Das junge Weib
E. K. Rahsin translation
I.
Ordynoff mußte sich eine neue Wohnung suchen, so ungern er es auch tat. Die Frau, bei der er bis dahin als Zimmermieter gelebt, eine arme bejahrte Beamtenwitwe, hatte sich durch unvorhergesehene Verhältnisse gezwungen gesehen, Petersburg zu verlassen, um in eine öde Provinz zu ihren Verwandten zu reisen, und zwar ganz plötzlich, noch vor Ablauf ihres Mietskontraktes. Der junge Mann, der das Recht hatte, bis zum Ersten des nächsten Monats in der Wohnung zu bleiben, dachte mit Bedauern an sein stilles Leben in den gewohnten vier Wänden und empfand ein ausgesprochenes Unbehagen bei dem Gedanken, dieses ihm lieb gewordene Zimmer nun verlassen zu müssen. Er war arm, die Wohnung übrigens für seine Verhältnisse ziemlich teuer: so nahm er denn schon am Tage nach der Abreise der Witwe kurz entschlossen seine Mütze und ging, um die Petersburger Straßen zu durchwandern, und dabei Ausschau zu halten nach Mietszetteln, die an den Haustüren angeschlagen waren, namentlich nach solchen an älteren und schlechteren Häusern und Mietskasernen, in denen er am ehesten Aussicht hatte, bei irgendwelchen armen Leuten ein Zimmer für sich zu finden.
Er suchte schon lange und war mit seinen Gedanken anfangs auch gewissenhaft bei der Sache, doch nach und nach wurde seine Aufmerksamkeit von ganz anderen, ihm bis dahin völlig unbekannten Empfindungen abgelenkt. Er begann um sich zu blicken – zunächst nur flüchtig, wie aus Zerstreutheit, ohne sich etwas Bestimmtes dabei zu denken, bald jedoch aufmerksamer und schließlich mit ausgesprochener Neugier. Die vielen Menschen um ihn her, das ganze bewegte, rastlose, lärmende Straßenleben, all das Neue, das ihm dort begegnete, die ungewohnte Umgebung – dieses ganze kleinliche Leben und alltägliche Hasten nach Erwerb, das dem im tätigen Leben stehenden, stets beschäftigten Petersburger schon so zuwider ist, daß er bis an sein Lebensende stets nach Mitteln und Wegen sucht, um sich einmal irgendwo in ein warmes Nest zurückzuziehen, sich mit sich abzufinden und zufrieden geben zu können – diese ganze schale Prosa und Langeweile erweckte jetzt im Gegenteil in Ordynoff eine seltsam still-frohe, helle Empfindung. Seine bleichen Wangen röteten sich leicht, in seine Augen trat der Glanz einer neuen Hoffnung, und fast gierig begann er, die kalte, frische Luft einzuatmen. Es wurde ihm so wundervoll leicht zumute.
Er hatte von jeher ein stilles, vollkommen einsames Leben geführt. Vor etwa drei Jahren, nachdem er sein Examen bestanden und in gewissem Sinne ein freier Mensch geworden war, hatte er eines Tages einen alten kleinen Herrn aufgesucht, den er bis dahin nur vom Hörensagen gekannt, und hatte lange gewartet, bis der galonierte Kammerdiener ihm die Ehre antat, ihn zum zweitenmal bei seinem Herrn zu melden. Dann trat Ordynoff in einen hohen, dämmerigen, öden Saal, einen jener langweiligen großen Räume, wie sie sich noch in einzelnen herrschaftlichen Häusern aus früherer Zeit erhalten haben, und erblickte in ihm einen silberhaarigen, mit Orden über und über behängten Greis, der seines Vaters ehemaliger Freund und Kollege im Staatsdienst gewesen war und der für ihn, den Sohn, die Vormundschaft übernommen hatte. Der Alte händigte ihm ein, was ihm noch zukam. Die Summe war nicht groß: der Rest einer einst wegen Schulden unter den Hammer gekommenen und noch von den Ureltern stammenden Erbschaft. Ordynoff nahm das Päckchen gleichgültig in Empfang, verabschiedete sich für immer und trat wieder auf die Straße. Es war ein Herbstabend, kalt und düster; der junge Mann war nachdenklich und eine seltsame, eigentlich ihm selbst unbewußte Traurigkeit überkam ihn. Seine Augen brannten; er fühlte, daß ihn fieberte und daß er sich erkältet hatte. Unterwegs rechnete er nach, daß er mit seinen Mitteln etwa zwei bis drei Jahre auskommen konnte, und wenn er hungerte, vielleicht sogar vier. Es dunkelte bereits, ein feiner Regen sprühte nieder und erfüllte die Luft mit einer Feuchtigkeit, die bis ins Mark drang. Er mietete im ersten besten Hause ein kleines Zimmer – eben bei jener armen Beamtenwitwe, die ihn jetzt im Stich gelassen hatte – und in einer Stunde war er auch schon eingezogen. Dort lebte er dann wie ein Einsiedler, ganz, als hätte er sich von aller Welt losgesagt. So kam es, daß er in zwei Jahren vollkommen weltfremd geworden war.
Er wurde es, ohne es selbst zu merken; und vorläufig kam es ihm auch gar nicht zu Bewußtsein, daß es noch ein anderes Leben gab – ein rauschendes, lautes, wogendes, ewig wechselndes, ewig rufendes Leben, eines, das früher oder später doch nicht zu umgehen war. Natürlich wußte er, daß es ein solches Leben gab – wie hätte er das schließlich nicht wissen sollen! – aber er kannte es nicht und suchte es niemals auf. Schon von Kindheit an hatte er einsam gelebt; doch jetzt, nachdem er herangewachsen, hatte diese Einsamkeit ihre eigene, besondere Gestalt angenommen. Ihn verzehrte eine Leidenschaft, eine von jenen tiefen, unersättlichen Leidenschaften, die das ganze Leben eines Menschen erschöpfen, und die solchen Wesen, wie Ordynoff war, keinen auch noch so geringen Platz in der Sphäre des anderen Lebens gewähren. Diese seine Leidenschaft war – die Wissenschaft. Zunächst verzehrte sie seine Jugend, nahm ihm langsam mit ihrem berauschenden Gift den Schlaf und seine Seelenruhe, nahm ihm die gesunde Nahrung und die frische Luft, die niemals Gelegenheit hatte, in seine dumpfe Stube einzudringen: doch Ordynoff gewahrte alles das gar nicht in seinem Rausche, und wollte es auch nicht gewahren. Er war jung und vorläufig verlangte er nach nichts anderem. Die Leidenschaft machte ihn der äußeren Welt gegenüber völlig zum Kinde und für immer unfähig, gewisse gute Leute zum Platzmachen zu veranlassen, wenn das einmal erforderlich sein sollte, um für sich selbst ein Unterkommen zwischen ihnen zu verschaffen. Die Wissenschaft ist für manch einen ein Kapital, das er fest in Händen hat; die Leidenschaft Ordynoffs dagegen war wie eine gegen ihn selbst gerichtete Waffe.
Es lebte in ihm mehr ein unbewußter Trieb, zu lernen, zu ergründen und Wissen in sich aufzunehmen, als daß es ganz bestimmte Gründe und Schlußfolgerungen waren, die ihn dazu veranlaßten, – und so war es bei ihm mit allem, gleichviel womit er sich nun beschäftigte, selbst mit den kleinsten Dingen. Schon als Kind hielt man ihn für einen Sonderling, da er seinen Kameraden so durchaus unähnlich war. Seine Eltern hatte er früh verloren, er erinnerte sich ihrer überhaupt nicht mehr; von den Kameraden aber mußte er wegen seines seltsamen menschenscheuen Wesens gar manche kindlichen Angriffe und Roheiten ertragen, was ihn dann erst recht menschenscheu und verschlossen machte. Doch seinen einsamen Beschäftigungen lag niemals, auch jetzt nicht, ein Plan oder gar ein System zugrunde: statt dessen leitete ihn einzig und allein die Begeisterung für die Idee, der Drang, das Fieber des Künstlers. Er schuf sich eine eigene Anschauung der Dinge; sie entwickelte und formte sich in ihm im Laufe von Jahren und in seiner Seele erstand allmählich, vorläufig noch dunkel und unklar, aber dabei doch schon wundervoll beseligend, seine neue Idee, die in einer ebenso neuen, gleichsam erleuchtenden Form Gestalt gewinnen sollte; und indem sie in dieser Gestalt aus ihm hervordrängte, peinigte, quälte, zerriß sie seine Seele. Noch fühlte er bloß schüchtern ihre Originalität, ihre Selbständigkeit und Richtigkeit, die ihm wie eine Offenbarung der Wahrheit erschien: mit allen seinen Kräften spürte er, daß es ihn zu der Schöpfung hindrängte, die sich vorerst freilich noch in ihm bildete, denn der Zeitpunkt der Gestaltung selbst war ja noch weit, vielleicht sehr weit entfernt, und vielleicht war diese Gestaltung überhaupt ganz unmöglich!
Jetzt ging er also durch die Straßen wie ein weltfremder Einsiedler, der plötzlich aus seiner stummen Einöde in eine laut lärmende Stadt geraten ist. Alles erschien ihm neu und seltsam. Er war aber dieser Welt, die hier rings um ihn wogte und rauschte, so fremd geworden, daß er nicht einmal daran dachte, sich über seine sonderbaren Empfindungen zu wundern. Es war vielmehr, als bemerke er seine Weltfremdheit selbst gar nicht; im Gegenteil, es bemächtigte sich seiner sogar eine ganz eigenartig berauschende Empfindung der Freude, ähnlich dem Gefühl, wie es ein Hungriger empfindet, wenn man ihm nach langem Fasten wieder zu essen und zu trinken gibt – obschon es natürlich seltsam erscheinen muß, daß eine so geringfügige Änderung in der äußeren Lebenslage, wie ein Wohnungswechsel, einen Petersburger, und wäre er selbst ein Ordynoff, noch derart aus dem Geleise bringen konnte. Freilich ist zu berücksichtigen, daß er all diese Jahre hindurch fast nur in seinem Zimmer verbracht hatte, und jedenfalls niemals aus einem solchen oder ähnlichen Grunde wie heute, der unbedingte Aufmerksamkeit für die Umgebung erheischte, durch die Straßen der Stadt gegangen war.
Er fand aber mehr und mehr Gefallen daran, in dieser Weise durch die Straßen zu schlendern. Alles sah er an, auf alles horchte er hin.
Doch auch jetzt las er, seiner Art getreu, zwischen den Bildern, die sein Auge sah, wie in einem Buch zwischen den Zeilen. Alles machte seinen besonderen Eindruck auf ihn und kein Eindruck entging ihm; mit denkendem Blick sah er sich die Menschengesichter an, schaute er sich hinein in die Physiognomie der ganzen Umgebung, horchte er auf das Gesumm und Gerede und den Volkston, der bisweilen an sein Ohr schlug, – ganz als hätte er die Schlüsse, zu denen er in der Stille einsamer Nächte gekommen war, jetzt an allem, worauf er stieß, auf ihre Richtigkeit hin prüfen wollen. Und manche Kleinigkeit, die andere sonst wohl übersehen, fiel ihm auf und erweckte in ihm einen neuen Gedanken, und zum erstenmal im Leben ärgerte er sich darüber, daß er sich so lange in seiner Zelle lebendig begraben hatte. Hier geschah alles viel schneller: sein Pulsschlag war voll und belebt, sein Verstand, der bedrückenden Einsamkeit entrückt, in der seine Tätigkeit fast schon mehr ein bloßes Reagieren auf den angespannten und begeisterten Willen zur Arbeit geworden war, arbeitete jetzt ganz von selbst, schnell, und doch ruhig, sicher und kühn. Und überdies empfand er fast unbewußt das Verlangen, auch sich selbst hineinzuzwängen in dieses für ihn fremde Leben, das er bisher nicht gekannt, oder das er doch nur, richtiger gesagt, mit dem Instinkt des Künstlers geahnt hatte. Unwillkürlich begann sein Herz schneller zu schlagen, fast wie in einer Art Liebessehnsucht und glühenden Mitempfindens. Immer forschender sah er die Menschen an, die an ihm vorübergingen: sie waren ihm aber alle fremd und alle mit ihren eigenen Sorgen und Gedanken beschäftigt ... Da schwand allmählich auch Ordynoffs Sorglosigkeit: die Wirklichkeit trat näher an ihn heran, schon empfand er sie als lastenden Druck, und dann kam es über ihn wie das seltsam unwillkürliche Grauen einer großen Ehrfurcht.
Er wurde müde unter der auf ihn eindringenden Flut der neuen Eindrücke, wie ein Kranker, der freudig zum erstenmal aufgestanden ist, doch bald erschöpft vom Licht und Glanz, betäubt und schwindlig von den lauten bunten Bildern des rastlosen Lebens und den wechselnden Eindrücken die Augen schließt und niedersinkt. Bang und traurig ward ihm zumute. Er fing an, für sich zu fürchten, für seine ganze Tätigkeit und sogar für die Zukunft.
Ein neuer Gedanke raubte ihm die Ruhe: es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß er ja doch sein ganzes Leben lang allein gewesen war, daß es keinen einzigen Menschen gab, der ihn liebhatte, und daß auch er niemals Gelegenheit gehabt, jemanden zu lieben. Einige der Vorübergehenden, mit denen er unter irgendeinen Vorwande ein Gespräch anzuknüpfen versuchte, sahen ihn verwundert und recht sonderbar an. Es schien ihm, daß sie ihn für einen Verrückten oder zum mindesten für irgendeinen Sonderling hielten – was er ja übrigens auch war. Er erinnerte sich, daß ihm eigentlich schon von Kindheit an alle ausgewichen waren und in seiner Gesellschaft sich unbehaglich gefühlt hatten, hauptsächlich wohl seines nachdenklichen und eigensinnigen Charakters wegen. Er wußte, daß das tiefe Mitempfinden, zu dem er wohl fähig war, doch niemals ein Gefühl der seelischen Gleichheit zwischen ihm und den anderen, oder auch dem einzelnen, dem sein Mitempfinden galt, aufkommen ließ, weshalb es von allen, eben von ihrem Gefühl aus, abgelehnt wurde: und das hatte ihn denn schon als Kind unter seinen Spielgefährten gequält. Jetzt fiel es ihm wieder ein und er sagte sich, daß ihn ja tatsächlich schon von jeher und zu jeder Zeit alle Menschen gemieden, und daß man sich niemals um seine Einsamkeit gekümmert hatte.
In Gedanken versunken war er weitergegangen, ohne auf den Weg zu achten, bis er schließlich merkte, daß er sich in einem vom Zentrum weit entfernten Stadtteil befand. In einem billigen und menschenleeren Speisehaus ließ er sich etwas zu essen geben und machte sich dann wieder auf den Weg. Von neuem streifte er umher, ging durch viele Straßen, über Plätze, an grauen und gelben Zäunen entlang. Dann kamen graue windschiefe Häuschen, dann wieder riesenhafte Gebäude großer Fabriken, rot, rauchgeschwärzt, unförmig mit ragenden Schloten. Dabei war die Umgebung rings doch wie ausgestorben, so verlassen, öde, düster und feindselig – wenigstens machte sie auf Ordynoff diesen Eindruck. Es wurde Abend. Aus einer langen Gasse kam er auf einen freien Platz, an dem eine Pfarrkirche lag.
In seiner Zerstreutheit ging er hinein. Der Gottesdienst war beendet und die Kirche schon ganz leer; nur zwei alte Weiber knieten noch nahe beim Eingang. Der Kirchendiener, ein altes Männlein mit silbergrauem Haar, löschte die Lichter. Die Strahlen der Abendsonne ergossen sich von oben durch ein schmales Fenster der Kuppel in einem Lichtstrom durch das Innere der Kirche bis zu einem der Nebenaltäre, den sie mit flimmerndem Glanz umwoben. Die Sonne sank und das Licht wurde immer schwächer, doch je mehr die tiefe Dämmerung unter den Gewölben dunkelte, um so leuchtender erglänzten an manchen Stellen die vergoldeten Heiligenbilder, vor denen die kleinen Flammen der Wachskerzen und Öllämpchen zuckend brannten. Ordynoff hatte sich in einer Anwandlung tiefer Schwermut, die wie ein bis dahin unterdrücktes Gefühl plötzlich aus der Vergessenheit hervorbrach und ihn nun überflutete, in der dunkelsten Ecke an die Mauer gelehnt und vergaß dort für einen Augenblick sich und alles um ihn her. Da vernahm er den dumpfen Schall von Schritten, die sich gemessen vom Eingang her näherten. Er sah auf und wandte den Kopf, kaum aber hatte er die beiden Eingetretenen erblickt, da bemächtigte sich seiner eine ganz unerklärliche Neugier. Es waren ein alter Mann und ein junges Weib. Der Alte war hoch von Wuchs, noch stramm und rüstig, aber hager und krankhaft bleich. Seinem Äußeren nach konnte man ihn für einen aus weiter Ferne angereisten Kaufmann halten. Er trug einen langen, schwarzen, mit Pelz gefütterten Mantel lose über die Schultern geworfen – offenbar ein Sonntagskleidungsstück – darunter einen gleichfalls langen, von oben bis unten zugeknöpften russischen Leibrock, wie er in alten Zeiten mit zur Nationaltracht gehörte. Um den Hals war nachlässig ein grellrotes Tuch geschlungen. In der Hand hatte er eine Pelzmütze. Ein langer schmaler, halb schon ergrauter Bart fiel auf seine Brust und unter den überhängenden buschigen Brauen glühte ein feuriger, fieberhaft erregter, dabei hochmütiger und scharfer Blick. Das junge Weib, das etwa zwanzig Jahre alt sein mochte, war bezaubernd schön. Sie trug einen hellblauen, mit kostbarem Fell verbrämten kleinen Pelz und um den Kopf ein weißes Atlastuch, das unter dem Kinn zu einem Knoten geschlungen war. Sie ging mit gesenktem Blick, und eine sinnende Hoheit, die seltsam ergreifend aus ihrer ganzen Erscheinung sprach, spiegelte sich in den zarten Linien ihrer kindlich reinen und frommen Züge wie in trauriger Verklärung wieder. Es war etwas Sonderbares an diesem unerwarteten Paar.
Unter der mittleren Kuppel blieb der Alte stehen und verneigte sich nach allen vier Seiten, obschon die Kirche ganz leer war; dasselbe tat auch seine Begleiterin. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum großen Heiligenbilde der Mutter Gottes, der die Kirche geweiht war, und dessen mit Edelsteinen besetzte goldene Bekleidung und reiche Einfassung durch den Flammenschein der vielen Wachskerzen in blendendem Glanz erstrahlte. Der Kirchendiener, der sich noch hier und da etwas zu schaffen machte, grüßte den Alten mit Ehrerbietung; dieser erwiderte den Gruß jedoch nur mit einem kurzen Kopfnicken. Vor dem Heiligenbilde warf sich das junge Weib auf die Knie nieder und berührte mit der Stirn den Fußboden. Der Alte nahm das Ende des Schleiers, der am Fußgestell des Bildes hing, und breitete ihn über ihren Kopf. Dann vernahm man dumpfes Schluchzen in der Kirche.
Ordynoff war betroffen durch die Feierlichkeit der Szene, die sich vor seinen Augen abspielte, und erwartete mit Ungeduld die Beendigung ihres Gebets. Nach einer Weile erhob sie den Kopf und wieder fiel heller Lichtschein auf ihr entzückendes Gesicht. Ordynoff zuckte zusammen und trat unwillkürlich einen Schritt vor. Sie hatte ihre Hand bereits dem Alten gereicht und beide verließen langsam die Kirche. Tränen standen in ihren dunkelblauen Augen und als sie die Lider mit den langen dunklen Wimpern senkte, rollten diese Tränen über ihre zarten, bleichen Wangen. Auf ihren Lippen erschien flüchtig ein Lächeln, aber es verwischte in ihrem Antlitz doch nicht die Spuren einer fast kindlichen Angst und eines gleichsam mystischen Grauens. Zaghaft schmiegte sie sich an den Alten, und man sah, daß sie vor Erregung zitterte.
Betroffen und im Grunde doch von einem ungeahnt süßen Gefühl, das wie ein Wille war, dazu getrieben, ging Ordynoff den beiden nach – und unter dem Rundbogen vor dem Portal überholte er sie. Der Alte sah ihn feindselig und streng an; auch sie sah nach ihm hin, jedoch so teilnahmslos und zerstreut, daß man ihr anmerkte, wie ein einziger und ganz anderer, fernliegender Gedanke sie beschäftigte. Ordynoff folgte ihnen in einiger Entfernung, ohne eigentlich selbst zu wissen, weshalb er es tat. Es war schon dunkel geworden.
Der Alte und das junge Weib gingen in eine lange, breite, schmutzige Straße, die geradeaus zur Stadtgrenze führte – eine Straße der Buden, billigen Herbergen und Einkehrhöfe, in der die verschiedensten Kleinhändler ihre Läden hatten; dann bogen sie in eine schmale lange Sackgasse ein, die zwischen langen Zäunen zu einer großen vierstöckigen Mietskaserne führte, durch deren Höfe man aber wieder auf eine andere, gleichfalls große und belebte Straße gelangen konnte. Sie näherten sich bereits dem Hause. Plötzlich wandte sich der Alte zurück und sein Blick maß unwillig den jungen Mann, der ihnen so beharrlich folgte. Ordynoff blieb wie gebannt stehen; sein Tun erschien ihm selbst plötzlich sehr sonderbar. Da sah sich der Alte noch einmal nach ihm um, als wolle er sich überzeugen, ob sein drohender Blick die Wirkung nicht verfehlt habe; dann traten sie beide, er und das junge Weib, durch die schmale Fußpforte in den Hof des Hauses. Ordynoff kehrte um.
Er befand sich in der unangenehmsten Stimmung und ärgerte sich über sich selbst: ganz umsonst hatte er einen Tag verloren, umsonst hatte er sich ermüdet und überdies noch diesen sowieso schon mißlungenen Tag mit einer großen Dummheit gekrönt, indem er eine ganz gewöhnliche Begegnung für eine Gott weiß wie besondere Begebenheit gehalten!
Am Vormittage hatte er sich noch darüber geärgert, daß er so weltfremd und menschenscheu geworden war. Und doch war es nur sein Instinkt gewesen, der ihn veranlaßt hatte, alles zu fliehen, was ihn in seinem äußeren und dadurch vielleicht auch in seinem inneren Leben, das nun einmal ganz seiner Idee gehörte, hätte zerstreuen, beeinflussen und erschüttern können. Jetzt wenigstens gedachte er mit Wehmut und einer gewissen Reue seines ungestörten Winkels; dann erfaßte ihn eine seltsame Traurigkeit und Sorge befiel ihn beim Gedanken an seinen künftigen Verbleib: wo er ein neues Unterkommen finden könne und wie lange er wohl noch ein solches werde suchen müssen. Dabei aber verstimmte es ihn wieder am meisten, daß ihn solche Nichtigkeiten überhaupt so beschäftigen konnten. Ermüdet und unfähig, zwei Gedanken aneinanderzureihen, langte er endlich – es war mittlerweile schon ziemlich spät geworden – wieder bei seiner alten Wohnung an, und erst als er ins Haus trat, kam es ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er fast daran vorübergegangen wäre, ohne es zu bemerken, noch zu erkennen. Verwundert über seine Zerstreutheit schüttelte er den Kopf, schrieb sie aber doch nur seiner Müdigkeit zu und trat, im letzten Stockwerk unter dem Dach angelangt, in sein kleines Zimmer. Er zündete ein Licht an, setzte sich und brütete gedankenverloren vor sich hin. Da stand plötzlich wieder das Bild des weinenden jungen Weibes greifbar deutlich vor seiner Seele. Und so glühend heiß, so tief und stark war der Eindruck, so voll Liebe hatte sein Geist diese sanften und frommen Züge in sich aufgenommen und gab seine Phantasie sie ihm jetzt wieder, diese Züge, aus denen mystische Rührung und Grauen, kindliche Demut und hingebender Glaube sprachen, daß seine Augen sich verdunkelten und gleichsam Feuer seine Glieder durchströmte. Doch die Erscheinung zerrann. Dem Rausch folgte dumpfes Grübeln, dann Ärger und schließlich eine gewisse ohnmächtige Wut. Ohne sich auszukleiden, wickelte er sich in die Decke und warf sich auf sein hartes Lager ...
Ordynoff erwachte am anderen Morgen ziemlich spät und in unruhiger und niedergedrückter Stimmung. Er mußte sich nahezu Gewalt antun, um nur an seine nächstliegenden Sorgen zu denken. Als er sich dann wieder auf den Weg machte, schlug er die entgegengesetzte Richtung ein, um nur ja nicht den Weg zu gehen, den er tags zuvor gegangen war. Endlich fand er bei einem armen Deutschen, Spieß mit Namen, der mit seiner Tochter Tinchen eine Giebelstube bewohnte, ein Stübchen für seine Ansprüche. Spieß entfernte sogleich, nachdem er das Handgeld erhalten, den Mietszettel, fand Ordynoffs Liebe zur Wissenschaft, um derentwillen er ganz ungestört zu leben wünschte, sehr, sehr lobenswert und versprach zum Schluß, sich seiner recht annehmen zu wollen. Ordynoff erklärte, daß er gegen Abend einziehen werde. Als das erledigt war, wollte er sich wieder nach Haus begeben, änderte aber unterwegs seine Absicht und schlug einen anderen Weg ein: im Augenblick wurde auch seine Stimmung besser, obschon er innerlich selbst über sich lächeln mußte. Der Weg erschien ihm diesmal in seiner Ungeduld ungeheuer weit, wenigstens bedeutend weiter, als er gedacht. Endlich erreichte er die Kirche, in der er am vergangenen Abend gewesen war. Es wurde gerade die Messe gelesen. Er suchte sich einen Platz, von dem aus er fast alle Betenden sehen konnte: doch die, die er suchte, waren nicht darunter. Mit gerötetem Antlitz verließ er nach langem vergeblichem Warten die Kirche. Hartnäckig bemühte er sich, ein gewisses ungewolltes Gefühl in sich zu ersticken und zwang sich mit aller Gewalt, seine Gedanken nach seinem Willen zu lenken. Er wollte an ganz gewöhnliche Dinge denken, und da fiel ihm denn ein, daß es ja Zeit zum Mittagessen sei – und da er Hunger verspürte, ging er in dasselbe Speisehaus, in dem er tags zuvor eine Kleinigkeit genossen hatte. Dann streifte er wieder umher, ging durch unbekannte, aber belebte Straßen und dann wieder durch menschenleere Gassen, bis er sich schließlich in einer Gegend jenseits der Stadtgrenze fand, wo sich weit das herbstlich fahl gewordene Feld hinzog. Er wäre unversehens noch weiter gegangen, wenn ihn nicht die Stelle ringsum mit einem neuen, lange nicht mehr empfundenen Eindruck aus seiner Gedankenversunkenheit geweckt hätte. Es war ein trockener kalter Tag, wie sie nicht selten sind im Petersburger Oktober. Nicht allzu fern war eine Hütte zu sehen, und neben ihr zwei Heuschober. Ein kleines verhungertes Bauernpferd, dessen Rippen man fast zählen konnte, stand mit gesenktem Kopf und hängenden Lefzen, als dachte es über irgend etwas nach, abgeschirrt neben einer zweiräderigen Tarataika. Ein gewöhnlicher Hofhund, der in der Nähe eines zerbrochenen Wagenrades einen Knochen benagte, begann zu knurren, und ein etwa dreijähriger Bengel, der mit nichts weiter als einem Hemdchen bekleidet war, kratzte sich seinen weißblonden Lockenkopf und starrte verwundert den einsamen Städter an. Hinter der Hütte dehnten sich Gemüseplätze und Felder aus. Am Horizont zogen sich Streifen dunkler Wälder hin und drüber war der Himmel klar und blau. Von der anderen Seite aber zogen langsam trübe Schneewolken auf, die vereinzelte Wölkchen vor sich herschoben, als trieben sie eine Schar schwebender Zugvögel lautlos, ohne einen Schrei, ohne einen Flügelschlag, hoch oben am Himmel vorüber. Es war so ruhig und gleichsam feierlich schwermütig, alles erfüllt von einer verborgenen, atembeklemmenden Erwartung ... Ordynoff ging weiter und weiter, doch die Öde bedrückte ihn nur noch mehr. Er kehrte wieder um und ging zurück nach der Stadt, von wo jetzt fernes Kirchengeläut, das zum Abendgottesdienst rief, zu ihm drang. Er beschleunigte seine Schritte, und nach kurzer Zeit betrat er wieder die Kirche, die ihm seit dem gestrigen Tage so vertraut war.
Die junge Unbekannte war schon da.
Sie kniete nicht weit vom Eingang unter vielen anderen Betenden. Ordynoff drängte sich durch das eng beieinander stehende Volk, durch die Schar von Bettlern, alten zerlumpten Weibern, Kranken und Krüppeln, die alle bei der Kirchentür auf Almosen warteten, und kniete dicht neben ihr nieder. Seine Kleider berührten die ihrigen, er hörte ihr erregtes Atmen und das inbrünstig betende Flüstern ihrer Lippen. Wieder war ihr Antlitz von einem Gefühl hingebenden Glaubens durchgeistigt und wieder rannen Tränen aus ihren Augen und versiegten auf ihren glühenden Wangen, als hätten sie ein furchtbares Verbrechen von ihrer Seele abzuwaschen. An der Stelle, wo sie beide knieten, war es so gut wie ganz dunkel, nur hin und wieder, wenn die Flamme im Lämpchen vor dem nächsten Heiligenbilde im Winde aufflackerte, der durch eine geöffnete Zugklappe des schmalen Fensters strich, huschte zitternder Lichtschein über ihr Gesicht und jeder Zug desselben schnitt sich in das Gedächtnis des jungen Mannes ein, umflorte seinen Blick und bohrte sich unter unerträglicher Pein in sein Herz. Nur lag in der Qual zugleich auch eine trunkene Wonne, eine rasende Lust. Doch zuletzt ging dieser Zustand über seine Kraft. Er vermochte es nicht länger auszuhalten. Seine Brust erbebte vor Schmerz, und es war ihm, als verginge etwas in ihm vor unsagbar süßem Sehnsuchtsweh – ein tiefes Schluchzen erschütterte ihn plötzlich und er beugte seine heiße Stirn auf die kalten Fliesen der Kirche. Er fühlte nichts als den Schmerz in seinem Herzen, das in süßer Qual vergehen zu wollen schien.
Es wäre schwer zu sagen, was diese seine aufs äußerste gesteigerte Eindrucksfähigkeit bewirkt hatte: ob sie unaufhaltsam, wie sie durchbrach, auf das qualvoll bedrückende, erlösungslose Schweigen der langen schlaflosen Nächte zurückzuführen war, als eine Folge des oft durchlebten Zustandes, in dem ein unbewußter Drang, eine unklare Sehnsucht und das herrisch ungeduldige, ringende Streben seines Geistes ihm das Herz mit einer unausgesprochenen Qual so überfüllt hatten, daß es nun an einem Punkt angelangt war, an dem es ihn unfehlbar zerrissen hätte, wenn es nicht eine Erlösung in ebendiesem Ausbruch gefunden. Oder war einfach nur die Zeit des Ausbruches gekommen, wie alles einmal kommt, was im natürlichen Verlauf der Dinge kommen muß – wie an einem drückend schwülen Sommertage der Himmel plötzlich dunkel wird und ein Gewitterregen unter Donner und Blitz zur Erde niederrauscht, um alles, was in der Sonnenglut zu vergehen droht, von Hitze und Durst zu erlösen, um in klaren Regentropfen an smaragdenen Zweigen hängen zu bleiben, das Gras niederzudrücken und die zarten Blumenkelche zur Erde zu biegen, auf daß dann bei den ersten Sonnenstrahlen alles sich wieder erhebe, um wie befreit von neuem zur Sonne zu streben und sieghaft seinen köstlichen frischen Duft zum Himmel emporzusenden in der Freude über das erneute Leben. Dieselbe berauschende Lebenswonne, die nach dem Gewitter die ganze Natur zu empfinden scheint, jedes Blatt, das noch feucht vom Regen glänzt, jeder Blütenkelch, der unter der Last der Tropfen sich geneigt hat und nun sich wieder zur Sonne aufrichtet – dasselbe Gefühl hatte auch Ordynoff ... Nur hätte er selbst nicht zu sagen vermocht, was mit ihm geschah: so wenig, so gar nicht war er sich seiner selbst bewußt.
Deshalb bemerkte er auch nicht, wie der Gottesdienst zu Ende ging, und kam erst zu sich, als er, seiner Unbekannten folgend, sich abermals durch die Volksmenge drängte. Sie wurden immer wieder durch das hinausströmende Volk aufgehalten: dabei aber hatte sie ihn dann, beim Stehenbleiben und Warten, zum erstenmal bemerkt, hatte sich mit merklich wachsender Verwunderung wieder und wieder nach ihm umgesehen, und plötzlich, als seine Augen ihrem erstaunten hellen Blick begegneten, war sie errötet – ganz plötzlich wie in einem jähen Begreifen, das ihr die Glut ins Gesicht trieb. In demselben Augenblick aber tauchte auch schon die hohe Gestalt des Alten im Gedränge vor ihnen auf: und er nahm sie wortlos bei der Hand. Und wieder traf der Blick des Alten Ordynoff mit einem so gehässigen, boshaft spöttischen Ausdruck, daß Ordynoffs Herz plötzlich von einer ganz seltsamen rasenden Wut erfaßt wurde. In der Dunkelheit verlor er sie bald aus den Augen: er drängte sich erschrocken weiter durch die Menge, machte sich rücksichtslos Platz und trat aus der Kirche. Die Abendluft berührte ihn kalt, aber sie erfrischte ihn nicht: sie benahm ihm den Atem, beengte seine Brust und sein Herz begann langsam und stark zu schlagen, mit einer Wucht, als wolle es seine Brust zersprengen. Er suchte sie lange, mußte es aber dann doch aufgeben, da er sie nirgends mehr finden konnte: sie waren weder auf der Straße noch in der Sackgasse zu sehen. Doch zugleich entstand in ihm bereits ein Gedanke, der sich alsbald zu einem jener Pläne entwickelte, die zwar in der Regel mehr oder weniger wahnwitzig zu sein pflegen, deren Ausführung aber in solchen Fällen fast immer glänzend gelingt – ganz abgesehen davon, daß gerade diese unsinnigen Pläne am ehesten in die Tat umgesetzt werden, vernünftigere dagegen sehr oft nur Pläne bleiben.
Ordynoff begab sich am nächsten Morgen gegen acht Uhr zu jenem Hause, trat von der Gasse aus durch das Tor und befand sich auf einem schmalen, schmutzigen Hinterhof. Der Hausknecht, der dort mit einem Spaten hantierte, sah von seiner Arbeit auf, stützte sich auf den Spatenstiel, musterte Ordynoff vom Kopf bis zu den Füßen und fragte schließlich, was er hier wünsche.
Dieser Hausknecht war ein noch junger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren, dabei von eigentümlich altväterischem Aussehen, klein, mit runzligem Gesicht und von offenbar tatarischer Abstammung.
„Ich suche ein Zimmer,“ sagte Ordynoff ungeduldig.
„Was für eins denn?“ fragte der Kerl spöttisch und sah ihn mit einer Miene an, als wisse er bereits um sein ganzes Vorhaben.
„Ich will hier ein Zimmer mieten.“
„Im Vorderhaus gibt’s keins,“ versetzte der Tatar etwas rätselhaft.
„Aber hier?“
„Hier auch nicht.“ Und damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.
„Vielleicht gibt es doch einen Mieter, der mir eins abtreten würde?“ fragte Ordynoff und drückte dem Hausknecht ein Trinkgeld in die Hand.
Der Tatar sah ihn an, steckte das Geld in die Tasche und machte sich dann wieder etwas mit seinem Spaten zu schaffen – erst nach einigem Schweigen erklärte er nochmals: „Nein, hier gibt’s keins.“ Der junge Mann hörte ihn aber nicht mehr: er ging bereits auf den halbverfaulten schwankenden Brettern, die über eine Pfütze führten, zum einzigen Eingang des Hinterhauses, zu einer Treppe, die ebenso schmutzig war, wie das ganze Haus schmutzig aussah, und deren unterste Stufe in einer zweiten Pfütze halbwegs versank. Unten, neben dem Eingang, wohnte ein armer Sargmacher, an dessen Werkstätte Ordynoff ohne zu fragen vorüberging, um auf der halbzerbrochenen gewundenen Treppe hinaufzusteigen. Im oberen Stockwerk angelangt, fand er, mehr tastend als sehend, eine schwere Tür, die einst mit Bastmatten beschlagen gewesen war, von denen jetzt jedoch nur noch wenig mehr als einzelne Stücke an ihr hafteten. Er drückte auf die Klinke und öffnete die Tür. Er hatte sich nicht geirrt. Vor ihm stand der Alte, den er in der Kirche gesehen, und blickte ihn mit äußerster Verwunderung starr an.
„Was willst du?“ stieß er halblaut mit rauher Stimme hervor.
„Haben Sie ein Zimmer zu vermieten?“ fragte Ordynoff, ohne eigentlich selbst zu wissen, was er sagte oder sagen wollte. Hinter dem Alten hatte er seine Unbekannte erblickt.
Der Alte sagte nichts, er bemühte sich nur, die Tür zu schließen, um Ordynoff auf diese Weise hinauszudrängen.
„Ja doch! – wir haben ein Zimmer!“ sagte da plötzlich das junge Weib mit freundlicher Stimme.
Der Alte wandte sich nach ihr um.
„Ich brauche nicht viel mehr als einen Winkel,“ sagte Ordynoff, indem er schnell eintrat und sich an das junge Weib wandte.
Doch das Wort erstarb ihm auf den Lippen: etwas Seltsames spielte sich plötzlich vor seinen Augen ab, eine stumme und doch beredte Szene. Der Alte war so leichenblaß geworden, als würde er im Augenblick ohnmächtig zusammenbrechen, und sah mit einem bleischweren, unbeweglichen, durchdringenden Blick das junge Weib an. Auch sie erblaßte zunächst, dann aber stieg ihr mit einem Male jäh das Blut ins Gesicht und in ihren Augen blitzte etwas Seltsames auf. Ohne ein weiteres Wort führte sie Ordynoff in das Nebenzimmer.
Die ganze Wohnung bestand aus einem einzigen, allerdings recht großen Zimmer, das durch zwei Scheidewände in drei Räume geteilt war. Aus dem ziemlich dunklen und schmalen Vorzimmer, in das man vom Flur aus trat, führte geradeaus eine Tür offenbar in das Schlafzimmer. Rechts von dieser führte eine andere Tür nach dem Zimmer, das vermietet werden sollte. Es war das ein schmaler, enger Raum, der durch die Scheidewand gewissermaßen an die zwei niedrigen Fenster angedrückt erschien. Überdies war er noch vollgepackt mit den verschiedensten Sachen, die nun einmal zu einem Haushalt gehören. Es war ärmlich und eng, aber doch nach Möglichkeit sauber. Die Einrichtung bestand aus einem einfachen ungestrichenen Tisch, zwei ebenso einfachen Stühlen und zwei Bettladen, die eine an der Scheidewand, die andere an der der Tür gegenüberliegenden Wand. Ein großes altertümliches Heiligenbild mit einer vergoldeten Strahlenkrone stand in der Ecke auf einem Winkelbrett und vor ihm brannte das Öllämpchen. Ein mächtiger russischer Ofen, an den sich die Scheidewand anschloß, stand zur Hälfte in diesem Zimmer, zur Hälfte im Vorzimmer. Eigentlich bedurfte es keiner Versicherung, daß diese Wohnung für drei erwachsene Menschen zu eng war.
Sie begannen, das Notwendige zu besprechen, sprachen aber so verwirrt und zusammenhanglos, daß sie einander kaum verstanden. Ordynoff, der zwei Schritte von ihr entfernt stand, glaubte ihr Herz pochen zu hören: er sah, daß sie vor Erregung und anscheinend auch vor Angst zitterte. Schließlich verständigten sie sich doch irgendwie und die Sache ward abgeschlossen. Der junge Mann erklärte, daß er sogleich einziehen wolle, und blickte sich unwillkürlich nach dem Alten um. Der war zwar immer noch bleich, aber auf seinen Lippen lag bereits ein stilles, sogar nachdenkliches Lächeln, das jedoch schnell verschwand, als er Ordynoffs Blick begegnete: sofort runzelte er wieder finster die Stirn.
„Hast du einen Paß?“ fragte er plötzlich mit lauter, rascher Stimme, indem er gleichzeitig schon die Tür zum Flur öffnete.
Ordynoff bejahte die Frage, die ihn etwas stutzig machte.
„Wer bist du?“
„Wassilij Ordynoff. Habe keine Anstellung. Lebe ganz für mich,“ antwortete er, ebenso kurz angebunden, wie der Alte in seiner rauhen Art.
„Ich gleichfalls,“ versetzte der Alte. „Ich bin Ilja Murin, Kleinbürger. Genügt dir das? – Gut, dann geh!“ ...
Innerhalb zweier Stunden war Ordynoff eingezogen, eigentlich selbst nicht weniger darüber verwundert, als es Herr Spieß und seine Tochter Tinchen waren, die nach vergeblichem Warten zu der Überzeugung kamen, daß der verschwundene Mieter sie nur habe betrügen wollen. Ordynoff freilich begriff selbst nicht, wie das alles so gekommen war, aber im Grunde wollte er es auch gar nicht begreifen.
II.
Sein Herz pochte so stark, daß er vor den Augen grüne Punkte tanzen sah, und hin und wieder erfaßte ihn ein Schwindel. Der Kopf tat ihm weh. Mechanisch machte er sich daran, sein geringes Hab und Gut auszupacken, entnahm einem Bündel, das seine Wäsche enthielt, das Notwendigste, schloß den Bücherkasten auf und begann die Bände und Schriften auf dem Tische zu ordnen. Bald aber entfiel auch diese Arbeit seinen Händen. Was er tun mochte – immer wieder erschien vor ihm das Bild des jungen Weibes, das vom ersten Augenblick an sein Herz mit so unlösbaren Banden gleichsam umkrampft hatte, – und so viel Glück war plötzlich in sein armes Leben geflutet, daß seine Gedanken wie in einem Rausch untergingen und sein Geist ganz wirr ward und er selbst nicht mehr wußte, was er wollte. Er nahm seinen Paß, um ihn dem Alten, dessen Mieter er nun geworden war, einzuhändigen – natürlich in der Hoffnung, bei der Gelegenheit sie zu sehen. Murin öffnete aber die Tür nur ein wenig, nahm den Paß in Empfang, nickte bloß und sagte „Gott mit dir!“, worauf er die Tür wieder schloß. Ein unangenehmes Gefühl überkam Ordynoff. Es wurde ihm, ohne daß er wußte warum, so schwer, diesen Alten anzusehen. In seinem Blick lag stets so etwas wie Verachtung und Bosheit. Doch der unangenehme Eindruck verwischte sich bald. Er lebte ja schon den dritten Tag wie in einem Wirbel, im Vergleich zu seinem früheren stillen Leben. Nur denken konnte er jetzt nicht, ja, er fürchtete sich förmlich davor. Alles hatte sich für ihn plötzlich verändert: er hatte die dunkle Empfindung, als sei sein Leben in zwei Hälften gebrochen und von seinen Gedanken galt kein einziger mehr der ersten Hälfte. Er empfand nur den einen Trieb, nur die eine Erwartung ...
Ohne zu wissen, wie er das Benehmen des Alten deuten sollte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Beim Ofen, in dem das Essen kochte, machte sich ein kleines, vor Alter krummes Weib zu schaffen. Sie war so schmutzig und zerlumpt gekleidet, daß man sie nur mit Widerwillen ansehen mochte. Dabei schien sie eine unglaublich böse Person zu sein. Das war die Dienstmagd. Ordynoff, der sie etwas vor sich hinbrummen hörte und ihren zahnlosen Unterkiefer sich bewegen sah, redete sie an, erhielt aber keine Antwort: es war, als schwiege sie vor lauter Bosheit. Endlich kam die Mittagsstunde. Die Alte nahm das Essen aus dem Ofen – Kohlsuppe, Pasteten und Rindfleisch – und brachte es in das andere Zimmer. Dasselbe Essen brachte sie auch Ordynoff. Nach dem Mittagessen trat in der Wohnung Totenstille ein.
Ordynoff nahm ein Buch zur Hand, las Satz für Satz und ganze Seiten, wobei er sich bemühte, den Sinn des Gelesenen zu erfassen, der ihm aber selbst dann unklar blieb, wenn er das Gelesene nochmals las. Bald schon warf er das Buch beiseite und schickte sich an, seine Habseligkeiten noch weiter zu ordnen. Nur dauerte auch das nicht lange. Ungeduldig nahm er schließlich seine Mütze, seinen Mantel und ging auf die Straße. Ohne auf den Weg zu achten, ging er weiter und gab sich die größte Mühe, seine Gedanken zu sammeln und wenigstens etwas über seine neue Lage nachzudenken. Doch diese Willensanspannung wurde ihm förmlich zu einer Qual – als müsse er sich selbst foltern. Offenbar hatte er sich erkältet: bald erfaßte ihn ein Schüttelfrost, bald glühte er im Fieber und zuweilen begann sein Herz so stürmisch zu schlagen, daß er sich an eine Wand lehnen mußte. „Nein, lieber tot ... lieber tot sein,“ murmelten seine fieberheißen Lippen, ohne daß er es selbst recht wußte. So irrte er noch lange in den Straßen umher – bis er schließlich durch eine starke Empfindung von Kälte und Feuchtigkeit zum erstenmal bemerkte, daß es ja in Strömen regnete. Da besann er sich und kehrte zurück. Kurz bevor er das Haus erreichte, erblickte er den Hausknecht, der ihn, wie ihm schien, schon eine Weile stillstehend mit Neugier beobachtet hatte, seinen Weg nach Hause aber sogleich wieder fortsetzte, als er sich bemerkt sah.
Ordynoff erreichte ihn mit ein paar Schritten.
„Guten Tag. Übrigens, wie heißt du?“
„Hausknecht heiß’ ich,“ antwortete der Tatar grinsend.
„Bist du schon lange hier Hausknecht?“
„Das will ich meinen.“
„Mein Wirt, der Murin, bei dem ich zur Miete wohne, ist doch Kleinbürger?“
„Das wird er wohl sein, wenn er’s gesagt hat.“
„Was treibt er denn eigentlich?“
„Treibt? – Er lebt. Ist krank, betet. Weiter nichts.“
„Ist das seine Frau?“
„Welche Frau?“
„Die bei ihm lebt?“
„Das wird sie wohl sein, wenn er’s gesagt hat. Leb wohl, Herr.“
Der Tatar berührte den Mützenschirm und trat in seinen Schlupfwinkel unter dem Torbogen.
Ordynoff stieg die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Die Alte öffnete ihm zaudernd die Tür, wobei sie wieder etwas vor sich hinbrummte, klinkte die Tür hinter ihm ein und kroch langsam zurück auf den Ofen, auf dem sie den größten Teil ihres Lebens zuzubringen schien. Es dunkelte bereits. Ordynoff wollte sich von seinen Wirtsleuten Streichhölzer holen, doch die Tür zu ihrem Zimmer war verschlossen. Er rief die Alte an, die sich etwas aufgerichtet hatte und, auf den Ellbogen gestützt, vom Ofen herab ihn anglotzte, als dächte sie darüber nach, was er wohl dort an der verschlossenen Tür zu suchen habe. Schweigend warf sie ihm eine Streichholzschachtel zu. In sein Zimmer zurückgekehrt, nahm er wieder seine Bücher vor. Allmählich wurde ihm immer sonderbarer zumut und obschon er selbst nicht begriff, was in ihm vorging, setzte er sich auf die Bettlade, zu der er sich eigentümlich hingezogen fühlte. Und dann war ihm, als schliefe er ein. Mehrmals kam er wieder zu sich und erriet – es war ein Erraten und sich Merken in einem Zustande des Halbbewußtseins –, daß es gar kein Schlaf war, sondern nur eine krankhafte, qualvolle Benommenheit. Einmal hörte er, wie an die Tür gepocht und wie die Tür geöffnet wurde, und er sagte sich, daß es wohl die Wirtsleute waren, die von der Abendmesse zurückkehrten. Bei der Gelegenheit fiel ihm ein, daß er zu ihnen gehen mußte, um etwas zu holen. Er erhob sich denn auch und ging zu ihnen – d. h. es schien ihm, daß er sich erhob und ging – doch plötzlich stolperte er und fiel auf einen Haufen Holz, den die Alte mitten im Zimmer hingeworfen hatte. Von da an wußte er nichts mehr, und als er die Augen, wie ihm deuchte, nach langer, langer Zeit öffnete, gewahrte er mit Verwunderung, daß er noch auf derselben Lade lag, in den Kleidern, so wie er war, und daß ein berückend schönes junges Weib in zärtlicher Sorge sich über ihn beugte, mit einem stillen und mütterlichen Ausdruck im Blick. Er fühlte, wie ihm ein Kissen unter den Kopf geschoben wurde und wie man ihn mit etwas Warmem zudeckte, und wie eine zarte Hand sich auf seine heiße Stirn legte. Er wollte danken, wollte diese Hand fassen, sie an seine heißen trockenen Lippen führen, mit Tränen benetzen und küssen, eine ganze Ewigkeit lang küssen. Er wollte so vieles sagen, aber was – das wußte er selbst nicht! Oh, sterben hätte er mögen, vergehen in diesem Augenblick! Doch seine Arme waren schwer wie Blei und ließen sich nicht bewegen. Es war ihm, als sei er stumm geworden und könne deshalb nicht sprechen, und daher fühlte er nur, wie sein Blut so durch alle Adern jagte, daß er glaubte, emporgehoben zu werden. Jemand gab ihm Wasser zu trinken ... Dann sank er wieder in tiefe Bewußtlosigkeit.
Am anderen Morgen erwachte er gegen acht Uhr. Die Sonne schien in goldenen Strahlenbündeln durch das grünliche billige Glas der Fensterscheiben. Ein wundervolles Gefühl durchströmte alle Glieder des Kranken. Er war ruhig und still – war unsagbar glücklich. Er hatte die Empfindung, als sei jemand soeben an seinem Bette gewesen, ganz nah an seinem Kopfkissen. Und während er vollends zu sich kam, dachte er daran, sich nach diesem Menschen im Zimmer umzusehen, um seinen neuen Freund zu entdecken und zum erstenmal im Leben zu ihm zu sagen: „Guten Morgen, habe Dank, mein Guter!“
„Wie lange du schläfst?“ sagte da zärtlich eine Frauenstimme. Ordynoff sah sich um, jemand trat an sein Bett, und über ihn neigte sich mit einem freundlichen hellen Lächeln das Gesicht seiner schönen jungen Wirtin.
„Wie krank du warst,“ fuhr sie fort, „aber nun laß es genug sein; wozu beraubst du dich der Freiheit! Die ist süßer als Brot, schöner als die liebe Sonne. Steh auf, mein Täubchen, steh auf!“
Ordynoff ergriff ihre Hand und drückte sie krampfhaft. Er glaubte, noch zu träumen.
„Warte, ich habe dir Tee gemacht. Willst du Tee? Trink ihn, es wird dir davon besser werden. Ich bin selbst krank gewesen und weiß, wie das ist.“
„Ja, gib mir zu trinken,“ sagte Ordynoff mit noch matter Stimme und versuchte, aufzustehen, was ihm auch gelang. Er fühlte sich zwar noch recht schwach, wie zerschlagen, und ein Kältegefühl im Rücken ließ ihn erschauern. In seinem Herzen aber hatte er ein Gefühl, als werde er von den Sonnenstrahlen erwärmt und mit einer hellen, feiertäglichen Freude erfüllt. Er fühlte das Unsichtbare: daß für ihn ein neues, starkes Leben anbrach. Einen Augenblick war ihm, als erfasse ihn ein leichter Schwindel.
„Du heißt doch Wassilij?“ fragte sie. „Oder habe ich mich verhört? Hat dich mein Herr nicht gestern so genannt?“
„Ja, Wassilij. Und wie heißt du?“ fragte Ordynoff, indem er sich ihr näherte, obschon er sich kaum auf den Füßen hielt. Plötzlich wankte er. Sie ergriff seine Hände und lachte.
„Ich? – Katherina!“ Und sie sah ihn mit ihren strahlenden, blauen Augen an. Beide hielten sie sich an den Händen.
„Du willst mir etwas sagen?“ fragte sie endlich.
„Ich weiß nicht ...“ Ihm war, als trübe sich sein Blick.
„Wie sonderbar du bist! Laß gut sein, du, mein Lieber, gräme dich nicht, sei nicht traurig – komm, setze dich hierher, hier scheint die Sonne, die wird dich erwärmen. So, nun sei ganz ruhig! Komme mir nicht nach,“ fügte sie hinzu, als sie sah, daß der junge Mann eine Bewegung machte, als wolle er sie zurückhalten – „ich werde gleich wieder bei dir sein, da wirst du mich sehen können, soviel du nur willst!“
Sie kam denn auch sogleich wieder, brachte ihm den Tee, den sie auf den Tisch stellte, und setzte sich ihm gegenüber.
„Da, nun trinke! – Wie, schmerzt dir der Kopf noch?“
„Nein, jetzt schmerzt er nicht mehr,“ sagte Ordynoff, „oder ich weiß nicht, vielleicht schmerzt er auch ... ich will nicht ... schon gut, schon gut! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ...“ stieß er unter Herzklopfen hervor, und er suchte ihre Hand. „Bleibe hier, geh nicht fort von mir, gib ... gib mir wieder deine Hand ... Vor meinen Augen dunkelt es ... In dir sehe ich meine Sonne,“ sagte er, als risse er jedes Wort aus seinem Herzen, und es war doch, als empfinde er schon Seligkeit, wenn er zu ihr nur sprechen konnte. Heiß stieg es in ihm auf und schnürte ihm die Kehle zusammen – bis die Spannung sich plötzlich in einem dumpfen, erschütternden Schluchzen entlud.
„Du Armer! Du hast wohl noch nie mit guten Menschen gelebt? Bist ganz allein und einsam in der Welt? Hast du gar keine Verwandten?“
„Niemand, ich bin ganz allein ... laß, was tut das! Mir ist jetzt besser ... so ... wohl!“ Es war, als phantasiere er. Das Zimmer schien sich um ihn zu drehen.
„Auch ich habe jahrelang keine Menschen gesehn ... Du siehst mich so an ...“ sagte sie plötzlich nach minutenlangem Schweigen und stockte ...
„Was ... wie denn?“
„So, als wärmten dich meine Augen! Weißt du, wenn man jemand so liebt ... Ich habe dich doch schon bei deinen ersten Worten in mein Herz geschlossen. Wenn du krank werden solltest, werde ich dich pflegen. Aber du darfst nicht wieder krank werden, nein! Wenn du aber wieder ganz gesund bist, dann wollen wir wie Bruder und Schwester leben, ja? Willst du? Es ist doch schwer, eine Schwester zu finden, wenn Gott einem keine Geschwister gegeben hat.“
„Wer bist du? Woher kommst du?“ stammelte Ordynoff mit matter Stimme.
„Oh, nicht hier ist meine Heimat ... aber was geht dich das an? Weißt du, die Leute erzählen, wie zwölf Brüder in einem dunklen Walde lebten und wie in dem Walde ein schönes Mädchen sich verirrte. Und sie kam zu den zwölf Brüdern und machte Ordnung im Hause, und säuberte alles, und was sie tat, tat sie mit Liebe. Als nun die Brüder zurückkehrten, sahen sie, daß ein Schwesterchen den Tag über bei ihnen gewesen war, und sie riefen sie und baten sie, doch bei ihnen zu bleiben. Und da kam sie denn auch und blieb bei ihnen. Und die Brüder nannten sie ihr Schwesterchen und ließen ihr alle Freiheit und allen gehörte sie gleich an. Kennst du das Märchen?“
„Ich kenne es,“ sagte Ordynoff leise.
„Schön ist es doch zu leben. Sag, bist du froh, daß du lebst?“
„Ja – ja! eine Ewigkeit leben ... lange leben!“ phantasierte Ordynoff.
„Ich weiß nicht,“ meinte Katherina nachdenklich, „ich würde doch auch den Tod nicht missen wollen. Ob es gut ist, zu leben? – ja, zu lieben, und gute Menschen liebzuhaben, ja ... Sieh, da bist du aber wieder bleich geworden ...“
„Ja, mich schwindelt ...“
„Wart, ich bringe dir meine Kissen und Decken, und werde dir das Bett schön aufmachen. Dann wird dir von mir träumen und das Übel wird von dir weichen. Unsere Alte ist auch krank ...“
Und schon während sie sprach, machte sie das Bett zurecht, wobei sie ab und zu über die Schulter nach Ordynoff hinüberblickte.
„Wie viele Bücher du hast!“ sagte sie, als sie nach beendeter Arbeit den Koffer ein wenig abrückte.
Dann brachte sie die Decken und trat zu ihm, stützte ihn mit dem rechten Arm und führte ihn zum Bett, auf dem sie ihm die Kissen zurechtrückte, um ihn dann zuzudecken.
„Man sagt, Bücher verdürben die Menschen,“ fuhr sie fort und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Liest du gern in Büchern?“
„Ja,“ antwortete Ordynoff, selbst im Zweifel darüber, ob er schlief oder wachte. Und wie um sich zu versichern, daß es kein Traum war, suchte er Katherinas Hand und preßte sie in der seinen.
„Mein Herr hat viele Bücher: solche!“ – sie beschrieb mit der Linken ein großes Format – „er sagt, es seien heilige Bücher. Und er liest mir aus ihnen immer vor. Ich werde sie dir später zeigen. Soll ich dir erzählen, was er mir aus ihnen vorliest?“
„Erzähle,“ flüsterte Ordynoff, ohne den Blick von ihr losreißen zu können.
„Betest du gern?“ fragte sie wieder nach kurzem Schweigen. „Weißt du was? – ich fürchte, ich fürchte immer ...“
Sie sprach es nicht aus, und wie es schien, dachte sie über irgend etwas nach.
Ordynoff führte ihre Hand an seine Lippen.
„Was küßt du meine Hand?“ Ihre Wangen erröteten leicht. Und dann lachte sie: „Ach nun, da! – küsse sie nur!“ und sie hielt ihm beide Hände hin. Dann befreite sie die eine Hand und legte sie auf seine heiße Stirn, und plötzlich – streichelte sie ihn und dann glättete sie sein Haar, und dabei errötete sie immer mehr. Endlich kniete sie neben seinem Bett nieder und lehnte ihre Wange an seine Wange: er spürte den feuchtwarmen Hauch ihres Atems ... Plötzlich fühlte Ordynoff, daß heiße Tränen über seine Wange rollten – sie weinte. Er wollte etwas sagen, denken, wurde aber immer schwächer, immer schwächer ... er konnte kein Glied mehr rühren. Da stieß jemand an die Tür und die Klinke klapperte. Ordynoff hörte nur noch, wie der Alte, sein Wirt, eintrat. Und darauf fühlte er, wie Katherina sich erhob, übrigens ganz langsam, ohne jeden Schreck, fühlte, wie sie beim Weggehen das Zeichen des Kreuzes über ihm machte. Er lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich brannte ein heißer langer Kuß auf seinen Lippen: der fuhr ihm wie ein Dolchstoß ins Herz. Er wollte aufschreien, verlor aber die Besinnung ...
Damit begann für ihn ein sonderbarer Zustand, ein Traumleben, wie es nur Krankheit und Fieber verursachen können. Es kamen Augenblicke, in denen es ihm in einer Art unklaren Bewußtseins schien, daß er verurteilt sei, in einem langen, endlosen Traum voll seltsamer Aufregungen, Kämpfe und Leiden zu leben. Empört und entsetzt suchte er sich aufzulehnen gegen dieses Fatum, das ihn knechten wollte, doch im Augenblick des heißesten, verzweiflungsvollsten Kampfes fühlte er, wie ihn plötzlich eine andere feindliche Kraft überfiel und niederrang, und dabei empfand er mit jeder Fiber, wie er von neuem die Besinnung verlor und wie wieder undurchdringliches, bodenloses Dunkel sich vor ihm auftat, und er glaubte sogar selbst den Schrei der Qual und Verzweiflung zu hören, mit dem er in diesen offenen Schlund versank. Dann aber kamen wieder andere Augenblicke eines kaum zu ertragenden, überwältigenden Glücks, wie man es nur selten empfindet: Augenblicke, in denen die Lebenskraft im ganzen Menschen sich krankhaft steigert und der Mensch sich wie in einer höheren Sphäre befindet, wo alles Vergangene sich klärt und in allem Zusammenhang offenbart, wo die kurze Gegenwart mit ihrem Licht ein klingendes, tönendes Triumph- und Freudengefühl auslöst und die unbekannte Zukunft wie ein Traum im Wachen vor einem liegt, und man nicht weiß, woher sich unsagbare Hoffnung wie erquickender Tau auf die Seele legt, und aufschreien möchte vor lauter Seligkeit, während man doch fühlt, wie schwach und hilflos das Fleisch vor dieser Wucht der Eindrücke ist, und der Lebensfaden, der ins Vergangene zurückreicht, zerreißt und das neue Leben wie ein Leben nach einer Auferstehung vor uns erscheint ... Dann schwand ihm wieder das Bewußtsein und eine Art Halbschlaf umfing ihn, in dem er alles, was er in den letzten Tagen erlebt hatte, nochmals durchlebte und das Gesehene, verschwommenen Nebelbildern gleich, in wirrer, hastend drängender Folge an seinem geistigen Auge vorüberzog. Es erschien ihm dabei in diesen Visionen alles ganz anders, seltsam und rätselhaft. Dann wieder vergaß er alles jüngst Geschehene und wunderte sich, daß er nicht mehr in seiner früheren Wohnung bei seiner alten Wirtin war. Er konnte es sich nicht erklären, warum die alte gute Frau zu seinem Ofen kam, in dem noch die letzten Kohlen glühten – er glaubte noch den schwachen, zitternden Widerschein der verlöschenden Glut an der Wand zu sehen – und warum sie nicht, bevor sie die Ofentür schloß, ihre hageren alten Hände am Feuerschein wärmte, wie sie es sonst immer getan, stets nach alter Leute Art vor sich hinmurmelnd, ab und zu mit einem Blick nach ihrem sonderbaren Pensionär, den sie für mindestens „nicht ganz richtig“ hielt: von diesem ewigen Sitzen „hinter den Büchern“, wie sie meinte. Dann wieder fiel es ihm ein, daß er ja umgezogen war, aus welchem Grunde konnte er sich freilich nicht mehr entsinnen, obschon sein ganzer Geist ausströmen wollte in einen ewigen, ununterbrochen empfundenen, unbezähmbaren Drang ... Doch wohin, wozu es ihn drängte, was die Ursache solcher Qual war, und wer diesen unerträglichen Feuerbrand, der sein Blut zu verzehren schien, in seine Adern geschleudert – das wußte er wieder nicht und konnte sich auch nicht darauf besinnen. Oft griff er gierig nach einem Schatten, oft glaubte er, leichte Schritte in seinem Zimmer zu vernehmen, Schritte, die sich seinem Lager näherten, und eine süße, weiche Stimme zärtliche Worte flüstern zu hören; ihm war, als spüre er feuchtwarmen Atem wie einen Hauch über sein Gesicht gleiten, und ein herrliches Gefühl der Liebe erschütterte ihn tief im Innersten, daß seine Seele erbebte. Und heiße Tränen fielen auf seine glühenden Wangen und plötzlich drückte sich weich und verlangend ein Kuß auf seine Lippen: da war es, als verginge sein Leben vor brennender unauslöschlicher Pein: es schien ihm, als stehe das ganze Sein, die ganze Welt still, als stürbe sie für Jahrhunderte rings um ihn, und über alles sinke lange, tausendjährige Nacht ...
Dann war es ihm wieder, als erlebe er nochmals die sorglosen Jahre seiner ersten Kindheit, ja er glaubte sogar, das Landhaus zu sehen, in dem er geboren war, und die saftigen Wiesen und Auen, auf denen er als kleiner Junge umhergelaufen und vielleicht Blumen gepflückt hatte. Wenigstens glaubte er, alles dies zu sehen, – bis er plötzlich eine Gestalt auftauchen sah, deren Anblick ihn mit einem mehr als kindlichen Entsetzen erfüllte und das erste schleichende Gift von Leid und Qual und Tränen in sein Leben brachte. Es war ihm, als habe der fremde Alte sein ganzes zukünftiges Leben in seiner Macht, doch vermochte er trotz seines Entsetzens nicht, den Blick von ihm abzuwenden, und der Alte folgte ihm überall hin: er lauerte hinter jedem Baum und Strauch hervor, nickte ihm grinsend zu und spottete seiner und neckte ihn und verwandelte sich in jedes Spielzeug und saß plötzlich wie ein Gnomenkopf auf dem Halse seines Steckenpferdchens und wandte sich grinsend und Gesichter schneidend immer wieder nach ihm um. Und in der Schule saß er zwischen den Schülern, oder versteckte sich unter der Bank. Oder der Deckel eines seiner Bücher hob sich um Fingerbreite und aus dem Dunkel unter dem Deckel sahen ihn die boshaften Augen heimtückisch an. Schlief er, so setzte sich der scheußliche Geist an sein Bett und verscheuchte die süßen Kinderträume und erzählte flüsternd nächtelang ein wundersames Märchen, von dem er zwar nichts verstand, so angestrengt er auch lauschen mochte, das aber nichtsdestoweniger sein Kinderherz mit Grauen und einer nicht mehr kindlichen Leidenschaft peinigte. Und der böse Alte erzählte flüsternd weiter, bis eine dumpfe Betäubung seine Sinne lähmte und er schließlich wieder ohnmächtig wurde. Und dann, mit einem Male, war es ihm, als erwache er, und wieder begann ein seltsames Zusammenspiel von halbem Bewußtsein und halbem Traum: er erwachte als erwachsener Mensch, und Bilder des jüngst Erlebten umgaukelten ihn. Er wußte, wo er sich im Augenblick befand, wußte, daß er einsam und weltfremd war, einsam unter fremden, verdächtigen Leuten, die – hier begann wieder ein Traum – in sein Zimmer schlichen und in den dunklen Winkeln flüsterten und der alten Frau zunickten, die wieder am Ofen hockte und ihre hageren alten Hände am Feuer wärmte und ihnen gleichfalls zunickend auf das Bett wies, in dem er lag. Er fühlte sich verwirrt, erregt: er wollte wissen, wer diese Leute waren, was sie hier wollten und warum er sich selbst in diesem Zimmer befand, und da kam es denn wie ein Begreifen über ihn, daß er in so etwas wie eine Räuberhöhle geraten sei, verlockt durch irgendeine ihm bis dahin unbekannte, zwingende Macht, ohne sich vorher die Hausbewohner und namentlich seine Wirtsleute näher anzusehen. Die Ungewißheit peinigte ihn und sein Argwohn wuchs – und da begann wieder in der nächtlichen Dunkelheit das flüsternd erzählte Märchen, doch nicht der heimtückische Alte erzählte es jetzt, sondern eine kleine fremde Greisin, die es, vor dem Ofen hockend, im zitternden Feuerschein der erlöschenden Glut leise, leise vor sich hinflüsterte, während ihr alter Kopf mit dem Silberhaar dazu nickte. Aber schon stiegen neue Schreckbilder vor ihm auf: das geflüsterte Märchen, das er kaum hörte und noch weniger verstand, wurde zu Gestalten und Gesichtern, und er gewahrte mit Schrecken, daß alles, was er je in seinem Leben erlebt hatte, selbst alle seine Gedanken und Träume und was er in Büchern gelesen und vieles, was er schon längst vergessen hatte – daß alles wieder lebendig wurde, in riesenhaften Gebilden sich vor ihm erhob, durcheinanderschob, ihn umringte, umtanzte: vor seinen Augen taten sich Zaubergärten auf, er sah ganze Städte erstehen und wieder einstürzen, er sah unübersehbare Friedhöfe, deren Gräber sich auftaten und ihre Leichen zu ihm entsandten, und die Leichen lebten – er sah ganze Rassen und Völker kommen, wachsen und vor seinen Augen aussterben, und er sah schließlich jeden seiner Gedanken, kaum daß er ihn zu denken begann, schon in leibhaftig greifbarer Form vor seinen Augen sich verwirklichen – sein Denken war nicht mehr rein geistige Vorstellung und Verbindung von Begriffen, sondern Schöpfung, Schöpfung ganzer Welten, Schöpfung ganzer Scharen von Wesen – und er sah sich selbst gleich einem Stäubchen getragen in diesem unendlichen unbegrenzten Weltall, aus dem es kein Entrinnen gab, keine Flucht an irgendeiner Grenze. Und er überschaute alles und sah, wie dieses ganze Leben durch seine empörende Tyrannei ihn bedrückte und knechtete und mit ewiger, unendlicher Ironie verfolgte. Er fühlte, wie er starb und in Staub und Asche zerfiel, ohne Auferstehung, auf ewig starb; er wollte fliehen – aber es gab keinen Winkel im ganzen All, wo er sich hätte verbergen können. Da packte ihn die Wut der Verzweiflung, er riß alle seine Kräfte zusammen, mit einem wahnsinnigen Schrei, wie ihm schien, und – erwachte.
Sein ganzer Körper war mit kaltem Schweiß bedeckt. Im Zimmer herrschte Totenstille: es war tiefe Nacht. Und doch war ihm, als vernehme er immer noch irgendwoher die Erzählung des ihm unverständlichen wundersamen Märchens, als erzähle eine heisere Stimme etwas ihm scheinbar Bekanntes: von dunklen Wäldern und tollkühnen Räubern, von dem verwegenen Häuptling einer Bande, ganz als wäre von Stenka Rasin selbst, dem Kosakenhelden, die Rede, und dann von heiteren Kumpanen und sorglosen Vagabunden, und von einer jungen Schönheit und von dem Mütterchen Wolga. War das nicht ein Märchen? Hörte er es nicht im Wachen? Wohl eine ganze Stunde lag er mit offenen Augen in peinvoller Erstarrung, ohne ein Glied zu rühren. Endlich versuchte er, sich vorsichtig aufzurichten, und mit Freude merkte er, daß die grausame Folter seine Kraft nicht ganz gebrochen hatte. Das Fieber mit seinen Visionen war gewichen, jetzt begann für ihn wieder die Wirklichkeit. Er gewahrte, daß er noch so angekleidet war, wie während seines Gesprächs mit Katherina: es konnte folglich noch nicht gar so lange her sein, daß sie ihn verlassen hatte. Eine jähe Entschlossenheit durchströmte ihn und stählte seine Kraft. Wie er die dünne Scheidewand betastete, stieß seine Hand an einen großen Nagel, den man dort zu irgendeinem Zweck eingeschlagen hatte. Er erfaßte ihn und richtete sich auf, wobei er eine feine Spalte zwischen den dünnen Brettern der Scheidewand entdeckte, durch die ein kaum bemerkbarer Lichtschein in sein Zimmer drang. Er legte das Auge an die Öffnung und hielt den Atem an.
In der einen Ecke des anderen Zimmers stand ein Bett, davor ein Tisch, über den ein bucharischer Teppich gebreitet lag und der mit großen alten Büchern in Einbänden, die an alte Kirchenbücher oder sonst welche heiligen Schriften erinnerten, beladen war. In der Ecke hing ein ebenso altertümliches Heiligenbild wie dasjenige in Ordynoffs Zimmer, und vor dem Bilde brannte gleichfalls ein Lämpchen. Auf dem Bett lag Murin, mit einer Pelzdecke bedeckt, sichtlich entkräftet und krank und bleich wie ein Leintuch. Auf seinen Knien lag ein aufgeschlagenes Buch. Dicht am Bett saß auf einer kleinen Bank Katherina; mit den Armen umschlang sie den Alten und schmiegte sich an seine Brust. Sie sah ihn mit aufmerksamen, kindlich verwunderten Augen an und schien mit unersättlicher Neugier fast bebend vor Erwartung seiner Erzählung zu lauschen. Hin und wieder hob sich die Stimme des Erzählers und dann trat Leben in sein blasses Gesicht: in seinen Augen blitzte es auf, er zog die Brauen zusammen, sein Mund zuckte und Katherina schien zu erbleichen vor Angst und Aufregung. Dann wieder glitt es wie ein Lächeln über das Antlitz des Alten, und Katherina begann leise zu lachen. Plötzlich standen Tränen in ihren Augen: und da streichelte der Alte zärtlich über ihr Köpfchen, wie man ein kleines Kind streichelt, und sie umschlang ihn fester mit ihren weißen Armen und schmiegte sich noch liebender an seine Brust.
Anfangs dachte Ordynoff, es sei noch ein Traum, ja, er war sogar überzeugt davon. Dennoch stieg ihm das Blut zu Kopf und in den Schläfen hämmerte es schmerzhaft, als wolle es die Adern sprengen. Er ließ den Nagel los, erhob sich vom Bett und ging leise, wankend und tastend, wie ein Schlafwandelnder durch sein Zimmer, ohne selbst zu wissen, was er tat, getrieben von dem Feuerbrand in seinem Blut – und so näherte er sich der Tür zu dem Zimmer der anderen und stieß sie mit aller Kraft auf: der verrostete Riegel brach, die Tür flog auf und unter Lärm und Gepolter trat er einen Schritt über die Schwelle in das Schlafzimmer seiner Wirtsleute. Er sah, wie Katherina entsetzt emporschnellte und wie die Augen des Alten unter den zornig zusammengezogenen Brauen funkelten und wie furchtbarer Jähzorn sein ganzes Gesicht entstellte. Er sah, wie der Alte, ohne die Augen von ihm abzuwenden, mit irrender Hand nach der Flinte tastete, die an der Wand hing, wie es in der Mündung aufblitzte, die die unsichere Hand des Ergrimmten gerade auf seine Brust richtete – ein Schuß tönte, und gleich darauf ein wilder, fast unmenschlicher Schrei ...
Als der Rauch sich verflüchtigt hatte, bot sich Ordynoff ein entsetzlicher Anblick. Zitternd beugte er sich über den Alten. Murin lag in Krämpfen auf der Diele, Schaum vor dem Munde, das zuckende Gesicht, in dem von den Augen nur das Weiße zu sehen war, völlig entstellt. Ordynoff erriet, daß den Unglücklichen ein schwerer Anfall betroffen hatte. Zusammen mit Katherina kniete er bei ihm nieder, um ihm zu helfen ...
III.
Die ganze Nacht verbrachten sie in Aufregung bei dem Kranken. Am anderen Tage ging Ordynoff trotz der eigenen noch nicht überstandenen Krankheit schon frühmorgens hinaus. Auf dem Hofe traf er wieder den Hausknecht. Diesmal grüßte der Tatar schon von weitem und blickte ihn neugierig an, schien sich aber plötzlich zu besinnen und machte sich an seinem Besen etwas zu schaffen – schielte aber doch heimlich nach Ordynoff hinüber, der sich langsam näherte.
„Nun, hast du in der Nacht nichts gehört?“ fragte ihn Ordynoff.
„Hab’ wohl gehört.“
„Was ist das für ein Mensch? Wer ist er überhaupt?“
„Hast selber gemietet, mußt selber wissen. Nicht meine Sache.“
„Zum Teufel, Bursche, sprich, wenn ich dich frage!“ rief Ordynoff wütend in einer krankhaften Gereiztheit, die ihm an sich selbst ganz neu war.
„Was denn? Ist doch nicht meine Schuld. Deine eigene Schuld – hast Menschen erschreckt. Unten wohnt der Sargmacher, der hört sonstig nichts, aber heut hat er doch gehört, und seine Alte ist sonstig taub auf beiden Ohren, hat’s aber auch gehört, und auf dem anderen Hof, was schon weit genug ist, hat man’s auch gehört – da siehst du! Ich werde auf die Polizei gehen.“
„Nicht nötig, ich gehe bereits,“ sagte Ordynoff und wandte sich zur Pforte.
„Meinetwegen – hast selber gemietet ... Herr, Herr, wart!“ Ordynoff sah sich um; der Hausknecht berührte höflich die Mütze.
„Nun?“
„Wenn du gehst, geh ich zum Hauswirt.“
„Und?“
„Zieh lieber aus.“
„Du bist dumm,“ versetzte Ordynoff und wandte sich von neuem zum Gehen.
„Herr, Herr, wart doch!“ Der Hausknecht berührte wieder die Mütze und grinste halb verlegen: „Herr, ich möchte was raten: halt lieber dein Herz fest. Wozu armen Mensch verfolgen? Weißt doch – das ist Sünde. Gott sagt auch, das soll man nicht – weißt doch selber!“
„Nun höre mal – hier, nimm dies. Und nun sage mir: wer ist er?“
„Wer er ist?“
„Ja.“
„Ich sag’ auch ohne Geld.“
Hier griff er wieder nach dem Besen, fegte ein-, zweimal, sah dann wieder auf und blickte Ordynoff mit wichtiger Miene musternd an.
„Du bist ein guter Herr. Willst du nicht mit guten Menschen leben, dann nicht, ganz nach deinem Belieben. Da hast du gehört, was ich meine.“
Hieran blickte ihn der Tatar noch ausdrucksvoller an, schien aber, als er Ordynoffs Gleichgültigkeit bemerkte, gekränkt zu sein und machte sich wieder mit seinem Besen zu schaffen. Endlich tat er, als habe er die Arbeit beendet, näherte sich mit geheimnisvoller Miene Ordynoff, machte eine eigentümliche Geste, deren Bedeutung Ordynoff jedoch gleichfalls unverständlich blieb, und flüsterte:
„Er ist – verstehst du!“
„Was?“
„Verstand ist fort.“
„Wieso?“
„Wenn ich dir sage! Ich weiß, was ich weiß!“ fuhr er in noch geheimnisvollerem Tone fort. „Er ist krank. Er hatte eine Barke, solche große, weißt du, und noch eine und noch eine dritte und vierte, die fuhren alle auf der Wolga, ich bin selber von der Wolga, und dann hatte er noch eine Fabrik und die brannte nieder und so kam denn das!“
„Er ist also verrückt?“
„Nein doch, nein! Gar nichts von verrückt! Er ist ein kluger Kopf. Alles weiß er, viele Bücher hat er gelesen und dann anderen die Wahrheit gesagt! So – kam jemand: zwei Rubel, drei Rubel, vierzig Rubel, wie gerade ein jeder gibt – er schlägt das Buch auf und sagt dir alles, so und so, die ganze Wahrheit! Aber zuerst Geld auf den Tisch, ohne Geld – kein Wort!“
Und der Tatar lachte vor lauter Gefallen an der Taktik Murins.
„Er hat geweissagt, die Zukunft prophezeit?“
„M–hm!“ Der Hausknecht nickte zur Bestätigung wichtig mit dem Kopf. „Immer was wahr ist! Er betet zu Gott, betet viel. Aber das – versteh! – kommt so zuweilen über ihn,“ fügte der Tatar wieder mit seiner rätselhaften Geste hinzu.
In dem Augenblick rief jemand vom anderen Hof nach dem Hausknecht und gleich darauf erschien ein kleiner gebeugter alter Mann in einem Pelz. Er ging hüstelnd und, wie es schien, irgend etwas in seinen grauen spärlichen Bart murmelnd, mit schleppenden Schritten vorsichtig und langsam über den Hof, als fürchte er, jeden Augenblick auszugleiten. Man konnte glauben, es sei ein vor Altersschwäche kindisch gewordener Greis.
„Der Hauswirt! Der Hauswirt!“ flüsterte hastig der Tatar, nickte Ordynoff flüchtig zu und lief, die Mütze vom Kopf reißend, diensteifrig zu dem Alten, dessen Gesicht Ordynoff bekannt schien, wenigstens mußte er ihm unlängst irgendwo schon begegnet sein. Er überlegte noch, daß das schließlich nicht weiter erstaunlich war, und verließ den Hof. Der Hausknecht aber schien ihm jetzt ein geriebener Betrüger zu sein.
„Der Kerl hat mich ja einfach dumm machen wollen!“ dachte er. „Gott weiß, was noch dahintersteckt.“
Damit trat er auf die Straße. Doch neue Eindrücke lenkten ihn bald von den unangenehmen Gedanken ab. Übrigens waren diese Eindrücke auch nicht angenehmer Art: Der Tag war grau und kalt und es schneite ein wenig. Er fühlte, wie ihn wieder Kälteschauer durchrieselten. Es war ihm, als beginne die Erde unter ihm zu schaukeln. Da vernahm er plötzlich eine bekannte Stimme, die ihm in übertrieben freundlichem Tone einen guten Morgen wünschte.
„Jaroslaw Iljitsch!“ sagte Ordynoff.
Vor ihm stand ein gesund aussehender rotwangiger Herr von etwa – dem Aussehen nach – dreißig Jahren, nicht groß, mit grauen, blanken Äuglein, das ganze Gesicht ein einziges Lächeln, und gekleidet – nun, wie ein Jaroslaw Iljitsch immer gekleidet ist. Und mit diesem Lächeln streckte er ihm verbindlich die Hand entgegen. Ordynoff hatte vor genau einem Jahre seine Bekanntschaft gemacht, und zwar ganz zufällig, fast auf der Straße. Was zu dieser Bekanntschaft, abgesehen vom Zufall, in erster Linie beigetragen, war die besondere Vorliebe Jaroslaw Iljitschs, mit berühmten und angesehenen Leuten, namentlich mit literarisch gebildeten, mit bekannten Schriftstellern oder doch wenigstens vielversprechenden Talenten bekannt zu sein. Obschon dieser Jaroslaw Iljitsch nur eine sehr süßliche Stimme besaß, so wußte er ihr doch in der Unterhaltung, selbst mit den aufrichtigsten Freunden, einen ungewöhnlich selbstsicheren, jovialen und sonoren Ton zu verleihen, der etwas förmlich Imponierendes hatte – ganz als sei er nun einmal auf Grund einer gewissen Überlegenheit von vornherein zu disponieren gewohnt, und zwar gleich in einer Weise, als dulde er überhaupt keinen Widerspruch.
„Wie kommen Sie denn hierher? in diese Gegend?“ rief Jaroslaw Iljitsch mit dem lebhaftesten Ausdruck herzlicher Freude über das unverhoffte Wiedersehen.
„Ich wohne hier.“
„Seit wann denn?“ Die Stimme Jaroslaw Iljitschs klang sogleich um einen Ton oder ein paar Töne höher, denn er war wirklich überrascht und vergaß daher sozusagen seinen anderen Ton. „Und ich hab’s nicht mal gewußt! Dann bin ich ja so gut wie Ihr Nachbar! Ich wohne nämlich auch hier, sogar in nächster Nähe. Schon über einen Monat bin ich aus dem Rjäsanschen Gouvernement zurückgekehrt. Na, es freut mich, daß ich Sie doch mal eingefangen habe, bester Freund!“ Und Jaroslaw Iljitsch lachte sein gutmütiges Lachen. „Ssergejeff!“ rief er, plötzlich sich zurückwendend, in aufgeräumtester Stimmung. „Erwarte mich bei Tarassoff, aber daß sie dort ohne mich keinen Sack anrühren! Und dem Olssufjeffschen Hausknecht gib einen Rüffel und sag ihm, daß er sich sofort nach dem Geschäft begeben soll. In einer Stunde bin ich da ...“
Und nachdem er diesen Auftrag einem anderen zugerufen, faßte er gut gelaunt Ordynoff unter den Arm und führte ihn zum nächsten Gasthaus.
„So, das wäre erledigt. Aber jetzt lassen Sie uns nach der langen Trennung gemütlich ein paar Worte miteinander reden. Nun, sagen Sie zunächst, wie steht es mit Ihrer Arbeit?“ erkundigte er sich fast ehrfürchtig und mit gesenkter Stimme, wie eben ein teilnehmender eingeweihter Freund es tut.
„Ja ... was soll ich Ihnen sagen ... nicht anders, als früher,“ antwortete Ordynoff etwas zerstreut, da er gerade einem ganz anderen Gedanken nachhing.
„Das ist edel von Ihnen, Wassilij Michailowitsch, sehen Sie, so etwas erkenne ich an! Das nenne ich, sein Leben einer höheren Idee weihen!“ Hier drückte Jaroslaw Iljitsch Ordynoff kräftig die Hand. „Gott gebe Ihnen Erfolg auf Ihrem Gebiet ... Himmel! bin ich froh, daß ich Sie getroffen habe! Doch mal ein andrer Mensch, als so der tagtägliche Durchschnitt! Wie oft hab’ ich dort an Sie gedacht und mich im stillen gefragt, wo er wohl jetzt sein mag, unser genialer, geistreicher Wassilij Michailowitsch!“
Jaroslaw Iljitsch verlangte ein besonderes Zimmer für sich und seinen Gast, bestellte einen Imbiß, Schnäpse, und was so dazu gehört.
„Ich habe inzwischen recht viel gelesen,“ fuhr er mit einschmeichelndem Blick und in bescheidenem Tone fort. „Zunächst einmal den ganzen Puschkin ...“
Ordynoff sah ihn zerstreut an.
„Ja, in der Tat, das muß man ihm lassen: die Schilderung der menschlichen Leidenschaft ist allerdings ganz bewundernswert bei ihm. Doch zunächst erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank auszudrücken. Sie haben so viel für mich getan, eben durch die Klarlegung einer richtigen Denkart, Ihrer eigenen Weltanschauung, sozusagen ...“
„Aber ich bitte Sie! ...“
„Nein! – erlauben Sie: keine Widerrede! Ich liebe es nun einmal, jedem Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und ich bin stolz darauf, daß wenigstens dieses Gefühl – eben das für die Gerechtigkeit – in mir nicht eingeschlummert ist.“
„Ich bitte Sie, dann sind Sie gegen sich selbst ungerecht, und ich wüßte wirklich nicht ...“
„Nein, im Gegenteil, durchaus gerecht,“ widersprach Jaroslaw Iljitsch mit ungewöhnlichem Eifer. „Was bin ich denn im Vergleich mit Ihnen? Nicht wahr?“
„Ach, Gott ...“
„O ja ...“
Kurzes Schweigen folgte.
„Als ich aber Ihrem Rat nachkam, habe ich zugleich eine Menge schlechter Beziehungen aufgegeben, und damit auch, versteht sich, viele schlechte Gewohnheiten,“ hub nach einem Weilchen Jaroslaw Iljitsch wieder in demselben Tone an. „In meiner freien Zeit nach dem Dienst sitze ich jetzt größtenteils zu Hause, lese abends irgendein nützliches Buch und ... ich habe wirklich nur den einen Wunsch, Wassilij Michailowitsch, meinem Vaterlande zu dienen, d. h. soviel eben in meinen Kräften steht ...“
„Das würde bei Ihren Möglichkeiten nicht wenig sein.“
„Meinen Sie? ... Weiß Gott, Sie legen einem immer Balsam auf die Wunden, mein edler junger Freund!“
Jaroslaw Iljitsch reichte Ordynoff ungestüm die Hand und dankte mit einem kräftigen Druck.
„Sie trinken nicht?“ fragte er dann, nachdem sich seine Erregung etwas gelegt.
„Ich kann nicht, ich bin krank.“
„Krank? Was Sie sagen? Nein, wirklich – in der Tat? Schon lange? – und wie, wo haben Sie sich denn das zugezogen? Wollen Sie, ich werde sofort – – welcher Arzt behandelt Sie? Ich werde sogleich meinen Arzt benachrichtigen, ich eile selbst zu ihm hin. Er ist überaus geschickt, glauben Sie mir!“
Und Jaroslaw Iljitsch wollte bereits nach seinem Hut greifen.
„Nein, danke, nicht nötig! Ich lasse mich überhaupt nicht behandeln und liebe Ärzte nicht ...“
„Was Sie sagen? Aber das geht doch nicht so! Wirklich: er ist überaus geschickt!“ beteuerte Jaroslaw Iljitsch überzeugt. „Vor kurzem noch – nein, das muß ich Ihnen doch erzählen! – Vor kurzem, ich war gerade bei ihm, kam ein armer Schlosser zu ihm. ‚Ich habe mir hier,‘ sagt er, ‚die Hand mit meinem Werkzeug beschädigt. Bitte, Herr Doktor, machen Sie mir meine Hand wieder gesund ...‘ Nun, Ssemjon Pafnutjitsch sah, daß dem Armen der Brand drohte und traf sofort seine Vorbereitungen zur Amputation. Er amputierte in meiner Gegenwart. Aber das tat er so, sage ich Ihnen, mit solch einer Eleg... das heißt in einer so entzückenden Weise, daß es, ich muß gestehen – wenn nicht das Mitleid mit dem leidenden Menschen es verhindert hätte – einfach ein Vergnügen gewesen wäre, zuzusehen! – ich meine so der Wissenschaft halber. Aber, wie gesagt, wann und wo haben Sie sich denn Ihre Krankheit geholt?“
„Beim Umzug in meine neue Wohnung ... Ich bin soeben erst aufgestanden.“
„Ja, Sie sehen auch noch recht angegriffen aus. Sie hätten eigentlich nicht gleich so hinausgehen sollen. Also dann leben Sie nicht mehr dort, wo Sie früher wohnten? Aber was hat Sie denn zum Umziehen veranlaßt?“
„Meine alte Wirtin verließ Petersburg.“
„Domna Ssawischna? Ist’s möglich? ... Solch eine gute alte Frau! Sie wissen doch? – ich empfand für sie wirklich fast so etwas wie – Sohnesgefühle. Es war so etwas ... etwas wie aus Urgroßväterzeiten in ihrem halb schon begrabenen Leben. Und wenn man sie so ansah, schien es einem fast, als habe man die guten alten Zeiten selber noch leibhaftig vor sich ... Das heißt, ich meine so jene gewisse ... eben so eine gewisse Poesie – Sie verstehen schon, was ich sagen will! ...“ schloß Jaroslaw Iljitsch etwas konfus und errötete vor Verlegenheit allmählich bis über die Ohren.
„Ja, sie war eine gute alte Frau.“
„Aber erlauben Sie, zu fragen, wo haben Sie sich denn jetzt eingemietet?“
„Nicht weit von hier, im Hause eines Koschmaroff.“
„Ah! den kenne ich. Ein prächtiger Alter! Wir sind sogar sehr gut miteinander bekannt, kann ich sagen, – wirklich, ein netter alter Mann!“
Jaroslaw Iljitsch war es sichtlich sehr angenehm, von diesem netten alten Mann reden und von sich sagen zu können, daß er mit ihm gut bekannt sei. Er bestellte noch ein Schnäpschen und begann zu rauchen.
„Haben Sie Ihre eigene Wohnung?“
„Nein, ich lebe wieder bei einem Vermieter.“
„Bei wem denn? Vielleicht kenne ich ihn gleichfalls.“
„Bei Murin, einem Kleinbürger. Ein alter Mann, groß von Wuchs ...“
„Murin ... Murin ... warten Sie mal: auf dem hinteren Hof, über dem Sargmacher?“
„Ja.“
„Hm ... und haben Sie es dort ruhig?“
„Ich bin erst vor kurzem eingezogen.“
„Hm ... ich meinte nur, hm ... übrigens, ist Ihnen noch nichts Besonderes aufgefallen?“
„In welchem Sinne? Wie meinen Sie das?“
„Ich will ja nichts gesagt haben ... ich bin ja überzeugt, daß Sie es bei ihm gut haben werden, wenn Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden sind ... Ich meinte es durchaus nicht in diesem Sinne. Das will ich vorausgeschickt haben. Aber – da ich eben Ihren Charakter kenne ... Ja, wie finden Sie denn eigentlich den Alten?“
„Er ist, glaube ich, ein sehr kranker Mensch.“
„Ja, er ist sehr leidend ... Aber haben Sie sonst nichts ...? so was, hm ... Besonderes an ihm bemerkt? Haben Sie mit ihm gesprochen?“
„Nur sehr wenig. Er scheint menschenscheu und wohl auch boshaft zu sein.“
„Hm ...“ Jaroslaw Iljitsch sann nach.
„Ein unglücklicher Mensch!“ sagte er schließlich nach längerem Schweigen.
„Er?“
„Ja ... Ein unglücklicher und dabei unglaublich seltsamer und ungewöhnlicher Mensch. Übrigens, wenn er Sie sonst nicht belästigt ... Verzeihen Sie, daß ich überhaupt Ihre Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt habe, aber es interessiert mich gewissermaßen selbst ...“
„Ja, da haben Sie nun auch mein Interesse erweckt ... Ich würde jetzt sehr gern Näheres über ihn erfahren, da ich nun einmal bei ihm wohne –“
„Tja, sehen Sie mal, ich weiß nur so ... dies und das. Man sagt, der Mensch sei früher sehr reich gewesen. Er war Kaufmann, wie Sie wahrscheinlich bereits gehört haben. Dann aber traf ihn mancherlei Unglück und er verarmte. Bei einem Sturm waren mehrere seiner großen Wolgabarken zerschellt und mit der ganzen Fracht untergegangen. Ferner hat er eine große Fabrik besessen, deren Leitung, wenn ich nicht irre, einem Verwandten anvertraut war, und diese Fabrik brannte nieder, wobei der Verwandte in den Flammen umgekommen sein soll. Das war natürlich ein schrecklicher Verlust, wie Sie sich denken können. So soll denn auch Murin, wie man erzählt, nach der Katastrophe in einer solchen Stimmung gewesen sein, daß man schon für seinen Verstand zu fürchten begann. Und in der Tat hat er sich auch im Streit mit einem anderen Kaufmann, einem gleichfalls reichen Barkenbesitzer, so sonderbar benommen, daß man sich den Vorfall schließlich nicht anders hat erklären können, als eben mit einer gewissen Geistesstörung, was ich denn auch gelten lassen will. Ich habe noch manches andere gehört, was für diese Auffassung gleichfalls sprechen könnte. Dann ist da noch etwas vorgefallen, – etwas, wofür es eigentlich keine Erklärung mehr gibt, es sei denn, daß man es einfach als Schicksal auffaßt.“
„Und das war?“ forschte Ordynoff.
„Man sagt, daß er, vermutlich in einem Augenblick des Wahnsinns, einen jungen Kaufmann, den er bis dahin sogar liebgehabt, umgebracht habe. Nach begangener Tat aber, als er wieder zur Besinnung gekommen, sei er darüber so verzweifelt gewesen, daß er sich das Leben habe nehmen wollen. Wenigstens erzählt man so. Wie dann die Sache verlaufen ist, das weiß ich nicht genau, eines aber steht fest: daß er nämlich während der ganzen folgenden Jahre Buße getan hat ... Aber was ist mit Ihnen, Wassilij Michailowitsch? – strengt meine Erzählung Sie an?“
„Oh, nein, bitte, fahren Sie nur fort ... Sie sagen, er habe Buße getan, aber vielleicht nicht er allein?“
„Das weiß ich nicht. Wenigstens ist außer ihm niemand in diese Angelegenheit verwickelt gewesen. Übrigens habe ich nichts Näheres darüber gehört. Ich weiß nur ...“
„Nun?“
„Ich weiß nur – das heißt, ich habe eigentlich nichts Besonderes hinzuzufügen ... ich will nur sagen, wenn Ihnen mal etwas Außergewöhnliches auffallen sollte, dann müssen Sie sich eben sagen, daß das einfach die Folgen der verschiedenen Schicksalsschläge sind, die ihn einer nach dem anderen betroffen haben.“
„Er scheint recht gottesfürchtig zu sein. Vielleicht ist er nur scheinheilig?“
„Das glaube ich nicht, Wassilij Michailowitsch. Er hat so viel gelitten. Mir scheint er vielmehr ein Mensch mit reinem Herzen zu sein.“
„Aber jetzt ist er doch nicht mehr wahnsinnig? Den Eindruck macht er wenigstens nicht.“
„O nein, nein! Dessen kann ich Sie versichern. Er ist jetzt zweifellos wieder im vollen Besitz aller seiner Verstandeskräfte. Nur daß er, wie Sie ganz richtig bemerkten, sehr gottesfürchtig und wohl auch ziemlich wortkarg ist. Aber im allgemeinen, wie gesagt, ist er sogar ein sehr kluger Mensch. Spricht gewandt, sicher ... und ist, wissen Sie, überhaupt ein findiger Kopf. Seinem Gesicht sieht man übrigens auch jetzt noch sein stürmisches Leben an. Das pflegt ja gewöhnlich seine Spuren zu hinterlassen. Wie gesagt, ein seltsamer Mensch, und ungeheuer belesen!“
„Er liest aber, wie mir scheint, nur religiöse Bücher?“
„Ja, er ist Mystiker.“
„Was?“
„Ein Mystiker. Aber das ganz unter uns gesagt. Ich will Ihnen auch noch verraten – aber als Geheimnis, das zwischen uns bleiben muß –, daß er eine Zeitlang unter strengster Aufsicht stand. Dieser Mensch hatte nämlich einen großen Einfluß auf alle, die zu ihm kamen.“
„Inwiefern das?“
„Es klingt zwar kaum glaublich, aber ... Sehen Sie, damals lebte er noch nicht in diesem Stadtviertel. Er hatte schon einen gewissen Ruf, und eines Tages fuhr Alexander Ignatjewitsch – erblicher Ehrenbürger, ein angesehener, allgemein geachteter Mann – fuhr also eines Tages mit einem Leutnant zu ihm, natürlich nur aus Neugier. Sie kommen zu ihm, werden empfangen, und der sonderbare Mensch sieht sie an. Er begann wie gewöhnlich damit, daß er sich die Gesichter der Leute genau und prüfend ansah, ehe er dareinwilligte, sich mit den Betreffenden überhaupt einzulassen. Gefielen sie ihm nicht, so schickte er sie hinaus, und zwar, wie man sagt, oft in einer sehr unhöflichen Weise. Er fragte also auch diese, was sie wünschten? Alexander Ignatjewitsch antwortete ihm darauf, das könne ihm ja seine Gabe und Menschenkenntnis von selbst sagen. ‚Dann bitte, ins andere Zimmer,‘ antwortete er, indem er sich an denjenigen wandte, der von beiden allein ein Anliegen an ihn hatte. Alexander Ignatjewitsch erzählt nun zwar nicht, was er dort im anderen Zimmer gehört oder erlebt hat – als er aber wieder herausgekommen ist, da soll er weiß wie Kreide gewesen sein. Dasselbe weiß man auch von einer Dame der Petersburger Gesellschaft zu berichten: auch sie soll ihn kreideweiß und in Tränen aufgelöst verlassen haben.“
„Sonderbar. Aber jetzt beschäftigt er sich doch nicht mehr damit?“
„Es ist ihm strengstens untersagt. Übrigens gibt es noch andere Vorfälle. Ein junger Fähnrich zum Beispiel, der Sproß und die Hoffnung einer vornehmen Familie, hat es sich einmal erlaubt, über ihn zu lächeln. ‚Was lachst du?‘ – Mit diesen Worten soll sich der Alte geärgert zu ihm gewandt haben. ‚In drei Tagen wirst du das sein!‘ Und dabei kreuzte er seine Arme so über der Brust, wie man sie den Leichen im Sarge über der Brust zu kreuzen pflegt.“
„Nun, und?“
„Tja, ich wage nicht, daran zu glauben, aber man sagt, die Prophezeiung sei tatsächlich eingetroffen. Er hat die Gabe, Wassilij Michailowitsch ... Sie beliebten zu lächeln während meiner treuherzigen Erzählung. Ich weiß, Sie sind mir, was Aufklärung betrifft, weit voraus. Aber ich glaube nun einmal an ihn. Er ist kein Scharlatan. Übrigens erwähnt auch Puschkin etwas Ähnliches in seinen Werken.“
„Hm! Ich will Ihnen nicht widersprechen. Aber, Sie sagten, glaube ich, daß er nicht allein lebe?“
„Das weiß ich nicht ... Ach so, ja, ich glaube, seine Tochter lebt bei ihm.“
„Seine Tochter?“
„Ja, – oder nein: seine Frau, glaube ich. Ich weiß nur, daß es irgendein Frauenzimmer ist. Hab’ sie nur flüchtig vom Rücken gesehen und nicht weiter beachtet.“
„Hm! Sonderbar ...“
Der junge Mann verfiel in Nachdenken. Jaroslaw Iljitsch dagegen in angenehme Beschaulichkeit. Das Wiedersehen mit Ordynoff hatte ihn erfreut und fast gerührt, überdies war er sehr mit sich selbst zufrieden, da er eine so anregende Geschichte hatte erzählen können. Er saß, betrachtete Ordynoff und rauchte dazu. Plötzlich sprang er erschrocken auf.
„Mein Gott, da ist schon eine ganze Stunde vergangen und ich denke nicht mal daran! Bester, teuerster Wassilij Michailowitsch, ich danke dem Schicksal, daß es uns zusammengeführt hat, aber jetzt – jetzt muß ich eilen! Ist es erlaubt, Sie einmal in Ihrem Gelehrtenheim aufzusuchen?“
„Warum nicht, bitte, es wird mich sehr freuen. Vielleicht spreche ich auch einmal bei Ihnen vor, wenn ich Zeit finde ... ich weiß noch nicht ...“
„Was Sie sagen? – Wollen Sie wirklich? Damit würden Sie mich unendlich erfreuen! Sie glauben nicht, wie sehr es mich ehren würde!“
Sie verließen das Gasthaus. Als sie auf die Straße hinaustraten, stürzte ihnen Ssergejeff entgegen und meldete, daß William Jemeljanowitsch sogleich vorüberfahren werde – und sie erblickten auch tatsächlich ein Paar hellgelber Pferde und ein elegantes Wägelchen im Hintergrunde der Straße. Jaroslaw Iljitsch drückte die Hand seines „besten“ Freundes, ganz als gelte es, sie zu zerdrücken, griff an den Hut und eilte dem Gefährt des Würdenträgers entgegen, wobei er sich unterwegs noch zweimal nach Ordynoff umsah und ihm zum Abschied wiederholt zunickte.
Ordynoff empfand eine solche Müdigkeit in allen Gliedern, daß er kaum die Füße zu bewegen vermochte. Mit Mühe schleppte er sich nach Hause. An der Pforte traf er wieder den Hausknecht, der aus der Ferne aufmerksam seinen Abschied von Jaroslaw Iljitsch beobachtet hatte und nun sehr zuvorkommend tat. Doch Ordynoff ging ohne ein Wort an ihm vorüber. In der Tür stieß er mit einer kleinen grauen Gestalt zusammen, die gesenkten Blickes gerade aus Murins Wohnung trat.
„Herrgott, vergib mir meine Sünden!“ flüsterte das Kerlchen, indem es entsetzt zur Seite sprang.
„Verzeihen Sie, habe ich Sie verletzt?“
„N–nein, danke untertänigst für die Aufmerksamkeit ... O Herrgott, Herrgott!“
Und das kleine Männlein stieg murmelnd, sich räuspernd und fromme Sprüche flüsternd, mit äußerster Vorsicht die Treppe hinunter. Es war das der Hauswirt: derselbe, dem gegenüber der Tatar sich so überaus dienstfertig gezeigt hatte. Und jetzt erinnerte sich Ordynoff, daß er dieses gebrechliche Männlein bei Murin bereits an dem Tage gesehen hatte, als er einzog.
Er fühlte, daß die letzten Erlebnisse seine Nerven erschüttert und überreizt hatten; wußte auch, daß seine Phantasie und Empfindsamkeit aufs äußerste erregt waren, und er nahm sich daher vor, sich vor allem selbst nicht zu trauen. Allmählich verfiel er wieder in einen Zustand völliger Regungslosigkeit, der ihn wie ein Gefühl bleierner Schwere gefangen hielt und seine Brust wie mit einer Zentnerlast bedrückte, unter der sich sein Herz in dumpfer Sehnsucht quälte. Seine ganze Seele war voll von lautlosen, unversiegbaren Tränen ...
Er sank wieder auf das Bett, das sie für ihn zurechtgemacht hatte, und begann von neuem zu lauschen. Deutlich unterschied er das Atmen zweier Menschen im Nebenzimmer, das eine war schwer, krankhaft, ungleichmäßig, das andere sanft, oft gar nicht vernehmbar, auch unregelmäßig, doch wie von innerer Erregung beherrscht: als schlage dort ein Herz in dem gleichen Verlangen, in der gleichen Leidenschaft. Hin und wieder hörte er ihre leisen, weichen Schritte und das Geräusch ihrer Kleider, und jede Bewegung ihrer Füße erweckte in seiner Brust einen dumpfen, qualvollen und doch süßen Schmerz. Endlich schien es ihm, als höre er ein leises Schluchzen und dann ein inbrünstiges Gebet. Da wußte er, daß sie vor dem Heiligenbilde auf den Knien lag und in Verzweiflung die Hände rang ... Wer war sie? Für wen betete sie? Welch eine verzweiflungsvolle Leidenschaft marterte ihr Herz? Weshalb quälte es sich und grämte es sich und ergoß es sich in so heißen und hoffnungslosen Tränen?
Er begann, alles, was sie zu ihm gesprochen, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, jedes Wort, das noch wie Musik in seinen Ohren klang, und auf jede Erinnerung, auf jeden Ausdruck, den er in Gedanken andächtig wiederholte, antwortete sein Herz mit einem dumpfen schweren Schlage ... Einen Augenblick schien es ihm, als sehe er das alles nur im Traum. Doch in demselben Augenblick erbebte auch schon sein ganzes Wesen bis ins Mark, daß er zu vergehen glaubte vor Schmerz und Sehnsucht, als er in der Erinnerung nun wieder ihren heißen Atem, ihre weiche Wange und ihren glühenden Kuß zu spüren meinte. Er schloß die Augen und verlor sich in seligen Gefühlen. Irgendwo schlug eine Uhr. Es wurde spät. Die Dämmerung sank.
Plötzlich war ihm, als neige sie sich wieder über ihn und sehe ihn an mit ihren wundersamen, klaren Augen, die feucht schimmerten von glänzenden Tränen und einem hellen Glück, so still und rein, wie der hohe unendliche Himmel an einem heißen Sommertage. Und aus ihrem Antlitz sprach eine so feierliche Stille und ihr Lächeln war eine solche Verheißung von unendlicher Seligkeit, war so voll Mitleid und Barmherzigkeit, und so voll kindlicher, vertrauensseliger Hingebung schmiegte sie sich an seine Schulter, daß ein Stöhnen sich seiner entkräfteten Brust entrang vor lauter Glück. Es war, als wolle sie ihm etwas sagen, etwas ihm anvertrauen. Wieder glaubte er, den Klang einer Stimme zu vernehmen, der sein Herz durchbohrte. Gierig atmete er die Luft ein, die ihr naher Atem erwärmte und gleichsam mit einer elektrischen Spannung für ihn erfüllte. In Sehnsucht streckte er die Arme aus, schöpfte tief Atem und schlug die Augen auf ... Sie stand vor ihm, über ihn gebeugt, bleich wie nach einem großen Schreck, am ganzen Körper vor Aufregung zitternd. Sie sprach etwas zu ihm, sie flehte und rang die Hände. Er umschlang sie mit seinen Armen, sie sank zitternd an seine Brust ...
IV.
„Was hast du? Was ist dir geschehen?“ fragte Ordynoff, plötzlich erwacht, sie immer noch in starker und heißer Umarmung an sich pressend. „Was fehlt dir, Katherina? Was ist dir zugestoßen, mein Lieb?“
Sie weinte leise und verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Brust. Lange Zeit vermochte sie nichts zu sprechen. Ihr ganzer Körper zitterte, wie nach einem großen Schreck.
„Ich weiß nicht, ich weiß es nicht,“ brachte sie endlich kaum vernehmbar hervor, als stehe ihr das Herz still vor Angst, „ich weiß auch nicht, wie ich zu dir gekommen bin ...“ Und sie schmiegte sich noch fester an ihn, und in einem unbezwingbaren, krankhaften Gefühl küßte sie seine Schulter, seinen Arm, seine Brust. Endlich, wie in Verzweiflung, preßte sie die Hände vor das Gesicht und sank in die Kniee. Als aber Ordynoff sie in einem unsagbaren Gefühl von Beklemmung emporhob und sie neben sich niedersetzen ließ, da errötete sie heiß vor Scham und ihre Augen baten wie um Gnade, und das Lächeln, das sie auf ihre Lippen zwang, verriet, daß sie kaum zu versuchen wagte, die unbezwingbare Macht der neuen Empfindung zu brechen, denn der Versuch wäre ja doch fruchtlos gewesen. Plötzlich schien wieder etwas sie zu erschrecken: mißtrauisch schob sie ihn mit der Hand zurück, sah ihn kaum mehr an und antwortete gesenkten Blickes nur angstvoll und leise auf seine sich überstürzenden Fragen. –
„Hat dich vielleicht ein böser Traum geängstigt? Oder ist dir sonst etwas Böses zugestoßen? Sag doch! Oder hat er dich erschreckt? ... Er fiebert und phantasiert ... Vielleicht hat er im Fieber etwas gesprochen, was du nicht hättest hören sollen? ... Du hast etwas Furchtbares gehört? Ja? Oder war es nur ein Traum?“
„Nein ... ich schlief ja gar nicht,“ antwortete Katherina, mit Mühe ihre Aufregung niederringend. „Ich fand keinen Schlaf. Er aber schwieg, nur einmal rief er mich. Ich trat an sein Bett, sprach zu ihm, rief ihn – ich ängstigte mich so! – aber er hörte mich nicht und wachte nicht auf. Er ist sehr schwer krank, möge der liebe Gott ihm helfen! Da senkte sich wieder der Gram in mein Herz, bitterer Gram, und ich betete, betete! Und da, sieh, da kam das über mich ...“
„Beruhige dich, Katherina, sei ruhig, mein Lieb, sei ruhig! Wir haben dich gestern erschreckt ...“
„Nein, ich erschrak ja gar nicht!“ ...
„Was ist es denn? Ist dir denn das auch früher schon geschehen?“
„Ja, auch früher schon!“ Und sie erbebte und schmiegte sich wieder wie ein geängstigtes Kind an ihn. „Sieh, ich bin doch nicht umsonst zu dir gekommen,“ sagte sie, ihr Weinen unterbrechend, und dankbar drückte sie ihm die Hände, „und nicht umsonst wurde es mir so schwer, allein zu sein! Also nicht mehr weinen, weine auch du nicht, wozu solltest du um fremdes Leid Tränen vergießen! Spare sie für trübe Tage, wenn es dir in der Einsamkeit schwer wird und du keinen Menschen bei dir hast! ... Höre, hattest du eine Geliebte?“
„Nein ... vor dir – keine ...“
„Vor mir? ... Du nennst mich deine Geliebte?“
Sie sah ihn plötzlich mit Verwunderung an, wollte etwas sagen, schwieg aber und senkte den Blick. Leise stieg ihr die Röte ins Gesicht, das plötzlich wie in Flammenglut getaucht stand. Leuchtender, durch die vergossenen Tränen glänzten ihre Augen und eine Frage schien auf ihren Lippen zu schweben. Mit verschämter Schelmerei blickte sie ein-, zweimal zu ihm auf, dann senkte sie plötzlich wieder den Kopf.
„Nein, ich kann nicht deine erste Liebe sein,“ sagte sie, und „nein, nein,“ wiederholte sie nachdenklich mit leisem Kopfschütteln, und allmählich erschien wieder ein stilles Lächeln auf ihren Lippen, „nein, mein Lieber,“ fuhr sie fort, „ich werde nicht deine Geliebte sein!“
Und sie sah ihn an, aber da sprach plötzlich so viel Weh aus ihrem Gesicht, eine so hoffnungslose Trauer, und so überraschend brach aus ihrem Innersten Verzweiflung hervor, daß Ordynoff ein unbegreifliches krankhaftes Gefühl des Mitleids mit ihrem ihm unbekannten Leid erfaßte: und er sah sie an, wie einer, dessen Mitleid ihm selbst zur noch größeren Qual wird.
„Höre, was ich dir sagen werde,“ sagte sie mit einer Stimme, die ihm ins Herz schnitt, und sie nahm seine Hände und drückte sie, wie um aufsteigende Tränen zu ersticken. „Höre mich an, Lieber, und vergiß es nicht, was ich dir sage: bezähme du dein Herz und liebe mich nicht so, wie du mich jetzt liebst. Es wird dir dann leichter sein, du wirst dich vor einem argen Feinde bewahren und eine liebe Schwester gewinnen. Ich werde zu dir kommen, wenn du willst, werde dich liebkosen und es mir doch nicht zur Schande werden lassen, daß ich dich kennen gelernt habe. War ich doch auch Tag und Nacht bei dir, als du das böse Fieber hattest! Nimm mich als Schwester! Wir sind doch nicht umsonst einander gut und nicht umsonst hab’ ich unter Tränen für dich zur Gottesmutter gebetet! Eine andere wirst du nicht finden. Suche auf dem ganzen Erdenrund, durchsuche den Himmel – nein, glaube mir, du wirst keine zweite finden, die dir eine solche Geliebte sein wird, wie ich, wenn es Liebe ist, um was dein Herz bittet. Oh, glühend werde ich dich lieben, werde dich ewig so lieben wie jetzt, und werde dich deshalb lieben, weil deine Seele so rein ist, so hell, so ... so durchsichtig! – ich werde dich lieben, weil ich, als ich dich zum ersten Male sah, sogleich fühlte, daß du meines Hauses Gast bist, ein erwünschter, ein ersehnter Gast, und uns nicht ohne Grund um Aufnahme batest. Ich werde dich lieben, weil deine Augen lieben, wenn du einen ansiehst, und von deinem Herzen künden. Und wenn sie etwas sagen, dann weiß ich gleich alles, was in dir ist, und dafür möchte man dann das Leben hingeben, um dieser deiner Liebe willen, möchte alle Freiheit dem eigenen Willen nehmen, denn es ist süß, desjenigen Sklavin zu sein, dessen Herz man gefunden hat ... Aber mein Leben, das gehört ja nicht mir, das ist schon fremdes Eigentum, und der Wille ist gebunden! Doch die Schwester nimm und sei mir ein Bruder und hilf mir mit deinem Herzen, wenn wieder das Schlimme mich anficht. Nur sorge du selbst, daß ich mich nicht zu schämen brauche, zu dir zu kommen und die lange Nacht wie jetzt bei dir zu bleiben. Hörst du mich? Hat auch dein Herz es gehört? Hast du auch alles verstanden, was ich dir sagte? ...“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, sah zu ihm auf und legte die Hand auf seine Schulter, doch da war es, als verließe sie alle Kraft, aufschluchzend sank sie an seine Brust und in einem Weinkrampf tobte ihre Leidenschaft sich aus. Ihre Brust wogte, ihr Gesicht brannte wie in Glut.
„Mein Leben!“ stammelte Ordynoff, dem die Erregung die Augen umflorte und den Atem benahm. „Meine Wonne ... du!“ flüsterte er, ohne zu wissen, was er sagte, ohne die Worte, ohne sich selbst zu begreifen, zitternd vor Furcht, mit einem Hauch den ganzen Zauber zu zerstören, den ganzen Sinnenrausch, und damit alles, was mit ihm geschah und um ihn war und was er eher für Unwirklichkeit als für Wirklichkeit hielt: so entrückt fühlte er sich! „Ich weiß nicht, ich verstehe dich nicht, ich habe vergessen, was du mir sagtest, alle Vernunft ist in mir erloschen – nur das Herz fühle ich ... meine Königin du!“ ...