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Sämtliche Werke 17

Onkelchens Traum (continued 2)

E. K. Rahsin translation

„Sicherlich sind sie doch wertvoller, wenn man einen Krüppel heiraten muß! Betrug bleibt immer Betrug, Mama, gleichviel zu welchem Zweck.“

„Im Gegenteil, mein Kind, im Gegenteil! Man kann es sogar von einem sehr hohen, sogar von einem christlichen Standpunkt aus auffassen, mein Kind! Du hast mir selbst einmal in einem Anfall von Wahnsinn gesagt, daß du barmherzige Schwester werden wolltest. Dein Herz hat gelitten und ist jetzt verstockt. Du hast gesagt – ich weiß es – daß du nicht mehr lieben könntest. Wenn du an die Liebe nicht mehr glaubst, so wende deine Gefühle einem anderen, höheren Gegenstande zu, tue es aufrichtig wie ein Kind mit dem ganzen Glauben an die Heiligkeit deiner Aufgabe – und Gott wird dich segnen. Dieser Greis hat gleichfalls gelitten, er ist unglücklich, er wird verfolgt. Ich kenne ihn seit mehreren Jahren und habe stets eine unbegreifliche Sympathie für ihn empfunden, eine Art Liebe sogar, als hätte ich etwas vorausgeahnt. Sei sein Freund, sei ihm eine Tochter, sei ... selbst sein Spielzeug – wenn einmal alles gesagt werden muß! – Aber erwärme sein Herz, und du wirst es für Gott tun, um der Tugend willen! Er ist lächerlich, – beachte das nicht. Er ist ein halber Mensch, – hab Mitleid mit ihm: du bist Christin! Zwinge dich dazu: solche Taten werden nur vollbracht, wenn man sich selbst bezwingt. Uns scheint es schwer, in Krankenhäusern Wunden zu verbinden, die übelriechende Lazarettluft einzuatmen. Es gibt aber Engel Gottes, die alle diese Pflichten erfüllen und obendrein Gott für ihre Bestimmung noch danken. Das wäre eine Arzenei für dein verletztes Herz – eine Beschäftigung, eine große Tat, und deine Wunden würden vernarben. Wo ist hier nun Egoismus, wo eine Schändlichkeit? Aber du glaubst mir nicht! Du denkst vielleicht, daß ich mich verstelle, wenn ich dir von Pflichten und großen Taten rede. Du kannst es nicht verstehen, daß ich, eine weltliche, eitle Frau, ein Herz, Gefühl und eine Lebensmoral haben kann? Nun gut! Glaub es nicht, beleidige deine Mutter, aber gib wenigstens zu, daß ihre Worte vernünftig sind. Wenn du willst, so denk, daß nicht ich rede, sondern irgend ein anderer Mensch; schließe die Augen, kehre mir den Rücken zu und bilde dir ein, daß eine unsichtbare Stimme zu dir spricht ... Dich verwirrt doch hauptsächlich nur, daß es, wie du meinst, für Geld geschehen solle, wie ein Kauf oder Verkauf. So verzichte doch auf das Geld, wenn es dir so verhaßt ist! Behalte nur das Notwendigste für dich und alles übrige verteile unter die Armen. Hilf zum Beispiel ihm, diesem unglücklichen Knaben auf dem Sterbebett.“

„Er wird keine Hilfe annehmen,“ sagte Sina leise, wie zu sich selbst.

„Er nicht, aber seine Mutter wird sie annehmen,“ antwortete die triumphierende Marja Alexandrowna, „sie wird sie hinter seinem Rücken annehmen. Du hast deine Ohrringe verkauft, die deine Tante dir geschenkt hat, du hast sie verkauft und ihr geholfen, vor einem halben Jahr. Ich weiß es. Ich weiß auch, daß die Alte für andere Leute Wäsche wäscht, um ihren unglücklichen Sohn ernähren zu können.“

„Bald wird sie es nicht mehr nötig haben!“

„Ich weiß, auf was du anspielst,“ griff Marja Alexandrowna sofort auf, und wahre Begeisterung erfaßte sie, denn ein unbezahlbarer Gedanke hatte sie beglückt, „ich weiß, wovon du sprichst. Man sagt, er sei schwindsüchtig und werde bald sterben. Aber wer ist denn das, der das sagt? Vor ein paar Tagen erkundigte ich mich bei Kalist Stanislawitsch nach ihm: ich interessiere mich für ihn, denn ich habe ein Herz, Sina. Kalist Stanislawitsch sagte mir, daß seine Krankheit allerdings gefährlich sei, er aber, als Arzt, habe sich überzeugt, daß es Schwindsucht nicht sein könne, sondern nur so – ein ziemlich ernstes Brustleiden. Du kannst ihn selbst fragen, wenn du willst. Und er sagte mir, er sei überzeugt, daß der Kranke unter anderen Verhältnissen, namentlich in einem anderen Klima, nach einem Luftwechsel und unter anderen Eindrücken sehr wohl noch gesund werden könnte. Er sagte mir, daß in Spanien – ich habe davon auch früher schon gehört, sogar gelesen – daß bei Spanien eine besondere Insel sei, Madeira, glaube ich – jedenfalls hieß sie wie ein Wein –, wo nicht nur Brustkranke, sondern auch wirklich Schwindsüchtige vollständig gesund geworden sind. Viele fahren nur zu dem Zweck hin, um sich dort von dem milden Klima heilen zu lassen, selbstverständlich meist Fürsten, natürlich auch Kaufleute, jedenfalls aber nur Reiche. Schon diese Alhambra, diese Myrten, diese Zitronenbäume und diese Spanier auf ihren Mauleseln! – schon diese Umgebung muß doch einen ungewöhnlichen Eindruck auf eine poetische Natur machen. Du glaubst vielleicht, daß er deine Unterstützung, dein Geld für diese Reise nicht annehmen wird? So betrüge ihn, wenn er dir leid tut! Ein Betrug zur Rettung eines Menschenlebens ist verzeihlich. Mach ihm Hoffnung, versprich ihm deine Liebe, sag ihm, daß du ihn heiraten wirst, wenn du Witwe seist. Man kann alles in einer feinen edlen Weise sagen. Deine Mutter wird dich nicht in Unedlem unterstützen, Sina. Du tust es, um sein Leben zu erhalten, um ihn zu retten und deshalb ist – alles erlaubt! Diese Hoffnung wird ihn neu beleben, er wird selbst seiner Gesundheit mehr Aufmerksamkeit schenken, wird Medizin einnehmen und die Vorschriften der Ärzte befolgen. Er wird gesund werden wollen, um das verheißene Glück genießen zu können. Und wenn er gesund geworden ist, so wirst du ihn zwar nicht heiraten, aber er wird dann doch wenigstens gesund sein, immerhin hast du ihn dann gerettet! Und schließlich kann man auch Mitleid mit ihm haben. Vielleicht hat ihn das Leben inzwischen zum Besseren verändert, und wenn er deiner nur wert ist, so kannst du ihn ja später auch heiraten. Du bist dann reich, unabhängig. Du kannst, wenn er wieder gesund ist, ihm eine Stellung in der Welt verschaffen, er kann durch dich Karriere machen. Dann würde diese Heirat verzeihlicher sein als jetzt, denn jetzt wäre sie unmöglich. Was stände euch bevor, wenn ihr euch jetzt dazu entschließen würdet? Allgemeine Verachtung, Armut. Schulbuben an ihren Ohren ziehen – denn das ist nun einmal mit seiner Tätigkeit verknüpft –, gemeinsames Lesen Shakespeares, ewiges Leben in Mordassoff und dann sein unvermeidlicher, naher Tod. Während du ihm so, wenn du ihn gewissermaßen von den Toten auferweckst, zu einem nutzbringenden Leben, zum Schaffen die Möglichkeit gibst. Indem du ihm verzeihst – zwingst du ihn, dich zu vergöttern. Ihn quält sein schändlicher Racheversuch. Wenn du ihm jetzt die Möglichkeit eines neuen Lebens zeigst, ihm verzeihst, so belebst du ihn mit der Hoffnung und söhnst ihn mit sich selbst aus. Er kann dann in den Staatsdienst treten, kann sogar zu Ehren und Titeln gelangen. Und selbst wenn er nicht gesund wird, so stirbt er doch wenigstens glücklich, versöhnt mit sich selbst, in deinen Armen – denn du kannst ja selbst in diesem Augenblick bei ihm sein –, überzeugt von deiner Liebe, mit dir versöhnt, im Schatten der Myrten und Orangen, unter dem exotischen Himmel! O, Sina! Alles das ist in deiner Macht! Alle Vorteile sind auf deiner Seite – und das alles durch die Verbindung mit dem Fürsten!“

Marja Alexandrowna hatte ihre Rede beendet. Es folgte ein ziemlich langes Schweigen. Sina befand sich in unbeschreiblicher Aufregung.

Wir wollen es nicht versuchen, Sinas Gefühle wiederzugeben und wir können sie auch nicht alle erraten. Es scheint, daß Marja Alexandrowna den richtigen Weg zum Herzen ihrer Tochter gefunden hatte. Da sie nicht wußte, in welchem Zustande sich Sinas Herz befand, hatte sie zuerst alle Möglichkeiten versucht, bis sie zu guter Letzt erriet, welcher der richtige Weg war. Sie rührte rücksichtslos an die empfindlichsten Stellen dieses Herzens und konnte ihrer Gewohnheit gemäß natürlich nicht ohne Hervorkehrung edler Gefühle auskommen, obschon sie wußte, daß sie damit Sina nicht täuschen würde.

„Aber was hilft das alles,“ dachte Marja Alexandrowna, „sie wird mir doch nicht glauben. Wenn man sie nur zum Nachdenken bringen könnte! Wenn ich nur möglichst geschickt andeuten könnte, was ich ihr offen nicht sagen darf!“

Mit diesen Gedanken arbeitete sie auf ihr Ziel los und erreichte es auch: Sina hörte schließlich gespannt zu, ihre Wangen glühten und sie atmete erregt.

„Höre, Mama,“ sagte sie endlich entschlossen, wenn auch das totenblasse Gesicht deutlich aussprach, was dieser Entschluß sie kostete. „Höre Mama ...“

In diesem Augenblick wurde Sina von einem Geräusch im Vorzimmer und einer schrillen, scharfen Stimme, die nach Marja Alexandrowna fragte, unterbrochen. Marja Alexandrowna sprang erschrocken auf.

„Ach, mein Gott!“ rief sie aus. „Der Teufel schickt mir diese Elster auf den Hals! Aber ich habe sie doch vor zwei Wochen fast hinausgeworfen! Was soll ich tun? Es geht nicht anders, ich muß sie empfangen! Ich muß! Sie kommt bestimmt mit Nachrichten, sonst würde sie es doch nicht wagen, zu erscheinen. Das ist sehr wichtig, Sina! Ich muß unbedingt wissen ... Ich darf nichts unbeachtet lassen! – Aber nein, wie dankbar ich Ihnen bin für Ihren Besuch!“ rief sie freudig aus, indem sie der eintretenden Frau Oberst entgegeneilte. „Wie haben Sie sich nur meiner erinnert, meine teure Ssofja Petrowna? Welch eine ent–zück–ende Überraschung!“

Sina lief aus dem Zimmer.

VI.

Ssofja Petrowna Karpuchina, die Frau eines Obersten, glich nur seelisch einer Elster. Körperlich erinnerte sie eher an einen dünnen Sperling. Sie war eine kleine, fünfzigjährige Dame mit scharfen, stechenden Augen in einem Gesicht, das ganz von Sommersprossen und anderen gelben Flecken bedeckt war. Ihr kleiner, ausgetrockneter Körper, der auf zwei dünnen, festen Sperlingsbeinen stand, stak in einem dunklen Seidenkleid, das beständig rauschte, da die Dame nie, auch nur zwei Sekunden lang, sich ruhig verhalten konnte. Sie war eine geradezu bösartige, rachsüchtige Klatschbase. Der Oberstenrang ihres Mannes war ihr dermaßen zu Kopf gestiegen, daß er sie jeder gesunden Vernunft beraubt hatte. Mit ihrem Mann jedoch, dem Oberst a. D., führte sie oft Krieg und zerkratzte ihm bei der Gelegenheit tüchtig das Gesicht. Außerdem trank sie jeden Morgen vier Gläschen Branntwein und am Abend dieselbe Portion, und haßte bis zum Wahnsinn Anna Nikolajewna Antipowa, die ihr vor einer Woche die Tür gewiesen, sowie auch Natalja Dmitrijewna Paskudina, die dabei geholfen hatte.

„Ich bin nur auf einen Augenblick zu Ihnen gekommen, mon ange,“ begann sie mit ihrer kreischenden Stimme. „Es ist ganz überflüssig, daß ich mich gesetzt habe. Ich wollte nur erzählen, was für Wunder bei uns geschehen. Die ganze Stadt ist einfach von Sinnen und das wegen dieses Fürsten! Unsere Gimpelfängerinnen – vous comprenez! – suchen ihn, fangen ihn, reißen ihn sich gegenseitig aus den Händen, schleppen ihn zu sich, setzen ihm Champagner vor, – Sie werden es nicht glauben! Sie glauben es nicht! Aber wie haben Sie sich nur entschließen können, ihn von sich fortzulassen? Wissen Sie auch, daß er jetzt bei Natalja Dmitrijewna ist?“

„Bei Natalja Dmitrijewna!“ schrie Marja Alexandrowna auf und sprang mit einem Satz von ihrem Polsterstuhl in die Höhe. „Aber er ist doch nur zum Gouverneur gefahren und dann vielleicht zu Anna Nikolajewna, aber nur auf einen Augenblick!“

„Auf einen Augenblick! Sehen Sie jetzt zu, wie Sie ihn wieder einfangen können! Den Gouverneur hat er nicht zu Haus angetroffen, von dort ist er zu Anna Nikolajewna gefahren, hat ihr sein Wort gegeben, daß er bei ihr speisen würde, Nataschka aber, die jetzt in einem fort bei ihr sitzt, hat ihn sofort zum Frühstück zu sich geschleppt! Da haben Sie jetzt Ihren Fürsten!“

„Aber wie ... Mosgljäkoff? Er hat mir doch versprochen ...“

„Mosgljäkoff! Ihr gepriesener! ... Er ist doch gleichfalls hingefahren! Seien Sie froh, wenn er dort nicht an den Kartentisch gesetzt wird und wieder alles verspielt, wie vor einem Jahr! Und auch der Fürst wird an den Tisch gesetzt und bis aufs letzte gerupft werden. Und was sie da alles klatscht, diese Nataschka! Sie sagt es ganz ungeniert und laut, daß Sie sich des Fürsten bemächtigen wollen ... zu gewissen Zwecken – vous comprenez? Sie setzt es ihm selbst auseinander. Er begreift natürlich nichts, sitzt da wie ein begossener Pudel und sagt zu allem: ‚Nun ja, nun ja!‘ Und sie selbst, sie selbst, diese Nataschka! Sofort hat sie ihm ihre Ssonjka vorgeführt – denken Sie sich: fünfzehn Jahre alt und immer noch zieht sie dem Mädchen kurze Kleider an! Immer noch bis zu den Knien, wie Sie sich denken können! ... Und dann hat sie nach der verwaisten Maschka geschickt, die kam gleichfalls im kurzen Kleide, nur war das noch kürzer, nicht einmal bis zu den Knien, – ich habe es durch mein Lorgnon gesehen ... Auf den Kopf wurden ihnen rote Mützen mit Federn gesetzt – was das zu bedeuten hatte, weiß ich nicht! Und dann mußten diese beiden Halbnackten vor dem Fürsten den Kasatschok tanzen! Sie kennen ja die Schwäche dieses Fürsten – er schnalzte! ‚Diese Formen,‘ sagte er, ‚diese Formen!‘ und betrachtete sie vom Kopf bis zu den Füßen durch sein Lorgnon – sie aber kommen in Schwung! Beide ganz erhitzt – verrenken ihre Beine, daß Gott erbarm, und das soll ein Tanz sein! Ich habe selbst getanzt, wissen Sie, mit einem Schal, als ich Madame Jarnies Pension für junge Mädchen verließ – da habe ich einen wahrhaft aristokratischen Effekt gemacht! Sogar Senatoren klatschten mir Beifall! Dort wurden nur Fürsten- und Grafentöchter erzogen! Dieses hier aber war doch einfach Cancan! Ich verging vor Scham, ich verging, ich verging! Ich hielt es einfach nicht aus! ...“

„Aber waren Sie denn selbst bei Natalja Dmitrijewna? Sie sind doch ...“

„Ich weiß, sie hat mich vor einer Woche beleidigt. Ich sage das einem jeden ganz offen. Mais, ma chère, ich wollte wenigstens durch einen Türspalt diesen Fürsten mir ansehen und so fuhr ich hin. Wo hätte ich ihn denn sonst sehen können? Würde ich denn zu ihr gefahren sein, wenn es sich nicht um diesen elenden Fürsten gehandelt hätte? Denken Sie sich: allen wird Schokolade gereicht, nur mir nicht! Und sie selbst spricht kein Wort mit mir. Das hat sie doch mit Absicht getan ... Diese Verleumderin! Ich werde ihr aber jetzt! ... Doch adieu, mon ange, adieu, ich eile, ich eile ... Ich muß unbedingt noch Akulina Panfilowna zu Hause antreffen und ihr erzählen ... Nur sagen Sie jetzt Ihrem Fürsten Lebewohl! Den werden Sie nicht mehr wiedersehen. Wissen Sie, er hat ja kein Gedächtnis – und so wird ihn Anna Nikolajewna unbedingt bei sich behalten! Alle fürchten dort, daß Sie ... vous comprenez? – in bezug auf Sina ...“

„Quelle horreur!“

„Sie können mir aufs Wort glauben! Die ganze Stadt spricht nur noch davon. Anna Nikolawjewna will ihn unbedingt zum Essen bei sich behalten und dann, versteht sich, auf immer! Das macht sie Ihnen zum Trotz, um Sie zu schikanieren, mon ange. Ich habe durch einen Zaunspalt in ihren Hof gelauert: ein Hasten und Treiben ist dort, sag ich Ihnen! – in der Küche wird gebraten, gebacken, mit Messern gehackt ... sogar nach Champagner ist geschickt worden. Eilen Sie, eilen Sie, fangen Sie ihn unterwegs auf, wenn er zu ihr fährt. Er hat Ihnen doch zuerst zugesagt! Er ist Ihr Gast und nicht Anna Nikolajewnas! Und nur, damit diese geriebene, abgefeimte, ungebildete Person über uns lachen kann! Sie ist nicht einmal meine Schuhsohle wert, wenn sie auch Frau Staatsanwalt ist! Ich bin selbst die Frau eines Obersten! Ich bin in Madame Jarnies aristokratischer Pension erzogen worden ... Mais adio, mon ange! Ich habe meinen Schlitten, sonst würde ich mit Ihnen fahren ...“

Die wandernde Zeitung verschwand. Marja Alexandrowna zitterte vor Aufregung, aber der erteilte Rat war äußerst klar und praktisch. Sie hatte keine Zeit zu versäumen. Nur galt es vorher noch die größte Schwierigkeit zu überwinden. Marja Alexandrowna eilte in das Zimmer ihrer Tochter.

Sina ging, die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf gesenkt, bleich und verstört in ihrem Zimmer umher. Ihre Augen waren verweint, doch in ihrem Blick, den sie auf die Mutter richtete, lag Entschlossenheit. Sie unterdrückte schnell ihre Tränen und ein sarkastisches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Mama,“ sagte sie, um ihrer Mutter vorzugreifen, „du hast viel von deiner Redekunst an mich vergeudet, gar zu viel. Du hast mich aber doch nicht blind gemacht. Ich bin kein Kind. Mir einzubilden, daß ich gegebenenfalls die Tat einer barmherzigen Schwester vollbrächte, wenn ich dazu nicht im geringsten berufen bin, eine niedrige Handlungsweise mit edlen Zielen rechtfertigen zu wollen – das ist ein Jesuitismus, der mich nicht betören kann. Höre: das hat mich nicht betören können und ich will, daß du das vor allem weißt!“

„Aber, mon ange!“ rief etwas ängstlich Marja Alexandrowna aus.

„Schweig, Mama! Hab’ bitte die Geduld, mich bis zu Ende anzuhören. Trotz der vollen Erkenntnis dessen, daß es nichts als Jesuitismus ist, trotz meiner vollen Überzeugung von der unentschuldbaren Niedrigkeit dieser Handlung, – trotzdem gehe ich auf deinen Vorschlag vollkommen ein, hörst du: vollkommen, und erkläre dir, daß ich einverstanden bin, den Fürsten zu heiraten und sogar einverstanden, dich in allen deinen Bemühungen zu unterstützen, um ihn zu einem Heiratsantrag zu bringen. Wozu ich es tue? – Das ist meine Sache. Dir mag es genügen, daß ich mich entschlossen habe ... Jawohl, ich bin zu allem entschlossen: ich werde ihm die Stiefel reichen, ich werde seine Wärterin sein, ich werde ihm zu seinem Vergnügen vortanzen, um meine Niedrigkeit vor ihm zu verdecken; ich werde alles, alles tun, nur damit er es nicht bereut, daß er mich geheiratet hat! Doch als Gegenleistung für meinen Entschluß verlange ich, daß du mir offen sagst, auf welche Weise du es durchsetzen willst, daß er um mich anhält? Wenn du in so bestimmtem Tone davon zu sprechen angefangen hast, so – ich kenne dich – so hast du unfehlbar einen festen Plan gefaßt. Sei jetzt wenigstens einmal im Leben aufrichtig! Diese Aufrichtigkeit ist die einzige Bedingung, die ich stelle. Ich kann nicht darauf eingehen, wenn ich nicht vorher genau weiß, was du tun wirst.“

Marja Alexandrowna war von dem unerwarteten Entschluß ihrer Tochter so bestürzt, daß sie eine ganze Weile wie taub und stumm vor ihr stand und sie nur aus weit offenen Augen anstarrte. Sie konnte noch nicht einmal denken vor Verwunderung. Sie hatte sich darauf gefaßt gemacht, lange noch mit der trotzigen „Romantik“ ihrer Tochter, deren schroffes Anstandsgefühl sie stets gefürchtet hatte, kämpfen zu müssen, und nun hörte sie plötzlich, daß diese vollkommen mit allem einverstanden und zu allem bereit war, und sogar gegen ihre Überzeugung! Nein, wenn es so stand, dann erhielt ja die Sache eine ungewöhnliche „Solidität“, – und Freude erglänzte in Marja Alexandrownas Augen.

„Sinachen!“ rief sie begeistert aus, „Sinachen! Du bist mein Fleisch und mein Blut!“

Mehr konnte sie nicht hervorbringen und sie eilte zur Tochter, um sie in ihre Arme zu schließen.

„Ach, mein Gott! Ich habe dich nicht um deine Umarmungen gebeten, Mama!“ wehrte sich Sina mit angeekelter Gereiztheit. „Ich brauche dein Entzücken nicht! Ich verlange von dir nur eine Antwort auf meine Frage und nichts weiter.“

„Aber, Sina, ich habe dich doch lieb, mein Kind! Ich vergöttere dich, du aber stößt mich von dir ... ich tue es doch nur in der Sorge um dein Glück ...“

Tränen erglänzten in ihren Augen. Marja Alexandrowna liebte ihre Tochter tatsächlich, nur tat sie es – auf ihre Art. Und diesmal waren ihr der Erfolg und die Aufregung allerdings nahe gegangen. Sina begriff, daß die Mutter sie liebte und – diese Liebe bedrückte sie.

„Nun, sei mir nicht böse, Mama, ich bin nur so aufgeregt,“ sagte sie, um die Mutter zu beruhigen.

„Ich bin nicht böse, ich bin nicht böse, mein Engelchen!“ versicherte Marja Alexandrowna, im Augenblick wieder belebt, „ich begreife es doch, daß du erregt bist. Sieh, mein Kind, du verlangst volle Aufrichtigkeit ... Schön, ich werde aufrichtig sein, vollkommen aufrichtig, glaube mir: Wenn du mir nur glauben wolltest! Aber ich sage dir, daß ich einen bestimmten Plan, der in allen Punkten festgesetzt wäre, noch nicht habe, Sinachen, und das ist ja auch ganz unmöglich. Du, als kluges Köpfchen, wirst doch verstehen, weshalb nicht. Ich sehe sogar einige Schwierigkeiten voraus ... Soeben hat mir diese Klatschbase da die Ohren vollgeblasen ... Ach, mein Gott! Ich müßte mich beeilen! – Sieh, ich bin vollkommen aufrichtig, mein Kind! Aber ich schwöre dir, ich werde das Ziel erreichen!“ beteuerte sie begeistert. „Meine Überzeugung ist durchaus nicht poetischer Natur, wie du vorhin sagtest, mein Engel. Sie beruht auf der Wirklichkeit, auf Tatsachen ... Sie beruht auf der völligen Gedächtnisschwäche des Fürsten, – die aber ist doch derart! ... ist doch ein solcher Kanevas, daß man alles auf ihm ausnähen kann – was man nur will! Die Hauptsache ist, daß man uns nicht stört! Aber wie sollen denn diese Gänse mich überlisten!“ rief Marja Alexandrowna stolz aus, schlug mit der Hand auf den Tisch und ihre Augen blitzten. „Das laß nur meine Sache sein! Nur – jetzt ist das Wichtigste, daß man sofort beginnt ... Wenn es nur irgend geht, muß heute noch das Hauptsächlichste erledigt werden.“

„Gut, Mama, nur höre jetzt noch ein ... aufrichtiges Geständnis: Weißt du, weshalb ich mich für deinen Plan so interessiere und ihm nicht traue? Weil ich mich auf mich selbst nicht verlassen kann. Ich habe dir gesagt, daß ich mich zu dieser Schändlichkeit entschlossen habe, wenn aber die Einzelheiten deines Planes gar zu widerlich sind, gar zu schmutzig, so erkläre ich dir im voraus, daß ich es alsdann nicht aushalten und mich dann von dem ganzen Vorhaben zurückziehen werde. Ich weiß, daß das eine neue Schändlichkeit ist: sich zu einer Schändlichkeit zu entschließen und den Schmutz zu fürchten, in dem sie schwimmt, – doch was soll ich tun? Es wird ja bestimmt so sein! ...“

„Aber, Sinachen, wo ist denn hier eine so besondere Schändlichkeiten, mon ange?“ wagte die Mutter schüchtern einzuwenden. „Hier handelt es sich doch nur um eine vorteilhafte Heirat, und dazu entschließen sich doch alle! Man braucht ja nur von diesem Standpunkt aus zu sehen, und alles wird dann sogar sehr anständig erscheinen ...“

„Ach, Mama, spiel’ doch um Gottes willen nicht Verstecken mit mir! Du siehst doch, ich bin mit allem, mit allem, einverstanden! – was willst du denn noch mehr? Bitte, fürchte dich nicht, wenn ich die Dinge bei ihrem richtigen Namen nenne. Vielleicht ist das jetzt – meine einzige Beruhigung.“

Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Nun, nun, schon gut, mein Engelchen, man kann in den Gedanken nicht ganz übereinstimmen und dennoch sich gegenseitig achten. Nur, – wenn dich die Einzelheiten beunruhigen und du fürchtest, daß sie schmutzig sein könnten, so überlaß diese Sorgen vollkommen mir: ich schwöre dir, daß kein Tröpfelchen Schmutz auf dich spritzen wird. Will ich dich denn vor allen kompromittieren? Verlaß du dich nur auf mich und alles wird vorzüglich und durchaus anständig arrangiert werden, die Hauptsache ist – durchaus anständig, sogar vornehm! Es wird nicht den geringsten Skandal geben, und selbst wenn es auch so ein kleines, unvermeidliches Skandälchen geben sollte, – so ... irgendwie! – so sind wir dann doch schon über alle Berge! Wir werden doch nicht hier bleiben! Mögen sie dann schreien, soviel sie wollen – was geht das uns an? Sie werden uns ja doch nur beneiden. Und sind diese Menschen es denn überhaupt wert, daß man sich um sie kümmert? Es wundert mich eigentlich, Sinachen, sei mir nicht böse, – daß du bei deinem Stolz sie so fürchtest!“

„Ach, Mama, ich fürchte sie durchaus nicht! Du willst mich nur nicht verstehen!“ antwortete Sina gereizt.

„Nun, nun, mein Seelchen, sei mir nicht böse! Ich sage ja nur, daß sie selbst an jedem Tage, den Gott werden läßt, Schändlichkeiten begehen, du aber würdest dann nur ein einziges Mal im Leben ... aber was fällt mir ein! Was rede ich dumme Person! Durchaus keine Schändlichkeit! Wo ist hier eine Schändlichkeit, oder was soll hier schmutzig sein, wie du sagst? Im Gegenteil, es ist sogar sehr edel von dir. Ich werde es dir beweisen, mein Kind. Erstens, ich wiederhole: es hängt alles nur davon ab, von welchem Standpunkt aus man auf die Sache sieht ...“

„Ach, hör’ doch auf, Mama, mit deinen Beweisen!“ unterbrach Sina sie zornig und stampfte mit dem Fuß auf.

„Nun, mein Seelchen, ich werde nicht, ich werde nicht! Ich habe mich wieder verplappert ...“

Es trat ein kurzes Schweigen ein. Marja Alexandrowna folgte unruhig ihrer Tochter und suchte zaghaft deren Blick, wie etwa ein kleines, unartig gewesenes Schoßhündchen seiner Herrin in die Augen sieht.

„Ich begreife nicht einmal, wie du es beginnen willst,“ sagte Sina, die ihren Ekel niederrang. „Ich bin überzeugt, daß du nur auf Schande stoßen wirst. Ich verachte die Meinung dieser Leute, aber für dich, Mama, wird es eine Schande sein.“

„O, wenn nur das allein dich beunruhigt, mein Engel – deshalb mach dir keine Sorgen! Ich bitte dich, ich flehe dich an! Wenn nur wir uns einigen – um mich brauchst du dich nicht im geringsten zu beunruhigen. Ach, wenn du wüßtest, aus welchen Bädern ich mich trocken herausgearbeitet habe! Ich habe noch ganz anderes erlebt und durchgehalten! Nun, erlaub mir nur wenigstens, dies da zu versuchen! Jedenfalls ist das Wichtigste, daß wir so bald als irgend möglich mit dem Fürsten allein sind. Das ist das erste! Alles übrige wird nur davon abhängen! Aber ich fühle auch das schon alles voraus. Sie werden sich alle empören, aber ... das macht nichts! Ich werde sie abzufertigen wissen! Nur Mosgljäkoff fürchte ich noch ...“

„Mosgljäkoff?“ fragte Sina verächtlich.

„Nun ja, Mosgljäkoff. Das heißt, fürchte du dich nicht, Sinachen! Ich schwöre dir, ich werde ihn so weit bringen, daß er uns noch helfen wird! Du kennst mich noch nicht, Sinachen! Du weißt noch nicht, was ich in der Tat leisten kann! Ach, Sinachen, mein Seelchen! Vorhin, als ich von der Ankunft dieses Fürsten hörte, kam mir sofort der Gedanke! Es kam im Augenblick wie eine Erleuchtung über mich. Und wer, sag’ doch selbst, wer hätte es erwarten können, daß er ausgerechnet bei uns absteigen würde? Eine solche Gelegenheit wird es ja in tausend Jahren nicht wieder geben! Sinachen! Mein Engelchen! Nicht das ist ehrlos, daß du einen Greis und Krüppel heiratest, sondern daß du einen heiratest, den du verabscheust und nicht ertragen kannst und dennoch in Wirklichkeit seine Frau sein wirst! Dem Fürsten aber wirst du doch nicht eine wirkliche Frau sein. Mit ihm: das ist doch keine Ehe! Das ist einfach ein häuslicher Kontrakt! Er gewinnt doch nur dabei, – ihm, diesem Esel, gibt man ein solches Glück! Ach, Sinachen, du weißt ja gar nicht, wie schön du heute bist! Du bist nicht nur schön, du bist geradezu wunderbar! Ich würde, wenn ich ein Mann wäre, dir ein halbes Königreich verschaffen, wenn du es nur wolltest! Esel sind sie alle! Wie soll man diese Hand nicht küssen?“ – Und Marja Alexandrowna küßte leidenschaftlich der Tochter die Hand. „Das ist ja doch mein Körper, mein Fleisch, mein Blut! Man muß ihn, wenn nicht anders, mit Gewalt zur Heirat zwingen, den Esel! Aber wie wir dann leben werden, Sinachen! Du wirst doch deine Mutter nicht fortjagen, wenn du im Glück lebst? Wir haben uns ja oft gestritten, mein Engelchen, aber immerhin hast du doch keinen so treuen Freund gehabt wie mich ... immerhin ...“

„Mama! Wenn du dich bereits entschlossen hast, so ist es vielleicht gut für dich ... etwas zu tun. Hier aber verlierst du nur Zeit!“ sagte Sina ungeduldig.

„Es ist Zeit, es ist Zeit, Sinachen, gewiß ist es höchste Zeit, daß ich gehe! Ach! Ich habe hier so lange geschwatzt!“ Marja Alexandrowna kam zur Besinnung. „Sie wollen uns dort alle den Fürsten entreißen. Ich fahre im Augenblick! Ich werde einfach vorfahren, Mosgljäkoff herausrufen lassen und dann ... Ich werde ihn mit Gewalt fortbringen, wenn’s darauf ankommt! Leb wohl, Sinachen, auf Wiedersehen, mein Täubchen, laß den Mut nicht sinken, zweifle nicht, sei nicht traurig, vor allem – sei nicht traurig! Alles wird vorzüglich, wird äußerst vornehm arrangiert werden! Die Hauptsache ist ja nur, von welchem Standpunkt aus man die Sache auffaßt ... nun, leb wohl, leb wohl! ...“

Marja Alexandrowna bekreuzte ihre Tochter, eilte dann in ihr Zimmer, drehte sich dort einen Augenblick vor dem Spiegel und zwei Minuten später rollte sie schon in ihrer Equipage, die um diese Zeit immer für den Fall einer Ausfahrt angeschirrt stand, durch die Straßen von Mordassoff: Marja Alexandrowna lebte „en grand“.

„Nein, ihr seid nicht die Rechten, mich zu überlisten!“ dachte sie, als sie in ihrem Wagen saß. „Sina ist einverstanden, folglich ist die halbe Arbeit schon getan, und hier nun sollte es mir nicht gelingen! Unsinn! Ja, die Sina! Sie hat doch eingewilligt ... endlich! Also auch auf dein Köpfchen können andere Berechnungen ihren Einfluß haben! Ich habe ihr aber auch eine verlockende Perspektive ausgemalt! Die Wirkung hat endlich einmal nicht versagt: Aber ... es ist ja ganz unfaßlich, wie schön sie heute aussieht! Ich würde mit ihrer Schönheit halb Europa nach meinem Wunsch umdrehen! Nun, warten wir ab ... Der Shakespeare wird ihr schon aus dem Kopf kommen, wenn sie erst Fürstin ist und gewisse Dinge kennen lernt. Was kennt die denn? Mordassoff und ihren Lehrer! ... Hm ... Aber was für eine Fürstin sie sein wird! Ich liebe diesen Stolz an ihr. Diese Kühnheit! Wie unnahbar sie ist! Ein Blick von ihr – und eine Königin hat einen angesehen! Wie, wie soll man denn nicht seinen eigenen Vorteil begreifen? Endlich hat sie ihn denn auch begriffen! Wird auch das übrige begreifen ... Ich werde doch immerhin bei ihr sein. Ich werde schon dafür sorgen, daß sie in allen Punkten mit mir übereinstimmt! Ohne mich aber wird sie nicht auskommen! Ich werde selbst Fürstin sein, auch in Petersburg wird man mich kennen lernen. Leb wohl dann, erbärmliches Städtchen! Dieser Fürst wird sterben und auch dieser Knabe wird sterben und dann werde ich sie mit einem regierenden Fürsten verheiraten! ... Nur eines macht mir Sorge: habe ich mich ihr nicht zu sehr anvertraut? Bin ich nicht zu offenherzig gewesen, zu gefühlvoll vielleicht? Sorgen macht sie mir, weiß Gott ... ich fürchte sie fast ...“

Und Marja Alexandrowna wurde nachdenklich. Es läßt sich nicht leugnen: sie hatte allen Grund, besorgt zu sein. Sagt man doch in manchen Fällen ganz mit Recht: Leidenschaft sehr oft viel Leiden schafft.

Als Sina allein zurückgeblieben war, ging sie noch lange auf und ab in ihrem Zimmer, die Arme verschränkt und mit ihren Gedanken beschäftigt. Sie dachte über vieles nach. Fast unbewußt murmelte sie immer wieder: „Es ist Zeit, es ist Zeit, es wäre schon lange Zeit dazu gewesen!“ Was hatte dieser Ausruf zu bedeuten? Mehr als einmal blitzten Tränen in ihren langen, seidigen Wimpern. Sie dachte nicht daran, ihrer Stimmung Gewalt anzutun. Doch die Sorgen ihrer Mutter waren ganz überflüssig. Umsonst bemühte sie sich, hinter die Gedanken ihrer Tochter zu kommen: Sina hatte sich endgültig entschlossen und sich auf alle Folgen gefaßt gemacht.

„Wart mal!“ dachte Nastassja Petrowna Sjäblowa, als sie nach der Abfahrt der Frau Oberst Karpuchina aus der dunklen Kleiderkammer wieder hinausschlich. „Und ich wollte mir schon eine rosa Schleife anstecken, für diesen elenden Fürsten! Auch ich dumme Gans glaubte, daß er mich heiraten würde! Da hast du’s jetzt – rosa Schleife! Aber Marja Alexandrowna! Ich soll also ein Schmierpinsel sein, ich soll mich mit zweihundert Rubel bestechen lassen! Das fehlte noch, daß ich dir etwas abließe oder unentgeltlich machte, du falsche Person! Ich nahm das Geld auf ehrliche Weise; ich nahm es für die mit dem Vorhaben verknüpften Ausgaben ... Vielleicht habe ich selbst bestechen müssen! Was geht das dich an, ob ich mit eigenen Händen das Schloß aufgebrochen oder andere dafür bezahlt habe! Ich habe doch für dich gearbeitet und du schonst deine Hände! Du willst immer nur auf Kanevas ausnähen! Wart mal, ich werde dir zeigen, was Kanevas ist! Ich werde euch beiden zeigen, was für ein Schmierpinsel ich bin! Ihr sollt einmal Nastassja Petrowna und deren ganze Bescheidenheit kennen lernen!“

VII.

Doch Marja Alexandrowna ließ sich von ihrer Eingebung fortreißen. Sie hatte einen großen und gewagten Plan. Ihre Tochter an einen Krösus, einen Fürsten und Krüppel zu verheiraten, und zwar so, daß niemand es erfuhr, mit Ausnutzung der Geistesschwäche und Schutzlosigkeit ihres Gastes, sie gewissermaßen auf „diebische Weise“, wie ihre Feinde unfehlbar sagen würden, zu verheiraten, – das war nicht nur gewagt, sondern geradezu vermessen. Freilich war der Plan verlockend vorteilhaft, aber im Fall des Mißlingens wurde die, welche ihn entworfen hatte, doch wohl mit ewiger, untilgbarer Schande bedeckt. „Ich habe mich aus noch ganz anderen Bädern trocken herausgearbeitet!“ hatte sie zu Sina gesagt und sie hatte recht. Was wäre sie denn auch sonst für eine Heldin gewesen!

Zweifellos glich das ganze Vorhaben ein wenig einem Überfall auf offener Straße, doch Marja Alexandrowna schenkte auch dem nicht gar zu viel Aufmerksamkeit. Sie hatte in der Beziehung einen erstaunlich richtigen Gedanken: „Sind sie erst getraut, so können sie die Trauung nicht mehr ungeschehen machen,“ – ein überaus einfacher und einleuchtender Gedanke, der aber die Phantasie mit so ungewöhnlichen Vorteilen anlockte, daß es Marja Alexandrowna bei der blassen Vorstellung dieser Vorteile kalt überlief und sie am ganzen Körper gestochen zu werden glaubte. Überhaupt befand sie sich in ungewöhnlicher Aufregung und saß wie auf Nadeln. Als inspirationsfähige Frau, die fraglos mit Schöpfergeist begabt war, hatte sie bereits einen Schlachtplan entworfen, versteht sich, vorläufig noch skizzenhaft, überhaupt – en grand, halb noch schleierhaft sah sie ihn vor ihrem geistigen Auge. Es standen eine Unmenge Einzelheiten und verschiedene unvorhergesehene Zwischenfälle bevor. Marja Alexandrowna glaubte jedoch an sich: sie regte sich nicht etwa aus Furcht vor dem Mißlingen auf, – o nein! Sie wollte nur schneller beginnen, sich schneller in den Kampf stürzen können. Ungeduld, edle Ungeduld erfaßte sie bei dem Gedanken an die bevorstehenden Hindernisse und möglichen Zwischenfälle. Ich will das deutlicher erklären. Die größte Gefahr ahnte und erwartete Marja Alexandrowna von ihren verehrten Mitbürgern, den Mordassowern, und vornehmlich von der höheren Gesellschaft der Mordassower Damen, deren unversöhnlichen Haß sie aus Erfahrung kannte. Zum Beispiel wußte sie mit tödlicher Sicherheit, daß man in der Stadt bereits alle ihre Absichten ahnte, obgleich noch niemand ein Wort darüber gesprochen hatte. Aus mehrfach gemachter trauriger Erfahrung wußte sie, daß es noch nie ein Geheimnis in ihrem Hause gegeben hatte, selbst wenn es das geheimste war, das nicht binnen zwölf Stunden jedes Hökerweib auf dem Markt, jeder einzelne Ladenverkäufer wußte. Versteht sich: Marja Alexandrowna ahnte ja vorläufig nur die Gefahren, aber solche Vorahnungen betrogen sie nie. Auch diesmal betrogen sie sie nicht. Was aber inzwischen geschehen war und was sie noch nicht mit ganzer Sicherheit wußte, war folgendes:

Um die Mittagszeit, also genau drei Stunden nach der Ankunft des Fürsten in Mordassoff, verbreiteten sich in der Stadt absonderliche Gerüchte. Wie und wo sie entstanden waren, weiß niemand, aber verbreitet hatten sie sich fast in einem Augenblick. Alle versicherten einander, daß Marja Alexandrowna ihre Sina mit dem Fürsten bereits verkuppelt habe, daß Mosgljäkoff der Laufpaß gegeben worden und somit eben alles so gut wie besiegelt und unterschrieben sei. Was war die Veranlassung zu diesen Gerüchten gewesen? Sollten die Leute wirklich Marja Alexandrowna so gut gekannt haben, daß sie sofort auf den Kernpunkt aller ihrer tiefinnerlichen Gedanken und Ideale verfielen? Doch weder die Unvereinbarkeit eines solchen Gerüchts mit der gewöhnlichen Ordnung der Dinge – denn so etwas läßt sich doch nur äußerst selten in einer Stunde abmachen – noch die freie Erfindung derselben – denn es vermochte niemand anzugeben, woher dieses Gerücht stammte – konnten den Mordassowern den Glauben daran nehmen. So kam es, daß das Gerücht sich hartnäckig weiter verbreitete und folglich immer glaubwürdiger wurde. Am erstaunlichsten ist aber, daß es sich schon zu der Zeit zu verbreiten begann, als Marja Alexandrowna sich eben erst zu jenem Gespräch mit Sina anschickte. Wie fein muß nach alledem der Spürsinn der Provinzler sein. Der Instinkt des Kleinstädters grenzt bisweilen geradezu ans Wunderbare – und das hat freilich auch seine Gründe: er fußt auf dem intimsten, langjährigen Studium des Nächsten, das mit größtem Interesse getrieben wird. Ein jeder Kleinstädter lebt wie unter einer Glasglocke. Es gibt absolut keine Möglichkeit, auch nur irgend etwas vor seinen ehrenwerten Mitbürgern zu verbergen. Alle kennen einen auswendig, ja sie wissen sogar das, was man noch nicht einmal selbst von sich weiß. Der Kleinstädter müßte, denke ich, allein schon seiner Natur nach Psychologe und Gedankenleser sein. Deshalb hat es mich auch zuweilen aufrichtig gewundert, daß ich in der Provinz so oft statt dieser Psychologen und Gedankenleser so auffallend viel Esel angetroffen habe. Doch das war nur nebenbei gesagt und eine ganz überflüssige Bemerkung.

Das Gerücht nun war von ungeheurer Wirkung. Die Verheiratung mit dem Fürsten erschien einem jeden dermaßen vorteilhaft, dermaßen „glänzend“, daß das Sonderbare an einer solchen Heirat keinem einzigen weiter auffiel. Hier muß ich noch eines bemerken: Sina wurde fast noch mehr gehaßt, als Marja Alexandrowna, – weshalb? – das vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht war zum Teil ihre Schönheit der Grund zu diesem Haß. Vielleicht kam auch noch hinzu, daß Marja Alexandrowna immerhin von „unserem Schlage“ war. Hätte sie die Stadt verlassen, so würde man es – wer weiß? – noch bedauert haben. Sie unterhielt die Gesellschaft mit ihren beständigen Geschichten. Ohne sie wäre es vielleicht langweilig gewesen. Sina dagegen verhielt sich so, als lebte sie in den Wolken und nicht in der Stadt Mordassoff. Sie paßte nicht zu diesen Leuten, sie stand nicht auf ihrer Stufe, gab sich nicht als Gleichstehende, benahm sich vielmehr – vielleicht ohne es selbst zu wissen – unerträglich hochmütig zu ihnen. Und nun plötzlich sollte „diese Sina“, von der man sich sogar „skandalöse Dinge“ zuraunte, diese anmaßende, stolze Sina – Millionärin, Fürstin werden und in die höchste Gesellschaft hineinkommen! Nach drei Jahren, wenn sie verwitwet ist, heiratet sie dann vielleicht einen Herzog, vielleicht sogar einen General oder vielleicht gar einen Gouverneur – und der Gouverneur unseres Gouvernements war gerade Witwer und hatte eine große Schwäche für das schöne Geschlecht. Dann würde sie die erste Dame im Gouvernement sein – und, versteht sich, dieser bloße Gedanke war bereits unerträglich, weshalb denn auch keine andere Nachricht so heftigen Unwillen in Mordassoff hätte hervorrufen können, als diese von der Vermählung Sinas mit dem Fürsten. Im Augenblick erhob sich eine wahre Wut von allen Seiten. Man nannte die Verbindung eine Sünde und eine Gemeinheit. Man sagte, der Alte sei nicht bei vollem Verstande, er sei betrogen worden, übertölpelt und das alles mit Ausnutzung seiner Geistesschwäche. Einige meinten sogar, daß man den Alten aus diesen blutgierigen Krallen erretten müsse, daß es geradezu Räuberei sei, und schließlich – inwiefern sei denn Sina besser als andere? Es könnten doch auch andere junge Mädchen ganz ebenso den Fürsten heiraten!

Alle diese Gespräche und Meinungsäußerungen ahnte Marja Alexandrowna vorläufig nur, aber das genügte ihr. Sie wußte ganz genau, daß alle, aber auch alle zu jedem Mittel, das möglich oder auch unmöglich war, zu greifen bereit wären, um die Verwirklichung ihrer Pläne zu verhindern. Wollte man doch den Fürsten schon für sich mit Beschlag belegen, so daß sie jetzt fast um ihn zu kämpfen hatte! Und wenn es ihr auch gelingen sollte, den Fürsten wieder einzufangen, so konnte sie ihn in ihrem Hause doch nicht festbinden! Und dann: wer bürgte dafür, daß heute, daß vielleicht nach kaum zwei Stunden das ganze Korps der Mordassower Damen in ihrem Salon erscheinen würde und noch dazu unter solchem Vorwande, daß man sie unmöglich nicht empfangen konnte? Läßt man an der Tür absagen, so kommen sie durch das Fenster herein: ein fast unmöglicher Fall, sollte man meinen, der aber nichtsdestoweniger in Mordassoff vorgekommen ist. Kurz, es war keine Stunde, keine Sekunde zu verlieren – und dabei war noch nichts getan worden, nicht einmal angefangen hatte sie ihr Werk! Da kam ihr plötzlich ein genialer Gedanke und reifte im Augenblick in ihrem klugen Kopf. Von diesem neuen Einfall werden wir an der richtigen Stelle nicht zu sprechen vergessen, vorläufig aber sagen wir nur, daß unsere Heldin in diesem Augenblick durch die Straßen von Mordassoff rollte, zornig und begeistert, entschlossen zu einem regelrechten Kampf, falls nur ein solcher erforderlich sein sollte, um sich des Fürsten von neuem zu bemächtigen. Sie wußte noch nicht, wie sie es machen und wo sie ihn einfangen würde, dafür aber wußte sie mit unerschütterlicher Sicherheit, daß eher ganz Mordassoff untergehen würde, als daß auch nur ein Jota ihrer Absichten nicht in Erfüllung ginge.

Der erste Schritt glückte ihr besser als sie erwartet hätte. Sie traf den Fürsten auf der Straße an und brachte ihn zu sich zum Mittagessen. Wenn man jetzt fragen wollte, wie es ihr denn trotz aller Ränke ihrer Feinde gelang, ihren Willen durchzusetzen und Anna Nikolajewna mit einer langen Nase auf den Gast vergeblich warten zu lassen, so bin ich gewissermaßen verpflichtet, hierauf zu antworten, daß ich diese Frage geradezu für eine Beleidigung Marja Alexandrownas halte. Sie sollte irgend so eine Anna Nikolajewna Antipowa nicht besiegen können? Sie verhaftete einfach den Fürsten, der fast schon vor dem Hause ihrer Gegnerin vorfuhr, und ohne auch nur auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen – und dazu gehörten auch die Einwendungen Mosgljäkoffs, der einen Skandal befürchtete – setzte sie den alten Herrn in ihre Equipage. Gerade darin zeichnete sich ja Marja Alexandrowna vor ihren Feindinnen aus, daß sie in entscheidenden Momenten nicht viel nach anderen fragte und nicht einmal vor einem Skandal zurückschrak, da sie es nun einmal zu ihrem Grundsatz gemacht hatte, daß der Erfolg alles rechtfertige. Freilich leistete auch der Fürst keinen bedeutenden Widerstand, vergaß vielmehr nach seiner Gewohnheit bald den ganzen Zwischenfall und war dann sehr zufrieden. Bei Tisch schwatzte er ohne Unterlaß, war bei sehr guter Laune, machte Witzchen und erzählte Anekdoten, die er nicht beendete, oder er ging von der einen auf eine andere über, ohne es selbst zu merken. Bei Natalja Dmitrijewna hatte er drei Glas Champagner getrunken. Bei Tisch trank er auch noch, denn Marja Alexandrowna schenkte ihm eigenhändig ein, bis er dann endgültig den letzten Rest seines ohnehin mangelhaften klaren Bewußtseins verlor. Das Essen an sich war tadellos. Der „schändliche“ Nikitka hatte es zum Glück nicht verdorben. Die Hausfrau belebte die ganze Tischgesellschaft mit ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Leider waren die übrigen Anwesenden um so langweiliger. Sina war gewissermaßen feierlich stumm. Mosgljäkoff fühlte sich offenbar nicht gemütlich und aß und trank wenig. Er schien über etwas nachzudenken, und da dieses ziemlich selten an ihm zu bemerken war, so beunruhigte es Marja Alexandrowna nicht wenig. Nastassja Petrowna Sjäblowa hatte eine finstere Miene aufgesetzt und machte Mosgljäkoff heimlich verschiedene absonderliche Zeichen, die dieser jedoch überhaupt nicht bemerkte. Wäre die Hausfrau nicht so liebenswürdig und heiter gewesen, so hätte das Mahl wahrlich eher an einen Leichenschmaus erinnert.

Dabei befand sich aber Marja Alexandrowna in unbeschreiblicher Aufregung. Allein schon Sinas ernstes Gesicht und ihre verweinten Augen ängstigten sie unsäglich. Und jetzt hieß es noch eine große Schwierigkeit überwinden: man mußte sich doch beeilen, es galt keinen Augenblick zu verlieren: dieser verwünschte Mosgljäkoff aber sitzt und rührt sich nicht, wie ein alter Schafskopf, der nichts zu tun hat und nur andere stört! Es geht doch wirklich nicht in seiner Gegenwart! Marja Alexandrowna erhob sich mit besorgtem, fast angstvollem Herzen. Wie groß war daher ihre Verwunderung, ihr freudiger Schrecken, wenn man sich so ausdrücken darf, als Mosgljäkoff, sogleich, nachdem sie die Tafel aufgehoben hatte, zu ihr trat und ganz unerwartet erklärte, daß er zu seinem größten Leidwesen, versteht sich – sie verlassen müsse.

„Wohin denn das?“ fragte Marja Alexandrowna mit ungeheurem Mitgefühl.

„Ja sehen Sie, Marja Alexandrowna,“ hub Mosgljäkoff etwas unruhig und betreten an, „es ist mir etwas äußerst Seltsames passiert. Ich weiß nicht einmal, wie ich es Ihnen sagen soll ... geben Sie mir um Gotteswillen einen Rat!“

„Was, was ist es denn?“

„Mein Pate Borodujeff, Sie wissen doch – jener Kaufmann ... der kam mir heute auf der Straße entgegen. Der gute Alte ist mir entschieden böse, macht mir Vorwürfe, sagt, ich sei stolz geworden. Jetzt bin ich zum dritten Male in Mordassoff und bin noch nicht ein einziges Mal bei ihm gewesen. Nun und heute mußte er mich fassen und da hat er mich denn aufgefordert: ‚Komm doch zum Tee zu mir!‘ sagte er. Jetzt ist es punkt vier, und den Tee trinkt er noch nach der alten Sitte, sobald er vom Mittagsschläfchen aufwacht, ungefähr um fünf. Was soll ich tun? gewiß, es ist ja, Marja Alexandrowna, – denken Sie nichts Schlechtes! Er hat doch meinen seligen Vater aus der Schlinge gezogen, damals, als dieser Kronsgelder verspielt hatte. Und deshalb wurde er dann auch mein Pate. Wenn meine Heirat mit Sinaïda Afanassjewna zustande kommt – nun, ich habe doch nur hundertundfünfzig Seelen. Er aber besitzt doch ein Kapital von einer Million Rubel, ja die Leute sagen sogar, er hätte noch mehr. Außerdem kinderlos. Gefällt man ihm, so vermacht er einem schließlich noch Hunderttausend testamentarisch. Und siebzig Jahre alt – bedenken Sie doch nur!“

„Ach, mein Gott! Worauf warten Sie dann noch! Weshalb zögern Sie denn?“ rief Marja Alexandrowna in fast unverhohlener Freude aus. „Aber so fahren Sie doch, fahren Sie doch unverzüglich zu ihm hin! Mit solchen Sachen darf man nicht scherzen. Deshalb! – ich wunderte mich die ganze Zeit während des Essens. Sie waren so nachdenklich! Fahren Sie, mon ami, fahren Sie! Aber Sie hätten ihm doch auch schon gleich am Morgen Ihre Aufwartung machen müssen, um ihm zu zeigen, daß seine Freundlichkeit Ihnen schmeichelt, daß Sie sie zu schätzen wissen! Ach, diese Jugend, diese Jugend!“

„Aber Sie haben doch selbst, Marja Alexandrowna,“ rief Mosgljäkoff verwundert aus, „Sie haben doch noch selbst verschiedene absprechende Bemerkungen über diese Bekanntschaft gemacht! Sie sagten doch noch vor kurzem, er sei ein Bauer, er habe einen langen Bart, stehe mit Schankwirten auf gleicher Stufe, mit ganz gewöhnlichen Leuten?“

„Ach, mon ami! Ich kann mich doch auch einmal irren, ich bin nicht unfehlbar! Ich entsinne mich dessen nicht mehr so genau ... vielleicht war ich in einer Stimmung, die ... Und schließlich, damals hatten Sie noch nicht um Sinachen angehalten ... Natürlich war das Egoismus meinerseits, aber jetzt muß ich doch unwillkürlich von einem anderen Standpunkte aus urteilen, und welche Mutter würde es mir in diesem Falle verdenken? Fahren Sie unverzüglich hin, zögern Sie keinen Augenblick! Sie müssen auch den Abend bei ihm zubringen ... ach, hören Sie! – erzählen Sie ihm auch von mir. Sagen Sie, daß ich ihn achte, liebe und überhaupt ihn zu schätzen weiß ... aber sagen Sie es nur nicht ungeschickt, nicht plump! Ach, mein Gott! Wie konnte ich nicht früher darauf verfallen! Ich hätte Sie sofort hinschicken müssen!“

„Sie haben mich erlöst, Marja Alexandrowna!“ Mosgljäkoff war entzückt. „Von nun an, Ehrenwort, werde ich Ihnen in allem gehorchen! Und glauben Sie mir, ich hatte förmlich Angst, es Ihnen zu sagen! ... Nun, auf Wiedersehen, ich gehe sogleich zu ihm! Entschuldigen Sie mich, bitte, bei Sinaïda Afanassjewna. Aber ich kehre ja ...“

„Ich segne Sie, mon ami! Sehen Sie nur zu, daß Sie nicht vergessen, ihm von mir zu erzählen! Er ist wirklich ein netter alter Mann. Ich habe schon längst meine Meinung über ihn geändert ... Und übrigens habe ich immer dieses Altrussische, Unverfälschte an ihm geliebt ... Au revoir, mon ami, au revoir!“

„Das ist ja herrlich, daß der Teufel ihn mir vom Halse nimmt! Nein, da sieht man, Gott selbst steht mir bei!“ dachte sie, fast außer sich vor Freude.

Pawel Alexandrowitsch Mosgljäkoff trat ins Vorzimmer und zog seinen Pelz an, als plötzlich, wie aus der Erde emporgewachsen, Nastassja Petrowna Sjäblowa vor ihm stand: sie hatte offenbar auf ihn gewartet.

„Wohin wollen Sie?“ fragte sie und hielt ihn am Arm fest.

„Zu Borodujeff, Nastassja Petrowna! Mein Pate – er hat geruht, mich aus der Taufe zu heben ... Ein reicher Alter, wird mir vielleicht was hinterlassen, da muß man ihn günstig stimmen!“ ...

Mosgljäkoff war in der besten Stimmung.

„Zu Borodujeff! Nun, dann verzichten Sie auf die Braut!“ sagte Nastassja Petrowna schroff.

„Wieso verzichten?“

„Wieso! Sie glauben wohl, daß sie Ihnen schon gehört! Machen Sie doch nur die Augen auf: da will man sie ja mit dem Fürsten verkuppeln. Habe es selbst gehört.“

„Mit dem Fürsten? Erbarmen Sie sich, Nastassja Petrowna!“

„Was ist da sich zu erbarmen! Ist es Ihnen nicht gefällig, sich selbst davon zu überzeugen? Werfen Sie den Pelz fort und kommen Sie!“

Der halbbetäubte Mosgljäkoff warf seinen Pelz von den Schultern und folgte der Sjäblowa auf den Fußspitzen. Sie führte ihn in dieselbe dunkle Kleiderkammer, in der sie auch am Vormittag gelauscht hatte.

„Aber ich bitte Sie, Nastassja Petrowna, ich verstehe entschieden nicht! ...“

„Das werden Sie sofort, wenn Sie sich nur ein wenig bücken und zuhören. Die Komödie wird sicherlich bald beginnen.“

„Was für eine Komödie?“

„Pst! Sprechen Sie nicht so laut! Die Komödie besteht darin, daß man Sie einfach betrügt. Am Vormittag, als Sie mit dem Fürsten ausgefahren waren, hat Marja Alexandrowna ihre Sina eine ganze Stunde beredet, diesen Fürsten zu heiraten und hat dabei noch solche Köder ausgehängt, daß mir geradezu übel wurde. Ich habe hier alles gehört. Sina willigte ein. Und wie reizend Sie von den beiden betitelt wurden! Man hält Sie einfach für einen Dummkopf und Sina sagte ganz offen, daß sie Sie unter keiner Bedingung heiraten würde. Und ich war nicht minder dumm! Wollte mir noch eine rosa Schleife anstecken! Hören, Sie, hören Sie!“

„Aber das wäre doch die gottloseste Hinterlist, wenn das wahr ist!“ stotterte Mosgljäkoff, der mit dem dümmsten Gesicht Nastassja Petrowna ansah.

„So horchen Sie doch nur, dann werden Sie noch ganz andere Dinge hören.“

„Wo soll ich denn horchen?“

„Hier, sehen Sie doch, hier, hier ist ein Spalt ...“

„Aber, Nastassja Petrowna, ich ... ich bin nicht fähig, andere zu belauschen ...“

„Womit Sie jetzt kommen! Hier, mein Lieber, stecken Sie die Ehre mal in die Tasche: sind Sie hergekommen, so horchen Sie!“

„Aber ...“

„Und sind Sie wirklich nicht fähig dazu, so ziehen Sie bitte mit langer Nase ab! ... Ich tue es nur zu seinem Besten und er wird jetzt noch hochmütig! Mir kann es doch ganz egal sein. Ich werde nicht einmal bis zum Abend hier bleiben ...“

Mosgljäkoff tat sich Gewalt an und beugte sich zum Spalt. Sein Herz schlug laut, in seinen Schläfen hämmerte das Blut. Er wußte kaum, was er tat.

VIII.

„So haben Sie denn die Zeit sehr angenehm verbracht bei Natalja Dmitrijewna?“ erkundigte sich Marja Alexandrowna, die mit gierigem Blick das Feld der bevorstehenden Schlacht übersah und das Gespräch mit einem möglichst unschuldigen Thema einleiten wollte. Das Herz klopfte ihr vor Aufregung und Erwartung.

Nach dem Essen war der Fürst in den „Salon“ geführt worden, in dem ihn die Hausfrau auch am Morgen empfangen hatte. Alle feierlichen Empfänge geschahen bei Marja Alexandrowna in diesem Salon, auf den sie sehr stolz war. Der alte Herr konnte sich nach den sechs Glas Champagner nicht mehr ganz sicher auf den Füßen halten. Dafür sprach er ohne Unterlaß. Marja Alexandrowna begriff, daß diese Lebhaftigkeit nur von kurzer Dauer sein könnte und der Gast bald schläfrig werden würde. Jetzt hieß es, den Augenblick ausnutzen. Freudig gewahrte sie, daß der wollüstige Greis mit eigentümlich leckeren Blicken ihre Sina betrachtete und ihr Mutterherz erzitterte vor Glück.

„Äußerst an–genehm,“ antwortete der Fürst. „Und wissen Sie, eine beispiellose Frau, diese Natalja Dmitrijewna, eine bei–spiel–lose Frau!“

Wie beschäftigt Marja Alexandrowna nun auch mit ihren großen Plänen war, so traf sie doch ein so lautes Lob ihrer Feindin mitten ins Herz.

„Was Sie sagen, mein Fürst!“ rief sie aus und ihre Augen blitzten. „Wenn sogar diese Natalja Dmitrijewna eine beispiellose Frau sein soll, dann weiß ich nicht, an was ich mich noch halten soll! Aber dann kennen Sie ja die hiesige Gesellschaft nicht im geringsten! Das ist doch nichts als eine Ausstellung der eigenen Tugenden, der eigenen edlen Gefühle, eine Komödie, nur eine äußere goldene Schale. Heben Sie diese Schale etwas auf und Sie werden eine ganze Hölle unter Blumen entdecken, ein ganzes Wespennest, in dem Sie bis auf den letzten Knochen verzehrt werden!“

„Ist’s möglich?“ fragte der Fürst erstaunt. „Das wun–dert mich!“

„Aber ich schwöre es Ihnen! Ah, mon prince! Hör, Sina, ich muß, ich muß doch dem Fürsten diesen lächerlichen und beschämenden Vorfall mit dieser Natalja erzählen, – in der vergangenen Woche, du weißt doch noch? Ja, Fürst, – das war dieselbe von Ihnen gepriesene Natalja Dmitrijewna, die Sie so entzückt hat. O, mein liebster Fürst! Ich schwöre Ihnen, ich bin keine Klatschbase! Aber ich muß es unbedingt erzählen – nur um Sie zu erheitern, um Ihnen hier in einer lebenden Probe, sozusagen durch ein optisches Glas zu zeigen, was das hier für Leutchen sind. Vor zwei Wochen kam diese Natalja Dmitrijewna zu mir. Es wurde Kaffee gereicht, ich aber mußte aus irgend einem Grunde den Salon auf einen Augenblick verlassen. Ich entsinne mich ganz genau, wieviel ich noch an Stückzucker in der silbernen Dose hatte: sie war noch ganz voll. Ich kehre zurück und was sehe ich? – es liegen nur noch drei Stückchen auf dem Boden der Dose. Außer Natalja Dmitrijewna war niemand im Zimmer gewesen. Wie finden Sie das! Sie ist eine reiche Hausbesitzerin! Dieser kleine Zwischenfall ist natürlich lächerlich, aber hiernach können Sie auf die Sittlichkeit der ganzen hiesigen Gesellschaft schließen!“

„Ist es mög–lich!“ Der Fürst war aufrichtig erstaunt. „Was für eine un–natürliche Habgier! Und sie hat alles allein aufgegessen?“

„Nun sehen Sie, was für eine beispiellose Frau sie ist, mein Fürst! Wie gefällt Ihnen diese schmachvolle Episode? Ich würde, glaube ich, noch in derselben Minute sterben, in der ich mich zu einer so widerlichen Handlung entschlossen hätte!“

„Nun ja, nun ja ... Nur, wissen Sie, sie ist doch immerhin belle femme.“

„Wer? Doch nicht Natalja Dmitrijewna? Aber ich bitte Sie, Fürst, sie ist doch einfach ein Marktweib! Ah, mon prince, mon prince! Was haben Sie da gesagt! Ich habe von Ihnen viel mehr Geschmack erwartet ...“

„Nun ja, ein Markt–weib ... nur wissen Sie, sie ist so gebaut ... Nun ja, und dieses Mädchen, das dort tanzte, ist gleichfalls ... so gebaut ...“

„Meinen Sie die Ssonjä? Aber sie ist ja noch ein Kind, Fürst! Sie ist erst vierzehn Jahre alt!“

„Nun ja ... nur, wissen Sie ... sie ist so graziös und bei ihr entwickeln sich gleichfalls ... Formen. So ein net–tes Ding. Und die an–de–re, die dort mit ihr tanz–te ... ent–wickelt sich gleichfalls ...“

„Ach, das ist eine arme Waise, Fürst! Sie wird von ihnen oft ins Haus gerufen.“

„Eine Wai–se! Nun ja, aber sie war schmutzig, wie gesagt, wenn sie doch we–nig–stens die Hände vor–her gewaschen hätte ... Aber sie ist, wie gesagt, gleichfalls ver–führerisch ...“

Während dieses Gesprächs betrachtete der Fürst Sina immer aufmerksamer und immer lüsterner durch sein Lorgnon.

„Mais quelle charmante personne!“ murmelte er halblaut und schnalzte fast vor Wonne.

„Sina, spiel uns etwas vor, oder nein, singe uns ein Lied! Wenn Sie wüßten, wie schön sie singt, Fürst! Man kann sagen, sie ist eine Künstlerin, eine vollendete Künstlerin! Und wenn Sie wüßten, Fürst,“ fuhr Marja Alexandrowna halblaut fort, als Sina zum Flügel ging – sie hatte einen so ruhigen, fast schwebenden Gang, der dem Alten noch den letzten Gnadenstoß verlieh – „wenn Sie wüßten, was für eine Tochter sie ist! Wie sie zu lieben versteht, wie zärtlich sie zu mir ist! Welche Gefühle, welch ein Herz!“

„Nun ja, Gefühle ... und wis–sen Sie, ich habe nur eine einzige Frau gekannt, in meinem ganzen Leben, mit der ich ihre Schön–heit ver–glei–chen könnte,“ unterbrach der Fürst, dem der Mund immer mehr wässerte. „Das war die verstorbene Gräfin Nainskij, sie starb vor et–wa dreißig Jahren. Eine wun–der–bare Frau war sie, von un–beschreib–-licher Schönheit ... später heiratete sie noch ihren Koch ...“

„Ihren Koch, Fürst!?“

„Nun ja, ihren Koch ... einen Fran–zo–sen ... im Aus–lande. Sie hatte ihm dort im Aus–lande einen Grafen–ti–tel verschafft. Er war eine gu–te Er–schei–nung und sehr ge–bil–det ... mit einem kleinen Schnurr–bart ...“

„Und ... und ... wie lebten sie denn, mein Fürst?“

„Nun ja, sie lebten gut. Aber wie gesagt, sie gingen bald auseinander. Er plünderte sie vollkommen aus und fuhr dann fort. Sie waren wegen einer Sau–ce in Streit geraten ...“

„Mama, was soll ich spielen?“ fragte Sina.

„Ach, sing uns lieber etwas vor, Sinachen. Wie sie singt Fürst! Lieben Sie Musik?“

„O ja! Charmant, charmant! Ich liebe sehr Musik. Im Aus–lande war ich mit Beet–ho–ven bekannt.“

„Mit Beethoven! Denk dir, Sina, der Fürst war mit Beethoven bekannt!“ wiederholt Marja Alexandrowna entzückt. „Ach, Fürst! Waren Sie wirklich mit Beethoven bekannt?“

„Nun ja ... wir standen auf freundschaftlichem Fuß. Seine Nase hatte er be–ständig in der Tabaksdose. So ein komischer Mensch!“

„Beethoven?“

„Nun ja, Beethoven. Viel–leicht war es, wie gesagt, auch nicht Beet–ho–ven, sondern ir–gend ein an–de–rer Deut–scher. Dort gibt es sehr viel Deutsche ... Wie gesagt, ich habe ein wenig ver–wech–selt ...“

„Was soll ich denn singen, Mama?“ fragte Sina.

„Ach, Sina! Sing diese Romanze, in der, weißt du noch, soviel mittelalterlich Ritterliches war, diese Schloßherrin und ihr Troubadour ... Ach, Fürst! Wie ich dieses ganze Rittertum liebe! Diese Burgen, diese Schlösser! Dieses ganze mittelalterliche Leben! Diese Troubadours, Herolde, Turniere ... Ich werde begleiten, Sina. Setzen Sie sich hierher, Fürst, etwas näher! Ach, diese Schlösser, diese Burgen!“

„Nun ja ... diese Burgen. Ich liebe sie auch, diese Burgen,“ murmelte der Fürst entzückt, während er sein einziges Auge in Sina geradezu hineinbohrte. „Aber ... mon Dieu! – diese Romanze! ... Aber ... ich kenne diese Ro–manze. Ich habe sie vor langer Zeit gehört ... Sie er–in–nert mich so daran ... Ah, mon Dieu!“

Ich will nicht zu beschreiben versuchen, was mit dem Fürsten geschah, als Sina sang. Sie sang eine alte französische Ballade, die einmal sehr beliebt gewesen war. Sina hatte eine prachtvolle Stimme. Ihr reiner, klangvoller Kontraalt drang bis ins Herz hinein; ihr wundervolles Gesicht mit den herrlichen Augen, ihre schmalen, zarten Finger, mit denen sie die Blätter umwandte, ihre dunklen, glänzenden Haare, die zu einem schweren Knoten geschlungen waren, die sich hebende und senkende junge Brust, ihre ganze Gestalt, die stolz, schön und edel vor ihm stand – alles das schlug den armen Alten endgültig in seinen Zauberbann. Er verschlang sie mit den Blicken, als sie sang, er schluckte nur noch vor Aufregung. Sein Greisenherz, das von Champagner, Musik und Erinnerungen, die wohl ein jeder hat, erwärmt wurde, klopfte immer schneller und lauter ... wie es lange nicht mehr geklopft hatte. Er hätte vor Sina niederknieen und weinen mögen, nachdem sie geendet hatte.

„Oh, ma charmante enfant!“ rief er aus und küßte ihre Hand, „vous me ravissez! Erst jetzt, erst jetzt komme ich zur Besinnung ... Aber ... aber ... oh, ma charmante enfant ...“

Und die Stimme versagte ihm sogar.

Marja Alexandrowna fühlte, daß jetzt ihr Augenblick gekommen war.

„Weshalb begraben Sie sich, Fürst?“ fiel sie feierlich dazwischen. „Soviel Gefühl, soviel Lebenskraft, soviel seelischer Reichtum, und Sie graben sich für Ihr ganzes Leben in der Einsamkeit ein! Wie kann man sich nur so von den Menschen, den Freunden zurückziehen! Das ist doch unverzeihlich! Besinnen Sie sich, Fürst! So sehen Sie doch mit klarem Blick auf das Leben! Erwecken Sie die Erinnerung an Vergangenes in Ihrem Herzen, denken Sie an Ihre goldene Jugend, an die heiteren sorglosen Tage: erwecken Sie sie wieder, lassen Sie sie auferstehen! Leben Sie doch wieder in der Gesellschaft, unter Menschen! Fahren Sie ins Ausland, nach Italien, nach Spanien – nach Spanien, Fürst. Brauchen Sie einen Führer, ein Herz, das Sie liebt, das mit Ihnen fühlt, das für Sie sorgt? Aber Sie haben doch Freunde! Rufen Sie sie, nur ein Wink genügt und sie werden in Scharen angelaufen kommen! Ich werde die erste sein, die alles hinwirft und auf Ihren Ruf hin zu Ihnen kommt. Ich habe unsere Freundschaft noch nicht vergessen, Fürst; ich werde meinen Mann verlassen und Ihnen folgen ... und selbst wenn ich noch jünger wäre, wenn ich so schön und gut wäre, wie meine Tochter, so würde ich Ihre Gefährtin, Ihre Freundin werden, ja selbst Ihre Frau, wenn Sie es nur wünschten!“

„Und ich bin ü–ber–zeugt, daß Sie une charmante personne waren, zu Ih–rer Zeit,“ sagte der Fürst und schnaubte sich. Seine Augen waren feucht.

„Wir leben in unseren Kindern, Fürst,“ antwortete Marja Alexandrowna mit hohem Gefühl. „Ich habe gleichfalls einen Schutzengel bei mir! Das ist sie – meine Tochter, die Freundin meines Herzens, mit der ich alle meine Gedanken teile, Fürst! Sie hat sieben Bewerber zurückgewiesen, nur um sich nicht von mir trennen zu müssen.“

„Dann wird sie wohl auch mit Ihnen fahren, wenn Sie mich ins Ausland be–glei–ten? In dem Fall werde ich un–be–dingt ins Ausland fahren!“ rief der Fürst begeistert aus, „werde ich un–be–dingt fahren! Und wenn ich mir mit der Hoffnung schmeicheln könnte ... Aber sie ist ja ein be–zau–berndes, ein be–rück–endes Kind! Oh, ma charmante enfant ...“ Und der Fürst küßte ihr von neuem die Hand. Der Arme, er wollte sogar vor ihr niederknien!

„Aber ... aber, Fürst, Sie fragen: ob Sie sich mit der Hoffnung schmeicheln könnten?“ griff Marja Alexandrowna auf, die neue Beredsamkeit in sich fühlte. „Sie sind wirklich sonderbar, Fürst! Halten Sie sich denn womöglich für nicht mehr würdig der Beachtung einer Frau? Nicht Jugend macht die Schönheit aus. Vergessen Sie nicht, daß Sie sozusagen ein Stück der Aristokratie sind! Sie sind der Repräsentant der feinsten, der ritterlichsten Gefühle und ... Manieren! Hat sich denn Maria nicht in den alten Mazeppa verliebt? Ich weiß, ich habe gelesen, daß Lausin, dieser bezaubernde Marquis am Hofe Louis ... ich habe vergessen, des wievielten – noch in alten Jahren, als Greis, das Herz einer der ersten Hofschönheiten gewonnen hat! ... Und wer hat Ihnen gesagt, daß Sie ein Greis seien? Wer hat Sie auf diesen Gedanken gebracht? Können denn Menschen wie Sie überhaupt alt werden? Sie mit Ihrem ganzen Reichtum an Gefühlen, Gedanken, Heiterkeit, Geist, Lebenskraft, glänzenden Manieren! Sie brauchen ja nur irgendwo im Auslande, in einem Kurort mit einer jungen Frau zu erscheinen, mit einer Schönheit wie zum Beispiel meine Sina – ich rede nicht unbedingt von ihr, ich führe sie nur als Beispiel an – und Sie werden sehen, was für einen kolossalen Eindruck Sie machen werden! Sie sind ein Stück Aristokratie und sie ist eine Schönheit unter Schönheiten! Sie führen sie am Arm feierlich in die Säle. Sie wird in den glänzendsten Gesellschaften singen und Sie Ihrerseits werden geistvolle Bemerkungen um sich streuen, – aber der ganze Kurort wird ja zusammenlaufen, um dieses Paar zu sehen! Ganz Europa wird davon reden, denn alle Zeitungen, alle Feuilletons in den Kurorten werden davon voll sein! ... Oh, mon prince! Und Sie fragen noch, ob Sie sich mit der Hoffnung schmeicheln dürften?“

„Feuil–letons ... nun ja, nun ja! ... Das ist in den Zeitungen ...“ murmelte der Fürst, der die Hälfte ihres Geschwätzes nicht versteht und immer gerührter wird. „Mein Kind, wenn es Sie nicht er–mü–det hat – singen Sie mir dann noch einmal diese Ro–man–ze vor, die Sie soeben sangen!“

„Ach, Fürst! Aber sie kennt ja auch noch andere Romanzen, noch bessere ... Entsinnen Sie sich noch des kleinen Liedes ‚L’hirondelle‘? Sie haben es sicherlich gehört!“

„Gewiß, ich entsinne mich ... oder richtiger, ich habe es ver–ges–sen. Nein, nein, dieselbe Ro–man–ze, dieselbe, die sie so–e–ben ge–sun–gen hat! Ich will nicht l’hirondelle! Ich will dieselbe Ro–man–ze hören ...“ bat der Fürst wie ein eigensinniges Kind.

Sina sang sie noch einmal. Da konnte sich der Arme nicht mehr bezwingen und sank vor ihr auf die Knie nieder. Er weinte sogar.

„Oh, ma belle châtelaine!“ Seine Stimme zitterte vor Altersschwäche und Aufregung. „Oh ma charmante châtelaine! O, mein liebes Kind! Sie haben mich an so vieles erin–nert ... an längst Ver–gangenes ... Ich glaubte immer, daß alles besser werden würde, als es dann wurde. Ich sang damals Duette ... mit der Vicomtesse ... dieselbe Ro–man–ze ... jetzt aber ... ich weiß nicht mehr, was jetzt ist ...“

Diese ganze Rede brachte der Fürst atemlos und stockend hervor. Seine Zunge wurde merklich steif. Einzelne Worte waren kaum zu verstehen. Man sah nur, daß er im höchsten Grade erregt und gerührt war – und so beeilte sich Marja Alexandrowna, noch Öl ins Feuer zu gießen.

„Mon prince! Aber Sie werden sich ja schließlich noch in meine Sina verlieben!“ rief sie aus. Sie fühlte, daß der Augenblick entscheidend war.

Die Antwort des Fürsten übertraf ihre besten Erwartungen.

„Ich bin bis zum Wahnsinn in sie verliebt!“ rief der Alte aus, plötzlich wie neu belebt, während er immer noch vor ihr kniete und vor Aufregung am ganzen Körper zitterte. „Ich würde für sie mein Leben hin–geben! Und wenn ich nun hoffen dürf–te ... Aber er–he–ben Sie mich, ich bin ein we–nig schwach ge–wor–den ... Ich ... wenn ich nur wa–gen dürf–te, ihr mein Herz an–zu–bieten, so ... würde ich ... sie würde mir jeden Tag Ro–manzen vorsingen und ich würde sie immer an–se–hen ... im–mer an–se–hen ... Ah, mon Dieu!“

„Mon prince, mon prince! Sie halten um ihre Hand an! Sie wollen sie mir fortnehmen, meine Sina, meinen Liebling, meinen Engel, mein Sinachen! Kind, ich lasse dich nicht von mir! Sina! Möge man dich mir aus den Händen reißen, – freiwillig lasse ich dich nicht! – aus den Mutterarmen!“ Marja Alexandrowna stürzte sich auf die Tochter und umschlang sie krampfhaft, obschon sie fühlte, daß sie ziemlich stark zurückgestoßen wurde ... Die Mama war etwas zu eifrig. Sina litt mit jeder Fiber und sah mit unerträglichem Ekel auf die ganze Komödie. Aber sie schwieg, und das war schließlich alles, was die Mutter zur Durchführung ihres Planes nötig hatte.

„Sie hat neunmal Nein gesagt, nur um sich nicht von ihrer Mutter trennen zu müssen!“ beteuerte Marja Alexandrowna. „Jetzt aber fühlt mein Herz die bevorstehende Trennung! Schon vorhin fiel es mir auf, wie sie Sie ansah ... Sie haben sie mit Ihrem Aristokratismus besiegt, Fürst, mit dieser ausgesuchten Vornehmheit! ... O, Sie werden uns trennen! – das fühle ich!“

„Ich ver–göt–tere sie!“ stieß der Fürst, der immer noch wie ein Espenblatt zitterte, abgebrochen hervor.

„Also du verläßt deine Mutter!“ rief Marja Alexandrowna aus und warf sich von neuem der Tochter an den Hals.

Sina beeilte sich, den schweren Minuten ein Ende zu machen. Sie reichte dem Fürsten stumm ihre wundervolle Hand und zwang sich sogar zu einem Lächeln. Der Fürst ergriff mit wilder Andacht dieses Händchen und bedeckte es mit hundert Küssen.

„Jetzt erst beginne ich zu leben!“ stieß er hervor, hingerissen in seiner Begeisterung.

„Sina!“ hub Marja Alexandrowna feierlich an, „siehe diesen Menschen! Er ist der ehrenhafteste, der edelste Mensch von allen, die ich kenne! Das ist ein mittelalterlicher Ritter! Aber sie weiß es, Fürst, sie weiß es, zu meinem Herzeleid ... Oh! weshalb sind Sie hergekommen! Ich übergebe Ihnen meinen kostbarsten Schatz, meinen Schutzengel! Behüten Sie ihn, Fürst! Eine Mutter bittet Sie darum und welche Mutter würde mir meinen Schmerz nicht nachfühlen?“

„Mama, genug!“ raunte ihr Sina zu.

„Sie werden sie vor jeder Kränkung bewahren, Fürst! Ihr Degen wird den Verleumder oder den Frechen, der es wagt, mein Kind zu beleidigen, zu strafen wissen!“

„Hören Sie auf, Mama, oder ich ...“

„Nun ja, strafen ...“ murmelte der Fürst. „Jetzt erst beginne ich zu leben ... Ich will, daß die Hochzeit sofort sei, im Augenblick ... ich ... Ich will so–fort nach Du–cha–no–wo schicken. Dort habe ich Bril–lanten. Ich will sie ihr zu Fü–ßen legen ...“

„Welche Leidenschaft! Welche Liebe! Welch edle Gefühle!“ rief Marja Alexandrowna aus. „Und Sie konnten, Fürst, Sie konnten sich so vergraben, sich so von aller Welt abschließen? Ich werde es Ihnen tausendmal vorwerfen! Ich bin außer mir, wenn ich an diese höllische ...“

„Was soll–te ich denn tun, ich hat–te solche Angst!“ stammelte der Fürst halb weinend mit unsicherer Stimme. „Sie wollten mich in eine Ir–ren–an–stalt ein–sper–ren ... Da er–schrak ich doch!“

„In eine Irrenanstalt! O, diese Ungeheuer! Diese unmenschlichen Menschen! O, diese Niedertracht! mon prince – ich habe schon früher davon gehört! Aber das ist doch Irrsinn von seiten dieser Leute! Und weshalb nur, aus welchem Grunde?“

„Ich weiß es ja selbst nicht, aus welchem Grun–de!“ antwortete der Alte, der sich vor Schwäche hinsetzte. „Ich, wissen Sie, ich war auf einem Ball und erzähl–te dort eine A–nek–do–te, und die hat–te ihnen nicht ge–fal–len. Nun ja und daraus ent–stand die Ge–schich–te!“

„Und das allein war der Grund, Fürst?“

„Nein. Ich hatte dann noch Kar–ten gespielt, mit Fürst Pjotr De–men–tjitsch, und war ohne sechs ge–blie–ben. Ich hatte zwei Kö–ni–ge und drei Da–men, oder rich–tiger, drei Da–men und zwei Kö–ni–ge ... Nein! einen König! Und dann erst kamen die Da–men ...“

„Und deshalb? Deshalb! O, diese höllische Unmenschlichkeit! Sie weinen, mein Fürst! Aber jetzt brauchen Sie nichts mehr zu fürchten! Jetzt werde ich bei Ihnen sein, mein Fürst! Ich werde mich nicht von Sina trennen, und dann wollen wir doch sehen, ob sie noch ein Wort zu sagen wagen!! – ... Und Ihre Heirat, Fürst, wird sie mehr als überraschen, sie wird sie beschämen! Sie werden sich doch sagen müssen, daß Sie dann noch fähig sind ... das heißt, sie werden sich sagen, daß eine solche Schönheit doch nicht einen Irrsinnigen heiraten würde! Jetzt können Sie stolz das Haupt erheben, Sie werden jenen offen in die Augen sehen ...“

„Nun ja, nun ja, ich werde ihnen offen in die Augen sehen,“ murmelte der Fürst und die Augen fielen ihm zu.

„Weiß Gott, er ist ja ganz und gar hinfällig,“ dachte Marja Alexandrowna, „ich verliere nur unnütz meine Worte!“

„Mein Fürst, Sie sind erregt, ich sehe es. Sie müssen sich jetzt unbedingt beruhigen, sich erholen,“ sagte sie gütig zuredend, indem sie sich mütterlich zu ihm beugte.

„Nun ja, ich würde gern ein wenig lie–gen,“ sagte er.

„Ja, ja! Beruhigen Sie sich, Fürst! Diese Aufregungen ... Warten Sie, ich werde Sie selbst geleiten ... Ich werde Sie selbst zu Bett bringen, wenn es nötig ist. – Weshalb sehen Sie so starr auf dieses Porträt, Fürst? Das ist das Bild meiner Mutter, – eines Engels, aber nicht einer Frau! O, weshalb weilt sie jetzt nicht mehr unter uns! Sie war eine Heilige! – Ich nenne sie nie anders!“

„Eine Hei–li–ge? c’est joli ... Ich habe gleich–falls eine Mutter gehabt ... une princesse ... und – denken Sie sich – es war eine außer–ge–wöhn–lich vol–le Frau ... Aber, wie gesagt, ich wollte etwas an–de–res sagen ... Ich bin etwas er–mü–det. Adieu, ma charmant enfant! ... Ich werde mit Won–ne ... ich werde heute ... morgen ... Nun ja, gleichviel! au revoir, au revoir!“ Er wollte noch mit der Hand einen Gruß senden, stolperte jedoch bei der Gelegenheit und wäre fast gefallen.

„Vorsichtiger, mein Fürst! Stützen Sie sich auf meinen Arm!“ rief ihm Marja Alexandrowna zu.

„Charmant, charmant!“ murmelte er noch im Fortgehen. „Jetzt erst beginne ich zu leben ...“

Sina blieb allein zurück. Es war ihr, als läge eine erdrückende Last auf ihren Schultern. Ihr ward fast übel vor Ekel. Sie hätte sich selbst verachten mögen. Ihre Wangen brannten. Mit ineinandergekrampften Händen, zusammengebissenen Zähnen stand sie, den Kopf gesenkt und rührte sich nicht. Tränen der Scham rollten aus ihren Augen ... Da wurde die Tür aufgerissen und Mosgljäkoff stürzte ins Zimmer.

IX.

Er hatte alles gehört, alles!

Bleich vor Aufregung und Zorn stürzte er herein – denn eintreten konnte man es wahrlich nicht nennen. Sina sah ihn verwundert an.

„Also so sind Sie!“ schrie er atemlos. „Jetzt habe ich endlich erfahren, was Sie sind!“

„Was ich bin?“ wiederholte Sina, die ihn wie einen Wahnsinnigen verständnislos ansah; plötzlich aber begriff sie und Zorn blitzte in ihren Augen.

„Wie wagen Sie es, so mit mir zu sprechen!“ Sie trat auf ihn zu.

„Ich habe alles gehört!“ wiederholte Mosgljäkoff feierlich, trat aber doch unwillkürlich einen Schritt vor ihr zurück.

„Sie haben alles gehört? Sie haben an der Tür gelauscht?“

„Ja, ich habe gelauscht! Ja, ich habe mich zu dieser niedrigen Tat entschlossen, dafür aber habe ich jetzt erfahren, daß Sie die aller ... Ich weiß nicht einmal, wie ich mich ausdrücken soll, um Ihnen zu sagen ... als was Sie jetzt dastehen!“ antwortete er, während sein Mut unter ihrem Blick immer mehr dahinschwand.

„Und selbst wenn Sie alles gehört haben, wessen können Sie mich denn beschuldigen? Welch ein Recht haben Sie überhaupt, mir etwas vorzuwerfen? Welches Recht haben Sie, so ungezogen mit mir zu reden?“

„Ich? Welch ein Recht ich habe? Und Sie fragen das noch? Sie heiraten den Fürsten und ich soll kein Recht haben! Aber Sie haben mir doch Ihr Wort gegeben! Ganz einfach!“

„Wann?“

„Wieso wann?“

„Ich habe Ihnen noch heute morgen, als Sie wieder in mich drangen, deutlich gesagt, daß ich Ihnen nichts Bestimmtes versprechen könne.“

„Aber ... einstweilen ... Sie haben mich nicht zurückgewiesen, Sie haben mir nicht endgültig abgesagt! Sie haben mich also für den Notfall aufbewahrt! Sie haben mich angelockt!“

In Sinas bleichem Gesicht spielte sich ein schmerzliches Gefühl wieder; wie etwa von einem scharfen, durchbohrenden inneren Schmerz; doch sie bezwang sich.

„Wenn ich Sie nicht fortgeschickt habe,“ antwortete sie langsam und deutlich, wenn auch in ihrer Stimme ein leises Zittern zu hören war, „so habe ich es nur aus Mitleid getan. Sie selbst haben mich gebeten, noch ein wenig mit der Antwort zu zögern, Ihnen nicht sofort Nein zu sagen, sondern Sie näher kennen zu lernen, und ‚dann,‘ sagten Sie, ‚dann, wenn Sie sich überzeugt haben werden, daß ich ein ehrenwerter Mensch bin, dann werden Sie mich vielleicht doch nicht abweisen‘. Das sind Ihre eigenen Worte, die Sie zu Anfang Ihrer Werbung gesagt haben. Sie können sie nicht verleugnen! Und jetzt haben Sie gewagt, mir zu sagen, daß ich Sie angelockt hätte! Sie haben aber doch meinen Widerwillen bemerkt, als ich Sie zwei Wochen früher, als Sie sich angesagt hatten, wiedersah, und diesen Widerwillen habe ich vor Ihnen nicht verborgen, im Gegenteil, ich habe ihn offen gezeigt. Und Sie haben ihn auch bemerkt, denn Sie selbst fragten mich, ob ich Ihnen deshalb böse sei, weil Sie früher wiedergekommen wären. Merken Sie sich, daß man denjenigen nicht anlockt, vor dem man seinen Widerwillen weder verbergen kann noch will. Sie haben es gewagt, mir zu sagen, ich hätte Sie für den Notfall aufbewahrt. Hierauf antworte ich Ihnen, daß ich mir über Sie etwa folgendes gedacht habe: ‚Wenn er auch nicht mit sehr bedeutendem Verstande begabt ist, so kann er vielleicht doch ein guter Mensch sein und folglich könnte man ihn heiraten‘. Jetzt aber, nachdem ich mich zu meinem Glück noch rechtzeitig überzeugt habe, daß Sie ein Dummkopf sind und zum Überfluß noch ein bösartiger Dummkopf, so bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen ein angenehmes Leben und glückliche Reise zu wünschen. Leben Sie wohl!“

Sina wandte sich von ihm ab und verließ langsam das Zimmer.

Mosgljäkoff begriff, daß er jetzt alles verloren hatte und geriet außer sich.

„Ah! So bin ich denn jetzt bereits ein Dummkopf,“ schrie er, „so bin ich denn ein Dummkopf! Gut! Leben Sie wohl! Doch bevor ich fort fahre, werde ich der ganzen Stadt erzählen, wie Sie mit Ihrer Mutter den Fürsten umgarnt haben, nachdem er von Ihnen genügend angeheitert worden ist! Allen werde ich es erzählen! Sie sollen Mosgljäkoff kennen lernen!“

Sina fuhr zusammen und wollte stehen bleiben, um zu antworten, bedachte sich aber, zuckte nur verächtlich mit der Achsel und schlug die Tür hinter sich zu.

Fast im selben Augenblick erschien Marja Alexandrowna in der anderen Tür. Sie hatte Mosgljäkoffs letzten Ausruf vernommen, erriet in einer Sekunde den ganzen Zusammenhang und erschrak. Mosgljäkoff war noch nicht fortgefahren, Mosgljäkoff war noch in der Nähe des Fürsten, Mosgljäkoff konnte ja die Neuigkeit in der ganzen Stadt verbreiten, während doch gerade die Geheimhaltung derselben, und wenn auch nur für noch so kurze Zeit, die erste Bedingung war! Marja Alexandrowna hatte ihre eigenen Berechnungen. Nur einen Augenblick überlegte sie sich die Sachlage und dann hatte sie auch schon den Plan einer Besänftigung Mosgljäkoffs entworfen.

„Was haben Sie, mon ami!“ fragte sie, trat auf ihn zu und streckte ihm freundschaftlich die Hand entgegen.

„Was! Noch ‚mon ami‘!“ schrie Mosgljäkoff in rasender Wut. „Nach allem, was Sie getan haben, noch mon ami! Das verbitte ich mir, meine Gnädigste! Und Sie glauben, mich noch einmal betrügen zu können!“

„Es tut mir leid, es tut mir sehr leid, daß ich Sie in einer so sonderbaren Stimmung angetroffen habe, Pawel Alexandrowitsch. Was ist das für ein Ton? Sie bedenken nicht einmal Ihre Ausdrücke, deren Sie sich einer Dame gegenüber bedienen.“

„Einer Dame gegenüber! Sie ... Sie sind alles was Sie wollen, nur keine Dame!“ schrie wieder Mosgljäkoff. Ich weiß nicht, was er eigentlich sagen wollte, jedenfalls aber wird es etwas Vernichtendes gewesen sein.

Marja Alexandrowna sah ihn mit frommen Augen an.

„Setzen Sie sich!“ sagte sie dann mit trauriger Stimme und wies auf denselben Stuhl, auf dem noch vor wenigen Minuten der Fürst gesessen hatte.

„Aber hören Sie, das geht doch nicht, Marja Alexandrowna!“ Mosgljäkoff war ganz verdutzt. „Sie sehen mich an, als wenn nicht Sie vor mir, sondern womöglich noch ich vor Ihnen schuldig wäre! Da – da – das geht doch nicht! ... Dieser Ton! ... Aber das übersteigt doch jedes Maß der menschlichen Geduld! ... Wissen Sie das auch?“

„Mein Freund!“ antwortete Marja Alexandrowna, „Sie werden mir erlauben, Sie immer noch so zu nennen, denn Sie haben keinen besseren Freund als mich. Mein Freund! Sie leiden, Sie quälen sich, Sie sind mitten ins Herz getroffen – und deshalb wundert es mich auch nicht, daß Sie in einem solchen Ton mit mir sprechen. Ich habe mich entschlossen, Ihnen alles aufzudecken, mein ganzes Herz, um so mehr, als ich mich selbst ein wenig schuldbewußt vor Ihnen fühle. Setzen Sie sich also, reden wir.“

Die Stimme Marja Alexandrownas war leidend, weich und auch in ihrem Gesicht drückte sich Leiden aus. Verwundert setzte sich Mosgljäkoff ihr gegenüber.

„Sie haben gelauscht?“ fuhr sie in sanftem Tone fort und sah ihn vorwurfsvoll an.

„Ja, ich habe gelauscht! Das fehlte noch, daß ich es nicht getan hätte! Dann wäre ich ja der richtige Tölpel jetzt! So habe ich wenigstens alles erfahren, was Sie gegen mich unternehmen!“ antwortete er frech. Sein eigener Zorn reizte ihn und stachelte ihn noch mehr auf.

„Und Sie, Sie, bei Ihrer Erziehung haben Sie sich zu einer solchen Handlung entschließen können? – O, mein Gott!“

Mosgljäkoff sprang auf.

„Aber Marja Alexandrowna! Das ist denn doch unerhört! Denken Sie doch gefälligst daran, wozu Sie sich bei Ihrer Erziehung und Ihren Grundsätzen entschlossen haben, und dann verurteilen Sie andere!“

„Noch eine Frage,“ unterbrach sie ihn, ohne seine Heftigkeit zu beachten, „wer hat Sie dazu verleitet, uns zu belauschen, wer hat es Ihnen erzählt, wer hat hier spioniert? – das ist es, was ich zuerst wissen will.“

„Verzeihung – das sage ich nicht.“

„Gut. Ich werde es sowieso erfahren. Ich habe gesagt, cher Paul, daß ich schuldbewußt vor Ihnen dastehe. Wenn Sie aber alles erwägen, dann werden Sie sehen, daß meine Schuld, wenn mir überhaupt eine solche zugesprochen werden kann, nur darin besteht, daß ich Ihnen das Beste gewünscht habe.“

„Mir? Das Beste? Das geht denn doch über die Hutschnur! Glauben Sie mir, daß Sie mich jetzt nicht mehr betrügen können! Ich bin kein dummer Junge!“

Und er rückte seinen Stuhl so heftig, daß dieser in den Fugen knackte.

„Ich bitte Sie, mein Freund, etwas kaltblütiger zu sein, wenn es Ihnen möglich ist. Hören Sie mir aufmerksam zu und dann werden Sie mir selbst in allem beistimmen. Erstens: es war meine Absicht, Ihnen sogleich alles, alles mitzuteilen – Sie hätten von mir den ganzen Sachverhalt bis auf die kleinsten Details erfahren, ohne sich durch Belauschen erniedrigen zu brauchen. Und wenn ich es Ihnen nicht vorher mitgeteilt habe, so geschah das nur deshalb nicht, weil das Ganze doch noch nichts als ein in der Luft schwebender Plan war. Es konnte ja ebensogut auch nichts daraus werden. Sie sehen: ich bin ganz offen zu Ihnen. Zweitens: beschuldigen sie nicht meine Tochter. Sina liebt Sie bis zum Wahnsinn und es hat mir unglaubliche Mühe gekostet, sie von Ihnen abzulenken und durchzusetzen, daß sie den Antrag des Fürsten annahm.“

„Ich habe noch vor wenigen Minuten das Vergnügen gehabt, den glänzendsten Beweis für diese Liebe bis zum Wahnsinn zu vernehmen,“ bemerkte Mosgljäkoff ironisch.

„Gut. Aber wie haben Sie denn mit ihr gesprochen? Soll das die Rede eines Verliebten sein? Und schließlich – welcher wohlerzogene Mensch spricht in diesem Ton? Sie haben sie gekränkt und gereizt.“

„Marja Alexandrowna, jetzt handelt es sich nicht um den Ton! Aber am Vormittag, nachdem Sie so liebenswürdig zu mir gewesen waren, da haben Sie mich, als ich mit dem Fürsten Visiten machte, einfach verleumdet! Sie haben mich angeschwärzt, Sie haben ihr nur Schlechtes von mir gesagt! Ich weiß alles, alles!“

„Und sicherlich aus derselben schmutzigen Quelle?“ fragte Marja Alexandrowna mit verächtlichem Lächeln. „Ja, Pawel Alexandrowitsch, ich habe Sie angeschwärzt, ich habe nur Schlechtes von Ihnen gesagt, und ich gestehe Ihnen, daß ich mir sehr viel Mühe gegeben habe. Aber beweist das nicht – daß ich gezwungen war, Sie anzuschwärzen, ja sogar, zu verleumden – beweist das nicht gerade, wie schwer Sinas Einwilligung, sich von Ihnen loszusagen, zu erringen war? Wie können Sie so kurzsichtig sein? Wenn Sina Sie nicht lieben würde, wozu hätte ich es dann nötig gehabt, Sie anzuschwärzen, Sie lächerlich zu machen, in so unvorteilhaftem Licht zu zeigen – kurz, zu diesen äußersten Mitteln zu greifen? Aber Sie wissen noch nicht alles! Ich mußte sogar zu meiner Autorität als Mutter greifen, um Sie aus ihrem Herzen herauszureißen, und erst nach unglaublichen Anstrengungen habe ich nur eine äußerliche Einwilligung erreicht. Wenn Sie uns jetzt belauscht haben, so muß es Ihnen doch aufgefallen sein, daß sie meine Bemühungen um den Fürsten mit keinem Wort, keinem Blick unterstützt hat. Während dieser ganzen Zeit hat sie fast kein einziges Wort gesprochen, und gesungen hat sie wie ein Automat. Ihre ganze Seele wand sich vor Qual. Und aus Mitleid mit ihr machte ich der Sache schnell ein Ende und führte den Fürsten fort. Ich bin überzeugt, daß sie geweint hat, sobald sie allein war. Als Sie eintraten, müssen sie ihre Tränen bemerkt haben ...“

Mosgljäkoff entsann sich allerdings, daß er, als er ins Zimmer gestürzt war, Tränen in ihren Augen bemerkt hatte.

„Aber ... aber weshalb sind Sie denn so gegen mich gewesen, Marja Alexandrowna? Warum haben Sie mich denn angeschwärzt und verleumdet – was Sie jetzt obendrein selbst eingestehen!?“

„Ah, das ist eine andere Frage! Sehen Sie, wenn Sie gleich zu Anfang so vernünftig gefragt hätten, dann hätten Sie schon längst die Antwort. Ja, Sie haben recht! Alles das habe ich getan und nur ich allein. Sina lassen Sie hier ganz aus dem Spiel. Und weshalb ich es getan habe? Meine Antwort ist: in erster Linie für Sina. Der Fürst ist reich, von altem Adel, hat Verbindungen, und wenn Sina ihn heiratet, macht sie eine glänzende Partie. Und schließlich, wenn er sterben sollte, was vielleicht sogar sehr bald geschehen kann – denn wir sind ja alle mehr oder weniger sterblich – dann ist Sina junge Witwe, Fürstin, in der besten Gesellschaft und unermeßlich reich. Dann kann sie heiraten, wen sie will, sie kann die glänzendste Partie machen – doch wird sie selbstverständlich nur den nehmen, den sie früher geliebt hat und dessen Herz sie zerrissen, als sie den Fürsten nahm. Allein schon die Reue würde sie zwingen, ihre Schuld an demjenigen, den sie früher geliebt, wieder gut zu machen ...“

„Hm!“ brummte Mosgljäkoff, der nachdenklich seine Stiefel betrachtete.

„Zweitens – und das will ich nur nebenbei bemerken,“ fuhr Marja Alexandrowna fort, „denn Sie werden das vielleicht nicht einmal begreifen. Sie lesen Ihren Shakespeare, schöpfen aus ihm alle Ihre hohen Gefühle, in der Wirklichkeit, im Leben aber sind Sie, wenn auch sehr gutmütig, so doch noch zu jung, – ich aber bin Mutter, Pawel Alexandrowitsch! So hören Sie denn: ich gebe meine Sina dem Fürsten zum Teil auch um seinetwillen, denn durch diese Heirat will ich ihn retten. Ich habe diesen edlen, diesen herzensguten, geradezu ritterlichen Greis auch früher schon geliebt. Wir waren Freunde. Er ist tief unglücklich in den Krallen dieses höllischen Weibes. Sie wird ihn noch unter die Erde bringen! Gott hat es gesehen, daß ich Sina nur deshalb zu dieser Heirat habe bewegen können, weil ich ihr die ganze Heiligkeit dieser Tat der Selbstverleugnung vorgehalten habe. Sie hat sich von dem Edelmut, von der Begeisterung für die große Überwindung fortreißen lassen. Sie hat selbst viel Ritterliches. Ich habe ihr gesagt, daß es eine Christenpflicht ist, die Stütze, der Trost, der Freund, das Kind, die Sonne, der Abgott eines Menschen zu sein, dem vielleicht nur noch ein einziges Lebensjahr vergönnt ist. Ihn würde dann nicht dieses schändliche Frauenzimmer, nicht Furcht und Einsamkeit in den letzten Tagen seines Lebens umgeben, sondern Licht, Freundschaft und Liebe. Diese letzten Tage würde er im Paradiese verleben! Wo ist hier Egoismus – sagen Sie doch, bitte? Das ist doch eher das Opfer einer barmherzigen Schwester, aber nicht Egoismus!“

„Dann ... dann haben Sie es also nur für den Fürsten getan und aus Nächsten-, nicht aus Eigenliebe?“ brummte Mosgljäkoff spöttisch.

„Ich verstehe auch diese Frage, Pawel Alexandrowitsch, sie ist recht deutlich. Sie glauben vielleicht, daß hier die Vorteile des Fürsten mit den eigenen Vorteilen jesuitisch verknüpft sind? Was soll ich sagen? Vielleicht habe ich auch diese Berechnung gehabt, nur war sie nicht jesuitisch, sondern ... unfreiwillig. Ich weiß, daß Sie sich über ein so offenes Geständnis wundern werden, aber ich bitte Sie nur um eines, Pawel Alexandrowitsch: glauben Sie nicht, daß Sina hier mit im Spiel ist! Sie ist unschuldig wie ein Engel: sie berechnet nicht, sie versteht nur zu lieben – mein liebes Kind! Wenn hier überhaupt jemand berechnet hat, so bin ich es, ich allein! Aber fragen Sie doch in allem Ernst Ihr Gewissen und sagen Sie dann: wer hätte an meiner Stelle im gegebenen Fall nicht berechnet? Wir berechnen unsere Vorteile sogar bei unseren uneigennützigsten Handlungen, wir berechnen fast unbewußt, unwillkürlich! Natürlich betrügen sich dabei alle, indem sie sich selbst versichern, daß sie es nur aus Edelmut täten. Ich jedoch will mich nicht betrügen: ich gestehe mir offen, daß ich bei aller Erhabenheit meiner Liebe dennoch – berechnet habe. Aber fragen Sie, ob ich meinen Vorteil berechnet habe? Ich brauche nichts mehr, Pawel Alexandrowitsch! Ich habe mein Leben abgelebt. Ich habe nur an sie gedacht, an meinen Engel, mein Kind, und – welche Mutter würde mir das in diesem Fall zum Vorwurf machen?“

Tränen glänzten in den Augen Marja Alexandrownas. Mosgljäkoff hörte in höchster Verwunderung diese ganze offenherzige Beichte an und blinzelte nur verständnislos mit den Augen.

„Nun schön, welche Mutter ...“ stotterte er endlich. „Sie verstehen gut zu reden, Marja Alexandrowna, – aber ... aber Sie hatten mir doch Ihr Wort gegeben! Sie hatten mir Hoffnung gemacht ... Was glauben Sie wohl, wie mir jetzt zumute ist? Denken Sie doch nach! Ich kann jetzt mit einer langen Nase abziehen!“

„Aber glauben Sie denn, daß ich nicht auch an Sie gedacht habe, mon cher Paul! Ich sage Ihnen: in allen diesen Berechnungen lag für Sie ein so großer Vorteil, daß ich mich hauptsächlich deshalb zu diesem Unternehmen entschlossen habe.“

„Mein Vorteil!“ Mosgljäkoff war baff. „Wie denn das?“

„Mein Gott! Wie kann man nur dermaßen einfältig sein!“ rief Marja Alexandrowna mit beredtem Augenaufschlag aus. „O, Jugend, Jugend! Da sehen wir, was daraus folgt, wenn man diesen Shakespeare liest, träumt und sich einbildet zu leben – während man nur mit fremdem Verstande und mit fremden Gedanken lebt! Mein guter Pawel Alexandrowitsch, Sie fragen mich, worin hier Ihr Vorteil bestehe? Erlauben Sie, daß ich zur besseren Übersicht etwas abweiche: Sina liebt Sie – darüber kann kein Zweifel bestehen! Nun habe ich aber bemerkt, daß sich trotz ihrer offenbaren Liebe dennoch ein gewisses Mißtrauen zu Ihnen in ihr verbirgt, ja – sie mißtraut Ihren Gefühlen, Ihren Neigungen. Ich habe bemerkt, daß sie sich bisweilen wie mit Absicht bezwingt und kühl zu Ihnen ist – die Folge ihrer Nachdenklichkeit und ihres Mißtrauens. Haben Sie das nicht auch selbst bemerkt, Pawel Alexandrowitsch?“

„J–ja ... es ist mir aufgefallen ... und sogar heute ... Aber was wollen Sie denn damit sagen, Marja Alexandrowna?“

„Nun, sehen Sie! Sie haben es sogar selbst bemerkt! Folglich täusche ich mich nicht. Und sie mißtraut gerade der Beständigkeit Ihrer guten Neigungen. Ich bin ihre Mutter – wie sollte ich nicht erraten, was im Herzen meines Kindes vorgeht? Und nun stellen Sie sich vor, daß Sie, anstatt mit Vorwürfen und fast sogar Flüchen ins Zimmer zu stürzen, sie zu reizen, zu kränken, zu beleidigen, sie, die schuldlos, schön und stolz vor Ihnen steht, und sie damit unwillkürlich in diesem Argwohn bezüglich Ihrer schlechten Neigungen zu bestärken, – stellen Sie sich jetzt vor, daß Sie statt dessen diese Nachricht ruhig, mit Tränen des Bedauerns oder sogar der Verzweiflung, aber immerhin mit hohem Edelmut, der Ihren Seelenadel bezeugen würde, vernommen hätten ...“

„Hm! ...“

„Nein, unterbrechen Sie mich nicht, Pawel Alexandrowitsch. Ich will Ihnen dieses ganze Bild ausmalen, das auch unfehlbar Eindruck auf Sie machen wird. Stellen Sie sich jetzt vor, daß Sie hierauf zu ihr getreten wären und gesagt hätten: ‚Sinaïda! Ich liebe dich mehr als mein Leben, doch Familienrücksichten trennen uns. Ich begreife die Gründe, die uns scheiden. Sie machen dein Glück aus und so wage ich nicht mehr, mich gegen sie aufzulehnen. Sinaïda! Ich verzeihe dir. Sei glücklich, wenn du es kannst!‘ und hierauf hätten Sie sie noch einmal angesehen, mit einem Blick – mit dem Blick eines geopferten Lammes, wenn man sich so ausdrücken darf, stellen Sie sich das alles vor und sagen Sie sich dann, welch einen Eindruck diese Worte auf ihr Herz gemacht hätten!“

„Schön, Marja Alexandrowna, nehmen wir an, daß es sich so verhält; ich begreife das sehr wohl ... aber – wie denn? – ich hätte es gesagt und wäre dann doch leer abgezogen ...“

„Nein, nein, nein, mein Freund! Unterbrechen Sie mich nicht! Ich will unbedingt das ganze Bild entrollen, mit allen späteren Folgen, um Sie zu überzeugen. Stellen Sie sich nur vor, daß Sie später, nach einiger Zeit ihr in der höchsten Gesellschaft begegnen. Sie treffen sich irgendwo auf einem Ball, bei strahlender Beleuchtung, bei den Klängen verführerischer Musik, inmitten der schönsten Damen und – trotz des ganzen Frohsinns ringsum, sind Sie allein traurig, nachdenklich, bleich und folgen nur ihr allein mit den Blicken, an eine weiße Säule gelehnt – aber so, daß man Sie sehen kann – während sie sich im Gewühl der Gesellschaft bewegt. Sie tanzt. Die berauschenden Klänge Straußscher Walzer umschmeicheln Sie, der Esprit der höheren Gesellschaft sprüht ringsum – Sie aber sind einsam, bleich und wie zerschlagen in Ihrer Leidenschaft! Was wird dann in Sinaïda vor sich gehen – denken Sie doch nur daran! Mit welchen Augen wird sie dann auf Sie sehen? ‚Und ich,‘ wird sie denken, ‚ich konnte an diesem Menschen zweifeln, der mir alles, alles geopfert und sein Herz um meinetwillen zerrissen hat!‘ Unzweifelhaft: die frühere Liebe würde dann mit unbezwingbarer Leidenschaft in ihr auferstehen!“

Marja Alexandrowna machte eine kleine Pause, um Atem zu schöpfen. Mosgljäkoff rückte so nachdrücklich auf seinem Stuhle, daß dieser zum zweiten Male in den Fugen knackte. Marja Alexandrowna fuhr fort.

„Zur Pflege der Gesundheit des Fürsten fährt Sina mit ihm ins Ausland, nach Italien, nach Spanien, – nach Spanien, wo Myrten und Orangen blühen, wo der Himmel dunkelblau ist, wo der Guadalquivir rauscht, – in das Land der Liebe, in dem man nicht leben kann, ohne zu lieben, wo Rosen und Küsse sozusagen in der Luft schweben! Und Sie fahren gleichfalls dorthin, ihr nach. Sie opfern Ihre Karriere, Ihre Verbindungen, alles! Dort beginnt Ihre Liebe mit unbezwingbarer Leidenschaft. Liebe, Jugend, Spanien – mein Gott! Versteht sich – Ihre Liebe ist lauter, ist heilig, aber schließlich wird der gegenseitige Anblick Sie doch beide quälen. Sie verstehen mich, mon ami! Natürlich werden sich niedrige, boshafte Menschen finden, Abscheuliche, die da behaupten werden, daß durchaus nicht nur die verwandtschaftliche Zuneigung zu dem leidenden alten Manne Sie dorthin gelockt habe. Ich aber habe Ihre Liebe mit Absicht lauter genannt, weil eben diese Leute ihr einen ganz anderen Sinn unterschieben werden. Aber ich bin Mutter, Pawel Alexandrowitsch, – sollte ich Sie Schlechtes lehren? ... Freilich wird der Fürst nicht imstande sein, Sie beide zu beaufsichtigen, aber – was hat das zu sagen! Kann man denn nur auf Grund dessen einer so schändlichen Verleumdung glauben? Und eines Tages wird er sterben und sterbend noch seinen Lebensabend segnen. Jetzt sagen Sie: wen sollte Sina dann heiraten, wenn nicht Sie? Sie sind mit dem Fürsten ja nur weitläufig verwandt, folglich kann gesetzlich nichts gegen diese Verbindung einzuwenden sein. Sie heiraten sie, jung, reich, schön, vornehm, – und das zu welcher Zeit? – wenn die vornehmsten und reichsten Aristokraten es sich zur Ehre anrechnen würden, sich mit ihr verloben zu dürfen! Durch Ihre Frau kommen Sie dann in die höchsten Kreise, durch ihre Frau werden Sie plötzlich eine bedeutende Stellung erhalten, Titel, Orden! Jetzt haben Sie nur hundertundfünfzig Seelen, dann aber werden Sie reich sein. Der Fürst wird in seinem Testament alles vorsehen: dafür werde ich schon Sorge tragen. Und dann, die Hauptsache – sie wird sich endgültig von der Treue Ihres Herzens, von Ihren Gefühlen überzeugt haben und Sie werden ihr plötzlich als Held des Edelmutes und der Selbstverleugnung erscheinen! ... Und Sie, Sie fragen noch, worin hier Ihr Vorteil bestehe? Aber da müßte man ja blind sein, um diesen Vorteil nicht einzusehen, nicht zu verstehen, nicht zu berechnen – wenn sie zwei Schritt vor Ihnen steht, Sie ansieht, Ihnen zulächelt und selbst sagt: ‚Hier bin ich – dein Vorteil!‘ Aber Pawel Alexandrowitsch, ich bitte Sie!“

„Marja Alexandrowna!“ – Mosgljäkoff befand sich in unbeschreiblicher Aufregung. „Jetzt habe ich alles begriffen! Ich habe roh, niedrig, schändlich an ihr gehandelt!“

Er sprang auf und raufte sich das Haar.

„Und unüberlegt,“ fügte Marja Alexandrowna hinzu, „vor allen Dingen unüberlegt!“

„Ich bin ein Esel, Marja Alexandrowna!“ rief er verzweifelt aus. „Jetzt ist alles verloren, denn ich liebe sie bis zum Wahnsinn!“

„Vielleicht ist auch noch nicht alles verloren,“ sagte Frau Moskalewa halblaut vor sich hin, als überlege sie etwas.

„Oh, wenn das wahr wäre! Helfen Sie mir! Sagen Sie mir! Retten Sie mich!“

Und Mosgljäkoff brach in Tränen aus.

„Mein Freund!“ sagte Marja Alexandrowna mitleidig und reichte ihm die Hand, „Sie haben es aus übergroßer Heftigkeit getan, in aufbrausender Leidenschaft, folglich nur aus Liebe zu ihr! Sie waren in Verzweiflung, Sie waren außer sich! Das wird sie doch einsehen müssen ...“

„Ich liebe sie bis zum Wahnsinn und bin bereit, alles für sie hinzugeben!“

„Hören Sie mich an: ich werde Sie zu rechtfertigen versuchen ...“

„Marja Alexandrowna!“

„Ja, ich übernehme es! Ich werde Sie mit ihr zusammenführen. Und Sie werden ihr dann alles so erklären, wie ich es Ihnen soeben erklärt habe!“

„O, Gott! Wie gut Sie sind, Marja Alexandrowna! ... Nur ... könnte man es nicht sofort machen!?“

„Gott behüte! O, wie unerfahren Sie noch sind, mein Freund! Sie ist so stolz! Sie würde es für eine neue Beleidigung halten, für eine Frechheit! Morgen werde ich alles arrangieren, jetzt aber – jetzt gehen Sie irgendwohin fort, etwa zu diesem Kaufmann ... am Abend können Sie vielleicht wiederkommen, aber selbst das würde ich Ihnen nicht raten!“

„Ich gehe, ich gehe! Mein Gott! Sie erretten mich! Nur noch eine Frage: wenn nun aber der Fürst nicht so bald stirbt?“

„Ach, mein Gott, wie naiv Sie sind, mon cher Paul! Im Gegenteil, wir müssen zu Gott beten, daß er ihm noch ein paar Wochen Gesundheit schenkt. Man muß diesem lieben, guten, diesem ritterlichen alten Herrn von ganzem Herzen ein verhältnismäßig langes Leben wünschen! Ich werde unter Tränen Tag und Nacht Gott um das Glück meiner Tochter bitten. Doch leider, leider! – ich glaube, die Gesundheit des Fürsten ist nicht allzu zuverlässig! Zudem wird er jetzt in die Residenz fahren und Sina in der Gesellschaft einführen müssen! Ich fürchte, oh, ich fürchte sehr, daß ihm diese Anstrengungen noch den letzten Gnadenstoß geben werden! Doch wir wollen beten, cher Paul, und das übrige steht in Gottes Hand! ... Sie gehen schon? Ich segne Sie, mon ami! Hoffen Sie, gedulden Sie sich, fassen Sie Mut, und vor allen Dingen – seien Sie ein ganzer Mann! Ich habe nie an dem Adel Ihrer Gefühle gezweifelt ...“

Sie drückte ihm fest die Hand und Mosgljäkoff schlich sich auf den Fußspitzen aus dem Zimmer.

„So, dieser Dummkopf wäre abgetan!“ dachte sie triumphierend. „Jetzt kommen andere an die Reihe ...“

Die Tür ging auf und Sina trat ein. Sie war erschreckend bleich und ihre Augen blitzten.

„Mama,“ sagte sie, „mach damit schnell ein Ende oder ich ertrage es nicht! Es ist dermaßen schmutzig und ekelhaft, daß ich aus dem Hause laufen möchte! Weshalb quälst du mich so, weshalb reizt du mich? Mir wird übel, hörst du: mir wird übel von diesem ganzen Schmutz!“

„Sina! Was hast du nur, mein Engel? Du ... du hast gelauscht!“ rief Marja Alexandrowna aus und sah ängstlich forschend Sina an.

„Ja, ich habe gelauscht. Willst du mich deshalb vielleicht auch so beschämen wie jenen Dummkopf? – Ich schwöre dir: wenn du mich noch lange so quälen und mir in dieser verächtlichen Komödie so schändliche Rollen zuerteilen wirst, so werfe ich alles hin und mache einfach ein Ende damit! Es ist genug, daß ich in die Hauptsache eingewilligt, daß ich mich zu dieser allergrößten Schändlichkeit bereit erklärt habe! Aber ... ich kannte mich noch nicht! Ich ersticke in diesem Schmutz! ...“

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