Ecce homo! Meiner Tochter Hanni!
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Als Tilman Riemenschneider das Fenster der schwülen Schlafstube öffnete, stieß ihm ein Wind entgegen, wie eine Faust, daß er taumelte. Als er, wieder gefaßt, sich weiter hinaus beugte, lag die Gasse, die Stadt, der Himmel still. Kaum merkbar schlichen die Wolken, der Wetterhahn auf dem Eckardsturme regte sich nicht, die Faust stieß nicht zum zweiten Male nach seiner Kehle. Aber er fühlte ihren Druck. Mühsam würgte er im Verein mit Weib und Kindern die Frühstückssuppe. Von einem zum andern ging sein aufgestörter Blick. Das tausendmal Gesehene hatte schon seine Bildkraft verloren und sich längst ins gestaltlose Alltagsgrau gelöst. Heute tauchte es aus dem Nebel, gewann Linie und Form, drängte sich vor zu schmerzender Überdeutlichkeit. Seines Weibes langweilig gedehntes, lebensstumpfes Gesicht, dessen Mund sich im Schlürfen träge, fast widerwillig öffnete, die ältere Tochter, ihr ähnlich, wenn auch noch täuschende Jugend über den Zügen lag, die jüngere, rund, grundlos lächelnd, dumpf-zufrieden, der Sohn nur dem Genuß der Speise verfallen, sie alle aber ihrem Schicksal ergeben, nicht von dem leisesten Willen beseelt, es zu ändern, unter der Macht einer unsichtbaren Faust. Nun fühlte Tilman Riemenschneider, auch er war wie die andern. Auch er löffelte seine Suppe wie alle Tage, brach das Brot mit derselben Geste. Mühsam löste sich sein Blick, quälte sich höher, kroch die Wand hoch zur niederen Decke, da, da schwebte die Faust über ihnen, bildhaft, wie von ihm selbst gemeißelt, mit Poren, Rinnen und Adergeflecht, und doch hoch über ihm, gewaltig, ihn bedrohend, beherrschend, daß er, demütiger als die andern, das Haupt senkte, sich niederduckte ins Grau des unmutig zähe fließenden Lebens.
Wieder fühlte er den Druck der Faust an seinem Hals, er warf den Löffel auf den Tisch, sprang auf. Frau und Kinder sahen ihm nach, schüttelten den Kopf. Dann aßen sie weiter.
Tilman Riemenschneider betrat seine Werkstatt. Es war noch früh am Tage, ein einziger war schon an der Arbeit, der neue aus dem Schwäbischen zugewanderte Geselle, der erst gestern bei ihm eingestanden war. Er grüßte nur kurz und schnitzte weiter.
Tilman Riemenschneiders Blick prüfte ihn heimlich, umfaßte die eifrig aber ruhig arbeitende Hand. Der Meister nickte. Da hatte er einen guten Fang getan! Der verstand das Handwerk! Der setzte nicht zu scharf an, grub nicht zu tief, hatte das Schnitzmesser in festem Griff, das war kein Geselle mehr, ein Meister war's! Nun bot sich die einen Augenblick überlegend rastende Faust deutlicher, bildhaft mit Poren, Rinnen und Adergeflecht.
Ein jähes Erschrecken durchschoß Tilman Riemenschneiders Leib. Das war doch, ja und tausendmal ja, die Faust, die er heute morgens schon gesehen, die über allem schwebte, drohend, allmächtig, unerbittlich!
Ach, Torheit, eine Hand wie alle andern!
Nein, nicht wie alle andern, der Meister verstand sich darauf, sein bildhaftes Sehen konnte nichts trüben, es war dieselbe Hand in allen nur dem kundigen Blick erkennbaren Einzelheiten.
Der Geselle wandte sich, nicht hastig, aber stark, mit sicherem Ruck, sah dem Meister ins Gesicht und lächelte. Ein wissendes Lächeln war's, als kenne er jeden Gedanken des andern.
Der Meister fühlte heißes Rot in seine Wangen steigen, hub an mit überlauter Stimme die Lehrjungen zu schelten, die sich verspätet hatten, dann trat er an seinen Tisch, riß die Hülle von seinem Arbeitsstück, seine Hand umpreßte das Werkzeug, in der Berührung des vertrauten Dinges Ruhe und Kraft zu finden.
Er fand sie nicht. Die Hand zitterte, fühlte das Schnitzmesser, das ihn sonst ein Glied des Leibes dünkte, als etwas Fremdes. Mit aller Kraft zwang er sich, setzte es an das behauene Stück, aus dem die Züge eines Christuskopfes tauchten. Lange hatte der Bildner den Plan zu diesem Werke in sich getragen, ehe er gewagt hatte, es in Angriff zu nehmen. Er wollte in diesem Ecce homo sein Bestes und Letztes geben, etwas, das noch keinem vor ihm geglückt war. Das Antlitz des Herrn sollte nicht nur den leiblichen Schmerz des Gepeinigten tragen, aus tiefster Seele sollte er aufblühen, wie eine Passionsblume, ganz Seele werden sollten die Züge des Dulders. Aber nicht nur sein Schmerz sollte daraus sprechen, das Leid Aller, der Menschheit, der Welt, das Leid des Schaffenden und von seiner Schöpfung getäuschten Gottes wollte der Künstler aus dem spröden Holze wecken. Die Hand setzte an, zwang sich zu schürfender Kraft, glitt ohnmächtig nieder.
Tilman Riemenschneider starrte auf sein Werk. Nur als Oberfläche bot sich ihm des Heilands Antlitz, als eine erstarrte Maske, die sein Blick nicht durchdrang. Äußerlich alles, kein Zug, der aus dem Innern geformt schien, weltenweit das Erreichte von dem, was dem Meister in seinen vorschaffenden Träumen aus dem brauenden Chaos sich geformt hatte.
Ein feiger Trost tauchte auf: Warte auf eine bessere Stunde, morgen schon vielleicht wird es dir gelingen. Der Trost versank vor der unheimlich harten Erkenntnis: Die Stunde wird nicht kommen. Nie wird es dir gelingen. Du stehst am Ende deiner Kraft und Kunst.
Tilman Riemenschneider hörte die Mittagsglocke nicht, nicht den Lärm der Gesellen und Lehrjungen, die ihre Arbeit verließen, er saß reglos, selbst einer gemeißelten Statue gleich, das Messer zwecklos in der schlaffen Hand, der Blick im Banne des starren Werkes erstarrt. Er hatte den Schritt nicht gehört, die stille Nähe des Andern aber schlich in seinen Körper, durchfloß ihn als wachsende Unruhe, die ihn endlich zwang, sich zu wenden. Die Unruhe schoß aus allen Adern zum Herzen, ballte sich zu jähem Erschrecken, als er den neuen Gesellen vor sich sah, der allein in der Werkstatt verblieben war. Tilman hatte einst zu seiner und der Seinen harmloser Freude unter den Gestalten eines Altarschnitzwerkes auch sich selbst geformt und seit diesem Tage war ihm sein Antlitz in allen auch den geringsten Zügen gegenwärtig. Nun sah er, was ihm gestern im unsicheren Abendlicht nicht zu Sinn gekommen: der Geselle war ihm ähnlich. Aber diese Ähnlichkeit war nicht vertrauenspendend, sondern furchterweckend, denn an dem Andern war alles ins Scharfe, Unerbittliche gesteigert, was sich in des Meisters Zügen nur in gefälligem Keime bot. Wölbte sich des Meisters Stirne leicht und eigenartig aufwärts, so sprang die des Gesellen vor wie ein drohender Fels; gab die leichtgebogene Nase dem Alten etwas Starkes, Entschiedenes, so krümmte sich die des Jungen wie ein grausamer Adlerschnabel, trug Tilmans Blick leuchtende Festigkeit, so grellte es zuweilen aus Hans Bermeters Auge wie ein pfeilscharfer Blitz. Der schlug in Tilman Riemenschneiders Herz und hielt es fest.
»Euch will das Werk heute nicht recht von der Hand gehen, Meister?«
Der Bildner wollte auffahren, der Zorn erlosch, tiefer in den Bann vergleitend, nickte der Meister.
»Wie langt lebt Ihr in dieser Stadt?«
»Wohl die vierzig Jahre.«
»Allimmer auf demselben Fleck?«
»Nein. War zweimal in Nürnberg, einmal in Frankfurt, in Männerstädt, Greglingen, Rothenburg, als ich die Altare schnitzte ...«
Hans Bermeters Mund verzog sich zum Spott, die Hand schlug verächtlich: »Das ist kein' Pfennigs wert. Wart Ihr nie über den Alpen, in Wälschland, in Paris?«
Langsam, in müdem Nachsinnen, schüttelte der Alte den Kopf. Ja, diese Länder waren manchmal in der Stille des Morgens oder Abends, wenn die pflichtgebannte Seele sich im verschwimmenden Dämmern lösen durfte, vor ihm über den blauen Grenzbergen erstanden als seltsamer Wolkentraum, der alsbald wieder im Graunebel des Tages ertrunken war. Hans Bermeter ließ ihm nicht Zeit, sich dem Erinnern hinzugeben.
»Wie viele Jahre lebt Ihr in Euerm Ehstand?«
Tilman Riemenschneider zählte mühsam. Es war eine graue, unbewegte Flut, aus der sich erst allmählich die Jahre aufrangen, wie stumpfe Straßenbäume aus zähem Nebel.
»Geht auf fünfunddreißig, vermein' ich.«
»Und habt nie in der langen Zeit mit andern Frauen zu schaffen gehabt, seid immer im selben Bette gelegen?«
Tilman Riemenschneider riß an der bannenden Fessel. »Wie fragt Ihr? Wißt Ihr nicht, daß ich ein ehrsamer Bürger bin?«
Was kam dem Kerl bei? Wer gab ihm das Recht? Wer ihm das Recht gab? Er, er selbst, er selbst fragte ja, kein Fremder stand vor ihm, nur ein seltsames Abbild seines bisher verborgenen Wesens.
»Ein ehrsamer Bürger sein, das mag einem Schuster ein hohes Ziel dünken, Ihr seid ein Künstler ...«
Ein Künstler. Zuweilen war dies Wort in ihm aufgegaukelt, wie ein bunter Schmetterling. Er hatte den lockenden verscheucht, in Sorge, den Stand auf festem Boden zu gefährden.
»Nein, nein,« wehrte er ängstlich, »will nichts sein, als ein ehrlicher Handwerker.«
»Das lügt Ihr, Meister, Ihr wollt mehr sein! Wäret Ihr ein Handwerker, Ihr wäret zufrieden mit dem braven Schnitzelwerk da! Ihr seid's nicht! Und werdet's nie sein! Nie werdet Ihr weiter kommen! Da,« er riß den Judaskopf hoch, den er heute in erstaunlich kurzer Zeit zu halber Vollendung gefördert. »Da, seht Ihr das gierige Auge, den lauernd gepreßten Mund? Vermeint Ihr, ich hätte das vermocht, so ich nicht das Leben in mich gefressen hätte? Hört Ihr's nicht, fühlt Ihr's nicht? Um Euch braust es und rauscht es, und Ihr verkriecht Euch davor in eine dumpfe Kammer und ein muffig Bett. Ich mein's Euch gut, Meister, glaubt mir! Kommt heut zu Nacht mit mir, ich weiß Euch einen Ort, zwei Gassen weit von hier, da soll Euch manches offenbar werden, davon keiner der Ehrsamen einen Hauch verspürt hat! Kommt, vertraut mir, Meister, zu Eurem Heil!«
Die letzte Mittagsglocke schwang aus, zur Stille. Aus ihr kroch Angst auf. Mit letzter Kraft löste der Alte den Blick frei.
»Kommt, sie werden unser schon warten mit dem Mittagbrot!« würgte er, drängte an dem Gesellen vorüber die Treppe nieder. — — —
In der tiefen Nacht erwachte Tilman Riemenschneider von einem Ruf. Mochte wohl ein Traumklang gewesen sein, aber der Nachhall hing noch im ungeheuren schwarzen Schweigen, als ein rätselhaftes Tönen. Es rief, rief ins Weite, Ungewisse. Aber die brennende Enge, die stumpfen Atemzüge der Frau, der Kinder hielten ihn fest. Der Ruf verglitt in Farbe, in ein leuchtendes Rot, das den Horizont seines neuen Traumlands umsäumte, wie eine Feuersbrunst. — — —
Am andern Morgen mied er Hans Bermeters Blick. Auch nahm er nicht die gestern unterbrochene Arbeit an dem Christuskopfe vor, sondern machte sich da und dort an geringen Dingen zu schaffen.
Als er des Nachts im Ehebette lag, ertönte wieder der Ruf. Er brach nicht mehr aus dem Traum. Überwach lauschte der Meister. In unverminderter werbender Kraft klang es fort. Ein purpurnes Licht erhellte den dunklen Raum, wie der Widerschein eines Brandes.
Weiten Auges starrte Tilman Riemenschneider in das erschreckende Wunderlicht, in seinem Ohre rauschte der klingende Ruf. Düsterrot tönte sein Blut ihm zu Häupten, sein Denken flog auf in die freie Welt, fiebernd quälte sich der Leib. Bis er dem Geiste folgte, dem Tönen nachschritt durch das rote weisende Licht. — — —
Das Licht erlosch. Das Klingen schwieg im dichten Rauchnebel der Kellerschenke. Tilman Riemenschneider hielt in der Türe. Eben wollte er, langsam zur eigenen Entschlußkraft zurückfindend, sich entfernen, da stand Hans Bermeter vor ihm, zog ihn an einen Tisch, an dem zwei Weiber saßen.
Des Verwirrten Auge unterschied ihre Züge und Formen nicht, ihm war, als seien sie nur zu seltsamer Dichte geballte Gestalten des alles erfüllenden Dunstes, der ihm die Augen trübte, den Hals schnürte. Bald fühlte er nichts, als das ängstende Würgen, Worte und Lachen der andern verklangen fern, ihm war, als sinke er ins Vergehen. Immer dichter umschnürte der graue Ring den Hals. Die Hände tasteten nach dem Glase, das Hans Bermeter ihm gefüllt hatte, bebten es zum Mund, unter der Kraft des rinnenden Weines weitete sich der schnürende Ring, ließ ab von ihm, verschwebte, löste sich im Grau, das lichtete sich, Nebel im wachsenden Frühschein. Aus dem Weine leuchtete es auf, wie Morgenrot, die Becher klangen feinen Ton, jenem gleich gestimmt, der ihn gerufen, nur zarter, ruhiger, nicht mahnend, sondern ihn umwebend zu ruhigem Beharren. Aus den sinkenden Schleiern wuchsen die Gestalten: Hans Bermeter, vertrauter als sonst, die scharfen Züge hatte das neue Licht erweicht, dann die beiden Frauen, die Lippen rot wie der wachsende Schein, ihr Lachen fügte sich in den fein gestimmten Klang. Der Rhythmus des Klanges durchfloß seinen Leib, löste ihn ins allgemeine weiche Schweben. Seine Hand glitt, fühlte warme, lebendige Form. Strich über einen Arm, eine Schulter, einen schlank aufblühenden Hals, eine fruchtweiche Wange. Gewann langsam darüber Herrschaft. Sein Werk wurde es, von seiner Hand geformt. Er mühte sich nicht wie sonst mit harter, schürfender Qual, göttlich leicht erstand es unter seiner zarten Berührung. Ward im Augenblick so herrlich, wie er es nie im Fernsten erreicht, wie es ihn nur zuweilen in lähmender Weite gehöhnt hatte, erwachend und sterbend im jammervollen Grau. Nun wuchsen die Gestalten seines Schaffens auf, verklärt, ohne Makel, durchblutet mit höchstem Leben, Eva, Maria Magdalena, nicht die büßende, nein die heiße Sünderin, die einer ganzen Welt Freude schenkte, weil in ihr eine Welt voll Freude war. Eine Welt erstand unter ihrem schwesterlich winkenden Arm, liebliche Frauengestalten, in Duft getaucht, ihre Brüste wie Knospen, ihren Schoß wie den dürstenden Blütenkelch ihm bietend. Unter ihrem Fuß wuchsen Blumen, ihnen gleich an Lockung und Lieblichkeit, regten sich im Tanzschritt, verbanden sich zu Kränzen und Girlanden, Bilder der perlenden Töne, die alles erfüllten, der Musik, der alles sich hingab, von ihrem Zauber getragen, schwerelos zu schweben, befreit von Körperlast, Duft und Ton zu sein. Aus dem Weine flammte es, rubinrot, scharlachen, feurig in das zarte Weiß, zu tausendfachem Farbenspiel. Was je eines Menschen, was Gottes, was Satans Auge entzückte, das wies sich überreich dem Auge des trunkenen Künstlers. Und er war zum Herrn darüber gesetzt, seiner Hand, seinem Herzen, seinem Hirn entquoll es, sein Werk war es, sein über alles herrliches Werk.
Nein, es sollte nicht sein Werk sein; das Trennende, das zwischen Schöpfer und Geschöpf lag, begann zu schmerzen. Ein Teil des Unfaßbaren werden, ganz darin vergehen, nichts mehr fühlen, als das beglückende, tönende Rauschen und den letztes Besinnen tötenden Duft!
Seine Hand gleitet über das atmende Glück, faßt es, die pulsende Stirn verwühlt sich, sein Leib sinkt, taucht auf und nieder im Takt der Musik und ertrinkt im Meer. — — —
Aus diesem Meere tauchte er auf, als er des Morgens erwachte. Aber das Rauschen umklang, erfüllte ihn, machte seinen ersten Schritt in die gewohnte Umgebung zum trunkenen Taumeln. Fremder noch als in den verflossenen Tagen, unfaßbar fremd war sie ihm heute. Die Wogen seines Blutes schlugen an Wände, Dinge, Menschen, prallten ab von ihrer Stumpfheit, drangen wieder in Tilman Riemenschneiders Wesen zu doppelter Gewalt. Von ihr erfüllt, betrat er, die Werkstatt meidend, die vom alltäglichen Treiben mäßig bewegte Stadt. Weiter greifend schlugen die Wogen aus ihm, aber wieder brachen sie sich, kehrten zurück, füllten, umflossen, schieden ihn von allem, was ihn umgab. Fremd, furchtbar fremd alles, alles: die schlichten Menschen, deren Mienen, die traulichen Häuser, deren Giebel sich zu hölzernen Fratzen verzogen, so unnahbar, ungreifbar, wie das kläglich verlassene Werk seiner ohnmächtigen Hand. Erst als der Hastende das Tor durchschritten hatte, als sein Fuß weichen Wiesenboden und seine Stirne ungehemmten Freiwind fühlte, ruhigte sich das Brausen seines Blutes, fügte sich allmählich in den Rhythmus der windbewegten Welt, der ersten Gräser ihm zu Füßen, der singenden Bäume über seinem Haupt, der stumm ziehenden weißen Wolken, die kündeten, daß der Atem des Windes Macht habe über Erde und Himmel. Lange wanderte er Wege, die er zum ersten Male betrat, bis der Laut des eigenen Schrittes ihn störte. Er hielt, sank nieder, dehnte sich, sein Ohr trank das Lispeln der Gräser, sein Auge suchte durch die sicher bewegten Äste die letzte Unrast lösende gleitende Ruhe des Himmels.
Vor dem Ruhenden stieg ein Feld an, dessen Kimmung die Schau schloß. Tilman Riemenschneiders Blick sank nieder aus dem Wolkengleiten auf die braune, zu einem Teile von frischen Furchen durchzogene Erde, fremd schied sich das aufgewühlte Land von dem glatten in herber Verschlossenheit harrenden. Bis auch darein zeugend die Pflugschar schlug. Jäh, aus der Verborgenheit tauchend, blitzte sie auf, ihr Lichterspiel übergrellte den Lenker. Erst als er in den Schatten des nahen Holzes trat, ward er dem Schauenden deutlich. Gebückt schritt er, aber nicht demütig-schlaff, eine unterdrückte lauernde Kraft sprach aus den krampfig-gepreßten Armen, dem breiten, tiefeingrabenden Schritt. Weiter, weiter fraß sich die Furche, wie eine Wunde. Einen Augenblick rastet der Bauer, erweicht sich die qualvollgedrungene Gestalt.
Da, eine zweite neben ihr, aus dem Dunkel des Holzes stößt sie auf, eine Geißel schnellt hoch, durchzuckt das weiße Wolkenbild, fällt nieder auf den Rücken des Müden, verschwindet, mit ihr der Fronvogt.
Tiefer in sich versunken, gräbt der Pflüger seine Pein in die Erde. Schielt tückisch-spähend, ein lauerndes Tier, seitwärts, bis der Mann mit der Geißel seinem Blicke ganz entschwunden ist.
Dann wächst er langsam, mühevoll aus seiner Niedrigkeit, die Arme heben sich, verkrallte Fäuste stoßen in den Himmel. Der Wind verwühlt sich in die gereckte Gestalt, läßt das Hemd flattern, wie eine Fahne, reißt die Haare in seine Macht, daß sie das zerquälte Gesicht umkreisen wie Schlangen, nimmt den aus der Brust wie aus Urwelttiefen brechenden Schrei und wirft ihn über das Land.
Tilman Riemenschneider liegt gebannt, der Schrei dröhnt an sein Herz, macht ihn erbeben. Bis in ihm ein leiser Widerhall erklingt, bis er weiß, daß der Keim dieses Schreies auch in ihm geschlummert hat, alle Jahre seines Lebens. Aber als er sich dessen bewußt wird, dringt ein Schauer aus dem Tiefsten seiner Seele, faßt seinen Leib. Furcht jagt ihn auf, er läuft den Weg zurück, den er gekommen ist. Langsam löst sich der Schreck von ihm. Ehe er weiß, daß die Furcht vor sich selbst, vor dem Erwachen des Verborgenen in ihm ihn ergriffen hat, ist sie verweht. Er wirft sich wieder zur Erde, wühlt sich darein und fühlt die verborgene Kraft ihres zum ersten Atmen erweckten Schoßes. — — —
Die Kellerschenke, darin Tilman Riemenschneider mit Hans Bermeter fast Abend um Abend saß, wies immer stärkeren Besuch auf. Menschen, die der Bildhauer, Angehöriger des Rates, kaum kannte oder zumindest, als tief unter ihm stehend, bisher nicht beachtet hatte, Kleinbürger, die diesen Titel kaum mehr verdienten, Gesellen und Knechte aus der dunkelsten Vorstadt, kurz Menschen ohne Besitz und festen Stand, in deren Kleidern und Körpern der dumpfe Geruch der Armut nistete. Wenn der Ratsbürger die Schenke betrat, engte dieser Dunst ihm den Atem, aber allmählich ließ er von ihm, gebannt von einem neuen Gefühl, das mächtiger war, als Gewohnheit und Vorurteil: Von diesen Menschen, die an nichts hafteten, strömten Schwingungen aus, der quälenden Bewegtheit seines Innern verwandt, die am Tage an starren, harten Mauern und Herzen sich wund stieß. Hier durften die Wellen seiner Seele ungehemmt ausschwingen, sich dem Rauschen der allgemeinen Rede vermengen, in ihr befreit sich lösen. Tief ein sog Tilman Riemenschneider diese Freiheit, Himmelsluft und -weite war ihm der dumpfe Brodem des niederen Raumes. Ein Bild stand jäh vor ihm. Seine Kinder hatten einen Raben gefangen und in einen Käfig gesperrt. Ihn mit Liebe und Sorgfalt überströmt. Aber vergeblich, immer wieder versuchte er die Flügel zu breiten. Auf dem Turm der Franziskanerkirche sammelten sich die Brüder und Schwestern, riefen den Gefangenen. Da hatte Tilman verstohlen den Käfig geöffnet und den Vogel befreit. Und als er sah, wie dieser die Schwingen breitete, wie er sich in den Schwarm der Freien mengte, hatte auch ihn ein unsagbares Wohlgefühl erquickt. In klarer Form und Farbe wie damals schwebte das Tier vor seinem ins Weite träumenden Blick. Wuchs. Die Flügel hoben sich, wurden zu Armen, zu aufdrohenden Fäusten, die Federn zu Haaren, die im Winde wehten, im Sturm, der über die von Gottes Pfluge aufgewühlte Erde zog. Der Rabe öffnete den Schnabel, nein, es war ein Mund, ein qualverrissener Mund, ein Urlaut brach aus ihm, die schwarzen Schwingen des Windes trugen ihn ins Unfaßbare.
Zum zweiten Male der Laut in wilderer Wirklichkeit. Er riß den Meister aus dem Traum. Der Traum war Wahrheit, das Bild Leben. Erhobene Fäuste stießen sich an der niedern Decke, schweißnasse Haare, von einem verborgenen Wehen geworfen, aus dem verrissenen Mund brach der Schrei. Wieder und wieder. Bis er sich endlich zu ungefügen furchtbaren Worten formte. Tilman Riemenschneider verstand sie nicht, mühte sich nicht, sie zu verstehen. Nur die wilde Musik ihres Sturmes fühlte er. Und wußte, daß es das Brausen seiner Seele war, zu tausendfacher Gewalt erhöht.
Erst als er in die freie Kühle der Nacht trat, gerann das Gehörte wie glühendes Erz. Hans Bermeters begleitende Worte meißelten es zur klaren Form: Der Meister habe wohl die wüsten Bauernworte nicht ganz verstanden, das sei begreiflich; er, Hans Bermeter, habe die dumpfe Sprache aufs beste zu deuten gelernt auf seinen Wanderungen durch Deutschland. Aber woher solle ein ehrsamer Bürger sie kennen! Hätten sich doch alle in ihre Mauern verschlossen, seien nur darauf bedacht gewesen, über die Wünsche der großen Ritter und Prälaten vom Schloß Bescheid zu wissen, aber von den armen Tieren, die da draußen das unermeßliche Feld der Gewaltigen bestellten, von denen hätte man nicht mehr gewußt, als daß sie eben Tiere seien, die Joch und Schläge dulden mußten. Tiere, ja, das seien sie gewesen. Aber Tiere hätten eine feine Witterung. Und so hätten die verdreckten Nüstern den anziehenden Sturm schon längst gespürt, indes noch kein Hauch davon in die Paläste oder behaglichen Häuser gedrungen sei. Immer näher käme der Sturm, der Sturm der Zeit; trage auf seinen Flügeln das Wort vom freiem Evangelium, das Wort des Herrn, daß alle Menschen gleich seien vor dem Allmächtigen, daß es keine Knechte gäbe mit krummen Rücken und keine Herren und Vögte mit Stock und Peitsche. Näher, näher, immer näher brause der Sturm. Hätte schon seinen Weg gefunden durch die Lumpen der Armen und rüttle ihren nackten geschundenen Leib, blähe die keuchenden Lungen zu einem Schrei, der einmal werde aufbrechen, über das Land gellen, mit so unfaßbarer Gewalt, daß die Mauern der Zwingburgen, die Wände der Bürgerhäuser einstürzen würden, wie die Mauern von Jericho vor Josuas Trompetenschall. Nichts würde diesem Sturm widerstehen können. Nur eine Rettung gäbe es, ein Teil dieses Sturmes zu werden, mitzubrausen nach dem Willen der allmächtigen Zeit.
Jedes Wort vernahm Tilman Riemenschneider, als spräche es sein eigenes Herz. Das sandte ein Verlangen aus, wie einen sehnsuchttrunkenen Vogel. Er flog auf, stieß sich an den Wänden der Häuser, taumelte nieder an den Mauern der hohen Burg. Des Meisters Gestalt reckte sich, die verkrallten Fäuste stießen zum Himmel auf, in seinen Kleidern und Haaren wühlte der Wind. — — —
Am andern Morgen brachte ein bischöflicher Bote dem Meister ein Schreiben. Mit diesem ward ihm der Auftrag, eine Marienstatue für den neuen Altar der Schloßkapelle zu schnitzen. Alles war ihm vorgeschrieben, Material, Größe, Himmelskrone und Faltenwurf des Kleides. In herrischem, hochfahrendem Tone. Er war nicht herrischer, nicht verletzender, als er stets gewesen. Nie vorher hatte er den Meister verletzt. Heute stieg ein Würgen hoch in seiner Kehle, die Hand umkrallte den Brief, ballte, zerriß ihn, löste sich befreit. Ein Spiel des Windes, trieben die Fetzen.
Ein Spiel des Windes, trieben die Blütenblätter über die Mauergärten. Schwül, fremd war der Wind in den Tagen des Frühlings, der war über Land und Stadt gekommen, nicht allmählich, jungfräulich erblühend, nein, jäh, schwer, berauschend. Der Duft der treibenden Blüten, der sprießenden Blätter mengte sich dem Gassenbrodem zu einem geilen, brünstigen Schwalm. Auch wenn der Tagwind schwieg und, unheimlicher, unfaßbarer noch, die Stummheit der Nacht aufwuchs, lastete der dumpfe Brodem in ihr. Der Tagwind trug lautes Gerücht aus dem Land: In ganz Schwaben seien die Bauern im Aufruhr, die Schlösser zündeten sie an. Die Herren ließen sie durch die Spieße rennen. Immer näher käm's. Auch die um Tauberbischofsheim, um Wertheim, um Rothenburg ständen auf. Bald würden sie vor den Toren sein. Der Bischof sei geflohen, bei Nacht, gegen Heidelberg. Kanonen hätten die Bauern und der Berlichingen Götz sei ihr Führer. All diese Nachrichten schwirrten, ängstlich geflüstert oder gejubelt, je nachdem ein reicher Bürger des Rats oder ein armer Keuschler der Vorstadt sie sprach, durch den Tag. Des Nachts wuchsen sie auf zu albschweren Gespenstern oder zu leichtem, von aller Schwere lösendem Traum.
Immer wieder gellte in Tilman Riemenschneiders Fieberschlummer ein Ruf. Jäh erwacht, schlich er ans Fenster, sah in das stumme Dunkel, den Nachklang des Rufes im Ohr. Feuerlicht zuckte da und dort im Süden und Osten aus der Nacht, der Widerschein seines brennenden Herzens.
In wachsender Schwüle reihte sich Nacht an Nacht. Im schweren Dunstgewölk drohte der Sommer. — —
Hatte der Frühling mit der Rätselstimme des dumpfen Windes die langen Tage erfüllt, der Sommer war stumm. Unerbittlich starren, glühenden Auges sah er nieder auf Land und Stadt. Die Ähren flüsterten nicht, die Bäume rauschten nicht, die grellen Häuser senkten ihre schrumpfenden, wachsenden und endlich im schwarzen See der Nacht ertrinkenden Schatten.
Im Dunkel erwachte die Stadt, die Schenken trotzten bis weit über Mitternacht dem Verbot des Rates, dessen Macht vor der höher schwälenden Volksglut schrumpfte, wie die Schatten im Mittagslicht. Hochauf mit Waffen gefüllte Wagen fuhren ohne Unterlaß durch die Tore, von den Bauern gesandt. Bald trug der geringste Knecht Speer, Pallasch und Büchse. Wachen sperrten jede Zufuhr zum belagerten Schloß. Die ersten seltenen Kugelgrüße wechselten hinauf, hinab, aber auch sie vermochten nicht, die lähmende Tagesstille zu zerreißen.
Auf Tilman Riemenschneiders innerster Unrast lastete sie mit unerträglicher Schwere. Als furchtbaren Schmerz fühlte er die stete Bewegung seiner aufgescheuchten Sinne in Nerven und Blut. Er war nicht mehr fähig zu schaffen, zu denken. Nichts war er als flammender Drang nach etwas, das in ferner zerfließender Unbestimmtheit nur zuweilen für Augenblicke zu halbgehörtem verklingendem Ton oder zu einer rasch geballten und vergehenden Wolke sich formte. Sein schmerzendes Ohr, sein gepeinigtes Auge suchten sie festzuhalten, nichts anderes ernteten sie, als immer neu gefühlte dumpfe drängende Ohnmacht. Nur in den Nächten, wenn er mit Hans Bermeter von Schenke zu Schenke zog, ward ihm Linderung. Da warf er sein Sehnen in den verworrenen Lärm, ins zwecklose Rasseln der neuen Waffen. Seine zitternde Hand umkrampfte den Degen, er preßte die Kugelbüchse an sein glühendes Herz und fand kurze traumhafte Kühlung.
In immer wilderer Zahl zuckten brennende Weiler und Burgen auf im Umkreis der Stadt. Näher, näher rückten die Bauern. — — —
In einer Nacht, da Tilman Riemenschneider seit langem zum ersten Male bleiernen Schlaf gefunden hatte, riß ihn ein Ruf zu schreckvoller Wachheit. Er griff nach den Waffen, taumelte die Treppe nieder. Aus allen Gassen rauschte Lärmen, staute sich an den Wänden, rauschte zurück über die aufgewühlte Stadt. Hans Bermeter, von dessen Zügen die gewohnte ruhige Maskenhülle gefallen war, berichtete mit hastigen, zerfetzten Worten: Das Heer der Bischöflichen sei überraschend herangerückt und rüste zur Schlacht gegen die Bauern. Eben sei ihr Bote gekommen, halbtot vom wahnsinnigen Ritt, Hilfe sei bitter not, alles in der Stadt, was Waffen trage, müsse auf, nur eine kleine Schar solle bleiben zur Bewachung des Schlosses. Ob er vielleicht seines Alters wegen, es werde heiß hergehen draußen ... Tilman Riemenschneider hörte die letzten Stammelworte nicht mehr, er griff aus, mühlos, schwebend, fühlte nicht die Last der Waffen, die Last der Jahre. Noch einmal faßte ihn die alte Unrast, als sie am Tore die aus allen Teilen der Stadt zuströmenden Kämpfer erwarteten. Endlich zogen sie aus. Eine wundervolle Ruhe erfüllte Tilman Riemenschneider. Er sah nicht zurück nach den im Dunkel versinkenden Türmen und Giebeln, er sah nur vorwärts, dem Ziel entgegen, das sich immer klarer seinem gekühlten Auge bot, je tiefer sie in die brauende Ungewißheit des nächtlichen Landes drangen. — — —
Es war, als trenne eine undurchdringliche lautlos abwehrende Schicht Tilman und seine Welt von dem Geschehen um ihn. Er fühlte es kaum, als sich die Bürger dem unermeßlichen Haufen der Bauern vermengten, er hörte nicht Flüche und Dörperreden, ihn quälte nicht der unerträgliche Schwalm von Schweiß, Wut und Angst, er war gefeit. Auch gegen die eigene Unrast. Sie fiel ihn nicht an, als sie, den Tag und ihr Schicksal erwartend, lagerten, seine Seele schritt ungehemmt weiter den eigenen einsamen Weg. — — —
So von ungeheurer ahnungtrunkener Stille war noch kein Morgen erfüllt gewesen in Tilman Riemenschneiders Leben, so groß und königlich ihm noch keine Sonne aufgegangen, wie an diesem Tag. Und doch war er eins mit allem, das Wehen der Stille war sein Atem, und sein herrlich erhöhtes Herz stieg aus Dunst und Wolken die Bahn des Tages. Wie eine purpurne Rose erblühte das Gestirn, darin alle Brunst und Süße des Lebens ruhte, geklärt zu ungetrübtem, tiefem, ruhevoll berauschendem Duft.
Sein Leib lag mit den andern im letzten Warten. Seine Füße schritten aus im ungewohnten Marschtakt, seinen Rücken drückte die schwere Waffe, sein Haupt der quälende Helmschutz. Seine Seele fühlte es nicht. Sie stieg mit der Sonne.
Und dann stand sie mit ihr in der Scheitelhöhe des Mittags. Das Bauernheer hielt. Stille. Das letzte Wort erstarb. Nichts als Auge wurden sie. Vor ihnen der Feind. Grausam wies ihn das Mittagslicht, die gleißenden Panzer, die wehenden Sturmfedern, Speerspitzen, Klingen, Flintenläufe.
Atmen, Atmen, Atmen.
Keuchen. Aber noch immer Stille.
Da zuckt es himmelwärts. Der Degen des Führers. Durch alle Herzen fegt der Blitz. Durch die betäubten Hirne gellt Kommandowort.
Und dann: Aus Urwelttiefen, verschüttet bisher, von einer jäh aus Höllendunkel krallenden Faust aufgerissen in diesem Augenblick, bricht ein Schrei, überdröhnt die Angst der Kreatur. Immer wieder, immer wieder gellt er auf, Schüsse, Salven vermengen sich ihm, Schlag, Stich und Stoß, höherauf schwillt das Brüllen, es muß Röcheln und Todesruf überdröhnen und die Wahnsinnsangst in der eigenen Brust. Dicht neben Tilman Riemenschneider gellt Hans Bermeters Todesschrei. Zu seiner Seele dringt er nicht. Die schreitet weiter, unbeirrt, ins ewig sich Erneuende, was jetzt geschieht, ist im nächsten Augenblick Vergangenheit.
Tiefer sinkt die Sonne, zögert schön über dem Dunkel der Berge. Das furchtbare Gewirr liegt in ihrem letzten blutigen Schein. Es erstarrt. Ein paar Herzschläge lang schweigt die Schlacht.
Die Bauern und Bürger schweigen, zögern, starren in das Dunkel der feindlichen Flintenläufe, der Feldschlangen, das sie verschlingen will. Wenden sich, weichen, rasen zurück, ins letzte rettende Licht.
Nur Tilman Riemenschneider dringt weiter, wie die Sonne. Bis er wie sie in unergründlicher Nacht versinkt. — — —
Zum ersten Male nach Monden der Betäubung fühlen Tilman Riemenschneiders Sinne die Umwelt. Das Dunkel der Tiefe, das dumpf-sickernde Grau des hohen Gitterfensters, den Herbststurm, der nur ein schwaches Brausen in den Kerker wirft.
Tückisch kriecht es durch die matten Glieder. Aber er fühlt es kaum. Nichts fühlt der Erwachende, als seine Seele. Sie wächst auf, breitet sich aus vor ihm, neu, unbegreiflich neu, voll ungeheuren Erlebens. Das erfüllt ihn körperlich, droht ihm die schwache Brust zu sprengen, bläht den mageren Hals und löst sich doch nicht zu befreiendem Laut. Einem Wort, zu den harten Wänden gesprochen, zu dem Stücklein grauen Himmels, das unfaßbar fern im Fenstergitter über ihm schwebt. Er bleibt stumm.
Er fragt nicht, als die Knechte eintreten, ihn aufreißen, den dumpfen Gang fortschleppen, in die Qualzelle stoßen, wo rätselhafte Instrumente lauern, im Schein der Flackerfackel zu sehen, wie furchtbare Tiere. Ihre Krallen dringen in seine Stirne, ihre Pranken umpressen seine Hände, ihr Rachen schnappt nach seinem Hals, er soll reden, gestehen, die Schuldigen des Aufstandes nennen, dann ist er frei. Er will sprechen, monatelang hat er geschwiegen, qualvoll erfüllt ihn sein Erleben, zum Bersten geschwellt: nicht einmal ein Stöhnen ringt sich aus ihm. Er bleibt stumm.
Mitleidige Ohnmacht rettet ihn.
Wieder umfängt ihn der Kerker. Das Brausen des Herbststurms wirbt umsonst um seine gelähmte Seele.
Im Atlasglanze tiefen Schnees liegt die Stadt. Er mildert die Stöße des jämmerlichen Wagens, der Tilman Riemenschneider in die Freiheit führt. Dreimal hat er die Folter erduldet, ohne Laut und Wort. Nun hat ihn der Bischof begnadigt. Er darf Gnade üben. Die Bürgerschaft liegt ihm demütiger denn je zu Füßen. Das Land ringsum ist still. Die Bauern haben sich in ihre Hütten verkrochen, werden im Frühling stumm den Pflug über fremde Erde führen, keine Faust wird sich zum Himmel recken. Der Gedanke an die Toten, die nutzlos Geopferten wird sie niederziehen zur grausamen Mutter Erde. Der Bischof darf barmherzig sein. Der Gebrochene, der da, die müden Augen vor dem ungewohnten Lichte schließend, auf dem Krümperkarren durch die Gassen fährt, wird ihm nicht mehr schaden. Er öffnet die Augen nicht, als ihn Frau und Kinder vom Wagen heben. Sie klagen nicht, sie haben das laute Wort verlernt in der furchtbaren Zeit. Stumm sitzen sie bei Tische. Der Vater, im Lehnstuhl versinkend, öffnet langsam die Augen, umfängt das einst gewohnte Bild.
Ganz wie einst ist es, reglos sitzt die Frau, reglos die Kinder. Wie einst, wie einst, vor, vor ... er weiß es nicht. Ihm ist, als seien hundert Jahre verflossen seit diesen Tagen, daran sein Erinnern hilflos tastet.
Stumm sitzen Frau und Kinder. Wie tote Gestalten aus Holz oder Stein. Von seiner Hand geschnitzt. Von seiner ohnmächtigen zerbrochenen Hand. Er hebt die Hand, sie sinkt nieder. Stumm sitzen die Gestalten. Er kann ihnen kein Leben schenken. Obwohl in ihm Leben ist, tausendfach geschwelltes Leben, aber erstarrt in seiner jämmerlichen Hülle, wie Lava, die einst geglüht. Und jetzt Tod ist, nichts als Tod.
Weiter, weiter rücken die Menschen, die erstorbenen Dinge in eine verlorene Ferne. Er ist allein. Mit verdoppelter Qual preßt das erstarrte Leben die arme Hülle des Leibes, die arme, keuchende Brust, die zermarterte Stirne, die zerbrochene Hand, in der einst wundervolle Kraft gelebt. Er sieht sich, den, der er einst gewesen, als einen Fremden, den er nicht versteht, der ihm entgleitet, in die Ferne der andern Dinge.
Er ist allein. Ganz, ganz allein. Wie nie ein Mensch vorher. Nur einer vielleicht. Einer. Der die Jammerworte rief: »Könnt Ihr nicht eine Stunde mit mir wachen!?« Rief er sie? Nein, nur seine gefolterte Seele hat sie gebebt mit letzter Kraft vor dem großen Verstummen. — — —
Der erste graue Winterschein dringt in die Schlafstube. Tiefatmend schlafen Frau und Kinder. Sie leben. Weit, weit fern von ihm liegt dieses Leben. Und doch, es dringt in seine Stille, ein Mißton der Welt, mit der er nichts mehr gemein hat.
Er kriecht vom Lager auf, wie ein lahmes Tier. In unendlicher Qual. Aber sie dringt kaum in sein Fühlen. Weiter kriecht er, bis er das Atmen der Menschen nicht mehr hört. Weiter, weiter, bis er auch die Spuren ihres Lebens nicht mehr fühlt. Still wie ein Kirchhof ist seine Werkstatt. Wochen-, monatelang hat sie wohl niemand betreten. Dicker Staub liegt auf den vollendeten Bildwerken, darunter Form und Linie erstorben sind. Tilman Riemenschneider sieht sie kaum. Sie wecken kein Erinnern. Sie sind tot, wie alles, was einst mit ihm gelebt hat.
Mit letzter Kraft schleppt er sich an den Werkzeugtisch, bricht nieder auf den Schemel. Eine Weile schwindet ihm das letzte Bewußtsein. Ungefühlt gleitet die Zeit.
Der Morgen wächst, sein Licht erweckt ihn. Über den Tisch fließt es, über die Instrumente, Meißel, Hammer, Schnitzmesser. Über ein Stück Holz. Durchdringt die dicke Staubschicht, legt langsam die Züge frei. Sie sind roh, unfertig, aber sie weisen doch deutlich: Es ist der Entwurf eines Christuskopfes, des gemarterten, letzte Qual erduldenden Heilands.
Tilman Riemenschneiders dumpfe Augen haften daran, weiten sich zu wachsender Größe im Anblick seines Werkes. Sein Werk, er fühlt es mit jäher Besitzkraft. Er greift darnach, die armen Lungen blasen den Staub fort, die schwachen Hände streichen über das Holz, immer, immer wieder. Es tut wohl. Aus dem Holze strömt es auf ihn über, geheimnisvoll, eine rätselhafte Kraft. Durch die Adern der Hand, des Armes, durch den ganzen Leib, durch Seele und Hirn. Hell sieht er die Stunde, da er zum letzten Male hier gesessen, um sein Werk gerungen. Feindlich, fremd war es ihm damals; heute ist es ihm nahe, eng vertraut. Immer tiefer verbunden ist er dem wunderbaren Holz, seinem wachsenden Segen. Allmählich erweicht sich die starre versteinte Masse, die ihn erfüllt, regt sich, pulst, atmet, lebt, wird Leben, nie gekanntes überreiches Leben durchfließt seinen Leib, sein Hirn, seinen Arm, seine Hand. Kraft, Kraft fühlt er in ihr, so herrlich, so über alles je Genossene herrlich, daß ihn ein Staunen faßt. Aber neue Ströme der Kraft durchrinnen ihn, in deren Zauber auch alles andere vergeht, daß er nur sie fühlt, nur sie fühlen und denken kann.
Die Hand greift nach dem Schnitzmesser, sie drückt das Holz an des Meisters Herz, daß dessen Pochen und das geheime Leben der Ringe und Fasern eins werden, sich herrlich lösen im Pulsschlag der gotterfüllten Welt. Und die Hand mit den Malen des Schmerzes formt ihren Schmerz zum Bilde des Ewigen, der alle Qual der Erde uns vorgelitten und in jedem Leide sich wunderbar erneut.