Der Gott in Flammen
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Anton Bruckner war der seligste aller Menschen. Im letzten Lichtschein des Februartages hatte er die letzte Note seiner neuen Symphonie geschrieben, und nun mit dem sanft einsinkenden Dämmern, auf den Purpurwolken seiner verklingenden Vision schwebte Gott selbst in den kargen Arbeitsraum nieder, Gott, dem ja jeder Klang in Bruckners Seele geweiht war, Gott, um den er gerungen hatte im Auf und Nieder des Schöpferglücks und -leids. Nun, da das Werk vollendet, kam Er ungerufen, aus freiem herrlichen Willen, segnete ihn und verkündete ihm mit einer Stimme, die süßer und mächtiger klang als die Wunderorgel von Sankt Florian, daß Er ein Wohlgefallen habe an Seinem Knecht und daß dessen Werk Friede und Erlösung spenden werde Allen, die eines guten Willens sind.
Erwählt! erwählt! widerklang es in dem Verzückten, vor Allen erwählt, Gottes Liebe zu künden, die Menschen zu erhöhen, ihnen das Brot des ewigen Lebens zu schenken! Vorschmack des Himmels, unnennbares, kaum in Tönen zu formendes Glück!
Anton Bruckners übermächtige Seelenkraft ermattete ins Irdische zurück, Gottes Bild löste sich ins immer tiefere Dunkel. Ein Geräusch vom Hausflur scheuchte den letzten berauschenden Himmelsklang. Näher rückten die Wände, umzwängten Bruckners Brust und Herz gleich drohenden Höllengestalten. Er griff nach Kerze und Zündholz, das Flackerlicht formte huschende Reflexe und Schatten über die Mauern hin. Im Abendwind, der durch die Fensterritzen strich, hob und senkte sich die Flamme. Leckte wie ein gieriges Tier nach den hochgeschichteten Bogen des Manuskriptes. Bruckner erschauerte. Furchtbarer Gedanke, daß die Flamme, die stumpfe, tierisch-blöde Flamme, Macht gewänne über Gottes Geist! Er löschte die Kerze, sah starrgebannt auf den niederglimmenden Docht. War nicht ein Funke übergesprungen? Die zitternde Hand tastete, strich über die Blätter. Nein. Kühle, reine Gotteskühle lag darüber ergossen.
Wieder nahten die Wände, engten ihm den Atem, Sehnsucht nach reiner Luft überfiel ihn. Nach dem Wind, der nun über die schneeverwehten Felder Sankt Florians strich, nach der weiten Schau über das Heimatland, bis zu den Bergen des Salzkammergutes. Fern war die Heimat. Aber die große Heimat, der Himmel, der wölbte sich auch über dem feindlichen Steinmeer der großen Stadt. Die ersten Sterne traten tröstend ins Fenster.
Noch einmal witterten Bruckners Nüstern nach tückischem Brandgeruch. Nichts, nichts, er konnte gehen. Sein von Gott geschenktes Kind lag wohl behütet, engelrein auf seinem Arbeitstisch.
Gedränge füllte die Heßgasse. Eine Weile trieb der Einsame im Strom. Das Ringtheater prangte im Lichterschmuck. Ein wenig Bitterkeit stieg auf in Bruckner. Er dachte an das kleine Häuflein Getreuer, das seine Konzerte füllte. Ja, zu der neuen Oper, in deren zweitem Akt — das hatten ihm seine Schüler erzählt — es von halbnackten Weibern nur so wimmelte, da rannten die Leute wie besessen und prügelten sich um die Karten!
Der ahnungsschwere den nahen Vorfrühling kündende Wind rührte ihn wie eine mahnende Hand. Aber, aber, was waren denn das für Gedanken! Heute, da Gott selbst ihn gesegnet, heute dachte er an Menschengunst und irdischen Ruhm! Heimlich schlug er die Brust, die Lippen murmelten ein Stoßgebet, erbaten Vergebung für die Sünde der Weltlichkeit. Der Menschenschwall ließ ab von ihm, befreit ging er die stiller werdende Ringstraße nieder, immer weiter, weiter, bog nach dem Kai ein. Der Donaukanal rauschte ihm zu Füßen wie ein sicherer Orgelpunkt, und über ihm leuchtete Gottes unendliches, in tausend Akkorden klingendes Melos, der Sternenhimmel. Seine Symphonie klang aus den Wellen, leuchtete in den Sternen. Ihre Töne füllten die Welt, hoben Anton Bruckner auf ihre erzenen Flügel, trugen ihn, immer höher, höher zu Gott empor. Nahe, ganz nahe war er dem Herrn. Erwählt, erwählt vor Allen, den Menschen ein sichtbares Zeichen der Güte Gottes zu bringen, sie zu beglücken, von irdischen Fesseln zu befreien, emporzuführen zu Gott! Gottes Güte durchwogte wie ein warmer Strom sein Herz. Er war gut! Beseligender Gedanke: Er war gut! — — —
Ein Purpurschein im lieblich weichen Gegensatz zu den scharf gezackten dunklen Dächern floß über den Himmelsrand. Bruckners seliges Auge trank die milde Glut. War es der Bogen des Friedens, das Zeichen des Bundes, den Gott mit ihm geschlossen?
Da schlägt es hoch. Ein jäher Blitz, Flammen über den Giebeln, Lärm braust auf, Feuersignale aus der Ferne, näher, näher, Wagen rasseln, Fenster öffnen sich wie erschreckte Augen, Türen, wie Lippen zu entsetzter Frage.
Starr steht Bruckner. Um ihn beginnt ein Fluten, hin und wider. Erst allmählich faßt er Worte und Rufe:
»Feuer, Feuer!«
»Wo, wo?«
»In der Wipplingerstraßen!«
»Nein, beim Burgtor!«
»Nein, die Museen brennen!«
»Die Oper!«
»Das Rathaus!«
»Die Votivkirchen!«
Aber nun wälzt es sich anschwellend heran, ein Wort, das bleibt, das schwillt, alles übertönt, Schreckensschrei der Tausende wird: »Ringtheater, Ringtheater, Ringtheater!«
Für Bruckners schwerfällig arbeitendes Hirn ist es vorerst ein Schall ohne Sinn. Langsam wird er zum Begriff. Theater. Hundert, aberhundert Menschen. Aber: Ringtheater, Ringtheater! Gegenüber sein Haus! Sein Arbeitszimmer. Sein Klavier, die Zimmerorgel. Alles versinkt. Nur eines bleibt: Auf dem Tische ein Stoß weißer engbeschriebener Blätter. Sein Manuskript!
Manuskript. Die Füße versagen. Bunter Schwindel blendet sein Auge. Der alte Herr umklammert einen Laternenpfahl, von der Menschenwoge umbraust. Dann aber durchreißt ein ungeheurer Wille seinen Leib. Retten, retten! Das eine nur!
Der Strom treibt ihn, schwemmt ihn fort als kleine Welle. Weiter, weiter! Nun biegt die Flut, ergießt sich in den Ring.
Ein Aufschrei.
Ein gelbrotes brüllendes Untier.
Das brennende Haus.
Aber inmitten von Brüllen, Johlen, Kreischen, Heulen, inmitten ziellosen Irrsinns ein Wille. Der wächst, wächst auf zu immer höherer Kraft. Die trockenen Lippen beben:
»Lieber Gott, du lieber Gott, Vater unser, der du bist im Himmel, dös kannst net wollen, dös kannst net wollen, na, dös net!« Aber die Fäuste ballen sich, Bauernfäuste bahnen sich einen Weg, ohne Bedenken, ohne Rücksicht.
Die ersten Bahren zwängen sich durchs Gewühl. Bruckner sieht sie nicht. Jammerschreie gellen aus unnennbarer Not. Bruckner hört sie nicht. Er sieht nur sein Haus, sein Fenster. Feuergrell flammt es im furchtbaren Widerschein, nun schlagen rotschwarze Wolken darüber hin, hüllen es ein, geben es wieder frei.
»Lieber Gott, Du lieber Gott«, betteln die Lippen, die Fäuste ballen sich zur letzten Kraft.
Das Haustor, die Treppe. Immer noch beben die Lippen, immer noch stoßen die Fäuste, taumeln ins Leere, drei-, viermal entgleitet der Schlüssel den zitternden Händen. Endlich! Das Zimmer! Das Klavier, die kleine Orgel, der Tisch. Und darauf, unversehrt, weiß, nur ab und an vom Widerschein der Flammen überhuscht, der Schatz, das Manuskript. Bruckner reißt es an sich, preßt es ans Herz wie ein Kind.
»Du lieber Gott, Du lieber Gott«, beben die erschlaffenden Lippen.
Nachtkälte kriecht in ihm auf, Morgenkälte schon. Erweckt ihn. Dunkel das Zimmer, seltsam fremd die Dinge ringsum. Zuweilen noch leuchten die Fensterscheiben im düstern Rot, das immer matter verbleicht, der Straßenlärm dämpft sich, vergleitet.
Bruckner fühlt, sein Werk ist gerettet. Gott hat ihn gehört, Gott liebt ihn. Er ist erwählt, ein Wunder ist an ihm geschehen. Erwählt vor Allen ist er. Behutsam bettet er das Manuskript wieder auf seinen Platz zurück.
Kalt, kalt ist's. Fremd die Dinge. Die Wände rücken drohend heran wie schwarze Tiere, als wollten sie seine Brust zerpressen. Gott hat den Raum verlassen. Aber draußen lebt Er. Bald wird Er aufsteigen, groß, gewaltig im neuen Tag.
Bruckner tritt in die Gasse.
Vor ihm ein dunkles, da und dort noch aus schwälenden Feueraugen glotzendes Tier. Erst jetzt erkennt er ganz das Furchtbare, erst jetzt weiß er, was geschehen ist in dieser Nacht. Die Fäuste umklammern den Torpfosten, die Lippen beben, aber sie sprechen kein Wort, wagen es nicht, Gottes Namen zu formen.
Der erste graue Morgenschein gießt seine kalte Hoffnungslosigkeit über das Bild. Ein paar Feuerwehrleute graben noch in den Trümmern, die letzten Toten werden auf Bahren gebettet. Einen stellen sie dicht vor Bruckner nieder. Nur Füße und Leib weisen Wunden, ehe die Flamme das Gesicht ergreifen konnte, hat man den umsonst Geretteten geborgen. Eine niedere, stumpfe Stirne, grobe Züge. Nur die Augen. Man hat sie noch nicht geschlossen. Ungehemmt starren sie Bruckner entgegen. Hart, anklagend, voll von einer zerschmetternden Frage.
Die Feuerwehrleute sehen schweigend in das versteinte Antlitz. Endlich sagt einer leise:
»Den kenn i, dem armen Teufel hätt i's Leben vergunnt. Sechse hat er aus'm Feuer g'holt, bis's ihn selber derwischt hat!«
Dann heben sie ihn auf, tragen ihn fort. Die Augen bleiben.
Starren Bruckner entgegen, aus allen Ecken seines morgenfahlen Zimmers. Auf den Bogen des Manuskriptes liegt ihr harter Glanz, wie feurige Weißglut.
Die frißt sich in Bruckners Augen, daß er sie schließen muß, ganz fest schließen. Er verwühlt das Gesicht in die Hände, und ist kleiner als der geringste Knecht vor Gott, in dessen Unergründlichkeit der anklagende Blick des Toten versinkt.