Das junge Weib (continued 3)
E. K. Rahsin translation
Augenscheinlich wollte er ihm beim Abschied nicht weh tun. Als aber Ordynoff bereits aus der Tür trat und er den letzten Blick auf ihn warf, da war es doch wie ein Aufflammen unendlicher Bosheit, das sich in seinem Blick verriet. Fast wie mit Ekel schloß Murin hinter ihm die Tür.
Zwei Stunden darauf zog Ordynoff zu Spieß, dem Deutschen. Tinchen schlug die Hände zusammen und rief „Mein Gott und Vater!“ als sie ihn erkannte. Das erste war, daß sie sich nach seiner Gesundheit erkundigte, und als sie erfuhr, daß er krank war, schickte sie sich sogleich an, ihn zu kurieren.
Der alte Spieß erzählte ihm darauf mit Selbstzufriedenheit, daß er gerade im Begriff gewesen sei, den Mietszettel wieder unten am Haustor auszuhängen, da dies genau der letzte Tag sei, an dem seine Anzahlung der Miete ablaufe. Natürlich konnte der Alte nicht umhin, bei der Gelegenheit ein Wörtchen über den deutschen Ordnungssinn im allgemeinen wie im besonderen einzuflechten und desgleichen auch die bekannte deutsche Ehrlichkeit rühmend hervorzuheben. Am selben Tage erkrankte Ordynoff ernstlich und erst nach vollen drei Monaten konnte er das Bett verlassen.
Seine Genesung machte nur sehr langsame Fortschritte. Das Leben bei den Deutschen verging einförmig, ruhig, still. Der Alte schien im Grunde ein Gemütsmensch zu sein, ohne besondere Eigenheiten, und das nette Tinchen war, natürlich innerhalb der Gebote der Sittsamkeit, alles, was man nur wünschen konnte. Und doch erschien das Leben Ordynoff so öde und farblos, als hätte es für ihn auf ewig alles Licht und alle Farben verloren. Er versank in grübelndes Sinnen und wurde reizbar; er war gleichsam preisgegeben den Eindrücken, die er empfing und er empfand sie mit krankhafter Nachdrücklichkeit. So kam es, daß er in einen Zustand verfiel, der an Hypochondrie gemahnte und schließlich sein Empfinden gegen äußere Eindrücke völlig abstumpfte. Oft rührte er wochenlang kein Buch an. Die Zukunft war für ihn aussichtslos, sein Geld ging auf die Neige und er ließ schon im voraus die Arme sinken; ja er dachte nicht einmal an die Zukunft. Manchmal kam wohl seine frühere Liebe zur Wissenschaft über ihn, das frühere Fieber, das ihn zum Schaffen gedrängt hatte, und die Gedanken und Gestalten, die einst in seinem Geist entstanden waren, erstanden jetzt wieder aus der Vergangenheit und stellten sich förmlich greifbar vor ihm auf ... doch sie bedrückten ihn jetzt nur und lähmten seine Energie. Seine Gedanken wurden nicht zu Taten. Die Kraft zur Schöpfung war ausgeschaltet und so schien das Schaffen wie stehen geblieben. Es war, als erständen alle diese Ideen jetzt nur noch deshalb wie Giganten in seinem Geiste, um über seine, ihres Schöpfers, Kraftlosigkeit zu spotten. Unwillkürlich kam es ihm in einer traurigen Stunde in den Sinn, sich mit jenem vorwitzigen Zauberlehrling zu vergleichen, der, nachdem er von seinem Meister den Zauberspruch erlauscht, dem Besen befiehlt, das Wasser herbeizutragen, und der dann schließlich in diesem Wasser ertrinkt, weil er vergessen hat, wie man ihm Einhalt gebietet. Vielleicht, wer weiß, wäre von ihm eine große, selbständige, neue Idee in die Welt gesetzt worden. Vielleicht war es ihm bestimmt gewesen, ein Großer in seiner Wissenschaft zu werden. Wenigstens hatte er früher selbst so etwas geglaubt. Ein aufrichtiger Glaube aber ist schon eine Bürgschaft für die Zukunft. Jetzt jedoch lachte er über diesen seinen blinden Glauben und – kam keinen Schritt vorwärts. Ein halbes Jahr vorher war das anders gewesen: da hatte er in klaren Zügen eine Skizze zu einem Werk entworfen, in dem er seine Anschauungen festlegen wollte, und auf dieses Werk hatte er, jung wie er war, die größten, auch die größten materiellen Hoffnungen aufgebaut. Das Werk war ein Buch über Kirchengeschichte und Worte tiefster glühendster Überzeugung entströmten, während er an ihm schrieb, seiner Feder. Jetzt nahm er diesen Plan wieder vor, las ihn durch, änderte, dachte über ihn nach, las und suchte in den verschiedensten Büchern, und schließlich verwarf er seine Idee – verwarf sie, ohne sie durch eine andere zu ersetzen. Dafür begann so etwas wie Mystik, ja sogar so etwas wie ein Glaube an Prädestination und ein Ahnen der letzten Geheimnisse dieser Welt sich mehr und mehr in seine Seele einzudrängen. Der Unglückliche litt unter seinen unendlichen Qualen und wandte sich schließlich Gott zu, um bei ihm Erlösung zu finden. Die Aufwärterin der Deutschen, eine alte gottesfürchtige Russin, erzählte mit Wohlgefallen, wie ihr stiller Mieter in der Kirche bete und wie er zuweilen stundenlang regungslos auf den Knien liege, die Stirn auf die Fliesen gebeugt ...
Er hatte zu keinem Menschen ein Wort von seinem Erlebnis gesagt. Zuweilen aber, namentlich in der Dämmerung, wenn die Kirchenglocken läuteten und zur Abendandacht riefen und ihr Klang in ihm wieder die Erinnerung an jenen Augenblick erweckte ... als zum erstenmal jenes Gefühl über ihn kam, das er noch nie empfunden und das ihn erzittern ließ, während er, neben ihr kniend, alles andere um sich her vergaß und nur ihr Herz pochen hörte ... und wie da plötzlich diese lichte Hoffnung mit einemmal sein einsames Leben durchstrahlt hatte und er vor lauter Freude und Entzücken in Tränen ausgebrochen war – wenn er das alles jetzt nochmals durchlebte, dann war es ihm, als risse ihn ein Sturm mit sich fort, ein Sturm, der sich aus seiner eigenen, für immer verwundeten Seele erhob; dann erzitterte er und die Qual der Liebe brannte wieder wie sengendes Feuer in seiner Brust; dann tat ihm das Herz vor Leid und Leidenschaft zum Zerspringen weh und mit der Trauer wuchs seine Liebe, wurde noch immer größer und tiefer. Oft saß er so, stundenlang, vergaß sich selbst und sein ganzes alltägliches Leben, vergaß alles in der Welt und saß stundenlang auf einem Fleck, einsam, traurig – stützte dann wohl die Ellbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen, bis ihm die Tränen durch die Finger rannen und er hoffnungslos müde den Kopf schüttelte, während seine Lippen leise flüsterten: „Katherina! Du Süße! Meine Taube du! Mein Schwesterchen! ...“
Nach und nach jedoch begann eine häßliche Überzeugung sich immer mehr in ihm festzusetzen, ja sie verfolgte ihn geradezu und peinigte ihn und stand doch mit jedem Tage unabweisbarer vor ihm, bis sie aus einem bloßen Verdacht zur Wahrscheinlichkeit und zu guter Letzt zur Gewißheit und Überzeugung für ihn wurde. Es schien ihm – und wie gesagt, zuletzt glaubte er selbst fest daran – es schien ihm, daß Katherinas Geist und Vernunft keineswegs gelitten hatten, daß aber Murin seinerseits auch nicht so unrecht hatte, wenn er sie ein „schwaches Herz“ nannte. Es schien ihm, daß irgendein verbrecherisches Geheimnis sie mit dem Alten verband, daß aber das Verbrechen selbst Katherina gar nicht recht zu Bewußtsein gekommen, eben wegen ihres reinen Herzens, und daß sie so in seine Gewalt geraten war. Wer waren sie? – er wußte es nicht. Aber ihn verfolgte die Vorstellung einer erbarmungslosen, eifersüchtigen Tyrannei, die der Alte mit der Beherrschung des armen schutzlosen Geschöpfs ausübte, und sein Herz erbebte in ohnmächtiger Empörung. Es schien ihm, daß der Alte, als ihr vielleicht einmal so etwas wie eine Ahnung des ganzen Zusammenhangs aufgegangen war, ihr dann arglistig das „Verbrechen“ vorgehalten hatte, ihre Schuld und ihren Fall, um dann listig das arme „schwache“ Herz zu quälen und den Tatbestand in schlauer Weise zu verdrehen, wobei er mit Absicht ihre Blindheit da, wo es ihm ratsam erschien, noch verstärkt und andererseits die Neigungen ihres heißen, verwirrten, unerfahrenen Herzens begünstigt haben mochte, bis er ihr auf diese Weise allmählich die Flügel gestutzt und die einst freie unabhängige Seele so weit gebracht, daß sie schließlich weder zu einer Selbstbefreiung durch eine Rettung ins wirkliche Leben, noch zu überhaupt einer Auflehnung gegen seine schlaue Gewaltherrschaft fähig war ...
Mit der Zeit wurde Ordynoff noch menschenscheuer, als früher, seine Deutschen hinderten ihn daran nicht im geringsten, was um der Gerechtigkeit willen nicht verschwiegen sei. Ab und zu aber machte er sich doch auf und ging hinaus, um dann lange ziellos durch die Straßen zu wandern. Es geschah das vornehmlich in der Dämmerstunde und dazu suchte er sich dann öde und entlegene Stadtteile auf, wo selten ein Mensch zu sehen war. An einem regnerischen Vorfrühlingsabend begegnete er in einer dieser Gassen Jaroslaw Iljitsch.
Der war inzwischen merklich magerer geworden, seine freundlichen Augen hatten ihren Glanz verloren und der ganze Mensch machte den Eindruck, als habe das Leben ihn enttäuscht. Er hatte es gerade sehr eilig und eine Angelegenheit vor, die angeblich keinen Aufschub duldete – war dabei durchnäßt und angeschmutzt, und an seiner sonst sehr anständigen, jetzt jedoch von der Witterung etwas blau angelaufenen Nase hing in beinahe phantastischer Weise ein Regentropfen. Außerdem trug er einen Backenbart, während er früher nur einen Schnurrbart gehabt hatte.
Dieser Backenbart und der Umstand, daß Jaroslaw Iljitsch im ersten Augenblick fast tat, als wolle er seinem alten Bekannten ausweichen, frappierten Ordynoff ... Und sonderbar! gewissermaßen schmerzte ihn das sogar und kränkte sein Herz, das doch bis dahin noch niemals des Mitleids anderer Menschen bedurft hatte. Der frühere Jaroslaw Iljitsch war ihm lieber gewesen, dieser gutmütige, dieser naive und – entschließen wir uns, es endlich offen auszusprechen – dieser etwas dumme Jaroslaw Iljitsch, der so gar keine Ansprüche machte auf Enttäuschungen oder Bereicherungen. Es ist doch unangenehm, entschieden unangenehm, wenn ein dummer Mensch, den man einst vielleicht gerade wegen seiner Dummheit gern gehabt hat, plötzlich klüger wird! Übrigens verschwand das Mißtrauen, mit dem er im ersten Augenblick Ordynoff ansah, fast noch schneller, als dieser es wahrnehmen konnte.
Doch ungeachtet dieser Veränderung hatte er seine alten Gewohnheiten keineswegs aufgegeben, wie ja bekanntlich fast jeder Mensch seine Gewohnheiten ins Grab mitzunehmen pflegt: und so begann er denn auch jetzt wieder ganz im Tone des besten Freundes die Unterhaltung. Zunächst bemerkte er, daß er viel zu tun habe, dann, daß sie sich lange nicht gesehen. Darauf nahm aber seine Rede plötzlich eine ganz andere und jedenfalls ganz neue Wendung. Er begann von der Verlogenheit der Menschen im allgemeinen zu sprechen, von der Vergänglichkeit der irdischen Güter sowie von der irdischen Nichtigkeit überhaupt, die nur eine einzige Sorge kenne ... versäumte auch nicht, so ganz beiläufig Puschkin zu erwähnen, jedoch in fast herablassendem Tone, und sprach ferner von seinen guten Bekannten sogar mit einem gewissen Zynismus, worauf er zum Schluß sich noch ein paar Andeutungen über die Falschheit derjenigen erlaubte, die sich öffentlich Freunde nennen, während es in Wirklichkeit, solange die Welt stehe, überhaupt noch keine echte Freundschaft gegeben habe. Mit einem Wort, Jaroslaw Iljitsch war doch klüger geworden!
Ordynoff widersprach ihm nicht, aber eine unsagbare, qualvolle Traurigkeit bemächtigte sich seiner: es war ihm, als habe er soeben seinen besten Freund begraben!
„Ach! Stellen Sie sich vor, da hätte ich es beinahe zu erzählen vergessen!“ unterbrach sich plötzlich Jaroslaw Iljitsch, als fiele ihm etwas ungeheuer Wichtiges ein. „Ich habe eine Neuigkeit! Erinnern Sie sich noch jenes Hauses, wo Sie mal kurze Zeit wohnten?“
Ordynoff zuckte zusammen und erbleichte.
„Können Sie sich denken, in diesem Hause hat man vor kurzem eine ganze Räuberbande entdeckt! – das heißt, verstehen Sie: eine ganze Bande! Schmuggler, Diebe, Spitzbuben der schlimmsten Art und weiß der Teufel was noch alles! Mehrere sind schon hinter Schloß und Riegel, den andern ist man erst noch auf der Spur. Die strengsten Weisungen sind erlassen! Und denken Sie sich weiter: – Sie erinnern sich doch wohl noch des Hausbesitzers? – so’n kleines Männchen, gottesfürchtig, dem Anscheine nach ein ehrwürdiger, durch und durch anständiger, alter Mann ...“
„Nun?“
„Tja – da urteilen Sie jetzt über die Menschheit! Gerade der ist das Haupt der Bande gewesen, der Anführer! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht haarsträubend!“
Jaroslaw Iljitsch sprach mit Leidenschaft und verurteilte mit dem einen Sünder sogleich die ganze Welt, denn so ein Jaroslaw Iljitsch kann eben nicht anders, als nach einem Ding alle Dinge beurteilen, das liegt nun mal in seinem Charakter.
„Und jene? ... Und Murin?“ stieß Ordynoff atemlos hervor.
„Murin? Ach so – der! Nein, Murin war ein ehrwürdiger Alter ... Aber ... erlauben Sie mal! ... erlauben Sie mal! ... Sie werfen da ein neues Licht auf die Affäre ...“
„Wie denn? Gehörte er nicht auch zur Bande?“
Ordynoffs Herz schlug laut gegen seine Brust – er verging vor Spannung.
„Übrigens ... nein, wie denn das ... wie kommen Sie darauf?“ Jaroslaw Iljitsch richtete seine bleiernen Augen mit unbeweglichem Blick auf Ordynoff – ein Zeichen, daß er überlegte.
„Murin kann nicht darunter gewesen sein. Er hat schon drei Wochen vorher mit der Frau Petersburg verlassen – ist in seine Heimat zurückgekehrt ... Ich erfuhr es vom Hausknecht ... jenem Tatarenfrechling, erinnern Sie sich?“