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Taten des großen Alexander

ZWEITES KAPITEL

Ludwig Rubiner translation

DIE AMAZONEN. König Alexander ging wieder in die Wüste und gedachte nach Babylon zu ziehen. Bald kamen sie zu einem großen Fluß, wo die kriegerischen Amazonenjungfrauen lebten. Der König, der schon längst von ihrer Tapferkeit gehört hatte, schickte Ptolemaios, sie um eine kriegerische Abteilung zu bitten und ihre Sitten zu erfahren. Nach einiger Zeit kam mit dem zurückgekehrten Ptolemaios ein Hundert hoher mannsähnlicher Frauen mit ausgebrannten rechten Brüsten, kurzen Haaren, in Männerschuhwerk und bewaffnet mit Lanzen, Pfeilen und Köchern. Sie sprachen mit rauhen, heiseren Stimmen und rochen nach Ziegenschweiß. Sie erzählten folgendes: »Wir leben, König, jenseits des Flusses. Nur Jungfrauen, regiert von der ältesten Jungfrau; wir weiden unsere Herde, bebauen die Wogen und führen Krieg allein ohne Männer; niemandem sind wir untertänig; jedes Jahr gehen wir über den Fluß zum Feste des Zeus, Hephaistos und Poseidon; die von uns Mutter werden will, bleibt hier mit dem erwählten Manne, bis sie gebiert; dann kehrt sie nach Hause zurück; in ihrer Freiheit steht es, des Mannes zu vergessen, oder nach einem Jahre wieder zu ihm zurückzukehren. Den geborenen Knaben behält der Vater, das Mädchen aber, nach Ablauf von sieben Jahren, wird auf die Weiberseite des Flusses geschickt. In die Schlacht ziehen zwei Drittel aller Jungfrauen, die übrigen bewachen das Land. Wenn bei uns ein Gefangener flüchtet, so fällt die Schmach auf alle Amazonen. Die Königin küßt dich, und schickt uns, dir im Kriege zu helfen!«

Der König fragte noch nach vielem, nicht wenig sich ihrer Antworten verwundernd, und, die Geschenke in das Land zurücksendend, zog er weiter.

DIE GORGONE. DAS LAGER VON LUSSA. Alexander schickte nun Kundschafter vor, zu erfahren, ob nicht ein eisernes Land voraus wäre, gedenkend der Prophezeiung des Antiphon. An den süßen Flüssen vorüber und den steinernen Strömen, wo an Stelle des Wassers mit Getöse Steine sich wälzten, vorbei an den Sandbächen, die drei Tage lang gegen Süden fließen und drei Tage gegen Norden, kamen sie zu einer Insel, von wo die Sonne aufgeht. Ein äthiopischer Priester in weißem Kleide kam heraus mit einem schwarzen Stabe, höher als er selbst, und seine dunkle Hand gegen den König ausstreckend, rief er: »König, du mußt umkehren! Bis hierher kam noch niemand, — du bist der Erste und du bist der Letzte. Eile nach Babylon, die Zeit ist nah; dein Weg geht durch das Lager von Lussa und das neue Reich der Finsternis.« Die Türen schlossen sich, und der König, nachdem er sich vor dem Sonnentempel aus unerträglich glänzenden Steinen verneigt hatte, hieß seine Krieger umkehren. Bald kamen sie in das Land der Finsternis; die Bewohner verbargen sich in Erdhütten, von Tannenzweigen bedeckt, fürchtend, die in der Wüste wandernde und alles verderbende Jungfrau Gorgo. Sie hatte einen Pferdeschweif und Schlangen anstatt der Haare; alle verlockte sie zur Geilheit: Reptile, Tiere und Menschen, und alle tötete sie mit ihrem bloßen Blick. Um Mitternacht wurde Alexander von einem laut hallenden, aber mit Wonne und Leidenschaft erfüllten Schrei geweckt. Aus dem Zelte ins dunkle Feld tretend, vernahm der König einen zweiten und dritten wundersamen Ruf. Als ob alle vergangenen und kommenden Geliebten in diese eine Stimme die Versprechen nie gekannter Liebkosungen und süßer Drohungen verschmolzen hätten; wie das Brüllen einer Tigerin, welche das ferne Männchen sucht, schallte der Ruf durch den dunklen Raum: »Alexander, Alexander, dich allein begehr ich, komm, stille mich! Furchtloser König! . . .« Alexander sandte einen Magier mit einer Decke der rasenden Jungfrau entgegen. Als er sie nicht mehr weit wußte, sagte er, sich ihr rücklings nähernd: »Ich bin Alexander! Verhülle dein Angesicht mit der Decke, damit ich nicht verderbe!« Und als wortlos, schwer atmend die Jungfrau ihn bei den Schultern packte, schlug er ihr, sich rasch umwendend, den Kopf ab und barg ihn in einem bereit gehaltenen Gefäß. Darauf, ohne sich zum daliegenden Riesenkörper zu wenden, lief er in das Lager mit der Beute. Mit diesem Kopfe, der ein Entsetzen brachte, welches in Stein verwandelt, bezwang der König viele Völker der Wüste und die unreinen Könige Gog und Magog, die sich von Würmern und Fliegen nährten, vertrieb sie in geborstene Felsen und versiegelte sie bis ans Ende der Welt mit dem Siegel Salomonis. Und weiter zogen sie, den Weg nicht kennend, und vergehend vor Müdigkeit und Hunger; die Kundschafter voraus, ob da keine eiserne Erde wäre. Einst verspürte der König eine tötliche Kälte und den letzten Hauch; die Soldaten legten ihre Schilde auf den Sumpf, über den sie gingen, damit er sich hinlegen könne, und von oben fiel ein dichter Schnee. Zu sich gekommen fragte der König mit Unruhe: »Ist nicht beinerner Himmel über uns?«, aber gegen Morgen erlaubten ihm die zurückgekehrten Kräfte den unbekannten Weg weiter zu verfolgen. Durch Sümpfe, dunkle Wälder, hohe in den dunklen Himmel ragende Berge, durch Finsternis und Nebel — gingen sie, auf dem Marsche die demütigen Völker unterwerfend. Der König wahrte Schweigen während der ganzen Tage, die Nächte verbringend im Beobachten kaum sichtbarer Sterne; und jeden Morgen begegnete er immer düsterer den treuen Freunden und den murrenden Soldaten. So kamen sie am Lager von Lussa vorbei, auf das sie noch in der Sonnenstadt gewiesen worden. Solange die durch das Nahen des Wegendes erfreuten Krieger sich an den Wachtfeuern wärmten, und alter Scherze gedachten, begab sich Alexander allein in den Tempel, auf die begegnenden Wunderdinge nicht achtend. Alles war leer und lautlos. Eine Reihe Gemächer durchschreitend, deren eines immer wunderbarer als das andere, trat der König in das Allerheiligste, wo Lampen mit Rubinen anstatt der Flammen hingen, und inmitten ein vergoldeter Käfig mit einer Taube darin. In der Mitte ragte eine Bahre, auf der ganz in Verbänden ein Mann ruhte, der an Wuchs alle Sterblichen übertraf sein Gesicht war zugedeckt. Schweigen herrschte im Gemach; der König stand lange wortlos, verwirrt durch unklare Angst. Endlich wollte er eine der Rubinlampen nehmen, um den Schlafenden anzusehen, aber von der Kuppel sang die Taube mit Menschenstimme: »Laß, König Alexander, ruhen die Ruhenden und eile nach Babylon. Die Zeit ist nah!« Den Tempel verlassend trat Alexander zu einem Feldfeuer, an dem die Soldaten mit alten Scherzen sich erlustigten, lachend und einander auf die Schulter schlagend. Gegen den dunklen Himmel flogen die Funken und der Rauch, und die Schilde, auf einen Haufen gelegt, glänzten schimmernd.

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