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Sämtliche Werke 15

Das junge Weib (continued 2)

E. K. Rahsin translation

Seine Stimme versagte vor Aufregung. Sie schmiegte sich immer fester, immer wärmer, glühender an ihn. Da erhob er sich taumelnd und, unfähig, sich noch länger zu bezwingen, wie entkräftet vor Seligkeit, sank er in die Knie vor ihr. Eine Erschütterung wie ein Schluchzen brach endlich schmerzhaft aus seiner Brust hervor und durchrieselte seinen ganzen Körper – und von der Fülle der noch nie empfundenen Verzückung bebte seine Stimme, die tief aus seinem Innersten hervordrang, wie der Ton einer Saite, die man in Schwingung gebracht.

„Wer bist du, wer warst du? Woher kommst du? Aus welchem Himmel bist du zu mir herabgestiegen? Es ist ja alles wie ein Traum, ich kann noch nicht glauben, daß du wirklich bist! Schilt mich nicht ... laß mich sprechen, laß mich alles dir sagen, alles! ... Ich habe schon lange einmal sprechen wollen ... wer bist du, meine Freude, sag? Wie hast du mein Herz gefunden? Erzähle mir, bist du schon lange meine Schwester? ... Wo warst du bisher, erzähl mir von dir, – erzähl mir, wo hast du früher gelebt, was hast du dort geliebt? Erzähle mir alles, ich will alles von dir wissen! Wo ist deine Heimat? Ist der Himmel dort wie bei uns? Wer war dir dort nahe, wer hat dich vor mir geliebt? Zu wem hat dich zuerst dein Herz gedrängt? ... Hast du deine Mutter gekannt und hat sie dich als Kind geliebkost und gepflegt oder bist du wie ich unter Fremden aufgewachsen? Sage mir, bist du immer so gewesen? Erzähl mir von deinen Träumen und Wünschen und was von ihnen in Erfüllung gegangen ist und was nicht – erzähle mir alles! ... Wer war der erste, den dein Mädchenherz liebgewann und wofür hast du es ihm hingegeben? Sage mir, was soll ich dafür geben, was muß ich dir geben ... für – dich?! ... Sag mir, mein Lieb, meine Sonne, mein Schwesterchen, sag mir, womit kann ich mir dein Herz verdienen?“

Seine Stimme versagte und er preßte den Kopf in ihren Schoß. Als er aber aufblickte, überlief es ihn vor Schreck: Katherina saß totenblaß und regungslos auf dem Bett, ihre Augen starrten mit leerem Blick über ihn hinweg in die Luft, nur ihre Lippen zitterten in stummem, unsagbarem Schmerz. Langsam erhob sie sich, wankte zwei Schritte vom Bett und fiel vor dem alten Heiligenbilde nieder ... sinnlose, unverständliche Worte entrangen sich stoßweise ihrer Brust. Sie schien ohnmächtig zu werden. Ordynoff hob sie auf, trug sie auf sein Bett und stand in atemloser Angst über sie gebeugt. Nach einer Weile schlug sie die Augen auf, bewegte sich, wie um sich auf den Ellbogen zu stützen, sah sich mit irrem Blick im Zimmer um, sah zu ihm auf und tastete nach seiner Hand. Sie zog ihn näher zu sich, ihre Lippen bewegten sich, als wollte sie etwas sagen, aber sie konnte nichts hervorbringen. Endlich brach sie in einen Strom von Tränen aus.

Sie stammelte ein paar Worte, aber das Schluchzen zerriß dieselben und erstickte ihre Stimme. Als sie dann wieder den Kopf hob, sah sie mit solch einer Verzweiflung Ordynoff an, daß er, der sie nicht verstand, sich näher über sie beugte, um keinen Laut aus ihrem Munde zu verlieren. Endlich hörte er sie deutlich flüstern:

„Ich bin verdorben, man hat mich verdorben, ich bin verloren!“

Ordynoff erhob jäh den Kopf und sah sie voll Bestürzung an. Ein gemeiner, scheußlicher Gedanke durchzuckte ihn. Und Katherina sah dieses plötzliche schmerzliche Zusammenzucken seines Gesichtes.

„Ja! Verdorben!“ stieß sie hervor, „ein böser Mensch hat mich verführt, – er, er ist mein Verderber! ... Ich habe ihm meine Seele verkauft ... Warum, oh, warum hast du von der Mutter gesprochen! Wozu brauchtest du mich daran zu erinnern: Gott möge dir ... möge dir verzeihen! ...“

Und sie weinte still vor sich hin. Ordynoffs Herz schlug so todesweh, daß er vor Schmerz hätte aufschreien mögen.

„Er sagt,“ flüsterte sie geheimnisvoll, mit zurückgehaltenem Atem, „er sagt, wenn er stirbt, wird er kommen und meine sündige Seele holen ... Ich gehöre ihm, ich hab’ ihm meine sündige Seele verkauft ... Und jetzt quält er mich und liest mir aus seinen Büchern vor ... Dort, sieh, das ist sein Buch! Dort! Er sagt, ich habe eine Todsünde begangen ... Sieh, da liegt sein Buch, sieh ...“

Und sie wies mit Grauen auf einen großen Band. Ordynoff hatte nicht bemerkt, wie der in sein Zimmer geraten war. Er nahm ihn mechanisch – es war eines von jenen mit reichem Bilderschmuck ausgestatteten Büchern der Altgläubigen, wie er sie früher einmal gelegentlich gesehen hatte. Doch war er unfähig, seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas zu lenken.

Sacht umfing er sie und redete ihr beruhigend zu.

„Denk nicht daran, laß das jetzt ... Man hat dich geängstigt und erschreckt ... ich bin ja bei dir ... Ruhe dich bei mir aus, mein Lieb, mein Licht!“

„Du weißt noch nichts! nichts!“ Sie umklammerte wieder seine Hände. „Ich bin ja immer so! ... Immer fürchte ich mich ... Aber du, nein, du quäle mich nicht, quäle mich nicht! ...“

„Ich gehe dann zu ihm,“ fuhr sie nach einer Weile fort. „Manchmal bespricht er mich einfach mit seinen eigenen Worten, ein anderes Mal nimmt er sein Buch, das größte, und liest mir vor – liest so drohende und strenge Worte! – ich weiß nicht, was es ist, und ich verstehe auch nicht jedes Wort, aber mich überkommt dann solch eine Angst, und wenn ich auf seine Stimme horche, ist es mir, als spräche das gar nicht er, sondern ein anderer, kein guter, sondern einer, den nichts erweicht und der so unerbittlich ist, daß es mir das Herz zermalmt und die Qual noch größer wird, als zu Anfang mein Gram war!“

„Geh nicht mehr zu ihm! Warum gehst du zu ihm?“ sagte Ordynoff, ohne sich dessen recht bewußt zu sein, was er sprach.

„Warum bin ich zu dir gekommen? Frag mich – ich weiß es nicht ... Er aber sagt mir immer: bete, bete, bete! Zuweilen stehe ich in dunkler Nacht auf und bete lange –, stundenlang. Oft übermannt mich der Schlaf, aber die Angst weckt mich wieder, immer wieder, und dann kommt es mir vor, daß ringsum ein dunkles Gewitter aufsteigt, daß mir Schlimmes droht, daß die Bösen mich zu Tode quälen und zerreißen werden, daß ich keines Menschen Hilfe zu erflehen vermag und mich niemand vor dem Furchtbaren retten kann. Meine Seele will sich selbst verzehren, und es ist, als wolle sich mein ganzer Körper in Tränen auflösen ... Dann fange ich wieder an, zu beten, und bete und bete, bis die Gottesmutter liebevoller auf mich herabschaut. Dann erst stehe ich auf und gehe halbtot wieder zu Bett, manchmal aber schlafe ich auch so vor dem Heiligenbilde kniend ein. Da kommt es denn vor, daß er erwacht und mich ruft ... und dann liebkost und tröstet und beruhigt er mich ... und dann wird mir wohl viel leichter. Ja, gleichviel was für ein Unglück auch noch käme, bei ihm fürchte ich mich nicht mehr. Er ist mächtig! Groß ist sein Wort!“

„Aber was, was ist denn dein Unglück?!“ ... fragte Ordynoff zitternd, mit Verzweiflung im Herzen.

Katherina erbleichte. Sie sah ihn wie eine zum Tode Verurteilte an, der man die letzte Hoffnung auf Gnade nimmt.

„Ich ... ich bin verflucht, ich bin eine Seelenmörderin, meine Mutter hat mich verflucht! Ich habe meine eigene Mutter umgebracht!“ ...

Ordynoff umschlang sie wortlos. Bebend schmiegte sie sich an ihn. Er fühlte, wie ein Zittern ihren Körper durchlief, als wolle sich ihre Seele diesem Körper entringen.

„Ich habe sie unter die feuchte Erde gebracht,“ sagte sie, ganz beherrscht von der Erinnerung und ihrer Aufregung – und sie schien das unwiderruflich Geschehene, unwiederbringlich Vergangene in diesen Augenblicken noch einmal zu erleben. „Ich wollte es schon lange sagen, aber er verbot es mir immer, bald mit Bitten, bald mit Vorwürfen und zornigen Worten. Zuweilen freilich beginnt er selbst, mich daran zu erinnern, als wäre er mein Feind und Widersacher. Mir aber kommt alles das – so auch heute nacht – wie stets und immer gegenwärtig vor ... Höre, höre mich! Das ist schon lange, sehr lange her, ich weiß nicht einmal mehr, wann es war, und doch steht es vor mir, als wäre es gestern gewesen, wie ein Traum der letzten Nacht, der bis zum Morgen mein Herz bedrückt hat. Der Gram macht die Zeit noch einmal so lang. Setze dich, setze dich hierher, ich werde dir mein ganzes Leid erzählen – verfluche mich, die ich schon verflucht bin ... Ich will dir mein ganzes Leben anvertrauen ...“

Ordynoff wollte sie aufhalten, wollte sie am Sprechen verhindern, doch sie faltete die Hände, wie um ihn bei seiner Liebe anzuflehen, ihr doch Gehör zu schenken, und dann fuhr sie in noch größerer Erregung fort. Ihre Erzählung war wirr und sprunghaft, ihre Stimme verriet den Sturm, der in ihrer Seele tobte, aber trotzdem verstand Ordynoff alles, denn ihr Leben war für ihn zu seinem eigenen Leben geworden, ihr Leid auch sein Leid. Er glaubte wieder seinen Feind vor sich zu sehen. Der Feind wuchs vor ihm auf mit jedem ihrer Worte und ward immer greifbarer, und es war ihm, als presse er mit ungeheurer Kraft sein Herz zusammen und spotte obendrein mit höhnischen Schimpfworten seiner Wut. Sein Blut begann zu sieden, drängte sich heiß in seine Gedanken und brachte sie in Verwirrung. Da war es ihm denn, als stehe der boshafte Alte aus seinem Traum plötzlich auf (Ordynoff war davon überzeugt) und stände leibhaftig vor ihm.

„Es war eine Nacht wie heute,“ begann Katherina, „nur viel dunkler und grausiger, und der Wind heulte durch unseren Wald, wie ich es noch nie gehört hatte ... begann schon in jener Nacht mein Verderben? ... Die Eiche vor unseren Fenstern brach. Ich weiß noch, der alte Bettler, der immer zu uns kam – er war schon ein ganz, ganz alter Mann – erzählte, daß er sich dieser Eiche noch aus seiner Kindheit erinnere: damals sei sie schon ebenso groß gewesen, wie dann, als der Sturm sie brach. In derselben Nacht – wie heute entsinne ich mich dessen noch! – wurden Vaters Barken auf dem Fluß von diesem Sturm zertrümmert, und als die Fischer zu uns gelaufen kamen – wir wohnten bei der Fabrik – da fuhr der Vater gleich selbst zum Fluß, obschon er krank war. Wir blieben allein, Mutter und ich. Wir saßen beide im Zimmer, ich schlummerte, Mutter aber war so traurig und weinte still ... und ich wußte, warum sie weinte. Sie war erst vor kurzem vom Krankenbett aufgestanden, war noch ganz blaß und sagte mir immer, ich solle ihr das Totenhemd nähen ... Plötzlich, um Mitternacht, höre ich: jemand klopft draußen an die Pforte. Ich sprang auf, alles Blut strömte mir zum Herzen – die Mutter schrie auf vor Schreck ... Ich sah nicht nach ihr hin, ich fürchtete mich, aber ich nahm die Laterne und ging selbst hinaus, um zu öffnen ... Das war er! Mir wurde bange, denn ich bangte mich immer, wenn er kam, und das schon von Kindheit an, soweit meine Erinnerung zurückreicht, seitdem ich überhaupt denken kann! Damals hatte er noch kein graues Haar: sein Bart war dunkel und sein Blick brannte wie Feuer. Bis dahin hatte er mich noch kein einziges Mal freundlich angesehen. Er fragte: ‚Ist die Mutter zu Hause?‘ Ich schloß die Pforte und sagte, daß der Vater nicht zu Hause sei. Er sagte darauf nur: ‚Ich weiß,‘ und plötzlich sah er mich an, so an ... zum ersten Male sah er so auf mich. Ich wandte mich zum Gehen, er aber stand immer noch. ‚Warum kommst du nicht herein?‘ – ‚Ich überlege,‘ sagte er. Langsam folgte er mir – als wir aber eintraten, fragte er plötzlich leise: ‚Warum sagtest du mir, daß der Vater nicht zu Hause sei, als ich nach deiner Mutter fragte?‘ Ich schwieg ... Die Mutter erstarrte, als sie ihn sah – und wollte dann zu ihm stürzen ... Er aber schenkte ihr kaum einen Blick – ich sah alles. Er war ganz naß und durchfroren – woher er kam und wo er sich aufhielt, das haben Mutter und ich nie gewußt. Damals hatten wir ihn schon ganze neun Wochen nicht gesehen ... Die Mütze warf er nun auf den Tisch, die Fausthandschuhe streifte er ab – neigte sich aber nicht vor den Heiligenbildern, bot keinen Gruß der Hausfrau – sondern setzte sich ans Feuer ...“

Katherina stützte den Kopf in die Hand, als bedrücke und quäle sie etwas, doch schon bald erhob sie ihn wieder und fuhr fort:

„Er fing an, mit der Mutter tatarisch zu sprechen. Ich verstand kein Wort. Früher hatte man mich immer fortgeschickt, wenn er kam; damals aber wagte die Mutter nicht, ihrem eigenen Kinde ein Wort zu sagen. Der Böse kaufte meine Seele, ich aber sah die Mutter an, als wäre ich stolz darauf. Ich merkte, daß sie von mir sprachen. Mutter begann zu weinen. Ich sah, wie seine Hand wieder an seinen Dolch fuhr – in der letzten Zeit hatte ich schon mehrmals seine Hand nach dem Dolch, den er vorn im Gürtel trug, greifen sehen, wenn er mit der Mutter sprach. Ich stand auf und griff nach seinem Gürtel, um ihm den Dolch zu entreißen. Er aber knirschte vor Wut und wollte mich fortstoßen – stieß mich auch vor die Brust, doch ich ließ nicht los. Ich dachte, jetzt sterbe ich auf der Stelle; es wurde mir dunkel vor den Augen und ich brach lautlos zusammen, aber ich schrie nicht auf. Und da sah ich, obschon mir fast die Sinne schwanden, – wie er seinen Gürtel abnahm und den Ärmel an der Hand aufstreifte, mit der er mich gestoßen, und den kaukasischen Dolch aus der Scheide zog und ihn mir reichte: ‚Da, schneide sie ab, die Hand, räche an ihr, was sie dir tat; ich aber, du Stolze, werde mich dafür tief bis zur Erde vor dir verneigen.‘ Ich legte den Dolch beiseite. Mein Herz begann dumpf zu schlagen, aber ich sah nicht nach ihm hin. Ich weiß noch, ich lächelte, sagte aber kein Wort und sah nur der Mutter in die traurigen Augen, und sah sie zornig an, während zugleich ein schlechtes Lächeln auf meinen Lippen blieb. Und die Mutter saß ganz bleich und totenstill ...“

Ordynoff lauschte mit unendlicher Spannung jedem Wort ihrer Erzählung. Doch allmählich legte sich ihre Erregung und ihre Rede wurde ruhiger. Die Erinnerung überwältigte das arme junge Weib und löste ihren Gram in ein Gefühl auf, das weit hinaus über das ganze uferlose Meer ihrer Sinne reichte.

„Er nahm die Mütze, ohne zu grüßen. Und ich nahm wieder die Laterne, um ihn hinauszugeleiten, indem ich der Mutter zuvorkam, die, obwohl sie noch krank war, doch aufstehen und ihm das Geleit geben wollte. Wir kamen zur Pforte, ich öffnete sie ihm, verscheuchte die Hunde, schwieg aber. Er blieb stehen und plötzlich nimmt er die Mütze ab und grüßt mich mit einem Gruß bis zur Erde. Zugleich sehe ich, wie er die Hand in den Mantel schiebt und aus der Brusttasche ein kleines, mit rotem Saffianleder überzogenes Kästchen hervorholt und es öffnet. Ich sehe hin: es sind echte Perlen. Sie sollten für mich sein. ‚Ich habe,‘ sagte er, ‚im Städtchen eine Schöne, der wollte ich zum Gruß diese Perlen bringen, doch nun habe ich sie nicht ihr gebracht: nimm sie, schönes Mädchen, schmücke mit ihnen deine Schönheit oder zertritt sie mit dem Fuß, wie du willst, aber nimm sie.‘ Ich nahm sie, aber zertreten wollte ich sie nicht – das wäre zuviel Ehre gewesen. So nahm ich sie tückisch und sagte kein Wort. Ich kehrte zurück in das Zimmer und legte sie vor der Mutter auf den Tisch – dazu hatte ich sie genommen! Sie schwieg lange Zeit und war wie ein Handtuch so bleich, und, es war, als hatte sie Furcht, mit mir zu sprechen. ‚Was bedeutet das, Katjä?‘ fragte sie endlich. Ich aber sagte: ‚Dir, Mutter, hat es der Kaufmann gebracht, mehr weiß ich davon nicht.‘ Und ich sah, wie ihr die Tränen über die Wangen herabrollten und wie das Atmen ihr schwer wurde. ‚Nicht mir, böses Töchterchen, nicht mir!‘ Ich weiß noch, so weh sprach sie die Worte, so weh, als sei ihre ganze Seele voll Tränen. Und ich sah auf – ich wollte mich zu ihren Füßen niederwerfen, aber statt dessen sagte ich, was mir der böse Geist plötzlich eingab: ‚Nun, wenn nicht dir, dann wohl dem Vater. Wenn er zurückkehrt, werde ich sie ihm geben und ihm sagen, daß Kaufleute hier waren und ihre Ware vergessen haben ...‘ Da brach sie in Tränen aus und weinte bitterlich ... ‚Das werde ich selbst tun, werde dem Vater sagen, was für Kaufleute hier waren und nach was für einer Ware sie fragten ... Ich werde es ihm schon sagen, wessen Tochter du bist, du Gottlose! Du bist nicht mehr meine Tochter, du bist eine arglistige Schlange! Als mein Kind verfluche ich dich!‘ Ich schwieg und keine Träne trat mir ins Auge ... Ach! es war alles wie erstorben in mir ... Ich ging hinauf in mein Mädchenzimmer und die ganze Nacht horchte ich auf den Sturm und zusammen mit dem Sturm, das fühlte ich, immer lauschend, entstanden in mir meine Gedanken.

„Fünf Tage vergingen. Dann kehrte gegen Abend der Vater heim, düster und böse, denn unterwegs hatte ihn die Krankheit noch mehr mitgenommen. Ich sah, den einen Arm trug er in der Binde – da erriet ich, daß der Feind seinen Weg gekreuzt hatte. Und der Feind hatte ihn krank gemacht. Und ich wußte auch, wer sein Feind war: Ich wußte alles! ... Mit der Mutter sprach er kein Wort, nach mir fragte er nicht, die Leute ließ er alle zusammenrufen und befahl, die Fabrik stillstehen zu lassen und das Haus vor Fremden zu hüten. Da ahnte mein Herz, daß in unserem Hause etwas nicht gut war. So wachten wir denn. Die Nacht verging langsam, wieder stürmte es draußen im Dunkeln und meine Seele wurde von Erregung geschüttelt. Ich öffnete das Fenster – mein Gesicht glühte, meine Augen weinten und mein Herz konnte keine Ruhe finden. Wie Feuer brannte es in mir! So – hinaus hätte ich mögen, hinaus aus dem drückenden Zimmer, und weit weg, bis ans Ende der Welt, wo die Blitze und Stürme entstehen, wo das Unwetter geboren wird! Meine Mädchenbrust bebte und zitterte ... plötzlich, es war schon spät – ich erwachte wie aus leichtem Schlummer ... oder hatte sich ein Nebel auf meine Seele gesenkt und mich verwirrt? – plötzlich höre ich, wie ans Fenster gepocht wird: ‚Mach auf!‘ – und ich sehe, ein Mensch ist an einem Strick heraufgeklettert. Ich ahnte sogleich, wer der späte Gast war, öffnete das Fenster und ließ ihn in mein einsames Zimmer. Das war er! Die Mütze nahm er nicht ab, setzte sich auf die Truhe, und sein Atem ging keuchend, als sei eine Meute von Verfolgern hinter ihm her gewesen. Ich stand und wußte, daß ich bleich war. ‚Ist der Vater zu Hause?‘ fragte er. – ‚Ja.‘ – ‚Und die Mutter auch?‘ – ‚Auch die Mutter,‘ sagte ich. ‚Dann sei jetzt ein Weilchen still ... Hörst du nichts?‘ – ‚Ich höre.‘ – ‚Was?‘ – ‚Ein Pfeifen unter dem Fenster!‘ – ‚Nun, willst du jetzt, schönes Mädchen, den Feind um seinen Kopf bringen? Willst du den Vater rufen und mich dem Verderben preisgeben? Deinem Mädchenwillen füge ich mich: was du willst, das geschehe! Hier hast du einen Strick, binde mich, wenn dein Herz dir befiehlt, für deine Mädchenehre einzustehen.‘ – Ich schwieg. – ‚Nun? Sprich doch, meine Schöne!‘ – ‚Was willst du?‘ fragte ich. – ‚Was ich will? Von meiner alten Liebe Abschied nehmen und einer neuen, einer jungen Liebe – dir, mein schönes Mädchen, meine Seele verpfänden ...‘ Ich lachte auf. Ich weiß selbst nicht, wie seine freche Rede mein Herz berühren konnte. ‚So laß mich jetzt, schönes Mädchen, nach unten gehen, mein Herz prüfen und dem Vater und der Mutter meinen Gruß entbieten,‘ sagte er und stand auf. Ich zitterte so, daß mir die Zähne aufeinanderschlugen, und ich mein Herz wie glühendes Eisen in der Brust fühlte. Und ich ging, öffnete ihm die Tür. Doch wie er schon über die Schwelle trat, nahm ich alle meine Kraft zusammen und stieß noch hervor: ‚Da hast du dein Geschmeide, und wage es nicht wieder, mir Geschenke zu bringen!‘ – und ich warf ihm das rote Kästchen mit den Perlen nach.“

Katherina hielt inne, um Atem zu schöpfen. Sie wechselte, wie schon oft während ihrer Erzählung, wieder die Farbe: ihre blauen Augen waren dunkel und glänzten seltsam. Plötzlich aber erblaßte sie von neuem und ihre Stimme senkte sich und bebte wie in verhaltener Trauer.

„Ich blieb allein,“ fuhr sie fort, „und es war mir, als habe mich ein Wirbelsturm erfaßt. Plötzlich höre ich rufen, schreien, höre wie über den Hof die Leute laufen, höre: ‚Die Fabrik brennt!‘ Ich rührte mich nicht, ich hörte nur, wie alle aus dem Hause liefen; ich selbst blieb allein mit der Mutter. Ich wußte, daß sie mit dem Tode rang, seit drei Tagen lag sie schon im Sterben, ich, ihre verfluchte Tochter, ich wußte es! ... Plötzlich tönte ein Schrei unter meinem Zimmer, nur ein ganz schwacher, leiser Schrei, der so klang, wie ein Kind aufschreit, wenn es im Traum erschrickt, und dann war wieder alles still ... Ich löschte das Licht aus – es überlief mich kalt in der Dunkelheit, ich bedeckte das Gesicht mit den Händen, ich fürchtete mich, mich umzusehen. Dann drang plötzlich wieder Stimmengewirr zu mir, lauter und lauter – von der Fabrik her kamen Menschen gelaufen. Ich beugte mich weit zum Fenster hinaus – und ich sah: da brachten sie den Vater, tot, und ich hörte noch, wie man sagte: ‚Von der Treppe fiel er, von der Treppe ... gerade in den siedenden Kessel – der Teufel muß ihn hinuntergestoßen haben!‘ Ich sank auf mein Bett; kein Glied rührte sich, aber ich wartete, doch wußte ich selbst nicht, auf was und auf wen ich wartete. Furchtbar war diese Stunde. Ich weiß nicht, wie lange ich so saß. Ich weiß nur, daß ich schließlich ein Gefühl hatte, als drehe sich alles rund um mich. Im Kopf empfand ich einen dumpfen Druck und der Rauch biß mir in die Augen. Und es freute mich, daß mir das Ende nahte. Da berührte plötzlich jemand meine Schultern und hob mich auf. Ich schlug die Augen auf und sah, so gut ich sehen konnte: er war es – und ganz versengt waren seine Kleider und heiß, ich glaube, sie schwelten noch und rochen nach Rauch.

„‚Ich bin gekommen, um dich zu holen, schönes Mädchen,‘ sagte er. ‚Führe du mich aus dem Verderben, wie du mich ins Verderben hineingeführt hast. Meine Seele habe ich heut für dich geopfert. Allein aber kann ich für die Sünde dieser verwünschten Nacht nicht Vergebung erflehen – es sei denn, daß wir zwei gemeinsam beten und bitten!‘ Und er lachte dann, der Böse! ‚Nun weise den Weg,‘ sagte er, ‚wie man von hier fortkommt, ohne gesehen zu werden!‘ Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn. Wir stiegen die Treppe hinunter, gingen leise durch den Korridor, ich schloß die Tür der Vorratskammer auf – die Schlüssel trug ich bei mir – und wies auf das Fenster. Dort lag der Garten. Da ergriff er mich, hob mich auf seinen starken Arm und schwang sich mit mir aus dem Fenster. Hand in Hand liefen wir weiter, lange liefen wir. Dann stand endlich der dichte dunkle Wald vor uns. Er blieb stehen und horchte. ‚Sie verfolgen uns, Katjä! Die Verfolger sind uns auf den Fersen, schönes Mädchen, aber nicht in dieser Stunde ist es uns bestimmt, unser Leben zu lassen! Küsse mich, schönes Mädchen, verheiße mir Liebe und ewiges Glück!‘ – ‚Wovon sind deine Hände blutig?‘ fragte ich. – ‚Sind meine Hände blutig, mein Lieb? Ich habe eure Hunde gemetzelt. Sie bellten zu laut für den späten Gast. Komm!‘ Und wir liefen weiter. Da sahen wir auf dem Waldweg meines Vaters Reitpferd, das hatte die Zügel zerrissen und war aus dem Stall gelaufen: es hatte nicht mit verbrennen wollen! ‚Das schickt uns Gottes Hilfe!‘ sagte er, ‚ich hebe dich, Katjä, aufs Pferd!‘ Ich schwieg. ‚Oder willst du nicht? Ich bin doch kein Unchrist, kein böser Geist, da sieh, ich bekreuzige mich, wenn du willst,‘ und er schlug auch wirklich das Kreuz. Dann schwang er sich aufs Pferd, hob mich zu sich hinauf und ich drückte mich an ihn und vergaß an seiner Brust alles um mich her, und es war ganz so, als hielte mich nur ein Traum umfangen. Als ich aber aus diesem Traum erwachte, da sah ich, daß wir an einem breiten, breiten Fluß waren. Er stieg ab, hob mich vom Pferde und ging zum Schilf: dort hatte er seinen Nachen versteckt. Zum Abschied klopfte er dem Tier noch den Hals: ‚Nun leb wohl, alter Freund!‘ sagte er, ‚geh, such dir einen neuen Herrn, die alten haben dich alle verlassen.‘ Das ging mir so nah! Ich schlang meine Arme um den Hals des Tieres und preßte das Gesicht an sein glattes Fell und küßte es. Dann stiegen wir in den Nachen, er nahm die Ruder und bald lag das Ufer weit hinter uns. Und sobald das Ufer nicht mehr zu sehen war, zog er die Ruder ein und schaute sich rings um auf dem Wasser. Und während er noch so schaute, murmelte er:

„‚Grüße dich, Mütterchen, du freier Strom, bist manches Gottesmenschen Ernährerin und mir meine Beschützerin! Hast du mein Gut auch bewahrt, meine Waren sanft getragen?‘ Ich schwieg und hatte den Blick gesenkt, denn mein Antlitz brannte vor Scham. ‚Hättest du doch lieber alles genommen, du stürmische, unersättliche,‘ murmelte er weiter, ‚und würdest mir nun dafür versprechen, meine schönste, vielkostbare Perle zu hüten und zu wiegen! Sag mir doch nur ein Wort, Mädchen, was bist du so stumm? – strahle Wärme, sei Sonne und verscheuche das Dunkel der Nacht!‘ Und er sagte es und lachte selbst dazu! Sein Herz brannte nach mir, ich fühlte es, aber doch wollte ich, in meiner Scham, das nicht dulden. Ich wollte etwas sagen, aber ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte, und so sagte ich nichts. ‚Nun, wohlan, wie du willst!‘ sagte dafür er zu meinem scheuen Schweigen, sagte es wie mit Trauer, und war sehr niedergeschlagen. ‚Mit Gewalt läßt sich Liebe doch nicht erzwingen. Gott mit dir, du Hochmütige! Da sieht man, daß dein Haß gegen mich groß ist! Bin ich deinen blauen Augen so wenig liebwert erschienen, meine Taube?‘ Ich hörte es und Haß kam über mich, Haß aus Liebe; doch bezwang ich mein Herz und sagte: ‚Liebwert oder nicht liebwert, wie kann ich das wissen, wohl aber eine andere Törichte, Schamlose, die ihr reines Mädchenstübchen in dunkler Nacht entweiht, die ihre Seele für eine Todsünde verkauft und die ihr unkluges Herz nicht bezwungen hat. Das wissen vielleicht nur meine heißen Tränen und das sollte auch der noch wissen, der wie ein Verbrecher auf das Leid, das er verursacht, obendrein stolz ist und über ein Mädchenherz sich lustig macht!‘ Ich sagte es, vermochte dann aber nicht länger an mich zu halten und brach in Tränen aus ... Er schwieg, und sah mich nur an, daß ich wie ein Blatt erzitterte. ‚So höre denn, Mädchen,‘ sagte er dann, und seine Augen brannten auf mir, ‚es sind keine leeren Worte, die ich dir sage, sondern es ist ein großes Wort, das ich dir jetzt gebe: solange du mir Glück schenken wirst, so lange werde ich dir ein milder Herr sein, wenn du mich aber einmal nicht mehr liebhast, – so mache keine unnützen Worte, sage nichts, bemühe dich nicht: nur ein Zucken deiner Zobelbrauen, ein Blick aus deinem dunklen Auge, eine Bewegung deines kleinen Fingers laß genug sein und ich gebe deine Liebe frei und schenke dir deine goldene Freiheit zurück. Nur wird das zu derselben Stunde, du wunderbar Stolze, mein Leben enden und mir den Tod bringen.‘ Da lächelten alle meine Sinne zu seinen Worten ...“

In tiefer Erregung hielt Katherina in ihrer Erzählung inne. Sie holte schwer Atem, lächelte sinnend vor sich hin und wollte fortfahren, doch da begegneten ihre glänzenden Augen Ordynoffs fieberglühendem Blick, der wie gebannt an ihrem Antlitz hing. Sie zuckte zusammen, wollte etwas sagen, aber nur das Blut stieg ihr wieder ins Gesicht ... Und nun – wie fassungslos hob sie die Hände, umklammerte ihren Kopf und warf sich mit dem Gesicht auf das Kissen. – Alles erbebte in Ordynoff! Ein qualvolles Gefühl, eine Erregung, über die er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte und die unerträglich war, ergoß sich wie ein Gift durch alle seine Adern und wuchs, und wuchs: ein wilder und doch gefesselter Trieb, eine gierig verlangende, nicht zu ertragende Leidenschaft verschlang sein ganzes Denken und tobte durch alle seine Gefühle. Gleichzeitig aber begann eine unendliche, uferlose Trauer immer lastender sein Herz zu bedrücken. Mehr als einmal hatte er, während Katherina erzählte, aufschreien und ihr zurufen wollen, daß sie doch schweigen solle. Er wollte sich ihr schon zu Füßen werfen und sie unter Tränen anflehen, ihm seine früheren Liebesqualen, sein erstes, ihm selbst noch unverständliches reines Verlangen wiederzugeben, und er sehnte sich förmlich zurück nach den Tränen, die nun schon lange versiegt waren. Sein Herz verging vor Sehnsucht und es war ihm, als sei es blutüberströmt und schließe alle Tränen in sich ein, die seine Seele nicht mehr erlösen wollten. Er begriff kaum, was Katherina ihm erzählte, und das Gefühl, das das arme junge Weib in ihm erregte, machte seine Liebe irre und scheu. In diesem Augenblick verfluchte er seine Leidenschaft: sie drohte, ihn zu ersticken, sie marterte ihn und es war ihm, als fließe nicht Blut, sondern siedendes Blei durch seine Glieder.

„Ach, nicht das ist mein Elend, was ich dir bis jetzt erzählt habe!“ sagte Katherina, sich wie nach einem plötzlichen Entschluß aufrichtend, „nicht das, nicht das!“ stieß sie mit einer Stimme hervor, in der ein neues, sie überwältigendes Gefühl zitterte und in der die ganze Qual ihrer Seele lag, die sich zu zerreißen schien. „Mein Leid und mein Jammer ist etwas ganz anderes! Was ist mir die Mutter, wenn ich auch auf der ganzen Welt keine zweite leibliche Mutter mehr finden kann! Was liegt mir daran, daß sie mich in einer bitteren Stunde verflucht hat! Was liegt mir an meinem früheren sonnigen Leben, an meinem warmen Stübchen und meiner Mädchenfreiheit! und was liegt daran, daß ich mich dem Bösen verkauft und meine Seele dem Verderben hingegeben habe, daß ich für das kurze Glück ewige Schuld trage! Ach, nein, das ist es nicht, obschon darin mein Verderben liegt! Aber bitter ist mir dies und es zerreißt mein Herz, daß ich seine Sklavin geworden bin, daß meine Entehrung und Schande mir Schamlosen lieb sind, daß das gierige Herz sich daran freut, seiner Schmach zu gedenken, als wäre sie eine Lust und ein Glück – das, nur das ist mein Elend, daß keine Kraft zur Empörung in ihm ist und kein Zorn über die ihm angetane Schmach! ...“

Der Herzschlag stockte in der Brust des armen Weibes und ein krampfhaftes Aufschluchzen erstickte ihre Worte. Ihr Atem strich heiß über ihre brennenden Lippen, ihre Brust hob und senkte sich und ihre Augen blitzten in wildem Zorn. Ihr ganzes Gesicht war dabei in diesem Augenblick so bezaubernd, es sprach solch eine Flut von Gefühl und Leidenschaft aus ihm und jeder Zug, jede Linie ihres Antlitzes bebte in einer so berauschenden Schönheit, daß alles feindliche Empfinden, das in Ordynoffs Brust aufstieg, sofort wieder verschwand. Sein Herz drängte zu ihr hin, wollte sich an ihr zitterndes Herz drücken und voll Leidenschaft in sinnlosem Rausch gemeinsam mit ihr in den Wellen desselben Sturmes untertauchen, in demselben Ausbruch unbeschreiblicher Raserei, gemeinsam mit ihr vergehen und, wenn es sein mußte, mit ihr sterben. Katherina begegnete dem flimmernden Blick Ordynoffs und lächelte, daß eine doppelte Flammenglut sein Herz durchloderte. Er wußte nicht mehr, was mit ihm geschah.

„Hab Erbarmen mit mir, hab Gnade!“ flüsterte er ihr mit verhaltener Stimme zu und beugte sich zu ihr nieder, so nah, so nah, daß sein Atem mit dem ihren zusammenströmte, während er ihr zugleich in die Augen sah. „Du richtest mich zugrunde! Ich weiß von deinem Leid nichts, meine Seele ist verwirrt ... Was geht es mich an, worüber dein Herz weint! Sage, was du verlangst ... ich werde es tun. So komm, laß, töte mich nicht, bring mich nicht um! ...“

Regungslos sah ihn Katherina an. Die Tränen waren versiegt auf ihren heißen Wangen. Sie wollte ihn unterbrechen, wollte seine Hand erfassen, wollte selbst etwas sagen und fand doch kein Wort. Ein seltsames Lächeln erschien langsam auf ihren Lippen, ja fast war es, als wolle ein Lachen hervorbrechen ...

„So habe ich dir wohl noch nicht alles erzählt,“ sagte sie endlich mit stockender Stimme. „Höre weiter ... wirst du auch mir zuhören, du heißes Herz? Höre, was deine Schwester dir erzählt. Du hast noch wenig von ihrem Leid erfahren! Ich wollte dir erzählen, wie ich mit ihm ein Jahr verlebte, doch wozu ... Als aber dies Jahr vergangen war, da zog er mit seinen Freunden stromabwärts und ich blieb bei seiner Pflegemutter am Landungsort. Ich wollte dort bis zu seiner Rückkehr verweilen. Ich wartete einen Monat, wartete noch einen – da begegnete mir im Städtchen ein junger Kaufmann, und wie ich ihn erblickte, erinnerte ich mich meiner früheren goldenen Jahre. ‚Schwesterchen, liebes Schwesterchen!‘ sagte er, als er mich erkannte, ‚ich bin Aljoscha, dein Spielkamerad: die Alten verlobten uns als Kinder – weißt du noch? Hast du mich vergessen? Erinnere dich, ich bin aus demselben Ort wie du ...‘ – ‚Was sagt man dort von mir?‘ fragte ich. ‚Man sagt, du seist fortgegangen, habest deine Mädchenehre vergessen und dich einem Räuber, einem Seelenverderber hingegeben,‘ antwortete mir Aljoscha lachend. ‚Und was sagtest du von mir, Aljoscha?‘ ‚Vieles wollte ich dir sagen, als ich hierherkam,‘ – und sein Herz verwirrte sich – ‚vieles wollte ich dir sagen, aber jetzt, wo ich dich sehe, habe ich alles vergessen ... verdorben hast du mich!‘ sagte er leise. ‚So sei es denn, nimm auch meine Seele, und solltest du mein Herz auch verspotten und über meine Liebe lachen, du Schöne! ... Ich bin allein, habe mein Erbe und bin mein eigener Herr, und meine Seele ist mein, habe sie keinem verkauft, wie eine andere es getan, die ihr Gewissen begraben hat, und nicht zu kaufen brauchst du sie, umsonst gebe ich sie dir, denn verdienen läßt sie sich ja nicht, wie man sieht!‘ Ich lachte, und nicht ein- oder nur zweimal hat er mir das gesagt – einen ganzen Monat lebte er dort, ließ alles andere liegen, vergaß die Waren, entließ seine Leute, lebte dort ganz allein. Da tat er mir schließlich leid und ich sagte eines Morgens zu ihm: ‚Erwarte mich, Aljoscha, wenn die Nacht dunkelt, unten am Landungsplatz; laß uns dann zu dir fahren! Ich bin meines schalen Lebens hier überdrüssig!‘ Die Nacht kam, ich schnürte mein Bündelchen, und meine Seele begann sich zu sehnen und sie spielte mit meinen Gedanken. Da sehe ich – mein Herr tritt ein, ganz unerwartet, unverhofft! – ‚Sei gegrüßt,‘ sagte er. ‚Komm. Auf dem Fluß wird es heute Sturm geben, die Zeit drängt.‘ Ich folgte ihm; wir kamen an den Fluß, aber bis zu den Unsrigen war es weit. Da sehen wir – ein Boot hat angelegt und in ihm sitzt ein bekannter Ruderer, der jemand zu erwarten scheint. ‚Guten Abend, Aljoscha, Gott helfe dir!‘ sagt mein Herr. ‚Was, – hast dich verspätet oder willst du noch zu deinen Schiffen? Nimm uns mit, sei so gut und bringe uns zu den Unsrigen. Mein Boot ist nicht hier und ich kann nicht schwimmen.‘ – ‚Steige ein,‘ sagte Aljoscha, und mein ganzes Herz erbebte, als ich seine Stimme vernahm. ‚Setzt euch, der Wind ist für alle und in meinem Boot ist auch für euch noch ein Platz.‘ Wir stiegen ins Boot. Die Nacht war dunkel, die Sterne hatten sich versteckt, der Wind heulte und die Wellen wuchsen, vom Ufer aber waren wir bald schon über eine Werst weit entfernt. Wir schwiegen alle.

„‚Sturm!‘ sagte endlich mein Herr. ‚Der bringt diesmal nichts Gutes! Einen solchen wie heut nacht habe ich auf dem Fluß noch niemals erlebt. Wir sind zu schwer für das Boot! Drei Menschen kann es bei diesem Sturm nicht tragen!‘ – ‚Ja, du hast recht, drei kann es nicht tragen, da ist einer von uns zu viel,‘ sagte Aljoscha, und in seiner Stimme klang ein verhaltenes Beben. ‚Nun was, Aljoscha?‘ sagte er, ‚ich kannte dich schon als kleines Kind, hab mit deinem seligen Vater Bruderschaft getrunken, haben uns Salz und Brot gegenseitig gebracht – nun sage mir, Aljoscha, könntest du ohne Boot von hier aus ans Ufer gelangen ... würdest du untergehen und dein Leben verlieren? – oder würdest du zur Not das Ufer erreichen?‘ – ‚Nein,‘ sagte Aljoscha, ‚ich würde es nicht erreichen.‘ – ‚Aber wer weiß, vielleicht ist die Stunde dir hold und du könntest es doch?‘ – ‚Nein, bei dem stürmischen Fluß kann ich es nicht wagen, ich fände meinen Tod in den Wellen.‘ – ‚So höre jetzt, Katherinuschka, meine schönste vielkostbare Perle!‘ wandte er sich da an mich. ‚Ich erinnere mich einer ähnlichen Nacht, doch wogte da nicht die Welle, die Sterne glänzten hell und der Mond schien ... Ich will dich nur so, ganz harmlos, fragen, ob du sie nicht vergessen hast?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich. ‚Und wenn du sie nicht vergessen hast, dann wirst du dich wohl auch noch erinnern, wie ein Verwegener ein schönes Mädchen lehrte, ihre Freiheit zurückzugewinnen, wenn ihr jemand nicht mehr liebwert erscheint – was?‘ – ‚Auch das habe ich nicht vergessen,‘ sage ich, mehr tot als lebendig. – ‚Ah! hast also nichts vergessen! Nun sieh – für das Boot sind drei zu schwer. Sollte da nicht jemandes Stunde gekommen sein? Sag, meine Liebe, sprich es aus, dein Wort, meine Taube, du Süße ...‘

„Ich habe damals das Wort nicht gesagt!“ flüsterte Katherina erbleichend ... Sie beendigte die Erzählung nicht.

„Katherina!“ ertönte eine heisere dumpfe Stimme, Ordynoff fuhr zusammen. In der Tür stand Murin. Er stand regungslos, in die Pelzdecke gehüllt, stand totenbleich und sah sie mit starrem, fast irrsinnigem Blick an. Katherina erblaßte und auch ihr Blick hing starr, wie gebannt an ihm.

„Komm zu mir, Katherina!“ flüsterte der Kranke kaum vernehmbar und verließ das Zimmer. Katherina sah aber immer noch starr auf die Tür, als stehe er noch dort. Plötzlich jedoch stieg das Blut heiß in ihre bleichen Wangen und sie erhob sich langsam vom Bett. Ordynoff entsann sich der ersten Begegnung.

„Also auf morgen denn, mein Herz!“ sagte sie, und es klang wie ein seltsames leises Auflachen. „Also auf morgen. Vergiß aber nicht, wo ich stehen geblieben bin: ‚Wähle einen von beiden: wer ist dir lieb und wer nicht lieb von ihnen, du Schöne!‘ Wirst’s nicht vergessen? wirst eine Nacht dich gedulden?“ fragte sie, indem sie die Hände auf seine Schultern legte und zärtlich auf ihn herabsah.

„Katherina, geh nicht zu ihm, tu’s nicht! Er ist wahnsinnig, siehst du’s denn nicht!“ flüsterte Ordynoff, zitternd für sie.

„Katherina!“ rief Murins Stimme hinter der Wand.

„Warum nicht? Er wird mich ermorden, meinst du?“ fragte Katherina lachend. „Gute Nacht, mein Geliebter, mein lieber Bruder!“ sagte sie, zärtlich seinen Kopf an ihre Brust drückend, während plötzlich Tränen aus ihren Augen brachen. „Das sind die letzten Tränen. Verschlafe dein Leid, mein Geliebter, sollst morgen zur Freude erwachen!“ Und sie küßte ihn leidenschaftlich.

„Katherina, Katherina!“ flehte Ordynoff, und wollte vor ihr niederknien, um sie zurückzuhalten, „Katherina!“

Sie wandte sich noch einmal nach ihm um, nickte ihm lächelnd zu und verließ das Zimmer. Ordynoff hörte, wie sie bei Murin eintrat. Er hielt den Atem an und lauschte, doch kein Laut war zu vernehmen. Der Alte schwieg oder war vielleicht wieder bewußtlos ... Er wollte zu ihr gehen, doch seine Füße versagten ... Er verlor alle Kraft und sank erschöpft auf das Bett zurück ...

V.

Als er wieder zu sich kam, vermochte er zunächst gar nicht festzustellen: War es erste Morgen- oder späte Abenddämmerung? Das Zimmer lag fast vollständig im Dunkel. Das Lämpchen vor dem Heiligenbilde mußte erloschen sein. Er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte, er fühlte nur, daß sein Schlaf krankhaft gewesen war. Als er zu sich kam, strich er sich unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er einen Traum und nächtliche Visionen verscheuchen. Doch als er aufzustehen versuchte, fühlte er sich am ganzen Körper wie zerschlagen und seine erschöpften Glieder versagten den Dienst. Sein Kopf schmerzte, ihm schwindelte, und Frostschauer überliefen seinen Körper, denen dann wieder glühende Fieberwellen folgten. Mit dem Bewußtsein kehrte auch die Erinnerung zurück und sein Herz krampfte sich zusammen und erzitterte, als er in einer Sekunde die ganze letzte Nacht wiedererlebte. Sein Herz schlug bei der Erinnerung so stark, und seine Empfindungen waren so heiß und unmittelbar, als wären nicht eine Nacht, nicht lange Stunden vergangen, seit Katherina ihn verlassen, sondern kaum eine Minute. Er fühlte, daß seine Augen noch von den Tränen brannten – oder waren es neue Tränen seiner heißen Seele? Und doch – wie ein Wunder schien ihm alles – in seinen Qualen lag für ihn eine Süße und Lust, obschon er gleichzeitig mit jedem Nerv seines Körpers fühlte, daß er eine solche Vergewaltigung ein zweites Mal nicht mehr ertragen würde. Es kam ein Augenblick, wo er fast den Tod fühlte und bereit war, ihn wie einen lichten Gast zu empfangen, der in weiblicher Gestalt ihm nahte: bis zu einer solchen Spannung war seine Empfindungsfähigkeit gesteigert, mit solch einer stürmischen und machtvollen Allgewalt wogte jetzt, nach dem Erwachen, seine Leidenschaft von neuem auf, und solch ein Entzücken, solch eine Begeisterung erfüllte seine Seele, daß sein Leben, bis in schwindelnde Höhen gesteigert, gleichsam im Begriff war, zusammenzubrechen und niederzustürzen, sofort zu verwesen und auf ewig zu vergehen ... Fast in demselben Augenblick, als wär’s eine Antwort auf seinen Schmerz, auf das Zittern seines Herzens, erklang eine Stimme, die ihm so bekannt schien, wie das innere Klingen und Tönen, das die Menschenseele in Stunden der Freude, in Stunden großen Glückes über ihr Dasein empfindet – es war die weiche, volltönende Stimme Katherinas. Ganz nah, fast wie am Kopfende seines Bettes begann ein Lied, zu Anfang leise und schwermütig. Dann hob sich die Stimme und senkte sich wieder, wie in leisem Verhallen, als vergehe sie und wiege dabei doch noch zärtlich die unruhvolle Qual des eigenen unterdrückten Verlangens, das in ihrem sich sehnenden Herzen für ewig gefangen war. Bald wieder schwang sie sich hoch empor und ergoß sich zitternd und glühend von einer Leidenschaft, die sich nicht länger zurückhalten ließ, in ein ganzes Meer von Entzücken, in ein Meer von zaubermächtigen, uferlosen Tönen, so selig, wie der erste selige Augenblick der Liebe. Ordynoff vernahm auch Worte: sie waren der rührend schlichte, zu Herzen gehende Ausdruck eines reinen, ruhigen, weil selbstverständlichen und klaren Gefühls – der Form nach alte, schon längst verklungene Worte, wie der Volksmund sie in früheren Zeiten gedichtet. Doch Ordynoff dachte nicht an ihren Sinn, er vergaß sie, er hörte nur die Töne, und aus den treuherzigen naiven Strophen des alten Liedes sprachen zu ihm ganz, ganz andere Worte – Worte, in denen dieselbe Sehnsucht zitterte, die seine eigene Brust erfüllte, Worte, die wie ein Widerhall der geheimsten und tiefsten, ihm selbst noch halb unverständlichen Regungen seiner Leidenschaft waren und die nun, da sie im Liede zu ihm drangen, ihm verrieten, wie sehr auch sie um dieselben wußte. Er glaubte, den letzten bangen Laut eines vor Liebe vergehenden Lebens zu hören, dann wieder die aufjauchzende Freude eines Willens, der seine Ketten gesprengt und licht und frei ins unermeßliche Meer unversehrbarer Seligkeit strebte; dann wieder war es ihm, als hörte er das erste zitternde Liebesgeständnis, unter Erröten und Tränen in heimlichem zagen Flüstern von Mädchenlippen, noch mit dem ganzen Duft süßer Scham; dann wieder stieg gleichsam der Wunsch einer Bacchantin auf, die stolz und froh ob ihrer Macht, unverhüllt, des Geheimnisses bar, mit sprühendem Lachen und trunken schweifendem Blick im Kreise sich umschaut ...

Ordynoff hielt es nicht aus bis zum Ende des Liedes und erhob sich vom Bett. Das Lied verstummte sogleich.

„Der gute Morgen und der gute Tag sind vorbei, mein Ersehnter!“ sagte Katherinas Stimme hinter der Wand, „also sage ich jetzt guten Abend zu dir! Steh auf, komm zu uns, erwache zu heller Freude: wir erwarten dich, ich und mein Herr, beides gute Leute und dir ergeben. Lösche mit Liebe den Haß, wenn das Herz uns die Kränkung noch nachträgt. Sage ein freundliches Wort! ...“

Ordynoff verließ bereits sein Zimmer, wußte aber eigentlich selbst kaum, daß er zu ihnen ging. Vor ihm öffnete sich die Tür und er sah und schaute und war wie geblendet von dem goldenen Lächeln der Wundersamen, die vor ihm stand. Er hörte und sah nichts und niemanden außer ihr. Im Augenblick war ihre Lichtgestalt der Inbegriff seines ganzen Lebens, seiner ganzen Freude.

„Zwei Sonnenröten sind schon vergangen, seit wir Abschied nahmen,“ sagte sie, und sie streckte ihm die Hände entgegen, „da sieh durch das Fenster, auch die zweite ist schon erloschen. Sie waren ähnlich dem Erröten eines schönen Mädchens,“ fuhr sie lachend fort, „die erste Morgenröte war wie die Glut, mit der das Mädchen zum erstenmal das Herz in der Brust schlagen fühlt; und die zweite wie wenn die Schöne ihre Scheu vergißt und das Blut feurig ins Antlitz steigen spürt. ... Tritt ein, tritt ein in unser Haus, du Junger! Was stehst du noch auf der Schwelle? Ehre werde dir zuteil und Liebe und als erstes ein Gruß vom Hausherrn!“

Und mit hellem Lachen erfaßte sie Ordynoffs Hand und führte ihn ins Zimmer. Befangenheit überkam sein Herz. Das ganze Feuer, das in seinem Inneren flammte, war wie im Augenblick erloschen, doch nur für einen Augenblick. Verwirrt senkte er das Auge, um sie nicht anzusehen. Er fühlte, sie war von so bezaubernder Schönheit, daß er ihren heißen Blick nicht würde ertragen können. Nein, so hatte er sie noch nie gesehen! Zum erstenmal sah er Freude und den Zauber des Lachens in ihrem Gesicht, und ihre dunklen Wimpern glänzten nun nicht mehr von vergossenen Tränen. Seine Hand lag bebend in ihren Händen. Hätte er den Blick erhoben, so würde er gesehen haben, daß Katherinas strahlende Augen mit triumphierendem Lächeln an seinen Mienen hingen, in denen sich deutlich Verwirrung und Leidenschaft widerspiegelten.

„Stehe auf, Alter!“ sagte sie endlich, als käme sie selbst erst und mit einem Male zur Besinnung, „sage dem Gast ein freundliches Wort zum Gruß. Er ist unser Gast und mir so gut wie ein leiblicher Bruder! Stehe auf, stolzer Alter, sei nicht hochmütig, steh auf, entbiete ihm einen Gruß, fasse seine weiße Hand, bitte ihn an den Tisch!“

Ordynoff sah auf, und es war ihm, als käme er jetzt erst zu sich: er hatte Murin ganz vergessen, an seine Anwesenheit gar nicht gedacht. Die Augen des Alten, die wie in Todesahnen erloschen schienen, sahen ihn unbeweglich an, und mit einem stechenden Schmerzgefühl erinnerte sich Ordynoff jenes Blickes, der ihn das letztemal unter den buschigen überhängenden Brauen hervor getroffen hatte, und diese Brauen waren auch jetzt wieder wie in Qual und Grimm zusammengezogen. Ein leichtes Schwindelgefühl erfaßte ihn. Er sah sich um: und da erst kam ihm klar zum Bewußtsein, wo er sich eigentlich befand. Murin lag noch immer auf dem Bett, war jedoch fast vollständig angekleidet und es machte den Eindruck, als sei er bereits am Morgen aufgestanden und tagsüber ausgegangen. Um den Hals trug er wieder ein rotes Tuch, die Füße staken in Hausschuhen. Die Krankheit war offenbar überstanden, nur sein Gesicht war noch auffallend blaß und fast gelb. Katherina stand neben dem Bett, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sah aufmerksam von dem einen zum anderen: doch das freundliche Lächeln schwand nicht aus ihrem Gesicht. Es schien beinahe, als geschehe alles auf einen Wink von ihr.

„Ja! Das bist du,“ sagte Murin, indem er sich langsam erhob und auf das Bett setzte. „Du bist mein Mieter. Ich bin schuldig vor dir, Herr, habe gesündigt und dich, ohne es zu wollen, erschreckt – gestern, mit der Flinte. Wer konnt’s denn wissen, daß dich auch mitunter Krankheit heimsucht! Bei mir aber kommt das vor,“ fügte er mit rauher, von der Krankheit noch heiserer Stimme hinzu. Seine Stirn runzelte sich und unwillkürlich wandte er den Blick von Ordynoff ab. „Unglück pflegt sich nicht vorher anzumelden, wenn es kommt, schleicht es sich wie ein Dieb heran und ist da! Auch ihr hab’ ich vor kurzem beinahe das Messer in die Brust gestoßen ...“ brummte er, mit dem Kopf nach Katherina weisend. „Ich bin ein kranker Mensch, habe zuweilen meine Anfälle – nun, was ist da noch viel zu erklären, das mag dir genügen! Setz dich – wirst mein Gast sein.“

Ordynoff sah ihn immer noch unverwandt an.

„Setz dich, so setz dich doch!“ rief der Alte ungeduldig, „wenn’s ihr nun mal Freude macht! ... Hm! Da seid ihr nun also sozusagen Geschwister, seht doch mal an! Habt euch ja lieb, recht wie ein Liebespaar!“

Ordynoff setzte sich.

„Sieh doch, was du da für eine Schwester hast,“ fuhr der Alte lustig fort, und er lachte, daß man alle seine ausnahmslos noch weißen, schönen Zähne sehen konnte. „So tut doch zärtlich, meine Lieben! Hast du nicht eine schöne Schwester, Herr? Sprich doch, antworte! Da, sieh sie doch an, sieh, wie ihre Wangen glühen. So sage doch, daß sie eine Schönheit ist, rühme doch vor der ganzen Welt ihre Schönheit! Zeige, wie sehr dein Herz nach ihr verlangt!“

Ordynoff runzelte die Stirn und sah den Alten an. Der zuckte zusammen unter seinem Blick. In Ordynoffs Brust stieg eine blinde Wut auf. Mit geradezu tierischem Instinkt fühlte er, daß er seinen Todfeind vor sich hatte. Er begriff selbst nicht, was mit ihm geschah. Er vermochte nicht mehr zu denken –

„Sieh mich nicht an!“ erklang da Katherinas Stimme hinter ihm. Ordynoff blickte sich um.

„Sieh mich nicht an, sage ich dir, wenn der Böse dich zu Bösem verleitet – hab Mitleid mit deiner Liebsten,“ sagte Katherina lachend, und plötzlich legte sie ihm hinterrücks die Hände auf die Augen, – zog sie aber sogleich wieder zurück und bedeckte mit ihnen ihr eigenes Gesicht. Doch die flammende Röte leuchtete gleichsam durch ihre Finger: sie ließ die Hände sinken und mühte sich, offen und furchtlos den Blicken der beiden Männer standzuhalten. Die aber sahen sie beide nur schweigend an – Ordynoff mit einer gewissen verwunderten Liebe, die sein Herz zum erstenmal zu der Schönheit eines Weibes empfand, der Alte dagegen aufmerksam, forschend und kalt. Sein bleiches Gesicht verriet nicht das geringste, nur seine Lippen waren blaß und bebten leise.

Katherina war gleichfalls ernst geworden, trat an den Tisch und begann, die Bücher, Papiere, das Tintenfaß und alles übrige abzuräumen. Sie atmete schnell und ungleichmäßig. Von Zeit zu Zeit holte sie tief Atem, als sei’s ihr im unruhig schlagenden Herz eng und schwer. Schwer, wie die Woge am Ufer, senkte sich und hob sich von neuem ihre Brust. Sie sah nicht auf, und die dunkeln langen Wimpern glänzten seidig über ihren zarten Wangen ...

„Meine Königin!“ flüsterte Ordynoff. Er besann sich aber sofort, denn er fühlte den Blick des Alten auf sich ruhen. Wie ein Blitz, in einem Nu war dieser Blick aufgeflammt, gierig, bohrend, gehässig, feindlich, mit kalter Verachtung. Ordynoff erhob sich, aber eine unsichtbare Macht schien seine Füße gefesselt zu haben. Er setzte sich wieder. Und er drückte seine eigene Hand, als traue er nicht der Wirklichkeit, die ja vielleicht nur ein Traum sein konnte. Es war ihm, als ob ein Alb ihn bedrücke und als ob seine Augen in peinvollem und krankhaftem Dämmer geschlossen lagen. Doch sonderbar! Er wollte nicht erwachen!

Katherina nahm den Teppich vom Tisch, öffnete eine Truhe, der sie ein kostbares Tischtuch entnahm, das reich mit Stickereien in Seide und Goldfäden verziert war, und breitete es über den Tisch; dann holte sie aus dem Schrank eine altertümliche, aus schwerem Silber gearbeitete Kanne, an der nach alter Art die silbernen Becher hingen – stellte sie mitten auf den Tisch und nahm drei Becher von den Häkchen: einen für den Hausherrn, einen für den Gast und einen für sich selbst. Mit ernstem, fast nachdenklichem Blick sah sie auf den Alten, dann auf den Gast.

„Wer ist nun von uns einem anderen lieb oder nicht lieb?“ fragte sie. „Wer niemandem lieb ist, der soll mir lieb sein und wird mit mir aus einem Becher trinken. Mir aber ist jeder von euch lieb, lieb, wie ein Nahestehender: deshalb laßt uns auf die Liebe und die Eintracht trinken!“

„Trinken und die schwarzen Gedanken im Wein ertränken!“ sagte der Alte mit veränderter Stimme. „Schenke ein, Katherina!“

„Und dir auch?“ fragte Katherina, indem sie Ordynoff ansah.

Der schob schweigend seinen Becher hin.

„Wartet!“ rief plötzlich der Alte und erhob sein Glas. „Hat jemand von uns etwas Besonderes auf dem Herzen, so möge es nach seinem Wunsch in Erfüllung gehen!“

Sie stießen an und tranken.

„Nun laß uns beide trinken,“ sagte Katherina, sich an den Alten wendend, „trinken wir, wenn dein Herz mir gut ist! Trinken wir auf das erlebte Glück, laß uns die vergangenen Jahre grüßen! Aus dem Herzen, dem Glück in Liebe ein Gruß! So laß dir doch einschenken, Alter, wenn dein Herz noch immer für mich glüht!“

„Dein Wein ist stark, mein Täubchen, du selbst aber hast nur die Lippen benetzt!“ sagte der Alte lachend und hielt seinen Becher hin.

„Ich werde dir jetzt einschenken, du aber trinke den Wein bis zur Neige! ... Wozu leben, Alterchen, und ewig schwere Gedanken mit sich herumtragen! Das bedrückt nur das Herz. Gedanken kommen vom Kummer und Gedanken schaffen Kummer, im Glück da lebt man ohne Gedanken! Trink, Alter! Ertränke deine Gedanken!“

„Da muß ja in dir viel Kummer sich angesammelt haben, wenn du dich plötzlich so gegen ihn wappnen willst! Möchtest wohl mit einemmal allem ein Ende machen, meine weiße Taube? Ich trinke auf dein Wohl, Katjä! Aber du, hast auch du einen Kummer, Herr, wenn du erlaubst, zu fragen?“

„Was ich habe, das habe ich für mich,“ murmelte Ordynoff, ohne seine Augen von Katherina abzuwenden.

„Hast du gehört, Alterchen? Ich habe mich selbst lange nicht gekannt und an nichts zurückgedacht, da kam aber eine Stunde und ich erkannte alles und erinnerte mich an alles: da hab’ ich alles Vergangene mit unersättlicher Gier in der Seele nochmals erlebt.“

„Ja, es ist bitter, wenn man durch Vergangenes sich wieder durchzuarbeiten anfängt,“ bemerkte der Alte nachdenklich. „Was vergangen ist, ist wie getrunkener Wein! Was ist vergangenes Glück? Hat man einen Rock abgetragen, dann fort mit ihm ...“

„Dann ist ein neuer nötig!“ fiel ihm Katherina ins Wort, mit etwas erzwungenem Lachen, während zwei große Tränen an ihren Wimpern erglänzten. „Da sieht man, ein Menschenalter kann nicht in einem Augenblick vergehen, und ein Mädchenherz hat ein zähes Leben: das ist nicht so leicht erschöpft! Hast du’s erfahren, Alter? Sieh, da habe ich eine Träne in deinem Becher begraben!“

„War es denn viel Glück, für das du dein Leid verkauftest?“ fragte Ordynoff und seine Stimme zitterte vor Erregung.

„Du hast wohl, Herr, viel eigenes zu verkaufen,“ versetzte der Alte, „daß du dich ungebeten vordrängst.“ Und er lachte lautlos und boshaft und sah dabei Ordynoff frech an.

„Wofür ich es verkaufte, das war auch danach,“ antwortete Katherina mit einer Stimme, aus der eine gewisse Unzufriedenheit und Gekränktheit zu klingen schien. „Dem einen scheint es viel, dem anderen wenig. Der eine will alles hingeben, es wird ihm aber nichts dafür geboten; der andere verheißt nichts, und doch folgt ihm das Herz gehorsam. Du aber, mach deshalb niemandem einen Vorwurf.“ Sie wandte das Gesicht nach ihm hin und sah ihn traurig an. „Der eine ist so ein Mensch, der andere ein anderer – weiß man’s denn selbst, weshalb die Seele gerade zu dem einen drängt! Fülle deinen Becher, Alter! Trinke auf das Glück deiner lieben Tochter, deiner gehorsamen Sklavin, wie einst, als sie dich erst noch lieben lernte. Nun, erhebe den Becher!“

„Wohlan! So schenke auch dir ein!“

„Warte, Alter! Trink noch nicht, laß mich zuvor noch ein Wort sagen! ...“

Katherina stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah regungslos mit glänzendem, leidenschaftlichem Blick dem Alten in die Augen. Eine eigentümliche Entschlossenheit lag plötzlich in diesem Blick. Doch alle ihre Bewegungen waren sicher, ihre Gesten kurz, unerwartet, schnell. Es war, als sei Feuer in ihr und wunderbar nahm sich das aus. Ihre Schönheit schien mit ihrer Erregung, mit ihrer Spannung zu wachsen. Sie lächelte und wie Perlen erglänzten ihre gleichmäßigen Zähne zwischen den Lippen. Ihr Atem war kurz und unterbrochen durch die Erregung. Ihre feinen Nasenflügel bebten. Der eine ihrer schimmernden Zöpfe, die sie zweimal um den Kopf geschlungen trug, hatte sich gelöst und gesenkt und bedeckte das linke Ohr und einen Teil der heißen Wange. Ihre Schläfen glänzten feucht.

„Sage mir wahr, Alter! Sag mir wahr, mein Guter, sag, bevor du deinen Verstand vertrinkst! Hier hast du meine weiße Hand! Nennen dich doch die Leute bei uns nicht umsonst einen Zauberer. Du hast aus Büchern gelernt und kennst jede schwarze Wissenschaft! So sieh dir jetzt die Linien meiner Hand an, Alterchen, und verkünde mir mein ganzes unseliges Los! Nur sieh zu, daß du die Wahrheit sagst! ... Nun, sage mir, wie du es weißt und meinst – wird dein Töchterchen glücklich sein oder verzeihst du ihr nicht und rufst ihr durch deine Zauberstücke herbes Leid auf den Weg? Sage, wird der Winkel warm sein, in dem ich mich einnisten werde, oder soll ich, wie ein Zugvogel, mein Leben lang gleich einer Waise bei guten Leuten Unterkunft suchen? Sage, wer ist mein Feind und hegt Arges gegen mich im Sinn? – und wer ist mein Freund und hat für mich nur Liebe im Herzen? Sage, wird mein junges heißes Herz sein Lebtag einsam bleiben und vor der Zeit verstummen, oder wird es ein anderes Herz finden, das ihm gleich ist, und im gleichen Pulsschlag der Freude mit ihm schlagen ... bis zu neuem Leid! Und sage mir, Alterchen, wenn du schon einmal wahrsagst, wo, unter welchem blauen Himmel, hinter welchen fernen Meeren und Wäldern mein heller Falke denn lebt, sag mir, wo, und ob er auch mit scharfem Auge nach seinem Falkenweibchen Ausschau hält, und ob er auch in Liebe wartet, ob er es auch heiß lieben oder ob er die Liebe bald verlernen und mich betrügen, oder ob er mich nicht betrügen und mir treu bleiben wird? Und dann sprich auch schon das Letzte und Allerletzte aus, Alter: sag, ist es uns beiden bestimmt, lang noch gemeinsam die Zeit zu verbringen, hier im armseligen Winkel zu sitzen, dunkle Bücher zu lesen? Oder wann werde ich von dir Abschied nehmen, mich tief vor dir neigen und dir für deine Gastfreundschaft danken, und dafür daß du mir Speise und Trank gegeben und mir Märchen erzählt hast? ... Aber sieh zu, daß du mir die Wahrheit sagst, lüge nicht! Die Zeit ist gekommen, jetzt steh für dich ein!“

Ihre Erregung war mit jedem weiteren Wunsche gewachsen, bis ihre Stimme bei den letzten Worten die Gewalt über sich verlor, als risse ein Wirbelsturm ihr Herz mit sich fort. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen schienen leise zu beben. Und doch hatte aus ihrer Stimme zugleich ein boshafter Spott geklungen – wie eine Schlange wand er sich versteckt durch ihre Worte – und es war, als habe ein Schluchzen in ihrem Spott geklungen, der doch voll Lachen sein sollte. Sie hatte sich über den Tisch zu dem Alten gebeugt und sah ihm mit forschender Neugier in seine umflorten Augen. Ordynoff hörte, als sie verstummte, wie ihr Herz plötzlich heftig zu klopfen begann; er sah sie an und wollte aufjauchzen vor Entzücken, und war schon im Begriff, sich von der Bank zu erheben. Da traf ihn ein flüchtiger, kurzer Blick des Alten und wie gebannt, wie gelähmt blieb er auf seinem Platz: es war eine seltsame Mischung von Verachtung, Spott, ungeduldiger, ärgerlicher Unruhe und zugleich boshafter, arglistiger Neugier, die aus diesem flüchtigen jähen Blick aufblitzte, aus diesem Blick, unter dem Ordynoff jedesmal zusammenfuhr und der sein Herz stets mit Haß und ohnmächtiger Wut erfüllte.

Nachdenklich und mit einer eigentümlichen traurigen Neugier betrachtete der Alte seine Katherina. Sie hatte sein Herz getroffen, durchbohrt, das Wort war jetzt von ihr ausgesprochen – und doch hatte er nicht einmal mit einer Wimper gezuckt. Er lächelte nur, als sie verstummt war.

„Willst viel auf einmal erfahren, mein flügge gewordenes, mein flugbereites Vögelchen! Fülle mir schnell noch den tiefen Becher; und dann laß uns trinken: zuerst auf die Entzweiung und auf den guten Willen; sonst verderbe ich noch durch irgend jemandes bösen unsauberen Blick meinen Wunsch. Der Teufel ist stark! Wie weit ist’s denn bis zur Sünde!“

Er hob seinen Becher und leerte ihn. Je mehr er trank, um so bleicher wurde er. Seine Augen röteten sich und glühten wie Kohlen. Es war augenscheinlich, daß ihr fieberhafter Glanz und die plötzliche Totenblässe die Vorläufer eines baldigen neuen Anfalls waren. Der Wein aber war schwer und feurig. Auch Ordynoff fühlte von dem einen Becher, den er geleert, seinen Blick heiß und unsicher werden: sein durch das Fieber erregtes Blut konnte nicht lange dem Geist des Weines widerstehen und überstürmte sein Herz, quälte und verwirrte seinen Verstand. Seine Unruhe wuchs mit jeder Minute. Und er schenkte sich noch von dem schweren Wein in den Becher und trank einen Schluck, ohne selbst zu wissen, was er tat oder wie er gegen seine wachsende Erregung ankämpfen sollte, und das Blut jagte noch stürmischer durch seine Adern. Er war wie von einem Fiebertraum fortgerissen und vermochte kaum noch, trotz krampfhaftester Anspannung seiner ganzen Aufmerksamkeit, zu verfolgen, was zwischen dem Alten und Katherina vorging.

Der Alte klopfte laut mit dem Becher auf den Tisch.

„Schenk ein, Katherina!“ rief er, „schenk ein, böses Töchterchen, schenk ein, bis ich trunken bin! Beseitige den Alten, es ist auch genug für ihn! So ist’s recht, schenk ein, meine Schöne, ganz voll – so! Nun laß uns beide trinken! Warum hast du denn so wenig getrunken? Oder habe ich es nicht gesehen ...?“

Katherina entgegnete ihm etwas, doch Ordynoff begriff die Worte kaum, und der Alte ließ sie nicht zu Ende sprechen: er ergriff ihre Hand, als habe er nicht mehr die Kraft, all das zurückzuhalten, was seine Brust einschloß. Sein Gesicht war bleich und sein Blick umflorte sich bald, bald flammte er auf und dann brannte in ihm ein unheimliches Feuer. Seine farblosen Lippen zuckten und mit ungleichmäßiger, schwankender Stimme, aus der hin und wieder eine seltsame Begeisterung klang, sagte er zu ihr:

„Gib dein Händchen, du Schöne! Ich werde dir wahrsagen, werde dir die ganze Wahrheit sagen. Ich bin wirklich ein Zauberer, da hast du dich nicht geirrt, Katherina! Dein goldenes Herz hat erraten, daß ich sein einziger Wahrsager bin und ihm die Wahrheit nicht verheimlichen werde, diesem schlichten, diesem unschlauen Herzen! Nur eines hast du nicht erkannt: nicht ich, der Zauberer, kann dich vernünftig machen! Vernunft ist keine Richtschnur für ein Mädchen, und wenn man ihm auch die ganze Wahrheit sagt, so ist es doch, als habe es nichts erfahren und begriffen! Ihr eigner Kopf – ist eine listige Schlange, wenn auch das Herz von Tränen überfließt! Jeden Weg findet sie selbst, zwischen Gefahren versteht sie kriechend sich durchzuschlängeln und ihren schlauen Willen zu erreichen! Manchmal erreicht sie auch wohl mit dem Verstande was sie will, wenn aber nicht – dann berückt sie mit ihrer Schönheit, und verwirrt mit ihrem dunklen Auge! Schönheit bricht die Kraft, und wenn das Herz auch von Eisen ist – sie zerspellt es mit ihrer Macht! Ob auch Leid und Sorge deiner harrt? Schwer ist Menschenleid! Doch nicht schwache Herzen werden von ihm heimgesucht. Das Unglück sucht sich, wenn es kommt, ein starkes Herz zum Wohnsitz aus, aus dem dann im stillen, aller Welt verborgen, manch blutige Träne rinnt, bösen Leuten ein Schaustück. Dein Leid aber, Mädchen, ist wie die Spur im Sande, die der Regen verwischt, die Sonne trocknet und der frische Wind verweht! Laß mich dir noch mehr sagen, dir wahrsagen: wer dich lieben wird, zu dem wirst du als Sklavin gehen, wirst selbst deinen Willen und deine Freiheit binden und ihm hingeben als Pfand und auch nie mehr zurückverlangen; wirst es nicht verstehen, zur rechten Zeit deine Liebe zu vergessen; ein Körnchen legst du hin und dein Verderber läßt es zur vollen Ähre wachsen und behält alles! Mein zärtliches Kind, mein Goldköpfchen, hast in meinem Wein dein Tränenperlchen begraben und dann doch nicht widerstanden und darüber gleich hundert andere vergossen, hast ein schönes Wort gesagt, dich an ihm berauscht und auf dein Leid gepocht. Doch ob deines Tränchens, des himmlischen Tautropfens, wirst du dich nicht zu grämen, wirst nicht zu trauern brauchen! Es wird dir in Überfluß wiedergegeben, und mit Wucherzinsen, dein Tränenperlchen, warte nur, in langer Nacht, in trauriger Nacht, wenn böser Kummer an deinem Herzen nagen wird und ein arger Gedanke – dann wird auf dein heißes Herz, für dies selbe Tränchen, eines anderen Träne fallen, eine blutige, nicht warme oder heiße, sondern eine glühende, wie von flüssigem Erz, und die wird dir deine weiße Brust blutig brennen, und bis zum Morgen, dem trüben, düsteren, wie er an Regentagen graut, wirst du dich auf deiner Lagerstätte wälzen und aus der frischen Wunde wirst du purpurnes Blut vergießen und nimmer wird dir diese Wunde bis zum vollen Morgen verheilen! Schenke mir noch ein, Katherina, schenke mir ein, meine Taube, für den klugen Rat! – weiter aber, denke ich, sind keine Worte mehr vonnöten ...“

Seine Stimme sank und bebte: es war, als wolle ein Schluchzen aus seiner Brust hervorbrechen ... Er schenkte sich selbst den Wein ein und stürzte ihn gierig hinab; dann klopfte er wieder mit dem Becher auf den Tisch. Sein trüber Blick flammte noch einmal auf.

„Ach! Lebe, wie es sich leben läßt!“ rief er, „was vorüber ist, ist vorüber! Schenk mir ein, schenk mir noch einmal ein, noch einmal, und ganz voll, bis zum Rande, damit der Wein den wilden Kopf von den Schultern nimmt und die Seele in ihm ertränkt! Schläfere mich ein für die lange Nacht, der kein Morgen folgt, auf daß das Gedächtnis mir völlig schwinde! Getrunkener Wein ist wie verlebtes Leben! Da muß doch dem Kaufmann die Ware liegen geblieben sein, wenn er sie umsonst aus der Hand gibt! Würde er sie doch sonst nicht aus freiem Willen unter dem Preise hingeben, würde auch der Feinde Blut vergießen, auch unschuldig Blut würde fließen und auf den Kauf würde jener Käufer obendrein noch seine verlorene Seele hergeben müssen! Schenk ein, schenk mir noch ein, Katherina!“

Doch seine Hand, die den silbernen Becher hielt, schien plötzlich wie im Krampf zu erstarren und rührte sich nicht mehr. Er atmete schwer und mühsam, sein Kopf sank unwillkürlich auf die Brust. Noch einmal richtete er den Blick starr auf Ordynoff, als wolle er ihn zum letztenmal durchbohren, aber auch dieser Blick erlosch endlich und seine Lider senkten sich, als wären sie bleischwer. Tödliche Blässe breitete sich über sein Antlitz ... Ein paarmal zuckten noch seine Lippen und bewegten sich, als wollten sie etwas sagen – und plötzlich glänzte eine große heiße Träne an seinen Wimpern, hing, löste sich und rollte langsam über seine bleiche Wange herab ... Ordynoff hatte nicht mehr die Kraft, noch länger dies alles zu ertragen. Er erhob sich, trat schwankend einen Schritt vor, näherte sich Katherina und faßte sie am Arme; sie aber hatte nicht einmal einen Blick für ihn, und tat, als bemerke sie ihn überhaupt nicht ...

Es war, als verließe sie gleichfalls die Besinnung, als hielte ein besonderer Gedanke sie in seinem Bann oder als sei sie von einem einzigen starren Gedanken erfüllt. Sie sank an die Brust des schlafenden Alten, schlang ihren weißen Arm um seinen Hals und sah ihn regungslos an, als könne sie den Blick nicht losreißen von ihm. Sie fühlte es wohl gar nicht, als Ordynoff ihren Arm erfaßte. Erst nach einer Weile hob sie den Kopf und wandte das Gesicht ihm zu und sah ihn mit einem langen durchdringenden Blick an. Und dann rang sich, als begreife sie endlich, ein schweres, verwundertes Lächeln gleichsam mühselig, wie mit Schmerz aus ihrem Innersten hervor und erschien auf ihren Lippen ...

„Geh, geh fort,“ flüsterte sie, „du bist betrunken und böse! Du bist mir ein schlechter Gast!“ Und sie wandte sich wieder dem Alten zu und wieder hing ihr Blick wie gebannt an seinen Zügen.

Sie schien jeden Atemzug des Schlafenden zu bewachen, schien seinen Schlaf mit ihrem Blick liebkosen zu wollen. Ja, sie schien sogar ihren eigenen Atem zurückzuhalten, als wage sie kaum, ihr Herz schlagen zu lassen. In ihrem Gesicht, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche Liebesverzückung, daß Ordynoff plötzlich von Verzweiflung, Wut, Zorn und rasendem Haß übermannt wurde ...

„Katherina! Katherina!“ rief er, wie mit Klammern ihren Arm umspannend.

Schmerz sprach aus ihrem Gesicht: sie erhob wieder den Kopf und sah ihn an, doch diesmal mit solch einem Spott und solch schamloser Verachtung, daß er sie anstarrte, ohne fassen zu können, was er sah. Sie wies auf den schlafenden Alten und sah – als wäre der ganze Hohn seines Feindes in ihre Augen übergegangen – sah mit einem Blick zu Ordynoff auf, unter dem in seinem Inneren irgend etwas mit schneidendem Schmerz zerriß und von dem es ihn mit Eiseskälte überlief.

„Was? er wird mich ermorden, meinst du?“ stieß Ordynoff hervor, außer sich vor Wut.

Und als hätte ihm ein Dämon etwas ins Ohr geflüstert – begriff er sie plötzlich ... und sein ganzes Herz lachte gellend dazu.

„So werde ich dich denn kaufen, du Schöne, von deinem Kaufmann, wenn du meine Seele verlangst! Sei ruhig, nicht er wird morden! ...“

Das starre Lachen, das nicht aus ihrem Gesicht wich, wurde ihm fürchterlich. Der grenzenlose Hohn ihres Spottlächelns marterte ihm das Herz. Er wußte nicht mehr, was in ihm vorging, und was er fast mechanisch tat: er stützte sich an die Wand und nahm von einem Nagel einen altertümlichen kostbaren Dolch. Ein Ausdruck wie Verwunderung glitt über Katherinas Züge; zugleich jedoch trat der Ausdruck von Haß und Verachtung mit solcher Stärke in ihre Augen, daß er alles andere darüber vergessen ließ. Ordynoff sah sie an und ihm schwindelte ... Es war ihm, als zerre jemand an seiner Hand, die sich zu einer unsinnigen Tat erheben wollte, und als sei ein fremder Trieb in ihr. Er zog das Messer aus der Scheide ... Katherina folgte regungslos, wie in atemloser Spannung, seiner Bewegung ...

Er sah auf den Alten ...

Da schien es ihm plötzlich, als ob ein Augenlid des Alten sich langsam hebe und als ob durch die Wimpern, lauernd, ein Auge ihn lächelnd ansehe. Ihre Blicke begegneten einander, Auge ruhte in Auge. Minutenlang sah Ordynoff ihn an, ohne zu zucken ... Plötzlich aber schien es ihm, daß das ganze Gesicht des Alten lache und ein teuflisches Gelächter, das ihn eisig überlief und erstarren machte, im Zimmer erschallte. Ein scheußlicher nachtschwarzer Gedanke kroch wie eine Schlange durch sein Gehirn. Er erzitterte: das Messer entfiel seiner Hand und klirrte auf die Diele. Katherina schrie auf, wie aus einem Traume erwachend, wie nach einem furchtbaren Alb, und doch noch im Bann des Schreckbildes ... Der Alte erhob sich langsam, mit bleichem Gesicht, und stieß voll Ingrimm mit dem Fuß das Messer in die Ecke des Zimmers. Katherina stand totenblaß neben dem Bett und rührte sich nicht. Ihre Augen schlossen sich; ein dumpfer, unerträglicher Schmerz drückte sich in ihren Zügen aus; sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und mit einem erschütternden Aufschrei warf sie sich dem Alten zu Füßen ...

„Aljoscha! Aljoscha!“ rang es sich in äußerster Verzweiflung aus ihrer Seele.

Der Alte umfing sie mit seinen mächtigen Armen und erdrückte sie fast an seiner Brust. Als sie aber ihren Kopf so an ihn schmiegte, da lachte jeder Zug, jede Runzel im Gesicht des Alten ein so schamloses, entblößtes nacktes Lachen, daß Ordynoff nur fühlte, wie kaltes Entsetzen ihn ergriff. Betrug, Berechnung, eifersüchtige Tyrannei und Vergewaltigung dieses armen, dieses zerrissenen Herzens – das war es, was er an dem schamlosen Lachen begriff.

„Wahnsinnige!“ flüsterte er erschauernd, von Entsetzen geschüttelt, und stürzte hinaus.

VI.

Als Ordynoff am nächsten Morgen, noch blaß und erregt von dem Erlebnis der Nacht, gegen acht Uhr bei Jaroslaw Iljitsch eintrat – zu dem er übrigens aus einem ihm selbst völlig unklaren Grunde gegangen war – blieb er starr vor Überraschung auf der Schwelle stehen: denn im Zimmer erblickte er – Murin. Der Alte war noch bleicher als Ordynoff und schien sich vor Krankheit kaum auf den Füßen halten zu können, weigerte sich jedoch, trotz aller Aufforderungen Jaroslaw Iljitschs, der über den Besuch offenbar sehr erfreut war, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als Jaroslaw Iljitsch Ordynoff erblickte, entfuhr ihm ein Ausruf freudiger Überraschung, doch schon im nächsten Augenblick wich seine Freude einer recht merkbaren Verwirrung, die ihn ganz plötzlich überkam, so daß er mitten auf dem Wege zum nächsten Stuhl, den er wohl Ordynoff hatte anbieten wollen, ratlos stehen blieb. Man sah es ihm an, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte und daß er es zugleich als unpassend empfand, in dieser schwierigen Lage seine türkische Pfeife weiter zu rauchen. Trotzdem aber – so groß war seine Verwirrung – zog er in vollen Zügen den Rauch aus seinem Pfeifenrohr und zwar noch viel häufiger und heftiger, als es sonst seine Art war. Inzwischen trat Ordynoff ins Zimmer. Er warf einen flüchtigen Blick auf Murin und bemerkte in dessen Gesicht etwas Ähnliches wie das boshafte Lächeln vom letzten Abend, das Ordynoff auch jetzt wieder erbeben machte vor Wut und Empörung. Übrigens verschwand alles Feindliche sofort aus Murins Zügen und sein Gesicht nahm den Ausdruck vollständiger Verschlossenheit und Gelassenheit an. Langsam machte er eine sehr tiefe Verbeugung vor seinem Mieter ... Diese kurze Szene hatte indes das Gute, daß sie Ordynoff vollends zur Besinnung brachte. Er sah Jaroslaw Iljitsch mit scharfem Blick aufmerksam an, wie um aus dessen Antlitz sich Aufschluß über den Sachverhalt zu verschaffen. Jaroslaw Iljitsch freilich schien dieser forschende Blick äußerst peinlich zu sein.

„Aber ich bitte Sie, treten Sie doch näher, teuerster Wassilij Michailowitsch,“ brachte er endlich verwirrt hervor, „ich bitte Sie dringend, beehren Sie mich mit Ihrem Besuch ... Geben Sie diesen meinen einfachen Sachen hier ... die Weihe, indem Sie ihnen, wie gesagt, die Ehre antun ... wie gesagt ...“

Jaroslaw Iljitsch geriet mit seinen Gedanken und Worten in einige Unordnung, verlor den Faden, wurde bis über die Ohren rot vor Verwirrung und auch vor Ärger darüber, daß die schöne Phrase mißlungen war und daß er sie somit umsonst ausgespielt, sie für immer verdorben hatte. Mit Gepolter rückte er deshalb einen Stuhl bis mitten ins Zimmer.

„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Jaroslaw Iljitsch, ich wollte nur ...“

„Aber ich bitte Sie! Sie und mich aufhalten – Wassilij Michailowitsch! ... Doch – nicht wahr – ein Glas Tee? He! Bedienung! ... Und Sie, versteht sich, werden doch auch nicht ein Glas ablehnen!“

Murin nickte nur mit dem Kopf, wodurch er wohl zu verstehen gab, daß er das Angebot ganz selbstverständlich fand.

Jaroslaw Iljitsch schnauzte zunächst den eingetretenen Diener wegen seiner angeblichen Saumseligkeit an und bestellte dann in strengem Tone noch drei Glas Tee, worauf er sich auf den nächsten Stuhl neben Ordynoff niederließ. Nachdem er sich gesetzt, drehte er den Kopf wie eine Pappkatze bald nach rechts, bald nach links, sah von Murin zu Ordynoff und von Ordynoff zu Murin. Seine Lage war keineswegs angenehm. Offenbar wollte er etwas sagen, etwas vielleicht äußerst Kitzliges, wenigstens für den einen Teil; doch ungeachtet aller seiner Gedankenanstrengungen brachte er nichts über die Lippen ... Ordynoff schien auch nicht recht zu wissen, was er sagen, und noch viel weniger, was er denken sollte. Es gab einen Augenblick, wo sie plötzlich beide zugleich anfangen wollten. ... Währenddessen hatte der schweigsame Murin Zeit, sie aufmerksam zu beobachten und in sein Gesicht wieder den Ausdruck der Ruhe zu bringen ...

„Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen,“ begann plötzlich Ordynoff, „daß ich mich infolge eines unangenehmen Zwischenfalls gezwungen sehe, meine Wohnung zu verlassen, und ...“

„Ja denken Sie sich!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch. „Ich war, offen gestanden, baff, als mir dieser ehrenwerte Mann hier von Ihrem Entschluß Mitteilung machte. Aber ...“

„Wie, er hat es Ihnen bereits mitgeteilt?“ fragte Ordynoff verwundert, und blickte auf Murin.

Dieser strich sich über den Bart und lächelte vor sich hin.

„Ja, was sagen Sie dazu!“ fuhr Jaroslaw Iljitsch fort. „Übrigens – oder habe ich da vielleicht was mißverstanden? Jedenfalls muß ich sagen, daß – ich versichere Sie bei meiner Ehre! – daß in seinen Worten auch nicht der Schatten einer Sie kränkenden Äußerung enthalten gewesen ist ...“

Und Jaroslaw Iljitsch errötete hierbei und vermochte nur mit Mühe seine Erregung niederzuhalten. Murin, der sich an der Verwirrung Jaroslaw Iljitschs und seines Gastes inzwischen genugsam ergötzt zu haben schien, hielt es nun wohl für angemessen, auch mit der Sprache herauszurücken, und trat einen Schritt vor.

„Ich habe dieserhalb, Euer Wohlgeboren,“ begann er langsam, sich nach Bauernart vor Ordynoff verneigend, „Eure Wohlgeboren zu belästigen gewagt. Es ist nun mal so, Herr, es kommt schon so heraus – Sie wissen doch selber: wir – wollte sagen ich und meine Hausfrau – wir wären ja mehr als froh und würden auch kein Wort dawider reden ... Aber – was soll man da viel sagen – was hab’ ich denn für eine Wohnung, das wissen und sehen Sie doch selbst, Herr! Und was haben wir denn überhaupt – grad nur so viel, daß man satt wird, wofür wir denn auch genugsam dem Schöpfer danken und zu ihm beten, und ihn bitten, er möge uns seine Gnade auch fernerhin in diesem Maße zuteil werden lassen. Aber sonst, Herr, Sie sehen doch selbst, wie’s ist, was soll man da viel reden?“ Und Murin wischte sich nach echter Bauernart mit dem Ärmel ruhig den Bart.

Ordynoff fühlte nur, wie ihn Ekel erfaßte.

„Ja, es ist wahr, ich habe Ihnen auch schon von ihm erzählt: er ist krank, tatsächlich, ce malheur ... das heißt, Verzeihung, ich wollte ... ich beherrsche die französische Sprache nicht vollkommen, aber wie gesagt ...“

„Ja, wie ...“

„Ja eben, wie gesagt ... das heißt ...“

Ordynoff und Jaroslaw Iljitsch machten sich gegenseitig so etwas wie eine halbe Verbeugung, natürlich ohne sich deshalb von den Stühlen zu erheben, und Jaroslaw Iljitsch suchte das entstandene kleine Mißverständnis mit einem entschuldigenden Lachen zu verwischen, fuhr jedoch sogleich wieder fort:

„Übrigens habe ich mich soeben ausführlich bei ihm erkundigt, und wie er mir erklärte – und ich glaube ihm, da ich ihn als Ehrenmann kenne, aufs Wort! – daß die Krankheit jenes ... jungen Weibes ...“

Hier sah der gewissenhafte Jaroslaw Iljitsch – vermutlich um einen kleinen Zweifel zu beseitigen, der sich wieder auf Murins Gesicht gezeigt hatte, mit fragendem Blick zu ihm auf.

„Nun ja, unserer Hausfrau ...“

Der zartfühlende Jaroslaw Iljitsch begnügte sich sogleich mit der ihm zuteil gewordenen Erklärung und fuhr schnell fort:

„... Ihrer Hausfrau – das heißt, jetzt ist sie es ja nicht mehr, aber sie war es – also Ihrer ... das heißt, pardon, ich weiß nicht ... nun ja! Sehen Sie, sie ist eben krank und dem müssen Sie Rechnung tragen. Sie sagt, sie störe Sie ... in Ihrer Beschäftigung, und auch er ... Sie haben mir nämlich einen wichtigen Zwischenfall verschwiegen, Wassilij Michailowitsch!“

„Welch einen?“

„Ja – das mit der Flinte,“ sagte in der schonendsten Weise flüsternd Jaroslaw Iljitsch, wobei nur ein verschwindender Bruchteil, höchstens ein Milliontel eines Vorwurfs aus dem zart-freundschaftlichen Tonfall seiner Tenorstimme herauszuhören war.

„Aber,“ fügte er schnell hinzu, „jetzt, wo ich alles weiß – er hat mir nämlich den ganzen Vorgang erzählt – kann ich Ihnen nur sagen, daß es von Ihnen höchst anständig und anerkennenswert war, ihm seine unbedachte Tat zu verzeihen. Ich schwöre Ihnen, ich sah Tränen in seinen Augen, als er davon sprach! ...“

Jaroslaw Iljitsch errötete wieder ein wenig; seine Augen glänzten und er rückte zufrieden seinen Stuhl und sich selbst etwas von der alten Stelle.

„Ich, wollte sagen, wir, Herr, Euer Wohlgeboren, will sagen ich und meine Hausfrau, wie beten wir für Euch zu Gott,“ begann wieder Murin, sich an Ordynoff wendend – während Jaroslaw Iljitsch noch wie gewöhnlich seine Erregung niederkämpfte – und er sah ihn dabei unverwandt an, „aber Ihr wißt doch selbst, Herr, sie ist ein krankes, dummes Weib; und mich wollen die Füße auch nicht so recht mehr tragen ...“

„Aber ich bitte Sie,“ unterbrach ihn Ordynoff ungeduldig, „ich bin ja bereit, meinetwegen sofort! ...“

„Nein, Herr, will sagen, wir wären ja mit Verlaub, mit Euer Wohlgeboren mehr als zufrieden.“ (Murin verbeugte sich wieder äußerst tief.) „Ich, Herr, ich rede nicht davon; ich wollte nur ein Wort noch sagen – sie ist doch, Herr, fast verwandt mit mir, wenn auch nicht nah, sondern nur so wie man beispielsweise zu sagen pflegt, etwa durch sieben Scheffel Erbsen, will sagen, Euer Wohlgeboren mögen uns unsere einfache Ausdrucksweise zugute halten, wir sind niedrige Leute – aber sie ist ja schon von Kindheit an so! Eigenwillig, im Walde aufgewachsen, nur unter den Barkenknechten und Fabrikarbeitern. Und da brannte dann noch das Haus nieder; und ihre Mutter, Herr, verbrannte; und auch der Vater verbrannte – aber sie selbst, Herr, erzählt das doch Gott weiß wie ... Ich will ihr nur nicht widersprechen, aber in Moskau haben die größten Ärzte sie untersucht, ein ganzes Kon... Konsilium, wie sie sagen ... doch nichts war zu machen, Herr, sie ist ganz unheilbar, das ist es! Ich allein bin ihr noch geblieben, und so lebt sie denn bei mir ... will sagen, so leben wir denn beide, beten zu Gott und hoffen auf seine Allmacht; sonst aber – mag sie reden, was sie will, ich widerspreche ihr schon gar nicht mehr ...“

Ordynoff erbleichte. Jaroslaw Iljitsch sah wieder bald den einen, bald den anderen an.

„Aber ich wollte nicht davon reden, Herr ... nein!“ fuhr Murin fort und schüttelte ernst das Haupt. „Sie ist nun einmal so, will sagen, von so heißblütigem Schlage, das Köpfchen stürmisch, liebevoll und liebebedürftig, ist wie’n Wirbelwind, hat alleweil Verlangen nach einem lieben Freunde, will immer – wenn ich mit Verlaub Euer Gnaden so sagen darf –, daß man ihrem Herzen einen Geliebten gebe; das ist eben ihre Verrücktheit. So erzähle ich ihr denn Märchen, um sie abzulenken und zu zerstreuen. Das ist nun mal so. Aber ich hab’ ja doch, Herr, gesehen, wie sie – verzeiht schon, Herr, mein dummes Wort,“ entschuldigte Murin sich mit einer Verbeugung und indem er wieder mit dem Ärmel den Bart vom Munde nach links und rechts wischte, „wie sie beispielsweise mit Euer Gnaden näher bekannt geworden ist, will sagen, um beispielsweise zu reden, daß Sie, halten zu Gnaden, beispielsweise bezüglich der Liebe sich ihr zu nähern wünschten ...“

Jaroslaw Iljitsch wurde feuerrot und blickte vorwurfsvoll auf Murin. Ordynoff bezwang sich so weit, daß er äußerlich ruhig auf seinem Stuhl sitzen blieb.

„Nein ... will sagen, ich, Herr, ich wollte nicht davon reden ... ich bin, halten zu Gnaden, nur ein einfacher Bauer, Herr ... wir sind niedrige Leute, sind unwissend und ungebildet, Herr, sind Eure Diener.“ Er machte wieder eine tiefe Verbeugung. „Und wie werden wir, ich und mein Weib, für Euer Gnaden beten! ... Worüber hätten wir auch zu klagen? – wenn man nur immer satt wird und gesund bleibt, dann ist man schon zufrieden. Aber was soll ich denn, Herr, tun? – soll ich freiwillig den Kopf in die Schlinge stecken! Ihr wißt doch, Herr, das ist eine Lebensfrage, habt Mitleid mit uns, das würde ja sein wie mit einem Liebhaber! ... Halten zu Gnaden, Herr, mein grobes Wort ... bin ein Bauer und Ihr seid ein Herr ... Aber Euer Gnaden sind eben ein junger, stolzer, heißer Mensch, sie aber, Herr, Ihr wißt doch selbst, ist noch ein Kind, jung und unvernünftig – wie weit ist es denn da mit ihr bis zur Sünde! Sie ist ja gewiß ein frisches, rosiges, liebes Weib, und mich Alten plagt immer die Krankheit. Nun was? Wie man sieht, muß der Teufel Euer Gnaden schon arg umgarnt haben! Ich zerstreue sie schon immer mit Märchen und ähnlichen Geschichten, zerstreue sie wirklich! ... Und wie wir für Euer Gnaden beten würden! will sagen, wirklich von Herzensgrunde! ... Und was finden denn Euer Gnaden an ihr? Wenn sie auch schön ist, sie bleibt doch eine Bäuerin, ein einfaches Weib, das zu mir, dem einfachen Bauern paßt! Euch aber, Herr, steht es doch nicht an, sich mit Bäuerinnen abzugeben! Und wie wir doch für Euer Gnaden beten werden, wirklich von Herzensgrunde! ...“

Und Murin neigte sich von neuem tief, tief und blieb lange in dieser untertänigst ergebenen Stellung, während er zugleich unausgesetzt mit dem Ärmel den Bart vom Munde zu den Seiten strich. Jaroslaw Iljitsch wußte kaum noch, wo er sich lassen sollte.

„Ja ... tja, der gute Mann,“ begann er, nur so, um etwas zu sagen, „erzählte mir da auch so einiges ... wie gesagt, es scheint eben doch nicht so weiter zu gehen. Nur, bitte, denken Sie deshalb nicht, bester Wassilij Michailowitsch, daß ich mir da ... vielleicht irgendwelche Gedanken zu machen erlaube! ... Wie gesagt,“ unterbrach er sich schnell, „ich hörte, Sie seien noch immer krank?“ fragte er teilnehmend und sah Ordynoff vor lauter Verlegenheit mit förmlich bittendem Blick an.

„Wie viel bin ich Ihnen schuldig?“ fragte Ordynoff schnell, sich an Murin wendend.

„Wie denn, Herr! Wir sind doch keine Räuber! Euer Gnaden werden uns doch nicht beleidigen wollen! Nein, Herr, Euer Wohlgeboren sollten sich schämen, – wodurch haben wir denn Euer Gnaden gekränkt? Ich bitte!“

„Aber ... einstweilen – erlauben Sie mal, mein Freund: so geht das doch auch nicht! Er war immerhin Ihr Mieter – ja, fühlen Sie denn nicht, daß umgekehrt Sie ihn durch Ihre Weigerung, eine Entschädigung dafür anzunehmen, empfindlich kränken, ja gewissermaßen sogar beleidigen?“ legte sich Jaroslaw Iljitsch ins Mittel, da er es für seine Pflicht hielt, Murin die peinliche Seite seiner Handlungsweise zu Bewußtsein zu bringen.

„Aber ich bitte, Herr! Wie kommen Euer Wohlgeboren nur darauf? Erbarmen Sie sich! Inwiefern sind wir denn Eurer Ehre zu nahe getreten? Haben uns doch redlich und weidlich bemüht, alles zu tun, was in unseren Kräften steht! Laßt es gut sein, Herr, Gott verzeihe Euch! Sind wir denn Heiden oder Wegelagerer? Wir hätten ja nichts dawider, mag er bei uns leben, unser einfaches Essen mit uns teilen und es zur Gesundheit verzehren, – mag er, mag er – wir würden ja nichts dawider sagen und ... kein Wort reden; aber da hat nun der Teufel seine Hand im Spiel, ich bin ein kranker Mensch und auch sie ist ein krankes Weib – was soll man da tun! Es ist niemand zum Bedienen da, sonst aber wären wir ja von Herzen froh. Und wie wir doch für Euer Gnaden, Herr, beten werden, will sagen, wie inbrünstig beten!“

Murin neigte sich wieder tief vor Ordynoff. Jaroslaw Iljitsch war vor lauter Anteilnahme geradezu gerührt und wandte seinen Blick fast stolz Ordynoff zu.

„Was sagen Sie dazu, ist das nicht ein edler Zug!“ rief er begeistert aus. „Ist es nicht ein heiliges Gefühl der Gastfreundschaft, das in unserem russischen Volke schlummert!“

Ordynoff sah ihn wild an und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit einem Blick, in dem fast Entsetzen sich ausdrückte.

„Ja, so ist es wirklich, Herr, Gastfreundschaft ist uns heilig, und wie!“ bestätigte Murin, und wieder wischte der Ärmel den Bart vom Munde nach links und rechts, „und da kommt mir soeben ein Gedanke: der Herr war bei uns eben nur zu Gast, bei Gott, nur zu Gaste,“ fuhr er fort, indem er sich Ordynoff näherte, „und es wäre ja alles gut, Herr, – nun, beispielsweise einen Tag, sagen wir, noch einen – ich würde ja wirklich nichts dawider haben. Aber die Sünde verführt, und meine Hausfrau ist nun einmal nicht ganz gesund. Ja, wenn sie nicht wäre! – will sagen, wenn ich beispielsweise allein leben würde! – oh, wie würde ich da Euer Gnaden dienen und alles zu Gefallen tun! – will sagen, das steht ja ganz außer Frage! Wen sollten wir denn achten, wenn nicht Euer Gnaden? Und ich würde Euch schon gesund machen, Herr, wirklich, ich kenne ein Mittel ... Nur zu Gaste seid Ihr bei uns gewesen, Herr, bei Gott, da habt Ihr mein Wort darauf, wirklich nur zu Gaste! ...“

„Nein in der Tat, gibt es nicht ein solches Mittel?“ bemerkte Jaroslaw Iljitsch ... brach aber kurz ab und wandte sich schleunigst zur Seite.

Ordynoff hatte ihm entschieden unrecht getan, als er ihn mit so wilder Verwunderung maß.

Jaroslaw Iljitsch war natürlich einer der ehrlichsten und anständigsten Menschen, doch jetzt, wo er endlich alles begriffen hatte, war seine Lage allerdings eine äußerst schwierige. Er wollte, wie man so sagt, einfach bersten vor Lachen! Wäre er mit Ordynoff allein gewesen, so hätte er sich selbstverständlich (zwei so gute Freunde unter sich!) nicht bezwungen und sich rückhaltlos dem Ausbruch seiner Heiterkeit hingegeben. Jedenfalls hätte er, eben wie ein im Grunde anständiger Kerl, voll Mitempfinden Ordynoff die Hand gedrückt, hätte ihm aufrichtig und wahrheitsgemäß versichert, daß er ihn nun noch doppelt achte und es unter allen Umständen verzeihlich finde, daß usw. ... Jugend bliebe eben Jugend. Doch in Murins Gegenwart war das natürlich ausgeschlossen: und so befand er sich denn in einer so peinlichen Lage, daß er nicht wußte, wohin er mit sich sollte ...

„Ein Mittel, will sagen, ein Heilmittel,“ versetzte Murin, dessen ganzes Gesicht nach dem ungeschickten Zwischenruf Jaroslaw Iljitschs ins Zucken geriet.

„Ich, Herr, ich würde in meiner Dummheit, das heißt, bei meinem bäuerischen Unverstand, nur das sagen,“ fuhr er fort, wieder einen Schritt näher tretend: „Bücher, Herr, habt Ihr arg viel gelesen; ich sage auch: klug seid Ihr sehr, seid sogar arg klug geworden und Euer Verstand ist arg gewachsen; aber nun, wie man bei uns Bauern zu sagen pflegt, nun ist der Verstand da angelangt, wo er stille steht ...“

„Genug! hören Sie auf!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch in strengem Ton.

„Ich gehe,“ sagte Ordynoff. „Ich danke Ihnen, Jaroslaw Iljitsch. Gewiß, gewiß, ich werde Sie besuchen, nächstens,“ versprach er noch schnell, der Aufforderung zuvorkommend, da sie schon in der Gebärde lag, mit der ihn Jaroslaw Iljitsch zurückzuhalten suchte. „Leben Sie wohl ...“

Ordynoff hörte nichts mehr. Halb wahnsinnig verließ er das Zimmer.

Er war wie zerschlagen und alles Denken war in ihm erstarrt. Er hatte eigentlich nur die dumpfe Empfindung seiner Krankheit, doch zugleich erfaßte ihn eine kalte Verzweiflung, die ihn den einen, kaum bewußt gefühlten Schmerz in der Brust vergessen ließ. Er dachte an den Tod, dachte, daß es das beste wäre, jetzt schnell zu sterben. Seine Füße versagten ihm den Dienst und er setzte sich auf eine Bank an einem Zaun, ohne den Vorübergehenden irgendwelche Beachtung zu schenken: allen den Leuten, die sich nach und nach um ihn zu versammeln begannen, ihn teils neugierig und mitleidig betrachteten, teils Fragen an ihn stellten und sich besorgt ereiferten. Da vernahm er plötzlich durch das Stimmengewirr Murins Stimme, die ihn wie aus einem Traum schreckte, und er sah auf. Der Alte stand neben ihm: sein bleiches Gesicht war ernst und nachdenklich. Das war ein ganz anderer Mensch, als der, der sich bei Jaroslaw Iljitsch in so frecher Weise über ihn lustig gemacht hatte. Ordynoff erhob sich und Murin faßte ihn am Arm und führte ihn aus der Menge.

„Du mußt noch deine Habseligkeiten mitnehmen,“ sagte er, indem er Ordynoff flüchtig von der Seite ansah und seinen Arm wieder freigab. „Sei nicht traurig, Herr!“ versuchte er ihn zu ermuntern. „Du bist jung, wozu da trauern! ...“

Ordynoff schwieg.

„Bist gekränkt, Herr? Ärgerst dich also ... aber worüber denn? Jeder verteidigt sein Gut!“

„Ich kenne Sie nicht,“ stieß Ordynoff hervor, „und Ihre Geheimnisse gehen mich nichts an. Aber sie, sie!“ rief er, und Tränen entströmten seinen Augen und rollten über seine Wangen, doch der Wind trocknete sie schnell ... Ordynoff hob die Hand, wie um sie fortzuwischen. – Aber seine Geste, sein Blick, die unwillkürliche Bewegung seiner bebenden bläulichen Lippen – alles schien darauf hinzudeuten, daß sein Geist nicht lange mehr widerstandsfähig war und er dem Wahnsinn verfallen sein mochte.

„Ich habe dir doch schon erklärt,“ sagte Murin, die Brauen zusammenziehend, „sie ist eine Halbirrsinnige! Wodurch und wie sie irrsinnig wurde ... wozu brauchst du das zu wissen? Mir ist sie auch so – das, was sie mir ist! Ich habe sie liebgewonnen mehr als mein Leben und werde sie niemand abtreten. Begreifst du jetzt!“

In Ordynoffs Augen flammte es auf.

„Aber warum,“ stieß er hervor, „warum ist mir denn nun, als hätte ich mein Leben verloren? Warum schmerzt denn mein Herz? Warum mußte ich Katherina kennen lernen?“

„Warum?“ wiederholte Murin mit kurzem Auflachen, ward aber sogleich ernst und nachdenklich. „Ja, warum – das weiß ich auch nicht,“ murmelte er endlich. „Weibersinn ist schließlich kein Meeresgrund, erforschen kann man ihn schon, aber! ... Was sie wollen, das muß man ihnen geben – ob sie’s mit List, Beharrlichkeit oder Zähheit verlangen – aber geben muß man’s ihnen, als hätte man es nur aus der Tasche zu nehmen und hinzulegen. Da ist es denn wohl wahr, Herr, daß sie mit Ihnen von mir weggehen wollte,“ fuhr er nachdenklich fort. „Sie verschmähte den Alten, nachdem sie mit ihm alles erlebt, was man erleben kann! Da müssen Sie ihr anfangs arg in die Augen gestochen haben! Oder war’s nur so – ob Sie, ob ein anderer ... Ich verbiete ihr ja nichts, lasse ihr in allem ihren Willen. Und sollte sie Vogelmilch verlangen – ich verschaffe ihr auch Vogelmilch, werde selbst den Vogel erschaffen, wenn es einen solchen noch nicht gibt! Eitel ist sie! Nach Freiheit strebt sie und dabei weiß sie selbst nicht, was das Herz will. Und da hat es sich denn jetzt herausgestellt, daß es am besten doch wieder beim alten bleibt! Ach, Herr! Jung bist du, noch arg jung! Dein Herz ist heiß wie das Herz eines jungen Mädchens, das sich noch mit dem Ärmel die Tränen trocknet, wenn es sich vom Liebsten verlassen sieht. Höre, Herr, was ich dir sage: ein schwacher Mensch kann sich allein nicht halten! Gib ihm alles, was du willst – er wird dir freiwillig alles wieder zurückgeben, und wenn du ihm auch das halbe Erdreich schenkst und sagst: ‚Nimm und herrsche!‘ – was meinst du, was er tut? – in den Stiebel kriecht er und versteckt sich, so klein macht er sich! Und so ist es auch mit dem freien Willen: gibst du ihn ihm, dem schwachen Menschen, so wird er ihn selbst binden und ihn dir zurückgeben. Dummen Herzen nützt Freiheit nichts. Sie wissen damit nichts anzufangen. Ich sage dir das nur so – bist noch arg jung! Sonst aber – was gehst du mich an? Gekommen, gegangen – ob du oder ein anderer: bleibt sich gleich. Ich hab’s ja schon von Anfang an gewußt, wie es kommen würde. Sich widersetzen, das hilft da nichts. Kein Wort darf man dawider sprechen, wenn man sein Glück bewahren will. Es ist doch, Herr,“ fuhr Murin fort, in seiner Art zu philosophieren, „gewöhnlich alles nur so ... gesagt: bis zum Ausführen hat’s noch eine gute Weile. Aber schließlich – was kann nicht vorkommen? Im Zorn ist auch das Messer zur Hand, oder wenn nicht, dann geht es auch unbewaffnet mit den Zähnen dem Feinde an die Gurgel! Wird dir aber offen das Messer angeboten und dein Feind entblößt vor dir seine breite Brust – da wirst du wohl zurücktreten!“

Sie traten auf den Hof. Der Tatar, der sie schon von weitem hatte kommen sehen, nahm vor ihnen die Mütze ab und betrachtete Ordynoff mit listiger Neugier.

„Wo ist deine Mutter? Zu Haus?“ wandte sich Murin barsch an ihn.

„Zu Haus.“

„Sag ihr, daß sie seine Sachen herunterschleppen soll. Und auch du, marsch! rühr dich!“

Sie stiegen die Treppe hinauf. Die Alte, die bei Murin diente und die, was Ordynoff noch nicht gewußt hatte, die Mutter des Hausknechtes war, trug seine Habseligkeiten brummend zusammen und band sie in ein großes Bündel.

„Warte; ich bringe dir noch etwas, was dir gehört ...“

Murin ging in sein Zimmer, kam aber sogleich wieder zurück und händigte Ordynoff ein mit Seide und Perlen reich gesticktes Kissen ein, dasselbe, das Katherina ihm unter den Kopf gelegt hatte, als er krank wurde.

„Das schickt sie dir,“ sagte er. „Jetzt gehe mit Gott, aber sieh zu, daß du auf dich acht gibst,“ fügte er halblaut in väterlichem Tone hinzu, „sonst kann es schlimm werden.“

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