DRITTES KAPITEL
Ludwig Rubiner translation
DIE BRACHMANEN. Die Weisen, Brachmanen genannt, sandten Alexander ein Schreiben, in dem sie baten, sie geruhig und im Gebet ihre Tage führen zu lassen. Der König war begierig, sie selbst zu sehen, obwohl nicht diese berechtigte Neugier allein ihn zum Besuch zu bewegen schien. An einen gleichwie Milch trüben Fluß gelangt erblickten die Wanderer bärtige und bartlose Menschen, ganz nackt, unter den Zweigen eines wilden Pflaumenbaums liegend und Schweigen wahrend; manche lagen da mit untergeschlagenen hageren Beinen und schiefblickenden Augen, die erhobenen Arme im Ellbogen gekrümmt. Alexander im kurzen roten Mantel trat zu den Weisen, begrüßte sie und begann Fragen zu stellen. Den König umdrängend mit halbgeschlossenen Augen, gaben die nackten Weisen mit stillen Stimmen Antworten.
Frage: Habet ihr ein Reich und darin eine Stadt?
Antwort: Die Welt ist unser Reich und unsere Stadt: Die Erde gebiert uns, ernährt uns, und empfängt unsere Asche.
Frage: Von welchem Gesetz werdet ihr geleitet?
Antwort: Höhere Vorsehung bewahrt uns, und bestimmt unsere Taten und Gedanken.
Frage: Was ist das Königtum?
Antwort: Kraft, Verwegenheit, Last.
Frage: Wer ist der Stärkste von Allen?
Antwort: Der menschliche Gedanke.
Frage: Wer ist dem Tode entronnen?
Antwort: Der lebendige Geist.
Frage: Gebiert die Nacht den Tag, oder ist der Tag der Vater der Nacht?
Antwort: Die Nacht ist unsere Urmutter, wir wachsen im Dunkel und streben zum nievergehenden Licht.
Frage: Habet ihr einen Abt?
Antwort: Unser Ältester ist Dandamis.
Frage: Möchte ihn küssen!
Der König wurde durch einen schattigen Hain zu dem Greise geleitet, der so mager war, daß ein leichter Windhauch zu genügen schien, seine gedunkelte Körperlichkeit zu verwehen. Seine Lider waren gesenkt und auf großen Blättern vor ihm lag eine Melone und einige Feigen. Er erhob sich nicht beim Nahen Alexanders, öffnete nicht einmal die Lider, die nur leise aufzuckten. Sein Bart zitterte und seine Stimme war so schwach, daß der König sich bücken mußte, um sein prophetisches Lallen zu vernehmen. Mit einem Lächeln nahm der Greis in die dürre Hand das Gläschen Öl entgegen, das ihm der König darbrachte, aber er weigerte sich, Gold, Brot und Wein zu empfangen. Ein kaum hörbares Flüstern säuselte wie ein wankendes Rohr: »Wozu führst du immer Krieg: Wenn du auch alles besitzen wirst — kannst du es denn mit dir nehmen?« Alexander rief schmerzlich: »Wozu bewegt der Wind das Meer? Wozu verstäubt der Orkan den Sand? Wozu jagen die Wolken und biegt sich der Rebenzweig? Wozu bist du als Dandamis geboren und ich als Alexander? Wozu? — Erbitte, du Weiser, was du willst, alles gebe ich dir, ich der Beherrscher der Welt!« Dandamis zog ihn an der Hand und flüsterte freundlich: »Gib mir Unsterblichkeit«. Erbleicht riß Alexander seine Hand aus den Händen des Greises und ging schnell ohne sich umzuwenden aus dem Schatten des Hains zum Flusse, wo auf milchiger Nässe fette kropfige Enten knarrten und Mücken in Reigen schwirrten.