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Sänger und Könige

Der Sieger von Waterloo

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Frau Hannah Rothschild saß reglos und sah zu dem Bilde auf, das über ihrem Ankleidetisch hing. Tausendmal hatte sie das Bild gesehen, aber noch immer lag etwas in den Zügen, das sie nicht zu deuten wußte, lichte Kraft und Sicherheit und doch auch ein dunkles Geheimnis. Allmählich glitt ihr Blick nieder, bis in ihre eigene Seele. Ihr Vater, der reiche Barnett Cohen, hätte es kaum begriffen, daß eine seiner Töchter sich mit solch einem Luxusartikel beschwerte. Das allerdings hatte er in den geringen freien Stunden, die ihm sein Geschäft ließ, bedenklich festgestellt, daß die kleine Hannah anders, ganz anders sei, als ihre Schwestern. Die hatten ihm nicht viel zu denken gegeben, hatten, wie sich's gehörte, Kaufleute aus erbgesessenen Londoner jüdischen Familien geheiratet, deren Vermögenslage jedem Börsenbesucher bekannt war, während das Sorgenkind sich den hergelaufenen Frankfurter in den Kopf gesetzt hatte, von dem keiner damals etwas Rechtes wußte. Es war ja gut ausgegangen. Über alles Erwarten sogar! Manchmal faßte den alten Barnett Cohen schier der Neid, wenn er merkte, daß der Name des Eidams langsam den eigenen zu überstrahlen drohte. Aber das konnte man nicht leugnen, der Name Rothschild stand auf festen Füßen, und wenn auch manche seiner Transaktionen so kühn waren, daß es dem Schwiegervater den Atem verschlug, ein Abenteurer, nein, das war er nicht, gewiß nicht. Solid war alles, gut und solid. Zu derselben Zeit aber, da der alte Barnett Cohen Vertrauen zu dem Schwiegersohn faßte, begann das Interesse der Tochter zu verblassen. Als er um ihre Hand geworben, der kleine Fremde, da war ihr seine Gestalt vom Schimmer bunter Zukunftsmöglichkeit verklärt erschienen. Alles, alles konnte er noch werden, das war schön! Jetzt war er etwas geworden, mehr, als alle seines Schlages, Gott ja, das bestritt sie nicht, aber doch nichts anderes. Ein Kaufmann, der Geld verdiente. Lebte in ihr, dem eigenen Erkennen verborgen, noch eine leise Sehnsucht nach dunklen Geheimnissen ihres Volkes, Ahasverunrast, indes die anderen den Frieden mit ihrem Geschick gemacht hatten und in Familie und Börse ihre Welt sahen?

Als Mädchen schon hatte Hannah ein Bild Napoleons an den Ehrenplatz ihrer Schlafstube gehängt, in ihrer Brautzeit und den ersten Jahren ihrer Ehe hatte es in einem Schrank gemodert, an dem Tage, da der Arme nach Elba gebracht wurde, hatte sie, von tief erwachtem Mitgefühl bedrängt, es wieder ans Licht geholt. Dann, als er den Kerker verlassen und immer lautere Kunde von seinem Siegeszug durch Frankreich zu ihnen gedrungen war, hatte sie von neuem und immer glühender zu seiner Macht und Kraft emporgeschaut, und heute war sie schon in aller Frühe in den Garten gegangen, hatte selbst die schönsten Purpurrosen geschnitten und das Bild des Großen, Rätselvollen mit einem Ehrenkranze geschmückt.

Türknarren. In den Spiegel unter dem Gemälde trat ihres Gatten Gesicht. Schmerzhaft empfanden Frau Hannahs überfeine Sinne den Gegensatz. Die harte Miene des Erfolgreichen war ihr gleichgültig geworden, heute aber verriß qualvolle Unrast die Züge, die Augen flackerten, die Hände agierten in alter unbeherrschter Ghettositte, das alles war widerlich, glitt nicht mehr nieder an der Seele der Frau, sondern fraß sich in sie hinein, wie ein ätzendes Gift. Nun begann er gar noch zu sprechen. Auch von den Worten war der Firniß des Gentleman gebröckelt, der Schwall der Frankfurter Judengasse gellte an Hannahs Ohr:

»Was sitzest du schon wieder da vor dem Bild? Ich will nicht, daß du sitzest vor dem Bild, es ist a Schand!« Die Augen blinzelten. »Du hast gewunden a Kranz um das Bild! Weißt du, wem du das hast getan? Dem Mallach, der uns wird jagen aus's Gan Eden und wird stoßen in Armut und Elend, wenn nicht Gott bei guter Zeit hat a Einsehen, ihm zu treten in den Weg mit fuirichtem Schwert. Nimm den Kranz erunter, geb das Bild weg, ich sag dir« .. mit taumelnden Schritten stürzte er nach der Wand, streckte die Hand nach dem Bild, sie sank nieder vor dem Blick der Frau, die aufrecht, gebieterisch, wie ein zürnender Engel vor ihm zu immer machtvollerer Höhe wuchs. Stumm sah sie von dem kleinen agierenden Juden zu der Ruhe des Bildes auf. Im Vergleichen stieg die Schale des Ehemannes noch leerer hoch, indes die des schönen Traumbildes sich mit immer schwererer, süßerer Fracht füllte. Noch einmal ging Nathan Rothschild zum Angriff über, wollte die Frau zur Seite drängen, das Bild von der Wand reißen, zertrümmern ... wieder traf ihn der Blick, noch kälter, verächtlicher, haßerfüllter, Nathan wich zurück.

»Was siehst du mich eso an? Du sollst mich nicht ansehen eso, es is a Schand, daß du auf mich siehst mit solche Augen!«

Er wich zurück, kam nicht los von ihrem Blick, immer noch sah er ihn vor sich, als er schon die Treppe niedertappte, die Frage des Lakaien, ob er den Wagen befehle, überhörend, in die Straße trat, sich im immer dichteren Gedränge verlor, nicht mehr Nathan Rothschild, nur einer von den Hunderttausenden der ungeheuren Stadt.

Die Gestalt der Frau verblaßte, versank, das Bild überwuchs sie, das furchtbare Bild. War kein Bild mehr. War ein Mensch. Ein Mensch voll brennenden Lebens. Feuer, Feuer war dieser Mensch, fressendes Feuer. Sein heißer Atem rührte Nathans Gesicht, seine Arme umschlangen ihn, Haar und Brauen sengte die Flamme. Unzerstörbar war dieses Feuer. Man mochte es verlöschen, zehnmal, hundertmal, immer wieder brannte es auf zu höherer alles fressender Gewalt.

Seit Nathan Rothschild die Erde Englands betreten hatte, war der Entsetzliche sein Feind gewesen, der Feind eines jeden, dessen Leben mit dem dieses Landes verbunden war. Es war ein gutes Land. Schätze ruhten darin, dem stumpfen Fühlen der Masse verborgen, dem wunderbaren Spürsinn Nathans offenbar in ihrer Fülle. Groß und mächtig war das Land, mit tausend Adern der Welt vereint, der Welt, deren Pulsen man spüren mußte, um zu leben. Nur hier hatte Nathan Rothschild das werden können, was er heute war. Deshalb liebte er das Land mit einer kühlen, dankbaren Liebe. Alles schwankte, in allem mußte man sich umstellen von Minute zu Minute, der Boden Englands war das Feste, das Unverrückbare, darauf Nathan sein Haus gebaut, das bleiben mußte für alle Zeit. Und der, der, dieser, dieser Goi, dieser korsische Soine, dieser schlechte balmechome, den Gott verdammen mußte, — er holte aus dem Erinnerungsschatz seiner Frankfurter Schulzeit alle Schimpfworte, die ihm einfallen wollten, der wagte es, das gebenschte Land anzugreifen, auch ihm den Boden unter den Füßen rauben zu wollen! Jeder Sieg Napoleons war eine Niederlage Rothschilds auf der Börse, jeder Triumphschrei des Korsen ein Wehruf des englischen Bankiers. Alle, alle andern hatte Maier Amschels Sohn besiegt, kein naher Gegner mehr wagte es, sich ihm entgegenzustellen, nur der Eine, der Ferne, in Ewigkeit Verfluchte! Hatte Nathan ihn nicht schon zehnmal erschlagen? In Spanien, als er dem großen Wellington auf vielen von seiner Klugheit gebahnten Wegen das Geld sandte, das nötiger war als Pulver und Blei? Hatte er nicht, er allein, Madrid erobert und Soult geschlagen? Hätte es ohne das Haus Rothschild ein Leipzig gegeben? War er nicht unsichtbar als segnender Schutzgeist mit den Monarchen der heiligen Allianz in Paris eingezogen? Hatte nicht er den Verhaßten in Elba begraben? Was hatte es genützt? Heller als je brannte die furchtbare Flamme. Und nun schien sie grausam in den Frieden seines Hauses, fraß sich in dessen Grundpfeiler, würde es in Brand setzen, alles, alles, auch sein Ehebett, wenn man nicht im letzten Augenblick ihm entgegenträte mit einem übermächtigen Halt! Wieder stieg Hannahs Gestalt auf, sie sah aus ihm, ach, so fremden, unbegreiflich-fremden Augen auf zu dem verhaßten Bild. Das trat aus dem Rahmen, umschlang die Frau, aber nun war sie keine Frau mehr, sie war ein Börsenpapier, das die freche Hand würgte, daß es zusammenschrumpfte. Ein Bettler würde er werden, alles verlieren, Haus, Geld, Frau, alles, alles!

Nathan Rothschild schrak auf, sah rundum, fremd die schmutzigen, düsteren Häuser, er stand im gemeinen Lärm eines Stadtviertels, das er noch nie betreten hatte. Angst ergriff ihn. Rundum kein Wagen. Nichts als verdächtige Gestalten. Die hielten wohl zusammen wie Kletten. Wenn ein Verbrecher ihn anfiel, keiner würde die Hand rühren für ihn! Oder wenn man ihn gar erkannte! Ihn verschleppte, weiß Gott wohin, ein Lösegeld zu erpressen! Nathan Rothschild beschleunigte den Schritt, lief, kehrte um, bog in diese, in jene Gasse, verlor die letzte Besinnung, rannte hin und wider wie eine gequälte Maus. Stand still. Räderrollen. Ein Reisewagen, er taumelte ihm entgegen, winkte mit beiden Armen, schrie in den Räderlärm.

Der Wagen hielt, ein junger Offizier beugte sich aus dem Fenster: »Herr Oberhofagent! Wie kommen Sie in diese Gegend!?«

»Gott meiner Väter!« stammelte Nathan, »sei tausendmal bedankt davor, daß du hast gesandt die grausen Herrn Offiziers in meine Not! Ich, ich hob mich verloffen, ich weiß nischt, wo ich bin ...« Langsam besann er sich, fand aus dem Judendeutsch ins Englische zurück. »Ich bin froh, daß ich den Herrn General und den Herrn Capitän-Adjutanten getroffen habe, ich habe mich verirrt, ich weiß nicht, wie das gekommen ist!«

Der hohe Offizier machte eine einladende Geste: »Nehmen Sie Platz, bitte!«

Aufatmend sank Rothschild in die Polster, die Pferde griffen aus, die Koffer auf dem Wagendach polterten, bis sie im Gleichklang der Fahrt zur Ruhe fanden.

Nathan wischte sich mit dem seidenen Taschentuch die Schweißperlen von der niederen energischen Stirne.

»Die Herren machen a Reise?« fragte er.

Der General lachte: »Ja, eine große Reise!«

»Und wohin, wenn man fragen darf?«

Der letzte Rest der Angst versank, die Gier nach nützlichen Nachrichten erwachte in ihm. Wenn ein General reiste, mit seinem Adjutanten reiste, hatte das was zu bedeuten. Lustfahrten machte man nicht in dieser Zeit. Der General war ihm verpflichtet, Nathan hatte ihm einmal aus der Klemme geholfen.

»Nu, wollen die Herren mir nicht sagen, wohin sie fahren? Ist das a Geheimnis?« Er lächelte. »Ich krieg's schon raus, wenn ich will!«

Der Adjutant sah fragend auf den Vorgesetzten. Der überlegte, nickte dann und antwortete selbst:

»Sie sind verläßlich, Herr Rothschild, man weiß, daß Sie nichts unternehmen, was dem Staate schaden kann. Ich weiß, ich weiß, im Gegenteil, Sie nützen ihm, wo sie können. Im Vertrauen also: Wir fahren meiner Division nach, ans Meer, die uns gestern nachts vorausmarschiert ist. Morgen sind wir schon über'm Kanal.«

»Und wohin? Es is doch ... wenn Sie mir haben soviel gesagt, werden Sie mir sagen das Ganze.«

»Nach Belgien hinüber.«

Nathan Rothschilds Augen preßten sich vor, der kurze Hals reckte sich aus dem Jabot:

»Is dort,« die Hand deutete in die Höhe, »der, der, der ...«

Der General schwieg, auch Rothschild. Er wußte genug. Also, so nahe war die Entscheidung. Jetzt ging's ums Letzte, auch für ihn. Nie noch hatte er so klar gefühlt, wie sein Gedeihen und Leben mit dem des britischen Staates verbunden war. Dort drüben wurde auch sein Schicksal entschieden. Und er würde fern sein, machtlos, unfähig die Hand zu rühren, ausgeschaltet aus dem großen Weltgeschehen. Was mit Geld zu machen gewesen, hatte er getan. Sein halbes, sein ganzes Vermögen steckte in der Sache. Und während die Würfel fielen, würde er sehen müssen, wie seine Frau vor dem Bilde des Verhaßten saß, der ihn vernichten wollte. Er würde nicht einmal wissen, in dem oder jenem Augenblick, ob er nicht schon ein Bettler sei. Das ertrug er nicht. Wahnsinnig würde er werden. Er blickte durchs Fenster, schon sah man das Meer.

»Nun, wir sind bald am Ziel. Und Sie, Herr Oberhofagent? Hoffentlich finden Sie einen Wagen zur Rückfahrt. Oder wollen Sie mit uns kommen?«

Nathan Rothschild hörte den Scherz nicht, er hörte nur die Frage. Er dachte nicht an das Verhüllte, Unvorstellbar-Schauervolle, dem sie entgegenfuhren, er dachte nur an das lähmend-qualvolle, nervenfressende, tatenlose Warten, das daheim auf ihn lauerte.

»Wenn der Herr General will die Gnade haben, mich mitzunehmen, wär mir das a Freude und Ehre.«

Der Engländer sah rascher, als es seine kühle Art war, auf, sein Blick faßte scharf das Gesicht des Juden, spähte darin nach einem Lächeln, nach einem verborgenen lustigen Zucken, das Rothschilds Miene zuweilen bewegte, wenn er bei Tafel eine drollige Börsengeschichte erzählte, er fand nichts.

»Ist das Ihr Ernst?«

»Bei allem, was ich hab zu verlieren,« erwiderte Nathan, seine Augen waren feierlich geweitet, als schlösse er das größte Geschäft seines Lebens ab, und seine Hand hob sich, als wollte er sie zum Schwur auf die Thora legen.

Nathan Rothschilds Knie zitterten, glühende Fieberwellen durchschlugen seinen Leib, Ströme eiskalten Gletscherwassers lösten sie ab. Er wollte eine Frage an den Adjutanten richten, tonlos bebten die Lippen, vermochten kein Wort zu formen. Langsam tasteten die Hände nach einem Halt, griffen ins Leere, in tiefster Qual suchte das Auge den Trost eines Blickes, niemand beachtete ihn, er war nicht mehr für diese Menschen, als der elende Baumstrunk, auf den er niedersank. Er, Nathan Rothschild, war nichts, nichts, gar nichts. Nathan Rothschild. Von seiner Nervenqual zwanghaft geformt, klang tonlos der Name. Fremd, schauerlich fremd war er ihm. Nathan Rothschild, was war das? Ein Mückensummen, ein Hauch, der ertrank. Das Brüllen der Geschütze erschlug ihn, das regengleiche Rauschen des Salvenfeuers schwemmte ihn fort, er starb unter Pferdehufen, die aufgerissenen hurrahbrüllenden Mäuler der vorüberdröhnenden Truppen verschlangen ihn. Ein Namenloser war er, wie die Tausende ringsum. Sein letztes Restchen Selbst umkrallte er mit erschlaffender Faust, es entglitt ihm, löste sich in den ungeheuren Höllenwolken aus Dampf und Staub. Er fühlte sich nicht mehr.

Der Schlag einer Granate weckte ihn, der zweite riß ihn zur Überwachheit auf. In grellster Schärfe stach das Bild der Umwelt in seinen Blick: Der Adjutant, das Fernrohr schien mit seinem Auge verwachsen, Meldereiter, Ordonnanzen, humpelnde Blessierte, dezimierte, aus der Schlacht gezogene Bataillone, neue hurrahbrüllende, vorwärtsdringende Formationen. Inmitten dieses Flutens der General, reglos, unveränderten Blicks, das Bild umfassend, es regelnd, beherrschend.

Noch einmal durchzuckte Nathan Rothschilds Leib ein Fieberschauer, noch einmal tastete seine Hand nach Halt, verschwammen die Farben des Bildes zu einem qualvollen Wirrwarr vor seinem schwindelnden Auge, dann sah er klar. Sah nichts, als die unerschütterte Gestalt des Generals. Zuerst erschien sie ihm hoch über ihm thronend, unfaßbar hoch. Fremd, eiskalt fremd war diese Ruhe, ihm, den noch immer ein leises Angstbeben durchzitterte. Dann aber senkte sich die Gestalt aus ihrer unerreichbaren Höhe, so tief, daß Nathan jeden Zug, jede Falte des eisernen Gesichtes sah. Langsam verlor es seine Fremdheit. Diesen gepreßten Mund, diese unveränderliche Stirnfalte, dieses vorgedrückte Kinn, das alles kannte er ja, das hatte er oft, täglich hatte er's gesehen! Wo doch, wo doch? Er forschte in seinem Erinnern, eine Falte grub sich in seine Stirne, die dicken Lippen engten sich, das Kinn trat vor, jetzt wußte er's! All das war auf dem Bilde zu sehen, das ihn als König der Börse zeigte. Von einem berühmten Maler war's, er hatte den Namen vergessen, fünfhundert Pfund hatte der Ganeff dafür verlangt, es hatte früher an der Stelle gehangen, wo jetzt das Bild des Verfluchten hing, der, der da gegen ihn anrückte mit Feuer und Eisen, der die Kugeln schmeißen ließ gegen ihn, der ihn vernichten, ihm sein ganzes schwer erkämpftes Vermögen stehlen, sein Leben zertrümmern wollte!

Dicht neben dem General schlugen ein paar Geschosse ein, er stand unbewegt. Nathan Rothschilds Blick umfaßte die eiserne Gestalt. Ein Gefühl tiefster Gemeinsamkeit zog ihn zu ihr. Sie hatten denselben Feind, um ihrer beider Sein, um den Zweck ihres Lebens ging es in dieser Stunde. Immer deutlicher prägten sich des Briten Züge: die eiserne gefurchte Stirne, der schmale Mund, das marmorne Kinn. Für einen Augenblick versank die Schlacht. Der General stand inmitten des großen Saales der Londoner Börse. Um ihn wirbelten die kleinen Leute, er aber stand fest, nur dem Ziele zugewandt. Und wieder die tobende Wirklichkeit des Kampfes. Aber nicht mehr der General lenkte ihn, sondern er, Nathan Rothschild. Stärker klang der Name auf, überdröhnte den Marschtritt der Truppen, den Hufschlag der Pferde, die Schauer der Salven, das Höllendröhnen der schwerpfündigen Geschütze. In rascherer Folge schlugen die Geschosse ein, immer näher, näher, er fühlte es kaum. Er dachte mit dem Hirne des Generals, wenn dieser zu einem kurzen Befehl die Hand hob, glänzte auch des Juden Solitär aus dem Pulverdampf.

Ein Meldereiter. Ein triumphierender Schein erhellt des Generals Gesicht, jagt über seine Offiziere fort, über die letzten Reserven, die in den Kampf ziehen, eine jubelnde Botschaft auf Aller Lippen: »Die Preußen sind da! Vierzigtausend Mann! Die Schlacht ist entschieden!«

Höherauf wogt die Symphonie zum jauchzenden Furioso, noch ein, zwei Kugeln, dann schwächt sich mählich der Lärm, das wilde Orchester verklingt, der Feind weicht. Schwadron um Schwadron der roten englischen Reiter braust vorüber, ihn zu verfolgen.

Nathan Rothschild sieht es kaum. Einen Augenblick lang hat sein Herz mitgejubelt über den Sieg, aber nun weiß er, jetzt ist nicht mehr hier sein Platz. Was sich noch begeben wird, ist ihm gleichgültig geworden. Jede Minute ist Verlust. Ein herrenloses Pferd umtänzelt ihn, er schwingt sich darauf, er kann reiten, wahrhaftig, er kann reiten! Er sitzt nicht schön, aber er meistert das Tier, er hält sich, er jagt die Landstraße fort, weiter, bis das Pflaster der Straßen von Brüssel unter den Hufen tönt.

Im schnellsten Eilpostwagen reist er durch die belgische Ebene, am Morgen sieht er das Meer. Es braust, wilder, rasender, als die Schlacht. Ungeheuer türmen sich die sturmgepeitschten Wogen vor Nathan Rothschild, überbrüllen den machtvollen Namen. Kein Schiffer will fahren, wie auf der Börse steigert der Bankier sein Angebot. Ein tollkühner Kerl wagt's für zehntausend Francs. Die französischen Wogen heben, begraben, heben das Schiff. Aber die englischen ducken sich vor dem Namen, sie landen bei glatter See.

Er kehrt nicht heim in sein Haus. Furchtlos betritt er dunkle Gäßchen, verrufene Häuser im düstersten Viertel Londons, gibt seinen Geheimagenten Weisungen für den nächsten Tag, mit unerschüttert klarer Kraft, als hätte er die letzten Nächte in den Daunenbetten seines Palais herrlich geruht.

Am nächsten Morgen steht er auf seinem Platz im Börsensaal, vom ängstlichen Bienenwirrwarr der Kleinen umsurrt. Aller Blicke hängen an ihm, an der eisernen Stirnfalte, dem gepreßten Mund, dem marmor-gemeißelten Kinn. Das alles aber ist heute von dem Dunkel einer tiefen Sorge überschattet, das sie selbst an den bösesten Tagen nicht an diesem unbeirrten Gesicht gesehen haben.

Höher auf, wirrer und angstvoller schwirrt der Schwarm. Und dann ein Klageschrei, wie am großen Bußtag im Tempel. Das Haus Rothschild verkauft Papier um Papier.

Die Kurse sinken.

»Wellington ist geschlagen!«

Die Kurse sinken.

»Wellington ist tot!«

Die Kurse sinken.

»Siebzigtausend sind tot!«

Die Kurse sinken.

»Hunderttausend!«

Die Kurse sinken.

»Die ganze Armee!«

Die Kurse sinken.

»Napoleon kommt zu fahren über den Kanal!«

Die Kurse sinken.

»Er hat betreten den Boden von England!«

Die Kurse sinken.

»Er ist in London!«

Tiefer, tiefer, tiefer sinken die Kurse. Einen Abgrund öffnet Gott, darin versinken Sünder und Gerechte, die ganze Londoner Börse, wie einst die Welt in der großen Flut.

Ein Makler deutet mit beiden Händen nach ein paar Männern, dunklen Existenzen, kleinen Agenten aus den düstersten Vierteln Londons.

»Gott hat sie geschlagen, sie sind unsinnig geworden!« schreit der Makler.

Aber die Männer lassen sich nicht beirren. Sie kaufen, kaufen Papier um Papier.

Am folgenden Tage trägt Nathan Rothschild sein blütenzartestes Spitzenjabot und eine Purpurrose im Knopfloch, und auf seinem Gesicht liegt der Abglanz des strahlenden Junitages. Mit weithinklingender Stimme verkündet er den Sieg von Waterloo. Die Kurse steigen, steigen zu nie geahnter Höhe.

Nathan Rothschild hat zwanzig Millionen verdient. — — —

Hannah Rothschild steht unter dem Napoleon-Bild und sieht in das Gesicht des Gatten, der eben die Erzählung seiner Abenteuer beendet hat. Nun liegt etwas Rätselhaftes in seinen Zügen, das sie nie an ihm gesehen, das sie nicht zu deuten weiß, lichte Kraft und Sicherheit, und doch auch ein dunkles Geheimnis.

Lächelnd öffnet er eine Schatulle, entnimmt ihr langsam eine Perlenkette, deren Reiz durch riesige Brillanten, Saphire und Rubine ins Maßlose erhöht wird, schmückt genießend der Gattin schönen Hals.

Worte des Dankes stammelt die Geblendete. Nathan Rothschild wehrt ab: »Ka Ursach, ka Ursach! Aber«, er deutet, noch immer lächelnd, nach dem Bild. »Tu'n erunter nemmen, den dort oben, indem ihn Gott hat schon niedriger gehängt in die letzten Täg. Tu'n erunter nemmen, sog ich der, sonst lachen die Leit über dir!«

Da erwacht plötzlich der Geist des alten Barnett Cohen in Hannah. Sie senkt das schöne Haupt in den Schimmer der Edelsteine, als beuge sie sich vor dem einzigen Gott ihres Vaters, dem Erfolg.

Dann blickt sie zaghaft zu dem Bilde auf.

Der Rosenkranz ist verwelkt, moderig riechen die kranken sich lösenden Blätter, mißfärbig sind sie, sie tragen den Tod. Die Rubine, Saphire und Brillanten aber flammen auf im siegenden Sommerlicht, voll starken, unvergänglichen Lebens.

Langsam nimmt Frau Hannah Rothschild das Bild von der Wand.

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