Punto tagliato.
Reading edition
Mit diesen zwei erwähnten Arbeitsgattungen, dem punto tirato und dem punto ricamato hört für lange Zeit das phantastische Tierornament auf. Die unentwickelte Anfangstechnik des punto tagliato erlaubte dergleichen nicht, sie war, obwohl in der Ausführung edler und mühevoller, doch in der Wahl der Muster beschränkter, und mußte sich mit der Ausführung von geometrischen Figuren begnügen. Es wurden Quadrate, Rhomben und dergleichen aus der Leinwand ausgeschnitten, teilweise ließ man auch in denselben Webefäden stehen und benutzte sie als Basis für das Ornament; doch alle Fäden, sei es nun neu gespannte oder die der Grundleinwand wurden mit Nadelarbeit überzogen, und zwar kamen nur dreierlei Stiche in Anwendung. Zuerst wurde der Rand der ausgeschnittenen Stelle mit Knopflochstich befestigt, dann wurden die Stäbchen, welche vier bis sechs Fäden gebildet hatten, mit einer Art Webestichen überflochten; dünnere Stäbchen aus bloß ein oder zwei Grundfäden wurden einfach überwickelt und endlich noch konnten diese vertikal, horizontal und diagonal laufenden Stäbchen als Speichen zu einer Art Räderwerk dienen, und dieses war wieder aus Knopflochstich gebildet. Auch picots kamen schon zur Anwendung. Die Stellen der Leinwand, welche ausgespart geblieben waren, wurden nun mit einer flachen, oft grünen, braunen, gelben oder roten Stickerei ausgefüllt, und zwar lief der Stich derselben immer parallel zum Webefaden.
So primitiv diese Art Arbeiten anfangs sind, – sie ließen dem Ornament viel weniger freie Entwicklung, wie die zwei früher besprochenen Arbeiten, – so bilden sie doch die letzte Vorstufe zu den eigentlichen Näh-Spitzen. Mit der Zeit wurde immer mehr Leinwand weggeschnitten und selbständige Fäden gezogen, um das Gerüst für die stets komplizierter werdenden Ornamente zu bilden; endlich begnügte man sich nicht mehr mit den Stäbchen und Festons, man füllte freie Stellen mit dicht aneinander gedrängten Knopflochstichen aus, entwarf die Zeichnung gleich auf Pergament, und so entstand der punto in aria, die ersten selbständigen Venetianerspitzen. So lange diese Spitzen aus geometrischen Figuren gebildet sind, nennt man sie Reticella, oder auch Greek lace, dentelles greques und zwar wurde ihnen dieser Name deshalb beigelegt, weil zur Zeit des griechischen Befreiungskrieges die englische Besatzung der ionischen Inseln diese Art Hausindustrie sehr häufig bei der Bevölkerung derselben fand, und man in dem damaligen allgemeinen Griechenenthusiasmus darin Spuren klassischer Kultur zu finden glaubte und ganz vergaß, daß diese Inseln, wie Dalmatien, noch kurz vorher unter der Oberhoheit der venezianischen Republik gestanden hatten und daß diese Spitzen alte italienische Kulturtradition waren, und im Gegensatze zu den Erzeugnissen des Mutterlandes in ihrer Entwicklung über ein Jahrhundert lang stehen geblieben waren, während in der Lagunenstadt die Venetianerspitzen immer herrlicher aus ihren primitiven Anfängen herausreiften und ihren Siegeslauf über die Welt antraten.
Die Venetianer Nadelspitzen entwickelten sich aber in verschiedenen Gattungen: es sind Reticella, gros point de Venise oder Venetianer Reliefspitzen, in Rosaline, in flache Venetianerspitzen, Coraline und in point de Venise à réseau und in Burano. Alle diese Spitzen haben keinen réseau mit Ausnahme der Burano und point de Venise à réseau. Gleich nachdem die freien Nadelspitzen, die Reticella, aufkamen, wurden sie für die Mode der Krause benutzt; mit schmalen punto in aere besetzte man die Ränder derselben, dann kam die Mode der sogenannten Stuartkragen, für welche etwas breitere Spitzen verwendet wurden. Alle Porträts aus der Zeit zeigen uns Männer und Frauen mit Rüschen, Krausen und Stehkragen, es war eine Zeit, wo man besonders im Nordwesten von Europa sehr viel Schwarz trug und die weißen Spitzen waren das einzig helle und kostbare an der Kleidung; es war die Zeit der Religionskriege, der Einkehr in sich selbst und vielfach des Ernstes und der Heuchelei. Dann kamen die Umlegkragen auf; man sagt Ludwig XIV. hätte als Jüngling so schöne blonde Locken gehabt, daß er die Mode der unbequemen Halskrausen deshalb abschaffte, und nun begann die Herrschaft der Allonge-Perücken, Umlegkragen und Kravatten und große Farbenfreudigkeit drang von dem Süden über Frankreich nach dem Norden. Es ist die Zeit, in welcher die Venetianerspitzen höchste Mode waren. Es gibt wohl keine bessere Bezeichnung für diese, als das Wort pompös. Große schwere Barockzeichnungen, die es meistens verschmähen, sich auf ein und derselben Garnitur zu wiederholen, sind ihnen eigen; erhabene, oftmals auch ganz plastische Blumen erhöhen ihre Wirkung. Es sind stolze, kostbare Spitzen, etwas steif, etwas parvenuehaft paßten sie vorzüglich auch als Schmuck für jene prachtliebenden, herrschsüchtigen Menschen der Nachrenaissance, jener Zeit der raffiniertesten Kultur neben großer Barbarei, und hohen Kunstsinnes neben der Vorliebe für abgeschmackte, öde Poesie. Andere Spitzen sind auch mühsam und kostspielig, aber sie schreien es nicht so laut in die Welt hinaus. Jeder Stich erzählt von den Mühen und dem Golde, das sie kosteten.
Wenn man sich aber den Hintergrund zu diesen prächtigen Spitzen denkt, schwere Samte und Brokate, in satten, leuchtenden Farben, nicht zart und verschwommen, alles kostbar und gediegen, so kann man nur bewundern, wie gut diese Art Spitzen als Krönung zu dem üppigen Geschmacke paßt, wie großartig ihre entschiedenen Linien und ihr selbstbewußtes Aussehen wirken.
Diese Venetianer Reliefspitzen werden immer in Leinwandfäden1 ausgeführt; ein Cordonet, aus mehreren Fäden oder manchmal sogar aus Roßhaarunterlage gebildet, wird mit dichten Knopflochstich um die vorher vollendeten Mats und jours genäht. Das Eigentümliche an dieser Gattung ist zunächst ihr Relief, ferner die zahlreichen picots, die das Cordonet zieren, endlich daß fast gar keine brides in Anwendung kommen. Die Mats oder pleins sind jene Teile in der Zeichnung, welche am meisten der Leinwand gleichen. Sie werden aus ganz dicht aneinandergereihten Maschen gebildet. Die jours werden aus mannigfachen Zusammenstellungen der Maschen, aber stets lockerer und durchsichtiger gebildet; es gibt deren eine große Auswahl, und um sie zu arbeiten werden die besten und geübtesten Arbeiterinnen verwendet. Die Kelche der Blumen und alle jene Teile des Ornamentes, die sich durch große Leichtigkeit auszeichnen sollen, werden als jours behandelt, außerdem werden oft noch ganz freiliegende Blätter aufgesetzt2, welche die plastische Wirkung sehr steigern und einen hübschen Kontrast zwischen Licht und Schatten erzeugen; unwillkürlich wird man beim Anblicke dieser Meisterwerke an Stuckornamente erinnert. Überdies gibt es wirklich ein interessantes, offenbar vereinzelt dastehendes Beispiel für die Wechselwirkung der Nadelspitzen zu dem Stukko: In der Provinz Ferrara, in der Kirche von Carpi, sind die Predellen aller Altäre mit Stukkoverzierungen geschmückt, die zum Verwechseln treu die venezianischen Reliefspitzen nachahmen.
Gewiß ist dies schon eine dekadente Kunsterscheinung, aber es wäre dennoch interessant zu erfahren, wieso bloß in Ferrera dergleichen gemacht wurde, und zwar mit hübscher Wirkung.
Die gros point de Venise haben sich im Laufe der Jahre fast nicht geändert; vor 250 Jahren waren die Dessins und die technische Ausführung nicht anders, und man bleibt heute noch meistens dem hergebrachten historischen Stile treu, es werden Berthe, Volants, Kragen, Manschetten etc. gemacht.
Da die Herstellung unendlich mühsam ist, große Geschicklichkeit, genaues, reines Arbeiten und Geschmack von den Ausführenden verlangt, ist und war sie stets eine der teuersten Spitzen.
Nicht umsonst war sie zu so großer Berühmtheit gelangt, man versucht sie daher auch in einfacher Ausführung zu imitieren oder wenigstens ihre Wirkung im großen und ganzen zu erreichen; so steht die dem Kontinente wenig bekannte irische Technik der Carrikmaccroß unter dem Einflusse der Reliefspitzen. Hier wird die Zeichnung in Battist ausgeschnitten und mit einem groben Cordonet umsäumt oder manchmal noch auf Tüll applikiert.
Auch die irischen Häkelspitzen streben wohl den Effekten der Venezianerspitzen nach.
Obwohl die Fachwissenschaft im allgemeinen der Ansicht zuneigt, daß der point de rose, – Rosaline – späteren Datums als die Reliefspitzen ist, mag doch das Gegenteil plausibler scheinen. Der Stil der Zeichnung ist weniger barock und edler, zierlicher und recht verschieden von den Reliefspitzen; meistens ist es ein dichtes, ineinander verschlungenes Astwerk, welches nur hie und da von einer kleinen jour-Blume belebt wird, die schwach – en relief – gearbeitet ist; das Ganze ist viel präziser und eleganter, und obwohl bescheidener in der Wirkung, noch kostbarer wie die Reliefspitzen. Die krause Verworrenheit der Zeichnung zeigt weniger Wucht und Majestät aber mehr Lieblichkeit. Die zahllosen meist unregelmäßigen, nur manchmal rautenförmig angeordneten brides richtig und geschmackvoll zu verteilen erfordert von der Arbeiterin mehr als manuelle Geschicklichkeit, sie erheischt persönlichen Geschmack und künstlerischen Takt. Die point de rose verdienen ihren Namen in mehrerlei Beziehung. Die eigentümlichen brides picotées,3 die so charakteristisch für die Rosaline sind, haben die Form von Rosetten. Endlich haben die Rosalines häufig, aber nicht immer, ganz kleine Relief-Röschen, die ziemlich naturgetreu geformt sind. Jedenfalls sind die brides campanées das wesentlichste Kennzeichen der point de rose, welche übrigens wegen deren Ähnlichkeit mit den Schneekristallen auch oftmals point de neige genannt wurde.
Eine Schwäche der Rosalines ist, daß sie stets als Volants gearbeitet werden und zwar in oben und unten ganz geraden, einförmigen Linien abgeschlossen sind; das pied oder engrelure wird nach dem Abschluß als ganz besonders und meistens feiner gearbeitete picots picotées gearbeitet und steht nicht in genügendem stilistischen Zusammenhang mit dem eigentlichen Spitzenstreifen.
Rosaline und Reliefspitzen wurden reichlich an Paramenten verwendet, Chorröcke, Altardecken, Kelchdecken, wurden mit ihnen besetzt. Aber auch in der weltlichen Kleidung für Frauen wie Männer fanden sie, so weit ihre Kostbarkeit nicht in Betracht kam, uneingeschränkte Verwertung.
Die flachen venezianischen Spitzen – point plat de Venise erinnern stark an Klöppelspitzen. Sie sind, wie ihr Name sagt, stets ganz flach, und entbehren sogar das Relief durch das Cordonet. Eine durchgedachte und wohldurchgeführte Zeichnung mit vielen und reichen jours läßt mehr wie mechanisches Können durchblicken, hübsche zahlreiche brides picotées, die zierlichen dreiteiligen Rosetten wie Eisnadeln, erinnern an den point de rose; es sind verhältnismäßig lange Stäbchen, an denen wie zarte Kristalle eine Anzahl anmutiger picots angereiht sind, aber immer in Gruppen. Diese brides und ihre Zeichnung, die in crescendo und diminuendo auf- und abschwillt, unterscheidet sich von der Coraline oder den sogenannten eigentlichen Venetianerspitzen. Diese erinnern, wenn auch an eine andere Gattung, ebenfalls an Klöppelspitzen und zwar an die Bändelspitzen und sie bilden das Pendant in Nadelausführung zu den sogenannten Kirchenspitzen. Die Zeichnung hat wenig Bedeutung, sie ist wirr und verschlungen; in ziemlich gleich breiten Streifen windet und schlängelt sie sich gedankenlos dahin, wenige oder gar keine jours tragen dazu bei, ihr ein ziemlich monotones und nicht so kostbares Gepräge wie bei obengenannten Spitzen zu geben. Ihr Reiz besteht hauptsächlich in ihren brides picotées,4 die eine nicht geschlossene sechseckige Masche bilden und die picots stehen einzeln und gleichmäßig verteilt auf den brides. Diese maschenartigen brides bilden den Übergang zu den eigentlichen Reseauspitzen, sie sind schon in Reihen parallel zu den pieds ausgeführt. Kunstlos halten sie sich mehr an die Natur und an ihren Namen Coraline knüpft sich die Erzählung, daß sie zuerst von einem verliebten Fischermädchen einem von ihrem Geliebten geschenkten Korallenzweige nachgeahmt wurden.
Tatsächlich haben diese Coraline etwas venetianisch Volkstümliches, sie sind und bleiben wie reizende Naturkinder stets mit ihrer Heimat eng verwachsen und wurden niemals außer im Venetianischen gemacht, während ihre kunstvollen Schwestern, überall, wo je Spitzen erzeugt wurden, gleich schön oder schöner nachgeahmt wurden, hauptsächlich in Belgien und in Frankreich.
Als nun in Venedig durch Colberts Schöpfung – (der französischen Spitzen-Industrie) – die Hauptausfuhr nach Frankreich versiegte und dieses überhaupt die Führung in Modefragen übernahm, trat eine zeitweilige Stagnation in der Pointserzeugung ein, doch die Not lehrte die Venetianer und wie ehemals die Franzosen bei ihnen in die Lehre gegangen waren, so trachteten sie jetzt von ihren Konkurrenten zu lernen und die wichtigsten Neuerungen, insbesondere die Verwertung des Reseaus für die Regeneration ihrer Spitzen zu verwenden. Bald nationalisierten sich diese Alençon-Imitationen wieder, es entstand der sogenannte point plat de Venise à réseau. Es waren ganz flach genähte Spitzen, von gar keinem Cordonet umsäumt und hatten einen ähnlichen Maschengrund, wie der Reseau des point d'Alençon, nur war er stets unregelmäßig und die Maschen fielen nicht in eine Linie, näherten sich mehr dem Viereck und waren verschwommen, doch fiel dies nicht so sehr auf, da der Grund nicht stark in Betracht kam; das Dessin war so groß und breit angelegt, daß nur in kleinen Zwischenräumen verhältnismäßig wenig Platz für den fond blieb; sie haben mit Sedanspitzen viel Ähnlichkeit. Es sind ausgesprochene Rokokkozeichnungen aus Lilien, Muscheln, Blüten und Knospen mit ungraziösen Schnörkeln, die den sogenannten Jesuitenstil an sich tragen.
Die ganzen Arbeiten machen einen flachen, fast geklöppelten Eindruck; das Cordonet, wenn man einen bloß etwas stärkeren Faden so nennen kann, ist ganz platt an der Fläche gearbeitet und ist mit unendlich feinen picots gegen den réseau getrennt. Die sehr feinen Maschen laufen horizontal zum Rand und der Faden ist äußerst fein und das Ornament wird schon so schablonenhaft angewendet, daß man bei einzelnen Formen den natürlichen Ursprung kaum mehr entdecken kann. Ein großer Reichtum an jours zeichnet sie aus, die alle zu beschreiben nicht möglich ist; häufig kehrt ein einziges Ornament wieder.
Es ist überhaupt bemerkenswert, daß ein großes Abwechseln an jours meistens mit einer gewissen Korruptheit des Stils Hand in Hand geht, ein Überladen mit Details, welches in allen Kunstgattungen zu verfolgen ist, und die Armut an Gedanken verbergen soll.
Diese flachen Venetianerspitzen mit réseau wurden von der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts bis zum Ende der venetianischen Republik in Venedig hauptsächlich auf den Laguneninseln gemacht. Die politischen Verhältnisse, die immer zunehmende Verarmung und der Verfall in der Lagunenstadt bewirkten, daß die Spitzenindustrie, ein wesentlich von Luxus und Eleganz lebendes Gewerbe, ganz zugrunde ging. Über Europa brausten die Stürme der französischen Revolution überall merkbar nach. Ein demokratischer Geist fegte viele Gebräuche, Mißbräuche und Reichtum weg, doch auch viel guter Geschmack und reizende Gewohnheiten verschwanden damit für immerwährende Zeiten. Auf der Insel Burano fristeten eine Gattung Spitzen kümmerlich ihr Dasein weiter, die armen Fischerfrauen machten unscheinbare Spitzen, die ihre Abkunft von den point d'Alençon nicht verleugnen konnten, aber in Stil und Ausführung degeneriert waren und aus groben, ungleichmäßigen Fäden gemacht waren. Im Jahre 1864 schrieb Madame Bury-Paliser: »Die Venetianer Spitzen existieren nicht mehr.« Und doch, acht Jahre später wurde dieses verlöschende Flämmchen zu neuem Leuchten entfacht. Es wurde auch mühsam und kunstvoll ins Leben gerufen, durch Mitleid und Wohltat. Im Jahre 1872 brach ein ganz außerordentlich strenger Winter über Oberitalien herein. Die Lagunen waren zugefroren und die Fischer konnten wochenlang nicht ihrem Berufe nachgehen. Die Not war eine unbeschreibliche und rief die öffentliche Teilnahme wach.
Eine Sammlung wurde zum Teil für die ersten Bedürfnisse der Armen verwendet, der Rest wurde in weiser Vorsorge für die Gründung einer Hausindustrie gespart. Man sagt, es hätte damals ein uraltes Mütterchen gelebt, die als einzige den Venetianerspitzenstich noch machen konnte, Ceccia Scarporiolo; sie, halb blind und gelähmt, unterwies die Fischermädchen und lehrte ihnen, was sie wußte, ein Damenkomitee, an dessen Spitze die Gräfin Adriano Mercello stand, setzte sich mit ganzer Kraft für dieses Unternehmen ein. Ganz Italien, an seiner Spitze die Königin Margherita, interessierte sich für diese Neuschöpfung in Burano, und bald konnten die ersten, seit langer Zeit wieder in Venedig verfertigten Venetianerspitzen, verkauft werden. Seither ist die Spitzenerzeugung in Venedig wieder eine blühende Einnahmsquelle geworden. Burano blieb unter dem Patronat des Komitees, die Familie Marcello wurde zu einer Art Spitzen-Dynastie und die Buranospitzen sind die besten und schönst gearbeiteten von Venedig, sie gehörten nicht, wie leider die meiste Marktware Venedigs, in die Rubrik Andenken-Verkaufs-Erzeugnisse, die harm- und gedankenlose Hochzeitsreisende, nicht zur Ehre Venedigs, nach Hause bringen.
In Burano werden jetzt wieder alle Gattungen der früheren Venetianerspitzen gepflegt, meistens sind es Spitzen ohne réseau, nur mit einen Grund von brides, häufig in gelblicher Farbe, mit Ausnahme der points de Burano. Diese sind aber noch immer den Alençon-Spitzen ähnlich, die Muster bleiben dem Stil der drei Louis Frankreichs treu; der réseau hat fast viereckige Maschen.
Der réseau der Burano sieht jedoch niemals den anderen fonds ähnlich, es macht immer einen eigentümlichen flockigen, verwaschenen und verzogenen Eindruck, was zum Teile von dem unregelmäßigen Faden herrühren mag. Das Cordonet der Burano ist nur niedergenäht und niemals, wie bei den Alençon mit dem schönen gleichmäßig dichten Knopflochstich überschlungen.
Die Venetianerspitzen gehören historisch Venedig an, aber sie werden überall, wo die edlen Kunstspitzen gemacht werden, mit Erfolg erzeugt, sei es nun in Frankreich, Belgien oder Österreich; Belgien pflegt sehr diese Gattung Spitzen und hat wahrscheinlich einen größeren Umsatz darin, als Italien; man sagt, daß viele, und zwar die beste Ware nach Italien besonders an die Riviera von Belgien geliefert wird, aber auch in Venedig werden belgische Venetianerspitzen verkauft.