Der Doppelgänger (continued 2)
E. K. Rahsin translation
„Wie, oder sollte mir das ... nur so vorgekommen sein?“ fragte sich Herr Goljädkin, indem er sich nochmals suchend umsah. „Aber wo bin ich denn? ... Oh!“ schloß er kopfschüttelnd, fuhr aber doch fort, unruhig, mit einem beklemmenden Gefühl, ja sogar mit einer gewissen Angst, alle Kräfte zusammenzunehmen, um mit seinen kurzsichtigen Blicken in die trübe, feuchte Dunkelheit zu spähen. Es war aber nichts Verdächtiges zu sehen: nichts Besonderes fiel ihm auf. Es schien alles ruhig zu sein, alles wie es sein mußte, es schneite nur stärker als vorher und in größeren Flocken: keine zwanzig Schritte weit konnte man sehen, so stockfinster war es. Und der Wind heulte noch eintöniger, noch klagender sein banges Lied, ganz wie ein Bettler, der nicht von einem läßt und traurig um ein Almosen bittet, um sein Leben fristen zu können.
„E–eh! was ist denn das mit mir?“ fragte sich Herr Goljädkin, und er setzte seinen Weg fort, blickte sich aber immer noch etwas unsicher um. Inzwischen bemächtigte sich seiner eine neue Empfindung: es war wie eine Beklemmung, und doch wieder nicht, es war wie Angst ... und doch anders als Angst ... Ein fieberhaftes Zittern lief durch seinen ganzen Körper und zerrte an allen Sehnen. Der Augenblick war unerträglich.
„Nun, was ist denn dabei,“ murmelte er endlich, um sich etwas zu ermuntern, „was tut es denn? Vielleicht hat so etwas nichts auf sich und geht niemandem an die Ehre. Vielleicht war das gerade nötig,“ fuhr er fort, ohne selbst zu verstehen, was er sprach, „vielleicht wird das gerade zum Guten führen, mir noch ein Glück eintragen, weshalb also ungehalten sein, wenn ich ihnen allen einmal zu Dank verpflichtet sein kann?“
Mit diesen beruhigenden und tröstenden Erwägungen beschäftigt, schüttelte Herr Goljädkin den Schnee von sich ab, der schon mit einer dicken Schicht seinen Hut und Kragen, die Schultern und Stiefel bedeckte, – doch jene seltsame Empfindung, jene dunkle Beklemmung konnte er nicht abschütteln. Irgendwo fern fiel ein Kanonenschuß[13].
Das ist aber ein Wetter, dachte unser Held, hu! wenn es nicht noch eine Überschwemmung gibt? Das Wasser muß doch schon bedeutend gestiegen sein ...
Kaum hatte Herr Goljädkin das gedacht, als er nicht weit vor sich einen Menschen erblickte, der ihm entgegenkam, – wohl ebenso wie er selbst ein verspäteter Fußgänger. Es war offenbar eine ganz zufällige Begegnung, die nichts weiter zu bedeuten hatte. Doch Herr Goljädkin wurde aus einem unbekannten Grunde ängstlich und verlor sogar ein wenig den Kopf. Nicht, daß er einen Mörder oder Dieb gefürchtet hätte, – nein, das nicht, aber ... „was kann man wissen, wer er ist,“ fuhr es ihm durch den Sinn, „vielleicht ist auch er hier im Spiel, ja vielleicht ist er sogar die Hauptperson und kommt mir jetzt nicht zufällig entgegen, sondern in einer besonderen Absicht, um meinen Weg zu kreuzen und mich anzurempeln ...“
Möglicherweise dachte Herr Goljädkin dies auch nicht, sondern empfand nur eine Sekunde lang etwas Ähnliches und äußerst Unangenehmes. Er hätte auch gar nicht Zeit zum Denken gehabt: der Fremde war keine zwei Schritte mehr von ihm entfernt. Herr Goljädkin beeilte sich seiner Gewohnheit gemäß, eine Miene aufzusetzen, die deutlich zu erkennen gab, daß er, Goljädkin, ein Mensch für sich sei und niemanden etwas angehe, daß der Weg für alle breit genug, und er, Goljädkin selbst, niemanden anrühre und ruhig vorübergehe. Plötzlich aber stand er wie vom Blitz getroffen, und dann wandte er sich schnell zurück und sah dem anderen nach, der kaum an ihm vorübergegangen war, – wandte sich zurück, als habe ihn jemand an einer Schnur herumgerissen. Der Unbekannte entfernte sich schnell im Schneetreiben. Er ging gleichfalls sehr eilig, war gleichfalls ganz vermummt, hatte den Hut in die Stirn gezogen und den Kragen aufgeschlagen, und ging ganz wie er, Herr Goljädkin, mit kleinen, schnellen, trippelnden Schritten, ein wenig wie im Trab.
„Was ... was ist das?“ murmelte Herr Goljädkin mit einem ungläubigen Lächeln, – schauderte aber doch am ganzen Körper zusammen. Es lief ihm kalt über den Rücken. Inzwischen verschwand der Unbekannte vollends in der Dunkelheit, auch seine Schritte waren nicht mehr zu hören, Herr Goljädkin aber stand immer noch und sah ihm nach. Erst allmählich kam er wieder zu sich.
„Was ist das mit mir,“ dachte er ärgerlich, „bin ich denn etwa rein von Sinnen oder ... oder ganz verrückt?“ Und er ging wieder seines Weges, beschleunigte aber immer mehr den Schritt und bemühte sich, an gar nichts zu denken. Ja er schloß sogar die Augen, um nicht zu denken. Plötzlich, durch das Heulen des Windes und das Geräusch des Unwetters, vernahm er wieder schnelle Schritte in der Nähe. Er fuhr zusammen und öffnete die Augen. Vor ihm, etwa zwanzig Schritte weit, tauchte von neuem irgendein dunkles Menschlein auf, das ihm eilig entgegenkam. Die Entfernung verringerte sich schnell. Herr Goljädkin konnte schon deutlicher seinen neuen Schicksalsgenossen erkennen, – und plötzlich schrie er auf vor Überraschung und Entsetzen. Seine Füße wurden schwach. Es war das derselbe, ihm schon bekannte Passant, der vor etwa zehn Minuten an ihm vorübergegangen war, und der ihm jetzt plötzlich wieder entgegenkam. Das Erlebnis war seltsam und unheimlich. Herr Goljädkin war so überrascht, daß er stehen blieb, zitterte, irgend etwas sagen wollte, und – plötzlich dem Unbekannten nachlief, ja, er rief ihn sogar an, wahrscheinlich, um ihn schneller zu erreichen. Der Unbekannte blieb auch wirklich stehen, etwa zehn Schritte weit von Herrn Goljädkin, und zwar gerade im Schein der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen konnte, – blieb stehen, wandte sich nach Herrn Goljädkin um und wartete mit ungeduldiger Miene darauf, was jener nun sagen werde.
„Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nur getäuscht,“ stammelte unser Held mit zitternder Stimme.
Der Unbekannte wandte sich schweigend und sichtlich ungehalten wieder von ihm ab und ging schnell weiter, als wolle er sich beeilen, die verlorenen zwei Sekunden einzuholen. Herr Goljädkin aber zitterte am ganzen Körper und vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Mit einem Stöhnen sank er auf einen der Prellsteine am Trottoir. Er hatte wirklich allen Grund, so die Fassung zu verlieren.
Dieser Unbekannte war ihm jetzt tatsächlich bekannt erschienen. Doch das hätte allein noch nicht viel besagt. Aber er hatte ihn ja erkannt, hatte ihn jetzt vollkommen erkannt, diesen Menschen! Er hatte ihn schon gesehen, hatte ihn – ja, hatte ihn irgend einmal gesehen, sogar vor ganz kurzer Zeit. Aber wo? – wo konnte das gewesen sein? – und wann? War es nicht erst vor einem Tage gewesen? Übrigens war nicht das die Hauptsache, daß Herr Goljädkin ihn schon gesehen hatte. Es war ja auch fast gar nichts Besonderes an diesem Menschen – auf den ersten Blick hätte dieser Mensch entschieden keines anderen Menschen Aufmerksamkeit erregt. Er war eben ein Mensch, wie alle anderen, war natürlich auch anständig, wie alle anständigen Menschen, und vielleicht besaß er sogar irgendwelche Vorzüge – mit einem Wort: er war auch ein Mensch für sich.
Herr Goljädkin empfand weder Haß noch Feindschaft noch selbst eine Abneigung gegen diesen Menschen, sogar im Gegenteil! Nur (und gerade in diesem Umstande lag die Hauptbedeutung), nur hätte er für nichts in der Welt eine zweite Begegnung mit ihm gewünscht, und nun noch gar eine, wie jetzt in der Nacht. Wir können sogar noch mehr verraten! Herr Goljädkin kannte diesen Menschen ganz genau, er wußte sogar, wie er hieß, mit dem Familiennamen und mit dem Ruf- und Vatersnamen. Und doch hätte er ihn selbst für alle Schätze der Welt nicht mit Namen genannt, – er wollte ihn nicht nennen, wollte es nicht einmal zugeben, daß jener so und so hieß.
Wie lange Herr Goljädkin auf dem Prellstein saß, was er dachte oder empfand, das vermag ich nicht zu sagen, doch als er endlich wieder zu sich kam, raffte er sich plötzlich auf und begann zu laufen – und er lief, was er nur laufen konnte, ohne sich umzusehen. Der Atem ging ihm aus, er stolperte zweimal, fiel fast hin – und bei der Gelegenheit verlor er auch die andere Galosche. Endlich gab er das Laufen auf, verlangsamte den Schritt, um Atem zu schöpfen, sah sich schnell um und stellte fest, daß er, ohne es zu merken, schon eine ganze Wegstrecke längs der Fontanka zurückgelegt hatte, ging dann über die Anitschkoffbrücke, ging über den Newskij und stand schließlich an der Straßenkreuzung des Newskij Prospekt und der Liteinaja. Dann bog er in die Liteinaja ein. Er glich in diesem Augenblick einem Menschen, der am Rande eines Abgrundes steht, unmittelbar vor einem Absturz, der den Boden schon unter sich wanken fühlt und im nächsten Augenblick in die Tiefe stürzen wird: einem, der all dies weiß und selbst sieht, und der doch nicht die Kraft hat und auch nicht die Geistesgegenwart, auf den noch feststehenden Boden zurückzuspringen, und nicht die Willensstärke, den Blick von der gähnenden Tiefe abzuwenden: die Tiefe zieht ihn vielmehr an, zieht ihn und läßt ihn nicht los, und so springt er denn schließlich beinahe selbst hinab, nur um den unvermeidlichen Untergang zu beschleunigen.
Herr Goljädkin wußte und fühlte es, er war überzeugt, daß ihm sogleich, noch unterwegs, etwas Verhängnisvolles zustoßen, daß er z. B. wieder jenem Unbekannten begegnen würde: doch – so seltsam es auch erscheinen mag – er wünschte diese Begegnung jetzt beinahe selbst herbei, wünschte sie schneller herbei, so schnell wie möglich. Da er sie doch für unvermeidlich hielt, wollte er, daß dem Zustande je eher je lieber ein Ende bereitet werde, gleichviel wie, aber nur rasch, rasch! Währenddessen lief er immer noch, lief als bewege ihn eine fremde Macht, denn von seinem eigenen Wesen fühlte er nichts als eine unendliche Erschöpfung und Abgespanntheit: er konnte auch nichts mehr denken, obwohl seine Gedanken sich im Vorübergehen wie Dornen an alles und jedes hefteten. Ein verirrtes Hündchen, das vor Nässe und Kälte nur so zitterte, schloß sich ihm an und lief neben ihm her, lief mit flinken dünnen Beinchen, eingekniffener Rute und zurückgelegten Ohren, und von Zeit zu Zeit sah es schüchtern und verständnisvoll zu ihm auf.
Ein ferner, längst schon vergessen gewesener Gedanke oder vielmehr die Erinnerung an etwas vor langer Zeit einmal Geschehenes kam ihm jetzt in den Sinn und begann in seinem Kopfe zu hämmern, und hämmerte und hämmerte und ließ sich nicht abweisen.
„Dieses gemeine Hündchen!“ murmelte Herr Goljädkin vor sich hin, ohne sich selbst zu verstehen. Endlich erblickte er den Unbekannten wieder, gerade wie er um die Straßenecke bog. Nur kam er ihm jetzt nicht wieder entgegen, sondern ging vor ihm her in derselben Richtung, ging wenige Schritte vor ihm und eilte ebenso wie er in leichtem Trab. Bald hatten sie die Schestilawotschnaja erreicht. Herrn Goljädkins Herzschlag setzte aus: der Unbekannte blieb gerade vor dem Hause stehen, in dem Herr Goljädkin wohnte. Man hörte die Klingel unter dem Torbogen und fast in demselben Augenblick auch schon das Kreischen des eisernen Riegels. Das Pförtchen wurde geöffnet, der Unbekannte beugte sich und verschwand. Im nächsten Augenblick hatte auch Herr Goljädkin das Pförtchen erreicht und schlüpfte am Hausknecht vorüber, der irgendetwas brummte; er lief auf den Hof und erblickte wieder den Unbekannten, den er einen Moment aus dem Auge verloren hatte. Er erblickte ihn gerade noch beim Eingang zu der Treppe, die zu Herrn Goljädkins Wohnung hinaufführte. Herr Goljädkin eilte ihm nach. Die Treppe war dunkel, feucht und schmutzig. Neben allen Türen stand Hausgerät und alles mögliche andere, so daß ein Fremder, der zum erstenmal und noch dazu im Dunkeln diese Treppe hinaufstieg, mindestens eine halbe Stunde lang zum Erklimmen derselben bedurfte. Trotzdem setzte man sich immer wieder dem aus, daß man sich Hals und Beine brach, verwünschte immer wieder nicht nur die Treppe, sondern mit dieser auch seine Bekannten, die sich in einer Wohnung niedergelassen, zu der der Zugang soviel Mühe kostete. Doch jener Unbekannte, den Herr Goljädkin verfolgte, schien mit den Eigenheiten der Treppe ganz vertraut zu sein, als wohne er in demselben Hause: er eilte mit der größten Leichtigkeit hinauf, ohne auch nur einmal zu zögern, als wäre ihm jede Stufe bekannt. Herr Goljädkin hatte ihn fast eingeholt: ja, zwei- oder dreimal schlug sogar der Mantelsaum des Unbekannten an seine Nase. Das Herz stand ihm still. Der geheimnisvolle Fremde blieb gerade vor der Tür der Wohnung des Herrn Goljädkin stehen. Und Petruschka – was zu einer anderen Zeit Herrn Goljädkin sehr in Verwunderung gesetzt hätte, – Petruschka, ganz als hätte er gewartet und sich noch nicht schlafen gelegt, öffnete sofort die Tür und kam dem eintretenden Menschen mit dem Licht in der Hand entgegen.
Ganz außer sich trat der Held unserer Erzählung in seine Wohnung. Ohne Hut und Mantel im Vorraum abzulegen, blieb er, wie vom Donner gerührt, auf der Schwelle seines Zimmers stehen.
Alle Vorahnungen Herrn Goljädkins erfüllten sich vollständig, alles, was er gefürchtet hatte, trat jetzt in die Erscheinung. Der Atem ging ihm aus, der Kopf schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm auf seinem Bett, gleichfalls im Hut und Mantel: er lächelte ein wenig, blinzelte ihm zu und nickte freundschaftlich mit dem Kopfe. Herr Goljädkin wollte schreien, konnte aber nicht – wollte irgendwie protestieren, doch die Kräfte reichten nicht. Die Haare standen ihm zu Berge und er setzte sich starr vor Schreck neben den anderen hin. Dazu hatte er freilich Ursache. Herr Goljädkin erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein nächtlicher Freund aber war niemand anders als er selbst – ja: Herr Goljädkin selbst, ein anderer Herr Goljädkin und doch Herr Goljädkin selbst – mit einem Wort und in jeder Beziehung war er das, was man einen Doppelgänger nennt.
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VI.
Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljädkin in seinem Bett. Sofort erschienen mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen erregten Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien die ganze wilde und unwahrscheinliche Nacht mit ihren fast mysteriösen Ereignissen. Eine so grausame, eine so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und besonders dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn Goljädkins Herz zu Eis erstarren. Dazu schien alles das so sonderbar unverständlich und wüst, schien so sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin wäre sogar sehr geneigt gewesen, das alles einfach für einen Traum, für eine augenblickliche Verwirrung seiner Phantasie, für eine vorübergehende Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht zu seinem Glück und aus seiner bitteren Lebenserfahrung heraus gewußt hätte, bis wohin die Bosheit bereits manchen Menschen gebracht hat, wie weit die Grausamkeit eines Feindes gehen kann, der sich für seine verletzte Ehre rächen mochte. Obendrein legten die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins, sein schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und bestanden unabweislich auf der Wirklichkeit des nächtlichen Spazierganges samt allen Abenteuern, die mit ihm verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja Herr Goljädkin schon längst, daß sie da etwas gegen ihn vorbereiteten, daß noch etwas anderes dahintersteckte!
Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß Herr Goljädkin zu schweigen, sich zu fügen und in der Sache fürs erste nichts zu tun.
„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen, und wenn sie sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere und mich in alles füge, dann werden sie vielleicht zurücktreten, von selbst zurücktreten, als erste zurücktreten.“
Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins umgingen, als er sich im Bette ausstreckte, um seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und auf das gewohnte Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete. Er wartete bereits eine ganze Viertelstunde und hörte, wie der Faulpelz Petruschka hinter dem Verschlag den Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht entschließen, ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin fürchtete sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen.
„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott, wie der Schuft diese ganze Sache ansieht. Er schweigt und schweigt und macht sich dabei seine eigenen Gedanken.“
Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien mit dem Teebrett in beiden Händen. Herr Goljädkin schielte schüchtern nach ihm hin und wartete ungeduldig, was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch Petruschka sagte nichts, im Gegenteil, er war noch schweigsamer, finsterer und erboster als gewöhnlich und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen hervor nur mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte daraus entnehmen, daß er äußerst unzufrieden war. Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was, nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm berührte. Er stellte alles, was er gebracht hatte, auf den Tisch, kehrte um und ging schweigend hinter seinen Verschlag.
„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte Herr Goljädkin, während er seinen Tee einnahm. Unser Held jedoch richtete keine Frage an seinen Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen Anlässen, ins Zimmer kam.
Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung. Peinlich war es ihm vor allem, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes Vorgefühl, daß dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde.
„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über irgend etwas stolpern! Ist es nicht besser, hier noch etwas abzuwarten? Mögen sie da tun – was sie wollen: ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln, werde meine Gedanken über die Sache in Ordnung bringen, um dann den günstigen Augenblick zu erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen auftauchen.“
Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte, rauchte er eine Pfeife nach der anderen. Die Zeit verging indessen schnell – es war bereits fast halb zehn geworden.
„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte Herr Goljädkin, „es ist jetzt wirklich zu spät geworden. Dazu bin ich krank, versteht sich, krank, durchaus krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es mich an! Und wenn man jemanden schickt, der hier nachsehen soll – ja, was geht das mich an? Mir tut der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen, und schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen, ich kann mich ernstlich erkälten und sogar sterben – die Sterblichkeit ist ja zurzeit so groß ...“
Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin schließlich sein Gewissen vollkommen und rechtfertigte sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm von Andrej Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung des Dienstes“. Überhaupt liebte es unser Held bei allen ähnlichen Gelegenheiten, sich vor sich selbst durch die verschiedensten Vernunftgründe zu verteidigen und auf diese Weise sein Gewissen vollkommen zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte sie aus: doch kaum hatte er ordentlich zu rauchen begonnen – als er plötzlich vom Diwan sprang, seine Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und frisierte, seine Uniform und alles Übrige anzog, einige Papiere ergriff und in die Kanzlei davoneilte.
Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung ein, in zitternder Erwartung von etwas sehr Unangenehmem, in einer Erwartung, die unklar und dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher Anton Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne sich umzublicken oder sich durch etwas ablenken zu lassen, vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm liegenden Papiere. Er hatte beschlossen und sich das Wort gegeben, sich so wenig wie möglich einer Herausforderung auszusetzen und sich vor allem, was ihn kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen, vor allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen Abend möglichst weit weg zu halten. Er beschloß sogar, von den gewöhnlichen Höflichkeiten im Verkehr mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel Fragen nach dem Befinden usw. zu unterlassen.
Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es dabei bleiben konnte. Unruhe und Ungewißheit über etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn viel quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher, trotz des Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf nichts einzugehen, was es auch sei, und sich von allem fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch zuweilen den Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach rechts und links, und beobachtete die Gesichter seiner Mitarbeiter, um aus ihren Mienen zu schließen, ob etwas Neues und Besonderes bevorstehe und aus irgendwelchen Absichten vor ihm verborgen werde. Er setzte ohne weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen den gestrigen Vorfällen und allem bestand, was um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus wünschte er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß sich alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge, wenn es dabei auch ein Unglück gäbe!
Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal auch ereilte: kaum hatte er dies zu wünschen gewagt, als seine Zweifel plötzlich gelöst wurden, und zwar auf die allersonderbarste und unerwartetste Weise.
Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich leise und schüchtern, als wollte sie damit vorausschicken, daß die eintretende Person herzlich unbedeutend sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr bekannt vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern dem Tisch, an dem unser Held saß. Unser Held wagte seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die Gestalt nur flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles, begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte vor Scham und steckte seinen armen Kopf in die Papiere mit der gleichen Absicht, wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom Jäger verfolgt wird.
Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej Philippowitsch und man hörte darauf dessen förmliche, höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten in allen Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen.
„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch an ihn und wies den Neuling an den Tisch Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich Herrn Goljädkin gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“
Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den Neuangekommenen mit einer höflich einladenden Gebärde sich selbst überließ und sich sofort wieder in seine Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen.
Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und wenn er nicht in Ohnmacht fiel, so geschah es nur deshalb nicht, weil er schon vorher alles das vorausgefühlt hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet war und die Ankunft des Neulings bereits in seiner Seele geahnt hatte. Die erste Bewegung Herrn Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich nicht ein Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen verzog und schließlich nicht irgend jemand vor Schreck vom Stuhle fiel. Doch zur größten Verwunderung Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches. Das Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte ihn in Erstaunen und schien ihm vollständig unerklärlich. Herr Goljädkin erschrak fast vor diesem ungewöhnlichen Schweigen. Die Tatsache sprach für sich selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen. Es mußte einen verwundern.
Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich durch den Kopf. Er fühlte sich wie auf einem kleinen Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte seinen Grund. Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß, war – der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die Schande Herrn Goljädkins, war – der gestrige Albdruck Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem Munde und mit der Feder in der Hand auf dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der als Gehilfe seines Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser, der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken liebte, nicht der schließlich, dessen Verhalten deutlich aussprach: „Rühre mich nicht an und auch ich werde dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an, denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war ein anderer Herr Goljädkin, ein vollkommen anderer, und zugleich doch einer, der vollkommen ähnlich dem ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben Gestalt und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz, es war nichts, aber auch nichts zur vollkommenen Ähnlichkeit vergessen worden, so daß, wenn man die beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand, aber auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der wirkliche Herr Goljädkin und wer der nachgemachte sei, wer der alte und wer der neue, wer das Original und wer die Kopie.
Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen, über den, wenn der Vergleich möglich ist, jemand zum Spaß ein Brennglas hält.
„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er, „ist es die Gegenwart oder die Fortsetzung von gestern. Wie kommt das, mit welchem Recht geht das alles hier vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer gab ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt es mir?“
Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch noch einen anderen ... Nein, es war nicht nur ein Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der Schweiß in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch etwas nie Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete: und zur Vollendung des Unglücks begriff und fühlte Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel zu sein.
Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, und obgleich er vorher auf alles vorbereitet gewesen war und selbst gewünscht hatte, daß sich seine Zweifel irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache doch ganz unerwartet eingetreten.
Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend war er seiner Gedanken und seines Gedächtnisses vollständig beraubt. Wenn er nach solchen Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er ganz mechanisch und unbewußt seine Feder über das Papier führte. Da er sich selbst nicht mehr trauen konnte, fing er an, alles Geschriebene nachzuprüfen, und siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und ehrbar dagesessen hatte, und verschwand mit seiner Arbeit durch die Tür, in die andere Abteilung. Herr Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch beim Umwenden der Blätter und das Geflüster in denjenigen Ecken, die am weitesten von dem Platz Andrej Philippowitschs ablagen.
Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher, an, und da der Gesichtsausdruck unseres Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen Gedanken übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr auffallend war, so legte der gute Anton Antonowitsch die Feder beiseite und erkundigte sich mit außergewöhnlicher Teilnahme nach der Gesundheit Herrn Goljädkins.
„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott sei Dank,“ antwortete stotternd Herr Goljädkin, „ich, Anton Antonowitsch ... bin vollkommen gesund. Mir fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch nicht ganz zu überzeugen vermochte.
„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so ganz gesund sind: übrigens, es wäre kein Wunder! Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen Sie ...“
„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter schlecht ist ... Ich, Anton Antonowitsch, ich ... spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin fort, indem er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen Sie, Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht, ... das heißt, ich möchte sagen ... wie Sie die Sache auffassen, Anton Antonowitsch ...“
„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß gestehen, nicht ganz verstanden; Sie ... wissen Sie ... erklären Sie sich deutlicher, woran Sie sich hierbei stoßen,“ sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die Tränen in die Augen traten.
„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch ... hier ist – ein Beamter, Anton Antonowitsch ...“
„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“
„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier ein neueingetretener Beamter ist.“
„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“
„Was?“ rief Herr Goljädkin aus.
„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt auch Goljädkin. Ist es nicht Ihr Bruder?“
„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“
„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es sogar ein sehr naher Verwandter von Ihnen sein müßte. Wissen Sie, es ist da eine Familienähnlichkeit vorhanden.“
Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und die Zunge versagte ihm zeitweise ihren Dienst. So einfach über eine so unerhörte, noch nie dagewesene Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden interessierten Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild handelte!
„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff Petrowitsch,“ fuhr Anton Antonowitsch fort. „Gehen Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit ihm. Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre Augen sind so sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen Ausdruck haben sie ...“
„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das heißt, ich möchte fragen, wie dieser Beamte? ...“
„Nun?“
„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch, haben Sie nicht an ihm etwas Besonderes bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“
„Das heißt?“
„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, eine erstaunliche Ähnlichkeit mit irgend jemandem, das heißt zum Beispiel mit mir. Sie sprachen soeben, Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit, Sie machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, daß es Zwillinge gibt, die sich wie zwei Tropfen Wasser gleichen, so daß man sie nicht voneinander unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte ich –“
„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich – als ob er jetzt zum erstenmal über die Sache wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben recht, die Ähnlichkeit ist tatsächlich erstaunlich und man könnte wirklich den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu und riß die Augen immer weiter auf. „Und, wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist sogar eine ganz sonderbare phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie bemerkt, Jakoff Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar selbst danach fragen. Ja, ich gestehe, anfangs habe ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein wirkliches Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind doch kein Hiesiger? Ich meine nur ...“
„Nein.“
„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus demselben Orte, wo Sie her sind. Ich wage nur zu fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt dauernd aufgehalten?“
„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, daß er kein Hiesiger ist?“
„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar ist,“ fuhr der gesprächige Anton Antonowitsch fort, für den es ein rechter Feiertag war, wenn er einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich Anteil erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber, ohne es zu bemerken! Übrigens, regen Sie sich nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen. Wissen Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe passierte meiner Tante, mütterlicherseits; sie hat sich auch einmal, es war kurz vor dem Tode, doppelt gesehen ...“
„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch, wollte wissen, wie es mit diesem Beamten steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“
„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen Ssemjon Iwanowitsch. Dessen Posten war frei geworden, und so wurde er angestellt. Nein, wirklich, dieser gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere. Die Witwe ist seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man sagt übrigens, sie habe Geld, sie verheimliche es nur.“
„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand ...“
„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn das so sehr? Ich sage Ihnen doch: regen Sie sich nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes, und es ist Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes Weisheit. Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht schuld daran. Als ob es keine Wunder auf der Welt gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie werden doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört, wie die siamesischen Zwillinge mit dem Rücken aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und schlafen zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“
„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“
„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was? Tut nichts! Ich sage Ihnen doch, nach meiner persönlichen Überzeugung haben Sie sich keineswegs aufzuregen. Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein tüchtiger Mensch. Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht von hier und führe den Titel Titularrat. Er hat selbst mit Seiner Exzellenz gesprochen.“
„Und was hat er gesagt?“
„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende Erklärungen gegeben und die Gründe dargelegt, sagt man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein Vermögen, ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so gehört ... er hat sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt. Ein kluger Mensch muß er sein. Nun, versteht sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die geht’s doch nicht ...“
„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte sagen, wer hat denn in diese schmutzige Angelegenheit seine Hand gesteckt?“
„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein, Seine Exzellenz, sagt man, und Andrej Philippowitsch hätten gelacht.“
„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“
„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und sie hätten nichts dagegen, wenn er nur seine Pflicht tue!“
„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder, Anton Antonowitsch, ich flehe Sie an – und weiter.“
„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts zu bedeuten, ich sage Ihnen, regen Sie sich nicht auf, die Sache hat nichts Bedenkliches.“
„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen, Anton Antonowitsch, ob Seine Exzellenz nichts mehr hinzugefügt hat ... über mich, zum Beispiel?“
„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts, nichts, Sie können ganz ruhig sein. Wissen Sie, natürlich ist der Umstand sehr sonderbar ... aber ich selbst – ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts dabei dachte, bis Sie, Sie selbst, mich darauf aufmerksam gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts gesagt,“ fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob sich vom Stuhl.
„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“
„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze hier von Nichtigkeiten und da ist eine wichtige Sache zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“
„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die klangvolle Stimme Andrej Philippowitschs, „Seine Exzellenz fragt nach Ihnen.“
„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich komme schon.“ Und Anton Antonowitsch griff nach einem Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej Philippowitsch und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz.
„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. „So ist also das Spiel jetzt bei uns? Von daher weht der Wind? ... Das ist nicht übel, die Dinge haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser Held, rieb sich die Hände und fühlte vor Freude kaum den Stuhl unter sich. „Unsere Sache ist also eine gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas ganz Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum, sie sitzen alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist nett, wirklich nett! Einen guten Menschen liebe ich, habe ich geliebt und werde ihn immer lieben ... Doch, wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer ... zu trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den Zusammenhang. Eine vorzügliche, eine großartige Sache ist es, daß Seine Exzellenz nichts gesagt hat und ihn so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da einzumischen? Was geht es ihn an? Du alter Strick! Immer läufst du mir über den Weg, wie eine schwarze Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere, immer den Menschen in die Quere ...“
Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder belebte sich seine Hoffnung. Er fühlte sich aber doch noch von gewissen vagen Gedanken, und von nicht gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam ihm sogar in den Sinn, mit den Beamten anzubändeln, den Hasen sozusagen zu stellen, vielleicht am Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten mit ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche zu bemerken: „meine Herren, so und so, ob da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein sonderbarer Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in einem tiefen Abgrund hausen die Teufel,“ schloß in Gedanken unser Held. Übrigens war das nur ein flüchtiger Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte sich noch beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen konnte.
„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich selbst, und schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu phantasieren und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser, wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir halten aus und warten!“
Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten, war Herr Goljädkin voll Hoffnung und wie von den Toten auferstanden.
„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut, als ob mir fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären! Was ist das für eine Sache! Er aber – er, – nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu seiner Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem hinderlich wird, wenn er nur niemanden stört, dann mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“
Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge und es schlug bereits vier Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen. Andrej Philippowitsch griff nach seinem Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel. Herr Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging absichtlich später als die anderen, er war der Letzte und trat hinaus, als die anderen sich bereits in die verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße fühlte er sich wie im Paradies, so daß in ihm der Wunsch aufstieg, einen Umweg zu machen und über den Newskij zu gehen.
„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held, „diese unerwartete Wendung der ganzen Sache. Und was für ein Wetterchen, mit Frost und Schlittenbahn! Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn ordentlich von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe den russischen Menschen, und Schnee liebe ich und Kälte liebe ich ...“
So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken, und doch fühlte er etwas wie Unruhe in seinem Herzen nagen, so daß er nicht wußte, womit er sich beschwichtigen sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag – und dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das nur eigentlich sein, was mich da so beunruhigt!? Nun, denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke nach, junger Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau so wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn es solch einen Menschen gibt, muß ich denn gleich darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte mich fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles! Mag er dienen! Nun, und was sie da von den siamesischen Zwillingen reden ... wozu siamesisch? Nehmen wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte ist bekannt, daß der berühmte Ssuworoff wie ein Hahn krähte ... Nun, das tat er wohl alles nur aus Politik; und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen mich die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will niemanden kennen und im Gefühl meiner Unschuld verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant und ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig ...“
Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen, zitterte wie ein Blatt am Baum und schloß auf einen Augenblick seine Augen. In der Hoffnung jedoch, daß der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion sei, öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts. Nein, es war keine Illusion! ... Neben ihm trippelte sein Bekannter von heute morgen, lächelte ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es kam aber nicht dazu. So gingen sie beide etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze Bestreben Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr in seinen Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief wie möglich über die Augen zu ziehen. Es erhöhte noch die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines Freundes genau den seinen glichen.
„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem er sich mühte, fast flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen Freund anzusehen, „mir scheint, wir haben einen verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon überzeugt,“ sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich bin ich auch fest davon überzeugt, daß Sie mich verstanden haben,“ fügte er ziemlich streng zum Schluß hinzu.
„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund, „ich hätte gewünscht, und Sie werden mir großmütig verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir sogar, Sie hätten heute morgen Anteil an mir genommen. Meinerseits fühlte ich auf den ersten Blick Zuneigung für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin in Gedanken seinen neuen Kollegen unter die Erde –
„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff Petrowitsch, geneigt wären, mich anzuhören ...“
„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“ antwortete ihm Herr Goljädkin. „Wir wollen hinüber auf die andere Seite des Newskij gehen, dort wird es bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“
„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte schüchtern und bescheiden Herrn Goljädkins Begleiter, als ob er durch den Ton seiner Antwort ausdrücken wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt, so begriff er überhaupt nicht mehr, was mit ihm vorging. Er traute sich selber nicht und hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt.
VII.
Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf der Treppe zu seiner Wohnung befand. „Ach ich Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in Gedanken, „wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, wenn er uns beide zusammen sieht. Was wird dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso schon so mißtrauisch ...“
Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr Goljädkin klopfte, die Tür wurde geöffnet und Petruschka nahm seinem Herrn sowie dem Gast die Mäntel ab. Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka hin, um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich hinter seine Gedanken zu kommen. Doch zu seiner großen Verwunderung sah er, daß sein Diener auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil, etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch erwartet zu haben schien. Freilich sah er auch jetzt noch recht wie ein Wolf aus, der sich anschickte, jemanden zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie verhext,“ dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären sie alle von Dämonen besessen! Etwas Besonderes muß vorgehen oder in der Luft liegen. Zum Teufel, was ist das für eine Qual!“
Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen Gast ins Zimmer und forderte ihn höflichst auf, sich zu setzen.
Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, war sehr schüchtern und folgte gehorsam allen Bewegungen seines Wirtes, fing dessen Blicke auf und bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten. Etwas Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag in all seinen Gebärden, so daß er, wenn ein solcher Vergleich gestattet ist, in diesem Augenblick einem Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu kurz, die Taille sitzt fast unter den Achseln und jeden Augenblick zieht er sich seine zu kurze Weste zurecht: bald dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken zu wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und horcht, ob die Leute nicht über ihn sprechen, über ihn lachen, sich seiner schämen – und der Arme errötet, windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und Ehrgeiz und Selbstgefühl leiden maßlos.
Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – durch eine unvorsichtige Bewegung fiel er auf den Boden. Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn aufzuheben, den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren Platz zu legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben sich auf den Fußboden und selbst nahm er nur auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine Umstand öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über ihn. Er begriff, daß der andere großen Mangel litt, und nun wußte er mit einem Mal, wie er das Gespräch mit ihm beginnen sollte.
Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete scheinbar, sei es nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, daß der Wirt den Anfang machte – übrigens, mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war schwer zu entscheiden.
In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an der Tür stehen, sah aber weder seinen Herrn noch den Gast an, sondern blickte auf die entgegengesetzte Seite.
„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ fragte er nachlässig, mit barscher Stimme.
„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, bringe zwei Portionen.“
Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast an. Dieser errötete bis über die Ohren. Herr Goljädkin war ein guter Mensch, und deshalb, aus Seelengüte, stellte er folgende Theorie auf:
„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist er erst einen Tag. Wahrscheinlich hat er in seinem Leben viel gelitten, vielleicht ist das bißchen saubere Kleidung alles was er besitzt und zum Essen reicht es nicht mehr. Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist einesteils sogar besser so ...“
„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr Goljädkin, „übrigens, erlauben Sie, zu fragen, wie ich Sie nennen soll?“
„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte fast flüsternd der Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, als schäme er sich, als bäte er um Entschuldigung, daß auch er Jakoff Petrowitsch heiße.
„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, seine Erregung zu verbergen.
„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter von Ihnen,“ antwortete bescheiden der Gast und wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch etwas Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, nahm eine ernste und unterwürfige Miene an, als er bemerkte, daß sein Wirt nicht zu Scherzen aufgelegt war.
„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft mir die Ehre? ...“
„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn eilig, doch mit schüchterner Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig vom Stuhl, „wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte seine Worte stockend zusammen und bemühte sich, nicht allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl um sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen – aber auch, um allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung beansprucht hätten, zu vermeiden. Überhaupt konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn Goljädkin wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem Frack und guten Papieren in der Tasche benahm – gleich einem, der noch nicht geübt war, die Hand so auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl.
„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr Goljädkin, sich umsehend, betrachtete dann die Wände und schließlich wieder den Gast. „Worin könnte ich Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in welcher Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich sein?“
„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den ersten Blick zu Ihnen hingezogen und: verzeihen Sie mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich wagte zu hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein ganz hilfloser Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe viel durchgemacht, Jakoff Petrowitsch, und will nun wieder von neuem ... Da ich aber erfahren habe, daß Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen, sondern außerdem noch ein Namensvetter von mir sind ...“
Herr Goljädkin runzelte die Stirn.
„... Mein Namensvetter sind und aus derselben Stadt wie ich gebürtig, so beschloß ich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage vorzustellen.“
„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,“ antwortete etwas betroffen Herr Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir sehen ...“
Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. Petruschka deckte den Tisch und trug auf. Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das Essen dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt beeilte sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein fand, daß das Essen schlecht sei – er fand es zum Teil deshalb, weil er seinen Gast gut bewirten wollte, und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen gedachte, daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der Gast wiederum befand sich in großer Verlegenheit und Erregung. Nachdem er Brot genommen und ein Stück Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die Hand nach einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er versicherte darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht hungrig und daß das Essen sehr gut sei, und daß er sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an und reichte seinem Freunde und Gast eine andere. Beide setzten sich einander gegenüber und der Gast begann seine Erzählung.
Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte drei bis vier Stunden. Es war die Geschichte seiner Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten und kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich um den Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, um Staatsanwälte und Präsidenten, es handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor und dem plötzlichen Wechsel des Vorgesetzten und davon, wie Herr Goljädkin der Jüngere unter alledem ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von seiner alten Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie er durch die Intrigen seiner Feinde seine gute Stellung verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er hier in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch vergeblich eine Stellung suchte, immer mehr und mehr verarmte und zuletzt auf der Straße lebte, hartes Brot aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter Mensch sich seiner annahm, ihm eine Empfehlung gab und in großmütiger Weise zu der neuen Stellung verhalf. Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch aussah, in einem fort die Tränen aus den Augen. Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin alles offen mitgeteilt und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, und nicht einmal eine Uniform anschaffen könne. Auf seine Stiefel dürfe er sich auch nicht mehr verlassen. Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit geliehen.
Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. Und obwohl die Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche war, legten sich dessen Worte doch wie himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war nämlich die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung seine letzten Zweifel, er gab seinem Herzen die Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken einen Dummkopf.
Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so beunruhigt, sich so aufgeregt! Zwar gab es da noch einen peinlichen Umstand, aber auch der war nicht gar so schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch unschuldig war und die Natur selbst sich hier eingemischt hatte! Außerdem bat ihn der Gast um seinen Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien so harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich und nichtig vor ihm. Er machte sich vielleicht im geheimen selbst Vorwürfe über die Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und sah ganz so drein wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse macht und sich vor dem anderen schuldig fühlt. Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen Punkt, so stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn Goljädkins bei. Wenn irgendwie aus Versehen seine Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich und er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte alsbald, daß er ganz derselben Meinung sei wie sein Wirt, daß er ganz so denke wie dieser und alles mit denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen in ihm aufzugehen, und Herr Goljädkin wiederum überzeugte sich davon, daß sein Gast in jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen Tee gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war in sehr angenehmer Stimmung, heiter und angeregt, und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes und bemerkenswertes Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin liebte es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes zu erzählen. So auch jetzt: er erzählte seinem Gast viel aus dem Petersburger Leben, von dessen Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, von den Klubs und den schönen Bildern, auch davon, wie zwei Engländer aus England nach Petersburg gekommen seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. Auch vom Dienst erzählte er, von Olssuph Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, und davon, daß Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe entgegengehe, daß „die Künste in ihm blühten“; von einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“ gelesen, und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche Kraft hätten; und noch von vielem anderen. Kurz Herr Goljädkin war vollkommen zufrieden. Erstens, weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern sie am liebsten gleich zum entscheidenden Zweikampf herausgefordert hätte; drittens, weil er selbst als Gönner auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk tat.
Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß er in diesem Augenblick doch noch nicht ganz glücklich sein konnte, daß in ihm immer noch ein Würmchen steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das aber nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte.
Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olssuph Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn – dieses Gestern nicht gewesen wäre.
„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser Held und gab sich das feste Versprechen, sich in Zukunft immer gut aufzuführen und sich nicht mehr selbst in solche Verlegenheiten zu bringen.
Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen war und sich fast glücklich fühlte, so stieg auch in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu genießen. Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch bereiten.
Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei Gläschen. Der Gast wurde jetzt noch liebenswürdiger als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur einen gefälligen und offenen Charakter, sondern ging ganz auf die Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich über seine Freude und sah auf ihn, wie auf seinen einzigen und aufrichtigen Wohltäter.
Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat Herrn Goljädkin, nicht zu sehen, was er schreiben werde, und als er darauf geendet hatte, überreichte er dem Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben und, wie es schien, vom Gast selbst verfaßt. Er lautete folgendermaßen:
Wenn auch du mich je vergißt, Ich vergeß dich nicht; Wechselvoll ist alles Leben, Drum vergiß mich nicht!
Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin seinen Gast und voll von Mitgefühl und Überschwang weihte er ihn in seine verschiedenen großen und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von Andrej Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die Rede war.
„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns schon gegenseitig verstehen,“ beteuerte unser Held seinem Gast. „Wir werden miteinander, Jakoff Petrowitsch, wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische im Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau sein und ihnen eine Intrige drehen ... und sie ordentlich an der Nase herumführen. Sage aber niemandem etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, deinen Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen müssen, du aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, halte dich lieber fern von ihnen!“
Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn Goljädkin und zerfloß in Tränen.
„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit schwacher, zitternder Stimme fort, „du, Jascha, bleibe jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir werden uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, daß zwischen uns ein so sonderbares Verhältnis besteht: zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur hat’s so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so ist es, Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, sage ich dir. Aber zusammen, Jascha, da wollen wir ihnen einen Streich spielen.“
So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch und bei der Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin sich von zwei Empfindungen beherrscht fühlte: die eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei, und die andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen konnte.
Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Das Bett wurde irgendwie aus zwei Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der Jüngere erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei auch auf dem härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde sich jetzt wie im Paradiese, zumal er in seinem Leben schon viel Ungemach und Kummer ertragen habe und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in Zukunft alles bevorstehe! ...
Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen und fing an, ihm darzulegen, wie man in Zukunft seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der Gast war natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch damit, daß es nichts Höheres und Größeres gebe als Gott. Darauf bemerkte Goljädkin der Ältere, daß die Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten, mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. Im übrigen verteidigte er den türkischen Propheten Mohammed gegen die Verleumdungen mancher Gelehrten und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier zu sprechen kam, eine Figur aus einem Witzblatt. Wirt und Gast lachten anhaltend über die Gutmütigkeit dieses Türken und konnten sich andererseits nicht genug über den vom Opium erzeugten Fanatismus der Türken wundern.
Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und Herr Goljädkin begab sich hinter den Verschlag, zum Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen vom Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu setzen, im Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen Hemdes sein sollte – zum Teil auch, um mit Petruschka zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen.
Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer noch beunruhigte.
„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin milde, als er in den Verschlag seines Dieners eintrat, „du lege dich jetzt schlafen, morgen aber um acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden, Petruschka?“
Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde zu ihm, aber Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem Bett zu schaffen und wandte sich nicht einmal nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte.
„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin fort. „Du legst dich jetzt zu Bett und morgen, Petruschka, wirst du mich um acht Uhr wecken; hast du mich verstanden?“
„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka.
„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit du ruhig und zufrieden bist. Denn, sieh, wir sind jetzt alle miteinander glücklich und ich wünsche, daß du es auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute Nacht, schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen arbeiten. Du, Freund, denke nicht etwa, daß ich ...“
Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte er. „So ist es immer, ich gehe immer zu weit.“
Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden mit sich selbst. Die Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas hatten ihn beleidigt. „Dieser Schelm, sein Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das nicht einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist das bei dieser Sorte immer so!“
Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, und da er sah, daß der Gast sich bereits hingelegt hatte, setzte er sich auf einen Augenblick zu ihm aufs Bett.
„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd mit wackelndem Kopf: „Du bist doch ein Taugenichts! Du bist ein Namensdieb, weißt du das auch? ... Das bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort, sich mit seinem Gast zu unterhalten.
Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich von ihm, um selbst auch schlafen zu gehen. Der Gast hatte mittlerweile bereits zu schnarchen begonnen. Herr Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und murmelte vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein Täubchen, Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, ein Hungerleider – dein Name sagt es schon!! Worüber hast du dich denn so zu freuen? Morgen wirst du dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“
Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel und Bedauern. „Bist zu weit gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der Kopf und ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, du Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!“
Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: „Ein unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill! Oh, die Sache hat einen Haken!“
Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. In seinem Kopf rumorte es. Seine Sinne schwanden ihm, er bemühte sich, noch an etwas sehr Interessantes zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, über eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil zu gelangen – aber er konnte nicht mehr. Der Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest ein, wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht gewohnt sind und plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer Gesellschaft getrunken haben.
VIII.
Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen Tage um acht Uhr. Sofort erinnerte er sich aller Begebenheiten des vergangenen Abends – erinnerte sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich aber gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte er, erhob sich ein wenig und sah zu dem Bette seines Gastes hinüber. Doch wie groß war sein Erstaunen, als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte! „Was hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin beinahe laut aufgeschrien. „Was soll denn das heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“
Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen, mit offenem Munde auf die leere Stelle starrte, öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit dem Teebrett ins Zimmer.
„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit kaum hörbarer Stimme hervor und wies mit dem Finger auf die leere Stelle.
Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah nicht einmal seinen Herrn an, sondern wandte seine Augen nur stumm in die rechte Ecke des Zimmers, so daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in die Ecke zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte Petruschka mit rauher und grober Stimme: „Der Herr ist nicht zu Haus.“
„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“ sagte Herr Goljädkin ratlos und starrte seinen Diener mit großen Augen an.
Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin in einer Weise an, daß dieser bis über die Ohren errötete. In seinem Blick lag ein so beleidigender Vorwurf, der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin ließ die Hände sinken und sagte kein Wort.
Endlich bemerkte Petruschka, der andere sei vor anderthalb Stunden bereits ausgegangen und habe nicht mehr warten wollen. Die Auskunft klang sehr wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn Petruschka nicht, denn was seinen beleidigenden Blick und die Bezeichnung der andere anbetraf, so waren diese wohl durch einen unangenehmen Umstand veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch, wenn auch nur dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung war, und daß das Schicksal ihm etwas vorzubehalten schien, das nicht angenehm war.
„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir werden sehen und werden daran glauben müssen ... Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er plötzlich mit ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich habe selbst den Kopf in die Schlinge gelegt, und habe mir dazu noch die Schlinge mit eigenen Händen gedreht. Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du konntest auch nichts anderes tun, als dich verplappern wie ein kleiner Junge, wie irgend so ein Kanzlist, wie ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen, ein verfaulter Lumpen, du Schwätzer, du! ...
Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm gemacht, von seiner Liebe zu mir gesprochen! Wie ist das nur alles möglich gewesen ... Wie kann ich diesem Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen, wenn er zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja verschiedene Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen Gehalt ... oder, man kann ihm auch Furcht einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und jenes sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er solle die Hälfte für Wohnung und Kost bezahlen und das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum Teufel, nein, das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder, wäre es nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen, so daß der es ihm einsalzte, ihn vernachlässigte und angrobte? um ihn auf diese Art los zu werden?! Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum Teufel auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann auch, von dem Standpunkte aus betrachtet ... nun, durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht schön! Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch das wäre nicht angenehm. Habe mich doch gestern abend so verplappert! ... Das ist schlimm, wirklich schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du dich zu benehmen hast, kannst du dich nicht endlich beherrschen! Nun, wenn er jetzt kommt und absagt? Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn er nur käme ...“
So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen Tee und sah nach der Wanduhr.
„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist Zeit, zu gehen. Aber was wird nun werden! Was wird geschehen? Ich würde gar zu gern wissen, was wohl eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke und Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen, was eigentlich alle diese Leute denken und welche Schritte sie tun wollen ...“
Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht mehr beherrschen, er warf die Pfeife fort, zog sich an und begab sich in das Departement – mit dem Wunsche, wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und sich persönlich zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab es: das wußte er genau, eine Gefahr gab es!!!
„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“ beschloß Herr Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen und Mantel ablegte. „Wir werden diesen Dingen sofort auf den Grund kommen, sofort!“
Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser Held eine würdige Miene an und war eben im Begriff, in das nächstliegende Zimmer einzutreten, als er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und Busenfreund stieß.
Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn Goljädkin den Älteren gar nicht zu bemerken, obgleich sie fast mit den Nasen aufeinander rannten. Herr Goljädkin der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu sein, er hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr geschäftige und offizielle Miene an, so daß ihm jeder am Gesicht ablesen konnte: „scht, ich bin kommandiert zu ganz besonderen Aufträgen ...“
„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser Held und griff nach der Hand seines gestrigen Gastes.
„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“ rief Herr Goljädkin der Jüngere, und wollte davoneilen.
„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch ...“
„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei blieb der gestrige Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend vor diesem stehen und neigte sein Ohr zur Nase des anderen.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch, daß ich sehr erstaunt bin – über den Empfang ... einen Empfang, den ich durchaus nicht erwartet habe.“
„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär Seiner Exzellenz, und darauf begeben Sie sich, wie es sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie haben wohl eine Bittschrift? ...“
„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie setzen mich einfach in Erstaunen, Jakoff Petrowitsch! Wahrscheinlich haben Sie mich nicht wiedererkannt oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen Heiterkeit Ihres Charakters.“
„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, als hätte er erst jetzt Herrn Goljädkin den Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie haben Sie geruht?“
Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein wenig offiziell, und zwar durchaus nicht, wie es sich gehörte (denn auf jeden Fall hätte er Herrn Goljädkin dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er aber lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte dabei hinzu, daß er seinerseits sehr froh darüber sei, daß Herr Goljädkin so gut geruht habe. Dann verneigte er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte sich nach der Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er einen „ganz besonderen Auftrag“ habe, und schlüpfte ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er schon verschwunden.
„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte unser Held, einen Augenblick starr vor Verwunderung, „da haben wir’s! Also so stehen die Sachen! ...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln über den Körper lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „übrigens habe ich das längst gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er in einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte ich’s noch, daß dieser Mensch in einem besonderen Auftrage ...“
„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt, Jakoff Petrowitsch?“ fragte ihn Anton Antonowitsch Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich neben ihn setzte, „haben Sie sie hier?“
„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher ganz verloren anschaute.
„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch bereits zweimal nach ihnen verlangte, und weil es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden Augenblick einfordern werden ...“
„Sie sind fertig ...“
„Nun, gut, gut.“
„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine Schuldigkeit getan, so wie es sich gehört, und, erfreut über die mir anvertrauten Arbeiten, wie ich zu sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“
„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit sagen?“
„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur erklären, Anton Antonowitsch, daß ich ... das heißt, ich wollte sagen, daß mitunter Neid und Bosheit niemanden verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche Beute suchen ...“
„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, auf wen wollen Sie anspielen?“
„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen Weg gerade gehe und einen krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant bin, und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken, gerechterweise stolz sein kann ...“
„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie ich darüber denke, Ihrer Meinung vollständig zustimmen: doch erlauben Sie mir, Jakoff Petrowitsch, zu bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen – wenn Sie das zu tun wünschen, nun, so ist es Ihr freier Wille. Ich aber, mein Herr, lasse mir keine Unverschämtheiten ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir auf meine alten Tage auch keine Frechheiten ... –“
„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie, Anton Antonowitsch, Sie scheinen, Anton Antonowitsch, mich nicht ganz verstanden zu haben. Erbarmen Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur auf Ehre versichern, daß ...“
„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen bitten. Ich bin nach alter Art erzogen, und es ist für mich zu spät, nach Ihrer Art umzulernen. Für den Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein Herr, besitze ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige untadelhafte Dienstzeit ...“
„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das meinerseits vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint, ich habe von der Maske gesprochen, Anton Antonowitsch ...“
„Von der Maske?“
„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, Anton Antonowitsch, daß Sie auch hier meine Gedanken anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja nur meine Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch, daß es jetzt selten Leute ohne Maske gibt, und daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu erkennen ...“
„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so schwer. Manchmal ist es sogar sehr leicht und man braucht nicht weit zu suchen.“
„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte ja nur für meine Person, daß ich mich nie einer Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn es die Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen Leben, im übertragenen Sinne gesprochen, niemals maskieren würde. Das ist es, was ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.“
„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden jetzt keine Zeit dazu,“ sagte Anton Antonowitsch, der von seinem Stuhle aufstand und einige Papiere zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte. „Ihre Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung von selbst aufklären. Sie werden selbst sehen, wen Sie anzuklagen und wen Sie zu beschuldigen haben, mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen ...“
„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr Goljädkin, ein wenig erbleichend, dem sich entfernenden Anton Antonowitsch noch nach, „ich, Anton Antonowitsch, habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht ...“
„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte Herr Goljädkin zu sich selbst, als er allein geblieben war. „Woher weht denn dieser Wind, und was soll denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“
In demselben Augenblick, als unser verdutzter und halbtoter Held sich vorbereitete, diese neue Frage zu beantworten, hörte man im Nebenzimmer ein Geräusch und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung. Die Tür wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch, der soeben in Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner Exzellenz gewesen war, erschien aufgeregt in der Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin, der wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej Philippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang von seinem Platz und bereitete sich vor, so wie es sich gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch und ins Kabinett seiner Exzellenz zu tragen. Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej Philippowitsch vorüber, Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger und sehr geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin den Älteren, der alles eher erwartete, als einen solchen Überfall ...
„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig sind?“ flüsterte eilig und kaum hörbar der Freund Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch erwartet Sie ...“
„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete ihm Herr Goljädkin der Ältere gleichfalls eilig und flüsternd.
„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff Petrowitsch, ich bin ganz anders, Jakoff Petrowitsch, und nehme herzlich Anteil ...“
„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen. Erlauben Sie, erlauben Sie, bitte ...“
„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen, Jakoff Petrowitsch, und in die dritte Seite legen Sie ein Zeichen, Jakoff Petrowitsch ...“
„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“
„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch! Haben Sie den Tintenfleck bemerkt? ...“
Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal nach Herrn Goljädkin.
„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen Augenblick, hier, gleich ... werter Herr, verstehen Sie kein Russisch?“
„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen, Jakoff Petrowitsch, überlassen Sie es lieber mir: rühren Sie selbst lieber gar nicht daran, Jakoff Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich werde mit dem Federmesser ...“
Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach Herrn Goljädkin.
„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Ich sehe hier überhaupt nichts ...“
„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen Sie, hier! Erlauben Sie, ich habe ihn soeben gesehen, hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir nur erlauben wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch, mit dem Messer und aus aufrichtigem Herzen ... sehen Sie, so, so muß man’s tun ...“
Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren in einem sekundenlangen Kampfe, der sich zwischen ihnen entspann: und entschieden ganz gegen den Willen des letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte Papier, und statt aus aufrichtigem Herzen den Tintenfleck mit dem Messerchen zu entfernen, wie er treulos Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß er plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie unter den Arm, war in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch, der von alledem nichts bemerkt hatte, und flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr Goljädkin der Ältere stand versteinert da an seinem Platz, in den Händen das Federmesser, als ob er soeben etwas radieren wollte ...
Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort. Er konnte noch nicht zu sich kommen. Er fühlte wohl den Schlag, konnte sich aber über seine Folgen nicht klar werden. In schrecklicher und ganz unbeschreiblicher Verzweiflung riß er sich endlich von der Stelle los und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett seines Chefs, indem er unterwegs den Himmel anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden ... Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs stieß er mit Andrej Philippowitsch und seinem Namensvetter fast mit der Nase zusammen. Beide kehrten schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter Herrn Goljädkins des Älteren lächelte gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller Entfernung neben ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej Philippowitsch etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch wohlwollend seinen Kopf hin und her wiegte.
Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache war, daß seine Arbeit, wie er nachher erfuhr, die Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen hatte und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war. Seine Exzellenz waren äußerst zufrieden damit, und man sagte sogar, er habe sich bei Herrn Goljädkin dem Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei Gelegenheit nicht vergessen ... –
Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun mußte, war – protestieren, aus allen Kräften protestieren, bis zum äußersten protestieren. Ohne sich zu besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch vernommen hatte, daß die Angelegenheit eine Privatsache des Herrn Goljädkin sei, weigerte er sich, ihm Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung, er habe kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen Augenblick Zeit übrig.
Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit der Abweisung wirkten auf Herrn Goljädkin niederschmetternd. „Besser, ich versuche es von einer anderen Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“ Zum Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch Anton Antonowitsch nicht zu sprechen: auch er war irgendwie beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er mich, ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“ dachte unser Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes übrig, als Seine Exzellenz selbst anzurufen.“
Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm der Kopf rund ging, wußte Herr Goljädkin nicht, wozu er sich entschließen sollte, und setzte sich an seinen Tisch.
„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“ dachte er ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat dürfte eine so verwickelte, dunkle Geschichte gar nicht möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn, und zweitens ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich hat mir alles nur so geschienen, oder es geschah in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Wahrscheinlich war ich es selbst, der hinging ... und habe mich für den anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz unmögliche Geschichte.“
Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen, als Herr Goljädkin der Jüngere, beladen mit Papieren, die er in beiden Händen und unter dem Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte er Andrej Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen, unterhielt sich mit noch jemandem, sagte sogar einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr Goljädkin der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden hatte, wollte er aller Wahrscheinlichkeit nach das Zimmer sofort wieder verlassen, als er zum Glück Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein paar jungen Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen auch mit ihnen zu sprechen begann. Herr Goljädkin der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn Goljädkin des Älteren bemerkte, blickte er mit großer Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am schnellsten verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten drängten sich um die beiden Titularräte und warteten gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere begriff sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff, daß sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr mußte er sich selbst beherrschen ... Der Augenblick war entscheidend.
„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren, ihn dreist anschauend.
Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen. „Ich weiß nicht, mein Herr,“ begann er, „wie ich Ihr sonderbares Betragen zu mir erklären soll.“
„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin der Jüngere sah dabei im Kreise um sich und zwinkerte den anderen Beamten zu, als gäbe er ihnen das Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne.
„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein verehrter Herr, spricht im vorliegenden Falle noch mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun könnten. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht schlecht ...“
„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir mal, wie Sie geschlafen haben?“ antwortete Herr Goljädkin der Jüngere und sah Herrn Goljädkin dem Älteren gerade in die Augen.
„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“ sagte der Ältere vollständig fassungslos und fühlte dabei kaum mehr den Boden unter den Füßen. „Ich hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“
„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere, schnitt Herrn Goljädkin dem Älteren eine ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff ihn plötzlich ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie ein Feuerbrand.
Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin bemerkt, daß sein Gegner an allen Gliedern zitterte, dabei stumm vor Verwunderung und rot wie ein Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich zu einem Überfall auf ihn entschließen wollte – als er ihm auf die allerunverschämteste Weise zuvorkam. Er klopfte Herrn Goljädkin noch zweimal auf die Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm sein Spiel, während der andere immer noch unbeweglich und sprachlos vor Erstaunen dastand, zum nicht geringen Ergötzen der um sie herumstehenden Beamtenschaft. Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen Seele ging noch weiter, er klopfte schließlich Herrn Goljädkin den Älteren auf den vollen Magen und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln:
„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine dummen Streiche, Jakoff Petrowitsch! Wir wollten ja zusammen Intrigen spinnen, Jakoff Petrowitsch, Intrigen.“
Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke zu sich kommen konnte, lächelte Herr Goljädkin der Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu, setzte eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu Boden, kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte etwas über „einen besonderen Auftrag“, trippelte mit seinen kurzen Füßen davon und verschwand im Nebenzimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen ...
Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm klar, daß er beleidigt war, in gewissem Sinne verloren – daß sein Ruf beschmutzt und befleckt, er selbst in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden war, beschimpft von demjenigen, von dem er gestern noch gehofft hatte, daß er sein einziger, bester Freund werden würde, und er erkannte, daß er sich vor der ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht zum Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht lange, sondern – stürzte seinem Feinde nach, ohne auch nur an die Zeugen seiner Erniedrigung zu denken.
„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“ dachte er bei sich, „einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich auf.“ Doch kaum hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb kehrte er um.
„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du kommst mir noch in die Falle und wirst als Wolf Lämmertränen weinen!“ Mit wütender Kaltblütigkeit und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder.
„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er noch einmal.
Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine passive Verteidigung, seine Haltung sah nach Entschlossenheit aus, und wer Herrn Goljädkin in diesem Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung mächtig seine Feder ins Tintenfaß steckte, und mit welcher Wut er seine Zeilen aufs Papier warf, der mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache nicht so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele faßte er einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens schwor er sich, ihn auch auszuführen. Dabei wußte er aber noch gar nicht so recht, wie er hier vorgehen sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch nichts Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er, das war ja gleichgültig!
„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter Herr, richten Sie in unserer Zeit nichts aus. Anmaßung und Unverschämtheit, mein verehrter Herr, führen nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka Otrepieff[14] allein, mein Herr, erdreistete sich, das blinde Volk durch Anmaßung und Unverschämtheit zu betrügen, und auch das gelang ihm nur auf sehr, sehr kurze Zeit.“
Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr Goljädkin, zu warten, bis die Maske von manchen Gesichtern fallen und alles aufgedeckt werden würde. Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen. Bis dahin wollte unser Held nichts unternehmen. Dann aber würde er zu Maßregeln greifen – dann würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den „Hochmut zu fällen“ und die „kriechende Schlange ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte es doch nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte, mit dem man schmutzige Stiefel reinigt! Das konnte er sich doch unmöglich gefallen lassen, besonders in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden nicht dieser letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er sich doch noch entschließen können, sich zu überwinden und zu schweigen, oder wenigstens nicht so erbittert zu handeln. Er hätte sich dann vielleicht nur ein wenig herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem Recht sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur ein wenig, nachgegeben, und dann noch ein wenig nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner feierlich zugestanden hätten, daß er in seinem Recht sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher ausgesöhnt haben und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße, starke Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft, als die gestrige, eine, durch die diese gestrige ganz verdunkelt worden wäre. So würde denn zuletzt die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein, und die beiden Titularräte konnten froh und glücklich miteinander leben – hundert Jahre lang!
Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin fing bereits an, ein wenig zu bereuen, daß er für sich und sein Recht zu weit gegangen sei und sich dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt, daß alles das nur Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte ihm verziehen, ganz und gar verziehen, zumal, wenn er es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht von solchen Leuten. Oh, und daß gerade ein so verworfener Mensch den Versuch mit mir macht! Ich bin kein Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz, unser Held war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein Herr sind an allem schuld!“ Er beschloß also – zu protestieren, mit allen Kräften und bis zur letzten Möglichkeit – zu protestieren.
Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt, sich beleidigen und noch viel weniger, sich „als Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem so verkommenen Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten, nein, nicht streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt hätte, Herrn Goljädkin „in einen Lappen“ zu verwandeln, wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich selbst manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht Herr Goljädkin gewesen, sondern eben ... irgendein Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen, sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen, allerdings ganz unverantwortlichen Gefühlen, Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten des Lappens steckten!
Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin. Endlich schlug es vier. Bald darauf erhoben sich alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause zu gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge: es entging ihm aber nichts, er verlor denjenigen, den er suchte, nicht aus den Augen. Zuletzt sah unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern lief, die die Mäntel ausgaben. In der Erwartung des Mantels schwänzelte er nach seiner gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick war entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich irgendwie durch die Menge, da er nicht zurückbleiben wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel. Doch, natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel, weil es ihm auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln.
Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel um und blickte dabei Herrn Goljädkin dem Älteren ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn auf diese Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit gemäß, rings um, bändelte mit allen Beamten an, wahrscheinlich, um auf sie einen guten Eindruck zu machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem andern etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte einem vierten zu, reichte dem fünften die Hand und schlüpfte vergnügt die Treppe hinab. Herr Goljädkin der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner unbeschreiblichen Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten Stufe und packte ihn am Kragen seines Mantels.
Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht zu sein und blickte mit verstörtem Gesicht um sich.
„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich mit leiser Stimme Herrn Goljädkin zu.
„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch sind, so werden Sie sich unserer freundschaftlichen Beziehungen von gestern erinnern,“ sagte unser Held.
„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“
Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin die Sprache.
„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ... Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel sehr schlecht steht ...“
„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete hastig jener, der sich auch Herr Goljädkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten ganz unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljädkin. Befreit stürzte er die Treppe hinunter, sah sich um und erblickte eine Droschke – er lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden. Unser verzweifelter und von allen verlassener Titularrat blickte sich zwar auch um, fand aber keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und offenem Munde stützte er sich kraftlos und gebrochen an eine Straßenlaterne und stand so einige Augenblicke auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ...
IX.
Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, hatte sich gegen Herrn Goljädkin verschworen: doch war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja er fühlte es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu kämpfen. Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher Energie die Hände, als er nach der ersten Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, daß er nicht nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr lag auf der Hand, war offensichtlich; Herr Goljädkin fühlte das auch; doch wie sollte er ihr entgegentreten, sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick tauchte sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins auf, „wie wenn er einfach alles so ließe, auf alles verzichtete? Was wäre denn dabei? Nun, einfach nichts! Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte Herr Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es geht; ich bin einfach nicht ich, und das ist alles. Er ist auch für sich, mag er auch verzichten, er schwänzelt herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! Ja, das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. Und wo ist die Gefahr? Nun, was für eine Gefahr denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin denn die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine ganz einfache Sache! ...“
Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben ihm auf der Zunge; er machte sich sogar Vorwürfe über diese Gedanken, er schalt sich feig und niedrig; indessen, die Sache rührte sich nicht von der Stelle.
Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit sei, sich für etwas zu entschließen; ja, er hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand gesagt, wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das aber wissen!
Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! Auf jeden Fall und um keine Zeit zu verlieren nahm er sich eine Droschke und fuhr so schnell wie möglich nach Haus.
„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei sich, „wie erlauben Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? Was tust du jetzt? Was tust du jetzt, du Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“
So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in eine alte klapprige Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten und seine Wunde aufzureißen, bereitete nämlich Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen, fast eine Genugtuung.
„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer käme, oder wenn man mir offiziell erklärte: gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand – und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin geben und du wirst wieder glücklich sein, nur deinen Finger wirst du nicht mehr haben – so würde ich den Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ schrie endlich der Titularrat außer sich, „nun, wozu das alles? wozu ist das alles nötig gewesen, warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem anderen! Und alles war so gut zu Anfang, alle waren zufrieden und glücklich: wozu war denn gerade das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts erreicht, hier muß gehandelt werden.“
Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem Entschluß gekommen, als er in seine Wohnung trat. Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr aus allen Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken aus, wobei er in außerordentlicher Erregung im Zimmer auf und ab lief.
Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. Endlich hatte Herr Goljädkin seinen Entschluß gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin, nahm den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen und lief hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka keuchend ein und übergab ihm den vergessenen Hut. Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch irgendwie, so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, damit Petruschka sich nur nicht wegen dieses sonderbaren Umstandes, daß er den Hut vergessen, seine Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht einmal ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin ohne weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief die Treppe hinunter und redete sich Mut ein: daß sich alles vielleicht noch zum besten kehren werde und die Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost packte ihn. Er trat auf die Straße hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Andrej Philippowitsch.
„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte Herr Goljädkin, als er die Klingel zur Wohnung Andrej Philippowitschs zog – „ja, und was hätte ich ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. Die Sache ist ja so erbärmlich, so miserabel, einfach zum Ausspeien! ... Was doch nicht alles die Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich an der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen hörte man Schritte nahen ... Jetzt verwünschte sich Herr Goljädkin selbst wegen seiner Übereiltheit und Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten Unannehmlichkeiten, die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, und der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – alles fiel ihm mit einem Male wieder ein. Doch zum Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür wurde geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete man ihm, Andrej Philippowitsch sei von der Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt und werde auch außer dem Hause speisen.
„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke speist er,“ dachte bei sich unser Held und war außer sich vor Freude. Auf die Anfrage des Dieners, wen er melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, mein Freund, – und er eilte darauf mit einer gewissen Freudigkeit und Behendigkeit die Treppe hinab. Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn noch um ein Trinkgeld anging: „habe gewartet, Herr, lange gewartet, und meinen Gaul vorhin nicht geschont ...“ da gab er ihm, und sogar mit großem Vergnügen, fünf Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß weiter.
„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, „daß sie in Wirklichkeit so nicht bleiben kann; wenn man’s sich aber überlegt, und vernünftig überlegt – was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man muß sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu sich hier herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen! Überlegen wir uns einmal: es erscheint ein Mensch – ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, das heißt, ein fähiger Beamter mit gutem Betragen, nur daß er arm ist und Unannehmlichkeiten erlebt hat ... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß also abtreten. Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat sich so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein Mensch dem andern, wie ein Wassertropfen dem andern ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie des anderen ist: sollte man ihn deshalb etwa nicht anstellen, wenn das Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein daran schuld ist? Soll man ihn deshalb wie einen Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst zulassen? Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein armer, verlorener und geängstigter Mensch: da muß einem ja das Herz wehtun und das Mitleid einen packen! Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn sie so gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! Nein, nein, und sie hat gut getan, daß sie den armen Menschen versorgte ...“