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Sämtliche Werke 17

Onkelchens Traum (continued 3)

E. K. Rahsin translation

Sie lief aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Marja Alexandrowna blickte ihr aufmerksam nach und wurde nachdenklich.

„Ich muß mich beeilen!“ murmelte sie, sich besinnend. „Sina ist die größte Gefahr, und wenn alle diese Schurken uns nicht allein lassen und die Nachricht noch in der ganzen Stadt verbreiten, – was sie bestimmt schon getan haben werden, – so ist alles verloren! Sie würde diesem ganzen Skandal nicht standhalten und sich zurückziehen. Man muß den Fürsten unbedingt aufs Land bringen – was es auch koste! Ich werde sofort hinfahren und zuerst meinen Esel herschleppen. Zu irgend etwas muß er sich doch schließlich verwenden lassen! ... Und dort wird sich der Alte ausschlafen und dann ... – also: fahren wir!“

Sie klingelte.

„Nun, ist der Schlitten vorgefahren?“ fragte sie den eingetretenen Diener.

„Schon längst bereit!“ antwortete dieser.

Den Schlitten hatte sie bestellt, nachdem sie den Fürsten nach oben ins Fremdenzimmer geleitet hatte.

Sie kleidete sich an und eilte noch auf einen Augenblick zu Sina, um dieser in den Hauptzügen ihren Entschluß mitzuteilen, und, wenn möglich, auch noch einzuschärfen, wie sie sich zu verhalten habe. Doch Sina wollte sie nicht mehr anhören: sie lag auf ihrem Bett und hatte das Gesicht in die Kissen gepreßt. Sie weinte verzweifelt. Ihre wundervollen Hände hatte sie in ihre langen dunklen Haare eingekrallt, auf denen sich alabasterweiß ihre bis zum Ellenbogen entblößten Arme abhoben. Zuweilen zuckte sie zusammen, wie wenn plötzlich ein Frostschauer durch alle ihre Glieder lief. Marja Alexandrowna begann zwar zu sprechen, aber Sina erhob nicht einmal den Kopf.

Nachdem sie so eine Weile vor ihr gestanden hatte, ging sie besorgt hinaus und befahl dem Kutscher, um sich anderwärts dafür zu entschädigen, im Galopp auf ihr Gut zu fahren.

„Das Schlimmste ist, daß Sina gelauscht hat!“ dachte sie, als sie in ihrem bequemen Verdeckschlitten saß. „Ich habe Mosgljäkoff fast mit denselben Worten beredet wie sie. Sie ist stolz und wird sich jetzt vielleicht beleidigt fühlen ... Hm! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist doch, daß alles früher erledigt ist ... bevor die anderen davon Wind bekommen! Doch – wenn mein Esel jetzt zum Unglück nicht zu Hause ist!“

Bei diesem Gedanken wurde sie von unbeschreiblicher Wut erfaßt – die dem armen Afanassij Matwejewitsch nichts Gutes verhieß. Sie konnte keinen Augenblick ruhig sitzen.

X.

Die Pferde jagten dahin. Wir haben bereits gesagt, daß ein genialer Gedanke Marja Alexandrowna am Vormittage – als sie dem Fürsten nachfuhr, um ihn zurückzuerobern – beglückt hatte. Dieser Gedanke war: den Fürsten zu „konfiszieren“ und so bald als möglich auf ihr Gut in der Nähe der Stadt zu bringen, wo augenblicklich nur Afanassij Matwejewitsch sorglos und ungestört in vollkommenster Zufriedenheit gedieh. Wir wollen es nicht verheimlichen, daß Marja Alexandrowna immer mehr von einer unerklärlichen Unruhe gepeinigt wurde. Das pflegt ja sogar mit wirklichen Helden zu geschehen und gerade in der Zeit, wenn sie ihr Ziel erreichen oder sich ihm doch nähern. Ein gewisser Instinkt sagte ihr, daß es gefährlich war, in Mordassoff zu bleiben. „Ist man aber erst auf dem Lande, dann kann sich meinetwegen die ganze Stadt hier auf den Kopf stellen!“ Selbstverständlich durfte man auch auf dem Lande nicht unnütz Zeit verlieren. Es konnte ja alles mögliche dazwischen kommen, alles mögliche – wenn wir auch dem Gerücht, das von den Feinden unserer Heldin späterhin über sie verbreitet wurde, keinen Glauben schenken: daß sie in diesem Augenblick sogar ein Eingreifen der Polizei gefürchtet habe. Kurz, sie sah ein, daß man Sina so bald als möglich mit dem Fürsten verheiraten mußte. Die Mittel dazu hatte sie zur Hand. Dort auf dem Gute konnte sie der Dorfgeistliche trauen. Die Trauung konnte gleich übermorgen stattfinden, im äußersten Notfall sogar morgen. Hatte es doch Trauungen gegeben, die binnen zwei Stunden vollzogen worden waren! Dem Fürsten mußte man diese Eile und das Wegfallen aller Zeremonien und Festlichkeiten, Verlobungen und Polterabend als das Neueste comme il faut hinstellen: man mußte ihm beweisen, daß es so „grandioser“ sei. Außerdem konnte man ihm das Ganze als romantisches Abenteuer vormalen und somit die empfindsamste Seite im Herzen des alten Mannes zum Klingen bringen. Und schlimmstenfalls konnte man ihn sogar mit Wein „beruhigen“ oder – noch besser – ihn während der ganzen Zeit bei halber Betrunkenheit erhalten. Was dann später auch geschehen sollte – Sina würde dann immerhin schon Fürstin sein! Und falls es auch nicht ohne einen Skandal abgehen sollte, in Petersburg oder Moskau zum Beispiel, wo die Verwandten des Fürsten lebten, so gab es auch hierfür einen Trost: erstens war das noch weit im Felde und zweitens war Marja Alexandrowna überzeugt, daß es in der höheren Gesellschaft fast immer einen Skandal geben müsse, namentlich in Heiratsangelegenheiten, daß dieses sogar „guter Ton“ sei, wenn auch derlei Skandale der hohen Gesellschaft ihrer Meinung nach immer gewissermaßen ganz besondere zu sein pflegten, etwa in der Art der Skandale eines Monte-Christo oder der Mémoires du Diable – daß aber ihre Sina nur zu erscheinen brauche, unterstützt von ihrer Mama, um im Augenblick alle und alles zu besiegen, und daß dann keine einzige von allen Gräfinnen und Fürstinnen dieser Mordassower Kopfwäsche würde standhalten können, die nur Marja Alexandrowna allen gemeinsam oder auch einzeln der Reihe nach zu verabfolgen schon verstehen würde. Die Folge dieser Überlegungen war, daß Marja Alexandrowna jetzt mit Windeseile auf ihr Gut fuhr, um Afanassij Matwejewitsch abzuholen, dessen sie nach ihrer Berechnung jetzt sehr bedurfte. In der Tat: den Fürsten aufs Gut bringen, – das hieß, ihn zu Afanassij Matwejewitsch bringen, dessen Bekanntschaft der Fürst vielleicht durchaus nicht machen wollte –, war bedenklich. Wenn ihn aber Afanassij Matwejewitsch persönlich aufforderte, so war das eben etwas ganz anderes. Zudem konnte das Erscheinen eines bejahrten, würdigen Familienvaters, in Frack und weißer Binde, den Hut in der Hand, einen sehr guten Eindruck machen; und wenn man noch hinzufügte, daß er einzig auf die erste Kunde vom Fürsten aus der Ferne herbeigeeilt sei, so konnte das der Eigenliebe des Fürsten nur schmeicheln. Nach einer so umständlichen Galaeinladung war es auch schwer, abzusagen, dachte Marja Alexandrowna. Endlich hatten die Pferde die drei Werst zurückgelegt, und der Kutscher Ssofron zügelte sie vor der Vorfahrt des langgestreckten, einstöckigen, hölzernen Gutsgebäudes, das mit seiner langen Fensterreihe und umstanden von alten Linden schon ziemlich baufällig aussah und mit der Zeit von Wind und Regen ganz geschwärzt war. Das war Marja Alexandrownas Sommerresidenz. Im Hause brannte bereits Licht.

„Wo ist der Tölpel?“ schrie Marja Alexandrowna, die wie ein Sturm durch die Zimmer raste. „Weshalb liegt hier dieses Handtuch? Ach! Er hat sich getrocknet! Hat er sich wieder gebadet? Und ewig schlürft er seinen Tee! Was glotzt du mich an, du Dummkopf! Weshalb ist sein Haar nicht geschnitten? Grischka! Grischka! Grischka! Weshalb hast du dem Herrn nicht das Haar so geschnitten, wie ich es dir in der vergangenen Woche anbefohlen habe?“

Marja Alexandrowna hatte anfangs die Absicht gehabt, viel freundlicher ihren Gemahl zu begrüßen; als sie jedoch sah, daß er soeben aus dem Bad gestiegen war und stillvergnügt wieder seinen Tee trank, da konnte sie ihren Zorn nicht mehr meistern. In der Tat: soviel Mühen und Sorgen ihrerseits und soviel seliger Quietismus von seiten des zu nichts tauglichen, vollständig überflüssigen Afanassij Matwejewitsch – dieser Kontrast traf sie mitten ins Herz. Inzwischen saß der Tölpel, oder höflicher, derjenige, der Tölpel genannt wurde, in sprachlosem Schrecken vor seinem Ssamowar, sperrte Augen, Mund und Nase auf und starrte seine Frau an, deren Erscheinen ihn fast zu einem Götzenbilde gemacht hatte. In der Tür zum Vorzimmer stand die vierschrötige Gestalt Grischkas, der beständig etwas verschlafen zu sein schien und der sich auch jetzt nur augenblinzelnd die Szene ansah.

„Ja sie lassen doch nicht, deshalb habe ich auch nicht geschnitten,“ sagte er mürrisch mit seiner klanglosen Stimme. „Zehnmal bin ich mit der Schere gekommen, – nun, Herr, sagte ich, die Gnädige wird kommen und dann wird sie uns beiden was setzen, wenn wir nicht geschoren sind, was sollen wir dann machen? Sie aber sagten: nein, wart, ich werde mir Sonntag Locken einlegen und dazu brauche ich lange Haare.“

„Was? Er legt sich Locken ein! Also du legst dir Locken ein? Was sind denn das für Marotten? Und wie steht denn das zu deinem dummen Kopf? Gott, was das hier für eine Unordnung ist! Wonach riecht es hier? Ich frage dich, Monstrum, wonach es hier riecht?“ schrie Marja Alexandrowna, die über den unschuldigen und zu Tode erschrockenen Afanassij Matwejewitsch in immer größere Wut geriet.

„Mü ... mütterchen!“ stotterte schließlich der angstvolle Gatte, ohne sich vom Stuhl zu erheben und nur mit flehendem Blick auf die Gestrenge, „Mü ... mütterchen! ...“

„Wievielmal habe ich dir gesagt, habe ich deinem Eselskopf eingebläut, daß ich für dich durchaus kein Mütterchen bin! Was bin ich für ein Mütterchen, du Schöps, der du bist! Wie darfst du es wagen, eine vornehme Dame, deren Platz in der höchsten Gesellschaft, aber nicht neben einem Esel wie du wäre, mit solchen Namen anzureden!“

„Ja ... ja, aber du bist doch ... bist doch meine gesetzmäßige Frau ... und deshalb sage ich auch ... wie es unter Eheleuten ... Sitte ist ...“ versuchte zwar Afanassij Matwejewitsch sich zu verteidigen, hob aber gleichzeitig beide Hände zum Kopf empor, um seine Haare zu schützen.

„Ach du – Fratze! Du Popanz! Hat man jemals eine dümmere Antwort gehört? Gesetzmäßige Frau! Was gibt es denn jetzt noch für gesetzmäßige Frauen? Wer in aller Welt oder in der besseren Gesellschaft gebraucht jetzt noch dieses dumme, dieses seminaristische, dieses ekelhaft gemeine Wort: ‚gesetzmäßige Frau‘? – und wie wagst du es überhaupt, mich daran zu erinnern, daß ich deine Frau bin, wenn ich mich aus allen Kräften, aus ganzer Seele gerade dieses eine wieder zu vergessen bemühe, daß ich deine Frau bin! Was hältst du deinen Kopf fest? Da sehe doch einer, was für Haare er hat! Sie sind ja total, total naß! Die werden in drei Stunden nicht trocken werden! Wie soll man jetzt mit ihm hinfahren? Wie soll man ihn fremden Menschen zeigen? Was soll ich jetzt tun?“

Marja Alexandrowna rang die Hände vor Verzweiflung, während sie im Zimmer auf und ab raste. Das Unglück war zwar nicht so groß und ließ sich ja leicht wieder gutmachen, nur konnte die Dame ihren herrschsüchtigen, rechthaberischen Geist nicht immer bändigen. Das beständige Ausgießen ihres Zornes über dem Haupte des armen Afanassij Matwejewitsch war ihr zum Bedürfnis geworden, – denn Tyrannei ist eine Angewohnheit, die zum Bedürfnis wird. Und dann – wir wissen doch, zu welchen Kontrasten manche zartfühlenden Damen einer gewissen Gesellschaftsklasse bei sich zu Hause, hinter den Kulissen – fähig sind, und gerade diesen Kontrast wollte ich hier wiedergeben.

Afanassij Matwejewitsch verfolgte zitternd die Evolutionen seiner Gattin und schwitzte vor Angst.

„Grischka!“ schrie sie. „Kleide den Herrn sofort an! Frack, Beinkleider, weiße Binde, Weste – schneller! Wo ist denn seine Kopfbürste, wo ist seine Kopfbürste?“

„Mütterchen! Aber ich bin doch soeben aus der Wanne gekommen, – ich kann mich doch erkälten, erkälten, wenn ich bei diesem Wetter ausfahren ...“

„Keine Bange – wirst dich nicht erkälten!“

„Aber ... mein Haar ist ja ganz naß ...“

„Das werden wir im Augenblick trocken machen! Grischka, nimm die Kopfbürste, bürst ihn trocken! Stärker! stärker! stärker! So! So ist’s recht!“

Unter diesem Kommando bürstete der eifrige und ergebene Grischka aus Leibeskräften den Kopf seines Herrn, den er um der größeren Bequemlichkeit halber an der Schulter erfaßt hatte und von rückwärts striegelte, ungeachtet dessen, daß er die Nase seines Opfers fast an den Diwan stieß. Afanassij Matwejewitsch zog das Gesicht kraus und war nahe daran, zu weinen.

„Jetzt komm her! Heb ihn auf, Grischka! Wo ist die Pomade? Beuge dich, beug dich, Nichtsnutz, beug dich, sag ich dir!“

Und Marja Alexandrowna machte sich daran, eigenhändig ihren Gemahl zu salben, während sie ihn unbarmherzig an seinem dichten, grauuntermischten Haarschopf zog, den er zum Unglück nicht vorschriftsmäßig hatte kurz schneiden lassen. Afanassij Matwejewitsch seufzte und prustete, schrie aber doch kein einziges Mal, sondern ertrug ergeben die ganze gewaltsame Einsalbung.

„Alle meine Kräfte hast du mir ausgesogen, du Schmutzfink!“ schrie Marja Alexandrowna. „So beug dich doch mehr, beug dich! – hast du verstanden?“

„Wieso habe ich denn deine Kräfte ausgesogen, Mütterchen?“ fragte der Gatte zaghaft und beugte den Kopf so tief als nur irgend möglich.

„Tölpel! Kannst nicht einmal eine Allegorie verstehen! Jetzt kämm dich. Und den Rock ihm an. Aber schnell.“

Unsere Heldin setzte sich in einen Fauteuil und beaufsichtigte mit inquisitorischen Blicken das ganze Zeremoniell der Bekleidung ihres Gatten. Dieser hatte sich inzwischen ein wenig erholt und etwas Mut geschöpft. Als es zum Binden der weißen Krawatte kam, wagte er sogar, eine persönliche Bemerkung über die Form und Schönheit des Knotens zu äußern. Und als der brave Mann zu guter Letzt noch seinen Frack angezogen hatte, war er vollkommen ermutigt und betrachtete sein Spiegelbild sogar mit einer gewissen Ehrfurcht.

„Wohin bringst du mich denn, Marja Alexandrowna?“ fragte er selbstgefällig.

Seine Gemahlin traute ihren Ohren nicht.

„Da höre doch einer! Ach, du Vogelscheuche! Wie wagst du überhaupt, mich zu fragen, wohin ich dich bringe?“

„Aber Mütterchen, man muß doch wissen ...“

„Schweig! Und wag es nur noch einmal, mich Mütterchen zu nennen, namentlich dort, wohin wir jetzt fahren! Einen ganzen Monat bleibst du mir dann ohne einen Tropfen Tee!“

Erschrocken verstummte der Gemahl.

„Seht doch, nicht einen einzigen Orden hat er sich verdient, dieser Taugenichts!“ sagte sie mit verächtlichem Blick auf seinen schwarzen Frack.

Da fühlte sich Afanassij Matwejewitsch denn doch gekränkt.

„Orden, Mutter, verleihen die höchsten Vorgesetzten und ich bin Rat, aber kein Taugenichts!“ sagte er mit edlem Unwillen.

„Wie, wie, wie! Hast du hier etwa zu denken gelernt? Ach du! Bauer, du! Schade, daß ich jetzt keine Zeit habe, mich mit dir abzugeben, sonst würde ich ... Nun, ich werde mich dessen noch später entsinnen! Gib ihm den Hut, Grischka! Gib ihm den Pelz! ... Hier in meiner Abwesenheit diese drei Zimmer aufräumen, und auch das grüne, das Eckzimmer, gleichfalls aufräumen! Im Augenblick! Von den Spiegeln die Bezüge abnehmen! von den Uhren gleichfalls! Und sieh zu, daß alles in einer Stunde fertig ist! Und du selbst zieh dir den Frack an, und den Leuten gib weiße Handschuhe, hörst du, Grischka, hörst du!“

Sie setzten sich in den Schlitten und fuhren. Afanassij Matwejewitsch wunderte sich und Marja Alexandrowna überlegte im stillen, wie sie dem schwerfälligen Kopf ihres Gatten gewisse Verhaltungsmaßregeln möglichst klar, einfach und verständlich einschärfen sollte. Doch ihr Gatte kam ihr zuvor.

„Ach so, was ich eigentlich sagen wollte ... ich habe heute einen sehr originellen Traum gehabt,“ meldete er plötzlich mitten im beiderseitigen Schweigen.

„Ach, du verfluchte Vogelscheuche! Und ich glaubte schon, daß jetzt weiß Gott was kommen würde! Sein Traum! Wie wagst du es überhaupt, mir mit deinen Träumen zu kommen? Origineller – Traum? Weißt du denn auch, was originell bedeutet? Hör, ich sage dir jetzt zum letzten Mal: wenn du heute wagst, auch nur ein Wort von deinem Traum zu sagen, oder gleichviel wovon, so werde ich – ich weiß nicht was, mit dir tun! Paß jetzt auf: Fürst K. ist zu mir gekommen. Entsinnst du dich noch des Fürsten K.? ...“

„Entsinne mich, Mutter, entsinne mich. Weshalb ist er denn zu dir gekommen?“

„Schweig! – das geht dich nichts an! Du mußt ihn mit besonderer Liebenswürdigkeit – als Hausherr – sofort auf unser Gut einladen. Deshalb bringe ich dich auch hin. Und heute noch werden wir von dort fortfahren. Wenn du aber wagst, heute, diesen ganzen Abend, oder morgen, oder übermorgen oder gleichviel wann, auch nur ein einziges Wort zu sprechen, so werde ich dich ein ganzes Jahr lang – Gänse werde ich dich hüten lassen! Sprich überhaupt nicht, sprich kein einziges Wort. Und das ist alles, was du zu tun hast. – Hast du verstanden?“

„Aber – wenn man mich etwas fragt?“

„Gleichviel – schweige!“

„Aber – das geht doch nicht, daß ich nicht antworte, Marja Alexandrowna!“

„In dem Fall sag irgend etwas ganz Kurzes, Einsilbiges, zum Beispiel: ‚Hm!‘ oder etwas in der Art, – gewissermaßen – um zu zeigen, daß du ein kluger Mensch bist und reiflich überlegst, bevor du antwortetst.“

„Hm!“

„Versteh mich! Ich bringe dich hin und werde sagen, daß du auf die Nachricht von der Ankunft des Fürsten, vor Freude über seinen Besuch, sofort zur Stadt geeilt bist, um ihm deine Aufwartung zu machen und ihn zu uns aufs Gut einzuladen. Hast du verstanden?“

„Hm!“

„Aber du sollst doch nicht jetzt ‚hm‘ sagen, Esel! Antworte darauf, was ich dich frage!“

„Gut, Mutter, es soll alles geschehen, wie du willst, nur – weshalb soll ich denn den Fürsten einladen?“

„Wie, wie? Wieder willst du denken! Was geht das dich an, weshalb! Und wie wagst du überhaupt, das zu fragen?“

„Ich meine ja nur, Marja Alexandrowna wie soll ich ihn denn einladen, wenn du mir fortwährend zu schweigen befiehlst?“

„Ich werde für dich reden, du aber mach nur deine Verbeugung – hörst du? – mach nur deine Verbeugung und behalte den Hut in der Hand. Hast du mich verstanden?“

„Jawohl, Mutt... Marja Alexandrowna.“

„Der Fürst ist sehr geistreich. Wenn er etwas sagt, und selbst wenn es nicht an dich gerichtet ist, so antworte auf alles nur mit einem gutmütigen und heiteren Lächeln, – hörst du?“

„Hm!“

„Wieder! Mir hast du nicht mit ‚hm‘ zu antworten! Sage einfach und offen: hast du gehört oder nicht?“

„Ich höre, Marja Alexandrowna, ich höre, wie sollte ich denn nicht hören. Das ‚hm‘ sage ich nur, weil ich mich im Hm-Sagen übe, wie du es befohlen hast. Aber ich meine nur, Mutter, wie wird denn das sein: wenn der Fürst etwas sagt und du befiehlst, ihn nur anzusehen und zu lächeln! Aber wenn er mich nun etwas fragt?“

„Gott! – bis der etwas begriffen hat! Ich habe dir doch gesagt: schweige! Ich werde für dich antworten, du aber sieh ihn nur an und lächle.“

„Aber ... dann kann er ja denken, daß ich stumm bin!“

„Großes Unglück! Mag er doch, dafür wird er nicht merken, daß du dumm bist.“

„Hm! ... Nun, aber wenn mich andere etwas fragen?“

„Niemand wird dich etwas fragen, es wird niemand zugegen sein. Und falls dennoch jemand kommen sollte – wovor Gott uns bewahre! – und dich etwas fragt oder überhaupt etwas sagt, so antworte sofort mit einem sarkastischen Lächeln. Weißt du, was das ist – ein sarkastisches Lächeln?“

„Das ist doch ein geistvolles, nicht?“

„Ich werde dir – geistvolles! Wer wird denn von dir Esel ein geistvolles Lächeln verlangen! Einfach ein spöttisches Lächeln, ein spöttisch verächtliches.“

„Hm!“

„Weiß Gott, wie es werden wird!“ dachte Marja Alexandrowna innerlich seufzend. „Er hat sich entschieden geschworen, mich zur Verzweiflung zu bringen! Ich glaube fast, es wäre besser, ihn überhaupt nicht hinzubringen!“

Während dieses Gedankenganges, dem sorgenvolle Unruhe und erbitterte Selbstvorwürfe folgten, beugte sich Marja Alexandrowna beständig zum Fenster ihres Verdeckschlittens hinaus und trieb den Kutscher zu noch größerer Eile an. Die Pferde jagten, ihr aber schien es immer noch zu langsam vorwärts zu gehen. Afanassij Matwejewitsch saß schweigend in seiner Ecke und wiederholte in Gedanken die ihm erteilten Lektionen. Endlich erreichten sie die Stadt und bald darauf hielten sie vor dem Hause Marja Alexandrownas.

Kaum aber war unsere Heldin ausgestiegen, als sie auch schon einen zweisitzigen, verdeckten Schlitten mit dampfenden Pferden erblickte, der plötzlich gleichfalls vor ihrem Hause hielt. Das war das Gefährt, in dem Anna Nikolajewna Antipowa ausfuhr. Im Schlitten saßen zwei Damen. Die eine war Anna Nikolajewna und die andere Natalja Dmitrijewna, – seit einiger Zeit die aufrichtigste Freundin und Anhängerin der anderen.

Marja Alexandrownas Herzschlag setzte aus. Aber noch hatte sie keinen Schrei ausgestoßen, als schon eine zweite Kutsche vorfuhr, in der sich offenbar gleichfalls Gäste befanden. Im Augenblick ertönten denn auch freudige Begrüßungsworte.

„Marja Alexandrowna! Und zusammen mit Afanassij Matwejewitsch! Angekommen! Woher denn das? Und gerade rechtzeitig, denn wir kommen zu Ihnen! Auf den ganzen Abend! Welche Überraschung!“

Die Damen hüpften auf die Treppe und zwitscherten wie Schwalben durcheinander. Marja Alexandrowna traute ihren Augen und Ohren nicht.

„Daß euch der! ...“ dachte sie bei sich. „Das sieht mir ganz nach einer Verschwörung aus! Das muß man untersuchen! Nur ... werden nicht solche Elstern wie ihr mich überlisten ... Wartet! ...“

XI.

Mosgljäkoff verließ Marja Alexandrowna wie es schien, vollkommen beruhigt. Sie hatte es verstanden, ihn für ihren Plan zu gewinnen. Einstweilen aber ging er doch nicht zu Borodujeff, denn es verlangte ihn nach Einsamkeit. Die Woge der romantischen und heroischen Träume, die ihn plötzlich überkam, ließ ihm keine Ruhe. Er dachte an eine feierliche Aussprache mit Sina, an die edlen Tränen seines alles verzeihenden Herzens, seine Bleichheit und Verzweiflung auf dem glänzenden Petersburger Ball, an Spanien, den Guadalquivir, an seine Liebe und den sterbenden Fürsten, der noch vor seinem letzten Atemzuge ihrer beider Hände vereinigte. Hierauf dachte er an seine wunderschöne Frau, die ihm treu ergeben ist und ihn täglich ob seines Heldenmutes und seiner erhabenen Gefühle anstaunt; nebenbei – im stillen – an die Aufmerksamkeit irgend einer Gräfin der „höchsten Gesellschaft“, in die er durch die Heirat mit Sina, der Witwe des Fürsten K., unfehlbar hineingelangen würde; ferner an den Posten eines Vizegouverneurs, an das viele Geld ... Mit einem Wort: alles, was Marja Alexandrowna so beredt ausgemalt hatte, zog noch einmal durch seine restlos zufriedene Seele, beglückend und verlockend und vor allem seiner Eigenliebe schmeichelnd. Doch siehe – und ich weiß wirklich nicht, wie ich das eigentlich erklären soll –, als er von dieser ganzen Begeisterung bereits müde zu werden begann, kam ihm plötzlich ein äußerst unangenehmer Gedanke: daß nämlich das alles bestenfalls in der Zukunft sein würde, daß er vorläufig aber trotz allem mit einer langen Nase sitzen bliebe. Als ihm dieser Gedanke kam, bemerkte er auch, daß er sehr weit gegangen war und sich in einer einsamen, ihm völlig unbekannten Vorstadt Mordassoffs befand. Es dunkelte. In den Straßen, an denen gleichsam in die Erde hineingewachsene Häuschen standen, bellten wie verzweifelt alle Hunde, die, wie gewöhnlich in Provinzstädten, gerade in jenen Stadtteilen sich erschreckend vermehren, wo es nichts zu bewachen und auch nichts zu stehlen gibt. Es begann zu schneien. Nasse, schwere Flocken fielen. Selten nur begegnete ihm ein verspäteter Bauer oder ein Weib im Pelz und in Wasserstiefeln. Alles das ärgerte ihn mit einemmal – ein sehr schlechtes Zeichen, da uns bei einer günstigen Wendung der Dinge im Gegenteil alles in rosigem Licht zu erscheinen pflegt. Pawel Alexandrowitsch dachte unwillkürlich daran, daß er bis jetzt in Mordassoff den Ton angegeben hatte; er hörte es sehr gern, wenn man ihm in jedem Hause andeutete, daß er Heiratskandidat sei und wenn ihm zu dieser Eigenschaft Glück gewünscht wurde. Er war sogar regelrecht stolz darauf, Heiratskandidat zu sein. Und nun sollte er plötzlich als – Verschmähter dastehen! Man wird ihn ja auslachen! Und in der Tat, er kann doch nicht alle eines anderen belehren, er kann doch nicht einem jeden von den Petersburger Bällen in säulenverzierten Sälen und vom Guadalquivir erzählen! Während er so dies und das überlegte, sich selbst quälte und mit seinem Schicksal haderte, kam ihm schließlich etwas in den Sinn, das schon seit einiger Zeit halb unbewußt an seinem Herzen genagt hatte.

„Aber ist denn das alles auch wahr? Wird es denn auch genau so in Erfüllung gehen, wie Marja Alexandrowna es ausgemalt hat?“

Gleichzeitig sagte er sich, daß Marja Alexandrowna eine äußerst schlaue Dame war und, wie sehr sie die allgemeine Achtung auch verdient haben mochte, dennoch klatschte und vom Morgen bis zum Abend log. Er sah ein, daß sie, als sie ihn „abschob“, wahrscheinlich ihre besonderen Gründe dazu gehabt hatte, und schließlich – ausmalen kann ja ein jeder. Auch an Sina dachte er, dachte an ihren Abschiedsblick, der von nichts weniger als von heimlicher, leidenschaftlicher Liebe gesprochen hatte; und zum Überfluß fiel ihm da noch ein, daß er von ihr immerhin einen Korb erhalten und sie ihn einen Dummkopf genannt hatte. Bei diesem Gedanken blieb Pawel Alexandrowitsch wie angewurzelt stehen und errötete vor Scham bis zu Tränen. Da fehlte denn nur noch, daß ihm gerade in diesem Augenblick etwas Unangenehmes zustieß: er trat fehl und flog in einen Schneehaufen. Während er nun in dem losen, weichen Schnee kniete und sich wieder aufzurichten mühte, stürzte die ganze Meute, die ihn seit geraumer Zeit verfolgt und angekläfft hatte, von allen Seiten auf ihn los. Der kleinste und frechste Hackenbeißer hatte sogar die Unverschämtheit, sich hinten an seinen Pelz zu hängen. Mit lautem Geschimpf schüttelte er die Hunde ab und trottete dann mit hinten zerrissenem Pelzrand bis zur nächsten Querstraße, um erst hier gewahr zu werden, daß er sich verirrt hatte. Bekanntlich kann kein Mensch, der sich in einem ihm unbekannten Stadtteil verirrt hat – und namentlich noch in der Nacht – eine Straße geradeaus bis zum Ende gehen: immer wieder wird ihn eine unbekannte Macht in alle Querstraßen und Nebengassen einzubiegen zwingen. Da nun auch Mosgljäkoff keine Ausnahme aus der Regel machte, verirrte er sich bald endgültig.

„Der Teufel hole alle diese hohen Ideen!“ fluchte er im Innersten und spie aus vor Wut. „Und der Teufel hole euch alle samt euren edlen Gefühlen und Guadalquiviren!“

Ich will nicht behaupten, daß Mosgljäkoff in diesem Augenblick anziehend gewesen sei.

Nach zwei Stunden langte er endlich müde und abgequält beim Hause Marja Alexandrownas an. Als er die vielen Kutschen vor der Tür halten sah, wunderte er sich.

„Sind das etwa Gäste, sollte dort geladener Besuch sein?“ fragte er sich. „Zu welchem Zweck gibt sie denn heute eine Abendgesellschaft?“ Er erkundigte sich beim Diener und erfuhr, daß Marja Alexandrowna auf dem Gut gewesen und mit Afanassij Matwejewitsch – der in Frack und weißer Binde erschienen sei – zurückgekehrt war und daß der Fürst zwar geruht habe, aus dem Nachmittagsschläfchen zu erwachen, jedoch noch nicht nach unten zu den Gästen herabgestiegen wäre. Mosgljäkoff begab sich, ohne ein Wort zu sagen, hinauf zum Fürsten. Er befand sich gerade in einer Stimmung, in der ein Mensch mit schwachem Charakter fähig ist, sich zu allem zu entschließen, selbst zum schmählichsten Racheakt, ohne daran zu denken, daß er dann vielleicht sein ganzes Leben lang die Tat bereuen wird.

Er fand den Fürsten in einem bequemen Lehnstuhl sitzend vor seinem Reisenecessaire mit vollkommen kahlem Schädel, aber die Fliege und der Backenbart waren bereits angebracht. Seine Perücke befand sich in den Händen seines alten grauhaarigen Kammerdieners und besonderen Lieblings, Iwan Pachomytschs, der sie mit tiefernster, wichtiger und ehrfürchtiger Miene bürstete.

Der Fürst, der nach dem vielen Wein noch nicht recht zu sich gekommen zu sein schien, bot einen ziemlich traurigen Anblick dar: er schien ganz und gar erschlafft zu sein, blinzelte hin und wieder mit den Augen und sah Mosgljäkoff an, als sähe er ihn zum ersten Mal im Leben.

„Wie geht es Ihnen, wie fühlen Sie sich, Onkelchen?“ erkundigte sich dieser.

„Wie ... Ach das bist du!“ Schließlich erkannte ihn der Fürst. „Ich war ein wenig eingeschlafen. Ach Gott!“ – Er war im Augenblick belebt – „ich bin ja doch ... ich bin ja doch ohne Per–rücke!“

„O, beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen! Ich ... ich werde Ihnen helfen, wenn Sie meiner Hilfe bedürfen.“

„Nun sieh, da hast du jetzt mein Geheimnis erfahren! Ich habe doch ge–sagt, daß man die Tür verschließen muß. Aber, mein Freund, du mußt mir jetzt sogleich dein Eh–ren–wort geben, daß du mein Geheim–nis niemand aufdecken und niemand sagen wirst, daß ich fal–sches Haar habe.“

„O, ich bitte Sie, Onkelchen! Halten Sie mich denn für einen, der dazu fähig wäre?“ Mosgljäkoff wollte den Fürsten zu seinen weiteren Zwecken gewinnen ...

„Nun ja, nun ja! Doch ... Da ich sehe, daß du ein edler Mensch bist – mag es dann so sein, ich werde dich in Erstaunen setzen ... und dir meine Geheimnisse aufdecken. Nun, mein Lieber, wie gefällt dir mein Schnurrbart?“

„Vorzüglich, Onkelchen! Er ist geradezu wunderbar! Wie haben Sie ihn nur so lange und so tadellos erhalten können?“

„Überzeuge dich: er ist – fal–sch!“ sagte der Fürst mit triumphierendem Blick auf Mosgljäkoff.

„Ist’s möglich? Nicht zu glauben! Nun, aber der Backenbart? Gestehen Sie es nur, Onkelchen, den färben Sie doch?“

„Färben? Ich färbe ihn nicht nur, er ist gleichfalls vollkommen – fal–sch!“

„Unmöglich! Nein, Onkelchen, Verzeihung, aber das glaube ich nicht! Sie wollen sich über mich lustig machen!“

„Parole d’honneur, mon ami!“ beteuerte der Fürst stolz. „Und denk dir, alle, aber auch alle lassen sich ganz wie du täuschen! Sogar Stepanida Matwejewna glaubt es nicht, obgleich sie ihn mir doch zuweilen selbst anbringt. Aber ich bin über–zeugt, mein Lieber, daß du mein Geheimnis bewahren wirst. Gib mir dein Ehrenwort.“

„Ehrenwort, Onkelchen, ich werde es keinem verraten. Und glauben Sie denn wirklich, daß ich dazu fähig wäre?“

„Ach, mein Freund, wie ich heute in deiner Abwesenheit gefallen bin! Fe–o–fil hat mich zum zweitenmal um–geworfen!“

„Zum zweitenmal? Wann denn das?“

„Tja, wir näherten uns schon dem Kloster ...“

„Ich weiß, Onkelchen, heute morgen.“

„Nein, nein, das war im ganzen vor zwei Stunden, nicht mehr. Ich fuhr ins Kloster, er aber warf die Kutsche um. Dieser Schreck! Mein Herz steht noch still davon.“

„Aber Onkelchen, Sie haben doch inzwischen geschlafen!“

„Nun ja, geschlafen ... dann aber fuhr ich ... wie gesagt, ich ... Also, wie gesagt, vielleicht habe ich das ... nein, wie son–derbar das ist!“

„Glauben Sie mir, Onkelchen, das haben Sie nur im Traum erlebt! Sie haben hier doch die ganze Zeit seit dem Mittag geschlafen.“

„Wirk–lich?“ – Der Fürst wurde nachdenklich.

„Nun ja, vielleicht habe ich das nur im Traum gesehen. Aber, wie gesagt, ich habe alles behalten, was mir geträumt hat. Zuerst träumte mir von einem grau–envollen Büffel mit langen Hörnern, dann von einem Staatsanwalt, gleichfalls, wie mir schien, mit Hör–nern ...“

„Das war wohl Nikolai Wassiljitsch Antipoff, Onkelchen?“

„Nun ja, vielleicht war er es. Und dann träumte mir von Napo–leon Buonaparte. Weißt du, mein Lieber, mir sagen alle, daß ich Napoleon Buonaparte ungemein ähneln soll ... und im Profil soll ich ... aus–ge–sproch–en wie ein gewisser ehemaliger Papst aussehen! Was findest du, mein Lieber, habe ich Ähnlichkeit von einem Papst?“

„Ich finde, daß Sie mehr Napoleon ähneln, Onkelchen.“

„Nun ja, das wäre en face. Wie gesagt, ich finde es selbst auch, mein Lieber. Und ich sah ihn im Traum bereits auf der Insel sitzend, und wie gesagt, er war so ge–sprä–chig, so schlag–fertig, solch ein Witz–bold ... so daß er mich un–gemein erheitert hat.“

„Reden Sie von Napoleon?“ fragte Mosgljäkoff mit nachdenklichem Blick auf den Fürsten. Ihm war plötzlich ein sonderbarer Einfall gekommen, ein Einfall, über den er sich vorläufig noch nicht recht klar war.

„Nun ja, von Napoleon. Wir sprachen beide über Phi–lo–sophie. Und weißt du, mein Lieber, es tut mir sogar leid, daß die Eng–länder ... so streng mit ihm verfah–ren sind. Es ist ja wahr: hätte man ihn nicht an der Kette gehalten, so würde er sich wieder auf die anderen gestürzt haben. Ein toller Mensch! Aber es tut mir doch leid um ihn. Ich hätte ihn nicht so behandelt. Ich hätte ihn auf eine un–bewohnte Insel gesetzt ...“

„Weshalb denn auf eine unbewohnte?“ fragte Mosgljäkoff zerstreut.

„Nun, dann meinetwegen auch auf eine bewohn–te, aber auf eine, auf der nur vernünf–tige Menschen wohnen. Nun und dann hätte ich verschiedene Zerstreu–ungen für ihn arrangiert: Theater, Musik, Ballett ... und alles auf Kosten des Staates. Spazieren zu gehen hätte ich ihm natür–lich nur unter Auf–sicht erlaubt, denn sonst wäre er ja sofort wieder entschlüpft. Gewisse Pasteten soll er sehr geliebt haben. Nun, dann würde man ihm eben täglich diese Pasteten gebacken haben. Ich hätte sozusagen väterlich für ihn gesorgt. Er hätte es bei mir nicht schlecht gehabt! ...“

Mosgljäkoff hörte zerstreut dem Geschwätz des erst halberwachten Greises zu und trommelte mit seinen Händen vor Ungeduld. Er wollte das Gespräch auf die Heirat bringen. Eigentlich wußte er noch selbst nicht, weshalb er es wollte, doch ein unbezwingliches Rachegelüst kochte in seiner Brust. Plötzlich stieß der Greis einen leichten Schrei aus, einen Schrei der Überraschung.

„Ach, mon ami! Ich habe ja ganz vergessen, dir zu sagen! Denk doch, ich habe heute einen Heiratsantrag gemacht!“

„Einen Heiratsantrag, Onkelchen?“ fragte Mosgljäkoff ungemein belebt.

„Nun ja, einen Hei–ratsantrag. Pachomytsch, du gehst schon? Nun gut. C’est une charmante personne ... Mais ... ich will dir gestehen, mein Lieber, ich habe un–über–legt gehandelt. Jetzt sehe ich es ein. Ach, Gott im Himmel!“

„Aber erlauben Sie, Onkelchen, wann haben Sie es denn getan?“

„Wie gesagt, mein Lieber, ich weiß noch nicht einmal genau, wann. Oder sollte mir das nur geträumt haben? Ach, wie son–der–bar das aber doch ist!“

Mosgljäkoff erzitterte vor Freude. Er hatte eine glänzende Idee!

„Aber wem und wann haben Sie denn den Heiratsantrag gemacht, Onkelchen?“ fragte er ungeduldig.

„Der Tochter des Hauses hier, mon ami ... cette belle personne ... wie gesagt, ich habe vergessen, wie sie heißt. Nur, sieh mal, mon ami, ich kann doch unmöglich hei–raten! Was soll ich jetzt tun?“

„Gewiß, Sie würden sich unfehlbar zugrunde richten, wenn Sie heiraten wollten. Aber erlauben Sie eine Frage, Onkelchen: sind Sie denn auch überzeugt, daß Sie den Antrag wirklich gemacht haben?“

„Nun ja ... ich bin ü–ber–zeugt.“

„Wenn es Ihnen aber nur geträumt hat, ganz wie das, daß sie zum zweiten Mal mit der Kutsche umfielen?“

„Ach, Gott! Es ist wahr, vielleicht hat es mir auch nur geträumt! ... Jetzt weiß ich ja gar nicht, wie ich mich dort verhal–ten soll! ... Mon ami, auf welchem Um–wege könnte man das nun genau erfahren, ob ich bei ihr angesprochen habe oder nicht? Denn sonst, denk doch nur, in welcher Lage ich jetzt bin!“

„Wissen Sie, Onkelchen, ich glaube, da ist überhaupt nichts zu erfahren.“

„Wieso?“

„Ich bin überzeugt, daß es Ihnen nur geträumt hat.“

„Der Meinung bin ich auch, mon ami, um so mehr, als ich oft ähn–liche Träume habe.“

„Nun, sehen Sie. Und vergessen Sie nicht, daß Sie zum Frühstück ein wenig getrunken haben, dann zum Mittag wieder und schließlich ...“

„Nun ja, mein Lieber, das ist es gerade; vielleicht rührt es auch nur da–von her.“

„Und zudem, Onkelchen, wie sehr Sie auch entflammt gewesen sein mochten, einen so unüberlegten Heiratsantrag hätten Sie doch nie in Wirklichkeit machen können. So weit ich Sie kenne, sind Sie ein überaus vernünftiger Mensch und ...“

„Nun ja, nun ja.“

„Und denken Sie doch nur an eines: wenn das Ihre Verwandten erführen, die Ihnen doch ohnehin nicht gewogen sind – was würden die dazu sagen?“

„Gott im Himmel!“ rief entsetzt der Fürst aus. „Was würden die dazu sagen?“

„Ich bitte Sie! Alle würden wie ein Mann schreien, daß Sie es nicht bei vollem Verstande hätten tun können, daß Sie geistesschwach seien, daß man Sie unter Kuratel bringen müsse, daß man Sie betrogen habe, und zu guter Letzt würde man Sie irgendwo einsperren, wo Sie unter Aufsicht leben müßten.“

Mosgljäkoff wußte, womit man dem Alten den größten Schrecken einjagen konnte.

„Gott im Himmel!“ – Der Fürst zitterte wie ein Espenblatt. „Würde man mich wirklich einsperren!“

„Und deshalb sagen Sie sich doch selbst Onkelchen: wie hätten Sie einen so unüberlegten Heiratsantrag in Wirklichkeit machen können? Sie kennen doch Ihren eigenen Vorteil! Nein, ich behaupte konsequent, daß Sie das alles nur im Traum gesehen haben.“

„Unbedingt im Traum, un–be–dingt im Traum!“ bestätigte der erschrockene Fürst. „Nein, wie vernünftig du das erklärt hast, mein Lieber! Ich danke dir von Herzen dafür, daß du mich be–ruh–igt hast!“

„Und mich freut es sehr, daß ich Sie heute getroffen habe. Denken Sie doch nur: ohne mich hätten Sie sich tatsächlich täuschen, hätten Sie glauben können, daß Sie tatsächlich im wachen Zustande bei ihr angesprochen haben und dann – wären Sie jetzt als Bräutigam zu ihr nach unten gegangen! Denken Sie doch nur, wie gefährlich das gewesen wäre!“

„Nun ja ... gefährlich!“

„Denken Sie doch nur, daß dieses Mädchen dreiundzwanzig Jahre alt ist; niemand will sie nehmen und plötzlich kommen Sie, ein reicher und vornehmer Aristokrat, als Freier zu ihr! Aber die würden ja doch sofort zugreifen, würden beteuern, daß Sie wirklich angesprochen haben: und verkuppeln Sie womöglich mit Gewalt. Und dann werden sie hoffen, daß Sie vielleicht bald sterben ...“

„Wirklich?“

„Und dann denken Sie doch nur, Onkel: ein Mensch mit Ihren Vorzügen ...“

„Nun ja, mit meinen Vorzügen ...“

„Mit Ihrem Verstande und Ihrer Liebenswürdigkeit ...“

„Nun ja, mit meinem Verstande, ja! ...“

„Und dann, Sie sind – Fürst. Sie könnten doch eine ganz andere Partie machen, wenn Sie wirklich aus irgend einem Grund heiraten müßten. Und denken Sie nur daran, was Ihre Verwandten sagen würden!“

„Ach, mon ami, sie würden mich ja dann ganz und gar vernichten! Ich habe von ihnen schon soviel Böses und Unheimliches erfahren ... Denk dir, ich vermute, daß sie mich sogar in eine Ir–ren–anstalt bringen wollten. Nun sag doch bloß, mon ami, das geht doch nicht! Nun, was würde ich denn dort in der Ir–ren–anstalt an–fangen?“

„Versteht sich, Onkelchen, und deshalb werde ich Sie jetzt auch nicht verlassen, wenn Sie nach unten gehen. Dort sind Gäste.“

„Gäste? Gott im Himmel!“

„Beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein.“

„Nein, wie dankbar ich dir bin, mein Lieber, du bist geradezu mein Retter! Aber weißt du: ich werde lieber fortfahren.“

„Morgen, Onkelchen, morgen früh um sieben Uhr. Heute aber müssen Sie sich noch von allen verabschieden und sagen, daß Sie morgen fortfahren.“

„Ich werde un–be–dingt fortfahren ... wie gesagt, zum Pater Missaïl ... Mais, mon ami, wenn sie mich nun aber verkup–peln wollen?“

„Fürchten Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein. Und schließlich, was man Ihnen auch sagen oder zu verstehen geben sollte, bleiben Sie dabei, daß es Ihnen nur geträumt hat ... wie es sich ja auch tatsächlich verhält ...“

„Nun ja, un–be–dingt geträumt! Nur, weißt du, mon ami, es war doch ein be–zau–bernder Traum! Sie ist wun–der–bar schön und, weißt du, welche Formen ...“

„Nun, auf Wiedersehen, Onkelchen, ich gehe jetzt nach unten und Sie ...“

„Was! Du verläßt mich, du läßt mich allein zurück!“ rief der Fürst erschrocken aus.

„Nein doch, wir müssen nur nach unten gehen und da ist es besser, wenn wir nicht zusammen erscheinen, zuerst ich, dann Sie.“

„Nun gut. Ich muß, wie gesagt, auch noch einen Gedanken niederschreiben!“

„Schön, Onkelchen, schreiben Sie also Ihren Gedanken nieder und kommen Sie dann ohne zu säumen. Morgen früh aber ...“

„Und morgen früh zum Priestermönch, un–be–dingt zum Prie–stermönch! Charmant, charmant! Aber weißt du, mon ami, sie ist wun–derbar schön ... diese Formen ... und wenn ich nun einmal unbedingt heiraten müßte, so würde ich ...“

„Gott bewahre Sie davor, Onkelchen!“

„Nun ja, Gott bewahre mich davor ... Nun, auf Wiedersehen, mein Lieber, ich werde sogleich ... ich muß nur noch etwas niederschreiben. A pro–pos, ich wollte dich immer fragen: hast du Casanovas Memoiren gelesen?“

„Ja, ich habe sie gelesen – was ist denn?“

„Nun ja ... ich habe jetzt nur vergessen, was ich fragen wollte.“

„Sie werden sich dessen später entsinnen, Onkelchen. Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, mon ami, auf Wiedersehen! Nur war es doch ein ent–zückender Traum, ein ent–zückender Traum! ...“

XII.

„Wir kommen alle zu Ihnen, alle, alle! Auch Praskowja Iljinitschna wollte kommen, und auch Luisa Karlowna wollte kommen,“ zwitscherte Anna Nikolajewna, in den „Salon“ eintretend. Neugierig blickte sie sich rings um.

Sie war eine hübsche kleine Dame, bunt, doch reich gekleidet und sie wußte es selbst vorzüglich, daß sie hübsch war. Sie war überzeugt, in einer Ecke des Salons den Fürsten mit Sina im Gespräch zu erblicken.

„Und auch Katerina Petrowna und Felissata Michailowna wollten kommen,“ fügte Natalja Dmitrijewna hinzu, eine Dame von kolossalen Dimensionen – sie war es, deren Formen dem Fürsten so sehr gefallen hatten – und die unwillkürlich an einen Grenadier erinnerte.

Sie trug ein auffallend kleines rosa Kapotthütchen, das ganz auf dem Hinterkopf saß. Seit drei Wochen war sie die beste Freundin Anna Nikolajewnas, der sie schon seit langem den Hof gemacht hatte und die sie allem Anschein nach wie einen einzigen Bissen hätte hinunterschlucken können – samt allen Knochen.

„Ich rede schon gar nicht von meinem – ich kann wohl sagen – Entzücken darüber, Sie beide endlich einmal bei mir zu sehen und noch dazu am Abend,“ flötete Marja Alexandrowna, nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte. „Aber sagen Sie doch bitte, welches Wunder Sie heute zu mir gerufen hat, während ich doch schon längst jede Hoffnung auf diese Ehre aufgegeben! ...“

„Ach Gott, Marja Alexandrowna, wie Sie wirklich sind!“ sagte Natalja Dmitrijewna süßlich, verschämt, geziert und fast piepend, was einen äußerst interessanten Gegensatz zu ihrer Erscheinung bildete.

„Mais, ma charmante Marja Alexandrowna,“ zwitscherte wieder Anna Nikolajewna dazwischen, „wir müssen doch endlich mit unseren Vorbereitungen zu diesem Theater ins reine kommen! Heute noch sagte Pjotr Michailowitsch zu Kalist Stanislawitsch, es betrübe ihn sehr, daß wir nicht weiter kämen und uns immer nur stritten. Und da versammelten wir uns denn heute alle vier und dachten: fahren wir einfach zu Marja Alexandrowna und besprechen wir uns dort! Natalja Dmitrijewna hat auch die anderen benachrichtigt. Alle werden kommen. Und so können wir uns denn beraten und die Sache kommt dann endlich in Gang ... Dann darf man auch nicht mehr sagen, daß wir uns nur streiten, nicht wahr, mon ange?“ fügte sie kokett hinzu und küßte Marja Alexandrowna. „Ach! sieh da! Sinaïda Afanassjewna! Sie werden aber mit jedem Tag schöner!“

Und Anna Nikolajewna eilte der eintretenden Sina entgegen, um sie zu küssen.

„Sie hat ja auch nichts weiter zu tun, als sich zu verschönen,“ meinte süß Natalja Dmitrijewna und rieb ihre großen Hände.

„Wenn euch doch der Teufel holte! Dieses blödsinnige Theater hatte ich ganz vergessen! Sie scheinen, weiß Gott, klüger geworden zu sein!“ dachte Marja Alexandrowna, innerlich rasend vor Wut.

„Und hinzu kommt noch, mein Engel,“ fuhr Anna Nikolajewna fort, „daß jetzt dieser liebe Fürst bei Ihnen weilt. Sie wissen doch, in Duchanowo gab es ja früher ein Theater. Wir haben uns schon erkundigt und wissen jetzt, daß dort irgendwo noch alte Kulissen, ein Vorhang und sogar Kostüme vorhanden sind. Der Fürst war heute bei mir, aber ich war so überrascht, daß ich ganz vergaß, ihn zu fragen. Jetzt können wir hier das Gespräch aufs Theater bringen. Sie werden uns beistehen und der Fürst wird uns den ganzen Plunder herschicken – das werden Sie sehen! Denn bei wem könnten Sie wohl hier etwas in der Art einer Kulisse bestellen? Und die Hauptsache: wir wollen ja auch den Fürsten für unsere Aufführung gewinnen. Er muß unbedingt zur Kollekte beisteuern, – es ist doch für die Armen! Vielleicht wird er sogar eine Rolle übernehmen, – er ist doch so liebenswürdig und mit allem stets einverstanden. Dann würde alles wundervoll gehen!“

„Gewiß wird er eine Rolle übernehmen. Man kann ihn ja doch jede beliebige Rolle spielen lassen,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna zweideutig.

Anna Nikolajewna hatte Marja Alexandrowna nicht betrogen: in jedem Augenblick kamen neue Gäste. Die Hausfrau konnte kaum eine jede der eintreffenden Damen begrüßen und alle die Ausrufe des Entzückens bewältigen, die von dem gesellschaftlichen Anstand oder dem guten Ton in solchen Fällen verlangt werden.

Ich will es nicht versuchen, alle Damen zu beschreiben. Ich sage nur, daß einer jeden ganz besondere Bosheit aus den Augen blitzte. Auf allen Gesichtern konnte man Erwartung und eine geradezu krankhafte Ungeduld lesen. Einige von ihnen waren entschieden mit der Absicht gekommen, Augenzeugen eines unerhörten Skandals zu sein, und sie würden sehr ungehalten gewesen sein, wenn es nicht zu einem solchen gekommen wäre. Äußerlich waren alle ungemein liebenswürdig, doch Marja Alexandrowna hatte sich nichtsdestoweniger auf einen heftigen Ansturm gefaßt gemacht. Fragen nach dem Fürsten regneten von allen Seiten; anscheinend war eine jede dieser Fragen sehr natürlich, aber dennoch enthielt jede eine leise Anspielung, verriet jede einen Hintergedanken. Es wurde Tee gereicht; man setzte sich. Eine Gruppe belagerte den Flügel. Sina wurde gebeten, etwas zu singen, sie aber antwortete trocken, daß sie nicht ganz gesund sei. Ihr bleiches Gesicht ließ die Antwort glaubwürdig erscheinen. Hierauf folgten viele mitleidige Fragen und gleichzeitig wurde auch noch nach anderem gefragt und anderes zu verstehen gegeben. Man erkundigte sich auch nach Mosgljäkoff und wandte sich mit diesen Fragen ausschließlich an Sina. Marja Alexandrowna verzehnfachte sich: sie sah alles, selbst das, was in der fernsten Ecke geschah, sie hörte, was jede Dame sprach, obgleich es ihrer etwa zehn waren, und sie antwortete unverzüglich auf alle Fragen und versteht sich – suchte nicht lange nach Worten. Sie zitterte für Sina und wunderte sich, daß sie noch nicht fortging, wie sie es sonst in ähnlichen Fällen stets zu tun pflegte. Auch Afanassij Matwejewitsch war inzwischen von den Gästen bemerkt worden. Sie pflegten ihn gewöhnlich alle zum besten zu haben, um auf diese Weise Marja Alexandrowna zu verletzen. Jetzt jedoch hofften sie, von dem dummen und aufrichtigen Gatten manches Nähere zu erfahren. Marja Alexandrowna beobachtete besorgt die Belagerung ihres „Tölpels“. Zudem antwortete er auf alle Fragen nur mit einem „Hm!“, tat es aber mit einer so unglücklichen und jämmerlich unnatürlichen Miene, daß sie aus der Haut zu fahren glaubte.

„Marja Alexandrowna! Afanassij Matwejewitsch will mit uns überhaupt nicht mehr sprechen!“ rief ihr ein dreistes, scharfäugiges Dämchen zu, das entschieden nichts fürchtete und sich nie verwirren ließ. „Sagen Sie ihm doch, daß er zu Damen etwas höflicher sein muß.“

„Ich ... wirklich, ich weiß es selbst nicht, was heute mit ihm geschehen ist,“ antwortete Marja Alexandrowna, die ihr Gespräch mit Anna Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna unterbrach, heiter lächelnd. „So verschlossen, so wortkarg habe ich ihn noch nie gesehen! Auch mit mir spricht er kaum ein Wort. Weshalb antwortest du denn Felissata Nikolajewna nicht, cher Athanase?“

„Aber ... aber ... Mütterchen, du hast doch selbst ...“ stotterte der verwunderte Gatte. Er stand in diesem Augenblick gerade am brennenden Kamin, hatte die Hände in malerischer Pose – die er sich selbst ersonnen – untergebracht und schickte sich an, Tee zu trinken. Die Fragen der Damen verwirrten ihn dermaßen, daß er wie ein Mädchen errötete. Als er jedoch die ersten Worte zu seiner Verteidigung stotterte, fing er einen so vernichtenden Blick seiner Gattin auf, daß er vor Schreck fast die Besinnung verlor. Da er nicht wußte, was er tun sollte, andererseits aber sein Vergehen gut machen, gefallen und von neuem Achtung erringen wollte, so nahm er vorläufig nur einen Schluck Tee. Der Tee war aber heiß, und da er einen unverhältnismäßig großen Schluck genommen hatte, verbrannte er sich Mund und Kehle, ließ die Tasse fallen, der Tee ging in die Luftröhre, und er begann darauf so heftig zu husten, daß er das Zimmer verlassen mußte, während die Anwesenden in staunender Verständnislosigkeit zurückblieben. Mit einem Wort, der Hausfrau war alles „klar“, sie sagte sich, daß ihre Gäste bereits alles wußten und sich mit den schlimmsten Absichten bei ihr versammelt hatten. Die Situation war gefährlich: sie konnten in ihrer Gegenwart den schwachsinnigen Gatten in ein Gespräch verknüpfen und unangenehme Dinge durch ihn in Erfahrung bringen. Sie konnten ihr sogar den Fürsten streitig machen, konnten ihn ihr noch am selben Abend fortnehmen, d. h. einfach mitlocken. Jedenfalls war alles möglich. Vorläufig hatte ihr aber das Schicksal noch einen anderen Schlag zugedacht: in der Tür erschien Mosgljäkoff, den sie bei Borodujeff glaubte. Sie hätte alles eher als ihn an diesem Abend erwartet. Sie zuckte zusammen, als wäre sie gestochen worden.

Mosgljäkoff blieb in der Tür stehen und erschien beim Anblick der vielen Gäste etwas verwirrt zu werden. Er konnte seine Aufregung nicht bezwingen: man sah sie ihm wenigstens deutlich an.

„Ach, mein Gott! Pawel Alexandrowitsch!“ riefen mehrere Damen aus.

„Ach Gott! Das ist ja doch Pawel Alexandrowitsch! Aber wie, Marja Alexandrowna, Sie sagten doch, er sei zu Borodujeff gegangen? Uns wurde gesagt, daß Sie sich bei Borodujeff verborgen hätten, Pawel Alexandrowitsch!“ flötete Natalja Dmitrijewna.

„Verborgen?“ wiederholte Mosgljäkoff mit einem etwas verzerrten Lächeln. „Ein sonderbarer Ausdruck! Verzeihen Sie, Natalja Dmitrijewna, ich verberge mich vor keinem Menschen und wünsche auch keinen anderen zu verbergen,“ fügte er mit vielsagendem Blick auf Marja Alexandrowna hinzu.

Marja Alexandrowna erzitterte.

„Was, sollte auch dieser Esel sich auflehnen wollen?“ fragte sie sich und sah ihn prüfend von der Seite an. „Das wäre das Schlimmste ...“

„Ist es wahr, Pawel Alexandrowitsch, daß Sie den Abschied erhalten haben ... im Staatsdienst, versteht sich?“ fragte die naseweise Felissata Michailowna und blickte ihm spöttisch offen in die Augen.

„Den Abschied? Welch einen Abschied? Ich habe ganz einfach umgesattelt. Ich lasse mich nach Petersburg versetzen,“ antwortete Mosgljäkoff trocken.

„Nun, wenn es so ist, dann gratuliere ich,“ fuhr Felissata Michailowna fort. „Und wir erschraken schon, als wir hörten, daß Sie sich um eine Anstellung hier in Mordassoff bewerben würden. Hier sind doch die Stellen nicht sicher, Pawel Alexandrowitsch: eh man sich versieht, fliegt man.“

„Es sei denn eine Lehreranstellung in der Kreisschule; dort gäbe es noch eine Vakanz,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna.

Die Anspielung war so deutlich, daß Anna Nikolajewna verlegen wurde und ihre boshafte Freundin heimlich mit dem Fuß stieß.

„Glauben Sie denn, daß Pawel Alexandrowitsch einwilligen würde, die Anstellung eines Kreisschullehrers anzunehmen?“ fragte Felissata Michailowna.

Mosgljäkoff fand keine Antwort. Da kehrte er ihnen den Rücken und wollte fortgehen, stieß aber im selben Augenblick mit Afanassij Matwejewitsch zusammen, der ihm gutmütig die Hand entgegenstreckte. Mosgljäkoff reichte ihm dummerweise nicht die Hand und verbeugte sich nur spöttisch auffallend tief vor ihm. Aufs äußerste gereizt trat er zu Sina, sah ihr haßerfüllt in die Augen und raunte ihr zu:

„Alles das haben wir Ihrer Güte zu verdanken. Warten Sie, heute abend noch werde ich Ihnen zeigen, ob ich ein Dummkopf bin oder nicht!“

„Weshalb aufschieben? Das sieht man ja auch jetzt,“ antwortete Sina mit lauter Stimme und maß ihren ehemaligen Freier mit Ekel verratendem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.

Mosgljäkoff wandte sich schleunigst ab – ihre laute Antwort hatte ihn denn doch erschreckt.

„Kommen Sie von Borodujeff?“ entschloß sich schließlich Marja Alexandrowna zu fragen.

„Nein, ich komme von meinem Onkel.“

„Von Ihrem Onkel? Dann sind Sie also soeben beim Fürsten gewesen?“

„Ach, Himmel! Dann ist ja der Fürst schon aufgewacht? Und uns wurde gesagt, daß er noch schlafe!“ Natalja Dmitrijewna tat sehr verwundert, und der Blick, mit dem sie die Hausfrau streifte, war geradezu durchbohrend.

„Ängstigen Sie sich nicht um den Fürsten, Natalja Dmitrijewna,“ antwortete Mosgljäkoff, „er ist aufgewacht und, Gott sei Dank, wieder bei vollem Verstande. Vorher hatte man ihn betrunken gemacht, zuerst bei Ihnen, Natalja Dmitrijewna, und dann hier noch endgültig, so daß er beinahe seinen letzten Verstand verlor, der ja bei ihm ohnehin nicht groß ist. Jetzt aber haben wir uns beide zum Glück aussprechen können, und so vermag er denn wieder vernünftig zu denken. Er wird sogleich erscheinen, um sich von Ihnen, Marja Alexandrowna, zu verabschieden und für Ihre Gastfreundschaft zu danken. Morgen aber werden wir in aller Frühe ins Kloster fahren und von dort werde ich ihn persönlich nach Duchanowo begleiten, um ein abermaliges Umgeworfenwerden zu verhüten. In Duchanowo wird ihn aus meinen Händen Stepanida Matwejewna empfangen – die bis dahin unfehlbar aus Moskau zurückgekehrt sein wird – und dann ist es natürlich ausgeschlossen, daß er noch einmal eine Reise unternimmt – dafür garantiere ich.“

Während dieser ganzen Rede blickte Mosgljäkoff mit aufrichtigem Haß zu Marja Alexandrowna hinüber. Diese saß, als hätte sie vor Schreck die Sprache verloren. Ich muß zu meinem Schmerz gestehen, daß meine Heldin zum ersten Mal im Leben ernstlich bange wurde.

„Ach, also morgen in aller Frühe fahren sie fort? Wie denn das?“ fragte Natalja Dmitrijewna, sich an Marja Alexandrowna wendend.

„Wie kommt denn das?“ ertönte es naiv von allen Seiten. „Und wir haben gehört ... das ist doch wirklich sonderbar!“

Die Hausfrau wußte nicht mehr, was sie antworten sollte. Da wurde die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich durch den ungewöhnlichsten Zwischenfall abgelenkt: aus dem Nebenzimmer drang ein seltsames Geräusch und keifendes Geschrei an aller Ohren und plötzlich stürzte unvermutet unverhofft Ssofja Petrowna Karpuchina in Marja Alexandrownas Salon.

Diese Ssofja Petrowna war sicherlich die exzentrischste Dame in ganz Mordassoff: so exzentrisch war sie, daß die Gesellschaft der Stadt in jüngster Zeit beschlossen hatte, sie nicht mehr zu empfangen. Ich muß noch bemerken, daß sie regelmäßig an jedem Abend um sieben Uhr ein paar Gläschen kippte – für den Magen, wie sie es nannte. Nach dieser Stärkung befand sie sich dann gewöhnlich in der allerexzentrischsten Stimmung – gelinde ausgedrückt. Und in dieser Stimmung stürzte sie jetzt in den Salon Marja Alexandrownas.

„Ah, also so sind Sie, Marja Alexandrowna!“ schrie sie, „also so gehen Sie mit mir um! Beunruhigen Sie sich nicht, ich bin nur auf einen Augenblick gekommen, ich werde mich bei Ihnen auch nicht setzen. Ich bin absichtlich hergefahren, um mich selbst zu überzeugen, ob es wahr ist, was man mir erzählt hat. Ah! also Sie geben Bälle, Banketts, feiern Verlobungen, Ssofja Petrowna aber kann zu Hause sitzen und Strümpfe stricken! Die ganze Stadt ist eingeladen, nur ich nicht! Vorhin aber war ich für Sie ‚liebe Freundin‘ und ‚mon ange‘ als ich herkam, um zu erzählen, was bei Natalja Dmitrijewna mit dem Fürsten gemacht wurde. Und jetzt sitzt diese Natalja Dmitrijewna, über die Sie vorhin so geschimpft haben, und die über Sie geschimpft hat, als Gast in Ihrem Hause. Beunruhigen Sie sich nicht, Natalja Dmitrijewna! Ich brauche nicht Ihre Schokolade à la santé zu zehn Kopeken die Tafel. Ich trinke zu Hause öfter als Sie!“

„Das merkt man,“ antwortete Natalja Dmitrijewna.

„Aber ich bitte Sie, Ssofja Petrowna,“ rief Marja Alexandrowna aus, hochrot vor Zorn, „was ist heute mit Ihnen? So kommen Sie doch zur Besinnung, wenigstens!“

„Oh, keine Sorge um mich, Marja Alexandrowna, ich habe alles, alles erfahren!“ schrie Ssofja Petrowna mit ihrer schrillen, kreischenden Stimme, umringt von allen Damen, die sich an dieser unerwarteten Szene zu ergötzen schienen. „Ich habe alles erfahren! Ihre holde Nastassja ist selbst zu mir gelaufen, um mir alles zu erzählen. Sie haben diesen Jammerkerl, diesen Fürsten, eingefangen, haben ihn betrunken gemacht und dann gezwungen, bei Ihrer Tochter anzusprechen, ja, bei Ihrer Tochter, die niemand mehr heiraten will, und jetzt bilden Sie sich wahrscheinlich ein, daß auch Sie mit einem Schlage weiß Gott was für ein wichtiger Vogel geworden sind – eine Herzogin in echten Spitzen – daß Gott erbarm’! Oh, beunruhigen Sie sich nicht, ich selbst bin die Frau eines Obersten! Und wenn Sie mich nicht zur Verlobung einladen wollen, so pfeife ich auf Ihre Verlobung! Ich habe in vornehmeren Kreisen verkehrt als Sie. Ich habe bei der Gräfin Salichwatskij diniert, und der Oberkommissar Kurotschkin hat bei mir angesprochen! Als ob ich Ihre Einladung brauchte, – Gott bewahre! ...“

„Ssofja Petrowna,“ hub Marja Alexandrowna verhältnismäßig ruhig an, obgleich sie aus der Haut zu fahren meinte, „Sie können mir glauben, daß man nicht in einer solchen Weise in ein vornehmes Haus hineinstürmt und noch dazu in einem solchen Zustande, und wenn Sie mich jetzt nicht sofort von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Redefluß befreien, so werde ich unverzüglich Maßregeln ergreifen ...“

„Ich weiß, ich weiß, Sie werden Ihren Dienstboten befehlen, mich hinauszugeleiten! Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde selbst den Weg hinausfinden. Leben Sie wohl, verheiraten Sie wen Sie wollen, Sie aber, Natalja Dmitrijewna, brauchen nicht über mich zu lachen: ich pfeife auf Ihre Schokolade! Ich bin zwar nicht hierher eingeladen worden, habe aber auch nicht vor Fürsten den Kasatschock getanzt. Und weshalb lachen Sie denn eigentlich, Anna Nikolajewna? Ssuschiloff hat sich inzwischen das Bein gebrochen, ist soeben erst nach Haus gebracht worden! Und wenn Sie, Felissata Michailowna, Ihrer barfüßigen Matrjoschka nicht sagen, rechtzeitig Ihre Kuh einzutreiben, damit sie nicht jeden Tag unter meinen Fenstern brüllt, so werde ich Ihrer Matrjoschka die Beine brechen. Leben Sie wohl, Marja Alexandrowna, wünsche viel Glück! – Daß Gott erbarm’!“

Ssofja Petrowna verschwand. Alles lachte. Marja Alexandrowna wußte nicht, was sie tun oder sagen sollte.

„Ich glaube, sie hat wieder getrunken,“ flötete süßlich Natalja Dmitrijewna.

„Aber immerhin – diese Frechheit!“

„Quelle abominable femme!“

„Na – sie hat uns mal wieder erheitert!“

„Nein, aber welch skandalöse Dinge sie gesagt hat!“

„Nur – was sprach sie da von einer Verlobung? Was ist das für eine Verlobung?“ fragte Felissata Michailowna spöttisch.

„Aber das ist ja entsetzlich!“ entlud sich endlich Marja Alexandrowna. „Und diese Ungeheuer sind es ja gerade, die die unsinnigsten Gerüchte verbreiten! Nicht das ist erstaunlich, Felissata Michailowna, daß solche Damen sich in unserer Gesellschaft befinden, – nein, am erstaunlichsten ist, daß man diese Damen nicht entbehren zu können scheint, daß man sie überhaupt anhört, sie unterstützt, ihnen glaubt, sie ...“

„Der Fürst, der Fürst!“ riefen plötzlich alle Gäste unisono.

„Ach, Gott! Ce cher prince!“

„Nun, Gott sei Dank! Jetzt wird man doch endlich die ganze Wahrheit erfahren!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer Nachbarin zu.

XIII.

Der Fürst trat ein – ein wonniges Lächeln auf den Lippen. Die ganze Aufregung, in die Mosgljäkoff vor kaum zehn Minuten sein Hühnerherz versetzt hatte, verschwand spurlos beim Anblick der Damen. Er zerschmolz wie ein Bonbon. Man empfing ihn mit kreischenden Freuderufen. Im allgemeinen wurde unser Greis von Damen sehr verhätschelt. Sie gingen meist sehr familiär mit ihm um. Er hatte die Eigenschaft, sie mit seiner durchlauchtigsten Persönlichkeit ungemein zu zerstreuen. Felissata Michailowna hatte am Vormittag sogar behauptet – natürlich nur scherzweise –, daß sie bereit sei, sich auf seine Knie zu setzen, wenn es ihm angenehm wäre – denn er sei ein so „lieber, lieber alter Herr, ganz unsäglich lieb!“ Marja Alexandrowna verschlang ihn geradezu mit den Blicken, bemüht, wenigstens etwas aus seinem Gesicht zu erforschen – zu erraten, welchen Ausgang ihre kritische Lage nehmen würde. Eines war jedenfalls klar: Mosgljäkoff hatte etwas Gefährliches angerichtet. Ihr ganzer Plan war stark erschüttert ... Doch aus dem Gesicht des Fürsten war absolut nichts zu erraten: er war ganz derselbe wie immer.

„Ach Gott! Da ist ja der Fürst! Und wir haben Sie erwartet und erwartet!“ riefen einige der Damen aus.

„In größter Ungeduld, Fürst, in größter Ungeduld!“ flöteten andere.

„Das ist mir sehr schmei–chelhaft,“ lispelte der Fürst und setzte sich an den Tisch, auf dem der Ssamowar stand. Die Damen umringten ihn im Augenblick. Nur Anna Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna blieben bei der Hausfrau sitzen. Afanassij Matwejewitsch lächelte ehrerbietig; Mosgljäkoff lächelte gleichfalls und blickte herausfordernd Sina an, die ihm jedoch nicht die geringste Beachtung schenkte. Sie trat zum Vater und setzte sich neben ihn am Kamin in einen Lehnstuhl.

„Ach, Fürst, ist es wahr, was man sagt, daß Sie uns verlassen wollen?“ fragte Felissata Michailowna.

„Nun ja, mesdames, ich fahre fort. Ich will unverzüg–lich ins Aus–land fahren.“

„Ins Ausland, Fürst, ins Ausland?“ schrie alles im Chor, „was ist Ihnen eingefallen?“

„Ins Aus–land,“ bestätigte der Fürst gut gelaunt, „und wissen Sie, ich will namentlich wegen der neuen Ideen hin–fahren.“

„Wie das, wegen der neuen Ideen? – welcher neuen Ideen?“ fragten die Damen, die untereinander Blicke austauschten.

„Nun ja, wegen der neuen Ideen,“ wiederholte der Fürst noch einmal, offenbar sehr überzeugt. „Jetzt fahren alle wegen der neuen Ideen hin. Und so will auch ich mir neue Ide–en an–legen.“

„Wollen Sie nicht gar in die Freimaurerloge eintreten, mein bester Onkel?“ erkundigte sich Mosgljäkoff, der sich augenscheinlich vor den Damen durch geistreiche Bemerkungen auszeichnen wollte.

„Nun ja, mein Lieber, du hast dich nicht geirrt,“ antwortete der Onkel überraschenderweise. „Ich habe früher in alten Zeiten tatsächlich zu einer Frei–maurerloge gehört, im Aus–lande, wie gesagt, und ich habe sogar mei–ner–seits viele große Ide–en gehabt. Ich beab–sichtigte damals, viel für die zeitgenössische Aufklärung zu tun und in Frank–furt beschloß ich sogar, meinen Ssidor, den ich ins Aus–land mitgenommen hatte, frei zu geben. Er aber lief zu meiner Verwun–derung selbst von mir fort. Er war ein sehr son–der–barer Mensch. Später begegnete ich ihm einmal in Pa–ris. Er stol–zierte als Geck mit einer Mamsell auf den Boulevards. Er sah mich an und nickte mir mit dem Kopf zu. Und die Mamsell war so ein gewandtes, verführerisches Ding ...“

„Aber Onkelchen! Dann werden Sie ja diesmal, wenn Sie ins Ausland fahren, alle Ihre Bauern freigeben!“ rief Mosgljäkoff laut auflachend aus.

„Du hast meinen Wunsch vollkom–men erraten, mein Lieber!“ antwortete der Fürst ohne zu zögern. „Es ist gerade meine Absicht, sie alle aus Leibeigenen zu freien Bauern zu machen.“

„Aber ich bitte Sie, Fürst, die werden dann doch alle im Augenblick von Ihnen fortlaufen, und wer wird Ihnen dann noch den Pachtzins zahlen!“ wandte Felissata Michailowna ein.

„Gewiß, alle werden fortlaufen,“ behauptete erregt Anna Nikolajewna.

„Gott im Himmel! Werden sie wirk–lich fortlaufen?“ fragte der Fürst verwundert.

„Unbedingt! Im Augenblick werden sie alle fortlaufen und Sie allein lassen!“ versicherte auch Natalja Dmitrijewna.

„Gott im Himmel! Nun, dann werde ich sie nicht freigeben. Wie gesagt, es war von mir auch nur so gemeint.“

„So ist es auch bedeutend besser, Onkelchen,“ meinte Mosgljäkoff.

Marja Alexandrowna hatte schweigend zugehört und beobachtet. Es schien ihr, daß der Fürst sie vollkommen vergessen hatte ...

„Erlauben Sie, Fürst,“ begann sie laut und würdevoll, „daß ich Ihnen meinen Mann vorstelle – Afanassij Matwejewitsch. Er ist absichtlich vom Gut hergekommen, sobald er nur gehört hatte, daß Sie bei mir abgestiegen seien.“

Afanassij Matwejewitsch lächelte und nahm eine strammere Haltung an. Er glaubte, daß man ihn gelobt habe.

„Ah, freut mich, freut mich!“ sagte der Fürst. „Afanassij Matwejewitsch! Erlauben Sie, mir fällt etwas ein ... Afana–ssij Matwe–itsch. Nun ja, das ist dieser, der auf dem Gut lebt. Charmant, charmant, freut mich wie gesagt. Mein Lieber!“ – er wandte sich an Mosgljäkoff – „das ist doch derselbe, weißt du noch, der in dem Verse vorkam. Wie war das doch? Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, so fährt die Frau ... nun ja, auch die Frau geht irgend wohin.“

„Ach, ganz recht! ‚Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da fährt die Frau schon aus dem Haus‘ – das ist ja aus dem Vaudeville, das im vergangenen Jahr hier gespielt wurde!“ griff Felissata Michailowna auf.

„Nun ja, wie gesagt: aus dem Haus. Ich ver–ges–se es immer. Charmant, charmant! Und Sie sind also derselbe? Freut mich, freut mich, Sie kennen zu lernen,“ sagte der Fürst und reichte Afanassij Matwejewitsch, ohne sich vom Stuhl zu erheben, die Hand. „Nun und wie geht es mit Ihrer Gesundheit?“

„Hm ...“

„Er ist gesund, mein Fürst, ganz gesund,“ antwortete Marja Alexandrowna eilig.

„Nun ja, das sieht man auch, daß er gesund ist. Und Sie leben immer auf dem Gute? Nun ja, es freut mich sehr. Und wie rote Wangen er hat und die ganze Zeit freut er sich ...“

Afanassij Matwejewitsch lächelte, verbeugte sich und klappte sogar die Absätze zusammen. Nach der letzten Bemerkung des Fürsten konnte er nicht mehr an sich halten und platzte plötzlich in der dümmsten Weise in lautes Lachen aus. Schallendes Gelächter erhob sich. Die Damen wieherten förmlich vor Vergnügen. Sina errötete heiß und blickte mit blitzenden Augen Marja Alexandrowna an, die ihrerseits fast barst vor Wut. Es war höchste Zeit, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

„Wie haben Sie geruht, mein Fürst?“ erkundigte sie sich mit honigsüßer Stimme, während sie gleichzeitig durch einen zornigen Blick ihrem Gatten zu verstehen gab, daß er sich sofort auf seinen Platz niederzulassen hatte.

„Oh, ich habe sehr schön geschla–fen,“ sagte der Fürst, „und wissen Sie, ich habe einen ent–zück–enden Traum gehabt, einen entzück–enden Traum!“

„Einen Traum! Ach, ich habe es so gern, wenn man Träume erzählt,“ rief Felissata Michailowna aus.

„Und ich auch! Ich habe es auch sehr gern!“ stimmte ihr Natalja Dmitrijewna bei.

„Einen ent–zückenden Traum,“ wiederholte der Fürst mit süßem Lächeln, „dafür aber ist er das größte Geheim–nis!“

„Was, können Sie ihn denn nicht erzählen? Aber dann muß es ja ein ganz außergewöhnlicher Traum sein?“ fragte Anna Nikolajewna.

„Das größ–te Geheim–nis!“ wiederholte der Fürst, der mit Vergnügen die Neugier der Damen reizte.

„Dann muß er ja furchtbar interessant sein!“

„Ich wette, daß der Fürst im Traum vor irgend einer Schönheit auf den Knien gelegen und eine Liebeserklärung gemacht hat,“ rief Felissata Michailowna aus. „Nun, gestehen Sie nur, Fürst, daß es nichts anderes ist! Lieber Fürst, lieber guter Fürst, gestehen Sie es nur!“

„Gestehen Sie es, Fürst, gestehen Sie es!“ wurde von allen Seiten gebeten.

Der Fürst vernahm feierlich und mit wahrer Wonne diese Ausrufe. Die Annahme Felissata Michailownas schmeichelte seiner Eigenliebe ganz außerordentlich. Es fehlte nicht viel und er hätte sich die Lippen geleckt.

„Wenn ich auch gesagt habe, daß mein Traum das größ–te Geheim–nis ist,“ antwortete er schließlich, „so bin ich doch gezwungen, einzugestehen, daß Sie, meine Gnädigste, ihn zu meiner Ver–wun–derung vollkom–men erra–ten haben.“

„Erraten!“ rief Felissata Michailowna begeistert aus. „Nun, Fürst! Jetzt machen Sie, was Sie wollen, aber Sie müssen uns mitteilen, wer diese Schönheit ist!“

„Das müssen Sie unbedingt!“

„Ist es eine hiesige?“

„Ach, lieber Fürst, sagen Sie es uns doch!“

„Lieber, guter, einziger Fürst, sagen Sie es uns, sagen Sie es uns!“ ertönte es von allen Seiten.

„Mesdames, mesdames! ... Wenn Sie es wirk–lich so nachdrücklich wissen wollen, so kann ich Ihnen ... nur eines mitteilen, daß sie das bezau–berndste und, man kann wohl sagen, makelloseste Mädchen ist von allen, die ich kenne!“

Der Fürst zerfloß vor Wonne.

„Das bezauberndste! ... Und ... eine hiesige! Wer könnte das sein?“ fragten sich die Damen, die bedeutsame Blicke und Winke austauschten.

„Selbstverständlich doch diejenige, die hier als erste Schönheit gilt,“ sagte Natalja Dmitrijewna, rieb ihre roten Riesenhände und blickte mit ihren Katzenaugen vielsagend Sina an. Gleichzeitig wandten sich auch die Blicke aller anderen Sina zu.

„Aber wie denn, Fürst, wenn Sie solche Träume haben – weshalb heiraten Sie dann nicht in Wirklichkeit?“ fragte die naseweise Felissata Michailowna mit einem vielsagenden Blick ringsum.

„Und wie schön wir Sie verheiraten würden!“ griff eine andere Dame auf.

„Ach, lieber Fürst, heiraten Sie doch, bitte, bitte!“

„Heiraten Sie, heiraten Sie!“ ertönte es von allen Seiten. „Weshalb sollen Sie denn nicht heiraten? ...“

„Nun ja ... weshalb soll ich denn nicht heiraten,“ meinte auch der Fürst, der von all diesen Ausrufen ganz konfus geworden war.

„Aber Onkel!“ rief plötzlich Mosgljäkoff dazwischen.

„Nun ja, mein Lieber, ich verstehe dich! Wie gesagt, mesdames, ich bin nicht mehr fähig zu heiraten, und nachdem ich hier einen bezau–bernden Abend bei unserer liebenswürdigen Hausfrau verbracht habe, werde ich mich morgen früh zum Priestermönch Mis–saïl in die Ein–siedelei begeben und von dort dann direkt ins Ausland fahren, um bequemer die Fortschritte der europä–ischen Bildung verfol–gen zu können.“

Sina erbleichte und sah ihre Mutter an. Doch Marja Alexandrowna hatte sich schon entschlossen. Bis hierzu hatte sie nur „abgewartet“, geprüft, denn sie sagte sich, daß ihre Feinde sie überholt hatten. Endlich begriff sie alles und sie beschloß sofort, die hundertköpfige Hydra mit einem einzigen Schlage zu besiegen. Majestätisch erhob sie sich aus ihrem Lehnstuhl, trat mit festen Schritten an den Tisch und maß mit stolzem Blick ihre zwergenhaften Feinde. Feuer der Begeisterung leuchtete in diesem Blick. Sie hatte sich entschlossen, alle diese gehässigen Klatschbasen vor den Kopf zu stoßen, den Schurken Mosgljäkoff einfach zu vernichten, wie eine Schabe zu zerdrücken und mit einem einzigen entschlossenen und kühnen Schlage ihren ganzen verlorenen Einfluß auf den fürstlichen Idioten wieder zu erobern. Versteht sich, dazu gehörte eine ungewöhnliche kalte Frechheit, um die aber war Marja Alexandrowna nie verlegen.

„Mesdames,“ hub sie feierlich und majestätisch an (Marja Alexandrowna liebte überhaupt sehr Feierlichkeit), „mesdames, ich habe lange Ihrem Gespräch zugehört, Ihren heiteren und geistvollen Scherzen, und ich finde, daß es jetzt Zeit ist und die Reihe an mich kommt, auch ein Wort zu sagen. Wie Sie wissen, haben wir uns hier alle ganz zufällig zusammengefunden – und das freut mich so unsäglich, so unsäglich! Niemals würde ich mich entschlossen haben, das wichtige Familiengeheimnis als erste allen kund zu tun und es früher zu verbreiten, als es das gewöhnlichste Anstandsgefühl verlangt. Vor allem bitte ich deshalb meinen lieben Gast um Verzeihung. Es scheint mir aber, daß er selbst durch entfernte Anspielungen auf denselben Umstand aufmerksam machen will, was mich auf den Gedanken kommen läßt, daß ihm die formelle und feierliche Mitteilung unseres Familiengeheimnisses nicht nur keineswegs unangenehm sein würde, sondern von ihm geradezu gewünscht werde ... Nicht wahr, Fürst, ich täusche mich doch nicht?“

„Nun ja, Sie täuschen sich nicht ... und es freut mich, freut mich sehr ...“ sagte der Fürst, der nicht im geringsten begriff, wovon die Rede war.

Marja Alexandrowna hielt zur Erhöhung des Eindrucks einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen. Sie übersah die ganze Gesellschaft: alle Gäste horchten mit einer fast raubtierhaften Gier auf ihre Worte. Mosgljäkoff zuckte zusammen. Sina errötete und erhob sich, und Afanassij Matwejewitsch schneuzte sich, in Erwartung eines außergewöhnlichen Ereignisses, auf alle Fälle.

„Ja, mesdames, ich bin mit Freuden bereit, Ihnen mein Familiengeheimnis anzuvertrauen. Heute, nach dem Mittagessen hat der Fürst, hingerissen von der Schönheit und ... den Vorzügen meiner Tochter, mir die Ehre erwiesen, um ihre Hand anzuhalten. Fürst!“ schloß sie mit einer Stimme, die von Tränen und Aufregung zitterte, „Sie dürfen nicht, Sie können mir wegen meiner Unbescheidenheit nicht böse sein! Nur die übergroße Freude hat es vermocht, meinem Herzen vorzeitig dieses liebe Geheimnis zu entreißen und ... welche Mutter würde mich deshalb verurteilen?“

Ich finde keine Worte, um den Eindruck zu schildern, den Marja Alexandrownas unerwartete Mitteilung machte. Alle schienen erstarrt zu sein vor Verwunderung. Die treubrüchigen Freundinnen, die Marja Alexandrowna damit hatten einschüchtern wollen, daß sie bereits alles wußten, die sie mit der vorzeitigen Aufdeckung des Geheimnisses – und zwar nur in der Form von Andeutungen – zu vernichten meinten, waren jetzt ihrerseits durch diese dreiste Aufrichtigkeit vernichtet. Und dieses gewagte Spiel entbehrte auch nicht einer inneren Kraft: „Folglich wird der Fürst tatsächlich freiwillig Sina heiraten? Folglich ist er nicht in die Falle gelockt, nicht betrunken gemacht, nicht betrogen worden? Folglich wird er nicht heimlich, nicht hinterrücks verheiratet? Folglich fürchtet Marja Alexandrowna nichts und niemanden? Folglich läßt sich diese Heirat durch nichts mehr zerstören, denn der Fürst heiratet doch aus eigenem freien Willen!“ Einen Augenblick hörte man allgemeines Getuschel, das sich dann plötzlich in Freuderufen entlud. Als erste stürzte Natalja Dmitrijewna zu Marja Alexandrowna, um sie in ihre Arme zu schließen; ihr folgte Anna Nikolajewna und dieser Felissata Michailowna. Alle sprangen von ihren Plätzen auf, alle gerieten sie in ein unentwirrbares Durcheinander. Viele Damen waren bleich vor Wut. Sina wurde mit Glückwünschen überhäuft. Sogar an Afanassij Matwejewitsch klammerte man sich. Marja Alexandrowna breitete malerisch die Arme aus und drückte fast mit Gewalt die Tochter an ihre Brust. Nur der Fürst allein blickte mit einer gewissen sonderbaren Verwunderung auf die ganze Szene, wenn er auch immer noch liebenswürdig lächelte. Übrigens gefiel ihm der Tumult zum Teil sehr gut. Und als die Mutter ihr Kind umarmte, da zog er sein Schnupftuch hervor und wischte sich eine Träne aus seinem Auge. Natürlich stürzte man sich dann auch auf ihn mit Glückwünschen.

„Wir gratulieren, Fürst! Wir gratulieren!“ ertönte es von allen Seiten.

„Also Sie heiraten?“

„Sie heiraten also wirklich?“

„Lieber Fürst, dann heiraten Sie also?“

„Nun ja, nun ja,“ antwortete der Fürst, der mit den Glückwünschen und der Aufregung sehr zufrieden war, „und ich gestehe Ihnen, daß mir am meisten Ihre liebe Teil–nahme gefällt, die Sie mir jetzt bewei–sen und die ich nie-mals vergessen werde, nie-mals. Charmant, charmant! Sie haben mich sogar bis zu Trä–nen gerührt ...“

„Küssen Sie mich, Fürst!“ schrie lauter als das Geschrei aller anderen Felissata Michailowna.

„Und ich gestehe Ihnen,“ fuhr der Fürst fort, obschon er von allen Seiten beständig unterbrochen wurde, „am meisten wundert es mich, daß Marja Iwa–now–na, unsere ehr–würdige Gastgeberin, mit einer so frappie–renden Genau-igkeit meinen Traum erraten hat. Ganz als hätte sie ihn an meiner Stelle gesehen! Ein auf–fallender Scharfblick, in der Tat! Auf–fallender Scharf–blick!“

„Ach, Fürst, Sie reden wieder von Ihrem Traum!“

„Gestehen Sie nur, Fürst, gestehen Sie nur!“ drängten die ihn umringenden Damen.

„Ja, Fürst, wozu verheimlichen, es ist Zeit, das Geheimnis aufzudecken!“ sagte Marja Alexandrowna entschlossen und streng. „Ich habe Ihre feinfühlige Allegorie, Ihr bezauberndes Zartgefühl verstanden, mit dem Sie mir andeuteten, daß Sie Ihre Verlobung zu veröffentlichen wünschten. Ja, mesdames, es ist wahr: heute ist der Fürst im wachen Zustande und nicht im Traum vor meiner Tochter niedergekniet und hat ihr in aller Form einen Heiratsantrag gemacht.“

„Ja, es war vollkom–men wie im Wachen und sogar mit denselben Neben–um–ständen,“ bestätigte der Fürst. „Mademoiselle,“ fuhr er fort, sich mit ungewöhnlicher Höflichkeit an Sina wendend, die eigentlich noch nicht zu sich gekommen war, „Mademoiselle! Ich schwöre Ihnen, daß ich nie–mals Ihren Namen zu nennen gewagt hätte, wenn er nicht von ande–ren vor mir genannt worden wäre. Es war ein be–zau–bernder Traum, und ich schätze mich dop–pelt glücklich, daß ich es Ihnen jetzt sa–gen kann. Charmant! Charmant! ...“

„Aber um’s Himmels willen, was ist denn das? Er redet immer noch von einem Traum?“ flüsterte Anna Nikolajewna der erregten und etwas bleichen Marja Alexandrowna zu.

Doch wehe! – Marja Alexandrowna zitterte das Herz auch ohne diese Fragen.

„Wie ist denn das?“ flüsterten die Damen untereinander und tauschten vielsagende Blicke aus.

„Aber ich bitte Sie, Fürst,“ hub Marja Alexandrowna mit schmerzlich verzogenem Lächeln an, „ich kann Ihnen nur sagen, daß Sie mich in Erstaunen setzen. Was ist das für eine sonderbare Traumidee, die Sie da haben? Ich sage Ihnen, ich war bis jetzt im Glauben, daß Sie nur scherzten, aber ... Wenn es ein Scherz sein soll, so ist er zum mindesten sehr unangebracht ... Ich werde ... ich will es Ihrer Zerstreutheit zuschreiben, aber ...“

„Das ist bei ihm vielleicht tatsächlich nur aus Zerstreutheit,“ meinte auch Natalja Dmitrijewna.

„Nun ja ... vielleicht auch aus Zerstreutheit,“ bestätigte der Fürst, der immer noch nicht begriff, um was es sich handelte und was man von ihm eigentlich wollte. „Und den–ken Sie sich, ich werde Ihnen sogleich eine A–nek–do–te erzählen. Dreimal ladet man mich ein, in Petersburg war es, zu einer Ein–sargung, es war une maison bourgeoise mais honnette, und ich glaubte, es sei zu einem Namensfest. Das Namensfest war aber schon vor einer Woche gewesen. Ich bestellte also ein Kame–lienbukett für die Dame. Nun ja, ich kam hin und was sah ich? Ein eh–renwerter, bejahrter Mann lag auf dem Tisch, so daß ich mich nur wun–derte. Und ich wuß–te gar nicht, wo ich mein Bukett lassen sollte.“

„Aber Fürst, jetzt ist es uns doch nicht um solche Geschichten zu tun!“ unterbrach ihn Marja Alexandrowna ärgerlich. „Meine Tochter hat es nicht nötig, Freier zu angeln: aber heute nachmittag haben Sie ihr selbst hier an diesem Flügel einen Heiratsantrag gemacht. Ich habe Sie nicht dazu veranlaßt ... Ich kann sogar sagen, daß es mich überrascht hat ... Versteht sich, es kam mir damals schon der Gedanke, aber ich schob ihn auf bis zu Ihrem Erwachen. Doch ich bin Mutter ... sie ist mein Kind ... Sie haben soeben von einem Traum gesprochen und ich glaubte, Sie wollten in der Form einer Allegorie von Ihrer Verlobung erzählen. Ich weiß sehr wohl, daß man Sie vielleicht davon ablenken will ... und ich ahne sogar, wer es tut ... aber erklären Sie sich, Fürst, erklären Sie sich schneller, ausführlicher. Solche Scherze darf man sich nicht in einem vornehmen Hause erlauben ...“

„Nun ja, solche Scherze darf man sich nicht in einem vornehmen Hause erlauben,“ pflichtete ihr der Fürst ahnungslos bei. Übrigens wurde er doch etwas unruhig.

„Aber das ist doch keine Antwort auf meine Frage, Fürst! Ich ersuche Sie, mir entscheidend zu antworten: bestätigen Sie, bestätigen Sie es hier vor allen Anwesenden, daß Sie vorhin um die Hand meiner Tochter angehalten haben.“

„Nun ja, ich bin bereit zu bestätigen. Wie gesagt, ich habe das alles schon erzählt und Felissata Jakowlewna hat meinen Traum vollkom–men erraten.“

„Nicht Traum! nicht Traum!“ rief Marja Alexandrowna wütend aus. „Es war kein Traum, sondern Wirklichkeit, Fürst, Wirklichkeit, hören Sie: Wirklichkeit.“

„Wirk–lich–keit?“ rief der Fürst höchst verwundert aus und erhob sich vor Überraschung. „Da hörst du’s, mein Lieber! Was du vorhin pro–phezei–test, ist jetzt richtig eingetroffen!“ rief er Mosgljäkoff zu. „Aber ich versichere Sie, verehrte Marja Alexandrowna, daß Sie sich täuschen! Ich bin voll–kom–men ü–ber–zeugt, daß es mir nur ge–träumt hat!“

„Großer Gott!“ Marja Alexandrowna schlug die Hände zusammen.

„Beruhigen Sie sich, Marja Alexandrowna,“ mischte sich Natalja Dmitrijewna ein, „der Fürst hat es vielleicht nur vergessen ... er wird sich dessen wieder entsinnen.“

„Ich wundere mich über Sie, Natalja Dmitrijewna,“ entgegnete Marja Alexandrowna unwillig, „kann man denn so etwas vergessen? Wer vergißt denn so etwas? Ich bitte Sie, Fürst! Oder wollen Sie sich über uns lustig machen? Oder wollen Sie einem der Gecken nachäffen, wie sie zur Zeit der Régence in der Mode waren und die jetzt Dumas schildert? Irgend einen Fairelacour? Aber ganz abgesehen davon, daß es Ihren Jahren nicht ansteht, wird es Ihnen auch nicht gelingen! Meine Tochter ist keine französische Vicomtesse! Vorhin hat sie hier, sehen Sie, hier gestanden und Ihnen eine Romanze vorgesungen, und da sind Sie hier vor ihr niedergekniet und haben ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ich phantasiere doch nicht! Ich schlafe doch nicht! Sagen Sie doch, Fürst: schlafe ich oder schlafe ich nicht?“

„Nun ja ... wie gesagt, vielleicht auch nicht ...“ antwortete der verwirrte Fürst. „Ich will nur sagen, daß ich jetzt, glaube ich, nicht schla–fe. Vorhin, sehen Sie, schlief ich, und des–halb hat mir auch geträumt, weil ich, wie gesagt, schlief ...“

„Großer Gott, was ist das: schlief – schlief nicht, schlief nicht – schlief! Da soll der Teufel daraus klug werden! Sie phantasieren doch nicht, Fürst?“

„Nun ja, der Teufel soll daraus klug werden ... übrigens, ich glaube, daß ich jetzt ganz aus dem Kon–zept gekommen bin ...“ murmelte der Fürst mit unruhigen Blicken auf seine Umgebung.

„Aber wie haben Sie denn das im Traum sehen können, wenn ich Ihnen diesen Traum mit allen Einzelheiten erzähle, während Sie ihn doch noch keinem einzigen Menschen erzählt haben!“

„Aber es kann ja doch sein, daß der Fürst ihn doch schon irgend einem mitgeteilt hat,“ meinte Natalja Dmitrijewna.

„Nun ja, es kann ja doch sein, daß ich ihn jemand schon mitgeteilt habe,“ wiederholte der jetzt völlig konfus gewordene Fürst.

„Das ist mal eine Komödie!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer Nachbarin zu.

„Großer Gott! Da kann einem doch die letzte Geduld reißen!“ rief Marja Alexandrowna aus und sie rang die Hände vor Verzweiflung. „Sie hat Ihnen eine Romanze vorgesungen, eine Romanze! Glauben Sie denn, daß auch dies Ihnen nur geträumt hat?“

„Nun ja, in der Tat, es war, als hätte sie auch gesungen,“ murmelte der Fürst in Gedanken versunken.

Plötzlich belebte eine Erinnerung sein Gesicht.

„Mein Lieber!“ rief er aus, sich an Mosgljäkoff wendend, „ich hatte es ganz vergessen, dir vorhin zu sagen, daß sie tatsächlich noch so etwas wie eine Roman–ze sang und in dieser Romanze war die Rede von Schlössern und dann war dort auch noch irgend ein Troubadour! Nun ja, ich entsinne mich dessen ... so daß ich sogar wein–te ... Und jetzt bin ich in der größten Verle–genheit, denn es will mir scheinen, als ob es tatsächlich in Wirk–lich–keit gewesen wäre und nicht nur im Traum.“

„Offen gestanden, Onkelchen,“ bemerkte Mosgljäkoff möglichst ruhig, obgleich seine Stimme von innerer Aufregung zu zittern schien, „offen gestanden, mir scheint es, daß dieses ganze Problem sehr leicht zu lösen ist. Ich glaube, daß Sie tatsächlich Gesang gehört haben. Sinaïda Afanassjewna singt vorzüglich. Nach Tisch sind Sie hierher geführt worden und Sinaïda Afanassjewna hat Ihnen eine Romanze vorgesungen. Ich war damals nicht hier, Sie aber haben sich wahrscheinlich hinreißen lassen, haben an die guten alten Zeiten gedacht, wahrscheinlich an die Stunden, in denen Sie selbst Romanzen gesungen haben ... mit der Vicomtesse, von der Sie uns noch am Vormittage erzählten. Nun und dann, als Sie Ihr Schläfchen machten, hat Ihnen infolge der angenehmen Eindrücke geträumt, daß Sie verliebt seien und einen Heiratsantrag machten ...“

Marja Alexandrowna war einfach betäubt. Eine solche Frechheit hätte sie denn doch nicht für möglich gehalten.

„Ach, mein Lieber, das war ja auch tatsächlich so!“ rief der Fürst begeistert aus. „Gerade infolge der angenehmen Ein–drücke! Ich erinnere mich ganz deut–lich dessen, daß mir eine Romanze vorgesungen wurde ... deshalb wollte ich im Traum auch heiraten. Und die Vicomtesse war gleichfalls ... Nein, wie klug du das entwickelt hast, mein Lieber! Nun ja, ich bin jetzt voll–kom–men überzeugt, daß ich das alles nur im Traum gesehen habe! Marja Wassiljewna! Ich versichere Sie, daß es mir nur geträumt hat! Es war nur ein Traum. An–derenfalls würde ich nicht mit Ihren e–delsten Gefüh–len gespielt haben ...“

„Ah! Jetzt sehe ich, wer hier die Hand im Spiel hat!“ schrie Marja Alexandrowna, außer sich vor Wut, und sie wandte sich an Mosgljäkoff. „Sie sind es, mein Herr, Sie sind der Ehrlose, Sie allein haben das alles getan! Sie haben aus Rache dafür, daß Sie einen Korb erhielten, diesem unglücklichen Idioten den Kopf verdreht! Diese Schmach wirst du mir aber bezahlen, du gemeiner Mensch! Jawohl! Das wirst du mir bezahlen, bezahlen!“

„Marja Alexandrowna!“ schrie Mosgljäkoff, rot wie ein Krebs, „Ihre Worte sind dermaßen ... Ich weiß gar nicht mehr, wie Ihre Worte sind ... Ich weiß nur, daß keine vornehme Dame sich erlauben wird ... ich verteidige zum mindesten meinen Verwandten. Sie müssen doch zugeben, daß, einen alten Mann so zu umgarnen, so in die Falle zu locken ...“

„Nun ja, in die Falle zu locken,“ wiederholte der Fürst, der sich hinter Mosgljäkoff zu verstecken versuchte.

„Afanassij Matwejewitsch!“ kreischte Marja Alexandrowna mit einer ihr ganz fremden Stimme. „Hören Sie denn nicht, wie wir beschimpft und entehrt werden? Oder haben Sie sich bereits von jeder Pflicht uns gegenüber losgesagt? Sind Sie wirklich kein Familienvater, sondern nur ein lebloser Holzklotz? Was blinzeln Sie mich an? Ein anderer Gatte hätte schon längst die seiner Familie zugefügte Schmach mit seinem Blute abgewaschen! ...“

„Mütterchen!“ hub Afanassij Matwejewitsch wichtig an, offenbar sehr stolz darauf, daß man endlich auch seiner bedurfte. „Mütterchen! Hat dir das schließlich nicht wirklich nur geträumt und dann, nachdem du aufgewacht bist, hast du alles verwechselt und auf deine Art verdreht ... –“

Doch es war Afanassij Matwejewitsch nicht vergönnt, seine scharfsinnige Erklärung zu Ende sprechen zu können. Bis dahin hatten die Gäste noch an sich gehalten und sich nur mit verborgener Schadenfreude den Anschein würdevollen Ernstes gegeben. Jetzt aber brach alles in schallendes, unbändiges Gelächter aus. Marja Alexandrowna, die ihr ganzes Comme-il-faut vergaß, wollte sich wie es schien, auf ihren Gatten stürzen, um ihm sofort die Augen auszukratzen, wurde aber mit Gewalt zurückgehalten. Natalja Dmitrijewna aber benutzte die Gelegenheit, um noch etwas Gift hinzuzuträufeln.

„Ach, Marja Alexandrowna, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen, seien Sie doch nicht so heftig,“ sagte sie mit honigsüßer Stimme.

„Was soll so gewesen sein? Was soll denn so gewesen sein!“ schrie Marja Alexandrowna, die noch nicht recht begriff.

„Ach Marja Alexandrowna, das kommt doch zuweilen vor ...“

„Was kommt zuweilen vor?“ fuhr Marja Alexandrowna auf.

„Vielleicht hat es Ihnen wirklich nur geträumt.“

„Geträumt? Mir? Geträumt? Und Sie wagen es, mir das offen ins Gesicht zu sagen!“

„Wieso, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen,“ meinte Felissata Michailowna.

„Nun ja, vielleicht ist es wirk–lich so gewesen,“ murmelte auch der Fürst.

„Auch er noch! Er noch! Großer Gott!“ stöhnte Marja Alexandrowna, die Hände zusammenschlagend.

„Wie, Sie verzweifeln, Marja Alexandrowna! Denken Sie doch daran, daß Gott es ist, der uns Träume schickt. Und wenn Gott etwas will, dann will er allein es, und in seiner Hand liegt alles. Da lohnt es sich gar nicht mehr, sich zu ärgern.“

„Nun ja, da lohnt es sich gar nicht mehr, sich zu ärgern ...“ pflichtete der Fürst bei.

„Ja, halten Sie mich denn für verrückt?“ brachte Marja Alexandrowna vor Aufregung kaum noch hervor. Das ging denn doch über menschliche Kraft! Sie suchte schnell einen Stuhl und – „fiel in Ohnmacht“. Alles stürzte zu ihr.

„Sie ist ja nur aus Anstand in Ohnmacht gefallen,“ flüsterte Natalja Dmitrijewna ihrer Freundin Anna Nikolajewna ins Ohr.

In diesem Augenblick der größten Bestürzung und der höchsten Spannung trat plötzlich eine neue Person vor, eine, die bis dahin kein Wort gesprochen hatte, und die ganze Szene änderte mit einem Schlage ihren Charakter ...

XIV.

Sinaïda Afanassjewna war, im allgemeinen gesprochen, sehr romantisch veranlagt. Ich weiß nicht, ob das gerade daher kam, daß sie, wie Marja Alexandrowna behauptete, „diesen Dummkopf Shakespeare“ gar zu viel mit „ihrem Lehrer“ gelesen hatte, jedenfalls aber hatte sich Sina noch nie zuvor einen so außergewöhnlich romantischen, oder richtiger, heroischen Ausfall erlaubt, wie es der war, den ich jetzt wiedergeben will.

Bleich, mit Entschlossenheit im Blick, doch fast zitternd vor Aufregung trat sie, wunderbar schön in ihrer Empörung, mit langsamen Schritten vor. Mit langem, herausforderndem Blick schaute sie die Anwesenden ringsum an und wandte sich dann in der plötzlich eingetretenen Stille an die Mutter, die schon bei ihrer ersten Bewegung aus der Ohnmacht wieder erwacht war und die Augen weit aufgerissen hatte.

„Mama,“ sagte Sina, „wozu betrügen? Wozu sich durch Lügen erniedrigen? Es ist ja alles ohnehin schon so schmutzig, daß es sich wahrlich nicht der erniedrigenden Mühe lohnt, diesen Schmutz zu verdecken!“

„Sina! Sina! Was ist mit dir, mein Kind? Besinne dich!“ rief erschrocken Marja Alexandrowna aus, und sie sprang auf.

„Ich habe dir gesagt, ich habe dir im voraus gesagt, Mama, daß ich diese ganze Schmach nicht ertragen werde,“ fuhr Sina fort. „Muß man sich denn wirklich noch mehr erniedrigen, noch mehr besudeln? Aber weißt du, Mama, ich nehme alles auf mich, denn ich bin die Schuldigste. Ich ... ich habe durch meine Einwilligung die Veranlassung zu dieser häßlichen Intrige gegeben! Du bist meine Mutter, du liebst mich; du glaubtest nach deiner Auffassung, so wie du es verstehst, mein Glück zu schaffen. Dir kann man noch verzeihen, mir aber, mir – niemals!“

„Sina, willst du denn wirklich erzählen? ... O Gott! Ich ahnte es, daß dieser Dolchstoß meinem Herzen nicht erspart bleiben würde!“

„Ja, Mama, ich werde alles erzählen! Ich bin beschimpft, wir alle sind beschimpft! ...“

„Du übertreibst es, Sina! Du bist außer dir und weißt nicht, was du sprichst! Und wozu willst du denn erzählen? Was hat das für einen Sinn? ... Die Schande fällt nicht auf uns ... Ich werde sofort beweisen, daß die Schande nicht auf uns fällt ...“

„Nein, Mama!“ rief Sina aus und ihre Stimme zitterte vor Zorn, „ich will nicht mehr schweigen vor diesen Leuten, deren Meinung ich verachte und die hergekommen sind, um sich über uns lustig zu machen! Ich will ihre Beleidigungen nicht länger ruhig hinnehmen. Keine einzige von ihnen hat das Recht, mich mit Schmutz zu bewerfen. Sie sind ja alle sofort bereit, noch hundertmal Schlimmeres zu tun, als ich oder du, Mama, getan haben. Dürfen sie, können sie überhaupt unsere Richter sein? ...“

„Das ist mal schön! Was die sich einbildet! Was soll denn das bedeuten! Uns zu beleidigen?“ hörte man von allen Seiten.

„Sie scheint ja wirklich nicht zu wissen, was sie spricht!“ sagte Natalja Dmitrijewna.

Nebenbei bemerkt, diesmal hatte Natalja Dmitrijewna vollkommen recht. Wenn Sina diese Damen für unwürdig hielt, ihre Richter zu sein, weshalb würdigte sie sie dann solcher Geständnisse? Überhaupt handelte sie wohl etwas übereilt, – das war späterhin auch die Meinung der besten Köpfe in Mordassoff. Alles hätte noch gut werden können! Alles hätte beigelegt werden können! Es ist ja wahr: auch Marja Alexandrowna hatte sich selbst vieles eingebrockt an diesem Abend, und zwar nur durch ihre Überstürzung und ihren Hochmut. Man hätte ja den idiotischen Greis nur auszulachen gebraucht! Und eventuell vor die Tür zu setzen! Sina aber wandte sich, jeder gesunden Vernunft und der ganzen Mordassower Weisheit zuwider, an den Fürsten.

„Fürst,“ sagte sie zum Alten, der sich aus Ehrerbietung sogleich von seinem Platz erhob – dermaßen imponierte sie ihm in diesem Augenblick. „Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie uns! Wir haben Sie betrogen, wir haben Sie in die Falle gelockt ...“

„Wirst du denn nicht endlich schweigen, Unglückselige!“ rief Marja Alexandrowna in größter Verzweiflung dazwischen.

„Meine Gnädigste! Meine Gnädigste! Ma charmante enfant ...“ stotterte der Fürst maßlos bestürzt.

Doch der stolze, heftige und im höchsten Grade phantastische Charakter Sinas zog sie mit sich fort und ließ sie alle, von der Wirklichkeit geforderten Anstandsregeln vergessen. Sie vergaß sogar ihre Mutter, die sich während dieser Geständnisse ihrer Tochter innerlich geradezu in Krämpfen wand.

„Ja, wir beide haben Sie betrogen, Fürst: meine Mutter, indem sie Sie veranlassen wollte, mich zu heiraten, und ich, indem ich auf ihren Vorschlag einging. Ihnen wurde bei Tisch immer wieder Wein eingeschenkt, ich willigte ein, zu singen und mich vor Ihnen zu verstellen ... Sie, der Schwache, Schutzlose, wurden, wie Pawel Alexandrowitsch sich ausdrückt, umgarnt, ja, umgarnt um Ihres Reichtums, Ihres Fürstentitels willen. Alles das war entsetzlich niedrig und ich will es büßen. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich mich zu dieser Schändlichkeit nicht mit einer schändlichen Absicht entschlossen habe. Ich wollte ... Doch, was soll das! Es ist ja eine doppelte Schändlichkeit, sich in einer solchen Angelegenheit noch rechtfertigen zu wollen! Ich sage Ihnen nur, daß ich, wenn ich etwas von Ihnen genommen hätte, dafür Ihr Spielzeug, Ihre Dienstmagd, Ihre Tänzerin, Ihre Sklavin gewesen wäre ... Das hatte ich mir geschworen und heilig hätte ich meinen Schwur gehalten, das weiß ich!“

Sie verstummte für einen Augenblick, um Atem zu schöpfen. Die Gäste schienen alle sprachlos zu sein und hörten nur mit weit aufgerissenen Augen zu. Der unerwartete und ihnen ganz unverständliche Ausfall Sinas stieß sie alle förmlich vor den Kopf. Nur der Fürst war bis zu Tränen gerührt, obschon er kaum die Hälfte davon verstand, was Sina sagte.

„Aber ich werde Sie hei–raten, ma belle enfant, wenn Sie es so gern wollen,“ stotterte er, „und es wird mir eine große Eh–re sein. Nur versichere ich Sie, das es wirk–lich gleich–sam wie im Traum gewe–sen ist ... Aber als ob man keine Träume hätte! Weshalb sich daher beun–ruhigen? Es ist mir sogar, als hätte ich noch nichts begrif–fen, mon ami,“ fuhr er, sich an Mosgljäkoff wendend, fort. „Erkläre du es mir, bit–te! ...“

„Und Sie, Pawel Alexandrowitsch,“ unterbrach ihn Sina, sich gleichfalls an Mosgljäkoff wendend, „Sie, auf den ich eine Zeitlang fast schon wie auf meinen zukünftigen Gatten gesehen habe, Sie, der Sie sich jetzt so grausam an mir gerächt haben, – haben Sie sich wirklich zu diesen Leuten gesellen können, um mich herabzureißen und mit Schmutz zu bewerfen? Und Sie haben gesagt, Sie liebten mich! Doch nicht mir kommt es zu, Ihnen Vorwürfe zu machen! Ich bin schuldiger als Sie ... Ich habe Sie gekränkt und beleidigt, denn ich habe Sie tatsächlich mit Versprechungen hingehalten und was ich Ihnen heute nachmittag als Beweis des Gegenteils gesagt habe, war Lüge und Spitzfindigkeit. Ich habe Sie niemals geliebt und wenn ich mich entschlossen hätte, Sie zu heiraten, so hätte ich es nur getan, um irgendwohin fortfahren zu können, fort aus dieser verwünschten Stadt, und um diesen ganzen Schmutz hier endlich abschütteln zu dürfen ... Aber eines können Sie mir glauben, wenn ich Sie geheiratet hätte, wäre ich Ihnen eine gute und treue Frau gewesen ... Sie haben sich grausam an mir gerächt ... und wenn es Ihrem Stolz schmeicheln kann ...“

„Sinaïda Afanassjewna!“ unterbrach sie Mosgljäkoff.

„Wenn Sie mich immer noch hassen ...“

„Sinaïda Afanassjewna!!!“

„Wenn Sie mich jemals,“ fuhr Sina fort, die aufsteigenden Tränen unterdrückend, „wenn Sie mich jemals geliebt haben ...“

„Sinaïda Afanassjewna!!!“

„Sina, Sina! Mein Kind!“ jammerte Marja Alexandrowna.

„Ich bin ein Schuft, Sinaïda Afanassjewna, ich bin ein Schuft und weiter nichts!“ behauptete Mosgljäkoff und alles geriet in große Aufregung. Ausrufe der Verwunderung und des Unwillens wurden laut, doch Mosgljäkoff stand wie angewurzelt auf einem Fleck, augenscheinlich jedes Gedankens bar. Er konnte kein Wort mehr hervorbringen.

Für schwache und leere Charaktere, die an ewige Unterwerfung gewöhnt sind und sich dann einmal entschließen, sich aufzulehnen und zu protestieren, mit einem Wort, fest und entschlossen zu sein – für diese Charaktere gibt es immer eine gewisse Grenze, die das nahe Ende ihrer kurzen Festigkeit und Entschlossenheit ist. Ihr Protest pflegt zu Anfang überaus energisch zu sein. Ihre Energie geht zuweilen sogar bis zur Raserei. Sie werfen sich gleichsam mit zugekniffenen Augen auf die Hindernisse und laden sich fast stets eine für ihre Kräfte zu große Last auf die Schultern. Hat aber dieser rasende Mensch eine nahe Grenze erreicht, so bleibt er plötzlich, gleichsam erschrocken über sich selbst, wie betäubt vor der furchtbaren Frage stehen: „Was habe ich da angerichtet?“ – worauf er alsbald seinen ganzen Heroismus verliert, womöglich sogar weint, sich erklären will, auf die Knie fällt, um Verzeihung bittet, fleht, es wieder beim alten sein zu lassen, jedenfalls aber nur schneller, so schnell als möglich! ... Fast dasselbe geschah auch mit Mosgljäkoff. Nachdem er sich empört, das Unglück heraufbeschworen, das er jetzt bereits nur sich allein zuschrieb, nachdem er seinem Zorn und seiner Eigenliebe Genüge getan und sich selbst in den eigenen Augen verhaßt gemacht hatte, stand er nun plötzlich, von Gewissensbissen niedergedrückt, vor dem unerwarteten Auftreten Sinas. Ihre letzten Worte vernichteten ihn endgültig. Aus dem einen Extrem ins andere hinüberzuspringen, war für ihn das Werk eines Augenblicks.

„Ich bin ein Esel, Sinaïda Afanassjewna!“ rief er in einem Anfall verzweifelter Reue aus. „Nein! Was Esel! Ein Esel ist noch nichts! Ich bin unvergleichlich schlechter als ein Esel! Aber ich werde Ihnen beweisen, Sinaïda Afanassjewna, ich werde Ihnen beweisen, daß auch ein Esel ein edler Mensch sein kann! Onkel! Ich habe Sie betrogen! Ich, ich, ich allein habe Sie betrogen! Sie haben nicht geschlafen; Sie haben wirklich, in vollkommen wachem Zustande den Heiratsantrag gemacht, ich aber, ich Schuft, habe aus Rache, weil man mir einen Korb gegeben hatte, aus Rache Ihnen eingeredet, daß es Ihnen nur geträumt hätte.“

„Das sind ja seltsam interessante Dinge, die hier aufgedeckt werden!“ tuschelte Natalja Dmitrijewna ihrer Nachbarin Anna Nikolajewna ins Ohr.

„Mein Lieber,“ antwortete der Fürst, „be–ru–hige dich, bit–te. Du hast mich wirklich erschreckt mit deinem Geschrei. Ich versichere dich, daß du im Irr–tum bist ... Ich bin ja schließlich gern zu heiraten bereit, wenn es nun einmal gar so nötig ist – aber du hast mir doch noch selbst gesagt, daß es mir nur geträumt habe ...“

„O Gott, wie soll ich ihn jetzt überzeugen! Sagen Sie mir, sagen Sie mir, wie ich ihn jetzt überzeugen kann! Onkel, Onkelchen! Das ist doch eine wichtige Sache, das ist doch die wichtigste Familienangelegenheit! Überlegen Sie es sich doch nur! Denken Sie doch nach!“

„Mein Lieber, schön, wie du willst: ich den–ke nach. Wart mal, laß mich alles erst einmal mir ins Gedächtnis zurückrufen: zuerst träumte mir von meinem Kutscher Fe–o–fil ...“

„Ach, jetzt handelt es sich doch nicht um Ihren Feofil!“

„Nun ja, nehmen wir an, daß es sich jetzt nicht um ihn handle. Dann träumte mir von Napo–le–on, und dann war es so, als wenn wir getrunken hätten und eine Dame kam und aß den ganzen Zucker bei uns auf ...“

„Aber Onkelchen,“ unterbrach ihn Mosgljäkoff in einem Augenblick der Verfinsterung seines Gedächtnisses, „das hat Ihnen doch Marja Alexandrowna selbst nach dem Mittag von Natalja Dmitrijewna erzählt! Ich war ja doch hier, ich habe es ja selbst gehört! Ich hatte mich versteckt und sah und lauschte durch einen Türspalt ...“

„Was soll denn das heißen, Marja Alexandrowna!“ schrie Natalja Dmitrijewna dazwischen. „Dann haben Sie es also auch dem Fürsten erzählt, daß ich bei Ihnen Zucker aus der Zuckerdose gestohlen hätte! Dann komme ich also zu Ihnen, um hier Zucker zu stehlen?“

„Hinaus! Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ schrie Marja Alexandrowna, zur Verzweiflung gebracht.

„Nein, nicht hinaus, Marja Alexandrowna, so dürfen Sie nicht mit mir sprechen! ... Also ich soll bei Ihnen Zucker stehlen? Ich habe schon lange gehört, daß Sie solche Gemeinheiten über mich erzählen! Mir hat Ssofja Petrowna alles ganz ausführlich erzählt ... Also ich stehle bei Ihnen Zucker? ...“

„Aber, mesdames,“ rief der Fürst dazwischen, „das hat mir ja nur geträumt! Als ob mir nicht vieles träu–men kann? ...“

„Dieses verwünschte Dromedar!“ brummte Marja Alexandrowna halblaut.

„Was! Ich soll ein Dromedar sein?“ kreischte Natalja Dmitrijewna. „Und wer sind Sie denn, wenn man fragen darf? Ich weiß es schon längst, daß Sie mich ein Dromedar nennen! Ich habe wenigstens ... ich habe wenigstens einen Mann, Sie aber haben nur einen Tölpel ...“

„Nun ja, ich weiß, es war da auch von einem Dromedar die Rede,“ murmelte ahnungslos der Fürst, der sich seines Gesprächs mit Marja Alexandrowna entsann.

„Wie, auch Sie fangen an! Auch Sie wollen eine vornehme Dame beschimpfen? Wie wagen Sie es überhaupt? Wenn ich eine Schachtel bin, so sind Sie ein einbeiniger Krüppel ...“

„Wer, ich einbeinig?“

„Gewiß Sie! Und nicht nur, daß Ihnen ein Bein fehlt, Ihnen fehlen auch alle Zähne, damit Sie’s wissen!“

„Und außerdem ist er noch einäugig!“ schrie Marja Alexandrowna.

„Anstelle Ihrer fehlenden Rippen tragen Sie ein Korsett!“ fügte Natalja Dmitrijewna hinzu.

„Das ganze Gesicht ist auf Sprungfedern!“

„Kein einziges echtes Haar hat er auf dem Kopf!“

„Und der Schnurrbart ist dem Esel aufgeklebt!“ schrie Marja Alexandrowna.

„Aber ... aber die Nase lassen Sie mir doch we–nigstens, Marja Stepa–nowna!“ unterbrach der Fürst, den diese plötzlichen Offenbarungen ganz kopfscheu machten. „Mein Lieber! Du hast mich verraten! Du hast es erzählt, daß ich falsches Haar trage ...“

„Onkelchen!“

„Nein, mein Lieber, ich kann hier nicht länger blei–ben! Bring mich irgendwohin fort ... quelle société? Wohin hast du mich eigentlich ge–bracht, Gott im Himmel!“

„Sie Idiot! Sie Schuft!“ schrie Marja Alexandrowna.

„Gott im Himmel!“ stotterte der erbleichte Fürst. „Ich habe im Au–genblick nur ein wenig verges–sen, weshalb ich herge–kom–men bin, aber ich werde mich dessen so–fort entsin–nen. Bring mich, mon ami, bring mich irgendwohin fort, sonst zerreißt man mich hier noch. Zudem ... zudem muß ich schnell einen neuen Gedanken nie–der–schreiben ...“

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