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Sämtliche Werke 17

Onkelchens Traum

E. K. Rahsin translation

Aus den Mordassoffschen Chroniken

I.

Marja Alexandrowna Moskalewa ist natürlich die erste Dame in Mordassoff – darüber kann kein Zweifel bestehen. Sie benimmt sich, als kümmere sie sich um keinen Einzigen: im Gegenteil, als wären alle nur von ihr allein abhängig. Freilich wird sie infolgedessen auch von keinem Menschen geliebt. Freilich hassen sie deshalb sogar sehr viele von ganzem Herzen. Aber dafür wird sie von allen gefürchtet – und das ist es, was sie gerade nötig hat. Ein solches Bedürfnis jedoch ist, meine ich, ein Beweis hoher politischer Begabung. Wie kommt es zum Beispiel, daß Marja Alexandrowna, die den Klatsch über alles liebt und eine ganze Nacht nicht schläft, wenn sie vorher nicht etwas Neues erfahren hat: wie kommt es, frage ich, daß sie sich bei alledem so zu benehmen weiß, daß bei ihrem Anblick kein Mensch vermuten kann, in dieser imposanten Dame die erste Klatschbase der Welt oder zum mindesten doch Mordassoffs vor sich zu haben? O, ganz im Gegenteil: man ist überzeugt, daß ihre bloße Anwesenheit jeden Klatsch verbannen muß, daß etwaige Hinterbringer erröten und wie Schulbuben vor dem Herrn Lehrer erzittern werden und kein anderes Gespräch mit ihr möglich ist, als eines über die höchsten Themata. Sie weiß z. B. von manchen Mordassower Honoratioren so kapitale und skandalöse Dinge, daß, wenn sie sie bei Gelegenheit erzählen und so beweisen würde, wie nur sie allein Ähnliches zu beweisen versteht, in Mordassoff sich ganz sicherlich das Erdbeben von Lissabon wiederholen würde. Indessen ist sie aber sehr verschwiegen, was diese Dinge anbetrifft, und erzählt sie höchstens, im äußersten Fall, Freundinnen. Sie erschreckt nur den Betreffenden, deutet an, daß sie wisse, und zieht es vor, den Herrn oder die Dame in ewiger Angst zu erhalten, anstatt sie endgültig zu vernichten. Das ist Klugheit, das nennt man Taktik! Marja Alexandrowna zeichnet sich unter uns durch ihr einwandsloses Comme-il-faut aus, das alle sich zum Vorbild nehmen. In dieser Beziehung hat sie keine Rivalin in Mordassoff. Sie versteht zum Beispiel, ihre Gegnerin mit irgend einem einzigen Wort zu zerschmettern, zu vernichten, zu töten; währenddessen aber tut sie, als hätte sie überhaupt nicht bemerkt, daß sie das betreffende Wort ausgesprochen. Bekanntlich ist dieser Zug nur der allerhöchsten Gesellschaft eigentümlich. Kurz, in allen ähnlichen Taktfragen hätte sie sogar einen Pinelli[1] glänzend besiegt. Verbindungen hatte sie unzählige. Viele, die Mordassoff besuchten, stiegen bei ihr ab, waren begeistert von ihrem Empfang und korrespondierten nachher noch lange mit der freundlichen Gastgeberin. Einer ihrer Gäste hatte ihr Andenken in einem Gedicht verewigt, das Marja Alexandrowna stolz jedem neuen Gaste zeigte. Ein durchreisender Literat hatte ihr sogar eine Novelle gewidmet, die er auf einer Abendgesellschaft bei ihr vorlas, was einen äußerst angenehmen und guten Eindruck machte. Und ein deutscher Gelehrter aus Karlsruhe, der uns absichtlich mit seinem Besuch beehrte, um hierselbst eine besondere Würmerart mit Hörnern, die es nur in unserem Gouvernement gibt, zu erforschen, und der über diesen Wurm vier Bände in Quart geschrieben hat, war von dem Empfang und der Liebenswürdigkeit Marja Alexandrownas dermaßen entzückt, daß er noch jetzt hochehrerbietige Briefe aus der Stadt Karlsruhe an sie schreibt, die sie dann natürlich nicht unbeantwortet läßt. Marja Alexandrowna wurde in gewisser Beziehung sogar mit Napoleon verglichen – dem Ersten. Versteht sich – nur im Scherz und von ihren Feinden, mehr um der Karikatur als um der Wahrheit willen. Dessen ungeachtet – und obschon ich die ganze Seltsamkeit eines solchen Vergleiches anerkenne, wage ich es doch, eine ganz unschuldige Frage zu stellen: weshalb – bitte, mir darauf zu antworten – weshalb wurde dem großen Napoleon schließlich schwindlig, als er gar zu hoch hinaufgeklettert war? Die Anhänger der alten Dynastie schreiben das dem Umstand zu, daß Napoleon nicht nur kein Sproß aus königlichem Hause, sondern nicht einmal ein Gentilhomme von altem Geblüt war, und daß es folglich nur natürlich sei, daß ihm die plötzliche Höhe einen Schrecken eingejagt habe und ihm bei dem Gedanken an seine geringe Herkunft und den ihn zukommenden niedrigen Platz ganz von selbst schwindlig geworden sei. Doch ungeachtet dieser geistvollen Erklärung, die lebhaft an die Glanzzeit des alten französischen Hofes erinnert, will ich es wagen, folgende Frage zu stellen: warum wird es Marja Alexandrowna nie und unter keinen Umständen schwindlig und warum bleibt sie immer und trotz aller Vorkommnisse die erste Dame in Mordassoff? Es gab zum Beispiel Fälle, in denen alle sagten: „Nun, jetzt wollen wir doch sehen, wie Marja Alexandrowna sich diesmal aus der Affäre ziehen wird!“ Doch siehe, die schwierigen Verhältnisse kamen, bestanden, gingen vorüber – und es geschah nichts! Alles blieb beim alten – oder es wurde sogar noch besser. Zum Beispiel wird sich hier noch ein jeder dessen erinnern, wie ihr Gemahl, Afanassij Matwejewitsch, infolge von Unbegabtheit oder Schwachsinn seine vorteilhafte Stellung einbüßte, da er durch seine Antworten den Zorn eines ihm auf den Hals geschickten Revisors erweckt hatte. Da glaubten denn alle, daß Marja Alexandrowna den Mut verlieren, kleinlaut werden, sich erniedrigen, bitten und betteln würde. Doch nichts von alledem geschah: Marja Alexandrowna sah ein, daß sie doch nichts mehr ausrichten würde – und richtete sich so ein, daß sie ihren Einfluß auf die Gesellschaft nicht im geringsten einbüßte, weshalb ihr Haus jetzt denn auch immer noch als das erste Haus in Mordassoff gilt. Die Frau unseres Staatsanwalts, Anna Nikolajewna Antipowa, die geschworene Feindin Marja Alexandrownas – dem Anschein nach allerdings ihre größte Freundin – frohlockte damals bereits über ihren Sturz. Als man aber sah, daß Marja Alexandrowna sich nichts weniger als irre machen ließ, da erriet man endlich, daß ihre Wurzeln viel tiefer hinabreichten, als man anfänglich geglaubt hatte.

Übrigens – da wir nun einmal auf Afanassij Matwejewitsch zu sprechen gekommen sind, will ich auch über ihn einige Worte sagen. Vor allem muß ich bemerken, daß er äußerlich eine sehr repräsentable Erscheinung ist und sogar sehr gute Manieren hat – nur hat er die Angewohnheit, in kritischen Augenblicken etwas den Kopf zu verlieren, und dann sieht er einen an, wie ein Schaf ein neues Hoftor. Er ist stattlich und würdevoll, namentlich zu Geburtstagsdiners, wenn er in weißer Binde erscheint. Leider aber währt der gute Eindruck genau nur bis zu dem Augenblick, in dem er den Mund auftut und das erste Wort spricht. Dann – Verzeihung, aber es geht nicht anders – dann würde man sich am liebsten ... sagen wir: die Ohren zuhalten.

Er ist es ganz entschieden nicht wert, Marja Alexandrowna anzugehören: Das ist die allgemeine Meinung. Einzig dank der Genialität seiner Frau hatte er denn auch seine hohe Stellung einnehmen können. Meiner Ansicht nach wäre sein Platz von Anfang an in einem Gemüsegarten gewesen, wo er sich als Vogelscheuche sehr vorteilhaft ausgenommen hätte. Dort, und zwar ausschließlich dort hätte er seinem Vaterlande einen wirklichen, unzweifelhaften Nutzen bringen können. Und deshalb war es von Marja Alexandrowna sehr klug gehandelt, als sie Afanassij Matwejewitsch auf ihr drei Werst von der Stadt entferntes Gut schickte, wo sie hundertundzwanzig Leibeigene besitzt – nebenbei bemerkt, ihr ganzer Besitz und ihre einzige Einnahmequelle, aus der sie alle Ausgaben bestreitet, die selbstverständlich nicht gering sind, da sie doch nach wie vor ein großes Haus macht. Man begriff sofort, daß sie ihren Gemahl einzig deshalb bis dahin bei sich gehalten, weil er eine gute Anstellung hatte, ein gutes Gehalt bezog und ... noch andere Einkünfte. Als es aber mit dem Gehalt und den anderen Einkünften zu Ende war, da wurde er als ein vollkommen untaugliches und überflüssiges Möbel sofort entfernt. Die Folge davon war, daß alle Marja Alexandrownas klares Urteilsvermögen, ihre Entschlossenheit und Charakterstärke lobten. Afanassij Matwejewitsch lebt jetzt dort auf dem Lande wie im Wollkorbe. Ich habe ihn vor kurzem einmal besucht und eine ganze Stunde sehr angenehm mit ihm verbracht. Er bindet sich vor dem Spiegel verschiedene weiße Halsbinden um, putzt eigenhändig seine Stiefel – nicht weil er keine Bedienung hätte, sondern nur aus Liebe zur Sache, denn er hat es gern, wenn sie spiegelblank sind. Dreimal täglich trinkt er Tee, nimmt mit besonderer Vorliebe ein Bad und ist vollkommen zufrieden. Und entsinnen Sie sich noch der unangenehmen Geschichte, die man sich vor etwa anderthalb Jahren von Sinaïda Afanassjewna, der einzigen Tochter Marja Alexandrownas und Afanassij Matwejewitschs, erzählte? Sinaïda ist fraglos eine Schönheit unter Schönheiten, ist vorzüglich erzogen, aber – sie zählt schon dreiundzwanzig Jahre und ist noch nicht verheiratet. Unter den Gründen, mit denen man diese Tatsache zu erklären versucht, sind die dunklen Gerüchte von gewissen sonderbaren Beziehungen Sinas zu einem Kreisschullehrer – die auch jetzt noch nicht ganz verstummt sind – sicherlich die am meisten besprochenen. Man spricht noch immer von einem Liebesbrief, den Sina geschrieben und der dann in Mordassoff von Hand zu Hand gewandert sei. Einstweilen aber: wer hat denn diesen Brief oder Zettel – er soll nicht lang gewesen sein – mit eigenen Augen gesehen? Wenn er von Hand zu Hand gewandert ist, wo ist er dann schließlich geblieben? Alle haben von ihm gehört, gesehen aber hat ihn kein einziger. Ich wenigstens habe noch keinen angetroffen, der ihn selbst gesehen hätte. Macht man Marja Alexandrowna eine diesbezügliche Andeutung, so versteht sie einen einfach nicht. Nehmen wir aber jetzt an, daß Sina tatsächlich einen solchen Zettel geschrieben – ich glaube sogar bestimmt, daß sie es getan hat – muß man dann nicht alle Hochachtung haben vor der Diplomatie Marja Alexandrownas? Wie geschickt und mit welcher Sicherheit sie dem unangenehmen, skandalösen Klatsch die Spitze abzubrechen verstanden hat! Kein Wort, keine Andeutung ihrerseits! Sie schenkt jetzt dieser ganzen schmutzigen Verleumdung überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr! Indessen aber – nur Gott allein wird es wissen, wie sie gearbeitet hat, um die Ehre ihrer einzigen Tochter unbefleckt zu erhalten. Und andererseits: ist es denn nicht sehr begreiflich, daß Sina noch nicht geheiratet hat: was gibt es denn hier für Freier? Und Sina kann doch nur einen Erbprinzen heiraten! Hat jemand, frage ich nochmals, je im Leben eine solche Schönheit gesehen? Freilich ist sie stolz, sogar sehr stolz. Man sagt, Mosgljäkoff werbe um sie, aber es ist nicht anzunehmen, daß sie ihn heiraten wird. Was ist denn dieser Mosgljäkoff? Nun ja, – ein junger Mann, nicht häßlich, ein Fant, hundertfünfzig Leibeigene, ohne Schulden, Petersburger. Aber immerhin – der Kopf ist nicht viel wert. Leichtsinnig, schwatzhaft, mit irgendwelchen allerneuesten Ideen! Und was sind denn schließlich hundertfünfzig Seelen – und noch dazu bei den neuesten Ideen! Nein, ich habe es gleich gesagt – aus dieser Heirat wird nichts!

Alles, was mein verehrter Leser bis jetzt gelesen hat, ist von mir vor ganzen fünf Monaten geschrieben worden, und zwar nur aus Begeisterung. Ich will es nicht verhehlen, daß ich für Marja Alexandrowna eine kleine Schwäche habe. Ich hatte eigentlich die Absicht, etwas in der Art einer Verherrlichung dieser großen Frau zu schreiben, vielleicht in der Form eines scherzhaften Briefes an einen Freund, nach dem Muster der Briefe, die in der alten, goldenen, doch – Gott sei Dank! – unwiederbringlichen Zeit in der „Nordischen Biene“ und ähnlichen Zeitschriften erschienen. Da ich nun aber keinen einzigen Freund besitze und mir außerdem noch eine gewisse literarische Schüchternheit angeboren ist, so blieb mein Manuskript in meinem Schreibtischfach als literarischer Versuch und als Erinnerung an eine friedliche Zerstreuung in Stunden der Muße und des Vergnügens liegen. Inzwischen vergingen fünf Monate, bis schließlich eines Tages unsere liebe Stadt ein großartiges Ereignis erlebte: früh morgens rollte eine Equipage durch die Straßen: Fürst K. kam an und stieg im Hause Marja Alexandrownas ab.

Die Folgen dieses Besuches waren unabsehbar. Der Fürst hielt sich nur drei Tage in Mordassoff auf, doch diese drei Tage sind uns allen unauslöschlich in der Erinnerung geblieben. Ja ich kann sogar sagen, daß der Fürst in gewissem Sinne unsere ganze Stadt umgekehrt hat. Die Wiedergabe dieses Ereignisses wird natürlich die bemerkenswertesten Seiten in den Annalen der Stadt Mordassoff ausmachen. Diese Seiten nun literarisch zu verarbeiten und dem Urteil der hochverehrten Leser zu unterbreiten, habe ich mich jetzt nach einigem Schwanken endgültig entschlossen.

Meine Erzählung umfaßt die ungekürzte bemerkenswerte Geschichte der Erhöhung, des größten Ruhmes und des feierlichen Falles Marja Alexandrownas und ihres ganzen Hauses in Mordassoff, ein würdiges und für einen Schriftsteller verführerisches Thema. Versteht sich, vorher muß ich noch erklären, weshalb es ein solches Ereignis war, daß der Fürst K. in die Stadt gefahren kam und bei Marja Alexandrowna abstieg. Zu dem Zweck jedoch muß ich etwas ausführlicher von der Person des Fürsten erzählen. So werde ich es auch tun. Zudem ist die Kenntnis der Lebensgeschichte dieses Fürsten durchaus erforderlich, um im ferneren Verlauf der Dinge sich manches erklären zu können. Also, ich beginne.

II.

Ich muß vorausschicken, daß Fürst K. den Jahren nach durchaus noch kein Greis war. Doch dessenungeachtet kam einem bei seinem Anblick unwillkürlich der Gedanke, daß er sogleich auseinanderfallen müsse: dermaßen verlebt oder verbraucht war der Mann und sah er aus. In Mordassoff hat man sich von diesem Fürsten stets äußerst sonderbare, mitunter selbst phantastische Dinge erzählt. Es hieß sogar einmal, der alte Herr sei irrsinnig geworden. Am sonderbarsten fanden aber alle, daß ein so reicher Gutsbesitzer, der viertausend Seelen besaß, unter seinen Verwandten bekannte Würdenträger hatte und folglich, sobald er nur gewollt hätte, eine große Rolle im Gouvernement hätte spielen können, auf seinem prächtigen Gut von aller Welt völlig zurückgezogen lebte. Viele Honoratioren hatten ihn vor sechs oder sieben Jahren gekannt, als er eine Zeitlang in unserer Stadt gelebt hatte, und sie versicherten, daß er damals Einsamkeit nicht habe ertragen können und alles eher als ein Einsiedler gewesen sei.

Doch wie dem auch sei, jedenfalls habe ich aus glaubwürdigster Quelle Folgendes von seiner Lebensgeschichte erfahren:

Einmal in jungen Jahren, was übrigens schon lange her ist, war der Fürst in glänzendster Weise ins Leben eingetreten, hatte gejeut, geliebt, war mehrmals im Auslande gewesen, hatte Romanzen gesungen, Bonmots gemacht und sich nie durch glänzende Geistesgaben ausgezeichnet. Wie es sich wohl von selbst versteht, verlebte er sein ganzes Vermögen, so daß er sich, als das Alter kam, plötzlich ohne eine Kopeke sah. Da hatte ihm irgend jemand den Rat gegeben, auf sein Gut überzusiedeln, das bereits versteigert werden sollte, und so war er denn nach Mordassoff gefahren und hatte dort ganze sechs Monate verlebt, ohne an die Weiterfahrt zu denken. Das Provinzleben hatte ihm sehr gefallen und die Folge davon war, daß er in diesem halben Jahr das Letzte, was ihm noch geblieben war, gleichfalls durchbrachte, da er weder auf das Jeu, noch auf verschiedene Intimitäten mit – diesmal Provinzdamen verzichten konnte. Hinzu kommt, daß er ein gutmütiger Mensch war, freilich nicht ohne einige besondere fürstliche Gewohnheiten unangenehmer Art, die aber in Mordassoff für als ausschließlich der höchsten Gesellschaft eigen angesehen wurden, und daher, statt Verdruß zu erwecken, sogar einen guten Eindruck machten. Namentlich die Damen waren von ihrem lieben Gast außerordentlich entzückt. Man bewahrte gar manche interessante Erinnerung an ihn. Unter anderem erzählte man, daß der Fürst einen halben Tag zum Ankleiden brauche und der ganze Mensch aus zusammensetzbaren Stücken bestände. Niemand wußte sich zu erklären, wann und wo er sich aller der ihm fehlenden Körperteile zu entledigen vermocht hatte. Er trug eine Perücke, falschen Schnurr- und Backenbart, und sogar die Fliege a la Mazarin unter der Unterlippe war unecht. Ihm war buchstäblich jedes Haar angeklebt und jedes glänzte im schönsten Schwarz. Er schminkte und puderte sich täglich. Es wurde sogar behauptet, daß er mittels gewisser kleiner Federn, die in seinen Haaren unsichtbar angebracht sein sollten, die Runzeln in seinem Gesicht glätte. Auch hieß es, daß er ein Korsett trage, da er bei einem ungeschickten Sprung aus dem Fenster – während eines Liebesfeldzuges in Italien – sich ein paar Rippen gebrochen habe. Mit dem linken Fuß hinkte er. Es wurde behauptet, daß sein linker Fuß unecht sei und er den echten in Paris gleichfalls bei Gelegenheit eines Liebesabenteuers eingebüßt habe und zum Ersatz ihm ein Holz- oder Korkfuß angesetzt worden sei. Aber schließlich, was wird nicht alles erzählt? Tatsache war jedoch, daß sein rechtes Auge ein Glasauge war, natürlich ein sehr teures, sehr kunstvoll gearbeitetes. Seine Zähne waren alle unecht. Ganze Tage lang wusch er sich mit den verschiedensten patentierten Flüssigkeiten, parfümierte und pomadisierte sich unermüdlich. Übrigens entsinnt man sich, daß der Fürst damals schon merklich gealtert war und entsetzlich schwatzhaft wurde. Seine Zukunft war, wie man meinte, hoffnungslos. Alle wußten, daß er nichts mehr besaß. Da sollte es aber geschehen, daß gerade zu der Zeit eine seiner Verwandten, eine uralte Greisin, die beständig in Paris lebte und von der er eigentlich nichts zu erwarten hatte, – starb, nachdem sie vor ausgerechnet einem Monat ihren einzigen Erben begraben hatte. So wurde plötzlich und unerwartet der Fürst ihr gesetzmäßiger Universalerbe. Viertausend Seelen und ein wundervolles Gut, sechzig Werst von unserer Stadt gelegen, erhielt er ganz allein. Ohne lange zu säumen, machte er sich nach Petersburg auf, um dort die Angelegenheit zu erledigen. Zum Abschied gaben unsere Damen ihrem lieben Gast noch ein glänzendes Diner, das sie gemeinsam bezahlten, wozu eine Kollekte veranstaltet worden war. Der Fürst, sagt man, sei an diesem Abend bezaubernd liebenswürdig gewesen, habe gescherzt und gelacht und die ungewöhnlichsten Anekdoten erzählt. Zum Schluß habe er versprochen, sich so bald als möglich in Duchanowo, so hieß sein neues Gut, niederzulassen, und dann – darauf habe er sein Wort gegeben – würde er fortwährend Feste, Picknicks, Bälle und italienische Nächte mit Feuerwerk und Lampions veranstalten. Ein ganzes Jahr lang nach seiner Abfahrt sprachen die Damen nur von den verhießenen Freuden und erwarteten ihren alten Freund mit größter Ungeduld. Inzwischen aber begnügte man sich mit kurzen Ausfahrten nach Duchanowo, wo das alte Herrenhaus und der große Park besichtigt wurden. In diesem Park gab es Akazienhecken, die zu Löwen und anderen Tieren zurechtgestutzt waren, künstliche Hünengräber, Teiche, auf denen sich Boote schaukelten mit holzgeschnitzten Türken, die Hirtenflöten bliesen, Lauben, Pavillons, Monplaisirs und noch viele andere Späße.

Endlich kehrte der Fürst zurück, doch zur allgemeinen Verwunderung und Enttäuschung zeigte er sich nicht einmal in der Stadt, sondern ließ sich auf seinem Gut nieder und lebte wie ein Einsiedler. Alsbald verbreiteten sich sonderbare Gerüchte, und überhaupt kann man sagen, daß die Lebensgeschichte des Fürsten seit eben dieser Zeit schleierhaft und phantastisch wird. So erzählte man denn, daß er in Petersburg nicht gerade Glück gehabt habe, daß einige seiner Verwandten und dereinstigen Erben ihn wegen seiner Geistesschwäche unter irgend jemandes Vormundschaft hätten stellen wollen, wahrscheinlich aus Furcht, daß er wieder sein ganzes Vermögen durchbringen könne. Ja einige behaupteten sogar, daß man ihn in eine Irrenanstalt habe einsperren wollen, doch einer seiner Verwandten, ein angesehener Mann, sei für ihn eingetreten und habe den anderen klar bewiesen, daß der arme Fürst, von dem ja ohnehin nur noch die eine Hälfte lebe, wahrscheinlich bald von selbst sterben würde – und dann bekämen sie das Gut auch ohne Irrenhaus. Doch ich sage nochmals: wird denn wenig in der Welt geklatscht und noch dazu bei uns in Mordassoff! Diese Gerüchte von dem Vorhaben seiner Verwandten sollen den armen Fürsten so kopfscheu gemacht haben, daß er auch seinen Charakter vollkommen änderte und wie ein Einsiedler lebte! Einige unserer Spitzen der Gesellschaft waren mit Glückwünschen zu ihm aufs Gut gefahren: doch sie waren entweder überhaupt nicht, oder in sehr seltsamer Weise empfangen worden. Der Fürst, sagt man, habe seine früheren Bekannten nicht einmal erkannt oder habe sie nicht erkennen wollen.

Eines Tages fuhr auch unser Gouverneur zu ihm. Er kehrte mit der Nachricht zurück, daß der Fürst seiner Meinung nach tatsächlich „etwas verdreht“ sei, und er machte später jedesmal ein schiefes Gesicht, wenn man ihn an seine Fahrt nach Duchanowo erinnerte. Die Damen sprachen laut ihren Unwillen darüber aus. Endlich erfuhr man einen Umstand von erschütternder Wichtigkeit, und zwar: daß irgendeine unbekannte Stepanida Matwejewna sich des Fürsten bemächtigt habe, Gott weiß was für eine Weibsperson, die aus Petersburg mit ihm angekommen war, dick und bejahrt, die nur in Kattunkleidern und mit dem Schlüsselbund in der Hand umherging; daß der Fürst ihr in allem wie ein Kind gehorche und ohne ihre Erlaubnis keinen Schritt zu tun wage; daß sie ihn sogar eigenhändig bediene, sehr verwöhne, auf den Händen umhertrage und wie einen Säugling einlulle, und schließlich, daß sie es sei, die jeden Besuch von ihm fernhalte, namentlich seine Verwandten, die jetzt, wie begreiflich, zum Zweck verschiedener Nachforschungen von Zeit zu Zeit nach Duchanowo kamen. In Mordassoff wurde viel über diese unbegreifliche Verbindung gesprochen, besonders seitens der Damen. Zu alledem wurde noch hinzugefügt, daß Stepanida Matwejewna das ganze Gut des Fürsten unumschränkt und eigenmächtig verwalte, ungefragt das Wirtschaftspersonal, die Dienstboten, Verwalter und Förster absetze und die Einnahmen empfange – doch mache sie alles so gut, daß die Leibeigenen ihr Schicksal geradezu priesen.

Was nun den Fürsten selbst anbetrifft, so wußte man, daß er seine Tage fast ausschließlich im Ankleidezimmer zubrachte und sich nur mit dem Anpassen von Perücken und Fracks beschäftigte, daß er die übrige Zeit in der Gesellschaft Stepanida Matwejewnas verbringe, mit ihr Karten spiele, sich die Karten lege, hin und wieder auf einer frommen englischen Stute ausreite, wobei ihn Stepanida Matwejewna unfehlbar in einem gedeckten Wagen begleite – „für alle Fälle“, versteht sich: denn der Fürst reite nur aus Eitelkeit, könne sich aber kaum noch im Sattel halten. Zuweilen hatte man ihn auch zu Fuß ausgehen sehn, in einem eleganten Paletot, breitkrämpigem Strohhut, rosafarbenem Damenhalstuch, mit seinem Monokel im Auge, mit einem Körbchen für die gesammelten Pilze, und mit Kornblumen in der linken Hand. Stepanida Matwejewna begleitete ihn regelmäßig und hinter ihm gingen zwei galonierte Diener und folgte – „für alle Fälle“, da man ja nie wissen konnte – ein Wagen: kam ihnen unterwegs ein Bauer entgegen und grüßte er sie, zur Seite tretend, tief und ehrerbietig: „Guten Tag, Väterchen Fürst, guten Tag, Euer Gnaden unser Sonnenlicht!“ so richtete der Fürst sogleich sein Monokel auf ihn und antwortete freundlich mit gnädigem Kopfnicken: „Bonjour, mon ami, bonjour!“

Solche und ähnliche Gerüchte gingen in Mordassoff von Mund zu Mund. Es schien ganz unmöglich zu sein, den Fürsten zu vergessen. Aber er lebte ja auch in nächster Nachbarschaft. Wie groß nun war die Verwunderung, als eines schönen Morgens das Gerücht sich verbreitete, daß der Fürst, dieser Einsiedler und Sonderling, in eigener Person in Mordassoff angelangt und im Hause Marja Alexandrownas abgestiegen sei. Alles geriet in Aufregung, alle erwarteten eine Aufklärung, alle fragten einander, was das zu bedeuten habe. Einige Damen wollten sich sogleich zu Marja Alexandrowna aufmachen, denn die Ankunft des Fürsten erschien ihnen als ein gar zu großes Wunder. Sie schrieben sich Zettelchen, machten einander Morgenvisiten, schickten ihre Stubenmädchen und Männer auf Kundschaft aus. Am meisten wunderte man sich darüber, daß der Fürst gerade bei Marja Alexandrowna abgestiegen war. Und am meisten ärgerte sich darüber Anna Nikolajewna Antipowa, weil der Fürst über Tanten, Großtanten und Schwägerinnen hinweg entfernt mit ihr verwandt war. Aber ich sehe, um alle diese Fragen beantworten zu können, müssen wir Marja Alexandrowna selbst in ihrem Hause aufsuchen, wohin uns zu folgen wir den verehrten Leser untertänigst bitten. Es ist allerdings noch früh, kaum zehn Uhr, aber ich bin überzeugt, daß sie uns, ihre besten Freunde, nicht von der Tür weisen, vielmehr uns empfangen wird.

III.

Zehn Uhr morgens. Wir sind im Hause Marja Alexandrownas, an der großen Straße, in jenem Zimmer, das die Hausfrau bei feierlichen Gelegenheiten „mon salon“ nennt. Marja Alexandrowna hat sogar ein Boudoir. In diesem Salon ist der Fußboden gut gestrichen und die Wände sind mit hübschen Tapeten versehen. Im Möbelstoff ist rot die vorherrschende Farbe. An einer Wand ist ein Kamin, über dem Kamin ein Spiegel, vor dem Spiegel eine bronzene Stutzuhr mit einem Amor, der von schlechtem Geschmack zeugt. Zwischen den Fenstern sind zwei Pfeilerspiegel, von denen die Überzüge entfernt sind. Vor diesen Spiegeln stehen auf kleinen Tischen wieder Uhren. An der Rückwand steht ein prächtiger Flügel, der für Sina verschrieben ist, denn Sina ist – musikalisch. Vor dem brennenden Kamin sind weiche Polstermöbel gruppiert, nach Möglichkeit in malerischer Unordnung, zwischen ihnen steht ein kleines Tischchen. Am anderen Ende des Zimmers steht ein größerer Tisch, bedeckt mit einer blendend weißen Tischdecke: auf ihm kocht ein silberner Ssamowar neben einem reizenden Teeservice. Das Eingießen des Tees besorgt eine Dame, Nastassja Petrowna Sjäblowa, die als entfernte Verwandte Marja Alexandrownas bei dieser lebt. Zwei Worte über sie. Sie ist Witwe, etwas über dreißig Jahre alt, brünett, mit einer frischen Gesichtsfarbe und lebhaften braunen Augen. Durchaus nicht häßlich. Sie hat einen heiteren Charakter, lacht viel und gern, ist ziemlich schlau, klatscht natürlich, und versteht es, ihr Schäfchen ins trockne zu bringen. Sie hat zwei Kinder, die beide irgendwo lernen. Sie würde gern zum zweitenmal heiraten; ihr erster Mann war aktiver Offizier. Im übrigen tritt sie ziemlich selbstbewußt auf.

Marja Alexandrowna, die Hauptperson, sitzt am Kamin in vorzüglicher Stimmung und in einem hellgrünen Kleide, das ihr sehr gut steht. Sie ist unsäglich erfreut über den Besuch des Fürsten, der vorläufig mit seiner Toilette beschäftigt und folglich noch unsichtbar ist. Sie ist so froh, daß sie ihre Freude nicht einmal zu verbergen sucht. Vor ihr steht ein junger Mann, der ihr überschwenglich irgend etwas erzählt. Seinen Augen sieht man es an, daß er seinen Zuhörerinnen gefallen will. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt. Sein Benehmen wäre nicht schlecht, doch gerät er leicht in Begeisterung und möchte außerdem als witzig und geistreich gelten. Tadellos gekleidet, blond, nicht häßlich. Aber wir haben ja schon von ihm gesprochen: das ist Herr Mosgljäkoff, ein junger Mann, der zu großen Hoffnungen berechtigt. Marja Alexandrowna findet im stillen, daß sein Kopf etwas hohl sei, ist aber trotzdem die Liebenswürdigkeit selbst zu ihm. Er wirbt um ihre Tochter Sina, in die er, nach seinen Worten, bis zum Wahnsinn verliebt ist. In jedem Augenblick wendet er sich zu Sina, bemüht, sie durch seinen Humor und Geist zum Lächeln zu bringen. Sie aber ist auffallend kühl zu ihm und beachtet ihn kaum. In diesem Augenblick steht sie abseits am Klavier. Ihre schmalen Finger blättern in einem Kalender. Sie gehört zu jenen Erscheinungen, die allgemeine – ich möchte sagen begeisterte Verwunderung hervorrufen, wenn sie in einen Ballsaal, einen Gesellschaftsraum eintreten. Sie ist unbeschreiblich schön: von hohem, schlankem Wuchs, mit prächtigem braunen Haar, wundervollen, fast schwarzen Augen, vorzüglich gebaut: Schultern, Arme, Brust – wie die einer antiken Göttin, das Füßchen verführerisch, der Gang königlich. Heute ist sie ein wenig bleich; dafür aber wird man ihre blaßrosa, seidigen Lippen, die wundervoll geschnitten sind und zwischen denen wie eine Perlenschnur ihre weißen Zähne glänzen, drei Nächte noch im Traume sehen, wenn man sie einmal in Wirklichkeit gesehen hat. Sie sieht ernst und sogar streng aus. Herr Mosgljäkoff scheint ihren aufmerksamen Blick gewissermaßen zu fürchten, wenigstens fühlt er sich nicht ganz geheuer, wenn er es wagt, sie anzusehen. Ihre Bewegungen sind von hochmütiger Nachlässigkeit. Sie trägt ein einfaches weißes Musselinkleid. Weiß steht ihr ganz besonders gut; doch übrigens, was steht ihr nicht gut? An einem ihrer schmalen Finger steckt ein aus Haar geflochtener Ring – nach der Farbe zu urteilen, nicht aus dem Haar der Mutter. Mosgljäkoff hat es nie gewagt, sie zu fragen, wessen Haar es ist. An diesem Morgen ist Sina auffallend schweigsam und sogar traurig, als quälten sie gewisse Sorgen. Dafür ist Marja Alexandrowna zu ununterbrochenem Reden bereit, wenn sie auch mitunter gleichfalls einen besonderen, gleichsam mißtrauischen Blick zur Tochter hinübersendet – was sie jedoch nur heimlich tut –, ganz als fürchte auch sie ihre Tochter.

„Ich bin so froh, so froh, Pawel Alexandrowitsch,“ beteuert sie, „daß ich es jedem Menschen, der an meinem Hause vorübergeht, aus dem Fenster zurufen könnte. Ich rede schon gar nicht von der reizenden Überraschung, die Sie mir und Sina bereitet haben, indem Sie zwei Wochen früher gekommen sind, als Sie es versprochen hatten; das versteht sich von selbst! Es freut mich so unsäglich, daß Sie unseren lieben Fürsten hergebracht haben. Wissen Sie auch, wie sehr ich diesen bezaubernden alten Herrn liebe! Doch nein, nein! Sie werden mich nicht verstehen! Sie gehören zur Jugend und werden die Gefühle meines Lebensalters nie verstehen, wenn ich sie Ihnen auch noch so beredt schildern wollte! Wissen Sie auch, was er mir in früheren Zeiten gewesen ist, vor sechs Jahren – weißt du noch, Sina? Ach nein, ich hatte es vergessen: Du warst ja damals bei deiner Tante zum Besuch ... Sie werden es mir nicht glauben, Pawel Alexandrowitsch; ich war seine Führerin, seine Schwester, seine Mutter! Er hörte auf mich wie ein Kind! Es war etwas Naives, Zärtliches und Höheres in unserem Verhältnis zueinander ... Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll! Und das ist auch der Grund, weshalb er sich jetzt meines Hauses in Dankbarkeit erinnert hat, ce pauvre prince! Wissen Sie auch, Pawel Alexandrowitsch, daß Sie ihn damit vielleicht sogar gerettet haben, daß Sie auf den Gedanken gekommen sind, ihn zu mir zu bringen? Mit wehem Herzen habe ich in diesen langen sechs Jahren an ihn gedacht. Sie werden es mir nicht glauben: mir hat sogar in der Nacht von ihm geträumt! Man sagt, diese ungeheuerliche Frau habe ihn behext und wolle ihn zugrunde richten. Aber Gott sei Dank, jetzt haben Sie ihn endlich aus diesen Krallen befreit! Nein, jetzt muß man die Gelegenheit benutzen und ihn endgültig retten! Aber erklären Sie mir doch einmal, erzählen Sie, wie Ihnen das alles gelungen ist? Beschreiben Sie mir so ausführlich als möglich Ihre Begegnung mit ihm. Vorhin, als Sie ankamen, waren meine Gedanken nur bei der Hauptsache, während doch gerade alle diese Details, wie man sagt, den Charakter geben! Ich liebe über alles die Details, sogar in den wichtigsten Dingen lenke ich meine Aufmerksamkeit zuerst auf die Details ... und ... solange er noch mit der Toilette beschäftigt ist ...“

„Ich kann nur das wiederholen, was ich bereits erzählt habe, Marja Alexandrowna!“ griff Mosgljäkoff sofort bereitwillig auf, da er es vielleicht auch noch zum zehnten Mal erzählt hätte – sich selbst hören, war für ihn das größte Vergnügen. „Ich fuhr die ganze Nacht durch und, versteht sich, schlief die ganze Nacht nicht, – Sie können sich denken, welche Eile ich hatte!“ fügte er mit halber Wendung zu Sina hinzu. „Mit einem Wort, ich habe geschrien, Pferde verlangt und auf den Stationen wegen der Pferde Lärm geschlagen: wenn man es niederschreiben und drucken lassen wollte, so würde es eine ganze Dichtung im neuesten Geschmack werden! Doch das nur nebenbei bemerkt. Um Punkt sechs Uhr morgens erreiche ich die letzte Station, Igischewo. Zitternd vor Kälte – ich wollte mich nicht einmal erwärmen – schrie ich nach neuen Pferden. Habe bei der Gelegenheit die Stationshalterin und ihren Säugling erschreckt: jetzt, glaube ich, kann sie ihn nicht mehr stillen ... Wundervoller Sonnenaufgang. Wissen Sie, wenn dieser Froststaub sich rot und silbern färbt! Ich beachte aber nichts; mit einem Wort, ich eile Hals über Kopf weiter. Um die Pferde habe ich regelrecht gekämpft, nahm sie einem Kollegienassessor fort und forderte ihn fast zum Duell. Man erzählte mir, daß vor einer viertel Stunde irgendein Fürst von dort abgefahren sei, er fuhr mit eigenen Pferden, habe dort genächtigt. Höre nur mit halbem Ohr, steige ein und fort geht es, als hätte ich mich von der Kette losgerissen. Habe einmal etwas Ähnliches in einer modernen Elegie gelesen. Genau auf der neunten Werst vor der Stadt, dort wo der Weg zur Sswetosersker Einsiedelei abzweigt, ist, wie ich plötzlich sehe, etwas Wunderliches passiert. Ein riesengroßer Reisewagen liegt auf der Seite, der Kutscher und zwei Diener stehen ratlos vor ihm, und aus dem Wagen, der auf der Seite liegt, dringt herzzerreißendes Geschrei. Beabsichtigte zuerst vorüberzufahren, dachte: lieg mal zu auf der Seite, gehöre nicht zu deiner Gemeinde. Doch die Nächstenliebe siegte, die, wie Heine sagt, ihre Nase überallhin steckt. Lasse halten. Ich, mein Ssemjon und der Kutscher – gleichfalls eine russische Seele – eilen zur Hilfe und so stellen wir, sechs Mann hoch, mit vereinten Kräften die Equipage wieder auf die Beine, die sie in Wirklichkeit zwar nicht hat, da sie ja auf Rädern rollt. Auch ein paar Bauern halfen noch mit Stangen, fuhren zur Stadt, erhielten von mir ein Trinkgeld. Denke: das ist sicherlich jener alte Fürst! Sehe ihn mir an: Himmel, ja! Das ist er selbst, Fürst Gawrila! Das war eine Überraschung! Rufe ihm zu: ‚Prince! Onkelchen!‘ Er aber erkannte mich natürlich nicht auf den ersten Blick ... Das heißt, er erkannte mich übrigens sogleich ..., auf den zweiten Blick. Einstweilen aber ... unter uns: ich glaube, daß er selbst jetzt noch nicht recht weiß, wer ich eigentlich bin, und mich, wie mir scheint, für einen ganz anderen Menschen hält, nicht aber für seinen Anverwandten. Ich habe ihn vor zirka sieben Jahren in Petersburg zum letztenmal gesehen. Damals war ich, wie Sie sich denken können, noch ein halber Knabe. Ich erinnerte mich seiner sehr wohl: er hatte einen starken Eindruck auf mich gemacht. Er aber – nun, wie soll er sich noch meiner entsinnen! Stelle mich vor: er ist entzückt, umarmt mich, selbst aber zittert er noch von dem Schreck und weint, bei Gott, weint, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen! Wir sprachen dies und das – ich beredete ihn endlich dazu, in meinen Wagen einzusteigen und – sei’s auch nur auf einen Tag – mit mir nach Mordassoff zu kommen, um sich etwas zu zerstreuen und zu erholen. Er willigt widerspruchslos ein ... Erklärt mir, daß er in das Kloster Sswetosersk zum Priestermönch Missaïl fahre, den er überaus achte und verehre; daß Stepanida Matwejewna – wer von uns Verwandten hat nicht von Stepanida Matwejewna gehört? – mich hat sie noch vor kaum einem Jahr mit dem Ofenbesen aus Duchanowo hinausgejagt –, daß also seine Stepanida Matwejewna einen Brief erhalten habe, des Inhalts, daß in Moskau irgend jemand in den letzten Zügen liege: ihr Vater oder ihre Tochter, genau weiß ich es nicht und habe auch kein Interesse dafür übrig; vielleicht sind es beide, sowohl der Vater wie die Tochter ... vielleicht noch mit Zugabe irgend eines Neffen, der dort im Ressort der Getränke dient ... Um mich kurz zu fassen – sie war dermaßen in Verwirrung geraten, daß sie sich entschlossen hatte, auf etwa zehn Tage ihren Fürsten zu verlassen und nach Moskau zu fahren, um diese Stadt durch ihre Anwesenheit zu verschönen. Der Fürst saß inzwischen einen Tag zu Hause, saß einen zweiten, setzte sich zur Probe eine Perücke nach der anderen auf, pomadisierte sich, färbte seinen Schnurrbart, legte sich Karten aus, spielte vielleicht auch Preference, allein, zum Zeitvertreib. Aber dennoch ging es über seine Kräfte – ohne Stepanida Matwejewna! Da hatte er seine Reiseequipage befohlen, um sich ins Sswetosersker Kloster zu begeben. Irgend jemand von den dienstbaren Geistern, der Stepanida Matwejewna sogar in ihrer Abwesenheit fürchtet, hatte zwar einiges einzuwenden gewagt: der Fürst aber hatte darauf bestanden. Gestern nach dem Mittag war er ausgefahren, hatte in Igischewo übernachtet, war dann nach Sonnenaufgang von der Station weitergefahren, um genau vor dem Abbiegen von der Landstraße zu dem berühmten Priestermönch Missaïl samt seiner ganzen Equipage fast in den Graben zu fallen. Ich errette ihn, berede ihn, mit mir zu unserer gemeinsamen Freundin, der hochverehrten Marja Alexandrowna zu fahren ... Er sagt von Ihnen, Sie seien die bezauberndste Dame von allen, die er jemals gekannt habe, – und jetzt sind wir hier, der Fürst aber frischt vorläufig noch seine Toilette auf, mit Hilfe seines Kammerdieners, den er nicht vergessen hat mitzunehmen und den er niemals, in keinem Fall und unter keinen Bedingungen vergessen wird, mitzunehmen, denn er würde eher zu sterben einwilligen, als daß er in Damengesellschaft ohne einige Vorbereitungen oder richtiger – Zubereitungen erscheinen würde ... Und das ist die ganze Historie. – Allerliebst – nicht wahr?“

„Aber was für ein Humorist Sie sind! Findest du nicht auch, Sina?“ ruft Marja Alexandrowna entzückt aus, nachdem er geendet hat. „Wie reizend er es zu erzählen weiß! – Aber hören Sie, Monsieur Paul – eine Frage: erklären Sie mir doch einmal ausführlich Ihre Verwandschaft mit dem Fürsten! Sie nennen ihn Onkel?“

„Ehrenwort: ich weiß es nicht, Marja Alexandrowna, wie und inwiefern ich mit ihm verwandt bin: ich glaube, im siebenten Grade wird es sein ... doch nicht etwa Reaumur, sondern Verwandtschaft, wie gesagt. Diesbezüglich habe ich mir wirklich kein Verschulden zuschulden kommen lassen – ich bin vollkommen schuldlos in der Sache! Schuld ist vielmehr meine Tante Aglaja Michailowna. Übrigens hat diese meine Tante Aglaja Michailowna nichts anderes zu tun, als die ganze Verwandtschaft an den Fingern herzuzählen. Sie ist es auch, die mich vor einem Jahr zu dieser Reise nach Duchanowo bewogen hat. Sie wäre gern selbst gefahren. Ich nenne ihn ganz einfach Onkelchen – und er fühlt sich angeredet. Das aber ist ja schließlich die Hauptsache. Ja, ja, das wäre denn unsere ganze Verwandtschaft, bis heute wenigstens ...“

„Aber ich bleibe dennoch bei meiner Behauptung, daß nur Gott allein Sie auf den Gedanken hat bringen können, mit ihm geradeswegs zu mir zu kommen! Ich zittere, wenn ich daran denke, was ihm, dem Armen, alles hätte zustoßen können, falls er in ein anderes Haus, statt in meines, geraten wäre! Man hätte ihn ja hier zerrissen, zerrissen, jeden Knochen zerpflückt, man hätte ihn verschlungen! Man hätte sich auf ihn gestürzt wie auf eine Fundgrube, eine Goldmine – man hätte ihn womöglich bestohlen! Sie können es sich nicht vorstellen, Pawel Alexandrowitsch, was es hier für gierige, niedrige und heimtückische Menschen gibt! ...“

„Ach, mein Gott, zu wem hätte er ihn denn bringen sollen, wenn nicht zu Ihnen! – wie Sie wirklich sind, Marja Alexandrowna!“ ruft Nastassja Petrowna aus, die Witwe, die den Tee eingießt. „Doch nicht zu Anna Nikolajewna – was meinen Sie?“

„Aber ... wie kommt es, daß er sich noch immer nicht sehen läßt? Das ist doch etwas sonderbar,“ sagt Marja Alexandrowna, die sich ungeduldig erhebt.

„Meinen Sie meinen Onkel? O, ich glaube, der wird noch ganze fünf Stunden zu seiner Toilette brauchen! Zudem, da er ja kein Atom Gedächtnis mehr besitzt, wird er vielleicht schon vergessen haben, daß er bei Ihnen zum Besuch ist. Das ist ja doch ein außergewöhnlicher Mensch, müssen Sie nicht vergessen, Marja Alexandrowna!“

„Ach, gehen Sie, hören Sie doch auf!“

„Durchaus nicht ‚Gehen Sie‘, Marja Alexandrowna, sondern die reinste Wahrheit, wie gesagt! Das ist doch halbwegs nur eine Komposition, aber kein Mensch! Sie haben ihn vor sechs Jahren gesehen, ich dagegen noch vor einer Stunde. Das ist doch eine halbe Leiche! Das ist ja nur noch eine Erinnerung an einen Menschen, man hat ihn sozusagen nur zu beerdigen vergessen! Er hat doch imitierte, eingesetzte Augen, Beine von Korkholz, der ganze Mensch ist auf Federn, und auch sprechen tut er nicht anders als mit Hilfe gewisser Federn!“

„Mein Gott, was Sie doch für ein leichtsinniger Mensch sind, wie ich sehe!“ ruft Marja Alexandrowna aus und nimmt eine strenge Miene an. „Und schämen Sie sich denn nicht – Sie, als junger Mensch, als Verwandter! – so von diesem ehrwürdigen alten Herrn zu reden! Ich sage weiter nichts von seiner grenzenlosen Güte“ – ihre Stimme nimmt die Klangfarbe aufrichtiger Rührung an – „bedenken Sie doch, daß er sozusagen ein Überbleibsel, eine Ruine, ein Trümmerstück unserer Aristokratie ist. Mein Freund, mon ami! Ich begreife vollkommen, daß Sie infolge irgendwelcher neuen Ideen, von denen Sie beständig sprechen, den Leichtsinnigen spielen. Aber, mein Gott! – ich bekenne mich ja selbst zu Ihren neuen Ideen! Ich weiß, daß der Grundsatz Ihrer neuen Richtung edel und ehrenhaft ist. Ich fühle es, daß es in diesen neuen Ideen sogar etwas Erhabenes gibt; aber alles das hindert mich nicht, auch die, sagen wir, die praktische Seite der Sache zu sehen. Ich habe in der Welt gelebt, ich habe mehr als Sie gesehen, und schließlich, ich bin Mutter, Sie aber sind noch jung. Er ist ein alter Mann und daher haftet ihm in unseren Augen vielleicht manches Lächerliche an. Ja, das letzte Mal sprachen Sie sogar davon, daß Sie Ihre Leibeigenen befreien wollten und daß man doch etwas für das Jahrhundert tun müsse, aber das kommt alles nur daher, daß Sie Ihren Kopf voll Shakespeare haben! Glauben Sie mir, Pawel Alexandrowitsch, Ihr Shakespeare hat schon lange seine Zeit abgelebt, und wenn er jetzt aufstehen würde, so würde er bei all seinem ganzen Verstande doch keine Silbe von unserem gegenwärtigen Leben begreifen. Wenn es in der Gesellschaft unserer Zeit etwas Erhabenes und Ritterliches gibt, so finden wir das einzig und allein in der höheren und höchsten Gesellschaft. Ein Fürst ist auch im Bauernkittel ein Fürst, ist auch in einer elenden Hütte wie in einem Schloß ein Fürst. Da hat sich nun der Mann unserer Natalja Dmitrijewna fast ein Schloß gebaut, aber dennoch ist er nur der Mann Natalja Dmitrijewnas und nichts mehr! Und auch Natalja Dmitrijewna ist und bleibt, wenn sie sich auch mit fünfzig Krinolinen ausstatten wollte – immer nur die frühere Natalja Dmitrijewna und wird nicht ein Atom mehr. Und Sie sind zum Teil gleichfalls ein Repräsentant der höheren Gesellschaft, da Sie von ihr abstammen. Auch mich halte ich nicht für eine Fremde in ihrem Kreise – das aber ist ein schlechtes Kind, das sein eigenes Nest beschmutzt. Übrigens werden Sie einmal alles das selbst noch viel besser einsehen, als ich, mon cher Paul, und Sie werden Ihren Shakespeare mit der Zeit hübsch vergessen. Das sage ich Ihnen im voraus, ich prophezeie es Ihnen. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie diesmal nicht aufrichtig sind und sich nur so ... nach der Mode richten. Ach, da bin ich nun ins Schwatzen hineingekommen. Bleiben Sie ruhig hier, mon cher Paul, und vergessen Sie Ihren Shakespeare, ich werde selbst nach oben gehen und mich nach dem Fürsten erkundigen. Vielleicht bedarf er irgend wessen, und mit meinen Dienstboten ...“

Marja Alexandrowna verließ ziemlich eilig das Zimmer, denn sie dachte an ihre Dienstboten.

„Marja Alexandrowna scheint sehr froh darüber zu sein, daß der Fürst nicht bei dieser Modedame, der Anna Nikolajewna, abgestiegen ist. Hat diese unverschämte Person doch allen gesagt, daß sie mit ihm verwandt sei. Die wird sich jetzt, denke ich, zerreißen wollen vor Ärger!“ bemerkte Nastassja Petrowna. Als sie aber bemerkte, daß ihr nicht geantwortet wurde, sah sie auf. Ein Blick auf Sina und Pawel Alexandrowitsch genügte, um sie erraten zu lassen, wie die Sache stand, und sie verließ sogleich das Zimmer, als hätte sie irgend etwas vergessen, das sie zum Tee brauchte. Übrigens wußte sie sich sofort dafür zu entschädigen: sie versteckte sich hinter der Tür und horchte.

Pawel Alexandrowitsch wandte sich im Augenblick zu Sina. Er war unbeschreiblich erregt, seine Stimme zitterte.

„Sinaïda Afanassjewna, Sie sind mir doch nicht böse?“ fragte er mit zaghafter und flehender Miene.

„Ihnen böse? Weshalb denn?“ fragte Sina, die leicht errötete und ihre wundervollen Augen zu ihm erhob.

„Weil ich früher als verabredet hergekommen bin! Sinaïda Afanassjewna, ich hielt es nicht aus, ich konnte nicht noch ganze zwei Wochen warten ... Sie sind mir sogar im Traume erschienen. Ich bin hergeeilt, um meinen Schicksalsspruch zu erfahren ... Doch Sie ziehen die Brauen zusammen, Sie ärgern sich! Werde ich denn wirklich auch jetzt nichts Positives erfahren?“

Sina hatte tatsächlich die Stirn gerunzelt.

„Ich habe es nicht anders erwartet, als daß Sie wieder darauf zurückkommen würden,“ antwortete sie, nachdem sie den Blick gesenkt hatte, mit fester und strenger Stimme, die deutlich ihren Ärger verriet. „Und da mir diese Erwartung sehr unangenehm war, so ist es – je schneller abgetan, um so besser. Sie verlangen oder bitten wieder um eine Antwort. Wie Sie wünschen, ich kann sie Ihnen noch einmal wiederholen, denn meine Antwort ist dieselbe: warten Sie. Ich sage es Ihnen nochmals – ich habe mich noch nicht entschlossen und kann Ihnen daher auch nicht das Versprechen geben, Ihre Frau zu werden. Ein solches Versprechen soll man nicht zu erzwingen versuchen, Pawel Alexandrowitsch. Doch um Sie zu beruhigen, füge ich hinzu, daß ich Ihnen noch nicht endgültig absage. Und merken Sie sich noch eines: wenn ich Ihnen jetzt noch eine Hoffnung lasse, so tue ich es einzig aus dem Grunde, weil ich mit Ihrer Ungeduld und Unruhe Nachsicht habe. Ich wiederhole es: ich will vollkommen frei sein und wenn ich Ihnen schließlich sagen sollte, daß ich nicht will, so dürfen Sie mich nicht beschuldigen, mir nicht vorwerfen, daß ich Ihnen falsche Hoffnungen gemacht habe. So, das ist alles!“

„Aber ... aber was ist denn das!“ rief Mosgljäkoff mit kläglicher Stimme aus. „Ist denn das eine Hoffnung! Kann ich denn auch nur auf die geringste Hoffnung aus Ihren Worten schließen, Sinaïda Afanassjewna?“

„Denken Sie an alles, was ich Ihnen gesagt habe, und dann schließen Sie daraus, auf was Sie wollen. Das steht Ihnen frei. Ich aber kann nichts mehr hinzufügen. Ich sage Ihnen noch nicht ganz ab, sondern sage nur: warten Sie. Nur eines, bitte nicht zu vergessen: daß ich die volle Freiheit habe, Ihnen endgültig abzusagen, sobald ich will. Und dann noch eines, Pawel Alexandrowitsch: wenn Sie vor dem für die Antwort verabredeten Termin gekommen sind, um auf Umwegen etwas zu erreichen, in der Hoffnung, vielleicht auf Befürwortung von anderer Seite, nehmen wir an, zum Beispiel, den Einfluß meiner Mutter, so haben Sie sich in Ihrer Berechnung sehr getäuscht. Dann werde ich Ihnen rund absagen, hören Sie? Doch jetzt – genug davon, und, bitte, erinnern Sie mich bis dahin mit keinem Wort mehr daran.“

Diese ganze Rede war trocken, sehr bestimmt und ohne die geringsten Stockungen gesprochen, als hätte sie sie früher schon auswendig gelernt. Monsieur Paul fühlte, daß er mit einer langen Nase abzog. In dem Augenblick kehrte Marja Alexandrowna zurück. Ihr folgte fast auf dem Fuße Frau Sjäblowa.

„Er wird, glaube ich, sogleich erscheinen, Sina! Nastassja Petrowna, bereiten Sie schnell neuen Tee!“ – Die Dame schien nicht wenig erregt zu sein.

„Anna Nikolajewna hat sich erkundigen lassen. Ihre Zofe Anjutka ist in unsere Küche gekommen, um auszuforschen. Die wird sich jetzt ärgern!“ rief Nastassja Petrowna Sjäblowa aus und eilte zu ihrem Ssamowar.

„Was geht das mich an!“ fragte Marja Alexandrowna über die Schulter. „Als ob ich mich dafür interessiere, was Ihre Anna Nikolajewna denkt! Sie können mir glauben, daß ich meine Zofe nicht in ihre Küche schicken werde. Und es wundert mich, es wundert mich aufrichtig, weshalb Sie mich immer für eine Feindin dieser armen Anna Nikolajewna halten, und nicht nur Sie allein, sondern die ganze Stadt. Ich verlasse mich auf Sie, Pawel Alexandrowitsch! Sie kennen uns beide, – sagen Sie doch selbst, weshalb sollte ich ihre Feindin sein? Wegen des Vorranges? Dieser Vorrang läßt mich gleichgültig. Mag sie doch, mag sie doch die Erste sein! Ich werde als erste zu ihr hinfahren, um sie zu beglückwünschen. Und schließlich, – das ist doch alles ungerecht. Ich nehme sie stets in Schutz, es ist meine Pflicht, sie zu verteidigen! Sie wird von allen verleumdet. Aber weshalb fallen denn alle so über sie her? Sie ist jung und putzt sich gern, – deswegen vielleicht? Meiner Meinung nach ist es aber doch besser, Putz zu lieben, als etwas anderes, wie zum Beispiel Natalja Dmitrijewna, die ... so etwas liebt, daß man es nicht einmal aussprechen darf. Oder deshalb, weil Anna Nikolajewna ewig zu Besuch fährt und nie zu Hause sitzen kann? Aber, mein Gott! Sie hat ja doch überhaupt keine Erziehung, keine Bildung genossen, und daher fällt es ihr natürlich schwer, ein Buch aufzuschlagen und sich zwei Minuten nacheinander mit ein und demselben zu beschäftigen. Sie kokettiert und liebäugelt mit jedem, der an ihrem Hause vorübergeht. Aber weshalb versichert man ihr denn ewig, daß sie hübsch sei, wenn sie nur ein weißes Gesicht hat und nichts weiter? Sie erheitert beim Tanz die Zuschauer – schön! Aber weshalb beteuert man ihr denn fortwährend, daß sie so wundervoll tanze? Sie trägt ganz entsetzliche Hüte und noch ärgeren Kopfputz, – aber was kann sie denn dafür, daß Gott ihr keinen Geschmack verliehen hat, sondern statt dessen nur so viel Leichtgläubigkeit? Sagen Sie ihr, daß es gut sei, ein Konfektpapier ins Haar zu stecken – und sie wird es tun. Sie ist eine Klatschbase, – aber das ist doch hier nichts Außergewöhnliches: wer klatscht hier nicht? Ssuschiloff mit seinem schönen Bart fährt morgens und abends zu ihr und womöglich auch noch in der Nacht. Ach, mein Gott! wenn der Mann noch bis fünf Uhr morgens am Kartentisch sitzt! Und zudem gibt es hier so viel schlechte Beispiele! Und schließlich ist das alles vielleicht nur Verleumdung. Wie gesagt, ich werde sie immer, immer in Schutz nehmen! ... Aber, mein Gott! ... Da ist ja der Fürst! Das ist er, er! Jetzt würde ich ihn unter Tausenden erkannt haben! Endlich sehe ich Sie wieder, mon prince!“ rief Marja Alexandrowna aus und eilte dem eintretenden Fürsten entgegen.

IV.

Auf den ersten flüchtigen Blick werden Sie diesen Fürsten durchaus nicht für einen alten Mann, geschweige denn für einen Greis halten. Erst nach näherem und aufmerksamerem Beobachten werden Sie sehen, daß er gewissermaßen eine auf Federn gespannte Leiche ist. Alle Künste sind angewandt, um diese Mumie als Jüngling zu verkleiden. Die erstaunlich naturgetreue Perücke, der Backenbart, der Schnurrbart und die Fliege glänzen im schönsten Schwarz und bedecken die Hälfte des Gesichts. Das übrige Gesicht ist überaus kunstvoll gepudert und hat so gut wie überhaupt keine Runzeln. Wo sind sie geblieben? – Das vermag niemand zu erklären. Gekleidet ist er nach neuester Mode, als wäre er aus einem Modejournal ausgeschnitten: Er hat eine Art Jackett an oder etwas Ähnliches, bei Gott, ich weiß nicht, was es eigentlich ist, jedenfalls etwas höchst Modernes und Neues, das ausschließlich für Morgenvisiten geschaffen ist. Handschuhe, Binde, Weste, Wäsche – alles ist von blendender Frische und zeugt von gutem Geschmack. Der Fürst hinkt ein wenig, tut es aber so geschickt, als wäre auch das Hinken von der Mode vorgeschrieben. In dem einen Auge trägt er ein Monokel, und zwar in demselben, das ohnehin schon gläsern ist. Ihn umgibt eine Wolke von Wohlgeruch. Wenn er spricht, zieht er manche Worte ganz besonders in die Länge, – vielleicht tut er es aus greisenhafter Schwäche, vielleicht deshalb, weil alle seine Zähne falsch sind, vielleicht jedoch auch um des größeren Eindrucks willen. Einige Silben spricht er ganz ungewöhnlich süß aus, den Vokal a fast wie e. Das Wort „Ja“ zum Beispiel, klingt bei ihm wie „Je“, nur noch etwas süßlicher, wenn möglich. In seinem ganzen Auftreten ist eine gewisse Nachlässigkeit, in der er sich im Laufe seines langjährigen Lebemannslebens fleißig geübt hat. Übrigens, wenn sich auch noch etwas von diesem früheren galanten Leben in oder an ihm erhalten hat, so ist das von ihm aus gewissermaßen unbewußt geschehen, wie etwa eine alte, unklare Erinnerung, eine längst durchlebte Vergangenheit, die – leider! – alle Kosmetik, alle Korsetts, Parfums und Perücken nicht wieder auferstehen machen können. Und deshalb tun wir besser, wenn wir vorausschicken, daß der alte Herr zwar nicht gerade seinen Verstand, jedenfalls aber sein Gedächtnis schon vor langer Zeit verloren hat, oft sogar vergißt, was er vor einer Minute gesprochen, sich beständig versieht, viel zusammenlügt und aufschneidet. Es gehört sogar eine gewisse Übung dazu, um mit ihm ein Gespräch führen zu können. Marja Alexandrowna aber verläßt sich auf sich und so gerät sie beim Erscheinen des Fürsten in unbeschreibliche Begeisterung.

„Aber Sie haben sich ja nicht im geringsten, nicht im geringsten verändert!“ ruft sie aus, ergreift beide Hände des Gastes und führt ihn zu einem bequemen Ruhestuhl. „Setzen Sie sich, setzen Sie sich, Fürst. Sechs Jahre, ganze sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen, und keinen Brief, keine Zeile haben wir in dieser ganzen Zeit von Ihnen erhalten! O, Sie haben mir großes Unrecht getan, Fürst! Und wie böse ich Ihnen gewesen bin, mon cher prince! Aber, – Tee, Tee! Ach, mein Gott! Nastassja Petrowna, Tee!“

„Ich danke, i–ich danke, meine Schuld!“ lispelt der Fürst (wir haben zu erwähnen vergessen, daß er auch ein wenig lispelt, aber auch dieses tut er, als wäre es von der Mode vorgeschrieben). „Mei–ne Schuld! und den–ken Sie sich, noch im vergan–genen Jahr wollte ich Sie un–be–dingt be–suchen,“ fährt er langsam, sich im Zimmer umsehend, fort. „Doch man riet mir ab: hier soll die Cho–lera geherrscht haben ...“

„Nein, Fürst, bei uns hat nie die Cholera geherrscht,“ sagt Marja Alexandrowna.

„Eine Viehseuche herrschte hier, Onkelchen!“ mischt sich Mosgljäkoff ein, da er sich bemerkbar zu machen wünscht. Marja Alexandrowna mißt ihn mit einem strengen Blick.

„Nun ja, eine Vieh–seuche oder etwas Der–artiges ... Und so unterblieb es. Und was macht Ihr Herr Gemahl, meine liebe Anna Nikolajewna? Immer noch in seinem Amt als Staats–an–walt?“

„N–nein, Fürst,“ sagt Marja Alexandrowna stockend. „Mein Mann ist nicht Staatsanwalt ...“

„Ich wette, daß Onkelchen sich täuscht und Sie für Anna Nikolajewna Antipowa hält!“ rief der scharfsinnige Mosgljäkoff aus, verstummte aber sogleich, denn Marja Alexandrowna ist ohnehin zum Götzenbild geworden.

„Nun ja, An–na Nikola–jewna, und ... und ... es entfällt mir immer! – nun ja, Antipowna, wie gesagt, Antipowna,“ bestätigt der Fürst.

„N–nein, Fürst, Sie haben sich sehr geirrt,“ sagt Marja Alexandrowna mit bitterem Lächeln. „Ich bin nicht Anna Nikolajewna, und daß ich es nur gestehe – ich habe es wirklich nicht erwartet, von Ihnen nicht erkannt zu werden. Sie haben mich in Erstaunen gesetzt, Fürst. Ich bin Ihre einstige Freundin, bin Marja Alexandrowna Moskalewa. Entsinnen Sie sich ihrer noch? ...“

„Marja A–lexan–drowna! Denken Sie sich! Und ich war ge–rade der Mei–nung, daß Sie eben – wie hieß sie doch? – nun ja! eben Anna Wassil–jewna seien ... C’est délicieux! Al–so, ich bin nicht dorthin gefahren. Ich aber meinte, mein Lieber, daß du mich gerade zu dieser Anna Mat–wejewna brächtest. C’est charmant! Anbei ... das kommt nicht selten bei mir vor ... Ich fahre oftmals nicht dahin, wohin ich will. Überhaupt ... bin ich zufrieden, im–mer zufrieden, was auch geschehen möge. Dann sind Sie al–so nicht Na–stassja Wassiljewna? Das ist in–teressant ...“

„Ich bin Marja Alexandrowna, Fürst, Marja Alexandrowna. O wieviel ich Ihnen jetzt verzeihen muß! Wie kann man nur seine besten, seine besten Freunde vergessen!“

„Nun ja, bes–ten Freunde ... pardon, pardon!“ lispelt der Fürst und mustert Sina.

„Das ist meine Tochter Sina. Sie kennen Sie noch nicht, Fürst. Sie war damals nicht hier, als Sie uns besuchten, wissen Sie noch, vor sechs Jahren?“

„Das ist Ihre Tochter! Charmante! charmante!“ brummt der Fürst und mustert gierig das junge Mädchen. „Mais quelle beauté!“ flüstert er, sichtlich überrascht, erstaunt.

„Bitte, bedienen Sie sich, Fürst,“ sagt Marja Alexandrowna und lenkt die Aufmerksamkeit des Fürsten auf den kleinen Kosakenknaben, der mit dem Präsentierteller vor ihm steht. Der Fürst nimmt eine Tasse und betrachtet den Knaben, der hübsche rosa Bäckchen hat.

„A–a–a, das ist Ihr Sohn?“ fragt er. „Was für ein net–ter Knabe! U–u–nd sicherlich ... führt er sich gut auf?“

„Ach, Fürst,“ unterbricht ihn Marja Alexandrowna eilig, „ich habe ja von einem so entsetzlichen Unglück gehört! Glauben Sie mir, ich war außer mir vor Schreck ... Haben Sie nicht Schaden genommen? Sehen Sie sich vor! So etwas darf man nicht vernachlässigen.“

„In den Graben! In den Graben! In den Graben hat mich der Kutscher geworfen!“ ruft der Fürst in ungewöhnlicher Erregung aus. „Ich glaubte, es käme das Ende der Welt oder etwas Derartiges, und ich erschrak dermaßen, sage ich Ihnen, daß – vergieb mir, Herr! ... Der Himmel erschien mir so klein ... nicht größer als ein Schaffell! Das hatte ich nicht erwartet, nicht erwartet! Durch–aus nicht erwartet! Und schuld daran ist ganz allein mein Kutscher Fe–o–fil. Ich habe mich in allem auf dich verlassen, mein Lieber: sorge du dafür und untersuche die Angelegenheit gründ–lich. Ich bin ü–ber–zeugt, daß er es auf mein Leben abgesehen hatte.“

„Gut, gut, Onkelchen,“ antwortet Pawel Alexandrowitsch, „werde alles untersuchen. Nur hören Sie mal, Onkelchen, können Sie ihm nicht zur Feier des heutigen Tages verzeihen, was meinen Sie?“

„Unter kei–ner Be–dingung werde ich ihm verzeihen! Ich bin ü–ber–zeugt, daß es von ihm ein Anschlag auf mein Leben war! Von ihm und auch von Lawrentij, den ich zu Haus gelassen hatte. Denken Sie sich: er hat, wis–sen – Sie, einige neue Ideen auf–ge–schnappt! Es hat sich in ihm eine ge–wis–se Verneinung heraus–gebildet ... Wie gesagt: ein Kommunist im wah–ren Sinn des Wortes. Ich habe sogar Angst, ihm auch nur zu begegnen!“

„Ach, was für ein wahres Wort Sie ausgesprochen haben, Fürst!“ ruft Marja Alexandrowna aus. „Sie werden es mir nicht glauben, wie sehr ich selbst unter diesen untauglichen Menschen zu leiden habe! Stellen Sie sich vor, ich habe zwei meiner Leute gewechselt, aber sie sind so dumm, daß ich wirklich vom Morgen bis zum Abend meine liebe Not mit ihnen habe. Sie können es sich nicht denken, wie dumm sie sind, Fürst!“

„Nun ja, nun ja. Aber ... was ich sagen wollte ... ich habe es sogar ganz gern, wenn der Die–ner zum Teil dumm ist,“ bemerkt der Fürst, der wie alle alten Leute froh ist, wenn man seinem Geschwätz ehrerbietig zuhört. „Es paßt gewissermaßen zum Lakei – und es macht seine Wür–de aus, wenn er treuherzig und dumm ist. Al–lerdings nur in manchen Fällen. Es verleiht ihm mehr Statt–lichkeit, eine gewisse Fei–erlichkeit kommt in sein Gesicht, wie gesagt, es verleiht ihm eine gewisse Wohlerzogenheit, ich aber verlange von einem Menschen vor allen Dingen Wohl–erzogenheit. Da habe ich meinen Terentij. Du erinnerst dich doch noch Terentijs, mein Lieber. Nach meinem ersten Blick auf ihn bestimmte ich ihn von vornherein zum Portier. Du sollst mein Portier sein, sagte ich. Phä–no–menal dumm! Schaut drein, wie ein Schaf im Wasser! Aber welch eine Erscheinung, welche Feierlichkeit! Sein Doppelkinn so frisch und rosig! Nun, und in der weißen Binde, und über–haupt so in vol–ler Gala macht er einen vor–züg–lichen Eindruck. Ich habe ihn von Herzen lieb gewonnen. Es kommt vor, daß ich ihn ansehe und schließlich alles darüber vergesse: entschieden, als wenn er eine Dis–ser–tation schriebe, – so wichtig sieht er aus! Wie gesagt, genau so wie der deutsche Philosoph Kant, oder richtiger wie ein gepeppelter, fetter Truthahn. Vollkommenes Comme-il-faut eines bedienenden Menschen! ...“

Marja Alexandrowna lacht von ganzem Herzen und klatscht sogar leise Beifall. Pawel Alexandrowitsch sekundiert ihr bereitwillig: ihn interessiert der Onkel außerordentlich. Auch Nastassja Petrowna Sjäblowa lacht. Und sogar Sina lächelt.

„Aber wieviel Humor, wieviel Heiterkeit, wieviel Esprit Sie haben, Fürst!“ ruft Marja Alexandrowna aus. „Welch eine seltene Gabe, jeden noch so kleinen Zug wahrzunehmen! Und so plötzlich aus der Gesellschaft zu verschwinden, sich auf ganze fünf Jahre in seinen vier Wänden einzuschließen! Bei solchem Talent! Aber Sie könnten ja sogar schriftstellern, Fürst! Sie könnten Vonwiesen, Gribojedoff, Gogol wiederholen! ...“

„Nun ja, nun ja!“ sagte der Fürst, äußerst angenehm berührt. „Ich könnte wieder–ho–len ... und, wissen Sie, ich war früher un–ge–mein geistreich. Ich habe sogar für die Bühne ein Vau–de–ville geschrieben. Und es kamen darin auch einige ex–qui–site Couplets vor! Wie gesagt, es ist aber nie gespielt worden ...“

„Ach, wie reizend wäre es doch, wenn man Ihr Vaudeville lesen könnte! Und, weißt du, Sina, gerade jetzt käme es uns so zustatten! Man plant hier nämlich eine Liebhaberaufführung – zu einem patriotischen Zweck, Fürst, zum Besten der Verwundeten ... und da nun Ihr Vaudeville!“

„Gewiß! Ich bin so–gar bereit, es nochmals zu schreiben ... nur, wie gesagt, habe ich es voll–kommen vergessen. Ich weiß nur noch, es waren da zwei oder drei solche Bonmots, daß ...“ (der Fürst küßt graziös seine Fingerspitzen). „Und überhaupt, als ich im Aus–lande war, machte ich tat–säch–lich Fu–rore. Entsinne mich noch Lord Byrons. Wir standen auf freund–schaft–lichem Fuß. Auf dem Wiener Kongreß tanzte er be–zau–bernd den Krakowjak.“

„Lord Byron! Aber, Onkelchen, was sagen Sie!“

„Nun ja, Lord Byron. Übrigens, wie gesagt, vielleicht war es auch nicht Lord Byron, sondern irgend ein anderer. Ganz recht, es war nicht Lord Byron, ein anderer. Ganz recht, es war nicht Lord Byron, sondern ein Po–le. Jetzt, jetzt besin–ne ich mich vollkommen. Das war ein äußerst origi–neller Pole: er gab sich für einen Grafen aus, später aber stellte es sich heraus, daß er nur so etwas wie ein Koch war. Nur tanzte er ent–zück–end den Krakowjak und zu gu–ter Letzt brach er sich das Bein. Ich machte da–mals noch ein Gedicht auf ihn:

Unser wun–der–voller Po–le Tanzt den Krakowjak auf einer Soh–le ...

Und dann ... und dann ... das habe ich nun lei–der vergessen ... wie es weiter ging ...

Doch als er sich brach das Bein, Da stellte er das Tanzen ein ...“

„Sicherlich wird es so gewesen sein, Onkelchen!“ ruft Mosgljäkoff aus, dessen Stimmung immer heiterer wird.

„Es scheint mir auch, daß es so war,“ antwortet Onkelchen, „oder in der Art we–nigstens. Wie gesagt, vielleicht war es auch anders, nur war es ein sehr ge–lun–genes Gedicht ... Überhaupt ... ich habe jetzt einige Er–leb–nisse vergessen. Das kommt bei mir von der Beschäftigung ...“

„Aber sagen Sie doch, Fürst, womit haben Sie sich denn während dieser ganzen Zeit in Ihrer Einsamkeit beschäftigt?“ erkundigt sich Marja Alexandrowna interessiert. „Ich habe so oft an Sie gedacht, mon cher prince, daß ich diesmal geradezu brenne vor Ungeduld, Näheres darüber zu erfahren ...“

„Womit ich mich be–schäftigt habe? Nun, überhaupt, wissen Sie, verschiedenes. Wenn man ... sich zum Beispiel erholt. Zuweilen aber, wissen Sie, gehe ich und bilde mir verschiedenes ein ...“

„Sie haben wohl eine sehr große Einbildungskraft, Onkelchen?“

„Eine sehr große, mein Lieber. Zuweilen bilde ich mir so etwas ein, daß ich mich später über mich selbst wun–dere. Als ich in Kadujeff war ... A propos! Du warst doch, glaube ich, der Vi–ze-Gou–ver–neur von Kadujeff?“

„Ich, Onkelchen? aber nein! was Ihnen einfällt!“ ruft Pawel Alexandrowitsch aus.

„Denk dir, mein Lieber! Und ich hielt dich die ganze Zeit für den Vi–ze-Gou–verneur, und denke noch: wie kommt es nur, daß er jetzt ein ganz an–deres Ge–sicht hat? ... Jener, weißt du, hatte ein so wür–de–volles, klu–ges Gesicht. Ein un–ge–wöhnlich kluger Mensch war er und fortwährend schrieb er Gedichte, bei verschiedenen Ge–le–genheiten. Ein wenig, so im Profil, erinnerte er an den Pique-König ...“

„Nein, Fürst,“ unterbricht ihn Marja Alexandrowna, „ich schwöre es Ihnen, mit einem solchen Leben richten Sie sich nur zugrunde! Sich auf ganze fünf Jahre einzuschließen, nichts zu sehen, nichts zu hören! Sie sind ein verlorener Mensch, Fürst! Fragen Sie, wen Sie wollen, von denen, die Ihnen wirklich zugetan sind – und ein jeder wird Ihnen sagen, daß Sie ein verlorener Mensch sind!“

„Ist’s mög–lich?“ ruft der Fürst erstaunt aus.

„Ich versichere Sie! Ich rede wie ein Freund zu Ihnen, wie Ihre Schwester! Ich sage es Ihnen nur deshalb, weil Sie mir teuer sind, weil die Erinnerung an das Vergangene mir heilig ist! Und was hätte ich für einen Vorteil davon, wenn ich Ihnen schmeicheln wollte? Nein, Sie müssen Ihr Leben von Grund aus verändern, – anderenfalls werden Sie erkranken, sich überanstrengen, werden Sie sterben ...“

„O Gott! Werde ich wirklich so bald sterben?“ fragt erschrocken der Fürst. „Und denken Sie sich, Sie haben es erraten: mich quälen ent–setz–lich meine Hä–morrhoiden, na–ment–lich seit einiger Zeit ... Und wenn ich diese Zufälle habe, so gibt es bei der Gelegenheit er–staun–liche Symptome – ich werde sie Ihnen ausführlich beschreiben ... Erstens ...“

„Onkelchen, das werden Sie ein nächstes Mal erzählen,“ unterbricht ihn Pawel Alexandrowitsch, „jetzt aber ... ist es nicht Zeit, zu fahren?“

„Nun ja! Dann al–so ein an–deres Mal. Das ist vielleicht auch nicht so in–ter–es–sant. Ich habe es mir jetzt überlegt ... Aber es ist doch im–mer–hin eine sehr interes–sante Krankheit. Es gibt ver–schie–dene E–pi–soden ... Erinnere mich daran, mein Lieber, ich werde dir am Abend einen Fall aus–führ–lich erzählen ...“

„Aber hören Sie, Fürst, Sie müßten es versuchen, sich im Auslande davon zu heilen,“ unterbricht ihn noch einmal Marja Alexandrowna.

„Im Aus–lande? Nun ja, nun ja! Ich werde un–be–dingt ins Aus–land fahren. Ich entsinne mich, als ich in den zwan–ziger Jahren im Auslande war, da war es dort un–ge–mein lustig. Ich hätte fast geheiratet, une Vicomtesse, eine Fran–zö–sin. Ich war damals sehr ver–liebt und wollte ihr mein ganzes Leben weihen. Aber, wie gesagt, nicht ich hei–ra–te–te sie, sondern ein an–derer. Und welch ein selt–samer Zufall: ich war nur auf zwei Stunden fort–ge–gangen und da siegte der an–dere, ein deutscher Freiherr. Er saß dann noch später eine Zeitlang in einer Irrenanstalt.“

„Aber, cher prince, ich habe einzig deshalb davon gesprochen, weil Sie im Ernst an Ihre Gesundheit denken müssen. Im Auslande gibt es so gute Ärzte ... und außerdem, was nicht eine bloße Lebensveränderung auf sich hat! Sie müssen entschieden Ihr Duchanowo verlassen, wenigstens für einige Zeit!“

„Un–be–dingt! Ich habe mich schon vor langer Zeit entschlossen, und wissen Sie, ich beabsichtige, mich hy–dropa–thisch behandeln zu lassen.“

„Hydropathisch?“

„Hydropathisch. Ich habe mich einmal hy–dro–pa–thisch behandeln lassen. Ich war damals in einem Kurort. Dort war auch eine Dame aus Moskau, ich habe ihren Namen vergessen, nur war sie eine sehr poetische Dame, sie wird sieb–zig Jahre alt gewesen sein. Und bei ihr befand sich auch ihre Tochter, die war fünfzig Jahre alt, eine Witwe, und auf dem einen Auge hatte sie den Star. Die sprach gleichfalls fast nur in Ver–sen. Später hat–te sie noch ein Miß–geschick: sie hatte ihre leibeigene Magd erschlagen und war dafür vor Ge–richt gekommen. Und da fiel es ihnen ein, mich mit Wasser zu ku–rie–ren. Mir fehlte, wie gesagt, nichts. Nun ja, sie aber bestanden darauf: ‚Tun Sie es und tun Sie es!‘ Bis ich, aus Höf–lich–keit, denn auch rich–tig Wasser zu trinken begann; denke: vielleicht wird dir davon auch wirk–lich leichter werden. Ich trank und trank, trank und trank, trank einen ganzen Was–ser–fall aus, und, wissen Sie, diese Hy–dro–pathie ist eine gute Sache und hat mir viel Nutzen gebracht, so daß ich, wenn ich nicht zu guter Letzt erkrankt wäre, jetzt, Ehrenwort, vollkommen gesund sein würde ...“

„Das ist doch mal eine vollkommen richtige Folgerung, Onkelchen! Sagen Sie, Onkelchen, haben Sie jemals Logik getrieben?“

„Mein Gott! Was für Fragen Sie stellen!“ bemerkt streng die pikierte Marja Alexandrowna.

„Ich habe, ich habe Logik getrieben, mein Lieber, nur ist es sehr lange her. Ich habe auch Phi–lo–sophie gelernt in Deutsch–land, habe einen ganzen Kursus durch–gemacht, nur habe ich gleich damals alles wieder ver–gessen. Aber ... wie gesagt ... Sie haben mich mit diesen Krankheiten der–ma–ßen erschreckt, daß ich ganz er–schüttert bin. Wie gesagt, ich werde sogleich wiederkommen ...“

„Aber wohin gehen Sie denn, Fürst?“ ruft die verwunderte Marja Alexandrowna aus.

„Ich werde sogleich, sogleich ... Ich will nur einen neuen Gedanken nie–der–schreiben ... au revoir ...“

„Na! Wie gefällt er Ihnen!“ fragt Pawel Alexandrowitsch und biegt sich vor Lachen.

Marja Alexandrowna verliert endlich die Geduld.

„Ich verstehe nicht, ich verstehe absolut nicht, worüber Sie lachen!“ beginnt sie mit Eifer. „Über einen alten, ehrwürdigen Herrn, einen Verwandten, zu lachen, über jedes seiner Worte Ihren Spott zu ergießen, und nur wegen seiner Engelsgüte! Ich bin für Sie errötet, Pawel Alexandrowitsch! Aber so sagen Sie doch, was denn Ihrer Meinung nach so lächerlich an ihm ist? Ich kann wirklich nichts Lächerliches an ihm finden!“

„Aber – daß er keinen Menschen erkennt, daß er den größten Unsinn zusammenschwatzt? ...“

„Das ist doch nur eine Folge seines entsetzlichen Lebens, seines fünfjährigen Gefängnislebens unter der Aufsicht dieses höllischen Weibes! Man muß ihn bemitleiden, aber nicht verspotten! Er hat sogar mich nicht erkannt; Sie waren ja selbst Zeuge! Das ist doch sicherlich, wie man sagt, himmelschreiend! Man muß ihn unbedingt retten! Ich berede ihn nur aus dem Grunde zu einer Reise ins Ausland, weil ich hoffe, daß er dann diese – dieses Marktweib verlassen wird!“

„Wissen Sie was! Man muß ihn verheiraten, Marja Alexandrowna!“ ruft Pawel Alexandrowitsch aus.

„Schon wieder! Aber Sie sind ja unerträglich, Monsieur Mosgljäkoff!“

„Nein, Marja Alexandrowna, nein! Diesmal rede ich ganz im Ernst! Warum soll man ihn denn nicht verheiraten? Das ist doch eine Idee! C’est une idée comme une autre! Was kann ihm das schaden, sagen Sie doch, bitte! Er ist, im Gegenteil, in einer solchen Lage, daß dieses Mittel ihn retten könnte! Nach dem Gesetz kann er doch noch heiraten. Und erstens wird er dann von diesem abgefeimten Weibsbild – verzeihen Sie den Ausdruck – befreit sein. Zweitens – und das ist die Hauptsache – nehmen wir an, daß er ein Mädchen erwählt, oder noch besser, eine Witwe, eine nette, gute, kluge, zärtliche und vor allen Dingen arme Witwe, die ihn wie eine Tochter pflegt, und die auch begreift, wie viel sie ihm dafür Dank schuldig ist, daß er sie zu seiner Frau gemacht hat. Was aber kann man ihm mehr wünschen, als ein ihm nahestehendes, herzliches und edles Wesen, das beständig bei ihm ist, anstelle dieses ... Weibes? Versteht sich, sie darf nicht häßlich sein, denn Onkelchen liebt noch immer die Netten. Haben Sie bemerkt, wie er Sinaïda Afanassjewna fixiert hat?“

„Wo aber werden Sie denn für ihn eine solche Braut finden?“ fragte Nastassja Petrowna Sjäblowa, die aufmerksam zuhört.

„Wer da fragt, der ist es! Warum schließlich nicht Sie, wenn Sie nur wollen! Erlauben Sie: weshalb sollten Sie zum Fürsten nicht passen? Erstens – Sie sehen nett aus, zweitens – Sie sind eine Witwe, drittens – adlig, viertens – arm (denn Sie sind ja tatsächlich nicht reich), fünftens – Sie sind eine sehr vernünftige Dame, folglich werden Sie ihn lieben, auf den Händen tragen, jene andere, die jetzt dort Herrin ist, mit Püffen zur Tür hinausjagen; Sie werden ihn ins Ausland bringen, werden ihn mit Brei und Konfekt füttern, und alles das bis zu der Minute, in der er das Irdische segnet, was vielleicht nach einem Jahre geschehen wird, vielleicht aber auch schon nach zweieinhalb Monaten. Dann sind Sie Fürstin, Witwe, reich, und zur Belohnung heiraten Sie einen Marquis oder einen Generalintendanten! C’est joli, n’est-ce pas?“

„O du mein Himmel! Ich würde mich ja, glaube ich, aus lauter Dankbarkeit in ihn verlieben, wenn er mir nur einen Heiratsantrag machen würde!“ ruft Frau Sjäblowa aus, und ihre dunklen ausdrucksvollen Augen blitzen auf. „Nur ist das alles – Scherz!“

„Scherz? Soll es kein Scherz sein? Bitten Sie mich mal recht nett, und dann schneiden Sie mir einen Finger ab, wenn Sie nicht heute noch verlobt sind! Es ist ja überhaupt nichts leichter, als Onkelchen zu irgend etwas zu bereden! Er sagt zu allem ‚nun ja, nun ja!‘ Sie haben es doch selbst gehört. Wir verheiraten ihn so, daß er selbst nichts davon merkt. Wir können ihn ja offen betrügen, denn es geschieht doch nur zu seinem Wohl, ich bitte Sie! ... Wenn Sie sich wenigstens auf alle Fälle etwas aufputzen wollten, Nastassja Petrowna!“

Die Begeisterung Mosgljäkoffs wird zur Leidenschaft. Und wie vernünftig Frau Sjäblowa auch sein mag – ihr wässert dennoch der Mund.

„Ach, ich weiß es auch ohne Ihren Hinweis, daß ich heute ganz unmöglich angekleidet bin,“ antwortet sie. „Ich habe mich ganz vernachlässigt und schon lange jede Hoffnung aufgegeben ... Sehe ich denn heute nicht wirklich wie – eine – Köchin aus?“

Während dieses ganzen Gesprächs saß Marja Alexandrowna mit eigentümlich starrer Miene unbeweglich auf ihrem Stuhl. Ich täusche mich nicht, wenn ich sage, daß sie den sonderbaren Vorschlag Pawel Alexandrowitschs mit einem gewissen Schreck vernahm und im Augenblick geradezu erstarrte ... Endlich besann sie sich.

„Alles das ist ja, sagen wir, wunderschön, aber es bleibt doch ein Scherz und eine Ungereimtheit, und vor allem ist es hier durchaus unschicklich,“ unterbricht sie Mosgljäkoff scharf.

„Aber weshalb denn, gütigste Marja Alexandrowna, weshalb soll es denn eine Ungeschicklichkeit und unschicklich sein?“

„Aus sehr vielen Gründen, vor allem aber deshalb, weil Sie in meinem Hause sind und der Fürst mein Gast ist, und weil ich niemandem erlauben werde, die meinem Hause schuldige Achtung zu vergessen. Ich fasse Ihre Worte nur als Scherz auf, Pawel Alexandrowitsch. Aber Gott sei Dank! Da ist ja der Fürst!“

„Da bin auch ich wieder!“ ruft der Fürst aus, ins Zimmer eintretend. „Es ist er–staunlich, cher ami, wie viel neue Gedan–ken ich heute habe. Zu–wei–len aber, vielleicht wirst du es nicht für möglich halten, zuwei–len habe ich sie so gut wie über–haupt nicht. Und so sitze ich oft einen ganzen Tag.“

„Das kommt wahrscheinlich von dem heutigen Fall im Wagen, Onkelchen. Das hat Ihre Nerven erschüttert und nun ...“

„Mein Lieber, ich schreibe es auch selbst diesem Um–stande zu, und finde den Fall sogar nütz–lich. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, meinem Fe–o–fil zu verzeihen. Weißt du, es scheint mir, daß er es nicht auf mein Leben abgesehen hatte. Was meinst du dazu? Zudem ist er sowieso vor kurzem bestraft worden, als ihm der Bart ab–genom–men wurde.“

„Sein Bart abgenommen, Onkelchen? Aber er hat doch einen Bart von der Größe des Königreichs Preußen!“

„Nun ja, von der Größe des Königreichs Preußen. Wie gesagt, mein Lieber, du hast voll–kom–men recht in deiner An–nahme. Nur ist es ein künst–licher Bart. Und denken Sie sich, welch ein Zu–fall: plötzlich schickt man mir einen Preis-Kurant zu. Man hat eine neue Sendung Bär–te aus dem Aus–lande erhalten, vor–züg–liche Kutscher- und Herren–bär–te, sowie Backenbärte, Schnurrbärte, Mouches usw., und alle von vor–züglicher Arbeit und zu er–mäßigten Prei–sen. Wart, denke ich, ich werde doch einen Ba–art verschreiben, um doch ein–mal zu sehen, wie ein falscher aussieht. Und ich bestellte einen Kut–scherbart, denn so ein Bart macht doch stattlicher. Aber da zeigte es sich, daß Fe–o–fil einen natürlichen Ba–art hat, der fast zweimal so groß ist. Wie gesagt, was tun: soll man den echten abnehmen lassen oder den geschickten zurücksenden und den natürlichen tragen? Ich dachte und dachte, und beschloß, ihn doch den künstlichen tragen zu lassen.“

„Wahrscheinlich deshalb, weil die Kunst über der Natur steht, Onkelchen?“

„Gerade deshalb. Und wie er gelit–ten hat, als ihm der Bart abgeschnit–ten wurde! Als hätte er mit seinem Bart seine ganze Karrie–re verloren ... Aber ist es nicht Zeit, daß wir fahren, mein Lieber?“

„Ich bin bereit, Onkelchen.“

„Aber ich hoffe, Fürst, daß Sie nur zum Gouverneur fahren werden!“ ruft Marja Alexandrowna erregt aus. „Sie gehören jetzt mir, mein Fürst, Sie gehören den ganzen Tag mir und meiner Familie. Ich werde Ihnen natürlich nichts über die hiesige Gesellschaft sagen. Vielleicht wollen Sie auch Anna Nikolajewna besuchen, und – wozu Ihnen da die Illusionen nehmen! Außerdem bin ich ja vollkommen überzeugt, daß die Zeit Ihnen die Augen öffnen wird. Vergessen Sie nur nicht, daß ich heute Ihre Hausfrau, Ihre Schwester, Ihre Mutter, Ihre Wärterin bin, und glauben Sie mir, Fürst, ich zittere für Sie! Sie kennen sie nicht, nein, Sie kennen diese Menschen noch nicht, wenigstens vorläufig nicht ...“

„Verlassen Sie sich auf mich, Marja Alexandrowna. Es wird so sein, wie ich es Ihnen versprochen habe,“ sagt Mosgljäkoff.

„Ach, Sie kennt man! Auf Sie sich zu verlassen! Ich erwarte Sie zum Mittag zurück, Fürst. Wir speisen früh. Ich bedauere unsäglich, daß mein Mann auf dem Gute ist! Wie er sich freuen würde, Sie zu sehen! Wenn Sie wüßten, wie er Sie verehrt, wie er Sie liebt!“

„Ihr Mann? Al–so dann haben Sie auch einen Mann?“ fragt der Fürst.

„Ach, mein Gott! Wie vergeßlich Sie sind, Fürst! Sie haben ja alles, alles vergessen, was früher war! Mein Mann Afanassij Matwejitsch – entsinnen Sie sich seiner wirklich nicht? Er ist jetzt auf dem Gut, aber Sie haben ihn früher tausendmal gesehen. Entsinnen Sie sich nicht, Fürst – Afanassij Matwejitschs? ...“

„Afanassij Matwejitsch! Auf dem Gut, denken Sie sich, mais c’est delicieux! Dann haben Sie also auch einen Mann? Was für ein son–der–barer Zufall indes! Das ist ja ganz wie ein bekanntes Vau–de–ville: Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da ... wie war es doch, da habe ich es nun vergessen! Jedenfalls fuhr die Frau irgendwohin, wie gesagt, sehr geistvoll ...“

„‚Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da fährt die Frau schon aus dem Haus‘, Onkelchen,“ souffliert Mosgljäkoff.

„Nun ja! Nun ja! Ich danke dir, mein Lieber, gerade ‚aus dem Haus‘. Charmant, charmant! So daß es vollkommen einen Vers bildet. Und du verfällst immer auf den richtigen Vers, mein Lieber. Nun ja: ich entsann mich noch ganz genau, daß die Frau irgendwohin fuhr! Charmant, charmant! Wie gesagt, ich habe ein wenig vergessen, wovon die Rede war ... Richtig! Al–so wir fahren jetzt, mein Lieber. Au revoir, madame, adieu ma charmante demoiselle!“ fügt der Fürst hinzu, verbeugt sich vor Sina und küßt seine Fingerspitzen.

„Zum Mittag, zum Mittag, Fürst! Vergessen Sie es nicht, schnell zurückzukehren!“ ruft ihm noch Marja Alexandrowna nach.

V.

„Wenn Sie, Nastassja Petrowna, vielleicht etwas in der Küche nach dem Rechten sehen wollten,“ sagt sie, nachdem sie den Fürsten hinausgeleitet hat. „Ich habe eine Vorahnung, daß dieser schändliche Nikitka das Essen unfehlbar verderben wird! Ich bin überzeugt, daß er betrunken ist ...“

Nastassja Petrowna gehorcht. Im Fortgehen wirft sie Marja Alexandrowna einen mißtrauischen Blick zu und bemerkt sogleich, daß diese sich in ungewöhnlicher Erregung befindet. Anstatt nun nach dem schändlichen Nikitka zu sehen, geht Nastassja Petrowna in den Saal, von dort durch einen Korridor in ihr Zimmer und von dort in eine kleine dunkle Kammer, in der einige Koffer stehen, ein paar alte Kleidungsstücke hängen und in Bündeln die schmutzige Wäsche des Hauses aufbewahrt wird. Auf den Fußspitzen schleicht sie zu einer verschlossenen Tür, hält den Atem an, beugt sich nieder, lauert durch das Schlüsselloch und lauscht. Diese Tür ist eine der drei Türen desselben Zimmers, in dem jetzt Sina und deren Mutter allein zurückgeblieben sind.

Marja Alexandrowna hält Nastassja Petrowna zwar für eine durchtriebene, aber doch mehr leichtsinnige Person. Wohl ist ihr bisweilen schon der Gedanke gekommen, daß Nastassja Petrowna sich nicht schämen würde, an den Türen zu lauschen. In diesem Augenblick ist aber Marja Alexandrowna so beschäftigt und aufgeregt, daß sie keine Zeit hat, an Vorsichtsmaßregeln zu denken. Sie setzt sich in ihren weichen Sessel und blickt bedeutsam ihre Tochter an. Sina fühlt diesen Blick und eine bittere Qual steigt in ihrem Herzen auf.

„Sina!“

Sina wendet langsam ihr bleiches Gesicht der Mutter zu und erhebt den Blick ihrer dunklen, verträumten Augen.

„Sina, ich habe die Absicht, mit dir über etwas sehr Ernstes zu reden.“

Sina wendet sich jetzt vollkommen zur Mutter, faltet die Hände, lehnt sich an den Flügel und wartet. In ihrem Gesicht spiegelt sich Ärger und Spott wieder, was sie übrigens zu verbergen sucht.

„Ich will dich fragen, Sina, wie dir heute jener Mosgljäkoff gefallen hat?“

„Du weißt doch längst, wie ich über ihn denke,“ antwortet Sina gleichsam wider Willen.

„Ja, mon enfant; aber es scheint mir, daß er mit seinem ... Werben gar zu lästig wird.“

„Er sagt, daß er in mich verliebt sei und so dürfte seine Aufdringlichkeit entschuldbar sein.“

„Sonderbar, früher hast du ihn nicht so ... bereitwillig entschuldigt. Im Gegenteil, du fielst immer über ihn her, sobald ich nur von ihm sprach.“

„Sonderbar ist gleichfalls, daß du ihn früher immer verteidigtest und jetzt als erste über ihn herfällst.“

„Ja, beinahe. Ich will nichts verleugnen, Sina: früher wollte ich dich gern mit ihm verheiratet wissen. Es war mir schwer, deinen ewigen Kummer, deine Qual zu sehen, die ich dir nachfühlen kann – gleichviel, was du auch von mir denkst! – und die meinen Schlaf in jeder Nacht vergiftet. Ich hatte mich überzeugt, daß nur eine einschneidende Veränderung in deinem Leben dich retten könnte. Und diese Veränderung soll – eine Heirat sein. Wir sind nicht reich und können zum Beispiel nicht ins Ausland fahren. Die hiesigen Esel wundern sich, daß du dreiundzwanzig Jahre alt und noch unverheiratet bist und erfinden allerlei Geschichten. Aber soll ich dich denn einem unserer Räte geben oder Iwan Iwanowitsch, unserm Ökonom? Gibt es denn hier Männer für dich? Mosgljäkoff ist natürlich dumm, aber er ist doch immer noch der beste von allen. Er ist aus guter Familie, er hat einflußreiche Verwandschaft, er besitzt hundertundfünfzig Seelen – das ist doch immerhin besser, als von Sporteln und Sparen und weiß Gott was für Abenteuern zu leben. Deshalb hatte ich auch mein Auge auf ihn geworfen. Aber, ich schwöre es dir, ich habe nie aufrichtige Sympathie für ihn empfunden. Ich bin überzeugt, daß der Höchste mich selbst zurückgehalten hat. Und wenn Gott dir jetzt etwas Besseres geschickt hat – o! Wie gut ist es dann, daß du ihm noch nicht dein Wort gegeben hast! Du hast ihm doch heute nichts Bindendes gesagt, Sina?“

„Wozu diese Verstellung, Mamachen, wenn sich doch alles mit zwei Worten sagen läßt?“ fragt Sina gereizt.

„Verstellung, Sina, Verstellung? Und dieses Wort kannst du deiner Mutter sagen? Doch was rede ich unnütz! Du glaubst ja deiner Mutter lange nicht mehr. Du hältst mich für deine Feindin, nicht aber für deine Mutter.“

„Ach, schon gut, Mamachen! Sollen wir uns beide noch wegen eines Wortes streiten! Verstehen wir uns denn nicht? Ich dachte, wir hätten doch Zeit genug gehabt, uns kennen zu lernen!“

„Aber du beleidigst mich, mein Kind! Du glaubst nicht, daß ich zu allem, zu allem bereit bin, um dich sicher zu stellen!“

Spöttisch und geärgert blickte Sina ihre Mutter an.

„Willst du mich vielleicht mit diesem Fürsten verheiraten, um mich sicher zu stellen?“ fragte sie mit einem seltsamen Lächeln.

„Ich habe das nicht gesagt, mein Kind, doch da du selbst darauf zu sprechen kommst, so will ich dir sagen, daß es dein Glück wäre, wenn du den Fürsten heiraten könntest.“

„Ich aber finde, daß es einfach unsinnig wäre!“ rief Sina heftig aus. „Der größte Unsinn! Und auch finde ich, Mama, daß du gar zu viel dichterische Begeisterung hast, du bist im vollen Sinn des Wortes ein weiblicher Dichter. So wirst du ja auch hier genannt. Du hast beständig Projekte. Deren Unmöglichkeit und Sinnlosigkeit aber – hält dich nie ab. Noch als der Fürst hier saß, ahnte ich, was du im Sinn hattest. Und als Mosgljäkoff diesen Blödsinn schwatzte und beteuerte, daß man den alten Mann verkuppeln müsse, da habe ich in deinem Gesicht alle deine Gedanken gelesen. Ich gebe meinen Kopf darauf, daß du daran denken und gerade das mir jetzt vorschlagen wolltest. Da aber deine unermüdlichen Pläne in bezug auf mich mir tödlich zuwider geworden sind, mich quälen, so bitte ich dich, kein Wort von deinem neuen Projekt mehr zu sprechen, hörst du, Mama, – kein Wort, und es würde mich freuen, wenn du das behieltest!“ Sie war atemlos vor Zorn.

„Du bist ein Kind, Sina, ein reizbares, krankes Kind!“ entgegnete Marja Alexandrowna mit gerührter Stimme, in der Tränen zu zittern schienen. „Du sprichst mit mir ungezogen und kränkst mich. Keine Mutter würde das ertragen, was ich täglich von dir ertrage! Aber du bist gereizt, du bist krank, du leidest, ich aber bin Mutter und vor allem Christin. Ich muß dulden und verzeihen. Doch ein Wort, Sina: wenn ich nun tatsächlich an diese Verbindung gedacht hätte – weshalb hältst du diesen Gedanken für unsinnig? Meiner Meinung nach hat Mosgljäkoff nie klüger gesprochen, als vorhin, – ich meine, als er bewies, daß der Fürst heiraten müsse, nur, versteht sich, nicht diesen Schmierpinsel Nastassja. Darin hat er sich natürlich versehen.“

„Höre, Mama! Sage doch offen: fragst du das nur so, aus Neugierde, oder mit einer bestimmten Absicht?“

„Ich frage nur: weshalb erscheint dir das so unsinnig?“

„Ach, es ist doch wirklich ärgerlich! Daß einem auch ein solches Schicksal beschieden sein kann!“ rief Sina aus und stampfte mit dem Fuß vor Empörung. „Gut, ich werde es dir sagen, weshalb: ganz abgesehen von allen übrigen Dummheiten, – die Geistesschwäche eines Greises auszubeuten, ihn zu betrügen, ihn zu heiraten, diesen Klappergreis, um ihm dann sein Geld abzunehmen und täglich, stündlich seinen Tod zu wünschen, das ist, finde ich, nicht nur unsinnig, sondern außerdem noch so niedrig, so niedrig, daß ich dir zu solchen Gedanken nicht Glück wünschen kann, Mama!“

Eine ganze Minute dauerte das Schweigen.

„Sina! Entsinnst du dich noch dessen, was vor zwei Jahren war?“

Sina zuckte zusammen.

„Mama!“ sagte sie dann mit strenger Stimme, „du hast mir feierlich gelobt, mich nie mehr daran zu erinnern.“

„Und jetzt bitte ich dich feierlich, mein Kind, mir nur dieses eine Mal zu erlauben, das Versprechen, das ich bis jetzt noch niemals vergessen habe, zurückzuziehen. Sina! Die Stunde einer rückhaltslosen Aussprache zwischen uns ist gekommen. Diese zwei Jahre Schweigen waren entsetzlich! So kann es nicht weitergehen! ... Ich bin bereit, dich auf den Knien anzuflehen – erlaube mir nur dieses eine Mal zu sprechen! Hörst du, Sina, deine leibliche Mutter fleht dich auf den Knien an! Und ich gebe dir feierlich mein Wort, – das Wort einer unglücklichen Mutter, die ihre Tochter vergöttert, daß ich niemals, in keiner Form, und in keinem Fall, selbst wenn es sich um die Rettung meines Lebens handelte, davon mehr sprechen werde. Es wird dies das letzte Mal sein – aber diesmal geht es nicht anders, ich muß!“

Marja Alexandrowna rechnete auf einen durchschlagenden Erfolg dieser Worte.

„Sprich,“ sagte Sina, die merklich bleicher wurde.

„Ich danke dir, Sina. Vor zwei Jahren kam zu deinem verstorbenen Bruder Mitjä ein junger Lehrer ...“

„Aber wozu denn diese feierliche Einleitung, Mama! Wozu diese ganze Redekunst, alle diese Einzelheiten, die doch vollkommen überflüssig sind, die doch nur quälen und die uns beiden nur zu gut bekannt sind?“ unterbrach Sina ihre Mutter zornig und wie angeekelt.

„Weil ich, deine Mutter, mein Kind, gezwungen bin, mich vor dir zu rechtfertigen. Zudem will ich dir diese Angelegenheit von einem ganz anderen Standpunkt aus zeigen, nicht von diesem falschen Standpunkt aus, von dem aus du sie zu beurteilen gewohnt bist. Und schließlich, damit du die Folgerung begreifst, die ich hieraus zu ziehen beabsichtige: Glaube nicht, mein Kind, daß ich mit deinem Herzen spielen will! Nein, Sina, du wirst in mir eine wirkliche Mutter finden, und vielleicht wirst du tränenüberströmt zu meinen Füßen, zu den Füßen der ‚niedrigen Frau‘, wie du mich soeben genannt hast, die Versöhnung erbitten, die du so lange, die du bis zum heutigen Tage verschmäht hast. Darum will ich alles sagen, Sina, alles, von Anfang an wiederholen. Oder ich schweige.“

„Sprich,“ wiederholte Sina, die von ganzem Herzen die Notwendigkeit dieser Rede verwünschte.

„Ich fahre fort, Sina: – Dieser Lehrer an der Kreisschule, fast noch ein Knabe, machte auf dich einen mir vollkommen unbegreiflichen Eindruck. Ich vertraute zu sehr auf deine Vernunft, auf deinen edlen Stolz und hauptsächlich auf seine Nichtigkeit – es muß doch einmal alles gesagt werden –, um auch nur das geringste zwischen euch zu argwöhnen. Und plötzlich kommst du zu mir und erklärst mir entschlossen, daß du ihn zu heiraten beabsichtigst! Sina! Das war ein Dolchstich in mein Herz! Ich schrie nur auf und verlor das Bewußtsein. Doch ... du entsinnst dich ja noch dessen! Versteht sich, ich fand es für nötig, meine ganze Macht zu gebrauchen, die du damals Tyrannei nanntest. Denk doch nur: ein unreifer Knabe, der Sohn eines Popen, der ein Monatsgehalt von nur zwölf Rubel hat, der Verfasser erbärmlicher Verse, die nur aus Mitleid in der „Bibliothek zur Aufklärung“ abgedruckt werden und der von nichts anderem als nur von diesem verwünschten Shakespeare zu sprechen weiß – dieser Knabe dein Mann, der Mann Sinaïda Moskaleffs! Aber das ist ja ein Ding der Unmöglichkeit! Verzeih, Sina, aber die blasse Erinnerung daran bringt mich um meinen Verstand! Ich sagte ihm ab; aber keine Macht der Welt vermag dich aufzuhalten. Dein Vater, wie du weißt, blinzelte nur mit den Augen und begriff nicht einmal, was ich ihm erklärte. Du aber bist von deinem Knaben nicht abzubringen, du kommst sogar mit ihm zusammen, und was am furchtbarsten ist, du entschließt dich, mit ihm zu korrespondieren. In der Stadt verbreiten sich schon Gerüchte. Mir werden von allen Seiten Stiche versetzt; man freut sich, man posaunt es schon aus, und plötzlich gehen alle meine Prophezeiungen in Erfüllung. Es kommt zu einem Streit zwischen euch, er erweist sich als deiner vollkommen unwürdig ... als grüner Bengel – ich kann ihn unmöglich einen Mann nennen! – und er droht dir, deine Briefe in der Stadt herum zu zeigen. Diese Drohung empört dich dermaßen, daß du ihm eine Ohrfeige gibst. Ja, Sina, auch dieses weiß ich! Ich weiß alles, alles! Der Unglückliche zeigt noch am selben Tage einen deiner Briefe dem Lump Sanschin und nach einer Stunde befindet sich dieser Brief in den Händen Natalja Dmitrijewnas, meiner Totfeindin! Am selben Abend macht dieser Wahnsinnige aus Reue den unsinnigen Versuch, sich zu vergiften. Kurz, es ist ein entsetzlicher Skandal zu erwarten! Dieser Schmierpinsel Nastassja kommt erschrocken zu mir gelaufen mit der furchtbaren Nachricht, daß der Brief sich schon seit einer ganzen Stunde in den Händen Natalja Dmitrijewnas befinde: nach zwei Stunden wird die ganze Stadt um deine Schmach wissen! Ich überwand mich, ich fiel nicht in Ohnmacht, – aber mit welchen Schlägen hast du mein Herz getroffen, Sina! Diese Schamlose, dieses Scheusal Nastassja verlangt zweihundert Rubel bar und dafür schwört sie, den Brief zur Stelle zu schaffen. Ich selbst laufe, in dünnen Stiefeln, im Schnee zum Juden Bumstein und verpfände meinen Schmuck, das Andenken meiner seligen Mutter! ... Nach zwei Stunden ist der Brief in meinen Händen. Nastassja hatte ihn gestohlen. Sie hat die Schatulle erbrochen – deine Ehre ist gerettet, der Beweis vernichtet! Aber in welcher Aufregung hast du mich diesen Tag verbringen lassen! Am nächsten Morgen bemerkte ich zum erstenmal in meinem Leben, daß ich vereinzelte graue Haare hatte, Sina! Du weißt jetzt, wie du über diesen Knaben urteilen mußt. Du hast selbst zugegeben, vielleicht mit einem bitteren Lächeln, daß es der größte Wahnsinn gewesen wäre, ihm dein Leben anzuvertrauen. Aber seit der Zeit quälst du dich, mein Kind, du kannst ihn nicht vergessen, oder richtiger, nicht ihn – denn er ist deiner stets unwürdig gewesen –, sondern das Phantom deines einstigen Glücks kannst du nicht vergessen. Dieser Unglückliche liegt jetzt auf dem Sterbebett; man sagt, er sei schwindsüchtig; du aber, in deiner Engelsgüte, du willst nicht heiraten, solange er noch lebt, um sein Herz nicht zu zerreißen, denn er quält sich noch immer mit seiner Eifersucht herum, wenn ich auch überzeugt bin, daß er dich niemals mit einer so tiefen, erhabenen Liebe geliebt hat! Ich weiß, seitdem er von Mosgljäkoffs Werbung gehört hat, läßt er spionieren, auflauern und ausfragen. Du schonst ihn, mein Kind, ich habe es erraten, und Gott allein weiß, mit wie bitteren Tränen ich mein Kissen genetzt habe! ...“

„Laß doch das, Mama!“ unterbricht Sina in unerträglicher Qual. „Das mit dem Kissen war wohl sehr notwendig,“ fügte sie spöttisch hinzu. „Geht es denn nicht ohne Deklamation, ohne Pathos?“

„Du glaubst mir nicht, Sina! Sieh nicht feindlich auf mich, mein Kind! Meine Augen sind in diesen zwei Jahren nicht trocken geworden, aber ich habe meine Tränen vor dir verborgen, und ich schwöre dir, ich selbst habe mich in dieser Zeit in vielem verändert! Ich habe längst deine Gefühle begriffen und ich gestehe es, erst jetzt kann ich die ganze Größe deines Schmerzes nachempfinden. Kann man mir daraus einen Vorwurf machen, mein Kind, daß ich diese Anhänglichkeit nur für Romantik hielt, die dieser verwünschte Shakespeare heraufbeschworen hat, dieser Dummkopf, der seine Nase überall hineinsteckt, wo man ihn gar nicht haben will? Welche Mutter würde mich wegen meines Schreckens, wegen der Maßregeln, die ich ergriff, wegen der Strenge meines Urteils verdammen? Jetzt aber, jetzt, nachdem ich dein Leiden in diesen zwei Jahren gesehen habe, jetzt verstehe und achte ich deine Gefühle. Glaube mir, ich habe dich vielleicht besser verstanden, als du dich selbst verstehst. Ich bin überzeugt, daß du gar nicht ihn liebst, diesen Knaben, nur deine eigenen goldenen Träume, dein verlorenes Glück, deine erhabenen Ideale. Auch ich habe geliebt und vielleicht noch leidenschaftlicher als du. Auch ich habe gelitten. Ich habe gleichfalls meine hohen Ideale gehabt. Und darum – wer kann mich deshalb verurteilen, und vor allem – kannst du mich deshalb verurteilen, weil ich die Verbindung mit dem Fürsten für die beste Rettung halte, für das Notwendigste, was du in deiner augenblicklichen Lage tun kannst und tun mußt?“

Sina hörte mit Verwunderung diese lange Rede an, denn sie wußte, daß ihre Mutter nicht ohne Grund einen solchen Ton anschlug. Die letzte unerwartete Folgerung jedoch stieß sie vollkommen vor den Kopf.

„Dann hast du also im Ernst beschlossen, mich mit diesem Fürsten zu verheiraten?“ rief sie verwundert aus und sah erschrocken die Mutter an. „Dann sind es ja nicht nur Träume, Projekte, sondern – deine feste Absicht ist es? Dann habe ich es richtig erraten? Und ... und ... inwiefern wird mich denn diese Heirat retten und weshalb ist sie so notwendig? Und ... und ... was hat das damit zu schaffen, was du soeben hier geredet hast? – mit dieser ganzen Geschichte? ... Ich verstehe dich nicht, Mama!“

„Ich wundere mich, mon ange, wie du das nicht verstehen kannst!“ ruft Marja Alexandrowna aus, die jetzt ihrerseits in Hitze gerät. „Allein das, daß du in eine andere Gesellschaft hineinkommst, in eine andere Welt! Du verläßt auf ewig dieses widerliche Nest, das für dich voll ist von unangenehmen Erinnerungen, in dem du keinen einzigen Freund hast, weder unter den Frauen, noch unter den Männern, in dem du verleumdet worden bist, in dem alle diese Klatschbasen dich wegen deiner Schönheit hassen. Du könntest noch in diesem Frühling nach Italien fahren, in die Schweiz, nach Spanien, Sina, nach Spanien, wo die Alhambra ist, der Guadalquivir, nicht aber unser kleines Flüßchen hier mit dem unanständigen Namen ...“

„Aber erlaube, Mama, du redest, als wenn ich bereits verheiratet wäre oder zum mindesten als hätte der Fürst bereits um mich angehalten!“

„Das laß meine Sorge sein, mein Engel, ich weiß, was ich rede. Erlaube, daß ich fortfahre. Den ersten Punkt habe ich dir genannt, jetzt kommt der zweite: ich begreife sehr wohl, mein Kind, mit welchem Widerwillen du deine Hand diesem Mosgljäkoff gegeben hättest ...“

„Ich weiß auch ohne deine Bemerkung, daß ich ihn niemals geheiratet hätte, niemals heiraten werde!“ unterbrach Sina heftig und ihre Augen blitzten.

„Und wenn du wüßtest, wie ich deinen Ekel begreife, mein Kind! Es ist furchtbar, einem zu gehören, den einem Manne Liebe schwören müssen, den man nicht liebt! Es ist mehr als furchtbar, einem zu gehören, den man nicht einmal achtet! Er aber verlangt deine Liebe: nur ihretwegen würde er dich heiraten, das sehe ich an den Blicken, die er auf dich wirft, wenn du dich abwendest. Und dann sich verstellen zu müssen –! Ich habe es in den fünfundzwanzig Jahren meiner Ehe zur Genüge ausgekostet! Dein Vater hat mich unglücklich gemacht. Ich kann sagen, er hat meine Jugend ausgesogen. Wie oft hast du meine Tränen gesehen!“

„Papa ist auf dem Gut, bitte kein Wort über ihn,“ sagte Sina.

„Ich weiß, du bist ewig seine Verteidigerin. Ach, Sina! Mir wollte das Herz zerspringen, als ich – aus Berechnung – deine Vermählung mit Mosgljäkoff wünschte. Bei dem Fürsten aber brauchst du dich nicht zu verstellen. Es versteht sich von selbst, daß du ihn nicht lieben kannst ... und er ist ja auch garnicht fähig, solche Liebe zu verlangen ...“

„Gott, welch ein Unsinn! Aber ich sage dir doch, daß du dich von Grund aus täuschst, von Anfang an, gerade in der Hauptsache! Begreife doch, daß ich mich nicht opfern will, ohne zu wissen, wozu! Daß ich überhaupt nicht heiraten will, keinen einzigen, ich bleibe unverheiratet! Du hast mich zwei Jahre lang gefoltert, bloß weil ich nicht heiratete. Doch! Du wirst dich damit aussöhnen müssen. Ich will nicht und das genügt! So wird es sein!“

„Aber Herzchen, Sinachen, reg dich um Gotteswillen nicht so auf, noch bevor du alles gehört hast! Was du für ein Hitzköpfchen bist! Erlaube mir, daß ich dir die Sache von meinem Standpunkt aus erkläre und du wirst sofort mit mir übereinstimmen. Der Fürst wird vielleicht noch ein Jahr leben, zwei wäre viel, und meiner Meinung nach ist es besser, eine junge Witwe zu sein, als ein altes Mädchen, ganz abgesehen davon, daß du nach seinem Tode – Fürstin, frei, reich und unabhängig bist! Mein Kind, du hörst vielleicht mit Verachtung all diese Berechnungen – Berechnungen, die mit der Erwartung seines Todes verknüpft sind. Aber – ich bin Mutter und welche Mutter wird mich wegen meiner Fürsorge verurteilen? Und schließlich, wenn du, Engel der Güte, diesen Knaben immer noch bemitleidest, dermaßen bemitleidest, daß du so lange er noch lebt, nicht heiraten willst – was ich jetzt erraten habe, – so denk doch nur, daß du, wenn du den Fürsten heiratest, ihn seelisch auferstehen machst, ihm eine große Freude bereitest! Wenn er ein Atom gesunde Vernunft hast, so wird er natürlich begreifen, daß Eifersucht auf den Fürsten unmöglich ist, sie wäre lächerlich. Er wird begreifen, daß du aus Berechnung geheiratet hast, also gezwungen. Er wird endlich begreifen, daß du nach dem Tode des Fürsten wieder heiraten kannst, wenn du willst ...“

„Kurz gesagt, es ergibt sich: heirate jetzt den Fürsten, nimm ihm das Geld ab, warte dann auf seinen Tod, um nachher den Geliebten zu heiraten. Du verstehst sehr gut, das Fazit einzuleiten! Du willst mich dazu verführen, indem du mir vorschlägst – ... Ich verstehe dich, Mama, verstehe dich vollkommen! Du kannst dich nie enthalten, selbst in einer schändlichen Angelegenheit nicht, edle Gefühle auszuspielen. Hättest du doch einfach und natürlich gesagt: ‚Sina, es ist eine Schändlichkeit, aber sie ist vorteilhaft und deshalb willige ein.‘ Das wäre wenigstens aufrichtig gewesen.“

„Aber weshalb mein Kind, weshalb willst du unbedingt nur von diesem Standpunkt aus die Sache ansehen, – vom Gesichtspunkte des Betruges und der Habsucht? Du hältst meine Bemerkungen für schändlich, für Betrug? Aber, um aller Heiligen willen, wo ist denn hier Betrug, was ist hier schändlich? Geh zum Spiegel und sieh dich an: du bist so schön, daß man ein Königreich für dich hingeben könnte! Und du, du, die du eine solche Schönheit bist, du opferst diesem Greise deine besten Jahre! Du wirst wie ein wundervoller Stern seinen Lebensabend erhellen; du wirst wie ein grüner Efeu um sein Alter ranken, nicht aber wie diese Nessel, diese schamlose Person, die ihn behext hat und seine Säfte aussaugt? Ist denn sein Geld, sein Fürstentitel wirklich wertvoller als du? Wo ist denn hier ein Betrug, eine Schändlichkeit? Du weißt nicht, was du sprichst, Sina!“

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