ERSTES KAPITEL
Ludwig Rubiner translation
DIE THRONBESTEIGUNG. Alexander hatte achtzehn Jahre vollendet, als er den väterlichen Thron bestieg. Nachdem der neue König eine gehörige Zeit in Trauer und eine andere in den prunkvollen Feierlichkeiten der Krönung verbracht hatte, versammelte er alle Heere und sprach ihnen in einer Rede voll Feuer zu, die persische Macht abzuwerfen. Er versammelte die Jünglinge aus allen Städten und verteilte unter ihnen Waffen aus den offenen Rüstkammern, ohne der Altgedienten zu vergessen, der erfahrenen Ratgeber in den Schlachten.
DIE GRIECHISCHEN FELDZÜGE. Sein Heer zählend, begab sich Alexander, bevor er gegen die Barbaren rückte, in die griechischen Städte, die damals von ihm abgefallen waren, um den Feind nicht im Rücken zu behalten, dabei hinterließ er als Herrscher an seiner Statt Antipater. Eine besondere Hartnäckigkeit im Nichtanerkennen des neuen Herrschers zeigte Theben, das Alexander bis auf den Grund zerstörte, allein das Haus des ruhmvollen Pindar, des Odendichters, verschonend. Und der König hieß seine Flötenspieler und Cymbalschläger laute Siegeslieder spielen, als die Mauern zerstört wurden, welche doch unter Amphions Musik gebaut waren. Nachdem der Feldherr seine Macht in Griechenland befestigt hatte, begab er sich über Makedonien zum Hellespont, um sich nach Asien einzuschiffen. Die Städte unterwegs begegneten ihm mit offenen Toren, den siegreichen König mit Kränzen krönend. Alexanders Überfahrt wahrnehmend, eilten die persischen Kundschafter am Meere, dem König Dareios zu melden, daß der »Besessene« den Hellespont überschritten habe; Dareios, der zu dieser Zeit schachspielend beschäftigt war, vermischte mit der Hand alle Figuren, hieß die Wächter züchtigen und begann die Heere zu sammeln. Die Kriegsmächte trafen am Flusse Granikos zusammen, an einem frischen Morgen, ehe die Sonne noch aufgegangen war. Die griechischen Reiter wagten nicht, in den schmalen aber reißenden Fluß zu setzen und wechselten nur Pfeile und weit hinausschallende Schmähworte. Da stürmte Alexander selbst auf seinem Bukephalos in das reißende Wasser, die Mannen hinter sich mitziehend. Nachdem Alexander die Perser besiegt, durchzog er Jonien, Karien, Lydien, Phrygien, Pamphylien, nahm die königlichen Schätze in Sardes und begab sich über Anaptos nach Sizilien, von wo aus er Italien erreichte. Die Edlen dieses Landes sandten dem Helden Markos, den Feldherrn entgegen mit einer Perlenkrone und Geschenken. Darnach der König von ihnen Krieger zur Hilfe genommen hatte, setzte er sich wieder auf seine Schiffe und segelte weiter in die offene See.
DIE BEKRÄFTIGUNG DER GÖTTLICHEN ABKUNFT. Alexander hatte keine Ruhe, beim Gedanken an seine Herkunft, aber er vertraute seine Sorge niemand an, selbst nicht seinem Freunde Hephaistion. Einmal, als der König die Nacht nicht geschlafen hatte, verfiel er in einen leichten Schlummer gegen Morgen. Und da sieht er, gleichsam mit leiblichen Augen, wie der Gott Ammon die Königin Olympias umarmt, sie süß auf den Mund küssend, und sagt zu ihm, Alexandern: »Fürchte dich nicht, mein Sohn, denn siehe, ich bin dein Vater!« Als der König erwacht auf Deck trat, so leuchtete wie eine Sonne sein erheitertes Gesicht. Der Freund fragte: »Was hast du, König, heute?« Wichtigen Ernstes umarmte ihn Alexander und liebkosend sprach er: »Dich küßt der Sohn Ammons!« und in der Ferne schimmerten gelb die sandigen Flächen immer näher und näher, und die Möven kreisten über dem Schiffe des Königs. So kamen sie nach Ägypten.