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Sänger und Könige

Der Hund

Reading edition

Goethes Auge war hell und seine Stirne glatt, als er das Theater verließ. Zwar hatte es auch heute genug des Ärgerlichen gegeben: Der junge Genast hatte ein paar unreife Tölpeleien begangen, die Madame Wolff ihre Rolle nicht ziemlich memoriert und deren Gatte seinen gestrigen Rausch noch nicht abgeschüttelt. Aber all dies Dunkle wich einem neuen Licht. Wilhelm Neander hieß der Schauspieler, der sich heute zum ersten Male präsentiert hatte. Der Klang des Namens lag Goethe wohlig im Ohr. Es war schön, daß er nicht irgendeinen plumpen deutschen Namen führte. So stimmte alles überein: die ebenmäßige Gestalt, der edle Kopf mit dem kühnen glänzenden Blick, das wundervolle, in allen Registern klingende Organ. Nichts, nicht das Leiseste, das den Gesamteindruck dem Empfindlichen gestört hätte, es war alles vollendete Harmonie. Nie in diesem rauheren Lande hatte Goethe Ähnliches empfunden, er mußte schon die Genüsse seiner großen Genesungsfahrt nach Italien im Erinnern zum Vergleiche wachrufen. Griechenland war der Jüngling, erfüllter Traum verhaltener Sehnsucht. Aber nicht das allein.

Versonnen schritt Goethe weiter. Die Menschen ringsum, die ihn entweder demütig grüßten oder frech begafften, störten ihn nicht mehr. Längst trennte ihn eine Schicht kühler Luft von dieser kleinen unwürdigen Welt. Eine Gestalt erwuchs vor ihm. Er selbst als Jüngling. Wie einen Fremden sah er sich. In der Arbeit an seiner Lebensgeschichte, die nun, umhüllt von Lob und Tadel, durch das Land zog, war er sich selbst historisch geworden. Aber hatte er sich nicht heute gesehen, in schönerem Leben, als es hellstes Erinnern zu zaubern vermochte? Glichen seine Züge, die heute zum Marmor des Wissenden gemeißelten, nicht jenen des Jünglings, hatte sein Auge nicht einst im selben Feuer dem Leben entgegengeleuchtet, hatte nicht seine Stimme den gleichen Klang getragen, als er im Tiefurter Park den Orest gesprochen, in jener schönen Dämmerzeit, da ihm die Welt noch voll purpurner Geheimnisse gewesen? Orest! Von dieser Stimme würde er ihn wieder hören können. Es war genug des Glücks!

Auf dem Frauenplan lag die volle Frühlingssonne, der kühlen Treppenhalle in des Geheimrats Hause blieb sie ehrfürchtig fern.

Über die Möbel, Wände und Geräte des Zimmers legte sie nur einen stillen ebenmäßigen Glanz, jenem ähnlich, der noch immer auf der hohen Stirne des Eintretenden lag. Nun tönte diese sich tiefer, gleich einem Statuenhaupt, vom Flügelschatten eines Vogels gestreift. Der Diener meldete einen Audienzwerber.

»Er möge ein andermal kommen!«

Aber der Diener blieb: »Ich bitte um Vergebung, Eure Exzellenz vergessen wohl, daß heute Empfangstag angesetzt ist.«

Goethes Hand strich über die Stirne: »In der Tat, ich vergaß.«

Er straffte sich ins Gewohnte zurück. Pflicht! Keinen Schritt vom Alltagswege, den er sich vorgezeichnet! Auch die Welt hatte ein Recht an ihm.

»Wer ist's?«

Der Diener buchstabierte aus dem Anmeldebuch: »Schauspieler Christoph Karsten, unfesten Aufenthaltes.«

»Gut, rufe Er ihn!«

Die lichte Stunde verschattete sich tiefer. Verhaßter Tabakdunst drängte sich an Goethe. Ein breiter, derbknochiger Kerl verbeugte sich ehrfürchtiger als nötig und ließ dann ein demütiges, grinsendes, ein wenig ängstliches Gesicht sehen, in dessen Augenwinkeln doch gedrängt eine plump-freche Vertraulichkeit saß, die nur lauerte vorzuschnellen und sich zu verbreiten.

»Euer Exzellenz tiefgehorsamster Diener empfiehlt sich dero Geneigtheit!«

Er hatte in der ersten Befangenheit die Türe schlecht geschlossen. In die Stille der folgenden Augenblicke drang aus der Halle jappendes, trappelndes Geräusch, mit unterdrückten Rufen des Dieners vermengt. Der Türflügel schnellte auf, und über die Schwelle sprang ein Hund, dessen lebhafte Gebärde in der bändigenden Stille des Raumes erstarb. Reglos saß er, sah an seinem Herrn vorüber zu Goethe auf aus großen, geweiteten Augen.

»Wie kommt dieses Tier in mein Haus?« rief Goethe, ergriff die Glocke, schellte, der Diener taumelte herein in keuchender, stammelnder Verwirrtheit.

Der Schauspieler, der noch eben mit einer lächelnden Geste den Pudel hatte präsentieren wollen, stürzte sich nun mit einem Fluch auf ihn, trieb ihn mit Fußtritten hinaus, hob ihn hoch und warf ihn die Treppe hinunter, daß er wehheulend sich nach der Straße schleppte. Des Tieres letzter hilfesuchender Blick hatte Goethe gesucht.

»Schließe Er das Tor!« befahl der Geheimrat dem Diener. »Und sei Er das nächste Mal achtsamer! Der Hund gehört Ihm?« wandte er sich an den Besuch.

Die gestaute Vertraulichkeit in des Schauspielers Augen hatte sich verkrochen, nur Angst hockte nun darin.

»Zu dienen, Exzellenz, leider, das heißt, es ist mir nicht erklärlich, wie das verhagelte Biest ...«

»Fluche Er nicht! Er hätte nicht so roh sein müssen. Das unvernünftige Tier trägt nicht Schuld an Seiner Lässigkeit!« Eine abschließende Handbewegung. »Was will Er von mir?«

Der Schauspieler fühlte, daß das Gewitter vergrollte, richtete sich ein wenig auf, die Angst löste sich aus seinen Zügen: »Halten zu Gnaden, Exzellenz! Ich war so unglücklich darüber, Eurer Exzellenz zu mißfallen, daß ich meinen Hund ein wenig zu derb anfaßte. Es ist sonst nicht meine Art, gewiß nicht, ich bin ein guter Mensch!«

»Rede Er nicht! Setzen wir den Fall beiseite! Komme Er zur Sache!«

»Die Sache,« fuhr der Schauspieler, nun ganz seiner Sicherheit zurückgegeben, fort, »geht, ich muß leider sagen, im ersten Punkte meinen Hund an. Eure Exzellenz haben einen Horreur vor diesen Tieren, ich verstehe es, sie sind oft dumm und schmutzig. Aber mein Pudel ist eine Ausnahme. Herausgesagt,« die Vertraulichkeit schoß aus den Augenwinkeln, überfloß für einen Herzschlag fettig das ganze Gesicht, »herausgesagt, er ist ein Kollege, ein Akteur. Und deshalb habe ich mir untertänigst die Freiheit genommen, bei Eurer Exzellenz in Audienz zu erscheinen.« Nun floß die Rede ungehemmt weiter. »Vielleicht darf ich mir schmeicheln, Eurer Exzellenz nicht ganz unbekannt zu sein. Bei dem regen Interesse, daß Sie allem bezeugen, was das deutsche Theater angeht, ist es vielleicht nicht allzu vermessen. Ganz gewißlich aber haben Sie von dem berühmten Stücke ›Der Hund des Aubry‹ Kenntnis erlangt. Es war in Dessau, in Hamburg, in Wien sogar ein großer Sukzeß. Ein Sukzeß, der wohl, ohne mich über Gebühr zu rühmen, fürs allererste mir zu danken ist. Die Hauptrolle in diesem Stücke agiert nämlich neben dem sagenhaften Ritter Aubry, den darzustellen ich selbst die Ehre habe, ein Hund. Ja, ein wirklicher Hund! Deshalb hat man das vortreffliche Werk solange nicht vorstellen können. Erst ich habe es durch meine Wunderdressur dahingebracht. Und so wage ich es denn, durch den bisherigen Erfolg ermutigt, die gehorsamste Bitte zu stellen, Eure Exzellenz möchten anbefehlen, daß dieses Drama auch auf der höchstberühmten Bühne zu Weimar möge ins Licht treten! O bitte, ich weiß, daß ich kein so hohes Honorar werde fordern dürfen, wie etwa in Wien oder im reichen Hamburg, ich bescheide mich, ich will überhaupt kein Geld, die Ehre, hier an dem trotz seiner Kleinheit famösesten Theater Deutschlands, unter den Augen seines größten Dichters, meine Kunst zeigen zu dürfen, ist für mich von so unschätzbarem, idealem Werte, daß der schnöde Mammon damit nicht im geringsten den Vergleich hält. Ich bitte Eure Exzellenz auf das Untertänigste, Sie möchten mit einem mächtigen Wort ...«

Das plumpe Lächeln erstarrte, schrumpfte ein, verkroch sich, der Schauspieler sah vorerst auf Goethes, verfinsterte, von fremden Falten durchfurchte Stirne, dann duckte er sich vor dem olympischen Zorne, der auf ihn niederdröhnte.

»Was kommt Ihm bei! Ich soll erlauben, daß an der Stelle, da der ›Wallenstein‹ vorgestellt wurde, ein Harlekin wie Er mit einem Hund seine Possen treibt?!« Die Glocke schrillte wie der Ruf des jüngsten Gerichts. Zum zweiten Male erschien erblassend der Diener. »Dieser Herr verläßt sofort das Haus!«

Christoph Karsten taumelte die Treppe nieder, das Licht des Frühlingstages umtanzte ihn in tausend schillernden Ringen. Schwankend durchschwamm er das Sonnenmeer des Frauenplanes. Dann schrak er auf, vermißte den Hund. Er quälte ein Pfeifen von den vertrockneten Lippen, sah mit lichtgewohnterem Auge rundum. Der Pudel saß vor Goethes Haustor, unverwandt zu den Fenstern aufblickend. Christoph Karsten rannte auf ihn los und zog das widerstrebende Tier würgend hinter sich her, durch das lachende Volk, bis der Gasthof zum Erbprinzen ihn dem Hohne verschloß ...

Die vornehme Lauterkeit des Raumes trübte ein dumpfer Schatten. Das häßliche grinsende Gesicht schwand nicht, zwängte sich frech und breit zwischen Goethes Blick und alles, was sonst stark und anmutig seine Seele erquickte. Hartnäckiger Tabakdunst umbeizte ihn, er stieß das Fenster auf, auch die reine Lenzluft war machtlos. Sehnsucht erwachte in ihm, jener vergleichbar, die ihn nach seiner Rückkehr aus Italien gequält hatte im grauen Land. Eine lange Zeit letzten Sichfindens, Jahrzehnte kraftvoller schaffender und genießender Ruhe hatten sie besiegt. Heute wuchs sie wieder auf, seiner verhaltenen Reife fremd und unheimlich. Mit rascher, fast unbeherrschter Bewegung griff er nach der Glocke.

»Gehe Er nach dem Theater,« befahl er dem Diener, »und bestelle Er dort, ich ließe Herrn Wilhelm Neander, merke er sich den Namen wohl! aufs dringlichste zu mir bescheiden. Ich hätte ihm etwas von Bedeutung mitzuteilen. Spute Er sich!«

In seiner gewohnten Haltung, aber rascheren Schrittes als sonst, durchmaß Goethe das Zimmer, hielt zuweilen am Fenster, sah über den Frauenplan die enge Gasse fort, soweit der freie Ausblick reichte. Dann schoß warme Freude aus seinem Herzen auf, er trat zurück, ließ sich in den Armstuhl nieder und erhob sich erst, als der junge Schauspieler, sich tief verneigend, eintrat.

»Es war sehr freundlich von Ihnen, meinem Ersuchen so rasch zu entsprechen.« Die Stimme trug den alten königlichen Klang und auch die Geste, die zum Platznehmen einlud, war wieder voll harmonischer Ruhe. Nur in dem großen unverändert machtvollen Auge lag ein wärmeres Leuchten.

Der Blick des schönen Jünglings begegnete ihm. Die Züge der beiden Gesichter wiesen wahrhaftig dem äußerlich Vergleichenden manches Ähnliche. Ja, die des Schauspielers waren vielleicht noch schöner und ebenmäßiger, seine Gestalt noch bezwingender, als die des Alten in jungen Jahren gewesen sein mochte. Freilich, dem tiefer Schauenden blieb nicht verhüllt, daß die Lippen sich gewöhnlicher rundeten, daß die Stirne niederer und voll äußerlicher Glätte war und daß die Augen allzuwillig ein Leuchten verströmten, das nur der Oberfläche erwuchs und nicht das Zeichen der Seele trug. Aber dem sonst so scharf Sehenden, dem nichts Menschliches mehr ein Rätsel schien, war heute der Blick getrübt; er sah sich selbst vor sich in schönerer Jugend, von allen guten Göttern reinsten Griechentums gesegnet.

»Sie haben wohl nun auch ein Anrecht, aufs schleunigste zu erfahren, warum ich Sie aus vielleicht angenehmerer und Ihrer Jugend schicklicherer Gesellschaft riß. Nicht nur infolge mancherlei Arbeiten und Obliegenheiten anderer Art, sondern auch durch die widrige Zufälligkeit, daß sich eben nicht die geeignete Person finden wollte, gehindert, habe ich die Zeit her von der Ausführung meines Planes, meine ›Iphigenie‹ neu auf die Bretter zu stellen, Abstand nehmen müssen. Jetzt aber scheint mir, wenn mich nicht alles trügen will, ein recht freundliches Geschick die Verwirklichung bescheren zu wollen. Nun sind Sie wohl noch jung und auch an der rechten Erfahrung, deren Ihr Stand wie jeder andere auch nötig hat, wird es Ihnen noch ein wenig gebrechen. Aber Sie bringen vieles mit, welches dieses Gebrechen genugsam aufwiegt, und es steht zu hoffen, daß Sie mit ehestem gar manchem Älteren den Schritt abgewinnen und den Rang abtrutzen werden. All dies bedenkend, habe ich mich entschlossen, Ihnen, mein Bester, die Rolle des Orest zuzuteilen, dafern Sie dafür eine Anmutung haben sollten, wodurch mir eine besondere Freude geschehen würde.«

Ein mildes Lächeln erweichte das statuenstarke Gesicht. Innerlicher leuchtete das große Auge. Aber aus dem Jungen schoß nun nach einem Augenblick erstarrten Staunens raketengrell die Flamme des Triumphs. Sie duckte sich, Klugheit zwang den Blick zu dankbarer Bescheidenheit.

»Ich bin im Tiefsten gerührt, Eure Exzellenz, wie soll ich danken für diese gnädige Güte!« Er beugte sich nach blitzschnellem Überlegen nieder, Goethes Hand zu küssen. Der entzog sie ihm, ließ sie auf seiner Schulter ruhen.

»Wollen Sie mir beim Mittagstisch noch ein wenig Gesellschaft leisten, so würde mich dies vergnügen. Wir mögen dabei in Ruhe die Sache umständlicher zu Ende sprechen.«

Christoph Karsten hatte in dumpfer Wut und Scham sein freudloses Mahl verzehrt, nun lauschte er auf. Am Nachbartische sprach eine Gesellschaft in gedämpftem Tone, aber deutlich artikuliert, wie es Schauspieler zu tun pflegen. Christoph Karstens geübtes Ohr verstand jedes Wort. Gierig trank er die unerwartete Kunde in sich wie einen süßen Wein. Die Jagemann, die herrliche Heroine, von deren Kunst und Schönheit er auf seinen Wanderfahrten schon mancherlei gehört hatte, sei nun endlich sozusagen Maitresse en titre des Großherzogs geworden, darnach sie lange gestrebt hätte. Daß sie seit Jahren Goethes erbitterte Feindin wäre, sei wohl in Weimar allgemein bekannt. Nun werde er also trotz seines Ruhmes nicht mehr lange der Allmächtige bei hierortigem Theater sein und für die Favoriten des neuen Sterns würden recht gute Tage kommen. Ach, wer doch auch unter diesen wäre!

Der Ausruf klang in dem Schauspieler nach. Wer doch auch ein Günstling der großen Göttin wäre! Christoph Karstens Stirne furchte sich. Konnte man nicht auch ein solcher werden, wenn man's schlau anstellte? Er verspann sich in angestrengtes Überlegen. Bis die Falten sich glätteten, ein hoffnungsvolles Lächeln sein breites Gesicht überfloß. Er trat, den widerstrebenden Pudel aufs engste führend, in einen Laden und wählte bedächtig das schönste Spitzenjabot, das eben gestern, wie der Verkäufer versicherte, als letzte Neuheit aus Leipzig eingetroffen war.

Frau Karoline Jagemann hatte, wie dies in letzter Zeit nicht selten vorkam, die Probe verschlafen, war eben erst mit der Grande-Toilette zu Ende gekommen und trank ihre Schokolade, als Christoph Karsten gemeldet wurde. Sie wollte schon, ihrer Gewohnheit folgend, ihn abweisen lassen, da erinnerte sie sich, daß Serenissimus' Besuch erst für die vierte Stunde angesagt sei. Sie war heute nicht in der Laune, zu lesen oder gar eine neue Rolle zu memorieren, und so lagen drei Stunden vor ihr, deren graue Eintönigkeit sie schreckte. Darum wandelte sich ihr verneinendes Kopfschütteln in ein gnädiges Nicken, und bald stand der Schauspieler vor ihr, ganz Demut, Ehrfurcht und Bewunderung. Die Primadonna hob das Stielglas und musterte ihn unverhohlen, wie eine ihr zum Kaufe gebotene Ware. Die Lorgnette fiel, die gesenkten Mundwinkel sagten deutlich ihr Mißfallen. »Was will der scheußliche Kerl?« fragten die Augen.

Christoph Karsten verlor seine Fassung nicht. Er war solchen Empfang bei schönen Frauen gewohnt. Er panzerte sich mit noch tieferer Devotion, duckte den Kopf, der Ungnädigen für einen Augenblick den Anblick seines Gesichtes zu ersparen, und zwang seine Stimme zu sanftestem Tone:

»Die hochverehrte Madame wolle gütigst verzeihen, daß ich, einer der geringsten Knechte in Thespis' Tempel, es wage, der hochgefeierten größten Künstlerin unserer Tage unter die schönen Augen zu treten!«

Die Miene der Jagemann erhellte sich langsam. Ihr Künstlerohr war für jeden Wohllaut empfänglich. Sie senkte die Lider, um nichts zu sehen, nur zu hören. Behutsam berichtete Christoph Karsten, setzte seine Worte mit klugem Vorbedacht, auf daß sie sich dem Sinne der Frau anschmiegen möchten, dessen Wandlungen sich in dem bewegten Gesichte erkennen ließen.

Nun aber entspannte es sich. Ein Stück wollte er anbringen? Das wollte jeder, das war langweilig!

»Ist zum Wenigsten eine Rolle darin, an der sich meine Kunst erquicken kann, eine ...« die Augen flammten jäh geöffnet, eine reißende Geste: »Königin, die alles beherrscht, die den Fuß auf den Nacken ihrer Sklaven setzt?«

Christoph Karsten hob die Schultern so hoch, daß er fast bucklig schien:

»Zu meinem tiefsten Leidwesen, das hat der Dichter verabsäumt. Es agiert nur eine zarte, sanfte Dulderin in dem Stücke, die wohl ...«

Abwehrend hob sie die Hand, daß die kostbaren Ringe blitzten, die erst ein paar Tage lang ihre gepflegten Finger schmückten:

»Halte Er ein! Mir wird übel, wenn ich von diesen ennuyanten Weiberchens höre, wie sie unsere Poeten preferieren! Ich habe mir an der Iphigenie und dem unerträglichen Gretchen den Magen verdorben! Wenn Er nichts anderes weiß, dann ist wohl ...«

Sie kehrte sich nach dem Fenster, als sei sie schon allein. Über des Schauspielers Gesicht zuckte ein sicheres Lächeln.

Er hielt seine Trümpfe fest, die nahm ihm keiner! Aber er wiederholte in kläglichem Tone seine Bitte.

Die Frau wandte sich wild, fuhr ihm in die Rede:

»Was steht Er noch da? Was schiert mich überhaupt Seine Sache. Bin ich Theaterleiter? Gehe Er zu Herrn Goethe und lasse Er mich in Frieden!«

»Ach meine allerbeste, liebste Madame, rauben Sie mir doch nicht meine letzte Hoffnung! Ich komme ja soeben von Seiner Exzellenz ...«

»Wie? Er war bei ihm? Ja, warum kommt Er denn nicht zuerst ...«

»Wie hätte ich es wagen dürfen! Ich könnte mich ja selbst ins Gesicht schlagen, daß ich mich jetzt dieser Kühnheit unterfing, da ich sehe, wie meine demütige Bitte meine großgünstige Gönnerin erzürnt!«

»Ich zürne Ihm nicht, vielmehr ich zürne Ihm fast, daß Er den dort mir vorangestellt hat!«

»Aber, höchstverehrte Meisterin, wie mögen Sie dies nur sagen! Ich ihn einer Jagemann voranstellen! Die ganze Welt würde mich darob verlachen! Au contraire! Man geht doch immer zuerst zur niederen und dann zur höheren Instanz.«

Er hielt ihren forschenden Blick aus, ohne die Miene zu ändern. Sie nickte zufrieden:

»Und mit welchem Erfolg? ...«

»Ach, lassen Sie mich davon schweigen, Edelste! Es fehlte nicht viel, er hätte mich die Treppe hinabgeworfen. Aber, mich selbst beiseite gesetzt, eines werde ich ihm nie vergessen! Daß er mein armes, kluges, kunstreiches Hündchen, das eine gütige Seele hat, wie ein Mensch, mit Fußtritten bedachte!«

Ein Schluchzen erstickte seine Rede.

»O, des Abscheulichen, o, des Rohen!« schrie die Jagemann. »Das durfte man von ihm erwarten! Er hat keine Seele! Er trägt einen Panzer! Alles gleitet nieder an ihm! O, wenn ich ihn treffen könnte, diesen Panzer durchbohren, mitten ins Herz! O, welche Wollust wäre das, welche ...« Sie besann sich jäh, ein schnellender Blick traf den Schauspieler, der unbewegt in der alten Stellung hielt, als hätte er nichts gehört.

»Das arme, arme Tierchen! Wo ist es? Bringe Er mir's im Augenblick, ich will es streicheln und liebkosen, daß es aller Unbill vergessen soll! Wo ist es?«

»Mit Verlaub, ich habe das Hündchen unten an den Torpfosten gebunden.«

»Er ist ja auch ein herzloser Mensch! Rasch, bringe Er's mir! Rasch, rasch!«

Als Christoph Karsten die Treppe hinablief, brach das zurückgedämmte Triumphlächeln sich für einen Augenblick Bahn. Dann versiegte es, denn er mußte alle Kraft aufwenden, des widerstrebenden Hundes Herr zu werden.

In wildester Erregung durchmaß die Jagemann den Raum, ihr Atem keuchte, ihre Füße traten wie die eines Mannes. Gleich einem warmen Sturzbad überströmte sie die Erkenntnis dieser Stunde.

Daß jetzt endlich, endlich, sie wagte kaum, es zu denken, der Augenblick da sei, den sie jahrelang fiebernd ersehnt hatte!

Ihre heiße Verwirrung löste sich in wilden Liebkosungen. Sie preßte den Hund an sich, küßte ihn, wühlte sich in sein Haar. Reglos, in leiser, stummer Abwehr hielt der Pudel. Nur seine Augen suchten in seltsamer angstvoller Sehnsucht eine unbestimmte Ferne.

Mit jähem Ruck ließ die Jagemann den Hund auf das Kanapee niederfallen, streckte dem Schauspieler beide Hände entgegen:

»Verlaß Er sich darauf, Sein Stück wird vorgestellt werden! Ich, ich bürge Ihm dafür!«

Als Goethe das Theater betrat, überreichte der Leibjäger ihm ein Billet des Großherzogs, darin dieser den befehlenden Wunsch aussprach, das Schauspiel »Der Hund des Aubry« mit dem pp. Karsten und dessen Pudel als Hauptakteurs mit ehestem im Spielplan zu sehen, und zwar setze man hiefür als Termin den achten Mai, da man willens sei, am neunten schon für dieses Jahr Frühlings-sejour in Ettersburg zu nehmen. Goethe zwang den aufkeimenden Ärger nieder und diktierte alsogleich seine Antwort. Er gebe Seiner Hoheit zu bedenken, daß es nicht angehe, auf jener Bühne, darauf die größten dramatischen Meisterwerke dargestellt würden, einen dressierten Hund vorzuführen, daß er, in aller Ehrfurcht gesagt, solange er die Theaterleitung innehabe, nie und nimmer darein willigen werde, daß er für den achten Mai als Vorfeier zu Schillers Todestag den »Don Carlos« angesetzt habe und seinen hochfürstlichen Herrn in aller Devotion hiezu einlade.

Die Gesellschaft des jungen Neander tilgte den letzten Unmut in ihm. »Ich habe eine neue große Aufgabe für Sie«, kündigte er dem Jüngling an. »Sie haben doch den Posa studiert, nicht wahr? Halten Sie sich bereit! Gerät es Ihnen zum besten, wie ich es Ihrer vortrefflichen Begabung wohl zutraue, dann haben Sie das letzte Hindernis genommen. Ich selbst werde die Rolle mit Ihnen durchnehmen. Besuchen Sie mich des Nachmittags gegen die fünfte Stunde, wann immer Sie wollen. Es steht zu hoffen, daß wir etwas Fruchtbares und Ersprießliches vorbringen werden.«

Wenn auch Goethe die innere Erregung über den lästigen Vorfall schon überwunden hatte, so war doch sein ganzes Wesen noch von dem Erinnern daran wie von einem Schleier verhüllt, der auch seinen unbeirrbar starken Blick trübte. So fiel ihm nicht auf, daß des jungen Schauspielers Gehaben sich heute ein wenig gewandelt hatte. Sein Blick war nicht so frei, seine Stimme klang nicht so unbekümmert hell wie stets, doch lag noch dieselbe Ehrfurcht in seinem Verhalten, ja mehr als sonst, allzuviel vielleicht. Und die Verbeugung, mit der er von Goethe Abschied nahm, war tiefer als ziemlich, da er bestrebt war, dem großen ihm heute unheimlichen Auge nicht zu begegnen.

Der Großherzog wiederholte in noch bestimmterer Form seinen Befehl, die Einwände Goethes nicht beachtend. Nun wußte dieser, daß ihm nur mehr ein Mittel blieb, das Unerhörte zu verhindern. Er hatte schon einmal bei einem ähnlichen Anlaß sich dessen mit Erfolg bedient. Wenn er heute wieder seine ganze Person ins Spiel warf, dann war es gewonnen. Ihn selbst würde trotz allem der gnädige und verstehende Herr nicht opfern, einer Laune wegen. Torheit, daran nur zu denken!

Goethe erbat seine Entlassung.

Am nächsten Tage sandte der Theaterdiener dem Dichter einen halb scheuen, halb frechen Blick nach, wie einem verwundeten Tier, dessen Kraft man noch immer zu fürchten hat. Erst als die aufrechte Gestalt ihn nicht mehr schreckte, gerann der Blick zu einem schmutzig-giftigen Lächeln. In den Korridoren standen und lümmelten Schauspieler und Aktricen. Ihr Schnattern verstummte, aber ihr Gruß war heute weniger ehrfürchtig als sonst. Aber jeder, auf dem eben für einen Herzschlag das große Auge ruhte, duckte sich, als zwänge ihm eine Faust den Nacken nieder. Auch der jugendliche Held Wilhelm Neander war in der Menge gewesen. In dem Augenblicke jedoch, da er Goethes ansichtig wurde, war er in einen Seitengang gehuscht, der in eine Nottüre mündete. Als der Dichter ihn rufen ließ, war er nicht mehr zu finden.

Ein seltsames Gefühl ließ Goethe an der Türe seiner Kanzlei zögern. Er kämpfte es nieder, betrat den Raum. Roch es nicht modrig hier? Waren die Wände nicht kahler als sonst? Hockte nicht in den Ecken kalte Fremdheit, kroch näher über Kanapee, Sessel und Schreibtisch? Ein Brief mit dem großherzoglichen Siegel. Goethe griff nach dem Falzbein, umpreßte es, mit einem zwanghaften Ruck, seiner gemessenen Art fremd, öffnete er das Schreiben: Man sah sich genötigt, seinem berechtigten Wunsche nach Schaffensmuße nicht entgegenzustehen, enthebe ihn in Gnaden vom Amte eines Theaterleiters und sage ihm huldvollsten Dank für seine unschätzbaren Dienste. Er war entlassen.

Still, ganz still saß Goethe. Starr geweitet sahen seine Augen ins Unsichtbare. Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, das er an der Seite seines Fürsten verlebt, zog an ihm vorüber, jede helle Stunde, jedes warme Wort. Wohl eingefügt in Goethes geordnete Welt, hatte der Herr seinen Ehrenplatz behauptet in unerschütterter Gesetzmäßigkeit, war ein Pfeiler gewesen, der des Dichters irdisches Dach getragen. Der Pfeiler fiel, nun wankte das Haus.

Der Brief entglitt Goethes Hand, seine Wangen erschlafften, müde war er, müde und alt. Als er sich dessen bewußt wurde, schrak er auf. Das durfte nicht sein! Einen Baum mußte er finden, einen kraftvollen, jungen Stamm, sein erschüttertes Haus zu festigen. Das Bild des Jünglings erstand vor ihm. Der war's, der! Der ihm ähnlich, der seine Jugend war! Eine neue Jugend!

Goethe erhob sich, rasch durchschritt er das Haus, achtete nicht der dummfrechen Blicke, die ihn umschnellten, suchte, suchte. Er fand ihn nicht. Er trat auf die Straße. Kämpfte den Schwindel nieder, den das jähe Sonnenlicht ihm ins Auge schoß, sah klar. Sah eine Karosse, die an ihm vorüberfuhr. Die Jagemann saß darin. Und ihr zur Seite der, den er suchte mit aller Sehnsuchtskraft.

Goethes Blick faßte den Jüngling. Wollte ihn zwingen, ihm zu stehen, ihm frei zu begegnen. Keine Antwort. Der Schauspieler blickte vorbei, nicht einmal ein Gruß, das tiefrote Gesicht beugte sich krampfhaft nieder zu der lachenden Frau.

Christoph Karsten aber holte alle Frechheit hervor, die in seinen Augen gespeichert lag, und grinste dem Großen entgegen. Der Hund riß sich mit einem Jubelschrei los und sprang an Goethe hoch. Da wich die Beherrschung von diesem, mit einem groben Schlag schleuderte er den Pudel fort, den nun der Schauspieler fluchend an sich schnürte.

Die weißen Wolken segelten über den seidenblauen Himmel, die weißen Blütenbäume in den Gärten schienen ihr irdisches Spiegelbild. Unmerklich, durch eine liebliche Dämmerung verglitt der goldene Tag in eine milde Nacht.

Goethe saß daheim, öffnete das Fenster, im Frühling Trost zu finden, schloß es wieder. Was ihm seine große Ruhe gegeben, war, daß er immer eins gewesen mit Himmel und All. Nur so hatte er, was keiner verstand, ohne Verlust seine kostbaren Jahre auf diesem kleinen Erdenfleck verbringen können, weil auch hier aus den Blumen Gottes Freude lächelte, aus den Wolken Sein großes Werden, Vergehen und Werden sprach und aus dem Sternenhimmel das Gesetz Seiner Ewigkeit. Und weil der Dichter, in diesem Glauben mit allem Schöpferwerke tief verbunden, ewig an Gottes Herzen ruhte. Heute lauschte er vergebens dessen Schlag. Er war gelöst aus der großen Welt des Herrn, taumelte, ein Mensch wie Tausende, ohne Halt zwischen Himmel und Erde. Eisige Angst stieg in ihm auf. Er selbst, der Ruhelose, Friedensferne, erwuchs vor ihm, ein Gespenst, das mit kalten Schattenhänden ihn umschlang, seine Kehle schnürte, daß sie stumm blieb, daß auch der letzte jämmerliche Trost, der Wehschrei gequälter Kreatur, ihm versagt war.

Horch! Schrie sein Schmerz aus dem Unsichtbaren? Durch die gebettete Stille schnitt ein Laut. Ein klagendes Heulen voll zager Angst und doch voll letzten, tiefsten Verlangens.

Schweigen. — Aber der Nachhall erfüllte des Einsamen Brust. — Verebbte. — Nun ersehnte er den Laut. Als könnte er sich daran halten, als sei dieser mißtönige Schrei das Einzige, das ihn mit der grausam verstummten Welt verband.

Mit innerem Jubel begrüßte er den wiederanhebenden Klageton. Dessen unsichtbare Macht zog ihn langsam an, näher, wie ein Traumwandler schritt Goethe die Treppe nieder, öffnete das Tor, schneeweiß erglänzte der Pudel im Mondlicht, schwieg, kroch heran, rankte sich demütig an dem Menschen hoch, leckte ihm die kalte Hand, die ihn nun umfaßte, emporhob, trug, ihn sanft niedergleiten ließ. Ein leises, halbersticktes Wimmern ließ der Hund noch hören, das in der Fülle des jähen Glückes verging. Vertraulicher schmiegte er sich an Goethes Fuß. Wohlig empfand der Dichter die Wärme, die aufwärts strömte in sein Herz, das wieder im gewohnten Maße pochte.

Er beugte sich nieder, seine Hand ruhte am Herzen des Tiers, fühlte dessen Leben wie ein Wunder. Sanfter faßte er den Hund, bettete ihn an seiner Brust. In seltsamem Gleichklang schlugen die Herzen.

Goethe hob das befreite Haupt, sah geklärten Auges in den Sternenhimmel. Und war mit seiner Ruhe, mit der atmend-bewegten Erde, mit Gottes Drang und Stille wieder eins.

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