ZWEITES KAPITEL
Ludwig Rubiner translation
DAS MURREN DER SOLDATEN. In Indien nahm Alexander die Gesandten des Poros an, des Königs von Indien, der davon abriet, gegen den Gott Dionysos zu kämpfen, welcher ihm, Poros, beistehen sollte. Der König antwortete: »Mit einem Gott kämpfe ich nicht, aber ich fürchte auch nicht aufgeblasene Barbarenworte.« Die Feldherrn Alexanders jedoch, gewahrend, daß der Weg noch ferne hin sich zöge, die Berge immer unzugänglicher würden, die angetroffenen Tiere immer wunderlicher, bewegten die Soldaten, daß sie sich weigerten, dem Könige zu folgen. Alexander las im Zelte den Homer, als er zu den Soldaten gerufen wurde. Das Lager befand sich in einem schmalen Tale, sodaß der frühen Stunde ungeachtet, das lilafarbne Licht nur auf den Gipfeln der Berge lag. Die Menge schrie: »Wir sind nicht unsterblich, wir sind nicht Kinder Ammons! Wir brauchen Nahrung! Wohin hast du uns gebracht! Wir fürchten uns! Weiter gehen wir nicht: Geh allein!« Der König schwieg lange, die Augen gehoben zu den schweren Wolken, die rosig wurden. Dann erscholl hell und weit seine Stimme: »Bleibt hier, oder kehrt nach Hause zurück, das sei eure Sache. Ich werde auch ohne euch weiter ziehen, und wenn ichs allein tun muß. Wie die Sonne nicht ihre Bahn ablenken kann, weder nach rechts noch nach links, so kann auch ich nichts mehr an dem mir vorbestimmten Ruhm ändern!« Hephaistion und die zunächst stehenden Jünglinge stürzten hin, und küßten das kurze Kleid des Königs mit den Rufen: »Wir sterben mit dir!« »Mein Ruhm ist euer Ruhm!« antwortete der König und ging ins Zelt. Gegen Morgen rückten die beruhigten Heere weiter, den Horden des Poros entgegen.
DIE SCHLACHT MIT POROS. Auf den Gipfel des Berges gestiegen erblickten die Griechen plötzlich eine endlose grüne Ebene, weiße Tempel mit blauen Bassins, Felder unbekannten Korns, dünne aber zahlreiche Waldungen, mit roter Erde bestreute Wege und in der Ferne das ruhige blendend blaue Meer. Der Wohlgeruch der Feld- und Sumpfgräser drang sogar bis zu den Bergen, Vögel mit bunten Schöpfen flogen von Palme zu Palme, Schmetterlinge schwirrten schwer auf lila und rosa Blumen. Bienen summten in der stehenden Hitze. Über das ganze nahe Feld waren weiße Zelte verstreut, und hohe schwarze Menschen in weißen Kleidern mit Lanzen in den Händen, wachten vor Scheiterhaufen. Zur Seite, wie eine Herde, lagen Panther und Tiger spielend zwischen den Beinen unbeweglicher Elephanten. Da der König Kriegstiere mehr fürchtete, als das Heer selbst des Poros, hieß er kupferne Gestalten von Menschen machen, sie bis zur Rotglut erhitzen und vor die Krieger stellen, sodaß die von den goldenen Ketten freigelassenen Tiger zurücksprangen, mit Geheul im Grase vor Schmerzen sich wälzten, dann sich wieder auf andere Abbilder stürzten, oder mit Gewinsel der Geißel des Aufsehers Gehorsam verweigerten. Zur Nacht gingen die Gegner auseinander, um mit der Dämmerung wieder den Kampf zu beginnen. So dauerte dies acht Tage; am neunten schlug Alexander Poros vor, den Streit durch Zweikampf zu entscheiden, obwohl Alexandern von solchem Schritte abgeraten wurde, indem man ihm vorhielt, König Poros sei ein ruhmreicher Zweikämpfer, und beinahe zwei Ellen größer von Gestalt. Am zehnten Morgen begannen die königlichen Gegner vor den Heeren ihren Zweikampf. Poros war groß von Gestalt und biegsam, mit einem roten kleinen Schurz auf seinem braunen Körper; der Kopf mit roter Seide umbunden, glänzte wie ein roter Rubin, sein Gesicht war regelmäßig und jugendlich schön, und der Blick der großen niedrig stehenden Augen versetzte schüchterne Menschen in ein abergläubisches Beben. Die Feldherrn und die Soldaten verfolgten schweigend den Gang des Kampfs, während die indischen und griechischen Priester Opfer brachten, jedes nach den Gebräuchen ihres Glaubens. Alexander warf rasch den Indier um, preßte mit den weißen Händen seinen schwarzen Hals zusammen und ließ ihn lange nicht aus. Endlich erscholl die ruhige Stimme des griechischen Königs über das weite Feld: »Ihr indischen Leute, schickt eurem König Ärzte. Unser Streit ist zu Ende, nicht mit euch kämpfe ich, ich hatte nur einen Feind — König Poros.« Der Indier lag rücklings da, ruhig die Arme gebreitet und mit geschlossenen Augen, ohne zu atmen. Von den fernen Bergen flog ein Geier herunter, setzte sich dem Toten auf die Stirn und dreimal auf seinen schimmernden Rubin hackend, erhob er sich wieder langsam in die nebligen Berge.