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Sämtliche Werke 17

Das Krokodil

E. K. Rahsin translation

Eine außergewöhnliche Begebenheit oder Eine Passage in der Passage

Eine wahrheitsgetreue Erzählung der besagten Begebenheit, wie ein gewisser Herr in der Passage von einem Krokodil ganz und gar verschlungen wurde und welche Folgen das hatte.

I.

Am dreizehnten Januar des laufenden Jahres sprach plötzlich um halb ein Uhr mittags Jelena Iwanowna, die Gattin Iwan Matwejewitschs, meines gelehrten Freundes, Kollegen und halb und halb sogar entfernten Verwandten, den Wunsch aus, das Riesenkrokodil, das man gegen eine gewisse Zahlung in bar seit kurzer Zeit in der Passage bewundern konnte, mit eigenen Augen zu sehen. Iwan Matwejewitsch, der das Billett für seine Reise ins Ausland – die er weniger aus Gesundheitsgründen, als aus Neugier zu unternehmen beabsichtigte – bereits in der Tasche hatte, sich also vom Dienst schon quasi entbunden betrachtete und sich demzufolge an diesem Tage von allen Pflichten frei und ledig fühlte, hatte nicht nur nichts gegen diesen Wunsch einzuwenden, sondern entbrannte alsbald sogar selber in reger Wißbegier für die Sehenswürdigkeit.

„Eine prächtige Idee!“ sagte er sehr zufrieden, „nehmen wir das Krokodil in Augenschein! Es ist nicht übel, wenn man, bevor man ins Ausland reist, erst einmal gründlich das Inland mit allen seinen Tieren kennen gelernt hat.“

Mit diesen Worten reichte er seiner jungen Gemahlin den Arm, um mit ihr in die Passage zu gehen. Wie gewöhnlich schloß ich mich ihnen an, denn ich war und bin ja der Hausfreund.

Noch nie hatte ich Iwan Matwejewitsch bei besserer Laune gesehen, als an diesem denkwürdigen Vormittage, – wieder ein Beweis dafür, daß wir nicht ahnen, was uns bevorsteht! Als wir die Passage betraten, äußerte er sich ganz entzückt über den Bau des Gebäudes, und als wir beim Ausstellungsraum, in dem man das neuerdings in der Hauptstadt eingetroffene Ungeheuer bewundern konnte, angelangt waren, wünschte er aus eigenem Antriebe auch für mich den vorschriftsmäßigen Obolus dem Besitzer des Krokodils in die Hand zu drücken, was vordem noch nie von ihm aus geschehen war. Wir wurden in ein nicht sehr großes Zimmer geführt, in dem sich außer dem Krokodil noch Papageien, eigenartige Kakadus und in einem besonderen Käfig an der Wand mehrere Affen befanden. Gleich beim Eingang aber, links von der Tür, stand ein großer Blechkasten – der Form nach einer Wanne nicht unähnlich –, den oben ein starkes Drahtnetz zudeckte und auf dessen Boden etwa einen Zoll tief Wasser stand. Und in dieser flachen Pfütze lag ein riesengroßes Krokodil, lag regungslos wie ein Balken und hatte in unserem feuchten, ungastlichen Klima augenscheinlich alle seine sonstigen Eigenschaften eingebüßt. Dieses erklärt wohl auch den Umstand zur Genüge, daß es in uns durchaus kein besonderes Interesse für sich hervorzurufen vermochte.

„Das also ist das Krokodil!“ meinte Jelena Iwanowna, fast mitleidig in gezogenem Tone, „und ich dachte, daß es ... ganz anders aussähe.“

Anzunehmen ist, daß sie sich überhaupt nichts gedacht hatte.

Währenddessen blickte uns der Besitzer des Ungeheuers, ein Deutscher, sehr stolz und sehr selbstzufrieden an.

„Er hat recht,“ raunte mir Iwan Matwejewitsch zu, „denn ihm gebührt die Ehre, augenblicklich der einzige Mensch zu sein, der in Rußland ein Krokodil besitzt.“

Diese recht überflüssige Bemerkung Iwan Matwejewitschs schreibe ich gleichfalls seiner gehobenen Stimmung zu, da er sonst recht neidisch zu sein pflegte.

„Ich glaube, Ihr Krokodil ist gar nicht lebendig,“ äußerte sich Jelena Iwanowna, pikiert durch die Haltung des Deutschen, mit graziösem Lächeln sich an ihn wendend, um auch diesen Grobian zu besiegen, – ein Manöver, das die Frauen ja so gern üben.

„O nein, Madame,“ versetzte der Deutsche in gebrochenem Russisch und begann sogleich, indem er das Drahtnetz aufhob, mit einem Stückchen das Krokodil auf den Kopf zu stoßen.

Da entschloß sich das heimtückische Ungeheuer, zum Beweise seiner Lebendigkeit, kaum-kaum den Schwanz zu bewegen, dann rührte es auch die Vorderpfoten und erhob ein wenig seine gefräßige Schnauze, worauf es einen eigentümlichen Laut von sich gab, der in etwas an ein langsames Schnarchen erinnerte.

„Na, ärgere dich nicht, Karlchen!“ sagte der Deutsche schmeichelnd, sichtlich befriedigt in seiner Eigenliebe.

„Wie widerlich dieses Tier ist! Ich erschrak ordentlich, als es sich zu bewegen begann,“ sagte Jelena Iwanowna noch koketter. „Jetzt werde ich es womöglich im Traume sehen!“

„Aber er wird Sie nicht beißen, Madame,“ versetzte mit einem Anflug von Galanterie der Deutsche, worauf er als erster über seine eigenen Worte zu lachen begann; von uns jedoch lachte niemand.

„Gehen wir, Ssemjon Sjemjonytsch“ wandte sich Jelena Iwanowna ausschließlich an mich, „sehen wir uns lieber die Affen an. Ich liebe Affen über alles! Einzelne sind geradezu süß, sind so reizend! ... das Krokodil aber ist einfach abscheulich.“

„O, sei nicht so bange, meine Liebe,“ rief uns Iwan Matwejewitsch nach, dem es angenehm war, vor seiner Gattin den Mutigen zu spielen, „dieser schläfrige Landsmann Pharaos wird keinem ein Leid antun,“ – und er blieb beim Blechkasten. Ja, er kitzelte sogar mit seinem Handschuh die Nase des Krokodils, um es, wie er später selbst eingestand, zu veranlassen, nochmals zu schnarchen. Der Besitzer der Menagerie folgte indes Jelena Iwanowna, als der einzigen anwesenden Dame, zum weitaus interessanteren Affenkäfig.

Bis dahin war alles gut abgelaufen und niemand hätte etwas Schlimmes voraussehen können. Jelena Iwanowna gab sich ganz ihrem Entzücken hin, in das die Affen und Äffchen sie versetzten; sie schrie mitunter leise auf vor Vergnügen und wandte sich immer wieder an mich, um mich bald auf diesen, bald auf jenen Affen aufmerksam zu machen, von denen jeder auffallende Ähnlichkeit mit einem ihrer Bekannten und Freunde haben sollte. Ihre Heiterkeit steckte auch mich an, denn die Ähnlichkeit war bisweilen in der Tat ganz verblüffend. Nur der Menageriebesitzer, der von Jelena Iwanowna als Luft behandelt wurde, wußte nicht, ob er lachen oder ob er ernst bleiben sollte, und deshalb wurde er zum Schluß sehr brummig. Doch gerade in dem Augenblick, als mir die Übellaunigkeit des Deutschen auffiel, erschütterte plötzlich ein entsetzlicher, ja, ich kann sogar sagen, ein widernatürlicher Schrei die Luft. Ich wußte nicht, was ich denken sollte und stand wie erstarrt, als ich hörte, daß auch Jelena Iwanowna aufschrie – da wandte ich mich zurück und ... was erblickte ich! Ich erblickte – o Gott! – ich erblickte den armen Iwan Matwejewitsch quer im entsetzlichen Rachen des Krokodils, das ihn in der Mitte des Körpers gefaßt hatte. Ich sah ihn nur noch einen Augenblick, wie er, horizontal in der Luft schwebend, wie ein Verzweifelter mit den Beinen und Armen fuchtelte, und dann – verschwunden war.

Doch ich will dieses denkwürdige Ereignis ausführlicher schildern. Während des ganzen Vorgangs stand ich wie ein lebloser Gegenstand, der nur hörte und sah – deshalb ist mir nichts entgangen. Ich entsinne mich nicht, jemals in meinem Leben mit größerem Interesse einem Vorgang zugeschaut zu haben, als ich es in jenem Augenblick tat. „Denn,“ dachte ich bei mir – soviel Überlegungskraft besaß ich doch noch! – „wie, wenn das, anstatt mit Iwan Andrejewitsch, mit mir geschehen wäre – wie groß würde dann die Unannehmlichkeit sein!“ Doch zur Sache.

Das Krokodil begann damit, daß es den armen Iwan Matwejewitsch in seinem Rachen mit den Beinen zu sich drehte und dann einmal schluckte, – und seine Beine waren bis zur Wade verschwunden. Dann, nachdem es wie ein Wiederkäuer einmal aufstieß – was unseren Iwan Matwejewitsch wieder ein wenig hervorstieß, so daß dieser, der sich vergeblich bemühte, herauszuspringen, sich krampfhaft an den Kastenrand klammern konnte – schluckte das Ungeheuer zum zweitenmal, und mein Freund verschwand bis zu den Lenden. Dann, nachdem es wieder aufgestoßen, schluckte es noch einmal, und dann noch einmal. So sahen wir, wie Iwan Matwejewitsch vor unseren Augen im Ungeheuer verschwand. Endlich, nachdem es zum letztenmal geschluckt, hatte das Krokodil meinen gelehrten Freund tatsächlich restlos verschlungen. Nun traten an der Oberfläche des Krokodils Wölbungen hervor, an denen man erkennen konnte, wie Iwan Matwejewitsch mit all seinen Gliedmaßen langsam in den Bauch des Tieres zu gleiten begann. Ich war bereits im Begriff, wieder aufzuschreien, als das Schicksal sich noch einmal gewissenlos über uns lustig machte: das Krokodil blähte sich, rülpste – offenbar war ihm die verschlungene Portion doch zu groß – und öffnete nach einem neuen Aufstoß seinen entsetzlichen Rachen, aus dem plötzlich, zusammen mit dem Aufstoß oder gewissermaßen als dessen Personifikation noch einmal, zum letztenmal, auf einen Augenblick der Kopf Iwan Matwejewitschs herausfuhr und wieder verschwand, sodaß wir nur eine Sekunde lang sein verzweifeltes Gesicht gesehen hatten, von dessen Nase im Moment, als sie über den Rand des Unterkiefers hinausragte, die Brille in das zolltiefe Wasser auf dem Boden des Blechkastens fiel. Es hatte fast den Anschein, als sei dieser verzweifelte Kopf nur deshalb hervorgekommen, um noch einmal, zum letztenmal, einen Blick auf alle Gegenstände zu werfen und bewußt von allen weltlichen Freuden Abschied zu nehmen. Doch die Frist war gar zu kurz bemessen: das Krokodil hatte schon einige Kräfte gesammelt und schluckte von neuem und der Kopf verschwand wieder, diesmal, um nicht mehr zum Vorschein zu kommen.

Dieses Erscheinen und Verschwinden eines noch lebenden Menschenkopfes war so entsetzlich, gleichzeitig aber – sei es infolge der Überraschung, der Geschwindigkeit oder weil ihm die Brille von der Nase fiel – war es so unsäglich komisch, daß ich plötzlich schallend auflachte. Natürlich besann ich mich sogleich – es ging doch nicht an, daß ich in meiner Eigenschaft als Hausfreund in einem solchen Augenblick lachte! – wandte mich daher schnell zu Jelena Iwanowna und sagte so mitfühlend als möglich:

„Jetzt ist es aus mit unserm Iwan Matwejewitsch!“

Leider fühle ich mich der Aufgabe, die Erregung Jelena Iwanownas während des ganzen Vorgangs zu schildern, nicht gewachsen. Ich kann nur sagen, daß sie nach dem ersten Schrei gleichsam wie gelähmt in vollkommener Regungslosigkeit verharrte und scheinbar ganz gleichgültig, nur mit weit aufgerissenen, sogar ein wenig hervorquellenden Augen dem Vorgang zusah; erst als das Haupt ihres Gemahls zum zweitenmal verschwand und nicht wieder zum Vorschein kam, kehrten ihre Lebensgeister zurück und sie begann herzzerreißend zu schreien. Da wußte ich mir nicht anders zu helfen, als ihre Hände zu erfassen und sie krampfhaft festzuhalten. In diesem Augenblick erwachte auch der Deutsche aus seiner Erstarrung; er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und schrie:

„O, mein Krokodil! O, mein allerliebstes Karlchen! Mutter, Mutter, Mutter!“

Darauf öffnete sich eine Hintertür und die „Mutter“ erschien: eine bejahrte, rotwangige Frau mit einer Haube auf dem Kopf, doch sonst ziemlich unordentlich gekleidet. Als sie die Verzweiflung ihres Mannes sah, stürzte sie ganz verstört herbei.

Und nun setzte ein ganzes Sodom ein: Jelena Iwanowna rief immer nur dies eine Wort: „Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden!“ und stürzte bald zum Deutschen, bald zur Mutter, die sie allen Anzeichen nach anflehte – wohl in einem Augenblick des Vergessens und der Selbstverleugnung – irgend jemanden oder irgendetwas aufzuschneiden. Der Besitzer aber und die „Mutter“ beachteten weder sie noch mich und heulten wie die Kettenhunde an ihrem Blechkasten.

„Er ist verloren, er wird sogleich platzen, er hat einen ganzen Menschen verschlungen!“ schrie der Besitzer des „Karlchen“.

„Ach Gott, ach Gott, unser allerliebstes Karlchen muß sterben!“ jammerte die Mutter.

„Sie haben uns zu Waisen gemacht, wir sind brotlos geworden!“ schrie wieder der Deutsche, und –

„Ach Gott, ach Gott, ach Gott!“ jammerte wieder die Mutter.

„Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden! Sie müssen das Tier schlachten!“ flehte und befahl Jelena Iwanowna, die sich an den Rock des Deutschen klammerte.

„Er hat mein Krokodil gereizt, – weshalb hat Ihr Mann mein Krokodil gereizt?“ schrie der Deutsche. „Wenn mein Karlchen jetzt platzt, müssen Sie ihn mir bezahlen! Ich werde Sie auf Schadenersatz verklagen! Das war mein Sohn, das war mein einziger Sohn!“

Ich muß gestehen, daß ich über diesen Egoismus des eingewanderten Deutschen und diese Hartherzigkeit seiner unordentlichen „Mutter“ nicht wenig entrüstet war. Auch Jelena Iwanownas immer wieder wiederholte Bitte trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Besorgt dachte ich an die Möglichkeit, daß jeden Augenblick gerade aus einem der anstoßenden Lokale der Passage, in dem jemand eine Rede über Pflanzenkost hielt, ein Vegetarianer die Menagerie betreten konnte – und was konnte es da nicht alles für Mißverständnisse geben, wenn sie noch lange fortfuhr, immer nur diese eine Bitte flehentlich und angstvoll zu wiederholen? Und in der Tat sollte es sich bald zeigen, daß meine Befürchtungen nicht grundlos waren: Zu meinem Entsetzen sah ich, wie plötzlich der Vorhang, der den Ausstellungsraum von der „Kasse“ trennte, zur Seite gezogen wurde und im Türrahmen eine bärtige Gestalt mit einer Beamtenmütze in der Hand erschien, eine Gestalt, die nicht eintrat, wie zu erwarten stand, sondern die sich in stark vorgebeugter Stellung mit den Füßen jenseits der Schwelle hielt und ersichtlich sehr darauf bedacht war, diese Schwelle nicht zu überschreiten, um nicht wegen des Eintrittsgeldes, das der Unbekannte offenbar nicht zu zahlen gewillt war, vom Direktor der Menagerie belästigt zu werden.

„Ihr Wunsch, meine Gnädigste,“ sagte der Unbekannte, bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, „macht Ihrer geistigen Entwicklung wenig Ehre und ist nur auf den Mangel an Phosphorgehalt in Ihrem Gehirn zurückzuführen. Sie werden wohl nichts dagegen haben, wenn die Repräsentanten des Fortschritts und der Humanität Sie in ihren satirischen Zeitschriften der nötigen Kritik unterwerfen, und ...“

Doch es sollte ihm nicht vergönnt sein, seine Rede zu beenden, denn als der Menageriebesitzer zu seinem Entsetzen einen Menschen im „Ausstellungsraume“ sprechen hörte, der für dieses Vergnügen nichts gezahlt hatte, stürzte er in heller Empörung auf ihn zu und stieß ihn, den humanen Repräsentanten des Fortschritts, unter deutschen Kernausdrücken zur Tür hinaus: wir vernahmen nur noch ihre wortreiche Auseinandersetzung hinter dem Vorhang. Doch der Deutsche kehrte sehr bald zurück, um seine Wut, in die er sich hineingeredet, nunmehr an der armen Jelena Iwanowna auszulassen, die es gewagt hatte, eine Operation seines Karlchen zu verlangen, um ihren Gatten zu retten.

„Was! Sie wollen, daß meinem Karlchen der Bauch aufgeschlitzt werden soll!“ schrie er. „Lassen Sie doch Ihren Mann aufschlitzen! ... Mein Krokodil! Mein Vater hat das Krokodil schon gezeigt, mein Großvater hat das Krokodil gezeigt und mein Sohn wird es wieder zeigen, und so lange ich lebe werde ich es gleichfalls zeigen! Alle werden wir es zeigen! Ich bin in ganz Europa bekannt, Sie aber sind nicht in Europa bekannt, deshalb werden Sie mir Strafe zahlen, verstanden, Madame!“

„Ja, ja!“ pflichtete ihm seine böse dreinblickende Frau Mutter bei, „wir werden Sie verklagen, wenn unser Karlchen platzt!“

„Übrigens wäre es auch zwecklos, das Tier aufzuschneiden,“ wandte ich ziemlich ruhig ein, um Jelena Iwanowna zu besänftigen und sie dann zu bewegen, nach Hause zurückzukehren, „denn unser lieber Iwan Matwejewitsch wird sich bereits aller Wahrscheinlichkeit nach in den Gefilden der Seligen befinden.“

„Mein Freund!“ ertönte da plötzlich unerwartet die Stimme Iwan Matwejewitschs, die uns alle erstarren machte, „mein Freund, du täuschest dich. Mein Rat wäre, sich direkt an den Polizeioffizier dieses Quartals zu wenden, denn ohne polizeilichen Nachdruck wird dieser Deutsche schwerlich die Wahrheit begreifen.“

Diese Worte, die noch dazu in festem, überzeugungsvollem Tone gesprochen waren und in dieser Lage doch eine seltene Geistesgegenwart verrieten, waren so überwältigend, daß wir unseren Ohren nicht trauten. Nichtsdestoweniger eilten wir natürlich sogleich zum Blechkasten und lauschten mit mindestens ebenso großem Mißtrauen als unfreiwilliger Ehrfurcht den Worten des armen Gefangenen. Seine Stimme klang wie diejenige eines Menschen, der sich in einem anderen Zimmer ein Kissen vor den Mund preßt und schreiend laut spricht, etwa um das Gespräch zweier Bauern nachzuahmen, die durch einen Fluß getrennt sich von Ufer zu Ufer allerlei zuschreien, – ein Scherz, den ich einmal auf einem Polterabend das Vergnügen hatte, kennen zu lernen.

„Iwan Matwejewitsch, Liebster, sag’, so lebst du noch?“ fragte Jelena Iwanowna bebend.

„Ich lebe und befinde mich wohl,“ antwortete Iwan Matwejewitschs fernher leise schreiende Stimme, „denn ich bin dank himmlischer Vorsehung ohne jede Körperverletzung verschlungen. Was mich beunruhigt, ist nur die Frage, wie meine Vorgesetzten diesen Zwischenfall auffassen werden; denn wenn man das Billett zu einer Auslandsreise in der Tasche hat und dabei nur in das Innere eines Krokodils gelangt, wird man schwerlich auf Scharfsinn schließen.“

„Aber, Liebster, beunruhige dich jetzt doch nicht wegen des Scharfsinns!“ sagte Jelena Iwanowna. „Die Hauptsache ist doch, daß man dich irgendwie von dort herauszieht.“

„Herauszieht!“ rief der Deutsche nahezu entrüstet aus. „Das lasse ich einfach nicht zu! Jetzt wird’s noch einmal so viel Publikum geben und ich werde fünfzig Kopeken statt fünfundzwanzig pro Person nehmen, und Karlchen fällt’s nicht ein, zu platzen!“

„Gott sei Dank!“ äußerte sich seine Frau dazu.

„Er hat recht,“ bemerkte ruhig Iwan Matwejewitsch, „zuerst kommt das ökonomische Prinzip.“

„Mein Freund!“ rief ich ihm eifrig und möglichst laut zu, „ich werde mich sogleich schleunigst zu deinen Vorgesetzten begeben, denn mir ahnt, daß wir allein hier nichts werden ausrichten können.“

„Das denke ich auch,“ sagte Iwan Matwejewitsch, „nur wird es in unserer Zeit der Handelskrisis schwer halten, ohne finanzielle Entschädigung den Leib des Krokodils aufzutrennen, doch ist damit gleichzeitig die Frage aufgeworfen: wieviel wird der Besitzer für sein Krokodil verlangen? Und diese Frage zieht eine zweite nach sich: wer wird es bezahlen? Denn wie du weißt, bin ich kein Kapitalist! ...“

„Ginge es nicht a Konto des Gehalts? ...“ wagte ich schüchtern vorzuschlagen, doch der Besitzer des Krokodils unterbrach mich sogleich:

„Ich verkaufe mein Krokodil überhaupt nicht! Ich kann dafür dreitausend Rubel verlangen, ich kann sogar viertausend verlangen! Jetzt wird das Publikum herbeiströmen – ich kann auch fünftausend verlangen für mein Krokodil!“

Kurz, er begann sich ganz entsetzlich zu brüsten. Habgier leuchtete in seinen Augen.

„Ich fahre also!“ rief ich meinem Freunde, innerlich empört, zu.

„Ich auch, ich auch! Ich werde persönlich zu Andrei Ossipytsch fahren und ihn durch meine Tränen zu erweichen suchen!“ sagte Jelena Iwanowna erregt.

„Nein, tue das nicht, meine Liebe,“ versetzte Iwan Matwejewitsch schnell, denn lange schon hegte er eifersüchtigen Groll gegen diesen Andrei Ossipytsch: er wußte, daß seine Frau sehr gern zu diesem Allmächtigen gefahren wäre, um sich ihm zur Abwechslung einmal in Tränen zu zeigen, zumal ihr Tränen sehr gut standen. „Und dir, Ssemjon Ssemjonytsch,“ wandte er sich an mich, „möchte ich gleichfalls abraten, zu meinen Vorgesetzten zu gehen; man kann nicht wissen, was daraus schließlich noch entsteht. Aber fahre heute mal zu Timofei Ssemjonytsch, so, weißt du, ganz privatim. Er ist zwar ein altmodischer und etwas beschränkter Mensch, dafür aber solide und, was die Hauptsache ist, gerade heraus. Grüße ihn von mir und erkläre ihm den Sachverhalt. Ich schulde ihm noch sieben Rubel – ich verlor sie im Kartenspiel – sei also so gut und übergib sie ihm bei der Gelegenheit; das wird den Alten günstiger stimmen. Jedenfalls kann uns sein Rat zur Richtschnur dienen. Jetzt aber sei so freundlich und bringe Jelena Iwanowna nach Hause ... Beruhige dich, meine Liebe,“ fuhr er fort, „ich bin nur müde geworden von diesem Geschrei und will ein wenig schlafen. Hier ist es zum Glück warm und weich, obschon ich noch nicht Zeit gehabt habe, mich genauer in meinem neuen Heim umzusehen ...“

„Umzusehen? Ist es denn dort so hell?“ forschte neugierig, doch sichtlich erfreut Jelena Iwanowna.

„Im Gegenteil, mich umgibt vollkommene Finsternis,“ antwortete der arme Gefangene, „aber ich kann mit den Händen fühlen und mich hier tastend orientieren ... Also auf Wiedersehen, sei unbesorgt und versage dir nicht deine kleinen Zerstreuungen. Bis morgen! Du aber, Ssemjon Ssemjonytsch, komme gegen Abend wieder her, und damit du es, bei deiner bekannten Vergeßlichkeit, diesmal nicht wieder vergißt, binde dir sogleich einen Knoten ins Taschentuch ...“

Ich muß sagen, daß ich froh war, endlich fortgehen zu können, denn erstens war ich vom Stehen müde geworden und zweitens wurde es mir allmählich langweilig. Ich reichte daher geschwind Jelena Iwanowna, die durch die Erregung noch hübscher geworden war, mit artiger Verbeugung meinen Arm und verließ mit ihr die Menagerie.

„Am Abend wieder fünfundzwanzig Kopeken Eintrittsgeld!“ rief uns noch der Deutsche nach.

„O Gott, wie habgierig er ist!“ seufzte Jelena Iwanowna, die in jeden Spiegel zwischen den Schaufenstern der Passage einen Blick warf und sich augenscheinlich dessen bewußt war, daß sie noch hübscher als sonst aussah.

„Das ökonomische Prinzip,“ versetzte ich in angenehmer angeregter Stimmung, stolz auf meine Dame, die neidisch von den Vorübergehenden betrachtet wurde.

„Das ökonomische Prinzip ...“ wiederholte sie mit koketter Langsamkeit, „ich habe nichts von alledem begriffen, was Iwan Matwejewitsch dort sprach, namentlich nicht, was er mit diesem dummen Prinzip meinte.“

„Das werde ich Ihnen sofort erklären,“ versetzte ich eilfertig und begann ihr die günstigen Folgen der Heranziehung fremden Kapitals auseinanderzusetzen, Ansichten, die ich am Morgen desselben Tages in den „Petersburger Nachrichten“ gelesen hatte.

„Wie sonderbar das doch ist!“ unterbrach sie mich, als sie mir eine Weile zugehört hatte. „Aber so hören Sie doch endlich auf, Sie Plagegeist! Welch einen Unsinn Sie heute reden ... Sagen Sie, bin ich sehr rot im Gesicht?“

„Nicht rot, sondern schön,“ antwortete ich, um die Gelegenheit, ihr eine Schmeichelei zu sagen, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen.

„Sie Schmeichler!“ wehrte sie selbstzufrieden ab. „Der arme Iwan Matwejewitsch,“ fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, kokett das Köpfchen auf die Seite neigend, „er tut mir wirklich leid. Ach, mein Gott!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken aus, „aber sagen Sie doch, wie wird er denn heute dort zu Mittag speisen und ... und ... wie wird er denn ... wenn er sonst etwas wünscht?“

„Das ist ein unvorhergesehenes Problem,“ sagte ich, gleichfalls bestürzt. „Ich habe, offen gestanden, an diese Möglichkeit noch gar nicht gedacht. Da haben wir wieder einen Beweis dafür, daß in Lebensfragen die Frauen weit praktischer sind als wir Männer!“

„Der Arme, wie ist er nur da hineingeraten! ... Und nun sitzt er da, so ganz ohne Unterhaltung! Und außerdem ist es dort noch dunkel ... Wie dumm, daß ich keine Photographie von ihm habe ... So bin ich denn jetzt eigentlich Witwe, nicht wahr?“ fragte sie mit berückendem Lächeln, sichtlich interessiert für ihren neuen Stand. „Hm! ... aber er tut mir doch trotzdem leid! ...“

Mit einem Wort – ich sah und hörte die sehr begreifliche und natürliche Sehnsucht einer jungen, interessanten Frau nach ihrem Manne. Endlich waren wir in ihrer Wohnung angelangt und nach erfolgreichen Beruhigungsversuchen, während welcher ich mit ihr zu Mittag gespeist hatte, brach ich um sechs Uhr nach einem Täßchen aromatischen Kaffees auf, um mich zu Timofei Ssemjonytsch zu begeben, denn ich nahm an, daß um diese Zeit alle Ehemänner zu Hause liegend oder sitzend anzutreffen sind.

Übrigens:

Nachdem ich das erste Kapitel in einem Stil geschrieben habe, der mir der betreffenden Erzählung angepaßt scheint, gedenke ich fernerhin einen minder hochtrabenden anzuwenden, der dafür natürlicher sein soll, wovon ich den verehrten Leser im voraus in Kenntnis setze.

II.

Timofei Ssemjonytsch empfing mich in eigentümlicher Eile und, wie es mir schien, sogar Verwirrung. Er führte mich in sein enges Arbeitszimmer und schloß die Tür hinter uns zu. „Damit die Kinder uns nicht stören,“ sagte er sichtlich besorgt und unruhig. Mit einer Handbewegung forderte er mich auf, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, während er sich selbst in einen bequemen Sessel niederließ, die Schöße seines ziemlich abgetragenen wattierten Schlafrocks übereinanderschlug und auf alle Fälle eine gewissermaßen offizielle, fast sogar strenge Miene aufsetzte, obgleich er doch weder mein noch Iwan Matwejewitschs Vorgesetzter war, sondern stets nur für unseren Kollegen und sogar guten Bekannten gegolten hatte.

„Ganz zuerst,“ hub er denn auch an, als ich meine Rede beendet hatte, „muß ich Sie bitten, in Erwägung zu ziehen, daß ich kein Vorgesetzter bin, sondern auf gleicher Stufe mit Ihnen wie mit Iwan Matwejewitsch stehe ... Mich geht also die ganze Angelegenheit nichts an, weshalb ich mich denn auch nicht in sie hineinmischen werde.“

Ich wunderte mich, – und zwar am meisten darüber, daß er bereits alles zu wissen schien. Nichtsdestoweniger erzählte ich ihm noch einmal die ganze Geschichte, und zwar noch ausführlicher. Ich sprach sogar sehr erregt, denn ich wollte doch die Pflicht eines aufrichtigen, treuen Freundes erfüllen. Doch auch diesmal hörte er mir ohne jede Verwunderung zu, dafür aber mit allen Anzeichen des Mißtrauens.

„Denken Sie sich,“ sagte er zum Schluß, „ich habe schon immer vermutet, daß gerade so etwas mit ihm geschehen würde.“

„Weshalb denn das, Timofei Ssemjonytsch? Dieser Fall ist doch an sich, sollte ich meinen, noch viel mehr als außergewöhnlich ...“

„Zugegeben. Aber Iwan Matwejewitsch neigte schon immer, während seiner ganzen dienstlichen Laufbahn, gerade zu einem solchen Abschluß. Er war gar zu hitzig, war geradezu anmaßend. Ewig das Wort ‚Fortschritt‘ im Munde und dann so verschiedene Ideen – da sieht man jetzt, wohin das führt!“

„Aber dieser Fall ist, denke ich, durchaus außergewöhnlich, man kann ihn daher doch nicht als Beweis gegen alle fortschrittlich Gesinnten ausspielen ...“

„Nein, aber das ist nun schon einmal so. Glauben Sie mir, was ich sage. Das kommt, sehen Sie mal, von übermäßiger Bildung. Jawohl. Denn die übermäßig Gebildeten wollen ihre Nasen stets überallhin stecken, vornehmlich dorthin, wo man sie nicht wünscht. Übrigens ist es ja möglich, daß sie mehr wissen,“ unterbrach er sich plötzlich, offenbar gekränkt. „Ich bin schon alt und überdies nicht gar so gebildet; ich bin Soldatenkind und habe von unten begonnen – in diesem Jahre werde ich mein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern ...“

„O, nein, Timofei Ssemjonytsch, ich bitte Sie! Im Gegenteil, Iwan Matwejewitsch wartet nur auf Ihren Rat, er vertraut sich ganz Ihrer Leitung an. Er wartet nur auf ein Wort von Ihnen, wartet sogar sozusagen tränenden Auges ...“

„‚Sozusagen tränenden Auges‘. Hm! Nun, diese Tränen werden wohl Krokodilstränen sein, die man nicht ernst zu nehmen braucht. Weshalb, sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb wollte er ins Ausland reisen? Und mit welchem Gelde schließlich? Er selbst hat doch kein Vermögen.“

„O, diese Summe hat er sich zusammengespart, Timofei Ssemjonytsch,“ versetzte ich mitleidig. „Er wollte ja nur auf drei Monate verreisen ... in die Schweiz ... in die Heimat Wilhelm Tells ...“

„Wilhelm Tells? Hm!“

„In Neapel wollte er den Frühling empfangen. Wollte die Museen besichtigen, Sitten und Tiere kennen lernen.“

„Hm! Tiere? Meiner Ansicht nach wollte er es einfach aus Stolz. Was für Tiere denn? Tiere! Gibt es denn bei uns nicht genug Tiere? Wir haben Menagerien, Museen, Kamele ... Bären gibt’s sogar in nächster Nähe von Petersburg. Aber da ist er ja nun glücklich selbst in ein Tier hineingeraten, und noch dazu in ein Krokodil!“

„Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich, der Mensch ist im Unglück, der Mensch wendet sich an Sie als Freund, wie man sich etwa an einen älteren Verwandten wendet, er bittet Sie um Ihren Rat, Sie aber ... machen ihm Vorwürfe! ... So haben Sie doch wenigstens mit Jelena Iwanowna Mitleid!“

„Sie meinen seine Frau? Hm! Ein interessantes Dämchen,“ meinte Timofei Ssemjonytsch, augenscheinlich etwas aufgeweckter, und schnupfte mit Genuß seinen Tabak. „Ein subtiles Frauenzimmerchen. So–o ... rundlich, und das Köpfchen hält sie immer so ein wenig zur Seite geneigt, so ein wenig ... Ja. Sehr angenehm. Andrei Ossipytsch sprach noch vorgestern von ihr.“

„Er sprach von ihr?“

„Jawohl, und zwar in sehr schmeichelhaften Ausdrücken. Die Büste, sagte er, der Blick, die Coiffure – ein wahres Bonbon, sagte er, aber kein Frauenzimmer, und darnach lachte er. Was wollen Sie, er ist ja ein noch junger Mann.“ Timofei Ssemjonytsch schneuzte sich, als wolle er trompeten.

„Tja, und da haben wir nun diesen anderen jungen Mann, und sehen Sie, was der sich plötzlich für eine exzentrische Laufbahn wählt ...“

„Aber hier handelt es sich doch um etwas ganz anderes, Timofei Ssemjonytsch!“

„Gewiß, gewiß.“

„Also wie bleibt es denn nun, Timofei Ssemjonytsch?“

„Tja, was kann ich denn hierbei ausrichten?“

„Aber so raten Sie doch wenigstens zu irgend etwas, sagen Sie, was wir tun sollen, Sie sind doch ein erfahrener Mensch! Welche Schritte soll man tun? Soll man durch die Vorgesetzten oder ...“

„Durch die Vorgesetzten? Nein, das in keinem Fall,“ versetzte Timofei Ssemjonytsch eilig. „Wenn Sie meinen Rat zu hören wünschen, so muß man die Sache zuerst vertuschen und sozusagen ganz privatim vorgehen. Denn der Fall ist verdächtig und außerdem neu, noch nie dagewesen. Das ist die Hauptsache, daß es sich hier um etwas Noch-nie-dagewesenes handelt, es hat hierfür noch kein Beispiel, keinen Präzedenzfall gegeben, und schon deshalb ist er eine schlechte Empfehlung ... Daher ist vor allem Vorsicht geboten ... Mag er dort vorläufig liegen. Man muß abwarten, abwarten muß man ...“

„Ja, aber wie lange denn abwarten, Timofei Ssemjonytsch? Und wie, wenn er dort erstickt?“

„Tja, weshalb denn das? Sie sagten doch, glaube ich, daß er sich dort ganz behaglich fühle?“

Ich erzählte nochmals den ganzen Vorgang von Anfang an. Timofei Ssemjonytsch wurde nachdenklich.

„Hm!“ meinte er dann, indem er die Schnupftabakdose in der Hand drehte. „Meiner Ansicht nach kann es nicht schaden, wenn er dort eine Zeitlang abliegt, anstatt sich im Auslande herumzutreiben. Mag er jetzt einmal in Muße nachdenken. Natürlich ist es nicht nötig, dabei zu ersticken, deshalb wäre es angebracht, gewisse Vorkehrungen zur Erhaltung der Gesundheit zu treffen, sich, zum Beispiel, vor Husten in acht zu nehmen, vor diesem und jenem usw. Was aber den Deutschen betrifft, so ist er, meiner persönlichen Ansicht nach, durchaus in seinem Recht, denn es ist sein Krokodil, in das Iwan Matwejewitsch, ohne ihn, den Besitzer, um Erlaubnis zu fragen, hineingekrochen ist, nicht umgekehrt, nicht der Deutsche in Iwan Matwejewitschs Krokodil, obschon übrigens dieser, soviel ich weiß, niemals ein Krokodil besessen hat. Nun, das Krokodil ist aber in diesem Fall persönliches Eigentum, folglich kann man es nicht so ohne weiteres aufschneiden, das heißt – ohne dem Besitzer den geforderten Schadenersatz zu zahlen.“

„Aber zur Rettung eines Menschen, Timofei Ssemjonytsch!“

„Tja, sehen Sie, das ist Sache der Polizei. Also wenden Sie sich an diese.“

„Aber schließlich kann ja Iwan Matwejewitsch auch bei uns vermißt werden. Man kann vielleicht irgendwelche Aufschlüsse von ihm verlangen, ihn zu Rate ziehen wollen ...“

„Wen das? – Iwan Matwejewitsch! He–he! ... Zudem hat er ja jetzt Ferien, folglich ignorieren wir ihn und sein Treiben, – mag er dort inzwischen Europa besichtigen, was geht es uns an! Eine andere Sache ist es, wenn er nach Ablauf der Frist nicht pünktlich erscheint. Nun, dann werden wir uns erkundigen, Nachforschungen anstellen ...“

„Nach drei Monaten! Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich!“

„Tja – ... Es ist seine eigene Schuld! Wer hat ihn gebeten, ins Krokodil zu kriechen? Das käme ja schließlich darauf hinaus, daß der Staat ihm noch eine Wärterin halten muß, das ist aber in keinem Budget vorgesehen. Doch die Hauptsache: das Krokodil ist persönliches Eigentum, folglich tritt hier bereits das sogenannte ökonomische Prinzip in Aktion. Das ökonomische Prinzip aber geht allem voran. Noch vorgestern sprach Ignatij Prokofjitsch auf dem Gesellschaftsabend bei Luka Andrejewitsch ganz vorzüglich über diesen Punkt. Sie kennen doch Ignatij Prokofjitsch? Ein Kapitalist, homme d’affaires, und er redet, wissen Sie, ganz vorzüglich. ‚Wir brauchen Gewerbe,‘ sagt er, ‚Gewerbe tut uns not.‘ Wir müssen es eben schaffen, wir müssen es sozusagen erst gebären. Dazu müssen wir zuerst Kapital schaffen, das heißt, der Mittelstand, die sogenannte Bourgeoisie muß geboren werden. Da wir aber hierzulande selbst kein Kapital haben, müssen wir es aus dem Auslande heranziehen. Vor allem muß man den ausländischen Gesellschaften, die hier den Landankauf im großen betreiben, die ganze Bezirke kaufen wollen, mit günstigeren Bedingungen entgegenkommen. ‚Dieses Gemeindewesen, wie wir es jetzt haben, mit dem gemeinsamen Arbeiten und dem gemeinsamen Besitz, der doch ebensogut wie kein Besitz ist – ist einfach Gift,‘ sagte er, ‚einfach unser Ruin!‘ Und wissen Sie, er redet so mit Feuer, mit Temperament. Nun, ihm steht es auch zu: ein Kapitalist! ... Das ist etwas anderes als ein Beamter. ‚Mit diesem Gemeindewesen,‘ sagt er, ‚wird man weder unser Gewerbe, noch unsere Landwirtschaft heben. Die ausländischen Gesellschaften müßten nach Möglichkeit unser ganzes Land ankaufen und dann müßte man die größeren Bezirke in kleinere teilen, teilen, teilen, in möglichst kleine Parzellen teilen,‘ – und wissen Sie, er sagt das so kategorisch: tei–len, tei–len, sagt er und schneidet so mit der Hand – ‚und dann die einzelnen Landstücke an die Bauern verkaufen, die sie als persönliches Eigentum erwerben wollen. Oder auch nicht einmal verkaufen, sondern einfach verpachten. Wenn dann das ganze Land in den Händen der ausländischen Gesellschaften sein wird,‘ sagt er, ‚dann kann man jeden beliebigen Preis als Pacht ansetzen. Folglich wird der Bauer allein für sein tägliches Brot dreimal soviel arbeiten, wie er jetzt arbeitet, und sobald es einem paßt, kündigt man ihm. Folglich wird er sich in acht nehmen, wird gehorsam sein, fleißig, und das Dreifache von dem, was er jetzt arbeitet, für denselben Preis leisten. Was fehlt ihm jetzt in der Gemeinde! Er weiß, daß er vor Hunger nicht sterben wird, na, und da faulenzt er eben und säuft. So aber würde hier Geld aus allen Ländern zusammenfließen und würden Kapitale entstehen und eine Bourgeoisie. Es sagt ja auch die große englische Zeitung, The Times, die vor nicht langer Zeit einen Artikel über unsere Finanzen gebracht hat, daß unsere Finanzen sich eben nur deshalb nicht bessern, weil wir keinen Mittelstand haben, weil es bei uns keine großen Beutel gibt und keine arbeitsfähigen Proletarier ...‘ Ja, Ignatij Prokofjitsch spricht gut, das muß man ihm lassen. Ein geborener Redner. Jetzt beabsichtigt er eine Schrift einzureichen, die soll direkt an die Behörden gehen und nachher will er sie in den „Nachrichten“ veröffentlichen. Tja, das ist etwas anderes als Gedichte machen, wie sie ein Iwan Matwejewitsch schreibt ...“

„Ja, aber wie bleibt es denn nun mit Iwan Matwejewitsch?“ lenkte ich wieder ein, nachdem ich den Alten hatte ausreden lassen.

Timofei Ssemjonytsch sprach sich mitunter ganz gern einmal aus, um bei der Gelegenheit zu beweisen, daß er nicht etwa zurückgeblieben, sondern von allen neuen Strömungen wenigstens unterrichtet war.

„Wie es mit Iwan Matwejewitsch bleibt? Tja, das ist es ja, wovon ich rede. Da bemühen wir uns nun um Heranziehung fremden Kapitals, doch kaum hat sich das Kapital des herangezogenen Krokodilbesitzers durch Iwan Matwejewitsch verdoppelt, da wollen wir, anstatt jetzt die Gelegenheit zu benutzen und den ausländischen Besitzer zu protegieren, im Gegenteil nichts weniger als seinem Grundkapital den Bauch aufschlitzen! Nun, ich bitt’ Sie, geht denn das? Meiner Ansicht nach müßte sich Iwan Matwejewitsch, wenn er ein treuer Sohn seines Vaterlandes wäre, aufrichtig glücklich schätzen, sich freuen und stolz darauf sein, daß er durch seine Person den Wert des ausländischen Krokodils verdoppelt oder gar verdreifacht hat. Das aber ist ja die erste Bedingung zu einer erfolgreichen Heranziehung fremden Kapitals. Glückt es hier dem ersten, dann wird auch der zweite nicht lange auf sein Erscheinen warten lassen, und der dritte wird dann vielleicht ganze drei oder vier Krokodile mitbringen, und um diese beginnen dann die Kapitale sich zu gruppieren. Da hätten wir alsdann die Bourgeoisie! Tja, man muß eben begünstigen, begünstigen ...“

„Erbarmen Sie sich, Timofei Ssemjonytsch!“ rief ich aus, „Sie verlangen ja eine ganz übermenschliche Selbstaufopferung vom armen Iwan Matwejewitsch!“

„Ich verlange nichts, und vor allem bitte ich Sie – wie ich es schon einmal getan – nicht zu vergessen, daß ich nicht sein Vorgesetzter bin und somit von niemandem etwas verlangen kann. Ich rede nur als Sohn meines Vaterlandes – das heißt, nicht als ‚Sohn des Vaterlandes‘, wie eine unserer großen Zeitungen sich nennt, sondern als gewöhnlicher Sohn meines Vaterlandes. Und überdies die Frage: wer hat ihn denn gebeten, in dieses Krokodil hineinzukriechen? Bedenken Sie doch nur: ein solider Mensch, ein Beamter, der bereits einen gewissen Rang erreicht hat, außerdem rechtmäßig verheiratet ist, und plötzlich – solch ein Schritt! Sagen Sie doch selbst!“

„Aber dieser Schritt geschah doch ganz unfreiwillig, nur aus Versehen!“

„Wer kann das wissen? Und zudem, aus welcher Kasse soll dem Deutschen das Krokodil bezahlt werden? – wenn Sie mir das gefälligst sagen könnten.“

„Ginge es nicht a Konto des Gehalts?“

„Wird das ausreichen?“

„Nein, freilich nicht,“ mußte ich zu meinem Kummer zugeben. „Der Deutsche erschrak zuerst nicht wenig, denn er glaubte, sein Krokodil würde platzen; dann aber, als er sich überzeugt hatte, daß alles glücklich abgelaufen war, wurde er gerader größenwahnsinnig und freute sich sehr über die Möglichkeit, den Eintrittspreis zu verdoppeln.“

„Zu verdreifachen, zu vervierfachen! Das Publikum wird sich jetzt um Eintrittskarten reißen! Und ein Krokodilbesitzer ist nicht so dumm, daß er das nicht auszunutzen verstände! Nein, ich wiederhole: mag Iwan Matwejewitsch vorläufig ganz inkognito nur beobachten, ohne sich zu übereilen. Mögen es alle meinethalben wissen, daß er sich im Krokodil befindet, aber möge man es nicht offiziell wissen. In dieser Hinsicht trifft es sich sogar sehr gut, daß er offiziell als verreist gilt und man ihn im Auslande glaubt. Wenn man uns also benachrichtigt, daß er sich im Krokodil befindet, so werden wir es eben einfach nicht glauben. Das läßt sich sehr leicht so machen. Die Hauptsache ist also nur: abwarten. Ja, und es hat doch damit gar keine Eile ...“

„Aber wenn er zum Beispiel ...“

„Beunruhigen Sie sich nicht, der ist widerstandsfähig ...“

„Ja aber, was dann, wenn er sich nun geduldet hat?“

„Tja, ich will es Ihnen nicht verheimlichen, daß es ein sehr verzweifelter Fall ist. Mit Überlegungen kommt man hier nicht vorwärts. Aber das Schlimmste ist, daß wir bisher nichts Ähnliches gehabt haben, wie gesagt: uns fehlt ein Präzedenzfall, ein Beispiel. Hätten wir nur einen einigermaßen ähnlichen Fall, so könnte man noch so manches ausrichten. Denn sonst – wie will man sich hier zurechtfinden? Fängt man an nachzudenken, so kann er lange warten ...“

Da kam mir plötzlich ein glücklicher Gedanke.

„Aber könnte man es nicht so machen,“ unterbrach ich ihn, „daß man, wenn er nun einmal im Bauche des Krokodils ist und dieses dank himmlischer Vorsehung nicht früher eingeht, – kann man dann nicht in seinem Namen eine Bittschrift einreichen, daß man ihm diese Zeit als Dienst anrechne? ...“

„Hm! ... es sei denn, daß man sie als Urlaub anrechnet und selbstverständlich kein Gehalt für diese Zeit zu zahlen braucht ...“

„Nein, ginge es nicht mit dem Gehalt?“

„Auf Grund wessen denn das, wenn ich fragen darf?“

„Ach, sehr einfach. Indem man die Sache so hinstellt, als sei er dorthin abkommandiert ...“

„Was! – wohin?“

„In das Krokodil natürlich! ... Und einfach sozusagen zur Nachforschung und Untersuchung der Tatsachen an Ort und Stelle. Das würde natürlich etwas Neues sein, aber zugleich doch fortschrittlich, und außerdem würde es eine Bemühung um Aufklärung sein ...“

Timofei Ssemjonytsch überlegte.

„Einen Beamten,“ begann er endlich, „in das Innere eines Krokodils abzukommandieren, mit besonderen Aufträgen, versteht sich, ist meiner persönlichen Ansicht nach – Unsinn. Im Budget ist so etwas nicht vorgesehen. Und was könnten denn das für Aufträge sein?“

„Vielleicht ... so zur wissenschaftlichen Untersuchung der Naturvorgänge an Ort und Stelle, mitten im Leben sozusagen. Heutzutage ist doch Naturwissenschaft Trumpf ... Da könnte er denn dort leben und alles mitteilen ... nun, gleichviel, sagen wir: wie die Verdauung vor sich geht, so gewissermaßen den Prozeß des Verdauens beobachten, oder sonst etwas Ähnliches. Um eben Tatsachenmaterial zu sammeln ...“

„Das wäre also, sagen wir, etwas in der Art einer analytischen Statistik. Nun, was das betrifft, muß ich sagen, daß ich nicht viel davon verstehe, ich bin kein Philosoph. Sie sagen: Tatsachenmaterial, – wir sind doch ohnehin schon mit Tatsachen überhäuft und wissen nicht, was wir mit ihnen anfangen sollen. Hinzu kommt, daß diese Statistik auch noch gefährlich ist ...“

„Inwiefern denn das?“

„Jawohl: gefährlich. Und zudem – das werden Sie doch einsehen – würde er die Tatsachen mitteilen, indem er auf der Seite liegt. Was ist aber das für ein Dienst, der liegend verrichtet wird? Das wäre schon wieder eine Neueinführung, die außerdem gefährlich ist. Und weiter: es fehlt uns jegliches Beispiel. Tja, wenn Sie uns nur ein einziges kleines Vorbild nennen könnten, wenn auch nur ein einigermaßen ähnliches, so ließe es sich, meiner Ansicht nach, eventuell noch machen, daß man ihn dorthin abkommandiert.“

„Ja, aber bis hierzu ist doch noch kein lebendiges Krokodil nach Rußland gebracht worden, Timofei Ssemjonytsch!“

„Hm! Ja ...“ Er überlegte. „Wenn Sie wollen, ist diese Ihre Einwendung richtig und könnte sogar zur Basis eines entsprechenden Verfahrens in dieser Angelegenheit dienen. Aber andererseits müssen Sie auch wieder in Betracht ziehen, daß mit dem Erscheinen lebender Krokodile die Beamten anfangen würden zu verschwinden, und bald würden sie alle verlangen, zumal es dort warm und weich ist, abkommandiert zu werden, um dann auf der Bärenhaut liegen zu können ... das ist doch, nicht wahr, ein schlechtes Beispiel! So kann ja schließlich ein jeder dorthin wollen, um auf diese Weise sein Gehalt ohne jede Mühe zu erhalten.“

„Nun, jedenfalls werden Sie doch ein gutes Wort für ihn einlegen, Timofei Ssemjonytsch? Bei der Gelegenheit: Iwan Matwejewitsch hat mich gebeten, Ihnen eine kleine Kartenschuld zu übergeben, sieben Rubel waren es, glaube ich.“

„Ach richtig, die verlor er letztens bei Nikifor Nikiforytsch. Ich weiß. Und wie guter Laune er damals war, er scherzte, lachte, und jetzt! ...“

Der alte Mann war aufrichtig gerührt.

„Also Sie tun etwas für ihn, Timofei Ssemjonytsch?“

„Gewiß, gewiß. Ich werde mich so unter der Hand erkundigen, nur um zu sondieren ... Aber übrigens – könnten Sie nicht irgendwie, sagen wir, inoffiziell, so auf Umwegen in Erfahrung bringen, wieviel der Besitzer nötigen Falles für sein Krokodil verlangen würde?“

Timofei Ssemjonytsch war ersichtlich gütiger geworden.

„O, unbedingt,“ versprach ich freudig, „und wenn Sie erlauben, werde ich bei Ihnen vorsprechen, sobald ich es erfahren habe.“

„Und seine Frau ... die ist jetzt wohl allein zu Hause? Langweilt sich?“

„Würden Sie sie nicht besuchen, Timofei Ssemjonytsch?“

„Gewiß, gewiß. Ich dachte schon gestern daran, und jetzt ist es ja eine so günstige Gelegenheit ... Tja, was ihn nur geplagt haben mag, das Krokodil zu besehen. Übrigens werde ich es mir doch auch einmal anschauen müssen ...“

„Ja, besuchen Sie doch den Armen.“

„Gewiß, gewiß. Natürlich will ich ihm durch diesen meinen Schritt keine Hoffnung machen. Ich werde eben nur als Privatperson hingehen ... Nun, auf Wiedersehen, ich muß ja heute wieder zu Nikifor Nikiforytsch; werden Sie dort sein?“

„Nein, ich gehe jetzt zum Gefangenen.“

„Tja, jetzt muß man zum ‚Gefangenen‘ gehn! ’s ist doch ein Leichtsinn, ein Leichtsinn!“

Ich verabschiedete mich von ihm. Verschiedene Gedanken gingen mir durch den Kopf. Dieser Timofei Ssemjonytsch war ja ein herzensguter und grundehrlicher Mensch, als ich ihn aber verlassen hatte, freute ich mich doch, daß er in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern konnte und solche Timofei Ssemjonytschs immerhin schon eine Seltenheit bei uns geworden sind.

Ich begab mich eilig und geradenwegs in die Passage, um dem armen Iwan Matwejewitsch das Ergebnis meiner Unterredung mit unserem erfahrenen Kollegen mitzuteilen. Ich muß aber sagen, daß mich auch meine Neugier nicht wenig zu dieser Eile antrieb. Wie hatte er sich dort im Krokodil eingerichtet und wie konnte ein Mensch überhaupt in einem Krokodil leben? Wie war das möglich? Mitunter schien es mir wahrlich nur ein ungeheuerlicher Traum zu sein, um so mehr, als es sich um ein Ungeheuer handelte ...

III.

Und doch war es kein Traum, sondern unanfechtbare Wirklichkeit. Würde ich es denn sonst überhaupt erzählen! Aber ich fahre fort ...

Es war schon ziemlich spät, gegen neun, als ich endlich in der Passage anlangte. In die Menagerie konnte ich nur durch eine Hintertür gelangen, da der Besitzer seine „Ausstellung“ offiziell bereits geschlossen hatte. Er selbst ging in einem alten schmierigen Rock, doch dreimal zufriedener mit sich und der Welt, in seinen Räumen umher. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, daß er nichts mehr befürchtete und das Publikum an diesem Nachmittage sehr zahlreich herbeigeströmt war. Seine „Mutter“ erschien erst später auf der Bildfläche, und zwar, wie es schien, nur deshalb, um mich im Auge zu behalten. Sie und ihr Gatte steckten oft die Köpfe zusammen und tuschelten geschäftig. Obschon die „Ausstellung“ geschlossen war, verlangte er von mir doch noch die üblichen fünfundzwanzig Kopeken. Gott, nichts ist schrecklicher als übertriebene Akkuratesse!

„Sie werden jedesmal zahlen, wenn Sie kommen. Das übrige Publikum zahlt jetzt einen Rubel pro Person, von Ihnen aber nehme ich nur fünfundzwanzig Kopeken, denn Sie sind ein guter Freund Ihres guten Freundes und Freundschaft respektiere ich ...“

„Lebt er, lebt er noch, mein Freund?“ rief ich laut, indem ich den Deutschen stehen ließ und zum Krokodil eilte. Im geheimen hoffte ich, daß mein lauter Ruf bis zu meinem Freunde dringen und seiner Eigenliebe schmeicheln würde.

Ich hatte mich nicht getäuscht.

„Er lebt und ist gesund,“ tönte es sogleich wie aus der Tiefe des Raumes zurück, oder wie unter einem Kissen hervor, obwohl ich fast schon beim Krokodil angelangt war. „Er lebt und ist gesund, doch davon später ... Wie steht es?“

Ich tat, als hätte ich die Frage nicht gehört und begann ihn eilig und teilnahmsvoll mit meinen Fragen zu überschütten: wie er sich fühle, wie es denn dort im Krokodil aussehe und was dort im Magen noch außer ihm sei? – wie es die gewöhnliche Höflichkeit und jedes Freundschaftsverhältnis verlangt. Doch ärgerlich und eigensinnig unterbrach er mich.

„Wie es steht?“ schrie er kreischend, wie ein geärgerter heiserer Kommandant, so daß er mir im Augenblick sehr unsympathisch war. Übrigens hatte er sich mir gegenüber oft genug diesen Befehlshaberton erlaubt.

Ich unterdrückte meinen Groll und erzählte ihm mit allen Details, was Timofei Ssemjonytsch gesagt hatte. Übrigens bemühte ich mich doch, durch den Tonfall meiner Stimme zu verstehen zu geben, daß ich mich gekränkt fühlte.

„Der Alte hat recht,“ entschied Iwan Matwejewitsch kategorisch, wie er gewöhnlich mit mir zu sprechen pflegte. „Liebe praktische Menschen und kann sentimentale Memmen nicht ausstehen. Bin aber bereit, zuzugeben, daß auch deine Idee, mich hierher abkommandieren zu lassen, nicht ganz barer Unsinn ist. Vermag allerdings vieles mitzuteilen, das sowohl wissenschaftlich wie sittlich neu ist. Doch jetzt nimmt das alles eine andere, ganz unerwartete Wendung und da lohnt es sich nicht wegen des Gehalts zu streiten. Höre aufmerksam zu. Sitzt du?“

„Nein, ich stehe.“

„Setz’ dich auf irgend etwas, meinetwegen auf den Fußboden, und höre aufmerksam zu.“

Wütend nahm ich einen Stuhl und stellte ihn so nachdrücklich hin, daß die Beine laut aufschlugen.

„Höre,“ hub er im Befehlshaberton an, „Publikum hat es heute eine Unmenge gegeben. Gegen Abend konnte der Raum die Menschen gar nicht fassen, die eintreten wollten. Der Ordnung halber erschien die Polizei. Gegen acht Uhr, also früher als sonst, schloß der Deutsche die Ausstellung, erstens um das viele Geld zu zählen und zweitens, um sich besser für morgen vorbereiten zu können. Morgen wird es hier ein ganzer Jahrmarkt werden. Es ist also anzunehmen, daß mit der Zeit alle gebildeten Leute unserer Hauptstadt, alle Damen der vornehmen Gesellschaft, alle Gesandten und Botschafter, Legationsräte, Assessoren und Juristen sich hier einfinden werden. Und nicht nur das: man wird aus allen Provinzen unseres großen, neugierigen Reiches herkommen, um das Wunder anzustaunen. Daraus ergibt sich, daß ich, obgleich persönlich unsichtbar, doch die erste Rolle spielen werde. Werde die müßige Masse belehren, werde, selbst belehrt durch eigene Erfahrung, mich als Beispiel der Demut vor dem Schicksal hinstellen! Werde, um im Bilde zu reden, ein Katheder sein, von dem herab ich die Menschheit unterweise. Schon allein die naturwissenschaftlichen Aufschlüsse, die ich über das von mir bewohnte Tier geben kann, sind unendlich wertvoll. Und deshalb murre ich nicht nur nicht wider jenen Zufall, der mich hierherbefördert hat, sondern hoffe, dank diesem Zufall, die glänzendste Karriere zu machen.“

„Wenn’s nur nicht langweilig wird,“ bemerkte ich trocken.

Am meisten ärgerte mich, daß er, wenn er von sich sprach, das persönliche Fürwort überhaupt nicht mehr gebrauchte, – so voll war er von sich! Nichtsdestoweniger machte mich dieser Ton doch stutzig. „Was bildet sich dieser dumme Kerl eigentlich ein!“ fragte ich mich geradezu empört. „Weinen müßte er, aber nicht noch großtun!“

„Nein, das wird es nicht!“ antwortete er schroff auf meine Bemerkung, „denn ich bin durchdrungen von großen Ideen. Kann erst jetzt zum erstenmal in Muße über die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit nachdenken. Aus diesem Krokodil soll fortan die Wahrheit und das Licht hervorgehen! Werde unfehlbar eine neue, meine eigene Theorie für die ökonomischen Verhältnisse erfinden und stolz auf sie sein können – was mir bisher infolge des Bureaudienstes und der flachen weltlichen Zerstreuungen nicht möglich war. Werde alles widerlegen, werde meine Gegenbeweise vorbringen und ein neuer Charles Fourier werden. Hast du Timofei Ssemjonytsch die sieben Rubel gegeben?“

„Ja, aus meiner Tasche,“ antwortete ich, und zwar so, daß allein schon der Ton meiner Stimme sagte, daß ich seine Schuld aus meiner Tasche bezahlt hatte.

„Das wird dir bezahlt werden,“ sagte er hochmütig. „Erwarte unbedingt eine Gehaltserhöhung, denn wem sollte man sonst eine zusprechen, wenn nicht mir? Ich bringe jetzt unendlichen Nutzen. Doch zur Sache. – Meine Frau?“

„Du willst dich wohl nach dem Befinden Jelena Iwanownas erkundigen?“

„Meine Frau?!“ schrie er gerader wie ein altes Weib.

Da war natürlich nichts zu machen. Gehorsam, doch innerlich knirschend erzählte ich, wie ich Jelena Iwanowna nach Hause begleitet und verlassen hatte. Er unterbrach mich jedoch, noch bevor ich zu Ende erzählt hatte.

„Ich habe besondere Absichten mit ihr,“ sagte er gereizt. „Werde ich hier berühmt, nun, so will ich, daß sie dort berühmt werde. Alle Gelehrten, Dichter, Philosophen, Zoologen, ausländische wie inländische, alle Staatsmänner werden, nach ihrer Unterhaltung mit mir am Vormittage, am Abend in ihrem Salon erscheinen. In der nächsten Woche muß sie jeden Abend bei sich empfangen. Mein verdoppeltes Gehalt wird ihr die Mittel geben, die Kosten zu bestreiten, und da sich so etwas sehr gut nur mit Tee und Lohndienern machen läßt, so brauchen wir über den Kostenpunkt weiter kein Wort zu verlieren. Hier wie dort wird man nur von mir reden. Habe mich lange nach einer Gelegenheit gesehnt, die von mir reden machen könnte, doch blieb mir die Erfüllung dieses Wunsches versagt, da ich durch meinen Rang und meine Bedeutung gebunden war. Jetzt ist alles dank dem einen ingeniösen Einfall des Krokodils ohne weiteres erreicht. Jedes meiner Worte wird jetzt niedergeschrieben, jeder Ausspruch erörtert, weitergegeben, gedruckt werden. Werde mich ihnen offenbaren! Sie werden begreifen, welche Fähigkeiten sie im Eingeweide eines Krokodils fast haben umkommen lassen. ‚Dieser Mann könnte ein Minister sein und ein ganzes Königreich regieren!‘ werden sie sagen. Inwiefern, sag’ doch selbst, inwiefern bin ich schlechter als irgend solch ein Garnier-Pagès oder wie sie da heißen? Meine Frau muß ein Pendant zu mir sein: ich glänze durch meinen Verstand – sie durch Schönheit und Liebenswürdigkeit. ‚Sie ist entzückend, deshalb ist sie seine Frau,‘ werden die einen sagen. ‚Sie ist entzückend, weil sie seine Frau ist,‘ werden die anderen den Ausspruch verbessern. Jedenfalls sage ihr, daß sie sich sogleich morgen das enzyklopädische Lexikon kaufen soll, das von Andrei Krajewskij herausgegeben worden ist, um über alles reden zu können. Doch soll sie vor allen Dingen stets den Leitartikler in den ‚St. Petersburger Nachrichten‘ lesen und täglich mit dem Leitartikel des ‚Woloß‘ vergleichen. Nehme an, daß der Besitzer einwilligen wird, mich bisweilen mit dem Krokodil in den Salon meiner Frau zu bringen. Werde dann auf dem Boden dieses Blechkastens mitten im glänzenden Salon stehen und mit Bonmots, die ich mir schon vom Morgen an zurechtlegen kann, nur so um mich werfen. Dem Staatsmanne werde ich meine Projekte vorlegen; mit dem Dichter werde ich nur in Reimen reden; mit den Damen werde ich unterhaltend und amüsant sein, – da ich ja jetzt für ihre Männer ganz ungefährlich bin. Allen übrigen werde ich als Vorbild dienen, als Beispiel demutvoller Ergebung und Unterordnung meines Willens unter denjenigen der Vorsehung. Meine Frau werde ich zu einer glänzenden literarischen Erscheinung machen, ich werde sie hervorheben und dem Publikum erklären; als meine Frau muß sie die größten Vorzüge haben, und wenn man mit Recht Andrei Alexandrowitsch unseren Alfred de Musset nennt, so wird man sie mit noch größerem Recht unsere Eugenie Tour nennen.“

Offen gestanden, mir kam der Gedanke, daß mein Iwan Matwejewitsch, obschon dieser ganze Unsinn an den ehemaligen Iwan Matwejewitsch erinnerte, zur Zeit, wenn auch nicht gerade unheilbar erkrankt war, so doch hohes Fieber haben mußte und demzufolge phantasierte. Im Grunde war es ja ganz derselbe alltägliche Iwan Matwejewitsch, nur – wie soll ich sagen? – etwa durch ein zwanzigfaches Vergrößerungsglas gesehen.

„Mein Freund,“ begann ich möglichst sanft, „hoffst du, bei diesem Leben ein hohes Alter zu erreichen? Und überhaupt, sage doch: bist du gesund? Was ißt du, wie schläfst du, wie atmest du? Ich bin dein Freund, und du wirst doch zugeben, daß dieser Fall gar zu übernatürlich ist, um mein Interesse nicht natürlich erscheinen zu lassen.“

„Es ist nur müßige Neugier von dir und nichts weiter,“ widersprach er ärgerlich. „Doch ich will sie trotzdem befriedigen. Du fragst, wie ich mich hier im Leibe des Krokodils eingerichtet habe? Erstens hat sich das Krokodil zu meiner Überraschung als etwas vollkommen Leeres erwiesen. Sein Inneres besteht gleichsam aus einem großen leeren Sack, der an jene Gummigegenstände erinnert, die man in den Schaufenstern der großen Kaufläden an der Morskaja, Gorochowaja und, wenn ich nicht irre, auch auf dem Wosnessenskij Prospekt ausgestellt sieht. Denn – sage es dir doch selbst – wie könnte ich mich sonst hier aufhalten?“

„Ist’s möglich!“ rief ich in begreiflicher Verwunderung aus. „Ist das Krokodil wirklich ganz leer?“

„Vollkommen leer,“ bestätigte Iwan Matwejewitsch streng und nachdrücklich. „Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es das gemäß den Gesetzen seiner Natur. Das Krokodil setzt sich zusammen aus einem großen Rachen, der mit scharfen Zähnen versehen ist, und außerdem einem langen Schwanze, – und das ist das ganze Krokodil, genau genommen. In der Mitte aber zwischen diesen zwei Extremitäten ist ein leerer Raum, der von einer kautschukartigen Masse umfaßt wird – wahrscheinlich ist es wirklicher Kautschuk ...“

„Aber die Rippen, der Magen, die Gedärme, die Leber, das Herz?“ unterbrach ich ihn fast persönlich gekränkt.

„Davon gibt’s hier n–nichts, absolut nichts, und aller Wahrscheinlichkeit nach hat’s davon auch niemals etwas hier gegeben. Alles das ist nur eine freie Erfindung der müßigen Phantasie leichtsinniger Reisender. Wie man ein aus Gummi hergestelltes Sitzkissen aufbläst, so kann ich jetzt mein Krokodil aufblasen. Sein Inneres ist bis zur Unglaublichkeit dehnbar. Selbst du könntest noch als Hausfreund hier Platz finden, wenn du so großmütig wärest, mir Gesellschaft leisten zu wollen. Ich habe sogar daran gedacht, im äußersten Fall Jelena Iwanowna hierher zu beordern. Übrigens stimmt diese leere Beschaffenheit des Krokodils vollkommen mit den wissenschaftlichen Angaben überein. Denn, nehmen wir zum Beispiel an, daß dir der Auftrag zuteil würde, ein neues Krokodil zu schaffen, so würde sich vor dir doch unwillkürlich die Frage erheben: welches ist der Lebenszweck eines Krokodils? Die Antwort liegt auf der Hand: Menschen zu verschlingen. – Wie nun das Innere des Krokodils zweckmäßig schaffen, damit es ohne eigene Lebensgefahr Menschen verschlingen kann? Auf diese Frage ist die Antwort noch leichter: man läßt es – leer sein. Wie du weißt, hat die Physik bewiesen, daß die Natur keine Leere duldet. Infolgedessen wird durch diese Leere, die die Natur nicht duldet, die Funktion des Krokodils hervorgerufen, denn die Leere, die erwiesenermaßen nicht leer bleiben kann, muß sich nach dem einfachen Gesetz der Natur füllen, und folglich greift sie ganz naturgemäß nach allem, was sich in ihrem Bereich befindet. Damit hast du den Grund, weshalb alle Krokodile Menschen verschlingen. Das ist das Gesetz von der funktionierenden Leere. Doch gilt es selbstverständlich nicht für alle Lebewesen. Ganz anders ist zum Beispiel der Mensch beschaffen: je leerer zum Beispiel der Kopf eines Menschen ist, um so weniger hat er das Bedürfnis, sich zu füllen, doch ist das wiederum nur als eine Ausnahme aus der allgemeinen Regel zu betrachten. Alles dieses ist mir jetzt so klar wie der Tag, und alles, was ich dir hier sage, hat mir mein eigener Verstand erschlossen, durch eigene Anschauung, während ich mich im Eingeweide der Natur selbst befand, an der Quelle ihrer Geheimnisse, kann sagen, ihrem Pulsschlag lauschend. Sogar die Ethymologie stimmt mit mir überein, denn allein schon der Name des Tieres bedeutet Gesprächigkeit. Krokodil – Crocodillo – ist zweifellos ein italienisches Wort, das vielleicht aus der Zeit stammt, in der in Ägypten die alten Pharaonen herrschten, ein Wort, das offenbar das französische Wort croquer zur Wurzel hat. Was ich dir soeben gesagt habe, gedenke ich als erste Lektion zu lesen, vor dem Publikum, versteht sich, das sich in Jelena Iwanownas Salon versammeln wird, wenn man mich in diesem Kasten hinbringt.“

„Lieber Freund, sag’ mal, würdest du nicht irgend eine erleichternde Arznei einnehmen wollen?“ fragte ich unwillkürlich. „Er hat Fieber, er fiebert, er muß hochgradiges Fieber haben!“ dachte ich angstvoll.

„Unsinn!“ sagte er verächtlich. „Und außerdem wäre eine Purganz in meinem gegenwärtigen Logis nicht ganz angebracht. Übrigens konnte ich es mir denken, daß du unfehlbar mit so etwas kommen würdest.“

„Aber, Freund, wie ... wie wirst du denn jetzt überhaupt etwas zu dir nehmen? Hast du heute zu Mittag gespeist?“

„Nein, das nicht, aber ich bin vollkommen satt und werde höchstwahrscheinlich überhaupt nichts mehr genießen. Doch auch dieses ist durchaus erklärlich: indem ich das ganze Innere des Krokodils erfülle, mache ich es auf ewig satt. Jetzt braucht man es jahrelang nicht zu füttern. Und andererseits: indem das Krokodil durch mich satt ist, gibt es wiederum mir alle Lebenssäfte aus seinem Körper. Das ist ungefähr dieselbe Ernährungsmethode, die raffinierte Schönheiten anwenden, wenn sie zur Nacht ihren ganzen Körper mit rohen Koteletts bedecken, und dann am nächsten Morgen nach einem duftenden Bade wieder frisch, kräftig, geschmeidig und verführerisch sind. So erhalte ich, indem ich das Krokodil ernähre, von ihm alle Nahrungssäfte zurück, folglich ernähren wir uns gegenseitig. Da es aber selbst einem Krokodil schwer fallen dürfte, einen Menschen von meiner Konstitution zu verdauen, so ist anzunehmen, daß es eine gewisse Schwere im Magen empfindet – obwohl es keinen Magen hat. Doch das tut nichts zur Sache. Deshalb bewege ich mich hier so wenig als möglich, obschon mich nichts hindern würde, doch unterlasse ich es einfach aus Humanität. Diese geringe Bewegungsmöglichkeit wäre das einzige, was ich an meinem gegenwärtigen Zustande auszusetzen hätte, und im allegorischen Sinne hat Timofei Ssemjonytsch durchaus recht, wenn er sagt, ich läge auf der Bärenhaut. Ich werde aber beweisen, daß man auch liegend das Schicksal der Menschheit umstürzen kann. Alle großen Ideen und alle neuen Tendenzen unserer Zeitungen und Zeitschriften stammen augenscheinlich von Leuten, die auf der Bärenhaut liegen; das ist auch der Grund, weshalb man sie Kabinettideen nennt ... Doch übrigens – gleichviel wie man sie nennt! Ich werde jetzt ein ganz spezielles System erfinden, – du ahnst nicht, wie leicht das ist! Man braucht sich nur irgendwohin in die Einsamkeit zurückzuziehen oder auch in ein Krokodil hineinzugeraten, die Augen zu schließen, und im Nu hat man ein ganzes Paradies für die Menschheit erfunden. Vorhin, als ihr mich verließt, machte ich mich sogleich daran, zu erfinden, und an diesem einen Nachmittage habe ich ganze drei Systeme erfunden und soeben bin ich beim vierten. Es ist wahr, zuerst muß man alles Bestehende verwerfen, man muß einfach alles umstürzen; aber aus dem Krokodil heraus ist das so leicht; ja aus dem Krokodil gesehen wird alles gleichsam sichtbarer ... Übrigens gibt es hier doch noch einiges zu bemängeln, freilich nur Nebensächliches: es ist hier zum Beispiel etwas feucht und wie mit Schleim bedeckt und außerdem riecht es nach Gummi, ganz genau so wie meine alten Galoschen vom vorigen Jahr. Aber das ist auch alles, was es hier zu bemängeln gibt ...“

„Iwan Matwejewitsch,“ unterbrach ich ihn, „was du da redest, erscheint mir so wunderlich, daß ich kaum meinen Ohren traue. Aber sage mir doch wenigstens das eine: hast du wirklich die Absicht, überhaupt nicht mehr zu essen?“

„Du oberflächlicher, müßiger Mensch, um was du dich sorgst! Ich rede von großen Ideen, du aber ... So höre denn, daß mich die großen Ideen sättigen und die Nacht, die mich umgibt, taghell erleuchten. Übrigens hat der gutmütige Deutsche, der Eigentümer des Krokodils, sich mit seiner herzensguten Mutter beraten und da haben sie beide beschlossen, mir jeden Morgen durch den Rachen des Krokodils ein gebogenes Metallröhrchen zuzustecken, damit ich durch dasselbe Kaffee, Tee oder Bouillon mit aufgeweichtem Zwieback genießen könne. Die Röhre ist bereits bestellt, gleichfalls bei einem Deutschen hier in der Nachbarschaft, doch ist sie, glaube ich, nur unnützer Luxus. Zu leben aber hoffe ich mindestens tausend Jahre, wenn es wahr ist, daß ein Krokodil so lange leben kann ... Jawohl! gut, daß ich das nicht vergessen habe: sieh doch morgen in einer Naturgeschichte nach und teile mir dann mit, wie lange ein Krokodil lebt, denn es ist möglich, daß ich es mit irgend einem anderen vorsintflutlichen Tiere verwechsle. Nur eines erregt mein Bedenken: wie du weißt, bin ich angekleidet und zwar ist mein Anzug aus russischem Tuch und an den Füßen habe ich Stiefel, daher kann das Krokodil mich offenbar nicht verdauen. Hinzu kommt, daß ich lebendig bin, mich deshalb der Verdauung mit meiner ganzen Willenskraft widersetze, denn begreiflicherweise will ich mich nicht in das verwandeln, in was sich schließlich jede Speise verwandelt, da ein solches Ende gar zu erniedrigend für mich wäre. Nun fürchte ich aber, daß der Stoff meines Anzuges einer tausendjährigen Frist nicht standhalten wird; er kann, als minderwertige russische Ware, früher verwesen und dann würde ich ohne diesen äußeren Schutz trotz meines ganzen Unwillens oder Willens, vielleicht doch verdaut werden, denn wenn ich es auch tagsüber unter keiner Bedingung zulassen werde, so kann mich doch in der Nacht, wenn der Wille mich im Schlaf verläßt, das gewöhnliche Schicksal einer genossenen Kartoffel oder Fleischpastete ereilen. Diese Möglichkeit, oder auch nur der bloße Gedanke an diese Möglichkeit macht mich rasend. Allein schon aus diesem Grunde müßte man den Zolltarif ändern und den Import englischer Stoffe begünstigen, denn da sie fester sind, würden sie den zersetzenden Einflüssen der Natur länger Widerstand bieten, falls jemand in einem solchen Anzug in ein Krokodil hineingerät. Jedenfalls werde ich mein diesbezügliches Projekt bei nächster Gelegenheit einem Staatsmanne vorlegen und gleichzeitig auch den Berichterstattern unserer Tageszeitungen. Mögen sie es erörtern! Hoffe aber, daß sie nicht nur diese Idee von mir annehmen werden. Ich sehe voraus, daß jeden Morgen eine ganze Schar dieser Leute sich um mich drängen wird, um diesen Blechkasten, um meine Beurteilungen der neuesten Telegramme zu vernehmen und jedes Wort, das ich fallen lasse, gierig zu erhaschen. Mit einem Wort – ich sehe die Zukunft im rosigsten Licht ...“

„Delirium, Delirium!“ dachte ich bei mir.

„Freund, aber die Freiheit?“ fragte ich, um seine Ansichten kennen zu lernen. „Du bist doch jetzt geradezu ein Gefangener in einem dunklen Verließ, während der wahre Mensch sich der Freiheit erfreuen soll.“

„Du bist dumm,“ war seine, für mich etwas unerwartete Antwort. „Nur die Wilden lieben Unabhängigkeit, weise Leute lieben dagegen Ordnung, wenn es aber keine Ordnung gibt ...“

„Iwan Matwejewitsch!“ rief ich aus.

„Schweig’ und höre!“ kreischte er, ärgerlich darüber, daß ich ihn unterbrochen hatte. „Noch niemals hat sich mein Geist so hoch emporgeschwungen wie jetzt. In meiner engen Wohnung fürchte ich augenblicklich nur – die literarische Kritik unserer dicken Tageszeitungen und den Spott unserer satirischen Blätter. Ich fürchte, daß die leichtsinnigen Elemente unter den Besuchern der Ausstellung, die Dummköpfe und Neider und überhaupt die Nihilisten, mich werden lächerlich machen wollen. Doch ich werde Maßregeln zu ergreifen wissen. Erwarte nur mit Ungeduld die Meinungsäußerungen des Publikums, doch hauptsächlich – die Besprechungen der Zeitungen. Bringe morgen alle Zeitungen mit, wenn du kommst!“

„Gut, ich werde einen ganzen Stoß mitbringen.“

„Eigentlich ist es aber noch zu früh, morgen schon Besprechungen zu erwarten, gewöhnlich werden bei uns Neuigkeiten erst nach vier Tagen besprochen. Doch von nun an komme jeden Abend durch den Hofeingang zu mir, denn ich beabsichtige, dich als meinen Sekretär zu benutzen. Du wirst mir die Zeitungen vorlesen und ich werde dir meine Gedanken diktieren und Aufträge geben. Vor allen Dingen aber vergiß nicht die neuesten Telegramme. Daß du mir jeden Tag die letzten europäischen Drahtnachrichten bringst! Doch nun genug: du wirst jetzt schlafen wollen. Geh also nach Hause und denke darüber nach, was ich dir soeben über die Kritik gesagt habe: ich fürchte sie nicht, denn sie befindet sich selbst in einer kritischen Lage. Man braucht nur weise und tugendhaft zu sein und man wird unfehlbar auf ein Piedestal gehoben. Wenn nicht ein Sokrates, dann ein Diogenes, oder dieser und jener zugleich – das wird meine zukünftige Rolle in der Menschheit sein.“

So leichtsinnig und aufdringlich – bei Gott, er mußte hohes Fieber haben! – beeilte sich mein Freund Iwan Matwejewitsch, mich seine Ansichten wissen zu lassen, jenen charakterschwachen alten Frauenzimmern nicht unähnlich, von denen behauptet wird, daß sie kein Geheimnis bewahren können. Ich aber muß gestehen, daß mir alles, was er da von der inneren Beschaffenheit des Krokodils gesagt hatte, äußerst verdächtig erschien. Wie war es möglich, daß ein Krokodil keinen Magen, kein Herz, keine Lungen hatte? Ich könnte wetten, daß er alles das einzig aus Prahlerei frei erfunden hatte, zum Teil vielleicht auch nur, um mich zu kränken, zu erniedrigen. Freilich war er krank, und zu einem Kranken muß man gut sein, doch wenn ich anstatt gut offen sein will, so muß ich sagen, daß ich meinen Freund Iwan Matwejewitsch niemals habe ausstehen können. Mein ganzes Leben hindurch, von Kindheit an, habe ich mich von seiner Vormundschaft nicht befreien können. Tausendmal wollte ich ihm den Laufpaß geben, doch immer wieder zog es mich zu ihm, als hätte ich im geheimen immer noch gehofft, ihm irgend etwas beweisen oder irgend etwas heimzahlen zu können. Ein wunderliches Ding war diese Freundschaft! Ich kann ganz ehrlich sagen, daß meine Freundschaft zu neun Zehnteln aus Wut bestand.

Doch an jenem Abend verabschiedeten wir uns fast gefühlvoll.

„Ihr Freund ist ein sehr kluger Mensch!“ sagte mir halblaut der Deutsche, als er sich zu mir gesellte, um mich hinauszugeleiten. Er hatte die ganze Zeit aufmerksam unserem Gespräch zugehört.

„Apropos!“ unterbrach ich ihn, „damit ich es nicht vergesse: wieviel würden Sie für Ihr Krokodil verlangen, im Fall man es von Ihnen kaufen wollte?“

Iwan Matwejewitsch, der meine Frage gehört haben mußte, schien mit besonderer Spannung auf die Antwort zu warten. Offenbar wollte er nicht, daß der Deutsche wenig für dasselbe verlange; jedenfalls vernahmen wir nach meiner Frage ein eigentümliches Räuspern, das entfernt an ein Grunzen erinnerte.

Zuerst wollte der Deutsche überhaupt nichts davon hören, ja er wurde sogar ärgerlich.

„Niemand darf mein Eigentum ohne meine Einwilligung kaufen!“ schrie er, im Jähzorn rot wie ein gekochter Krebs. „Ich will mein Krokodil überhaupt nicht verkaufen! Geben Sie mir eine Million Taler – ich verkauf’ es nicht! Ich habe heute hundertunddreißig Taler vom Publikum eingenommen und morgen werde ich zehntausend Taler einnehmen und dann hunderttausend Taler Tag für Tag! Nein! Ich will es überhaupt nicht verkaufen!“

Iwan Matwejewitsch begann zu lachen vor Vergnügen.

Ich bezwang mich nach Möglichkeit und bat den übergeschnappten Deutschen scheinbar ganz kaltblütig, sich die Sache zu überlegen, zumal seine Berechnungen meiner Meinung nach nicht genügend mit der Wirklichkeit übereinstimmten, daß zum Beispiel wenn er hunderttausend täglich einnähme, in vier Tagen ganz Petersburg bei ihm gewesen sein müsse, und damit wäre dann die Einnahmequelle versiegt. Und außerdem stehe unser aller Leben und Tod in Gottes Hand, das Krokodil könne vielleicht doch noch irgendwie platzen oder Iwan Matwejewitsch erkranken und sogar sterben usw. usw.

Der Deutsche wurde nachdenklich.

„Ich werde ihm Tropfen aus der Apotheke geben,“ meinte er dann schließlich nach reiflicher Überlegung, „dann wird er nicht sterben.“

„Tropfen hin, Tropfen her,“ meinte ich, „aber haben Sie auch das in Erwägung gezogen, daß Sie es mit der Polizei und dem Gericht zu tun bekommen können? Die Gattin Iwan Matwejewitschs kann zum Beispiel ihren gesetzmäßig ihr angetrauten Gatten zurückverlangen. Sie haben nun die Absicht, reich zu werden, haben Sie aber auch die Absicht, seiner Frau eine Entschädigung, etwa eine Pension zu zahlen?“

„Nein, die habe ich nicht!“ antwortete streng und entschlossen der Deutsche.

„Nein, die haben wir nicht!“ bestätigte sogar mit merklicher Bosheit die Mutter.

„Nun denn – wäre es für Sie da nicht ratsamer, jetzt sogleich und mit einemmal eine zwar geringere, doch dafür sichere Summe zu empfangen, als sich der Ungewißheit anzuvertrauen? Übrigens erachte ich es als meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie nur aus persönlicher Neugier frage.“

Der Deutsche nahm seine Mutter beiseite und begab sich mit ihr in den fernsten Winkel, wo ein Käfig mit dem größten und widerlichsten aller Affen stand, um sich dort flüsternd mit ihr zu beraten.

„Du wirst sehen!“ sagte Iwan Matwejewitsch in vielsagendem Tone zu mir.

Was mich betrifft, so muß ich sagen, daß ich ein unbändiges Verlangen verspürte, erstens den Deutschen gründlich zu verprügeln, zweitens, noch gründlicher seine Frau; und drittens – am gründlichsten und schmerzhaftesten meinen Freund Iwan Matwejewitsch selbst wegen seiner unverschämten Eigenliebe. Doch alles das war noch nichts im Vergleich zu der Antwort des habgierigen Deutschen.

Der verlangte, nachdem er sich genugsam mit seiner besseren Hälfte beraten, für sein Krokodil fünfzigtausend Rubel, zahlbar in Papieren der jüngsten inneren Anleihe, außerdem ein steinernes Haus an der Gorochowaja, und zwar eines mit einer dazugehörigen Apotheke, und außerdem noch den Rang eines russischen Obersten.

„Siehst du!“ triumphierte Iwan Matwejewitsch, „ich sagte es dir! Ausgenommen den letzten unbegründeten Wunsch, hat er vollkommen recht, denn wie du siehst, versteht er den Wert seines Eigentums richtig zu schätzen. Das ökonomische Prinzip geht allem voran!“

„Aber so sagen Sie doch,“ rief ich zornig dem Deutschen zu, „so sagen Sie mir doch, wozu Sie den Rang und Titel eines Obersten brauchen? Was für eine Heldentat haben Sie denn ausgeführt, wenn man fragen darf, welch einen Dienst Rußland erwiesen, welchen Ruhm sich auf dem Schlachtfelde erworben? Sind Sie nach alledem nicht einfach verrückt?“

„Ich – verrückt?“ rief der Deutsche mit gekränkter Würde aus. „Nein, nicht verrückt, sondern sehr vernünftig, Sie aber sind das Gegenteil! Ich habe den Rang eines Obersten verdient, weil ich ein Krokodil zeigen kann, in dem ein lebendiger Hofrat sitzt, ein Russe aber kann ein solches Krokodil, das mit einem lebendigen Hofrat gefüllt ist, der Welt nicht zeigen! Ich bin ein sehr kluger Mensch und deshalb will ich ein Oberst sein!“

„Leb wohl, Iwan Matwejewitsch!“ rief ich zornbebend meinem Freunde zu und eilte aus dem Ausstellungsraum.

Ich fühlte, daß meine Selbstbeherrschung nur noch an einem Haar hing. Die hirnverbrannten Hoffnungen dieser beiden Dummköpfe konnten einen aus der Haut bringen! Doch die kalte Abendluft erfrischte mich wohltuend und meine Empörung legte sich. Ich spie schließlich aus, rief energisch eine Droschke heran, fuhr nach Haus, kleidete mich aus und ging zu Bett. Am meisten ärgerte mich, daß ich gewissermaßen eingewilligt hatte, sein Sekretär zu sein. Jetzt konnte ich mich dort allabendlich langweilen und mich noch über das erhebende Gefühl, nur die Pflicht eines aufrichtigen Freundes zu erfüllen, freuen! Ich hätte mich selbst prügeln mögen vor Ärger über mich, und in der Tat: nachdem ich schon das Licht ausgelöscht und mich zugedeckt hatte, schlug ich mir mehrmals mit der Faust auf den Kopf und noch auf andere Teile meines Körpers. Dieses verschaffte mir bedeutende Erleichterung und endlich schlief ich ein, schlief sogar ziemlich fest, denn ich war sehr müde. Im Traum sah ich unendlich viele Affen, die alle wild umhersprangen, gegen Morgen aber träumte mir von Jelena Iwanowna ...

IV.

Die Affen hatten mich, wie ich zu erraten glaube, nur deshalb im Traum belästigt, weil ich sie tags zuvor im Käfig beim Krokodilbesitzer gesehen hatte; doch Jelena Iwanowna war ein besonderes Kapitel.

Ich will es nicht mehr verheimlichen: ich liebte diese Dame; doch ich beeile mich, einem Mißverständnis vorzubeugen: ich liebte sie wie ein Vater, nicht mehr und nicht weniger. Daß ich sie liebte – ersehe ich daraus, daß ich oft genug Lust verspürt habe, ihr Köpfchen zu küssen oder ihre zarten rosa Wangen. Und obschon ich das nie getan habe, so hätte ich doch – wenn man einmal alles beichten soll! – ganz sicherlich mich nicht geweigert, sie sogar fest auf die Lippen zu küssen. Denn ihre Lippen waren gar zu süß und verstanden es vorzüglich, die Zähnchen bloßzulegen, die dann, wie zwei Reihen ausgesuchter Perlen, zwischen dem Rot der Lippen schimmerten, wenn sie lachte. Und sie lachte sehr oft. Iwan Matwejewitsch nannte sie bisweilen liebkosend seine „liebe süße Absurdität“ – was man als eine durchaus gerechte und charakteristische Benennung bezeichnen muß. Sie war ein Bonbon und nichts weiter. Deshalb blieb es mir auch unerklärlich, weshalb nun dieser selbe Iwan Matwejewitsch in seiner Frau plötzlich eine russische Eugenie Tour zu sehen begann. Doch wie dem nun sein mochte, jedenfalls hinterließ mein Traum – abgesehen von den Affen – den angenehmsten Eindruck in mir, und so beschloß ich, während ich bei meinem Morgenkaffee die Erlebnisse des letzten Tages gedankenvoll an mir vorüberziehen ließ, auf dem Wege in die Kanzlei bei Jelena Iwanowna vorzusprechen, was ja übrigens in meiner Eigenschaft als Hausfreund auch meine Pflicht war.

In dem kleinen Zimmer vor dem ehelichen Schlafgemach, das von ihnen „der kleine Salon“ genannt wurde, obwohl auch der große Salon nur ein kleines Zimmer war, saß auf einer kleinen Chaiselongue vor einem kleinen Teetischchen in einem duftig-luftigen Negligee Jelena Iwanowna und trank aus einem kleinen Täßchen, in das sie ein kleines Biskuitplätzchen bröckelte, ihren Morgenkaffee. Sie war verführerisch anzusehen, doch schien sie mir etwas nachdenklich gestimmt zu sein.

„Ach, Sie sind es, Sie Ungezogener!“ empfing sie mich mit zerstreutem Lächeln. „Setzen Sie sich, trinken Sie ein Täßchen. Nun, wo waren Sie gestern? Wie haben Sie den Abend verbracht? Waren Sie auf dem Maskenball?“

„Waren Sie denn gestern auf dem Maskenball? ... Ich ... ich pflege keine Bälle zu besuchen ... zudem habe ich den Abend bei unserem Gefangenen verbracht ...“

Ich seufzte und empfing mit betrübter Miene das Täßchen.

„Wo? ... Bei wem? Bei welch einem Gefangenen? ... Ach, so! ... Ja, der Arme! ... Nun, was tut er – langweilt er sich? Aber wissen Sie ... ich wollte Sie etwas fragen ... Sagen Sie, ich kann doch jetzt eine Scheidung verlangen?“

„Scheidung?!“ Mir wäre die Tasse fast aus der Hand gefallen. „Dahinter steckt der Brünette!“ dachte ich empört bei mir.

Es gab nämlich einen gewissen Brünetten mit einem dunklen Schnurrbärtchen, einen Beamten der Bauabteilung, der sie in letzter Zeit auffallend oft besucht hatte und Jelena Iwanowna allem Anscheine nach zu gefallen verstand. Ich muß gestehen, daß ich aufrichtigen Haß für ihn empfand, denn ich zweifelte nicht daran, daß er gestern abend entweder mit ihr auf dem Maskenball oder vielleicht sogar hier in ihrer Wohnung gewesen war und ihr bei der Gelegenheit, versteht sich, manches in den Kopf gesetzt hatte!

„Ja, aber wie denn,“ begann Jelena Iwanowna plötzlich ungeduldig, und alles, was sie sagte, schien ihr ein anderer gesagt zu haben, „wie wird denn das sein, er wird dort im Krokodil sitzen und vielleicht sein ganzes Leben lang nicht zurückkommen, und ich soll dann hier sitzen und vergeblich auf ihn warten! Ein Ehemann muß zu Hause wohnen, aber nicht in einem Krokodil ...“

„Das ist doch ein unvorhergesehener Zufall ...“ begann ich in begreiflicher Erregung zu widersprechen.

„Ach nein, schweigen Sie, schweigen Sie, ich will nichts hören, nichts, nichts, nichts!“ wehrte sie ärgerlich jeden weiteren Einwand ab. „Sie sind unausstehlich, ewig müssen Sie mir widersprechen! Mit Ihnen kann man wirklich kein vernünftiges Wort reden, nie verstehen Sie einem zu raten! Mir sagen sogar fremde Menschen, daß ich vollauf genügenden Scheidungsgrund hätte, allein schon deshalb, weil doch Iwan Matwejewitsch jetzt kein Gehalt mehr bekommen wird.“

„Jelena Iwanowna! Sind Sie es, die ich höre!“ rief ich fast pathetisch aus. „Welcher Schurke hat Ihnen diese Gedanken eingeflüstert? Und übrigens wird ein so nichtssagender Vorwand, wie die Einbuße des Gehalts, nicht als Scheidungsgrund anerkannt. Und der arme, arme Iwan Matwejewitsch vergeht dort inzwischen fast vor Liebesgram! Noch gestern abend, während Sie sich auf dem Maskenball ihres Lebens freuten, sprach er davon, daß er sich im äußersten Fall entschließen würde, Sie als seine rechtmäßige Gattin aufzufordern, in das Innere des Krokodils zu kommen, um so mehr, als sich dieses Tier als sehr geräumig erwiesen hat, so daß nicht nur zwei, sondern sogar drei Menschen Raum in ihm hätten ...“

Und ich erzählte ihr zugleich diesen interessantesten Teil meiner letzten Unterredung mit Iwan Matwejewitsch.

„Wie! was!“ rief sie ganz starr vor Verwunderung aus. „Sie wollen, daß ich gleichfalls dorthin krieche! zu Iwan Matwejewitsch? Das fehlte noch! Ja und wie sollte ich denn überhaupt das? – so, mit dem Hut und der ganzen Krinoline? Gott, welch eine Dummheit! Und wonach wird denn das aussehen, wenn ich hineinkrieche und ... und jemand womöglich noch zusieht? ... Pfui! Und was werde ich dort essen? ... Und ... und wie ist denn das, wenn ich ... Ach, mein Gott, was Sie sich nicht ausgedacht haben! ... Und was gibt es denn dort für Zerstreuungen? ... Sie sagen, es rieche dort nach Gummi? ... Und wie wird es denn sein, wenn wir beide in Streit geraten? Da müssen wir doch beieinander liegen bleiben? Pfui, wie widerlich das ist!“

„Einverstanden, ich bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, meine teuerste Jelena Iwanowna,“ unterbrach ich sie mit jenem begreiflichen Eifer, der einen stets erfaßt, wenn man fühlt, daß man im Recht ist, „nur haben Sie eines ganz außer acht gelassen, und das ist: daß er doch wohl nicht mehr ohne Sie leben kann, wenn er Sie zu sich ruft; folglich handelt es sich hier um Liebe, um leidenschaftliche, treue, sehnsüchtige Liebe ... Sie haben die Liebe nicht berücksichtigt, teuerste Jelena Iwanowna, die Liebe!“

„Nein, ich will nicht, will nicht, will nicht! Ich will davon überhaupt nichts hören!“ wehrte sie mit ihrer kleinen, reizenden Hand, an der die soeben gebürsteten und polierten Nägel rosa schimmerten, ganz entsetzt ab. „Pfui, wie widerlich Sie sind! Sie bringen mich noch zum Weinen. So kriechen Sie doch selbst zu ihm, wenn es Ihnen dort so angenehm zu sein scheint! Sie sind doch sein Freund, nun, so legen Sie sich denn aus Freundschaft neben ihn hin und streiten Sie Ihr Leben lang über irgend eine langweilige Wissenschaft ...“

„Sie machen sich ganz unnütz über diesen Gedanken lustig,“ unterbrach ich würdevoll das leichtsinnige Weibchen, „Iwan Matwejewitsch hat mich bereits zu sich eingeladen. Sie würde die Pflicht hinführen, mich dagegen nur Großmut. Übrigens hat mir Iwan Matwejewitsch, als er mir gestern von der ungeheuren Dehnbarkeit des Krokodils erzählte, deutlich zu verstehen gegeben, daß er, da nicht nur zwei, sondern ganze drei Menschen bequem dort Platz fänden, sowohl Sie wie mich, als Hausfreund, erwartet, und deshalb ...“

„Wie das, ganze drei?“ wunderte sich Jelena Iwanowna und ihre Augen blickten mich fragend an. „Ja, wie werden wir denn ... so alle drei dort beisammen sein? Hahaha! Gott, wie Sie beide dumm sind! Hahaha! Ich würde Sie die ganze Zeit nur kneifen, Sie Taugenichts, hahaha! Hahaha!“

Und sie bog sich vor Lachen und lachte bis zu Tränen. Doch dieses Lachen und diese Tränen waren so bezaubernd, daß ich nicht lange widerstehen konnte und ganz begeistert nach ihrem Händchen griff, um es mit Küssen zu bedecken, was sie widerspruchslos geschehen ließ. Nur zupfte sie mich, zum Zeichen unserer Aussöhnung, am Ohr.

Damit hatten wir unsere gute Laune wiedergewonnen, und ich schickte mich an, ihr ausführlich alle ihre Person betreffenden Pläne Iwan Matwejewitschs zu erzählen. Der Gedanke, in einem glänzenden Salon eine auserlesene Gesellschaft zu empfangen, sagte ihr sehr zu.

„Nur brauche ich dann sehr viele neue Toiletten,“ bemerkte sie lebhaft. „Sagen Sie ihm deshalb, daß er mir möglichst bald und möglichst viel Geld senden soll ... Nur ... nur, wie wird denn das sein,“ fuhr sie nachdenklich fort, „wie wird man ihn denn im Blechkasten in meinen Salon bringen? Das ... das wäre doch lächerlich! Ich will nicht, daß man meinen Mann in einem solchen Kasten in meinen Salon trägt! Ich würde mich ja dann ganz entsetzlich schämen vor meinen Gästen ... Nein, ich will nicht, ich will nicht ...“

„Übrigens, um es nicht zu vergessen: war gestern Timofei Ssemjonytsch bei Ihnen?“

„Ach, ja, er war bei mir; er kam, um mich zu trösten, und denken Sie sich, wir haben die ganze Zeit Karten gespielt. Wenn er verlor, hatte ich eine Bonbonniere gewonnen, wenn ich verlor, durfte er mir die Hände küssen. Solch ein Plagegeist, wirklich! Und was glauben Sie wohl: – fast wäre er mit mir auf den Maskenball gefahren, – nein, wirklich!“

„Weil er bezaubert war,“ bemerkte ich, „denn – wen bezaubern Sie nicht, Sie Zauberin!“

„Ach, nun, jetzt kommen Sie mit Ihren Schmeicheleien! Warten Sie, dafür werde ich Sie zum Abschied einmal kneifen – das verstehe ich nämlich vorzüglich. Nun, was, wie war’s? Ach ja, sagen Sie doch, Sie sagten vorhin, Iwan Matwejewitsch habe gestern viel von mir gesprochen?“

„N–n–nein, nicht gerade sehr viel ... Ich muß gestehen, daß er jetzt eigentlich mehr an das Schicksal der ganzen Menschheit denkt und die Absicht hat ...“

„Ach, nun, mag er, reden Sie nicht weiter! Sicherlich langweilt er sich entsetzlich. Ich werde ihn einmal besuchen. Morgen vielleicht. Heute geht es nicht: ich habe Migräne und dort wird gewiß viel Publikum sein ... Da wird man womöglich noch sagen: das ist seine Frau, und mit den Fingern auf mich weisen ... Schrecklich! Nun, leben Sie wohl. Am Abend werden Sie doch ... dort sein, bei ihm?“

„Versteht sich. Ich muß ihm die Zeitungen bringen.“

„Nun, das ist sehr nett von Ihnen. Bleiben Sie bei ihm und lesen Sie ihm die Zeitungen vor. Zu mir aber kommen Sie heute nicht mehr. Ich bin nicht ganz wohl, oder vielleicht werde ich auch meine Bekannten besuchen, ich weiß noch nicht. Nun, leben Sie wohl, Sie Schwerenöter.“

„Aha, der Brünette wird heute abend bei ihr sein!“ dachte ich bei mir.

In der Kanzlei ließ ich mir natürlich nicht das geringste merken. Ich tat, als wüßte ich überhaupt nicht, was Sorgen sind. Doch bald fiel es mir auf, daß einige unserer fortschrittlichen Blätter an diesem Vormittage auffallend schnell von Hand zu Hand gingen und meine Kollegen sich mit unheimlich ernsten Mienen in die Lektüre vertieften. Die erste Zeitung, die ich erhielt, war der „Listok“, ein kleines Blättchen ohne jede besondere Richtung, einfach nur so allgemein menschlich-human, weshalb es bei uns auch allgemein verachtet, nichtsdestoweniger aber doch gelesen wurde.

Nicht ohne Verwunderung las ich in ihm folgendes:

„Gestern verbreitete sich in unserer großen, schönen Hauptstadt ein äußerst seltsames Gerücht, das sich inzwischen bestätigt hat. Ein gewisser Gastronom, der zu unserer vornehmen Lebewelt gehört, und den die kulinarischen Genüsse, die die Küche des –schen Klubs zu bieten vermag, offenbar nicht mehr befriedigten, erschien am Nachmittage in der Menagerie unserer Passage, wo zurzeit ein großes, soeben erst hier eingetroffenes Krokodil zu sehen ist, und machte sich nach einer kurzen Rücksprache mit dem Eigentümer ohne weiteres daran, das Riesenkrokodil zu verzehren. Zuerst schnitt er dem lebendigen Wassertier nur die besten Stücke seiner saftigsten Körperteile – d. h. der Körperteile des Krokodils – mit einem Taschenmesser ab, doch allmählich verschwand das ganze Tier in seinem umfangreichen Leibe, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre dem Krokodil auch noch sein ständiger Begleiter, der Ichneumon, gefolgt, denn weshalb sollte dieser nicht ebenso gut schmecken? Wir haben natürlich gegen dieses neue Nahrungsmittel, das den ausländischen Feinschmeckern schon seit Jahren bekannt ist, nichts einzuwenden. Wir können uns sogar schmeicheln, die bevorstehende größere Einfuhr dieses Leckerbissens vorausgesehen zu haben. Die englischen Lords und Reisenden fangen die Krokodile in Ägypten wie man hierzulande etwa Bären fängt: sie tun sich zu ganzen Jagdgesellschaften zusammen und verzehren dann das à la Beefsteak zubereitete Rückenfleisch der Beute mit Senf, Sauce und Kartoffeln. Die Franzosen, die mit Lesseps ins Land gekommen sind, ziehen die kurzen, stämmigen Beine dem Rückenfleisch vor – vielleicht nur den Engländern zum Trotz, die ein mitleidiges Lächeln nicht verbergen können, wenn sie sehen, wie diese die Krokodilbeine in heißer Asche backen. Bei uns wird man, aller Voraussicht nach, sowohl die Beine wie den Rücken zu schätzen wissen, und können wir daher von uns aus nur freudig diesen neuen Erwerbszweig begrüßen, denn gerade an einem solchen fehlt es in unserem großen, so verschieden gearteten Vaterlande. Nach der Vertilgung dieses ersten Krokodils dürfte es wohl kaum ein Jahr dauern, bis man Krokodile zu Hunderten importieren wird. Weshalb sollte man sie übrigens nicht in Rußland akklimatisieren? Falls das Newawasser für diese südlichen Lebewesen zu kalt sein sollte, so gibt es doch in der Stadt unzählige Teiche und außerhalb der Stadt noch andere Flüsse und Seen, die in Frage kämen. Weshalb sollten sie nicht z. B. in Pawlowsk oder Pargolowo leben können, oder in Moskau, wo doch die Pressnenskischen Teiche sind? Ganz abgesehen davon, daß sie für unsere Feinschmecker ein angenehmes und gesundes Nahrungsmittel wären, würden sie den an den Teichen spazierenden Damen eine interessante Zerstreuung bieten und die Kinder mit der tropischen Tierwelt schon in jungen Jahren bekannt machen. Aus der Haut der verzehrten Krokodile lassen sich zudem die verschiedensten Gegenstände herstellen, wie z. B. Futterale, Reisekoffer, Zigarettenetuis, Brieftaschen usw., und vielleicht wird noch so manch ein russischer Tausendrubelschein von der ältesten Sorte – wie sie namentlich unsere Kaufleute bevorzugen – in Krokodilshaut aufbewahrt werden. Hoffen wir, daß uns noch öfter Gelegenheit geboten werden wird, auf dieses Thema zurückzukommen.“

Ich war auf vieles gefaßt gewesen, doch trotzdem verwirrte mich dieser Artikel nicht wenig. Da niemand neben mir saß, mit dem ein Meinungsaustausch möglich gewesen wäre, wandte ich mich an den mir gegenübersitzenden Prochor Ssawitsch. Zu meiner Verwunderung saß dieser müßig auf seinem Platz und schien mich schon längere Zeit beobachtet zu haben, die Zeitung „Woloß“ zur Herübergabe bereithaltend. Wortlos nahm er von mir den „Listok“ in Empfang und reichte mir seinen „Woloß“, indem er mit dem Nagel nachdrücklich einen Artikel bezeichnete, auf den er mich ersichtlich aufmerksam machen wollte. Dieser Prochor Ssawitsch war ein sehr eigentümlicher Mensch: ein schweigsamer alter Junggeselle, der sich keinem von uns anschloß, so gut wie nie ein Wort sprach – obschon sich das Sprechen in einer Kanzlei unter Kollegen schwer vermeiden läßt – ein Mensch, der immer seine eigenen Ansichten hatte, doch fast niemals einem anderen diese Ansichten mitteilte. In seiner Wohnung ist bisher noch keiner von uns gewesen. Wir wissen nur, daß er ein einsames Leben führt.

Der Artikel, auf den er mich aufmerksam gemacht hatte, lautete wie folgt:

„Es dürfte wohl allen bekannt sein, daß wir uns mit Recht fortschrittlich gesinnt und human nennen können und daß wir Europa in dieser Beziehung nicht nachstehen wollen. Doch ungeachtet aller Wünsche und der Bemühungen unseres Blattes scheinen wir noch längst nicht ‚reif‘ zu sein, was folgendes empörende Ereignis, das sich gestern in der Passage zugetragen hat, wieder einmal anschaulich beweist. (Es sei hier darauf aufmerksam gemacht, daß wir es bereits vorausgesagt haben.)

Vor nicht langer Zeit traf in der Hauptstadt ein Ausländer ein, der ein lebendiges Krokodil mit sich führte, das jetzt in der Passage ausgestellt ist. Wir beeilten uns sogleich, den ausländischen Vertreter dieses neuen, nützlichen und belehrenden Gewerbezweiges, der unserem großen Vaterlande zugute kommt, hier in der Hauptstadt willkommen zu heißen. Da erschien plötzlich, eines Nachmittags gegen fünf Uhr, wie uns gestern gemeldet wurde, ein außergewöhnlich dicker Herr in nicht ganz nüchternem Zustande (gelinde ausgedrückt!), zahlte den Eintrittspreis, und kaum war das geschehen, so ging er zum Behälter und kroch dem Riesentier ganz einfach in den Rachen, ohne jemandem vorher etwas gesagt zu haben. Das Krokodil war durch seinen natürlichen Selbsterhaltungstrieb gezwungen, den Menschen zu verschlingen, da es doch wohl nicht ersticken wollte. Doch der verschlungene Unbekannte richtet sich im Magen des Ungeheuers sogleich häuslich ein. Weder die Bitten des verzweifelten Besitzers, noch das Geschrei seiner zahlreichen, unglücklichen Familie vermögen jetzt auf den Unbekannten Eindruck zu machen. Selbst der Ruf, man werde die Polizei holen, bleibt erfolglos. Aus dem Innern des Krokodils hört man nur Gelächter und die Drohung, die Bestie aufzuschneiden. (Sic!) Währenddem vergießt das arme Tier, das gezwungen war, eine solche Masse zu verschlingen, ganz vergeblich seine Tränen. „Ein ungebetener Gast,“ sagt ein altes russisches Sprichwort, „ist schlimmer als ein Tatar,“ und alle Tränen des Krokodils können an der Lage nichts ändern: der freche Mensch will seinen Aufenthaltsort nicht wieder verlassen. Wir wissen nicht, wie wir eine so barbarische Handlungsweise erklären sollen, was uns um so peinlicher ist, als sie, wie gesagt, unsere Unreife bezeugt und uns in den Augen aller Ausländer herabzieht. Damit haben wir wieder ein glänzendes Beispiel der Zügellosigkeit der russischen Natur. Jetzt fragt es sich nur: was wollte der ungebetene Gast damit erreichen? Etwa einen warmen und luxuriösen Aufenthaltsraum suchen? Aber es gibt doch unzählige schöne Häuser in der Stadt, die vorzüglich eingerichtet sind: sie haben billige und sehr bequeme Wohnungen, eine Wasserleitung, die die Mieter mit Newawasser versorgt, eine mit Gas erleuchtete Treppe, und nicht selten hält der Hausbesitzer auch noch einen Portier. Doch lenken wir bei der Gelegenheit die Aufmerksamkeit unserer Leser auch noch auf die rohe Behandlung des importierten Tieres. Natürlich wird es dem Krokodil schwer fallen, ein so großes Quantum zu verdauen; und so liegt es denn jetzt dort unbeweglich in seinem Behälter, hoch aufgeblasen von der übergroßen verschlungenen Portion, und erwartet unter unerträglichen Qualen den Tod. In Europa wird jede einem Tiere angetane Qual gesetzlich bestraft. Doch ungeachtet unserer ausländischen Erleuchtung, unserer neuen Trottoirs und neuen Häuser, sind wir noch immer in Unwissenheit und Roheit befangen.

‚Die Häuser sind zwar neu, doch unsere Vorurteile alt‘, um Gribojedoff zu zitieren. Leider entspricht nicht einmal dieses vollkommen der Wahrheit, denn auch die Häuser sind alt, wenn auch die Treppen neu sind. Jedenfalls erwähnen wir es in unserem Blatte nicht zum ersten Mal, daß im Hause des Kaufmanns Lukjanoff auf der Petersburger Seite die Treppenstufen, die aus der Küche in die Wohnung führen, schon seit langer Zeit verfault sind, und können heute nur hinzufügen, daß sie jetzt endlich eingefallen sind und daß die Soldatenfrau Afimja Skapidarowa, die die Bedienung übernommen hatte und stets Gefahr lief, von der Treppe zu fallen – namentlich wenn sie Wasser oder Holz hineintrug – gestern abend gegen halb neun Uhr tatsächlich mit der Suppenterrine gefallen ist und sich ein Bein gebrochen hat. Leider wissen wir noch nicht, ob Herr Lukjanoff jetzt endlich eine neue Treppe bauen lassen wird. Der Verstand eines Russen ist schwerfällig, doch können wir mitteilen, daß das Opfer dieser Schwerfälligkeit bereits ins Hospital gebracht worden ist. Desgleichen ermüden wir nicht, darauf aufmerksam zu machen, daß die Hausknechte, die auf der Wyburger Seite von den hölzernen Trottoirs den Schmutz fegen, den Vorübergehenden deshalb nicht die Stiefel zu beschmutzen brauchen, zumal es nur geringe Mühe kosten würde, den Schmutz, wie man es im Auslande tut, zu Haufen zusammenzufegen,“ usw. usw. ...

„Was bedeutet das?“ fragte ich, verständnislos Prochor Ssawitsch anblickend. „Was soll das alles?“

„Was?“

„Aber ich bitte Sie, anstatt unseren Iwan Matwejewitsch zu bedauern, bemitleiden sie hier das Krokodil!“

„Ja, was denn? Damit haben sie doch sogar ein Tier, ein unvernünftiges Tier bemitleidet. Inwiefern stehen sie jetzt noch Europa nach? Dort tut man es doch ebenfalls. Hi-hi-hi!“ kicherte der alte Sonderling, wandte sich jedoch sogleich wieder seinen Schriften zu und sprach kein Wort weiter.

Ich nahm die beiden Zeitungen, schob sie in die Tasche und versorgte mich außerdem noch mit mehreren alten Nummern der „Nachrichten“ und des „Woloß“. An diesem Tage verließ ich die Kanzlei früher als sonst. Zwar war bis zum Abend noch viel Zeit, doch wollte ich früher in die Passage gehen, um wenigstens von weitem zu sehen, was dort vorging, um Meinungsäußerungen des Publikums aufzufangen und die Menschen kennen zu lernen. Ich sagte mir, daß ich dort unfehlbar in ein großes Gedränge geraten würde und schlug deshalb auf alle Fälle den Mantelkragen hoch, denn aus irgend einem Grunde schämte ich mich, gesehen zu werden – so wenig haben wir uns an die „Öffentlichkeit“ gewöhnt! Doch ich fühle, daß ich kein Recht habe, im Hinblick auf dieses außergewöhnliche Ereignis, meine eigenen prosaischen Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Notes in this chapter

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