Der Doppelgänger
E. K. Rahsin translation
I.
Es war kurz vor acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakoff Petrowitsch Goljädkin nach langem Schlaf erwachte.
Er blinzelte zunächst nur ein wenig, gähnte verschlafen, streckte langsam die Glieder, und erst nach und nach öffnete er die Augen vollständig. Doch blieb er noch eine gute Weile regungslos in seinem Bett liegen, wie eben ein Mensch, der sich selbst noch nicht ganz klar darüber zu werden vermag, ob er nun wirklich schon erwacht und rings von Wirklichkeit umgeben ist, oder ob er noch schläft und nur ein Traumbild vor sich sieht. Bald jedoch klärten sich seine Sinne so weit, daß er mit besserem Bewußtsein und regerer Vernunft die geschauten Eindrücke in sich aufnehmen und in der Tat als bereits längst bekannte und ganz alltägliche Wirklichkeit erkennen konnte. Wohl vertraut blickten ihn die grünlichen, verräucherten und ewig bestaubten Wände seines kleinen Zimmers an, wohl vertraut seine rotbraune Kommode und die Stühle von derselben Farbe, wohlvertraut der rotbraune Tisch und der türkische Diwan mit dem in der Grundfarbe rötlichen, doch grüngeblümten Wachsleinwandbezug, und wohlvertraut schließlich auch die gestern abend in der Eile abgeworfenen Kleider, die in einem Haufen auf eben diesem Diwan lagen. Bei alledem sah auch noch der unfreundliche Herbsttag mit seinem trüben, fast schmutzig trüben Licht so griesgrämig und so mißvergnügt durch die grauen Fensterscheiben ins Zimmer, daß Herr Goljädkin unmöglich daran zweifeln konnte, daß er sich in keinem Wolkenkuckucksheim befand, sondern in Petersburg, in der Hauptstadt des russischen Reiches, und zwar in seiner eigenen Wohnung, in einem großen, vier Stockwerke hohen Hause, das an der Straße lag, die man die Schestilawotschnaja nennt. Nachdem er zu dieser wichtigen Erkenntnis gelangt war, schloß Herr Goljädkin, plötzlich vor Schreck zusammenzuckend, zunächst blitzschnell wieder die Augen, um, wenn möglich, weiterzuschlafen – ganz als wäre nichts geschehen. Doch hielt er diesen Zustand nicht lange aus, denn plötzlich – es war noch keine Minute vergangen – fuhr er von neuem auf und sprang diesmal sofort aus dem Bett, ganz als seien seine Gedanken endlich auf denjenigen Punkt gestoßen, um den sie bis dahin aus Mangel an jeglicher Ordnung in blinder Reihenfolge ergebnislos gekreist hatten.
Kaum war er nun aus dem Bett gesprungen, so war das erste, was er tat, daß er zu dem runden Spiegelchen stürzte, das auf der Kommode stand. Und obwohl das verschlafene Gesicht mit den kurzsichtigen Augen und dem ziemlich gelichteten Haupthaar, das ihm aus dem Spiegel entgegenschaute, von so unbedeutender Art war, daß es ganz entschieden sonst keines einzigen Menschen Aufmerksamkeit hätte fesseln können, schien der Besitzer desselben doch mit dem Erblickten sehr zufrieden zu sein.
„Das wäre was Nettes,“ murmelte Herr Goljädkin halblaut vor sich hin, „gerade was Nettes, wenn mir heute irgend etwas fehlen würde, wenn zum Beispiel irgend so etwas ... sagen wir, ein Pustelchen aufgekeimt wäre, oder eine ähnliche Unannehmlichkeit. Aber bis jetzt ist noch alles gut gegangen ... jawohl: vorläufig ist alles gut!“
Und damit setzte Herr Goljädkin, sehr erfreut über diese Feststellung, den Spiegel wieder auf die Kommode, worauf er selbst, obschon er noch barfuß und nur mit einem Hemde bekleidet war, zum Fenster eilte, um mit großer Neugier in den Hof hinabzuspähen. Offenbar wurde er durch das, was er dort unten erblickte, vollkommen zufriedengestellt, denn ein Lächeln erhellte sein Antlitz.
Dann – nachdem er zuvor noch einen Blick hinter die Scheidewand in die Kammer Petruschkas, seines „Kammerdieners“, geworfen und sich überzeugt hatte, daß Petruschka nicht anwesend war – schlich er leise zum Tisch, schloß das Schubfach auf, suchte im verborgensten Winkel dieses Schubfaches zwischen alten vergilbten Papieren und anderem Kram, bis er schließlich eine abgenutzte grüne Brieftasche zutage förderte, die er vorsichtig aufklappte, um ebenso vorsichtig und mit wonnevollem Entzücken und offenbarem Genuß in das geheimste Täschchen hineinzuspähen. Wahrscheinlich blickten auch die grünen und grauen und blauen und roten Papierchen, die sich darin befanden, ebenso freundlich und zustimmend Herrn Goljädkin an, wie er sie: wenigstens legte er die offene Tasche mit geradezu strahlender Miene vor sich auf den Tisch, worauf er sich zum Ausdruck seines Vergnügens kräftig die Hände rieb.
Endlich beugte er sich wieder über die Brieftasche und entnahm dem letzten und verborgensten Täschchen das ganze, ihn so ungemein erfreuende bunte Paketchen Papier, um zum hundertsten Male – bloß vom letzten Abend gerechnet – die Geldscheine nachzuzählen, wobei er jeden Schein gewissenhaft mit Daumen und Zeigefinger rieb, damit ihm nicht etwa zwei für einen durchgingen.
„Siebenhundertfünfzig Rubel in Papiergeld!“ murmelte er dann vor sich hin. „Siebenhundertfünfzig Rubel ... eine große Summe! Eine sehr annehmbare Summe,“ fuhr er mit bebender, vor Wonne ganz weich klingender Stimme in seinem Selbstgespräch fort, indem er das Paket mit den Geldscheinen in der geschlossenen Hand wog und bedeutsam dazu lächelte: „Sogar eine überaus annehmbare Summe! Sogar für einen jeden eine überaus annehmbare Summe! Ich wollte den Menschen sehen, für den diese Summe eine geringe Summe wäre! Eine solche Summe kann einen Menschen weit bringen ...“
„Aber was ist denn das?“ fuhr Herr Goljädkin aus seinem fröhlichen Gedankengang plötzlich auf, „wo ist denn mein Petruschka?“ Und er begab sich, immer noch ohne weitere Bekleidung, zum zweiten Male zur Scheidewand – doch Petruschka war auch diesmal in seiner Kammer nicht zu erblicken. Statt seiner stand dort nur der Samowar auf der Diele und brummte und ärgerte sich und kochte vor Wut, unter der unausgesetzten Drohung, jeden Augenblick überzulaufen, indem er mit heißestem Eifer in den Gutturallauten seiner sich überstürzenden und unverständlichen Sprache brodelnd und zischend Herrn Goljädkin sagen zu wollen schien: So nimm mich doch endlich, guter Mann, ich bin ja schon längst und vollkommen fertig und mehr wie bereit!
„Das ist doch des Teufels!“ dachte Herr Goljädkin, „diese faule Bestie kann einen Menschen ja um seine letzte Geduld bringen! Wo er sich nur wieder herumtreibt?!“
Und in gerechtem Unwillen öffnete er die Tür zum Vorzimmer – einem kleinen Korridor, aus dem eine Tür auf den Treppenflur führte – und erblickte dort seinen Diener, den eine stattliche Anzahl dienstbarer Geister, aus der Nachbarschaft und von der verschiedensten Art, eifrig umringte. Petruschka erzählte und die anderen hörten zu. Augenscheinlich mißfiel jedoch sowohl das Thema der Unterhaltung wie die Unterhaltung selbst Herrn Goljädkin nicht wenig. Er rief sogleich seinen Petruschka und kehrte nicht nur unzufrieden, sondern ordentlich aus dem Gleichgewicht gebracht in sein Zimmer zurück.
„Diese Bestie ist ja wahrhaftig bereit, für weniger als eine Kopeke einen Menschen zu verkaufen, um wieviel mehr noch seinen Brotherrn,“ dachte er bei sich, „und das hat er, oh, das hat er auch schon getan, ich wette, daß er’s getan hat! – Nun, was?“ wandte er sich an den eingetretenen Petruschka.
„Die Livree ist gebracht worden, Herr.“
„Dann zieh sie an und komm her.“
Petruschka tat, wie ihm befohlen, und erschien darauf mit einem dummen Grinsen wieder im Zimmer seines Herrn, diesmal in einem unbeschreiblich seltsamen Aufzuge.
Er trug einen grünen, bereits stark mitgenommenen Dienerfrack mit mehr als schadhaften goldenen Tressen, eine Livree, die für einen Menschen gemacht worden war, der mindestens um eine Elle länger sein mußte, als Petruschka.
In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Goldtressen und mit grünen Federn garnierten Hut, und an der Seite hing ihm ein Dienerschwert in einer ledernen Scheide.
Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt, daß Petruschka, der seiner ausgesprochenen Vorliebe für alles Bequeme zufolge fast nur im Negligee zu gehen pflegte, auch jetzt, trotz Hut und Schwert und Frack, barfuß erschienen war. Herr Goljädkin betrachtete seinen Petruschka von allen Seiten, schien aber zufriedengestellt zu sein. Die Livree war offenbar zu irgendeinem feierlichen Vorhaben gemietet worden. Auffallend war an Petruschka noch, daß er während der Musterung, deren ihn sein Herr unterzog, seltsam erwartungsvoll und mit größter Neugier jede Bewegung dieses seines Herrn verfolgte, was Herrn Goljädkin, der es merkte, geradezu befangen machte.
„Nun, und die Equipage?“
„Auch die Equipage ist gekommen.“
„Für den ganzen Tag?“
„Für den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.“
„Und auch die Stiefel sind gebracht worden?“
„Auch die Stiefel sind gebracht worden.“
„Esel! Kannst du nicht einfach jawohl sagen? Gib sie her!“
Nachdem Herr Goljädkin dann seine Zufriedenheit mit der Leistung des Schusters ausgedrückt hatte, wollte er Tee trinken, sich waschen und rasieren. Letzteres tat er sehr gewissenhaft, auch beim Waschen legte er viel Sorgfalt an den Tag, doch vom Tee trank er nur eilig im Vorübergehen, und dann machte er sich sofort an die weitere Bekleidung seiner Person. Zunächst zog er ein Paar fast nagelneuer Beinkleider an, dann ein Plätthemd mit Knöpfen, die ganz so aussahen, als wären sie von Gold, und eine Weste mit sehr grellen, aber netten Blümchen. Um den Hals band er sich eine bunte, seidene Krawatte, und zu guter Letzt zog er noch seinen Uniformrock an, der gleichfalls fast ganz neu und sorgfältig gebürstet war. Während des Ankleidens schaute er mehrmals mit liebevollen Blicken auf seine neuen Stiefel hinab, hob bald diesen, bald jenen Fuß, betrachtete mit Wohlgefallen die Form, und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, wobei sein beredtes Mienenspiel, das hier und da entfernt an ein Gesichterschneiden gemahnte, seinen Gedanken beifällig zustimmte. Übrigens war Herr Goljädkin an diesem Morgen sehr zerstreut, weshalb ihm denn auch das sonderbare Spiel der Mundwinkel und Augenbrauen Petruschkas, während ihm dieser beim Ankleiden behilflich war, völlig entging.
Als endlich alles getan, was zu tun war, und Herr Goljädkin vollständig angekleidet dastand, steckte er als Letztes noch seine Brieftasche in die Brusttasche, weidete sich nochmals am Anblick Petruschkas, der inzwischen Stiefel angezogen hatte und folglich gleichfalls vollständig angekleidet war –, und als er sich dann sagen mußte, daß „somit alles fertig“ sei und folglich kein Grund vorhanden, noch länger zu warten, wandte er sich eilig und geschäftig und mit einer leisen Herzensunruhe dem Ausgang zu und eilte die Treppe hinab. Eine hellblaue Mietsequipage mit eigentümlichem Wappen fuhr donnernd vom Hof unter den Torbogen und hielt vor der Treppe. Petruschka, der noch mit dem Kutscher und ein paar anderen Maulaffen schnell ein Augenzwinkern austauschte, klappte den Wagenschlag zu, rief mit einer ganz ungewohnten Stimme und kaum zurückgehaltenem Lachen „fahr zu!“ zum Kutscher hinauf, sprang selbst auf den Dienersitz hinten am Wagen – und dann rollte das Ganze donnernd und knatternd, wackelnd und klirrend über das holperige Steinpflaster unter dem Torbogen auf die Straße hinaus und weiter zum Newskij Prospekt.
Kaum hatte die hellblaue Equipage den Torbogen verlassen, als Herr Goljädkin sich auch schon geschwind die Hände rieb und sichtbar, doch unhörbar vor sich hinlachte, wie eben ein Mensch von heiterer Gemütsart, dem ein köstlicher Streich gelungen ist und der sich darüber selbst königlich freut, zu lachen pflegt. Übrigens schlug dieser Anfall von Lustigkeit sogleich in eine andere Stimmung um: das Lachen im Gesicht Herrn Goljädkins wich plötzlich einem eigentümlich besorgten Ausdruck.
Obgleich das Wetter feucht und trübe war, ließ er beide Fenster herab und begann vorsichtig nach den Vorübergehenden auszuschauen, um dann blitzschnell wieder eine sozusagen vornehme Miene aufzusetzen, sobald er bemerkte, daß jemand ihn ansah. An einer Straßenkreuzung – der Wagen bog gerade von der Liteinaja auf den Newskij Prospekt – zuckte er mit einem Male wie von einer höchst unangenehmen Empfindung zusammen, als wäre ihm jemand versehentlich auf ein Hühnerauge getreten, und zog sich schleunigst in den dunkelsten Winkel seiner Equipage zurück, in den er sich fast mit einem Angstgefühl hineindrückte. Die Ursache seines Schrecks war nichts anderes, als daß er plötzlich zwei junge Beamte erblickt hatte, die seine Kollegen waren. Zum Unglück hatten diese auch ihn erblickt und, wie es Herrn Goljädkin schien, in höchster Verwunderung angestarrt: als trauten sie ihren Augen nicht, ihren Kollegen in einem solchen Aufzuge zu sehen. Der eine von ihnen hatte sogar mit dem Finger nach ihm gewiesen. Ja, es schien Herrn Goljädkin, daß der andere ihn laut beim Namen angerufen habe, was doch auf der Straße entschieden unzulässig war. Doch unser Held versteckte sich und tat, als hätte er nichts gehört.
„Diese dummen Jungen!“ dachte er statt dessen bei sich selbst, „was ist denn da für eine Veranlassung, sich zu wundern? Ein Mensch in einer Equipage! Der Betreffende mußte eben einmal in einer Equipage fahren, und da hat er sich eine gemietet! Weshalb sich da aufregen? Aber ich kenne sie ja! – grüne Jungen, die noch versohlt werden müßten! Die haben nichts als Tingeltangel im Kopf! Wie sie sich amüsieren können, das ist ihr ganzer Lebensinhalt. Ich würde ihnen mal etwas sagen, etwas ...“
Herr Goljädkin stockte und erstarrte vor Schreck: rechts neben seiner Equipage war ein ihm merkwürdig bekanntes Paar feuriger Kasaner Pferde aufgetaucht, in blitzendem Geschirr vor einem eleganten offenen Wagen, der seine Equipage alsbald überholte. Der Herr aber, der im Wagen saß, und zufällig den gerade recht unvorsichtig zum Fenster hinausschauenden Kopf Herrn Goljädkins erblickte, war allem Anscheine nach gleichfalls höchlichst erstaunt über diese Begegnung, und indem er sich so weit als möglich vorbeugte, blickte er mit dem größten Interesse gerade nach jenem Winkel der Equipage, in den sich unser Held wieder schleunigst zurückgezogen hatte.
Der Herr im offenen Wagen war Staatsrat Andrej Philippowitsch, der Chef derselben Abteilung, der Herr Goljädkin angehörte. Herr Goljädkin sah und begriff sehr wohl, daß sein hoher Vorgesetzter ihn erkannt hatte, daß er ihm starr in die Augen sah, und ein Entrinnen oder Verstecken vollkommen ausgeschlossen war, und er fühlte, wie er unter seinem Blick bis über die Ohren errötete, doch –
„Soll ich grüßen, oder soll ich nicht?“ fragte sich unser Held trotzdem unentschlossen und in unbeschreiblich qualvoller Beklemmung, „soll ich ihn erkennen oder soll ich tun, als wäre ich gar nicht ich, sondern irgendein anderer, der mir nur zum Verwechseln ähnlich sieht? – und soll ich ihn ansehen, genau so, als läge gar nichts vor? – Jawohl, ich bin einfach nicht ich – und damit basta!“ beschloß Herr Goljädkin mit stockendem Herzschlag, ohne den Hut vor Andrej Philippowitsch zu ziehen und ohne seinen Blick von ihm wegzuwenden. „Ich ... ich, ich bin eben einfach gar nicht ich,“ dachte er unter Gefühlen, als müsse er auf der Stelle vergehen, „gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz anderer – und nichts weiter!“
Bald jedoch hatte der Wagen die Equipage überholt und damit war der Magnetismus, der in den Blicken des Gestrengen gelegen hatte, gebrochen. Freilich, Herr Goljädkin war immer noch feuerrot und lächelte und murmelte Unverständliches vor sich hin ...
„... Es war doch eine Dummheit von mir, nicht zu grüßen,“ sagte er sich endlich in besserer Erkenntnis, „ich hätte ganz ruhig und dreist handeln sollen, offen und anständig, – einfach: so und so, Andrej Philippowitsch, bin eben gleichfalls zu einem Diner geladen, sehen Sie!“
Und da leuchtete es ihm erst so recht ein, wie groß der Fehler war, den er begangen hatte: er wurde nochmals feuerrot, runzelte die Stirn und warf einen fürchterlichen und zugleich herausfordernden Blick nach dem Wagenwinkel ihm gegenüber, als wolle er mit diesem einen Blick auf der Stelle seine sämtlichen Feinde niederschmettern. Plötzlich aber kam ihm ein Gedanke – wie eine höhere Eingebung war es: er zog an der Schnur, die an den linken Arm des Kutschers gebunden war, ließ anhalten und befahl, nach der Liteinaja zurückzufahren. Herr Goljädkin empfand nämlich das dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung etwas sehr Wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch mitzuteilen. Er war freilich erst seit kurzer Zeit mit ihm bekannt – er hatte ihn erst in der vergangenen Woche zum erstenmal besucht, um in irgendeiner Angelegenheit seinen Rat einzuholen, aber ... der Arzt soll doch, wie man sagt, so etwas wie ein Beichtiger des Menschen sein, dessen Pflicht es ist, seinen Patienten zu kennen.
„Wird das nun auch das Richtige sein?“ fragte sich unser Held, von gelinden Zweifeln erfaßt, indem er vor dem Portal eines fünf Stockwerke hohen Hauses an der Liteinaja, vor dem er hatte halten lassen, ausstieg, „wird das nun auch das Richtige sein? – und gut und wohl? und zur rechten Zeit?“ fuhr er auf der Treppe beim Hinaufsteigen fort, und er holte tief Atem, um das Herz, das die Angewohnheit hatte, auf fremden Treppen regelmäßig stärker zu pochen, ein wenig ausruhen zu lassen. „Aber – was? – was ist denn dabei? Ich komme doch nur in meiner eigenen Angelegenheit, dabei ist nichts Anstößiges, nichts, das zu tadeln wäre ... Es würde dumm sein, sich zu verstecken. Gerade auf diese Weise tue ich, als hätte ich nichts Besonderes ... als käme ich eben nur so im Vorüberfahren ... Da wird er sich doch sagen müssen, daß es nun einmal so ist und daß etwas anderes überhaupt nicht möglich war.“
Mit diesen Gedanken beschäftigt, stieg Herr Goljädkin zum zweiten Stockwerk empor und blieb vor einer Tür stehen, an der ein kleines Messingschild befestigt war, das die Aufschrift trug:
Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin und Chirurgie.
Als unser Held stehen geblieben war, bemühte er sich zunächst, seiner Physiognomie einen anständigen, harmlos freundlichen und in etwa sogar liebenswürdigen Ausdruck zu verleihen, worauf er sich anschickte, den Klingelzug zu ziehen. Kaum aber war er im Begriff, dies zu tun, da fiel ihm plötzlich noch rechtzeitig ein, daß es vielleicht doch besser wäre, erst am nächsten Tage vorzusprechen, und daß es ja heute gar nicht so notwendig sei. Doch in diesem Augenblick vernahm er Schritte auf der Treppe, und das bewirkte wiederum, daß er sogleich seinen neuen Entschluß aufgab und so, wie es kam und kommen sollte, doch mit der entschlossensten Miene, an der Tür Krestjan Iwanowitschs die Klingel zog.
II.
Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, ein überaus gesunder, obschon bejahrter Mann mit dichten, bereits ergrauenden Augenbrauen und ebensolchem Backenbart, einem ausdrucksvollen, funkelnden Blick, mit dem allein er dem Anscheine nach schon Krankheiten zu vertreiben vermochte, und, nicht zu vergessen, mit einem bedeutenden Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem Kabinett, bequem im Stuhl zurückgelehnt, trank den Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu bringen pflegte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein solches für einen leidenden alten Herrn aufgeschrieben und diesen zur Tür geleitet hatte, setzte sich Krestjan Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein.
Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen Herrn nicht im geringsten erwartet – und wie es schien, wünschte er auch gar nicht, ihn vor sich zu sehen, denn in seinem Gesicht machte sich im ersten Augenblick eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen, recht unzufriedenen Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin seinerseits fast immer den Mut und gewissermaßen auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in seinen eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte, so geriet er auch diesmal beim ersten Satz, der bei ihm stets im wahren Sinn des Wortes der Stein des Anstoßes war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend etwas, das wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein sollte, und da er nun entschieden nicht mehr wußte, was weiter tun, nahm er einen Stuhl und – setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es ihm auch schon ein, daß er unaufgefordert Platz genommen hatte, errötete ob seiner Unhöflichkeit, und beeilte sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton möglichst ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen. Leider kam er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und begriff trotz seiner etwas wirren Verfassung, daß er der ersten Dummheit nur eine zweite hatte folgen lassen, weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem er irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte, dazu lächelte, verwirrt errötete, vielsagend verstummte und sich schließlich wieder hinsetzte, diesmal jedoch endgültig, worauf er sich auf alle Fälle mit einem gewissen herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn Goljädkins im Geiste niederzuschmettern und zu vernichten. Überdies drückte besagter Blick die vollkommene Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er gab deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden etwas anzugehen wünsche und daß er wie alle Menschen ein Mensch für sich sei.
Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides offenbar zum Zeichen seines Einverständnisses und des Beifalls, den er dem gewählten Standpunkt zollte – und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf Herrn Goljädkin.
„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“ begann Herr Goljädkin mit einem Lächeln, „bin gekommen, um Sie nochmals mit meinem Besuch zu belästigen ... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht zu bitten ...“
Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz und bündig auszudrücken.
„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch, indem er langsam den Rauch ausstieß und die Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen die Vorschriften befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen doch erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung der Lebensweise bestehen muß ... Also etwa Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei Freunden ... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht feind sein ... fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht meiden ...“
Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte, schnell die Bemerkung, daß er, wie er annehme, ganz ebenso lebe, wie alle, daß er seine eigene Wohnung habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen ... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen könne, zumal er ja gleichfalls, ganz wie alle anderen, die Mittel dazu habe, daß er tagsüber im Amte sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete flüchtig an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter ginge als anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene Wohnung habe, und auch noch den Petruschka. Hier stockte Herr Goljädkin plötzlich.
„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich wollte Sie etwas anderes fragen. Ich möchte ganz im allgemeinen nur wissen, ob Sie gern in munterer Gesellschaft sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ... Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein heiteres Leben führen?“
„Ich ... Herr Doktor ...“
„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der Doktor, „daß Sie ein von Grund aus verändertes Leben führen und in gewissem Sinne auch Ihren Charakter von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan Iwanowitsch betonte das „von Grund aus“ ganz besonders, worauf er, um der größeren Wirkung willen, eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem Wege gehen, Sie müssen das Theater und den Klub besuchen, und vor allem geistigen Getränken nicht abhold sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ... oder vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause sitzen.“
„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die Stille,“ wandte Herr Goljädkin ein, indem er den Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach Worten suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken können, „in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka ... das heißt, mein Diener, Herr Doktor. Ich will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich meinen eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr Doktor. Wirklich: ich lebe ganz für mich, und wie mir scheint, bin ich von niemandem abhängig. Gewiß: ich gehe zuweilen spazieren ...“
„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen einem gerade kein Vergnügen: das Wetter ist nicht danach.“
„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch, wie ich Ihnen bereits mitzuteilen, glaube ich, die Ehre hatte, und mein Weg führt mich nicht mit anderen zusammen. Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen ... Entschuldigen Sie, ich bin kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“
„Hm! ... Sie sagen ...“
„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen, Krestjan Iwanowitsch, da ich kein Meister in der Redekunst bin,“ versetzte Herr Goljädkin in halbwegs gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und unsicher. „In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt, nicht so wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen Lächeln fort, „ich verstehe nicht logisch zu reden ... ebensowenig wie der Rede Schönheit zu verleihen ... das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan Iwanowitsch, handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan Iwanowitsch.“
„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“ forschte Krestjan Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges Schweigen. Der Arzt blickte etwas seltsam und mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf.
„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr Herr Goljädkin schließlich im selben Tone fort, ein wenig gereizt und zugleich verwundert über das Verhalten Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie gesagt, die Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den Lärm und alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der großen Gesellschaft, dort muß man verstehen, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren ...“ – hierbei scharrte auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem Fußboden –, „dort wird das verlangt, und auch Geist und Witz wird dort verlangt ... duftige Komplimente muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie, so etwas wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht gelernt, sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich habe keine Zeit gehabt, so etwas zu lernen. Ich bin ein einfacher Mensch, bin nicht erfinderisch, es ist auch nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit strecke ich die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach, das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem Sinne rede.“
Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor, die deutlich zu erkennen gab, daß er es nicht im geringsten bedauere, daß er „in diesem Sinne“ die Waffen strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, – vielmehr ganz im Gegenteil!
Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit einem sehr unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden und schien schon einiges vorauszusehen oder vielleicht auch nur zu ahnen.
Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein ziemlich langes und bedeutsames Schweigen.
„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“ sagte schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut, „ich habe Sie, offen gesagt, nicht ganz verstanden.“
„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ... ich hatte bereits die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich im Schönreden kein Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in scharfem und energischem Tone.
„Hm! ...“
„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held etwas stiller fort, doch mit einer vielsagenden Klangfarbe in seiner Stimme, die etwas feierlich anmutete, welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er nach jedem Satz eine kleine Kunstpause machte. „Krestjan Iwanowitsch! als ich hier eintrat, begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es und bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze Zeit. Ich habe vor Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch, wie Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht leid, daß ich ein kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch: ich bin sogar stolz darauf, daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf bin ich stolz. Ich tue nichts heimlich und hinterrücks, sondern offen und ohne alle Berechnung, und obschon auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das sogar sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie, das heißt, wem ich schaden könnte und wie das anzustellen wäre, so will ich mich mit solchen Sachen doch nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung wasche ich sie, Krestjan Iwanowitsch – in diesem Sinne!“
Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick sehr ausdrucksvoll. Er hatte mit bescheidenem Stolz gesprochen.
„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, bereits sagte,“ fuhr er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife und Umwege vorzugehen: ich verachte Umwege und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht, jene zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir beide ... das heißt, ich wollte sagen, als unsereiner, Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner, und nicht, als wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und Klatsch verachte ich. Eine Maske trage ich nur, wenn ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich mit einer solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur, Krestjan Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde rächen würden, an Ihrem ärgsten Feinde – an dem, den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr Goljädkin plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf Krestjan Iwanowitsch.
Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich ausgesprochen, wie man es deutlicher nicht hätte aussprechen können: ruhig, klar, verständlich und mit Überzeugung, indem er von vornherein des größten Eindrucks gewiß war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger mit Unruhe, mit großer Unruhe, sogar mit äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast schüchtern in peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan Iwanowitschs. Doch wer beschreibt die Verwunderung und Überraschung Herrn Goljädkins, als er sehen mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur etwas in den Bart murmelte, dann seinen Stuhl näher an den Tisch rückte und endlich ziemlich trocken, doch noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr knapp bemessen sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei er ja gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde, doch alles übrige, was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn nichts an. Damit griff er zur Feder, nahm ein Blatt Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept zurecht und sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue.
„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch! Nein, wirklich, glauben Sie mir, es tut hier gar nichts not!“ versicherte Herr Goljädkin, der plötzlich vom Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte Hand ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut gar nichts not ...“
Doch während er das noch sprach, ging bereits eine seltsame Veränderung in ihm vor. Seine grauen Augen blitzten eigentümlich, seine Lippen bebten und alle Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem er im ersten Augenblick Krestjan Iwanowitschs Hand erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt unbeweglich, als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung, die ihm sagte, was er nun weiter tun solle.
Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes.
Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt auf seinem Platz und sah Herrn Goljädkin sprachlos mit großen Augen an, ganz wie jener auch ihn ansah. Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin am Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile regungslos, ohne einen Blick voneinander abzuwenden. Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu zittern, und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend, schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit der Hand vor die Brust und erfaßte mit der linken Hand gleichfalls den Rockaufschlag Krestjan Iwanowitschs: er wollte irgend etwas sprechen, erklären, vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich Krestjan Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung ab und nahm sich zusammen.
„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen Sie sich!“ sagte er, und versuchte, ihn auf den Stuhl zu drücken.
„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde ... ich habe gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten ...“ beteuerte Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd.
„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren Feinden! Denken Sie nicht an so etwas! Das ist ganz überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich nur ruhig hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang ihm auch, Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er setzte sich endlich, verwandte aber keinen Blick von Krestjan Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch nicht zu behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann, in seinem Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen beide eine lange Zeit.
„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach endlich Herr Goljädkin das Schweigen, indem er sich mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich bin Ihnen sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für mich getan haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis zum Tode nicht vergessen.“
„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete Krestjan Iwanowitsch in ziemlich strengem Tone auf den Ausfall Herrn Goljädkins, den er hierdurch zum zweitenmal zum Sitzen brachte.
„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir doch, was Sie dort Unangenehmes vorhaben,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind denn das für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt es sich denn, erzählen Sie mir doch!“
„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir jetzt lieber nicht reden,“ lenkte Herr Goljädkin gesenkten Blickes ab, „das wollen wir vorläufig bleiben lassen ... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu einer besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer bequemeren Zeit, wenn alles bereits zutage getreten, die Maske von gewissen Gesichtern abgerissen und dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird. Jetzt aber – das heißt vorläufig ... und nach dem, was hier vorgefallen ist ... werden Sie doch selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ – Und damit griff Herr Goljädkin plötzlich entschlossen nach seinem Hut.
„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“
Es folgte ein kurzes Schweigen.
„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern tun, was in meinen Kräften steht ... und ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute ...“
„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie: ich verstehe Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls bitte ich um Entschuldigung, daß ich Sie belästigt habe.“
„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen. Übrigens – wie Sie wollen. Was die Medikamente betrifft, so können Sie fortfahren, dieselben zu nehmen ...“
„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch, das werde ich, – dieselben Medikamente und aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist Apotheker sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch ...“
„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt haben?“
„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will nur sagen, daß die Welt heutzutage so ist ...“
„Hm ...“
„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel, vor einem anständigen Menschen die Nase hoch trägt.“
„Hm! Wie meinen Sie denn das?“
„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von unserem gemeinsamen Bekannten ... sagen wir zum Beispiel – nun, meinetwegen von Wladimir Ssemjonowitsch ...“
„Ah! ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige Menschen, denen an der öffentlichen Meinung nicht gar so viel gelegen ist, um nicht mitunter die Wahrheit zu sagen.“
„Ah! ... Und wie denn das?“
„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine nur: sie verstehen zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung zu verabreichen.“
„Was? ... Was zu verabreichen?“
„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch: das ist so eine russische Redensart. Sie verstehen zum Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu gratulieren, – es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“
„Zu gratulieren, sagen Sie?“
„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor einigen Tagen einer meiner näheren Bekannten tat! ...“
„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber wie denn das?“ forschte Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete.
„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte einem anderen gleichfalls sehr nahen Bekannten und sogar Freunde zum Assessor, zu dem er neuerdings ernannt worden war. Und da sagte er denn wörtlich: ‚Freue mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen zum Assessor gratulieren zu können, empfangen Sie meinen aufrichtigen Glückwunsch. Ich freue mich um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich keine Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr Goljädkin nickte listig mit dem Kopf und blickte blinzelnd zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ...
„Hm. Gesagt hat das also ...“
„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und indem er es sagte, blickte er noch zu Andrej Philippowitsch hinüber, der nämlich der Onkel unseres Nesthäkchens Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht das mich an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert das mich? Nur – sehen Sie, er will doch heiraten, er, dem die Lippen noch nicht trocken von der Kindermilch geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch. Ganz einfach sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich Ihnen wirklich alles erzählt. Gestatten Sie daher, daß ich aufbreche und mich entferne.“
„Hm ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt, wiederhole ich, mich zu entfernen. Doch hier – um gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu treffen – nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs Trockene gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara Olssuphjewna – die ganze Sache spielte sich vorgestern bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte gerade eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr ungefähr: ‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen, nur hört man Ihnen nicht reinen Herzens zu.‘ Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte ich deutlich darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge hat, sondern weiter blickt ...“
„Ah! Nun und was tat er?“
„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen pflegt, sogar ohne die Miene zu verziehen.“
„Hm ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte ich ungefähr: ‚Olssuph Iwanowitsch, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß die Wohltaten, die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben, zu schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph Iwanowitsch,‘ sagte ich. ‚Schauen Sie mit offenen Augen um sich. Ich selbst gehe offen und ehrlich vor, Olssuph Iwanowitsch.‘“
„Ah, also so!“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“
„Nun, und er?“
„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch? Brummte da etwas: dies und jenes, ich kenne dich, Se. Exzellenz sei ein guter Mensch – und so weiter, und so weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas altersschwach geworden.“
„Hm! Also so steht es jetzt!“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch so – was rede ich vom Alten! – Der ist wohl schon mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen pflegt. Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in Umlauf gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit beiden Ohren dabei. Anders geht es nicht ...“
„Klatschgeschichten, sagen Sie?“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte in Umlauf gebracht. Beteiligt haben sich daran außer anderen unser Bär und dessen Neffe, unser Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern zusammengetan und dann die Sache ausgeheckt. Was glauben Sie wohl, was sie ersonnen haben – um einen Menschen zu töten?“
„Zu töten?“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu töten, um ihn moralisch zu töten. Sie haben das Gerücht verbreitet ... ich rede immer von einem nahen Bekannten ...“
Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf.
„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ... Offen gestanden, Krestjan Iwanowitsch, ich schäme mich fast, so etwas nur auszusprechen!“
„Hm ...“
„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits schriftlich verpflichtet habe, zu heiraten: daß er bereits der Bräutigam einer anderen sei ... Und was glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der Bräutigam wessen?“
„Nun?“
„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen, die ihn beköstigt: und anstatt seine Schuld für das Essen zu bezahlen, habe er um ihre Hand angehalten!“
„Das haben sie also verbreitet?“
„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine gemeine, schamlose, unverschämte Person, die Karolina Iwanowna heißt, wenn Sie es wissen wollen ...“
„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“
„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, und fühle auch meinerseits ...“
„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“
„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“
„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube ich ...“
„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich, gewiß lebte ich auch früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach ihn schnell Herr Goljädkin mit einem leisen Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch ein wenig stutzig gemacht hatte.
„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte meinerseits ...“
„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte gleichfalls meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin lachend fort. „Aber ich, verzeihen Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“
„Hm ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt vollkommen,“ versetzte unser Held ein wenig geziert. „Also, wie gesagt, gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“
Damit verbeugte sich unser Held und verließ das Zimmer, begleitet von den Blicken Krestjan Iwanowitschs, der ihm in höchster Verwunderung nachsah.
Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg, schmunzelte er und rieb sich froh die Hände. Draußen angelangt, atmete er tief die frische Luft ein, und da er sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich für den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen er schon den Weg zu seinem Departement einschlagen wollte, – als plötzlich eine Equipage ratternd vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie zunächst unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Petruschka riß bereits den Wagenschlag auf.
Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte den ganzen Herrn Goljädkin. Für einen Augenblick schien er wieder zu erröten. Wie ein Stich traf es ihn.
Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen, wandte er sich plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern Krestjan Iwanowitschs. Richtig! Dort stand Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und aufmerksam unserem Helden nach.
„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin, indem er einstieg, „äußerst dumm. Es ist ja möglich, daß er seine Kranken ganz gut kuriert, aber immerhin ... er selbst ist unglaublich dumm.“
Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr zu!“ und die Equipage rollte davon, wieder geradeaus zum Newskij Prospekt.
III.
Als sie wieder auf dem Newskij Prospekt angelangt waren, ließ Herr Goljädkin vor dem Gostinnyj Dworr[10] halten, stieg aus, trat in Begleitung Petruschkas schnell unter die Arkaden und begab sich unverzüglich zum Juwelierladen. Schon an der Miene Herrn Goljädkins konnte man erkennen, daß er an diesem Morgen unendlich viele Gänge vorhatte. Nachdem er bei dem Juwelier ein ganzes Teebesteck zum Preise von tausendfünfhundert Rubeln, ein Zigarettenetui von sehr origineller Form und ein vollständiges Rasierzeug in Silber, ferner noch dies und jenes, kleine, nette und auch nützliche Sächelchen ausgesucht und von allen diesen Dingen im Preise mehr oder weniger abgehandelt hatte, schloß er seinen Kauf damit, daß er sich an den Juwelier wandte und versprach, am nächsten Tage wiederzukommen oder vielleicht auch noch an diesem selben Tage die Sachen abholen zu lassen. Er notierte sich die Nummer des Juwelierladens, hörte höflich den Juwelier an, dem es sehr um eine „kleine Anzahlung“ zu tun war, versprach auch eine solche, verabschiedete sich von dem etwas betreten dreinschauenden Manne, als wäre nichts geschehen, worauf er unter den Arkaden weiterging, begleitet von einem ganzen Schwarm von Straßenhändlern, die alle etwas feilboten, und begab sich, immer gefolgt von Petruschka, nach dem er sich übrigens fortwährend umsah, in einen anderen Laden. Unterwegs trat er auch noch in eine Wechselbude und wechselte seine sämtlichen größeren Geldscheine gegen kleinere ein, obgleich er dabei verlor – doch wurde seine Brieftasche dadurch bedeutend dicker, was Herrn Goljädkin augenscheinlich sehr angenehm war. Dann suchte er einen anderen Laden auf, in dem er, wieder für eine ansehnliche Summe, Damenstoffe auswählte. Auch hier versprach er dem Kaufmann, am nächsten Tage wiederzukommen, notierte sich die Nummer des Geschäfts, und auf die Frage nach der Anzahlung versprach er, sie schon rechtzeitig zu leisten. Darauf trat er noch in verschiedene andere Läden ein, wählte aus, handelte, stritt oft lange mit den Verkäufern, ging sogar zwei- bis dreimal fort, um dann doch zurückzukehren, – kurz, er entfaltete eine ungeheure Tätigkeit. Vom Gostinnyj Dworr begab sich unser Held nach einem bekannten Möbelmagazin, wo er Möbel für sechs Zimmer bestellte. Er begutachtete auch noch verschiedene Modeartikel, versicherte dem betreffenden Kaufmann, daß er unbedingt noch an diesem Tage nach den Sachen schicken werde, und verließ das Geschäft wieder mit dem Versprechen, einen Teil anzuzahlen. Und so besuchte er noch ein paar andere Handlungen, in denen sich dasselbe wiederholte. Mit einem Wort, das Ende seiner Besorgungen war gar nicht abzusehen. Endlich aber schien diese Art von Beschäftigung Herrn Goljädkin selbst langweilig zu werden. Ja, plötzlich stellten sich bei ihm, Gott weiß weshalb, Gewissensbisse ein. Um keinen Preis würde er eingewilligt haben, wenn ihm jemand den Vorschlag gemacht hätte, ihm jetzt z. B. Andrej Philippowitsch in den Weg zu führen, oder auch nur Krestjan Iwanowitsch. Endlich schlug die Uhr vom Rathausturm drei und nun setzte sich Herr Goljädkin endgültig in seine Equipage, d. h. er gab alle weiteren Einkäufe auf. Aus denen, die er bereits gemacht, befanden sich wirklich in seinem Besitz nur ein Paar Handschuhe und ein Fläschchen Parfüm, das er für einen Rubel fünfundfünfzig Kopeken erstanden hatte. Da drei Uhr nachmittags immerhin noch ziemlich früh für ihn war, so ließ er sich zu einem bekannten Restaurant am Newskij fahren, das er selbst freilich nur vom Hörensagen kannte, stieg aus und trat ein, um einen kleinen Imbiß zu nehmen, sich etwas zu erholen und so die Zeit bis zur bestimmten Stunde zu verbringen.
Er aß nur ein belegtes Brötchen, also wie einer, dem ein reiches Diner bevorsteht, d. h. er aß nur, um sich, wie man zu sagen pflegt, gegen Magenknurren zu sichern, kippte auch nur ein einziges Gläschen dazu, setzte sich dann in einen der bequemen Sessel und nahm nach einem etwas unsicheren Blick auf seine Umgebung ein Zeitungsblatt zur Hand. Er las zwei Zeilen, stand dann wieder auf, blickte in den Spiegel, rückte an seinen Kleidern, strich sich über das Haar; trat darauf zum Fenster und sah, daß seine Equipage noch dort stand ... kehrte dann wieder zu seinem Sessel zurück, griff wieder nach der Zeitung ... Kurz, man sah es ihm an, daß er aufgeregt und ungeduldig zugleich war. Er sah nach der Uhr, sah, daß es erst ein Viertel nach drei war und daß er folglich noch ziemlich lange zu warten habe, sagte sich gleichzeitig, daß es nicht angehe, so lange hier zu sitzen, ohne etwas zu genießen, und bestellte eine Tasse Schokolade, nach der er im Augenblick gar kein Verlangen verspürte. Als er dann die Schokolade ausgetrunken und zugleich festgestellt hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, brach er auf, ging zur Kasse und wollte bezahlen. Plötzlich schlug ihn jemand auf die Schulter.
Er sah sich um und erblickte zwei seiner Kollegen – dieselben, denen er am Morgen an der Straßenecke begegnet war, – zwei junge Leute, die ihm sowohl an Jahren wie an Rang bedeutend nachstanden, und mit denen unser Held weder besonders befreundet, noch offen verfeindet war. Selbstverständlich wurde von beiden Seiten eine gewisse Stellung und Haltung gewahrt, doch an ein Sichnähertreten hatte noch niemals jemand von ihnen gedacht. Jedenfalls war diese überraschende Begegnung hier im Restaurant Herrn Goljädkin äußerst unangenehm.
„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch!“ riefen beide wie aus einem Munde, „Sie hier? – aber was in aller Welt ...“
„Ah, Sie sind es, meine Herren!“ unterbrach sie Herr Goljädkin etwas verwirrt und verletzt durch die Verwunderung der jungen, dem Range nach unter ihm stehenden Beamten. Innerlich war er fast empört über ihren ungenierten Ton, spielte aber äußerlich – übrigens notgedrungen – den Harmlosen und bemühte sich tapfer, seinen Mann zu stellen. „Also desertiert, meine Herren, hehehe! ...“ Und um seine Überlegenheit dieser Kanzleijugend gegenüber zu bewahren, mit der er sich sonst nie eingelassen hatte, wollte er einem von ihnen gönnerhaft auf die Schulter klopfen; zum Unglück aber mißriet seine Herablassung gänzlich und aus der jovial herablassend gedachten Geste wurde etwas ganz anderes.
„Nun, und was macht denn unser Bär, – der sitzt wohl noch? ...“
„Wer das? Wen meinen Sie?“
„Mit dem Bären? Als ob Sie nicht wüßten, wen wir den Bären nennen? ...“ Herr Goljädkin wandte sich lachend wieder zur Kasse, um das zurückgegebene Geld in Empfang zu nehmen. „Ich rede von Andrej Philippowitsch, meine Herren,“ fuhr er fort, sich wieder ihnen zuwendend, doch jetzt mit sehr ernstem Gesicht. Die beiden jungen Beamten tauschten untereinander einen Blick aus.
„Der sitzt natürlich noch, hat sich aber nach Ihnen erkundigt, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete einer von ihnen.
„Also er sitzt noch, ah! In dem Fall – lassen wir ihn sitzen, meine Herren. Und er hat sich nach mir erkundigt, sagen Sie?“
„Ja, ausdrücklich, Jakoff Petrowitsch. Aber was ist denn heute mit Ihnen los?! Parfümiert, geschniegelt und gestriegelt, – Sie sind ja ein ganzer Stutzer geworden?! ...“
„Ja, meine Herren, wie Sie sehen.“ – Herr Goljädkin blickte zur Seite und lächelte gezwungen. Als die anderen sein Lächeln bemerkten, brachen sie in lautes Lachen aus. Herr Goljädkin fühlte sich gekränkt und setzte eine hochmütige Miene auf.
„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,“ begann unser Held nach kurzem Schweigen, als habe er sich entschlossen – „mochte es denn so sein!“ – sie über etwas Wichtiges aufzuklären. „Sie, meine Herren, kennen mich alle, doch bisher haben Sie mich nur von der einen Seite gekannt. Einen Vorwurf kann man deshalb niemandem machen, zum Teil, das gebe ich selbst zu, war es meine eigene Schuld.“
Herr Goljädkin preßte die Lippen zusammen und sah die beiden bedeutsam an. Jene tauschten wieder einen Blick aus.
„Bisher, meine Herren, haben Sie mich nicht gekannt. Es ist hier weder der richtige Ort noch die richtige Zeit zu ausführlichen Erklärungen. Deshalb will ich Ihnen nur ein paar kurze Worte sagen. Es gibt Menschen, meine Herren, die Umwege und Schliche nicht lieben, und die sich wirklich nur zum Maskenball maskieren. Es gibt Menschen, die in der Geschicklichkeit, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren, nicht den einzigen Lebenszweck und die Bestimmung der Menschheit sehen. Es gibt auch solche Menschen, meine Herren, die sich nicht für restlos glücklich und ihr Leben schon für ausgefüllt halten, wenn zum Beispiel das Beinkleid ihnen gut sitzt. Und es gibt schließlich auch Menschen, die sich nicht gern ohne jeden Grund ducken und müßigerweise scharwenzeln, sich einschmeicheln und den Leuten um den Mund reden, und die, was die Hauptsache ist, meine Herren, ihre Nase nicht dorthin stecken, wohin man Sie die Nase zu stecken nicht gebeten hat ... So, meine Herren, jetzt habe ich alles gesagt – erlauben Sie mir daher, mich Ihnen zu empfehlen ...“
Herr Goljädkin stockte. Da die beiden jungen Beamten in ihrer Wißbegier jetzt vollkommen befriedigt waren, brachen sie höchst unhöflich in schallendes Gelächter aus.
Herr Goljädkin wurde feuerrot vor Empörung.
„Lachen Sie nur, meine Herren, lachen Sie nur – vorläufig! Leben Sie erst etwas länger in der Welt, dann werden Sie schon sehen!“ sagte er mit gekränkter Würde, nahm seinen Hut und ging bereits zur Tür.
„Doch eins will ich Ihnen noch sagen, meine Herren,“ fuhr er fort, sich zum letztenmal zu den beiden Herren zurückwendend, „wir sind jetzt hier gewissermaßen unter vier Augen. Also vernehmen Sie meine Grundsätze, meine Herren: mißlingt es, so werde ich mich trotzdem zusammennehmen – gelingt es aber, so habe ich gesiegt, doch in keinem Fall will ich die Stellung eines anderen untergraben. Ich bin kein Ränkeschmied, und bin stolz darauf, daß ich es nicht bin. Zum Diplomaten würde ich nicht taugen. Man sagt, meine Herren, daß der Vogel von selbst auf den Jäger fliege. Das ist wahr, ich geb es zu: doch wer ist hier der Jäger, und wer der Vogel? Das ist die Frage, meine Herren!“
Herr Goljädkin verstummte beredt und mit dem vielsagendsten Gesichtsausdruck, d. h. indem er die Brauen hochzog und die Lippen zusammenpreßte, beides bis zur äußersten Möglichkeit – verbeugte sich und trat hinaus, die anderen in höchster Verwunderung zurücklassend.
„Wohin jetzt?“ fragte Petruschka ziemlich unwirsch, da es ihn offenbar schon langweilte, in der Kälte zu warten und sich von Ort zu Ort schleppen zu lassen. „Wohin befehlen?“ fragte er kleinlauter, als er den fürchterlichen, alles vernichtenden Blick auffing, mit dem unser Held sich an diesem Morgen schon zweimal versehen hatte und mit dem er sich jetzt beim Verlassen des Restaurants zum drittenmal waffnete.
„Zur Ismailoffbrücke.“
„Zur Ismailoffbrücke!“ rief Petruschka dem Kutscher zu.
„Das Diner ist bei ihnen erst nach vier angesagt, oder sogar erst um fünf,“ dachte Herr Goljädkin, „wird es jetzt nicht noch zu früh sein? Übrigens kann ich ja ganz gut auch etwas früher erscheinen. Außerdem ist es nur ein Familiendiner. Da kann man also ganz sans façon ... wie feine Leute zu sagen pflegen. – Weshalb sollte ich denn nicht sans façon erscheinen können? Unser Bär sagte ja auch, daß alles ganz sans façon sein werde, da kann doch auch ich ...“
So dachte Herr Goljädkin, doch dessen ungeachtet wuchs seine Aufregung und wurde mit jedem Augenblick größer. Man merkte es ihm an, daß er sich zu etwas äußerst Mühevollem – um nicht mehr zu sagen – vorbereitete: er flüsterte leise vor sich hin, gestikulierte mit der rechten Hand, blickte in einem fort zu den Fenstern hinaus, kurz, man hätte wahrlich alles eher vermuten können, als daß er sich zu einer guten Mahlzeit begab, die noch dazu „im Familienkreise“ eingenommen werden sollte, ganz sans façon, wie feine Leute zu sagen pflegen. Kurz vor der Ismailoffbrücke wies Herr Goljädkin dem Kutscher das Haus, zu dem er ihn fahren sollte. Die Equipage rollte wieder mit ohrenbetäubendem Getöse unter den Torbogen und weiter auf den Hof, wo sie vor dem Portal des rechten Flügels hielt. Im selben Augenblick bemerkte Herr Goljädkin an einem Fenster des zweiten Stockwerkes eine junge Dame, der er, kaum daß er sie erblickt, eine Kußhand zuwarf. Übrigens wußte er selbst nicht, was er tat, zumal er in dieser Minute entschieden mehr tot als lebendig war. Beim Aussteigen war er bleich und unsicher. Er trat ein, nahm den Hut ab, rückte mechanisch an seinen Kleidern und begann – mit einem sonderbaren Schwächegefühl in den Knien: es war, als zitterten sie – die Treppe hinaufzusteigen.
„Olssuph Iwanowitsch?“ fragte er den Bedienten, der ihm die Tür öffnete.
„Zu Haus ... das heißt nein, der Herr sind nicht zu Haus.“
„Wie? Was sagst du, mein Lieber? Ich – ich bin eingeladen, mein Bester. Du kennst mich doch?“
„Wie denn nicht! Aber ich habe Befehl, den Herrn nicht zu empfangen.“
„Wie ... mein Bester ... du irrst dich gewiß. Ich bin es. Und ich bin doch eingeladen, ich ... ich komme zum Diner, mein Bester,“ sagte Herr Goljädkin und warf schnell seinen Paletot ab, in der deutlichen Absicht, sogleich die Zimmer zu betreten.
„Verzeihen der Herr, das geht nicht. Ich habe Befehl, den Herrn nicht eintreten zu lassen, man will den Herrn nicht empfangen. Ich habe Befehl!“
Herr Goljädkin erbleichte. Da ging eine Tür auf und Gerassimowitsch, der alte Diener Olssuph Iwanowitschs, erschien.
„Da sehen Sie, Jemeljan Gerassimowitsch, der Herr will eintreten, ich aber ...“
„Sie aber sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen Sie und schicken Sie den Schuft Ssemjonytsch her. – Entschuldigen Sie,“ wandte er sich darauf höflich, doch in sehr bestimmtem Tone an Herrn Goljädkin, „es geht nicht. Es ist ganz unmöglich. Man läßt sich entschuldigen, man kann nicht empfangen.“
„Ist Ihnen das gesagt worden, daß man nicht empfangen kann?“ fragte Herr Goljädkin unentschlossen. „Verzeihen Sie, Gerassimowitsch, aber weshalb kann man denn nicht?“
„Es geht nicht. Ich habe angemeldet; darauf wurde mir gesagt: bitte, zu entschuldigen. Es ist unmöglich.“
„Aber weshalb denn? Wie ist denn das? Wie ...“
„Erlauben Sie, erlauben Sie ...“
„Aber weshalb, warum denn nicht? Das geht doch nicht so! Melden Sie ... Was soll denn das heißen! Ich bin zum Diner ...“
„Erlauben Sie, erlauben Sie! ...“
„Nun ja, freilich, das ist eine andere Sache – wenn man zu entschuldigen bittet. Aber wie ist denn das, Gerassimowitsch, das ... so erklären Sie mir doch! ...“
„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ unterbrach ihn wieder Gerassimowitsch, indem er ihn recht nachdrücklich mit dem Arm zur Seite schob, um zwei Herren eintreten zu lassen. Die Eintretenden waren: Andrej Philippowitsch und sein Neffe Wladimir Ssemjonowitsch. Beide blickten sehr verwundert Herrn Goljädkin an.
Andrej Philippowitsch machte bereits Miene, ihn anzureden, doch Herr Goljädkin hatte seinen Entschluß schon gefaßt: er trat schnell aus dem Vorzimmer und sagte gesenkten Blicks, rot und mit einem Lächeln in dem verwirrten Gesicht:
„Ich komme später, Gerassimowitsch, ich werde ... ich hoffe, daß alles sich bald aufklären wird,“ sagte er vom Treppenflur aus ...
„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch ...“ ertönte die Stimme Andrej Philippowitschs.
Herr Goljädkin hatte schon den ersten Treppenabsatz erreicht. Er wandte sich schnell zurück und sah hinauf zu Andrej Philippowitsch.
„Was wünschen Sie, Andrej Philippowitsch?“ fragte er ziemlich scharf.
„Was ist das mit Ihnen, Jakoff Petrowitsch? Was ist hier ...“
„Nichts, Andrej Philippowitsch. Ich gehe hier niemanden etwas an. Das ist meine Privatangelegenheit, Andrej Philippowitsch.“
„Wa–as?“
„Ich sage Ihnen, Andrej Philippowitsch, daß das mein Privatleben ist, und daß man, wie mir scheint, hinsichtlich meiner offiziellen Beziehungen hier, nichts Tadelnswertes finden kann.“
„Was! Was reden Sie da ... hinsichtlich Ihrer offiziellen ... Was ist mit Ihnen geschehen, mein Herr?“
„Nichts, Andrej Philippowitsch, ganz und gar nichts ... ein verzogenes Mädchen, nichts weiter ...“
„Was ... Was?“ Andrej Philippowitsch wußte nicht, was er vor lauter Verwunderung denken sollte.
Herr Goljädkin, der, während er mit Andrej Philippowitsch sprach, auf dem Treppenabsatz von unten nach oben blickte und so aussah, als wolle er seinem Abteilungschef jeden Augenblick ins Gesicht springen, trat, als er dessen Verwirrung gewahrte, eine Stufe höher. Andrej Philippowitsch wich etwas zurück. Herr Goljädkin stieg wieder eine und dann noch eine Stufe höher – Andrej Philippowitsch blickte sich unruhig um. Da sprang Herr Goljädkin plötzlich schnell noch über die anderen Stufen hinauf – doch noch schneller sprang Andrej Philippowitsch zurück ins Vorzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Herr Goljädkin sah sich allein im Treppenhaus. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Ohne einen Gedanken im Kopf, stand er, scheinbar in Nachdenken versunken, regungslos auf einem Fleck. Oder vielleicht dachte er doch an eine ähnliche Situation, in der er sich vor kurzer Zeit befunden hatte?
Er flüsterte dann etwas vor sich hin, das halbwegs wie ein Seufzer klang, und zwang sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Da vernahm er plötzlich Stimmen und Schritte, unten auf der Treppe – Gäste, die Olssuph Iwanowitsch eingeladen hatte. Herr Goljädkin kam wieder zu sich, klappte schnell den Waschbärkragen an seinem Herbstpaletot auf, um nicht erkannt zu werden, und begann, stolpernd, unsicher, zitternd und bebend die Treppe hinabzusteigen. Er fühlte eine große Schwäche in sich, eine gewisse Abgetaubtheit in allen Gliedern. Er wäre nicht imstande gewesen, ein lautes Wort zu sprechen. Als er hinaustrat, war er noch so verwirrt, daß er nicht wartete, bis seine Equipage vorfuhr, sondern selbst über den schmutzigen Hof zu ihr hin ging. Im Begriff, einzusteigen, empfand Herr Goljädkin plötzlich den größten Wunsch, in die Erde zu versinken oder mitsamt der Equipage in ein Mauseloch zu verschwinden, denn es schien ihm, oder richtiger, er fühlte und wußte plötzlich mit tödlicher Sicherheit, daß jetzt alles, was es an Lebewesen in der Wohnung Olssuph Iwanowitschs gab, an den Fenstern stand und ihn mit den Blicken verfolgte. Und er wußte auch, daß er auf der Stelle tot hinfallen würde, wenn er sich jetzt nach diesen Fenstern umsehen würde.
„Was lachst du, Tölpel?“ fuhr er Petruschka an, der ihm beim Einsteigen helfen wollte.
„Worüber soll ich denn lachen? Wohin jetzt?“
„Nach Hause, sofort ...“
„Zurück nach Hause!“ rief Petruschka dem Kutscher zu und kletterte auf seinen Dienersitz.
„Wie der Kerl krähen kann!“ dachte Herr Goljädkin wütend.
Die Equipage hatte inzwischen schon die Ismailoffbrücke erreicht. Plötzlich griff unser Held nach der Schnur, riß an ihr wie ein Verzweifelter und schrie seinem Kutscher zu, daß er wieder umkehren solle. Der Kutscher wendete die Pferde und nach kaum zwei Minuten fuhr die Equipage wieder auf den Hof zu Olssuph Iwanowitsch.
„Nicht, nicht, zurück, Esel, zurück!“ schrie plötzlich Herr Goljädkin, der Kutscher aber schien diesen Gegenbefehl schon vorausgesehen zu haben: denn ohne ein Wort des Widerspruchs und ohne vor dem Portal anzuhalten, fuhr er rund um den Hof und wieder hinaus auf die Straße.
Herr Goljädkin aber fuhr nicht nach Hause, sondern befahl, nicht weit von der Ssemjonoffbrücke, in eine kleine Querstraße einzubiegen und vor einem Restaurant von recht unansehnlichem Aussehen zu halten. Dort stieg er aus, bezahlte den Kutscher und wurde auf diese Weise seine Equipage los. Petruschka schickte er nach Hause, wo er ihn erwarten sollte. Dann trat er ins Restaurant, wünschte ein Zimmer für sich und bestellte ein Mittagessen. Er fühlte sich sehr schlecht. In seinem Kopf war ein einziges Chaos. Lange ging er im Zimmer erregt auf und ab: endlich setzte er sich auf einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und nahm sich mit aller Gewalt zusammen, um über seine gegenwärtige Situation nachzudenken und irgendeinen Entschluß zu fassen.
IV.
Das Fest, das feierliche Fest, das zu Ehren des Geburtstages Klara Olssuphjewnas, der einzigen Tochter des Staatsrats Berendejeff, der seinerzeit Herrn Goljädkins Gönner gewesen war, stattfand und durch ein glänzendes Diner eröffnet wurde, – ein Diner, wie es die Wände der Beamtenwohnungen an der Ismailoffbrücke und im näheren Umkreise daselbst noch nicht gesehen hatten, das eher an ein Krönungsmahl Belsazars als an ein Diner zu Ehren eines einzelnen Geburtstagskindes erinnerte – zumal ihm hinsichtlich des Glanzes, der Pracht und der Delikatessen, unter denen sich Champagner, Austern und Früchte von Jekissejeff und Miljutin[11] befanden, entschieden etwas Babylonisches anhaftete, – dieses feierliche Fest, das durch ein so feierliches Diner eröffnet wurde, sollte seinen Abschluß finden in einem glänzenden Ball, der nach Zahl und Rang der Tanzenden zwar nur ein kleiner Familienball war, zu dem man noch die nächsten Bekannten hinzugezogen hatte, der aber nach dem Geschmack, der bei ihm entwickelt wurde, immerhin als glänzend bezeichnet werden mußte.
Ich gebe natürlich ohne weiteres zu, daß solche Bälle auch anderweitig gegeben werden, jedoch – selten. Solche Bälle, die eher einem Familienfreudenfeste gleichen, als dem, was man so Bälle nennt, können nur in solchen Häusern gegeben werden, wie es das Haus des Staatsrats Berendejeff ist. Ja, ich bezweifle sogar sehr, daß alle Staatsräte sich solche Bälle leisten können. O, wäre ich doch ein Dichter! – doch, versteht sich, mindestens einer wie Homer oder Puschkin, denn mit einer geringeren Begabung dürfte man sich an diese Aufgabe gar nicht heranwagen – also: wäre ich ein Dichter, dann, meine verehrten Leser! dann würde ich Ihnen in leuchtenden Farben mit kühnem Pinsel diesen ganzen hochfeierlichen Tag zu schildern versuchen. Oder nein, ich würde meine Schilderung mit dem Diner beginnen, und zwar gerade mit jenem weihevollen Augenblick, in dem das erste Glas auf das Wohl der Königin des Festes geleert wurde. Ich würde Ihnen diese Gäste schildern, die in andächtigem Schweigen erwartungsvoll verharrten, in einem Schweigen, das mehr der Beredsamkeit eines Demosthenes glich, als – nun, als einem Schweigen. Ich würde Ihnen diesen Andrej Philippowitsch schildern, der als ältester unter den Gästen ein gewisses Recht auf den Vorrang hatte, wie er sich im Schmuck seines Silberhaares und der entsprechenden Orden auf der Brust von seinem Platze erhob und zum Kelch mit dem funkelnden Weine griff – mit dem Weine, der aus einem fernen Königreich herbeigeschafft war, um so erhabenen Augenblicken erst die rechte Weihe zu verleihen, – mit dem Weine, der eher dem Nektar der Götter gleicht, als irdischem Rebensaft. Ich würde Ihnen die glücklichen Eltern der Königin des Festes und die Schar ihrer Gäste schildern, die, dem Beispiel Andrej Philippowitschs folgend, gleichfalls zu ihren Gläsern griffen und die erwartungsvollen Blicke auf den Redner hefteten. Ich würde Ihnen schildern, wie dieser oft genannte Andrej Philippowitsch mit geradezu tränenfeuchten Augen toastete und auf das Wohl des Geburtstagskindes trank ... Doch, wäre ich auch der größte Dichter, nie würde meine Kunst ausreichen, um die ganze Weihe dieses Augenblicks zu geben, als die Königin des Festes, Klara Olssuphjewna selbst, mit dem Rosenhauch der Seligkeit und jungfräulichen Verschämtheit auf dem lieblichen Antlitz, der Mutter im Überschwang der Gefühle in die Arme sank, wie die zärtliche Mutter vor Rührung leise zu weinen begann und wie bei der Gelegenheit dem Vater und Herrn des Hauses, dem ehrwürdigen Greise und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, den der langjährige Dienst der Gehfähigkeit beraubt und den dafür das Schicksal mit einem Vermögen, einem großen Hause, mehreren Gütern und einer so schönen Tochter belohnt hatte – wie diesem ehrwürdigen Greise, sage ich, vor lauter Ergriffenheit die Tränen über die Wangen rollten, und wie er mit zitternder Stimme stammelte, Seine Exzellenz sei ein guter Mensch. Ich brächte es nicht fertig, Ihnen die diesem Anblick unverzüglich folgende allgemeine Herzerhebung wahrheitsgetreu zu schildern, – diese eigenartige Stimmung, die sich sogar in dem Benehmen eines jungen Registrators äußerte, der – obschon er in diesem Augenblick mehr wie ein Staatsrat als wie ein Registrator aussah – gleichfalls seine Rührung nicht zu unterdrücken vermochte und seine Augen feucht werden fühlte. Andrej Philippowitsch dagegen sah in seiner Ergriffenheit keineswegs nach einem Staatsrat und Abteilungschef aus, sondern nach ganz etwas anderem ... nur vermag ich nicht zu sagen, wonach eigentlich – aber jedenfalls nicht nach einem Staatsrat. Er war etwas Höheres! Und dann ... O! Mir fehlen all die großen, feierlichen Worte, deren man in erster Linie bedarf, um jene wundervollen erhebenden Augenblicke wiederzugeben, die gleichsam zum Beweise dessen geschaffen sind, daß und wie mitunter die Tugend über jede Art von Schlechtigkeit, Freidenkerei, Laster und Neid den Sieg davonträgt! Ich will nichts weiter darüber sagen, und nur schweigend – das sagt mehr, als es Worte vermöchten – auf jenen glücklichen Jüngling hinweisen, der sechsundzwanzig Lenze zählt, auf jenen Neffen Andrej Philippowitschs, den jungen Wladimir Ssemjonowitsch, der sich nun gleichfalls erhob und gleichfalls toastete, während auf ihm die tränenfeuchten Blicke der Eltern des Geburtstagskindes ruhten, die stolzen Blicke Andrej Philippowitschs, die verschämten der Königin des Festes, die begeisterten der Gäste und die noch in bescheidenen Grenzen zurückgehalten neidischen Blicke einiger jungen Kollegen dieses ausgezeichneten Jünglings. Ich will nichts weiter sagen, obwohl ich nicht umhin kann, zu bemerken, daß in besagtem Jüngling, – der übrigens eher an einen Greis erinnerte, als an einen Jüngling, wenn auch in einem für ihn vorteilhaften Sinne des Wortes – in dieser feierlichen Minute alles, von seinen blühenden Wangen bis zu seinem jüngst erworbenen Assessortitel, förmlich vernehmbar sprach: seht, bis zu welch einer Höhe Tüchtigkeit, Ordentlichkeit, Sittsamkeit einen Menschen emporheben können! Ich will nicht weiter beschreiben, wie zu guter Letzt Anton Antonowitsch Ssjetotschkin, ein Kollege Andrej Philippowitschs und einst auch Olssuph Iwanowitschs, der außerdem ein alter Hausfreund und Taufvater Klara Olssuphjewnas war, – ein Greis mit weichem Silberhaar – nun auch seinerseits eine Rede halten wollte und mit einer Stimme wie ein krähender Hahn fröhliche Knüttelverse vorbrachte; wie er dadurch, daß er, wenn man sich so ausdrücken darf, anständiger Weise jeden Anstand vergaß, die ganze Gesellschaft bis zu Tränen erheiterte, und wie Klara Olssuphjewna ihn zum Dank für diesen liebenswürdigen Beitrag auf Wunsch der Eltern einen Kuß gab. Ich begnüge mich damit, nur anzudeuten, daß die Gäste, die sich nach einem solchen Mahle naturgemäß einander nahestehend und verbrüdert fühlen mußten, zum Schluß doch vom Tisch aufstanden, daß die älteren Jahrgänge und solideren Leute sich nach kurzem Herumstehen in plaudernden Gruppen in ein anderes Zimmer zurückzogen, wo sie, um die kostbare Zeit nicht zu verlieren, sogleich an den Spieltischen Platz nahmen und würdevoll die Karten zu mischen begannen; daß die Damen, die sich im Saal versammelt hatten, alle ungeheuer liebenswürdig waren und sich alsbald lebhaft über die verschiedensten Dinge unterhielten; daß endlich der hochverehrte Gastgeber unter Zuhilfenahme von Krücken und auf Wladimir Ssemjonowitsch und Klara Olssuphjewna gestützt, im Saal unter den Damen erschien, und, da Liebenswürdigkeit ansteckend ist, gleichfalls sehr liebenswürdig wurde und sich entschloß, einen bescheidenen, kleinen Ball zu improvisieren, trotz der Unkosten, die ein solcher verursacht; daß zu diesem Zweck ein gewandter Jüngling, nämlich derselbe Wladimir Ssemjonowitsch, persönlich nach Musikanten geschickt wurde, und wie dann, als diese – ganze elf an der Zahl – erschienen waren, um halb neun Uhr abends die erste Aufforderung zum Tanz in den lockenden Tönen einer französischen Quadrille erklang, der die weiteren Tänze folgten ... Es versteht sich wohl von selbst, daß meine Feder zu schwach und zu stumpf ist, um, wie es sich gehört, diesen durch die Liebenswürdigkeit des greisen Gastgebers veranstalteten Ball zu schildern. Ja, und wie könnte ich, frage ich, wie könnte ich, der bescheidene Erzähler der in ihrer Art gewiß sehr beachtenswerten Erlebnisse Herrn Goljädkins, – wie könnte ich diese außergewöhnliche Mischung von Schönheit, Vornehmheit und Heiterkeit, von liebenswürdiger Solidität und solider Liebenswürdigkeit, von Schelmerei und Freude, alle die Reize dieser Beamtendamen, die eher Feen als Damen glichen – mit ihren rosa angehauchten Lilienschultern und Gesichtchen, mit ihren himmlischen Gestalten und reizend hervorlugenden Füßchen –: ja, wie könnte ich alles das schildern? Wie könnte ich diese glänzenden Kavaliere schildern, wie sie heiter und wohlerzogen, gesetzt, gutmütig, aufgeräumt und anstandsvoll, ein wenig benebelt dastanden, in den Tanzpausen rauchten, oder auch nicht rauchten, und sich in ein fernes grünes Zimmerchen zurückzogen, – wie diese Herren Beamten, die alle, ausnahmslos, einen Rang und zumeist auch eine Familie besaßen, – wie diese jungen Offiziere, die von den Begriffen der Eleganz und den Gefühlen des Selbstbewußtseins tief durchdrungen waren, die mit ihren Damen größtenteils nur Französisch sprachen, oder, falls es Russisch war, dann doch nur in den höchsten Ausdrücken, so wie sich das bei Komplimenten und tiefsinnigen gesellschaftlichen Phrasen von selbst versteht, – wie diese Dandys, die sich nur im Rauchzimmer einige liebenswürdige Abweichungen von besagtem hohen Tone erlaubten und sich in freundschaftlicher Kürze ausdrückten, in Redewendungen, wie z. B.: „Eh, du Petjka, hast ja den Walzer wie geschmiert getanzt!“ oder: „Na, du, Wassjä, scheinst ja bei deiner Dame großartig abgeschnitten zu haben!“ Alles das zu schildern, meine verehrten Leser, dazu reicht, wie gesagt, meine Begabung nicht aus, und deshalb schweige ich lieber. Wenden wir uns daher wieder Herrn Goljädkin zu, dem wirklichen und einzigen Helden unserer durchaus wahrheitsgetreuen Erzählung.
Herr Goljädkin befand sich währenddessen in einer, sagen wir kurz, sehr seltsamen Lage. Er hielt sich nämlich gleichfalls dort auf, d. h. er war nicht gerade auf dem Ball, aber genau genommen doch so gut wie auf dem Ball. Er war wie immer ein freier Mensch, ein Mensch für sich, und ging niemanden etwas an. Nur stand er, während man dort oben tanzte, nicht – wie soll ich sagen – nicht ganz gerade. Er stand nämlich – es ist etwas peinlich, das zu sagen – er stand nämlich währenddessen im Flur der Küchentreppe des Hauses. Es hatte das nichts weiter auf sich, daß er dort stand: er war auch dort ein freier Mensch, ein Mensch für sich, wie immer. Er stand, meine verehrten Leser, er stand in einem Winkel, in dem es zwar nicht gerade wärmer, doch dafür etwas dunkler war, stand halbwegs verborgen hinter einem großen Schrank und einem alten Wandschirm, stand zwischen verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderem Kram, und wartete vorläufig nur die Zeit ab, gewissermaßen wie ein müßiger Zuschauer, dem das Schauspiel selbst nicht sichtbar ist. Er wartete und beobachtete – ja, meine verehrten Leser – er wartete und beobachtete vorläufig nur. Übrigens konnte er jeden Augenblick gleichfalls eintreten ... warum auch nicht? Er brauchte nur aus seinem Versteck hervorzukommen und weiterzugehen: und er kam wie jeder andere in den Saal, mit der größten Leichtigkeit. Indessen aber – während er dort schon die dritte Stunde in der Kälte stand, eingekeilt zwischen der Wand, dem Schrank und dem Schirm und neben verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderen Sachen – zitierte er in einem fort, wenn auch bloß in Gedanken, sich zum Trost und zur Rechtfertigung seiner Handlungsweise, einen Ausspruch des französischen Ministers Villèle seligen Angedenkens, daß nämlich „alles zu seiner Zeit an die Reihe komme, wenn man nur die Geduld zum Abwarten habe“. Diesen Ausspruch hatte Herr Goljädkin einst in einem übrigens ganz belanglosen Buch gelesen und sich gemerkt, weshalb er ihn sich denn jetzt, und zwar sehr zur rechten Zeit, wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Erstens paßte dieser Ausspruch ganz vortrefflich zu seiner augenblicklichen Lage, und zweitens, was kommt einem Menschen schließlich nicht in den Sinn, wenn er in einem Treppenflur, in Dunkelheit und Kälte, drei Stunden lang auf den glücklichen Ausgang seines Vorhabens wartet?
Während Herr Goljädkin, wie gesagt, sehr zur rechten Zeit den passenden Ausspruch zitierte, fiel ihm gleichzeitig aus einem unbekannten Grunde die Lebensgeschichte des einstigen türkischen Wesirs Marzimiris ein, und gleich darauf diejenige der schönen Markgräfin Louise, deren Biographie er gleichfalls einmal gelesen hatte. Dann fiel ihm auch noch ein, daß die Jesuiten nach dem Grundsatz zu handeln pflegten, daß jedes Mittel durch den Zweck geheiligt werde, daß man also jedes Mittel anwenden könne, wenn man damit nur das Ziel erreiche. Diese historische Tatsache flößte Herrn Goljädkin eine gewisse Hoffnung ein, doch schon im nächsten Augenblick meinte er – „Ach was, Jesuiten!“ – die Jesuiten, die könne er allesamt ins Bockshorn jagen, die seien dümmer als dumm. Wenn sich nur das Büfettzimmer auf einen Augenblick leeren wollte (das Zimmer, von dem aus eine kleine Tür unmittelbar nach dem Flur führte, in dem Herr Goljädkin sich aufhielt), dann würde er ganz ohne alle Jesuiten, nämlich ohne weiteres – dort eintreten und schnurstracks durch das Büfettzimmer ins Teezimmer gehen und von dort durch das Zimmer, in dem man Karten spielte, und von dort weiter in den Saal, in dem getanzt wurde. Und er würde hindurch gehen, würde tatsächlich und ohne jede Rücksicht oder irgendwelche Bedenken, ungeachtet aller Hindernisse, hindurchgehen – würde einfach so durchschlüpfen, im Handumdrehen, und, noch eh’ ihn jemand bemerkte, mitten im Saal stehen! Dort aber – o! was er dann dort zu machen hatte, das wußte er selbst schon ganz genau.
Also in einem solchen Zustande befand sich unser Held, obschon es übrigens schwer zu erklären wäre, was alles während des Wartens in ihm vorging. Die Sache war nämlich die, daß er bis zum Hause und bis in den Treppenflur den Weg glücklich gefunden hatte: weshalb, fragte er sich, sollte er ihn auch nicht finden? – weshalb sollte er nicht eintreten, wenn doch alle anderen eintraten? So kam er bis in den Flur, doch weiter wagte er nicht vorzudringen, wagte es wenigstens nicht offen und allen sichtbar ... aber das nicht etwa deshalb, weil er es nicht wagte, sondern so, weil er es eben selbst nicht wollte, weil er lieber kein Aufsehen erregte – nur das war der Grund. Und da wartete er eben, wartete ganz mäuschenstill geschlagene drei Stunden. Weshalb sollte er auch nicht warten? Hat doch auch Villèle gewartet!
„Ach was, Villèle!“ dachte Herr Goljädkin, „was hat Villèle damit zu schaffen! Aber wie könnte ich jetzt ... einfach dort eintreten? ... Ach du Eckensteher, du vermaledeiter!“ verwünschte er sich selbst, samt seinem Kleinmut, und kniff sich vor Wut mit der steifgefrorenen Hand in die steifgefrorene Wange, „du Narr, der du bist, du elender Goljädka[12], da hat dich das Schicksal grad’ richtig benannt, indem es dir einen solchen Namen gab! ...“
Übrigens waren diese Schmeicheleien, mit denen er sich plötzlich selbst bedachte, nur so eine zeitweilige kleine Gedankenverirrung, ohne jeden sichtbaren Zweck oder besonderen Grund.
Dann wagte er sich ein wenig aus seinem Versteck hervor und schlich zur Tür: der Augenblick war günstig – im Büfettzimmer war kein Mensch. Herr Goljädkin sah das alles durch das kleine Fenster der Tür. Schon legte er die Hand auf die Klinke, um zu öffnen und schnell hineinzuschlüpfen – doch plötzlich fragte er sich:
„Soll ich? ... Soll ich eintreten oder lieber nicht? ... Ach was, ich trete ein! ... weshalb sollte ich denn nicht? Dem Mutigen gehört die Welt!“
Doch als er sich damit schon angefeuert und ermuntert hatte – flüchtete er plötzlich, für ihn selbst ganz unerwartet, wieder hinter den Schirm zurück.
„Nein,“ dachte er, „wenn nun jemand in das Zimmer kommt? Da haben wir’s! – da sind richtig welche eingetreten. Worauf wartete ich denn, als niemand dort war? Warum trat ich nicht ein? Wenn man doch so ... ganz einfach sich ein Herz fassen und ohne weiteres und geradezu hineindringen könnte! ... Ja, schön gesagt, wenn der Mensch nun einmal solch einen Charakter hat! Daß es doch solch eine Veranlagung geben muß! Da ist dir das Herz wieder gleich in die Hühnerbeine gefallen! Ja, den Mut verlieren, das ist eben alles, was unsereiner kann. Nichts ausrichten oder alles verpfuschen – das einzig Mögliche! Das können wir! Jetzt steh’ hier wie ein Tölpel und sieh zu, was aus dir wird! Zu Haus könnte man jetzt ein Täßchen Tee trinken ... Das wäre eigentlich ganz angenehm. So aber – spät zurückkehren? ... Petruschka würde brummen ... Soll ich nicht einfach jetzt gleich nach Haus gehen? Der Teufel hole die ganze Geschichte! Ich gehe nach Haus und damit basta!“
Doch kaum hatte Herr Goljädkin diesen Entschluß gefaßt, als er plötzlich schon an der Tür stand, mit zwei Schritten in das Büfettzimmer schlüpfte, Paletot und Hut abwarf und beides schnell irgendwohin in einen Winkel stopfte, schnell an seinen Kleidern rückte und sich umsah: dann ... dann schlich er leise in das Teezimmer, von dort schlüpfte er fast unbemerkt durch das Spielzimmer – es gingen gerade ein paar andere Herren an den Tischen vorüber, – und dann ... dann ... ja dann vergaß Herr Goljädkin alles, was ringsum war oder geschah, und befand sich im Saal.
Zum Unglück wurde in dem Augenblick gerade nicht getanzt. Die Damen saßen oder gingen umher in malerischen Gruppen. Die Herren standen hier und dort in leiser Unterhaltung beisammen oder forderten Damen zum nächsten Tanz auf. Herr Goljädkin bemerkte jedoch nichts davon. Er sah nur Klara Olssuphjewna, neben ihr Andrej Philippowitsch und Wladimir Ssemjonowitsch, dann noch zwei oder drei Offiziere – und vielleicht ein paar junge Beamte, die alle, wie man auf den ersten Blick erkennen konnte, hinsichtlich ihrer Laufbahn zu den verschiedensten Hoffnungen berechtigten ... Vielleicht sah er auch noch ein paar andere Gestalten. Oder nein: er sah eigentlich nichts, oder doch so gut wie nichts, wenigstens sah er niemanden an, und bewegte sich nicht aus eigener Kraft, sondern gleichsam einer fremden folgend, die ihn, ohne nach seinem Willen zu fragen, obschon er ganz entschieden keinen eigenen mehr besaß, immer weiter schob, immer weiter, und durch die er, indem er ihr folgte, auf diese Weise unaufgefordert in einem fremden Ballsaal erschien. Da ihm aber alle Sinne zu vergehen drohten, oder vielleicht auch schon mehr oder weniger vergangen waren, trat er versehentlich einem Geheimrat auf den Fuß, trat auf die Schleppe einer ehrwürdigen Matrone, verwickelte sich mit den Füßen in einer Spitzengarnitur, der er etliche Risse beibrachte, stieß stolpernd an einen Diener, der mit einem Präsentierteller an ihm vorüberging, stieß vielleicht noch jemanden, ohne es selbst zu gewahren, oder richtiger, ohne alle die einzelnen Unglücksfälle noch auseinanderhalten zu können, – bis er plötzlich nur eines begriff: daß er vor Klara Olssuphjewna stand. Zweifellos wäre er in diesem Augenblick mit der größten Bereitwilligkeit in den Boden versunken: doch was nicht geht, das geht nun einmal nicht, ebensowenig wie Geschehenes sich ungeschehen machen läßt. Was sollte er tun? Mißlingt es, dann ... – Wo waren seine Grundsätze? Wie waren sie? Jedenfalls war Herr Goljädkin – darin hatte er vollkommen recht – kein Meister in der Kunst, das Parkett mit den Stiefelsohlen zu polieren ... Möglich, daß er daran dachte ... vielleicht kamen ihm auch die Jesuiten in den Sinn ...
Alles, was dort ringsum ging und stand und plauderte und lachte – verstummte plötzlich wie durch einen Zauberschlag. Man sah sich um, man fragte sich mit den Blicken, aller Augen richteten sich auf ihn, und allmählich drängte man sich näher. Herr Goljädkin sah und hörte selbst nichts davon – er stand und sah zu Boden und gab sich sein Ehrenwort, daß er sich noch in dieser Nacht erschießen werde. Und nachdem er sich sein Ehrenwort gegeben, dachte er: „Nun komme, was wolle!“ Doch plötzlich vernahm er zu seiner eigenen größten Verwunderung, daß er zu sprechen begann.
Er begann mit der üblichen Gratulation und dann folgten einige sogar sehr geschickte und vernünftige Worte, mit denen er ihr Glück und alles Gute wünschte. Die Gratulation ging tadellos vonstatten, doch bei den Wünschen wurde er unsicher – wurde er unsicher und fühlte, daß er, sobald er nur einmal stockte, dann überhaupt nicht weiter können würde, und ... und so stockte er denn auch und konnte – konnte in der Tat nicht mehr weiter ... und alles ging zum Teufel. Er stand ... und errötete! Hochrot stand er da und wußte sich nicht zu helfen ... und in seiner Hilflosigkeit sah er plötzlich auf und sah und – erstarrte ... Alles stand, alles schwieg, alles wartete: unter den Fernerstehenden erhob sich ein Geflüster, unter den Näherstehenden leises Gelächter. Herr Goljädkin warf einen verlorenen Blick auf Andrej Philippowitsch, doch der Blick, der ihn aus dessen Augen traf, war derart, daß er unseren Helden, wenn er nicht ohnehin schon tot, vollkommen tot gewesen wäre, auf der Stelle getötet hätte. Alles schwieg.
„Das ... das gehört zu meinen persönlichen Angelegenheiten und fällt in mein Privatleben, Andrej Philippowitsch,“ brachte Herr Goljädkin kaum hörbar hervor, „das ist kein dienstliches Erlebnis, Andrej Philippowitsch ...“
„Schämen Sie sich, mein Herr, schämen Sie sich!“ sagte Andrej Philippowitsch halblaut mit einem unbeschreiblichen Ausdruck des Unwillens, – sagte es, reichte Klara Olssuphjewna den Arm und führte sie fort von Herrn Goljädkin.
„Ich brauche mich nicht zu schämen, Andrej Philippowitsch,“ erwiderte Herr Goljädkin leise, sah auf und ließ seinen unglücklichen Blick über die Umgebung irren, als wolle er sich zunächst über seine eigentliche Stellung inmitten dieser verwunderten Gesellschaft klar werden.
„Das ... das hat doch nichts zu sagen, meine Herren! Was ist denn dabei? Nun was, das kann doch einem jeden zustoßen,“ murmelte Herr Goljädkin kaum verständlich, schüchtern ein wenig zur Seite tretend, um sich der ihn umringenden Schar zu entziehen.
Man trat vor ihm zurück und gab ihm den Weg frei. So schob sich unser Held denn zwischen zwei Reihen neugieriger und verwunderter Beobachter weiter. Das Verhängnis leitete ihn. Herr Goljädkin fühlte es selbst, daß er dem Verhängnis preisgegeben war. Natürlich hätte er viel darum gegeben, wenn er jetzt wieder im Flur hinter dem Schrank hätte stehen, wenn er sich „ohne Verletzung des gesellschaftlichen Anstandes“ unbemerkt wieder dorthin hätte zurückziehen können! Doch da das leider ausgeschlossen war, so sah er sich nach einer Möglichkeit um, sich wenigstens im Saal irgendwo zu verstecken oder in einem möglichst unbeachteten Winkel zu verbergen, um dann dort meinetwegen bis zum Morgen auszuharren, bescheiden, anständig, ganz für sich, ohne die geringste Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ohne jemanden anzurühren, um auf diese Weise gleichzeitig das Wohlwollen der Gäste wie die Verzeihung des Hausherrn zu erwerben.
Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe irgend etwas den Boden, auf dem er stand, als wanke dieser Boden bereits, als müsse er selbst sogleich fallen. Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er sich zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer auszusehen, der niemanden etwas anging und der selbst mit ziemlichem Gleichmut dem Treiben zusah, indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle stützte, die er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt, während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst heiterem Blick die ihn immer noch anschauenden Gäste Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von allen am nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor dem Herr Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam.
„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden Stühle sind für zwei Damen bestimmt: der eine für Klara Olssuphjewna, der andere für die Prinzessin Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie nicht von anderen fortgenommen werden,“ stammelte Herr Goljädkin unter Herzklopfen, indem er seinen flehenden Blick auf den jungen Leutnant richtete. Statt einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab.
Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der einen Seite wollte Herr Goljädkin auf der anderen Seite sein Glück versuchen, und wandte sich mit irgendeiner Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat, dessen Brust einer unserer höchsten Orden schmückte. Doch der Herr Rat maß ihn mit einem Blick, daß Herr Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über den Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß, lieber zu schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen und mit seinem Schweigen zu sagen, daß er ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle anderen, und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden kommen lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken wortlos auszudrücken, heftete er seine Blicke auf den Aufschlag seines Uniformrockes, doch nach einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie auf einen Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren.
„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin, „und wenn man ihm diese Perücke abnähme, würde man einen vollständig kahlen Kopf sehen.“
Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin alles dessen, was er über die arabischen Emire gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer Verwandtschaft mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban trügen, unter dem auch nur ein nackter, das heißt haarloser Kopf sichtbar wurde. Von den Köpfen der Emire sprangen seine Gedanken auf türkische Pantoffeln über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich noch, daß Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel trug, die mehr bequemen Pantoffeln glichen, als Stiefeln. Doch allmählich wurde er mit seiner Umgebung vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und dorthin zu schauen.
„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich herabfiele, gerade auf die versammelte Gesellschaft, so würde ich sogleich zu Klara Olssuphjewna stürzen und sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit wäre, würde ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin Ihr Retter.‘ Und dann ...“
Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung, in der er Klara Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte, und da erblickte er plötzlich Gerassimowitsch, den alten Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch kam mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen Miene gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte zusammen und runzelte die Stirn unter dem jähen Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr unangenehmen Empfindung. Ganz mechanisch blickte er sich nach beiden Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich der Gedanke, daß es vielleicht sehr gut und ratsam wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ... zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach zu verschwinden, als hätte er nie hier gestanden. Doch noch bevor unser Held sich zu irgend etwas entschließen oder gar etwas tun konnte, stand dieser Gerassimowitsch schon vor ihm.
„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich unser Held mit einem Lächeln an den alten Diener, „sagen Sie einem von den Dienstboten – sehen Sie dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen, sie steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell, daß man sie wieder gerade einsetzt – sie wird wirklich sogleich fallen, Gerassimowitsch ...“
„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade, aber es ist dort jemand, der Sie sprechen will.“
„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“
„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein Mensch, den irgend jemand geschickt hat. Er fragte, ob Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier sei. So rufen Sie ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so sagte er ...“
„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie werden sich verhört haben, Gerassimowitsch.“
„Schwerlich ...“
„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem Falle kann es nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch. Niemand kann hier nach mir fragen, Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt, ich gehe hier keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“
Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um. Natürlich! Alles, was im Saale war, alles hatte sich mit Augen und Ohren ihm zugewandt und schwieg in nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas näher und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde schienen erregt zu tuscheln. Sogar der Hausherr erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe, und obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den Erlebnissen Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren Anteil nahm, zumal in dieser Angelegenheit die äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so fühlte und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war. Herr Goljädkin sah es deutlich, daß sich ihm jetzt oder nie die Gelegenheit zu einem kühnen Handstreich bot, die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin empfand plötzlich eine gewisse Begeisterung und wandte sich wieder an den wartenden Gerassimowitsch und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme:
„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen. Du irrst dich. Ja, ich sage noch mehr: du hast dich auch heute vormittag geirrt, als du mir zu versichern suchtest ... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“ – Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph Iwanowitsch, mein Wohltäter seit undenklichen Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater ersetzt hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin sah sich selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl im Kreise um. In seinen Augen erglänzten Tränen. „Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt, hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“
Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr Goljädkin fühlte es, daß seine Rede einen Eindruck, einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr Goljädkin stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter den Gästen machte sich eine gewisse Aufregung und Verwunderung bemerkbar, und selbst der unerschütterliche Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder „schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach, und blieb stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester ein und spielte eine rauschende Polka. Alles zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen, Gerassimowitsch zog sich schleunigst zurück, und alles, was im Saal war, geriet wie ein Meer ins Wogen: da schwebte bereits das erste Paar, Wladimir Ssemjonowitsch mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die Zuschauer drängten sich entzückt und begeistert herbei und lächelten vor Lust beim Anblick des neuen Tanzes – der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka.
Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch nach einiger Zeit geriet wieder alles durcheinander, der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte aus, die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war atemlos, mit geröteten Wangen und ganz erschöpft auf einen Stuhl gesunken. Alle Herzen flogen der bezaubernden Königin des Festes zu, alle eilten zu ihr, um ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das man beim Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken, und – da stand auch schon Herr Goljädkin vor ihr. Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst nicht, was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und schob bittend den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd. Klara Olssuphjewna sah zwar sehr verwundert zu ihm auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin beugte sich nach vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten Male, erhob gleichzeitig einen Fuß, mit dem er irgendwie nach hinten ausschlug, dann stampfte er plötzlich auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen! Klara Olssuphjewna kam plötzlich zu sich und schrie leise auf: im Nu stürzten alle herbei, um sie von Herrn Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt, sah sich von einem empörten Kreise umgeben, vernahm das Gekreisch und die Klagen von zwei alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen oder getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die Aufregung war unbeschreiblich: alles rief, schrie, sprach durcheinander. Das Orchester verstummte. Unser Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß er doch gleichfalls ... weshalb denn nicht ... die Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts dafür ... ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung der Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun einmal nicht ginge, so sei er ja bereit, zurückzutreten ... Leider schien sich aber niemand um seine Bereitwilligkeit zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß eine Hand sich um seinen Oberarm legte und eine andere kräftig gegen seinen Rücken drückte und daß man ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr Goljädkin wollte irgend etwas sagen, irgend etwas tun ... oder nein, er wollte gar nichts mehr. Er lächelte nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung war dann, daß man ihm den Mantel anzog und den Hut auf den Kopf drückte, irgendwie schief auf die Stirn und in die Augen. Dann befand er sich, wie ihm schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit und Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte er und glaubte, in einen Abgrund zu fallen: er wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon auf dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand und fühlte nur ein Drehen im Kopf. Da vernahm er mit einem Male die gedämpften Klänge der Musik, die wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich erinnerte er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig verlassen hatten, waren wie mit einem Schlage wieder da. Er fuhr auf, griff sich an den Kopf und stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die Freiheit, geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen.
V.
Von den Türmen der Stadt schlug es gerade Mitternacht, als Herr Goljädkin auf den Kai des Fontankakanals in der Nähe der Ismailoffbrücke hinauslief, um sich vor seinen Feinden zu retten, vor seinen Feinden und Verfolgern, dem Gekreisch der empörten alten und dem Ach und Weh der jungen Damen, und vor den tötenden Blicken Andrej Philippowitschs.
Herr Goljädkin fühlte sich nicht bloß vernichtet, wie man das so zu sagen pflegt, sondern vollständig und buchstäblich erschlagen – erschlagen und tot, und wenn er im Augenblick doch noch die Fähigkeit des Laufens behielt, so war das entschieden nur mit einem Wunder zu erklären, einem Wunder, an das zu glauben er sich schließlich selber weigerte. Das Wetter war grauenvoll – eine Petersburger Novembernacht: naß, neblig, dunkel, mit jenem Regen und Schnee, die alle Gaben des Petersburger Novemberwetters, wie Rheumatismus, Schnupfen, Influenza und alle möglichen sonstigen Erkältungen und Entzündungen mit sich brachten und in sich trugen. Der Wind heulte durch die menschenleeren Straßen und über den Kanal, daß das schwarze Wasser in der Fontanka sich unheimlich regte, rüttelte eilig an den spärlichen Laternen, die auf sein Pfeifen mit leisem Kreischen und Knarren antworteten, was dann alles zusammen wie eine weinerlich schrille, fernher schwirrende Musik klang, die jedem Petersburger so gut bekannt ist. Die vom Winde zerrissenen Regenströme samt dem nassen Schnee trafen – als kämen sie aus einer Feuerspritze – den armen Herrn Goljädkin fast horizontal und schnitten und stachen ihn ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Durch das nächtliche Schweigen, das nur fernes Wagenrollen, das Heulen des Windes und das Knarren der Laternen unterbrach, hörte man das trostlose Tropfen des Wassers von den Dächern und Fenstervorsprüngen auf die Steine des Trottoirs, und das leise gurgelnde murmelnde Rauschen in den Regenröhren und Rinnsteinen. Keine Menschenseele war nah und fern zu sehen, und es konnte ja auch um diese Zeit und bei diesem Wetter niemand zu sehen sein. So eilte denn auf dem Trottoir an der Fontanka nur Herr Goljädkin, ganz allein mit seiner Verzweiflung, durch die Dunkelheit und den Regen, eilte in seiner eigentümlichen Gangart mit schnellen, kleinen, trippelnden Schritten wie im Trab halb laufend, immer weiter, um so schnell wie möglich die Schestilawotschnaja zu erreichen, unter den Torbogen zu schlüpfen und dann die Treppe hinaufzueilen, bis er in seiner Wohnung in Sicherheit war.
Doch obschon der Schnee und Regen und alles das, was sich kaum nennen und schildern läßt, wenn die Novemberstürme Petersburg heimsuchen, von allen Seiten zugleich auf Herrn Goljädkin niederging und ihn schonungs- und erbarmungslos mitnahm, ihm bis auf die Knochen ging, die Augen blendete und ihn fast vom Wege blies, als habe das Wetter sich mit seinen Feinden verbündet und sich mit allen gegen ihn verschworen: so konnte doch diese letzte Heimsuchung Herrn Goljädkin, der an diesem Tage schon genugsam vom Unglück verfolgt worden war, merkwürdigerweise nicht den Rest geben, ja sie kam ihm, kann man sagen, kaum ernsthaft und wirklich zu Bewußtsein – so erschüttert war er durch das, was er vor wenigen Minuten im Hause des Staatsrats Berendejeff hatte erleben müssen! Selbst wenn ihn ein ganz Ahnungsloser in diesem Augenblick von der Seite hätte beobachten können, wie er so, gleichsam blind und taub, durch das Unwetter einhertrabte, – er hätte doch sogleich diese ganze fürchterliche und unerträgliche Qual erraten und wohl gesagt, Herr Goljädkin sehe aus, als wolle er sich vor sich selbst verstecken, als wolle er am liebsten vor sich selbst fortlaufen. Und so war es auch wirklich. Ja, wir können sogar sagen, daß Herr Goljädkin sich am liebsten auf der Stelle vernichtet, in Staub und Nichts verwandelt hätte. Er hörte weder, noch sah oder begriff er etwas von dem, was ihn umgab: er sah aus, als spüre er nichts von Regen und Schnee, nichts vom Winde und vom Unwetter. Die eine Galosche, die für den rechten Stiefel etwas zu groß war, fiel ab, doch Herr Goljädkin eilte weiter, ohne es überhaupt zu bemerken. Er war so verwirrt, daß er mehrmals jäh stehen blieb, von nichts anderem erfüllt, als von dem Gedanken an eine unfaßbare Schmach, und daß er dann unbeweglich, wie zu einer Bildsäule erstarrt, mitten auf dem Trottoir stand: in diesen Augenblicken starb er fast, verging er – bis er dann plötzlich zusammenfuhr und wie ein Irrsinniger weiterlief, lief und lief, ohne sich umzusehen, als wolle er sich vor Verfolgern retten oder als gelte es, irgendeinem furchtbaren Unglück zu entrinnen. Sein Zustand war in der Tat beängstigend ...
Endlich blieb er vor Erschöpfung stehen, stützte sich auf das Geländer am Kanal und starrte auf das schwarze Wasser der Fontanka. So stand er eine lange Zeit. Was er dachte, läßt sich nicht genau sagen, aber jedenfalls war seine Verzweiflung so groß, die Qual so ungeheuerlich und sein Mut so erschöpft, daß er alles vergaß, alles, das Haus an der Ismailoffbrücke und seine Wohnung an der Schestilawotschnaja, selbst vergaß, wo er sich im Augenblick befand ... Und warum sollte er auch nicht? Es war doch nichts mehr daran zu ändern, was ging es ihn im Grunde noch an? ... Plötzlich aber ... plötzlich zuckte er am ganzen Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein paar Schritte zur Seite. Mit einer unerklärlichen Unruhe sah er sich um: es war niemand zu sehen, es konnte nichts Besonderes geschehen sein, und doch ... und doch schien es ihm, daß im Augenblick jemand neben ihm, dicht neben ihm gestanden hatte, gleichfalls auf das Geländer gestützt, und – seltsam! – es war, als habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, schnell und kurz und nicht ganz deutlich, aber irgend etwas ihm Naheliegendes, etwas, das ihn persönlich anging.