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Sämtliche Werke 15

Helle Nächte

E. K. Rahsin translation

Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers

„... Oder ward er nur erschaffen, um eine kleine Weile lang Deinem Herzen nah zu sein? ...“

Iwan Turgenjeff.

Die erste Nacht.

Es war eine wundervolle Nacht – eine Nacht, wie wir sie vielleicht nur sehen, wenn wir jung sind, mein lieber Leser. Der Himmel war so tief und nachthell, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte, ob denn wirklich unter einem solchen Himmel böse und launische Menschen leben können? Das ist nun freilich eine Frage, auf die man nur in jungen Jahren verfallen kann, nur in sehr jungen sogar, mein lieber Leser! Doch möge der Herr sie öfter in Ihrer Seele erwecken! ... Während ich noch in dieser Weise an die verschiedensten Menschen dachte, mußte ich mich unwillkürlich auch meiner eigenen löblichen Aufführung an diesem Tage erinnern. Schon vom Morgen an hatte mich eine wunderliche Stimmung bedrückt. Ich hatte die Empfindung, daß ich, der ohnehin Einsame, von allen verlassen wurde, daß alle sich von mir zurückzogen. Natürlich hat jetzt ein jeder das Recht, mich zu fragen: ja, wer sind denn diese „alle“? Lebe ich doch bereits das achte Jahr in Petersburg und habe trotzdem noch so gut wie keine einzige Bekanntschaft zu machen verstanden. Wozu brauchte ich auch Bekannte? Ich bin sowieso schon mit ganz Petersburg bekannt. Eben deshalb schien es mir aber, als ob alle mich verließen, als ob sich jetzt ganz Petersburg aufmachte, um in die Sommerfrische zu gehen. Mir wurde es fast unheimlich, allein zu bleiben, und drei Tage lang strich ich tief bekümmert in der Stadt umher, entschieden unfähig zu begreifen, was in mir vorging. Auf dem Newskij, im Sommergarten, an den Kais war kein einziges von den Gesichtern zu sehen, denen ich tagtäglich zu bestimmter Stunde an derselben Stelle zu begegnen pflegte. Die Betreffenden kennen mich natürlich nicht, aber ich – ich kenne sie. Ich kenne sie sogar ganz genau: ich habe ihre Physiognomien studiert und freue mich, wenn sie froh sind, und fühle mich verstimmt, wenn sie betrübt sind. Ja ich kann sogar sagen, daß ich einmal fast eine Freundschaft geschlossen hätte: das war mit einem alten kleinen Herrn, dem ich jeden Tag, den Gott werden ließ, zur selben Stunde an der Fontanka begegnete. Er hatte eine so wichtige, nachdenkliche Miene und sein Unterkiefer bewegte sich immer, ganz so als kaue er etwas, der linke Arm schlenkerte ein wenig und in der rechten Hand hatte er einen langen Knotenstock mit einem goldenen Knopf. Auch er hatte mich bemerkt und nahm seitdem innigen Anteil an mir. So bin ich überzeugt, daß er, wenn er mich einmal nicht zur gewohnten Stunde an der gewohnten Stelle der Fontanka treffen sollte, sich gleichfalls entschieden verstimmt fühlen würde. Deshalb fehlte denn auch nicht viel, daß wir uns grüßten, namentlich wenn wir beide bei guter Laune waren. Vor kurzem noch, als wir uns ganze zwei Tage nicht gesehen hatten und dann einander am dritten Tage begegneten, hätten wir schon beinahe an die Hüte gegriffen, besannen uns aber zum Glück noch rechtzeitig, ließen die Hände sinken und gingen mit sichtlich anteilnehmender Zuvorkommenheit aneinander vorüber.

Ich bin auch mit den Häusern bekannt. Wenn ich so gehe, dann ist es, als laufe jedes, sobald es mich erblickt, ein paar Schritte aus der Front und sehe mich aus allen Fenstern an und sage gewissermaßen: „Guten Tag, hier bin ich! und wie geht es Ihnen? Auch ich bin, Gott sei Dank, ganz frisch und munter, aber im Mai wird man mir noch ein Stockwerk aufsetzen.“ Oder: „Guten Tag! Wie geht’s? Denken Sie sich, ich werde morgen neu angestrichen!“ Oder: „Bei mir gab’s Feuer und ich wäre um ein Haar niedergebrannt – ich habe mich dabei so erschreckt!“ Und so weiter: in dieser Art. Unter ihnen habe ich natürlich meine Lieblinge, sogar gute Freunde. Eines von ihnen will sich in diesem Sommer von einem Architekten operieren lassen – umbauen, und ähnliches. Werde da unbedingt täglich hingehen, damit man mir den Freund nicht etwa vollkommen umbringt! Gott behüte ihn davor! ... Doch niemals werde ich die Geschichte mit dem einen kleinen allerliebsten hellrosa Häuschen vergessen! Es war das solch ein reizendes Häuschen, so freundlich sah es mich immer an und so stolz war es auf seine Reize unter den plumpen Nachbarn, daß mein Herz jedesmal lachte, wenn ich an ihm vorüberging. Plötzlich, in der vorigen Woche, wie ich in die Straße einbiege und nach meinem kleinen Liebling hinsehe – höre ich ein jammervolles Wehklagen: „Man tüncht mich gelb!“ Diese Barbaren! Diese Bösewichter! Nichts hatten sie verschont. Weder die Pfeiler noch die Karniese! Mein kleiner Freund war in der Tat gelb wie ein Kanarienvogel. Ich war nahe daran, vor Ärger selbst die Gelbsucht zu kriegen, so gallig machte mich der Fall, und bis jetzt bin ich noch nicht imstande gewesen, ihn wiederzusehen, meinen entstellten armen Kleinen, den die Unbarmherzigen in der Farbe des Reichs der Mitte angestrichen haben.

Also folglich – jetzt begreifen Sie wohl, mein verehrter Leser, auf welche Weise ich mit ganz Petersburg bekannt bin.

Ich sagte bereits, daß mich volle drei Tage eine seltsame Unruhe quälte, bis ich endlich ihre Ursache erriet. Auf der Straße fühlte ich mich nicht wohl (der eine war nicht zu sehen, der andere nicht, der dritte und vierte auch nicht – „wo mag wohl jener geblieben sein?“) – und auch zu Hause fühlte ich mich so anders, daß ich mich selbst kaum wiedererkannte. Zwei Abende versuchte ich vergeblich, zu ergründen, was mir nun eigentlich in meinen vier Wänden fehlen mochte. Warum fühlte ich mich mit einem Male so unbehaglich im Zimmer? Prüfend schaute ich mir meine grünen, verräucherten Wände an, musterte die Decke, an der Matrjona mit großem Erfolge das Spinngewebe behütete, besah mir meine Einrichtung, insbesondere jeden Stuhl, und fragte mich in Gedanken, ob nicht hier der Grund liege (denn wenn bei mir auch nur ein Stuhl nicht so steht, wie er gestern stand, dann bin ich nicht mehr ich selbst). Ich blickte nach dem Fenster – doch alles war umsonst ... mir ward deshalb nicht leichter zumute! Ja ich kam sogar auf den Gedanken, Matrjona zu rufen und ihr in väterlichem Tone einen gelinden Vorwurf wegen des Spinngewebes und der allgemeinen Vernachlässigung zu machen; aber sie sah mich nur verwundert an und ging fort, ohne ein Wort zu erwidern, so daß das Spinngewebe auch jetzt noch wohlbehalten an der Decke hängt. Erst heute morgen erriet ich endlich, um was es sich handelte. Also: sie zogen ja alle in die Sommerfrische und ließen mich im Stich! – das war’s: sie kniffen aus! Verzeihen Sie das triviale Wort, aber es war mir in dem Augenblick nicht um einen klassischen Ausdruck zu tun ... Es hatte doch wirklich alles, was in Petersburg lebte, die Stadt bereits verlassen, oder verließ sie noch täglich und stündlich. Wenigstens verwandelte sich in meinen Augen jeder ältere Herr von solidem Äußeren, der sich in eine Droschke setzte, in einen ehrwürdigen Familienvater, der nach den alltäglichen Geschäften in der Stadt hinausfuhr, um den Rest des Tages im Schoße seiner Familie zu verbringen. Jeder Mensch auf der Straße hatte jetzt ein völlig anderes Aussehen, eines, das jedem etwa sagen zu wollen schien: „Wir sind ja nur so, sind nur noch kurze Zeit hier, in zwei Stunden bereits fahren wir hinaus ins Grüne!“ Oder öffnete sich ein Fenster, an dessen Scheiben zuerst schlanke, weiße Fingerchen getrommelt, und beugte sich das hübsche Köpfchen eines jungen Mädchens hinaus, um den Blumenhändler herbeizurufen, – da stellte ich mir vor, daß diese Blumen auch „nur so“ von ihr gekauft wurden und durchaus nicht deshalb, um sich an diesem Blumentopf mit den paar Knospen und Blüten wie an einem Stück Frühling in der dumpfen Stube zu erfreuen, und daß sehr bald alle die Stadt verlassen und auch die Blumen mitnehmen würden. Doch damit noch nicht genug, ich machte vielmehr in meinem neuen Entdeckerberuf solche Fortschritte, daß ich bald schon allein nach dem Äußeren unfehlbar festzustellen vermochte, welchen Villenort ein jeder gewählt hatte. Die Bewohner der fashionablen Inseln[1] oder der Villen an der Peterhofstraße zeichneten sich durch auserlesene Eleganz sowohl im Gang und in jeder Geste, wie in den Sommerkostümen und Hüten aus und besaßen prachtvolle Equipagen, in denen sie zur Stadt gefahren kamen. Die Einwohner von Pargolowo und dort weiter hinaus „imponierten“ einem auf den ersten Blick durch ihre vernünftige Gediegenheit, und die von der Krestowskij-Insel durch ihre unverwüstlich heitere Gemütsverfassung. Traf es sich, daß ich einer langen Prozession von Frachtfuhrleuten begegnete, die, die Leine in der Hand, gemächlich einhertrotteten ... neben ihren hochbeladenen Lastwagen, auf denen ganze Berge von Tischen, Betten, Stühlen, türkischen und nichttürkischen Diwans schaukelten und auf deren Gipfel oft noch eine Küchenfee mit etwas verzagten Mienen thronte, oder auch, wenn sie sich sicherer fühlte, das herrschaftliche Gut mit Argusaugen bewachte, damit nur ja nichts unterwegs verloren ginge, – oder sah ich auf der Newa oder der Fontanka ein paar mit Hausgerät beladene Boote nach den Inseln oder stromaufwärts nach der Tschornaja-rjetschka ziehen, – die Boote wie die Fuhren verzehn-, verhundertfachten sich in meinen Augen –: so schien es mir, als mache alle Welt sich auf und ziehe in Karawanen hinaus, und als verwandle Petersburg sich in eine Wüste, so daß ich mich zu guter Letzt entschieden beschämt und gekränkt fühlte, und natürlich auch betrübt, denn nur ich allein hatte keine Möglichkeit und wohl auch keinen Grund, in die Sommerfrische hinauszuziehen. Und doch war ich bereit, auf jeden Lastwagen zu springen, mit jedem Herrn, der sich in eine Droschke setzte, mitzufahren; aber nicht einer von ihnen, kein einziger forderte mich dazu auf. Es war, als hätten sie mich plötzlich alle vergessen, als wäre ich ihnen allen im Grunde doch vollkommen fremd.

Ich spazierte oft und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit gemäß wieder einmal vergessen hatte, wo ich eigentlich ging, bis ich mich schließlich an der Stadtgrenze fand. Da ward mir im Augenblick fröhlich zumute und ich trat hinter den Schlagbaum und ging weiter zwischen den besäten Feldern und Wiesen, ohne Müdigkeit zu verspüren, fühlte aber, daß mir eine Last von der Seele genommen wurde. Alle, die an mir vorüberfuhren, sahen mich so freundlich an, daß es fast wie ein Gruß war; alle schienen sie über irgend etwas froh zu sein. Und auch ich wurde so froh, wie ich noch nie in meinem Leben gewesen ...

Ganz als befände ich mich plötzlich in Italien – so mächtig wirkte die Natur auf mich, den halbkranken Städter, der zwischen den Häusermauern fast schon erstickt war.

Es liegt etwas unsagbar Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn sie im Frühling erwacht und plötzlich ihre ganze Macht offenbar und alle ihre vom Himmel verliehenen Kräfte entfaltet: wenn sie sich mit jungem weichem Laub umhüllt und mit bunten Blumen und zarten Blüten schmückt ... Dann erinnert sie mich unwillkürlich an ein sieches Mädchen, auf das man zuweilen mit Bedauern, zuweilen mit einer seltsam mitleidigen Liebe blickt oder das man zuweilen auch überhaupt nicht bemerkt, das dann aber plötzlich, auf einen Augenblick und ganz unverhofft, nahezu märchenhaft schön wird, so schön, daß man bestürzt und berauscht vor ihr steht und sich verwundert fragt: welche Macht hat in ihren traurigen, verträumten Augen dieses Leuchten erweckt? Was hat das Blut in ihre bleichen abgezehrten Wangen getrieben und läßt nun diese zarten Züge tiefe Leidenschaft widerspiegeln? Weshalb hebt sich ihre Brust? Was hat so plötzlich Kraft, Leben und Schönheit in das Antlitz des armen Mädchens gebracht, daß es in süßem Lächeln erglänzt und zu sprühendem Lachen fähig wird? Und man sieht sich im Kreise um, man sucht jemand, man beginnt zu ahnen, zu erraten ... Doch der Augenblick ist vergänglich und vielleicht morgen schon werden wir wieder dem zerstreuten, verträumten Blick begegnen, wie früher, und werden wieder das blasse Gesicht wahrnehmen und dieselbe Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen und sogar so etwas wie Reue, sogar Spuren eines lähmenden Kummers und Ärgers über dieses kurze Aufleben ... Und es tut einem leid, daß die Schönheit so schnell und unwiderruflich verwelkt ist, daß sie so trügerisch und vergeblich vor einem geleuchtet hat – leid, weil man nicht einmal Zeit gehabt, sie liebzugewinnen ...

Und doch war meine Nacht noch schöner als der Tag.

Ich kehrte erst spät in die Stadt zurück und es schlug bereits zehn, als ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte am Kanal entlang, wo zu dieser Stunde gewöhnlich keine lebende Seele zu sehen ist. Freilich lebe ich auch in einem sehr stillen entlegenen Stadtteil. Ich ging und sang, denn wenn ich glücklich bin, muß ich unbedingt irgend etwas vor mich hinsummen, wie eben jeder glückliche Mensch, der weder Freunde noch gute Bekannte hat, noch einen Menschen, mit dem er seine frohen Augenblicke teilen kann. Da nun, in dieser Nacht, hatte ich plötzlich ein überraschendes Abenteuer.

Nicht weit vor mir erblickte ich eine Gestalt in Frauenkleidern: sie stand und stützte die Ellbogen auf das Geländer des Kais und sah, wie es schien, aufmerksam in das trübe Wasser des Kanals. Sie trug ein entzückendes gelbes Hütchen und eine kokette kleine schwarze Mantille. „Das ist ein junges Mädchen und sicherlich ist sie brünett,“ dachte ich. Sie schien meine Schritte nicht zu hören, denn sie rührte sich nicht, als ich langsam mit angehaltenem Atem und laut pochendem Herzen an ihr vorüberging. „Sonderbar!“ dachte ich, „jedenfalls muß sie ganz in Gedanken versunken sein“ – und plötzlich zuckte ich zusammen und blieb wie gebannt stehen: ich hörte dumpfes Schluchzen ... Ja! ich täuschte mich nicht: das junge Mädchen weinte – nach einer Weile klang es wieder wie ein Aufschluchzen, und dann wieder. Mein Gott! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Wie befangen ich auch sonst Frauen gegenüber bin, diesmal – es waren aber auch so seltsame Umstände! ... Kurz, ich entschloß mich im Augenblick, trat auf sie zu und – würde unbedingt „Meine Gnädigste!“ gesagt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß diese Anrede in allen russischen Romanen, die die höheren Gesellschaftskreise schildern, mindestens tausendmal vorkommt. Das allein hielt mich davon ab. Doch während ich noch nach einer passenden Anrede suchte, kam das junge Mädchen wieder zu sich, sah sich um, erblickte mich, schlug die Augen nieder und huschte an mir vorüber. Ich folgte ihr sogleich, was sie jedoch zu fühlen schien, denn sie verließ den Kai, überschritt die Straße und ging auf dem anderen Trottoir weiter. Ich wagte nicht, ihr dorthin zu folgen. Mein Herz zitterte wie einem gefangenen Vogel. Da kam mir ein Zufall zu Hilfe.

Auf jenem Trottoir tauchte plötzlich in der Nähe meiner Unbekannten ein Herr auf – ein Herr in zweifellos soliden Jahren, jedoch mit einer Gangart, die sich nicht gerade als solid bezeichnen ließ. Er ging wankend und stützte sich mitunter an die Häuser. Das junge Mädchen schritt indes gesenkten Blicks weiter, ohne sich umzusehen, und so schnell, wie es alle jungen Mädchen tun, die nicht wünschen, daß jemand sich ihnen nähere und sich erbiete, sie in der Nacht nach Hause zu begleiten. Der wankende Herr hätte sie auch niemals eingeholt, wenn er nicht mit einer gewissen Schlauheit auf etwas Nichtvorherzusehendes verfallen wäre: ohne ein Wort oder einen Anruf, raffte er sich nämlich plötzlich auf und lief ihr möglichst leise nach. Sie ging wie der Wind, doch der Herr kam ihr schnell näher und holte sie ein – das Mädchen schrie auf, und ... ich dankte dem Schicksal für den Rohrstock, den ich in meiner Rechten hielt! Im Augenblick war ich auf der anderen Seite, im Augenblick begriff auch der Herr, um was es sich handelte, und die Vernunft siegte in ihm: er schwieg, trat zurück, und erst als wir fast schon außer Hörweite waren, protestierte er in ziemlich energischen Ausdrücken gegen meine Handlungsweise. Doch wir hörten ihn kaum.

„Nehmen Sie meinen Arm,“ sagte ich zu der Unbekannten, „dann wird er es nicht mehr wagen, Sie zu belästigen.“

Schweigend legte sie ihr Händchen, das von der Aufregung und dem Schreck noch zitterte, auf meinen Arm. Oh, du ungerufener Herr! Wie segnete ich dich in diesem Augenblick! Ich warf einen schnellen Blick auf meine Begleiterin: sie sah reizend aus und war brünett, wie ich es mir gleich gedacht hatte. An ihren dunkeln Wimpern glänzten noch Tränen – ob vom Schreck oder von dem Kummers, über den sie am Kai geweint, das lasse ich dahingestellt. Aber ihre Lippen versuchten schon, zu lächeln. Auch sie sah mich heimlich an, errötete, als ich es bemerkte, und senkte den Blick.

„Sehen Sie, nun, warum liefen Sie vorhin von mir fort? Wäre ich bei Ihnen gewesen, so wäre nichts geschehen ...“

„Aber ich kannte Sie doch nicht! Ich dachte, daß Sie ebenso ...“

„Ja, kennen Sie mich denn jetzt?“

„Ein wenig. Aber – weshalb zittern Sie?“

„Oh, da haben Sie gleich alles erraten!“ versetzte ich entzückt, denn ich glaubte aus ihrer Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß sie, die so schön war, auch klug war. „Wie Sie gleich auf den ersten Blick erkennen, mit wem Sie es zu tun haben! Es ist wahr, ich bin Frauen gegenüber befangen, und ich leugne auch nicht, daß ich mich im Augenblick erregt fühle, ebenso wie Sie vor ein paar Minuten, als jener Herr Sie erschreckte ... Auch ich fühle jetzt so etwas wie einen Schreck: die ganze Nacht erscheint mir wie ein Traum, mir, der ich es mir niemals habe träumen lassen, daß ich jemals in die Lage kommen könnte, mit einem jungen Mädchen in dieser Weise zu sprechen.“

„Was? Wirklich?“

„Mein Wort darauf; und wenn mein Arm jetzt bebt, so kommt das nur daher, daß er noch nie von einer so reizenden kleinen Hand, wie die Ihrige, berührt worden ist. Ich bin jetzt des Umgangs mit Frauen vollständig ungewohnt; das heißt, ich will damit nicht etwa sagen, daß ich früher einmal einen solchen Umgang gewohnt gewesen bin. Nein, ich lebe von jeher allein und für mich ... Ich weiß nicht einmal, wie man mit ihnen spricht. Auch jetzt zum Beispiel weiß ich nicht, ob ich Ihnen nicht irgendeine Dummheit gesagt habe. Ist das der Fall, so sagen Sie es mir, bitte, ganz offen. Ich werde es Ihnen nicht übelnehmen ...“

„Nein, nein, gar nicht, im Gegenteil. Und wenn Sie schon einmal verlangen, daß ich aufrichtig sein soll, dann will ich Ihnen sagen, daß solche Befangenheit den Frauen sogar sehr gefällt. Und wenn Sie noch mehr wissen wollen, dann will ich gleich gestehen, daß sie auch mir gefällt, und ich werde Sie nicht früher fortschicken, als bis ich bei unserem Hause angelangt bin.“

„Sie sind ja so reizend, daß ich gleich meine ganze Befangenheit verliere,“ rief ich entzückt, „und dann – lebt wohl alle meine Chancen! ...“

„Chancen? Was für Chancen, und wozu? Nein, das gefällt mir nun wieder gar nicht!“

„Verzeihung, es war mir auch nur so ... entschlüpft, ganz gegen meinen Willen! Aber wie können Sie auch verlangen, daß in einem solchen Augenblick nicht der Wunsch erwachen soll ...?“

„Zu gefallen etwa?“

„Nun ja, versteht sich. Aber seien Sie – oh, um Gottes willen, seien Sie großmütig! Bedenken Sie, wer ich bin! Ich bin schon sechsundzwanzig Jahre alt – und noch habe ich mit keinem Menschen Verkehr gehabt. Wie sollte ich da plötzlich nach allen Regeln der Kunst eine Unterhaltung anzuknüpfen verstehen? Aber Sie werden mich um so besser begreifen, wenn alles offen vor Ihnen liegt ... Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn das Herz in mir spricht. Nun, gleichviel ... Glauben Sie mir, ich kenne keine einzige Frau, keine einzige! Ich habe überhaupt keine Bekanntschaft. Ich träume nur jeden Tag, daß ich endlich irgend einmal irgendwo doch irgend jemand treffen und kennen lernen werde. Ach, wenn Sie wüßten, wie oft ich schon auf diese Weise verliebt gewesen bin ...“

„Aber wie denn das, in wen denn?“

„Ja, in niemand, einfach in ein Ideal, das ich im Traum vor mir sehe. Ich ersinne in meinen Träumen gewöhnlich ganze Romane. Oh, Sie kennen mich noch nicht! Doch was sage ich! – natürlich habe ich mit zwei oder drei Frauen gesprochen, aber was waren denn das für Frauen? Das waren ja nur solche Wirtinnen, daß ... Aber ich will Sie lieber fröhlich machen und Ihnen etwas erzählen: Ich habe schon mehrmals die Absicht gehabt, so ganz ohne weiteres irgendeine Aristokratin auf der Straße anzureden. Selbstverständlich, wenn sie allein ist, und ebenso selbstverständlich mit aller Ehrerbietung, aber doch mit Bangen, und um ihr dann voll Leidenschaft zu sagen, daß ich so allein umkomme, und um sie zu bitten, daß sie mich nicht fortjage und daß ich sonst keine Möglichkeit habe, auch nur je irgendeine Frau kennen zu lernen. Ich würde ihr sagen, daß es sogar die Pflicht jeder Frau sei, die bescheidene Bitte eines so unglücklichen Menschen, wie ich einer bin, nicht abzuschlagen. Daß schließlich alles, um was ich sie bitte, nichts weiter sei, als daß sie mir erlaube, ihr brüderlich zwei Worte sagen zu dürfen, daß sie mir nur etwas Teilnahme zeigen und mich nicht gleich im ersten Augenblick davonjagen solle, daß sie mir vielmehr aufs Wort glauben und daß sie anhören möge, was ich ihr zu sagen wünsche, und sollte sie mich auch auslachen, gleichviel! – aber daß sie mir wenigstens etwas Hoffnung geben und mir zwei Worte sagen müsse, nur zwei Worte, damit würde ich mich zufrieden geben, und sollten wir uns auch nie wiedersehen! ... Aber Sie lachen ... Übrigens rede ich ja auch nur deshalb ...“

„Seien Sie mir nicht böse. Ich lache, weil Sie ja Ihr eigener Feind sind ... wenn Sie es versuchten, so würde es Ihnen schon gelingen, und wäre es auch auf der Straße: je einfacher, desto besser. Kein einziges Mädchen, wenn sie nur nicht schlecht oder dumm ist oder in dem Augenblick gerade sehr geärgert über irgend etwas, würde es übers Herz bringen, Sie fortzuschicken, ohne Ihre zwei Worte anzuhören – wenn Sie so bescheiden darum bitten ... Doch nein, was sage ich! Natürlich würde sie Sie für einen Verrückten halten! Im übrigen habe ich da nach meinem Empfinden geurteilt. Ich weiß doch auch ein wenig, wie die Menschen sind.“

„Oh, ich danke Ihnen,“ rief ich, „Sie wissen nicht, was Sie mir mit Ihrer Antwort gegeben haben!“

„Gut, gut! Aber sagen Sie mir, woran haben Sie es erkannt, daß ich ein Mädchen bin, mit dem man ... nun, das Sie für würdig halten ... Ihrer Aufmerksamkeit und Freundschaft ... Mit einem Wort, keine Hauswirtin, wie Sie sagten ... Warum entschlossen Sie sich, sich gerade mir zu nähern?“

„Warum? Warum! Sie waren allein, jener Herr benahm sich so dreist und jetzt ist es Nacht: da werden Sie doch zugeben, daß es meine Pflicht war ...“

„Nein, nein, vorher, dort, auf der anderen Seite, am Kai. Da wollten Sie sich mir doch schon nähern?“

„Dort, auf jener Seite? Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll ... Ich fürchte ... Ja sehen Sie, ich war heute so glücklich: ich ging und sang, ich war draußen vor der Stadt ... ich habe mich noch nie so glücklich gefühlt. Sie dagegen ... aber vielleicht schien es mir nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie daran erinnere – es schien mir, daß Sie weinten, und ich ... ich vermochte das nicht mitanzuhören ... es preßte mir das Herz zusammen ... Mein Gott, konnte ich Ihnen denn nicht helfen? Durfte ich nicht Ihren Kummer teilen? War es denn Sünde, daß ich brüderliches Mitleid mit Ihnen empfand? ... Verzeihen Sie, ich sagte Mitleid ... Nun gleichviel, mit einem Wort – konnte es Sie denn beleidigen, wenn ich da unwillkürlich das Verlangen empfand, mich Ihnen zu nähern? ...“

„Schon gut, hören Sie auf, sprechen Sie nicht weiter ...“ unterbrach mich das Mädchen. Sie sah verwirrt zu Boden und ich fühlte, wie ihre Hand zuckte. „Es ist meine Schuld, daß ich überhaupt davon anfing. Aber es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe ... So, jetzt bin ich gleich zu Hause, ich muß hierher in die Querstraße, nur noch zwei Schritte ... Leben Sie wohl, und ich danke Ihnen ...“

„Ja, sollen wir uns denn wirklich niemals wiedersehen? ... Soll das denn schon das Ende sein?“

„Sehen Sie, wie Sie sind!“ sagte sie lachend, „anfangs wollten Sie nur zwei Worte reden, und jetzt! ... Übrigens will ich nichts verschwören ... Vielleicht werden wir einander noch begegnen ...“

„Ich werde morgen wieder hier sein,“ sagte ich schnell. „Verzeihen Sie, ich fordere bereits ...“

„Ja, Sie sind recht ungeduldig ... fast fordern Sie bereits ...“

„Hören Sie, hören Sie!“ unterbrach ich sie, „verzeihen Sie, wenn ich Ihnen wieder irgend so etwas sage ... Aber sehen Sie: ich kann nicht anders, ich muß morgen hierherkommen. Ich bin ein Träumer, ich kenne so wenig wirkliches Leben, und einen solchen Augenblick, wie diesen, erlebe ich so selten, daß es mir ganz unmöglich wäre, ihn mir in meinen Träumen nicht immer wieder zu vergegenwärtigen. Von Ihnen werde ich jetzt die ganze Nacht träumen, die ganze Woche, das ganze Jahr! Ich werde unbedingt morgen hierherkommen, gerade hierher, wo wir jetzt stehen, und um dieselbe Zeit, und ich werde glücklich sein in der Erinnerung an die heutige Begegnung. Schon jetzt ist mir diese Stelle hier lieb. So habe ich noch zwei oder drei andere Stellen in Petersburg, die mir lieb sind. Ich habe einmal sogar geweint, ganz wie Sie vorhin, als plötzlich eine Erinnerung in mir erwachte ... Vielleicht haben Sie heute dort am Kai gleichfalls nur deshalb geweint, weil eine Erinnerung über Sie kam ... Verzeihen Sie, ich habe wieder davon gesprochen! Sie waren dort vielleicht einmal ganz besonders glücklich ...“

„Nun gut,“ sagte das Mädchen plötzlich, „also hören Sie: ich werde morgen auch hierherkommen, um zehn Uhr. Ich sehe, daß ich es Ihnen doch nicht verwehren kann ... Aber Sie wissen noch nicht, um was es sich handelt – ich muß nämlich sowieso unbedingt hierherkommen. Denken Sie deshalb nicht, daß ich Ihnen ein Stelldichein gebe. Ich muß vielmehr aus einem ganz besonderen Grunde und in meinem eigenen Interesse hierherkommen, damit Sie’s wissen. Aber ... nun gut, ich will ganz aufrichtig sein: es tut nichts, wenn auch Sie kommen. Erstens könnte es wieder eine Unannehmlichkeit geben, wenn ich allein bin, wie heute, aber das ist nicht so wichtig ... Nein, kurz, ich würde Sie gern wiedersehen, um ... um ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Nur, sehen Sie, Sie werden mich doch jetzt nicht verurteilen? Denken Sie deshalb nicht, daß ich so leicht ein Stelldichein gebe ... Ich würde es auch nicht tun, wenn nicht ... Nein, das mag noch mein Geheimnis bleiben! Aber zuvor eine Bedingung ...“

„Eine Bedingung?! Sagen Sie, sprechen Sie es aus – ich bin mit allem einverstanden, bin zu allem bereit!“ rief ich förmlich begeistert. „Ich stehe für mich ein – ich werde gehorsam, werde ehrerbietig sein ... Sie kennen mich –“

„Gerade deshalb, weil ich Sie kenne, fordere ich Sie auch für morgen auf,“ sagte das Mädchen lachend. „Ich kenne Sie bereits ganz genau. Aber wie gesagt, kommen Sie nur unter einer Bedingung: seien Sie so gut und erfüllen Sie meine Bitte, ja? Sie sehen, ich rede ganz offen: Also: daß Sie sich nicht in mich verlieben ... Das darf nicht geschehen, auf keinen Fall. Zur Freundschaft bin ich herzlich gern bereit, hier, meine Hand darauf ... Aber verlieben, nein, nur das nicht, ich bitte Sie!“

„Ich schwöre Ihnen,“ rief ich und ergriff ihre Hand.

„Schon gut, schwören Sie nicht, ich weiß ja doch, daß Sie fähig sind, sich wie Pulver zu entzünden. Verübeln Sie es mir nicht, wenn ich Ihnen so etwas sage. Aber wenn Sie wüßten ... Ich habe auch keinen Menschen, mit dem ich ein Wort sprechen oder den ich um Rat fragen könnte. Natürlich sucht man im allgemeinen seine Ratgeber nicht auf der Straße, aber Sie sind eine Ausnahme. Ich kenne Sie schon so gut, als wären wir zwanzig Jahre Freunde. Nicht wahr, Sie sind doch kein Ungetreuer, Sie werden Ihr Versprechen doch halten? ...“

„Sie werden sehen, Sie werden sehen ... nur freilich, wie ich die nächsten vierundzwanzig Stunden überleben soll, das weiß ich nicht!“

„Schlafen Sie so fest wie möglich. Und nun, gute Nacht – und vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon mein Vertrauen geschenkt habe. Aber es war so hübsch, was Sie vorhin sagten, und Sie haben recht, man kann einander doch wirklich nicht über jedes Gefühl Rechenschaft geben, und wenn es auch nur brüderliches Mitgefühl ist! Wissen Sie, das sagten Sie so lieb, daß mir sogleich der Gedanke kam, mich Ihnen anzuvertrauen ...“

„Ja, aber worin denn?“

„Morgen sag’ ich’s Ihnen. Bis dahin mag es noch mein Geheimnis bleiben. Um so besser für Sie: das Ganze wird so wenigstens wirklich wie ein Roman aussehen. Vielleicht werde ich es Ihnen schon morgen sagen, vielleicht aber auch morgen noch nicht ... Ich werde mit Ihnen vorher noch von anderem sprechen: wir müssen uns erst näher kennen lernen ...“

„Oh, was mich betrifft, so erzähle ich Ihnen morgen meinetwegen alles von mir! Aber was ist das nur? Mir kommt es vor, als geschehe ein Wunder mit mir ... Wo bin ich, mein Gott?! So sagen Sie doch, sind Sie nun wirklich nicht ungehalten darüber, daß Sie mich nicht gleich zu Anfang fortgeschickt haben? Es waren nur zwei Minuten: und Sie haben mich für immer glücklich gemacht. Ja, glücklich! Wer weiß, vielleicht haben Sie mich sogar mit mir selbst versöhnt und alle meine Zweifel aufgehoben ... Vielleicht habe ich Augenblicke ... Ach nein, morgen erzähle ich Ihnen alles, dann werden Sie alles erfahren, alles ...“

„Gut, abgemacht! Und Sie erzählen zuerst.“

„Einverstanden.“

„Dann also auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen!“

Wir trennten uns. Ich lief noch die ganze Nacht umher: ich konnte mich nicht entschließen, nach Haus zurückzukehren. Ich war so glücklich ... ich dachte nur an dieses Wiedersehen!

Die zweite Nacht.

„Da hätten wir’s also glücklich überlebt!“ sagte sie zum Gruß und drückte mir lachend beide Hände.

„Ich bin schon seit zwei Stunden hier. Sie wissen nicht, wie ich den Tag verbracht habe.“

„Ich weiß, ich weiß ... Doch zur Sache! Was meinen Sie wohl, weshalb ich hergekommen bin? Doch nicht, um solchen Unsinn zu reden, wie gestern! Nein, hören Sie mich an: wir müssen hinfort klüger sein. Ich habe mir das reiflich überlegt.“

„Warum denn, warum denn klüger? Ich meinerseits bin ja gern dazu bereit: nur ist mir sowieso schon in meinem Leben nichts Klügeres geschehen, als gestern ...“

„Wirklich? Aber hören Sie – erstens bitte ich Sie, meine Hände nicht so zu drücken; und zweitens teile ich Ihnen mit, daß ich heute lange über Sie nachgedacht habe.“

„Nun, und? Was war das Ergebnis?“

„Das Ergebnis? Ich kam zu der Einsicht, daß wir von neuem anfangen müssen, denn zum Schluß sagte ich mir doch, daß ich Sie ja noch gar nicht kenne und daß ich mich gestern recht wie ein Kind, wie ein ganz kleines Mädchen benommen habe. Dabei stellte es sich aber heraus, daß an allem natürlich nur mein gutes Herz schuld war, das heißt, ich habe zum Schluß vor mir selbst ordentlich groß getan, wie das ja zu guter Letzt immer geschieht, wenn wir uns über uns selbst Rechenschaft geben. Und deshalb, um den Fehler wieder gutzumachen, habe ich mir vorgenommen, zunächst alles über Sie ganz genau in Erfahrung zu bringen. Da ich nun aber niemand kenne, bei dem ich mich nach Ihnen erkundigen könnte, so müssen Sie selbst mir alles erzählen, aber auch alles und ganz ausführlich. Nun also: was für ein Mensch sind Sie? Schnell – so fangen Sie doch an, erzählen Sie Ihre Geschichte!“

„Geschichte?“ rief ich erschrocken, „meine Geschichte? Aber wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich eine Geschichte habe? Ich habe keine Geschichte ...“

„Ja – Wie haben Sie denn überhaupt gelebt, wenn Sie keine Geschichte haben?“ fragte sie lachend.

„Oh, ganz ohne jede Geschichte! Also, ich habe eben gelebt, für mich allein, wie man bei uns zu sagen pflegt, eben ganz allein, immer allein, vollkommen allein – wissen Sie, was das heißt, ‚allein‘?“

„Aber wie denn: allein? So, daß Sie niemals jemand gesehen haben?“

„O nein, gesehen – das schon. Aber trotzdem war ich immer allein.“

„Ja wie, ich verstehe Sie nicht. Sprechen Sie denn mit keinem Menschen?“

„Strenggenommen – mit keinem einzigen.“

„Aber was sind Sie denn für ein Mensch, erklären Sie mir das doch. Nein! Warten Sie, ich errate es schon von selbst: Sie haben ganz sicher auch eine Großmutter, genau wie ich. Die meinige ist blind, wissen Sie, und nun läßt sie mich ihr Lebtag nicht von sich fort, so daß ich fast schon zu sprechen verlernt habe. Als ich ihr nämlich vor zwei Jahren einen kleinen Streich spielte und sie einsehen mußte, daß sie kein Mittel hatte, solchen Streichen vorzubeugen, da rief sie mich zu sich und steckte mein Kleid mit einer Stecknadel an das ihrige – und so sitzen wir denn seitdem tagaus tagein nebeneinander. Sie strickt ihren Strumpf, obschon sie blind ist; ich muß neben ihr sitzen, nähen oder ihr aus einem Buch vorlesen – ... oh, oft kommt es mir selbst ganz sonderbar vor, daß ich nun schon zwei Jahre lang in dieser Weise angesteckt bin ...“

„Mein Gott, das muß allerdings furchtbar sein! Aber ich, ich habe keine solche Großmutter.“

„Dann begreife ich nicht, wie Sie immer zu Hause sitzen können?“

„Hören Sie, Sie wollten ja wissen, wer ich bin?“

„Allerdings!“

„Im Ernst?“

„Natürlich!“

„Gut. Ich bin also: ein – Typ.“

„Was? Ein Typ? Was für ein Typ?“ fragte das Mädchen verwundert und lachte dann so herzlich, als habe sie ein ganzes Jahr lang nicht gelacht. „Aber ich sehe schon, es ist riesig lustig, sich mit Ihnen zu unterhalten! Warten Sie: dort ist eine Bank, setzen wir uns! Hier geht kein Mensch vorüber, niemand kann uns hören. So, nun fangen Sie an mit Ihrer Geschichte! Denn, daß Sie keine haben, glaube ich Ihnen nicht. Sie haben eine, Sie wollen sie nur nicht erzählen. Aber zuerst sagen Sie mir, was ist ein Typ?“

„Ein Typ? Ein Typ ist ein – Original. Das ist so ein komischer Kauz,“ erklärte ich, und mußte gleichfalls lachen. „Es gibt nun einmal solche – wie soll ich sagen – Charaktere. Sie wissen doch, was ein Träumer ist?“

„Ein Träumer? Natürlich! Ich bin selbst eine Träumerin! Manchmal, wenn man so neben Großmutter sitzt – was kommt einem da nicht alles in den Sinn! Fängt man erst einmal an, zu träumen, so spinnen sich die Träume bald von selbst weiter und da kommt es denn vor, daß ich in der Phantasie einfach einen chinesischen Prinzen heirate ... Mitunter ist es auch ganz gut – zu träumen. Nein, übrigens, weiß Gott! Namentlich wenn man auch noch sein anderes hat, woran man denken kann ...“ schloß das Mädchen unvermittelt und diesmal ziemlich ernst.

„Vortrefflich! Wenn Sie einmal einen chinesischen Prinzen geheiratet haben, dann werden Sie mich vollkommen verstehen! Also hören Sie ... Doch erlauben Sie: ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen.“

„Endlich! Es fällt Ihnen wirklich früh ein, danach zu fragen!“

„Mein Gott, ja ... Ich dachte gar nicht daran, ich war auch so schon glücklich ...“

„Ich heiße – Nasstenka.“

„Nasstenka! Nur Nasstenka?“

„Nur! Ist Ihnen denn das noch zu wenig, Sie Unersättlicher?“

„Zu wenig? Oh, im Gegenteil, es ist viel, sehr viel, Nasstenka, Sie gutes kleines Mädchen, Sie, die für mich gleich am ersten Abend zur Nasstenka geworden sind!“

„Das meine ich auch. Nun?“

„Nun ja, also, Nasstenka, dann hören Sie mal zu, was für eine komische Geschichte das ist.“

Ich setzte mich neben sie, machte eine pedantisch ernste Miene und begann, als wäre es eine Vorlesung:

„Es gibt, Nasstenka, wenn Sie das noch nicht wissen, es gibt hier in Petersburg recht merkwürdige Winkel. Es ist, als schiene dorthin niemals die Sonne, die für alle Petersburger leuchtet, sondern eine andere, neue, die gleichsam nur für diese Winkel geschaffen ist, und es ist auch ganz so, als schiene sie auf alles andere in der Welt mit einem ganz anderen, einem besonderen Licht. In diesen Winkeln, liebe Nasstenka, ist es, als rege sich ein ganz anderes Leben, eines, das gar nicht dem gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es nur, wie man meinen sollte, in einem tausend Meilen fernen Reich geben könnte, nicht aber hier bei uns in unserer ernsten, überernsten Zeit. Doch gerade dieses Leben ist nur eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend Idealem, und zugleich doch – leider, Nasstenka! – trübe Alltäglichem und glatt Gewöhnlichem um nicht zu sagen: bis zur Verzweiflung Gemeinem.“

„Pfui! Großer Gott! Das ist mir mal eine Einleitung! Was werde ich da wohl noch zu hören bekommen?“

„Sie werden zu hören bekommen, Nasstenka – mir scheint, ich werde niemals müde werden, Sie Nasstenka zu nennen – Sie werden hören, daß in diesen Winkeln seltsame Menschen leben – Wesen, die man Träumer nennt. Ein Träumer ist – wenn man es genauer erklären soll – kein Mensch, sondern, wissen Sie, eher so ein gewisses Geschöpf sächlichen Geschlechts. Gewöhnlich lebt der Betreffende irgendwo in einem von aller Welt abgeschlossenen Winkel, als wolle er sich sogar vor dem Tageslicht verbergen, und wenn er sich einmal in seine Behausung zurückgezogen hat, dann wächst er mit ihr zusammen, ungefähr wie eine Schnecke mit ihrem Haus, oder er gleicht wenigstens in der Beziehung jenem merkwürdigen Tiere, das beides zugleich, nämlich sowohl Tier als auch das Haus des Tieres ist und das wir Schildkröte zu nennen pflegen. Was meinen Sie aber, weshalb liebt er so seine vier Wände, die unfehlbar hellgrün angestrichen, öde, trübselig und in einem nahezu unstatthaften Maße verräuchert sind? Weshalb ist dieser komische Mensch, wenn ihn jemand von seinen wenigen Bekannten besucht – übrigens endet es immer damit, daß auch diese wenigen ihn bald vergessen – weshalb ist er dann immer so betreten und verwirrt? Weshalb hat er ein Gesicht, als habe er in seinem einsamen Winkel geradezu ein Verbrechen begangen, als habe er Papiere gefälscht oder Gedichte fabriziert, um sie an eine Zeitschrift zu senden, natürlich mit einem Begleitbrief, in dem er mitteilt, daß der Verfasser gestorben sei und daß er es als Freund für seine heilige Pflicht halte, des Verstorbenen Werke zu veröffentlichen? Weshalb, sagen Sie mir das, Nasstenka, weshalb will das Gespräch zwischen den beiden nie so recht vorwärts kommen und weshalb fällt von den Lippen des plötzlich hereingeschneiten Freundes, der doch sonst stets zu Scherz und Lachen und Gesprächen über das schöne Geschlecht oder über andere angenehme Themata aufgelegt ist, kein einziges Scherzwort? Weshalb fühlt sich dieser neue Freund bei seinem ersten Besuch – denn ein zweiter pflegt in diesem Fall nicht zu folgen – weshalb fühlt auch er sich befangen und weshalb wird er trotz seiner Fähigkeit, geistreich zu sein – das heißt, vorausgesetzt, daß er sie wirklich besitzt – immer einsilbiger beim Anblick der verzweifelten Miene des andern, der sich übermenschlich, doch leider vergeblich anstrengt, das Gespräch zu beleben und zu zeigen, daß auch er eine Unterhaltung zu führen imstande sei und über das schöne Geschlecht zu plaudern? um so wenigstens durch seine Bereitwilligkeit zu allem und jedem die Enttäuschung des Gastes zu mildern, der nun einmal das Pech hat, dorthin geraten zu sein, wohin er nicht gehört! Weshalb greift schließlich der Gast nach seinem Hut und empfiehlt sich schnell mit der Entschuldigung, das ihm plötzlich etwas überaus Wichtiges eingefallen sei, das nicht den geringsten Aufschub dulde? und weshalb befreit er seine Hand so schnell aus der heißen des anderen, der mit tiefster Reue im Herzen noch gutzumachen sucht, was sich nicht mehr gutmachen läßt? Weshalb lacht dann der fortgehende Freund, sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hat, und weshalb schwört er sich, nie wieder diesen Sonderling aufzusuchen, obschon der im Grunde gar kein so übler Bursche ist? und weshalb kann er seiner Phantasie nicht das kleine Vergnügen versagen: den Gesichtsausdruck des Sonderlings während der Zeit seines Besuches wenigstens entfernt mit demjenigen eines Kätzchens zu vergleichen, das, von unartigen Kindern unter heimtückischen Lockungen eingefangen, tüchtig gepeinigt worden und das endlich unter den Stuhl in einen dunkeln Winkel geflüchtet ist, um sich dort erst einmal das Fell durchzulecken, sein mißhandeltes Schwänzchen mit beiden Vorderpfoten zu waschen und zu putzen und dann noch lange feindselig auf die Natur der Dinge und das Leben überhaupt und ebenso auch auf den Brocken zu blicken, den ihm eine mitleidige Küchenseele von den Leckerbissen der herrschaftlichen Tafel zuwirft?“

„Hören Sie,“ unterbrach mich Nasstenka, die die ganze Zeit verwundert mit großen Augen und halboffenem Mündchen zugehört hatte, „hören Sie: ich begreife ganz und gar nicht, was das alles soll und weshalb Sie gerade mich so sonderbare Dinge fragen? Alles, was ich verstehe, ist nur, daß Sie diese Geschichte zweifellos selbst erlebt haben.“

„Ganz zweifellos,“ versetzte ich mit ernster Miene.

„Nun, wenn es wahr ist, dann fahren Sie fort,“ sagte Nasstenka, „denn jetzt möchte ich sehr gern wissen, wie das endet.“

„Sie wollen wissen, Nasstenka, was er in seinem Winkel denn eigentlich tat, unser Held, oder richtiger, ich, denn der Held des Ganzen bin doch ich, ich selbst mit meiner eigenen bescheidenen Person. Sie wollen wissen, weshalb ich mich durch den unerwarteten Besuch des Bekannten so aus dem Gleichgewicht gebracht fühlte und wie ein ertappter Sünder errötete, als die Tür sich auftat und weshalb ich den Gast nicht zu empfangen verstand und eine so unglückliche Rolle als Hausherr spielte?“

„Nun ja, selbstverständlich will ich das! Aber hören Sie: Sie erzählen ja sehr schön, doch ließe sich das alles nicht irgendwie weniger „schön“ erzählen? Denn sonst reden Sie ja, als hätten Sie ein Buch vor sich, aus dem Sie ablesen!“

„Nasstenka!“ versetzte ich mit wichtiger und strenger Stimme, während ich mir nur mit Mühe das Lachen verbiß, „liebe Nasstenka, ich weiß, daß ich schön erzähle, aber verzeihen Sie, anders verstehe ich nun einmal nicht zu erzählen. Jetzt, liebe Nasstenka, jetzt gleiche ich dem Geiste des Königs Salomo, der tausend Jahre in einer Truhe unter sieben Siegeln gefangen war und nun von allen sieben Siegeln befreit worden ist. Jetzt, liebe Nasstenka, wo wir uns nach so langer Trennung wiedergefunden haben – denn ich kenne Sie ja schon lange, lange, Nasstenka, weil ich nämlich schon lange jemand suche ... worin zugleich der Beweis dafür liegt, daß ich gerade Sie gesucht habe und daß es uns vom Schicksal vorbestimmt gewesen ist, gerade hier zusammenzutreffen – jetzt haben sich tausend Klappen in meinem Kopf geöffnet und ich muß mein Herz in einen Strom von Worten ausgießen – oder ich ersticke an ihnen. Deshalb bitte ich Sie, mich nicht zu unterbrechen, Nasstenka, und geduldig und ergeben zuzuhören: wenn nicht – dann verstumme ich ...“

„Nein, nein, nein! Das sollen Sie nicht! Erzählen Sie! Ich werde kein Wort mehr sagen!“

„Ich fahre also fort: es gibt, liebe Freundin Nasstenka, es gibt für mich an jedem Tage eine Stunde, die ich ungemein liebe. Das ist die Stunde, in der die Geschäfte, Büros und Kanzleien schließen und die Menschen alle nach Hause eilen, um zu Mittag zu speisen,[2] sich hinzulegen und etwas auszuruhen, und in der die Menschen unterwegs Pläne schmieden für den Abend, die Nacht und die ganze übrige freie Zeit, die ihnen noch verblieben ist. In dieser Stunde pflegt auch unser Held – Sie müssen mir schon erlauben, Nasstenka, von mir in der dritten Person zu erzählen, denn in der ersten würde das alles viel zu unbescheiden klingen – also, in dieser Stunde pflegt auch unser Held, der gleichfalls seine regelmäßige Tagesarbeit hat, mit den anderen Menschen eines Weges zu gehen. Ein seltsames Gefühl des Vergnügens spricht aus seinem blassen, ein wenig erschlafften Gesicht. Nicht teilnahmlos sieht er auf die Abendröte, die am kalten Petersburger Himmel langsam erlischt. Nein, ich lüge, wenn ich sage, daß er sie sieht: er sieht überhaupt nicht, sondern er schaut, und er schaut gleichsam unbewußt, als wäre er müde oder als wären seine Gedanken gleichzeitig mit irgendeinem fernen, anderen, eigenartigen Gegenstande beschäftigt, so daß er schon sehr bald für seine Umgebung kaum noch einen flüchtigen Blick hat, und auch diesen nur bei irgendeinem Zufall, der ihn ablenkt. Er ist beinahe zufrieden, denn er hat bis morgen die lästige Arbeit getan, er ist froh wie ein Schüler, der von der Schulbank kommt und sich nun wieder seinen Lieblingsspielen und Streichen widmen kann. Wenn Sie ihn von der Seite beobachten, Nasstenka, werden Sie sogleich bemerken, daß das frohe Gefühl auf seine angegriffenen Nerven und auf seine krankhaft überreizte Phantasie bereits günstig eingewirkt hat. Seine Gedanken hüllen ihn gleichsam ein. Sie glauben, er denke an sein Mittagessen? An den Abend, der ihm bevorsteht? Was ist es wohl, was er so scharf ins Auge faßt? Ist es etwa jener Herr, der so höflich und doch so pittoresk die Dame grüßt, die in prächtiger Kalesche an ihm vorüberfährt? Nein, Nasstenka, was gehen ihn alle diese kleinlichen Nebensachen an! Er ist jetzt reich in seinem eigenen, seinem ureigensten, besonderen Leben: ganz plötzlich ist er reich geworden und der letzte Strahl der erlöschenden Sonne hat nicht vergeblich so lebenswarm vor ihm geglüht und in seinem erwärmten Herzen eine Fülle von Eindrücken wachgerufen. Jetzt bemerkt er kaum mehr den Weg, auf dem ihm noch kurz vorher jede geringste Kleinigkeit auffallen konnte. Die Göttin Phantasie hat bereits ihr goldenes Netz um ihn gewebt und füllt es nun aus mit den bunten Mustern eines unwillkürlichen und wunderlichen Lebens: und vielleicht – wer kann es wissen? – vielleicht hat sie ihn von dem massiven Granittrottoir, auf dem er nach Hause geht, mit launischer Hand bereits in den siebenten weltfernsten Himmel entführt? Wenn Sie jetzt versuchen wollten, ihn plötzlich anzureden und ihn zu fragen, wo er sich im Augenblick befinde, durch welche Straßen er gegangen – dann würde er ganz entschieden weder das eine noch das andere anzugeben vermögen und wahrscheinlich vor Ärger errötend irgend etwas, das ihm gerade einfällt, verlegen antworten. Deshalb fährt er auch plötzlich so zusammen und blickt sich erschrocken um – nur weil eine alte Frau ihn mitten auf dem Trottoir anhält und ihn nach einer Straße fragt, die sie nicht zu finden weiß. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn schreitet er weiter, ohne es zu bemerken, daß von den Vorübergehenden mehr als einer bei seinem Anblick lächelt und mancher ihm sogar nachschaut, und daß ein kleines Mädchen, das ihm ängstlich ausweicht, plötzlich nach Kinderart laut auflacht, da ihren verwundert aufgerissenen Augen sein breites traumverlorenes Lächeln und die halben Gesten seiner Hände so komisch erscheinen. Doch schon hat dieselbe Phantasie in ihrem spielenden Fluge die alte Dame und die neugierig Vorübergehenden und das lachende kleine Mädchen und die Bauernkerle, die auf ihren Booten Abendrast halten, unten auf der Fontanka – nehmen wir an, daß unser Held sich in dem Augenblick an dem Kanalkai befindet – schon hat sie alles mutwillig in ihr Netz eingewebt, wie die Spinne die Fliegen, und mit der neuen Beute betritt der Sonderling seine Behausung, er setzt sich an den Tisch und ißt und beendet die Mahlzeit und kommt nicht früher zu sich, als bis Matrjona, seine ewig trübselige wortkarge Wirtin, nachdem sie alles vom Tisch abgeräumt, ihm seine Pfeife reicht: da erst, wie gesagt, kommt er zu sich und gewahrt mit Verwunderung, daß er bereits gegessen hat, ohne daß es ihm zu Bewußtsein gekommen wäre. Es dunkelt im Zimmer; in seiner Seele ist es leer und traurig. Ein ganzes Reich von Träumen ist rings um ihn eingestürzt – geräuschlos, lautlos, spurlos wie eben nur ein Traum vergehen kann, er wüßte nicht einmal mehr zu sagen, was er gesehen hat. Aber ein dunkles Empfinden, das in seiner Brust sich zu regen beginnt, erweckt allmählich einen neuen Wunsch, umschmeichelt verführerisch seine Einbildungskraft und ruft unmerklich wieder eine ganze Schar neuer Phantome heran. Stille herrscht in seinem kleinen Zimmer: die Einsamkeit und das Nichtstun liebkosen die Phantasie, sie glüht leise auf, eine leise Bewegung hebt in ihr an, wie ein leises Wallen, ähnlich dem Wasser in der Kaffeemaschine der alten Matrjona, die nebenan in der Küche ruhig wirtschaftet und sich ihren Köchinnenkaffee braut: wie lange noch und es beginnt zu brodeln ... Da fällt auch schon das Buch, das mein Träumer zwecklos und unbesehen aus der Reihe herausgegriffen hat, aus seiner Hand, noch bevor er bis zur dritten Seite gelesen. Die Einbildungskraft ist wieder erwacht: und plötzlich ist eine neue Welt, ein neues bezauberndes Leben um ihn herum entstanden. Ein neuer Traum – neues Glück! neues, verfeinertes, süßes Gift! Oh, was liegt ihm an unserem wirklichen Leben! Nach seiner allerdings sehr einseitigen Auffassung leben wir anderen, Nasstenka, ein Leben, das langsam ist, träge und schlaff. In seinen Augen sind wir alle so unzufrieden mit unserem Schicksal und quälen uns so sehr mit unserem Dasein! Und es ist ja auch wahr, sehen Sie nur, wie auf den ersten Blick alles zwischen uns aussieht, wie kalt, düster, unfreundlich, als wäre alles böse, feindselig ... Die Armen! denkt mein Träumer. Und es ist kein Wunder, daß er so denkt! Sie sehen nicht diese Zauberbilder, die so berückend, so verschwenderisch, so uferlos breit aus dem Nichts vor ihm erstehen, Bilder, auf deren Vordergrunde die erste Person, versteht sich, er selbst ist, er, unser Träumer mit seinem teuren Ich. Sie sehen nicht, was für Abenteuer, was für eine unabsehbare Reihe von Geschehnissen er erlebt! Sie fragen: Wovon er denn träumt? Wozu das Fragen? – doch einfach von allem, von allem ... vom Schicksal eines Dichters, der anfangs nicht anerkannt wird, dann aber überall Begeisterung erweckt; von seiner Freundschaft mit E. Th. A. Hoffmann, der Bartholomäusnacht, Diana Vernon, einer heroischen Rolle bei der Einnahme der Stadt Kasan durch den Zaren Iwan Wassiljewitsch, von einer Bühnengröße, einer Sängerin, von Johannes Huß vor dem Konzil, von der Auferstehung der Toten in „Robert der Teufel“ – kennen Sie die Musik? sie duftet nach dem Friedhof – von Minna und Anderem, von der Schlacht an der Beresina, vom Vortrag eines Gedichts bei der Gräfin W. D., von Danton, Kleopatra ei suoi amanti, einem Häuschen in Kolomna, vom eigenen Winkel in Petersburg, in dem neben ihm ein liebes Geschöpf sitzt, das mit offenem Mündchen und großen Augen an einem Winterabend ihm zuhört – genau so, wie Sie mir jetzt zuhören, mein junges Täubchen ... Nein, Nasstenka, was ist ihm, dem leidenschaftlichen Nichtstuer, was ist ihm jenes irdische Leben, das wir, Nasstenka, so gern einmal leben möchten? Er hält es für ein armes, ein armseliges Leben, das Mitleid verdient, und ahnt nicht, daß auch für ihn vielleicht einmal die Stunde schlagen wird, wo er für einen Tag dieses wirklichen Lebens gerne alle seine phantastischen Jahre hingeben würde, und nicht für einen frohen Tag, nicht für einen Tag des Glücks hingeben, nein, er wird nicht einmal wählen dürfen in dieser Stunde der Trauer und Reue und des unabwendbaren Wehs. Doch vorläufig ist diese furchtbare Zeit noch nicht angebrochen – er wünscht nichts, weil er über allen Wünschen steht, weil er ja alles hat, weil er schon übersättigt und selbst der Künstler seines Lebens ist, das er sich zu jeder Zeit nach eigenem Wunsch gestalten kann. Und so leicht, so natürlich ersteht diese phantastische Märchenwelt! als wären das alles gar nicht bloße Hirngespinste! Wirklich, man ist oft zu glauben versucht, daß dieses ganze Leben nicht eine Schöpfung des Gefühls, nicht eine wesenlose Luftspiegelung und trügerische Einbildung, sondern wahrhaftig Wirklichkeit, etwas wirklich Seiendes, ein greifbar Vorhandenes sei! Weshalb, sagen Sie mir das, Nasstenka, weshalb hält man in solchen Augenblicken des unwirklichen Erlebens oft den Atem an? Weshalb – woher kommt es, daß, wie durch eine unerforschliche Zaubermacht, der Puls schneller schlägt, daß Tränen den Augen entströmen, daß die bleichen Wangen des Träumers zu glühen anfangen und sein ganzes Sein von überwältigender Lust erfüllt wird? Weshalb vergehen ganze Nächte, die er in unerschöpflicher Freude und beseligendem Glück schlaflos verbringt, wie ein einziger kurzer Augenblick? Und wenn die Morgenröte rosig durch die Fensterscheiben schimmert und die erste Dämmerung mit ihrem ungewissen phantastischen Licht in das trübselige Zimmer schleicht, und unser Träumer sich ermüdet und erschöpft auf das Bett wirft, und einschlummert – weshalb hat er dann ein Gefühl, als vergehe er vor Entzücken mit seinem ganzen krankhaft erschütterten Geiste, und das mit einem so peinvoll süßen Schmerz im Herzen? Ja, Nasstenka, so täuscht man sich und glaubt als Fremder unwillkürlich, daß eine wirkliche, eine körperliche Leidenschaft unsere Seele errege! Unwillkürlich glaubt man, daß in unseren körperlosen Träumen etwas Lebendiges, Greifbares sei! Und was ist das doch für ein Betrug! Da ist zum Beispiel die Liebe mit ihrer ganzen unerschöpfbaren Freude und ihrer nimmermüden Pein in des Träumers Brust erwacht ... Ein Blick auf ihn genügt, um einen jeden von der Echtheit des Gefühls zu überzeugen. Werden Sie es da glauben, liebe Nasstenka, wenn Sie ihn so sehen, daß er diejenige, die er in seinen verzückten Träumen so rasend liebt, in Wirklichkeit niemals gekannt hat? Aber hat er sie denn nun auch wirklich nur, nur in berückenden Phantasiebildern gesehen? Und hat er diese Leidenschaft wirklich nur – geträumt? Sind sie denn wirklich nicht durch Jahre ihres Lebens Hand in Hand gegangen – zu zweien, ohne sich um die Welt zu kümmern, das eigene Leben mit dem des anderen vereint? War sie denn wirklich nicht zu später Stunde, als er Abschied von ihr nahm, weinend an seine Brust gesunken, ohne auf den Sturm zu achten, der unter dem rauhen Himmel tobte, ohne den Wind zu spüren, der die Tränen an ihren schwarzen Wimpern trocknete? War das denn wirklich alles nur ein Traum im Wachen gewesen – auch der verwilderte einsame Garten mit den grasbedeckten moosigen Wegen, auf denen sie so oft zu zweien wandelten und Hoffnungen aufbauten und sich sehnten und einander liebten, einander so liebten, ‚so bang und süß‘, wie es im alten Liede heißt? Und dieses alte, verwitterte Herrenhaus, in dem sie so lange einsam und traurig leben mußte, mit dem alten finsteren Mann, der, ewig schweigsam und verdrossen, die Liebenden wie ein Schreckgespenst ängstete, sie, die ohnehin schon wie scheue Kinder ihre Liebe voreinander verbargen? Wie quälten sie sich, wie fürchteten sie sich, wie schuldlos und rein war ihre Liebe und wie – das versteht sich von selbst, Nasstenka – wie böse waren die Menschen! Und, mein Gott, hat er sie denn später wirklich nicht, fern von der Heimat, unter einem fremden südlichen Himmel, in einem Palazzo – unbedingt in einem Palazzo – in einer wundervollen ewigen Stadt bei rauschender Musik im Ballsaal wiedergesehen? Sind sie dann nicht auf den Balkon hinausgetreten, den Myrten und Rosen umrankten, und hat sie dort nicht ihre Maske abgenommen und ihm zugeflüstert: ‚Ich bin frei!‘ – und hat er sie da nicht in seine Arme geschlossen, wie toll vor Entzücken, und haben sie sich nicht wirklich aneinander geschmiegt und im Augenblick alles Leid vergessen und die Trennung und alle Qualen und das düstere Haus und den alten Grafen, den verwilderten Garten in der fernen Heimat und die Bank, auf der sie ihm den letzten leidenschaftlichen Kuß gegeben, um sich dann aus seinen Armen zu reißen ... Oh, Sie werden doch zugeben, Nasstenka, daß es da nur natürlich ist, wenn man zusammenfährt und wie ein ertappter Schüler verwirrt errötet, als hätte man soeben einen aus dem Nachbargarten gestohlenen Apfel in die Tasche gesteckt, wenn plötzlich die Zimmertür aufgestoßen wird und irgendein langer, gesunder Bursche, so ein guter, immer fröhlicher Junge, über die Schwelle tritt und mit lachendem Gruß ausruft, als wäre nichts geschehen: ‚Freund, ich komme soeben aus Pawlowsk!‘ Mein Gott! Der alte Graf war gestorben und sie war frei! Unfaßbares Glück brach für uns an. Das sagte und brachte man uns aus Pawlowsk!“

Ich hielt inne, da meine leidenschaftliche Rede zu Ende war. Ich weiß noch, daß ich schreckliche Lust hatte, laut, schallend aufzulachen, gleichsam irgend etwas aus mir herauszulachen, denn ich fühlte, daß in der Tat so ein feindliches Teufelchen sich bereits in mir zu regen begann und mir schon im Halse saß, und daß es mir im Kinn und in den Augenlidern zuckte ...

Natürlich erwartete ich nichts anderes, als daß Nasstenka, die mich mit ihren klugen Augen groß ansah, nun in unbändig lustiges Kinderlachen ausbrechen würde, und ich bereute schon, daß ich so weit gegangen war und etwas erzählt hatte, das ich lange mit mir herumgetragen und deshalb wie aus einem Buch ablesend erzählen konnte. Ich hatte mich seit Jahr und Tag darauf vorbereitet, einmal vor mich selbst wie vor einen Richter zu treten und über mich ein Urteil zu fällen: und da hatte ich mich nun wirklich einmal nicht zu bezwingen vermocht und dieses Urteil gesprochen, jedoch, offen gestanden, ohne zu erwarten, daß ich Verständnis finden würde. Aber zu meiner Verwunderung schwieg sie eine Weile, dann drückte sie mir leise die Hand und fragte mit einer seltsam zartfühlenden Teilnahme:

„Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht?“

„Mein ganzes Leben, Nasstenka,“ antwortete ich, „solange ich auf der Welt bin, und ich glaube, so werde ich es auch beenden.“

„Nein, das geht nicht, das darf nicht geschehen,“ protestierte sie, sichtlich beunruhigt, „und das geschieht auch nicht! Dann wäre es ja ebensogut möglich, daß auch ich mein ganzes Leben bei meiner Großmutter verbringen muß! Hören Sie, wissen Sie auch, daß es gar nicht gut ist, so zu leben?“

„Ich weiß es, Nasstenka, gewiß weiß ich es!“ rief ich, ohne meine Gefühle noch länger zu unterdrücken.

„Und jetzt weiß ich auch besser als je zuvor, daß ich alle meine besten Jahre verloren habe! Ich weiß es, und diese Erkenntnis schmerzt mich mehr als je, denn Gott selbst hat Sie, mein guter Engel, mir geschickt, um mir das zu sagen und zu beweisen. Jetzt, wo ich neben Ihnen sitze und mit Ihnen rede, mutet es mich schon wunderbar an, an meine Zukunft zu denken, denn in dem Leben, das noch vor, mir liegt – sehe ich wieder Einsamkeit, wieder nur dieses muffige, modernde, nutzlose Leben. Und was werde ich dann noch träumen können, das schöner ist als das Leben, nachdem ich doch in der Wirklichkeit hier neben Ihnen so glücklich gewesen bin! Oh, seien Sie dafür gesegnet, Sie liebes Mädchen, daß Sie mich nicht gleich nach dem ersten Wort zurückgestoßen haben und ich jetzt doch schon sagen kann, daß ich wenigstens zwei Abende in meinem Leben gelebt habe!“

„Ach nein, nein!“ rief Nasstenka und Tränen glänzten in ihren Augen. „Nein, so soll es nicht kommen! Wir werden nicht so auseinandergehen! Was sind zwei Abende!“

„Ach, Nasstenka, Nasstenka! Wissen Sie denn überhaupt, daß Sie mich für lange Zeit mit mir selbst versöhnt haben? Wissen Sie, daß ich jetzt nicht mehr so Schlechtes denken werde, wie in manchen früheren Stunden? Wissen Sie, daß ich mich vielleicht nicht mehr darüber grämen werde, Verbrechen und Sünde in meinem Leben begangen zu haben, denn ein solches Leben ist Verbrechen und Sünde! Und denken Sie nicht, daß ich irgendwie übertrieben habe, um Gottes willen glauben Sie das nicht, Nasstenka! Es kommen Augenblicke, in denen ich solch eine Seelenangst empfinde, solch einen Gram ... In diesen Augenblicken will es mir scheinen – und ich fange schon an, daran zu glauben –, daß ich niemals mehr fähig sein werde, ein wirkliches Leben zu beginnen, denn ich habe schon oft die Empfindung gehabt, als hätte ich jedes Gefühl verloren, und jede Aufnahmefähigkeit der Sinne in allem, was Wirklichkeit, was wirkliches Leben ist! weil ich mich schließlich selbst verflucht habe! weil meinen phantastischen Nächten schon Augenblicke der Ernüchterung folgen, die so furchtbar sind! Und währenddessen hört man, wie rings um einen die Menschenmassen lärmend im Lebensstrudel sich drehen, man hört und sieht, wie Menschen leben – wirklich leben, in der Wirklichkeit und im Wachen leben, und man sieht, daß ihr Leben nicht nach ihrer Willkür entsteht, daß ihr Leben nicht wie ein Traum verflattert, daß ihr Leben sich ewig erneut und ewig jung ist und keine Stunde der anderen gleicht, während die schreckhafte Phantasie, diese unsere Einbildungskraft, so trostlos und verzagt und bis zur Gemeinheit einförmig ist, eine Sklavin des Schattens, der bloßen Idee, eine Sklavin der ersten besten Wolke, die plötzlich die Sonne verdeckt und in wehem Leid das Herz zusammenpreßt, das echte Petersburger Herz, dem seine Sonne so teuer ist! Und erst im Leiden, was für eine Einbildung! Man fühlt, daß sie endlich doch müde wird und sich in der ewigen Anspannung erschöpft, diese scheinbar unerschöpfliche Phantasie, denn man wird reifer und männlicher und wächst über seine früheren Ideale hinaus: sie stürzen ein und es bleibt nur Staub und Schutt von ihnen übrig. Und wenn es dann kein anderes Leben gibt, muß man aus demselben Schutt die Bruchstücke zusammenlesen und aus ihnen sich das neue Leben aufbauen. Und dabei verlangt und sehnt sich die Seele doch nach etwas ganz anderem! Und vergeblich wühlt der Träumer wie in einem Aschenhaufen in seinen alten Träumen und sucht in der Asche nach einem, wenn auch noch so kleinen Fünkchen, um es anzublasen und um mit dem von neuem angefachten Feuer das kaltgewordene Herz zu erwärmen und alles in ihm wieder zu erwecken, was ihm einst so lieb war, was die Seele rührte und das Blut in Wallung brachte, was den Augen Tränen entströmen ließ und eine so herrliche Täuschung war! Wissen Sie auch, Nasstenka, wie weit ich damit schon gekommen bin? Wissen Sie, daß ich bereits das Jubiläum meiner Empfindungen zu feiern gezwungen bin, Gedenktage dessen, was früher so schön war und dabei in Wirklichkeit doch nie gewesen ist – denn diese Jahres- und Gedenktage gelten alle denselben wesenlosen törichten Träumereien – und daß ich das tun muß, weil selbst diesen törichten Träumen nicht mehr neue folgen, die sie verdrängen würden: denn auch Träume müssen verdrängt werden! Von selbst hören sie nicht auf und so überleben sie sich nur. Wissen Sie, ich suche jetzt mit Vorliebe zu bestimmten Stunden jene Stellen auf, an denen ich einmal glücklich gewesen bin, in meiner Art glücklich, und dort versuche ich dann, das Gegenwärtige in der Phantasie nach dem unwiederbringlich Vergangenen zu gestalten oder das Vergangene mir zu vergegenwärtigen: und so irre ich oft wie ein Schatten ziellos und zwecklos in den Petersburger Winkelgassen umher. Und was für Erinnerungen das dann sind! Da erinnere ich mich zum Beispiel, daß ich hier genau vor einem Jahr gerade in derselben Stunde auf demselben Trottoir gegangen bin, ebenso einsam und mutlos traurig umherirrend, wie jetzt! Und man erinnert sich, daß auch die Gedanken damals ebenso traurig waren, und wenn es früher auch nicht besser war, so ist es einem doch, als sei es irgendwie besser gewesen, als habe man ruhiger gelebt, und man meint, daß es nicht dieses dunkle Grübeln gegeben habe, daß einen jetzt verfolgt ... daß ich nicht diese Gewissensbisse gekannt, die so peinvoll und unermüdlich quälen und mir weder am Tage noch in der Nacht Ruhe und Frieden gönnen! Und man fragt sich: wo sind denn deine Träume geblieben? Und schüttelt den Kopf und murmelt: wie schnell die Jahre vergehen! Und wieder fragt man sich: was hast du mit deinen Jahren angefangen? Wo hast du deine beste Zeit begraben? Hast du überhaupt gelebt? oder nicht? Sieh, sagt man zu sich selbst, sieh, wie kalt es in der Welt wird. Es werden noch einige Jahre vergehen und dann kommt die grämliche Einsamkeit, kommt mit der Krücke das zitterige Alter und bringt dir Kummer und Leid. Verbleichen wird deine phantastische Welt, verwelken und sterben werden deine Träume und wie das gelbe Laub von den Bäumen, so werden sie von dir abfallen ... O Nasstenka! Wie wird es dann so öde sein, allein zu bleiben, ganz allein, und nicht einmal etwas zu haben, worum man trauern könnte – nichts, gar nichts ... Denn alles, was man verloren hat, alles das war doch nichts, war eine Null, eine reine Null, war ja nichts als ein Träumen!“

„Nun aber hören Sie auf, rühren Sie mich nicht noch mehr!“ rief Nasstenka und wischte das dumme Tränchen fort, das ihr über die Wange rollte. „Jetzt hat das ein Ende! Wir werden nun nicht mehr allein sein, denn was mit mir auch geschehen sollte, wir werden doch immer Freunde bleiben. Hören Sie. Ich bin ein einfaches Mädchen, ich habe wenig gelernt, obschon die Großmutter mir von einem Lehrer Unterricht erteilen ließ, aber glauben Sie mir, ich verstehe Sie sehr gut, denn alles, was Sie mir da erzählt haben, habe ich selbst erlebt, wenn ich neben Großmutter angesteckt saß. Natürlich hätte ich das nicht so gut zu erzählen verstanden, wie Sie, ich habe das nicht gelernt,“ fügte sie etwas kleinlaut hinzu, da meine pathetische Rede ihr offenbar einen gewissen Respekt eingeflößt hatte, „aber ich bin sehr froh, daß Sie mir alles mitgeteilt haben. Jetzt kenne ich Sie, kenne Sie durch und durch. Und wissen Sie was? Ich will Ihnen nun auch meine Geschichte erzählen, alles, bis aufs Letzte, Sie aber müssen mir dann einen Rat geben. Sie sind ein sehr kluger Mann, ich weiß es, aber werden Sie mir nun versprechen, daß Sie mir nachher auch wirklich Ihren Rat geben?“

„Ach, Nasstenka,“ antwortete ich, „ich bin zwar noch nie ein Ratgeber gewesen, und nun gar ein kluger, wie Sie es von mir verlangen, aber ich sehe jetzt, daß es, wenn wir immer so leben würden, sogar sehr klug wäre und daß der eine dem anderen unzählige kluge Ratschläge erteilen könnte. Nun also, meine reizende Nasstenka, was für einen Rat brauchen Sie? Sagen Sie es mir ohne Umschweife. Ich bin jetzt so heiter, so glücklich, so mutvoll, daß ich wahrscheinlich nicht auf den Mund gefallen sein werde, wie man zu sagen pflegt.“

„Nein, nein!“ fiel mir Nasstenka schnell ins Wort. „Ich brauche keinen klugen Rat, sondern einen von Herzen kommenden, einen aufrichtig brüderlichen, einen, der so ist, wissen Sie, als hätten Sie mich schon ein Leben lang lieb!“

„Gut, Nasstenka, abgemacht!“ rief ich. „Aber wenn ich Sie auch schon ganze zwanzig Jahre geliebt hätte, ich könnte Sie deshalb doch nicht inniger lieben, als ich es jetzt tue!“

„Geben Sie mir Ihre Hand!“ sagte Nasstenka.

„Hier haben Sie sie!“

„Also schön, dann lassen Sie uns jetzt meine Geschichte beginnen.“

Nasstenkas Geschichte.

„Die eine Hälfte meiner Geschichte kennen Sie bereits, das heißt, Sie wissen, daß ich eine alte Großmutter habe ...“

„Wenn die zweite Hälfte nicht länger ist als diese ...“ wandte ich lachend ein.

„Schweigen Sie und hören Sie mir zu. Ganz zuerst eine Abmachung: Sie dürfen mich nicht unterbrechen, sonst machen Sie mich schließlich noch verwirrt. Also, hören Sie jetzt artig zu.

„Ich habe eine alte Großmutter. Zu der kam ich schon als ganz kleines Mädchen, denn meine Eltern starben früh. Ich nehme an, daß Großmutter einmal reicher war, denn sie spricht immer von den früheren besseren Tagen. Sie selbst hat mich denn auch Französisch gelehrt. Später nahm sie einen Lehrer. Als ich fünfzehn Jahre alt war – jetzt bin ich siebzehn – hörte der Unterricht auf. Damals war es also, daß ich ihr meinen Streich spielte. Was ich nun eigentlich verbrach, das werde ich Ihnen nicht sagen; genug, daß es durchaus kein schlimmer Streich war. Immerhin hatte er zur Folge, daß Großmutter mich eines Morgens zu sich rief und sagte, sie könne mich, da sie blind sei, nicht beaufsichtigen, und damit nahm sie dann eine Stecknadel und steckte mein Kleid an das ihrige und erklärte mir, daß wir so unser Leben verbringen würden, wenn ich mich nicht besserte. In der ersten Zeit war mir jede Möglichkeit genommen, mich freizumachem: was ich auch tat, arbeiten und lesen und lernen – alles mußte ich an Großmutters Seite tun. Einmal versuchte ich es mit einer List und beredete Fjokla, sich auf meinen Platz zu setzen. Fjokla ist unsere Magd, und die ist taub. Sie setzte sich also auf meinen Platz, als Großmutter in ihrem Stuhl eingeschlummert war, und ich lief schnell in die Nachbarschaft zu einer Freundin. Das ging aber schlecht aus. Großmutter wachte auf, bevor ich zurück war, und fragte irgend etwas, natürlich im Glauben, daß ich neben ihr säße, denn sie ist ja blind. Fjokla aber, die Großmutter wohl sprechen sah, konnte sie nicht verstehen, da sie doch nichts hört; also denkt und denkt sie, was sie wohl tun soll, steckt dann schnell die Stecknadel ab und kommt mir nachgelaufen ...“

Nasstenka begann zu lachen. Natürlich lachte ich auch. Doch wurde sie gleich wieder ernst.

„Hören Sie, nein, lachen Sie nicht über Großmutter. Ich lache nur deshalb, weil es so komisch war ... Was soll man denn machen, wenn Großmutter wirklich so ist. Trotz allem habe ich sie doch lieb. Nun ja, mich erwartete aber doch eine schöne Strafpredigt: ich mußte mich sofort wieder hinsetzen und wurde von neuem angesteckt und dann: o Gott – nicht rühren durfte ich mich!

„Nun also – ja, da habe ich noch zu sagen vergessen, daß wir, oder vielmehr, daß Großmutter ein kleines Haus besitzt. Es ist ein Holzhäuschen mit nur drei Fenstern in der Front, ein ganz kleines und ebenso alt wie Großmama. Oben aber ist noch ein Zimmer; und in dieses Zimmer zog ein neuer Mieter ein ...“

„Dann hatten Sie also auch früher schon einen Mieter?“ fragte ich beiläufig.

„Nun, natürlich doch,“ versetzte Nasstenka, „und zwar verstand der besser zu schweigen, als Sie. Allerdings konnte er kaum noch die Zunge bewegen. Es war das nämlich ein altes Männlein, harthörig, hager, stumm, blind, lahm, so daß er selbst es schließlich nicht länger aushielt in der Welt und starb. Da ward das Zimmer frei und wir mußten uns nach einem neuen Mieter umsehen, denn die Miete für das Zimmer und Großmutters Pension sind fast unser ganzes Einkommen. Der neue Mieter war aber ein junger Mensch und kein Petersburger. Da er von der Miete nichts abzuhandeln versuchte, nahm ihn Großmutter, als er aber gegangen war, fragte sie mich: ‚Nasstenka, ist der Mieter jung oder alt?‘ Lügen wollte ich nicht und so sagte ich: ‚Ganz jung ist er gerade nicht, Großmama, aber er ist auch kein alter Mann.‘

„‚Und wie sieht er aus? Hat er ein angenehmes Äußere?‘ fragte sie weiter.

„Ich wollte wieder nicht lügen. ‚Ja, Großmutter,‘ sagte ich, ‚er hat ein angenehmes Äußere.‘ Großmutter aber seufzte: ‚Ach, du meine Güte! Das wird dann wohl eine von Gott gesandte Prüfung sein! Ich sage dir das deshalb, mein Enkelkind, damit du ihn dir nicht zu oft ansiehst. Das ist mir jetzt mal eine Zeit! Solch ein armer Zimmermieter und dabei ein angenehmes Äußere! Das war in der alten Zeit ganz anders!‘

„Großmutter spricht nämlich immer von der alten Zeit. Jünger war sie in der alten Zeit und die Sonne schien wärmer in der alten Zeit und die Sahne wurde nicht so schnell sauer in der alten Zeit – alles war in der alten Zeit besser! Da saß ich denn und schwieg, dachte aber bei mir: weshalb bringt denn Großmutter mich selbst darauf, indem sie fragt, ob er gut aussieht und jung ist? Aber das war nur so ein flüchtiger Gedanke, ich begann wieder die Maschen zu zählen und strickte weiter, und darüber vergaß ich dann alles.

„Eines Morgens aber – tritt plötzlich der Mieter bei uns ein: er wolle sich erkundigen, wo die neue Tapete bliebe, die man ihm für das Zimmer versprochen habe. Ein Wort gab das andere. Großmutter ist doch geschwätzig, und da sagt sie denn zu mir: ‚Geh, Nasstenka, in mein Schlafzimmer und hole das Rechenbrett.‘ Ich sprang sogleich auf, das Blut schoß mir ins Gesicht, ich weiß nicht, weshalb – dabei aber vergaß ich ganz, daß ich angesteckt war; statt nun die Nadel heimlich abzustecken, damit der Mieter sie nicht sähe, riß ich so, daß Großmutters ganzer Sessel in die Höhe ruckte. Als ich aber sah, daß der Mieter jetzt alles begriff, wurde ich noch viel röter und blieb wie gelähmt stehen: und plötzlich brach ich in Tränen aus – so schämte ich mich und so bitter war es, daß ich in die Erde hätte versinken mögen! Großmutter aber ruft mir zu: ‚Was stehst du denn, geh doch!‘ Ich aber weinte nur noch mehr ... Da erriet der Mieter, daß ich mich vor ihm schämte, und verabschiedete sich und ging schnell fort!

„Seit jenem Vormittag stand mir, sobald ich nur ein Geräusch im Flur hörte, gleich das Herz still. ‚Vielleicht ist es der Mieter, der zu uns kommt,‘ dachte ich und steckte schnell auf alle Fälle die Nadel ab, heimlich, damit Großmutter es nicht merkte. Nur war es niemals er, – er kam nicht. So vergingen zwei Wochen. Da ließ er uns eines Tages durch Fjokla sagen, daß er viele Bücher habe; und gute Bücher, und ob da nicht Großmutter sich von mir vorlesen lassen wolle, um eine kleine Zerstreuung zu haben? Großmutter nahm das Anerbieten mit Dank an, nur fragte sie mich immer wieder, ob es auch wirklich anständige Bücher wären, ‚denn wenn sie unmoralisch sind,‘ sagte sie, ‚dann darfst du sie unter keinen Umständen lesen, Nasstenka, du würdest nur Schlechtes aus ihnen lernen.‘

„‚Was würde ich denn lernen, Großmama?‘ fragte ich, ‚was steht denn in schlechten Büchern geschrieben?‘

„‚Ja, mein Kind, da wird erzählt, wie junge Männer sittsame Mädchen verführen, wie sie sie unter dem Vorwand, sie heiraten zu wollen, aus dem Elternhause entführen und dann ihrem Schicksal überlassen, und wie die unglücklichen Mädchen zuletzt elend umkommen und zugrunde gehen. Ich,‘ sagte Großmutter, ‚ich habe viele solcher Bücher gelesen und alles,‘ sagte sie, ‚ist so herrlich geschildert, daß man die ganze Nacht heimlich in ihnen liest. Und deshalb, Nasstenka,‘ sagte sie, ‚sieh zu, daß du solche Bücher nicht liest. Was für Bücher sind es denn, die er uns geschickt hat?‘

„‚Es sind Romane von Walter Scott, Großmutter,‘ sagte ich.

„‚Ah, Romane von Walter Scott! Aber sieh vorsichtshalber nach, ob nicht irgendwelche Spitzbübereien darin stecken. Vielleicht hat er einen Liebesbrief oder ein Zettelchen hineingelegt.‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚es ist kein Zettelchen drin, Großmutter.‘

„‚Sieh mal ordentlich nach, auch unter dem Umschlagrücken; zuweilen stecken sie es dorthin, die Spitzbuben!‘

„‚Nein, Großmutter,‘ sagte ich, ‚auch unter dem Umschlagrücken ist nichts.‘

„‚Nun, Vorsicht kann nie schaden!‘ war ihre Antwort.

„Und so fingen wir denn an, Walter Scott zu lesen, und in etwa einem Monat waren wir fast schon mit der Hälfte der Bücher fertig. Dann schickte er uns wieder neue Bücher, auch Puschkin war darunter, so daß ich ohne Bücher bald gar nicht mehr sein konnte und darüber ganz vergaß, wie früher darüber zu sinnen, wie ich wohl einen chinesischen Prinzen heiraten könnte.

„So standen die Dinge, als der Zufall es einmal fügte, daß ich unserem Mieter auf der Treppe begegnete. Ich mußte für Großmutter etwas holen. Er blieb stehen, ich errötete – und er errötete gleichfalls; aber da lachte er auch schon und begrüßte mich und erkundigte sich nach Großmutters Befinden. Darauf fragte er, ob ich die Bücher schon gelesen hätte. Ich sagte: ‚Ja, ich habe sie gelesen.‘ – ‚Was hat Ihnen denn am besten gefallen?‘ fragte er weiter. Ich sagte: ‚Ivanhoe und Puschkin haben mir am besten gefallen.‘ Und damit war unser Gespräch für diesmal beendet.

„Nach einer Woche begegnete ich ihm wieder auf der Treppe. Nur hatte mich an dem Tage nicht Großmutter geschickt, ich hatte vielmehr selbst etwas nötig. Es war nach zwei Uhr und um diese Zeit kam unser Mieter nach Hause, das wußte ich. ‚Guten Tag!‘ sagte er. ‚Guten Tag!‘ erwiderte ich.

„‚Ist es Ihnen nicht langweilig, den ganzen Tag bei der Großmutter zu sitzen?‘ fragte er.

„Wie er das fragte, da – ich weiß nicht, weshalb – errötete ich wieder und ich schämte mich und seine Worte kränkten mich – wohl deshalb, weil nun schon andere mich nach meiner Lebensweise bei Großmutter zu fragen begannen. Ich wollte fortgehen, ohne ihm zu antworten, aber ich hatte keine Kraft zum Gehen.

„‚Sie sind ein gutes Mädchen,‘ sagte er darauf. ‚Entschuldigen Sie, bitte, daß ich so zu Ihnen spreche, aber, ich versichere Ihnen, ich wünsche Ihnen vielleicht mehr Gutes, als Ihre Großmutter es zu tun scheint. Haben Sie keine Freundinnen, die Sie besuchen könnten?‘

„Ich sagte, ich hätte jetzt keine, denn Maschenka, meine einzige Freundin, wäre nach Pskow gereist.

„‚Wollen Sie nicht einmal mit mir ins Theater fahren?‘ fragte er mich darauf.

„‚Ins Theater?‘ fragte ich, ‚aber was soll denn Großmutter –?‘

„‚Nun,‘ meinte er, ‚Sie brauchen es ihr ja nicht zu sagen, – kommen Sie heimlich ...‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚ich will Großmutter nicht betrügen. Guten Tag!‘

„Er grüßte nur, sagte aber nichts. Am Nachmittag, wir hatten gerade erst gespeist, kam er plötzlich zu uns. Er setzte sich, unterhielt sich mit Großmutter, erkundigte sich, ob sie nicht zuweilen auch ausfahre, ob sie Bekannte habe – plötzlich aber sagte er: ‚Ich habe für heute eine Loge genommen, im Opernhaus; der Barbier von Sevilla wird gegeben, aber meine Bekannten, mit denen ich die Vorstellung besuchen wollte, sind plötzlich verhindert, und da sitze ich nun mit meinem Billett.‘

„‚Der Barbier von Sevilla!‘ rief Großmutter, ‚ist das etwa derselbe Barbier, den man in der alten Zeit gab?‘

„‚Ja,‘ sagte er, ‚es ist derselbe Barbier,‘ und dabei sah er mich an. Ich aber hatte schon alles begriffen und errötete und mein Herz hüpfte in Erwartung!

„‚Aber den kenne ich ja!‘ rief Großmutter, ‚wie sollte ich den nicht kennen! Ich habe doch in meiner Jugend auf der Hausbühne die Rosine gespielt!‘

„‚Würden Sie dann nicht heute abend die Oper einmal wieder hören wollen?‘ fragte er. ‚So fände auch mein Billett noch eine Verwendung, sonst hätte ich es unnütz gekauft.‘

„‚Nun, meinetwegen, fahren wir,‘ sagte Großmutter, ‚weshalb sollten wir nicht?! Meine Nasstenka ist ja auch noch niemals im Theater gewesen.‘

„Mein Gott, war das eine Freude! Wir kleideten uns an und dann fuhren wir. Großmutter ist zwar blind, aber sie wollte doch wenigstens die Musik hören: und dann, wissen Sie, sie ist eine gute alte Frau: sie wollte hauptsächlich mir das Vergnügen gönnen, denn ohne seine Aufforderung wären wir wohl niemals in die Oper gekommen. Wie der Eindruck war, den der Barbier von Sevilla auf mich machte – nun, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, das können Sie sich schon ohnehin denken. Den ganzen Abend sah er mich mit so guten Augen an und sprach so freundlich zu mir: und ich erriet gleich, daß er mich auf der Treppe nur hatte prüfen wollen, als er mich aufforderte, allein mit ihm ins Theater zu fahren. Da freute ich mich denn, daß ich ihm so geantwortet hatte! Und als ich zu Bett ging, war ich so stolz, so froh und mein Herz schlug so stark, daß ich sogar ein wenig fieberte, und die ganze Nacht träumte mir vom Barbier von Sevilla.

„Ich dachte natürlich, unser Mieter werde jetzt öfter zu uns kommen – aber da täuschte ich mich. Er kam fast gar nicht mehr. Nur so, etwa einmal im Monat sprach er vor, und auch das nur, um uns aufzufordern, mit ihm ins Theater zu fahren. Zweimal fuhren wir auch noch – nur wollte mir diese Art gar nicht gefallen. Ich sah ein, daß ich ihm einfach nur leid tat, weil ich bei Großmutter tagaus tagein angesteckt sitzen mußte: weiter war es nichts. Und je länger sich das so fortsetzte, um so mehr kam es über mich: ich saß und versuchte zu lesen und zu arbeiten, aber ich konnte weder sitzen, noch lesen, noch arbeiten. Zuweilen lachte ich und stellte irgend etwas an, worüber Großmutter sich ärgern mußte. Dann wieder war ich den Tränen nahe oder weinte auch wohl wirklich. Zu guter Letzt wurde ich fast krank. Die Opernsaison war zu Ende und unser Mieter hörte nun ganz auf, zu uns zu kommen. Wenn wir einander aber begegneten – immer auf der Treppe, natürlich – da grüßte er nur so ernst und schweigend und ging an mir vorüber, als wolle er überhaupt nicht mit mir sprechen. Und wenn er schon längst oben war, stand ich immer noch auf der Treppe, rot wie eine Kirsche, denn das Blut stieg mir sofort ins Gesicht, sobald ich ihn nur erblickte.

„Meine Geschichte ist gleich zu Ende. Gerade vor einem Jahr, im Mai, kam unser Mieter nach langer Zeit wieder einmal zu uns und sagte der Großmutter, daß er seine Geschäfte hier erledigt habe und wieder auf ein Jahr nach Moskau fahren müsse. Wie ich das hörte, erbleichte ich und sank auf einen Stuhl – ich glaubte, vergehen zu müssen. Großmutter merkte nichts davon, er aber verabschiedete sich kurz und ging.

„Was sollte ich tun? Ich dachte und dachte und marterte mein Gehirn und grämte mich, bis ich endlich doch einen Entschluß faßte. Morgen fährt er, dachte ich, und so beschloß ich, noch an demselben Abend, sobald Großmutter eingeschlafen wäre, meinen Vorsatz auszuführen. So geschah es auch. Ich band, was ich an Kleidern und Wäsche nötig hatte, in ein Bündel, und mit dem Bündel in der Hand, mehr tot als lebendig, ging ich nach oben zu unserem Mieter. Ich glaube, ich brauchte eine volle Stunde, um die Treppe hinaufzusteigen. Als ich aber die Tür zu seinem Zimmer öffnete, da sprang er auf und sah mich an, als hielte er mich für ein Gespenst. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Dann griff er nach dem Wasserglase und stand auch schon neben mir und gab mir zu trinken, denn ich hielt mich kaum auf den Füßen. Mein Herz schlug so, daß es mir im Kopf weh tat und meine Sinne sich verwirrten. Als ich aber wieder zu mir kam, tat ich nichts weiter, als daß ich mein Bündel auf sein Bett legte, mich daneben setzte, das Gesicht mit den Händen bedeckte und in eine Flut von Tränen ausbrach. Ich glaube, da begriff er im Augenblick alles, denn er stand vor mir und war bleich und sah mich so traurig an, daß es mir das Herz zerriß.

„‚Hören Sie,‘ begann er, ‚hören Sie, Nasstenka, ich kann nicht! Ich bin ganz arm, ich habe vorläufig noch nichts, nicht einmal eine Stellung: wie sollten wir denn leben, wenn ich Sie heiratete?‘

„Wir sprachen lange. Schließlich war ich ganz fassungslos und sagte, ich könne nicht länger bei Großmutter bleiben, ich würde von ihr fortlaufen und ich wolle nicht, daß man mich mit einer Stecknadel anstecke: sobald er nur einwillige, wollte ich mit ihm nach Moskau gehen, da ich ohne ihn nicht mehr leben könne. Scham und Liebe und Stolz – alles brach da zugleich aus mir hervor: und fast wie in einem Weinkrampf sank ich aufs Bett. Ich fürchtete mich so vor einer Zurückweisung!

„Er schwieg eine Weile, dann stand er auf, trat zu mir und ergriff meine Hand.

„‚Hören Sie, meine gute, meine liebe Nasstenka!‘ begann er, und seine Stimme bebte vor Tränen, ‚hören Sie mich an. Ich schwöre Ihnen, wenn ich jemals in der Lage sein werde, zu heiraten, so sollen Sie mein Glück ausmachen. Ich versichere Ihnen, nur Sie allein könnten es. Doch hören Sie weiter: ich fahre jetzt nach Moskau und werde dort ein Jahr bleiben. Ich hoffe, mir in dieser Zeit ein Auskommen zu schaffen. Wenn ich dann, nach einem Jahr, zurückkehre und Sie mich noch liebhaben, so werden wir glücklich sein, das schwöre ich Ihnen. Jetzt jedoch ist es unmöglich, ich besitze nichts und ich habe kein Recht, auch nur irgend etwas zu versprechen. Sollte ich aber in einem Jahr noch nicht so weit sein, so werden wir noch etwas länger warten müssen, einmal aber werden wir unser Ziel erreichen – natürlich nur dann, wenn Sie nicht einem andern den Vorzug geben, denn binden will ich Sie mit keinem Wort, das kann ich nicht und darf ich nicht.‘

„So sprach er damals zu mir und am nächsten Tage fuhr er fort. Vorher aber sprachen wir uns noch aus und beschlossen, der Großmutter nichts zu sagen. Er wollte es so. Nun, und ... meine Geschichte ist fast zu Ende. Es ist jetzt genau ein Jahr vergangen. Er ist zurückgekehrt, er ist schon ganze drei Tage hier und ... und ...“

„Und – was?“ fragte ich gespannt.

„... Und ist bis jetzt noch nicht gekommen!“ schloß Nasstenka, indem sie sich mit aller Gewalt zusammennahm, „kein Wort von ihm, kein Brief ...“

Sie stockte, schwieg ein wenig, senkte den Kopf und plötzlich brach sie, die Hände vor das Gesicht schlagend, in Tränen aus und weinte so verzweifelt, daß es mir das Herz zerriß.

Eine solche Lösung hatte ich nicht erwartet.

„Nasstenka!“ sagte ich mit aller Güte und Teilnahme in der Stimme. „Nasstenka, um Gottes willen, so weinen Sie doch nicht so! Woher wissen Sie es denn? Vielleicht ist er noch gar nicht hier ...“

„Doch, doch, er ist hier!“ bestätigte sie eifrig, „ich weiß es. Wir trafen damals noch eine Verabredung, an jenem Abend vor seiner Abreise – als wir uns ausgesprochen und uns alles gesagt hatten, was ich Ihnen soeben erzählt habe, da kamen wir hierher und spazierten hier auf und ab. Es war zehn Uhr und wir saßen auf dieser Bank. Ich weinte nicht mehr, es war mir so süß, zu hören, was er zu mir sprach ... Er sagte, er werde sogleich nach seiner Ankunft zu uns kommen, und wenn ich mich dann nicht von ihm lossagte, würden wir alles der Großmutter mitteilen. Jetzt aber ist er zurückgekehrt, ich weiß es, und zu uns ist er nicht gekommen, nicht gekommen!“

Und wieder brach sie in Tränen aus.

„Mein Gott! Kann man Ihnen denn nicht irgendwie helfen?“ rief ich und sprang in meiner Ratlosigkeit von der Bank auf. „Sagen Sie, Nasstenka, könnte ich nicht zu ihm gehen und mit ihm sprechen?“

„Ginge denn das?“ fragte sie, plötzlich aufschauend.

„Nein, eigentlich nicht, natürlich nicht! ... Aber hören Sie: schreiben Sie ihm einen Brief.“

„Nein, das ist unmöglich, das geht erst recht nicht!“ versetzte sie schnell, senkte jedoch das Köpfchen und sah mich nicht an.

„Weshalb denn nicht? Weshalb sollte es unmöglich sein?“ fuhr ich fort, denn mein Plan begann mir zu gefallen. „Die Frage ist nur: was für einen Brief! Zwischen Brief und Brief ist ein Unterschied und ... Ach, Nasstenka, vertrauen Sie mir doch! Ich will Ihnen keinen schlechten Rat geben. Es läßt sich das wirklich machen, glauben Sie mir! Sie haben doch den ersten Schritt getan – weshalb wollen Sie denn jetzt nicht ...“

„Nein, nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht! Damals habe ich mich schon fast – aufgedrängt ...“

„Ach, Sie Kind!“ unterbrach ich sie, ohne mein Lächeln zu verbergen, „nein, da irren Sie sich. Und schließlich haben Sie dazu das volle Recht, da er Ihnen sein Wort gegeben hat. Übrigens scheint er auch, wie ich aus allem ersehe, ein durch und durch anständiger Mensch zu sein,“ fuhr ich fort und ließ mich von der Logik meiner Folgerungen und Schlüsse mehr und mehr gefangennehmen. „Wie hat er denn an Ihnen gehandelt? Er hat sich durch sein Versprechen gebunden. Er hat gesagt, daß er nur Sie heiraten werde, sobald er erst einmal so weit sein würde; Ihnen dagegen hat er volle Freiheit gelassen, so daß Sie, wenn Sie wollen, jeden Augenblick sich von ihm lossagen können ... Folglich dürfen Sie jetzt ruhig den ersten Schritt tun, denn er hat Ihnen in allem das Vorrecht überlassen – ganz gleich, ob es sich nun um die Rückgabe des bindenden Wortes handelt, oder um etwas anderes ...“

„Sagen Sie – wie würden Sie an meiner Stelle schreiben?“

„Was?“

„Nun, diesen Brief an ihn.“

„Ich? – Oh, ganz einfach: ‚Sehr geehrter Herr ...‘“

„Muß man unbedingt so anfangen?“

„Unbedingt. Übrigens, haben Sie etwas dagegen einzuwenden? Ich denke ...“

„Nein, nein, schon gut! Weiter!“

„Also: ‚Sehr geehrter Herr! Entschuldigen Sie, daß ich ...‘ Übrigens nein, Entschuldigungen sind überflüssig. Hier erklärt ja schon die Tatsache alles. Also einfach: ‚Ich schreibe Ihnen. Verzeihen Sie meine Ungeduld, aber ich war ein ganzes Jahr lang so glücklich, da ich immer in meiner Hoffnung lebte – woher sollte ich jetzt wohl die Geduld nehmen, auch nur einen Tag der Ungewißheit zu ertragen? Jetzt, wo Sie schon zurückgekehrt sind und mich doch noch nicht aufgesucht haben, muß ich annehmen, daß Sie Ihre Absicht inzwischen aufgegeben haben. In dem Fall soll dieser Brief Ihnen nur sagen, daß ich nicht klage und Ihnen keinen Vorwurf mache. Wie sollte ich auch, denn es ist doch nicht Ihre Schuld, wenn ich Ihr Herz nur für eine kurze Zeit zu fesseln vermocht habe. Dann ist es eben mein Schicksal ... Sie sind ein vornehm denkender Mensch und Sie werden über meine ungeschickten Zeilen weder lächeln noch sich ärgern. Aber trotzdem – vergessen Sie nicht, daß ein armes Mädchen an Sie schreibt, daß sie ganz allein ist und keinen Menschen hat, dem sie sich anvertrauen und der ihr Rat erteilen könnte, und daß sie auch nie verstanden hat, ihr Herz zu bezwingen. Doch seien Sie mir nicht böse, wenn es unrecht von mir gewesen sein sollte, auch nur für einen Augenblick in meiner Seele Zweifel gehegt zu haben. Ich weiß, daß Sie nicht einmal in Gedanken diejenige zu kränken vermögen, die Sie so geliebt hat und noch liebt.‘“

„Ja, ja! So habe ich es mir auch schon gedacht!“ rief Nasstenka und ihre Augen glänzten vor Freude. „Oh, Sie haben mich von allen meinen Ungewißheiten erlöst! Gott selbst hat Sie mir gesandt! Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen!“

„Wofür? Dafür, daß Gott mich zu Ihnen gesandt hat?“ fragte ich und betrachtete entzückt ihr freudestrahlendes Gesichtchen.

„Ja, meinetwegen dafür!“

„Ach, Nasstenka! Wir sind doch wirklich manchen Menschen nur dafür dankbar, daß sie mit uns leben oder überhaupt nur leben. Ich zum Beispiel bin Ihnen ganz unendlich dankbar dafür, daß Sie mir begegnet sind und daß ich nun mein Leben lang an Sie werde denken können.“

„Nun, schon gut, genug! Aber jetzt – Sie wissen ja noch gar nicht alles – also hören Sie: Damals verabredeten wir, daß er sogleich nach seiner Rückkehr mir eine Nachricht zukommen lassen solle, und zwar durch meine Bekannten: gute, einfache Leute, die von all dem nichts wissen; falls er aber nicht schreiben könne, da sich in einem Brief doch oft nicht alles sagen läßt, so sollte er gleich am ersten Tage um Punkt zehn Uhr abends hierher kommen, wo wir uns dann treffen wollten. Daß er in Petersburg bereits angekommen ist, das weiß ich; aber jetzt ist er bereits seit drei Tagen hier und bis jetzt habe ich weder einen Brief von ihm erhalten, noch ist er selbst gekommen. Am Tage ist es mir nicht möglich, unbemerkt von Großmutter fortzugehen. Deshalb – oh, seien Sie so gut und geben Sie jenen Leuten, von denen ich sprach, meinen Brief – sie werden ihn weiterbefördern. Wenn aber eine Antwort von ihm eintrifft, so bringen Sie sie mir um zehn Uhr abends hierher – ja?“

„Aber der Brief, der Brief! Zuerst muß doch der Brief noch geschrieben werden! Sonst kann ich das allenfalls erst übermorgen besorgen.“

„Der Brief ...“ Nasstenka sah etwas verwirrt zu Boden, „der Brief ... ja aber ...“

Sie stockte und sprach nicht zu Ende, wandte das Gesichtchen, das wie eine Rose erglühte, von mir fort, und plötzlich fühlte ich in meiner Hand einen Brief – einen geschlossenen und natürlich nicht erst ganz vor kurzem geschriebenen Brief. Und zugleich – der Schalk rief eine Erinnerung in mir wach – klang mir plötzlich eine reizende graziöse Melodie im Ohr und –

„Ro–osi–ina!“ sang ich.

„Oh! ‚Ro–o–osi–i–ina!‘“ sangen wir beide, und ich war nahe daran, sie vor lauter Wonne in meine Arme zu schließen, während sie noch heftiger errötete und durch Tränen lachte, die wie Tautropfen silbern an ihren Wimpern glänzten.

„Nun, genug, genug! Jetzt leben Sie wohl!“ sagte sie schnell. „Den Brief haben Sie, und auf dem Umschlag steht die Adresse, dort geben Sie ihn ab. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen: morgen!“

Sie drückte mir fest beide Hände, nickte mir noch einmal zu und huschte wie ein Schatten in ihre kleine Querstraße. Ich stand noch lange auf demselben Fleck und sah ihr nach.

„Auf Wiedersehen: morgen! Morgen!“ fuhr es mir durch den Sinn, als sie meinen Blicken entschwunden war.

Die dritte Nacht.

Heute war ein trauriger regnerischer Tag, so grau und trüb und lichtlos – ganz wie das Alter, das mir bevorstand. Und jetzt bedrücken mich so seltsame Gedanken, so dunkle Empfindungen, und Probleme, die mir selbst noch völlig unklar sind, drängen sich in meine Gedanken – und dabei habe ich doch weder die Kraft noch den Wunsch, sie zu lösen. Nun, das ist auch eigentlich nicht meine Sache!

Heute haben wir uns nicht gesehen. Als wir gestern Abschied nahmen, zogen schon dunkle Wolken auf und Nebel erhob sich. Ich sagte noch: „Morgen werden wir einen trüben Tag haben“. Sie antwortete darauf nichts – was hätte sie auch antworten sollen? Für sie war dieser Tag hell und klar und kein Wölkchen würde auf ihr Glück einen Schatten werfen.

„Wenn es regnet, werden wir uns nicht sehen,“ sagte sie endlich, „dann komme ich nicht.“

Ich dachte, sie werde den Regen heute gar nicht bemerkt haben, aber sie kam doch nicht.

Gestern sahen wir uns zum drittenmal – es war unsere dritte helle Nacht ...

Indessen – wie doch Freude und Glück einen Menschen schön machen! Wie atmet im Herzen die Liebe! Es ist, als wolle man sein ganzes Herz in ein anderes Herz überströmen lassen, man will, daß alles froh sei! daß alles lache! Und wie ansteckend ist diese Freude! Gestern war in ihren Worten soviel Zärtlichkeit und in ihrem Herzen soviel Güte zu mir ... Wie aufmerksam sie war, wie nett, wie freundlich und lieb! wie sie mich ermunterte und mein Herz erquickte! Oh, wieviel süße Schelmerei vor lauter Glück! Und ich ... Ich nahm alles für bare Münze und dachte, daß sie ...

Mein Gott, wie konnte ich nur so etwas denken? Wie konnte ich so blind sein, wo ich doch wußte, daß alles schon einem anderen gehörte und wo ich mir doch hätte sagen müssen, daß all ihre Zärtlichkeit und Liebe ... ja, ihre Liebe zu mir – nichts anderes war, als ein Ausdruck ihrer Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit ihm und ihr Wunsch, an diesem Glücke auch mich teilnehmen zu lassen, oder es einfach auf mich zu übertragen? ... Als er aber nicht kam und wir vergeblich warteten, da ward sie doch traurig und bekümmert und verzagt. Ihre Bewegungen und ihre Worte waren nicht mehr so leicht und gleichsam beflügelt, nicht mehr so ausgelassen lustig. Doch sonderbarerweise verdoppelte sie dann ihre Aufmerksamkeit und Freundlichkeit gegen mich, und es war mir, als wolle sie alles, was sie für sich wünschte und worum sie bangte, weil es vielleicht für sie nie in Erfüllung gehen würde, unwillkürlich wenigstens mir schenken. Und zitternd für ihr eigenes Glück, voll Angst und Sehnsucht begriff sie endlich, daß auch ich liebte, daß ich sie liebte, und etwas wie Mitleid mit meiner armen Liebe ergriff sie. Denn wenn wir selbst unglücklich sind, dann können wir das Unglück anderer besser nachfühlen, und das Gefühl zerstreut sich nicht so, sondern sammelt sich ...

Ich kam zu ihr mit vollem Herzen, nachdem ich die Stunde des Wiedersehens kaum hatte erwarten können. Ich ahnte aber noch nicht, was ich in dieser Stunde empfinden würde, und ebensowenig sah ich voraus, wie anders alles enden sollte. Sie strahlte vor Freude, denn sie erwartete die Antwort. Und die Antwort, die sollte er selbst bringen ... daß er auf ihren Ruf unverzüglich zu ihr eilen würde – davon war sie fest überzeugt. Sie war schon eine ganze Stunde vor mir zur Stelle. Anfangs lachte sie über alles, fast über jedes Wort, das ich sprach. Ich wollte weitersprechen, doch plötzlich – schwieg ich.

„Wissen Sie, weshalb ich so froh bin?“ fragte sie, „– und mich so freue, Sie zu sehen? – weshalb ich Sie heute so liebe?“

„Nun?“ fragte ich und mein Herz bebte.

„Ich liebe Sie, weil Sie sich nicht in mich verliebt haben. Ein anderer zum Beispiel hätte doch an Ihrer Stelle angefangen, mich zu beunruhigen und zu belästigen und hätte geseufzt und den Kranken gespielt, Sie aber sind so nett und lieb!“

Und sie drückte meine Hand so fest, daß ich fast aufgeschrien hätte. Und dann lachte sie wieder.

„Mein Gott! was sind Sie doch für ein Freund!“ fuhr sie nach einer Weile sehr ernst fort. „Ich glaube wirklich, daß Gott selbst Sie mir gesandt hat. Was würde wohl aus mir werden, wenn Sie jetzt nicht bei mir wären? Wie uneigennützig Sie sind! und mit wieviel Güte Sie mich lieben! Wenn ich verheiratet bin, werden wir gute Freunde sein – wie Brüder. Ich werde Sie fast ebenso lieben, wie ihn ...“

Das tat mir weh und im Augenblick empfand ich schmerzvolle Trauer, doch zugleich regte sich auch so etwas wie ein Lachen in meiner Seele.

„Sie sind unruhig,“ sagte ich, „die Angst sitzt Ihnen im Herzen, denn Sie fürchten innerlich doch, daß er nicht kommen wird.“

„Gott mit Ihnen! – wäre ich weniger glücklich, so würden Ihr Unglaube und Ihre Vorwürfe mich wahrscheinlich zum Weinen bringen. Übrigens haben Sie mich auf einen Gedanken gebracht, über den ich noch lange grübeln kann. Doch das werde ich nachher tun; jetzt aber will ich Ihnen gestehen, daß Sie die Wahrheit erraten haben. Ja! Ich bin irgendwie nicht – ich selbst. Ich bin in der Tat eigentlich nichts als Erwartung und fühle und höre und nehme alles nur so von ungefähr ... Doch genug davon, reden wir nicht mehr von Gefühlen ...“

Notes in this chapter

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