und berichtete, daß er bereits bei dem nachts vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei.
Tankred stellte sich völlig unwissend und bat den Arzt, Näheres mitzuteilen.
Es könne eine sehr langwierige Sache werden, äußerte der Doktor Ernst, ein etwas kurz und bündig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit vielfach angegriffener, aber ungewöhnlich zuverlässiger Mann. Es seien leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt.
Die Pastorin hörte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid für Theonie.
Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklärte sie.
Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich bei diesen Worten aber noch einmal zurück und sagte: „Es wäre allerdings sehr wünschenswert, daß Frau Cromwell zuverlässige Mitteilung in schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorläufig nur sagen lassen, daß er heute verhindert sei, sie zu besuchen.“
„So, so!“ stieß die Pastorin lebhaft heraus. „Ja, dann muß ich doch wohl sehen, ob ich nicht — Aber halt! Würden Sie es nicht vielleicht übernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?“
Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als einziger Verwandter grade die richtige Persönlichkeit. Der Doktor stimmte auch zu und sah, bereits in der Thür gehend, Tankred ermunternd an.
„Ja natürlich — gewiß — ich werde alles besorgen!“ gab Tankred, dem plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoß, bereitwillig zurück. „Und was meinen Sie, Herr Doktor, wäre es wünschenswert, daß meine Kousine etwa zur Pflege hinüberkäme?“
„Nein — ich denke — wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine würde, abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, daß etwas Erkältung und Fieber vorhanden sei. Sie werde täglich Nachricht erhalten.“ —
Wenige Minuten später hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred war schon wieder auf dem zum Wirtshaus.
Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt schaffen wollte! dachte er, während er dahinschritt. Dann, dann konnte alles noch gut werden! In ihrem Schmerz würde Theonie wieder weicher, nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt. Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil nützen!
Im Krug angekommen, ließ er sich Papier und Tinte geben und schrieb:
‚Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufällig bei Höppners war und dort den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, daß Dein Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen zu können, daß Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann Dich Dein Bräutigam in den nächsten Tagen nicht. Ich wähle diese Form der Mitteilung, da ich persönlich ja nicht vor Dir erscheinen darf. Ist es denn wirklich wahr, daß jedes Band zwischen uns zerrissen ist? Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche Natur stets nachher tief bereuenden
T. v. Brecken?‘
So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an sich, bestieg sein Pferd und ließ es, als er nach einem Stündchen das Verwalterhaus von Falsterhof berührte, von dort aus Theonie hintragen.
Nach einigen Umwegen über den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag wieder nach Hause zurück und berichtete seiner ihm abermals mit einem eigentümlich stillen und verschlossenen Wesen gegenübertretenden Frau, weshalb er unverrichteter Sache zurückkehre.
„Die Zeit muß es klären, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine Hoffnung weniger!“ stieß sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und bückte sich über ihre Handarbeit.
„Was sagst Du? Du bist so sonderbar!“ forschte Tankred mit einem Anflug von Ungeduld. Ihn ärgerte ihr Wesen. „War Mama unten?“
„Nein!“
„Sprachst Du niemanden?“
„Ich verstehe Dich nicht —“
Tankred fühlte, daß seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie.
„Hederich war hier! Er sagte es mir doch —“ setzte er, seine Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an.
Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an.
„Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du das.“
„Oft thue ich das? Was soll das heißen? Was hast Du überhaupt? Du bist so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflußt? Sprich!“
„Ach Tankred —“ ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe, schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer plötzlichen, unerklärlichen Unruhe vermischter Gefühlsdrang mahnte den Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zärtlich und versöhnend auf sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu zügeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuß und wiederholte ungeduldig, drohend und gebieterisch:
„Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben intriguiert? — Nun? Wirst Du antworten?“
Aber unwillkürlich trat Tankred zurück. Statt sich zu fügen, richtete Grete plötzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine Gestalt musternd, rief sie:
„Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse nur von niemandem außer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal. — A — h —“ stieß die Frau langgezogen heraus und fiel in einen Sessel „Wie grenzenlos traurig starrt mich das Leben an!“
Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte, so tief erschüttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, daß ihn gegenwärtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern grenzenlose Überraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar war, daß sich inzwischen etwas Außerordentliches zugetragen, Angst, Feigheit und der brennende Drang nach Aufklärung. Und da griff er zur Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und ergab sich einer lamentierenden Weichmütigkeit. Er begann, von sich zu sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrückt er sei, da doch die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm vorübergingen, wie entschuldbar es sei, daß er erregt und reizbar wäre, und daß, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht übe, das Leben nicht mehr lebenswert für ihn sei. Und reden könne sie doch wenigstens, das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt.
Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei Zerwürfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie saß da wie eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin.
Dann stieß sie in ihrer eigentümlichen, eine ganze Gedankenreihe zusammenfassenden Weise heraus:
„Ja, ja! Jeder sucht sich den Rücken zu decken. Aber nur die That überzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!“
Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck für sich sprechend, fügte sie hinzu:
„Was handelte ich ein für das, was ich hingab? Was ist mir dafür geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint mehr, als daß es lacht — es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ändern. Und wer verschuldet das alles?“
„Nun? Wer, wenn's wahr wäre? Bin ich's?“
Tankred sprach's mit wilder Gebärde und sah seine Frau drohend an. Er war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geöffneten Munde erschienen seine Zähne wie die eines Raubtieres. Aber er flößte ihr keine Furcht ein.
„Gleichviel — es ist so — und ich muß es tragen,“ — stieß sie mit finsterm Trotz heraus und stützte den Kopf mit dem schönen, kalten Antlitz auf die Hand.
Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos.
„Ja, ja, Du mußt es tragen!“ betonte er roh und höhnisch. „Und das Bündnis mit mir bereust Du jetzt natürlich, seitdem die Aussichten auf Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kälte. Jetzt bin ich Dir nichts mehr! — Natürlich, natürlich, Du kalte, berechnende Natur!“
„O Du —!“ stieß die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den Mann mit einem Ausdruck maßloser, mit Ekel und Weh vermischter Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was sie noch in ihrem Herzen für ihn fühlte. Und er wußte auch jetzt durch ihren Blick, daß er sie verloren, daß sie ihn erkannt hatte als das, was er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die Personen, die Mißtrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu solcher Flamme, sollten büßen. Zunächst jedoch noch einem anderen Gedanken folgend, sagte er und drängte seinen Blick in ihre Augen:
„Übrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als völlig nebensächlich zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du mich denn je geliebt?“
„Wozu — das —?“
„Gleichviel — sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle ja nicht!“
„Ich glaubte Dich zu lieben, ja! —“
„Und nun liebst Du mich nicht mehr?“
„Nein!“
Sie sprach's mit grausamer Kälte.
„Nein?“
Es drang tobend und stöhnend, fast wie ein Gebrüll aus des Mannes Brust. Was sein Gefühl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nüchtern bestätigt. Aber was war denn geschehen, daß im Lauf weniger Tage sich dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn, Enttäuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefühl grenzenloser Unbefriedigung wirbelten in Tankreds Innerem zusammen.
„Nein?“ wiederholte er. „Und da es nicht die Enttäuschung ist, die Dir Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun, was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?“
„Besser, Du hättest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Wärme, aber ich mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres enthüllt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in dieser Stunde geschehen, lötet doch kein Künstler wieder zusammen, und hätte er eines Gottes Hand. Hier!“ fuhr sie fort, knöpfte ihr Mieder auf und zog Papiere hervor. „Lies diese mir heute morgen von Theonie zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage. Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun höre und wisse: Als ich mich entschloß, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler, aber in ihnen zugleich Zeichen kräftiger Männlichkeit, die ich um so höher schätzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermißt hatte! Sie respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefühl, das ich selbst für Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt, sondern Ekel vor Dir. Gewiß, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie schlecht. Ich hasse die Lüge, die Unehrlichkeit, die Maske, die Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch diesen einen Blick in Deinen Charakter plötzlich die Binde von meinen Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt habe? Hattest Du denn je für mich ein ehrliches Gefühl? Nein, Du hattest nur Gefühl und Sinn für mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung über mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O — welche Meinung! Ich bin so beschämt, so bedrückt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern, daß der Tod mir eine Erlösung wäre. Nach reiner Luft schreie ich; wie verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphäre! Droben meine Mutter in Thränen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu — selbst Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir fördernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, daß ich so weit sank, daß mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand gesagt hätte, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer hätte die Nachricht auf mich wirken können, als der Beweis, daß Du ein Fälscher bist.“ — —
Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zähne zusammenbissen, ging unruhig hin und her.
Dann aber raffte er sich auf, warf höhnisch den Kopf zurück und griff nach Theonies Schreiben. Es lautete:
‚Sehr geehrte Frau von Brecken!
Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, daß eine Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat. Ich habe sie nicht herbeigeführt, sondern er, und wenn er sich meiner höflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich die Erbangelegenheit zu ordnen, gefügt hätte, wenn er nicht abermals Schuld auf Schuld gehäuft und an den Tag gelegt hätte, daß seine Wandlung nur eine rein äußerliche geblieben, würde ich sicher das Eventualversprechen später in ein definitives verwandelt haben. Er aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses verbieten mußte, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und Verwandter, dem etwas zu gewähren ist, sondern wie einer, der etwas zu fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will.
Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklärte, daß er durch sein empörendes Verhalten ein für allemal jeden Anspruch verwirkt habe, spielte er eine widerwärtige Komödie und schob, statt seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein heißes Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhärtete völlig meinen Entschluß, das Tuch zwischen uns zu zerreißen.
Ich füge Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein inständiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren. Aber ich will überdies, daß Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich nicht weiß, was er Ihnen erzählt hat, bedarf es zur richtigen Schätzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen.
Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschluß unabänderlich, so unabänderlich ist, daß ich bereits eine anderweitige unumstoßbare Verfügung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklärung zur Verfügung.
Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen werden, ich bitte, nicht allzu strenge über mich. Ich vermochte nicht anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter trägt die Schuld an diesem Ergebnis.
Die Ihrige
Theonie Cromwell geb. von Brecken.‘ —
Zunächst begab sich Grete nach dem völligen Bruch mit ihrem Manne auf ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich überhaupt auf der Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die Erde, alle Geschöpfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen auch müßig war, deren Unlösbarkeit aber die Qual und den Lebensüberdruß, der Grete erfaßt hatte, erhöhten. Und doch gingen allmählich ihre Gedanken wieder zurück auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gänzlichen Öde ihres Innern trat — wie umgekehrt dem Glücksrausch die Ernüchterung zu folgen pflegt — ein Gefühl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemächtigte sich ihrer.
War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so völlig zu verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein! Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, daß ihr Herz spröder als dasjenige anderer war, daß ihr Ich sich vordrängte, sondern die Harmonie ihres Innern zurück zu gewinnen, glücklich zu sein, darauf kam es an! Und um glücklich zu sein, mußte man andere glücklich machen, das hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwürfnis mit ihrer Mutter, deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war verderblicher, als vor dem Unglück den Nacken zu beugen.